vonHelmut Höge 03.03.2018

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Tiergeschichten


Bei mir zu Hause waren unsere Tiere das Hauptgesprächsthema, ihre Geschichten unterhielten gelegentlich auch größere Gesellschaften, vor allem, wenn meine Mutter sie erzählte. Sie arbeitete zu Hause arbeitete und war deswegen die Hauptbezugsperson für die meisten unserer Tiere. Ich forschte derweil in meinem Zimmer zunächst eher an kleinen Tieren – im Aquarium, Terrarium und Insektarium. Dazu las ich fast ausschließlich Tierbücher. Vieles verstand ich noch nicht. Eigentlich wollte ich Zoologe werden, brachte es aber nur zum zeitweiligen Zootierpfleger und landwirtschaftlichen Betriebshelfer. Was ich nicht bedaure. Aber kurz vor der Verrentung begann ich doch noch – mit ein paar Freunden zusammen – eine Art Biologiestudium. Und seit einigen Jahren bemühe ich mich, jährlich ein kleines Tierbuch zu veröffentlichen, wobei der Ausgangspunkt jedesmal eine Art ist, von der ich ein oder mehrere Individuen sozusagen persönlich kennengelernt habe. Aus dieser Reihe zunächst hier etwas aus dem Vorwort des ersten Bandes, der von „Spatzen“ handelt, die übrigens unsere witzigsten Familienmitglieder waren. Das Vorwort erklärt mein bzw. unser Anliegen:

.

Soeben ausgeliefert: der 12. Band meiner Reihe „Kleiner Brehm“ über Katzen, das Umschlagbild malte Susanne Memarnia (Öl auf Leinwand)

.
Der französische Zoosystemiker Luis Bec hat die Biologie einmal definiert als den Versuch, transversale Beziehungen zu anderen Arten aufzunehmen. Was das Schreiben über Tiere angeht, dazu hat die amerikanische Biologin Donna Haraway Folgendes gesagt: „Wenn ich einmal erwachsen werde, oder (wie wir zu sagen pflegten), nach der Revolution, weiß ich, was ich tun möchte. Ich möchte für die Tiergeschichten in ‚Reader’s Digest‘ zuständig sein. Ich möchte die Geschichten über moralisch versierte Hunde, gefährdete Völker, lehrreiche Käfer, wundersame Mikroben und gemeinsam zu bewohnende Häuser der Differenz schreiben. Mit meinen Freundinnen möchte ich am Anfang des dritten christlichen Jahrtausends Naturgeschichte schreiben, um zu sehen, ob andere Geschichten möglich sind, solche, die nicht auf dem Riß zwischen Natur und Kultur, bewaffneten Cherubim und heroischen Suchaktionen nach den Geheimnissen des Lebens beruhen …“

Ab etwa 2000 wurde fast täglich ein neues Gen isoliert. In den Medien war jedesmal triumphierend vom endlich entdeckten „Neid-Gen“, „Erfolgs-Gen“, „Schönheits-Gen“, „Eifersuchts-Gen“, „Fettmach-Gen“, „Autisten-Gen“ usw. die Rede. Sogar das Magazin der Max-Planck-Institute titelte: „Singvögel mit Casanova-Gen“. Jede Lebensäußerung und sogar -einstellung war plötzlich biologisch determiniert und die Biologie damit zur Leitwissenschaft geworden. Als es den Biochemikern Watson und Crick gelang, ein räumliches Modell der DNA-Doppelhelix zu erstellen, teilte ersterer der Presse mit, es sei ihnen gelungen, „den Code des Lebens zu knacken“.

Mit einigen Freunden war ich mir einig: Wir haben aber früher doch noch eine ganz andere Biologie gelernt – Herbarien angelegt, Kaulquappen und Schnecken aus Teichen gefischt, Brehms Tierleben gelesen, Monographien über einzelne Tierarten und Biographien über einzelne Tiere verschlungen, weiße Mäuse oder Meerschweinchen gezüchtet usw.. Heute erforscht dagegen die Biologie nicht mehr die Lebewesen, also Tiere, Pflanzen, Pilze, Einzeller und Bakterien, sie interessiert sich nur noch „für die Algorithmen der lebenden Welt“, wie der Genforscher Francois Jacob sich ausdrückte.

Während es der Insektenforscher Jean-Henri Fabre schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts beklagt hatte, dass „die Naturgeschichte, dieses wunderbare Studienfach für junge Menschen, infolge ihrer fortwährenden Vervollkommnung zu einer widerlichen abstoßenden Sache geworden“ sei, jubelte der Neodarwinist Neville Seymonds, ein Schüler des Physikers Erwin Schrödinger, nachdem dieser 1943 sein für die Molekulargenetik bahnbrechendes Buch „Was ist Leben?“ veröffentlicht hatte: Damit „hörte die Biologie auf, eine ‚unernste‘ Beschäftigung zu sein und wurde erwachsen.“ Und das heißt – auf gut amerikanisch: Sie wurde ein Geschäft! „Heutzutage sind Wissenschaftler Politiker, sie sind Aktienhändler, sie haben ihre eigenen Unternehmen“. Die US-Biologiehistorikerin Lilly Kay behauptet, in ihrem Land „sind mindestens 80 Prozent der Molekularbiologen an eigenen kommerziellen Biotech-Unternehmen beteiligt“.

Einer dieser Wissenschaftler – der heutige Berater von Biotech-Unternehmen, William Bains, schreibt in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“

Für den Wissenssoziologen Bruno Latour ist das Lebenswissen, das dabei herauskommt, ärmlich, er muß jedoch gestehen, dass dieser Reduktionismus in den Laboratorien eine „enorm wichtige Handhabe bietet, um praktische Effekte zu produzieren.“

Die Bremer Genkritikerin Silja Samerski merkte dazu in einem Interview an: „Das ,GEN‘ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft… über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist jedoch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE‘ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.“

Seit einiger Zeit gestehen sich die Genforscher allerdings selbst ein, dass lebendige Systeme zu komplex sind, als dass die Gentherapie oder Ähnliches funktionieren könne. Der Berliner Biologe Bernhard Kegel schreibt in seinem Buch „Epigenetik“: Man hätte den Begriff des „Gen“, der gerade hundert Jahre alt wurde, gebührend feiern sollen, „denn ob dieser Begriff seinen nächsten runden Geburtstag noch erleben wird, ist fraglich“: Das „genzentrische Weltbild“ war allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, seufzte der New Yorker Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor angesichts eines ganzen ‚Universums‘ ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Dies ist nicht zuletzt den feministischen Symbioseforscherinnen geschuldet – allen voran der amerikanischen Mikrobiologin Lynn Magulis, die mit ihrer „Seriellen Endosymbiontentheorie“ eher organismisch als reduktionistisch denkt.

Sie setzte bei ihrer Symbiosesuche auch auf die Gentechnik, wobei sie jedoch ihren Genetikkollegen entgegenhält: Die ersten Symbioseforscher arbeiteten noch „ohne jegliches kommerzielles Interesse. Wenn man heute ein Papier anschaut, hat es manchmal 14 oder 15 Autoren, und es ist nur ein Wissenschaftler darunter. Oder zwei. Der Rest sind Techniker.“ Sie meint, dass ihre Kollegen sich keineswegs „für die Geschichte des Lebens auf der Erde interessieren, sondern vor allem dafür, bessere Tomaten zu machen,“ Auch über viele der heutigen Symbioseforscher äußerte Lynn Margulis sich kritisch: „Sie haben keine Ahnung von der Vielfalt des Lebens. Sie glauben, weil etwas im Bakterium E.coli ist, wissen sie etwas darüber.“

Man kann sagen, dass die moderne Biologie sich zum großen Teil in Chemie und Physik aufgelöst hat. Dem wollten wir, der Kulturwissenschaftler Peter Berz, ein Biologe und ich, etwas entgegensetzen – und veranstalteten dazu ein Seminar an der Humboldt-Universität, das wir etwas vorschnell „Anti-Darwin“ nannten. Darin ging es um Biologien „von Lamarck bis Mandelstam“ und darüberhinaus, auch um Kropotkins „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“, um die Symbioseentdeckungen russischer Botaniker, Paul Kammerers Amphibienexperimente in Wien, die sowjetischen Ansätze einer anderen, „proletarischen Biologie“, Roger Caillois‘ Studien über Mimikry und Mimesis, Adolf Portmanns vorsichtige Betrachtungsweisen und die Feldforschungen feministischer Anthropologinnen…Mich hat darüberhinaus auch und vor allem das Tier-Wissen von Bauern, Fischern, Aquarianern, Tierpflegern, Dompteuren usw. interessiert – und tut das auch weiterhin.

Weil das Seminar in das Streiksemester 2003/04 fiel, fand es im Konferenzsaal des Tierpark-Restaurants in Friedrichsfelde statt. Nachdem wir uns weitere zehn Jahre mit der Biologie befaßt hatten, bot der Verleger Peter Engstler in der Rhön mir an, meine Texte, die sich mit einer Tierart befaßten, von der ich irgendwann ein oder mehrere Individuen sozusagen persönlich kennengelernt hatte, als kleine Bücher zu veröffentlichen. Die Reihe hieß dann „Kleiner Brehm“. Daraus nun ein paar Geschichten.

.


 

Der 7. Band der Reihe „Kleiner Brehm“ thematisiert Elefanten.

.

1967 arbeitete ich im Bremer Tierpark, der einem indischen Großtierhändler gehörte, er belieferte westeuropäischen, vor allem aber osteuropäische Zoos, die nach dem Krieg wiederaufgebaut wurden und neu mit Tieren ausgestattet werden mußten. Einen seiner vier Elefanten verkaufte er dem Ostberliner Tierpark. Das Geschäft wurde über Verrechnungseinheiten abgewickelt – so kostete ein indischer Elefant z.B. zwei sibirische Tiger, die in Leipzig gezüchtet worden waren. Ich sollte den Elefanten nach Berlin bringen, d.h ihn zusammen mit einem der indischen Tierpfleger, Cholaf, der kein Deutsch oder Englisch sprach, in einem Güterwaggon begleiten. Wir waren fast drei Tage unterwegs, ohne Verpflegung, aber der Elefant verhielt sich mustergültig. Normalerweise wird bei so einem Elefantentransport (und die Elefanten, besonders die Bullen, sind laufend unterwegs von einem Zoo zum anderen) ein riesiger Aufwand betrieben – mit Veterinär, Sicherheitskräften, qualifizierten Pflegern und Generalproben, aber die Inder gehen lockerer mit Elefanten um, Cholaf und ich hatten zuvor eigentlich nie etwas mit Elefanten zu tun gehabt. Derzeit ist es gerade ein großes Thema in den westlichen Medien: Indien ist das einzige Land der Welt, wo Wildtiere, Haustiere und Menschen auf engstem Raum einigermaßen friedlich zusammenleben – in den Vorstädten z.B. oft mit Leoparden. Über den Elefantentransport nur noch so viel: Wir blieben anschließend noch ein paar Tage zur Erholung im Gästehaus des Ostberliner Tierparks. Hier zwei weitere kleine Bremer Tierpark-Erlebnisse:

Ich sollte elf Schwäne, die vorübergehend im leeren Freigehege für Geparden untergebracht waren, einfangen und umsetzen. Dieser Auftrag machte mich ratlos. Die elf Schwäne schwammen im Wassergraben des Geheges: Mit dem Schlauchboot trieb ich sie erst einmal an Land und dann in einer Ecke des Geheges zusammen. Weil ich mich nicht traute, mir einfach blitzschnell einen zu packen, gelang es den Vögeln immer wieder, zurück in den Wassergraben zu flüchten, von wo aus ich sie dann wieder mit dem Schlauchboot an Land und in eine Ecke des Geheges scheuchte … Hin und her – bis der kleine Sohn des Chefs, Buddha genannt, kam und mir half: wir drängten die Schwäne zu zweit erneut in eine Ecke des Geheges – und er schmiß sich einfach auf den erstbesten, packte ihn, nahm ihn hoch und trug ihn über das halbe Zoogelände in das Gehege für Teichvögel, wo er den Schwan ins Wasser gleiten ließ. Es sah ganz einfach aus. Ich tat es ihm nach. Sogleich gelang es mir, einen Schwan zu umfassen, so daß er nicht mehr mit seinen Flügeln um sich schlagen konnte, seine kurzen Beine hielt er von selbst still und seinen Schnabel hielt ich mit einer Hand fest. Die andere Hand presste ich an seinen Bauch. Nach ein paar Schritten merkte ich, wie weich dort die Federn waren und wie schön es sich anfühlte. Ich ließ seinen Schnabel los und griff mit meiner anderen Hand an seine Brust – die war sogar noch weicher. Und weder versuchte der Schwan mir mit seinem Schnabel ins Gesicht zu hacken oder zu beißen, noch fing er an zu schreien, im Gegenteil: er kuschelte seinen Kopf leicht an meinen Körper und fiepte nur ab und zu leise. Ich streichelte ihm den Hals und ging glücklich zum Teich der Wasservögel, wo ich ihn am Rand ins Gras setzte. Mit einem Satz und einem kleinen Schrei sprang er ins Wasser, um sich schnell in der Mitte des Sees in Sicherheit zu bringen. Ich ging zurück, um den nächsten Schwan zu holen. Alle reagierten ähnlich friedlich – sobald wir sie erst einmal fest umfaßt hielten. Das war bei anderen Vögeln ganz anders, die z.T. richtig gefährlich werden konnten. Leider war Buddha so schnell, dass wir schon bald zehn Schwäne gefangen hatten, den letzten, elften, schnappte ich mir – trug ihn aber nicht gleich in sein neues Freigehege, sondern ging mit ihm auf dem Arm noch eine Weile spazieren: er war nicht schwer und fühlte sich ebenfalls wunderbar an, außerdem roch er gut. Tagelang hätte ich mit ihm so herumlaufen mögen.

.

Der 13. Band der Reihe „Kleiner Brehm“ wird von Schafen handeln. Das letzte Bild hier ist von der Künstlerin und Schäferin Gita Fuori

.
Morgens gehörte es zu meinen ersten Aufgaben im Tierpark, zwei junge Orang-Utan aus ihrem viel zu kleinen und dunklen Käfig zu nehmen und mit ihnen durch den Tierpark an den See für Wasservögel zu gehen, um sie dort mit einem Schlauchboot auf eine kleine Insel zu rudern. Diese war für Gibbon-Affen angelegt worden – aber zu der Zeit noch unbenutzt. Auf dem Weg von ihrem Käfig zum Boot nahm ich sie an die Hand, während sie ständig versuchten, in meine Gummistiefel zu beißen. Auf der Insel mußte ich erst einmal die Tür eines kleinen Pfahlhäuschens aufsperren, damit sie bei Regen darin Schutz suchen konnten. Einmal sprangen mir währenddessen die beiden wieder zurück ins Schlauchboot – und ich befand mich alleine auf der Insel, während die zwei Affen langsam über den See abtrieben. Dieser Moment der Freiheit, die Freude über ihre gelungene Tat und der Anblick meines hilflos-entsetzten Gesichtsausdrucks brachte sie wie toll zum Lachen: Vor Freude hüpften sie laut kreischend auf die Wülste des Schlauchboots, das bedenklich schwankte. Zum Gück kam wieder gerade der Sohn meines Chefs vorbei. Er krempelte sich die Hose hoch, stieg ins Wasser und bekam nach kurzer Zeit das Schlauchboot zu fassen.

Als ich mich wenig später wegen des Elefantentransports im Ostberliner Tierpark aufhielt, lud mich eine der dortigen Menschenaffenpflegerinnen in das Affenhaus ein. Wir sahen den Schimpansen von der Pflegerseite aus zu. Auf der anderen Seite, durch Glasscheibee getrennt, standen die Besucher, sie starrten in den Menschenaffenkäfig, machten dabei Grimassen oder winkten, während die Tiere sie zumeist ignorierten. Laufend kamen Schulklassen ins Affenhaus. Ich sah einige Erstklässler, die hingebungsvoll einen alten Schimpansen beobachteten, der gerade gelangweilt eine Banane aß. Sie interessierten sich auch für die Banane, wie ich feststellte. Schließlich wurde dem Schimpansen ihr Interesse zuwider: Langsam schlenderte er auf die Schüler zu – und zerdrückte die Banane an der Glasscheibe, von wo aus sie nach unten in das Sägemehl rutschte. Eins der Kinder fing daraufhin an zu weinen, dadurch wurden weitere Kinder auf die zerquetschte Banane im Dreck aufmerksam. Im Nu machte die ganze Klasse ein trauriges Gesicht. Und der Schimpanse lachte. Er kugelte sich geradezu. Der Lehrer befahl den Kindern, weiter zu gehen und sich die anderen Tiere in den Nachbarkäfigen anzusehen. Die Menschenaffenpflegerin erklärte mir, dass die Südfruchtverschwendung der Affen ein wirkliches Problem in den Zoos der DDR sei.

.

Zu dem Band „Katzen“ gehören natürlich auch Löwen.

.

Im Bremer Tierpark hatte ich als Aushilfstierpfleger mit den Raubtieren wenig zu tun, aber im Gepardgehege lebte neben zwei halbwilden erwachsenen und einem wilden halberwachsenen Tier auch ein zahmer Gepard, der in der Wohnung des Tierparkbesitzers George Munro in Kalkutta mit seinen Kindern aufgewachsen war. Er blickte anders als die anderen drei allen Tierpflegern nach, die am Gehege vorbeikamen. Ihm fehlte der Menschenkontakt, vermutete ich. Er war halb ein- und halb ausgewildert. Eines Tages traute ich mich durch die Doppeltür, hinter der er im Gehege stand und sofort (erfreut, wie ich hoffte) auf mich zukam, ich kraulte ihn – bis die anderen drei Geparde mir zu nahe kamen. Weiter passierte nichts, aber noch heute kann ich mich über meinen jugendlichen Leichtsinn ärgern. Damals empfand ich jedoch ähnlich wie die junge Tierpflegerin Eva Salzer, die einst im Leipziger Zoo als „Tierkindermädchen“ arbeitete und in einer Aufsatzsammlung ihres Direktors Karl Max Schneider 1962 berichtete: „Als ich es nun nach so vielen Jahren einmal wagte – auf den gewohnten Anblick und Geruch meines Arbeitsanzuges vertrauend – vorsichtig die Hand durch die Gitterstäbe gleiten ließ, um den stattlichen alten Löwen zu berühren, und als der stattliche alte Löwe nichts dagegen einzuwenden hatte – da war ich den ganzen Tag in gehobener Stimmung.“

In dem neuen Buch „Zoogeschichten“ von Carl-Christian Elze gibt es zwei sehr schöne Geschichten, die von einer solchen Berührung eines großen, gefährlichen Tieres handeln. Eine passierte seiner Mutter im Moskauer Zoo mit einem am Gitter schlafenden Walross und wäre fast übel ausgegangen. Die andere hat er selbst erlebt mit einem schlafenden Tiger im Käfigwagen des Zirkus Krone, als der in Leipzig gastierte. Klug geworden durch das Erlebnis seiner Mutter weckte er den Tiger erst einmal, um ihn nicht zu erschrecken, indem er ihn in der Tigersprache – mit leisen Zisch- und Gurrlauten – ansprach. Eine Sprache, die er von seinem Vater gelernt hatte, der Zoo- und Zirkus-Tierarzt in Leipzig war. Das Berühren des Raubtiers, das sein Vater ihm ausdrücklich verboten hatte, ging so weit, dass er dessen Nasenrücken streichelte und der Tiger seine Hand leckte. Die Empfindungen, die er damals als Jugendlicher hatte, kann er heute noch spüren.

Man könnte ein ganzes Buch über Tiere Berühren schreiben. In der Volksbühne gastierte einmal ein Schlangentherapeut: Er besaß eine Reihe von Pythons und Boas, zwischen einem und vier Metern lang, die auf einem Teppich lagen und immer wieder versuchten, langsam aber zielstrebig aus dem Licht ins Dunkel zu kriechen, wo um sie herum das Publikum saß. Die Schlangen mögen es nicht, berührt zu werden, meinte der Therapeut, aber uns tut es gut, besonders den Schlangenphobikern. Die saßen aber wahrscheinlich ganz hinten.

.

Der 9.Band der Reihe „Kleiner Brehm“ handelt von Kühen.

.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren hatte ich als landwirtschaftlicher Betriebshelfer auf westdeutschen Höfen immer wieder mit Kühen zu tun, d.h. ich half beim Füttern und Melken sowie beim Raus- und Reintreiben der Tiere morgens und abends. Weil ich jedoch nie lange blieb, lernte ich die Kühe auch nicht besonders gut kennen. Immerhin duldeten sie, dass ich sie molk. Auf einem Hof in der Eifel fiel beim Melken wegen eines Gewitters der Strom aus und ich half der Bäuerin, die restlichen acht Kühe mit der Hand zu melken, ihr Mann befand sich gerade als Trompeter beim St. Martinsumzug. Schon nach einer Kuh taten mir die Hände weh, der Bäuerin kamen bei der sechsten die Tränen: „Ich komme aus der Stadt“, entschuldigte sie sich tapfer lächelnd. Später merkte ich, dass man nur beim Melken mit der Hand gedanklich halbwegs bei der Kuh ist, beim Melken mit der Melkmaschine – mit zwei Geschirren auch noch, war ich bereits zu sehr vom Technischen in Anspruch genommen. Wenn man jedoch lange genug damit umgeht, vergeht es wahrscheinlich. Im Hunsrück arbeitete ich einmal bei einem Milchbauern, der mit seiner Frau zusammen molk. Während ihre Melkmaschinen pumpten, redeten und scherzten die beiden die ganze Zeit miteinander, beim Füttern hatte ich das starke Gefühl, sie zu stören.

An der Mosel half ich einem Milchbauern, seine Kühe auf Vollspaltenboden umzustellen. Sie waren unglücklich in diesem strohlosen, stinkenden neuen Stall. Täglich verletzte sich beim Hinlegen mindestens eine ihren Euter an den Betonspalten. Wir schnallten ihnen deswegen Nachts zum Schutz Euterhalter um, diese rissen sie sich jedoch wieder ab, so dass wir die Halterkonstruktion immer wieder flicken und verbessern mussten. Ich empfand das als bewussten Widerstand, mit ihrer wichtigsten Waffe auch noch, dem Euter, gegen die Stallmodernisierung. Die Oma schimpfte: „Mein Sohn soll noch mal jammern, nie kann er den Hals voll kriegen, immer wieder Neues.“

Im November 1989 ergab sich – mit dem „Fall der Mauer“ – die Möglichkeit, auf einer ostdeutschen LPG zu arbeiten. Dort bekamen wir es mit Kälbern und heranwachsenden Rindern zu tun. Die insgesamt 400 Tiere blieben gut ein halbes Jahr auf dem Betriebsteil, einem ehemaligen Gutshof, dann wurden sie zur Bullenmast oder auf die Weide gebracht. Die sie versorgende Brigade, der wir zugeordnet waren, bestand aus zwei Kälberpflegerinnen, fünf Rinderpflegern, zwei Traktoristen und einem Brigadier. Alle wohnten im Dorf Fahlhorst oder in der Nähe, einige in LPG-Häusern. Als Westberliner hatten wir einen weiten Anfahrtsweg – und mussten schon um vier Uhr aufstehen. Angekommen tranken wir erst einmal im Sozialraum der Brigade Kaffee und redeten über das vorabendliche Fernsehprogramm. Dann ging es ans Ausmisten in den vier Ställen, derweil ein Traktorist von einer Feldmiete Stroh holte und ein anderer den Mist auf einen Haufen im Hof fuhr. Wenn auch die Tröge leergefegt waren, bekamen die Kälber Milch und die Färsen sowie Jungbullen Wasser. Das Tränken der Tiere gehörte zu den angenehmsten Tätigkeiten. Zum „Offenstall“ für die Färsen musste die Mais- und Grassilage mit der Schubkarre herangeholt werden, anstrengend, aber dafür bekam man mehr von den Tieren mit: Welche husten und nicht saufen oder fressen wollen z.B. ‚Der stirngescheckte Braune in Buchte drei links wird dann als Instruktion für den Tierarzt in den Kalender geschrieben. Bei seiner nächsten Visite bekommt das Tier eine Spritze. Sie ist über einen Meter lang. Wir, Westberliner, wurden meist im alten Anbindestall des Gutshofs bei den etwa 100 Färsen eingesetzt. Manchmal stritten wir uns, welche von den rehbraunen die netteste, klügste oder schönste war. Gelegentlich lieh sich das Defa-Kinderfernsehen ein Kalb aus, das anschließend besonders zutraulich war – was aber die Kälberpflegerinnen störte, weil es ihre Arbeit behinderte. Die Fernsehleute hatten das Kalb „verwöhnt“, wie es hieß.

Wenn ich die Stallgasse zu gründlich fegte, sagte mein Kollege Günther: „Mach es nicht zu gut, das stecken sich nur die da oben wieder an den Hut!“ Einmal meinte ich zum Fahrer, der uns das Essen brachte, er solle doch nächstes Mal ein bisschen Putz mitbringen – beim Ausmisten mit dem Traktor sei an der Stalltür ein großes Stück Putz abgeplatzt. Das könnten wir nebenbei wieder ausbessern. „Bist Du verrückt!“, schalt mich mein Kollege Michael. „Solche Arbeiten vorzuschlagen – dafür ist die Maurerbrigade zuständig!“ „Aber die gibt es doch gar nicht mehr, die wurde doch auf die Stallbrigaden aufgeteilt, du warst doch selbst auch bei den Maurern“, entgegnete ich. „Das ist aber nicht unser Problem“, beendete Michael das Gespräch, „da müssen die da oben sich einen Kopp drüber machen.“

Die Haltung der meisten Mitarbeiter in der Rinderbrigade kam der von Akkordarbeitern nahe. „Verdienen tu ich doch nur, wenn ich die für acht Stunden entlohnte Arbeit in sechs schaffe“, meinte Kollege Michael. An den Sonntagen fütterten wir tatsächlich gleich zweimal kurz hintereinander – um schneller „Feierabend“ zu haben. Und ständig mussten die Rinder umgetrieben werden – wobei u. a. elektrische Schlagstöcke zum Einsatz kamen.

Von einem DDR-Agrar-Funktionär erfuhr ich später, dass wir im falschen Objekt gearbeitet hätten: In den stadtnahen LPGen – mit großer Fluktuation – sei das „bäuerliche Bewusstsein“ leider schon so gut wie verschüttet. In den West-Landwirtschaften schien mir dieses primär ein „Eigentümer-Bewusstsein“ zu sein, das dann doch noch einen pfleglicheren Umgang mit den Tieren gebot. Dazu kam auch so etwas wie ein bäuerlich-unternehmerisches Ethos, das z.B. die endgültige Hofübergabe an den Sohn oder die Tochter immer wieder hinausschieben lässt. Denn danach ist der Vater nur noch eine „helfende Hand“ im Betrieb. Oder jedenfalls entwickelte sich der Idiotismus des Landlebens im Westen anders als im Sozialismus fort. Hier schimpfte ich z.B. einmal gegenüber dem Traktoristen Egon laut über das nasse, zum Teil schon schwarz angegammelte Stroh, das er aus einer unabgedeckten Feldmiete der benachbarten LPG Pflanzenproduktion holte. Es war kaum noch zum Einstreu zu gebrauchen: Nach zehn Minuten standen die Rinder schon wieder im Mist. Sowohl im alten Anbindestall des ehemaligen Gutshofs als auch in den neuen Freilaufställen. Einzig in dem einst von Chruschtschow durchgesetzten „Rinderoffenstall“ konnten sich die Tiere auch im nassen Stroh noch einigermaßen wohl fühlen. Im Offenstall gab es auch die wenigsten Erkrankungen. Egon entgegnete mir daraufhin: Beim Ausmisten mit dem Traktor sei gerade das nasse Stroh sehr praktisch – und daher dem trockenen vorzuziehen.

In Westdeutschland war es dagegen mehrmals vorgekommen, dass ein Spediteur mit LKW und großem Anhänger zu einem Bauern gekommen war, bei dem ich gerade arbeitete, der Stroh für holländische Viehzüchter abholen sollte. Wir stapelten den Lastwagen sorgfältig mit Ballen voll – trotzdem fehlten am Ende immer einige Zentner am vereinbarten Gewicht. Kurzerhand schloss der Bauer einen Schlauch an und bespritzte die Strohballen so lange mit Wasser bis der Transport die nötige Schwere hatte und der Fahrer zufrieden abfuhr. Auch dieser marktwirtschaftlich rationale Irrsinn geht zu Lasten der Tiere.

.

.

Nach dem sogenannten „Zusammenbruch des Sozialismus“ wurde die Ausfuhr von Schlachtrindern zu einem Milliardengeschäft. Ich interviewte dazu einen Hamburger Bekannten, der als Rinderpfleger auf Schiffen arbeitete:

Das Geschäft funktionierte so, dass arabische Einkäufer herumfuhren – zu den Bauern von Süddeutschland bis Schleswig-Holstein und sich die Tiere bei denen aussuchten. 10 im Allgäu und 30 in Nordfriesland z.B. Anschließend kam die Spedition Schenker, die zur Bundesbahn gehört. Sie sammelte die Rinder – zunächst mit LKWs – auf den Höfen ein und brachte sie zum Hamburger Hafen. Mitunter transportierte ein Bauer seine Rinder auch selbst zur Verladestation. Die LKWs wurden dort brutto wie netto gewogen. Damit die Differenz, das Gewicht der Rinder, größer wurde, steckten die Verkäufer ihnen vorab auch schon mal einen Schlauch in den Darm und pumpten die Tiere mit Wasser auf – wodurch sie schwerer wurden. Die Anlieferung der Tiere in Hamburg geschah meist unter Zeitdruck. Ein Fahrer hat mal seine Schlachtrinder für Ägypten zu schnell aus dem LKW getrieben. Dabei ist ein Tier zwischen LKW-Klappe und Waggontür geraten und hat sich das Bein gebrochen, wir haben es erstmal auf eine kleine Wiese am Hafen gebracht, da wo jetzt die „Hafen-City“ entsteht – früher wurden von dort aus die Juden deportiert. Rinder sind robust und stoisch, das Tier hat sich auf der Weide hingelegt und sofort weitergefressen. Es wurde dann jedoch geschlachtet. Einmal ist uns beim Rauftreiben auf die Gangway ein Tier ins Wasser gesprungen. Sofort kam die Wasserschutzpolizei, hat den Verkehr auf der Elbe gestoppt und das Tier an Land getrieben. Dort hat es sich dann einfangen lassen. Aber bis es wieder bei uns an der Verladestation ankam, war das Schiff schon weg – und das Rind musste auf das nächste Transportschiff warten. Wir haben uns um Jutta, so nannten wir sie, in der Zwischenzeit gekümmert. Zuletzt war sie ganz zahm. Ein andern Mal ist uns ein holsteinisches Rind ins Wasser gefallen. Ein Feuerwehrmann hat die ganze Nacht vergeblich versucht, ihm ein Halfter umzulegen. Als es hell wurde, hat ein Scharfschütze der Polizei es erschossen…

Die Transporte, die insgesamt 12-14 Tage dauerten, gingen zunächst mit dem Zug nach Marseille. Die mit Zuchtvieh bestanden aus rund 300 Rindern – Färsen und tragende Kühe, sieben oder neun Tiere pferchten wir jeweils in eine Box. Bei Schlachtvieh waren es mehr, auch die Schiffe waren dann größer. Von Marseille dauerte die Fahrt übers Mittelmeer fünf bis sieben Tage. Wenn es um Zuchtvieh ging, bin ich mit aufs Schiff, statt Viehtreiber war ich da dann Ladungsoffizier, Supercargo genannt. Und in Afrika ein Veterinär, weil ich den Viechern Spritzen gab und Geburtshilfe leistete. Die unterwegs geborenen Kälber haben wir benamt. Am Bestimmungshafen – in Marokko oder Ägypten z.B. – kamen die Tiere erst mal einige Wochen zur Quarantäne in eine große Halle, damit sie sich ein bisschen entgifteten. Einmal hat einer seine Kuh mit einem PKW abgeholt und sie in einem Campinganhänger transportiert. Die meisten nahmen jedoch z.B. gleich 150 Tiere auf einmal mit. Einen Aufkäufer gab es dort für Tiere, die nicht ganz in Ordnung waren. Mit dem haben wir gehandelt: der hat Prozente gekriegt – ich wollte die Tiere ja nicht wieder mit zurücknehmen. Auch die übrig gebliebenen Medikamente und das Stroh nicht: die hat die Mannschaft gekriegt – zum Weiterverkaufen, weswegen sie auf der Fahrt auch blöderweise allzu sparsam damit umging … Ab und zu hatten wir einen Transport mit schottischen Hochlandrindern nach Dubai und Saudi-Arabien. Dort hatten irgendwelche reichen Araber sich eine riesige gekühlte Halle in die Wüste stellen lassen. Die wollten da diese zotteligen Rinder züchten. Ihnen wurde ein großer Kühlschrank – für den Bullensamen – mitgeliefert.

Für mich waren diese Rindertransporte wie ein bezahlter Urlaub, ich habe gerne mit Tieren zu tun und hätte das noch lange weitermachen können. Irgendwann war jedoch plötzlich Schluss. Da wurde festgestellt, dass das Gewicht von vier Waggons brutto fehlte. Es kam daraufhin in Hamburg zu einer Prüfung, dabei kam raus: Der Verlader dort und sein Wagemeister hatten die Waage manipuliert. Da das mit den Rindern subventionierte Exporte waren, handelte es sich um Staatsbetrug. Die beiden wurden verknackt und mussten ins Gefängnis. Und Schenker machte seine Verladestation in Hamburg dicht. Dadurch verlor ich meinen Job.“

.

Der 10. Band der Reihe „Kleiner Brehm“ handelt von Fischen.

.

Abschließend will ich nur noch kurz ein Interview mit dem Fischpfleger des Bremerhavener Nordsee-Aquariums erwähnen. Er ging dazu mit uns von Becken zu Becken und erzählte sein Wissen über einzelne Fische und seine Probleme mit ihnen. Das hörte sich so an: „Hier der graue Doktorfisch: Ein Seemann – Herr Sielinsky – schenkte ihn uns. Er hatte ihn beim Tauchen im Roten Meer, nach dem 6-Tage-Krieg – als der Suez-Kanal gesperrt war, gefangen. Damals war er nur ein Fünfmarkstück groß. Er ist heute unser ältester Mitschwimmer! In seinem Becken waren noch Fledermaus-Fische. Die hat er immer wieder gejagt. Eines Tages kam mein Chef an und sagte: Wissen Sie was, den geben wir nach Berlin!Nee!, hab ich gesagt, nur über meine Leiche! Ich hatte ja über die Jahre hinweg fast so ein inniges Verhältnis zu dem bekommen, als hätte ich ihn an meiner Brust aufgezogen. 14 Jahre ist der schon hier. Total ungewöhnlich für so ein empfindliches Tier. Wir haben uns dann geeinigt und die Fledermaus-Fische nach Berlin gegeben, da konnte ich mich leichteren Herzens von trennen.“

Als der Doktorfisch zwei Jahre nach dem Interview starb, rief Werner Marwedel, so hieß der Fischpfleger, mich in Berlin an, um mir die traurige Nachricht von seinem „ältesten Mitschwimmer“ mitzuteilen.

Gastmahl des Meeres

.

Fischforschung (w/m)

Die Innsbrucker Verhaltensforscherin Ellen Thaler taucht regelmäßig in Korallengärten. Auf den Seychellen stieß sie beim Tauchen im Vorriff auf einen drei Meter großen Zackenbarsch. Beide bewegten sich nicht. Ellen Thaler blätterte hastig in ihrem wasserfesten Bestimmungsbuch, der Eintrag „bisher keine Übergriffe auf Taucher bekannt“ beruhigte sie. Der Barsch wurde entspannt von ein paar Putzerfischen bedient, als sie fertig waren, ließ er sich sinken und entschwand ihrem Blick. Aber an der nämlichen Stelle traf sie ihn danach noch viele Jahre wieder. 2010 wurde er jedoch „zu Tode geangelt“, wie sie in ihrer Sammlung von Reiseberichten: „Die Stunde des Chamäleons“ schreibt. In ihrem Buch „Fische beobachten“ heißt es dazu, sie wolle (vor allem den Aquarianern) „zeigen, dass bei all dem umfassenden Wissen über Technik und Systematik allzu oft etwas Wesentliches auf der Strecke bleibt: nämlich die Koralle, der Krebs hier, die Muschel dort und schon gar der Fisch, das Individuum also, an dem wir unsere helle Freude haben sollten!“

Ein ähnliches Erlebnis wie Ellen Thaler hatte die amerikanische Unterwasserfilmerin Julia Whitty, über das sie in ihrem Buch „Riff – Begegnungen mit verborgenen Welten zwischen Land und Meer“ (2009) berichtete: Auf der Südseeinsel Rangiroa lernte sie unter Wasser eine zwei Meter lange Riesenmuräne kennen – „als freundliches und neugieriges Geschöpf“. Die Einheimischen nannten sie Vaihiria. Nachts schwamm diese „Königin der Lagune von Rangiroa“ zum hell erleuchteten Steg des Strandhotels, wo die Urlaubsgäste ihr Brot zuwarfen. Sie bewohnte „eine Ansammlung zerbrochener Acropora-Korallen“. Einmal fand die Autorin sie zusammengerollt in einem versunkenen Boot, wo sie sich von einem Putzergarnelenpaar und einem Kaiserfisch Parasiten entfernen ließ. Anschließend schwamm sie hinter Julia Whitty her: „Es ist immer etwas beunruhigend, mit einer frei schwimmenden Muräne unter Wasser zu sein, vor allem, wenn sie groß ist“, meint die Autorin. Vaihiria folgte ihr, „auch wenn ich mich noch so bemühte, ihr die Führungsrolle zuzuschieben“. Manchmal verschwand sie in einer Riffspalte und kam aus einer anderen wieder heraus – sie kannte sich in der Lagune aus. Aber dann verkaufte der französische Hotelbesitzer das Anwesen an Japaner und die fanden, „dass die große frei umherschwimmende Muräne eine Gefahr für die tauchenden Gäste“ war. Sie beauftragten jemanden, der zu den Korallen rausschwamm und sie mit einem Harpunengewehr erschoß.

Ganz anders als diese Unterwasserbeobachtungen sind dagegen die männiglichen Meeresforschungsberichte: z.B. John Steinbecks „Geschichte einer Expedition: Logbuch des Lebens“: 1944 mietete der Schriftsteller zusammen mit seinem Freund Ed Ricket eine Yacht samt Mannschaft, mit der sie von der Fischverarbeitungsstadt Monterey in den Golf von Kalifornien fuhren. Sein Freund hatte eine Firma, „Pacific Biological Laboratories“ in der Cannery Row. Er ließ Kinder und Arbeitslose Frösche, Schlangen und vor allem Katzen sammeln, die er dann en gros und einzeln oder sogar en détail an Forschungslabore verkaufte. Bei ihrer Expedition ging es um Meerestiere. Während der ganzen Fahrt sammelten, fischten, angelten und erschossen sie Fische, Schnecken, Muscheln, Krabben, Krebse – zentnerweise. Es war eine hemingwaysche Abenteuertour: zwei alte Männer und das Meer, dessen Bewohner sie massenweise zur Strecke brachten. Diese „Strecke“ war vollkommen sinnlos. Zwar bemerkt Steinbeck in seinem „Logbuch“ gelegentlich, dass er diese oder jene gefangene Art kannte oder eine andere Art ihm vollkommen unbekannt war, aber viel mehr als die Namen schien die beiden Männer auch nicht zu interessieren. Zum Teil schmissen sie ihren Fang auch wieder über Bord. Kurzum: Sie hinterließen im Kielwasser eine Spur der Verwüstung maritimen Lebens, kamen sich dabei aber vor wie Darwin auf der „Beagle“. Zwei schreckliche Kindsköpfe, die nach Sonnenuntergang betrunken über die individuelle „Kreativität“ räsonierten. „Rickets Credo“, schreibt Steinbeck, lautete: „Wir müssen mit dem, was uns zu Gebote steht, so viel Freude wie möglich erringen!“ An anderer Stelle heißt es: „Nach unserer Rückkehr machten wir uns sogleich ans Werk, die Tausende aufgesammelten Tiere wissenschaftlich auszuwerten. Unser Bestreben war weniger auf Entdeckung neuer Arten ausgerichtet als auf eine Geographie der pazifischen Fauna.“ Sie hatten den Fangort der Tiere jedoch ebensowenig auf ihren Transportkisten und -gläsern vermerkt wie Charles Darwin seine Sammlung auf den Galapagosinseln. Das immerhin hatten sie mit ihm gemeinsam. Im Gegensatz zu ihm etikettierten sie ihre Tiere nicht einmal: „Etiketten aber, genauer, die Information, die sie enthalten, machen ein gesammeltes Objekt erst zu dem, was es sein soll, nämlich zu einem wissenschaftlichen Gegenstand,“ wie der Insektenforscher Michael Ohl in seinem Taxonomie-Lehrbuch „Die Kunst der Benennung“ (2015) schreibt.

So erbrachte z.B. die einjährige deutsche Tiefsee-Expedition mit dem Dampfer „Valdivia“ (1898-99) eine derartige „Ausbeute“, dass die Herausgabe des wissenschaftlichen Berichts in 24 Bänden erst 1940 abgeschlossen wurde. Im Berliner Naturkundemuseum ist der für Crustacea zuständige Wissenschaftler sogar noch heute damit beschäftigt, die von der Valdivia-Expedition heimgebrachten Flohkrebse zu bearbeiten.

Nicht viel besser als Steinbecks Berichte über Meerestiere sind die des Humanethologen Irenäus Eibl-Eibesfeldt in seinem 1971 veröffentlichten Bericht über seine Taucherlebnisse auf den Malediven: „Im Reich der Atolle“. Darin heißt es: „Bereits nach wenigen Tagen kannte ich eine Reihe von Fischen persönlich. Mit einem gefleckten Zackenbarsch schloß ich bald Freundschaft.“ Das ist aber wohl nur so dahingesagt, denn zum Einen scheinen ihn, ebenso wie seinen Mittaucher, den Unterwasserfilmer Hans Hass, eher Haie interessiert zu haben, an denen die beiden neue Haiabwehr- Mittel und -Waffen testeten, wobei es Eibl-Eibesfeldt um die Erforschung von „Raubtierinstinkten“ – bei Riffhaien und Finanzhaien – ging; und zum Anderen berichtete er in seinem Buch viel ausführlicher über „Putzerfische“, über die jedoch so viel geforscht wurde und wird, dass seine Bemerkungen über sie nicht viel besagen.

Männer sind vielleicht sowieso besser dafür geeignet, sich mit toten Fischen zu unterhalten. „Die Zeit“ nannte den Angelsport einmal eine „Männerbastion“, es ist das männliche Pendant zum Yoga. Der thüringische Schriftsteller Landolf Scherzer heuerte 1977 auf dem „Fang- und Verarbeitungsschiff „Hans Fallada“ als „Produktionsarbeiter“ an. Die Fahrt ging nach Labrador. Die DDR hatte von Lizenzhändlern eine kanadische Fanglizenz – mit Mengenbeschränkung – gekauft. Als sie in ihrem Fanggebiet ankamen, waren dort schon zwei andere DDR-Fischereischiffe sowie zwei polnische, ein dänisches, ein bulgarisches, und vier westdeutsche. Weil Scherzer die Verarbeitung der Fischmassen auf dem Fließband nicht gleichgültig ließ, führte er manchmal Gespräche mit einem toten Kabeljau. Zuvor hatte er sich auch schon mit einem im sibirischen Baikalsee lebenden Omul (einer Lachsart) unterhalten. Merkwürdigerweise tat das zur selben Zeit auch Peter Schütt, ein der DKP nahestehender westdeutscher Dichter. Beide berichteten anschließend darüber in ihren Sibirien-Reisebüchern. Damals hatte der „Fischfreund“ Breschnew gerade die Rettung des Sees verfügt, erklärte dazu der Dichter seinen westdeutschen Lesern.

.

Sitzung der Anglersektion Magdeburg. Aus der Chronik des 1882 gegründeten „Angler-Clubs“: „Die Angler des Bezirks Magdeburg und der Stadt Magdeburg gehörten bei nationalen und internationalen Meisterschaften immer zu den Sportlern, die ein ‚Wörtchen‘ mit zu reden hatten, wenn es um Medaillen ging.“

 

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2018/03/03/tiergeschichten-2/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.