vonHelmut Höge 21.12.2018

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Fluchtweg Repräsentanz

Die Auflage der taz sinkt, es wurde die Reduzierung der „tageszeitung“ (!) auf eine Wochenendzeitung (namens tageszeitung?) ins Auge gefaßt, gleichzeitig aber ein ziemlich repräsentatives taz-Verlagshaus gebaut und bezogen – da wundert man sich als Aushilfshausmeister. Zunächst einmal: Auf was für einem Grund findet das Ganze überhaupt statt? Im Sommer 2014 hatte die taz relativ günstig das Grundstück Friedrichstrasse 21 erworben, das bis 2010 der Blumengroßmarkthalle als Parkplatz gedient hatte. Bei Recherchen über Naturforscher im „Zeitalter der Entdeckungen“ entdeckten wir (es gibt inzwischen mehrere Aushilfshausmeister), dass an dieser Stelle ein Wohnhaus stand, in dem ab 1810 Peter Simon Pallas lebte: einer der wichtigen Naturforscher. Er war Professor für Naturgeschichte in St.Petersburg und Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften, die im 18.Jahrhundert von deutschen bzw. deutsch-baltischen Wissenschaftlern dominiert wurde. Sie mußten dazu gezwungen werden,auch russischen Wissenschaftler in die Akademie aufzunehmen. Daran war Pallas jedoch nicht beteiligt, er erforschte das Land und organisierte zwischen 1768 und 1794 mehrere Expeditionen durch Rußland und Sibirien, seine sogenannten „Akademie-Expeditionen“ wurden von Katharina der Großen befördert.

Pallas interessierte sich unterwegs für alles: Flora, Fauna, Gewässer, Gebirge, Siedlungen und Völker – ihre Sitten, ihre Feinde und ihre Ökonomie. Sie waren großteils bereits von Rußland unterworfen und infolge ihrer Ausbeutung und der dabei eingeschleppten Krankheiten dezimiert worden, wie Pallas feststellte, aber es gab sie noch. Pallas beschrieb ihre Lebensweise ohne westliches Ressentiment. Seine Expeditionsberichte umfassen mehrere tausend Seiten. Da viele der von ihm bereisten Völker vor allem vom Fischfang und der Jagd lebten (die Felle aus Sibirien waren Russlands fast einziges Exportgut – und Gold wert), wurden diese beiden Erwerbszweige bei Pallas ausführlich behandelt.

An der ersten „Kamtschatka-Expedition von 1728 bis 1730“, die Pallas mitorganisierte, nahm u.a. ein Adjunkt der russischen Akademie der Wissenschaften, der Naturforscher Georg Wilhelm Steller, teil. Es ging u.a. um die Erforschung der Meerenge zwischen der sibirischen Tschukschen-Halbinsel und Alaska. Der Kapitän Vitus Bering fand sie auch, allerdings wurde sein Schiff wenig später schon vom Eis auf eine kleine Insel westlich von Kamtschatka gedrückt, wo die Mannschaft überwintern mußte. Bering starb dort an Entkräftung, die Insel wurde später nach ihm benannt, ebenso die Meerenge -in „Bering-Straße“. Von Alaska hatten die mitreisenden Forscher nur eine vorgelagerte Insel erkunden können – und das auch nur einen halben Tag. Der junge Georg Wilhelm Steller schimpfte in seinem Bericht „Von Sibirien nach Amerika. Die Entdeckung Alaskas mit Kapitän Bering“, der 1793 von Simon Pallas veröffentlicht wurde, dass die „zehn Stunden“, die er in Alaska botanisieren durfte (und dabei immerhin 160 Pflanzen botanisierte) zehn Jahre Vorbereitung gebraucht hatten, an der insgesamt 3000 Menschen beteiligt waren, viele nicht eben freiwillig.

Selbst auf der Beringinsel verstand es Steller „neben all den Strapazen und Gefahren, die der Überlebenskampf dort mit sich brachte, seine naturkundlichen Beobachtungen fortzusetzen“, heißt es auf Wikipedia. Als die Überlebenden endlich Kamtschatka erreichten, blieb Steller dort und erforschte einige weitere Jahre die Halbinsel sowie die Lebensgewohnheiten der Kamtschadalen. Er starb auf dem Rückweg nach St. Petersburg in Tjumen. Nach ihm wurde u.a. eine dort von ihm „entdeckte“ Seekuh benannt, die schon bald danach von Walfängern ausgerottet wurde.

Die Sibirien-Expeditionen waren auch für die Forscher quälend: „Pallas’ Kollege J. P. Falck beging 1774 vor Erschöpfung Selbstmord. Samuel Gmelin wurde im südlichen Grenzgebiet von einem persischen Khan entführt und starb in der Gefangenschaft, während er auf das geforderte Lösegeld wartete. Pallas selbst wurde ‚beinahe von umherstreifenden Kosaken erschossen‘ und kehrte nach sechsjähriger Expedition 1774 nach St. Petersburg zurück ‚mit einem entkräfteten Körper und schon im dreyunddreißigsten Jahre grauenden Haare. Seine 2000 Seiten umfassende ‚Reise durch die verschiedenen Provinzen des Russischen Reiches‘ wurde rasch zu einer der meistgelesenen Schriften des 18. Jahrhunderts,“ heißt es im Tagesspiegel. „Anspruchslos, bescheiden, zurückhaltend bis zur Menschenscheu, hielt Pallas sich von Intrigen und Querelen der Petersburger Akademiker fern.“

Die Zarin vergolt es ihm mit einem Anwesen auf der Krim inklusive Weinberg und zwei Dörfer. Dort trennte sich Pallas jedoch 1810 von seiner Frau, die ihn auf seinen Reisen begleitet hatte, und zog mit seinem Enkel und seiner inzwischen geschiedenen Tochter nach Berlin in das Haus seines Bruders August Friedrich Pallas, ein an der Universität lehrender Chirurg.Peter Simon Pallas arbeitete dort an einer „Russisch-Asiatischen Zoologie“, sie blieb jedoch unfertig. Pallas bekam ein Ehrengrab auf dem Friedhof am Halleschen Tor. In Schöneberg wurde eine Straße nach ihm benannt.

Schräg gegenüber im Haus Friedrichstrasse 235 lebte der Dichter und Kustos am Berliner Botanischen Garten Adelbert von Chamisso. Er hatte an der russischen „Rurik-Expedition“ teilgenommen, die von 1815 bis 1818 die Nordwestpassage – den Seeweg nördlich des amerikanischen Kontinents zwischen dem Atlantischen und dem Pazifischen Ozean – erkunden sollte. Pallas war währenddessen auf dem Landweg durch Westsibirien zum Kaspischen Meer unterwegs. Die See-Expedition leitete der Kapitän der „Rurik“ Otto von Kotzebue, Sohn des Dramatikers August von Koetzbue. Dieser hatte vom Zaren ein Gut in Livland bekommen und war Sekretär des Generalgouverneurs von St.Petersburg geworden. 1819 wurde er als „Vaterlandsverräter“ vom Burschenschafter Karl Ludwig Sand ermordet.

Sein Sohn Otto und Adelbert von Chamissos hatten die gleiche humanistische Gesinnung. Chamissos Bericht „Reise um die Welt“ wurde seinerzeit viel gelobt, er erschien zuletzt 1985 in der DDR. Die Westberliner Dokumentarfilmerin Ulrike Ottinger zeigte 2016 einen zwölfstündigen Film mit dem Titel „Chamissos Schatten“ – über die Halbinsel Tschukotka, die Wrangel-Insel, Kamtschatka, Alaska, die Aleuten und die Bering-Insel, wo Chamisso geforscht hatte. Bei den Bewohnern den Aleuten, die schwer von kosakischen Pelztierhändlern gedrückt wurden, merkte er bei seinen Besuchen (auf der Hin- und Rückfahrt), dass sie im Gegensatz zu den westlichen Wissenschaftlern wirklich etwas von Walen verstanden. Er warf die bis dahin gültige aber falsche Benennung der Arten über Bord und übernahm die der Aleuten-Waljäger. Sie fertigten für ihn zudem kleine Holzplastiken von den verschiedenen Walen an, einige Exemplare befinden sich noch im Museum für Naturkunde. Seinen Walbericht veröffentlichte Chamisso auf Lateinisch. Die in Norwegen lehrende Literaturwissenschaftlerin Marie-Theres Federhofer, die ihn ins Deutsche übersetzte und ins Internet stellte, schreibt – in „siberian-studies.org“: „Camissos einzige naturwissenschaftliche Studie über Wirbeltiersystematik – ist methodologisch eine originelle Leistung. Er verwendet darin die Kenntnisse einer Urbevölkerungsgruppe, und es gelingt ihm, dieses Wissen in die Ordnung eines europäischen Wissenschaftsverständnisses hinein- und weiter-zuvermitteln.“ Chamisso lebte von 1822 bis zu seinem Tod 1838 in der Friedrichstrasse 235, wo er an einer „Hawaiischen Grammatik“ schrieb. Eine Gedenktafel erinnert dort an ihn, außerdem benannte man einen Platz in Kreuzberg nach ihm. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof am Halleschen Tor. Sein Haus in der Friedrichstrasse wie ebenso das von Pallas wurden im Krieg weggebombt oder fielen danach der „schöpferischen Zerstörung“ des Kapitalismus anheim.

Jetzt stehen dort wie gesagt zwei Stahlbeton-Geschosser. Das Umfeld läßt trotz dieses Gentrifizierungs-Ansatzes noch mittelschichts-ökomäßig zu wünschen übrig: ein Polizei-Hauptquartier, ein Arbeitsamts-Hauptquartier mit Adler auf dem Dach (dem man das Hakenkreuz weggeschlagen hat), mehrere Spielhallen/-casinos, ein riesiger italienischer Laden voller vergoldetem Kitsch, zwei Ein-Euro-Läden, ein Secondhandladen der Obdachlosenzeitung „Motz, ein paar Friseure, eine islamische Bildungseinrichtung, einige hochstaplerische Kunstgalerien oder Verwandtes, ein Frauen-Öko-Café und ein türkisches 24-Stunden-Café mit attraktiven Frauen hinter der Theke und einem Raucherraum mit Spielautomaten  aber völlig verdreckten Toiletten. Hinter der taz geht es noch weitaus übler – auf gehobenem Niveau – weiter.

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Das obige Photo und dieses sowie die folgenden stammen aus der Serie „Frau mit Auto“

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Unruhen

Zu Zeiten der mechanischen Uhren kannte man noch ihr Herz: „die Unruh“. Heute, im Digitalen, wird „Unruhe (feminin)“ als „Zustand gestörter fehlender Ruhe“ definiert, und gilt sowohl für den individuellen als auch den sozialen Körper. 2017 wurde eine Dokumentation „Unrest“ (Unruhe) über eine solche Krankheit im Kino gezeigt. Aktuell kam es in Nantes zu „schweren Unruhen“, wobei ein junger Mann (ein „Unruhestifter“?) von Polizisten erschossen wurde. Und noch aktueller: die Proteste der „Gelbwesten“ in mehreren französischen Städten, hunderte wurden festgenommen.

Amazon bietet unter dem Stichwort „Unruhe“ über 100 Mittel an – von Klosterfrau Melissengeist über Beruhigungstabletten bis Antidepressiva-Injektionen – für Leute, die unter „innerer Unruhe“ leiden, dazu etliche Ratgeberbücher wie das vom Dalai Lama: „Kleines Buch der inneren Ruhe“, aber auch einige Memonranden aus dem 19. Jahrhundert, herausgegeben von Kriegsministerien, „Zur Unterdrückung innerer Unruhen“.

Auch „Der innere Befehl“ aus dem Jahr 1939 von Franz von Unruh gehört in diese Kategorie. Eher halbherzig ist dagegen „Der innere Friede und die notwendige Unruhe“ aus dem Jahr 1958 von Margarethe Lachmund. In den Siebzigerjahren zu Zeiten der Anti-AKW-Bewegung veröffentlichte der Schriftsteller Hans Christoph Buch ein Gorleben-Tagebuch mit dem Titel „Bericht aus dem Inneren der Unruhe“.

Kürzlich ließ ich mich in der Jungen Welt über das 2018 erschienene Buch „Unruhig bleiben“ von Donna Haraway aus. Nun könnte ich mich dem „Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa widmen, in dem es um einen Hilfsbuchhalter geht, der sich ausschließlich zwischen seinem möblierten Zimmer, einigen kleinen Speisegaststätten in seiner Straße und seinem Büro bewegt. Für ihn ist „Existieren reisen genug“, selbst sein Tintenfass ist ihm ausreichend abenteuerlich. Er braucht weder die Aufregungen der Metropole (Lissabon) noch Beruhigungsmittel (Neurexan oder Baldrian).

Ich „existiere“ dagegen am Besten in sozialen Unruhen: Schüler- und Studentenbewegung (1967ff), Portugal (1974), Indonesien (1998), DDR (1989f). Wenn die „Ruhe“ wiederhergestellt ist, mit staatlicher List und Heimtücke (z.B. mit „agent provocateurs“ wie zuletzt bei den unruhig gewordenen Bischofferödern), stellen sich Gewaltphantasien ein. Sehr schön hat sich das der Dichter Volker Braun in „Die hellen Haufen“ 2011 ausgemalt.

Für die norwegische Schriftstellerin Linn Ullmann waren die Achtzigerjahre eine Art „bleierne Zeit“, in denen es im wesentlichen ruhig war, aber ihr neues Buch heißt „Die Unruhigen“. Das betrifft jedoch nur drei Personen: ihren Vater Ingmar Bergman, ihre Mutter Liv Ullmann und sie selbst. Der Regisseur Bergman sorgte vor allem 1963 für soziale Unruhe – mit seinem Film „Das Schweigen“, der erstmalig einige Nackszenen enthielt und deswegen in allen Ländern außer in Schweden und Deutschland verboten wurde. In der BRD entstand nach seiner Freigabe jedoch eine „Aktion saubere Leinwand“ und es kam zu „Tumulten“. Weil es in dem Film aber um mehr als „Sex“ ging, sprach sich auch die Kirche schließlich für ihn aus, wodurch die „Unruhen“ abebbten: Die Sex-Szenen würden darin „geistig überhöht“, meinten die Geistlichen, denn es gehe dabei um Gott.

Die Autorin Linn Ullmann blieb bei ihrer Mutter, Liv Ullmann, nachdem diese sich von Ingmar Bergman getrennt hatte. Ihr Vater hatte neun Kinder und nacheinander fünf Frauen, eine zeitlang lebte er in München. Als Schauspielerin pendelte Liv Ullmann zwischen den USA und Europa hin und her, mit ihrer Tochter samt Kindermädchen im Schlepptau. Linn Ullmann schreibt an einer Stelle über ihre Eltern: „Sie waren Kinder des Bürgertums, aber dennoch völlig außer Stande, dieses moderne bürgerliche, skandinavische Mittelschichtleben zu führen. Und das wollten sie auch gar nicht. Sie wollten frei sein. Sie sprachen über Freiheit und Kunst, kehrten jedoch fortwährend zur Geborgenheit zurück, wenn ihnen das Unbekannte mal wieder zu viel wurde.“

Das draußen in der Welt herumreisen und „Projekte“ durchführen und zugleich die Geborgenheit suchen – im großen väterlichen Haus auf Farö und in der großen Wohnung der Mutter in Oslo, das ist ihre „Unruhe“, die auch für ihre Tochter – als internationale Erfolgsschriftstellerin – noch gilt. In ihrem neuen Buch geht es jedoch vor allem darum, wie ihr Vater, umgeben von vielen weiblichen Pflegekräften, langsam zur Ruhe kommt, debil wird – und stirbt. Herausgekommen ist dabei eine wehmütige Klage, eine „Elegie“, wie Arno Widmann in der FR gegenüber der Autorin meinte, die es freuen würde, „wenn es so wäre“. Gilt diese Wehmut nun allein ihr selbst, die unruhig übrig geblieben ist, nachdem auch ihre Mutter – nach drei Autobiographien – langsam Ruhe gefunden hat? Die achtzigjährige Liv Ullmann kam allerdings kürzlich anläßlich der Retrospektive „Ingmar Bergman 100“ noch einmal nach Berlin

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Falsche Kissen

Der Kulturhistoriker Heinz-Werner Lawo veröffentlichte einen Katalog über das „Kissen in der Kunst. Zur Grundlegung der Unterlagenforschung“. Darin geht es u.a. um all jene marmornen Helden und Heldinnen, deren Posen derart labil geraten waren, dass es ihre Bildhauer für ratsam gehalten hatten, ihnen als Stütze auch noch ein Kissen zu steinmetzen, quasi unterzuschieben. Diese sind Lawos Thema. Der Westberliner Kissenforscher kann davon allein jedoch nicht leben. Das fiel mir wieder ein, als eine Firma kürzlich begann, die öffentlichen Werbeflächen mit dem Slogan „Falsches Kissen“ zu bekleben. Man sah darauf jeweils ein leidendes Gesicht und der- oder diejenige hielt sich dabei die Stirn, den Nacken, den Hals oder die Schulter. Die derart porträtierten schienen nicht nur geistig, sondern auch körperlich am derzeitigen System zu leiden: Ehe kaputt, Job verloren, Miete erhöht, Sohn auf Chrystal Meth, Auto springt nicht an – so was in der Art.

Weit gefehlt: Diesen Leuten fehlte bloß das richtige Kissen! Was ist denn da passiert, fragte ich mich: Warum bewerben die Kissenhersteller ihre Produkte plötzlich als Mittel zur Gesundheit und sich als eine Art Chiropraktiker? Etwa seit mit der Dienstleistungsgesellschaft „Rückenschmerzen“ epidemisch geworden sind? Oder die weggefallene Arbeitsplatz- und Wohnungssicherheit massenhaft zu „Schlaflosigkeit“ geführt hat? Im Internet werden inzwischen spezielle Kissen für „Seitenschläfer“, für „Rückenschläfer“ usw. angeboten und vor allem die Leiden „Nackenschmerzen“ und „Schlaflosigkeit“ auf „falsche Kissen“ zurückgeführt.

Das „Online-Magazin für perfekten Schlaf“ meint: „Es ist völlig normal, dass wir während des Schlafes die Schlafposition des Öftern wechseln. Daher sollte sich das Kissen aber auch in der Nacht optimal den unterschiedlichen Anforderungen anpassen können.“ Neben dem richtigen Kissen gilt zudem: „Egal, ob Sie nun zu den Seitenschläfer, Rückenschläfer oder Bauchschläfern gehören, eines sollten Sie immer vermeiden – den Knick im Genick.“ Die „Halswirbelsäule“ mag das nämlich gar nicht. Was für Kissen helfen aber denn nun? Das kommt drauf an: Die Redakteure des Online-Magazins empfehlen z.B. für Alpträumer, die Nachts viel schwitzen, Kissen mit „natürlichen Materialien“, konkret: „Die einzigartige Fähigkeit der Schafschurwolle, bis zu 30 % des Eigengewichts an Feuchtigkeit aufzunehmen, macht sie zu einem besonders guten Füllmaterial.“ Das hilft auch gegen Ungeziefer: „Wußten Sie, in einem Bett halten sich bis zu über einer Million Milben auf? Sie bevorzugen vor allem ein feucht-warmes Bettklima.“

Aus gewöhnlich gut unterrichteten Bettenburgen weiß ich jedoch seit dem Wochenende, da wir eine kleine Diskussion über die vielen Matratzen-Läden aus aller Herren Länder in Berlin veranstaltet hatten und en passant auch über die Werbeoffensive „Falsche Kissen“ sprachen: „Das ist alles PR. Dahinter stecken die mächtigen Schafzüchter-Verbände in Australien, Neuseeland und England, sie wollen ihre Schafwolle, die so gut wie nichts mehr auf dem Weltmarkt kostet, nun auch in Europa als Kissenfüllung loswerden.“ Das renommierte Schweizer „Gottlieb-Duttweiler-Institut“ habe beizeiten bereits in seiner berühmten Studie „Die Zukunft des Schlafens“ prophezeit, dass dafür „in der Always-On-Gesellschaft neue Märkte entstehen“.

Etwas anders sieht das die linke Journalistin Stephanie Grimm: In ihrem Bestseller „Schlaft doch, wie ihr wollt“ (2016) spricht sie vom „Glamour der Schlaflosigkeit“, für sie ist es nicht der multinationale Wollfilz verbunden mit der von Australien dominierten Internationalen Wollscherer-Union, sondern die neoliberale „Pharma- und Ratgeber-Industrie, die vom schlechten Schlaf profitiert“ – und das „schon lange“; ständig werden neue „Mittel und Geräte“ angeboten.

Diese Branche macht anscheinend vor nichts Halt: So heißt ein Schlafratgeber z.B. „Schlafen wie die Profis“, Autor ist der „Schlafguru der Spitzensportler Schlaf-Coach Nick Littlehales“, er verspricht eine verbesserte „Performance und Fitness durch Schlafen“. All diesen Ratgeberbüchern für Schlafinteressierte gemeinsam ist der Befund: „Die übermüdete Gesellschaft“, wie der Schlafmediziner der Charité Prof. Dr. Ingo Fietze das nennt. Andere, wie der Sozialforscher des Reemtsma-Instituts Heinz Bude, nennen ihren Befund: „Gesellschaft der Angst“, wieder andere, wie der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, sprechen von einer „überforderten Gesellschaft“ oder, wie die Zeitjournalistin Elisabeth von Thadden, von einer „berührungslosen Gesellschaft“…Aber egal, wie man das postfaschistische Schweinesystem auch dreht und wendet, wer darin sein müdes Haupt auf ein „falsches Kissen“ bettet, der darf sich nicht wundern.

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Pegelstände in der Meinungsfindung

Den Bauern bleibt nichts erspart – sie kommen aus dem Klagen nicht mehr raus. Erst der viel zu trockene Sommer, der die Feldfrüchte zum Teil gar nicht erst reifen ließ, woraufhin der Bauernverband eine Milliarde Euro Bundeshilfe verlangte – und ein Drittel auch bekam. Und nun das Gegenteil: Hochwasser. Wie 2017 wird dazu ein „Hochwasser-Hilfsprogramm“ gefordert, aber noch muß nichts gezahlt werden: An der Messstelle Ilsenburg im sachsen-anhaltinischen Landkreis Harz wurde zwar schon die erste Alarmstufe ausgerufen, weil der Pegel in mehreren Flüssen um 30 Zentimeter auf 1 Meter 51 gestiegen war, aber an einigen benachbarten Flüssen rief man keine Alarmstufe aus (die Stufe 1 bedeutet ein Überschreiten des Richtpegels, bei Stufe 2 muß ein „Kontrolldienst“ eingerichtet werden, bei 3 beginnt die „Deichverteidigung“ und bei 4 geht zwar nicht die Welt unter, aber die betroffenen Gemeinden).

Das ist jedoch nicht alles, was die Bauern zermürbt: Bereits 181 Kommunen haben sich, einer Kampagne des BUND folgend, zu pestizidfreien Zonen erklärt, bei einigen sehen sich die ansässigen Bauern dadurch in ihrer Existenz bedroht. Sie fordern Entschädigung, quasi eine Kompensation als unfreiwillige Öko-Bauern – für ihre ohne Gifte nun geringer ausfallenden Ernten.

Gleichzeitig macht man ihre industriell betriebene Landwirtschaft aber für das „Bienensterben“ und überhaupt für das „Insektensterben“ verantwortlich sowie auch für die „Klimaerwärmung“. Deutschlands renommiertester Ökologe Josef Reichholf meinte kürzlich in einem Interview: „Unsere Massen-Rinderhaltung in den Ställen trägt ganz erheblich zur Belastung der Erdatmosphäre bei. Wenn wir sie bilanzieren, mindestens so viel, wenn nicht mehr als der gesamte Kraftfahrzeugverkehr. Bei dem versucht man allerdings, an den Schrauben der ausgestoßenen Schadstoffmengen zu drehen. Während die Landwirtschaft weiter gefördert wird.“

Die Kritik an den armen Bauern, die bloß noch als Stimmvieh für die Konservativen und Heimattümler gut sind, ansonsten jedoch als Hilfsarbeiter der Agrarkonzerne tätig sind, macht auch vor ihrer Ästhetik nicht halt: Ihre riesigen Freilaufställe außerhalb der Dörfer verschandeln die Landschaft und wo das nicht, bauen diese Dumpfmeister überall Mais an: Man fährt auf den deutschen Landstrassen nur noch durch hochgiftigen Maisdschungel. Dazu Reichholf: „Die gewaltige Ausweitung des Maisanbaus ist eine Hauptquelle für das Tierfutter. Die oft von der Landwirtschaft vorgebrachte Argumentation: Wir müssen ja so produzieren, weil wir so viel verbrauchen, stimmt nicht. Es wird gerade in diesem Bereich Fleisch in Massen produziert, das in den Export geht. Und ich bin nicht der Meinung, dass es Aufgabe der deutschen Landwirtschaft ist, den viel ärmeren Nationen, die von Natur aus bessere Weidegründe hätten, auf dem Weltmarkt Konkurrenz zu machen, und das mit hochsubventionierten Anlagen, die im Hintergrund von den Steuerzahlern bezahlt worden sind. Außerdem müssen riesige Flächen an Tropenwäldern gerodet werden, um die uns fehlenden Futtermittel anzubauen. Soja in Südamerika, Ölpalmen in Südostasien. Es werden also gewaltige Zerstörungen in fernen Regionen getätigt, ein Verhalten, das – und das muss man in aller Deutlichkeit sagen – das neokolonialistisch ist.“

Die deutschen Bauern sind also auch noch die letzten Kolonialschweine – und in der Tat werden mit ihrem Supermarktmist die ganzen afrikanischen Märkte zugemüllt, gleich neben unserem Elektronikschrott, den wir dort endlagern. Und hier „verpesten“ sie laut Geo/FR/SPIEGEL/SZ/FAZ/taz unser Grundwasser mit ihren Irrsinnsmengen an Gülle, die sie auf die Felder und Wiesen ausbringen, die dadurch zunehmende „Nitratbelastung“ (Umweltbundesamt) ist extrem gesundheitsschädlich.

Es geht aber noch weiter: Wenn die riesigen Hühner-, Enten- und Puten-Mastanlagen der Geflügelhalter durch die Vogelgrippe bedroht werden, dann machen ihre korrupten Agrarforscher im Verein mit der Agrarbürokratie prompt die Natur dafür verantwortlich: „Dann sind es die bösen Zugvögel, die die Massengeflügelhaltung bedrohen,“ schimpft Reichholf, „anstatt zuzugeben, dass Epidemien die zwangsläufige Folge solcher Massenhaltung sind.“

Das sind die Argumente, mit denen die Bauern zur Schlachtreife gebracht werden – und das Wetter spielt da nun auch noch mit: diese opportunistische Drecksau!

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Mückenplagen

Trotz „Insektensterben“ warnte die Bild-Zeitung nach dem milden Winter vor einer Mückenplage. Es gibt viele tückische Stechmücken, und noch mehr Namen für sie. Die Gelbfiebermücke oder Tigermücke, die Moskito oder Malaria-Mücke oder Anopheles-Mücke, die japanische Buschmoskito… um nur einige zu nennen. Mit den zu Stech- und Saugrüsseln geformten Mundwerkzeugen saugen ihre Weibchen Blut, dabei können sie Malaria-Viren, West-Nil-Viren, Zika-Viren, Dengue-Viren, Sindbis-Viren usw. übertragen. Ein Virus kommt selten allein. Vereint schaffen sie es jedoch, dass z.B. in diesem Jahr bereits 70 Menschen in Südeuropa am West-Nil-Virus starben, alljährlich 30.000 an Gelbfieber sterben und etwa eine halbe Million Menschen, vor allem in Afrika, an Malaria.

Die Krankheitserreger, die diese Stechmücken übertragen, gehören zur Gattung der Plasmodien, „einzellige Parasiten“ laut Wikipedia, „infektiöse Partikel“ – „Viren“. Das sind genaugenommen keine Lebewesen, denn sie brauchen lebende Zellen, um sich zu vermehren. Darin entwickeln die Plasmodien laut Wikipedia „Geschlechtsformen“, ihre Vermehrung geschieht jedoch ungeschlechtlich durch „Vielfachteilung“, aus der sich ein „Schizont“ entwickelt usw.. Nicht jede Plasmodienart überträgt Malaria.

Mücken vermehren sich, indem die Männchen in Schwärmen im Sonnenlicht über feuchte Gebiete tanzen. Die Weibchen fliegen dort rein und befruchtet wieder raus. Heinz Sielmann zeigte einmal einen solchen Schwarm und raunte dazu aus dem Off: „Sie haben nur ein Interesse, sich zu vermehren!“ Das ist natürlich Quatsch, aber kopulieren wollen sie schon gerne. Dabei passen sie die Tonhöhe ihrer Flügelschläge einander an. Zur Ausbildung der befruchteten Eier müssen die Weibchen dringend Blut saugen. Sie leben nur etwa drei Wochen (die Männchen 10 Tage).Wegen ihrer dünnen und zudem unbehaarten Haut fliegen die Weibchen am Liebsten Menschen an. Diese versuchen sich mit allerlei Chemikalien und Moskitonetzen dagegen zu wehren. Da die Mücken ihre etwa 300 Eier in stehende Gewässer, und seien sie noch so klein, ablegen, hat man z.B. in Burma schon seit ein paar tausend Jahren einen Teil des dort geförderten Erdöls auf Tümpel verteilt, um das Schlüpfen der Larven, die an der Wasseroberfläche atmen müssen, zu verhindern. Von den Mückenlarven, die sich vier Mal häuten und nach 5 Tagen verpuppen, ernährt sich jedoch eine Vielzahl von Wassertieren, die oft mitsterben.

Während der linksliberale Pathologe Rudolf Virchow entgegen der Erwartung seiner Berliner Vorgesetzten bei der Untersuchung der „Hungertyphus“-Epidemie in Oberschlesien die üble preußische Kolonisierung der Polen für die wahre Ursache der „Seuche“ hielt und nicht irgendeinen „Erreger“, was ihn zum Begründer der „Sozialmedizin“ machte, griffen die europäischen Verwalter der überseeischen Kolonien bei der Bekämpfung der Malaria auf den medizinischen Begriff der „Segregation“ zurück, d.h. sie schufen einen „cordon sanitaire“ zwischen ihren Siedlungen und denen der Eingeborenen (und ihren besonders betroffenen Kinder), woraus sich später die „Apartheitspolitik“ entwickelte. Da die weiblichen Stechmücken etwa eine Meile weit fliegen können, wurden die „Schutzzonen“ um ihre „gated communities“ ebensoweit gezogen. Der konservative Bakteriologe Robert Koch schlug im Falle der Tsetsefliege, die die Schlafkrankheit überträgt, sogar die Einrichtung von KZs vor. Als er sich mit seiner zweiten Frau auf eine fünfjährige Weltreise begab, mußte sie mehrmals wegen eines Malariaanfalls die Reise unterbrechen.

Vor allem in den USA war man wenig später sehr schnell bereit, in jedem Krankheitserreger einen „Feind“ zu sehen, da man bei vielen Krankheiten nicht wie in Europa die sozialen Lebensumstände verantwortlich machte, sondern versuchte, sie mit geeigneten Mitteln individuell zu bekämpfen. Untersuchungen zeigen z.B., dass bei Amerikanern viele  Medikamente besser wirken als bei Europäern. An den UNO-Kampagnen zur weltweiten Ausrottung der Moskitos beteiligte sich die Rockefeller Foundation, ihr Präsident meinte 1918: „Zum Zweck der Besänftigung primitiver und zweifelhafter Leute hat die Medizin einige entscheidende Vorteile gegenüber Maschinengewehren.“ Als die italienischen Faschisten sich daran machten, die Pontinischen Sümpfe trocken zu legen, stellten sie eine „Anti-Moskito-Miliz“ auf. Ab 1945 erwies sich das Ausbringen von DDT mit Flugzeugen als einerfolgreichesMittel: „Aus der Perspektive der medizinischen Entomologie war das aufregendste Ergebnis des Zweiten Weltkriegs die Entdeckung des DDT,“ hieß es in einer US-Malariastudie, die der Wiener Künstler/Philosoph Fahim Amir in seinem Buch „Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte“ (2018) erwähnt, auf das ich mich hier im Wesentlichen beziehe.

Aber schon bald wurden immer mehr Moskitos resistent gegen das Gift. Bei damit imprägnierte Moskitonetzen verlegten sie ihre „Angriffe“ auf den Tag (wodurch auch alle anderen Schutzvorrichtungen für die Nacht nicht mehr wirkten). Und dann wies die Biologin Rachel Carson in ihrem Buch „Der stumme Frühling“ (1962) nach, dass das DDT die Vögel vernichtet, woraufhin es auf Druck von Umweltschützern zu einem DDT-Verbot kam (in Afrika wird es jedoch noch immer angewendet).

Ein anderes, prophylaktisches Antimalaria-Mittel, Larium, das das US-Militär seinen 200.000 Soldaten im Irak mitgab, mußte wegen seiner Nebenwirkungen zurückgezogen werden, nachdem mehrere Kriegsveteranen durchgedreht waren und ihre Frauen umgebracht hatten. Um einen anderen „Feind“, die Bakterien, die Tripper und Syphilis übertragen, in Panama zu bekämpfen, wo amerikanische Zivilisten und Militärangehörige nach Fertigstellung des Kanals ab 1914 massenhaft einfielen, wurden die einheimischen Frauen laut Fahim Amir wie Moskitos behandelt: Man fing sie Nachts überall in der Stadt ein und testete sie auf Geschlechtskrankheiten- „bei positivem Ergebnis wurden sie bis zu sechs Monate in einer Mischung aus Gefängnis und Krankenhaus einbehalten.“

Neuerdings hat sich die Rockefeller Foundation mit der Bill & Melinda Gates Foundation zusammengetan und kämpft noch einmal gegen alle Moskitos: Diesmal haben sie genmanipulierten Weibchen, die Sterilität vererben, ausgesetzt. Diese haben Fahim Amir zufolge den Vorteil, dass nun, in der NGO-Ära, „die Moskitos selbst zu einem kommerziellen Produkt gemacht werden können,“ die man z.B. an afrikanische Regierungen verkaufen kann. Nachdem festgestellt wurde, dass das Bakterium „Wolbachia“ Mücken gegen Dengue-Viren immunisiert, haben Wissenschaftler in Australien zigtausende damit infizierte Mücken freigelassen. Bis jetzt erwies sich das als ein erfolgreicher Kampf.

Die Bayreuther Afrikanistin Uli Beisel argwöhnt jedoch, dass auch diese„Mittel“ nichts nützen.Sie plädiert stattdessen für einen „Waffenstillstand“, um nicht aus der Mücke einen Elefanten zu machen und die Tiere endgültig zu eliminieren, sondern „um miteinander koexistieren zu können“.

Aber dieser schöne Vorschlag nützt wahrscheinlich nichts: „Die Mückenplage hat Rhein-Main fest im Griff,“ schrieb der Offenbacher „Extra-Tipp“ im Frühling 2018, und dass sich dort „hartnäckig das Gerücht von der gefährlichen Tigermücke“ halte, weil „selbst ernannte Experten Panik machen“. Die Behörden wiegelten ab: Da liege wahrscheinlich eine Verwechslung mit der nicht unähnlich aussehenden Ringelmücke vor, die man in Baden-Württemberg auch Ringelschnake nennt. Zudem war dann schon ein paar Monate später landauf landab von einem „Insektensterben“ die Rede. Aber nun haben ausgewiesene „Experten des Ministeriums und des Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie“ in Frankfurt ganze „Populationen der Asiatischen Tigermücke“ entdeckt. Die einheimischen Insekten verschwinden, die asiatischen rücken nach, so scheint es. Bisher gab es die Tigermücken in Frankfurt nur vereinzelt. Sie kamen als blinde Passagiere mit dem Flugzeug ins Land.

Beunruhigend an ihnen sind die Weibchen, denn sie brauchen zur Eientwicklung Blut und können beim Stechen gefährliche Viren übertragen, während die Männchen sich harmlos von Nektar ernähren, man kann sie jedoch schlecht unterscheiden. Die Tigermücke ist gefleckt, daher der Name, aber anders als die asiatischen Tiger besteht sie auf eine „enge Vergesellschaftung mit den Menschen“ (Wikipedia).

Die Weibchen übertragen beim Blutsaugen Krankheiten wie Chikungunya, Dengue-, Gelbfieber- und den West Nil-Virus. Diese Viren brauchen zur Entwicklung im Körper der Mücke mehrere Wochen lang Temperaturen über 25 Grad, „Bedingungen, die in Deutschland in der Regel nicht vorliegen“. Das gilt jedoch nicht für die Chikungunya-Viren, die sich bereits bei 18 Grad vermehren können, wie das Hamburger Institut für Tropenmedizin in seinem „Hochsicherheits-Insektarium“ kürzlich herausfand.

Das Wort Chikungunya stammt aus der Sprache der Makonde, einem Bantuvolk in Tansania, und bedeutet „Gebeugter Mann“. Da die mit Fieber und Mattigkeit einhergehende Viruserkrankung in den meisten Fällen gutartig verläuft und irgendwann wieder abklingt (selbstlimitierend ist), wird man früher oder später auch wieder gerade gehen können – ohne spezifische Medikamente einnehmen zu müssen, die es (noch) gar nicht gibt. Ähnlich ist der Krankheitsverlauf bei einer Infektion mit dem West-Nil-Virus, was sich durch Fieber, Abgeschlagenheit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Schwellungen der Lymphknoten bemerkbar macht, aber ebenfalls nach ein bis zwei Wochen wieder abklingt. Auch die Ausbreitung des Dengue-Virus im menschlichen Körper ähnelt dem Verlauf einer Grippe. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich 50 bis 100 Millionen Personen daran erkranken, 500.000 Personen einen schweren Krankheitsverlauf durchleiden und 22.000 Personen an Denguefieber sterben; die meisten der Todesopfer sind Kinder. Dagegen wurde 2015 allerdings ein Impfstoff entwickelt, nachdem der französische Pharmakonzern Sanofi festgestellt hatte, dass das Dengue-Fieber eine sich ausbreitende Krankheit ist und es sich also lohnt. Auch gegen das Gelbfieber, das mit Leberschäden einhergehen kann, gibt es inzwischen einen Impfstoff. Die WHO schätzt, dass jährlich 200.000 Personen erkranken und 30.000 Personen an Gelbfieber sterben; ungefähr 90% der Infektionen entfallen auf den afrikanischen Kontinent.

Anders ist es bei der Schlafkrankheit, das von einem Einzeller herrührt, den die Tsetsefliegen beim Stechen und Blutsaugen übertragen. Dagegen wurde zwar ein Medikament entwickelt, aber die jährlich 70.000 damit infizierten und dahinsiechenden Afrikaner sind kein lukrativer Markt, der Pharmakonzern vermarktete den Impfstoff deswegen lieber als Enthaarungsmittel. Auch das Sumpffieber (Malaria) rührt von einem Einzeller her, er wird von der Anopheles-Mücke übertragen, 200 Millionen Menschen erkranken jährlich daran, wovon über eine Million stirbt. Hierzulande gibt es die Mücke bisher aber nur eingeschleppt, wo sie gelegentlich die sogenannte „Flughafen-Malaria“ verursacht. Mit der Klimaerwärmung und der Rekultivierung von Mooren und Sümpfen könnte sich das jedoch ändern, geben die Zukunftsdeuter zu denken.

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Peitschen

„Mit den Himbeeren stimmt etwas nicht.“ Diesen Anfangssatz wird man im Seminar für kreatives Schreiben lehren, meint der „Konkret“-Rezensent der „Ökodystopie“ von Eckehard Nickel: „Hysteria“ (2018), in der es um die Verblödung durch „biodynamische Sinnsuche“ geht, was der Rezensent für verfehlt hält: In einer Zeit der „Klimawandelleugner“ sich über die Ökos lustig zu machen. Zumal Nickel auch noch hinter den „Himbeeren“ eine Verschwörung wittert.

Wittern! Der schottische Aufklärer David Hume riet einmal, ein Philosoph sollte sich nur auf seine Nase als Denkorgan verlassen. Der Kavallerist Friedrich Nietzsche bestand darauf: „Ich erst habe die Wahrheit erkannt, indem ich sie roch. Mein Genie liegt in meinen Nüstern.“ Gerne wird an dieser Stelle die Szene in Turin erwähnt, wo Nietzsche 1889 weinend einen Droschkengaul umarmte, weil der Kutscher ihn gepeitscht hatte. Umgekehrt hatte der Philosoph nichts dagegen, mit seinem Freund Paul Ree zusammen, von Lou-Andreas-Salomé ausgepeitscht zu werden – für ein gestelltes Foto. Jetzt verstehen wir auch seinen Rat „Gehst Du zum Weibe, vergiß die Peitsche nicht.“ Das sagte er nach dem Foto-Shooting in einem Luzerner Studio, denn es war seine Peitsche, die er der Russin für die Szene lieh.

Dieser Tage erschienen im Mandelbaum-Verlag noch einmal die Jagd-Essays des Linkssozialisten und Ethnopsychoanalytikers Paul Parin – unter dem Titel: „Die Jagd – Licence for Sex and Crime“. Die Neuherausgabe war notwendig, weil sein alter Verlag das Buch verstümmelt hatte – „in einer eigenartigen Mischung aus Respektlosigkeit, Prüderie und sachlicher Unkenntnis“, wie die neuen Herausgeber, eine Zoologin, eine Historikerin, ein Bibliothekar und ein Ethnologe in ihren Nachworten schreiben; die zensierte Ausgabe hatte Christa Wolf benachwortet.

In Parins Jagd-Buch („ein aufgeklärter Mensch und ein Jude jagen nicht, ich muß mich zu den Ausnahmen zählen“) spielt das Ausgepeitscht-Werden und Auspeitschen eine fast durchgehende Rolle. Er selbst wurde bereits als Jugendlicher nach einer Treibjagd, wo er einen Fehler gemacht hatte, von den Knechten seines Vaters, Gutsbesitzer in Slowenien, ausgepeitscht – und gleichzeitig oral befriedigt. Seine Jagdleidenschaft war seitdem eine sexuelle – ein „Lustmorden“, wie übrigens jede Freizeitjagd. Bevor er im hohen Alter damit aufhörte, peitschte er noch in seiner Phantasie einen „Gayboy“ aus Innsbruck durch, der ihn beim Forellenangeln gestört hatte. Das Schöne an diesen ganzen Peitschenhieben ist, dass der Zürcher Psychoanalytiker damit eine Selbstanalyse veröffentlichte. So dass er quasi am Ende seines Lebens – als Arzt bei den Tito-Partisanen und als Ethnologe bei den Dogon und den Agni, sich selbst als Untersuchungsobjekt vornahm – unter dem Aspekt des Jägers und Anglers als Lustmörder. Gleichzeitig diskutiert er natürlich die anspruchsvolle Jagdliteratur und macht sich Gedanken über die sozialistischen Führer in den Ostblockstaaten – warum sie alle leidenschaftliche Jäger/Angler waren.

Ich will die Peitsche hier nicht auch noch als Metapher strapazieren, es reicht, daran zu erinnern, dass die Kavalleristen immer eine kleine Peitsche besaßen. Was wurde nicht jahrhundertelang für ein Brimborium um Peitschen gemacht: Aus welchem edlen Leder, wie verflochten, wie schmerzhaft, wie laut sie waren. Man weiß, dass die Einsatzkommandos der Kosaken auf die Bauern mit einer Nagaika einpeitschten, aber hatten sie auch in Budjonnys Reiterarmee Peitschen? Man weiß nur, dass Isaac Babel sich nicht genug darüber wundern konnte, wieviel Zeit sie mit ihrem Pferd verbrachten. Bei der Auflösung der Kavallerieeinheiten wurde dann aber „der auf das Tier orientierte Eros des Reiters“ durch einen „homosexuellen Gruppeneros“ ersetzt, wie die Philosophen Deleuze/Guattari schreiben. Der Rotgardist Wassili Grossman notierte 1944 in seinem Kriegstagebuch: „Viele Panzersoldaten kommen aus der Kavallerie. Aber zweitens sind sie auch Artilleristen und drittens müssen sie etwas von Fahrzeugen verstehen. Von der Kavallerie haben sie die Tapferkeit, von der Artillerie die technische Kultur.“ Der Übergang vom Pferd zum Panzer wurde in Deutschland bereits im Ersten Weltkrieg eingeleitet, weil der einstmals schnellste Truppenteil bereits zum langsamsten Glied in der Kette des Aufmarsches geworden war: Anfang 1918, bei der 2.Offensive in Flandern, wurden die Pferde deswegen kurzerhand mit 150 Bussen an die Front geschafft, wo die Kavalleristen sich an zwei Abschnitten „durchpeitschten“, wie es in einem Heeresbericht heißt.

Auf dem Gymnasium hatten wir eine Turnlehrer, der Boxlehrer bei der SS gewesen war und uns bei Haltungsfehlern an den Ringern und am Reck mit einem Springseil auf den Hintern und die Beine schlug. Seltsamerweise beunruhigten unsere dabei aufgesprungenen Hautstellen nicht einmal die besorgtesten Eltern. Wir wunderten uns selber allerdings auch nicht groß – nahmen es eher sportlich – pimpfmäßig.

Paul Parin bekam sogar beim Reiten einen Orgasmus. Da die heutigen pferdeliebenden Mädchen Peitschen ablehnen, erst recht Reiter mit Peitsche, werden sie eigentlich nur noch für Sado-Maso-Clubs hergestellt, bei Amazon kriegt man diese „Lustpeitschen“ schon für weniger als 20 Euro. Und dazu natürlich auch die entsprechenden Bücher – als Einpeitscher.

 

Vorvorletzte Peitschenmeldung – v. 13.2.2019:

Die Gewerkschaft Verdi holt die Streik-Peitsche raus.

Vorletzte Peitschenmeldung – v. 18.2.2019

Peitsche knallt in Wolfsburg: VW zieht wegen sinkender Verkaufszahlen die Reißleine. Im Stammwerk soll Produktivität jährlich um fünf Prozent gesteigert werden

Letzte Peitschenmeldung – v.18.2.2019:

Die Republik Namibia hat sich über die deutsche Botschaft in Berlin an das baden-württembergische Wissenschaftsmysterium gewandt und um Rückgabe der Witbooi-Peitsche gebeten. Eine Mysteriumssprecherin sagte: „Wir fühlen uns dem Wunsch nach einer zeitnahen Rückgabe verpflichtet.“

Die Vereinigung der Nama-Stammesältesten (NTLA) in Namibia will dagegen die Rückgabe verhindern. Sie hat einen Antrag auf den Erlass einer einstweiligen Anordnung beim Landesverfassungsgericht in Stuttgart eingereicht. Das bestätigte ein Gerichtssprecher am Montag. Witbooi gehörte dem Stamm der Nama an. Deren Führung fühlt sich in den Verhandlungen mit Deutschland nicht ausreichend von der namibischen Regierung repräsentiert, die von Angehörigen des Volkes der Ovambo dominiert ist.

Die Peitsche kamen 1902 als Schenkung in das heute von Stadt und Land getragene Linden-Museum in Stuttgart. Beide Gegenstände waren nach letzten Erkenntnissen im Jahr 1893 bei einem Angriff auf Hornkranz, dem Hauptsitz Hendrik Witboois, erbeutet worden. Die Kolonialtruppen im damaligen Deutsch-Südwestafrika sollen dabei mit größter Brutalität vorgegangen sein. Witbooi ist ein Nationalheld Namibias: Denkmäler erinnern an ihn, zudem ist sein Porträt auf mehreren namibischen Geldscheinen zu sehen.

Auch Witboois Familie hat einer Rückgabe an den namibischen Staat nicht zugestimmt. Die Familie unterstützt vielmehr den Antrag der NTLA.

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Schlüssel

Die wichtigsten Schlüssel werden langsam durch Magnetkarten ersetzt. Ein kleiner Rückblick. Die Schriftstellerin Olga Tokarczuk bekam einmal in einem Hotel ein Zimmer mit der Nummer neun – und dazu einen Schlüssel mit einem Nummernanhänger. „Bitte passen Sie gut auf den Schlüssel auf. Der Neuner geht am häufigsten verloren,“ schärfte ihr der Portier ein. Und tatsächlich entdeckte sie, nachdem sie die Stadt wegen einer Terminänderung in ziemlicher Hast verlassen hatte, zu ihrem Entsetzen den Schlüssel in ihrer Tasche.

Der Wissenssoziologe Bruno Latour hat nachgezeichnet, wie bei den Hotelschlüsseln die Moral von den Gästen auf die Schlüssel überging: Erst hatten die Hotelbetreiber den Gästen eingeschärft, bei der Abreise ihre Zimmerschlüssel am Empfang abzugeben. Weil das oft nicht geschah, brachten sie in den Zimmern Schilder mit dieser Aufforderung an, aber weil auch das nicht immer half, versahen sie die Zimmerschlüssel schließlich mit immer dickeren und schwereren Nummernanhängern, so dass man sie nicht einfach in der Tasche vergessen kann. Ähnlich ist es mit den „Speed-Breakern“ in verkehrsberuhigten Zonen: quer über die Straße verdübelte Hindernisse. Erst wurden „Tempo 30“-Schilder aufgestellt, aber da die Autofahrer sie zu oft ignorierten, setzte man statt auf ihre altruistische Rücksichtnahme auf ihren dumpfen Egoismus, also darauf, dass sie ihr Auto nicht ruinieren wollen und deswegen langsam über die Hindernisse fahren.

Latour hat vor allem der „Berliner Schlüssel“ fasziniert: zigarrengroß und mit zwei Schlüsselbärtenan den Enden. Wenn der Hauswart die Außentür um 20 Uhr abschloß, verhinderte der, dass ein Mieter die Haustür offen ließ: Man mußte diesen Schlüssel nach dem Aufschließen durchs Schlüsselloch schieben und die Tür von innen wieder abschließen, um ihn an sich nehmen zu können. Und um ihn am Schlüsselbund zu befestigen, mußte man sich noch eine kleine Extrakonstruktion kaufen. Der klobige „Berliner Schlüssel“ wurde ab den Siebzigerjahren technisch ersetzt durch Klingel- und Gegensprechanlagen, Türsummer und immer kleiner werdende Sicherheitsschlüssel. Diese werden nebenbeibemerkt zum übergroßen Teil in der baskischen Kleinstadt Mondragon hergestellt. Wenn die elektronischen Schlösser, die man mit Magnetkarten öffnet, sich weltweit durchgesetzt haben, wird es in Mondragon viele Arbeitslose geben. Aber dort ist auch die größte Produktivgenossenschaft der Welt angesiedelt, die ebenfalls „Mondragon“ heißt. Sie hat 75.000 Mitarbeiter und wird die paar hundert Schlüsselhersteller vielleicht übernehmen können.

In der Westberliner Plattenbausiedlung Gropiusstadt bekamen die kleinen Kinder, um an die für sie zu hohen Klingelknöpfe ranzukommen, einen Kochlöffel mit, wenn sie draußen spielen wollten. Diese klauten ihnen die größeren Kinder dort jedoch immer wieder gerne. Auf einer Bezirksausstellung in Neukölln wurde einer dieser Kochlöffel gezeigt, er hatte der berühmten „Christiane F.“ gehört, die als „Kochlöffelkind“ in der Gropiusstadt aufgewachsen war.

Auf einer „Messe für Geldbeschaffungsmaßnahmen“ auf dem Pfefferberg 1999 hatten u.a. die „Sportsfreunde der Sperrtechnik“, eine Arbeitsgruppe des „Chaos Computer Clubs“, einen Raum, den sie mit einem großen Tisch, vielen kleinen Schraubstöcken, jede Menge Bier und einem riesigen Haufen Schlösser ausstatteten. Es ging darum, mit Dietrichen (z.T. spezielle aus den USA) immer kompliziertere Schlösser zu öffnen – nach Gehör. Deswegen war es in dem Raum stets sehr leise. Zwischendurch wurden Filme gezeigt: Mit heimlicher Kamera aufgenommene Verbrechen von Schlüsseldiensten, die für das Öffnen einer bloß zugefallenen Wohnungstür bis zu 500 Euro nehmen. Die „Sportsfreunde der Sperrtechnik“ veranstalten gelegentlich Kurse in Blindenschulen: Blinde können sehr gut Schlösser mit Dietrichen knacken, weil ihr Gehör besser als das von Sehenden entwickelt ist.

Der Kulturwissenschaftler Peter Berz promovierte 2001 über maschinentechnische Standardisierung um 1900: „08/15. Ein Standard des 20. Jahrhunderts“. Dabei ging es um die Standardisierung am Beispiel des 1915 entwickelten leichten Maschinengewehrs MG 08/15. In diesem Zusammenhang beschäftigte Berz sich auch mit dem Zündschloss von Feuerwaffen, wobei er zu dem Ergebnis kam, dass der Schlüssel für das Zündschloss dieser Waffen der Schütze ist. Seine Überlegung fand jedoch am Ende keinen Eingang in seine Doktorarbeit. Mit seinem Schützen als Schlüssel sind wir auf dem Wege zu den „Schlüsseln“ als Metapher, wobei schon das Zündschloß kaum noch etwas mit dem Türschloß gemeinsam hat. Der metaphysische Gebrauch des Schlüssels findet bereits bei Verwendung der alten Worte Schlüsselreiz, Schlüsselroman und Schlüsselindustrie z.B. statt, aber auch beim neuen Wort „Magnetkartenschlüssel“ (Wikipedia). Dass es irgendwann keine echten Schlüssel (mit Bart) mehr geben wird, ist jedoch nicht zu erwarten.

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Naturkopien

Der schottische Biologe D‘Arcy Wentworth Thompson gilt als Begründer der „Bionik“, obgleich er dieses Kofferwort, bestehend aus „Biologie“ und „Technik“, nicht kannte. In seinem Buch „Über Wachstum und Form“ (1917) zeigte er an vielen Beispielen die scheinbare Ähnlichkeit von biologischen und mechanischen Strukturen auf. Statt von Bionik, was heute ein Studienfach ist, spricht man auch von Biomimese.

Das erste deutsche Patent im Bereich Bionik wurde 1920 dem Boden- und Pflanzenforscher Raoul Francé erteilt für einen „Neuen Streuer“, den er in Analogie zur Fruchtkapsel einer Mohnpflanze konstruierte. Dabei handelt es sich um so genannte Porenkapseln, einer in nur wenigen Pflanzengattungen verbreiteten Form der Kapselfrüchte: „Neigt sich der Stängel durch Wind oder Berührung, fallen die Samen aus den Poren wie aus einem Salzstreuer.“ (Wikipedia)

Zweites Beispiel: Der Schweizer Ingenieur Georges de Mestral nahm einige Kletten, die im Fell seiner Hunde hängen geblieben waren, und legte sie unter das Mikroskop. Dabei entdeckte er laut Wikipedia, dass sie „winzige elastische Häkchen trugen, die auch bei gewaltsamem Entfernen aus Haaren oder Kleidern nicht abbrechen. Mestral untersuchte deren Beschaffenheit und sah eine Möglichkeit, zwei Materialien auf einfache Art reversibel zu verbinden. Er entwickelte den textilen Klettverschluss und meldete seine Idee 1951 zum Patent an.“

Erwähnt sei Drittens das erste U-Boot in Deutschland, das der Militärschullehrers Jakob Praetorius 1772 entwarf und das auf der Inselfestung Wilhelmstein im Steinhuder Meer in Analogie zum „Steinhuder Hecht“ auch gebaut wurde. In diesem nur 2,5 Meter tiefen „Meer“ fanden dann auch die ersten Tauchfahrten statt. Im Falle einer Belagerung der Festung sollte das U-Boot „Hecht“ die Verbindung zu den Schaumburg-Lippischen Verbündeten herstellen.

Und Viertens noch der Tier- und Humanphysiologe Rudolf Bannasch – er erforschte Pinguine in der Antarktis und promovierte in der Sowjetunion mit „Experimentellen Untersuchungen und Modellierungen des Unterwasserfluges der Pinguine“. Dabei ging es ihm um Strömungswiderstände bei tauchenden Pinguinen. Inzwischen hat er zur Vermarktung seiner Ideen, die ihm dabei kamen, eine Polarbionik-Firma namens „EvoLogis GmbH“ gegründet sowie ein „Bionik-Kompetenznetz“, über das es im Internet heißt: „Spindelförmige Strömungskörper nach dem Vorbild von Pinguinen setzen neue Maßstäbe der Aerodynamik. Im Wasserkanal erzielen solche Rotationskörper Widerstandsbeiwerte von 0,02 cw. Zum Vergleich: Bei Autos liegen die durchschnittliche cw-Werte zwischen 0,25 bis 0,5, bei U-Boote betragen sie etwa 0,1. Bei entsprechender aerodynamischer Anpassung − etwa bei einem Luftschiff − lässt sich eine Treibstoffersparnis von bis zu 30 Prozent erzielen.“ Um solche „Daten“ zu bekommen, müssen die Pinguine ordentlich gequält werden. Der Pinguinforscher Klemens Pütz berichtet darüber ziemlich ausführlich in seinem Buch „Unverfrorene Freunde: Mein Leben unter Pinguinen“ (2018).

Viel wichtiger als der Pinguin-Unterwasserflug ist für die Geschichte der Bionik jedoch die Idee von Leonardo da Vinci, den Vogelflug und die Anatomie des Vogels zu studieren, samt „den Brustmuskeln, den Bewegern der Flügel.“ Und das gleiche müsse man bei den Menschen machen, um herauszufinden, „welche Möglichkeit im Menschen steckt, wenn er sich durch Flügelschlagen in der Luft halten will.“ In diese Richtung dachte noch Otto Lilienthal bei seinen Flugexperimenten, weil er ebenfalls eine „homomorphe Konstruktion“ anstrebte, wie Hans Blumenberg das 1957 in seinem Aufsatz über die „Nachahmung der Natur“ nennt. Der Philosoph bemerkte dann jedoch einen „Paradigmenwechsel“ im Flugmaschinenbau: Spätestens mit den amerikanischen Luftfahrtpionieren, den Gebrüdern Wright, sei es zu einer „Erfindung“ gekommen, die sich „von der alten Traumvorstellung der Nachahmung des Vogelflugs freimacht und das Problem mit einem neuen Prinzip löst.“ Voraussetzung dafür war laut Blumenberg der Explosionsmotor und, noch wesentlicher, „die Verwendung der Luftschraube“: Solche „rotierenden Elemente“ seien „von reiner Technizität, der Natur müssen rotierende Organe fremd sein.“

Das stimmt nicht, auch diese Elemente entstanden quasi aus Biomimese: In ihrem 1989 veröffentlichten „Leitfaden“ der Biologie: „Die fünf Reiche der Organismen“ schreiben die Mikrobiologen Lynn Margulis und Karlene V. Schwartz: „Während bestimmter Stadien ihres Lebenszyklus besitzen die Zellen der meisten Eukaryoten – viele Pflanzen, die meisten Protoctisten und die meisten Tiere – flexible, peitschenartige, im Zellinneren verankerte Fortsätze – sogenannte Undulipodien (Flagellen bei den Bakterien gennnt). Sie bestehen aus Bündeln von Mikrotubuli. Diese werden von einer Undulipodienmembran umschlossen, die eine Ausbuchtung der Zellmembran darstellt…Die Schlagbewegung eines Undulipodiums wird durch Umwandlung von chemischer in kinetische Energie entlang des gesamten Organells erzeugt. Bei den Flagellen der Bakterien (Prokaryoten) kommt die Bewegung durch die Rotation der Verankerungsvorrichtung in der Zellwand zustande.“ Die Autorinnen sprechen dabei von einem „Drehmotor“. Demnach gehören auch die „rotierenden Elemente“ noch quasi zur Grundausstattung der Natur.

Recht besehen gehört zur Bionik auch schon Beton, mit dem der Felsen kopiert wird, aus seinen Höhlen wurden  Wohnsilos, „Arbeiterschließfächer“ nannte sie Heiner Müller, der in einem solchen, beim Tierpark, wohnte.

 

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In die Welt hinaus posaunen

In dem Roman „Amerika“ (2018) von Kai Wieland, der im Wesentlichen die Nachkriegsgeschichte der letzten Stammgäste in der Kneipe des schwäbischen Dorfes Rillingsbach „wiederspiegelt“, fragt sich der „Chronist“: „Was hofft Martha [die Wirtin] zu erreichen, wenn sie jeden Samstag fünf Postkarten mit gut gemeinten Worten und literarischen Zitaten an zufällige Adressen in der ganzen Welt verschickt, übrigens ohne Absender, welchen Impuls in die Welt hinaus traut sie sich selbst und Rillingsbach da zu?“ Der Autor/Chronist hat es nicht herausbekommen. Dabei ist solch eine Impulsgabe gar nicht selten.

Als ich noch in einer Leserbriefredaktion für die schwierige (nicht selten über 100 Seiten lange) sogenannte „Querulanten-Post“ zuständig war, bekamen wir von zwei Frauen jede Woche eine Postkarte. Die eine schickte kurze anspruchsvolle Gedanken mit Zeichnungen, die andere etwas wirre religiöse Merksätze, manchmal gereimt. Und etwa alle vier Wochen schickte jemand von den „Zeugen Darwins“ ein Foto, das uns die Evolution vor Augen führen sollte und zum Abdruck freigegeben war, wovon wir jedoch keinen Gebrauch machten. Inzwischen haben die „Zeugen Darwins“ längst das Internet für sich entdeckt, d.h. das „Facebook“, wo sie jedoch keine Fotos, sondern Gedanken und Merksätze posten – mit farbigem Hintergrund. Zu den Querulanten zählten wir auch den „Zeugen Sativas“. Sativa ist der botanische Name für Cannabis (Haschisch) und der Zeuge, das ist eine Person, die davon überzeugt ist, dass der Anbau und die Verwertung von Hanfpflanzen uns in vielerlei Hinsicht weiterbringt – rettet geradezu. Deswegen stellt er regelmäßig einen Film ins Internet, in dem er jedesmal ein Kapitel (von insgesamt 135) aus der „Hanfbibel“ vorliest. Dabei handelt es sich um die erweiterte deutsche Ausgabe des US-Buches „Hanf“ (1993) von Herer, Broeckers und dem Katalyse-Institut.

All diese hier erwähnten realen Personen des öffentlichen Lebens haben dies mit der fiktiven Martha aus der Dorfkneipe von Rillingsbach gemeinsam, dass sie auch nicht viel mehr als fünf Leser bzw. Zuschauer haben. Ebenfalls 135 Kapitel hat der Roman „Moby Dick“ von Herman Melville und alle drei Monate kommentiert eine Arbeitsgruppe der Universität Weimar bis 2020 in jeder Ausgabe der Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“ drei Kapitel. Ihnen gilt das Buch „als Zeugnis einer geradezu seismographischen kulturellen Selbstbeobachtung, die auch an unsere Gegenwart noch entscheidende Fragen stellt: Fragen der Geopolitik und Globalisierung, der Versicherung und Technik, der kulturellen Identität und ihrer transnationalen Auflösung, des Kolonialismus und Imperialismus, der Territorialisierung und Deterritorialisierung; Fragen nach den Gegensätzen von Staat und Wirtschaft, von Land und Meer, von Universalismus und Partikularismus, von Macht und Norm, von Geld und Moral.“

Die „Neue Rundschau“ hat bei einer Auflage von 64.000 sicher mehr als fünf Leser, aber bei all diesen „Fällen“ handelt es sich um etwas Gesellschaftliches in einer interventionistischen/impulsiven Weise, wobei die Stoßrichtung von links unten aus erfolgt – und langsam wie beim Bohren dicker Bretter bis zur Mitte durchdringt, wenn nichts dazwischen kommt. Mühsam. Warum macht man das alles? Der schwedische Biologe und Schriftsteller Fredrik Sjöberg fragte sich genau das in seinem Buch „Wozu macht man das alles?“ (2016). Er hatte als Assistent eines Stockholmer Theaterregisseurs gekündigt, „um endlich, eine lang unterdrückte Passion auszuleben: Fliegen zu fangen und ihr Leben zu studieren.“ Zwar entdeckte er dann mehr Schwebfliegen-Arten als erwartet, sogar einige unbekannte, aber als Lebenswerk war Sjöberg das anscheinend auch noch zu wenig. Deswegen handelte sein nächstes Buch dann von den zwei großen Natur-Benamern und -Sortierern – Carl von Linné und Charles Darwin, womit er das „Wozu?“ jedoch auch nicht beantwortete.

Noch mal an den Anfang: Neuerdings haben „Dorfromane Konjunktur“ (Die Zeit/FAZ/SZ). Ich habe in den letzten Wochen mindestens ein Dutzend gelesen – mit Lust zwar, aber es fragt sich: Warum haben sie plötzlich Konjunktur – wozu? Hier eine Antwort darauf: Im Künstlerdorf Worpswede lebt die Besitzerin der Ritterhuder Fabrik „Diamant-Leuchten“, Frau Liepold. Sie sammelt Bilder auf denen mindestens eine nackte Glühbirne zu sehen ist, die sie für die genialste Leuchte überhaupt hält. Die Künstler wissen das: Wenn sie sich zu einem Atelierbesuch anmeldet, fangen sie schnell ein neues Bild mit einer Glühbirne drauf an. Was in Worpswede eine liebenswürdige Sammlermacke ist, wurde bei dem millionenschweren Kunstsammler Peter Ludwig, den Aachener Schokoladenfabrikanten, zu einem öffentlichen Ärgernis, denn mit seinem vielen Geld und seinem blöden Kunstgeschmack beeinflusst er die Künstler in dem, was und wie sie malen sollen, schimpften die Kritiker.

So muß man sich im Grunde auch die plötzliche Konjunktur von Dorfromanen vorstellen: Da waren einige Literaturagentinnen, die beim Brunch mit großen Verlegern bzw. wichtigen Lektoren meinten herausgehört zu haben: „Ein Dorfroman, das wäre jetzt genau das Richtige!“ Und prompt mailten sie Abends ihren Lieblingsautoren (die mit den hohen Auflagen): „Hast Du schon mal an einen Dorfroman gedacht?“ Das reichte bereits! Und mit dem Ergebnis müssen wir jetzt leben. Was heißt „muß“? Ich bin ganz scharf auf Dorfromane. Übrigens ist der Kunstsammler Ludwig zum Glück tot und Frau Liepold hat ihre „Scheißfabrik“, wie sie sagt, verkauft und mit 67 noch eine Töpferlehre angefangen. Kein Scheiß! In Worpswede töpfern nebenbeibemerkt alle.

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Arbeitsplätze im Licht

– So nannten die Narva Beschäftigten ihre Lampenproduktion, die bis 1993 abgewickelt wurde. Wahrscheinlich hätte mindestens ihre Glühlampenherstellung aber sowieso keine Zukunft gehabt. Nicht wegen des Glühbirnenverbots, das Osram, Philips und Greenpeace 2009 bei der EU auf absolut undemokratische Weise durchsetzten, sondern weil die Lichttechnologie bessere Leuchtkörper entwickelte. Die Glühbirnen hielten 1000 Stunden, sie wurden zunächst durch die sogenannten Energiesparlampen ersetzt, die hochgiftig waren und zudem schlechtes Licht abgaben, aber 10.000 Stunden halten sollten. Daneben gab es weiterhin Halogenlampen, die halb so lange hielten, aber nun auch verboten wurden. Dafür gibt es nun Leuchtdioden. Diese LEDs sind eigentlich so gut wie unsterblich, weil sie keine Wärme entwickeln. Aber da sie laufend auf heller getrimmt werden, geben sie nun doch Wärme ab und folglich halten sie nur noch etwa 25.000 Stunden (die Hersteller werben mit einer Lebensdauer von 10 bis 25 Jahren), wobei sich jedoch die Lichtqualität langsam verschlechtert – u.a. aufgrund der Alterung des Phosphors in den LEDs. Ich weiß nicht, ob die schwindenden Phosphor-Vorräte in der Welt die Lichtindustrie tangieren (in der Schweiz will man schon Phosphor aus der Wiederaufbereitung von Urin gewinnen).

Wegen der „Lebensdauer“ entwickelt die „Illumination Engineering Society“ (IES) gerade Standards/Normen, dabei geht es auch um den „Lichtstromrückgang“, der mit der Zeit eintritt. Der Lichtstrom wird mit einer sogenannten „Ulbrichtkugel“ gemessen, dabei läßt sich der Lichtstromabfall ermitteln. Genormt werden muß anscheinend auch die „Definition einzelner Farbwerte“, dazu hat die „Commission Internationale de l’Eclairage“ ein „Chromatizitätsdiagramm“ entwickelt.

Man muß aber nicht derart ins Detail gehen, zumal in den Privathaushalten sowieso nur noch 7 Prozent der Elektrizität für Licht verbraucht wird, der Rest für alle möglichen anderen Geräte, Computer etc.. Seit ein paar Jahren kaufen chinesische Konzerne europäische Lampenproduktionen auf – auch von Philips und Osram und diese konzentrieren bzw. reduzieren sich auf die LED-Forschung und -Weiterentwicklung, was so weit gediehen ist, dass sie für militärische Zwecke interessant geworden ist, weswegen US-Präsident Obama bereits den Verkauf einer Osram-Lichtsparte mit einer US-Tochter an die Chinesen stoppen ließ.

Derzeit sind Leuchtdioden aber wohl vor allem für die Werbung interessant. Zwar wird überall über die zunehmende „Lichtverschmutzung“ geklagt, die nicht zuletzt auch für das „Insektensterben“ verantwortlich gemacht wird (so sterben z.B. allein an den 7 Millionen deutschen Straßenlaternen angeblich 1 Milliarde Insekten jede Nacht), aber die Licht-Werbeindustrie denkt ökonomisch, ihr geht die Ökologie am Arsch vorbei. Und da die Überproduktion zunimmt, muß auch die Werbung immer mehr und heller werden. Es gibt schon Bürgerinitiativen gegen diese ganzen scheußlichen Werbemaßnahmen.

Chinesische Konzerne stellen natürlich auch LEDs her, ganze Video-Walls, zudem dominieren sie die Produktion von Gallium, das u.a. für die LED-Herstellung benötigt wird. Die deutsche Presse klagt derweil, das die Chinesen „lebensgefährliche LEDs auf den deutschen Markt“ bringen. Das geht gegen die billigen – die teuren in Deutschland hergestellten sind natürlich besser, heißt es unisono. Zudem hat eine Firma in Deutschland ein Verfahren entwickelt (230 V AC), mit dem die LED-Platine direkt angesteuert wird – was Vorschaltgeräte überflüssig macht und wodurch gleichzeitig auch die Wärmeentwicklung auf der Platine reduziert wird.

Osram baut derweil seine Hightech-Standorte in Regensburg und Berlin aus, heißt es. Die anderen Osram-Produktionsstätten, die in chinesischen Besitz übergegangen sind, werden langsam abgewickelt, weil deren Produkte weiterhin rückläufig sind im Abkauf. Die Ex-Osram-Beschäftigten wehren sich auf die übliche Weise mit der Gewerkschaft: „Wir können gut ohne die Chinesen“ und „Wir wollen, dass bald wieder Ruhe einkehrt“. Die Osram-LED-Produktionsstätte bleibt erhalten. Der Osram-Chefingenieur für LEDs sagte mir: Es handelt sich dabei seit langer Zeit mal wieder um deutsche Patente, die international gefragt sind. LEDs bestehen aus kleinen Halbleiterplättchen, durch die Strom geschickt wird, wodurch Photonen emittiert werden. Diese Lichtquelle nun hat man immer mehr optimiert, was äußerst kompliziert ist: Es werden dabei bis zu 14 gasförmige Metalle auf das winzige Plättchen aufgedampft, das anschließend geschliffen wird, um den Lichtstrahl zu bündeln. All diese Bearbeitungen, die quasi in einer Blackbox vor sich gehen, kann man sich nicht einfach angucken, zudem geschieht dies bei Osram in Malaysia, wie er mir bedauernd mitteilte.

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Wahrheitsfindungen

Goethe verlangte für die Naturforschung den selben Pluralismus wie er in der Literatur galt. Einige irische Schriftsteller forderten später konkret, man müsse z.B. auch 2 plus 2 gleich 5 gelten lassen, sonst habe aller Liberalismus keinen Zweck. In der Verhaltensforschung findet man bereits eine gehörige Breite an Herangehensweisen:

Da ist z.B. ein junger italienischer Tierarzt, Massima Vacchetta, der zu einem verwaisten Igelkind gerufen wird, das er aufzieht und, indem er sich auf dieses „süße kleine Tier“ einstellt, ganz verliebt in diesen Säugling, den er „Ninna“nennt, wird – was für ihn bedeutete: „keine Eitelkeiten mehr, keine Äußerlichkeiten. Stattdessen fokussierte ich mich auf echte Werte. Auf den Sinn des Lebens.“ Der bestand für ihn dann darin, dass er eine Auffangstation für Igel gründete, die erste in Norditalien – und ein Buch mit dem Titel „Eine Handvoll Glück“ schrieb.

Und dann ist da – in der Antarktis – der deutsche Meeresbiologe Klemens Pütz, der vor allem Pinguine liebt, auf die er sein Leben eingestellt – gar gegründet hat. Er erforscht sie u.a. mit einem selbstkonstruierten Gestell, auf die er gefangene Pinguine, junge und alte, schnallt und dann – wie auf einer Jahrmarkts-Luftschaukel – kopfüber kippt, woraufhin die armen Tiere ihre Nahrung, die sie gerade im Meer gefangen haben, auskotzen. Anhand dieser Kotze rekonstruiert der Pinguinforscher ihre Jagderfolge unter Wasser. An Land watscheln sie etwas unbeholfen, aber im Wasser können sie geradezu fliegen. Ein von Pütz mit Satellitensender ausgerüsteter Pinguin schwamm an einem Stück 24.000 Kilometer. In seinem Buch „Unverfrorene Freunde. Mein Leben unter Pinguinen“ heißt es: „Für uns Forscher hängt der Erfolg einer Forschungsreise davon ab, welche Ergebnisse wir nach Hause bringen. Durch die Magenspülungen hatten wir gute Hinweise darauf, was Kaiserpinguine fressen.“ Pütz rüstet die Tiere auch mit „Fahrtenschreibern“ aus, die ihre Bewegung aufzeichnen, testet neue Geräte („Magensonden“ z.B.), verfolgt die Routen einzelner Pinguine zu Hause in Bremervörde am Bildschirm und hat überdies eine Schutzorganisation für die Vögel gegründet: den „Antartic Research Trust“, der bereits fünf kleine Brut-Inseln der Falklands gekauft hat, um sie als quasi „unberührte Natur“ zu erhalten, wobei eine jedoch erst einmal „renaturiert“ werden muß.

Dort in der Nähe, in Feuerland, beobachtete auch die Reiseschriftstellerin Carmen Rohrbach Pinguine an den Stränden. Die einstige DDR-Biologin war vom Westen aus dem Knast freigekauft worden und hatte eine Stelle als Verhaltensforscherin am Max Planck Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen bekommen. Ihr Forschungsauftrag lautete: ein Jahr lang das Verhalten von Meerechsen auf einer der Galapagosinseln dokumentieren. Dazu mußte sie die harmlos-trägen Großechsen wiegen und kennzeichnen.

Bei der Abreise war sie sich sicher: „In meinem Beruf als Biologin werde ich nicht weiterarbeiten. Zu deutlich ist mir meine fragwürdige Rolle geworden, die ich als Wissenschaftlerin gespielt habe. Ich kann nicht länger etwas tun, dessen Sinn und Nutzen ich nicht sehe.“ Sie erlebte zwar ein wunderbares Forschungsjahr auf „ihrer“ kleinen unbewohnten Insel, „doch ich habe es auf Kosten der Meerechsen getan, gerade dieser Tiere, die die Friedfertigkeit und das zeitlos paradiesische Leben am vollkommensten verkörpern. Ausgerechnet diese Tiere mußte ich mit meinen Fang- und Messaktionen verstören und belästigen. Da ich nun einmal diese vielen Daten gesammelt habe, werde ich sie auch auswerten und zu einer Arbeit zusammenstellen. Diese Arbeit wird zugleich der Abschluss meiner Tätigkeit als Biologin sein, denn ich kann nicht länger etwas tun, dessen Sinn und Nutzen ich nicht sehe. Und erst recht könnte ich es nicht mehr verantworten, Tiere in Gefangenschaft zu halten und womöglich sogar mit ihnen zu experimentieren…Ich werde nach Deutschland zurückkehren und versuchen, eine Aufgabe zu finden, die mir sinnvoll erscheint.“

Diese selbstgestellte „Aufgabe“ bestand dann darin, dass sie eine Reiseschriftstellerin wurde, die extremtouristische „Destinations“ aufsucht und anschließend darüber schreibt, wobei sie ihr biologisches Wissen einbringt.

Die Schriftstellerin Doris Lessing besaß jahrzehntelang Katzen und veröffentlichte mehrere gute Bücher über sie. Sie meinte zuletzt, dass sie inzwischen mehr über eine gestorbene Katze trauert als über einen gestorbenen Bekannten oder Verwandten. In einem ihrer Katzenbücher heißt es: „Jeder aufmerksame, sorgsame Katzenbesitzer weiß mehr über Katzen als die Leute, die sie beruflich studieren. Ernsthafte Informationen über das Verhalten von Katzen findet man oft in Zeitschriften, die ‚Geliebte Katze‘ oder ‚Katze und Du‘ heißen, und kein Wissenschaftler würde im Traum daran denken, sie zu lesen.“

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Künstliche Insekten

Wir unternahmen eine Recherche über das „Insektensterben“, nachdem der Insektenforscherverein in Krefeld 27 Jahre lang die Zahl der Insekten, ihre Biomasse, untersucht und dabei einen Rückgang um 76 Prozent ermittelt hatte. Dabei erfuhren wir, dass es in fast jeder Stadt einen Insektenforscherverein gibt, bald mehr als Insekten, dachten wir zynisch. Diese Entomologischen Gesellschaften sind so etwas wie das missing link zwischen den staatlich-besoldeten Wissenschaftlern und den Laien, uns, die wir höchstens mal eine Wanze zerquetschen oder einen Schmetterling bestaunen, von dem wir annahmen, dass es ihn gar nicht mehr gibt. Die Vereine veranstalten u.a. Vorträge und Exkursionen, wir nahmen einige Male daran teil. Wenn wir am Rande das Gespräch auf das ebenfalls besorgniserregende „Bienensterben“ brachten, bekamen wir zu Antwort: „Och, diese ollen Bienen.“ Den Insektenforschern ist am Erhalt einer möglichst großen Vielfalt an Insekten gelegen. In den Städten, wo die Brachen immer weniger werden, gibt es bereits zu viele: Sie nehmen den kleinen Populationen der Hummeln und Wildbienen ihre Blütennahrung weg, da sie immer gleich mit 20.000 Individuen anrücken. Die Insektenforscher, die übrigens auch vor Spinnen nicht Halt machen, haben natürlich nichts gegen die Honigbiene, höchstens finden sie deren quasi-industrielle Bewirtschaftung der Sache – das Leben der Insekten zu verstehen – nicht sonderlich dienlich. In einem kleinen Buch über Bienen hatte ich 2014 erwähnt, dass ein Totalausfall dieser Blütenbestäuberinnen einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden bedeuten würde. In den USA hat man ihn bereits in Dollar ausgerechnet.

An der Berliner FU haben die Bienenforscher eine Roboterbiene entwickelt, sie kann sogar die „Bienensprache“, d.h. die lebenden Bienen um sie herum im Stock fliegen zu den von ihr tanzend gewiesenen Blütenfeldern. Die FU-Roboterbiene dient angeblich der Erforschung des Bienengehirns und gehört damit zu den vom Staat mit Milliarden geförderten Neurowissenschaften (um noch bessere Computer zu bauen?). An der Harvard-Universität wurde ebenfalls eine „Robobee“ entwickelt. Dazu hieß es: Wenn das Bienensterben anhalte, werde man sie als Pflanzen-Bestäuberin einsetzen. So wie man in Kalifornien auch gegen die immer öfter streikenden mexikanischen Erntearbeiter fieberhaft an „Ernterobotern“ arbeitet. Dem kommen wiederum die Züchter entgegen, die maschinengerechte Sorten herausmendeln wollen.

Witzigerweise hat der Offiziersliterat Ernst Jünger 1951 bereits die „Robobees“ in seiner Erzählung „Gläserne Bienen“ vorausgeahnt – und abgelehnt. Witzig, weil wir jetzt in der Reportage „Underbug“ (2018) der US-Journalistin Lisa Margonelli erfuhren, dass die Harvard-Robobee kriegerischen Zwecken dienen soll – als eine Art Minidrohne: „Die Militärs phantasieren bereits riesige Schwärme von tödlichen Insekten, die auf 3D-Druckern hergestellt ein Dollar pro Stück kosten würden,“ schreibt Lisa Margonelli, deren Buch von Robotertermiten handelt – ebenfalls ein Harvard-Projekt, wozu erst einmal lebende Termiten in Namibia, Arizona, Australien und im Labor studiert werden. Es geht dabei um die Herstellung von Benzin aus Holz und Gras geht. Dazu reicht Verhaltensforschung, wie sie die Entomologischen Vereine betreiben, nicht aus, es müssen die Gene und Eingeweide der Termiten mit sündhaft teuren Geräten und Software erforscht werden, am Besten die einer primitiven Termitenart namens Mastotermes darwiniensis, die es nur in Nordaustralien gibt. Sie schluckt das Holz aber nur runter, verdauen tut es der Einzeller „Mixotricha paradoxa“ zusammen mit Pilzen und Bakterien in ihrem Darm, sie erledigen die eigentliche Zelluloseaufspaltung – „Molekül für Molekül“. Das Ganze soll ihrer Meinung nach der Verbesserung wenn nicht gar Rettung der Welt dienen. Konkret: Das Studium der Termiten im Feld und in den Laboren soll am Ende ein Organismusmodell hervorbringen anhand dessen die Wissenschaftler und Techniker ihre Robotertermite lebensecht programmieren.

In Deutschland wurde 2018 das Buch „Der symbiotische Planet“ der US-Mikrobiologin Lynn Margulis veröffentlicht, in dem sie die Symbiose, die im Darm von Mastotermes darwiniensis zwischen insgesamt fünf Arten stattfindet, um das Holz zu verstoffwechseln, als Modell für die Erforschung der Evolution nimmt, die ihrer Meinung nach eben nicht durch Mutation und Selektion vorangetrieben wurde und wird, sondern im Gegenteil durch Kooperation. Die Symbioseforschung, von ihr einst angestoßen zu Zeiten der Studentenbewegung, ist inzwischen unter Naturwissenschaftlerinnen ein Renner. Sie begann Ende des 19. Jahrhunderts in Russland unter Botanikern, die sich den Flechten widmeten, wobei sie entdecken, dass diese aus einer Alge und einem Pilz bestehen, also aus zwei Arten, die sich zusammengetan haben und so fast überall auf der Welt existieren können.

Die Presse meldete kürzlich, dass einige deutsche Forscher ebenfalls die Symbiosen im Darm der Termiten „knacken“ wollen. Die „kleinen Holzfresser“ (Die Welt) sollen ihnen bei der Umwandlung von Zellulose in Biotreibstoff helfen. Andreas Brune vom Max-Planck-Institut für Mikrobiologie in Marburg ist optimistisch: Ihr Darm sei „winzig, funktioniert aber wie ein Bioreaktor mit erstaunlicher Leistungsfähigkeit“. Lisa Margonelli stellt sich am Ende ihrer Recherchen, nachdem sie Termitenbaue in Afrika und Australien sowie die Mikroorganismen im Darm der Termite Mastotermes darwiniensis unterm Mikroskop gesehen hat, die bange Frage: „Werden sie auch in Zukunft so leben können – eingedenk der aktuellen Forschungsergebnisse von „Naturalists in Germany“ (die Krefelder Insektenforscher)?

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Linum und Drumrum

Analog war besser! Früher, ja früher war alles besser. Da hat die Arbeiter- und Bauern-Republik z.B. die Industrie in die märkischen Ackerbürgerstädtchen und Gutsdörfer geholt, heute müssen die standortverbundenen Bürger morgens zu weit entfernten Autobahnkreuzen fahren, um sich in einem der Dienstleistungszentren zu verdingen, die sich dort verkehrsgünstig angesiedelt haben. Es gibt aber auch, vor allem in den dekollektivierten Dörfern, eine Art kollektive Selbsthilfe: „Sich und sein Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen – wird zum Schema jeder Erkenntnis, die mehr sein will als bloßer Entwurf,“ wie es Theodor Wiesengrund Adorno ausdrückte.

Nehmen wir das Dorf Linum – in der einstigen Moorlandschaft des Oberen Rhinluchs. Der preußische König beglückte es mit der Anlage von Fischteichen. Aber nach 1989 wurde es eng. Da saß einmal in der Linumer Dorfkneipe „Storchenklause“ ein Frührentner aus Kremmen, wo die Ackerbürger gerade ihr „Scheunenviertel“ gewinnbringend in einen Öko-Künstlerdorf umwandeln ließen. Er meinte: „Die Seen und eure Störche auf den Dächern – mehr Öko hab ich hier erst mal nicht gesehen, aber Öko wär ne reale Chance.“

Heute gibt es am Orts-ein und am -ausgang Storchennester, die aussehen wie die harmlos-horizontale Alternative zu den senkrecht-säbelnden Windkraftrotoren. Und die immer mehr gewordenen Störche sowie die nicht mehr wirtschaftlich genutzten Fischteiche werden vom deutschen Naturschutzbund NABU „genutzt“, d.h. es gibt auf der Dorfstrasse ein NABU-“Naturschutzzentrum“ namens „Storchenschmiede“, das Exkursionen veranstaltet, mit Bussen von Berlin aus. Vor ihrer Storchenschmiede stehen Holzplastiken von den Vögeln, die man in Linum und Drumherum sehen kann – mit einem guten Fernglas: Störche sowie etliche mehr oder weniger seltene Enten- und Gänsearten. Letztere zu tausenden. Hinzu kommen noch bis zu 100.000 Kraniche, die auf ihrem Zug hier in den Feuchtwiesen Rast machen und ringsum die Felder mit Wintergetreide abernten, d.h. die Blättchen abbeißen und den Boden nach Insekten und Würmern absuchen. Dem Getreide tut das gut (anderswo läßt man Schafherden die Äcker kurz überweiden). Als ich mir am Mittwoch-Abend anschaute, wie die Gänse und Kraniche in riesigen V-Formationen, sich laut unterhaltend zu ihren Schlafplätzen in den Feuchtwiesen zurückkehrten und von der untergehenden Sonne am Horizont kommend zur Landung ansetzten, war ich so beeindruckt, dass ich gerne eine Einladung zu einem Obstbrand in der 2. Linumer Kneipe „Kleines Haus“ annahm.

Das Restaurant war brechendvoll mit „Birdwatchern“, an den Wochenenden findet man im ganzen Umkreis keinen Parkplatz. Das muß man sich mal vorstellen! Es gibt als 3. Kneipe noch die ebenfalls empfehlenswerte „Fischerhütte“ – nicht weit von den Teichen. Man kann von dort aus mit kleinen Yachten Wasservögel-Exkursionen unternehmen. Und dann ist da noch „Rixmanns Hofladen im Storchendorf“, den ich ausließ.

Das Stadtportal „berlin.de“ bewirbt Linum als „das zweitgrößte Storchendorf Brandenburgs“. Im Vorfeld gab es Gerangel um den ersten Platz, bis eine genaue, quasi „objektive“ Zählung ergab, dass im Prignitzdorf Rühstädt noch mehr („über 30 Paare“) brüten, es darf sich nun zu Recht als „Europäisches Storchendorf“ bezeichnen – in seinen Tourismusanzeigen.

Ja, heute steht jedes Dorf, das aus dem Kreislauf des Werdens und Vergehens ausbrechen und „nach vorne schauen“ will, in Konkurrenz zu Millionen anderen Dörfern (weltweit), die um Alleinstehungsmerkmale ringen, um Authentizität – eine, die mehr als eine ansprechende Gebietskulisse ist. Das Problem haben heute selbst Dschungeldörfer am Amazonas, die sich ebenfalls gegen das Vergehen stemmen. Linum ist gut dafür aufgestellt: Es hat nicht nur im Frühjahr eine Storchensaison, sondern im Herbst auch noch eine Kranichsaison, Das Brutgeschehen der Störche kann man über Webcams in Internet verfolgen, über die täglich wechselnde Zahl der zigtausend Kraniche über Linum informiert „vogel.komitee.de“.

Auf dem Hinweg nach Linum hatten wir auf der Straußenfarm von Bauer Winkler im Ruppiner Seenland Rast gemacht. Als ich das letzte Mal dort war, erklärte er gerade einer Bus-Reisegruppe mit Rentnern aus Berlin, wie er einen ausgewachsenen Strauß dazu „überredet“, sich von ihm zum nächsten Schlachthof bringen zu lassen. Jetzt besaß er bereits einen eigenen „Straußenschlachthof“ und ein schönes Café mit Blick auf fast 100 kleine Strauße in mehreren Gehegen. Die größten, pubertierenden, tanzten, indem sie sich umeinander und um sich selbst drehten. Sie machten einen glücklichen Eindruck, oder wir jedenfalls – ihnen im Warmen sitzend bei Kaffee und Kuchen zuguckend. Bauer Winkler hat auch noch einen „Hofladen“, in dem „Täschnerwaren und modische Accesoirs aus Straußenleder, Straußenfedern und Staubwedel, Eier- und Federschmuck oder Lampen aus Straußeneiern“ angeboten werden. Er besitzt darüberhinaus fünf Islandponys und offeriert „Kutsch-Kremserfahrten“. Sein Hof ist eine sich diversifizierende Existenzgründung für immer mehr „Marktlücken“.

Nachts auf dem Rückweg kamen wir an einigen hell erleuchteten Protzneubauten vorbei – Spezialkliniken und Kurhotels, die trotz ihrer nächtlichen Ausstrahlung alle wie Investitionsruinen wirkten. Meine Begleiter, passionierte Spinnenforscher, schimpften: „In der BRD gibt es allein 7 Millionen Straßenlaternen, eine Milliarde Insekten sterben daran jede Nacht. Müssen die hier mitten im Wald auch noch so einen Lichtzauber veranstalten…“

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Stagge‘s Hotel in Osterholz-Scharmbeck

„Zählten sie damals zu den Stammgästen der Disco im ‚Stagge’s‘? Besitzen Sie noch Bilder aus dieser Zeit? Erinnern Sie sich an besonders kuriose oder bemerkenswerte Begebenheiten aus der Ära Fritz Stagge?“ Das fragte 2015 der Osterholz-Scharmbecker Regisseur Stefan Malschowsky die Leser des Bremer Weser-Kurier. Vier Jahre brauchte er angeblich, um den Gründer der Discothek Fritz Stagge „zum Interview zu bewegen“ – für einen Film über ihn: sein „Leben und Werk“. Gleich die erste Bemerkung über dieses „Werk“ machte mich stutzig: Es ist da von seiner „Diskothek im Keller des elterlichen Hotels“ die Rede. Das habe ich ganz anders in Erinnerung! Der Regisseur erklärte: „Fritz Stagge personifiziert für mich den sprichwörtlichen ,kleinen Mann‘, der jedoch nicht nur kulturell etwas bewegte, sondern darüber hinaus auch noch Sozialarbeit leistete, wenn auch vielleicht eher unbewusst.“ Auch das habe ich anders in Erinnerung: Für mich personifizierte Fritz Stagge eher den ‚großen Mann‘ – insofern er erfahrener war und Besitzer der ersten richtigen Discothek in der Gegend. Vorher gab es nur an den Wochenenden in den Hochzeitssälen von Osterholz-Scharmbeck und Worpswede nach dem Polka-Schwof der Alten Discomusik für die Jungen.

Fritz Stagges Eltern besaßen ein altes Wirtshaus mit Hotel am Marktplatz, er arbeitete in einer Lackfabrik in Ritterhude. Mitte der Sechzigerjahre fing er an, den Dachboden des Hotels zu einer Discothek auszubauen. Und nicht den Keller – vielleicht kam das später (als ich schon lange wegen der Bundeswehr in Westberlin lebte). Ich lernte Fritz Stagge jedenfalls auf dem Dachboden kennen, da war die Theke schon so gut wie fertig.

Auf „teufelsmoor.eu“ heißt es: „Am 15. Februar 1964 fand bei Stagge‘s der erste ‚Plattenabend‘ und im Mai das erste Livekonzert statt.“ Die Disco unterm Dach muß aber später angelaufen sein. Ich arbeitete damals bei der US Air Force, die auf einem Truppenübungsplatz in der Garlstedter Heide ein „Radio Relay Station“ betrieb – mit 10 Airmen, wovon einer ein Unteroffizier war, die nächsten Offiziere saßen in Bremerhaven und kamen nur alle paar Wochen kurz vorbei. Dann versteckten wir unsere Frank-Zappa-Platten, weil sie verboten waren. Laufend wurde einer aus der Gruppe nach Vietnam versetzt, dann gab es jedesmal eine Abschiedsparty auf der Station, zu der auch Deutsche aus den umliegenden Dörfern und von „Stagges“ kamen. Die Militäreinrichtung war Teil eines US-Warnsystems rund um die Sowjetunion und bestand aus der eigentlichen Radiostation und zwei Bungalows – einen zum Schlafen und einen mit Kino, Billard, Bibliothek, Küche und Bar (die regelmäßig von Haake Beck bestückt wurde). Die Unteroffiziere waren durchweg Afroamerikaner. Sie hatten vorher Elektronik studiert – und waren nun im Herzen mehr oder weniger „Black Panther“. Bis auf eine Ausnahme waren sie alle musik- und tanz-wütig und das war auch der Grund, warum wir, (muß ich jetzt sagen, weil ich so gut wie nie allein bei Stagges war) dort aufkreuzten: Einer hatte erfahren, dass demnächst eine „Disco in Osterolz-Schrambeck“ aufmachen würde und weil er besonders musikbesessen war wollte er schon mal Plattenwünsche anmelden, Funk- und Soul-Music vor allem. Und Fritz Stagge war dann auch interessiert. Der Sergeant fuhr als einziger einen dicken Amischlitten. Wenn Discound Bar dicht machte gegen Morgen ließen sich damit die in den Moordörfern vor Bremervörde wohnenden und vom Tanzen und Alkohol müden Mädchen nach Hause bringen. Ich erinnere mich an eine Fahrt, die endlos war, weil ein Hase die ganze Zeit vor dem Auto herlief und sich nicht aus dem Scheinwerferkegel ins Dunkle traute. Der Sergeant war rücksichtsvoll, aber er genoß auch das Schritttempo. Aus der anderen Richtung – Worpswede, Fischerhude, Ottersberg – kamen viele Mädchen, die dort irgendwas mit Kunst machten, u.a. als Lehrling einer Goldschmiedin, Fotografin oder Töpferin, oder die als Schwesterschülerinnen in einem Krankenhaus arbeiteten. Sie wohnten alle nicht mehr bei ihren Eltern und nahmen erstmalig die „Pille“.

Die Jungs und jungen Männer waren aber auch nicht ganz untätig. Einer der Sergeants mietete für 50 DM monatlich ein Forsthaus ohne Licht und Wasser auf halber Strecke nach Stagges. Der Anlaß war allerdings unangenehmer Art: Es waren zwei weiße Soldaten auf die Station versetzt worden, sie kamen aus Texas, bezeichneten sich als „Deutsche“ und waren Rassisten. Weil es früher oder später mit ihrem schwarzen Vorgesetzten zu einem Zusammenstoß gekommen wäre, bei dem sie den kürzeren gezogen hätten, wollte er sich in den „Barracks“ etwas rar machen. Mit den Deutschen in den Dörfern und in der Disco gab es damals nie einen Konflikt, höchstens, dass einer der Airmen, ein stämmiger Ire namens Dan, im Suff gelegentlich verhaltensauffällig wurde. Aber ich glaube, Fritz Stagge hatte das alles im Griff. Im übrigen fuhren wir, wenn bei ihm nichts mehr los war, auch gerne weiter – nach Bremen oder Hamburg. Für die Amis gab es keine Alkoholkontrollen. Sie waren die Macht.

Die Air-Force-Station wurde jedoch in den Siebzigern geschlossen und die Army rückte ein – in Kasernen, die die Bundesregierung ihnen auf dem Garlstedter Truppenübungsplatz errichtet hatte. Für ihre zuletzt 4000 Zivilisten und die Familien der Armeeangehörigen wurden zudem in Osterholz-Scharmbeck Wohnungen und Sozialeinrichtungen gebaut, zwischen beiden Orten verkehrten Armeebusse, auf denen „O-Beck“ stand. Schon bald konnte man in vielen deutschen Geschäften mit Dollars zahlen und sagte auch „O-Beck“. Die Quantität und Qualität der dort stationierten Amisoldaten, deren Division sich „Hell on Wheels“ nannte, führt jedoch dazu, dass es immer wieder zu „Rangeleien“ kam, auch bei Stagges, wie ich „Wikipedia“ entnehme. Die Disco wurde irgendwann für die Soldaten verboten: „Off Limits“. Bei der Army gab es eine Trennung in Schwarze und Weiße bei ihren Amüsierorten, nicht zuletzt wegen ihrer unterschiedlichen Musikvorlieben.

Schon bald nach der Wiedervereinigung räumte die Army den Standort Garlstedt. Die Kasernen, Schulen und Wohnhäuser übergab sie 1993 der Bundeswehr, die daraus z.T. eine „Truppenschule für Logistik“ machte. Bei Stagges kam die Musik der Djs langsam in ein immer unsicheres Trudeln. 2000 verkaufte Fritz den renovierungsbedürftigen Laden, da war er 56. „Das große Herz muss Fritz Stagge schwer geworden sein. schrieb einer seiner DJs im „Weser Kurier“ 2010. „Jahrzehntelang hatte es selbstbewusst geklungen: ‚Wir sind nicht im Ritz, sondern bei Fritz‘.“ Nun gibt es jedoch jede Menge Erinnerungsbemühungen um ihn und seinen Schuppen.

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Positiv Denken

Der niederländische Schriftsteller Geert Mak veröffentlichte 1999 eine mikrosoziologische Studie über das westfriesische Dorf „Jorwerd“, die beispielhaft den „Untergang des Dorfes in Europa“ behandelte. 2018 hat die Husumer Schriftstellerin Dörte Hansen mit großer halluzinatorischer Sicherheit ein nordfriesisches Dorf, Brinkebüll, porträtiert – von der Nachkriegszeit bis heute. Ihr Roman beginnt bereits mit dem Untergang – dem „Ünnergang“, wie es in dem fein mit Plattdeutsch abgeschmeckten Text heißt. Aber im Gegensatz zu dem vergrübelten Altlinken Mak hat die junge Husumer Linguistin diesen als einen Transformationsprozeß aufgefaßt, als das, was man in der EU-Landwirtschaftspolitik einen „Strukturwandel“ nennt. Den ersten gravierenden für das Dorf bewirkte die „Flurbereinigung“ in den Sechzigerjahren, alles wurde „eckig und gestutzt“ (sogar die Haarschnitte der Mädchen), den zweiten die zum Rasen verleitende Verbreiterung und Asphaltierung der Durchgangsstrasse, der die alten Kastanienbäume zum Opfer fielen.

Es sei daran erinnert, dass es der Husumer Soziologe Ferdinand Tönnies war, der 1887 friesisch inspiriert zwischen „Gemeinschaft und Gesellschaft“ unterschied. Jene wurde sukzessive von dieser aufgesogen. In den friesischen Dörfern (wiewohl Jorwerd eine reiche Marschsiedlung war und Brinkebüll eine arme Geestsiedlung), bleiben nach allem „Wachsen oder Weichen“ nur ein paar Agrarbetriebsleiter und die Dorfkneipe übrig, wo die Geschichten zusammenkommen und auseinanderdriften. In Dörte Hansens Soziotop ist die Kneipe mit Tanzsaal und Fremdenzimmer der zentrale Ort, und das Wirtsehepaar mit Tochter und Enkel die Hauptpersonen. In gewisser Weise gilt das auch für Maks Dorf Jorwerd und die Kneipe „Het Wapen van Baarderadeel“, vor allem jedoch für Kai Wielands schwäbische Dorf-“Chronik“ mit dem Titel „Amerika“ (2018), wo die Dorfkneipe ein Hotel ist, für Norbert Scheuers Geschichten aus der Kneipe „Arimand“ in seinem Dorfroman „Kall, Eifel“ (2005) und für Josef Bierbichlers Dorfroman „Mittelreich“ (2011), in dessen Zentrum eine bayrische Seewirtschaft steht.

Hieran erkennt man bereits, dass sich aus dem von Mak registrierten „Untergang des Dorfes“, auf seinem Mist sozusagen, eine üppige Dorfromanproduktion entwickelt hat – mit einem Bestseller nach dem anderen. Daneben gibt es noch die mindestens ebenso erfolgreichen „Dorfkrimis“. Zusammen mit den „Dorffilmen“ (wie „Heimat“ von Edgar Reitz) könnte man glatt von einem „Reanactment“ sprechen. In Dörte Hansens Roman gibt es tatsächlich einen Professor, bei den Frühgeschichtlern an der Uni Kiel, der bei solchen Inszenierungen, experimentelle Archäologie genannt, mitmacht. Er kommt aber nur über seinen Institutskollegen, dessen Familie die Dorfkneipe betreibt, kurz ins Spiel. In Brinkebüll selbst werden die schon fast vergessenen alten Tätigkeiten (wie Schafwolle spinnen und weiterverarbeiten) von einigen aus Berlin in die leerstehende Dorfmühle gezogenen Linken reanacted. Aber jetzt nicht mehr als Gewerbe, sondern eher als Kunst. Die neuen Brinkebüller wollen in die Natur; die alten wollen raus aus der Natur, sie haben sich lange genug damit geschunden. Das sei, so Dörte Hansen, das „große Mißverständnis“ zwischen ihnen.

Die neuen Mühlenbesitzer, die ihr Kind in die noch immer einklassige Dorfschule schicken, stehen schon an der Schwelle zu einer möglicherweise neuen Gemeinschaft auf den Trümmern der alten. Die Zertrümmerung, das sieht die friesische Autorin positiv, entsteht dadurch, dass nach und nach die Jüngeren nicht mehr „im Kreis“ (der Jahreszeiten) denken, sondern „geradeaus“, d.h. sie übernehmen nicht mehr einfach die Existenzweisen ihrer Eltern und führen sie weiter, sie wollen ihr Leben selbst gestalten, wie man so sagt. In Maks Jorwerd war dies 1999 noch vorwiegend negativ konnotiert: „Alle machen Pläne und Projekte – haltlose, realistische, verrückte, harmlose und gefährliche“ – vom Yachthafen und Windkraftanlagen über Agrofarmen und Haustierrasseparks zum Anfassen bis zu Reiterferien, während man gleichzeitig eine Partnertherapie macht. An der Universität Halle-Wittenberg werden solche „Projekte“ inzwischen in einem „Forschungsprojekt“ erforscht, es nennt sich „Experimentierfeld Dorf“.

In Brinkebüll ist es jemand, der ein Alpaka-Zuchtprojekt beginnt, und eine Gruppe, in der Mehrzahl Frauen, die amerikanische Tänze und Kostüme aufführt. Ihr Tanzlehrer pachtet schließlich die Dorfkneipe, in der sie so lange geübt haben, und macht daraus einen Country-Saloon – nachdem der Wirt gestorben, seine Frau in ein Altersheim gekommen, ihre Tochter verschwunden und ihr angenommenen Sohn wieder an die Uni Kiel zurückgekehrt ist. Was die einen mit der Kneipe machen oder mit ihrem „Resthof“, den sie mit früher weggeworfenen Dingen schmücken, machen andere aus Brinkebüll mit ihrem Revier: „Im Grunde war die Jägerschaft am Ende. Die Jägerinnen hatten bei der letzten Vorstandswahl die meisten Posten unter sich verteilt“ – und ihrem Vereins umpositioniert: „Statt Abschüsse zu machen und bei der Treibjagd eine gute Strecke hinzulegen, wurde neuerdings nur noch gehegt, gepflegt, gefüttert. Das Revier verkam zu einem Streichelzoo.“

Diese Kritik hat die Autorin dem Wirt in den Mund gelegt, ob sie diese teilen würde, ist schwer zu sagen. Immerhin stellt sie den Sohn des dicksten Bauern im Dorf, der einen Mercedes fährt, auf dem er ein Schild „Landwirtschaft dient allen“ klebte, als derart zart besaitet dar, dass er nie wieder auf einen Mähdrescher stieg, nachdem er damit ein Rehkitz im Kornfeld zerstückelt hatte. Der selbe Unfall „ereignet“ sich im übrigen auch in dem Dorfroman „Niemand ist bei den Kälbern“ (2017) von Alina Helbig.

In Dörte Hansens Brinkebüll sind die alten Dorfstrukturen, die Gewohnheiten der „Dörpsminschen“, gerade noch so gefestigt, dass sie den kleinen Kindern und den Neuhinzugezogenen beibringen können, in der „Mittagsstunde“ keinen Krach zu machen, denn in ganz Friesland herrscht von zwölf bis drei Ruhe, alles hat zu, auch in der Touristensaison, nur Dönerbuden und ähnlich neumodisches Zeug halten sich nicht daran. Aber „die Zeit der Bauern ging zu Ende“ – und damit wohl auch dieses friesische Identitätsmerkmal. Der Roman heißt deswegen „Mittagsstunde“. Und die existiert schon ewig.

Immer wieder kommt die Autorin auf die von der Eiszeit geformte Landschaft zurück, zumal ihr Protagonist ja ein Archäologe ist, ein geduldiger „Altmoränenmensch“ noch dazu; und der letzte Lehrer der Dorfschule ein engagierter Sammler von Steinzeit-Resten, Mitglied der „Gesellschaft für Geschiebekunde“. Er rettete das Hünengrab vor der Planierung durch die Bagger der Flurbereinigungs-Truppe.

Apropos: Wer damals seine Landwirtschaft abgab, ging zur Truppe – wurde Zivilangestellter in einer der vielen während des Kalten Krieges in Nordfriesland entstehenden neuen Militäreinrichtungen – „man nannte sie ‚Bauernauffanglager‘“. Vom nahen Fliegerhorst starteten bald täglich Düsenjager der Bundeswehr zu Übungsflügen über das Dorf. Man war als Hausmeister oder Kantinenköchin beim „Bund“ nicht mehr vom Wetter abhängig, dieses hatte sich desungeachtet in und um Brinkebüll (noch) nicht wesentlich geändert: Es regnete auch weiterhin ständig und „der Wind war immer noch der alte. Er schliff die Steine ab und knickte Bäume, beugte Rücken.“ Und zwar derart, dass Dörte Hansen im letzten Satz ihres Romans zu dem Schluß kommt: „Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.“

Ihr Buch hat mich so begeistert, dass ich es zwei Mal gelesen habe, es ist voller Witz aber todernst und alles stimmt darin, soll heißen, dass ich all die in dem Buch erzählten kleinen und großen Entwicklungen selbst in einem norddeutschen Moordorf erlebt habe (als es immer weniger Bauern gab, aber die Traktorreifen immer größer wurden, als der Schmied nicht mehr mit der Agrotechnik mitkam und aufgab, als der Dorfladen immer erbärmlicher wurde und zumachte, als die Jugend ihren Führerschein machte und im Suff mit dem Wagen ihres Vaters „aus der Kurve getragen“ wurde, als aus dem Tanzsaal der Kneipe Freitags eine Diskothek wurde, als die zugezogenen Städter und sonstigen Pendler die Mehrheit im Dorf bildeten…).

Von Berlin aus nicht mehr mitbekommen habe ich einen „Dorfkulturverein“, der im Roman Hinweisschilder „Zum Hünengrab“ anbringt, „Windkraftanlagen“, die immer mehr und höher werden und ebenso verhasst sind wie der sich pestilenzartig ausbreitende Maisanbau, den „Storchenschutzverein“, der Storchennester aufstellte, um sie wieder anzusiedeln und „Renaturierungs-Arbeitskreise“, die Teile der alten Moor- und Heidelandschaft wiederherstellen.

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Bei Nacht

In Darmstadt fand einmal eine Konferenz über die Nacht statt. Die Parabel der Vorträge reichte von „Prometheus“ – der den Menschen einst das Feuer brachte und ihnen damit ermöglichte, sich den Tag in die Nacht hinein zu verlängern – bis zur „Aufklärung“. Wenn man einigen Referenten glauben durfte, dann sind wir mittlerweile schon an dem Punkt angelangt, da ein Tag bruchlos in den anderen übergeht, wo also die Nacht bereits vollständig kolonisiert ist. Vielleicht vollendete also die „Aufklärung“ nur das prometheische Werk, als sie den Menschen zum Objekt der Erkenntnis machte, damit er zum Subjekt seiner eigenen Freiheit und Möglichkeiten werden könne. Und Prometheus wie die Aufkärer – beide waren gewissermaßen Sendboten/Überbringer einer göttlichen Fähigkeit, sich selbst aus der Umnachtung zu befreien – einmal mittels Lagerfeuer/Kerze/Lampe und Halogenleuchten, dann aber auch und ebenso mittels einer stahlenden Vernunft, einer klaren Begrifflichkeit (die von Parmenides bis zu Kant und darüberhinaus apriori vom Himmel fällt) – und uns zur Selbsterkenntnis befähigt.

300 Jahre nach dem aufklärerischen Impuls, oder besser: 2400 Jahre nach den „ersten Philosophen“ und nachdem in den aufgeklärtesten Ländern auch noch die letzten Dörfer sich mittlerweile ihre Nächte illuminiert haben (die meisten mit Peitschenlampen – nach DIN-Vorschrift 5044), darf es nicht verwundern, wenn sich beim Thema „Nacht“ viele Referenten auf die Seite der „Dunkelheit“ schlugen, sozusagen „das Licht wieder ausknipsen“ wollten (wie die Befürworter der Kernenergie es ja schon immer befürchteten!), bzw. an der Erfindung einer „Dunkelbirne“ (Daniel Düsentrieb, 1966) bastelten, bei der es dunkel wird, wenn man sie anknipst. Andere Referenten dagegen waren sich unsicher, ob man überhaupt noch die letzten Reste einer dunklen Archaik gegen die helle Moderne in Schutz nehmen könne, ohne dass daraus gleich ein nicht weniger unangenehmes „Zwielicht“ entstehe. Diese Darmstädter Diskussion über die Nacht fand 1982 statt (die taz berichtete).

2012 fand im Wiener Belvedere eine Ausstellung über das „Zwielicht“ statt. “Es geht um die Nacht außen und um die Nacht in uns”, erklärte die Kuratorin Brigitte Borchhardt-Birbaumer der Presse.

2014 stellten zwei französische Nachtforscherinnen in Detroit ihre vorläufigen Ergebnisse vor. In Detroit hatte zuvor der Loveparade-Organisator und Clubbesitzer Dimitri dem Bürgermeister der Stadt auf seine Frage „Wieso seid ihr in Berlin so erfolgreich?“ geraten: „Schaffen Sie die Polizeistunde ab, dann kommen die jungen Leute auch nach Detroit in Massen“. Die erste Nachtforscherin erzählte, dass sie Pariser „Nachtbummler“ interviewt hätte. Diese meinten, sie würden die totale Freiheit genießen, Nachts durch Paris zu streifen. In Wirklichkeit bewegten sie sich jedoch in einem eng umgrenzten Bereich der Stadt. Bis auf eine junge Frau, die durch die Nacht trampte und sich von Männern mitnehmen ließ. Bevor ihr die Fahrten unheimlich wurden, stieg sie jedesmal fluchtartig an einer Ampel aus. Die zweite Nachtforscherin berichtete, dass die Beleuchtung der Dörfer das soziale Gefüge verändert habe: Die Trinker, deren Nachhauseweg Nachts von der Kneipe weiterhin durchs Dunkel führte, galten fortan als seriös, während die Nicht-Trinker, die von der Kneipe aus die beleuchtete Strecke nach Hause nahmen, bald als halbe Säufer abgetan wurden.

2015 organisierten die Künstler Adam Page und Eva Hertzsch mit einer englischen Künstlergruppe eine Ausstellung auf den Werbeflächen einiger Berliner U-Bahnhöfe: Dazu hatten die Künstler Leute interviewt, die Nachts in der U-Bahn arbeiten, die man aber kaum jemals sieht: Diese „All-Nighter“ hatten sie dann gemalt und dazu einige Sätze aus ihren Erzählungen zitiert.

Jetzt, wieder zwei Jahre später, findet im Berliner Post-Museum für Kommunikation eine Ausstellung über die Nacht statt. Zwar beginnt sie bei den babylonischen Astrologien und den dunklen Gestalten der frühen Neuzeit mit dem dazugehörigen Grusel, aber zu großen Teilen ist sie dem wilden „Nachtleben“ der deutschen Hauptstadt gewidmet: Angefangen mit den mondänen Kabaretts der Zwanzigerjahre über die altmodische Prostituierten-Szene mit ihren Streetworkern bis zu den ganzen Partyclubs, Bands und Drogen, die so viele junge Leute aus der EU nach Berlin locken, dass massenhaft neue Arbeitsplätze entstanden, um sie zu bedienen oder ihnen sonstwie das Geld aus der Tasche zu locken. Hinzu kommen „Spätis“, „Grufftis“, „Graffitis“. Flankierend zur Ausstellung erschien eine Art Katalog: „Das Buch der Nächte“, in dem noch einmal das nächtliche Amüsement thematisiert wird – mit Kapiteln wie „Nachtvögel“, „Lange Nächte“, „Im Dunkeln auf Achse“. Daneben findet sich aber auch ein Text über „Nachts im Bett“ und einer vorm Fernseher: „Durch die Nacht mit Demian“ sowie u.a. Beiträge über die universitären „All-Nighter“.

Diese ganzen wissenschaftlich-künstlerischen Auseinandersetzung mit der „Nacht“, die sich von philosophischen über empirische bis zu lokalhistorischen und ästhetischen Aufbereitungen erstrecken, lassen eins vermissen: Die Mörder und Verbrecher, „das furchtbare Geschlecht der Nacht“ (Schiller). Dieses bleibt nach wie vor illegal und unthematisiert, obwohl es wesentlich zu werden droht. Nur an einer kleinen Wand der Berliner Ausstellung wird es fast schamhaft angedeutet: mit Photos von einigen Leuten, die Nachts am Bildschirm arbeiten, um Bankkonten zu hacken, Erpresserviren loszuschicken, vermeintlich Verantwortliche verbal anzugreifen und sonstwelche kriminellen Distanzdelikte zu begehen, oder auch bloß, um schmerzhafte Liebesgedichte ins Internet zu stellen – zur Musik von Chopins „Nocturne op.9 No.2“ maybe.

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Neue Polizisten

Man kennt den uralten Witz: Ein Bewerber wird mit der Begründung abgewiesen, dass er „zu klein für den Polizeidienst“ sei, worauf er vorschlägt, er könne doch „Kleinkriminelle bekämpfen“.

In Berlin wurde 2017 tatsächlich eine junge Frau, die sich für den Polizeidienst beworben hatte, mit der Begründung abgelehnt, sie sei mit ihren 1 Meter 54 zu klein. Sie legte Widerspruch gegen diese Entscheidung ein, der jedoch vom Verwaltungsericht abgelehnt wurde.

Werden ansonsten alle, die groß, stark und staatsdumm genug sind, als Polizeibeamte akzeptiert? Mitnichten! In Berlin hatte ein 40jähriger Bewerber vor weniger als einem Jahr Haschisch geraucht, bei der obligaten Blutuntersuchung kam das heraus – und er wurde abgelehnt, mit der Begründung: Der Wirkstoff THC, der noch in seinem Körper ist, mache ihn zum Autofahren ungeeignet, das zähle aber zu den wesentlichen Aufgaben eines Polizisten. Der Bewerber klagte dagegen, wurde jedoch vom Verwaltungsgericht abgewiesen.

Hier besteht der Witz darin, dass die, die es geschafft haben, Polizisten zu werden, dann in der Regel wie blöd kiffen – sagen jedenfalls „Kenner der Scene“.

Auf dem „juraforum.de“ erzählte ein Bewerber, dass er beim persönlichen Gespräch erwähnt hatte, als Jugendlicher zwei Mal – wegen Beleidigung und Körperverletzung – angezeigt worden zu sein, letzteres sei wegen Geringfügigkeit eingestellt worden. Man bescheinigte ihm, für den Polizeidienst geeignet zu sein. Nachdem er seine schriftliche Bewerbung eingereicht hatte, wies man ihn jedoch ab, mit der Begründung, dass er die zwei Anzeigen darin verschwiegen habe. „Ich finde dies eine Frechheit,“ schrieb er.

Die Tochter einer Lichtenberger Jugendamtsmitarbeiterin wurde bei der Polizei nicht eingestellt, weil sie trotz guter intellektueller und körperlicher Fähigkeiten „zu sehr berlinerte“. Haste Töne? Mutter und Tochter waren sich sicher, dass die Ablehnung einen anderen Grund hatte, nämlich: weil die Mutter in der PDS aktiv war.

Ein anderer Bewerber wurde zunächst „unter Vorbehalt“ akzeptiert und sollte beim „Zentralen Objektschutz“ (ZOS) anfangen. Vier Tage vorher bekam er jedoch per mail eine Absage: Der Polizeiarzt hatte seine Tätowierungen auf dem Unterarm begutachtet, man fand sie zu „sexistisch“, das bezog sich auf die kleinen Brüste der eintätowierten Jagdgöttin Diana. Auf sein Angebot hin, die Brüste überarbeiten zu lassen, wiederholte die Polizei brieflich ihre Ablehnung, wobei es nun nicht mehr um die Brüste ging, sondern um die ganze Tätowierung: „Die Motive beeinträchtigen auf Grund ihrer Größe die Repräsentationsziele der Polizei Berlin und erwecken keinen achtungs- und vertrauenswürdigen Eindruck,“ hieß es.

Ähnliches passierte einer Bewerberin für den gehobenen Polizeivollzugsdienst: Sie wurde abgelehnt, weil sie auf einem Unterarm das auf Französisch eintätowierte Zitat „Bitte bezwinge mich“ trug. Als sie gerichtlich gegen diese Entscheidung vorging, entschied das Verwaltungsgericht Darmstadt: Ein eintätowiertes Zitat aus einem Roman auf dem Unterarm ist Grund genug, dass die Bundespolizei Bewerber ablehnen kann. Eine Polizistin darf „keine Ansätze für Provokationen bieten“, in anderen Worten: Sie soll die Gesetzesbrecher bezwingen und nicht diese auffordern, sie zu bezwingen. Irgendwie logisch.

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Prima Klima

In den linken Buchläden stehen so viele Antikapitalia, dass man damit alle Kapitaleigner erschlagen könnte. Daneben stehen inzwischen aber auch so viele Anti-Klimaerwärmungs-Bücher, dass man mindestens jeden zweiten „Klimagegner“ damit erschlagen könnte. Der Leiter des „Instituts für Küstenforschung“ am Helmholtz-Zentrum Geesthacht“, der Föhrer Hans von Storch, ehemals Vorsitzender der deutschen Sektion der Donaldisten, veröffentlichte zusammen mit dem Ethnologen und Windkraftforscher Werner Krauß das Buch „Die Klimafalle – Die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung”. U.a. kamen sie dabei auf die „Approxi-Daten“ zu sprechen, wie sie das höchste Gremium der Klimarforscher – das „Intergovernmental Panel on Climate Change” – verwendet, wobei es zu einem “Climategate” kam, es ging um die Temperaturkurven aus Proxydaten. Ein “Klimaproxy” (englisch proxy “Stellvertreter”) ist ein indirekter Anzeiger des Klimas, der in natürlichen Archiven wie Baumringen, Stalagmiten, Eisbohrkernen, Korallen, See- oder Ozeansedimenten, Pollen und menschlichen Archiven wie historische Aufzeichnungen oder Tagebücher zu finden ist.

Das IPCC hatte einerseits Proxydaten, die aus Baumringdaten seit dem Jahr 1000 bestanden, und andererseits Thermometerdaten aus den letzten Jahrzehnten. Um die Temperaturentwicklung in dieser Zeit „als absolut ungewöhnlich im Lichte historischer Zustände” zu beschreiben, störte die Inkonsistenz der Proxydaten mit den Thermometerdaten,” schreiben Storch und Krauß. Anfänglich „klebte” man die Kurven aus den beiden unterschiedlichen Quellen einfach zusammen. Gegen einen solchen „Trick” ist wenig zu sagen, „solange klar ist, dass hier Zahlen mit sehr verschiedener Zuverlässigkeit eingesetzt werden.” Im Laufe der Zeit wurde “aus den beiden Kurven jedoch stillschweigend eine Kurve.”

Zum „Climagate” wurde dies, zusammen mit Interna der beteiligten Forscher, als jemand heimlich ihre E-Mails veröffentlichte. Da war das Klima aber schon aus einem kleinen Forschungsthema zu einem großen politischen Thema – zu einem Weltproblem gar – geworden. Und Linke wie Rechte verausgabten sich in “Klimadebatten”, man sprach von „Klimaschützern” und „Klimasündern”, bald auch von „Klimagegnern“: „Immer mehr gesellschaftliche Konflikte, Mängel und Schwierigkeiten werden nun als Klimaprobleme markiert.” Wobei das Klima als Statistik des Wetters reduziert wurde, „auf seine Veränderlichkeit, seine Dynamik, Vorhersagbarkeit und die Abhängigkeit von äußeren Antrieben (wie Treibhausgase, Sonnenleistung u.Ä.),” schreiben die Autoren.

Als besonders politiknahe stößt ihnen der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber, auf. Der „Klimaberater der Bundeskanzlerin Merkel konnte sogar im Wetterbericht im Anschluss an die ‘Tagesschau’ die Bevölkerung auf die Gefahr des Klimawandels hinweisen. Er wird gern in nachdenklicher Pose gezeigt, mit der Hand auf die Erdkugel in seinem Büro gestützt.” und sagt Sätze wie: „Gelingt die Abgas-Trendwende bis 2020 nicht, dann dürfte eine Erderwärmung mit verheerenden Folgen, etwa dem Abschmelzen des Grönland-Eisschildes und dem Kollaps des Amazonas-Regenwaldes, kaum noch zu vermeiden sein.”

Die FAZ meint, neuere Studien aus Brasilien prognostizieren: Es wird schon nicht so schlimm werden. Der Klimastreit geht weiter – und verbindet sich derzeit auf quasi natürliche Weise mit dem „Flüchtlingsproblem“.

Die Klimaforscher verstehen sich unterdes als Teil der sogenannten “Erdsystemwissenschaften”. Mit ihren Powerpoint-Vorträgen entstand “zugleich eine Ikonographie des Planeten Erde”, die von dem Nasa-Geochemiker James Lovelock und der Mikrobiologin Lynn Margulis als “Gaia” bezeichnet wurde. Ihre Hypothese besagt, dass die Erde und ihre Biosphäre eine Art Organismus ist, bei dem Bakterien eine wesentliche Rolle spielen. Es geht darum, den CO2-Ausstoß zu verringern und Gaia, die ganze Welt, zu retten,

Als Vorsitzender der deutschen Sektion der Donaldisten hatte der Meteorologe Hans von Storch eine „Zwei-Welten-Lehre“ aus seinen Studien über Entenhausen gezogen. Darin stellte der strenge Naturwissenschaftler fest: „Die drei Erhaltungsgesetze für Masse, Impuls und Energie halten auch in Entenhausen die Dinge zusammen.“ Man nutzt dort gerne die Atomenergie, unternimmt Weltraumreisen mittels Raketen, wobei sich einige Weltraumkreuzer und -Yachten auch für die Seefahrt nutzen lassen, man kennt aber auch schon die Teleportation von Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs – und sogar von Lebewesen. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, „Alles wird unordentlicher“ trifft allerdings auf das Entenhausen-Universum nicht zu: Dort können die Dinge von selbst ordentlicher werden.

Der FAZ-Redakteur Patrick Bahners hat dazu in seinem gründlichen Werk über „Die ganze Wahrheit“ (von Entenhausen) Beispiele in Wort und Bild angeführt. Für Hans von Storch war die thermodynamische Anomalie Grund genug, Entenhausen, wo auch das Newtonsche Gravitationsgesetz „nicht streng gilt“, in einem „Paralleluniversum“ zu situieren. Die Flüge von Donald, Dagobert, den drei Neffen und Daniel Düsentrieb zu diversen Planeten und ihren seltsamen Bewohnern bis hin zu dem „Traumstern“ von Frans Gans (der Knecht von Oma Duck) vermehrten die Phänomene noch, so dass Hartmut Hänsel sich irgendwann gezwungen sah, ein Donaldistisches Institut für Raumfahrt zu gründen. Hans von Storchs Theorie der zwei Planeten impliziert, dass deren Geschichte über weite Strecken derart synchron verlief, das z.B. nicht nur die mongolischen, sondern auch die Entenhausener Schulkinder „die Lebensdaten von Dschingis Khan auswendig hersagen“ können. Er, Hans von Storch, kommt im übrigen als „Wetterforscher, der gegen die Erderwärmung kämpft, selbst in einem der Donald-Duck-Hefte vor, ebenso wie Patrick Bahners – als Kunst- und Krempelhändler.

Auf dem Großhansdorfer Kongreß 1981 hielt Roland B. Wais einen Vortrag über „Entenhausen – Vorbild und Mahnung“. Darin verpaßte er dem „wissenschftlichen Weltbild Hans von Storchs einen spekulativen Überbau und erklärte das Duck-Universum zur Idee unseres Universums.“ Das Ducksche Universum war demnach Vorbild und Entenhausen eine „antirassistische Idealstadt“.

„Die donaldistische Soziologie“ hat jedoch inzwischen, laut Bahners, „das von Wais entworfene Idealbild der Artenharmonie in vielerlei Hinsicht korrigiert und subtile Formen sprachloser Diskriminierung nachgewiesen.“

Andreas Platthaus hat 1990 über die Entenhausener Geldpolitik ausgeführt, dass „der Kaufkraftüberhang, den das Ducksche Vermögen repräsentiert, als Damoklesschwert über dem Entenhausener Wirtschaftssystem hängt.“ Der Staat griff dann auch sofort ein, „als Dagobert Duck einige Tage lang unauffindbar war, weil er in einer Höhle zwischen den wildzerklüfteten Felsengebilden des Äolsgebirges ein Versteck für seine Wertpapiere suchte.“

Ansonsten herrscht in Entenhausen der Glaube, „dass Gold das Maß aller Dinge ist.“ Als im „Raketen-Center“ die erste bemannte Mondrakete landete, zeigten die Astronauten als erstes „haufenweise Nuggets“, die sie von dort mitgebracht hatten. Um das Engagement der Entenhausener zu fördern, gibt es eine illustrierte Zeitschrift: „Helden des Alltags“.

1993 prägte Andreas Platthaus den Begriff der „Entenhausener Fluchtkultur“ – dazu existiert ein „gestuftes System von Fluchtorten und Fluchtarten, von der Weltflucht über Landflucht, Stadtflucht und Zimmerflucht bis hinunter zur Ausflucht.“ Donald flüchtete einmal in seine Besenkammer. Aber „fester Ort des Exils ohne absehbares Ende ist Timbuktu…Allein Donald Duck fand mindestens viermal Asyl“ dort. „Timbuktu bietet das Auffangbecken für die Murksmacher Entenhausens.“

Im übrigen, schreibt Bahners, „hat Andreas Platthaus mit seiner These vom fortwährenden Landmassenaustausch auf den Weltmeeren den Stein der Weisen der donaldistischen Geographie gefunden.“ Diese hat in Analogie zu Darwin, der die Konstanz der Arten widerlegte, die Konstanz der Erdteile und -teilchen widerlegt.

Wohingegen Ernst Horst 1982 die Zwei-Welten-Lehre von Hans von Storch zu widerlegen versuchte: Er lokalisierte Entenhausen nämlich auf dem selben Planeten wie München, Großhansdorf und Schwarzenbach an der Saale, „aber in der Zukunft“. Weil die Entenhausener so „leichtfertig“ mit der Atomenergie umgehen und Donald z.B. seine Neffen mit einem Geigerzähler suchen und finden kann, kommt Horst zu dem Schluß: „Entenhausen ist nach dem Atomknall entstanden.“ Demnach gibt es keine Gleichzeitigkeit der Ereignisse wie in der Storchschen Zwei-Welten-Theorie, sondern eine Nachahmung der Ereignisse und der präatomaren Geschichte.

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P.S.: Das „thehardtimes.net“ meldet soeben: „Climate Scientists Warn That All Super Mario Levels Will Be Underwater by 2025“

Es ist doch selbst dem Dümmsten klar: Wir leben von dem, was auf der Erde ist, wir können alles gebrauchen und verbrauchen, Parasitus Rex. Die Frage ist nur: Sollen wir die komplette Vernutzung beschleunigen, damit endlich Schluß ist mit dem ganzen Elend und Leid (das wir allen anderen Lebewesen zufügen) oder sollen wir sie mit den Antikapitalisten, Antifaschisten, Veganern und Vegetariern, den Ökos und Tier- und Pflanzenschützer, den Klima- und Walrettern etc. verlangsamen – damit noch was für unsere verfluchten Kinder und deren Kinder und deren Kinder übrig bleibt zum Vernutzen? Eine Frage übrigens, die sich jedem Krankheitserreger stellt: Leb ich in meinem Wirtsorganismus bescheiden v0r mich hin so gut es geht oder auf Teufel komm raus – aber dann stirbt er früher oder später und ich steh  dumm da. Die Menschheit im großen Ganzen setzt natürlich auf „später“: das Prinzip Hoffnung.

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Reizklima

Die anhaltende und derzeit sogar noch zunehmende Hitze macht die Leute gereizt: „Fast jeden Tag eine neue Massenschlägerei,“ titelt Focus: „Nach drei Vorfällen in Berlin und Hamburg gingen nun erneut in der Hauptstadt 70 Menschen bei einer Hochzeit aufeinander los.“ Aus Potsdam wird unterdes gemeldet: „Massenschlägerei auf der Freundschaftsinsel in Potsdam“. Ähnliches passierte am Frankfurter Hauptbahnhof und am Duisburger Hauptbahnhof. Im Duisburger Stadtteil Hamborn konnte die Polizei jedoch eine „Massenschlägerei“ verhindern, ebenso in Essen. In Gelsenkirchen jedoch nicht: „Dort gingen am Wochenende 50 Menschen mit Stühlen aufeinander los.“ Aus Österreich wird berichtet: „Massenschlägerei in Villach“. Aus Nürnberg: „Massenschlägerei auf der Kirchweih in Hirschaid“. Aus dem Schwarzwald: „Heftige Massenschlägerei vor einer Diskothek in Lahr!“ Aus Eisenhüttenstadt: „Massenschlägerei in und vor der Erstaufnahmeeinrichtung“. Aus Bremen: „Massenschlägerei auf Diskomeile“. Aus Halle: „Bis zu 20 Personen gingen mit Gegenständen aufeinander los.“

Aus der taz wird mündlich gemeldet: „Man kann sich bei offenem Fenster nicht richtig konzentrieren, andauernd geht jemand schreiend oder randalierend am Rudi-Dutschke-Haus vorbei und ständig fahren Polizei und Feuerwehr mit lauter Sirene durch die Rudi-Dutschke-Strasse. Gut, dass das Bedienungspersonal im taz-café die Nerven behält bei dem Krach und der Hitze.“

Ein Kollege, der mit der U-Bahn fährt, berichtet: „Die Busse haben ja eine Klimaanlage, aber in der stickigen U1 ist eine derart aggressive Stimmung, wenn die meist gutgelaunten Touristen nicht wären…“ Ein anderer Kollege widerspricht: „In der U2 ist die Stimmung gerade wegen der vielen gutgelaunten Touristen so geladen.“

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In großer Kälte

Der Schriftsteller Steffen Mensching hat mit „Schermanns Augen“ einen GULag-Roman veröffentlicht. Geht das überhaupt – nach all den Lagerberichten von ehemaligen Häftlingen – angefangen mit Ginsburg, Solschenizyn, Schalamow? Oder auch schon mit Dostojewskis sibirischen Erfahrungsbericht und Tschechows Feldforschung auf der Sträflingsinsel Sachalin.

Der Roman hat 800 Seiten, hintendran kommen noch einige Seiten, auf denen man erfährt, was aus den einzelnen Menschen danach wurde. Es wimmelt von wirklichen Personen, viele kennt man mit Rang und Namen aus Literatur und Geschichte. Haupterzähler ist der polnische Graphologe Schermann, er ist kein Häftling, sondern ein internierter Staatenloser – und mit seiner Kunst weit in der Welt herumgekommen. Es gibt Bücher über ihn und von ihm.

Ich dachte, Mensching hat sich das aber alles fein authentisch klingend ausgedacht. Ein Wikipedia-Eintrag „Rafael Schermann“ mit Photo überzeugte mich aber, dass es diesen Schermann wirklich gab, der eine besondere Begabung und gute Augen besaß, um noch die kleinsten Besonderheiten eines Handschrift-Satzes zu erkennen und im Hinblick auf den Schreiber zu deuten. Die FAZ sieht in dem Roman eine Schermann-Biographie. Ich bleibe dabei, dass es ein GULag-Roman ist, wenn er auch wie ein Kammerstück nur in wenigen Räumen spielt mit wenigen Vorkommnissen und vielem Geschichtenerzählen. Das Büro des Lagerleiters, die Sanitätsbaracke, die Küchenbaracke, die Baracken der politischen und der kriminellen Gefangenen. Der Kulturwissenschaftler Steffen Mensching hat Bühnenerfahrung als Clown und ist seit 2008 Intendant am Theater Rudolstadt.

Die FAZ meint, er habe jahrelang Material über den GULag studiert und nun sei etwas Neues dabei herausgekommen: „Neu, weil es die Perfidie der Lagerleitung mit der der Häftlingshierarchie konfrontiert: einem weiteren Ausbeutungssystem neben der Zwangsarbeit in der Eishölle des langen Winters und der Insektenplage des kurzen Sommers im russischen Norden.“ Das hört sich nach zu viel Konsalik gelesen an, Mensching vernachlässigt jedoch demgegenüber diese Drohkulisse eher. Und die „Perfidie“ der Lagerleitung und die Häftlingsreaktionen darauf haben fast alle GULag-Autoren thematisiert (ein Bericht aus einem Frauenlager in Moldawien aus den Siebzigerjahren besteht sogar aus nichts Anderem).

Im Gegenteil erschien mir der Lagerleiter, der Schermann, weil er viele spätere „Trotzkisten“ kannte, damit in Verbindung bringen will, eher etwas zu weich gezeichnet. Er läßt Schermann endlos erzählen, will sogar die Einrichtung seiner bourgeoisen Wohnung in Wien oder Paris genau geschildert haben, weil er ja so etwas wohl nie zu sehen bekommen werde. Weil Schermann kein Russisch kann, muß ein junger deutscher Kommunist aus Berlin, Otto Haferkorn, der vor Hitler in die Sowjetunion flüchtete, dort Setzer lernte und dann verhaftet wurde, alles übersetzen.

Als der vergrübelte Lagerleiter durch einen strengeren ersetzt wird, werden die beiden in die Baracke der Kriminellen, die jede Arbeit verweigern, verlegt. Dort muß Schermann deren Chef Geschichten erzählen. Das erinnerte mich an den Dichter Ossip Mandelstam, der auf Transport in ein Lager im Hohen Norden den Chef der Kriminellen ebenfalls mit Geschichten bei Laune hielt, Mandelstam starb jedoch unterwegs in Wladiwostok. Während die Geschichten, die der ganz unpolitische Schermann dem Lagerleiter erzählt, von mehr oder weniger Berühmtheiten handeln, die er gekannt hat, bestehen seine Geschichten bei den Kriminellen aus Kriminalfällen, die die Polizei nicht klären konnte und deswegen seine Dienste als graphologischer Gutachter in Anspruch nahm.

Schermanns Dolmetscher Haferkorn führte mit zwei inhaftierten Staatsbeamten auch politische Gespräche. Einmal hörte er in der Kulturbaracke einen Vortrag über die brennensten Fragen des sowjetischen Lebens – nämlich über den Einfluß der Kontrahierung auf die Ertragslage von Flachs und Hanf. Bei letzterem wäre die Ernte 1938 deutlich höher ausgefallen, wenn die trotzkistische „Bande dem Hanfanbau nicht so einen großen Schaden zugefügt hätte“. Dabei fiel mir auf, dass es im Marxismus-Leninismus bzw. im Bolschewismus keinen Zufall gibt, deswegen beruht eine Plan-Nichterfüllung, eine Havarie immer auf Sabotage und folglich muß man nach den Saboteuren suchen, nach einer ganzen Verschwörung wohlmöglich, hinter der damals die Trotzkisten (im Verein mit diversen Geheimdiensten) vermutet wurden. Und tatsächlich gaben das die meisten Verhafteten nach ausreichend harten Verhören auch zu, obwohl einige gar nicht wußten, was Trotzkismus überhaupt ist.

Schermann erwähnt ihn zwar nicht, aber der Wiener Biologe Paul Kammerer, dem die Sowjetunion in den Zwanzigerjahren ein Forschungsinstitut anbot, beschäftigte sich eine Weile ausgehend vom Zufall, den es nicht gibt, mit dem „Gesetz der Serie“. Sein erster Biograph Arthur Koestler, der sich nach den Großen Säuberungen 1937/38 vom Kommunismus abwandte, sprach vermittelnd von „sinnvollen Zufällen“. Im GULag war der Zufall einer Verhaftung, aber auch einer Nichtverhaftung ein beliebtes Thema. In Schermanns Lager geschah die tägliche Brotzuteilung nach dem Zufalls- [Lotto-] Prinzip. Mit seiner und Haferkorns Verlegung in verschiedene Arbeitslager 1941 endet der Roman, Schermann hinterläßt ihm eine Notiz: „Denke daran, die Schrift lügt nicht.“ Damit meinte er nicht den Inhalt.

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Wie die taz wurde, was sie nie werden wollte

Der Titel stammt von Deniz Yücel, der in der taz eine Zeitlang den monatlichen Vortragsplan für die Praktikanten erstellte. Die Mitarbeiter sollen dabei etwas über ihre Arbeit erzählen. Ich erzähle jedesmal etwas über die Entstehung der taz: wie und warum und was sich seit der Gründung verändert hat. Es geht mir darum, herauszustellen, dass früher alles besser war: frischer und radikaler. Anders gesagt: Analog war besser!

In den Jahren nach „68“ wollte man noch lange nicht glauben, dass die internationale linke Bewegung langsam auslief. Obwohl die taz zehn Jahre später gerade gegen die staatliche Repression und ihre wie gleichgeschalteten Kapitalmedien gegründet wurde. Dies geschah ebenso wie das Einsammeln des Startkapitals basisnah: indem sich in vielen Städten „taz-Inis“ gründeten, die als eine Art Arbeiterkorrespondenten fungierten, die taz zahlte ihnen nur ein Büro und Telefon. Die ersten Auslandskorrespondenten berichteten nur aus Bürgerkriegsorten – wie Beirut und Managua. Dafür befanden sich dort gleich ganze „taz-Inis“ – mit unterschiedlichen politischen Ansichten. Selbst ich – als Vogelsberg-Korrespondent – schrieb im Kollektiv. Weil Oberhessen nicht so viel hergab, musste vieles erst noch von uns „vervogelsbergisiert“ werden. In der „Wattstraße“ gab es eine „Justizredaktion“ – wegen der vielen Inhaftierten; „Stammheim“ hatte quasi einen eigenen Korrespondenten. Weil man jeden Bericht marxistisch angehen wollte, gab es keine „Wirtschaftsredaktion“. Der Rechner in der Berliner Zentralredaktion wurde Nachts von der Firma „Teekampagne“ mitgenutzt, überhaupt war dort fast rund um die Uhr etwas los, manche schliefen gelegentlich dort. Ich erinnere mich, dass Rechtsanwalt Ströbele kam und belegte Brötchen verteilte, später leerte er die Aschenbecher. Auch die „Basis“ spielte noch mit, insofern sie einzelne Redaktionen heimsuchte, Flugblätter wie „taz lügt“ verteilte usw.. Die Basis, das war vor allem die Anti-AKW- und dann die Hausbesetzer-Bewegung. Von den letzteren verwüsteten einmal „Nicht-Verhandler“ die Berlin-Redaktion, die sich dann immer mehr zur Sprachrohr der Grünen machte. Einer der Frankfurter taz-Korrespondenten wohnte mit dem Spitzenkandidaten der Grünen in einer WG, wo er ihn gleich morgens beim Frühstück interviewte. Aber auch aus dem Lesbencamp in Mutlangen kam täglich ein Bericht. Die taz-Räume in der Wattstrasse, das war eine Fabriketage – also eine Horizontale. Mit dem Umzug in die Koch- und dann Friedrichstrasse und dem damit verbundenen Umbau in die Vertikale (als Genossenschaft), wich das letzte Antiautoritäre einem anhaltenden Hierarchisierungsstreben.

Den Praktikanten lese ich gerne die Gründungs-These Nr.1. im „prospekt tageszeitung“ aus dem Jahr 1978 vor, mit dem für die Zeitung geworben werden sollte: „Objektivität nein Danke!“ lautete sie. Intern wurde eine Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit angestrebt. Einmal rief ein Redakteur in einer der wie üblich heftigen Diskussionen: „Wir brauchen keine Tatsachen, sondern Fakten“. Das war nicht so dumm, wie es sich anhörte, denn es ging ihm dabei um eine amerikanische „Professionalisierung“, eine Vokabel, die ebenso schnell positiv besetzt wurde wie der Werbespruch „Die größte Schülerzeitung der Welt“ negativ. Christian Ströbele behauptete auf dem „taz-lab“ 2016, dass sie extra zwei Journalisten eingestellt hätten, um professioneller zu werden. Bis dahin hatten alle etwas anderes studiert, sich unterschiedlich politisch engagiert und waren viel gereist. Heute kommt die Mehrzahl, mindestens der Praktikanten, aus Journalistenschulen. Man kann sie überall einsetzen – in der Sportredaktion ebenso wie in der Kultur- oder der Auslandsredaktion. Das wird inzwischen auch begrüßt. Am Gravierendsten ist der Wegfall von internationalen Diskussionsbeiträgen – die Weltbasis: Die ersten Jahre wurden massenhaft Texte übersetzt. In vielem orientierte sich die taz an der etwas früher entstandenen linken „Libération“, es gab gemeinsame Aktivitäten. Heute orientiert sich die taz eher am linksliberalen „Guardian“.

Zwar gibt es derzeit keine nennenswerten sozialen Bewegungen, aber wenn, dann würde die taz heute distanzierter darüber berichten als viele linksliberale Blätter – wie etwa die F.R., meinen Frankfurter taz-Berichte-Auswerter vom „Projekt ‚Alltag‘“. An die Stelle des „Bewegungsjournalismus“ ist eine „politische Korrektheit“ getreten. Ich übertreibe. Im Folgenden zitiere ich einige Autoren, die positiv über die taz berichteten, man kann ihre Texte jedoch auch als taz-Kritiken von außen lesen:

1984 besuchte die chinesische Schriftstellerin Zhang Kangkang die taz. Eigentlich hatte der Sinologe Wolfgang Kubin sie dort hingezerrt, wie sie später in Literaturzeitschrift Renmin Wenxue schrieb, denn sie wollte nicht schon wieder interviewt werden. Aber nein, hatte Kubin ihr geantwortet, nicht sie dich, du sollst sie interviewen. „Wo gibt es denn so etwas, eine Zeitung, sich von anderen interviewen lässt“, fragte Zhang Kangkang – „Du wirst sehen, sie sind ganz anders als alle anderen Zeitungen,“ versprach Kubin ihr. Zunächst bemerkte sie, dass es überall „nicht besonders sauber“ war. Als sich einige taz-Redakteure um die Genossin scharten, findet diese, „dass sie sehr glücklich sind, dass ich gekommen bin“. Es gibt keine Unternehmen oder Banken, die sie kontrollieren, „jede Meinung kann veröffentlicht werden“, behaupteten die Redakteure. Sie beklagten sich jedoch, dass sie nur 1.000 DM verdienen würden, anderswo sei es zwei oder dreimal so viel. Außerdem versicherte man ihr: „Wir berichten nicht nur, sondern untersuchen auch Fehler, z. B. im heutigen China, und machen Vorschläge.“ Was Deutschland betreffe, gestanden ihr die Redakteure, dass ihnen eine mögliche „Wiedervereinigung“ wurscht sei, im Übrigen gäbe es in der taz zwar nicht wie einst in China einen „Kampf zweier Linien, dafür jedoch den Kampf von 99 Linien“. Als die Schriftstellerin müde vom Zuhören wurde, lud man sie zu Spaghetti-Bolognese in die Kantine ein, Zhang Kangkang war voll des Lobes über das taz-Menü. Als sie mit ihren Begleitern die taz verließ, war sie „verwirrt“, wie sie schreibt, „meine Gefühle sind verwickelt und kompliziert. Wer hätte auch darauf kommen können, dass Westberlin so eine Zeitung hat!“ Die linken Journalisten aus dem kapitalistischen Ausland musste man nicht in Redaktion zerren, sie kamen von selbst in das „Alternativprojekt tageszeitung“.

1986 veröffentlichte Jeff Cohen in der Chicagoer Wochenzeitung In these Times einen Artikel über die taz, die den „Stil der Untergrundpresse der Sechzigerjahre wiederbelebte“, nebenbei über 1 Million Mark für die Guerilla in El Salvador zusammensammelte und man sie bis dahin schon 40-mal angeklagt hatte; zwei Polizeirazzien, sechs Überfälle von Hausbesetzern, Antiimperialisten und Feministinnen nicht mit gerechnet. Der anarchische Auftritt der taz mag „wenig objektiv“ sein, schrieb Cohen, aber er sei ein starker Kontrast zu dem allzu „glatten Journalismus der US-Tageszeitungen“. Viele bundesdeutsche Journalisten hätten ihre Karriere in der taz begonnen, die inzwischen zu einer wichtigen Quelle für Konkurrenzblätter geworden sei. „Manchmal habe ich schon Eindruck“, erzählte ein tazler dem Autor, „dass ein Scheitern unseres Blatts für anderen Journalisten schlimmer ist als für unsere Leser.“ Wichtig sei die taz aber auch für „Whistleblower“, besonders in Bezug auf Umweltvergehen. So konnte die taz 1985 ein geheim gehaltenes Gutachten über arsenverseuchte Böden in Hamburg veröffentlichen. Es gebe enge Verbindungen zur grünen Partei, die fast zeitgleich mit der taz gegründet wurde: Beiden gehe es „um das Zusammenführen separater Bewegungen“. Die taz beschäftigte 1986 zwei Köche, einer wurde später Chefredakteur, die andere wurde von Cohen gefragt, warum sie, die im Gegensatz zu den meisten taz-Journalisten gut ausgebildet sei, für so wenig Geld arbeite. Die noch immer in der taz als Köchin arbeitende Bolivianerin Nancy antwortete ihm: „Ich wollte schon immer in einem Kollektiv arbeiten“.

Bei großen Umweltkatastrophen schnellten taz-Auflage und -Abos jedes Mal in die Höhe, am heftigsten beim Reaktorunfall von Tschernobyl 1986. In dieser Zeit besuchte Martin Griffin vom Londoner Monochrome die taz-Redaktion. „Wir sind absolute Profiteure des Fall-out“, bekam er zu hören. Einmal wurden die taz-Seiten auf dem Weg zur Druckerei geklaut – und durch feministische Texte ersetzt, „ die jedoch nicht schlecht waren“. Auch andere linke Gruppen fühlten sich zunehmend von der taz ignoriert oder ins falsche Licht gerückt. „Aber wir wollen politisch einflussreich werden, sodass , was die taz sagt, mehr Gewicht hat“, wurde Griffin versichert.

Wenig später besuchte Erich Friedländer die taz, um für The Democratic Journalist, dem Organ der Internationalen Journalistenorganisation, über sie zu berichten. Er sprach u.a. mit der damaligen Chefredakteurin Georgia Tornow. Sie meinte, obwohl sich einiges geändert habe, gehe es noch immer darum, eine „alternative Öffentlichkeit zu schaffen.“ Ein anderer taz-Mitarbeiter erzählte Friedländer bedauernd: „Wir waren ‚Trendsetter‘, was Umweltschutz und Ökologie betraf, aber inzwischen haben fast alle nachgezogen.“

2008 erschien ein Artikel in der türkischen Zeitung Radikal, in der die Autorin Pinar Ögünc sich auf den ebenso langen wie komischen Konflikt zwischen der taz und der Springer-Presse konzentrierte. Die taz war einst auch gegen die Fastmonopolstellung dieses rechten Zeitungsverlags gegründet worden, seitdem gab es immer wieder kleinere und größere Scharmützel zwischen den beiden „Häusern“. Die türkische Journalistin kam auf den Bild-Chefredakteur Kai Diekmann zu sprechen, der die taz verklagte, weil sie auf ihrer Wahrheit-Seite über eine fiktive, verpfuschte „Penis-Verlängerung“ des Bild-Chefs berichtet hatte. Er verlor den Prozess, dafür parkte er Lieferwagen vor dem taz-Haus, auf denen die Bild-Zeitung sich mit Plakaten über die körperliche „Fitness“ der taz-Redakteure lustig machte.

2010 arbeitete der Istanbuler Journalist Mahmut Hamsici mit einem EU-Stipendium in der taz und verfasste dabei einen langen Artikel für seine Zeitung Birgün. Der Artikel begann mit Satz: „Die Rudi-Dutschke-Straße 23 ist ein Haus, an dem ein großer Penis hängt“ (als Teil des Reliefs „Friede sei mit dir“ des Bildhauers Peter Lenk über die Bild-Zeitung). Hamsici gewann den Eindruck, dass die taz noch immer kein „Mainstream-Medium“ ist. Ihre Arbeitsweise sei anders, und sie sei noch immer ziemlich antiautoritär: „Im Gegensatz zu unseren Chefredakteuren, die mit einem Range Rover zur Redaktion fahren, kommt die taz-Chefredakteurin Ines Pohl mit Fahrrad.“ Und sie sagt: „Meine Befugnisse sind hier sehr begrenzt. Ich begreife mich als Dirigent eines großen Orchesters, wo ich versuche, Leute dazu zu bringen, aus ihrer eigenen Einstellung heraus die besten Töne herauszubringen.“

Im Übrigen habe die taz inzwischen einen größeren Einfluss als die Auflagenhöhe vermuten lasse. Und sie berichte auch noch immer über Dinge, über die sonst keine andere Zeitung schreibe. Hinzu kämen ihre „gestalterischen Spielereien“ und ihr „ironischer Stil“. Außerdem habe sie das größte Wohlwollen gegenüber Migranten und Einwanderern. Ines Pohl erklärte dem Autor: „Am Anfang war die taz keine wirkliche Zeitung – gemessen an journalistischen Standards. In dieser Hinsicht ist sie Teil des Mainstreams geworden. Zwar hat sie mittlerweile eine größere Distanz zu den Grünen, aber viele ihrer Leser wollen noch immer, dass sie ein Kampforgan ist.“ – Für die Olivgrünen im westlichen Verteidigungsbündnis? Die taz verstand sich als antiimperialistisch und pazifistisch, jetzt druckt sie sogar Bundeswehr-Anzeigen ab. Über die interne Veränderung meinte der taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch auf dem „taz-lab“ 2018 rückblickend: „Ich dachte, die 1991 gegründete taz-Genossenschaft würde Gemeinsinn und Kollektivität verstärken, das Gegenteil trat jedoch ein.“

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Angst einjagen

In Berlin darf jetzt wieder gejagt werden – auf junge Rehe, junge Reh-Mütter und ältere Reh-Mütter. Ganzjährig werden Wildschweine, Waschbären, Füchse und Kaninchen gejagt. In der letzten Saison erwischten die Berliner Jäger 338 Rehe, 2339 Wildschweine, 18 Waschbären, 81 Füchse und 862 Kaninchen. Deutschlandweit wurden 2017 rund 134.000 Waschbären und 435.000 Füchse getötet.

Rechtzeitig zur Jagdsaison erschien das Buch des Ethnopsychoanalytikers Paul Parin: „Die Jagd – Licence for Sex and Crime“ – mit Nachworten von einer Zoologin, einer Historikerin, einem Bibliothekar und einem Ethnologen. Das Buch war bereits 2003 mit einem Nachwort von Christa Wolf erschienen, aber völlig verstümmelt worden, „in einer eigenartigen Mischung aus Respektlosigkeit, Prüderie und sachlicher Unkenntnis“ – so dass eine Neuherausgabe notwendig wurde. Der Autor war Jude und Sozialist: Beide jagen nicht, aber Parin war eine „Ausnahme“. Zudem gehörte er zu den Tiermördern, die bei einem gelungenen Schuß einen Orgasmus bekamen, auch beim Reiten gelegentlich, ebenso beim Ausgepeitscht werden und beim Auspeitschen. „Das Jagdfieber gewährleistet hemmungslosen sexuellen Genuss und die Lust am Verbrechen,“ schreibt er, denn natürlich ist das alles extrem unmoralisch, außerdem jagt man heute nicht mehr, um sich zu ernähren, sondern um mit Lust zu morden. „Jagd ohne Mord wäre ein Oxymoron.“ Schon für seinen Vater, ein Gutsbesitzer in Slowenien, galt: Seine „Jagdleidenschaft hatte die Grenze verwischt, die Anstand und Moral von Vergehen und Verbrechen scheidet.“ Nach dem ersten erlegten Rehbock bekam die jugendliche „Gier“ seines Sohnes „ein Ziel: der Mord an eine Kreatur“.

Die heutigen Jäger benutzen eine verharmlosende „Waidmannssprache“, um dies zu kaschieren, einige entblöden sich nicht, sich als „Ökologen“ und „Naturschützer“ zu bezeichnen. Parin meint, dass „solche unbeholfenen Versuche, die Jagd vom Geruch der Sucht und Grausamkeit freizusprechen, gar nicht mehr nötig sind,“ denn „es könnte sein, dass die brutale Umgestaltung der Welt nicht mehr rückgängig zu machen ist.“ Zwar wird gelegentlich behauptet, dass Jäger aggressiver und sadistischer als nicht jagende Menschen sind, aber, wie es in einem der Nachworte heißt, „neuropsychologische Forschungen legen nahe, dass vor allem Männer Gewalt um der Gewalt willen ausüben und daran Spaß haben.“

Die Jagd hat natürlich mit Macht (über die Tiere) zu tun, mit der Herrschaft des Menschen über die Natur, aber mit der Forderung nach mehr Frauen in den Führungsetagen legen nun auch immer mehr Frauen die Jagdprüfung ab – und auf jagdbares Wild an. Die Schriftstellerin Dörte Hansen erwähnt in ihrem norddeutschen Dorfroman „Mittagsstunde“ (2018) einen Jagdverein, in dem die Frauen bereits die Mehrheit stellen, mit der Folge, dass das Wild von ihnen nicht mehr gejagt, sondern eher gekuschelt wird. Dies mag ein bloßer Autorenwitz sein, für den Münchner Ökologen Josef Reichholf steht es jedoch fest, dass die Angst der Tiere vor den Menschen eine Folge der Jagd ist und dass sich bei einem umfassenden Jagdverbot wieder eine Art „Urvertrauen“ bei ihnen einstellt, wie es die Tiere in vielen Gegenden der Welt an den Tag legten – bevor die Weißen kamen und alle zutraulichen töteten.

Parin hat solche „Tierparadiese“ noch erlebt – in der Sahelzone, dort hielten sich Gazellen und Trappen zwischen den Rinderherden der Einheimischen auf, die keine Gewehre besaßen. Reichholf erlebte im Golf von Kalifornien, wo Wale nicht mehr gejagt werden dürfen, dass ein Walweibchen an sein „Whale-Watcher-Boot“ kam und sich von ihm die lästigen Seepocken abpflücken ließ. Die Erfahrung, dass mit dem Jagdverbot die Fluchtdistanz von Wildtieren geringer wird, macht man in fast allen Naturschutzgebieten.

Bei der Einrichtung des Nationalparks Wattenmeer wehrten sich die friesischen Bauern, die nun keine Ringelgänse mehr abschießen durften. Sie machen hier im Watt bloß Zwischenstation auf ihrem Flug von der französischen Atlantikküste nach Sibirien – und zurück. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Biologen – schaltete man einen Ethnologen ein: Werner Krauss. In seinem Bericht „Die ‚Goldene Ringelgansfeder’“ schreibt er: Der jahrzehntelang „Kampf hat Wunden hinterlassen, aber er hat sich auch gelohnt“. Dazu zitiert er einen der beteiligten Biologen: „Als die Bauern die Ringelgänse noch bejagten und zu vertreiben versuchten, hatten sie eine wesentlich höhere Fluchtdistanz“. Heute wird das den Bauern gebliebene Kulturland vom renaturalisierten Land durch eine weiß-rote Schranke abgetrennt: „In dieser Schranke steckt die ganze Vermittlungsarbeit“, meint Krauss. Sie trennt Gänse von Bauern. Die Vögel haben nun einen Rastplatz, die Bauern bekommen für den „Wildschaden“ eine Kompensation von der EU, dazu gehört ein spezielles „Hallig-Entschädigungsprogramm“ und „verbilligte Karten für die Schranke“. Der „Ringelgansschutz“ ist laut Werner Krauss eine „Erfolgsstory des Naturschutzes“. Ihr Bestand ist auf 280.000 angewachsen. Es wurde mit den Staaten auf ihrer Zugroute ein „Ringelgansmanagementplan“ verabschiedet.

In Berlin, wo die Jagd verboten ist und sich immer mehr Wildtiere einfinden, darf man sie bei Strafe nicht füttern – und sollte das auch nicht, dann sobald sie etwas weniger scheu werden, erschießt man sie. Aber ist das nicht ihre einzige Überlebensmöglichkeit – dass wir halbwegs friedlich mit ihnen zusammenleben? Die in die Städte eingewanderten Tiere bemühen sich doch bereits darum.

Im Ostberliner Tierpark sollen Vertreter von 123 Vogelarten frei leben – als „Selbstversorger“. Der erste Direktor, Heinrich Dathe, erwähnte ferner, dass mit Beginn der Jagdsaison im Umland Berlins noch weit mehr Vögel den Tierpark als Schutzzone bevölkern. Ähnlich ist es auch in den afrikanischen Nationalparks.

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Bio-Bildungstage

Seitdem das Damoklesschwert der Schließung nicht mehr direkt über dem Botanischen Garten hängt, erschließt er sich ständig neue Finanzhebel: Mit (schrecklichen) Exotischen Nächten im Dschungelgewächshaus, mit „Das Dschungelbuch“-Inszenierungen, Hochzeitsfeiern, Halloween, „Christmas Garden“, Kakteentage, eigenem Geschenke-Shop…and more. Aber auch mit der Einbeziehung von immer mehr Hobbygärtnern – z.B. als Anbieter von Stauden, Kakteen, und fleischfressenden Pflanzen mit eigenem Verkaufsstand. Schon befürchtet mancher Jahreskartenbesitzer, dass aus dem Garten ein Spektakel wird, ein lauter Verkaufsrummel zwischen den stillen Gewächse – mit etlichen Nebeneinnahmen drumherum.

Kürzlich zeigte man eine „Orchideen-Show“: „Wir lieben Orchideen. Sie auch? Dann sprechen Sie uns an“. Die Züchter und Sprecher der Deutschen sowie auch der Polnischen Orchideen Gesellschaft und der Fachgesellschaft Andere Sukkulanten in der Deutschen Kakteen Gesellschaft ließen sich viel Zeit, um mir das schwierige Geschäft mit diesen komplizierten Pflanzen zu erklären, inzwischen gäbe es ganze „Orchideen-Industrien“, die die Super- und Baumärkte beliefern. Man nimmt ein bestimmtes Teil eines Orchideenstengels und macht daraus tausende von Zellen, aus denen neue Pflanzen gezogen werden. Hybridsorten züchtet man, indem die Pollen einer Art auf den Stempel einer anderen übertragen werden.

Damit gerade das nicht passiert, haben die frei lebenden Orchideen sich so weit auf die Vorlieben eines von ihnen gewählten Bestäubungsinsekts angepaßt, dass dieses, auch ohne Nektar dafür zu bekommen, „blütentreu“ bleibt. Anscheinend kann man alle rund 300 Orchideenarten miteinander kreuzen. Bis heute gibt es etwa 30.000 Hybridarten. Sie werden immer billiger, aber man hätte keine rechte Freude an ihnen.

Deutsche Orchideen gab es nicht zu sehen, außer Frauenschuh und einige andere nichteinheimische aber winterharte Freilandorchideen. Man machte mich auf winzige Orchideen aus Südamerika aufmerksam, sie hingen an einer Drahtwand und waren auf Korkstücke von der Größe einer Zigarettenschachtel festgebunden. Für die ständig neugezüchteten Hybriden wird offiziell keine wild wachsende Orchidee mehr genommen – „der Natur entnommen“. Das Biosphärenreservat Rhön beschäftigt zu ihrem Schutz sogar einen – sehr kenntnisreichen – Orchideenwart. Über die kleinen Orchideen in der kargen Rhön werden viele Bücher veröffentlicht.

Auch ein Züchter von fleischfressenden Pflanzen hatte einen Stand. Da ich in einem Moor voller Sonnentau groß geworden bin, interessierte mich vor allem diese Pflanze. Seine Sonnentaupflanzen sahen jedoch ganz anders aus: Sie stammten aus Südamerika, Südostasien und Australien. Ihr Züchter aus Großbeeren hatte sie von Kollegen gekauft und weitergezüchtet. Die Venusfliegenfallen hatte ich mir größer vorgestellt, vor allem die Kannen der Kannenpflanzen. Füttern tat er sie alle nicht: „Sie müssen nicht unbedingt Fleisch haben“. Im Übrigen sei das mehr eine Liebhaberei als ein Geschäft. Ich vergaß ihn zu fragen, ob er Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für fleischfressende Pflanzen“ ist.

Am darauffolgenden Tag besuchte ich die Naturschutzstation Marienfelde, wo man den Mitgliedern des Entomologen-Vereins „Orion“ das seit einem Jahr bestehende Schmetterlingshaus zeigte, aus dem bereits einige tausend Tagfalter in die Freiheit des 100-Hektar-Geländes entlassen werden konnten: „Vom Kleinen Fuchs allein 1500“. Bis dahin hatte der für das Schmetterlingshaus Verantwortliche sich um das Futter für ihre Raupen gesorgt und tat es auch noch, denn hunderte von Raupen des Tagpfauenauges fraßen auch bei kaltem Wetter noch in lockeren Gruppen Brennnesselpflanzen, die er für sie hingestellt hatte. Ein Schmetterlingsfreund hatte ihm einen Buchsbaum mit einigen Raupen des Buchsbaum-Zünslers geschenkt, der gerade in den Alpenländern die Buchsbäume niedermacht – seine Existenzbasis. Im Schmetterlingshaus sind die Parasiten der Feind – winzige Schlupfwespen u.a., die ihre Eier in die Raupe injizieren – heraus kommen dann statt eines Schmetterlings ein Dutzend weitere Schlupfwespen.

Der Vereinsvorsitzende des „Orion“ und der Verantwortliche der Naturschutzstation besprachen kurz das Was und Wie einer entomologischen Zusammenarbeit. Dabei kamen sie zwecks schonender Artbestimmung auf den Einsatz von UV-Lichtfallen („aus England, die sind die Besten“) zu sprechen. Im Vortragshaus erzählte uns dann der Gärtner Jürgen Gienskey, Orion-Mitglied seit 1960, etwas über „Meligethes und ihre Brutpflanzen“ – dazu zeigte er Photos von diesen Pflanzen, die er in seinem Garten gepflanzt hatte. Bei Meligethes handelt es sich um die sehr artenreiche Gattung der Glanzkäfer, konkret war dabei u.a. vom Rapsglanzkäfer die Rede, der für die Rapsanbauer zu einem Problem werden kann. Das Weibchen legt ihre Eier in die Blüte, die Larven gehen in die Fruchtstände. Der nur wenige Millimeter große Käfer geht zwar auch auf andere Blüten – sie müssen aber gelb sein. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht er u.a. auf die „Gemeine Ochsenzunge“. Der Orion-Vorsitzende erklärte dazu: Diese Pflanze gibt es in Berlin nur noch an einem Standort: am Brandenburger Tor komischerweise. Früher hat man sie als Färbepflanze für Gelb benutzt, ihre Blüten sind jedoch blau-lila.

Zwar besitzt die Naturschutzstation Marienfelde neben Bienen auch einen wilden Eber und ein paar Schafe, deren kämpferischer Bock schon manchen Graffitisprayer auf frischer Tat weggestoßen hat, aber die Säugetiere behielt ich mir für den nächsten Tag vor, da stand ein Besuch des Zoos in Eberswalde an.

Schon von draußen sah man, dass das Weißkopfseeadler-Pärchen zwei Junge groß gezogen hatte, die Mutter stieß seltsame hohe Töne aus, gefolgt von einem leisen Grollen – anscheinend hatte sie irgendetwas erregt. Leider hat der Zoo zu viele Laubbäume stehen gelassen, so dass einige Tiere entschieden zu wenig Sonne ab bekamen, bei Klammeraffen und Leoparden hatte man sich allerdings damit geholfen, dass zwei entfernte Gehege bzw. Inseln über Gebäude hinweg miteinander durch einen Gang aus Draht für die Tiere verbunden wurde. Das Zoogelände ist hügelig. In einigen größeren Gehegen hält man afrikanische Vögel und Säugetiere, die sich in Freiheit ein Habitat teilen, zusammen. In einem anderen leben Bär und Wolf zusammen. So etwas wird in immer mehr Zoos versucht. Im Berliner Zoo hat man aus drei Volieren für die Greifvögel jeweils eine gemacht, in zwei weiteren können die Besucher sogar in die „Flugvoliere“ gehen. In Eberswalde haben nur die Webervögel im tropischen Reptilienhaus viel Flugraum. Sie machten denn auch einen aufgeräumten Eindruck. Auch ein geschecktes Elselfohlen freute sich augenscheinlich seines Lebens. Während das wohl läufige Fischotter-Weibchen von seinem sie unentwegt beschattenden Gatten eher genervt schien.

Das waren drei Bio-Bildungstage hintereinander. Die nächsten Kulturtage werden in Berlin bestimmt nicht lange auf sich warten lassen.

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Baumschützer

Sechs Jahre lang besetzten Baumschützer in Nordrhein-Westfalen einen 200 Hektar kleinen Wald, den Hambacher Forst, der dem Baunkohleabbau weichen sollte. Der an schnellen Profiten interessierte Energiekonzern RWE wollte nicht drei Millionen Jahre warten, bis auch dieser Wald verkohlt ist. Der Widerstand gegen die Vernichtung von Wäldern durch Abholzen besteht fast überall auf der Welt darin, dass man sich an die Bäume kettet oder auf ihnen ein Baumhaus errichtet. Beim Hambacher Forst war diese Form seiner Rettung erst einmal erfolgreich. „Mit Baumhäusern gegen Bagger“ heißt ein Buch der Hambacher Umweltschützer über ihr Leben im Wald und auf den Bäumen.

Auch in Nordindien ketteten sich im und vom Wald lebende Indigene an die Bäume, um sie vor dem Gefälltwerden zu retten. Sie wurden von jungen Frauen aus Deutschland unterstützt, die ihr „ökologisches Jahr“ dort verbrachten. Und einige dieser Frauen wurden wiederum von ihren Müttern unterstützt, die ihren Job in Deutschland kündigten, um sich ihren am Fuße des Himalaja baumschützenden Töchtern anzuschließen.

In Kalifornien gelang es 1890 dem schwedischen Regenwurmforscher Gustaf Eisen die größten Bäume der Welt vor dem Gefälltwerden zu retten, indem er die Gründung des Sequoia National Parks in der kalifornischen Sierra Nevada durchsetzen konnte. Der Schriftsteller Fredrik Sjöberg erwähnt in seinem Buch „Der Rosinenkönnig“ (2011), dass Eisen auch am Fuße des dortigen „Mount Eisen“ begraben wurde – von der Botanikerin Alice Eastwood, mit der Eisen ein Verhältnis hatte, wie Sjöberg vermutet, weil er 1904 einen Regenwurm nach ihr benannte: „Mesenchytraeus eastwoodi“.

Außerhalb des Nationalparks dürfen die bis zu 80 Meter hoch werdenden „Mammutbäume“ jedoch weiterhin von Holzkonzernen verarbeitet werden. 1997 kletterte die Tochter eines amerikanischen Wanderpredigers: Julia Hill, auf einen dieser Bäume, die gefällt werden sollten. Sie lebte 738 Tage, über zwei Jahre, als Säulenheilige in einem Baumhaus in 60 Meter Höhe (zehn Mal höher als der Heilige Simeon) – bis der Konzern „Pacific Lumber“ sein Vorhaben aufgab. In ihrem Baumhaus gelangte sie mit der Zeit zu einem “höheren Selbst”. Seitdem nennt sie sich “Julia Butterfly Hill”. Zur Kommunikation nutzte sie solarbetriebene Mobiltelefone. Speisen wurden mit einem Propanbrenner zubereitet. Eine achtköpfige Gruppe unterstützte sie bei der Besetzung.

Die Schilderung ihres Weges zur individuellen Erleuchtung (Satori) bei der Rettung des Mammutbaums erschien in nahezu allen Kultursprachen, auf Deutsch unter dem Titel “Die Botschaft der Baumfrau”. Die Autorin ist eine Öko-Mystikerin von Rang und mittlerweile einiger Prominenz – und ihr Buch, abgesehen von der gelungenen Rettung des Baumes, ein Erlebnisbericht, der nichts zu wünschen übrig läßt, außer daß ihre baumschützerische Extremerfahrung nicht leicht Nachahmer finden wird. Um dennoch weitere Aktivisten zu finden, gründete die Autorin 1999 die Umweltschutzstiftung „Circle of Life Foundation“.

In den Siebzigerjahren hatte sich bereits in mehreren Ländern die Umweltschutzorganisation „Earth First“ gegründet, die man nicht ganz zu Unrecht des „Öko-Terrorismus“ verdächtigte, erst recht galt das für ihre spätere Abspaltung, der „Earth Liberation Front“ (ELF), die das FBI als „einheimische Terroristengruppe Nummer 1“ bezeichnete.Der amerikanische Biologe Bernd Heinrich, der im Wald von Maine Kolkraben erforscht, gelegentlich zusammen mit seinen Studenten, hatte einmal einen jungen Mann dabei, der ein T-Shirt von „Earth First“ trug. Da im Wald in der Nähe zuvor gerade eine „Earth First“-Sabotageaktion stattgefunden hatte – es wurden Maschinen sabotiert und Nägel in Bäume geschlagen, um diese vor dem Gefälltwerden zu schützen (der Konzern „Timberlands“ wollte 42.000 Festmeter Holz fällen lassen) -, befürchtete Bernd Heinrich, dass man ihn dieser Tat verdächtigen könnte, weil er ebenfalls einige Nägel in Bäume geschlagen hatte, allerdings nur vorübergehend, um über sie an die Rabennester in den Baumkronen heranzukommen, diese Nägel lagen jedoch noch gut sichtbar in seinem Wagen. Außerdem hatte er sich zuvor „schon ziemlich aus dem Fenster gehängt“, als er das Konzept in Frage stellte, „mit dem Herbizidmaßnahmen ‚Forstwirtschaft‘ genannt werden.“ Dabei läßt der Holzkonzern Gifte der „Agent-Orange-Art“ vom Hubschrauber aus versprühen, um nach einem Kahlschlag das Sprießen der Laubbäume zu verhindern und damit das Wachsen seiner Koniferen zu fördern. Bernd Heinrich dämpfte seine aufkommende Angst vor der Verfolgung durch die Justiz, die in der Nachbarschaft nach den Tätern der Baum-Vernagelungsaktion suchen ließ, damit, dass er sich erinnerte, „auch Henry David Thoreau war für kurze Zeit im Gefängnis“, wie er in seinem Buch „Ein Jahr in den Wäldern von Maine“ (1994) schrieb.

Die US-Biologin Margaret D. Lowman nennt man „Canopy Meg“ – Baumkronen-Margarete, weil sie die Bäume und ihre nicht-menschlichen Freßfeinde in den Kronen erforscht, wo ein Großteil der Insekten lebt. Sie hofft, dass ihre „Arbeit als Wissenschaftlerin zum Erhalt der tropischen Regenwälder beitragen wird“, wie sie in ihrem Buch „Die Frau in den Bäumen“ (2000) schreibt. Sie promovierte über „Pflanzenfresser in den Baumkronen des australischen Regenwalds“. Dort heiratete sie auch gleich einen Schafzüchter und bekam zwei Kinder. Weil sie aber nicht nur Mutter und Hausfrau sein, sondern weiter Baumkronen erforschen wollte, trennte sie sich von ihrem Mann und verfolgte ihre akademische Karriere in Amerika als Alleinerziehende weiter.

Bis vor einiger Zeit hat man die Pflanzenfresser in den Bäumen nur bis in einige wenige Meter Höhe erforscht, in den tropischen Wäldern spielt sich das Leben aber zumeist in den Baumkronenab, nach unten dringt kaum ein Sonnenstrahl. Um trotzdem herauszubekommen, was ganz oben los ist, haben die Forscher bisher immer nur mit einer Giftkanone große Mengen Insektizide auf die Bäume gesprüht – und dann unten die toten Tiere aufgesammelt. Auf die Weise erfährt man jedoch nicht, was diese Tiere in den Baumkronen treiben. Dazu müßte man sie lebend beobachten.

Nur, wie kommt man da hoch? Jedes Kapitel in ihrem Buch beschäftigt sich mit einer „Zugangstechnik zu den Baumkronen“: Anfänglich benutzte sie Seile, um (in Australien an Eukalyptusbäumen) nach oben zu gelangen, aber auch einen Kirschpflücker. Dann arbeitete sie in Afrika mit einer Mischung aus Heißluftballon und Luftschiff – einem sogenannten „Himmelsfloß“. Danach in Massachusetts und in Belize auf Plattformen, die mit einem Laufsteg zwischen den Baumkronen verbunden wurden. Auch mit einem Baukran betrieb sie dort Wipfelforschung. Als nächstes arbeitet sie vielleicht mit Drohnen und Webcams und kann dann am heimischen Computer ihre Baumkronenforschung bis ins hohe Alter fortsetzen. Zunächst richtete sie jedoch erst einmal „überall auf der Welt“ Laufstege zwischen den Kronen von  Bäumen ein, inzwischen besitzt sie eine „weltweite Familie von Kronendach-Enthusiasten“. Und dort, wo sie an einer Universität lehrt, errichtet sie ein „Forschungs-Baumhaus“, um ihre Studenten für die Wunder der Waldwipfel zu begeistern. Zum Sammeln der Insekten benutzt sie ein Schmetterlingsnetz, Insektentrommeln, einen Aspirator und eine Malaise- sowie eine Licht-Falle.

Bei den Pflanzenfressern in den Wipfeln der Bäume handelt es sich vor allem um Käferlarven und Schmetterlingsraupen. Margarete Lowman fragte sich: „Wie finden sie ihre Futterpflanzen? Haben sie „Einfluß auf das ökologische Gleichgewicht des Waldes und ḱönnen sie damit langfristig globale Veränderungen bewirken?“ Um heraus zu bekommen, welche durchschnittliche Lebenserwartung ein Blatt in der Baumkrone hat, markierte sie Tausende von Blätter an fünf verschiedenen Baumarten. „In den Kronen des australischen Nesselbaums stellte ich einen durch Pflanzenfresser verursachten jährlichen Verlust an Blattoberfläche von bis zu 42 Prozent fest.“ Sogar über 50 Prozent Blattverlust durch Insektenfraß registrierte sie bei der australischen Scheinbuche fest, der Baum überlebte das zwar, aber sie bekam zwei Jahre lang nicht heraus, um was für ein Insekt es sich handelte, das jedesmal im Frühjahr (September/Oktober) die frischen jungen Blätter vertilgte – des Nachts – und dann verschwand. Es waren die Raupen eines bis dahin unbekannten kupferfarbenen Blattkäfers.

Bei den Kronendachstudien stellte die Aktivistenorganisation „Earthwatch“ ihr zwischen 1980 und 1990 mehr als 150 Unterstützer zur Verfügung. In der Zeit, als sie die Kronen der australischen Eukalyptusbäume erforschte, starben diese Bäume immer wieder in Massen (seit 1878 bereits) an einer unbekannten Krankheit. Die „Grünen“ machten die Umweltzerstörung der Landbesitzer dafür verantwortlich, umgekehrt gingen die Farmer von Pflanzenfressern aus, wobei sie wahlweise an Koalas, Käfer und pilzartige Krankheitserreger dachten. Schließlich wurde ein die Wurzeln angreifender Algenpilz als Hauptursache erkannt, „der mit der an Traktorrädern haftenden Erde von malaysischen Avokadofarmern unwissentlich nach Australien eingeschleppt worden war.“ Der Algenpilz hatte ganze Wälder vernichtet. Aber der Weihnachtskäfer war auch nicht ohne: Margaret Lowman „notierte einen jährlichen Verlust an Blattoberfläche von über 300 Prozent, der auf das Konto des Käfers ging; das bedeutete, dass bei manchen Eukalyptusbäumen innerhalb eines Jahres drei aufeinanderfolgende Laubaustriebe den Insekten zum Opfer fielen.“ Was bei uns das „Waldsterben“, ist in Australien das „Baumsterben“.

Als sie auf einer Koralleninsel den Blattfraß von Raupen eines Nachtfalters untersuchte, die sich auf eine bestimmte Strauchart spezialisiert haben, stellte sie abermals fest, „dass – sowohl in Wäldern als auch auf den Koralleninseln – pflanzenfressende Insekten die Schattenblätter von Pflanzen den Sonnenblättern vorziehen.“ Das kann viele Gründe haben, meint sie, oder alle zusammen.

Neben ihrer Arbeit in den Baumkronen erforschte sie auch die Entwicklung der Sämlinge im Regenwald. Für die Verbreitung der Samen sorgen u.a. Vögel, sie erwähnt den Feigenpirol, der die Feigensamen zusammen mit seinem Kot in den Astgabeln verschiedener Baumriesen hinterläßt (ähnlich wie bei uns der aus Sibirien stammende Seidenschwanz hierzulande Mistelsamen verbreitet). Die Feigenbäume keimen hoch oben in den Bäumen, im Licht, und treiben dann ihre Wurzeln nach unten bis auf und in den dunklen Waldboden – sie wachsen also andersherum als die meisten anderen Bäume. Wenn sie in der Erde „Fuß gefaßt“ haben, fangen sie an, den Baum, auf dem sie gekeimt sind, zu würgen. Man nennt sie deswegen auch „Würgefeigen“. „So stirbt der Wirtsbaum einen langsamen Tod, der Jahre dauern kann. Unterdessen ist das Geflecht der Feige so stabil geworden, dass sie auch ohne Stütze durch den Wirtsbaum bestehen kann. Sie übernimmt dessen Platz, ihr ‚Stamm‘ ist deswegen innen hohl,“ heißt es auf „faszination regenwald.de“.

Erwähnt sei in diesem Zusammenhang noch der indische Feigenbaum (Ficus benghalensis): Er dient in Indien vielerorts als Dorfmittelpunkt und kann sich zu einem ganzen Hain auswachsen. Der Banyanbaum, wie er dort auch heißt, wächst laut ‚academic.ru‘ „epiphytisch auf einem beliebigen Wirtsbaum, der zunächst keinen Schaden nimmt, da der Banyan kein Schmarotzer ist. Er sendet Luftwurzeln aus, die sich mit der Zeit zu einem dichten Netz entwickeln. Haben die Wurzeln den Boden erreicht, kommt es zu einem Wachstumsschub, da die Pflanze nun nicht mehr ausschließlich auf das Substrat, das sich auf dem Wirtsbaum angesammelt hat, angewiesen ist. Mit zunehmendem Wachstum wird der Wirtsbaum erdrückt und stirbt schließlich ab.“ Die Bezeichnung „Banyan“ geht auf banyas, hinduistische Händler am Persischen Golf, zurück. Diese versammelten sich unter bestimmten Bäumen; der Name wurde von Europäern auf die Bäume übertragen.“

Wenn man vom heiligen Banyanbaum, der bengalischen Feige spricht, muß man auch den Bodhibaum erwähnen, die Pappel-Feige (ficus religiosa), unter der Buddha erleuchtet wurde. In der Tempelarchitektur Sri Lankas wurde es laut Wikipedia üblich, „eigens Bodhi Gara genannte offene Gebäude um einen lebenden Bodhi-Baum zu errichten, der jeweils ein Ableger des wahren Bodhi-Baums in Anuradhapura sein muss. Auch in Tempelanlagen Südostasiens, beispielsweise den Wats in Thailand, ist meist mindestens ein Bodhi-Baum zu finden, der zum Vesakh-Fest während des Vollmondes im April oder Mai im Mittelpunkt von Riten steht.“

Alle Feigenbäume leben in Symbiose mit einem Insekt. Bei solch einem Zusammenwirken gibt es „die verrücktesten Formen gegenseitiger Abhängigkeiten,“ heißt es in einem Text des „Schweizerischen Zentrums für Bienenforschung“, „auf die Spitze getrieben haben es dabei Feige und Feigenwespe.“ Bei der Feigenfrucht handelt es sich genaugenommen um Blütenbehälter, es gibt sie an zwei Baumtypen: die männliche „Bocksfeige“ entwickelt nur ungeniessbare Feigen mit männlichen sowie mit sterilen, kurzgriffligen weiblichen Blüten. Der weibliche Feigenbaum bildet dagegen ausschließlich „Essfeigen“ mit fruchtbaren, langgriffligen weiblichen Blüten. Das Weibchen der Feigenwespe „dringt in den engen Eingang der männlichen Feige ein, oft fallen dabei sogar Flügel und Fühlerteile ab, und legt seine Eier in die kurzgriffligen weiblichen Blüten.“ Durch die Eiablage bilden sich aus den Blüten Gallen. Zuerst schlüpfen die Männchen aus ihnen – und begatten die jungen Weibchen, „die noch geschützt in den Blüten harren.“ Wobei die Männchen die Blütenstände anschließend nicht mehr verlassen. Durch die Löcher, die sie in die Feige bissen, um zu den Weibchen zu kriechen, gelangen jedoch die befruchteten Weibchen mit Pollen beladen ins Freie, um die langgriffligen weiblichen Blütenstände der echten Feigen anzufliegen und zu bestäuben. Zur Eiablage müssen sie dann jedoch wieder eine männliche Brutfeige aufsuchen, damit daraus Nachkommen werden können. „Verirrt sich ein Weibchen in eine weibliche Feige, werden die Blüten zwar großzügig bestäubt, da die Griffel aber zu lang zur Eiablage sind, bleiben Nachkommen aus,“ schreiben die Schweizer Bienenforscher. Für Wikipedia sind dagegen nicht die Griffel der Blüten zu lang, sondern die „Legebohrer der Weibchen zu kurz“ – um den „Fruchtknoten zu erreichen“. Kurz gesagt: Wenn ein befruchtetes Weibchen eine weibliche Feige anfliegt, wird diese befruchtet, aus ihren dort eventuell auch noch abgelegten Eiern wird aber nichts. Wenn sie dagegen eine männliche Feige anfliegt, ist es umgekehrt.

In einem Artikel über den „Kaschmir-Konflikt“, der sich 2002 zu einem Atomkrieg auszuweiten drohte, erwähnte die in Neu-Delhi lebende Autorin Arundhati Roy kurz ihren Mann: „Er schreibt gerade ein Buch über Bäume. Es gibt darin ein Kapitel über die Befruchtung von Feigen, wie jede Feige von ihrer spezialisierten Feigenwespe befruchtet wird. Es gibt fast 1.000 verschiedene Arten von Feigenwespen.“

Zurück zu Canopy Meg: In Massachusetts erforschte ihre Arbeitsgruppe in den Baumkronen auch verschiedene sich dort aufhaltende Mäusearten und zwei Arten von Gleithörnchen. Dazu baute ein Beteiligter mehrere Fallen. Gleithörnchen fressen die Raupen von Schwammspinnern, eine Nachtfalterart, die Arbeitsgruppe entdeckte, dass dort, wo diese Raupen in den Wipfeln der Eichen- und Ahornwäldern gehäuft auftreten, die Gleithörnchen das wichtigste „Gegenmittel“ sind. Einer der Studenten von Margaret Lowman fand heraus, „dass die Zahl der Insektenarten in Laubwäldern der gemäßigten Klimazonen in Bodennähe höher liegt als im Kronendach, während die Artenvielfalt der Insekten in den Tropen nach oben hin zunimmt. Dies liegt auch an der Qualität der Blätter: die Sonnenblätter in der Krone unterscheiden sich „physikalisch und physiologisch stärker von den Schattenblättern im Untergeschoß desselben Baumes als von den Sonnenblättern einer völlig anderen Baumart.“ Die Blätter oben sind härter, haben eine höhere Photosyntheseaktivität und eine kürzere Lebensdauer.

In Panama erforschte Margaret Lowman, ob „Lianen aufgrund ihrer Funktion als Transportwege für wirbellose Tiere zu größerern Pflanzenschäden und einer größeren Fülle von Insekten in Baumkronen beitragen“. Sie fand heraus, dass dies tatsächlich der Fall ist. Zu den Pflanzenschädlingen dort oben gehören natürlich neben den Insekten auch Säugetiere (wie z.B. Affen) und viele Vögel, nur kann mit den von Margaret Lowman benutzten Zugangstechniken dabei wenig ausrichten, weil die Tiere davor sofort flüchten bzw. wegfliegen. Einiges haben ihre Ornithologiekollegen aber doch herausbekommen: So teilen in Panama die Stirnvögel (Oropendolas auch genannt) ihre Nistplätze gerne mit Hornissen, zudem dürfen Kuhstärlinge ihre Eier in die Stirnvogelnester legen, weil die Hornissen ebenso wie die jungen Kuhstärlinge Dasselfliegen töten. Zur Erforschung der Baumkronen sind laut Margaret Lowman die Baukräne am Besten, es gibt sie inzwischen in sieben Wäldern weltweit, u.a. um vergleichbare Daten für die Forstwirtschaft zu sammeln. 1997 fand das erste Treffen des „Internationalen Baumwipfel-Kran-Netzwerkes“ statt. Und weil es auch immer mehr Baumwipfelforscher gibt, können mit den Kronendachkränen „Forschungen über Photosynthese und Gasaustausch, oder hinsichtlich der Konturen von Kronendachoberflächen und ihre Auswirkungen auf das Mikroklima mit größter Präzision durchgeführt werden.“ In Belize arbeitete die Biologin in einem Baumhaus, dazu auf fünf Plattformen, die mit Laufstegen in unterschiedlicher Höhe (von 22 bis 40 Meter) verbunden waren. In der Krone eines Baumes entdeckte sie mehrere „Ameisengärten“: „Dabei handelt es sich um eine Anhäufung von Kronendachpflanzen, deren Samen von den Ameisen sorgfältig geerntet und in luftige Höhe geschleppt wurden.“ Die Ameisen erhalten von ihren „Gärten“ Wohnung und Nahrung, dafür schützen sie ihre Pflanzen vor Schädlingen. In den Tropen haben die meisten Bäume immergrüne Blätter, Margaret Lowman fand Bäume, die 13 Jahre lang ihre Blätter behalten. Es gibt aber auch einige, die ihr Laub regelmäßig wechseln und andere, die in Trockenperioden einen Teil ihrer Blätter abwerfen.

Im Mai 1995 begann sie in Panama mit einer neuen Technik: Sie beobachtete die Baumkronen mit einem Fernglas vom Boden aus – es ging ihr dabei nicht um Insekten, sondern um Epiphyten (Aufsitzerpflanzen) und Lianen. U.a. stieß sie dort auf einen sogenannten „Selbstmordbaum“, der nur einmal Blüten und Früchte hervorbringt und dann stirbt. Ähnlich wie der Bambus blühen auch die Selbstmordbäume gerne alle auf einmal – und sterben dann kollektiv.

 

P.S.: Soeben erschien ein Buch von einem weiteren Baumkronen-Forscher, der Klappentext hört sich allerdings nicht gut  an. Der Autor ist Kameramann und diese Filmer legen meistens bloß Wert auf Action, Gefährlichkeit, Spannung, Außergewöhnliches, Mutiges etc. Und das ist schlecht! In diesem Fall heißt der Autor James Aldred und sein Buch „Der Mann, der auf Bäume klettert“. Er wuchs im englischen „New Forest“ auf (was immer das ist – „Neuer Wald“?!) und er erkletterte dort natürlich von klein auf alle möglichen Bäume. Weil er sich aber nicht das Genick dabei gebrochen hat, machte er das schließlich zu seinem Beruf: „nichts konnte ihn  am Boden halten“ schreiben die Klappentexter, und dass „der Abenteurer aus seiner Leidenschaft einen Beruf gemacht hat“, d.h. er bekam die Chance, von den kurzen Bäumen seines New Forest sich hochzuklettern zu den wahren Urwaldriesen in Costa Rica, Australien, im Kongo und auf Borneo. Nun gut, ich habe mir das Buch eben erst gekauft – bei „Dusselmann“ – und sollte es erst einmal lesen, bevor ich mich darüber echauffiere, aber diese Klappentexter sind wirklich die Pest. Vielleicht können Bauminteressierte wie ich ja trotzdem was aus diesem Buch lernen, d.h. dass es möglicherweise mehr ist als ein alberner Egotrip in die Vertikale, bei dem nicht viel mehr rauskommt als das der Autor ein toller Typ ist…Zu Hause habe ich mindestens zwei Dutzend solcher Bücher – von irgendwelchen Tier- und Pflanzen-Filmern – Deutsche und Amis, die nur das eine im Sinn haben: Mit Text und Photos zu beweisen, dass sie echt affengeile Weltretter oder Enthüller oder Tiefdenker oder Superunterhalter sind. Grauenhaft!

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Kampftomaten

Gott steckt in jeder Tomate.“ (Spinoza)

Das sind mir die liebsten Wirtschaftsanalysen, die sich nur mit einer Branche, einer Firma oder gar nur einem Produkt befassen – und das rund um den Globus verfolgen. Über die Tomate, unser beliebtestes Gemüse, sind kürzlich zwei Studien erschienen: Das Buch „Tomaten. Die wahre Identität unseres Frischgemüses. Eine Reportage“ veröffentlichte die holländische Journalistin Annemieke Hendriks 2017, und das kürzlich erschienene Buch des französischen Journalisten Jean-Baptiste Malet: „Das Tomaten-Imperium, Ein Lieblingsprodukt erklärt den globalen Kapitalismus“.

Das erste ist auf Holland fokussiert, wo fast alle Tomatensamen herkommen, die weltweit aufgezogen werden. „Heute sind noch zehn Samenhäuser verantwortlich für 85 Prozent des Weltmarktes in Gemüsesamen,“ schreibt Annemieke Hendriks. Die Firmen der holländischen Tomatenzüchter gehören jetzt zumeist den multinationalen Chemiekonzernen Monsanto, Bayer und Syngenta. Letzterer wurde gerade von einem chinesischen Konzern, der „China National Chemical Corporation“ übernommen und erstere schlossen sich zusammen.

Die LKW-Karawanen mit Tomaten kreuzen sich heute fast stündlich auf unseren Autobahnen: die aus Spanien fahren nach Rumänien, die aus der Türkei nach Russland, die aus Holland nach Italien und umgekehrt. Tomaten sind ständig unterwegs – aber stets „frisch“. Immer mehr Tomaten wachsen auf Steinwolle in beheizten Gewächshäusern bei künstlichem Licht, auch bei den Produzenten im Süden: Sie sind damit schneller auf dem Markt und können mehrmals im Jahr ernten. Tomaten werden zwar regionalisiert und ökologisiert angeboten: Sie kommen aus „Italien“, „Spanien“ und „Holland“ oder werden – in Österreich – als garantiert „gentech-frei“ verkauft, aber das macht alles keinen Unterschied mehr, es gilt nur noch: je teurer sie sind, desto eher schmecken sie noch nach Tomate, behauptet jedenfalls die holländische Patriotin Hendriks.

Im übrigen stellt auch Monsanto inzwischen „Bio-Tomaten“ her. In England wurde eine lilafarbene Tomate aus alten Rassen gezüchtet, zur gleichen Zeit entwickelte das holländische „Wageningen University & Research Center“ ebenfalls eine Tomate mit lila Pigmenten – auf gentechnischem Wege. Annemieke Hendriks schreibt: „Der Wageninger Test-Tomate hatte man zwei Gene des Löwenmäulchens eingepflanzt.“ Dadurch war sie nicht nur lila geworden, sondern – wie mit Mäusen im Experiment bewiesen, sie sollte auch gut gegen Krebs sein: „Eine Anti-Krebs-Tomate“. Am Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaft der Humboldt-Universität meinte man dazu nur:„Wäre es doch bloß so einfach.“

Bisher wurden zunehmend gentechnisch veränderte Lebewesen patentiert – was schon schlimm genug ist, weil man sich strafbar macht, wenn man sie mit ihren Samen selbst weiterzüchtet. Das gilt für Schimpansen, Mäuse und Mais ebenso wie für Tomaten. Nun sollen aber auch noch traditionell gezüchtete Tomaten urheberrechtlich geschützt werden. Annemieke Hendriks interviewte einen Manager der niederländischen Saatgutzucht-Firma „Rijk Zwaan“, die „an vorderster Front“ gegen die Patentierung von klassischen Samenveredlungsprozessen kämpft. Gleichzeitig arbeitet „Rijk Zwaan“ jedoch mit dem Biotech-Unternehmen „KeyGene“ zusammen und erwarb 2016 ein Tomatenpatent. Die Autorin nennt „Rijk Zwaans“ Firmenpolitik „zwiespältig“, während der Manager meint: „Wir haben eine kuriose Situation“. Damit will er sagen, dass seine Firma auch weiterhin und mit guten Argumenten gegen EU-Patente auf Lebensmittel kämpft, dass sie aber dennoch dabei mitmachen muß, um konkurrenzfähig zu bleiben. Sie verfolgen eine „Doppelstrategie“.

Im Wittenberger Ortsteil Piesteritz gibt es noch das alte Stickstoffwerk, heute mit modernen Gewächshäusern, in denen mit Stickstoff sogenannte „Luther-Tomaten“ produziert werden. 2006 wurde der tschechische Agrofert-Konzern, dessen alleiniger Eigentümer der Großindustrielle und ehemalige tschechische Finanzminister Andrej Babis ist, Eigentümer des SKW Piesteritz und der Tomatenzucht.

Annemieke Hendriks ökonomisch-ökologische Recherche ist voll von merkwürdigen Tomatengeschichten . „Der Angriff der Killer-Tomaten“ ist längst Realität. Aber es kommt noch dicker – in der Tomaten-Recherche von Jean-Baptiste Malet, die in gewisser Weise um China kreist, wo Zigmilliarden Tomaten jedes Jahr produziert werden, die man in Form von dehydrierter und und anderswo wieder rehydrierter Tomatenpampe exportiert, und damit vornehmlich Afrika zumüllt, aber auch alle unsere Pizzen belegt und in Soßendosen bzw. Ketchupflaschen füllt. Zwischendrin spielt auch noch eine Armee bestechlicher Zöllner und die italienische Mafia mit „Tomatenschutzgeld“-Erpressungen eine Rolle. Dazu verbrecherische Analyselabore wie das italienische „Ecoscreening“. „Tomaten von kontaminierten italienischen Feldern, zum Verzehr nicht geeignete chinesische Tomatenpampe: Das zweifelhafte Labor stattete ganze Warenlager mit falschen Zertifikaten aus.“

Die europäischen Armen und Arbeitslosen können sich nur geschmacklose Wassertomaten leisten, aber im Kapitalismus geht es immer noch einen Zacken grauenhafter: In vielen afrikanischen Ländern können sich die Armen den z.T. gesundheitsschädlichen chinesischen Tomatenmatsch (das „Konzentrat“) nur löffelweise leisten! Die gehen mit einem Stück Papier und ein paar Cent zum Tomatenhändler! Und die Tomatenanbauer in ihren Ländern werden wegen diesem „preiswerten“ Importmist ihre echten Tomaten nicht mehr los: Sie sind zu teuer.

Die chinesischen Pflücker im Hauptanbaugebiet Xinjiang bekommen „etwas mehr als einen Cent pro gepflücktem Kilo Tomaten,“ schreibt Jean-Baptiste Malet. Lastwagen bringen die Ernte dann zu einer der 15 Tomatenverarbeitungswerke des halbprivatisierten Staatskonzerns Cofco, in denen jährlich 250.000 Tonnen Tomatenkonzentrat verarbeitet werden. Exporteur ist das Unternehmen Chalkis, ein Konglomerat der Volksarmee, das Cofco zunehmend Konkurrenz macht. Cofco beliefert die größten Multis der Nahrungsmittelindustrie: den Ketchup-Hersteller „Kraft Heinz“, aber auch Unilever, Nestlé, Campbell Soup, Del Monte, PepsiCo und McCormick. Cofco und Chalkis gehören inzwischen auch Fabriken im Ausland: z.B. die ehemalige Genossenschaft „Le Cabanon, die ein Viertel der in Frankreich konsumierten Tomatensoßen herstellt – nun mit Konzentrat aus Xinjiang.

Daneben produzieren auch die Niederlande Soßen – u.a. in einer der größten Soßenfabriken der Welt, die dem Kraft Heinz-Konzern gehört: Sie verarbeitet 190.000 Tonnen jährlich, u.a. zu der in England beliebten „Brown Sauce“. Hauptaktionär des Konzerns ist der Milliardär Warren Buffett. In Kalifornien werden heute die meisten Tomaten angebaut, aber der größte Lieferant von Tomatenkonzentrat ist China, wo ironischerweise kaum Tomaten gegessen werden. Der US-Konzern „Kraft Heinz“ hat in China mehrere Fabriken, verursacht dort aber auch einen Skandal nach dem anderen mit seinen Produkten: „gepanschte Milch“, „mit Quecksilber kontaminierte Babynahrung“, gentechnisch veränderter Reis“.

Man spricht heute allgemein von „Industrietomaten“, die Gemüseanbauer nennen sie „Kampftomaten“. Dabei „handelt es sich um eine von Genetikern künstlich erzeugte Frucht.“ Sie ist länglich und fest mit dicker Schale und verdirbt nicht leicht. Ihre Eigenschaften sind auf eine reibungslose maschinelle Ernte und eine industrielle Verarbeitung abgestimmt. Bevor die Erntemaschinen die allzu streikfreudigen mexikanischen Pflücker ersetzen konnten, mußte die Tomate genetisch verändert werden: „Das Gen j-2 ist heute von Xinjiang über Süditalien und die Türkei bis Kalifornien in allen Industrietomaten der Erde vorhanden.“ Die amerikanische Mikrobiologin Lynn Margulis schimpfte über ihre Genetiker-Kollegen: Sie interessieren sich nicht für die Evolution des Lebens auf der Erde, sondern vor allem dafür, „bessere Tomaten zu machen“. Falsch: schlechtere Tomaten!

„Die Industrietomate ist eine international gehandelte Ware, die verarbeitet und in Fässer (Barrel) abgefüllt, mehrmals die Erde umrunden kann, bevor sie auf unseren Tellern landet.“ Der Verbraucher weiß davon nichts, weil auf den Dosen und Gläsern die alten regionalen Herkunftsbezeichnungen und schönen Logos geblieben sind, obwohl der Inhalt aus China kommt. Im Faschismus wurde Italien zum Pionier für Tomatenverarbeitungsmaschinen. China bestellte dort in den Neunzigerjahren so viele Verarbeitungswerke, jede kostete über 10 Millionen Euro, dass sie einen Teil davon wieder stillegten oder sogar mit Bulldozern platt machten. Man wollte auf die Schnelle für die Massen der „Wanderarbeiter“ Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen und den wachsenden Uiguren-Unmut in der neuen Tomatenindustrie produktiv werden lassen. Daneben werden dort aber auch viele Zwangsarbeiter aus den Lagern beschäftigt – „quasi zum Nulltarif“.

Aus Italien kommen heute ebenfalls große Verarbeiter: Die neapolitanische „Petti-Gruppe“ z.B. ist nach „Kraft Heinz“ der zweitgrößte Abnehmer von chinesischem Tomatenkonzentrat, mit eigenen Weiterverarbeitungsfabriken in Afrika. Die Petti-Fabrik in der Toskana verarbeitet dagegen nur italienische Tomaten, zum Teil aus biologischem Anbau. Die Pflücker sind zumeist Afrikaner, 30.000 jährlich, davon sind nur 2000 offiziell registriert. Sie alle leben in fürchterlichen „Slums“ und sind genau genommen Halbsklaven, pro gepflücktem Kilo verdienen sie etwas über 1 Cent. Ein Gefäßchirurg im Ruhestand inspiziert ein- oder zweimal im Monat „die Ghettos von Apulien“.

Petti ist ein Familienimperium, Pasquale Petti meinte zu Jesan-Baptiste Malet: „Was die großen Handelsketten wollen, ist ein Produkt, das so wenig kostet wie möglich, nach Tomatensoße aussieht und die Leute, die es essen, nicht umbringt.“ Das billigste Konzentrat ist das begehrteste, selbst das überlagerte findet noch einen Käufer. Man nennt es „Schwarze Tinte“, weil es so alt und oxydiert ist, dass es seine rote Farbe verloren hat, es wird mit Stärke, Sojabohnenfasern und Farbstoff verpanscht und vor allem nach Afrika verkauft. „Libyen z.B. verbraucht mit seinen 6 Millionen Einwohnern mehr Tomatenmark als Deutschland mit seinen 80 Millionen.“ Auch in Ghana werden gerne Tomaten gegessen und auch angebaut, aber die zwei Verarbeitungsbetriebe dafür wurden geschlossen, stattdessen importiert das Land nahezu zollfrei über 100.000 Tonnen Tomatenkonzentrat jährlich: „Die Korruption hat das Land fest im Griff“. Ähnliches geschah im Senegal. In den Dosen befinden sich 45% Konzentrat und 55% andere Zusätze. Auf den Etiketten steht „halal, frisch oder green“. Afrikanische Behörden stellen immer wieder Dosen mit vergiftetem Tomatenmark sicher. „Der Kapitalismus verspricht dem Verbraucher ‚Diversität‘, ‚Konkurrenz‘ und ‚Freiheit‘,“ aber in Wahrheit geht es ihm laut Jean-Baptiste Malet darum, die Sklaverei wiederauferstehen zu lassen.

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Einschub mit 20 Fotos „Poller mit Frau“ – eine Unterserie von „Frau mit Auto“ (wo Autos sind, da sind meist auch Poller und umgekehrt):

Londoner Poller mit Frau

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Long-Beach-Poller mit Ava Gardner

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Hollywood-Studiopoller mit Marilyn Monroe

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Louvre-Indoor-Poller mit Charlotte Rampling und Raquel Zimmermann

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Las-Vegas-Zimmerpoller mit Frau – für Unterwäsche werbend

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Pariser Outdoor-Poller mit unbekannter Frau

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US-Ostküsten-Poller mit Pinup-Girl

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Frankfurter Wellmann-Mehrzweckpoller mit Dr. Sabine Vogel

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Poller-Kreis in Cornwall mit Oxforder Archäologin

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Essen-Rüttenscheider Stehpoller mit Frau – auf den Karnevalsumzug 1982 wartend

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Istanbuler Stehpoller mit Frauen – gegen die Erdogan-Regierung protestierend

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Berliner Sitzpoller mit unbekannter Frau (Foto: Dietmar Hochhuth)

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Budapester Hausmeisterpoller mit Olga Kaminer nebst Gatten

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Potsdamer Preußenpoller mit unbekannter Frau (Foto: Thomas Raese)

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Prager Pollerreihe mit Ballett-Frau und coffee to go

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Mailänder Zierpoller mit zierlicher Frau

Elektronisch versenkbarer Poller mit prominenter Filmfrau, die sich von drei Männern im SFB-Studio den Mechanismus erklären läßt

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Bukower Waldpoller mit Helene Weigel

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Zwei Marmorpoller mit einem anonymen Frauenakt dazwischen (Foto: arteide.org)

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Belgischer Tankstellen-Poller mit Frau des Tankwarts

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Pollergrün

Als langjähriger Pollerforscher (dessen diesbezügliche Texte und Fotos gerade der Literaturwissenschaftler Philipp Goll unter dem Titel „Helmut Höge Pollerforschung“ zusammengestellt und mit Nachworten versehen im Verlag „adocs“ herausgegeben hat) hatte ich beim Übergang zur Tier- und Pflanzenforschung irgendwann gesehen, dass es so etwas wie ein „Pollergrün“ gibt – und zwar an jedem der etwa 1,5 Millionen Poller in Berlin. Neben „Urban Gardening“ existiert also auch so etwas wie „Urban Wild“, d.h. winzige Wiesen an und um diese Straßenbegrenzungspfähle herum, zusammengenommen eine Wiese größer als der Tiergarten vielleicht – und gänzlich unbegärtnert.

Um diese Wiesenbildung ging es mir bei einer Phototour durch die Stadt. Ich hatte mir dazu ein Bestimmungsbuch gekauft: „Berliner Pflanzen – Das wilde Grün der Großstadt“ von Heiderose Häsler und Iduna Wünschmann. Aber ich war zu früh dran: Wegen der langen Kälteperiode waren die Pflanzen an den Pollern und nicht nur dort, erst gerade dabei, sich an Luft und Licht zu entfalten. Das machte ihre Bestimmung so gut wie unmöglich. Kam noch hinzu, dass fast alle meine Photos unscharf und blaustichig gerieten. Bei denen, die dann eine Freundin knipste, war es etwas besser, aber sie war nicht so motiviert wie ich, von Pollerfuß zu Pollerfuß zu kucken, so dass sie erst einmal nur ein paar Bilder machte. Es kam bei all dem also nur die Idee einer neuen Pollerforschung – auf der Schwelle zur „Life Science“ – heraus, und das auch noch ohne eine Benamung der Pollerflora.

Dazu hatte ich zuvor einen der Wissenschaftler im Botanischen Garten gefragt, ob bei den Benamungen noch das System des Ahnherrn der modernen Botanik, Linné, zur Anwendung komme? “Ja und nein”, wurde mir geantwortet, “es ist mit der Zeit modifiziert worden. Linné hatte die immer länger werdenden Bezeichnungen verkürzt – auf den Namen der Gattung und der Art, und darunter folgte dann die Beschreibung der Pflanze, bis heute auf Lateinisch. Das Ganze hat er dann in einem System angeordnet. Nicht nur die Pflanzen, auch die Tiere, bis zum Menschen, homo sapiens. Übrigens hat er ihn schon den Schimpansen zugeordnet – lange vor Darwin. Pflanzensysteme gab es auch schon vorher. Linné hat ein sogenanntes Sexualsystem verwendet, d.h. er hat die Gestalt der Blüten zur Klassifizierung benutzt. Er hat bereits gewußt, dass das ein künstliches System ist. Linné ging davon aus, dass alle Lebewesen unveränderlich sind, d.h. es gibt so viele Arten wie Gott geschaffen hat. Inzwischen wissen wir, dass das nicht so ist, dass die Lebewesen veränderlich sind, dass es eine Evolution gibt. Das hat zwei Konsequenzen für das Linnésche System: wenn wir jetzt im Laufe unserer Forschungen feststellen, dass wir die Gattungen teilen müssen, d.h. wenn wir bei einigen Pflanzen Eigenschaften finden, die sie einer anderen Gattung zugehörig werden lassen, oder dass wir Gattungen zusammenlegen müssen – z.B. Azaleen und Rhododendron – beim Vergleichen ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen … Es kommt also immer wieder zu Veränderungen in der Zuordnung und damit zu Umbenamungen. Die natürlichen Verwandtschaften waren damals noch nicht erforscht. Linné hat nachgeguckt, wieviel Staubblätter hat eine Pflanze?, und wieviele Blütenblätter?, sind sie verwachsen? usw.. Im gleichen Verwandtschaftskreis kann es aber z.B. Pflanzen mit verwachsenen und mit freien Blütenblättern geben.

Das Linnésche System ist also insofern künstlich, als damit etwas in Schachteln gepackt wird – nach, ich möchte mal sagen, zufälligen Merkmalen. Die zwar gut sichtbar sind, sofern die Pflanzen gerade blühen, die aber keine natürlichen Verwandtschaften darstellen, und das wollen wir heute haben. Das hat auch schon bald nach Linné angefangen. Zum Beispiel hat Adalbert von Chamisso, der hier eine Zeitlang Aufseher über das Herbarium war, für die Berliner Schulen ein Buch über die nützlichen und schädlichen Gewächse herausgegeben. Chamisso hat darin bereits davon gesprochen, dass er die natürlichen Verwandtschaftsverhältnisse der Pflanzen verwenden möchte, die aber seien noch kaum bekannt, deswegen verwende er das Linnésche System, aber an den Stellen, wo er weiß, wie die Pflanzen zusammenhängen, da nehme er die natürliche Verwandtschaftsordnung. Inzwischen ist das immer weiter erforscht worden. Man arbeitet da z.B. mit dem Raster-Elektronen-Mikroskop, mit dem sich neue Merkmale im Bereich der Oberflächenstruktur erschließen lassen. Es werden also immer mehr Gestalt-Merkmale hinzugenommen – das geht bis in die Zellen und die Anzahl der Chromosomen hinein.  In unserem Museumsführer ist z.B. eine Illustration aus einer Monographie über die Kakteegattung Pereskia abgebildet. Das ist ein Kaktus, der normale Blätter hat, woran man dann schon sehen kann, daß es Gott sei Dank so etwas noch gibt, und wovon man schon lange ausging: dass die Kakteen sich aus normalen Pflanzen entwickelt haben. Die Pereskia wäre also ein Zwischenglied zwischen Kaktus und Baum. Ähnlich vielleicht wie die Archäoperyx das missing link zwischen Reptil und Vogel war. Wir haben keine lückenlosen Stammbäume, das muß man gleich dazu sagen. Am Anfang der Samenpflanzen, da ist das noch recht offen. Mit Hilfe der Fossilfunde konnten nur einige Lücken geschlossen werden. Es bleiben noch eine Menge, um die Samenpflanzen an Moose, Farne usw. anschließen zu können. Sie haben sich daraus entwickelt, aber wie genau läßt sich nicht belegen.”

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Bettler und Obdachlose

Als ich einer alten Frau, die wie eine Zigeunerin aussah, am Heinrichplatz 50 Cent gebe, sagt die Serviererin: „Gib der nichts. Die hat mehr Geld als Du!“ Diese Mär hält sich hartnäckig: in Indien ebenso wie in den USA und hier – dass die Bettler alle steinreich sind und sich Abends von ihrem Fahrer mit Mercedes abholen lassen. Bei den Romnis kommt noch hinzu, dass sie in vielen Städten überhaupt aus der Stadt gejagt werden sollen – in Salzburg z.B., wo der Vizebürgermeister die Bürger aufforderte, wenn sie einen Bettler sehen oder den Verdacht haben, dass Roma in einem Wald nächtigen, die Polizei zu verständigen. Die „Salzburger Nachrichten“ veröffentlichten dazu einen Stadtplan, auf dem die „Bettelplätze“ der Stadt markiert sind. Der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß berichtet, dass neuerdings gerne behauptet wird, die „mitfühlende kleine Gabe verbiete sich um der Bettler selber wegen, die alles, was sie erwirtschafteten, doch nur dubiosen Mafiabossen, die in sagenhaftem Reichtum in Transsylvanien schlemmen, abzugeben hätten, Bettlerbaronen, die sogar hartherzig genug wären, Behinderte zur Sklavenarbeit zu zwingen.“

In Berlin geht man noch nicht ganz so widerlich mit Bettlern und Obdachlosen um, aber vor allem die letzteren mehren sich: Es gibt kaum noch eine U-Bahnfahrt, während der einem nicht ein Obdachloser seine Existenzprobleme mitteilt, damit man ihm eine Obdachlosenzeitung abkauft. Und immer wieder stößt man auf Nachtlager unter Brücken (im Regierungsviertel, am Görlitzer Bahnhof und am Bahnhof Friedrichstrasse z.B.) – meistens dort, wo ständig Leute unterwegs sind. Für die dort Nächtigenden sind viele Passanten eine Art Schutz vor Überfällen, aber sie wollen uns Noch-Behauste auch zwingen, den Anblick bedürftiger Menschen zu ertragen. Wir sollen sehen, dass es sie gibt und dass es ihnen schlecht geht. Dazu gehören auch immer mehr verarmte türkische Arbeitslose, die nicht selten durch ihre frühere Fabrikarbeit auch noch invalide geworden sind. Als ich kürzlich durch den Grünstreifen am Leuschnerdamm zum Engelbecken ging, sah ich unter der Waldemarstrasse-Brücke ein richtiges Bett von einem Obdachlosen. Vor mir ging eine westdeutsche Schülerinnen-Gruppe, einige meinten „Puh, stinkt das hier!“ und hielten sich die Nase zu. Darauf riefen ein paar Männer ihnen irgendetwas hinterher. Wir drehten uns um, sahen jedoch niemand, aber dann guckte ich genauer hin: Zwischen den Brückenstreben links und rechts, fast unsichtbar, hatten sich gleich mehrere Obdachlose eine Notunterkunft gebaut. Im Jahr zuvor war ich am Wannseeufer auf ähnlich verborgene Lagerstätten von Obdachlosen im Schilf gestoßen, einige hatten Hunde.

Die Münchner Süddeutsche Zeitung, die sich immer wieder gerne Sorgen um die neue Hauptstadt macht, schrieb: „In Berlin leben immer mehr Menschen auf der Straße. Damit wachsen die Probleme, die zuständigen Bezirke sind überfordert. Nun will der Senat eine berlinweite Strategie gegen Obdachlosigkeit entwerfen.“ Das war Anfang des Jahres. Die SZ interviewte die Pressesprecherin der „Stadtmission“, sie meinte: „Wegen der Reisefreiheit in Europa leben hier immer mehr Obdachlose aus Osteuropa. Sie sind inzwischen in unseren Notunterkünften in der Mehrheit. Jedem deutschen Staatsbürger steht eine Wohnung zu. Wohnungslose Europäer, die noch nie in Deutschland gearbeitet haben, haben keinen Anspruch auf Unterstützung.“ Ich interviewte dazu Karsten Krampitz, der viele Jahre in der Treptower Wärmestube „Arche“ arbeitete und ein Buch über Obdachlose „Rattenherz“ sowie eins über Obdachlosenzeitungen „Affentöter“ schrieb, er meinte: „Der Staat tut immer weniger für Obdachlose. Mit Wohnungen versorgt er sie zwar noch, doch die Obdachlosigkeit ist vor allem ein seelisches Problem. Ihre ganzen sozialen Kontakte haben diese Menschen auf der Straße und in den Suppenküchen. Anfangs werden die Kumpel und Kumpelinen noch in die neue Wohnung eingeladen, wo sie sich gemeinsam die Kante geben. Nachdem sie die ganze Stütze versoffen haben, beginnt die Einsamkeit, die Bude verkommt, der Müll türmt sich. Und irgendwann ziehen sie wieder los. Die meisten Obdachlosen sind Männer. Sie verwahrlosen auch leichter. Sie suchen verzweifelt Kontakte, treffen sich mit anderen am Kiosk oder im Bahnhof, pennen mal hier, mal dort, und irgendwann sagen sie sich: ‚Ich brauch’ meine Wohnung – diesen Saustall – doch eigentlich gar nicht‘. Man gibt einem Menschen noch kein Zuhause, wenn man ihm eine Wohnung zuweist.“

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Berlin indisieren

Die Dörfer verschließen sich der Natur, die Städte öffnen sich ihr, stellte der Ökologe Josef Reichholf fest. In Berlin gehören dazu u.a. Wildschweine und Füchse. Was hier der Fuchs ist in indischen Städten der Leopard. In Europa gilt der Leopard als besonders gefährlich und unter den Zirkusdompteuren als das schwierigste Raubtier. Aber im hinduistisch-buddhistischen Indien geht man anders mit Tieren um und diese anders mit den Menschen. Auf dem Forum „downtoearth.org.in“ wurde unter der Überschrift „Die Leoparden in meinem Hinterhof“ daran erinnert, dass die Leoparden in Indien quasi schon immer an den Rändern menschlicher Siedlungen gelebt hätten. Heute gebe es in vielen Teilen des Landes keinen Wald mehr, sondern nur noch ein Mosaik von Äckern, was den Leoparden um so mehr den Siedlungen nahe bringe. Im übrigen habe man deswegen auch einigen Grund zum Stolz, denn Indien sei „das einzige Land weltweit, in dem die Menschen und ihr Vieh in nächster Nähe von Raubtieren leben.“

Allein auf dem Gemeindeland des Dorfes Akole bei Mumbai lebt rund ein Dutzend Leoparden. Und die Dorfbewohner wollen, dass das auch so bleibt. Manchmal reißt ein Leopard eine Katze oder einen Hund. Wenn eine Ziege gerissen wird, bekommt der Besitzer eine Kompensation. Im Ort gibt es einen Tempel für eine Göttin, die sich u.a. in einen Leopard verwandeln kann. Ihr werden gelegentlich Opfer gebracht. Drei Mal kam es zu einem Unfall: Einmal schlug ein Leopard ein Liebespaar vom Moped, ein andern Mal verletzte einer ein Kind. Umgekehrt wurde ein Leopard durch einen Stromschlag getötet. Seitdem dieses Zusammenleben diskutiert wird, entdeckt man überall Leoparden. Ein US-Internetmagazin titelte: „Viele Leoparden, keine Unfälle. Ein indisches Dorf erprobt, wie das geht!“ Das Magazin „National Geographic“ machte unter der Überschrift „Mit Leoparden leben“ aus den Raubkatzen gleich ein Vorbild für uns alle: „Wenn die Menschen den überkommenen Lebensraum der Leoparden umgestalten, passen diese sich dem neuen an. Können wir das auch?“ Diese Frage, hierzulande u.a. vom Fuchs und vom Wolf aus gestellt, ist keine akademische sondern eine lebenspraktische, weil es für viele Tiere (und Pflanzen) schon bald keine anderen Habitate als die wachsenden Städte geben wird. Dabei stellen sich z.B. Probleme ihrer Ernährung. So erfuhr ich von Rolf Schneider, Biologe an der Humboldt-Universität, über die letzte Dohlenkolonie in Köpenick: „Dohlen sind zwar überall geschützt, sie bekommen hier aber weniger Nachwuchs als auf dem Land. Das Futterangebot ist problematisch: Zwar gibt es genug Kohlehydrate (Brot z.B.), aber sie brauchen für die Aufzucht Eiweiß (Insekten, Würmer etc.). Die Sterberate der in der Stadt geborenen Jungen beläuft sich auf 70 bis 100 Prozent, auf dem Land betrifft es nur 25 Prozent.“ Um allein die Dohlen hier einigermaßen zufrieden zu stellen, bräuchten wir intelligente Gartenbauämter in den Bezirken, die nicht nur mit Rattengift, Mähmaschinen, Motorsägen und Laubbläser arbeiten, und dazu etwas mehr „Indien“ als bloß auf Speisekarten: Nach der Studentenbewegung gab es im Urbankrankenhaus eine ganze Therapieeinrichtung für „Indienfahrer“, also für Berliner, die nach Indien gefahren und hierher zurückgekehrt prompt durchgeknallt waren. Wo sind die alle geblieben?

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Einträgliche Fernwirkungen

In „Die Wirkung nicht vererbter Elterngene“ referierte die FAZ kürzlich die „aktuelle Ausgabe von ‚Science‘: Die Genetiker um den bekannten isländischen Gründer der Firma deCODE genetics, Kári Stefánsson, nutzten Erbgutdaten von 21637 Isländern, um zu belegen, dass sogar jene Genvarianten unsere Eigenschaften beeinflussen, die unsere Eltern uns nicht vererbt haben.“ Also: eine „spukhafte Fernwirkung“? (Niels Bohr) Mitnichten: „Insgesamt dürften die neuen Daten für viele Adoptiveltern tröstlich sein. Auch wenn sie ihre Gene gar nicht vererbt haben, so wirken diese sich über den Umweg der Umwelt doch noch maßgeblich auf die Kinder aus.“ Aber ist das nicht spooky?

Bisher standen Umwelteinflüsse (Lamarck) gegen Genprägung (Darwin), Nurture vs. Nature, auf englisch. Angesichts der Erfolge von Symbioseforschung und Epigenetik sind die Genetiker zu seinem Kompromiß bereit – obwohl die ganzen Nationalliberalismen Biofakten brauchen: Die Gene wirken nun zwar weiter – aber über die „Umwelt“. Also die Gene der Nichteltern wirken durch ihre Erziehungsbemühungen hindurch. Wenn wir in diesem Fall nicht von den Genen, sondern vom Charakter und der sozialen Stellung der Adoptiveltern sprechen, ist das eine Binsenweisheit. Obwohl man umgekehrt oft davon ausgeht, dass die (früh)kindlichen Traumata des adoptierten Kindes nach-„wirken“. Übrigens habe ich Anzeichen dafür gefunden, dass die Kinderheime im Osten genauso viele Schriftsteller und Wissenschaftler hervorgebracht haben, wie die Heime im Westen Sozialfälle. Dabei wirkte noch die sowjetische Idee, den „Neuen Menschen“ jenseits der nicht mehr funktionsfähigen Kleinfamilie großzuziehen, während man in den  familienzentrierten Christenländern meinte: aus Kinderheimen kommen nur Prostituierte und Kriminelle raus. Seit Wende und Privatisierung hat sich das aber, wenigstens in Deutschland, angeglichen: zum Negativen hin.

Der Wissenssoziologe Bruno Latour hält die ganze Genetik für einen ärmlichen „Reduktionismus“, er räumt jedoch ein, dass er in der Industrie durchaus Sinn macht. Und mit Industrie ist in gewisser Weise die amerikanische Biologie gemeint: über 80% aller US-Biologen sind auch Geschäftsführer oder Teilhaber von Firmen. Wie das geht, dass diese Gene plötzlich im Leben auftauchen, hat die Genkritikerin Silja Samerski in einem Interview angedeutet: „Das ,GEN‘ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft… über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist jedoch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE‘ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.“

Mit den Worten des Beraters von Biotech-Unternehmen, William Bains in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“ Und darum geht es!

Als man anfing, statt von Individuen und ihren Genen von Holobionten zu sprechen (das meint z.B. den Menschen und seine Mikroorganísmen bis in alle Zellen hinein), als man also mit der Ökologie ernst machte, veröffentlichte der Biologe Bernhard Kegel das Buch „Epigenetik“ (2009), darin heißt es: Man hätte den Begriff des „Gen“, der gerade hundert Jahre alt wurde, gebührend feiern sollen, „denn ob dieser Begriff seinen nächsten runden Geburtstag noch erleben wird, ist fraglich“: Das „genzentrische Weltbild“ war allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, seufzte der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der New Yorker Columbia Universität angesichts eines ganzen ‚Universums‘ ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Dieses Eingeständnis verdankt sich nicht zuletzt der Endosymbiontentheorie der US-Biologin Lynn Margulis, deren Buch „Die andere Evolution“ dieser Tage neu veröffentlicht wurde – unter dem Titel „Der symbiotische Planet Oder wie die Evolution wirklich verlief“. Es geht darin ums Ganze: vom kleinsten Gen in mir bis zur Gasatmosphäre über mir.

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MeToo-Anfänge

1896 hatte Sigmund Freud vor Wiener Kollegen einen Vortrag gehalten, indem er berichtete, dass etliche seiner Patientinnen in ihrer Kindheit von Familienangehörigen, meist von ihren Vätern, sexuell mißbraucht („verführt“) wurden. Aus diesem Trauma entwickelten sich bei ihnen hysterische Symptome. Freud stieß damit auf eine derartige Empörung, dass er seine Befunde widerrief: Fortan waren diese Mißbrauchsgeschichten bloße Phantasien gewesen. – Bis der Projektleiter des Sigmund-Freud-Archivs in London, Jeffrey M. Masson, in Briefen und bei Recherchen in Paris den Vorgang aufklärte und ein Buch darüber veröffentlichte: „Was hat man Dir, Du armes Kind angetan. Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie“ (1984). Er wurde daraufhin aus der psychoanalytischen Vereinigung geworfen und wandte sich der Erforschung des Verhaltens von Tieren zu, woraus weitere Bücher entstanden – unbeanstandet.

1994 kam der amerikanische Evolutionstheoretiker Stephen Jay Gould noch einmal auf Freuds irrealisierte Hysterie-Theorie zurück. Sie beinhaltet den Gedanken, dass die „Reifung der Frau“ aus einem geglückten Übergang „vom klitoralen zum vaginalen Orgasmus“ besteht. „In diesem Wechsel der leitenden erogenen Zone“ liegen Freud zufolge „die Hauptbedingungen für die Bevorzugung des Weibes zur Neurose, insbesondere zur Hysterie. Diese Bedingungen hängen also mit dem Wesen der Weiblichkeit innigst zusammen.“

Freuds Theorie wurde von Medizinern, Psychologen und Anthropologen dankbar aufgegriffen, schreibt Stephen Jay Gould, der sodann auf die großen empirischen Untersuchungen der amerikanischen Sexualforscher, angefangen mit dem berühmten „Kinsey-Report“, zu sprechen kommt, die ab 1953 beim Befragen von vielen tausend Frauen eindeutig, wie er sagt, zu dem Ergebnis gekommen waren, dass sie fast alle einen Orgasmus bei Reizung ihrer Klitoris bekommen, in der Vagina dagegen keinen. Zeugung und Lust sind getrennt. Man ging jedoch allgemein davon aus, dass der Geschlechtsverkehr der Zeugung dient und der Orgasmus quasi der Anreiz dazu ist. Auch die Biologen und Anthropologen haben den Befund der Sexualforscher lange nicht zur Kenntnis genommen, denn, so Gould, „der klitorale Orgasmus ist ein Paradoxon nicht nur für die herkömmliche darwinistische Biologie, sondern auch für das Nützlichkeitsvorurteil, auf das sich alle funktionsbezogenen Evolutionstheorien (einschließlich derer von Lamarck und Darwin) gründen, sowie für die viel ältere Tradition der Naturtheologie.“ Biologisch gesehen ist die Klitoris das weibliche Pendant zum Penis, im frühen Embryonalstadium sind sie noch eins. Auch später ist sie noch genauso groß, nur zu Teilen im Körper verborgen.

1975 argumentierte der deutsche Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeld desungeachtet noch, „dass die Evolution des weiblichen Orgasmus die Bereitschaft der Frau zur Unterwerfung fördere und außerdem die emotionale Bindung zum Partner stärke.“ Mit der „Evolution“ war der Freudsche „Übergang“ vom klitoralen zum vaginalen Orgasmus gemeint. 1981 schätzte die US-Anthropologin Sarah Blaffer-Hrdy ein, dass die Klitoris vielleicht einmal einem „Zweck diente“, aber nun wohl „ohne Bedeutung“ sei. Obwohl dieses Vorurteil Millionen Frauen unglücklich machte, weil sie laut Gould meinten, „sie müßten ihre Reife anhand dieses biologisch unmöglichen Übergangs definieren.“ Da konnte man schon hysterisch werden!

Die „Heerscharen von Psychoanalytikern und Hunderte von Artikeln in Zeitschriften und ‚Eheberatern’“ gaben aber nicht auf: Sie erfanden den „G-Punkt“ in der Vagina und fahndeten danach. Der G-Punkt heißt auch „Zone“ und wird nach dem Gynäkologen Ernst Gräfenberg benannt, der 1950 in einem Artikel von einer „erogenen Zone in der vorderen Vaginalwand“ schrieb, „die bei sexueller Stimulation anschwillt“. Heute gibt es von „gofeminin.de“ neben 5 Millionen weiteren Interneteinträgen zum G-Punkt das Versprechen: „Ekstase pur und ein plus an Lust“. Während „lovebetter.de“ weiß, wie Frauen „Den G-Punkt finden“. Wenn nicht, kann man ihn sich mit Kollagen vergrößern – „aufspritzen“ – und zudem die Vagina „straffen“ lassen. Immer wieder kommen auch neue G-Punkt-Gadgets auf den Markt. 2008 meldete „Die Welt“: „Den G-Punkt gibt’s tatsächlich“. Aufatmen bei den Männern: Bis dahin reicht ihr Penis locker. Und dann hat die Frau ja auch was davon. Das stärkt die emotionale Bindung zum Partner, mit Eibl-Eibesfeldt zu reden.

Aber schon fragt sich „fem.com“: „U-Punkt: Heißer als der G-Punkt?“: Diese quasi neuentdeckte Stelle, ebenfalls eine „Zone“, soll sich rund um die Harnröhre befinden. Man soll den „U-Punkt (von Urethra = Harnröhre) fühlen, kann ihn aber auch mit dem „G-Punkt-Vibrator“ finden. Inzwischen fragt sich schon „erdbeerlounge.de“: Was, „du kennst den U-Punkt nicht? Dann wird es höchste Zeit.“ Das stimmt, denn „Focus“ spricht bereits von einem „A-Punkt“ – und verrät auch gleich den Männern (!), wo der sich nun genau befindet, damit sie ihre Partnerin noch glücklicher machen. Auch diese ganze Stellensuche (A-, U- und G-Punkt sowie die gute alte Klitoris) hat was Hysterisches. Aber diese Bedingungen hängen eben mit dem Wesen der Frau innigst zusammen, wie Freud meinte. Oder vielleicht doch eher mit der Männermacht?

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Kommunikationsbranche im Wandel

Im Vogelsberg erschien jedes Jahr ein Hausierer, so nannte dieser Firmenvertreter sich noch, der bei den dortigen Buch- und Schreibwarenläden Bestellungen für Papierwaren aller Art aufnahm. Auf dem Hoherodskopf angekommen parkte er, rauchte eine und sah die Karteikarten seiner Kunden in der Region durch: Was für Bestellungen hatten sie beim letzten Mal getätigt, worüber hatte er mit ihnen gesprochen – über die Schwägerin, die in den Laden mit einsteigen wollte, über ihren Sohn, ihre Großmutter, den Garten, ihren Blumenkohl…

Er hieß Lampertz, kam aus Frankfurt, und löste dort erst einmal umständlich sein aktuelles „Travelling-Salesman-Problem“, d.h. er fand die günstigste Strecke heraus, um alle Läden nacheinander aufzusuchen (mathematisch gelöst wurde dieses Problem erst Jahre später von einem irakischen Mathematiker, der damit reich wurde, denn für Spediteure und Öltanker-Flotten war seine Formel Gold wert).

Wenn Herr Lampertz in die Läden kam mit seinem neuesten Papierwarenangebot, wurde er regelmäßig mit den Worten empfangen: „Ach, schön das sie wieder da sind. Gerade haben wir von Ihnen gesprochen.“ Er war fest davon überzeugt, dass er sich vom Hoherodskopf aus mit seiner Empathie als eine Art sechster Sinn auf die Kunden unten in den Tälern eingetunt habe, bevor er losfuhr, was wesentlich zu seinen Verkaufserfolgen beitrage, denn wenn man z.B. zu einer Ladenbesitzerin komme und sie frage, ob ihr Wellensittich wieder gesund sei, dann bekomme das Geschäft gleich ein viel menschlicheres Gesicht. Lampertz hatte auch eine Theorie, die ihm seine beruflich entwickelten Empathieerfolge wissenschaftlich erklärte. Sie stammte von dem englischen Botaniker Rupert Sheldrake und war eine „morphologische Feldtheorie“, die kurz gesagt, davon ausging, dass es eine immaterielle „morphische Resonanz“ gibt, die als formbildende Kraft quasi über uns schwebt, nicht etwa als Gedächtnis in unserem Kopf, und sie wirke auch auf andere. Eine „spukhafte Fernwirkung“, wie der Physiker Niels Bohr das genannt hat. Daneben gibt es auch noch eine „spukhafte Nahwirkung“, wie sie mir einmal bei einem Vertreter für Wasserfilter begegnet ist – und mich überrumpelte.

Ich ahnte, was Lampertz mit „morphischer Resonanz“ meinte. In den Sechzigerjahren war ich in Delmenhorst bei Bremen selbst einmal Hausierer gewesen, genauer gesagt: für vier Wochen Assistent eines Vertreters (Klinkenputzers) von Bertelsmann. Jede Woche zahlte mir der „Kommunikationskonzern“ 100 Mark, dafür mußte ich den „alten Fuchs“ nur begleiten, um von ihm zu lernen. Er hatte durch ein Bertelsmann-Preisausschreiben viele Adressen dabei, dummerweise in einem Arbeiterviertel, in dem alle arbeitslos waren. Denen sollte er ein 12bändiges Lexikon verkaufen. Wirklich! Das konnte nur in einem beidseitigen Akt der Verzweiflung geschehen, so dass Herr Meierbuer, wie er hieß, immer tiefer in seine Verkaufstrick-Kiste griff. Beispielsweise lauschte er an der Wohnungstür, bevor er klingelte. Wenn er drinne Wellensittich-Geräusche hörte, sagte er: „Ach wie schön, Sie haben einen Wellensittich. Ich auch, was ist es denn – ein Männchen oder ein hübsches Weibchen?“ Ähnlich war es bei einem Kanarienvogel oder einem Hund. Nach vier Wochen hatte ich genug von meinem Meister gelernt und verschwand (nahm eine Stelle im Bremer Zoo an).

Später erfuhr ich, dass man seine verzweifelten Verkaufsakte als Versuche bezeichnen könnte, aus einer „kalten“ oder „warmen“ eine „heiße Acquise“ zu machen. Meine Mutter riet mir, die Finger davon zu lassen. Sie hatte 1949 den traurigen Film „Tod eines Handlungsreisenden“ gesehen.

1993 erfuhr ich von einem NVA-Marineoffizier, der nicht in die Bundesmarine übergetreten war, dass der Allianz-Konzern sehr viele seiner Kollegen als Versicherungsvertreter eingestellt hatte. Sie wurden für die „warme Acquise“ eingestellt, meinte er – bei ihren Verwandten und Freunden, denen sie eine Police andrehen sollten. Was auch vielfach geschah. Als sie alle durch hatten, wurden sie entlassen, er und seine NVA-Freunde jedenfalls.

Von einer anderen Acquise-Tätigkeit, bei der es um „Investitionen“ ging, erzählte mir die Weissenseer Sparkassenangestellte Ramona: „Mit den Investmentfonds, von denen es hunderte gibt, war es folgendermaßen: Wenn man einmal begriffen hatte, wie die aufgebaut sind und funktionieren, dann hat jeder von uns seine drei oder vier Favoriten im Dauerangebot gehabt, wobei man jedem Kunden das Selbe erzählt hat. Man muß sich das so vorstellen, dass jeder Banker drei Platten im Kopf gehabt hat – über Giro- bzw. Sparkonten sowie über Kredite und Investmentfonds, die er täglich mehrmals abgespult hat.“

Gegen das Verschwinden der Kunden durchs „Home-Banking“ entwickelte die Sparkassen-Führung „ein tolles Rezept: Die Angestellten bekamen Computerlisten aus der Zentrale mit den Daten von hunderten von Kunden – denen sie dann in der einen Woche telefonisch z.B. Bausparverträge verkaufen sollten. In der nächsten Woche war es ein anderes, angeblich wieder besonders auf die jeweiligen Kunden zugeschnittenes Produkt – z.B. Lebensversicherungen. „Mir war das peinlich und unangenehm, diese armen Menschen noch nach Feierabend zu Hause zu belästigen. Deswegen habe ich irgendwann die Listen einfach so ausgefüllt: ‚Kunde will nicht‘ oder ‚Kunde hat schon‘. Irgendwann hatte ich aber so gut wie gar keine realen Kunden mehr – und hatte nichts zu tun.“

Die Hausierer/Firmenvertreter/Handelsreisenden nennen sich heute meist „Call-Center“. Sie haben sich in den USA nicht selten in Gefängnissen etabliert, wo sie Inhaftierte für sich arbeiten lassen. Diese bekommen natürlich kein Erfolgshonorar wie die Call-Center-Mitarbeiter draußen – im Freien. Nur noch wenige Firmen trauen sich hierzulande „Face-to-Face-Geschäfte“, in Fußgängerzonen z.B., zu – meist sind es dort junge Studenten, die dafür bezahlt werden, für Tier- und Kinderschützer oder Amnesty International Spendenabos zu acquirieren. Darunter befanden sich lange Zeit auch die Drückenkolonnen des „Klenke-Firmengeflechts“, in denen flotte Mädels den Jungs und nette Jungs den Mädchen auf der Straße Video-Abos aufschwatzen, aus denen man nicht so schnell wieder rauskam.

Ich erinnere mich außerdem, dass sich nach der Wende in der Oranienstrasse eine Truppe mit VW-Bus einmietete, die von einer wuchtigen Blondine angeführt wurde. Sie schwärmten jeden Morgen als Vertreter mir unbekannter Firmen ins Umland – in die Dörfer und Kleinstädte – aus und nannten sich später „Dialog direct“. Heute wirbt auf den Kneipentoiletten eine Werbefirma namens „Ambient Media“ um neue Mitarbeiter – mit dem Spruch: „Kohle fürs Quatschen (M/W)“.

Als ich eine Zeitlang in Mitte wohnte, gab es unter mir in der Wohnung auch so eine Hausierer-Gruppe, die mit zwei VW-Bussen morgens auf Tour ging, ebenfalls von einer strengen Frau angeführt. Die Firma gehörte einem Bordellbesitzer, dessen Büro sich im Erdgeschoß befand, u.a. besaß er einen Swingerclub in Karlshorst, der mit dem Spruch warb „Wir haben Verständnis für Toleranz“. Das erfuhr ich aber erst später. Erst einmal setzte man mich um in eine andere Wohnung eine Straße weiter – wegen Heizungsumbauarbeiten. Weil auch mein Briefkasten mit umzog, wußte der Postbote plötzlich nicht mehr, wohin mit meinen Briefen. Er legte sie auf die verblieben Kästen. Dort fand ein Mitarbeiter der Bordellverwaltung einen Brief, in dem ein Verrechnungsscheck der VG Wort über 860 D-Mark steckte. Den ließ sein Chef durch ihn einlösen.

Die VG Wort schickte mir dann zum Glück einen neuen Scheck und bekam gleichzeitig von der Deutschen Bank mitgeteilt, wer den ersten eingelöst hatte, worauf sie ihn verklagte. Ich bekam dann heraus, dass dessen Haus in Lichtenberg inzwischen seinem Chef gehörte, der es als Herberge für tschechische Bauarbeiter nutzte, ferner dass seine Frau mit Krebs im Sterben lag und dass seine alte Mutter in Hellersdorf für ihn die Post erledigte, denn er befand sich in Spanien, wo er am Bau der Villa seines Chefs arbeitete. Er erschien dann ohne seinen Chef vor Gericht, dafür mit einer sehr mondänen russischen Prostituierte und ihrem kleinen Sohn. Ich trug dem Richter meine Version vor. Der Angeklagte versicherte danach dem Gericht, dass ich mit dem Scheck eine Frau im Bordell „Apollo“ bezahlt hätte (dabei drehte er sich zur Besucherbank um) und er, als er die Tageseinnahmen zur Bank brachte, sich nichts dabei gedacht habe, denn das Bezahlen mit Verrechnungsschecks käme oft vor. Diese Version überzeugte den jungen Richter und den ebenso jungen Staatsanwalt derart, dass sie ihn sogleich freisprachen. Mich bedachten sie dafür mit Blicken, die extreme Mißbilligung ausdrückten: War ich doch nicht nur zu feige gewesen, meinen teuren Bordellbesuch zuzugeben, sondern hatte auch noch schändlicherweise alles mögliche getan (was ich ja selbst lang und breit ausgeführt hatte), um den Scheck wieder zu bekommen, wobei ich auch noch eine Frau um ihren redlich verdienten Liebeslohn gebracht hatte. Ein umgedrehter Beischlaf-Diebstahl quasi. Eigentlich gehörte ich angeklagt, und nicht der Hiwi des Bordellbesitzers, der nicht mal was von dem Scheck hatte – aber so war eben die Welt: ungerecht, trotz unseres schönen Rechtsstaates.

Zuletzt erwischte mich an der Raststätte Michendorf ein italienischer Textilvertreter, der mir für 100 Euro eine Plastikjacke als Lederjacke verkaufte. Bei diesem betrügerischen Handelsreisenden handelte es sich um einen Angehörigen der berühmten „Magliari“, wie ich erst kürzlich erfuhr und in der Jungen Welt berichtete. Dieses „Netzwerk“ hat nach der Wende vor allem den Osten heimgesucht. Gleichzeitig versuchten US-Kosmetikkonzerne und Global Player wie „Tupperware“, „Amway“ und ähnliche mit Werbeveranstaltungen massenhaft ostdeutsche Vertreterinnen zu gewinnen. Inzwischen gibt es etliche Firmen, die einem helfen, solche „Verkaufspartys“ unter Gleichgesinntinnen zu organisieren – für Billigschmuck und Edeldessous u.a.. Die Firma „Strukturvertrieb“ versichert auf youtube, dass die Konsumpartys derzeit „boomen“. Zudem gibt es immer mehr TV-Sender, die nichts Anderes als warenzentrierte Geselligkeiten inszenieren – und das über Stunden, Tage, Jahre.

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Schweinesysteme

Mit dem Schweinesystem wurde in der Studentenbewegung der Kapitalismus im Allgemeinen abgetan, im Besonderen die Klassenjustiz, die Schule, die Psychiatrie, das Militär. Als die Polizei immer militanter gegen die amerikanische Studenten- und Schwarzenbewegung vorging, hieß es: „Pig is Pig und Pig muß put!“ Da spielte auch noch das auf der „Farm der Tiere“ von George Orwell herrschende Schweinesystem mit hinein. Aber auch der Vorschlag des ehemaligen US-Präsidenten Harry S. Truman: „Präsident sollte nur jemand werden, der auch Schweine versteht!“

Im NGO- und Öko-Projektdenken hat das „Schweinesystem“ eine ganz andere Bedeutung: Der Veterinär und „foodwatch“-Mitarbeiter Matthias Wolfschmidt will damit in seinem gleichnamigen Buch erklären „Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden“. Auch als der Wiener Kulturwissenschaftler Thomas Macho auf Schloß Neuhardenberg eine Ausstellung über die „Armen Schweine“ kuratierte, in der u.a. Bauzeichnungen von den in Brandenburg geplanten riesigen neuen Schweinemastanlagen gezeigt wurden, war in der Presse von einem „Schweinesystem“ die Rede. Weil dies mit seinen darin gequälten Tieren immer wieder von aufgebrachten Tierschützern dokumentiert und „ins Netz gestellt“ wird, gehen jetzt „CDU und FDP in Niedersachsen und auf Bundesebene gegen Tierrechtsorganisationen wie Peta oder Animal Rights Watch vor, die regelmäßig in Ställe einbrechen und Bilder veröffentlichen. Dafür sollen sie Steuervorteile verlieren, schlägt die FDP vor. Die CDU will solche Einbrüche härter bestrafen,“ schreibt die Hannoversche Allgemeine. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) kritisierte die Arbeit der Tierschützer: „Wir brauchen keine selbst ernannte Stallpolizei, die die Einhaltung des Tierschutzes kontrolliert“, sagte sie der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Es sei Aufgabe des Staates, Landwirte zu belangen, die ihre Tiere schlecht halten.“ Was aber, wenn deren agrarindustrielles Schweinesystem einer der Pfeiler des marktwirtschaftlich-demokratischen Schweinesystems ist? Sozusagen systemübergreifend…

Es gründen sich immer mehr Bürgerinitiativen gegen den Bau riesiger Schweinemastanlagen, Die BI „Uns stinkts schon lange“ in Reichenow (Amt Barnim-Oderbruch), wo der Linghorst-Konzern eine solche Anlage plante, hat die Parole „Free the Pigs!“ Ähnlich die BI gegen den Bau einer Schweinemastanlage in Hassleben (Uckermark). Es ging dort um die Wiederbelebung einer Mastanlage für 140.000 Schweine, die nach der Wende aus Umwelt- und Tierschutzgründen abgewickelt wurde. Jetzt war es jedoch kein sozialistischer Fleischversorgungsplan mehr, sondern ein holländischer Unternehmer, Harry van Gennipp, der dort „investieren“ wollte. Er besitzt bereits eine für 65.000 Schweine ausgelegte Anlage im altmärkischen Sandbeiendorf. In Haßleben plante er 1994 eine für 85.000 Schweine. Einige Haßlebener und Leute aus der Umgebung gründeten daraufhin eine BI gegen diesen „Wahnsinn“.

Unterstützung bekamen sie vom Bündnis für eine ökologische Agrarwende „Wir haben es satt!“, vom Naturschutzbund, von Tierschutz-Organisationen, vom Arbeitskreis bäuerliche Landwirtschaft, von Agrar-Instituten, Vegetarierverbänden und den brandenburgischen Grünen. Gemeinsam erreichten sie bereits einen verkleinerten Antrag. Auf der anderen Seite war man aber auch nicht untätig: Der holländische Investor holte sich u.a. Helmut Rehhahn als Berater, einst SPD-Landwirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt und davor Leiter einer Bullenprüfstation in der DDR. „10 000 Mastschweine. Alles andere ist Spielerei,“ erklärte er dem Spiegel. „‘Haßleben wird noch moderner. Haßleben,‘ sagte er, ‚das kommt. Das kriegen wir hin‘.“ Ein anderer Schweinemäster verriet der Presse, warum es ihn und andere „Holländer“ nach Osten zieht: „In Holland wirst du als Schweinezüchter ständig wie ein Krimineller behandelt. Das ist in Ostdeutschland anders. Hier kannst du noch Unternehmer sein. Umweltkosten spielen keine Rolle.“ Van Gennipp fand vor Ort – in Haßleben – Unterstützung beim langzeitarbeitslosen Teil der Bevölkerung, der sich von seinem gigantischen Schweineprojekt ganz viele „Arbeitsplätze“ versprach und dazu eine Bürgerinitiative für ihn gründete. Daraufhin standen sich eine Pro- und eine Kontra-Schweinemast-BI in Haßleben gegenüber – und hassten sich. Obwohl in Deutschland nicht die „Schweinezüchter“ die Kriminellen sind, sondern die „Tierschützer“, begriff das Potsdamer Verwaltungsgericht 2017 die geplante Anlage ebenfalls als „Wahnsinn“ und verbot den Bau der Schweinemast in Haßleben.

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Orte-Finder

Bei dem Wort „Location Scout“ dachte ich zuerst, das wäre die neue Bezeichnung für einen Lokalreporter. Eingedenk des um 1900 entstehenden Reporterberufs und seiner Methode des „Nosing Around“, weswegen man ihn auch, zusammen mit den damals ebenfalls neuen Privatdetektiven, als „Schnüffler“ bezeichnete.

Dann die späteren „Situationisten“, die davon ausgingen, dass es Orte gibt, an denen sich die sozialen Gewitter zusammenbrauen, es käme darauf an, sie zu finden.

Auch fiel mir ein, dass die gewieftesten Westberliner „Bauherren“ schon kurz nach der Wende zwei Offiziere der Staatssicherheit angestellt hatten. Sie sollten, ausgerüstet mit einem Mercedes und den ersten, noch koffergroßen Handys, lukrative Objekte im Osten an Land ziehen. Das gelang ihnen u.a. in Frankfurt /Oder. Man nannte die beiden „Immobilien-Scouts“. Jetzt heißt eine Internet-Dienstleister-GmbH so, die mit dem Slogan „Kaufen Mieten Inserieren“ wirbt.

Auf so was kam ich, als ich mir den Amerikanismus mit „Standort-Pfadfinder“ übersetzte, dann erfuhr ich jedoch aus einer Pressemeldung, dass der „Location Scout“ etwas ganz anderes ist – eher das Gegenteil: Er sorgt mit seinem geschulten Auge in gewisser Weise dafür, dass bestimmte Gebäudeensemble nicht wegsaniert oder -gentrifiziert werden. Dafür muß er sie erst einmal alle kennen – in der Filmfilmstadt Berlin z.B.. Wenn dann ein Regisseur kommt und, sagen wir, „urbane Atmosphäre“ braucht für sein „Projekt“, dann ist er gut beraten, einen Location Scout zu fragen. Und der sagt ihm dann z.B.: „Als Schlußszene würde ich unbedingt den Görlitzer Bahnhof bei Nacht mit einer hell erleuchteten U-Bahn oben nehmen.“ Bisher hat noch jeder Berlinfilmemacher sich an diesen Rat gehalten.
Einer der besten Location Scouts ist leider verstorben: der Weddinger Klavierstimmer Oskar Huth. Während der Nazizeit hatte er mit selbstgefälschten Lebensmittelmarken über 100 Juden geholfen, die über Berlin verteilt versteckt worden waren. Er war die ganze Zeit zu Fuß unterwegs. Nach dem Krieg war er weiter in Westberlin zu Fuß unterwegs. Er hatte die Angewohnheit, in jeden Hinterhof reinzugucken. Ein Malerfreund veröffentlichte 2001 einen „Überlebenslauf“ von ihm.

In der Pressemeldung erfuhr ich nun, wie es weiter geht mit den Standort-Findern: „Location scouts gehören zu den Medienschaffenden, die viel zu selten vorkommen. Umso besser, dass es jetzt nach erfolgreicher Selbstorganisation erste Ansätze zu einer geregelten Ausbildung gibt. Das mag euch individuell interessieren oder KollegInnen außerhalb. Locationscouts werden oft für ihren Job bewundert. Unterwegs auf der Suche nach Drehorten, das klingt aufregend. Und jeden Tag was anderes. Aber wie wird man eigentlich Locationscout? Jetzt gibt es zum ersten Mal eine FORTBILDUNG ZUM LOCATIONSCOUT.“

Diese Rundmail hat der „Bundesverband Locationscouts“ verschickt. Die Ortskunde ist also im „Medienzeitalter“ zu einem Beruf geworden, womöglich mit Diplom. Der postmoderne Location Scout muß aber noch mehr als interessante Orte kennen, die den Filmemachern ins Konzept passen. Er muß dazu auch die Preise für eine Drehgenehmigung kennen. Ich erinnere mich, dass Andreas Goldstein für eine Szene seines Films „Detektive“ einen DDR-Sitzungssaal brauchte – für fünf Stunden etwa. In der Gedenkstätte Normannenstrasse verlangten sie dafür 2000 Euro, er nahm dann einen billigeren DDR-Raum im Standesamt Mitte für 500 Euro. In New York, so sagte man mir, würden die Behörden auch für das Filmen auf einer Straße Nutzungshonorar verlangen. Hier reicht es noch, wenn man die Anwohner drumherum vorab informiert. Aber was weiß ich darüber? Diese Branche ist mir suspekt – die reinste Okulartyrannis.

Bei der 1.Mai-Randale in Kreuzberg sah ich einen Fotografen, der zwei Araberjungs 20 Euro gab: Sie sollten so tun, als würden sie sich mit Steinen eindecken. Bei einer anderen 1.Mai-Randale sah ich am Kottbuser Tor, wie Autonome einen Müllcontainer auf die Straße schoben und anzündeten. Ein Trupp Polizisten stand keine 10 Meter entfernt, machte aber gerade Pause, danach rief einer einen Kollegen an, der mit einem Feuerlöscher kam und den Brand löschte. Spät Nachts sah ich diese Szene bereits als Foto auf „spiegel.de“: Es sah aus wie eine Bürgerkriegsszene aus Beirut. Der Fotograf hatte den Vorder- und den Hintergrund unscharf gestellt und vielleicht noch ein bißchen mehr Farbe drauf gegeben. Aber dafür kann der Location Scout natürlich nichts, er sorgt bloß dafür, dass die letzten maroden Straßenzüge und Ecken so begehrt bei Filmern werden, dass man sie (wie in Wittenberge und anderswo) quasi unter Dreh-Denkmalschutz stellt – und damit wirbt.

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Stockholm-Syndrom

Das Stockholm-Syndrom ist laut Wikipedia „ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und kooperiert.“ Der Begriff rührt von einem Banküberfall in Stockholm 1973 her: „Dabei zeigte sich, dass die Geiseln eine größere Angst vor der Polizei als vor ihren Geiselnehmern entwickelten. Sie empfanden auch nach Beendigung der Geiselnahme keinen Hass auf die Geiselnehmer.“

Man könnte hierbei ebensogut von einem „Patty-Hearst-Syndrom“ sprechen. Die hippieske Enkeltochter des US-Medienmoguls William Randolph Hearst („Citizen Cane“) wurde 1974 mit ihrer spektakulären Entführung durch die linksradikale „Symbionese Liberation Front“ (SLA) bekannt, die der US-Symbioseforschung den entscheidenden Schub gab. Die SLA verlangte von der Hearst-Familie, um Patty frei zu bekommen, solle sie für 70 Mio Dollar Lebensmittel in den Armenvierteln von San Francisco, Oakland und Berkeley verteilen.

Die Millionenerbin Patty Hearst schloss sich als Geisel den Entführern an und nannte sich fortan „Tanja“(nach Tamara Bunke); mit einem Schellfeuergewehr beteiligte sie sich an Überfällen. 1975, nach fast zwei Jahrenals „Terroristin“ wurde Patty verhaftet und zu 35 Jahren Haft verurteilt, unter Präsident Carter jedoch amnestiert. Nach ihrer Rückkehr in den Schoß der Familie heiratete sie ihren Leibwächter. Sie hat zwei Töchter: eine, Lydia, machte eine Karriere als „Supermodel“ u.a. für „Puma“. Ihre Mutter veröffentlichte 1988 mitHilfe von Ghostwritern „Her own story“ und spielte im John-Waters-Film „Serial Mom“ mit.

Der Name „Stockholm-Syndrom“ hat sich jedoch durchgesetzt. Abgesehen davon, dass die damit gemeinte „Identifikation mit dem Agressor“ selbst in relativ gefahrlosen Firmen, Behörden und militärähnlichen Verbänden vorherrscht, gibt es noch eine weitere wirtschaftskritische Bedeutung dafür: In dem gerade erschienenen antiheideggerschen Buch „Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte“ des Wiener Künstler/Philosophen Fahim Amir. In seiner mit Marx ausholenden Analyse des Bio- und Öko-Konsums heißt es: „Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, als Konsument-innen adressiert zu werden, dass wir uns auch selbst primär als solche betrachten. Konsequenterweise wird selbst der Wunsch nach politischer Veränderung nach dem Modell des Konsums in den Blick genommen. Der Sieg marktförmigen Bewußtseins könnte nicht vollständiger sein: Die praktische Kritik an sogenannten Auswüchsen des Kapitalismus äußert sich im Kauf kapitalistischer Produkte.“

Das Kapital selbst spricht von „Konsumentenmacht“ und „Abstimmungen an der Supermarktkasse“. Amir zufolge werden wir in der „neoliberalen Ideologie des korrekten Konsums“ alle zu „schwedischen Dr. Seltsams, die längst begonnen haben, die Bombe zu lieben.“ Schwedisch deshalb, weil es dort am Strengsten ökologisch zugeht – bei gleichzeitigem Abbau des Sozialstaats. Wobei die „Logik des korrekten Konsums, ob es nun um faire Bananen oder Bioprodukte geht, noch zynischer“ ist, denn dabei gilt, „dass ökonomisch Bessersituierte den Verdammten dieser Erde potenziell auch moralisch überlegen sind.“ Das macht die „Ausgebeuteten und Marginalisierten“ mitschuldig an der „Ausbeutung und Marginalisierung aller anderen“: Eure Armut kotzt mich an! Dies verstärkt sich durch die zunehmende Individualisierung. Was tust du selbst gegen dieses oder für jenes? – muß sich jeder fragen. So wurde z.B. in einer US-Talkshow ein bekannter Umweltaktivist als erstes gefragt „Was tun Sie persönlich gegen die Umweltzerstörung?“ Das machte ihn sprachlos. Die „planetarische Buchhalterlogik des Ökokapitalismus“ verlangt, „dass wir ständig alles auf ressourcenschonende und nachhaltige Effizienz hin evaluieren, um irgendwo irgendetwas zu sparen oder zu kaufen. Am Besten beides, zum Beispiel Tesla-Autos.“

Am Veganer-/Vegetariertum sieht Fahim Amir auch etwas Positives: den „Bruch“ mit der allgemeinen Konsumweise, wobei es nicht darum geht, „gegen Grausamkeit zu sein oder Leid zu minimieren oder der Gesundheit etwas Gutes zu tun, indem man zu einer natürlicheren Art des Essens zurückgeht.“ Es geht vielmehr um eine „Lustweise, die so gestaltet ist, dass sie die Lustweisen von Schweinen, Kühen oder Schafen erhält und steigert,“ schreibt der Wiener Tierwiderstandsforscher – und beruft sich auf den amerikanischen Öko-Philosophen Timothy Morton.

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Träger und Getragene

Die Träger haben sich mit dem Online-Shopping enorm vermehrt. Aber das Tragen von Reichen ist gänzlich aus der Mode gekommen

Der Deutschlandfunk berichtet über den Autor Essad Bey aus Baku: „In dieser orientalischen Multikulti-Welt wuchs der jüdische Millionärssohn Lev Nussimbaum auf: extrem behütet, weil er als Kind zuhause nicht einmal allein die Treppe hochsteigen durfte, sondern von einem Eunuchen getragen wurde.“

Kürzlich erschienen zwei Bücher, die sich mit den Trägern in verschiedenen Ländern, vornehmlich in Afrika, befaßten. Sie hatten die Ausrüstung der Weißen zu tragen, die sie nicht selten auch noch tragen mußten. Daneben wurden oft zum Schutz der Expedition bewaffnete Einheimische rekrutiert.

Man kennt die Fotos aus der Kolonialzeit: Ein paar Weiße mit Tropenhelm und hinter ihnen eine lange Schlange mit Schwarzen, die ihnen technische Geräte, Bücher, Verpflegung, Zelte, Waffen, Munition, Negerplastiken, Elfenbein, Löwenfelle usw.. hinterhertragen. Es geht in den beiden Büchern um die Frage: Wer waren diese Einheimischen? Woher kamen sie? War das ein schrecklicher Job – Sklavendienst oder wurden sie halbwegs anständig bezahlt?

In den Akten der Kolonialverwaltungen und in den Memoiren der Entdecker und Kolonialisten tauchten sie meist nur numerisch auf: Man versuchte ihre Rolle bei dem „Projekt“ klein zu halten.

Das erste Buch „Im Schatten der Entdecker. Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender“ (2018) befaßt sich sozusagen mit der gehobenen Trägerschaft: den Dolmetschern und einheimischen Führern. Sie werden öfter namentlich in den Berichten der Weißen genannt, das macht die Recherche leichter als die nach den einfachen Trägern, die nicht selten den Strapazen unterwegs erlagen oder einfach „desertierten“. In Australien „griffen europäische Reisende oftmals zu Zwangsrekrutierungen von Aborigines-Führern, vor allem um diese Wasserstellen suchen zu lassen. Zu diesem Zweck legte man den Gekidnappten Fesseln an und gab ihnen so lange nichts zu trinken, bis sie die Expedition zum nächsten Wasserloch geführt hatten.“ Man kennt ein solches Verfahren aus dem Film „Die lustige Welt der Tiere“. Dort sind es Paviane, die afrikanische Jäger auf diese Weise zu ihren versteckten Wasserlöchern hinführen sollen. Auf der anderen Seite kam es bei den „indigenen Führern“ gelegentlich zum „Verrat“: „So wollte der indianische Führer des spanischen Konquistadors Coronado, den er in den Jahren 1540 bis 1542 zeitweilig durch den Südwesten Nordamerikas begleitete und der von den Spaniern wegen seines Aussehens ‚der Türke‘ genannt wurde, die europäischen Eindringlinge nach eigenem Bekunden in die Irre und ins Verderben führen. Zur Strafe wurde er dafür von den Spaniern stranguliert.“ Dies ist nur einer von mehreren „Verrats“-Fällen, die der Autor Volker Matthies erwähnt und die natürlich in den Augen der Indigenen Heldentaten waren.

Matthies arbeitete am „Deutschen Übersee-Institut“ in Hamburg und war Redakteur des „Jahrbuch Dritte Welt“, er hat immer wieder über Afrika geforscht. Sein neuestes Buch thematisiert jedoch Expeditionen in alle Teile der Welt und aus mehreren Jahrhunderten. Zwischen den einheimischen Führern bzw. Führerinnen und den Leitern der Expeditionen in die arktischen Regionen entwickelten sich anscheinend öfter freundschaftliche Verhältnisse.

Im zweiten Buch „Der Träger. Zu einer ‚tragenden‘ Figur der Kolonialgeschichte“ (2018), herausgegeben von Sonja Malzner und Anne Peiter, kommen neben etlichen europäischen Doktoranten auch einige afrikanische Wissenschaftler zu Wort. Um nach den Expeditionen dauerhaft das Transportproblem in den Kolonien zu lösen, kam es zu einer „Organisation des Trägerwesens“, erst bei den Deutschen und dann auch bei den Franzosen. Für einige afrikanische Stämme war der „Trägerdienst“ entwürdigend, zumal die dafür Rekrutierten nicht selten die Kolonialbeamte und Kleriker „auf Rücken, Köpfen oder Schultern“ durch ihr Land tragen mußten. „Für viele Beobachter dieser Gesellschaften stellt das Trägerwesen eine der wichtigsten Geißeln der westlichen Kolonialisierung dar.“ Zumal bei den „Trägerdiensten jede Mißachtung der Vorgaben mit Strafen und Sanktionen belegt wurde.“ Es gab jedoch Unterschiede: Während die Kotoko, die selber einst Leute aus den Kirdi-Völkern zu Knechten herabgewürdigt hatten, keine Trägerdienste ertragen konnten, gab es andererseits auch schon vor Ankunft der Weißen Volksgruppen, die traditionell Trägerdienste, z.B. für Karawanenführer, erledigten oder als „Postläufer“ und „Ochsentreiber“ ihren Lebensunterhalt verdienten. Zum Entladen der Schiffe in Deutsch-Südwestafrika beschäftigten die Kapitäne meist Männer der Kru aus Liberia.
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Land der Verschwörer

„Geschäftsleute des gleichen Gewerbes kommen selten zusammen, ohne dass das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet,“ meinte der Begründer der Nationalökonomie Adam Smith. Die Kapitalmedien bestehen darauf, dass die „Verschwörungstheoretiker“ heute nicht in den Unternehmer-Clubs sondern in den „sozialen Medien“ ihr Unwesen treiben – nur dass dies nicht gegen, sondern für die „Öffentlichkeit“ bestimmt ist – und sich nicht eigennützig auf eine Branche bezieht, sondern quasi auf den Weltenlauf. Diesen Verschwörern gebricht es allerdings an konkretem Wissen und sozialer Phantasie, nicht zuletzt aus Mangel an Zeit und gründlichem Denken.

Beispiel: Die Meinung des stellvertretenden FDP-Vorsitzenden: „Merkel ist schuld an den Chemnitzer Ausschreitungen“. Das mag stimmen, aber es fehlen da zwischen den „Krawallen“ und der „Bundeskanzlerin“ viele viele Ableitungen – logische Schritte. Der Foucault-Assistent Francois Ewald hat beizeiten darauf hingewiesen: „Es gibt immer zu viel Deutung und nie genug Fakten. Die Akte durch Deutung sind am Gefährlichsten für die Freiheit.“ Für den FDPler gibt es nur zwei Fakten, aber die hat er sofort gedeutet, d.h. 1 und 1 zusammengezählt – zu dumm.

Die US-Journalistin Joan Didion berichtete in ihrem Buch „Sentimentale Reisen“ (2016) von einem Prozeß in New York gegen sechs schwarze Jugendliche, die Nachts im Central Park eine joggende weiße Bankerin vergewaltigt und schwer verletzt hatten: „Es war ein bürokratisches oder gedankenloses Standardverfahren, das nicht nur bei vielen Schwarzen Angst und Wut und den Argwohn, eine Verschwörung sei im Gang, verstärkte.“ Selbst die Geschworenen im Gerichtssaal waren mißtrauisch, weil sich die Aussage eines der geständigen Angeklagten und das „Szenario der Anklagevertretung“ nicht deckten. Die New Yorker Politiker und die Presse deuteten den Fall stracks hoch ins Allgemeine: „Keiner von uns ist sicher!“ Es gilt, „einen Strich zu ziehen“ und „Nein zum Verbrechen“ zu sagen – und gleichzeitig „die bedrohliche Trennung von Reich und Arm, Weiße und Schwarze“ zu verhindern – durch Mäßigung. Zumal „die Anzahl der weißen Mordopfer“ doch stetig zurückgegangen sei. Desungeachtet wollte der Gouverneur 5000 Polizeibeamte mehr einstellen und der Bürgermeister 6500, um „dem Verbrechen den Krieg zu erklären“. Die „Daily News“ meinte: „Es geht um mehr als um die Vergewaltigung und Mißhandlung einer einzelnen Frau. Es geht um die Vergewaltigung und Mißhandlung einer Stadt. Die Joggerin ist ein Symbol all dessen, was hier schiefläuft.“ Weiße New Yorker stellten „Bürgerwehren“ auf, eine übergoß einen alten Lieferwagen mit drei Obdachlosen darin mit Benzin und zündete ihn an.

Auf der anderen Seite sagte eine schwarze Frau, die mit anderen täglich vor dem Gericht demonstrierte: „Weißes Volk, das sind alles Teufel, sogar die, die noch nicht geboren sind.“ Für die schwarze „Amsterdam News“ waren die Angeklagten trotz Geständnis Opfer eines „politischen Verfahrens“, einer „legalen Lynchjustiz“. Laut Joan Didion wurde „die Joggerin vom Central Park immer mehr zu einer Art Poesie“, ein Gutteil dessen, „was in der Presse und in den Gängen des Gerichts geäußert wurde, schien sich ausschließlich aus dem Verschwörungsverdacht herzuleiten“. In einem Buch eines schwarzen Bildungsberaters aus Chicago hieß es: „Die Verschwörung, schwarze Jugendliche zu zerstören, ist sehr komplex und verschlungen.“ Dazu gehöre u.a. die „Verbreitung von Drogen und Bandenkriminalität“.

Einige Schwarze waren davon überzeugt, dass das Opfer sich im Park mit einem Drogendealer treffen wollte, andere, dass die Joggerin im Park an einem Satanskult teilnehmen wollte. Wieder andere meinten, die Fotos von ihrem zerschundenen Körper seien gefälscht bzw. man habe „für die Aufnahmen irgendeine Leiche besorgt“. Es wurden Flugblätter verteilt, in denen die Regierung angeklagt wurde, die Schwarzen auszurotten, indem sie deren Wohngegenden mit Drogen überschwemmt: „Noch mehr Geheimnisse, noch mehr Poesie,“ so Didion. Aber diese erinnerten doch an eine Geschichte von Allen Ginsberg: Der „New York Times“-Herausgeber Arthur Sulzberger hatte 1968 den Beat-Poeten um einen freimütigen Text für die Seite 1 gebeten. Ginsberg schrieb dann, dass in den Hippie-Quartieren plötzlich die Haschisch- und LSD-Verkäufer durch Heroin-Dealer ersetzt wurden. Und dies sei auf Anweisung des Staates und seiner bewaffneten Organe geschehen. Sulzberger war über Ginsbergs Artikel so entsetzt, dass er entgegen aller Gepflogenheiten der Branche, auf der selben Seite in einem Kommentar dazu Stellung nahm. In diesem meinte er, die Regierung gegen Ginsbergs infame Unterstellung in Schutz nehmen zu müssen. Zehn Jahre später gestand er jedoch – ebenfalls auf Seite eins, dass Ginsburg wohl doch Recht gehabt hatte. Das wird irgendwann auch beim Lieblingsbeispiel der bürgerlichen Verächter von Verschwörungstheorien – der Zerstörung des World Trade Centers durch Organe der US-Regierung – der Fall sein.

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Der Hipster-Hype

Der Westberliner Bordellbetreiber Aurel Johannes Marx hat nach der Betreiberin des Bordells „Pssst“, Felicitas Schirow, erneut ein Bordell neuen Typs eröffnet: einen „Hipster-Puff“ mit modernen Möbeln und einem von seiner Firma kreierten „Puff-App“: Damit könne man „genau die Daten sammeln, die wertvoll sind: Belegungen, saisonale Trends, Umsatzwahrscheinlichkeiten.“ Zudem könne man die „seit 2018 zum Schutz der Huren vom Gesetzgeber vorgeschriebenen und tagesaktuellen Abrechnungen in Bordellen per Knopfdruck erstellen,“ erklärte Marx der Presse.

Das gescheiterte „Pssst“-Modell war allerdings noch moderner: ein Café mit Bar und vielen teuren Damen, wo der Kaffe aber nur 1 Euro 50 kostete. Die interessierten Männer kamen von weither, tranken jedoch meist nur Kaffee und staunten. Das „Pssst“ zog noch die alte Generation Freier an, die sich schämte und deswegen die offene Café-Atmosphäre schätzte. Der Bartträger Marx hat nun eine ganz neue Freier-Klientel entdeckt: Hipster. „Die sind jung, haben Geld und sie zahlen ohne zu murren für Sex.“

Marx sieht sie schon vor sich, wie sie in Massen seinen Hipster-Puff stürmen. Von denen hat nämlich, so schätzt er, „keiner Bock auf schlechte Dialoge und schalen Prosecco – das haben wir doch schon im echten Leben… Sauber soll es sein, hygienisch, zackig und ohne Verhandlungsmarathon wie auf dem Gemüsebasar. Und vor allem die sichere Option, nix mit Drinks ausgeben im Club oder Herumwischen auf Tinder, sondern einfach kurz und geil einen weggesteckt und ab zurück ins Nachtleben.“

Zack! Zack: Sind das nicht eher die „Easyjetter“ zu den Clubs am Wochenende als die hiesigen Hipster? Aber was sind Hipster überhaupt? Das Internet meint: Es handelt sich im großen Ganzen um die „Bachelor-Generation“, mindestens um angehende „Künstler“ oder „Kreative“. Ihr Symbol, als Tattoo oder auf dem T-Shirt, ist ein schwarzes Dreieck, wie es KZ-Häftlinge als Kennzeichen tragen mußten, nur umgekehrt. Ihre Kleidung gibt es, da bereits „Mainstream“, auch bei „H & M“ zu kaufen.

Der Hipster kommt natürlich aus Amerika, wo er angeblich die Beatniks und Hippies beerbte, er ist mit Baseballmütze und Laptop unterwegs, wurde mit dem Hollywood-Film „The Royal Tenenbaums“ weltweit gestreut und ist laut den deutschen Ko-Autoren des US-Readers „Hipster – eine transatlantische Diskussion“ mit der „digitalen Bohéme“ verwandt. In Berlin zählt sich die Autorengruppe „Zentrale Intelligenz Agentur“ dazu, die 2006 über ihr digitales Sein „jenseits einer Festanstellung“ das Buch „Wir nennen es Arbeit“ veröffentlichte.

Dem Buch „Hipster“ (2006) zufolge tauchten diese Menschen um 2000 herum plötzlich in New York auf. 2009 widmete die New Yorker Zeitschrift „n+1“ eine Tagung an der linken „New School“ die Frage: „Was sind eigentlich Hipster? Und wofür sind sie ein Symptom? Für eine Generation, die Geld verdienen und doch nicht erwachsen werden will? Ein durch und durch ironisches Zeitalter? Den postindustriellen Konsumkapitalismus?“ Die drei Autoren der deutschen Ausgabe „werfen“ darin laut Klappentext „zusätzlich einen deutschen Blick auf dieses transatlantische Phänomen.“

Im Ratgeber-Forum „giga.de“ heißt es über die „Hipster“, dass der Begriff „häufig spöttisch und abfällig benutzt wird.“ Und dass die Hipster hierzulande „besonders in Großstädten wie Berlin weit verbreitet sind“. Sie tragen „Lederschuhe und sind häufig mit einem Schnauzbart oder gar einem üppigen Bart anzutreffen. Auch die Nerdbrille mit übergroßen Gläsern ist bei vielen Hipster-Typen zu finden.“ Insgesamt bewege sich „ihr Kleidungsstil in der Nähe anderer Subkulturen, z.B. der Emo- oder Hardcore-Punk-Szene.“ (In der o.e. Intelligenz-Agentur trägt einer, Sascha Lobo, einen Irokesenschnitt.). Weiter heißt es, sie „distanzieren sich vom Mainstream-Geschehen und Politik“, trinken am Liebsten „Club-Mate“ und lieben „Online-Auftritte und soziale Medien“.

Abschließend wird jedoch auch erwähnt: „Wie bei jeder Subkultur sind natürlich auch unter den Hipstern viele Mitläufer anzutreffen, die dem Hipster-Trend blind folgen.“

„Subkultur?“ – das kann nicht sein: Ich sehe diese Schnösel doch überall – in Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Sie wirken fast wie geklont, dann las ich das Buch „Die Gesetze der Nachahmung“ des Soziologen Gabriel Tarde, in dem er den wahren Zusammenhang einer Gesellschaft auf den Begriff der „Nachahmung“ zurückführt – und dachte: Na gut, aber übertreiben diese Hipster das nicht?

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Neue Missionen

Nach der „Wiedervereinigung“ prahlte jedes dynamisch daherkommende Unternehmen mit einer „Firmen-Philosophie“, dann wurde daraus eine „-Vision“ und nun kriegen wir es gar mit „Firmen-Missionen“ zu tun. So wirbt z.B. der Bringedienst „Lieferheld“ mit dem Spruch „Dein Hunger ist unsere Mission“. Und ein Fischladen mit „Frische Fische ist unsere Mission in Pankow.“ Kürzlich erklärte mir bereits der erste Künstler seine „Mission“. Klar, dieses ganze Missionieren kommt aus Amerika, wo gerade „Mission Impossible Nr. 6“ produziert wurde – und nun weltweit die Kinogeher beglückt. Daneben gibt es dort possible „Mars-“, „Irak“- und „Afghanistan-Missions“, außerdem fast eine Milliarde (!) Internet-Einträge zu diesem Stichwort. Das ist nicht Nichts!

Die Tagesschau meldet: „EU ringt mit Italien um Mittelmeer-Mission“ – es geht um den „EU-Marineeinsatz“, d.h. um eine militärische Verhinderung der Landung von Afrikanern an europäischen Küsten. Schon im umgekehrten Fall – bei der Landung von Europäern an deren Küsten einst – hatten sich „Missionare“ der diversen christlichen Kirchen aufs Schändlichste hervorgetan – und tun es noch heute, allen voran die amerikanischen Missionare.

Mission kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie Entsendung, Auftrag – Dienstreise mithin. Die christlichen „Missionare“ fielen und fallen nämlich „im Auftrag Gottes“ über die armen Indigenen her. Die Berichte über die Schandtaten ihrer „Missionswerke“ füllen Bände. Auf die vielgestellte Frage im kirchlichen Internetforum „mission.de“: „Ist Mission nicht intolerant?“ heißt es dort verlogen: „Die meisten Religionen haben einen missionarischen Anspruch. Das heißt, ihre Anhänger wollen anderen von ihrem Glauben erzählen und/oder durch ihre Taten so glaubwürdig leben, dass sich andere für diesen Glauben interessieren. Ein solcher Austausch zwischen Menschen ist ebenso normal wie der Dialog über politische oder soziale Fragen.“ Verlogen deshalb, weil die meisten Religionen gerade keinen „missionarischen Anspruch“ haben und von „Dialog“ kann bei den christlichen Missionaren keine Rede sein, denn so gut wie alle wollen den Anderen ihren Glauben aufdrängen und ihn nicht in Frage stellen. Es sind „Submissions“: Unterwerfungen. Nur ganz wenige Missionare haben den Glauben der zu Bekehrenden übernommen – also aufgehört, Missionare zu sein. Für den brasilianischen Ethnologen Eduardo Viveiros de Castro ist dieser „Übertritt“ ein schwerwiegender Paradigmenwechsel: Im Westen ist ein „Subjekt“ – der herrschenden „naturalistischen Auffassung“ gemäß – „ein ungenügend analysiertes Objekt, während in der animistischen Kosmologie der amerikanischen Ureinwohner das Gegenteil der Fall ist: ein Objekt ist ein unvollständig interpretiertes Subjekt.“

Von den europäischen Christen missionieren in Afrika derzeit angeblich 20.700, in Asien 47.100, in Lateinamerika 58.400 und in Ozeanien 6000. Aus den USA kommen heute noch 127.000 Missionare, die meisten sind fundamentalistische Schlichtdenker. Das e.e. kirchliche Internetforum stellt sich der Frage „Wie eng war die Verbindung von Mission und Kolonialismus?“ Schon diese Frage ist verlogen, denn noch heute haben mindestens die amerikanischen Missionare engste Verbindung zum „Kolonialismus“ – verstanden als Zerstörung der indigenen Kulturen und Einbindung der „Primitiven“ in den Kapitalismus. Ihr Missionswerk beginnt in der Regel damit, dass sie – z.B. in Amazonien – einen kleinen Flugplatz anlegen und von da aus dann bei den Stämmen einen „Handel“ (mit Macheten, Jeans, Reis etc.) initiieren.

1974 berichtete der norwegische Forschungsreisende Thor Heyerdahl, der mit seiner Frau lange Zeit auf der Südseeinsel Fatu Hiva lebte, dass er ebenso wie alle Händler und Missionare davon überzeugt waren, dass sie zwar den Polynesiern auf den Inseln Gutes tun wollten, in Wahrheit ihnen jedoch schadeten, sowohl körperlich als auch ökonomisch und kulturell. Die Weißen waren wie die Pest für die Einheimischen.

2011 veröffentlichte die Ehefrau eines deutschen Missionars, Doris Kuegler, ein Buch über ihr Leben mit ihren drei Kindern bei den kriegerisch lebenden Fayu in West-Papua: „Dschungeljahre“. Sie erzählt darin, „was eine Mutter empfindet, die ihre Kinder inmitten eines ehemals kannibalischen Volksstammes im Dschungel großzieht. Und was es bedeutet, unter Steinzeit-Bedingungen zu leben. Fesselnd schildert sie auch, wie es den Kueglers gelang, den kriegerischen Fayu Begriffe wie Vergebung, Gnade und Liebe zu vermitteln.“ Daneben brachten sie denen auch bei, den personengebundenen Gabentausch und damit die Verpflichtung zur Reziprokation zu überwinden zugunsten eines Warentauschs, der durch das Postulat der Äquivalenz gekennzeichnet ist. Das Missionarsehepaar lehrte ihnen also den Wert des Geldes, das Wertgesetz, wozu es ihnen Mathematik und damit abstraktes Denken beibrachte, und die fast „steinzeitlich“ lebenden Fayu-Stämme zudem mit Eisenwerkzeug ausrüstete.

Auch ihre Tochter, Sabine Kuegler veröffentlichte ein Buch: „Dschungelkind“ (2006). Sie erlebte bei den Fayu eine sehr warmherzige, glückliche Kindheit und haderte dann mit den „kalten“ Lebensverhältnissen im Westen, weil sich ihr laufend Kulturvergleiche aufdrängten. Ihr Buch wurde ein Bestseller und verfilmt, auch zwei weitere Bücher verkauften sich gut. Dennoch wurde sie in dieser christlich-marktwirtschaftlichen Zivilisation alkoholabhängig und unglücklich. Dem „Westfalenblatt“ erklärte sie 2011: „Im Urwald herrsche der körperliche Krieg, in Europa aber gebe es den psychischen Krieg, und der sei schlimmer“.

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Die Mauer – Magnet für Millionen

Obwohl seit 1961 in einer Art ununterbrochener Luftbrücke Milliarden nach Westberlin gepumpt wurden, um die „Frontstadt“ attraktiver zu machen, bleibt die 162 km lange Mauer die größte Berliner Sehenswürdigkeit. Sechs Millionen Besucher kommen alljährlich – und hauptsächlich ihretwegen – nach Berlin (sie bleiben durchschnittlich 2,3 Tage in der Stadt). An Spitzentagen karren mehr als 50 Stadtrundfahrtsbusse kameraausgerüstete Mauertouristen an das Objekt ihrer Erinnerungsalben. Der Osten verdient daran nur über den Umweg der Transitpauschale. Trotzdem hat die DDR keine Kosten und Mühen gescheut, um seit 1961 „das beste Grenzsicherungssystem der Welt“ auch optisch ansprechender zu gestalten.

Das „Mauer–Museum“ am Checkpoint Charlie, in dem alle Fluchtutensilien und „Zwischenfälle“ (192 mit tödlichem Ausgang) exponiert werden, spricht mittlerweile von einer „Mauer der vierten Generation“: „Triumph der Technik und Ästhetik – die neuen Bauelemente aus Beton sind so konstruiert, daß sie sich fugenlos und stabilisierend ineinanderfügen.“ („Die Mauer spricht“, S.20) Die ca. 164.000 Betonplatten der vierten Generation wurden noch dicker (16 cm) und noch höher (4,10 m mit Rohrauflage) gestaltet.

Zur „Schandmauer“ (Adenauer) gehören aber auch die 210 Beobachtungstürme, 245 Bunker– und Schützenstellungen, 6.400 Peitschenlampen und 11.000 Sichtblenden sowie ein elektrisch geladener Stacheldrahtzaun – “mit dem die ganze Erde umspannt werden könnte“ („Es geschah an der Mauer“, S.25) und ein stets frisch geeggter „Todesstreifen“ (Axel Springer), auf dem sich Zigtausende von „vorbildhaften Kaninchen“ (K. Wagenbach) tummeln. Bei Wolkenlosigkeit kann man den „antiimperialistischen Schutzwall“ (W. Ulbricht) vom Mond aus sehen, berichten Astronauten. Für die Mauertouristen wurden vom Senat bisher nur 52 provisorische Aussichtsplattformen errichtet, einige umgeben von Imbiß– und Souvenirständen. Die am meisten bestiegene (mit Buswendestelle) steht am Potsdamer Platz, die berühmteste, der sogenannte „Kennedy–Podest“, am Grenzübergang Friedrichstraße/ Checkpoint Charlie.

Nicht zu zählen sind die unbekannten Graffiti– Künstler, die in Eigeninitiative aus dem Grenzwall die „größte Wandzeitung der Welt“ (Aufgstein) machten. Eine Publizistengruppe hat 1985 versucht, alle „Mauersprüche“ abzuschreiben. Sie resignierte bei 13.000. Berliner Rockgruppen lassen sich am liebsten mit der Mauer im Hintergrund fotografieren (“Doch die Mauer im Rücken ist kalt“ – David Bowie), auswärtige Politiker bevorzugen den Blick über die Mauer, Ost–West–Verhandler die Gesprächssituation davor. Das konservative Mauermuseum veranstaltete 1982 einen Kunstwettbewerb „Überwindung der Mauer durch Bemalung“, an dem sich u.a. Wolf Vostell beteiligte. 1986 wurde für den New Yorker Graffitikünstler Keith Haring extra die alte Graffiti überweißt – erstmals auf Westkosten. 1987 veranstaltete die progressive „Mythos Berlin GmbH“ einen Ideenwettbewerb „Zur behutsamen Überwindung der Mauer“. Den ersten Preis erhielt Werner Zellien – mit einem weiteren Stück Mauer (in Original– VEB–Maßen) auf der Rousseau– Insel im Tiergarten.

Nach seinem DAAD–Berlin–Stipendium schrieb der Brasilianer Ignacio Brandao einen „Öko–Mauerroman“, der in seinem Land zu einem Bestseller wurde. Auf fünf Prozent schätzt einer der am Grenzübergang Hamburger Bahnhof diensttuenden Beamten den Anteil der „Polit–Irren“ am jährlichen Mauertourismus–Aufkommen. Gemeint sind damit all diejenigen, die ihre privaten Macken und künstlerisch–intellektuellen Aussagen an bzw. mit der Berliner Mauer politisch aufladen. Das Spektrum reicht vom 80jährigen Amerikaner John Runnings, der an die Mauer pißt und die Rohrauflage mit einem Hammer bearbeitet, über den 26jährigen Göttinger Kain Karawahn, dessen Berliner Performance– Karriere mit einer „Feueraktion an der Mauer“ begann, und der Jungkünstlerin Ewa Partum, die sich vor der frischgeweißten Grenzanlage nackend auszog, bis zur Mun– Sekte und dem polnischen Aktionsmystiker Lodek (“Die Mauer hat die Kirche als Ort der Meditation ersetzt“), der mit dem Kopf gegen eine die Mauer schützende Polizeikette rannte. Derlei Proteste interessieren jedoch schon lange niemanden mehr. Wer die Mauer von Ost nach West überwindet, bekommt allerdings in der Berliner Presse nach wie vor Schlagzeilen, auch Haustiere, die sich „nach drüben“ verirrt haben. Darüber hinaus gibt es eine wachsende Zahl Lebensmüder in der Stadt, die mit ihrem Auto gegen die Mauer rasen – und so wenigstens ihren Tod spektakulär inszenieren. Wenn es die Mauer nicht gäbe, Berlin müßte sie erfinden. Für eine noch attraktivere Gestaltung ist der Vorschlag von Joseph Beuys nach wie vor unübertroffen: Erhöhung der Mauer um fünf Zentimeter – „aus ästhetischen Gründen“.

Diesen Text veröffentlichte ich im August 1987. Inzwischen wird allseits der vorschnelle Abriß der Mauer (sowie der zigtausend Plattenbauwohnen) bedauert, weswegen man nun den Wiederaufbau wenigstens auf einer kleinen Teilstrecke des ehemaligen Mauerverlaufs plant, nachdem man schon den kleinen Mauerabschnitt „East Side Galery“ unter Denkmalschutz gestellt hat. Überhaupt sind Mauern schwer im Kommen – weltweit quasi.

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Handtaschen

Ständig werden mir per mail besonders preisgünstige Handtaschen angeboten. Warum Handtaschen, warum mir? Es gab mal in Westdeutschland kurz den Versuch: Männer-Handtaschen. Nach einigen halbherzigen Anläufen, damit zu punkten, waren sie als Schwulen-Handtäschchen verschrien und verschwanden wieder aus dem Weichbild der Städte. Übrig blieben nur die Pfeifen-Täschchen, die so ähnlich aussahen.

Bei den Frauen-Handtaschen steigerte sich derweil das Interesse an diesem Gadget oder Requisit bis hin zu gefälschten Markentaschen samt Label – von Louis Vuitton zum Beispiel. Kürzlich wurde „die teuerste Handtasche der Welt“ für 244.000 Euro versteigert: ein zehn Jahre alter „Birkin Bag“. Sie war einst für die Schauspielerin und „Je t‘aime“-Sängerin „Jane Birkin“ kreiert worden.

Der Kölner Künstler Hans-Peter Feldmann hat eine Reihe von Frauen angesprochen und sie gebeten, ihm für 100 Euro ihre Handtasche zu überlassen, für eine Ausstellung. Es ging ihm dabei um den Inhalt, es war keine Modeausstellung, sondern eine ethnologische Alltagsforschung.

Die Journalistin Andrea Roedig hat sich in ihrem Buch „Über alles, was hakt“ (2013) mit der Handtaschen-Werbung der großen „Anbieter“ befaßt, die ihre Taschen „auf dramatische Weise inszenieren. In den unglaublichsten Szenarien der Flucht, des Aufbegehrens und der Verführung mutiert das liebste Accessoire der Dame wahlweise zum Spielgefährten einsamer weiblicher Ekstase, zum geheimnisvollen Schätzkästchen, zum Schutzschild oder zum Kampfinstrument. Zudem wird es immer größer.“

Wenn wieder einmal eine Rentnerin irgendwo einen jugendlichen Räuber mit ihrer Handtasche in die Flucht schlägt, kann sie sicher sein, dass die Hauptstadtpresse begeistert über sie berichtet. In den Prenzlauer Berg Kneipen war eine zeitlang Handtaschen-Diebstahl ein „Thema“. Die Wirte konterten mit Schildern, auf denen stand, dass nun jeder für seinen eigenen Scheiß verantwortlich sei. Das war die neue Zeit – im Prenzlauer Berg. Aber wenn ich das richtig sehe – im Straßenverkehr, dann geht es mit den Handtaschen trotzdem langsam zu Ende: Sie werden mehr und mehr von den „City-Bags“, Rucksäcken, abgelöst. Indem immer „edlere“ auf den Markt kommen, werden sie auch für Damen interessant. Für alle diese neuen „Büchsen der Pandora“ gilt jedoch Andrea Roedig zufolge: „Die riesige Beutelform, wie sie heute getragen wird, ging damals allenfalls als Strand- und Badetasche durch.“ Die Autorin hat herausgefunden, dass in den rebellischen Sechzigerjahren keine Handtaschen in den Modeinszenierungen auftauchen. Sie waren als spießig verpönt, ähnlich wie „Reizwäsche“. Mit der Jahrtausendwende bricht jedoch ein wahrer „Taschenhype“ aus. Er hat wahrscheinlich schon tausende von Krokodilen das Leben gekostet. Die „Handtaschen für Damen“ findet man nun auch im Internet.

Es gibt seltsamerweise mehrere Damenmoden, die eine ganze Tierart an den Rand des Aussterbens brachten: Leoparden, Robben, Nerze, Seeotter, Silberfüchse, rote Korallen, Paradiesvögel – um nur einige zu nennen.

Zu den „Bags“ gibt es „Bag Stories“, die deutsch-holländische „Colibri Research“-Gruppe hat einige ins Netz gestellt: „Was Handtaschen über Frauen verraten“. Sie und Kolleginnen auf der ganzen Welt von Shanghai bis Stockholm haben „mit Frauen über den Inhalt ihrer Handtaschen“ gesprochen. Stimmt gar nicht: Die (150) Frauen haben über ihre Handtaschen gesprochen, nicht über den Inhalt. Eine Frau in Shanghai meinte z.B.: „Frauen im mittleren Alter sind Qualität, Materialien und Marken wichtiger“ – als das sie in ihrer Handtasche ein „Symbol von Weiblichkeit“ sähen. Für eine Londonerin war die Handtasche jedoch vor allem „ein weibliches Statussymbol“.

Die von einem Modedesigner gegründete Firma „Joop“ versuchte es 2013 noch einmal mit einer Männer-Handtasche. Diesmal aber nicht eine verschämt kleine, sondern eine unverschämt große. Über die dazugehörige Werbung schreibt Andrea Roedig : „Von rechts tritt, offenbar eilig, ein Mann in weißem Anzug und Trenchcoat ins Bild. Seine große weichlederne Henkeltasche hält er nicht männlich seitlich wie eine Reisetasche, sondern halb schützend vor dem Körper. Er wird seine Tasche nicht loslassen.“

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Sinnliche Abstraktionen

Mein Freund Dondog Batjargal und ich gaben nach der Wende eine zeitlang eine deutsch-mongolische Zeitschrift heraus, darin berichteten wir u.a. über die mongolische Übersetzung des „Kapital“ von Karl Marx.

Der polnische Mongolist J.E. Kowalewski hat in seinem mongolisch-russisch-französischen Wörterbuch aus dem Jahr 1844 vier Sprachschichten unterschieden: 1. ein nomadisches „Grundgewebe von Wörtern“, die die Mongolen mit den benachbarten Tungusen und den Turkvölkern gemeinsam haben (im April 2004 stellte eine mongolisch-türkisches Archäologenteam in Ulaanbaatar einige Fundstücke aus dieser mongolischen „Turkperiode“ vor); 2. Indo-Tibetisches Gedankengut, das mit dem Buddhismus in die Mongolei gelangte; 3. Chinesische Terminologien, die im Zuge der Verwaltung des Landes unter der Mandschu-Dynastie übernommen wurden, sowie aus einigen chinesischen Werken, die philosophische und ethnische Themen behandeln; und 4. Begriffe, die auf den neueren europäischen Einfluß zurückgehen.

Letzterer wurde mit der Sowjetifizierung der Mongolei ab 1921 noch enorm forciert – um in den Achtziger- und Neunzigerjahren mehr und mehr von Internationalismen und Sprachelementen der globalisierten Konsum- und Medienkultur überlagert zu werden – was bis heute anhält.

Schon früh waren wie überall viele Worte direkt aus fremden Sprachen entlehnt worden: z.B. stammt das mongolische Wort für Gaststätte „guanz“ aus dem Chinesischen, ebenso wie das Wort für Fenster „tsonh“. Aus dem Russischen wurden neben dem sowjetischen Polit- und Wissenschaftsjargon u.a. die Worte für Kasse („kaas“), Freund („Kompaan“) und Eintrittskarte („bilet“) entlehnt, wobei letzteres zuvor aus dem Französischen ins Russische gelangt war. Umgekehrt waren – mit den Feldzügen Dschingis Khans und seiner Nachfolger – auch etliche mongolische Begriffe ins Russische transponiert worden: Geldschein, Kurierpost, Etiketten usw..

Im ersten Kapitel „Ware und Geld“ des „Kapitals“ Band 1 heißt es im Original – auf Seite 78: „Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“

Im Mongolischen lautet der Satz rückübersetzt: „Es ist nur die bestimmte gesellschaftliche Beziehung der Menschen, die sich ihnen in magischer Form so wiederspiegelt, als würden die Dinge miteinander kommunizieren.

Gesellschaftlich heißt „niigmiin“, die Gesellschaft ist „niigem“ – vom Infinitiv „niileh“: sich vereinen, das gilt ebenso für zwei Menschen, die heiraten, wie für Lämmer, die gegen den Willen der Hirten zu ihren Müttern laufen, um zu säugen. Beziehung heißt „hariltsaa“, vom Infinitiv „hariltsah“: miteinander sprechen/kommunizieren. Gleichzeitig heißt „hari“: fremdländisch/Ausland (und Fremdsprache: „hari hel“). In magischer Form ist „shidet helberteigeer“, von „id schid (+ ten)“ der Zauberer (im Märchen), und „helber“: die Gestalt, Figur („hel“ ist gleichzeitig auch das Wort für Zunge und Sprache). Dinge nennt man „ed yums“ (Plural), von „ed“: Sache, Material, Ding.

Bei Marx heißt es sodann vier Sätze weiter: „…Dies nenne ich den Feteschismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist“.

Rückübersetzt aus dem Mongolischen lautet der Satz: „Dies nenne ich Fetischismus, der sich mit den Arbeitsprodukten verklammert, indem sie zur Ware werden, er ist untrennbar mit der Warenproduktion verbunden“.

Für Feteschismus oder Fetischismus steht hier das schamanistische Wort „shüteh üzeh“ (Fetisch), vielleicht wäre „shüteh üzel“ (Fetischismus) besser gewesen oder auch „ongolon shüteh“ – von „ongod“ (Ekstase) und „shüteh“ (Glauben), davon abgeleitet ist das Wort „shüteen“ – Abgott (für die Kinder sind die Eltern immer „shüteen“, dies kann aber auch für einen Berg oder einen Fluß gelten). Die übersetzerische Unklarheit besteht bereits im Deutschen : Viele meinen, dass Marx mit dem „Feteschismus“ den Freudschen Begriff der sexuellen Fixierung (im Fetischismus) vorweggenommen habe, andere sehen darin jedoch eher eine Art Ideologie des Fetisch aufscheinen, wobei fetischistisch dann so etwas wie verblendet wäre, wiederum im Sinne von fixiert, festgebissen.

Bei Marx heißt es weiter: „Dieser Fetischcharakter der Warenwelt entspringt, wie die vorhergehende Analyse bereits gezeigt hat, aus dem eigentümlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert“.

Rückübersetzt lautet der Satz: „Der Fetischcharakter der Warenwelt stammt aus der besonderen Form der gesellschaftlichen Arbeit, die Waren produziert, wie die vorherige Analyse schon gezeigt hat“.

Fetischcharakter wurde hier mit „shütegdeh shinj“ übersetzt, wobei „shinj“ Symptom, Erscheinung, Qualität und Eigenart bedeutet, und „shütegdeh“ eine grammatikalische Form von „shüteh“ (Glaube) ist. Warenwelt heißt auf Mongolisch „Tavaariin jertönz“ – zusammengesetzt aus „Tavaar“ (Ware) und „jertönz“ (Welt), wobei „Tavaar“ ein Lehnswort aus dem Slawischen ist: von „tovar“ – das Gut, im Russischen heißt z.B. der Güterwaggon „tovarnij vagon“, „tovarka“ ist die Gütige und „tovarischtsch“ der Genosse, im Polnischen nennt man das Warenhaus „dom towarowy“. Das Wort Analyse wurde mit „shinjilgee“ übersetzt, was „Erforschung“ heißt und die Tätigkeit eines „shinjeech“ – Zeichendeuters oder Wahrheitsagers – bezeichnet.

Der Übersetzer des „Kapital“ Buren Birvaa war im Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der mongolischen Revolutionären Volkspartei angestellt, nachdem er in der DDR über „Die Ökonomie in der Landwirtschaft“ promoviert hatte. Der 1930 geborene Buren Birvaa begann seine Übersetzungsarbeit 1973.

Das Politbüro- und Akademiemitglied D. Tömör-Ochir hatte sich bereits Ende der Sechzigerjahre eine Übersetzung des Marxschen Hauptwerks aus dem deutschen Original gewünscht. Zur Vorbereitung wurde Buren Birvaa zum Studium in die DDR geschickt. Er brauchte dann alles in allem mehr als 20 Jahre für die Übersetzung des „Kapital“, die Ende der Achtzigerjahre abgeschlossen war, wobei er sie noch laufend mit der russischen Übersetzung verglichen hatte – und dort auf etwa ein halbes Dutzend Fehler gestoßen war. Als er sein Manuskript der Partei zum Druck vorlegte, hatte die MRVP jedoch andere Probleme: Die Menschen gingen auf die Straße und forderten demokratische Wahlen, die Sowjetunion löste sich langsam auf, 1990 trat das gesamte ZK zurück.

In einem Aufsatz aus dem Jahr 2003 – über die „Marx-Rezeption in der Mongolei“, den Buren Birvva für das von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften herausgegebene „Marx-Engels-Jahrbuch“ verfaßte, heißt es dazu an einer Stelle: „Das Drucken der Bände verzögerte sich wegen der sich verschärfenden finanziellen Probleme der Partei. Endlich fand man einen Weg: 1999 sponserte die US-Stiftung von George Soros die Herausgabe des 1.Bandes. Der 2.Band erschien im Jahr 2000 und der erste Teil des 3. Bandes 2001, beide auf Kosten des Übersetzers, also von mir bezahlt.“

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Rotchinesische Volten

„Ich sage nur ‚Kina, Kina, Kina!‘“ Mehr sagte er nicht, der einstige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, aber jeder ahnte dumpf: Da hinten braut sich was zusammen! Gemeint war Anfang der Siebzigerjahre jedoch nicht die asiatische Wirtschaftsmacht, sondern im Gegenteil: die antikapitalistische und antikonsumistische chinesische Kulturrevolution, deren antiautoritärer Schwung auch im Westen mehr und mehr junge Linke begeisterte.

In einem Neuköllner Gymnasium drehte der Filmzirkel einen Film über Schülerrevolten – mit dem „Happy-End“, dass ihr Klassenlehrer auf dem Schulhof verbrannt wurde. Fritz Teufel und einige andere Kommunegenossen besorgten sich in der chinesischen Botschaft 10.000 Mao-Bibeln, die sie auf einer SDS-Demonstration in Höhe Gedächtniskirche verteilten.

Es gab auch noch die alte chinesische Botschaft in Westberlin, am Kudamm, sie stand leer. Als einige Studenten das Haus besetzten, ließen die Chinesen bzw. ihr westdeutscher Vermögensverwalter sie mit der Polizei rausschmeißen. Anders verlief in London die Besetzung der ebenfalls leerstehenden libyschen Botschaft: Die Besetzer riefen in Libyen an, und fragten das zuständige Volkskommitee, ob sie was gegen die Hausbesetzung hätten. Das hatten sie nicht, sie baten die jungen Leute aber, die im Keller liegenden 10.000 „Grünen Bücher“, die Gaddafi-Bibel, in London zu verteilen. Was dann auch geschah.

An der Harvard-Universität promovierten ein Auslandschinese und ein Kalifornier mit einer Studie „Über die Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit in der Großen Chinesischen Kulturrevolution“. Der Grünenpolitiker Joschka Fischer übersetzte sie ins Deutsche. Mein alter Professor Alfred Sohn-Rethel erfuhr in China auf dem „größten Güterbahnhof der Welt“, dass der dortige Großrechner nicht mehr gegen sondern für das Volk, vertreten durch die Beschäftigten, programmiert sei. Der derzeit an der Grenze zu Kasachstan im Zuge der Seidenstrassen-Planung entstehende Güterbahnhof wird nun doppelt so groß sein, über seine „Programmierung“ erfährt man im Internet nichts.

Der italienische Schriftsteller und Europaabgeordnete der KPI Alberto Moravia (geb. 1907, gest. 1990) war 1966 nach China gereist. Er sah durchs Land fahrend zunächst eine umfassende Armut, die aber nichts Drückendes hatte, da es keine Reichen gab. „Nach dem zu urteilen, was man auf den Straßen sieht, haben die Chinesen das Notwendigste, aber nicht das Überflüssige, wenigstens bis jetzt nicht.“

Der Zorn der von Mao mobilisierten Jugend richtete sich seiner Meinung nach gegen neue Tendenzen einer Verkleinbürgerlichung der Parteikader und der wissenschaftlichen Intelligenz. Für Moravia wendet sich die chinesische Kulturrevolution gegen eine Entwicklung zur Konsumgesellschaft. Er stellt aber auch bereits in Rechnung, das es ganz anders kommen kann. Heute bezieht China aus der ganzen Welt Rohstoffe für die heimische Konsumgüterindustrie und zur Industrialisierung seiner Landwirtschaft.

„Wer die schon bestehenden, noch im Bau befindlichen und noch geplanten eurasischen Infrastrukturprojekte der Chinesen in mehr als 65 Ländern und im Umfang von 900 Milliarden Dollar zur Kenntnis nimmt, kann auf einen Blick erkennen, warum es im 21. Jahrhundert mit der unipolaren Herrschaft des anglo-amerikanischen Imperiums zu Ende gehen wird,“ schreibt Mathias Broeckers im Online-Magazin „Telepolis“.

In Moravias Reisebericht hieß es 1967: „Die Vereinigten Staaten sind ‚provisorisch‘ reich, wie China ‚provisorisch‘ arm ist.“ Mit der Kulturrevolution eröffnete sich für „das Volk“ die Möglichkeit, Verbraucher zu werden oder sich moralisch zu verweigern. Inzwischen ist China jedoch geradezu ein Weltverbraucher (-vernutzer) geworden.

Es fing harmlos an – in Berlin nach 89: Da mieteten vier Chinesen unter der Leitung von Frau Su einen kleinen Verkaufsraum im Büro des Weddinger Erfinders Dieter Binninger. Das Außenministerium hatte sie zu ihrem Leidwesen in die weite Welt geschickt: Sie sollten hier chinesische Produkte verkaufen. Neben allerlei Schnickschnack auch den Computer „Die große Mauer“, der auch wirklich sehr groß war, aber sehr langsam.

Etwa gleichzeitig eröffnete der ehemalige Rotgardist und Germanist Fang Yü das erste Chinarestaurant Neuen Typs in der Husemannstrasse. Als nächstes kamen deutsche Chinakunst-Galerien, die wie blöd Sozpop-Bilder von Ding Yi, Ji Wen Yu, Li Hongliun und Li Jiwei an reiche Immobilienspekulanten verkauften, allein für ihren „China-Club“ im Adlon-Hotel erwarb Anne Maria Jagdfeld Kunst für Zigmillionen.

Inzwischen haben die Chinesen neben einer 500-Mann-Botschaft an der Spree noch ein halbes Schloß in Pankow nebst Neubau, dann ein Kulturinstitut im Tiergarten und über die Stadt verteilt Visabüros und Geschäfte. Nicht zu reden von den „Reichen Chinesen“, die jetzt laut Berliner Zeitung den Wohnungsmarkt „verändern“. Die deutsche Bachelor-Generation sieht in all dem eine Chance oder jedenfalls sagten mir einige Ingenieurstudenten an der Brandenburger Hochschule, dass sie nebenbei an der TU Berlin noch Chinesisch lernen, um später einen besseren Job zu finden.

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Neues aus der Nichtwissensgesellschaft: der Raubtierkapitalismus

Die Schriftstellerin Doris Lessing besaß viele Katzen in ihrem Leben und veröffentlichte mehrere Bücher über sie. Sie meinte zuletzt, dass sie inzwischen mehr über eine gestorbene Katze trauere als über einen gestorbenen Bekannten oder Verwandten.

Ja, sagt da das Magazin der Max-Planck-Gesellschaft „Forschung“ in seiner Ausgabe vom Mai 2018, das liegt wohlmöglich daran, dass es ihr vom Einzeller „Toxoplasma gondii“ aufgedrängt wurde, denn der „tut alles dafür, dass der Mensch und die Katze zusammenfinden. Den Mensch braucht er als Zwischenwirt. Nur im Darm von Raub- und Hauskatzen kann der Parasit neue Eier legen…Das würde erklären, warum sich infizierte Menschen von Katzen besonders angezogen fühlen.“

So weit so idiotisch. Ich habe dieses „Forschungsergebnis“ im Nachwort zu meinem Buch „Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung“ als „Abbremser“ verwendet – nachdem ich den Philosophen Hans Blumenberg gegen die Genpool-Erhalter zitiert hatte: „Auch ohne naturschützerische Gebärde muß gesagt werden, dass eine Welt ohne Löwen trostlos wäre.“ Und mich entsetzte: „Bald ist es schon so weit. Die Raubtierforscher prognostizieren, dass höchstens die (urbanen) Hauskatzen überleben werden. Aber so sehr wir uns auch z.B. um unsere kleine Katze Luzie bekümmern, ihre häusliche Haltung ist die reinste Tierquälerei, eine extreme Reizunterflutung. Da es jedoch keinen Ausweg gibt, wir weiterhin ihre Lebensverlegenheiten ernsthaft erforschen – und uns an ihrem Witz erfreuen, gehört sie auch zur lustigen Tierwelt. Für unser Interesse an ihr scheint es aber noch einen tieferen Grund zu geben…“ Nämlich den Parasiten „Toxoplasma gondii“.

Damit wollte ich mich quasi von unserer närrischen Katzenliebe freisprechen: Wir können nichts für unsere Depolitisierung – ein übler Parasit steuert uns.

Aber nun kommt auch noch das Magazin für Naturwissenschaft „spektrum.de“ an und erweitert die Wirkung des neurologischen Manipulators „Toxoplasma gondii“ über die Ökologie ins Ökonomische – schon in der Überschrift: „Macht Katzenparasit Berufsanfänger mutiger?“

Es geht um eine neue Studie, veröffentlicht in den altehrwürdigen „Proceedings of the Royal Society B“: „Wohl mehr „als 2 Milliarden Menschen sind weltweit mit ‚Toxoplasma gondii‘ infiziert“ und schon „seit Langem berichten Forscher über Indizien für mögliche psychische Veränderungen bei Infizierten“. Die neue Studie zeige nun, „dass toxoplasmainfizierte Menschen weltweit häufiger beruflich selbständig sind – und somit Risiken vielleicht anders bewerten als andere.“

Die Autoren der ersten im MPI-Magazin referierten Studie wollten mit ihrem Toxoplasma darauf hinaus, dass einst, als die Raubkatzen noch viele waren und gefährlicher, die Menschen aber weniger und hilfloser als heute, dieser üble Parasit sie geradewegs in ihre tödlichen Fänge trieb. Er manipulierte sie also derart, dass sie das Risiko, sich einer oder mehreren Raubkatzen zu nähern, anders bewerteten als andere, die hübsch auf Distanz blieben.

Die Autoren der zweiten in „spektrum.de“ referierten Studie testeten ihre steile These erst mal an Mäusen, indem sie sie mit dem Parasiten infizierten. Und siehe da: Er „macht die Nager zum Teil selbstmörderisch mutig“. Dann untersuchten sie 1495 Studenten: Die mit dem Erreger infizierten „wählen knapp eineinhalb mal so häufig wie Gesunde Wirtschaftswissenschaften im Hauptfach.“ Und schließlich stellten sie noch „bei Teilnehmern an Berufsbörsen, die auf eine selbständige Tätigkeit vorbereiten sollen,“ fest, dass sie „1,8mal häufiger infiziert sind als der Durchschnitt der Bevölkerung“. Zuletzt durchforsteten sie demografische Statistiken aus 42 Ländern – und dann stand für sie fest: „Offenbar korreliert die Durchseuchungsrate mit ‚Toxoplasma‘ in einem Land und der Prozentsatz der Selbständigen.“

Da jedoch viele Selbständige scheitern, könne man nicht sagen, „dass der Einfluß des Parasiten Menschen grundsätzlich erfolgreicher“ mache. Er bleibt aber auch im Anthropozän quasi raubtierorientiert. Das hatte bereits die Heidelberger Genetikerin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard geahnt – “dass die Natur in gewisser Weise kapitalistisch funktioniert“.

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Die Schnäppchenandreher

Auf der Raststätte Michendorf haute mich 2001 ein Italiener aus Mailand an, der gerade seinen Alfa Romeo betankt hatte: Er sei auf der Messe in Berlin gewesen und beklaut worden, außerdem sei das Geschäft schlecht gelaufen, ob ich ihm nicht eine Lederjacke aus seiner Messekollektion abkaufen könne, er käme sonst nicht mehr zurück nach Hause, er sei pleite. Ich kaufte ihm für 100 DM eine grüne Lederjacke ab, sie war jedoch aus Plastik, ich trug sie trotzdem, aber ziemlich bald war sie abgetragen.

17 Jahre später lud der Italienspezialist Ambros Waibel den Soziologen Marcello Anselmo zu einer Veranstaltung nach Berlin. Der hatte gerade zusammen mit Pietro Marcello ein Buch über die „Magliari“ in Italien veröffentlicht. Der Schnäppchenandreher auf der Raststätte Michendorf, das war ein „Magliaro“, die meisten kommen aus Neapel. In der „Storie di Magliari“ heißt es – in der Übersetzung von Ambros Waibel: „Es waren junge Männer, die dem Elend entkommen und am sozialen Aufstiegsversprechen Nachkriegseuropas teilhaben wollten. Dazu erfanden sie auf geniale Weise ein neues Berufsfeld, eine so charmante wie betrügerische Art des Hausierens mit minderwertigen Textilien und Stoffen, und etablierten sich als kosmopolitische Kleinunternehmer.“

Auf diese Weise und vor allem in Richtung BRD, den Gastarbeiterströmen folgend, aber ein eigenes Milieu etablierend, „wurden sie Teil und Protagonisten des Wandels hin zu einer Gesellschaft von Massenproduktion und Massenkonsum.“ Bereits 1959 drehte Francesco Rosi einen Film im neorealistischen Stil über sie: „I Magliari“. In den Achtzigerjahren ging es langsam zu Ende mit ihnen, aber dann fiel die Mauer und sie erlebten noch einmal ein „Wirtschaftswunder“.

„Der Magliaro bietet ein Schauspiel, in dem er, perfekt gekleidet und mit den Attributen einer vergangenen männlichen Eleganz wie Krawattennadeln und seidenen Einstecktüchern versehen, sozusagen selbst, durch seinen nach außen gespiegelten Erfolg, für sein unschlagbares, nur jetzt in diesem Moment verfügbares Angebot einsteht,“ heißt es in der „Storie di Magliari“, die eine Geschichte von Betrügern ist, und das ist noch das Harmloseste. Ambros Waibel verweist dazu auf die Autorin Felia Allum, die in ihrem Buch „The Invisible Camorra: Neapolitan Crime Families Across Europe“ schreibt, dass ein Teil der Neapolitanischen Mafia-Familien im Streit mit anderen zu den Magliari auswichen, d.h. diese zwangen, auf den „Messetouren“ nicht nur ihre Textilschnäppchen, sondern auch Rauschgift zu verkaufen. Diese Entwicklung begann in Frankreich.

Sie waren aber keine Rauschgifthändler, auch „die Magliari einfach den heutigen Verkäufern von gefälschten Rolex-Uhren oder Prada-Taschen an die Seite zu stellen, wäre ein Irrtum,“ schreibt Marcello Anselmo. „Dazu ist ihr Vorgehen zu komplex, zu widersprüchlich. Sie definieren sich als Ausübende eines nur mit angeborenem Talent, mit Fleiß und Wissbegierde zu erlernenden Handwerks. Mehr noch: In unseren Begegnungen mit den alten Magliari wurde immer wieder klar, dass sie sich mit ihrer Kunst des Betrugs selbst verwirklichten, einen eigenen Lebensstil etablierten.“

Manche gründeten Familien – in Deutschland und in Süditalien. Es waren geistige Gastarbeiter, die für jeden „das passende Kleidungsstück hatten, etwas, das verspricht den sozialen Status zu erhöhen, den die Magliari selbst nicht zuletzt durch das zentrale Symbol sozialen Aufstiegs der Nachkriegszeit verkörpern: das möglichst große, auf Hochglanz polierte Auto.“

Ihre wahre Kunst ist das Wort. Darüber mußte ich nachdenken, als ich letzte Woche im 27er-Bus von einem gutaussehenden und durchtrainierten Araber angesprochen wurde: Er käme von der Messe, sagte er, und wollte wissen, ob der Bus in den Wedding fahre, denn dort stehe sein Auto. Er wolle zum Flughafen Tegel und müsse zuerst nach Bremerhaven und von da aus nach Düsseldorf fliegen, ob ich ihm nicht einen Braun-Rasierapparat abkaufen könne. Darauf bestand er quasi, aber ich winkte immer wieder ab, weil ich mich nass rasiere – und stieg dann sowieso an der nächsten Haltestelle aus. Seine Wortkunst hatte er nicht viel länger entwickelt als die Obdachlosenzeitungsverkäufer in den U-Bahnen ihre Verelendungsgeschichten. Und dann hat Bremerhaven auch keinen Flughafen.

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Auswege denken

Kürzlich las ich in einer Ankündigung des Unrast-Verlags: „Das Wissen um die vielfältigen Dimensionen der Ungerechtigkeit ist mittlerweile weit verbreitet. Doch es ist eine westliche hegemoniale Epistemologie, die den Diskurs beherrscht. Sie definiert ihre unterschiedlichen Wissensproduktionen als universell gültig und ignoriert die des globalen Südens. Eine weltumspannende soziale Gerechtigkeit kann es aber nur geben, wenn nicht-westliche Epistemologien und alternative Wissens- und Lebensweisen als gleichwertig anerkannt werden. Boaventura de Sousa Santos, u.a. Professor für Soziologie an der Universität von Coimbra/Portugal, entwirft eine Art ›Bottom-up‹-Kosmopolitismus, in dem Fröhlichkeit, Solidarität und das ›Gute Leben‹ über die Logik des Marktes und des Individualismus triumphieren.“

Es fehlt aber global gesehen gar nicht an alternativen Erkenntnissen (Epistemologien). Nur nehmen wir sie in unserer westlichen hegemonialen Epistemologie eingekapselt nicht wahr, höchstens in quasi homöopathischen Dosen. Ich rede davon, dass z.B. gut 80% unserer aus dem Ausland übersetzten Literatur aus der Anglosphäre kommt. Von den Programmen und Ästhetiken der Privatsender ganz zu schweigen. Die Sprache der Anglosphäre ist schon fast keine Fremdsprache mehr. Das macht die Übersetzungen für die Verlage billig. Während es z.B. bei Büchern, die aus dem chinesischen oder russischen übersetzt werden müssen, teuer wird. Ich denke aber vor allem an die vielen afrikanischen Universitäten – was da an möglicherweise klugen Gedanken veröffentlicht wird, die uns entgehen, weil so gut wie kein Literatur-„Agent“ oder -„Scout“ dort überhaupt sucht. Höchstens gelingt es umgekehrt, dass von da aus jemand oder etwas den Weg hierher findet.

Ein lateinamerikanischer Mikrobiologe schrieb: „Als ich in London arbeitete, veröffentlichte ich immer wieder in ‚Nature‘. Aber seitdem ich in Venezuela arbeite, bekomme ich nur noch Absagen.“ Ähnlich sieht es auch in anderen Wissensbereichen aus – bei der japanischen Primatenforschung z.B.. Die japanische Kultur macht kein so großes Aufhebens um den Unterschied zwischen Menschen und Tieren wie die westliche Kultur und ist damit bis zu einem gewissen Grad vor den Verlockungen des Anthropomorphismus geschützt: „Wir sind davon überzeugt, dass dies zu vielen wichtigen Entdeckungen geführt hat,“ wie der Biologe Junichiro Itani als Leiter einer Gruppe von Affenforschern versicherte. Leider ignorierte man ihre Erkenntnisse hier nahezu komplett. Der Entdecker der „Tanzsprache“ der Bienen, Karl von Frisch, fand ihre Studien einige Jahre später auf einem Biologen-Kongreß in Chicago in einer verstaubten Ecke der Bibliothek des Tagungszentrums – und las sie sogleich begeistert. Da er dort der einzige war, der Japanisch konnte, fertigte er für die Versammlung ein „Resümee der wahrhaft sensationellen Arbeit der Japaner“ an. Es ging darin um eine acht Jahre lange Beobachtung von japanischen Rotgesichtsmakaken.

Bei einigen kleinen Völkern, die noch nicht „in Kontakt“ mit „Weißen“ gekommen waren, interessierten sich immerhin die Ethnologen für deren Wissen. So hat z.B. Claude Lévi-Strauss versucht, das „primitive Denken“ gegenüber dem „abstrakten“ zu rehabilitieren: „Das eine ist grob gesagt der Sphäre der Wahrnehmung und der Einbildungskraft angepaßt, das andere von ihr losgelöst; wie wenn die notwendigen Beziehungen, die den Gegenstand jeder Wissenschaft bilden, – sei sie nun neolithisch oder modern -, auf zwei verschiedenen Wegen erreicht werden könnten, einem, der der sinnlichen Intuition nahekommt, und einem, der ihr ferner liegt.“ In „Das Wilde Denken“ (1968) schreibt er: „Die Eingeborenen selbst haben zuweilen das deutliche Gefühl, dass ihr Wissen ‚konkreten‘ Charakter hat“, während das der Weissen oberflächlich und schnell erworben ist und nur als schriftlich Fixiertes gültig ist.“ Ich befürchte, der neue Unrast-Kosmopolitismus läuft auf einen faulen Kompromiß hinaus.

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