Tiere und ihre Kenner

 

Die deutschen Biologen und Biologinnen fliegen erschöpft aber zufrieden von ihrer dreiwöchigen Exkursion/Expedition zum südafrikanischen Krüger-Nationalpark in die Heimat zurück.

 

Verpaarung vs. Vermehrung

Werdet selten!“ (Nietzsche) Ein Mückenschwarm kreist über einen Teich; aus dem Off raunt Heinz Sielmann: „Sie haben nur ein Interesse – sich zu vermehren.“ Der holländische Biologe Midas Dekkers sieht das anders: „Im Grunde sind Tiere gar nicht auf Elternschaft aus. Es ist nicht ihr Anliegen, die Art zu erhalten, sondern das von Mutter Natur. Läge es an den Tieren selbst, führten sie ewig ein lustiges Junggesellenleben.“ Zumal die Weibchen vieler niederer Tiere nach dem Eierlegen bzw. Gebären sterben, oder – wie z.B. die australische Krabbenspinne – von ihrer Brut aufgefressen werden? Einige Embryologinnen am Pariser Institut Pasteur sind gar davon überzeugt, dass das Austragen eines Kindes und das Wachsen eines bösartigen Tumors identische Vorgänge sind: Der Fötus ist ein fremdes Stück Fleisch, ein Pfropf, den der Körper der Mutter abzustoßen versucht. Aber dem Fötus wie dem Krebs gelingt es, das Immunsystem seines Wirts erfolgreich zu blockieren. Zwischen ihnen gibt es laut den Embryologinnen nur einen wesentlichen Unterschied: „Aus der befruchteten Eizelle entwickelt sich ein neuer Staat, mit dem Krebs bricht dagegen die Anarchie aus.“

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In der Biologie hat man nie einen Unterschied zwischen Verpaarung und Vermehrung gemacht. Am ganzen mehr oder weniger subtilen Spiel der Anbahnung einer Beziehung (und darüberhinaus) interessiert die Naturwissenschaften bloß die materielle Seite: Fakten über die Anzahl der männlichen Spermien, mit denen die Befruchtung erfolgt, Fakten über die Zahl der Jungen, die dabei entstehen, Fakten über die unterschiedlichen Penis- und Hodenformen, Fakten über die Gene, die weitergegeben werden… Die meisten Fach- und Sachbücher über die Sexualität der Tiere gehen so weit, dass sie dem Spatz ebenso wie dem Löwen unterstellen, sie wollen partout, dass die Söhne und Töchter auch ganz sicher ihre eigenen sind. Dabei gibt es sogar unter den Menschen nicht wenige, ganze indigene Völker, die einen Zusammenhang zwischen Geschlechtsakt und Schwangerschaft nicht nur leugnen, sondern geradezu lächerlich finden. Aber die männlichen Tiere sollen es angeblich besser wissen. Deswegen tun sie alles, bis hin zur Ausbildung von Penissen mit denen sie vor dem Akt die eventuell schon vorhandenen Spermien in der Scheide ihrer „Partnerin“ gleichsam raussaugen können. Die US-Biologin Olivia Judson erklärt dazu in ihrem Buch „Die raffinierten Sexpraktiken der Tiere“: „Ein Männchen, das es schafft, seine Partnerin so zu stimulieren, dass sie mehr von seinen Spermien als von denen seiner Nebenbuhler aufnimmt, oder das die Spermien seiner Konkurrenten irgendwie beseitigen kann, gibt eine größere Anzahl seiner Gene weiter als seine weniger kunstfertigen Rivalen. Folglich ist die erste Konsequenz weiblicher Promiskuität, dass Männchen unter einem stärkeren Druck stehen, sich untereinander in allen Aspekten der Liebe auszustechen.“

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Aber auch die weiblichen Tiere besitzen genügend Vererbungswissen, indem sie nämlich nur die Männchen mit den besten (gesündesten) Spermien „wählen“. Und das sind immer die Farbenprächtigsten, Lautesten, Stärksten, Schnellsten usw… Dabei geht es stets um ihren Nachwuchs, denn der ist z.B. für den Biologen Josef Reichholf „die eigentliche ‚Währung der Evolution‘.“ Ihre Anzahl ergibt zusammen mit der Zeit „die Leistung“. Die wilde Natur ist wie der Kapitalismus eine Leistungsgesellschaft. Wenn man dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz folgt, dann ist es nicht nur im Nazistaat, sondern auch in der Gänsegesellschaft so, dass das „Ehepaaar“ das höchste Ansehen hat, das die meisten Jungen großzog.

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Nehmen wir einen Moment an, dass all diese Projektionen nur allzu wahr sind („Gänse sind schließlich auch nur Menschen,“ wie Lorenz einmal sagte), dann gilt aber immer noch, was sich die Tiersexforscherin Olivia Judson eingesteht, dass bei all ihren „Fakten“ etwas Wesentliches fehlt: die Lust! Aber leider „wissen wir so gut wie gar nichts über die Evolution der Lust.“ Dazu gehört zuvörderst eine gewisse Verständigung, jedenfalls in den meisten Fällen. Aber wie soll man das z.B. bei den Elefanten erforschen, die sich über mehrere Kilometer im Infraschallbereich „verständigen, was jedoch für uns nicht vernehmbar ist. Oder wenn doch – mit Hilfe von Audiotechnik, wie es Professor John Lilly bei den noch weiter reichenden Lautäußerungen von Delphinen tat, dann weiß man immer noch nicht, was sie damit sagen wollen. Stattdessen zu erforschen, wie eine Art sich vermehrt, führt jedoch bloß dazu, dass man „unterhalb der Schafarten nur noch die Schafe zählen kann“, wie der Philosoph Michel Foucault einmal meinte, für den die animalische Liebe ein Fest war, das ihn traurig und glücklich zugleich machte.

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Um die „animalische Liebe“ studieren zu können, bedarf die „bisherige Nutzphysiologie“ (des Darwinismus) mithin einer „lustbiologischen Ergänzung“; eine solche veröffentlichte der ungarische Psychoanalytiker Sandor Ferenczi 1923. Darin ist von „Brückenbildungen des Küssens, des Umarmens“ und von der „großen Eintrocknungskatastrophe“ als Ur- und Geburtstrauma die Rede. Weswegen für ihn „nicht das Meer die Mutter symbolisiert, sondern die Mutter das Meer,“ schreibt der Kulturwissenschaftler Peter Berz in „Die Einzeller und die Lust. Bölsche, Freud, Ferenczi“ (2012). Das „Ziel“ (im Feuchten) war einmal die „Verschmelzung“, bei den Vielzellern, auf dem Trockenen zumal, gibt es nur noch eine „Distanzliebe“ – mit der „Haut als Vermittlerin“ (aus der einst auch die Sinnesorgane hervorgingen): Sie (Wir) kennen keinen „Mischakt“ mehr, sondern bloß einen „Berührungs-Akt“. Ferenczi konnte sich auf das 1000seitige Werk „Liebesleben in der Natur. Entwicklungsgeschichte der Liebe“ stützen. Diesen Biologie-Bestseller (den die FU gerade neu herausgibt) veröffentlichte 1898 der „Naturalist“, Gründer des „Friedrichshagener Dichterkreises“ und der Berliner Volksbühne Wilhelm Bölsche. Er begann darin ganz von vorne: „Wir haben keine Ahnung davon, was eine einzellige Amöbe, was eine Bakterie empfinden, wenn sie sich in zwei Stücke teilen. Es ist ihr Liebesakt. Warum soll sie nicht etwas dabei fühlen? Es ist nach allen Analogien selbstverständlich. Zugleich ist es der Urakt aller Liebe. Die Wollust wäre hier bei ihrem Urphänomen.“ Man ahnt das nur, aber wirklich „gewußt wird die Sache ganz sicher innerhalb unserer Leiber.“
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Gerhart Hauptmann, in dessen niederschlesischem Bergdorf Schreiberhau Wilhelm Bölsche zuletzt lebte, urteilte 1931 über die „Lebensleistung“ seines Nachbarn in einer Festrede zu dessen 70. Geburtstag: „Das Interesse für die Natur und für die Wissenschaft von der Natur ist, zumal in Deutschland, zu einem sehr erheblichen Teil allein durch dich geweckt, gefördert und lebendig erhalten worden.“ Bölsche war ein Propagandist des Darwinismus, die animalische Liebe bestand für ihn in der Verquickung von Lust und Fortpflanzung und damit Arterhaltung.

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Mindestens bei den Rindern soll das aber ganz anders sein, wie der französische Schriftsteller Mehdi Belhaj Kacem in seiner „Philosophie im Kuhstall“ (2012) nahelegt: „Die Brunst ist ein Genuss r das Weibchen, nicht für das Männchen. Das Weibchen scheint ganze Tage lang einen quasi natürlichen Genuss zu empfinden, beim Koitus selbst empfindet es jedoch keine Lust. Umgekehrt zeigt das Männchen in der Brunstzeit kein Begehren wie das Weibchen… Soweit ein guter Kleinbauer wie ich das beobachten konnte.“

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Im Krug zum Grünen Kranz bei Würzburg werden von einigen schon kurz darauf die noch frischen Erinnerungen ausgetauscht. Besonders die nicht mitgereisten Ehefrauen hatten darauf bestanden, „bevor der Alltag euch wieder einnimmt,“ wie Eleonore, die Gattin des ehemaligen Zoodirektors Klaus-Dieter Wendland (links im Bild) aus bitterer Erfahrung weiß. Ihr Mann läßt nämlich schon seit Jahrzehnten keine Exkursion oder gar Expedition aus – je weiter weg desto besser.

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Rinder

Für gewöhnlich sind Rinder friedlich, aber den Kühen unter ihnen, die immer umfassender ausgebeutet werden, scheint es langsam zu reichen. Der Spiegel registrierte bereits 2014: „Vermehrte Kuhangriffe sorgen für Schlagzeilen“, was das „Neue Deutschland“ nachdenklich auf ihren „zunehmenden Stress“ zurückführte. Inzwischen hat man aber auch Verständnis für ihren Widerstand. Als im Landkreis Mühldorf eine wegen nachlassender Milchleistung zum Schlachthof gebrachte Kuh von dort flüchtete und sich im bayrischen Wald versteckte, schlossen sich den Jägern etliche Reporter an, die sich auf die Seite der Entflohenen schlugen, sie nannten die Kuh „Yvonne“, in der Hoffnung, dass die alte Bauernregel – Tiere mit Namen tötet man nicht! – ihr Überleben garantieren würde. Wegen Gefährdung des Straßenverkehrs hatte man sie zum Abschuss freigegeben. Als sie sich auf einer Weide einer Kuhherde anschloss, konnte sie dort aber eingefangen werden; Tierschützer kauften sie daraufhin frei und brachten sie auf den Gnadenhof „Gut Aiderbichl“.

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In Bad Wurzbach ließ ein Bauer seine bisher im Stall gehaltenen Kühe erstmalig auf die Weide. „Von dort liefen mehrere zum Hof zurück und randalierten“, wie der nordbayrische „Kurier“ berichtete. „Sechs Kühe liefen auf die Tenne des Wirtschaftsgebäudes, eine rannte zum Heulager und stürzte ein Stockwerk tiefer. Drei Kühe durchbrachen eine Tür von der Tenne zum alten Wohnhaus. Dort hielt das Gebälk im Treppenhaus dem Gewicht nicht stand, so dass die Kühe zwei Etagen tief ins Erdgeschoss stürzten. Ein Tier durchbrach gar eine alte Holzdecke und fiel in den ehemaligen Schweinestall. Zwei Kühe wurden verletzt. Das alte Wohnhaus wurde erheblich beschädigt.“

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In Greifenstein griff eine junge „Mutterkuh“ eine Spaziergängerin an und verletzte sie tödlich. Danach flüchtete sie mit ihrem Kalb in den Wald. Sie wurde nicht erschossen, sondern eingefangen und kam ebenfalls mit ihrem Kalb auf das „Gut Aiderbichl“. Der Kuh wurde ihr „Mutterinstinkt“ zugute gehalten, der ihr den Angriff zum Schutz des Kalbs quasi gebot.

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Anders in München, dort erschoß ein Polizeitrupp eine „wild gewordene Kuh“, die sich auf dem Schlachthof losgerissen und eine Joggergruppe auf dem Bavariaring umgerannt hatte. Die Beamten hatten das Tier zuerst mit ihren Pistolen bewegungsunfähig geschossen – und anschließend mit zwei Gewehrschüssen erlegt. Der „Spiegel“ sprach von einem „Kugelhagel“, in dem die „Amok-Kuh“ starb. Schon am nächsten Tag wurden am Tatort Blumen hinterlegt, sowie Grablichter in Milchflaschen angezündet und mit Zetteln „an das Kuh-Drama erinnert“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete. „Sie wollte leben und floh vor dem Schlachthof“, stand auf einem.

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So reagierten jetzt auch viele spanische Tierfreunde, als der Stier Lorenzo in der Arena von Tereul den Torero Victor Barrio mit einem Hornstich ins Herz tötete. Nachdem „El Pais“ berichtet hatte, dass Lorenzo nun auf den Schlachthof komme, und seine Mutter gleich mit (das sei Tradition bei den Stierzüchtern, damit die „Linie“ dieser Stierfamilie aussterbe), bekundeten viele im Netz ihr Mitleid mit dem Tier. „Du bist der Held des Tages,“ posteten einige, andere meinten, Lorenzo dürfe nicht sterben, nur weil die Menschen ihn in eine Arena zwangen. Die Stierkampfbefürworter stellten dagegen Stranfanzeigen gegen diese Tierschützeräußerungen.

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Ähnliches geschah zuvor in Deutschland. Dort hatte sich die Tierrechtsorganisation „Animal Peace“ auf ihrer Internetseite gefreut: „Ein dreijähriger Bulle hat nahe Köln seinen Sklavenhalter angegriffen und tödlich verletzt. Der 61-jährige Landwirt wollte eine Schiebetür im Stall reparieren. Als am Abend der Sohn den Stall betrat, um die Kühe zu melken, entdeckte er die Leiche seines Vaters. Wir verneigen uns vor dem Held der Freiheit. Mögen ihm viele weitere Rinder in den Aufstand der Geknechteten folgen.“ Es folgte erst einmal heftige Kritik an diesem „Statement“ aus Bauernkreisen und sogar eine Strafanzeige, so dass die Tierschützer sich gezwungen sahen, ihre Äußerung zu verteidigen: „Wir haben mit keinem einzigen Wort den getöteten Bauern verhöhnt,“ sondern nur über den „Aufstand eines Geknechteten“ gefreut. „Es ist eine politische und keine persönliche Botschaft.“ Rinder sind „Subjekte, die fühlen und denken können und mit diesen Gefühlen und Gedanken ein freies und unversehrtes Leben führen wollen. Wie wir.“

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Was sagt die Kuhforschung dazu? Sie ist sich noch uneins. Der Psychoanalytiker Jeffrey Masson besuchte einmal die Nutztierschau einer Landwirtschaftsmesse in Neuseeland. Er wollte für sein Buch „The Emotional World of Farm Animals“ (2007) einige seiner „Vorstellungen vom Gefühlsleben der Rinder überprüfen, und sprach mit zwei Frauen, die sich um die Tiere kümmerten: „Ich sehe gutes rotes Fleisch“, sagte die eine, die andere pflichtete ihr bei. Masson fragte weiter, wie es um ihre Gefühle stehe? „Sie sind so ausgeglichen‘, erfuhr er. ‚Sie sind immer gleich, sie fühlen nichts.‘ In diesem Moment vernahmen sie ein lautes Muhen. Masson fragte, was die Kühe damit wohl sagen wollten. „Oh, das ist nichts,“ versicherten die beiden Kuhpflegerinnen ihm, „nur Kühe, die ihre Kälber rufen.“ Was denn damit sei? „Nun, sie wurden getrennt und die Kälber haben Angst und rufen nach ihren Müttern, und die haben Angst um die Kälber und rufen sie; wahrscheinlich wollen sie sie beruhigen…“ Und das aus dem gleichen Mund, der gerade gesagt hatte, diese Tiere hätten keine Gefühle.“

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Dazu eine Polizeimeldung aus Jockrim: „Die Kühe einer Herde in Rheinland-Pfalz haben ihr Wiedersehen in der Nacht zum Mittwoch laut gefeiert und damit Verwirrung unter Menschen gestiftet. Beunruhigte Ohrenzeugen riefen die Polizei wegen starken Lärms. Die Beamten trafen vor Ort auf 20 ausgelassen muhende Kühe. Die Polizisten ermittelten ihre Besitzerin. Diese erklärte, bei der Umsiedlung auf eine neue Weide seien die Jungtiere zunächst von den alten Tieren getrennt worden. Das anschließende Wiedersehen feierten die Rinder laut Polizei bis in die Nacht.“

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Ähnlich widersprüchlich wie die Aussagen der beiden neuseeländischen Kuhpflegerinnen sind die zweier Kuhexperten: Während die amerikanische Öko-Farmerin Rosamund Young, Autorin des Buches „The Secret Lives of Cows“ (2003), versicherte: „Kühe können hochintelligent, mäßig intelligent oder begriffsstutzig sein; freundlich, besonnen, aggressiv, fügsam, erfindungsreich, stolz oder schüchtern”, kam der deutsche Verhaltensforscher Bert Tolkamp zu der Erkenntnis, dass eine Kuh, die schon lange liegt, wahrscheinlich bald wieder aufstehen wird – aber wenn sie erst mal aufgestanden ist, ist es nicht mehr so leicht vorhersagbar, wann sie sich wieder hinlegen wird. „Ich beobachte Kühe seit vielen Jahren“, sagte der Kuhforscher, „deswegen kann ich mit einiger Kompetenz sagen: Kühe können wirklich langweilig sein.“ Das Verhalten seiner Untersuchungsobjekte sei „äußerst enttäuschend gewesen“.

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Die Schweizer Sennerin Maria Müller erklärte dagegen in dem Interviewband „Traum Alp (2015): „Für mich ist jede Kuh eine Persönlichkeit. In meiner kleinen Herde mit 26 Kühen kenne ich jede einzelne. Es gibt die Pflichtbewussten, die Verschlafenen, die Ehrgeizigen, die Talentierten, die Frechen und die, die du immer zurechtweisen musst.“

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Der Ethnologe Hans Peter Duerr vermutet hinter dem neuen, gestiegenen Prestige der Schweizer Sennerinnen „das Verlangen nach einer neuen Einfachheit“ und erinnerte sich: „In einer Talkshow war mal eine Frau zu Gast, die auf einer Almhütte lebt und vor allem die Euter ihrer Kühe bearbeitet. Das Publikum war begeistert.“

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Auf dem „Würzburger Treffen“  wurden bereits die ersten Schnappschüsse von unterwegs herumgereicht. Dieser entstand bei einem längeren Zwischenaufenthalt in Kairo, wo einige der Teilnehmer erstmalig eine Wasserpfeife rauchten. Es bekam ihnen nicht besonders.

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Motten

Marlene Dietrich sang 1930: „Männer umschwirr’n mich, /Wie Motten das Licht. /Und wenn sie verbrennen, Ja dafür kann ich nichts.“ Aber man kann versuchen zu verstehen, warum sie das tun – die Motten. Der Spiegel wußte über sie, die in Paris das EM-Endspiel störten, sogleich zu berichten: „Dass Motten das Licht anfliegen – das weiß man doch. Im Stade de France war über Nacht dennoch das Flutlicht an geblieben, und jetzt ist die Bescherung da: Zahlreiche Falter tummeln sich auf dem Spielfeld.“ Der französische Naturforscher Réaumur hatte es 1748 „eigentümlich“ gefunden, dass gerade die Motten, die nur in der Nacht fliegen und den Tag fürchten, das Licht in unseren Wohnungen suchen.“ Noch merkwürdiger war für ihn, dass die Eintagsfliegen, die nach Sonnenuntergang schlüpfen und vor Sonnenaufgang sterben, die also „dafür bestimmt sind, niemals das Licht dieser Welt zu erblicken, für einen leuchtenden Gegenstand eine so starke Neigung haben.“

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Die englischen Insektenforscher Kirby und Spence gingen 1843 davon aus, dass der Flug der Insekten um die Flamme eine Art Sport und Belustigung für sie sei. Der Schweizer Psychiater Forel gab 1901 zu bedenken, dass die im Freien fliegenden Insekten sich zwar von diesem künstlichen Lichtpunkt täuschen lassen, nicht jedoch unsere „Hausinsekten“, die sich über mehrere Generationen daran gewöhnt haben – z.B. die Stubenfliege.

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Der kanadische Biologe Romanes meinte 1886, dass die wild lebenden Insekten sich an das Sonnen- und Mondlicht gewöhnt hätten, im übrigen wies er darauf hin, dass auch Fische nachts von einer Lichtquelle angelockt werden. Experimente mit einer elektrischen Lampe unter Wasser zeigten, dass auch noch viele andere Meerestiere davon angezogen werden. Einige Forscher erklärten dieses Phänomen damit, dass es sich bei den Tieren wie bei den Pflanzen um einen „Phototropismus“ handeln müsse.

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1985 wurde die auf dem Land lebende amerikanische Biologin Sue Hubbell davon überrascht, dass hunderte kleine Frösche die erleuchteten Fenster ihres Hauses zu erklimmen versuchten. Das war ihr neu, aber sie dachte nicht groß darüber nach. Ganz anders der Prager Wissenschaftshistoriker Emanuel Radl, der 1903 einen ganzen Aufsatz mit dem Titel „Der Flug der Tiere in die Flamme“ veröffentlichte. Darin wies er nach, dass das keine „willkürliche“ Reaktion auf das Licht, sondern eine „reflektorische“ sei, und das dabei eine krumme Flugbahn die Regel wäre: „einmal, weil das Insekt sich nach der Flamme orientieren muß und zum anderen, weil es „mit einer tangentialen Kraft von dieser Orientierung fortgetragen“ werde. Dem scheint auch der Eifel-Förster Peter Wohlleben in seinem kürzlich erschienenen Buch über „Das Seelenleben der Tiere“ zuzustimmen, wenn er von einer „immer enger werdenden spiralförmigen Flugbahn“ der Insekten spricht, die für viele „schließlich im Zentrum“ bei einer Kerze oder einer heißen Glühbirne tödlich endet.

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Aber auch, wenn die Insekten nicht verbrennen, sind die künstlichen Lichtquellen lebensgefährlich für sie: Hierzulande bauen dort in der Nähe gerne Spinnen ihre Netze auf, und in den Tropen lauern Geckos an solchen Lampen. Aber die Insekten sind auch nicht auf den Kopf gefallen, wenn man so sagen darf. Folgt man Emanuel Radl, der lange über das Problem nachgedacht hat, dann sind sich mindestens die Mücken, aber auch einige Nachtschmetterlinge, der vielfältigen Gefahren durchaus gegenwärtig, die von den künstlichen Lichtquellen ausgehen: Zwar „fliegen sie in mannigfaltigen, mehr oder weniger kreisförmigen Bahnen um das Licht als Mittelpunkt,“ aber sie „bleiben bis auf mehrere Meter entfernt“ davon; d.h. sie fliegen zwar immer wieder gegen das Licht, „schwingen sich dann jedoch aus der Bahn heraus, geraten an einem anderen Punkt wieder in dieselbe, um erneut die schraubenförmige Bahn zu durchlaufen.“

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Für gewöhnlich, so Radl, „beginnen die Mücken den Flug an einer entfernteren Stelle und nähern sich dem Licht. Sie können aber auch umgekehrt von dem Licht kreiselnd wegfliegen.“ Nach vielen Experimenten, mit Bienen, Marienkäfern, Wanzen u.a. Insekten, kam er zu dem Schluß, „dass ein solches Tier ganz mechanisch einen Lichtstrahl im Fluge fixieren wird, so wie wir ganz reflektorisch bei geschlossenen Augen die Hände ausstrecken.“ Das war für ihn eine ausreichende „physiologische Erklärung“, die „psychologische“ (Neugier, Spaß, Gewöhnung etc.) lehnte er ab.

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Auch das Wissensmagazin des WDR neigt zu einer physiologischen Erklärung: „In der freien Natur gibt es kein künstliches Licht. Da ist es in der Nacht stockdunkel – nur der Mond ist hell. Insekten orientieren sich deshalb nachts am Licht des Mondes, um sich im Gelände zu orientieren. Indem sie immer den gleichen Winkel zum Mond halten, fliegen sie geradeaus. Das funktioniert aber nur deshalb, weil der Mond weit weg ist. Für das Insekt sieht es so aus, als stünde der Mond immer an der gleichen Stelle. Daher ist er eine prima Orientierungsmarke. Kommt das Insekt aber in die Nähe einer Laterne, dann ist diese plötzlich aus seiner Sicht der hellste Punkt. Es orientiert sich nun an der Lampe. Dadurch wird es von seiner geraden mondabhängigen Flugbahn abgelenkt. Nun versucht das Insekt einen bestimmten Winkel zur Lampe zu halten. Da diese aber viel näher ist, endet das für das Insekt damit, dass es die Laterne umkreist und schließlich seinen Abstand immer mehr verringert, bis es in die Laterne hinein fliegt.“

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So erklärt sich vielleicht auch die „krumme Flugbahn“, die laut Radl „die Regel“ sein soll. Nun kommt aber der wissensblog von n-tv und meint: „Das ist bisher noch nicht eindeutig geklärt. Theorien gibt es jedoch viele.“ Der Nachrichtensender entschied sich für die des Münchner Insektenforschers Ernst-Gerhard Burmeister: „‚Falter können nicht anders als zum Licht zu fliegen‘, sagte er. ‚Und das, obwohl sie Licht gar nicht attraktiv finden. Es ist der UV-Anteil des Lichts, der sie anzieht‘. Die Lichtquelle, so Burmeister, sei dann das einzige, was die Tiere sehen – ein Tunneleffekt. Drumherum herrscht für die Insekten absolute Finsternis. Je stärker der Kontrast zwischen der Lichtquelle und der Beleuchtung der Umgebung ist, desto mehr Insekten lockt eine Lichtquelle in der Regel an. Die Falter werden geblendet; ihr Orientierungsvermögen fällt aus.“ Bumm.

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Zwei Wiener Wissenschaftler, Höttinger und ,Graf, haben die Opfer gezählt: „In den Sommermonaten werden etwa 150 Insekten pro Straßenlampe und Nacht getötet. Eine zwei Meter hohe blau-weiße Leuchtschrift aus drei Buchstaben zog im Stadtgebiet von Graz innerhalb eines Jahres 350.000 Insekten an.“ Burmeister plädiert zum Schutz der Nachtschwärmer für eine Straßenbeleuchtung mit weniger UV-Anteilen: „Konkret bedeutet das, von weißem auf gelbes Licht umzustellen.“ Für die BRD würde das bedeuten, die Straßenbeleuchtung von Quecksilberdampflampen auf Natrium-Dampflampen umzustellen – so wie es in der DDR überall der Fall war.

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Man hat sich oft gefragt, wie es sein konnte, dass es in der DDR so viele Vögel und andere Tiere gab, die im Westen längst verschwunden waren – trotz aller Umweltschutzgesetze, Filter- und Kläranlagen, Naturschutzgebiete und zig Millionen DM teuren Renaturierungen? Man hat dort die Vogelnahrung Insekten nicht derart – mit immer mehr künstlichem Licht – ausgerottet. Wenn man einen Ostler, irgendeinen, fragt, wie das möglich war, kommt sofort die Antwort: „Kein Geld!“ Gemeint ist damit, dass nicht alles in der DDR – flächendeckend – kultiviert und illuminiert werden konnte.

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Ein Abstecher zu einer Ziegenfarm bei Bloemfontein, die einem Stuttgarter namens Jörn Wilhelm gehört, bereits in der dritten Generation. Seine Zuchtziegen bezieht er aus dem Berner Oberland. Leider war er selbst auf seiner Farm nicht anwesend, so dass die Teilnehmer sich auf eine kurze Begegnung mit seinen Ziegen beschränkten.

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Stadt-Land

Der Schriftsteller Geert Mak hat 1996 den „Untergang des Dorfes in Europa“ an einem friesischen Ex-Dorf namens Jorwerd nachgezeichnet. Was von den Dörfern übrig geblieben ist, verschließt sich nun immer mehr der Natur, während die Städte sich ihr öffnen, bemerkte der Münchner Ökologe Josef Reichholf. Das sich entlehrende (Um-) Land wird dadurch für die naturliebenden Städter immer attraktiver. Bisher hat es hier vornehmlich zwei soziale Gruppen aufs Land gezogen: Zum Einen Selbständige mit zu viel Geld und zum Anderen welche mit zu wenig Geld. Von „oberer Mittelschicht“ und „Studenten/’Aussteiger'“ sprachen Sozialwissenschaftler, die vor 1989 den Spuren der Protagonisten einer „Revitalisierung der Dörfer“ in Hessen nachgegangen waren. Nur von den „Habenichtsen“ erwarteten diese Forscher eine Aneignung der dörflichen Erfahrungen und kulturellen Eigenarten, während die Wohlhabenden den Dörflern eher besserwisserisch kommen. Vielleicht so wie im märkischen Hirschfelde, aus dem die Bio-Bäuerin Sanja Moor und ihr Mann, der TV-Moderator Max Moor, ein „Modelldorf“ machen wollten. „Sie sagen, sie wollen nur das Beste für Hirschfelde, was vielleicht sogar stimmt. Und doch wird es vielen zu bunt,“ schrieb die Märkische Oderzeitung. „Die Dörfler fühlen sich überrollt von der Idee eines ‚Modelldorf Hirschfelde‘.“ Das Moor-Projekt spaltet das Dorf. Das ist auch das Thema in Juli Zehns neuestem Roman, der vom Einbruch eines Windkraft-Investors in den Prignitzort „Unterleuten“ handelt: „Am Ende fliegt das Dorf auseinander,“ wie Marcus Twellmann im Merkur (6/2016) schreibt.

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Nach allem was man von dieser „Stadtflucht“ weiß, zwingt die wohlhabende Mittelschicht ihrer neuen (dörflichen) Umgebung vor allem mit juristischen Mitteln einen neuen „Lebensstil“ auf. So haben es die aus der Stadt in ein Dorf Gezogenen einem Bauern gerichtlich verbieten lassen, dass seine Kühe, wenn er sie durch den Ort auf die Weide und zurück treibt, auf die Straße kacken, weil ihre Autos dadurch verdreckt werden. Er gab jedoch nicht klein bei, sondern trainierte seiner 16köpfigen Herde das Scheißen zwischen Stall und Weide ab. Sie tun das jetzt erst, wenn sie wieder von der Straße runter sind und er in die Hände geklatscht hat. Als nächstes soll er seinen Misthaufen auf dem Hof hinters Dorf schaffen – wegen des Gestanks und der Fliegen. Der Streit ist noch nicht entschieden. Aber es häufen sich solche und ähnliche Fälle in den Gerichten der Kreisstädte. Das Problem dabei ist, dass Stadt und Dorf ein anderes Konfliktlösungsverhalten haben, was sich im Ost-West-Falle als Klassenkampf und Klassenjustiz geriert.

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Grob gesagt holt man beim nahezu unbekannten Nachbarn in einem großstädtischen Mietshaus die Polizei, wenn er nach zweimaligem Beschweren die Musik nicht leiser macht. Im Dorf erträgt man Derartiges eher und wirkt auf die anderen Nachbarn ein, bis sich eine dörfliche Meinung bildet, aus der heraus irgendjemand den nächtlichen Ruhestörer angeht, notfalls der Pfarrer oder der Bürgermeister, heute leider nur noch ehrenamtlicher „Ortsvorsteher“. Bis in die Siebzigerjahre kam in unserem norddeutschen Dorf der Bürgermeister noch aufs Feld zu den Bauern, um sie zu fragen: „Ich muß deinen Sohn zur Wehrerfassung melden. Willst du, das er zur Bundeswehr geht? Wenn der Bauer antwortete: „Um Gottes Willen, den brauch ich, du weißt, mein kaputtes Kreuz…“ Dann hat er den Sohn nicht gemeldet. Auch wenn die „Diesel-Rückvergütungs-Formulare“ eingereicht werden mußten, ging er zu den Bauern auf Feld und dann haben sie das auf der Motorhaube des Traktors ausgefüllt.

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Vor einiger Zeit übernachtete ich in einer Pension neben der eine Windkraftanlage stand. Das Geräusch störte mich nur wenig, trotzdem fragte ich die Pensionsbesitzerin am Morgen, ob sie und ihre Gäste sich durch die Anlage nicht gestört fühlen. „Was soll ich sagen, was soll man machen, das ist ja mein Nachbar,“ sagte sie. Einmal stieg ich am Ökobahnhof „Kloster Chorin aus und schnüffelte im „Ökodorf Brodowin“ herum. Als ich dann ein Feuilleton darüber schrieb, bekam ich Briefe von Brodowinern, die meinten, ich hätte mich von der freundlichen Oberfläche des Dorfes blenden lassen, und hätte nicht einmal erwähnt, dass ein reicher Wessi im „Ökodorf-Projekt“ der flächenmäßig größten deutschen Bio-LPG das Sagen habe: „Bauernland in Junkerhand“. All diese Zwielichtigkeiten zwischen Alteingesessenen und Neuhinzugezogenen, Kopf- und Handarbeitern, Ostlern und Westlern thematisiert die hervorragende Zeitung von Strohdehne „Wahrsager 2016“. Zur Beantwortung der darin gestellten Frage „Gehört die Kuh ins Dorf?“ diente ein 174 Tage dauerndes Kunstprojekt, das auf einem „gelben Versorgungsengpass“ in der Mitte des Elbe-Fischerdorfes einen „Kulturversorgungsraum“ mit Kiosk betrieb.

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Besuch bei einem südafrikanischen Kollegen – einem Wildhundeforscher, dessen deutsche Schäferhündin drei verwaiste Wildhunde (Lycaon pictus) aufzieht. Afrikanische Wildhunde-Rudel beanspruchen die größten Reviere: rund 500 Quadratkilometer. Der Tierpsychologe und Zürcher Zoodirektor Heini Hediger bezeichnete den Wildhund als ein „Überraubtier: Neben diesem „furchtbaren Räuber“ – ein „Extrem“ – könne man Löwen, Leoparden und Hyänen „fast als gemütlich“ bezeichnen. Fast alle Exkursionsteilnehmer wollten dieses Experiment ihres südafrikanischen Kollegen sich ansehen: „Ob es seiner Schäferhündin Xenia gelingt, die drei Wildfänge ‚gemütlich‘ zu machen?“ fragten sie sich bereits auf dem Weg dahin und diskutierten darüber kontrovers – auch noch auf der Rückfahrt.

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Sommerlöcher

Das „Sommerloch“ der Medien erklärt sich aus den Schulferien der Kinder von Redakteuren. Weil diese im Sommer verreisen, sind die Redaktionen personell ausgedünnt. Die wenigen Dagebliebenen müßten deswegen eigentlich mehr als sonst arbeiten, tun sie aber nicht. Sie machen sozusagen auf Arbeit Urlaub, indem sie sich zurücklehnen – und jeden Scheiß wegdrucken. Zur Freude der Autoren, deren Manuskripte plötzlich keine lange Liegezeit mehr haben.

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Als die taz bis in die Achtzigerjahre noch täglich die Kacke des Seins umgraben wollte, versuchte sie etwas gegen dieses gefürchtete Sommerloch zu unternehmen – und gründete das „taz-Sommerloch-Team“ (TST). Die fünfköpfige Mannschaft, hinzu kam noch ein „Hämewart“ (Edda Urban), nahm auf dem Dauercamper-Areal des Zeltplatzes Niedermoos Quartier und berichtete täglich über das aktuelle Geschehen dort an einem oberhessischen See. Die Redaktion wars zufrieden. Als der Sommer zu Ende ging und sich das Personalloch langsam wieder füllte, bedeutete man den Frontschweinen im Vogelsberg dennoch, ihre Kolumnentätigkeit langsam einzustellen. Das taz-Sommerloch-Team hatte aber Blut geleckt (öffentliche Aufmerksamkeit, viele Leserbriefe, heftige Kontroversen) und wollte nicht mehr aufhören. „Was nun?“ (Trotzki), also: „Was tun?“ (Lenin)

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In seiner Verzweiflung besuchte das TS-Team erst einmal die „‚Strolch‘-Woche“ in der Kreisstadt Lauterbach (der „Strolch“ ist ein Weichkäse aus der Region). Das TS-Team nutzte die Exkursion zu einem Einkauf bei Aldi. Käsesensibilisiert wie wir inzwischen waren, entdeckten wir dort einen Aldi-Käse, dem man eine „Benno-Martiny-Medaille“ in Bronze für guten Käse verliehen hatte (Martiny hatte einst die Milchprüfung revolutioniert). Die Medaille prankte auf der Verpackung. Wir kauften den Käse, schnitten die Medaille aus und machten daraus eine „Benno-Martiny-Medaille in Bronze für sauberen Journalismus“. Diese klebten wir auf das Manuskript für die nächste Kolumne. Sie handelte davon, dass man uns, das taz-Sommerloch-Team, im Rahmen der Lauterbacher „‚Strolch‘-Woche“ die Medaille verliehen hatte. Nachdem wir die Seiten in die Redaktion gebeamt hatten, kam prompt ein „Glückwunsch!“ aus der Berliner Zentrale zurück, verbunden wenig später mit einer Verlängerung der TST-Berichterstattung – allerdings nun nicht mehr täglich, sondern wöchentlich. Das war uns aber auch fast recht.

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Da inzwischen der übliche Vogelsberger Dauerregen eingesetzt hatte, verließen wir jedoch den Zeltplatz, verabschiedeten uns von der Backwarenverkäuferin Irmtraut, unserer wichtigsten Informantin neben dem Platzwart Schinske, und verzogen uns in die mittelhessische Einkaufsmetropole Gießen. Dort besaß der Nachtportier Dr. Scherer eine Erdgeschoßwohnung mit einer skobalitüberdachen Veranda, wo wir dann regelmäßig unsere Texte formulierten. An 160 Zeilen saßen wir sechs Stunden – bei Bier und Haschisch. Darüber wurde es Winter. Und nun ließ man die Kolumne wirklich auslaufen. Aber im darauffolgenden Frühjahr war das „taz-Sommerloch-Team“ wieder da: Wir besuchten im Auftrag der Kulturredaktion die „graue Stadt am Meer“ Husum – auf den Spuren Theodor Storms, was wir aber nicht ganz ernst nahmen, und wenig später fuhren wir auch noch, auf eigene Rechnun quasi, nach Helgoland- auf den Spuren eines ausgefallenen Tote-Hosen-Konzerts, woraus dann ein einfühlsames Inselporträt wurde. Von einem der Bademeister hatten wir erfahren: Über 200 „Rache für Sylt“-Punks und fast ebensoviele „Wackersdorfer ‚Tote Hosen‘-Fans“ hätten auf dem Festland Konzertkarten gekauft, da aber keine Übernachtungen von ihnen auf der Insel gebucht worden seien, befürchte man im Rathaus, daß diese Chaotentruppe wild auf der Insel zu kampieren gedenke, wobei es, wohl auch wegen des hier billig zu kaufenden Alkohols, dann erwartungsgemäß zu Ausschreitungen in der Nacht kommen würde, was ja im übrigen bereits die „Tote Hosen“-Tourneeankündigung „Ficken/Bumsen/Blasen“ – evoziere, dies letztere deutete der Bademeister aber nur an, wobei er sich verlegen unter seinem Bademantel am Bauch kratzte. Kurz und gut: Die Toten Hosen samt ihren Fans hätten Inselverbot. Zur Sicherheit stünde auf dem Festland noch eine Hundertschaft Polizisten mit Hubschraubern bereit. Ob dies rechtlich äußerst bedenklich sei, wisse er, der bloß saisonal Bademeister hier auf der Insel wäre, allerdings nicht. All das schrieben wir auf. Es hätte ewig so weitergehen können mit dem TST, aber dann zogen zwei nach Bremerhaven, einer wurde Lateinlehrer und zwei weitere zerstritten sich.

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Zuletzt, bereits nach der Wende, schickte mich die taz alleine als „taz-Sommerloch-Team“ auf Reisen: Ich sollte täglich von wichtigen Urlaubsorten berichten: Ich fing in Emden an, machte einen Abstecher nach Borkum, fuhr an der Nordsee-Küste in Richtung Osten weiter, bis hoch nach St.Peter-Ording. Dann ging es an der Ostsee weiter, schließlich zu den ehemaligen DDR-Badeorten auf Rügen und Usedom, mit einem Abstecher nach Swinemünde. In Heringsdorf saßen mehrere mir bekannte Redakteurinnen in den Strandkörben, die ihren Brüsten die Männer zeigten. Im Strandcafé fragte mich eine schon immer dort ihren Urlaub verbringende Ostlerin, wie mir die Ostsee gefalle. Als Nordseegewohnter sagte ich: „Die Wellen sind ein bißchen klein!“ Woraufhin sie säuerlich meinte: „Typisch Wessi. Die Wellen sind ihm nicht groß genug!“ Ich fuhr von dort aus die Oder hoch in die wegen der Oderflut von Katastrophentouristen heimgesuchten Orte. Im Hotel meinte die Rezeptionistin: „Sie kommen zu spät, bis gestern war hier noch schwer was los. Alle waren da: ARD, Sat1, ZDF, Arte, Pro Sieben.“ Und weiter ging es die Neiße entlang nach Görlitz, das damals gerade von reichen alten Westsäcken mit Kamelhaarpinseln renoviert wurde. Zuletzt nahm ich auch noch das Klassiker-Dreieck Weimar, Jena, Apolda mit. Und dann war ich auch froh, dass die Tortour endlich zu Ende war.

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Weil ich nirgends ein Hotelzimmer vorbestellen konnte, hatte ich insgesamt 8000 DM ausgegeben, aber von der taz bekam ich einschließlich Honorar nur 4000 wieder. Und so kam es, das mir im Lohnbüro ständig gesagt wurde: „Du hast noch Schulden.“ „Was soll ich machen?“ „Mehr Artikel schreiben,“ wurde mir geantwortet. „Aber das nützt doch nichts,“ erwiderte ich, „dann liegen meine Texte nur noch länger in den Redaktionen rum.“ Das wurde mit einem wissenden Kopfnicken zur Kenntnis genommen – bis wieder ein neuer Sommer kam: Ich sollte den Hausmeister vertreten, der Kinder hatte und im Sommer mit ihnen Urlaub machte. Und so wurde ich Aushilfshausmeister, was mir anfangs mit einer Kolumne versüßt wurde: Wöchentlich berichtete ich fortan als Sommerloch-Hausmeister aus dem Inneren der halbleeren taz-Zentrale, wobei meine eigentliche Tätigkeit darin bestand, alle nasenlang neue Ventilatoren für die überhitzten Redaktionsräume zu besorgen, was nicht leicht war, weil alle Firmen ihre Ventilatoren längst verkauft hatten und die Hersteller mit dem Liefern nicht nachkamen. Es war ein heißer Sommer, inhaltlich ging es in der taz jedoch eher lauwarm zu. Ich selbst war zudem nicht geneigt die eine oder andere scharfe Interna zu veröffentlichen, weil die Journalisten in der Hinsicht keinen Spaß verstehen und mich das als Autor „verbrannt“ hätte. Deswegen beschränkte ich mich auf das Hauswesen im engeren – fast strukturalistischen – Sinne, was zur Folge hatte, dass man meine Kolumne schon bald für 50 DM (später 50 Euro) monatlich herzlos in die neuen „taz-blogs“ abschob – unter der großsprecherischen Überschrift „Hier spricht der Aushilfshausmeister“. Dadurch bekam die Kolumne jedoch nicht mehr Biß als zuvor im Holzmedium. Außerdem bekam ich mit den blog-Eintragungen nun laufend Ärger von außen. Z.B. von der Hochschule für Technik und Wirtschaft, wo man angefangen hatte, ein Hausmeister-Studium anzubieten – „Facility Mangement“ dort vornehm genannt, über das ich mich natürlich lustig machte. Immerhin war ich mit dem blog nicht mehr auf die Sommerloch-Zeit beschränkt. Aber taz-Sommerlochfüller bin ich immer noch.

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056

Nach den anstrengenden täglichen Safari-Touren saß man Abends noch auf der einladenden Veranda des Nationalpark-Hotels bei Phalaborwa, umschwirrt von exotischen Vögeln, die der mitgereiste Ornithologe Meyer-Buer (links halb im Bild) fast alle sofort identifizieren konnte. Er fand es nebenbeibemerkt „etwas seltsam“, ausgerechnet in dieser Umgebung Skat zu spielen und setzte sich an einen anderen Tisch, wo man sich stattdessen über die südafrikanische Aviafauna austauschte.

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Sommer-Ökonomien

„Ach, wer Tonträger vertreibt, hat das Klagen längst aufgegeben. Alles, was mit Live-Performances zu tun hat, ist dagegen unglaublich gewachsen,“ meinte der „Reeperbahn-Festival“-Geschäftsführer Alexander Schulz in einem Interview mit dem Musikjournalisten Jan Freitag, der in den bürgerlichen Medien gelegentlich über Open-Air-Festivals berichtet und sich ansonsten auf seinem blog „freitagsmedien“ freischreibt. Die Sommer-Festivals auf Brachland sind inzwischen so viele und so professionell geworden, dass die Veranstalter sich bereits zu einem bundesweiten Interessensverband zusammenschließen könnten – wie weiland die Diskothekenbesitzer. Bei den an brandenburgischen und mecklenburgischen Seen stattfindenden Musikfestivals kann man bereits den Überblick verlieren. Sie finden dort besonders gerne auf verlassenen Militäreinrichtungen der Sowjets statt.

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Bei dem in diesem Jahr wieder von etwa 70.000 Leuten besuchten „Fusion“-Festival nahe dem Müritzer See ist es ein Flugplatz mit zwei riesigen Hangars. Ein ähnliches Flughafen-Gelände nutzt das Festival im „Alten Lager“ bei Niedergörsdorf (Jüterbog). Veranstalter ist hier eine Event-Agentur aus Augsburg, die von „Europas größtem Techno und House Festival“ spricht. Auch das von der „Globe Gallery“ veranstaltete „Artbase Festival“ findet auf einem zuvor von der Roten Armee genutzten Gelände – der Heilstätte Grabowsee bei Oranienburg – statt.

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Während das „Deichbrand-Festival“, das die „ESK Events & Promotion GmbH“ veranstaltet, auf einem Seeflughafen der Bundesmarine in Nordholz (Cuxhaven) stattfindet, und das „Southside Festival“ im württembergischen Neuhausen auf einem ehemaligen Militärflughafen der Bundeswehr. Es wird von der Hamburger „FKP Scorpio Konzertproduktionen GmbH“ veranstaltet – mit 130 DJs (einige Scratchartisten nennen sich allerdings „MCs“). Das „FK“ steht für Folkert Koopman: „Europas größtem Festival-Macher“, der auch das „Hurricane“-Festival auf dem Eichenring in Scheeßel bei Rothenburg „macht“. Gegenüber der norddeutschen „Kreiszeitung“ klagte er, dass die großen Festivalveranstalter Marek Lieberberg Konzertagentur (MLK) und Deutsche Entertainment AG (Deag) ihm die besten Bands aus dem „Headliner-Bereich wegschnappen“. Aber „wenn man weiß, dass ein Musiker 3000 Leute zu seinem Konzert zieht, dann aber 500.000 Euro fordert, dann steht das nicht mehr im Verhältnis.“ Dafür bleiben die Eintrittspreise „stabil“ (139 Euro).

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Seine Firma offeriert im Internet laufend Festival-„Jobs“. Die Bewerber können anziehen, was sie wollen und sich stylen, wie sie wollen, müssen aber gegebenenfalls T-Shirts mit dem Logo eines der „Sponsoren“ tragen, von Entlohnung ist keine Rede. Beim „Heavy-Metal“-Festival in Wacken arbeitet man mit Praktikanten. Bei der Organisation des „Fuchsbau-Festivals“ in Lehrte bei Hannover helfen 200 Freiwillige („Volunteers“). Und bei dem seit 25 Jahren existierenden „Happiness Festival“ in Straubenhardt bei Pforzheim kann man sich sogar zu einem Festivalveranstalter ausbilden lassen. Das Magazin für Festivalkultur „Höme“ (eine regelmäßige „Liebeserklärung an das Festivalleben, an Festivals und deren Macher“) interviewte einen der „Happiness“-Azubis: Yannik. Er fand seine Ausbildung super: „Man darf alles sehen, überall hinein schnuppern und überall mit anpacken.“ Gut seien auch die Macher (die „Crew“) und die vielen freundlichen Besucher: „Das ist der Hammer.“ Und dann darf er auch noch „kostenlos auf das Happiness Festival“.

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Die Festival-Erfahrung lehrt: Professionelle Anbieter von Speisen und Getränken bzw. ihre „Mitarbeiter“ kriegen oft schlechte Laune – zu viel Arbeit und zu lange für zu wenig Geld; während unbezahlte „Volunteers“ auch nach pausenlosem dreitägigen Einsatz ihre gute Laune behalten. Besonders dumpf reagieren oft die eingesetzten „Schränke“ der Wach- und Sicherheitsfirmen. All das sah der Frühsozialist Fourier bereits voraus.

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Als Besucher rutscht man meist über erst einmal unbezahltes Mitmachen in das „Org.-Team“. Das Internetportal „Höme“ interviewte Björn von der „Initiative Musik, Fördereinrichtung für Pop, Rock und Jazzmusik“, die das „Immergut-Festival“ in Neustrelitz veranstaltet, u.a. mit Hilfe von „Praktikanten“. Die Vorbereitungsarbeit wird von Mal zu Mal besser organisiert, Björn ist für „Sponsoring“ und „Booking“ verantwortlich. Die Macher lehnen „Hierarchien“ ab und wollen, das „alles recht basisdemokratisch abläuft“. Björns Kollegin Steffi sitzt im Vereinsvorstand und macht im Projekt „quasi alles was ein bisschen mit Kreativsein zu tun hat“. Wenn das Festival beginnt, ist für sie das „Schlimmste der fehlende Schlaf, die Mücken und das so schnell alles wieder vorbei ist.“ Sind Macher und Besucher vielleicht im Idealfall austauschbar?

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Der gemeinnützige Verein „Ourworld Festival“ im thüringischen Auerstedt, der seine hippiesk bewerbende Veranstaltung heuer wegen anhaltendem Unwetter abbrechen mußte und nun einen Teil der Ticketkosten rückerstatten will, gibt an, dass die Gesamtausgaben sich auf 58.000 Euro beliefen, wobei 55.600 Euro durch „Crowdfunding“ hereinkamen, und die Gesamteinnahmen 58.500 Euro betrugen. Auf die Frage des Höme-Magazins an einen „Ourworld“-Besucher, den 31jährigen Max aus Paderborn, wie viel er auf dem Festival ausgibt, antwortete er: „Ich hatte sieben Euro dabei, die wir ganz am Anfang schon für Kaffee ausgegeben haben. Seitdem habe ich kein Geld.“

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Die Besucher des „besonders teuren“ und kurzen aber auch „besonders komfortablen“ Festivals „A Summer’s Tale“ auf dem Gelände der Pferdeturniergesellschaft Luhmühlen bei Hamburg sind da besser aufgestellt. Dort zahlen die „High-End-Alternativen“, wie Jan Freitag sie in der „Zeit“ nannte, 900 Euro für das Ticket und einen Wohncontainer im „Komfortcamp“. Dafür bekommen sie weniger Bandauftritte und mehr „Entertainment“ (auch für ihre Kinder) geboten, und können zwischendurch Mehrgänge-Menüs sowie hochpreisige Getränke konsumieren. Die „Macher“ orientieren sich am britischen Familien-Festival „Wilderness“ in Oxfordshire, dessen Macher sich 2011 angeblich von der Mutter aller Rockmusik-Festivals „Woodstock“ 1969 inspirieren ließen.

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Ganz offensichtlich tun das auch die Veranstalter des polnischen Festival „Haltestelle Woodstock“ bei Küstrin, zu dem alljährlich 750.000 Besucher anreisen. Das Rockfestival entstand laut Wikipedia „mit der Idee, sich bei allen Menschen, die jedes Jahr in Polen bei der Sammlung von Spenden für Kinderkrankenhäuser mithelfen, zu bedanken. Es wird von der Stiftung ‚Wielka Orkiestra witecznej Pomocy‘ organisiert“ – und finanziert, so dass der Eintritt frei ist: „Umsonst und Draußen“. Dafür ist es dort besonders staubig bzw. schlammig, voller Versorgungsengpässe und -pisse und von rauhem Wodkacharme durchdrungen. Gelegentlich treten dort bekannte Politiker, wie Lech Walesa oder Joachim Gauck, auf.

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Anders das deutsch-polnische Techno-Festival am schönen „Garbicz-See“ im Libuser Land, wo es nicht um temporäre Landschaftsvernutzung, sondern um feinsinnige Landschaftsgestaltung zu gehen scheint. Dort war heuer u.a. LSD mit Sekt angesagt und es gab noch mehr DJ-Bühnen als zuvor. Vier Tage kosten dort 250 Euro, Essen und Getränke bezahlt man mit einer Festivalwährung. Zu den Veranstaltern gehört in gewisser Weise auch der Besitzer des Seegrundstücks, das um ein riesiges Floß erweitert wurde: Mit dem „Garbicz Festival“ wollen sie das Gelände nach und nach als Immobilie „entwickeln“.

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Die meisten Festivals eint, dass sie Wert auf „political correctness“ legen, auf Kunst und Kultur und dass ihr Catering oft vegan/vegetarisch ausgerichtet ist. In Summa geht es Machern und Publikum ausgesprochen, was immer das jedoch bedeuten mag, um eine bessere – ökologische – Welt. Auf dem Lehrter „Fuchsbau“-Festival, das sich als politische Kulturveranstaltung versteht, hieß eine Diskussionsveranstaltung in diesem Jahr „Wofür wollen wir 2017 kämpfen?“ (*) Die Veranstalter, die sich über ihr Studium in Hannover kennenlernten, bezeichnen sich als „ein gemeinnütziges Kollektiv aus Kunstschaffenden, Kultur- und Sozialwissenschaftlerinnen und Politologinnen“.

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Das „Appletree Garden Festival“ im Bürgerpark von Diepholz bei Bremen wird vom „Verein zur Förderung der Jugendkultur e.V.“ veranstaltet. Die Macher wollen angeblich in Zukunft ganzjährig an ihrem „Pop Kulturellen Festival“ arbeiten und werden damit nach 15 Jahren professionelle Veranstalter: Nach dem Festival ist bei ihnen jetzt vor dem Festival!

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Wohingegen die Macher des großen „Fusion-Festivals“ in Mecklenburg nun – nach 19 Arbeitssommern – ein Jahr pausieren. Das Ziel ihrer Fusion nannten sie 1997 „Ferienkommunismus“. Für den wunderbaren Film „Full Metal Village“ über das nicht minder große aber einige Jahre ältere Open-Air-Festival in Wacken (nahe dem Bundeswehrflugplatz „Hungriger Wolf“ in Schleswig-Holstein) interviewte die Regisseurin Cho Sung-hyung einen der drei Macher der ersten Stunde, der irgendwann ausstieg und sich nun für den Rest seines Lebens grämt, dass er nicht wie die anderen durchgehalten hat und inzwischen auch reich wäre.

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Das Gothic-Festival „M’era Luna“ auf einem Flughafengelände im Hildesheimer Vorort Drispenstedt wird von der Firma „FKP Scorpio Konzertproduktionen GmbH“ veranstaltet. „Dem Veranstalter gelingt der Spagat, einerseits die echten Fans der Dunkelheit anzuziehen, aber auch den Zugang für den ‚Laien‘ zu ermöglichen. Keine Angst vor Mainstream zu haben, ohne dabei den Geist des Festivals zu verraten,“ schreibt die taz, die viele Haschisch-Raucher im Gras links und rechts der Rollbahn ausgemacht haben will. Die Polizei gab unterdes bekannt: „Der Konsum, Besitz und der Verkauf von Drogen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, sind strafbar. Dennoch sind auf einer solchen Festivität immer mehr Menschen anzutreffen, die den illegalen Handel betreiben und andere Besucher aktiv ansprechen, ob sie Substanzen erwerben wollen.“

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Auf den Musikfestivals in Franken soll angeblich die „Sexdroge ‚Chrystal Meth'“ sehr verbreitet sein, dies aber auch an den anderen Tagen im Jahr. Auf dem Fusion-Festival führte die Polizei bereits am ersten Tag eine „Großkontrolle“ durch, wobei sie laut der Schweriner Volkszeitung „erhebliche Mengen Marihuana und hochdosierter Amphetamine sicher stellte.“ Vom Fuchsbau-Festival berichtete die Hannoversche Allgemeine Zeitung, dass am letzten Tag ein „unter Drogen stehender Besucher des Fuchsbau-Festivals die Polizei mit Urin aus einer Penisattrappe reinlegen wollte“. Beim Musikfestival „SonneMondSterne“ am thüringischen Bleilochstausee, das die Seekers Event GmbH in Jena veranstaltet, konnte die Polizei in diesem Jahr „300 Drogendelikte aufklären“, im Jahr davor waren es 250. Sollte die alte Festival-Formel „Sex & Drugs & Rock’n Roll“ noch immer gültig sein? Sich bloß immer wieder verjüngend?

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Auf dem jedesmal mehr zugemüllten und immer rummelplatzähnlicher werdenden Festival mit dem Ökobegriff „Nature One“ auf der ehemaligen US-Raketenbasis Pydna im Hunsrück, über dem eine riesige aufblasbare Jägermeister-Flasche schwebt, war die Drogenberatungsstelle „Alice“ mit einem Info-Bus vertreten und bot neben ihrem Aufklärungsmaterial „kostenlos Vitamin-Tabletten, Kondome und Ohrstöpsel“ an. Anschließend schrieben sie, dass „mit der Zerschlagung der Teknivals [wie in Frankreich geschehen] die verbliebenen Ansätze einer alternativen Kultur zerstört werden, während die Nature One von der Kulturindustrie prämiert wird.“ Das Festival wird von der „SFX Entertainment Company ‚I-Motion GmbH'“ der drei US-Geschäftsleute Sheldon Finkel, Richard Jay Rosenstein und Ritty van Straalen veranstaltet. Laut Alice „hat das Festival den Deutschen Dance Award für das beste Event erhalten und der Spiegel hat ernsthaft vom Woodstock der Neuzeit geschrieben.“ Mit diesem hat es jedoch nur gemein, dass es ebenfalls völlig amerikanisch durchkommerzialisiert ist. Ansonsten war das damalige ein „Coming-Out, während das neuzeitliche ein „Coming-In“ ist.

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Bei den nicht vom Kapital organisierten Oper-Air-Events wird die Tendenz sichtbar, sich auf oder am Rande eines Festivals mit Wohnwagen, Holzhütte oder ausgebautem Kleinlaster quasi dauerhaft niederzulassen. Das ist z.B. auf dem Festival-Gelände der Heilstätte Grabowsee der Fall, das von „A Growing Art Village“ besiedelt und bespielt wird. Ähnlich ist es auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei bei Lehrte, wo gerade das „Fuchsbau“-Festival stattfand, das seine Macher vom Freistaat „Zytanien“ gemietet hatten. Diese 1990 legalisierte „Besetzer-Kommune“, die dort mit „19 Aussteigern“ sowohl in Steinhäusern als auch in Wohnwagen lebt, und z.T. Nutztiere hält, veranstaltetet zwei Wochen nach der Hannoveraner Fuchsbau-Gruppe ein eigenes Festival am See – ihr 30. bereits. „Das ist nicht einfach irgendeine Kommune, für mich ist das meine Familie“, erklärte die in „Zytanien“ geborene Milena dem NDR. Es ist auch ein prima Abenteuerspielplatz, der immer weiter künstlerisch verfeinert und ausgebaut wird. Die vielen dort in den Hallen brütenden Schwalben haben sich inzwischen auch an das alljährliche lange Wochenende mit lauter Wummermusik gewöhnt, wurde versichert. Der Name des „Freistaates“ geht auf die Zytan AG zurück, die dort bis in die 1980er-Jahre Ziegel herstellte, ihre Lehmgrube ist heute ein Badesee.

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So werden vielerorts aus langfristig angelegten Produktionsstätten Kurzzeit-Locations. Auch die sich dort Ansiedelnden ziehen irgendwann mit ihrem Wohnwagen weiter, vielleicht zur nächsten bespielten Industrieruine. Die Frage ist, was kommt nach den Festivals? Bzw. wohin werden die heutigen sich entwickeln? Schon jetzt läßt sich sagen, dass die großen von kapitalkräftigen Event-Veranstaltern aus dem Boden gestampften Openair-Festivals (ab etwa 20.000 Besuchern) sehr starfixiert sind, während die kleineren, von unten (nicht selten von klammen Studenten) organisierten Musikfestivals sich eher diversifizieren – und u.a. immer mehr bildende Künstler und Vortragende verpflichten bzw. tolerieren, bis hin zu Hightechbastlern, Yogameistern und Zukunftsdeutern.

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Bei den etwa 500 Leuten, die das „Artbase Festival Grabowsee“ besuchten, waren fast alle Künstler, meinte eine Cateringgruppe, die ziemlich beeindruckt war. Bei den etwa 1000 Besuchern des „Fuchsbau-Festivals handelte es sich mehrheitlich um Studierende und Bachelor, so wird behauptet. Eine ethologische, ethnologische und ethnographische Studie der hiesigen „Festivalkultur“ könnte hier weiterhelfen.

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054

In den flachen Ebenen hinter Durban gab es noch einige weiße Kleinbauern. Statt sich schwarzer Farmarbeiter zu bedienen wie früher muß nun die ganze Familie mit ran. Der Sohn links war bereits Analphabet, weil seine Eltern ihn nicht mehr zur Schule gehen ließen. „Keiner senst so gut wie er,“ beteuerte der Vater in seinem seltsamen Altholländisch, das einzig die mitgereiste Assistentin, Uschi, des Dresdner Insektenforschers Igor Schneider verstand. Sie stammte mütterlicherseits aus Leeuwarden.

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Parasiten

Der Wissenshistoriker Michel Serres fragte sich, ob “parasitäre Verhältnisse” eine Ausnahme oder “nicht einfach das System selbst sind”?

Manchmal könnten Parasiten ihren Wirt zwingen, Dinge zu tun, die ihn dem Tod näher bringen beziehungsweise ihn tatsächlich töten. Die „Ärztezeitung“ erwähnt die Larven eines Saugwurmes, die sich als „Fühlermade“ in den Fühlern der nachtaktiven Schnecke festsetzen und diese dazu bringen, am helllichten Tag so lange auf einer Blattoberseite herumzukriechen, bis sie endlich von einem Vogel entdeckt und von ihm gefressen wird. Auf diese Weise gelangen die Larven über einen Zwischenwirt in ihren eigentlichen Wirt. Es handelt sich dabei wohl um den Plattwurm Leucochloridium, über den der Spiegel kürzlich berichtete: „Zunächst vermehrt er sich im Verdauungstrakt von Vögeln. Schnecken, die Vogelkot fressen, nehmen mit der Mahlzeit die Wurmeier auf. In diesem Wirt angekommen, schlüpfen die Wurmlarven, entwickeln sich, manipulieren das Nervensystem der Schnecken und befallen die Fühler. Durch Absonderung geeigneter Signalstoffe lösen sie in ihrem Wirt große Betriebsamkeit aus. Die Zombie-Schnecken kriechen unruhig umher, sind plötzlich auch tagsüber aktiv und suchen bevorzugt ungeschützte Orte auf, wo sie wiederum zur leichten Beute für Vögel werden. Eindrucksvoll ist auch, wie sich die von den Parasiten befallenen Fühler verändern: Sie schwellen so sehr an, dass die gespannte Haut durchsichtig wird. Darunter werden farbige, pulsierende Streifen voller Parasitenlarven sichtbar, die für Vögel genauso aussehen wie ihre Lieblingsspeise: Raupen.“

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Werden Raupen des Schwammspinners von einem Virus namens Baculo heimgesucht, verflüssigt er sie, so dass sie von den Blättern tropfen. „So verbreitet sich das Virus“, schreibt „Die Zeit“. „Es dauert nicht lange, und die nächste Schwammspinnerraupe frisst von einem verseuchten Blatt. Dann hat das Virus ein neues Opfer gefunden – und wird es in den Tod treiben. Sein Ziel ist das Erbgut der Raupe. Es verändert das Genom seines Wirtstieres, das nun beginnt, ein Enzym zu produzieren. Dieses Enzym schaltet ein Hormon aus, das die Raupe dringend braucht: Es signalisiert ihr, dass sie genug gefressen hat. Die infizierte Raupe ist sprichwörtlich nimmersatt. Sie frisst und frisst und frisst. Und als wäre das noch nicht genug, bringt die Infektion die Raupe dazu, so hoch wie nur möglich zu klettern. Dort angekommen, heftet sie sich an ein Blatt. Nun macht das Virus ernst: Es tötet die Raupe. Eine chemische Reaktion sorgt dafür, dass sich das Tier verflüssigt.“

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Tripper, Syphilis und Tuberkulose werden durch Bakterien verursacht, die sich durch Kontakt übertragen. Alle drei Bakterienarten schaffen es, bei ihrem Wirt einen gesteigerten Wunsch nach körperlicher Nähe und sexuellem Kontakt hervorzurufen. Einige Bakteriologen nehmen an, dass diesen drei “Erregern” anscheinend sehr daran gelegen – nämlich um sich auszubreiten, d.h. ihre Wirte zu wechseln, denn diese machen es unter Umständen nicht mehr lange.

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Es gibt eine Pilzart, die auf Ameisen wächst. Seine Sporen keimen auf ihren Körpern Die fadenförmigen Zellen dringen dann in den Körper des Insekts ein und beeinflussen dessen Verhalten. Laut Wikipedia „bewegt sich das nach einer Infektionsperiode von drei bis sechs Tagen an einen Platz, der für den Pilz optimale Lebensbedingungen bietet und stirbt dort. Der Pilz manipuliert die Ameise so, dass sie sich auf Oberflächen wie Blattunterseiten oder Rinden festbeißt.“ Aus ihrem Körper wächst dann ein neuer Pilz, der Fruchtkörper und Sporen ausbildet. „Oft werden hohe Dichten an toten Ameisen in tropischen Wäldern beobachtet, sodass diese Funde als Friedhöfe bezeichnet werden.“

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Kratzwürmer vermehren sich im Darm von Vögeln, um dahin zu gelangen brauchen sie mehrere Zwischenwirte. Mit dem Vogelkot gelangen ihre Eier ins Wasser, dort werden sie u.a. von Flohkrebsen gefressen, in denen sie sich zu Larven entwickeln, die zwei Entwicklungsstadien durchmachen. Wird der infizierte Flohkrebs gefressen, entwickeln sie sich – z.B. in einer Forelle – zu geschlechtsreifen Kratzwürmern. Als solche gelingt es ihnen, „die Häufigkeit des Atemholens ihres Wirtsfisches zu steigern. Die Forellen brauchen also mehr Sauerstoff und schwimmen daher dichter an der Wasseroberfläche. So wird die Forelle leichte Beute für Vögel. Und der Darmschmarotzer ist an seinem Zielort angekommen, wo er sich fortpflanzen kann,“ schreibt Aline Kröger in ihrem Buch „Wie Bakterien und Insekten Mensch & Tier fremdsteuern“.

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Im Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön erforscht eine Gruppe um Manfred Milinski einen Bandwurm, dessen Lebenszyklus als Larve im Wasser beginnt. Diese wird gerne von Ruderfußkrebsen gefressen. Dort im Darm bohrt sie sich in den Körper und beginnt zu wachsen – bis sie einen neuen Wirt benötigt, um sich weiter zu entwickeln. Dazu verändert sie das Verhalten des Krebses. „Solange der Wurm noch nicht groß genug ist, zwingt er den Krebs, vorsichtig zu sein und sich beim kleinsten Anzeichen von Gefahr zu verstecken.“ Ist der Parasit aber reif für die nächste Etappe, manipuliert er das Verhalten um: Der zurückhaltende Krebs wird plötzlich zu einem Draufgänger“ – und damit zur leichten Beute für z.B. Stichlinge, in die der Bandwurm gelangen will. „Wir wissen tausend Dinge über den Bandwurm, aber nicht, wie er seinen Wirt dazu bringt, gefressen zu werden,“ berichtete Manfred Milinski der „Zeit“. „Der Bandwurm spielt Russisches Roulette: Nur wenn der Krebs von einem Dreistachligen Stichling (es gibt Stichlingsarten mit bis zu 16 Stacheln) gefressen wird, kann er sich im Körper festsetzen. In jedem anderen Fisch wäre er verloren. Im Dreistachligen Stichling jedoch kann er sich laben,“ dabei nimmt der Wurm im Fisch um das bis zu 10.000-Fache seines Gewichts zu. „Aber auch der Stichling ist für ihn nur Mittel zum Zweck – wichtig, aber sinnlos, solange dieser am Ende nicht von einem Vogel gefressen wird. Der Wurm schaltet deshalb den Fluchtreflex des Fisches aus. Für Vögel sind infizierte Stichlinge leichte Beute, und dann hat der Bandwurm sein Ziel erreicht. Im Darm des Vogels paart sich der zwittrige Parasit mit einem Artgenossen und legt dort Eier ab. Über den Vogelkot gelangen diese zurück ins Wasser, wo dann die nächste Generation von Bandwurmlarven hofft, von einem Ruderfußkrebs gefressen zu werden.“

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Im östlichen Pazifik werden verschiedene Fischarten von einer parasitären Assel befallen. Diese beginnt ihre Lebenszyklus als freischwimmendes Männchen. Nach dem Eindringen in einen Fischwirt über das Maul oder die Kiemen hakt er sich mit den Klauen am Zungengrund des Fisches fest und ernährt sich vom Blut aus der dortigen Arterie. Mit zunehmendem Wachstum des Parasiten stirbt die Zunge des Fisches aufgrund von Blutarmut ab. Fortan nimmt der Parasit den Platz und auch die Funktion der Zunge ein, so dass der Fisch wie bisher Nahrung zu sich nehmen kann, von der sich der Parasit miternährt. „Dies stellt den einzigen beschriebenen Fall dar, bei dem ein Parasit ein Körperteil seines Wirts funktionell ersetzt. Im Maul des Fisches wächst er zur weiblichen Form heran. Kleinere Männchen finden sich oft hinter und unter den Weibchen an den Kiemenbögen des Wirtes. Die Paarung findet im Wirt statt, die Eier verbleiben in einer Tasche unter dem Bauch des Weibchens, bis die Jungtiere entlassen werden. „News de. meldete 2014: „Ekliger Fund im Supermarkt-Fisch. Kunde entdeckt zungenfressenden Parasiten im Fischmaul.“

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Die Amerikanische Großschabe wird von der Juwelwespe heimgesucht, heißt es weiter in dem Zeit-Bericht über einige neuere Erkenntnisse der Parasitenforschung: Wenn die Wespe zum Angriff auf die gut dreimal so große Kakerlake übergeht, muss sie schnell sein. Sie injiziert ein Gift in einen Nervenknoten in der Brust, sodass die Schabe ihre Beine nicht mehr bewegen kann. Die Lähmung dauert wenige Minuten – genug Zeit für den zweiten Stich. Die Wespe führt ihren Stachel wie ein Endoskop in das Gehirn ihres Opfers ein. Mit chirurgischer Präzision spritzt sie ihr Gift ins Protocerebrum, eine Gehirnregion, die auch für die Fluchtreaktion zuständig ist. Die Kakerlake ist willenlos. Die Juwelwespe greift eine Antenne der Schabe und führt das Insekt zu ihrer Nisthöhle, als wäre sie ein Hund an der Leine. Dort klebt die Wespe ihre Eier an die Bauchunterseite ihres Opfers. Die Höhle verschließt sie mit Kieselsteinen. Die Schabe verharrt regungslos im Inneren. Nach drei Tagen schlüpfen die Wespenlarven und ernähren sich von den Körperflüssigkeiten ihres wehrlosen Wirts. Nach ein paar Tagen bohren sie sich in den Körper der Schabe und beginnen, sie von innen aufzufressen, bis sie genug haben und sich im Inneren ihres Wirtes, der nur noch eine nicht verwesende Chitinhülle ist, verpuppen.“ Danach arbeiten sie sich als ausgewachsene Wespen durch ihre verschlossene Geburtshöhle und fliegen ins Freie.

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Die hiesigen Grabwespen, von denen es laut Wikipedia weltweit etwa 10.000 Arten gibt, machen das selbe mit Raupen. Charles Darwin fand diese Lebensweise so verstörend, dass es seine Zweifel an der Existenz eines Schöpfers verstärkte: „Ich kann nicht so einfach wie Andere die Beweise für eine gezielte Erschaffung und allseitiges Wohlwollen erkennen, auch wenn ich es mir wünschen sollte. Es erscheint mir zu viel Elend in der Welt. Ich kann mich nicht davon überzeugen, dass ein wohlwollender und allmächtiger Gott die Grabwespen mit der Absicht erschaffen haben sollte, dass sie sich vom Inneren von Raupen ernähren …“.

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Ähnlich entsetzt wäre Darwin über die Schlupfwespen der Gattung Polysphincta gewesen. Sie sind Meister in der Kunst der Spinnendressur, schreibt der Spiegel. „Die Weibchen legen ihre Eier auf den Hinterleib bestimmter Spinnen. Die Larven bohren Löcher in den Leib ihres Wirts und fressen sich an dem Saft satt, den sie daraus saugen. Nach einer Woche beginnen sie, Stoffe zu injizieren, die das Webverhalten der Spinne verändern. Einige Radnetzspinnen beginnen unter der Regie der Wespenlarven komplexe 3-D-Gebilde zu spinnen; andere, die sonst trichterförmige Netze bauen, versehen diese nun mit Türen. Sämtliche dieser Umbauten dienen nur einem Zweck: Verpuppungsplätze für die Wespenlarven zu schaffen. Wenn das neue Heim fertig ist, tötet die Larve ihre willige Helferin, saugt sie komplett aus und lässt die tote Hülle zu Boden fallen.

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Erwähnen sollte man auch den Kleinen Leberegel. Dieser Wurm nutzt laut „Die Zeit“ drei Wirtsstadien. „Er lebt in Schnecken und wird von ihnen als Schleimball ausgehustet, der Hunderte von Larveneiern enthält. Den zuckerhaltigen Schleim fressen Ameisen. Einige der Larven wandern nun ins Gehirn der Ameisen. Sie bringen die Tiere dazu, sich nachts vom sicheren Bau zu entfernen und auf einen Grashalm oder eine Blüte zu klettern. Dort beißen sie sich fest, ihre Mundwerkzeuge verkrampfen. Die Ameise wartet nun gleichsam darauf, am Morgen von grasenden Rindern, Schafen oder Pferden gefressen zu werden. Steigen tagsüber die Temperaturen, löst sich der Beißkrampf, und die Ameise krabbelt zurück in ihren Bau.“ Die Larve des Kleinen Leberegels hat mithin das Leben der Ameise völlig umgekrempelt, denn normalerweise kehrt sie Abends in ihren Bau zurück. Die infizierte Ameise bricht „am nächsten Abend wieder auf und erfüllt erneut die Anweisungen des Wurms in ihrem Hirn. Wird sie gefressen, landet der Parasit im Körper seines Endwirtes und wird dort geschlechtsreif. Über den Kot gelangt er zurück auf die Weide – und in die nächste Schnecke.“

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Der im Amazonasgebiet lebende Candiru-Fisch parasitiert am Menschen, wenn auch nur an Männern: Der kleine rötliche Fisch beißt sich am Penis fest und wandert die Harnröhre nach oben. „Galileo.tv“ schreibt: „ Wenn ihr von diesem Parasit befallen seid, dann hilft nur noch eine Operation. Der Penisfisch, auch Harnröhrenwels genannt, wird von Urin angelockt. Also dort nicht ins Wasser pinkeln“ Mag sein, dass Urin ihn anlockt, er ist jedoch an unserem Blut interessiert, und läßt eigentlich von seinem Wirt ab, wenn er satt ist, dass er die Harnröhre aufwärts wandert, wird eigentlich nur von einem amerikanischen Amazonasforscher berichtet. Die Indios tragen spezielle Kleidungsstücke, wie die Penisschnur, die sie beim Baden davor schützt, angefallen zu werden.

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Anders ist es mit dem Saugwurm Bilharziose, der in den Tropen Menschen infiziert. Ich folge hier der Apotheken-Umschau: Der Lebenszyklus des Saugwurms startet mit dem Ei, das von einem Wirt ausgeschieden wird und mit den Fäkalien oder dem Urin ins Wasser gelangt. Im Süßwasser schlüpft nach wenigen Minuten aus dem Schistosomen-Ei eine so genannte Wimpernlarve (Mirazidium). Diese Lebensform infiziert bestimmte Süßwasserschnecken, die als Zwischenwirt dienen. Hier können die Wimpernlarven zu der nächsten Stufe heranreifen, den Gabelschwanz-Larven (Zerkarien). Aus einer Wimpernlarve entstehen dabei mehrere Tausend Zerkarien, die aus der Schnecke zurück in das Wasser gelangen. Treffen die Zerkarien dort auf einen Menschen, so werfen sie ihren Schwanz ab und bohren sich innerhalb weniger Minuten durch die menschliche Haut in den Körper. In dieser Phase kann es zu einer juckenden Hautentzündung kommen, der Zerkariendermatitis. Eine solche Zerkariendermatitis kann auch durch die auch in Deutschland vorkommende, harmlose sogenannte Enten-Bilharziose im Sommer auftreten.

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Das Hirn des Menschen zu erobern scheint für Parasiten schwieriger zu sein, meint „Der Spiegel“. „Der Medinawurm wählt deshalb eine andere Strategie: Wenn die Larven dieses Nematoden die Darmwand eines menschlichen Opfers durchdrungen haben, schlängeln sie sich durch den Körper – doch nicht aufwärts gen Hirn, sondern in Richtung Füße. Ist das auf bis zu einen Meter Länge herangewachsene Fadenwurmweibchen dort angekommen, sondert es eine Säure ab, welche die Haut schmerzhafte brennende Blasen werfen lässt. Im befallenen Menschen weckt dies das dringende Bedürfnis nach Kühlung im Wasser. Kaum taucht der Fuß ein, beginnt der Wurm, Larven ins Wasser zu speien – mitunter Hunderttausende auf einmal. Wenn andere Menschen dieses als Trinkwasser nutzen, hat der Wurm sein Ziel der Verbreitung erreicht.“

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Parasiten treiben schwangere Frauen in den Selbstmord,“ titelte der Spiegel 2012: „In der Küche ist die Gefahr am größten. Ungewaschener Salat oder Messer, mit denen erst das rohe Fleisch und dann das Gemüse geschnitten werden, überhaupt das Fleisch. Nicht richtig durchgebratenes Fleisch ist eine der wichtigsten Ursachen für die bei Schwangeren gefürchtete Infektion mit dem Parasiten Toxoplasma gondii. Überträgt die Schwangere den Erreger auf das ungeborene Kind, drohen Fehlbildungen oder gar der Verlust des Kindes.

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Eine dänische Studie verdächtigt die Toxoplasmen nun, auch noch für etwas ganz anderes verantwortlich zu sein: für die Suizidversuche von einmal mit den Parasiten infizierten Frauen. Für ihre Untersuchung hatten Marianne Pedersen und ihre Kollegen die Daten von mehr als 45.000 Däninnen ausgewertet. Das Ergebnis war eindeutig: Hatten die Frauen sich irgendwann mit Toxoplasmen angesteckt, begingen sie mit einer um 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit einen Suizidversuch als nichtinfizierte Frauen, berichten die Forscher in den Archives of General Psychiatry.“

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Ebenfalls im „Spiegel“ (v. 27.9.) wurde über den Parasit Saitenwurm berichtet: „Besitzer von Swimmingpools oder Gartenteichen in Südfrankreich kennen das unheimliche Phänomen: Manchmal stürzen sich Heerscharen von Heuschrecken ins Wasser, wo sie dann postwendend ertrinken. Wer die Insekten genauer studiert, kann erkennen, dass ihnen, kaum dass sie ins Wasser tauchen, fadendünne, bis zu 30 Zentimeter lange Saitenwürmer entweichen. Diese paaren sich im Wasser, ihr Nachwuchs dringt in Mückenlarven ein. Wenn diese schlüpfen und nach einem kurzen Mückenleben zu Boden fallen, werden sie oftmals von den Heuschrecken verzehrt, die damit den Lebenszyklus der Würmer schließen. Auf noch ungeklärte Weise erzeugen die Saitenwürmer in ihren Wirtstieren eine unbändige Lust, baden zu gehen. Während das für die Heuschrecken den Tod bedeutet, weckt es in den Würmern erstaunliche Überlebenskraft: Wenn die Heuschrecken im Wasser von Fröschen gefressen oder von Fischen geschluckt werden, entkommt der Wurm sekundenschnell durch das Maul des Froschs oder durch die Kiemen des Fischs wieder ins Wasser.“

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Auch unter den Pflanzen wimmelt es von Parasiten. Berliner Botaniker warnen vor der übermäßigen Zunahme der Mistel, die von und auf Bäumen lebt, wo sie kugelförmige Sträucher bildet, die man sich mancherorts zu Weihnachten an die Decke hängt. Um sich zu vermehren, d.h. auf einen anderen Ast oder Baum zu siedeln, benötigt der von einem fruchtartigen Gebilde umgebene Samen den sibirischen Seidenschwanz, allen anderen Vögeln ist die Frucht zu bitter. Der Seidenschwanz hat einen verkürzten Darm und verdaut nur die oberste Schicht, die noch einigermaßen genießbar ist, den Rest scheidet er mit einem Schleimschwall aus. Zusammen mit dem Samen bleibt der klebrige Schleim mit Glück an einem Ast hängen. Dort keimt die Mistel aus und wächst langsam an. Sie gilt laut Wikipedia „nur im Extremfall als Vollparasit“, und braucht rund sieben Jahre, um neue Samen zu produzieren. Die Seidenschwänze kommen ungefähr alle sieben Jahre wieder – um zu ernten, was sie gesät haben.

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Das sind natürlich alles Hypothesen. Wenn man Parasiten – in der heutigen Bedeutung des Wortes – sucht, findet man auch welche. Aber wie das Beispiel der indischen Rabenvögel zeigt, dort „Hauskrähe“ genannt, kann man das auch anders sehen: Während die Rabenvögel hierzulande als „Schädlinge“ gelten, werden sie dort weder als „Parasit“ (Räuber) noch als „Symbiont“ (Partner) begriffen, sondern als „Kommensale“ – als jemand, der zusammen mit einem anderen von der gleichen Nahrung lebt, ohne diesen zu schädigen.

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Es muß also zuvörderst der Begriff „Parasit“ problematisiert werden. 1981 veröffentlichte der Philosoph Michel Serres dazu ein umfangreiches Werk: „Der Parasit“. Ein Satz daraus ist mit in Erinnerung geblieben: Die besten Wirte sind manchmal auch die größten Parasiten.“ 2001 veröffentlichte Ulrich Enzensberger ein Sachbuch mit dem Titel „Parasiten“. Die SZ-Rezensentin Cornelia Vissmann sprach von einer „Anthologie des Parasiten“. In der taz rezensierte Claus Leggewie Enzensbergers Sachbuch: „Die Kunst des Parasitismus

Seit dem 19. Jahrhundert ist das Schmarotzen höchst verpönt, vom Recht auf Faulheit ganz zu schweigen. Zu Unrecht, wie Ulrich Enzensberger virtuos und anschaulich belegt

Warum hat Gott dem Menschen so viel/quälendes Ungeziefer anerschaffen?/Genug, die Würmer sind da.“ (Johann August Ephraim Goeze, Helminthologe [Wurmkundler], 1782)

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Wer an einer amerikanischen Universität Vorträge besucht hat, kennt sie: die Mitesser, die sich, mit Plastiktüten bewaffnet, bei anschließenden Wine-&-Cheese-Empfängen einfinden und zielstrebig die (ohnehin kargen) Büffets abräumen. Vor allem in New York gibt es Spezialisten, die sämtliche einschlägigen Events zwischen fünf und neun Uhr abends abklappern und sich ungeniert den Bauch voll schlagen. Als Ausrichter ist man geneigt, die Betreffenden des Saales zu verweisen – raus mit den Parasiten! Doch halt: Sie verleihen schwach besuchten akademischen Vorträgen Fülle und befriedigen die Eitelkeit von Referenten, an die sie ohne Scheu mit ihren Fragen herantreten.

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Der penetranten Laufkundschaft noch freundlicher gesonnen war ich nach dem ebenso gelehrten wie amüsanten Durchgang Ulrich Enzensbergers durch die Kultur- und Naturgeschichte des Parasitentums. Wir sind alle Parasiten, lautet das Fazit des Autors, der über seinen Gegenstand durchgängig in Wir- Form schreibt, und das keineswegs bloß pro domo. Obwohl er das ohne weiteres könnte: Der einstige Kommunarde hat in der 68er-Zeit seitens der Springer-Presse und sonstiger freundlicher Zeitgenossen hinreichend Resonanz bekommen, was die Nazis wohl mit Schmarotzern wie ihm gemacht hätten, und auch als freier Schriftsteller ist man ein anerkannter Parasit.

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Was Parasit ursprünglich heißt, klärt Enzensberger (im Anschluss an Ideen des französischen Philosophen Michel Serres) vorab, und ich parasitiere wörtlich: „Kein Mensch hätte an eine Zecke, einen Kuckuck, einen Bandwurm, an eine Mistel, eine Sommerwurz, einen Schimmelpilz, an ein Tier oder eine Pflanze, an einen Bettler, einen Bonzen, an einen reichen Müßiggänger gedacht. Das Wort bezeichnete im antiken Griechenland einen hochgeachteten religiösen Beamten. [..] Keinen Beamten mit Pensionsberechtigung wohlgemerkt, sondern einen von der Gemeinde gewählten Beamten auf Zeit …, (dem) die Auswahl des Getreides, des Brotes, der Speise für das kultische Opfermahl (oblag).“

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Parasitismus ist, wohlverstanden, Lebenskunst. Am besten formulierte das vor knapp 2.000 Jahren Lukian von Samosata, dessen satirischen Dialog Christoph Martin Wieland im Jahre 1788 ins Deutsche übertragen hat: „Alle anderen Künste sind ohne gewisse Werkzeuge (die mit Kosten angeschafft werden müssen) ihrem Besitzer unnütz; niemand kann ohne Flöte flöten, ohne Violine geigen, oder ohne ein Pferd reiten: (einzig die) Parasitenkunst ist sich selber so genug und macht es ihrem Meister so bequem. [..] Andere Kunstverwandte arbeiten nicht nur mit Mühe und Schweiß, sondern größtentheils sogar sitzend oder stehend, und zeigen dadurch, daß sie gleichsam Sclaven ihrer Kunst sind: der Parasit hingegen treibt die seinige auf eben die Art wie die Könige Audienz geben, – liegend“.

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Auf dreihundert elegant geschriebenen Seiten erfährt man aus erster Quellenhand, wie diese Herrlichkeit leider verging und Parasit zum Schimpfwort verkam. Und war beim antiken parasitos noch ganz klar, dass es sich dabei um eine Person aus Fleisch und Blut handelte, driftete man zunächst weit in die Botanik ab (zu Misteln, Moosen und Flechten), um dann in die niedere Tierwelt abzustürzen (zu Läusen, Bandwürmern und Bazillen). Diese parasitologische Engführung war ebenso unsinnig wie ungerecht, stellt Enzensberger empört fest: „Was heißt hier eigentlich immer auf Kosten anderer? Gibt es im Tierreich Mein und Dein? Was sind hier Soll und Haben? Führt der Blutegel ein Konto, zieht der Löwe Bilanz? Ist der Floh amoralisch, weil er von keiner Pflanze zehrt? Die Schlange, die ihre Beute lebend hinabwürgt, der Löwe, der Panther, der mutige Bär, der hehre Aar, sie werden im Wappen geführt. Wer aber führt die Laus in der Fahne? Im Gegensatz zum Räuber . . . zeichnet sich der tierische Parasit doch gerade dadurch aus, daß er seinem Wirt, von dem er ja lebt, mit Schonung begegnet. Will man den Parasiten moralisch bewerten, dann ist er seinem Wesen nach liberal.“

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Leben und leben lassen also. Doch je mehr die Naturwissenschaften das Zepter übernahmen und allen sozialen Verhältnissen ihren Stempel aufdrückten, desto schlimmer erging es den Parasiten: Aus Schmarotzern wurden soziale Schädlinge im Rang gemeiner Krimineller. Hätte man es bloß beim Abschneiden von Mistelzweigen und dem Ausreißen von Moosflechten bewenden lassen! Doch die Ausrottungsfantasien, die seit Robert Koch und Louis Pasteur auf Tuberkulose und Milzbrand gerichtet waren, wurden umgepolt, die Pflanzenparasiten nahmen Gesichter an und bekamen wieder Arme und Beine. „Allerdings verwandelten sie sich nicht in altgriechische Parasiten zurück, sondern wurden zu angeblichen Juden.“

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Vollends verhängnisvoll waren das kapitalistische Arbeitsethos mit seinem Wahlspruch „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und, wie Enzensberger eher beiläufig herausarbeitet, der nationale Wahn. Mit ihm begann die Jagd auf „Einschleicher“ im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne; in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Parasit endlich ein Hauptwort und der Sündenbock für alle erdenklichen Fehlschläge der Moderne. Die Metapher hatte sich verselbständigt, und dass angeblich Degeneration drohte, wurde zur „allgemeinen Zwangsvorstellung“, wovon übrigens die sozialistische Bewegung keine Ausnahme machte. Vielmehr verstaatlichte sie das Wort Parasit, und das „Recht auf Faulheit“, das Marx‘ Schwiegersohn Paul Lagarde verkündet hatte, verhallte ungehört, woran auch die symbiotischen Idyllen einiger Anarchistenzirkel nichts ändern konnten.

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Und heute, da nach jüngsten Erkenntnissen „von dem 1,8 Meter langen DNA- Strang in jeder Zelle des menschlichen Körpers keine dreißig Zentimeter ,in Betrieb‘ sind“, unser Genom mit anderen Worten massiv durch parasitische DNA kolonisiert ist? Enzensbergers triumphales Fazit kann einen nicht beruhigen. „Wir [Parasiten, C. L.] machen den größten Teil des menschlichen Genoms aus.“ Denn die Frage drängt sich auf, was mit den Hausbesetzern geschehen soll. In der aktuellen „Gen-Ethik-Debatte“ verbietet man sich jede Erinnerung an Eugenik und Euthanasie, die bis vor kurzem Usus war, aber das dürfte ein Fehler sein. Stieß die Verwirklichung einer „positiven Eugenik“ und Auslese bis vor kurzem noch auf technische Hindernisse, kann die Perfektionierung der Menschheit nun mittels ausgeklügelter Reproduktionstechnologien vorangetrieben werden.

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Nicht zufällig leben in neokonservativen und neoliberalen Denkschulen auch die Schmarotzerbeschimpfungen wieder auf, jüngst aus dem Mund unseres Bundeskanzlers (SPD). „An die Arbeit!“ und „Lebenslänglich wegsperren!“, fordert der Sozialdarwinismus der neuen Mitte, und ist sich nicht einmal mehr seiner kulturgeschichtlichen Herkunft bewusst. Und wenn all die Sozialstaatsverächter wüssten, welch unproduktive Arbeit sie als ‚Zirkulationswanzen‘ leisten!

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Ulrich Enzensberger hat ein eminent politisches Buch geschrieben, das im Übrigen zeigt, welchen Spaß Philologie und Begriffsgeschichte machen können. Zünftige Wissenschaftshistoriker mögen über die eine oder andere Zuspitzung den Kopf schütteln, und um nicht als Kolax, als Schmeichler und somit aus der Art geschlagener Parasit zu gelten, seien auch die schwächeren Stellen herausgestellt, die in der Darstellung der Aufklärungsepoche, im aktuellen Ausblick und in der Fixierung aufs Abendland liegen. Trotzdem ist Enzensberger ein großer Wurf gelungen, aus dem man sich freudig bedient und als Rezensentenschnorrer geläutert hervorgeht. Wenn der Parasit stirbt, ist es schlecht bestellt, und zwar um die Wirte, die dann reich und allein sind. Der Schmarotzer hingegen, er „stirbt sanft und süß unter vollen Schüsseln und Bechern“ (Lukian/Wieland).“

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Der Bruder des taz-blogwarts Mathias Broeckers hörte in der U8 Richtung Hermannplatz folgendes Gespräch zwischen zwei Bauarbeitern:

Ick wähl jetzt die Parasiten!“ „Häh! Meinst du die Piratenpartei?“ „Ja, genau!“

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Der SPD-Politiker Wolfgang Clement schrieb in seinem Vorwort zu einer Broschüre des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit „Vorrang für die Anständigen – Gegen Missbrauch, ‚Abzocke‘ und Selbstbedienung im Sozialstaat. Ein Report vom Arbeitsmarkt im Sommer 2005“:

„Bei der umfassenden Reform des Arbeitsmarktes kommen wir mit großen Schritten voran. (…) Beim Kontrollbesuch jammert Ibrahim dem Prüfer vor, dass das Auto noch aus besseren Zeiten stamme und nur geleast sei. Ich liebe Musik, ich muss singen, erklärt er – aber nicht auf Kosten des Sozialstaats, wie ihn der Ermittler belehrt. Biologen verwenden für Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben, übereinstimmend die Bezeichnung Parasiten.“

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Das Online-Magazin Telepolis interviewte die Autorin des Sachbuchs „Wir müssen leider draußen bleiben“ – Kathrin Hartmann, u.a. über Parasitismus – Sozialschmarotzertum:

„Wenn man sich ansieht, was uns die Rettung der Banken kostet, von der die Reichen genauso profitieren, weil damit auch ihre Einlagen abgesichert wurden und dazu zählt, wie viel Geld der Allgemeinheit durch großzügige Steuergeschenke an Reiche und Unternehmen und durch Steueroasen flöten geht, dann kommen schließlich einige hundert Milliarden Euro zusammen. Im Vergleich dazu sind die Kosten für Hartz IV ein Witz. Deshalb ist der Sozialschmarotzervorwurf gegen die Armen lächerlich – die Reichen sind die wahren Sozialschmarotzer. Anstrengungsloser Wohlstand, wie ihn einmal Westerwelle den Armen unterstellte, gibt es nur für die Reichen.“

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Das Berliner Institut für Faschismusforschung schreibt über den Zoologen und Umweltforscher Jakob von Uexküll:

In seinem 1920 erschienenen Buch ‚Staatsbiologie‘ machte er für die ökonomischen und politischen Krisen des Kaiserreichs und der beginnenden Weimarer Republik ‚Parasiten am Gemeinschaftskörper‘ verantwortlich, und zwar insbesondere ‚Fremdrassige‘, die ‚in einem kranken Staate, der nur noch schwach auf ihre Eingriffe reagiert‘, gut gedeihen könnten. ‚Solange der Betrieb des Staates geregelt weiterging‘ (im alten Kaiserreich), habe der Staat ‚die Möglichkeit (gehabt), den einzelnen Arbeitsfeindlichen durch einen Arbeitswilligen zu ersetzen, der wohl stets vorhanden war. Sobald aber eine größere Zahl Arbeiter aus der Arbeitskette zurücktrat und streikte, stand das betroffene Staatsorgan vor dem Untergang‘. Deshalb müsse ein staatliches ‚Streikverbot‘ her.”

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Wikipedia weiß 2011 ganz genau:

Alle Lebewesen verfügen über Schutzfunktionen – gegen eindringende Parasiten. Denn praktisch alle Organismen sind ständig den Einflüssen der belebten Umwelt ausgesetzt; manche dieser Einflüsse stellen eine Bedrohung dar: Wenn schädliche Mikroorganismen in den Körper eindringen, kann dies zu Funktionsstörungen und Krankheiten führen. Schon einfache Organismen besitzen einen solchen Abwehrmechanismus, die so genannte angeborene Immunabwehr. Die Wirbeltiere entwickelten zusätzlich eine komplexe so genannte adaptive Immunabwehr, die sie noch effektiver vor Krankheitserregern schützt.”

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Die im Urwald aufgewachsene Ethologin Catherina Rust schreibt in ihrem anrührenden Buch „Das Mädchen vom Amazonas“:

„Natürlich gab es Krokodile, unzählige Giftschlangen, Jaguare, Zecken, Parasiten, allerdings habe ich das als Kind nie so bedrohlich empfunden wie das heute klingen mag. Wer lernt, sich adäquat in seinem Umfeld zu bewegen, wie es die Indianer auch ganz selbstverständlich machen, ist kaum mehr in Gefahr als in einer durchschnittlichen europäischen Großstadt. Die schlimmsten Bedrohungen kamen meist durch Menschen. Christliche Missionare im Bekehrungswahn etwa…“

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Die Nachrichtenagenturen meldeten 2015:

„Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den gebürtigen Iren William C. Campbell, an Satoshi Omura (Japan) und an Youyou Tu (China). Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Campbell und Omura bekommen den Nobelpreis für ihre Parasiten-Forschung, Die Chinesin Youyou Tu für die Entdeckung einer neuartigen Therapie gegen Malaria.“

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Fast so lange wie ich denken kann, höre ich von Künstlern, dass sie parasitiert werden – und wie gemein das sei. An allen Ecken und Ende entdecken sie Kunstwerke, die zur Gänze oder zu Teilen von einer ihrer Arbeiten abgekupfert wurden- von ihren Ideen zehren. Bei freiberuflichen Erfindern geht diese Paranoia so weit, dass sie sich nicht einmal trauen, ihre Erfindung patentieren zu lassen, weil sie dann parasitiert werden könnte. Dagegen hilft nur ein Angewandter Nietzsche: „Ich aber lasse mich gerne betrügen, um mich nicht vor Betrügern schützen zu müssen.“

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Raubdrucke

Manchmal findet man noch eine Bibel, in der Luther gleich auf der ersten Seite die „reubischen Nachdrücker“ (seiner Bibelübersetzung) verflucht. „Sie verfelschet“ und „machens hin rips raps“. Genau solch einen Parasitismus warf der „Börsenverein des deutschen Buchhandels“ auch den Raubdruckern in der Studentenbewegung und danach vor. Mein liebster Raubdruck war damals ein Text des marxistischen Theoretikers Karl Korsch, auf dessen Umschlag „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ stand – mit Zeichnung. Laut dem Widerstandsforscher Hans-Dieter Heilmann gab es bereits 1967 einen Beschluß des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), dass Raubdrucken ok ist, wenn die Drucker dabei die Lektürebedürfnisse der antiautoritären Bewegung erwägen und ihre Profitinteressen mäßigen. Die „Literaturproduzenten“, wie sich die organisierten linken Autoren nannten, waren hin und her gerissen von der bald massenhaften Verletzung des geistigen Eigentums. Eine ähnliche Diskussion hatten wir kürzlich erneut, als es um das massenhafte Raubkopieren von Musikstücken ging – und die Mehrzahl der Musiker, auch wenn sie nicht direkt betroffen waren, das nicht lustig fand. Anders die Filmemacher in Nigeria: Sie haben sich darauf eingestellt, dass ihre Filme nur vier Wochen in den Kinos laufen, danach sind so viele Raubvideos im Umlauf, dass sie nichts mehr einspielen. Hierzulande hat sich die Plagiats-Debatte lehrerhaft auf Doktorarbeiten konzentriert, die Abgeschriebenes enthalten, was als voll verwerflich gilt. In den USA war das „Copyright“ bis 2002 kaum Thema, aber inzwischen sind die Rechtsanwälte und die Technik so weit, dass das Sampling in den USA als illegal klassifiziert wurde: „Die meist schwarzen Musiker brauchen nun Copyrights für jedes Bit,“ erklärte der Cyberspace-Jurist und Stanford-Professor Lawrence Lessig in einer Diskussion in Berlin. Es ging ihm darum, dass die Computertechnologie mit ihren ganzen Remix-Möglichkeiten zwar den „Kulturschaffenden“ neue Freiheiten eingeräumt habe, die Copyright-Gesetze diese jedoch wieder einschränken – und deswegen geändert werden müßten, um nicht ähnlich wie zu Zeiten der Prohibition eine wachsende Zahl von Menschen zu kriminalisieren. Der „Krieg gegen die Piraten“ (Raubkopierer) sei „im Prinzip McCarthyismus: ‚Wer das Urheberrecht in Frage stellt, ist ein Kommunist!‘ so drückte sich neulich ein US-Politiker aus.“

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Hinter dem „Copyright“ verbirgt sich in den USA ein Milliardengeschäft: Es geht dabei um das Patentieren von Lebewesen. 2012 erteilte das Europäische Patentamt (EPA) der US-Firma Altor ein Patent auf einen genveränderten Schimpansen – für Medikamenten-Tests. Nach Ansicht der Tierschützer verstößt die Patentierung eines dem Menschen technisch angeähnelten Affen gegen die ethischen Grenzen des Europäischen Patentrechts. „Es ist für mich eine schockierende Vorstellung, dass eine Firma in einem Menschenaffen nur noch ein technisches Instrument sieht“, sagte Jane Goodall, die Einspruch gegen die Patenterteilung erhob. Wenn ein US-Farmer Mais von Monsanto anbaut und daraus gewonnene Körner neu aussäht, ist er so etwas wie ein „Raubdrucker“, denn Monsanto hat den Mais patentieren lassen – zur einmaligen Aussaat.

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In dem neuen Buch „Von Marx zum Maulwurf“ des Historikers Uwe Sonnenberg geht es um die Geschichte des „Linken Buchhandels in Westdeutschland in den 1970er Jahren“ und dabei auch immer wieder um „Raubdrucke“. So wie einige Sprayer irgendwann anfingen, die Grafittis von anderen zu übersprühen, wurde davor irgendwann angefangen, auch Bücher von linken Verlagen zu raubdrucken. Gleichzeitig fragmentierte sich die linke Bewegung, reintegrierte sich massenhaft, und aus den Buchladenkollektiven, die sich aus Mensa-Verkaufstischen herausgemendelt hatten, wurden Einzelhandelsgeschäfte mit einem mehr oder weniger linken Sortiment. 1980 löste sich der „Verband linker Buchhändler“ auf. Es gibt zwar noch etliche linke Buchläden und Verlage und es machen auch immer wieder neue auf (wobei letztere z.B. in Tschechien oder China drucken lassen – von einer Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit ist nicht mehr die Rede), aber erst jetzt wird deutlich, dass es auch hierbei einen Bruch gibt: Die „Neuen“ verstehen sich z.T. gar nicht mehr als „links“. Und dies vor dem Hintergrund, dass man sichheute gar nicht mehr vorstellen kann, wie ein Diebstahl geistigen Eigentums in Form eines Raubdrucks von einem Juristen damit verteidigt wird, laut Uwe Sonnenberg, dass er eine „Publikationspflicht im Interesse der Allgemeinheit“ geltend macht. Es gibt keine (anschwellende) „Allgemeinheit“ mehr, sondern nur noch eine (konsumistische) Zerstreuung der selben. Mir machte neulich ein Rechtsanwalt im Namen seiner Frau das Raubdrucken ihres Oktopus-Kochrezepts zum Vorwurf.

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047

Ein italienischer Rinderzüchter bei Pretoria, der Padrone Lippo Lippi, mit seinem jungen indischen Mitarbeiter Cholem, der seinem Chef erst einmal zeigte, wie die Hindus mit Kühen umgehen. „Es hat aber nicht viel genützt,“ meinte er etwas resigniert, als er später einem Teil der Expeditionsteilnehmer die moderne Melkanlage der Farm zeigte.

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Kläranlagen

Exkremente sind wichtig für die Agrikultur, bemerkte schon Karl Marx. Nur weiß das in westlichen Ländern kaum noch jemand. „Die Düngestoffe des Menschen, der überwiegend auf große Städte konzentriert ist, werden verbrannt, vernichtet, besonders aber durch Kanäle und Flüsse fortgespült,“ schrieb der Biosoph Ernst Fuhrmann 1912 in einer kleinen Schrift über die Menschen und ihre Scheiße. Damals wurden in Berlin die Abwässer in Kanäle geleitet und über zwölf Pumpwerke auf Rieselfelder vor der Stadt verteilt, deren Wälle und Gräben man noch heute sieht. Sie wurden nach einer gewissen Zeit abschnittsweise bewirtschaftet – unter anderem baute man dort Gemüse an.

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Fuhrmann erwähnt die damalige Kritik an dieser Form der Entsorgung: Die Pflanzen würden schlecht gedeihen und schlecht schmecken. Er gibt jedoch zu bedenken, dass dieses Verfahren auch noch keine Umwandlung von Dung in Humus ist. Als die Nazis die Schrift des inzwischen exilierten Autors raubdruckten, zeigten sie darin bereits den Fortschritt: Einen Aufriss des 1931 gebauten Berliner Klärwerks in Stahnsdorf, das es noch heute gibt.

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Von den sechs Klärwerken der Stadt besitzt jedoch keins eine „Klärschlammvererdungsanlage“, so dass die Trockenmasse in den Faultürmen, wo sie zunächst mit bakterieller Hilfe Methan freisetzt, am Ende verbrannt wird, damit jedoch noch einmal Strom liefert. Die Klärwerke decken dadurch zwar 50 Prozent ihres Eigenbedarfs, aber Humus wird aus der Scheiße nicht. Man sagt, das sei auch nicht erwünscht, denn der Klärschlamm enthalte Schwermetalle, Medikamentenrückstände, unliebsame Keime…

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Neuerdings hat man sogar Gold darin entdeckt. Eine EU-Verordnung besagt: Wenn die Klärschlämme hinsichtlich des Schadstoffgehalts die Vorschriften erfüllen und hinsichtlich der Nährstoffgehalte den Vorgaben der Düngemittelverordnung entsprechen, dürfen sie auf die Äcker gebracht werden, auf Grünland und Gemüseanbauflächen dagegen nicht. 90 Prozent der weltweit anfallenden Scheiße wird ungeklärt in Gewässer geleitet. Allein in Indien sind das 26 Milliarden Liter täglich. Hinzu kommt noch, dass dort der wertvolle Kuhdung zum Heizen verwendet wird: Zwei Millionen Tonnen täglich. Bis zu ihrer Elektrifizierung wurde im übrigen auch auf den friesischen Halligen mit getrockneten Kuhfladen (Ditten) geheizt.

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Anders in China, Korea und Japan. Diese drei Agrarländer, deren Bevölkerung sich weitgehend vegetarisch ernährt, wandeln seit Jahrtausenden ihre Fäkalien wertschöpfend in „Muttererde“ um. Seit Anfang der Fünfzigerjahre entstanden in China die ersten Biogasanlagen auf Basis von Fäkalien.

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Während der Kulturrevolution übernahmen „freiwillige Brigaden“ Transport und Verteilung. Wissenschaftler, die man damals aufs Land schickte, wurden von den Kommunen gelegentlich zum Scheißesammeln auf den Landstraßen eingesetzt – eine Tätigkeit, die viele als besonders demütigend ansahen, was die Bauern als arrogant empfanden. Wer den Wert dieses kostbaren Düngers zu schätzen weiß, dem stinkt er nicht! Früher war der Landwirt mit dem größten Misthaufen auch hierzulande noch stolz darauf. Jetzt zwingen ihn die aufs Land gezogenen Städter, den Mist wegen des Gestanks und der Fliegen auf dem Feld zu lagern.

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Die modernen Bürger zahlen immer mehr für die Entsorgung ihrer Exkremente, schreibt der Berliner Autor Florian Werner in seiner „Geschichte der Scheiße: Dunkle Materie“ (2011): „Scham und Ekelgefühle setzten sich gegenüber den Geldinteressen durch – ein in der Geschichte der westlichen Zivilisation vielleicht einmaliger Vorgang.“

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Dabei wusste man schon in der Antike, das der „Menschenkot“ ein hervorragender Dünger ist. Mit der Renaissance wurden dann auch erneut Fäkalien zur Bodenverbesserung eingesetzt. Noch im 19. Jahrhundert versteigerte die Stadt Karlsruhe laut Werner ihre Fäkalien meistbietend an die örtlichen Landwirte. Pferdemist wurde auch später noch von Schrebergärtnern hoch geschätzt – aber dann verschwanden die letzten Brauereipferde.

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In den USA war der Humusverlust in der industrialisierten Landwirtschaft und mit Rodung des Präriegrases um die Jahrhundertwende so weit fortgeschritten, dass die Bodenkundler des Landwirtschaftsministeriums Alarm schlugen.

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In Deutschland gehen in der Landwirtschaft im Durchschnitt pro Jahr und Hektar zehn Tonnen fruchtbarer Boden durch Erosion und Humusabbau verloren. Dem gegenüber steht ein jährlicher natürlicher Bodenzuwachs von nur etwa einer halben Tonne pro Hektar. Weltweit sind es mehr als 24 Milliarden Tonnen, die jährlich durch Erosion abgetragen werden.

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Mancher Bauer denkt, Kuhdung statt Kunstdünger wäre schon bio – der kurze Weg vom Dung zum Erhabenen. Zur Humifizierung biologischer Abfälle gehört jedoch weitaus mehr. Das wusste auch die Mikrobiologin Annie Francé-Harrar, die ihre Forschungen über Bodenorganismen bereits in den Zwanzigerjahren veröffentlichte.

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Wir stehen vor einem Abgrund, denn Humus war und ist nicht nur der Urernährer der ganzen Welt, sondern auch der alles Irdische umfassende Lebensraum, auf den alles Lebende angewiesen ist.“ Um den Humus zu erhalten, müssen wir die Mikroorganismen im Boden, die ihn schaffen und von denen die Pflanzen abhängen, von denen wiederum wir abhängen, studieren und kennen, um sie bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen und nicht – wie jetzt noch – permanent behindern: „Seit Jahrhunderten haben wir unsere Böden kaputt gemacht.“

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Während die Mikrobiologin die Ursache des zunehmenden Humusverlusts vor allem im Rückgang der Wälder und der damit zusammenhängenden Bodenerosion sah, hält die Tierärztin Anita Idel die Reduzierung von Weideland und damit die Zerstörung der Verbindung, der „Ko-Evolution“, von Gras und Wiederkäuer für die Ursache.

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Ein Schutz der Graslandschaften – Steppen, Savannen, Prärien, Tundren und Pampas – durch nachhaltige Beweidung erhalte deren noch weltweit größte Kohlendioxid-Speicherkapazität und trage wesentlich zur Humusbildung bei, schreibt sie in ihrem Buch „Kühe sind keine Klimakiller“ (2010).

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In Europa weiß man seit Homer, dass und wie Arkadiens Wälder für den Schiffsbau vernichtet wurden. 400 Jahre später beschrieb Platon in seinem „Kritias“ die Folgen: Durch Erosion und Humusschwund „übriggeblieben sind nun im Vergleich zu einst nur die Knochen eines erkrankten Körpers, nachdem ringsum fortgeflossen ist, was vom Boden fett und weich war, und nur der dürre Körper des Landes übrig blieb.“

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Als Immer-noch-Griechen kümmern wir uns aber lieber um den eigenen Körper: „Feuchtgebiete“ nannte Charlotte Roche ihren Roman, der unter anderem von Analerotik und Exkrementophilie handelt. „Darm mit Charme“ hieß 2014 ein Bestseller von Giulia Enders, in dem es darum geht, dass der halbe Kreislauf vom Essen zur Scheiße funktioniert – die andere Hälfte, der unterbrochene Kreislauf von der Scheiße zum Essen, bleibt gewissermaßen außen vor.

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Die Funktion von Bakterien und Regenwürmer in der kalifornischen Abwasserkläranlage „Calera Creek Water Recycling Plant“ – aus einem Bericht der Gärtnerin Amy Stewart (in: „Der Regenwurm ist immer der Gärtner“ – 2015):

Die Haushaltsabwässer, bestimmte Industrieabwässer und das Regenwasser aus den Gullys der Stadt fließen zunächst in eine Pumpstation der Anlage, in der Filter größere Objekte aussortieren.

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Sodann wird das Abwasser in fünf unterirdische Kammern (Sequencing Batch Reactors – SBRs) gepumpt, die jeweils 4,5 Mio Liter fassen. Dort machen sich Bakterien über die ungeklärten Abwässer her.

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Dazu wird Luft in die sich füllenden Kammern gepumpt. „Dies ruft bei den Bakterien eine Reaktion hervor, die Ammoniak in Nitrat umwandelt. Ist die Luft hineingepumpt, wird das Nitrat durch Mischen in gasförmigen Stickstoff umgewandelt – der über ein Luftfiltersystem entlassen wird.

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Dann wird der Mischvorgang angehalten, so dass die Feststoffe auf den Tankboden absinken können. Die Bakterien brauchten für „ihre Arbeit“ 75 Minuten.

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Danach zieht ein „Dekanter“ das Wasser ab. Es wird in lange Reihen von Betonbecken geleitet, die kaskadenartig angelegt sind, dort werden die größeren Partikel aus dem Wasser entfernt. Dahinter wird es in ein „UV-Desinfektionssystem“ gepumpt, die Feststoffe werden in einen „Haltetank“ gesaugt. Damit ist der „SBR-Vorgang“, der insgesamt 5 Stunden dauert, abgeschlossen.

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Täglich rauschen 12 Millionen Liter Wasser unter den UV-Lampen durch. „Durch dieses Verfahren können die cloriformen Bakterien ohne Verwendung von Chlor entnommen werden. Fließregulatoren überwachen die Geschwindigkeit, mit der das Wasser in das Netz der aus der Anlage führenden Bewässerungsrohre eingeleitet wird.“ Es gibt allerdings auch „gute cloriforme Bakterien,“ erklärte der Leiter der Anlage der Autorin, „aber wir nehmen sie alle heraus, unterschiedlos,“ was er manchmal bedauert.

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(Ähnlich ist es bei der Milch, die „keimfrei“ gemacht wird: „Die zulässigen Keimzahlen wurden mehrmals herabgesetzt. Aber bei der Ermittlung der Keimzahl wird nicht unterschieden zwischen gefährlichen und nützlichen Keimen, entscheidend ist nur die Zahl. So wurde Sterilität zum Wert an sich. Das Narliche wird zur Gefahrenquelle, das künstlich Sterile zur Norm,“ wie die Sozialwissenschaftlerin Cordula Kropp in einem Aufsatz über die Milchwirtschaft, speziell über das Produkt „Bio-Milch“ kritisiert ( abgedruckt in dem Sammelband: „Verschwindet die Natur?“ 2006.)

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Zurück zur Abwasserkläranlage: Das Wasser fließt durch die Bewässerungsrohre zur „abschließenden Reinigung“ in ein angelegtes, halb renaturiertes „Feuchtgebiet“ – mit Sumpfpflanzen, Fröschen, Schlangen, Vögeln usw.. Während jährlich 25.000 Hektar Feuchtgebiete in den USA verschwinden, legen gleichzeitig immer mehr Abwasserkläranlagen neue Feuchtgebiete an, um dem gereinigten Wasser den „letzten Schliff“ zu geben. „Inzwischen ist ein derart künstlich hergestelltes Feuchtbiotop die Traumlösung für jede Bürgerinitiative.“ Es gibt auch immer mehr „Feuchtgebietsexperten, sie haben hier ein neues System zur Bewertung von Feuchtgebieten“ angewandt und „Pflanzlisten“ erstellt, zuvor erkundet sie, welche Pflanzen und Tiere ein Feuchtgebiet überhaupt benötigt. Der für die Anlage des Feuchtgebiets am „Calera-Creek-Werk“ Verantwortliche erklärte: „Ich musste die Männer immer wieder daran erinnern, dass sie nicht in geraden Reihen pflanzten. Was wir hier anzulegen versuchen, ist Chaos. Es muss wild sein.“ Fünf Jahre lang wird die Entwicklung überwacht, „dann wird das Feuchtgebiet mehr oder weniger sich selbst überlassen.“ Es kommen dann immer mehr „Hobbyornithologen, um die Vögel zu zählen.“

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Der im Tank des Klärwerks gelagerte flüssige Schlamm wird zu ATADs (Autothermal thermophilic aerobic digestion) befördert – eine in Deutschland in den Siebzigerjahren entwickelte Verfahrenstechnik. Der Schlamm aus den ATADs wird von der US-Umweltschutzbehörde als „Qualitätsklasse A“ klassifiziert, weil darin die thermophilen oder auch wärmeliebenden Bakterien die fäkalen coliformen Bakterien, die Salmonellen und Spulwurmeier abgetötet haben, während der Schlamm auf 70 Grad Celsius erhitzt wurde.

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In den ATADs bleiben die „Biofeststoffe“ neun Tage, „sie arbeiten sich von einem Faulbehälter zum nächsten voran, bevor sie dann in eine Zentrifuge gepumpt werden, die ihnen weiteres Wasser entzieht.“

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Von da aus gelangen die Biofeststoffe über eine Schütte auf Lastwagen, die sie auf eine Deponie bringen. Weil sie stark nach Ammoniak riechen, will man eventuell davor noch einen weiteren Verfahrensschritt einbauen, mit dem die Biofeststoffe heruntergekühlt werden, so dass man Nitrifikanten auf sie ansetzen kann, „um das Ammoniakniveau abzusenken – und die Biofeststoffe erst danach durch die Zentrifuge schicken. Bei den höheren Temperaturen können die Bakterien, die das Ammoniak verzehren, einfach nicht überleben.“

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Würde man Abnehmer für die Biofeststoffe finden, die jetzt noch auf der Deponie landen, würde die Stadt 100.000 Dollar im Jahr sparen. Aber sie stinken zu sehr. Früher landete allerlei organischer Abfall auf den Deponien, wovon sich jede Menge Füchse, Ratten, Rabenvögel und Möven ernährten – in den USA ebenso wie in Deutschland. Aber, wie man mir bei der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Abteilung Abfallwirtschaft (Referat IX B) mitteilte, „hat seit 2005 mit der Änderung des Deponierechts eine neue Ära bei der Abfalldeponierung begonnen. Seit diesem Zeitpunkt ist es in Deutschland verboten, Abfälle mit hohen organischen Anteilen zu deponieren. D.h. organische Bestandteile tierischer oder pflanzlicher Herkunft wie zum Beispiel Nahrungsmittel- und Küchenabfälle aus Haushalten, Gaststätten, Cateringgewerbe, Einzelhandel und Verarbeitungen im Nahrungsmittelgewerbe, aber auch Garten- und Parkabfälle müssen seit 2005 grundsätzlich vor der Deponierung aus dem Müll entfernt werden. Dies erfolgt im Land Berlin beispielsweise durch die getrennte Erfassung am Anfallort bzw. durch Sortierung und nachfolgende Vergärung bzw. Kompostierung. Mit dem Verschwinden u.a. der Nahrungs- und Küchenabfälle auf Deponien sind in der Regel auch die entsprechenden Tiergruppen von den Deponien abgewandert.“ Das alles begann mit dem hessischen Umweltminister Fischer, als er in den Achtzigerjahren verkündete: „Die Mehrkomponenten-Wertstofftone ist eine völlige Sackgasse!“

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Um die Biofeststoffe nicht auf Deponien zu endlagern, sondern zu einem begehrten Humus weiter zu verarbeiten, den man als „Regenwurmhumus aus einer Wasserrecyclingsanlage“ verkaufen will – zur Bodenverbesserung auf Äckern und in Gärten, werden gewissermaßen Beete (Schwaden) hinter der Abwasserkläranlage eingerichtet: eine „Wurmfarm“. „Wenn Regenwürmer die Biofeststoffe nach Verlassen der Anlage bearbeiten, wird sich der Geruch reduzieren, die Struktur wird gleichmäßiger und das Endprodukt sogar noch nährstoffreicher sein.“ Das Problem dabei ist: im Biofeststoff sind erst einmal alle Mikroorganismen abgetötet, die die Würmer jedoch als Nahrung brauchen. Deswegen muß der Biofeststoff mit Lebensmittelabfällen und Grünabfällen (Rasenschnitt z.B.) vermischt werden, außerdem brauchen die Würmer eine Temperatur zwischen 15 und 21 Grad Celsius in den „Beeten“. Und dann sind sie auch noch empfindlich gegen Salz und Ammoniak – „hier lag das eigentliche Problem“. Die in Schwaden gelegte Biofeststoffmasse braucht eine Woche, um abzukühlen, währenddessen verflüchtigt sich ein Teil des Ammoniaks. Man fragte sich: Soll man den Regenwürmern zuliebe vielleicht alle Schwaden einige Wochen ausdünsten lassen? Der Leiter der Wurmfarm „kann mit jeder neuen Ladung experimentieren, bis er herausbekommen hat, was für die Würmer gut ist.“ Für manche Schadstoffe, die vielleicht noch in den Biofeststoffen sind (Schwermetalle z.B.), können die Regenwürmer „Bioindikatoren“ sein. Für die Autorin „haben die Regenwürmer die Macht, menschliche Abfälle in Erde zurückzuverwandeln, in etwas, in dem der Kreislauf [Zyklus] wieder von Neuem beginnt.“

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Es gibt eine Untersuchung darüber, wie man in Teilen Asiens mit dem Humusverlust auf Äckern und in Gärten umgeht – ein Klassiker mittlerweile: Der Leiter der Abteilung für Bodenbearbeitung im US-Landwirtschaftsministerium, Franklin H. King, bereiste 1909 mit einem Team von Mitarbeitern China, Korea und Japan, sein begeisterter Bericht: „4000 Jahre Landbau“ erschien 1911 (auf Deutsch zuletzt 1984). Der Autor kommt darin zu der Überzeugung, dass die amerikanische Landwirtschaft unbedingt von der in China, Korea und Japan lernen muss. „In Amerika verbrennen wir ungeheure Mengen Stroh und Maisstrünke: weg damit! Kein Gedanke daran, dass damit wertvolle Pflanzennährstoffe in alle Winde zerstreut werden. Leichtsinnige Verschwendung bei uns, dagegen Fleiß und Bedächtigkeit, ja fast Ehrfurcht dort beim Sparen und Bewahren.“ Noch mehr galt das für den Umgang mit Fäkalien. Er wird auf Schiffen zusammen mit Schlamm auf Kalen transportiert, an Land gelagert, dann in Gruben an den Äckern geschüttet, wobei man dazwischen Lagen mit geschnittenem Klee packt (für die Regenwürmer?) und „das Ganze immer wieder mit Kanalwasser ansättigt. Dies lässt man nun 20 oder 30 Tage fermentieren, dann wird das mit Schlamm vergorene Material über den Acker verteilt.“ Die US-Agrarforscher hielten die „landbaulichen Verfahren“ der Chinesen, Koreaner und Japaner, mit denen sie „jahrhundertelang, praktisch lückenlos, alle Abfälle gesammelt und in bewundernswerter Art zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und Erzeugung von Nahrungsmitteln verwertet haben, für die bedeutendste Leistung der drei Kulturvölker.“ Wenn man sie studieren will, „dann muss man auf das achten, was uns die Hauptsache zu sein scheint, dass nämlich unter den Bauern, die die dortigen dichten Bevölkerungen jetzt ernähren und früher ernährt haben, richtiges, klares und hartes Denken Brauch ist.“

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Eine Nachricht auf „pflanzenforschung.de“ 2010: „Aufgrund des übermäßigen Einsatzes von Stickstoffdünger werden Chinas landwirtschaftliche Flächen immer saurer und bringen immer weniger Ertrag. Laut Experten könnte das in Zukunft die Lebensmittelproduktion Chinas gefährden.“ Greenpeace erklärte dazu: „Das Land hat seine Landwirtschaft mit großem Aufwand industrialisiert und mittlerweile einen Anteil von 34 Prozent am weltweiten Bedarf für Phosphor-Düngemittel. Die meisten werden im Land selber produziert.“ Die chinesische Landwirtschaft verbraucht heute 36,7 Millionen Tonnen jährlich. Flankierend dazu eine Wirtschaftsmeldung von 2013: „Schlechte Nachrichten für die Kali+Salz AG. China steigt beim russischen Düngemittelriesen Uralkali ein und schürt damit neue Spekulationen über die Machtverteilung in der Branche. Da die Volksrepublik zu den größten Konsumenten von Kali-Düngern gehört, wird es aus Sicht von Experten wahrscheinlicher, dass Uralkali die Preise wie angekündigt drückt und dies durch größere Verkaufsmengen wettmacht – unter anderem in China.“

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Es scheint, dass die chinesische Landwirtschaft seit Deng Xiaopings Privatisierungsparole „Bereichert Euch!“ (1983) kein Vorbild mehr für Amerika ist, sondern umgekehrt. Ein Machtwort von Mao tse Tung lautete einst: „Kuhmist ist wichtiger als Dogmen!“ Das bezog sich auf die Düngung der Felder. Vor der Revolution mussten Landarbeiter sich verpflichten, die Toilette des Gutsbesitzers zu benutzen. An den Landstraßen standen Töpfe. Sie wurden regelmäßig geleert. Fäkalien waren ein Handelsgut, man konnte sie portionsweise auf dem Markt kaufen. Unternehmer zahlten viel Geld, um die Exkremente ganzer Städte einzusammeln und an die Bauern zu verkaufen. Man weiß oder wußte dort, da jede Pflanze Humus verbraucht, muss vor allem in der Landwirtschaft der Humus immer wieder ersetzt werden.

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Das Klärwerk Waßmannsdorf

Dort machen die Berliner Wasserbetriebe aus einer stinkenden Brühe klares Wasser – und noch mehr. Unter anderem holen sie eine Substanz heraus, an der in Zukunft weltweit Mangel herrschen könnte: Phosphor, der als Dünger gefragt ist. Eine Betriebsbesichtigung der taz von Claudius Prösser:

Dafür, dass sie die Scheiße von einer Million Menschen enthält, riecht die Brühe ziemlich dezent. Wie modriger Keller vielleicht. Die olfaktorische Zumutung wird auch durch den Wind verdünnt, der an diesem wolkenverhangenen Sommertag über das Klärwerk in Waßmannsdorf bläst und den aufflatternden Möwen unters Gefieder greift. „Die sind hier nicht wegzudenken“, sagt Ingenieur Rainer Wisniewski mit Blick auf die Vögel, die einen Beckenrand weiter wieder zur Landung ansetzen, „irgendwas finden sie eben immer.“

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Dabei ist an dieser Stelle der riesigen Anlage, wo das Abwasser sichtbar durch breite Betonrinnen strömt, das Gröbste längst entfernt: Grob- und Feinrechen haben Binden, Feuchttücher, Kondome und andere Feststoffe herausgegabelt, auch Sand und Fettklumpen sind bereits eliminiert. Was jetzt noch schwarzbraun in den trüben Fluten wabert, sind die gelösten Fäkalien, aber auch hin und wieder ein paar Obstsamen oder weiche Essensreste, die durchaus das Interesse einer Möwe wecken können.

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Mit einem Durchfluss von 230.000 Kubikmetern an trockenen Tagen ist das Klärwerk im Schönefelder Ortsteil Waßmannsdorf, zwischen dem südlichen Berliner Stadtrand und dem BER gelegen, das zweitgrößte der Berliner Wasserbetriebe nach Ruhleben. Das Abwasser kommt größtenteils aus Berlin, aber auch aus den umliegenden Brandenburger Gemeinden. Das „Klarwasser“, das am Ende seinen Weg zum Teltowkanal und über diesen zur Havel nimmt, sollte man nicht unbedingt trinken, sieht aber tatsächlich so aus, wie es heißt. Das Unappetitliche darin hat sich als Kohlendioxid und Stickstoff in die Luft verflüchtigt, als Methan im werkseigenen Kraftwerk Strom und Wärme erzeugt oder ist als dampfende, schwarze Pampe – entwässerter Klärschlamm – zur Verbrennung in andere Kraftwerken abgefahren worden. Und dann lagert noch ein ziemlich kleiner Teil in ein paar grünen Containern. Ein ganz spezieller Teil. Seinetwegen sind wir heute hier.

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Ein Blick in die Behälter offenbart ein sandähnliches Granulat, kristalline Körnchen in ganz unterschiedlichen Formen. Etwas feucht ist es und geruchsneutral. Um zu verstehen, worum es sich dabei handelt, um die wirtschaftliche, ja gesellschaftliche und sogar politische Bedeutung dieser Substanz angemessen zu würdigen, müssen wir etwas allgemeiner werden.

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Städtisches Abwasser, dieser in Trinkwasser gelöste Mix von menschlichen Ausscheidungen, Schmutz aus Küche und Bad sowie Reinigungsmitteln, ist eine wertvolle Ressource – jedenfalls wenn man richtig damit umgeht. Vor gar nicht allzu langer Zeit landete die stinkende Mischung noch unbehandelt in der Natur – das letzte Rieselfeld am Rande Berlins wurde erst 1985 aufgegeben. Heute eliminieren sechs Klärwerke mit ihrer Kombination aus mechanischer, biologischer und chemischer Behandlung praktisch alle festen Bestandteile, und im Laufe der Zeit gelingt es immer besser, das energetische Potenzial zu erschließen, das in ihnen steckt.

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Aber auch wichtige Nährstoffe stecken im Klärschlamm: vor allem Stickstoff und Phosphor. Die Elemente sind – im Wortsinn – Teil unserer DNA, Pflanzen und Tiere brauchen sie, um zu wachsen. Deshalb sind sie in den Düngemitteln enthalten, mit denen die Fruchtbarkeit von Böden erhalten wird. Während sich aber heute Nitrate – Stickstoffsalze – problemlos synthetisieren lassen, sind die Phosphate ein Problemfall: fossile und vor allem endliche Rohstoffe, die weltweit nur in einer Handvoll Länder vorkommen. Die größten Reserven liegen in Marokko, Südafrika, China und den USA. Noch streiten sich ExpertInnen über den Zeitpunkt, aber irgendwann in den nächsten hundert Jahren könnten die Lager erschöpft sein, die sich wirtschaftlich abbauen lassen – von den Umweltbelastungen, die damit zusammenhängen, ganz abgesehen. Die EU-Kommission stuft Phosphatgestein als „kritischen Rohstoff“ ein.

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Jede und jeder von uns verzehrt Tag für Tag winzige Mengen Phosphor und scheidet das allermeiste wieder aus. Nachhaltig wäre es, diese Mengen wieder den Böden zuzuführen, dem die Pflanzen sie ursprünglich entzogen haben. Über die Verwendung von Klärschlamm als Düngemittel ist das im Prinzip auch möglich. Aber Klärschlamm hat auch viele ungünstige Eigenschaften. Derjenige, der bei den Berliner Wasserbetrieben anfällt, darf gar nicht auf dem Feld ausgebracht werden: Die Metropole sondert zu viele Schadstoffe ab, die bei der Lebensmittelerzeugung nichts zu suchen haben. In Waßmannsdorf wird der wertvolle Phosphor trotzdem zum Dünger gemacht – es ist das Granulat in den grünen Containern. Das Verfahren zu seiner Herstellung haben die Wasserbetriebe entwickelt und patentieren lassen, es kann künftig noch eine wichtige Rolle spielen.

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Und wie genau funktioniert das? „Die Becken sind voller Mikroorganismen, die unterschiedliche organische Verbindungen aufknacken können“, erklärt Rainer Wisniewski. „Bestimmte Bakterienstämme kümmern sich um die Phosphate.“ Der Ingenieur, der seit über 40 Jahren für die Wasserbetriebe tätig ist, deutet auf eines der Betonbecken, durch das die braune Suppe mäandert. Ab einer bestimmten Stelle wird die glatte Oberfläche durch Luftdüsen aufgewirbelt, es schäumt und flockt.

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All das hat seinen Sinn: Im anaeroben, also sauerstoffarmen Teil des Rinnensystems sind die winzigen Helfer unter „Stress“ gesetzt worden. Weil sie nicht atmen können, erzeugen sie Energie, indem sie die in ihren Zellen eingelagerten Phosphate ins Wasser abgeben. Wenn sie in den luftdurchströmten Bereich gelangen, können sie die Phosphate wieder einlagern – und siehe da, sie nehmen mehr auf, als sie abgegeben haben. Myriaden von Bakterien mit Phosphor im Bauch stecken am Ende im Klärschlamm, der sich absetzt. „Biologische Phosphorelimination“ nennt sich der Trick, oder einfach „Bio-P“.

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Aus einer kleinen Halle ragt ein riesiger, zylindrischer Behälter. Dass der oben offen ist und darin dunkelbrauner, noch relativ flüssiger Schlamm wild blubbert, sieht man erst, wenn man mit dem Aufzug auf einen der 40 Meter hohen bauchigen Faultürme nebenan fährt. Es ist der sogenannte MAP-Reaktor. Der von den Bakterien gebundene Phosphor reagiert mit der zugeführten Chemikalie Magnesiumchlorid zu Magnesiumammoniumphosphat (MAP): die feucht verklumpten Kristalle, die unten in der Halle aus einem Rohr in einen Auffangbehälter fallen. Das ausgesprochen schadstoffarme MAP, im Schnitt etwas mehr als eine Tonne am Tag, wird an Düngemittelhersteller verkauft. Aber man kann es auch als Merchandising-Produkt „Berliner Pflanze“ bei den Wasserbetrieben erwerben: trocken und rieselfähig in Plastiktöpfchen verpackt, 5 Kilo à 10 Euro. Tatsächlich eignet es sich hervorragend zur Ertragssteigerung im Garten oder auf dem Balkon.

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Die Wasserbetriebe haben sich die MAP-Technologie national und international patentieren lassen, einige Betreiber von Kläranlagen in Deutschland und Holland haben die Lizenz bereits erworben. Die Pointe ist, dass am Anfang gar nicht die Idee stand, ein Düngemittel zu produzieren. Vielmehr, erklärt Rainer Wisniewski, bereitete die biologische Phosphorelimination dem 1998 fertiggestellten Waßmannsdorfer Werk schon bald heftige technische Probleme: Die Phosphate kristallisierten ungeplant in den Rohrleitungen aus und setzten diese zu, immer wieder drohte der Klärschlamminfarkt. Der MAP-Reaktor schuf eine Win-win-Situation: Die gesamte Anlage funktioniert damit tadellos und wirft auch noch ein sinnvolles und vermarktbares Produkt ab. Seit 2008 ist die „Berliner Pflanze“ ganz offiziell als Düngemittel zugelassen.

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Zurzeit wächst das Lager übrigens an. Grund ist die schwächelnde Nachfrage nach Düngemitteln, Wisniewskis Kollege Andreas Lengemann sieht den Anlass dafür in den schlechten Preisen für landwirtschaftliche Produkte wie Milch und Getreide: „Die Landwirte, die damit keine Gewinne machen können, sparen dann wenigstens bei den Düngemitteln.“ Noch gibt es genügend Kapazität zur Aufbewahrung, zur Not müssen die Wasserbetriebe irgendwann beim Preis nachgeben.

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In jedem Fall werden Methoden wie das MAP-Verfahren immer wichtiger. Das Bundesumweltministerium arbeitet seit einiger Zeit an einer Novelle der Klärschlammverordnung. Wenn die erst einmal verabschiedet ist, wird die Rückgewinnung von Phosphor aus Klärschlämmen bis 2025 zur Pflicht für alle größeren Kläranlagen. Die gewonnene Menge könnte rein rechnerisch mehr als die Hälfte des Bedarfs der deutschen Landwirtschaft an Mineraldüngerphosphat decken, heißt aus dem Bundesumweltministerium.

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Zwar kann das kostbare Element auch aus der Asche verbrannter Klärschlämme extrahiert werden, das MAP-Verfahren ist jedoch kostengünstiger – und vor allem erprobt.

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Für die übrigen fünf Klärwerke der Berliner Wasserbetriebe ist das eigene Verfahren allerdings noch keine Option: Sie wenden kein „Bio-P“ an, sondern fällen den Phosphor gleich chemisch aus. Als Düngemittel ist er so aber nicht nutzbar. Auch auf die Wasserbetriebe kommen also in jedem Fall noch beträchtliche Investitionen zu.

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Aber wer weiß, vielleicht bewahrheitet sich auch die optimistische Prognose von Unternehmenssprecher Stephan Natz, der an die große Innovationskraft der Branche glaubt: „Zurzeit vernichten wir mit hohem Aufwand Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor“, erklärt Natz. „In zwanzig Jahren können Klärwerke vielleicht schon Kleinstädte mit Strom beliefern.“

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Dieser türkische Schuhputzer in Johannesburg, dem Ein- und Ausgangspunkt der Reise, war früher stolzer Besitzer einer Obstbaumplantage, „zu stolz“, wie er zähneknirschend zugab. „Südafrika hat sich stark verändert, vor allem für Weiße,“ fügte er hinzu.

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Bauern

Bauern und Handwerker: „Das Salz der Erde“ (Matthäus 5,13). Im „Ulysses“ von James Joyce heißt es: „Die Bewegungen, die in der Welt Revolutionen hervorbringen, werden aus den Träumen und Visionen im Herzen eines Bauern auf dem Hügel geboren.“ Aus den Handwerkern und Bauern wurden erst Schuldsklaven, dann Leibeigene, schließlich Arbeiter und nun Dienstleister oder prekäre Jobber. Noch heute geben jedes Jahr hunderte Landwirte in Deutschland auf. In Portugal schrieb der Philosoph Almeida Garrett über die zunehmende Verarmung: „Ich frage jene, die sich der politischen Ökonomie verschrieben haben, ich frage die Moralisten, ob sie schon die Zahl der Menschen berechnet haben, die zum Elend verdammt sind, zu unverhältnismäßigen Arbeitsleistungen, zu Demoralisierung, Schmach, Unwissenheit und zum Ruin, zu unüberwindbarem Unglück und absoluter Entbehrung – nur um einen einzigen Reichen zu produzieren.“

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Die Ökonomie der kleinen Bauernwirtschaften und der unabhängigen Handwerksbetriebe die beide – nach Marx‘ berühmter Fußnote – „die ökonomische Grundlage der klassischen Gemeinwesen in ihrer besten Zeit bilden,“ entsteht im Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit, „nachdem sich das ursprünglich orientalische Gemeinwesen aufgelöst und bevor sich die Sklaverei der Produktion ernsthaft bemächtigt hat“. Im Eisenzeitalter tragen die Einzelwirtschaften die Verantwortung für ihre Selbsterhaltung. Hierbei findet der Übergang vom Gaben- zum Warentausch statt. Wobei sie sich, wie der Ethnologe Bronislaw Malinowski auf den Trobriand-Inseln feststellte, noch lange weigerten, zu rechnen und an ihrer alten „Anökonomie“, ein Begriff des Philosophen Jacques Derrida, festhielten, die eben nicht „ökonomisch“ ist, sondern gemeinschaftlich ausbalanciert war. Noch heute wird immer wieder versucht, sich gemeinschaftlich auszubalancieren. Z.B. bei den von Frauen gegründeten Genossenschaften der Viehzüchter in der Wüste Gobi: Dort arbeiteten sie erst einmal alle in Betrieben, um mit dem Geld für die inzwischen Verarmten unter ihnen Vieh zu kaufen, so dass sie beim wirtschaftlichen Beginn ihrer Genossenschaft alle in etwa gleich viel besaßen. Hierzulande stirbt jeder Bauer für sich alleine. Ihre Wirtschaftsweise ist zu unterschiedlich geworden als das sie sich vereinigen könnten. Sogar kleinste Maschinenringe, etwa für die gemeinsame Anschaffung eines Mähdreschers, der nur wenige Wochen im Jahr gebraucht wird, heißen bloß bei Schlechtwetter „Eintracht“ – bei gutem „Zwietracht“, weil dann alle zur selben Zeit dreschen wollen.

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Die organisatorische Kraft der Arbeiter beruhte auf ihrer Gleichheit – gegenüber dem Kapital. Bei den letzten Bauern kommen neben der Ungleichheit untereinander auch noch die Unterschiedlichkeiten beim Wirtschaften hinzu. Selbst unter den Biobauern gibt es fast so viele Wirtschaftsstile wie Höfe. Das machte ja gerade den Reiz der Landwirtschaft aus – „in ihrer besten Zeit“.

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Dass diese wiederkommt, dafür wurde kürzlich demonstriert, aufgrufen vom Bündnis „Wir haben es satt!“ Womit die „industrielle Landwirtschaft & Lebensmittelproduktion“ gemeint ist, gegen die eine „Förderung der bäuerlichen Betriebe“ verlangt wird. In den ersten Jahren hatten sich dazu auch die Vegetarier und Veganer bekann. Inzwischen hadern sie jedoch auch mit den „bäuerlichen Betrieben“, in denen die Tiere ebenfalls ausgebeutet und getötet werden.

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„Wir werden von dem Aberwitz abkommen, ein ganzes Huhn zu züchten, nur um die Brust oder den Flügel zu essen, und diese stattdessen in einem geeigneten Medium züchten“, versicherte Winston Churchill 1932. Kürzlich gelang es holländischen Forschern tatsächlich, künstliches Rindfleisch herzustellen – indem sie Zellen aus dem Muskelgewebe einer Kuh isolierten und sie in einer Nährlösung zu kleinen Muskelstreifen heranwachsen ließen. Diese schichteten sie übereinander, würzten sie und brieten sie zu einer Frikadelle. Ihre Entwicklung kostete 250.000 Euro, aber die Forscher meinen, dass die Konsumenten das künstlich hergestellte Fleisch, wenn es billiger wird, annehmen werden – aus ökologischen Gründen. Eine industrielle Herstellung von Laborfleisch würde im Vergleich zu herkömmlichem europäischen Fleisch 99 Prozent weniger Land und je nach Tierart 7 bis 45 Prozent weniger Energie sowie 82 bis 96 Prozent weniger Wasser verbrauchen, die Einsparung von Treibhausgasen läge zwischen 78 und 96 Prozent. Der deutsche Tierethiker Jörg Luy, ehemals Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierverhalten an der Freien Universität Berlin, ist davon überzeugt, dass sich das „In-Vitro-Fleisch nach einigen Startschwierigkeiten durchsetzen wird“.

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Dieser Farmer, Eduard Kröchel, ein gebürtiger Österreicher, dessen Vater aus alter Naziverbundenheit nach Südafrika auswanderte 1947, züchtet ebenfalls Rinder, allerdings nur als Fleischlieferanten. Er offerierte den vier Exkursionsteilnehmern, die sich bei ihm zu Besuch angesagt hatten, ein paar Lendenstücke aus eigener Produktion, frisch gegrillt auf seinem Hofplatz. Neben 800 Rindern hält er auch noch ein Dutzend Katzen. Eine von ihnen photographierte der Raubkatzenspezialist Torsten Wildanger aus Regensburg, der zunächst enttäuscht war, dass er keine Unterschiede zwischen den südafrikanischen Katzen und den süddeutschen entdecken konnte, auch in ihren Lautäußerungen nicht. „Kein Wunder,“ klärte ihn Farmer Kröchel auf, „deren Eltern stammen aus Salzburg, mein Bruder hat sie erst vor einigen Jahren von unserem Onkel dort mitgebracht. Sie sollen der Mäuseplage hier Herr werden.“

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Diese Katze photographierte Prof. Wildanger Nachts auf der Rückfahrt zum Hotel in Phalaborwa.

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Pflug und Trug

Mit dem eisernen Pflug hub laut Marx im „klassischen Gemeinwesen die beste Zeit der kleinen Bauernwirtschaften“ an. Im Bewusstsein der Antike verfestigte sich damit die Analogie zwischen Mensch und Getreidepflanze: „Wie das Getreide galt der Mensch als Kind der Erdmutter; pflanzengleich ihrem Schoß entsprungen, lernte er nach ihrem Vorbild, sowohl Kinder zu zeugen und zu gebären als auch pflanzliche Nahrung mit dem Pflug zu produzieren,“ heißt es in der Aufsatzsammlung „Die Tischgesellschaft“. Das griechische Wort für den Getreidesamen, Sperma, „diente zugleich als Metapher für den männlichen Samen. Der Pflug galt als künstlicher Phallos, das männliche Genital umgekehrt als Pflug. Im athenischen Hochzeitsritus übergab der Brautvater dem Schwiegersohn seine Tochter formelhaft zur Einpflügung legitimer Kinder‘. Der Schoß der Jungfrau war das Analogon des jungfräulichen Landes, das durch den Pflug urbar gemacht und kultiviert wurde.“

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Für den Philosophen Michel Serres ist der Pflug ein „Opfermesser“, mit dem alles kurz und klein geschlagen wird, die ganze chaotische Vielfalt, um hernach auf dem sauber geeggten Geviert die Homogenität zu zelebrieren, zu züchten: „Wenn die Wut des Messers sich gelegt hat, ist alles bearbeitet: zu feinem Staub geeggt. Auf die Elemente zurückgeführt. Analyse oder: Nichts ändert sich, wenn man von der Praxis zur Theorie übergeht. Agrikultur und Kultur haben denselben Ursprung oder dieselbe Grundfläche, ein leeres Feld, das einen Bruch des Gleichgewichts herbeiführt, eine saubere, durch Vertreibung, Vernichtung geschaffene Fläche. Eine Fläche der Reinheit, eine Fläche der ZugehörigkeitOEDer Bauer, der Priester, der Philosoph. Drei Ursprünge in drei Personen in einer einzigen Verrichtung im selben Augenblick.“ Abschließend schreibt er: „Es ging nicht darum, die Erde durch Bearbeitung fruchtbar zu machen, es ging um Ausmerzen, Unterdrücken, Vertreiben, es ging um Zerstören, das Pflugmesser ist ein Opfermesser“.

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Und weil das so ist, deswegen dürfen wir mindestens unsere Pausenbrote nicht einfach auf den Müll werfen, müssen wir das Brot ehren. Obwohl wir in dem Film „We Feed the World“ moderne Müllwagen sahen, die morgens durch Wien fahren und alles am Vortag nicht verkaufte Brot in den Supermärkten einsammeln – um es zu vernichten. Hunderte von Tonnen täglich, derweil die Weizenanbauer immer mehr Hektar unter den Pflug nehmen müssen, um über die Runden zu kommen.

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Der selbe Vorgang – beginnend mit den griechischen Eisenerzminen – wiederholt sich im Bergbau: Den in die jungfräuliche Erde getriebenenen Schächten gaben die Bergarbeiter bis in jüngste Zeit Frauennamen, daneben verehrten sie als Schutzheilige Anna und Barbara. In Polen, vor allem im Bergbaugebiet Oberschlesien, wird das St.Barbara Fest gefeiert.

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Neben den körperlichen, handarbeiterlichen Einsatz, um unter Tage die „Schätze der Erde“ zu bergen, stellten die Dichter – vor allem die sozialistischen – über Tage gerne ihre kopfarbeiterlichen Anstrengungen, indem sie ihre Dichtkunst mit der mühsamen Tätigkeit eines Arbeiters nicht mehr im Weinberg, sondern in einem Bergwerksstollen verglichen. Und der metaphorische Gebrauch von „Befruchten“, „Gebären“ und „Mein Baby“ war den männlichen Kopfarbeitern sowieso nie fremd.

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Auf dem Höhepunkt des russischen Bürgerkriegs 1921 veröffentlichte Ossip Mandelstam auf der Seite 1 der Prawda ein Gedicht über den „Schönen Brotteig“. Laut seinem West-Übersetzer Ralph Dutli griffen dabei „Religiöse Symbolik und die poetologische Brot-Metapher ineinander.“ Im selben Jahr schrieb Mandelstam: „Es heißt, der Grund für die Revolution sei der Hunger in den interplanetarischen Räumen. Man müßte Weizen ausstreuen in den Äther! Die klassische Poesie ist die Poesie der Revolution.“ 1923 heißt es in seinem „Hufeisenfinder“: „Was ich jetzt sage, sage nicht ich,/Es ist ausgegraben aus der Erde,/Körnern gleich von versteinertem Weizen.“ 1932 veröffentlichte der Stalinpreisträger Michail Scholochow seinen berühmten Roman „Neuland unterm Pflug“. Und dieses Tun hat seitdem nicht mehr aufgehört. Dem Pflug voraus geht das Roden der Wälder, das immer technischer wird. Nicht wenige Umweltforscher halten die „Motorsäge“ für das größte Übel. Aber danach kommt gleich der „Pflug“. Wir müssen zum „Hackbau“ zurück, forderten Ökogärtner auf einem Treffen. Der Wissenssoziologe Bruno Latour verkündete: „Es gibt keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische.“ Obwohl beides das selbe meint (eine Wissenschaft vom Haushalt), sind sie in Widerspruch geraten. Auf dem Weg von „Pflug, Schwert und Buch“, wie der Philosoph Ernest Gellner sein Geschichtswerk nannte.

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004

Der Huftierforscher Alois Buden aus Chur bedankte sich mit einer Geigenimprovisation beim Bruder des Farmers Eduard Kröchel für die Gastfreundschaft und die vorzüglichen Rindersteaks. Der Bruder meinte lakonisch: Noch besser hätten ihnen sicher Steaks vom Springbock oder Kudu geschmeckt, selbst Strauß-, Büffel-, Warzenschwein- und Krokodil-Steaks besäßen mehr eigentlich Geschmack als Hausrinder, deswegen werbe Südafrika auch ausländische Touristen mit diesem speziellen Fleischangebot.

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Wilderer zähmen

In seinem letzten Roman „Schloß Fürstenkron“ schildert der im Hultschiner Ländchen, dem einstigen Dreiländereck zwischen Russisch-Polen, Habsburgisch-Mähren und Preußisch-Schlesien, aufgewachsene Dichter August Scholtis einen Kleinbauern, der den Waldbesitz des Fürsten nicht anerkennt und deswegen darin wildert. Er muß das, denn er hat eine Frau und 14 Kinder zu ernähren. Von denen arbeiten später die meisten Jungs in den neuen Bergwerken der Umgebung, die Mädchen gehen als Haushaltshilfen nach „Westdeutschland“. Einer der Söhne, der sich zum „schlimmste Wilderer“ entwickelt hat, wird vom Oberförster zur Wilddiebbekämpfung eingestellt. Von dieser Praxis der Obrigkeit berichtet auch der Förster des Büdinger Fürsten in Hessen in seinem Buch „Förstermorde“. Jüngst wurde zum 125. Geburtstag des großen Berliner „Wilderer-Jägers“ im Rang eines Kriminalkommissars Otto Busdorf dessen Fallsammlung „Wilddieberei und Förstermorde“ wiederveröffentlicht.

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Wilderer ist jedoch nicht gleich Wilderer. Der Historiker Norbert Schindler unterscheidet in seiner gründlichen Studie „Wilderer – im Zeitalter der Französischen Revolution“ je nach Höhenlage drei Formen von Wilderei allein im Salzburgischen. Während der Wiener Soziologe Roland Girtler sich im Katalog einer Ausstellung über Wilderer auf deren unterschiedliche Persönlichkeit konzentriert hat.

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Inzwischen kommen Förster- und Wildhütermorde nur noch in den Randzonen des „Westens“ vor. Eine Viehzüchterin und Nationalparkhüterin in der Wüste Gobi meinte: Die Ökonomie habe sich mit den neuen Genossenschaften stabilisiert, „es gibt keine Armutswilderei mehr, nur noch gelegentlich eine Reichenwilderei“. In Afrika zahlen die Reichen meist brav für jedes Großwild, das sie abschießen wollen. Die Armen, die was zu essen brauchen, müssen wildern. Das geht bis zur Jagd auf Elefanten – wegen des Elfenbeins: Das Risiko ist hoch, aber die chinesischen Zwischenhändler zahlen dafür gut. Den härtesten Kampf gegen diese Wilderei führte der Leiter der kenianischen Nationalparks Richard Leakey. Er war vor allem damit beschäftigt, in aller Welt Gelder von Reichen aufzutreiben, um damit Waffen für seine Wildhüter anzuschaffen, immer wieder neue und bessere, damit sie den Wilderern gewachsen blieben. Es war ein wechselseitiges Hochrüsten. Auf dem Höhepunkt veranlaßte Leakey, dass Staatspräsidenten Moi 2000 beschlagnahmte Stoßzähne im Wert von sechs Millionen Mark 1989 im Beisein der internationalen Presse anzündete. Leakey, der bei der Wilderer-Jagd seine Beine verlor, ist nicht mehr dabei, aber die Jagd geht weiter – und auch das staatliche „Fanal“: 2016 ließ Kenias Präsident Kenyatta 16.000 beschlagnahmte Stoßzähne verbrennen. Dabei drohte er den Wilderern: „Wir werden euer Geschäft vernichten… Geht in den Ruhestand.“

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Der Paläontologe Richard Leakey hatte in den Sechzigerjahren drei nicht-akademischen jungen Frauen zehn Jahre lang die Erforschung wildlebender Affen im Dschungel finanziert: Jane Goodall Schimpansen, Birute Galdikas Orang Utans und Dian Fossey Gorillas. Während Galdikas einen Wildhüter auf Borneo heiratete und vor allem gegen illegale Holzfäller kämpft – bis heute, hat Jane Goodall mit ihrer Mutter von Anfang an gute Kontakte zu den umliegenden Dörfern aufgebaut, zudem schafft sie immer mehr Arbeitsplätze (im Schimpansen-Tourismus). Dian Fossey stellte zur Bekämpfung der Wilderer immer mehr Leute ein – für 6 Dollar am Tag. 1985 wurde sie von „Wilderern“ erschossen – bis dahin sprach man von (einheimischen) „Wildjägern“. Fossey war mit dem englischen Tierfilmer David Attenborough befreundet gewesen und der meinte, sie sei „bei ihrer Verteidigung der Gorillas und ihrer Abneigung gegen die Afrikaner zu weit gegangen. So ließ sie die Bauern in Ruanda wissen, dass sie ihr Vieh nicht im Naturpark weiden lassen durften. Aber es ließ sich kaum sagen, wo der Park begann und endete. Und die armen afrikanischen Bauern hatten nur wenig zu essen. Wenn ihr es doch tut, sagte sie, treffe ich Gegenmaßnahmen. Trotzdem tat es einer von ihnen. Also jagte sie jeder seiner Kühe eine Kugel ins Rückgrat. Sie tötete sie zwar nicht, doch sie lähmte sie und raubte dem Besitzer damit Hab und Gut. Einst verschwand ein Gorillababy. Dian glaubte, zu Recht oder zu Unrecht, dass sie den Täter kannte und kidnappte seinen Sohn. Sie band Afrikaner mit Stacheldraht an einen Baum und prügelte sie durch. Das ist keine Art, um die Unterstützung der ansässigen Bevölkerung zu bekommen.“

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Darum geht es inzwischen auch nicht mehr, es geht um die Verfolgung von Wilderern, die immer mehr werden – und sich diversifizieren, so dass auch immer mehr Tierarten auszusterben drohen. Eine UN-Studie nennt 2016 das Gürteltier als Beispiel, dass es bald nur noch im Zoo gibt. Gefährdet sind auch Seepferdchen. Allein China importiert rund 45 Tonnen jährlich – als Potenzmittel, ähnlich wie Elfenbein (auch von Nashörnern) und das Fleisch von Tigern. Der UNEP-Bericht beziffert den „Schaden“ dieser „Umweltkriminalität“ mit jährlich rund 20 Milliarden Dollar. Ist das der Gewinn, der den afrikanischen Nationalparks durch die Wilderer entgeht? Dort werden nämlich die Tiere auch regelmäßig geschossen und touristisch verwertet. US-Elefantenforscher bezeichnen z.B. den eingezäunten „Krüger-Nationalpark“ in Südafrika als eine riesige „Wildtierfarm, die effizient bewirtschaftet wird“. Jährlich werden dort bis zu 800 Elefanten abgeschossen und im Touristenladen kann man u.a. Fellmäntel von Ginsterkatzen kaufen.

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Auf dem Weg zum Haupteingang des Kruger-Nationalparks kamen die Expeditionsteilnehmer jeden Morgen an dieser libanesischen Melonenverkäufer-Familie vorbei. Als sie sich am letzten Tag von den dreien verabschiedeten, bekamen alle eine Melone von ihnen geschenkt – mit der Bemerkung „Grüßt die Heimat von uns!“. Von dem alten Fischer bei Maputo, der nie etwas sagte sagte, erwarben die Teilnehmer am zweiten und vorletzten Tag mehrere stattliche Kingklips, die zu den beliebtesten Speisefischen in Südafrika zählen. Einer der Köche im Nationalpark-Hotel bereitete sie ihnen am Abend  zu.

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„Dschungelökonomie“

Es gibt nicht wenige Kinder von Missionaren und Ethnologen, die mit ihren Eltern bei einem kleinen bedrohten Volk (im Urwald quasi) aufwuchsen. Einige schrieben später Bücher darüber, mit Titeln wie: „Dschungelmädchen“, „Das Mädchen vom Amazonas“ oder „Amazonas-Kind“. Diese Autorinnen hatten eine sehr warmherzige glückliche Kindheit und hadern nun mit den „kalten“ Lebensverhältnissen im Westen, weil sich ihnen laufend Kulturvergleiche aufdrängen und nicht bloß die Männer ihnen hier Enttäuschungen bereiten. Um nicht zu verzweifeln, engagieren sich daraufhin nicht selten für „ihr“ armes Volk (im Dschungel) bzw. für indigene Völker überhaupt. Auf diese Weise bleiben sie mindestens geistig in „Kontakt“ mit ihrer wahren „Heimat“.

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Die Missionarstochter Sabine Kuegler fing nach ihrer Rückkehr aus Indonesien – an, für die Fayu in West-Papua zu kämpfen, indem sie die Befreiungsbewegung dort unterstützte. Hernach schrieb sie ein Buch darüber: „Jägerin und Gejagte“. Schon ihr erstes, „Dschungelkind“ (2006), war ein Bestseller. Die Autorin konnte sich desungeachtet nicht mit dem Leben im Westen anfreunden. Ob der vielen traurigen Niederlagen, die sie hier einstecken mußte, sehnte sie sich in die Gemeinschaft „ihres“ Fayu-Stammes zurück.

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Später veröffentlichte auch ihre Mutter, Doris Kuegler, ein Buch über ihr Leben mit ihren drei Kindern bei den Fayu: „Dschungeljahre“ (2011), u. a. erzählte sie darin, „was eine Mutter empfindet, die ihre Kinder inmitten eines ehemals kannibalischen Volksstammes im Dschungel großzieht. Und was es bedeutet, unter Steinzeit-Bedingungen zu leben. Überdies schildert sie auch, wie es den Kueglers gelang, den kriegerischen Fayu Begriffe wie Vergebung, Gnade und Liebe zu vermitteln.“ Daneben brachten sie ihnen aber auch bei, den personengebundenen Gabentausch und damit die Verpflichtung zur Reziprokation zu überwinden zugunsten eines Warentauschs, der durch das Postulat der Äquivalenz gekennzeichnet ist. Das Missionarsehepaar lehrte ihnen also den Wert des Geldes, das Wertgesetz, wobei es ihnen Mathematik und damit abstraktes Denken beibrachte, und die fast „steinzeitlich“ lebenden Fayu-Stämme gleichzeitig mit Eisenwerkzeuge ausrüstete (was Ethnologen alles nicht tun würden).

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Ihre Tochter, Sabine Kuegler, hatte zuvor noch ein weiteres Buch veröffentlichte, basierend auf ihren Erfahrungen nicht nur in Papua, sondern auch in Tansania, Guatemala und Burkina Faso. Es hat den programmatischen Titel „Gebt den Frauen das Geld! Und sie werden die Welt verändern“. Der Spiegel sprach von einer „Dschungelökonomie“. Die Autorin wollte damit sagen: „Männer, die durch Glück oder Arbeit zu etwas Geld gelangt sind, neigen dazu, es für unsinnige Dinge oder jedenfalls allzu leichtfertig zu vergeuden. Sie kaufen Konsumartikel, mit denen sie vor ihren Freunden angeben können, oder sie betrinken sich einfach, bis das Geld aufgebraucht ist, oder sie investieren es in ein viel zu riskantes Geschäft – mit der Folge, dass sie kurz darauf wieder mit leeren Händen dastehen.“

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Frauen haben dagegen mehr ökonomischen Sachverstand, was schon das Wort „Ökonomie“ – Lehre vom Haushalt (dem oikos) – nahelegt: Die kleinen Summen, die man Frauen z.B. in Form von „Mikrokrediten“ zur Verfügung stellt, investieren sie fast ausnahmslos in ein Unternehmen, „das nach außen armselig aussehen mag, jedoch fast immer funktioniert…Sie kaufen kein Auto, dessen Unterhaltskosten den Besitzer in kurzer Zeit ruinieren, sondern ein paar Hühner oder eine Nähmaschine und machen sich mit einer Geflügelzucht oder als Schneiderin selbstständig.“ Den Gewinn steckten sie in die Erweiterung ihres Betriebes sowie in bessere Nahrung und Bildung für ihre Kinder.

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In Südostasien ist das eine Binsenweisheit: Dort ist die Sippen- oder Familienälteste, die Großmutter, fast immer für alle Geldgeschäfte zuständig. Lange Zeit war es auch in den westlichen Industriestaaten so, dass die Ehefrauen der Fabrik – und Bergarbeiter am Zahltag zur Betriebskasse gingen und sich den Lohn ihrer Männer auszahlen ließen, um damit die Woche über ihre Familie zu versorgen – bevor die Väter das Geld versoffen. Rudimentär hat sich diese „Dschungelökonomie“ noch in den heutigen Touristengruppen erhalten, indem die Frauen zumeist die Reisekasse verwalten. Laut der „Bild am Sonntag“ zählte „Gebt den Frauen das Geld!“ zu den meistgeklauten Büchern der Frankfurter Buchmesse. Ich schätze, dass die Mehrzahl der Diebe Männer waren.

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Denkmal für Paul Krüger, dem Gründer des Nationalparks, im Hintergrund seine ehemalige Dienstvilla neben dem Haupteingang (dem Paul Kruger Gate). Die Villa dient heute der „Security“ als Schlaf- und Aufenthaltsräume. Links neben dem Denkmal sieht man noch den Entomologen Bernd-Peter Weissenborn aus Göttingen und rechts seinen Heidelberger Kollegen Ernst Löhlein.

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Flüchtige Frauen

Die demographische Verschiebung vom Land in die Stadt fällt immer deutlicher geschlechtsspezifisch aus. Der Kulturwissenschaftler Axel Brüggemann drückt es so aus: „Während Männer ihrer Heimat und dem Landleben weitgehend treu bleiben, tendieren die Frauen dazu, in die Städte zu ziehen.“ In den ostdeutschen Dörfern kämen bereits auf 100 Männer nur noch 80 Frauen. „Im Ilm-Kreis geht bereits fast jeder vierte Mann leer aus.“ Der Demograph Reiner Klingholz spricht von einem „historisch einmaligen Phänomen“: In der bisherigen Geschichte der Menschheit bildeten stets die Männer die Vorhut von Völkerwanderungsbewegungen. „Die Landflucht in Deutschland ist die erste Massenflucht der Frauen vor dem modernen Elend in der Provinz.“ Dort sei umgekehrt der „sexuelle Notstand“ und die zunehmende Verrohung eine Folge der weiblichen Landflucht.

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In Polen gehen nach wie vor meist die Männer ins Ausland. Ebenso in Usbekistan, wo inzwischen auf vier Frauen ein Mann kommt. Der Außenminister schlug bereits vor, die Polygynie (Vielweiberei) wieder einzuführen. Auf der Homepage von Sachsen-Anhalt, wo 70.000 Frauen zwischen 18 und 40 fehlen, findet man den Tipp, im benachbarten Westpolen herrsche „Männermangel“.

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Auch bei der Kriminalität gibt es laut Brüggemann Unterschiede zwischen Stadt und Land: Während sie sich hier meist gegen die eigene Gemeinschaft, gegen Mitschüler oder die Familie richtet, werden in der Stadt die Gewalttaten eher an Außenstehende verübt. Laut Statistik stehen dort Diebstahl und Rauschgiftdelikte im Vordergrund, während auf dem Land „Brandstiftungen und ‚Straftaten gegen die Umwelt'“ die Rangliste anführen. Nach Dorffesten verzeichnet die Polizei eine wachsende Zahl von Schlägereien und Vergewaltigungen.

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In Bayern kommt es zu immer mehr Alkoholdelikten. Im Internet kursieren unter Jugendlichen „Gebrauchsanweisungen für das „Trinken auf dem Dorffest“. Ein Polizeisprecher in Oberbayern-Süd sagte es so: „Die Altersstufe geht nach unten, die Promillezahl nach oben.“ Gleichzeitig findet jedoch auch eine Vergreisung der Dorfbevölkerung statt. In Stendal geht man davon aus, dass dort bis 2020 mindestens 15.000 Bewohner weniger leben werden. Auf dem Land geben jährlich über 20.000 Bauern ihren Hof auf. Rund 10.000 Feuerwehrleute schmissen bisher das Handtuch. Zwischen 2005 und 2008 lösten sich laut Statistik 40.000 Vereine auf. Von 300 befragten Kommunen gab über die Hälfte an, dass sie ihre „Leistungen“ reduzieren werden. Dafür entstehen neben immer mehr Dörfern sogenannte „Autohöfe“ – über 200 bisher: riesige Park-, Tank-, Rast- und Einkaufsareale (mit amerikanischem Flair). In Deutschland sterben mehr Menschen durch Freitod als durch Verkehrsunfälle. 10.000 nehmen sich jedes Jahr das Leben. Den Rekord hält Weiden in der Oberpfalz, wo auf 100.000 Einwohner 20,9 Suizide kamen. In ländlichen Räumen wie Bayern führt noch immer der Tod durch Erhängen die Selbsttötungen an. Noch eine letzte Bemerkung von Axel Brüggemann: „Statt im Kreise der Dorfgemeinschaft beigesetzt zu werden, ziehen immer mehr Menschen eine letzten Ruhestätte in Einheit mit der Natur vor,“ d.h. Wald- oder Seebestattungen. Der Autor hat in seinem Buch „Landfrust“ die deutsche Provinz durchkämmt. Unter dem Strich kam er dabei in bezug auf Deutschland zu dem selben Ergebnis wie vor ihm Geert Mak in seiner westfriesischen Studie „Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa“. Hier, im Westen jedenfalls, kam noch etwas hinzu: In den Sechzigerjahren wurde die Bäuerin langsam aus den Ställen vertrieben. Mit der von der EG/EU forcierten Vergrößerung der Herden und der Entwicklung der Stalltechnik kam es dazu, „dass man mütterliche Anwandlungen in den Massenställen schlechterdings nicht [mehr] gebrauchen konnte“, wie Frank Uekötter in seiner „Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft: Die Wahrheit ist auf dem Feld“ (2010) schreibt. „Die Tierhaltung in der Landwirtschaft wurde im Zuge der Intensivierung im Massenstall zur Männersache.“ Und das haben wir nun davon.

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Der Expeditionsleiter und Biogeologe Detlef zur Mühlen hat sich für den Tagesausflug zu den Drakensbergen bei Lesotho zünftig angezogen. Dennoch machte ihn der Aufstieg diesmal zu schaffen, wie er meinte. Er hatte in den Jahrzehnten davor schon mehrmals eine Gruppenreise nach Südafrika mitgemacht und kannte auch bereits die Drakensberge.

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Als Gipfelstürmer erwies sich der Bamberger Ornithologe Jans-Jürgen Steinberg, der bereits zwei Biere der Marke „Windhoek Lager“  am Ziel – im Bergrestaurant „Mandela“, das auf nicht einmal halber Höhe lag – zu sich genommen hatte, bis die anderen Teilnehmer endlich anrückten.

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Fisch-Größen und -Grüße

Ende 2015 kamen amerikanische Meeresforscher zu der alarmistischen Hochrechnung, dass es um 2048 keine Meeresfische mehr geben wird. Selbst ihre Tüchtigsten haben dann den Kampf ums Überleben verloren. Nun haben kanadische Fischforscher nachgelegt, indem sie bewiesen, dass in den letzten 60 Jahren viel mehr Fische gefangen wurden als angegeben. Im Jahr 1996 beispielsweise, zum Höhepunkt des Fischfangs, wurden nicht 86 Millionen Tonnen Fisch angelandet, sondern gut 130 Millionen Tonnen. „Der Fischfang sei von den offiziellen FAO-Statistiken, die auf den Meldungen der Mitgliedsländer beruhen, um gut 50 Prozent unterschätzt worden. Das liegt daran, dass Datenlücken vor allem bei Klein- und Freizeitfischern, was den unerwünschten Beifang und illegale Fischerei angeht, jeweils als null gewertet werden. Die Forscher haben statt der offiziellen Meldungen 100 Fischereiexperten in 50 Institutionen weltweit nach ihren Fangdaten und -schätzungen befragt,“ berichtete die FAZ, die auf der selben Seite darwinistisch jubelte: „Eine selten Haiart ist ins Netz gegangen.“

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Der thüringische Schriftsteller Landolf Scherzer heuerte 1977 auf dem Fischfang-Trawler „ROS 703 Hans Fallada'“ als „Produktionsarbeiter“ an. Die Fahrt ging nach Labrador. Die DDR hatte von Lizenzhändlern eine kanadische Fanglizenz – mit Mengenbeschränkung – gekauft. Als sie im Fanggebiet ankamen, waren dort schon zwei andere DDR-Fischereischiffe, sowie zwei polnische, ein dänisches, ein bulgarisches, und vier westdeutsche. „Die Hochseefischerei ist wie die Hatz auf Hirsche oder Wildschweine kaum über das bloße Erbeuten hinausgekommen,“ schreibt Landolf Scherzer. Die Kabeljau-Beute der „Fallada“ war jedoch diesmal so gering, dass sie es in einem anderen kanadischen Fanggebiet mit Rotbarsch versuchten. Weil Scherzer die Verarbeitung der Fischmassen am Fließband nicht gleichgültig ließ, führte er manchmal Gespräche mit einem Kabeljau. Zuvor hatte er sich auch schon mit einem im sibirischen Baikalsee lebenden Omul (eine Lachsart) unterhalten. Merkwürdigerweise tat das zur selben Zeit auch ein westdeutscher Dichter, der der DKP nahe stand, beide berichteten anschließend darüber in ihren Reisebüchern. Damals hatte der „Fischfreund“ Breschnew gerade die Rettung des Sees verfügt, erklärte dazu der Dichter.

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Der Rotbarsch wird tagsüber mit Grundschleppnetzen gefangen und nachts mit Schwimmschleppnetzen. Als sie nach Wochen noch immer keine großen Rotbarsch-Schwärme gefunden hatten, kam aus der Kombinatszentrale in Rostock die Anweisung: „Noch 4 Tage vor Labrador fischen, dann nach England dampfen und im Hafen von Falmouth Makrelen, die englische Fischer verkaufen, verarbeiten.“ Für ein Kilo zahlten sie dann 5 Mark. Auf der Weiterfahrt nach Rostock mußten die Fische an Bord noch sortiert, gewaschen, geköpft, filetiert und gefrostet werden. In den Läden kostete das Kilo dann 1 Mark 40. – Fast schon ein staatliches „Gastmahl“. Scherzers „Buch“ „Fänger und Gefangene“ wurde 1998 noch einmal verlegt – ergänzt um Interviews mit seinen ehemaligen Bordkollegen, die nach Abwicklung der DDR-Fischfangflotte fast alle arbeitslos geworden waren.

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Neuerdings hat ein Dresdner Biologe, Michael Beleites, das Gespräch mit dem Kabeljau weiter geführt – ausgehend von einem Befund kanadischer Fischereiforscher, dass der Kabeljau immer kleiner werde. In Beleites Buch „Umwelt Resonanz – Grundzüge einer organismischen Biologie“ (2014), das sich gegen die darwinistische Selektion-Mutations-Formel richtet: „Nun ist gewiß kaum ein stärker selektierender Faktor vorstellbar, als ein Netz, das mit einer bestimmten Maschenweite ganze Fischpopulationen förmlich durchsiebt – und ab einer bestimmten Körpergröße ausnahmslos alle Individuen ausmerzt‘. Die Schleppnetze sind allerdings kein natürlicher‘ Selektionsfaktor, auch wenn die Selektion an wildlebenden Fischen stattfindet.“ Die Fische würden wahrscheinlich wieder älter und größer werden, wenn man die Intensivfischerei beendete. Es handelt sich hierbei also gerade „nicht um den Aufbau einer neuen Population durch eine positive Selektion von Anfang an genetisch frühreifer bzw. kleinwüchsiger Mutanten.“ Dieses Kabeljau-Beispiel ist nur eines von vielen mit denen Michael Beleites seine „Umwelt Resonanz“-Theorie entwickelt hat.

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Sieben Teilnehmer kamen nie im „Mandela“ an, sie nahmen an einer Wanderwegkreuzung den falschen Abzweig und landeten an der Nordseite auf einem derart kahlen Plateau, dass dort nicht einmal der Botaniker Ludwig Holberg aus Konstanz auf seine Kosten kam. Immerhin machte er dieses Photo von den verfrorenen Verirrten, bevor sie sich alle wieder an den Abstieg wagten. Hinter einer Kurve, schon fast unten, wo der Tourbus stand, stießen sie auf den Hamburger Herpetologen Wilhelm Förster, der als Flachlandbewohner bereits auf dem ersten Kilometern klein beigegeben hatte und die sieben Teilnehmer aus seiner Gruppe ausgeruht, wenn auch mit schlechtem Gewissen, am Wegesrand ungeduldig erwartete. „Wir kommen bestimmt zu spät zum Abendessen,“ befürchtete er.

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P.S.: Die süddeutschen Teilnehmer nannten die „Dienstreise“ eine „Exkursion“, die nord- und ostdeutschen eine „Expedition“, während der einzige mitgereiste Russe, der Ökologe Iwan Makajew aus Perm, von einem „Ausflug“ sprach.

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