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	<title>Hier spricht der Aushilfshausmeister!</title>
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	<description>Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.</description>
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		<title>Frühlingserwachen</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Apr 2013 14:58:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zuletzt vermeldete die Chefredakteurin, es gäbe einen Vogelzugstau &#8211; am Rhein: Besonders die Kraniche, Reiher und Störche warten noch ab, bis es auch hinterm Rhein (von Afrika aus gesehen) taut. Aber dann ging es  los: Milliarden Blätter und Blüten schossen ans Licht (ich nehme an: auch außerhalb der Großstadt &#8211; im Umland, wie man so sagt).</strong></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320100.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7885" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320100-424x287.jpg" alt="" width="424" height="287" /></a></p>
<p><em>Auch die Rentner suchten sofort das Tageslicht. Hier in den lichtdurchfluteten Wandelgängen eines Altersheims an der Bundesallee</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/833200931.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7887" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/833200931-424x287.jpg" alt="" width="424" height="287" /></a></p>
<p><em>Es ist zwar noch ein bißchen kalt, aber die Familie Dressen wagt sich schon wieder in die Hasenheide. <a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/833200931.jpg"><br />
</a></em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320092.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7888" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320092-424x272.jpg" alt="" width="424" height="272" /></a></p>
<p><em>Jens Meierbuer aus dem Westend hat sein Oldie-Cabrio aus der Garage geholt und promeniert damit die Tiergarten-Magistrale auf und ab.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/833200871.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7890" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/833200871-424x289.jpg" alt="" width="424" height="289" /></a></p>
<p><em>Mein Lieblingsphoto: Die zwei gutgelaunten Bibliothekarinnen aus Pankow, die bei dem guten Wetter zum Russendenkmal gegangen sind und sich nun in ihrem Lieblingslokal einen Schoppen genehmigen.</em></p>
<p>.</p>
<p>.</p>
<p>.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320076.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7891" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320076-424x286.jpg" alt="" width="424" height="286" /></a></p>
<p><em>In Britz (wo es immer einige Tage früher wärmer wird) blühen schon die ersten Rosen in den Vorgärten, die halbe Hausbewohnerschaft hat sich um sie versammelt &#8211; als Zeugen.<br />
</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320082.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7892" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320082-424x264.jpg" alt="" width="424" height="264" /></a></p>
<p><em>Nein, die Entenküken sind in diesem Jahr noch nicht geschlüpft (am Neuen See).</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Aber was machen eigentlich die anderen Tiere im Frühling &#8211; wo immer sie sind?</strong></p>
<p>Eine Beobachtung der Biologin Sarah Papworth und ihrer Kollegin vom Imperial College in Berkshire:  Die beiden erforschten Wollaffen im südamerikanischen Regenwald. Dabei entdeckten sie, dass diese Tiere mittlerweile zwischen Wollaffen-Jägern und Wollaffen-Forschern unterscheiden können: Wenn sie die ersteren sehen, &#8220;gefährlich&#8221;, verstecken sich die Wollaffen ängstlich und still in den Baumkronen, bei den letzteren bleiben sie dagegen cool &#8211; &#8220;harmlos&#8221;. Die ersteren erkennen sie meist schon an ihren langen Pfeilrohren, die sich mit sich tragen, während letztere mit filmkameras, klemmblocks und Feldstecher ausgerüstet sind. Es kann aber auch sein, dass sie solche Unterscheidung im konkreten Fall noch mit einer zweiten vervollständigt haben: Erstere sind meist dunkelhaarige und -häutige Männer, letztere dagegen hellhaarige und -häutige Frauen. So sehe ich das jedenfalls, nachdem ich mir das Photo der englischen Wollaffenforscherin im Internet angekuckt habe, wobei ich stillschweigend davon ausging, dass ihre unbenamt gebliebene Kollegin nicht viel anders aussieht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320088.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7893" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320088-424x668.jpg" alt="" width="424" height="668" /></a></p>
<p><em>In der privaten Tempelhofer Hundeschule von Sabine Echtern-Waltz lernt &#8220;Waldi&#8221; gutes Benehmen &#8211; Pfingsten soll er mit nach Bad Gastein zur Schwiegermutter. Namen, außer den das Dackels, darf sie aus Datenschutzgründen nicht nennen.<br />
</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Eine Nachricht aus einem Frühling des vorletzten Weltkriegs:</strong></p>
<p>Im April 1917 meldete das Berliner Tageblatt des Mosse-Verlags, dass sich &#8211; kriegsbedingt &#8211; die Schwierigkeit ergab, die für die Zeitungsherstellung &#8220;nötigen Papiermassen&#8221; täglich heranzuschaffen, deswegen habe man mit Herrn Hagenbeck ein &#8220;Abkommen&#8221; getroffen, &#8220;wonach er uns vier seiner Elefanten mit den dazugehörigen indischen Führern zur Verfügung stellt.&#8221; Und das hat dann auch sehr gut geklappt: &#8220;Die Elefanten haben ihren Dienst brav und fleißig verrichtet &#8211; und mehrere mit Papierrollen hoch bepackte Wagen vom Anhalter Bahnhof zu unserer Druckerei gebracht, was in den Straßen natürlich sehr viel Aufsehen und Interesse erregte.&#8221;</p>
<p>Karl Kraus fügte dieser Meldung im nämlichen Monat einen Kommentar hinzu: &#8220;Urwälder werden kahl geschlagen, damit der Geist der Menschheit zu Papier werde, und die obdachlosen Elefanten führen es ihr zu. Bei Goethe! Es ist der Augenblick, aus einer Parodie wieder ein großes Gedicht des Abschieds zu machen.&#8221;  Kraus bezieht sich dabei auf ein zuvor im &#8220;Berliner Tageblatt&#8221; abgedrucktes Kriegsgedicht von Ludwig Riecker (München), das unter dem Titel &#8220;Lied des englischen Kapitäns&#8221; den deutschen &#8220;U-Boot-Krieg&#8221; thematisierte:</p>
<p>&#8220;Unter allen Wassern ist &#8211; &#8216;U&#8217;</p>
<p>Von Englands Flotte spürest du</p>
<p>Kaum einen Hauch&#8230;</p>
<p>Mein Schiff ward versenkt, daß es knallte</p>
<p>- Warte nur, balde</p>
<p>Versinkt deins auch!&#8221;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320084.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7894" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320084-424x657.jpg" alt="" width="424" height="657" /></a></p>
<p><em>Sievers im 3.OG haben mal wieder &#8220;Gästebesuch&#8221; aus Westdeutschland bei sich einquartiert: Sie nehmen 40 Euro pro Nacht und Person. Aber noch hat sich niemand beschwert. Meistens sind es Engländer oder Iren. Man kann die schlecht auseinander halten.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><strong>Die FAZ interviewte den Vorsitzenden des Berufsverbandes der Hundepsychologen Thomas Riepe:</strong></p>
<p>Es geht darin nur indirekt über die &#8220;Frühjahrsmüdigkeit&#8221; -  eigentlich um das ebenso ermüdende  &#8220;Agility&#8221; für Hunde, dieser &#8220;US-Import&#8221;   bedeutet für den gewieften Hundepsychologen, dass der moderne Stadthund ebenso wie die Kinder von Termin zu Termin gehetzt, &#8220;gestresst&#8221;, wird, er hat auch einen richtigen &#8220;Terminkalender&#8221;. Es wäre jedoch besser, so Thomas Riepe, &#8220;wenn Hunde einen ganz normalen Tagesablauf hätten. Ich habe Straßenhunde in Indien und Afrika beobachtet, Wölfe und Wildhunde, und die führten eigentlich alle das gleiche Leben&#8230;In erster Linie durchwandern die ihr Revier. Sie hetzen nicht herum, wie wir ihnen das aufzwingen, wenn wir sie z.B. ans Fahrrad hängen. Sie schnüffeln. Das Gehirn wird stark angestrengt, gar nicht mal so der Körper&#8230;.Mit den Hunden Agility machen wir, weil wir uns wohl fühlen wollen auf Kosten des Hundes. Der Hund hat das Problem, dass er bei uns lebt. Wir pushen ihn ständig&#8230;Dabei möchte der Hund ein gemütliches Leben haben&#8230;&#8221;</p>
<p>Interessanter Gedanke! Heißt das doch laut Peter Berz nichts anderes, als das die feministische Biologin, Vordenkerin der Theorie von den &#8220;companion species&#8221; und &#8220;interspecies communication&#8221;, die regelmäßig mit ihrer Hündin &#8220;Cheyenne&#8221; Agility-Kurse und -Parcours besucht &#8211; und auch darüber schreibt (<em>The Companion Species Manifesto. Dogs, People, and Significant Otherness</em>, 2003), völlig falsch liegt. Berz schlägt dafür die alarmistische Schlagzeile vor: &#8220;Amerikanische Philosophin hindert Hunde am Denken&#8221;.  Die Hundeforscherin Katharina Rutschky hat es in ihrem Buch über ihre Erfahrungen mit insbesondere dem Cocker-Spaniel &#8220;Kupfer&#8221;  bereits geahnt: „Und wer sagt denn eigentlich, dass der Hund sich auf einer Party langweilt, und nicht vielmehr evolutioniert?“ fragte sie sichbereits 2002  in: &#8220;Der Stadthund&#8221;.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320073.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7895" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320073-424x270.jpg" alt="" width="424" height="270" /></a></p>
<p><em>Die Kleinfamilie Delitzsch aus dem Seitenflügel hat sich zum Frühling neue Tapeten gegönnt. Bei Möbel Höffner.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320096.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7896" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320096-424x280.jpg" alt="" width="424" height="280" /></a></p>
<p><em>Für Oma, die im Nebenhaus wohnt, haben sie ein anderes Muster genommen. Aber auch bei Möbel Höffner</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320085.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7897" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320085-424x280.jpg" alt="" width="424" height="280" /></a></p>
<p><em>Annelotte Piewowski und ihre Mutter sind sich noch unschlüssig. Hier klappern sie gerade die Möbelhäuser zwischen Kurfürstenstraße und Magdeburger Platz ab.  Bei Hanns Zischler &#8211; in seinem neuen Buch &#8220;Berlin ist zu groß für Berlin&#8221; fand ich einige interessante Gedanken über &#8220;Plätze&#8221;, allerdings nicht über den Magdeburger, wo das Arbeitsgericht situiert wurde, das in der Kantine ein üppiges Salzwasseraquarium hat.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Pedologe auf dem taz-Kongreß, der über gute Böden zum Gärtnern und Effektive Mikroorganismen sprach, heißt Haiko Pieplow. Die taz annoncierte ihn als &#8220;promovierter Bodenkundler und Klimaretter&#8221;. Er &#8220;klimagärtnert&#8221;, u.a. nach der &#8220;Terra Preta&#8221;-Methode (Schwarzerde auf brasilianisch)&#8230;&#8221;Jeder kann dabei&#8221; laut taz &#8220;mitmachen, denn der promovierte Bodenkundler Haiko Pieplow hat das Geheimnis der Rezeptur von Terra Petra mit gelüftet.&#8221; Was mit diesem Werbesprech für eine &#8220;Talkrunde in Zelt 3 auf dem Dach des HKW&#8221; gemeint ist, will ich dir hier kurz mitteilen:</p>
<p>&#8220;Die Zeit berichtete 2011 über diese &#8220;Wundererde im Test&#8221;:  &#8220;Als das Besondere der Anbautechnologie gilt die Beimischung zerkleinerter Holzkohle. Die bringe nicht nur dauerhaft CO\u2082 in den Boden, sagt Haiko Pieplow, Bodenkundler im Bundesumweltministerium. Ihre poröse Oberfläche biete auch zahlreichen Mikroorganismen Unterschlupf. Eine spezielle Mischung aus Pilzen und Bakterien, mit der sich die Biokohle der Indios »auflud«, sei das eigentliche Geheimnis der Terra Preta , sagt er. Sie fixiere Nährstoffe, die nicht mehr so leicht weggewaschen werden könnten, und mache sie für Pflanzenwurzeln besser verfügbar.</p>
<p>Franz Makeschin, renommierter Bodenkundler in Dresden , verweist auf Vorkommen ähnlicher &#8211; menschengemachter &#8211; Schwarzerden in afrikanischen Feuchtgebieten. Sie seien zwar »bekannt, aber bisher kaum beachtet worden«, sagt er. Offenbar haben mehrere Kulturen ähnliche Wege gefunden, ihre Ernährung unter widrigen Umständen zu sichern.  Aber kann das Terra-Preta -Prinzip sinnvoll auf andere Weltregionen, Böden und Klimazonen übertragen werden?</p>
<p>Einige Bauern probieren das praktisch aus. Im Rosenheimer Projekt etwa stiegen sie zunächst vom Kompostieren auf die Herstellung sogenannter Bokashi um. Hierbei werden Gülle und Biomasse mithilfe »effektiver Mikroorganismen« (EM) milchsauer vergoren. Bokashi verliere so nicht nur den üblen Fäulnisgeruch, es blieben auch mehr Nährstoffe erhalten, behauptet der bayerische Agrarberater Christoph Fischer, der EM kommerziell vertreibt. Zur Stabilisierung des Effektes setzte sein Bauern-Kreis als nächsten Schritt Holzkohle bei. Sie werde Teil des Dauerhumus und werde nicht abgebaut. Erste Erfahrungen mit dieser Chiemgauer Terra Preta seien vielversprechend, meint Fischer.</p>
<p>Experimentierfreudig ist auch Joachim Böttcher, Landschaftsgärtner und spezialisiert auf Pflanzenkläranlagen. Der Rheinland-Pfälzer glaubt, jenes Verfahren zur Herstellung von Terra Preta gefunden zu haben, mit dem die Biokohle wie bei den Indios durch Besiedlung mit Mikroorganismen aktiviert wird. Böttcher schwärmt von erstaunlichen Erträgen bei Kohl, Kartoffeln oder Sellerie auf seinem Hengstbacherhof. Das Know-how für »Palaterra« will er weltweit vermarkten, um, so sein Werbeslogan, »Boden wieder gut zu machen«.</p>
<p>Allerdings kritisiert nicht nur Haiko Pieplow, dass mit der Patentierung ein Allgemein- und Kulturgut privatisiert werde. Und wissenschaftlich umfassend geklärt ist der Terra-Preta -Effekt ohnehin noch nicht. Bei diesem »heißen Thema« gelte es »Bodenhaftung zu bewahren«, warnt Bodenkundler Franz Makeschin aus Dresden. Böden seien lokal ganz verschieden, und noch müsse untersucht werden: Wo ist es sinnvoll, Terra Preta einzusetzen; wo wäre dieselbe Biomasse besser anders genutzt?</p>
<p>Auch FU-Experte Konstantin Terytze ist skeptisch. Kritisch sieht er die Wirtschaftlichkeit: Die Produktion der Biokohle in Pyrolyse-Anlagen ist teuer, jedenfalls wenn sie dezentral zur Verwertung von Reststoffen eingesetzt und nicht als Massenprodukt vermarktet werden soll. Denn im großen Stil drohe Raubbau im Namen des Klimaschutzes: »Wir dürfen nicht in der Ukraine und anderswo intakte Waldflächen verkoksen, um unsere Böden anzureichern!«, warnt Terytze. Die Sorge ist berechtigt. Simple Holzkohle zum Unterpflügen (Bio Char) wird, besonders in den USA, schon massenhaft als schneller CO\u2082-Speicher propagiert.</p>
<p>Fraglich sei zudem, ob die Terra Preta »auch langfristig wirkungsvoll und wirklich immer besser ist als andere Substrate«.  Im Berliner Projekt Terra BoGa soll genau das nun überprüft und zugleich eine Verschwendung im Botanischen Garten beendet werden. Auf dessen Werkhof in Dahlem türmt sich ein lang gezogener, meterhoher Haufen: Blätter, Äste, Grasschnitt und Gartenabfälle aus der Pflege von 22.000 Pflanzenarten. Jährlich 1.500 Kubikmeter Pflanzenreste zerfielen hier bisher zu nutzlosem, teurem Kompost. Weil er voller keimfähiger Samen steckte, musste er entsorgt werden. Gleich daneben lagert in einem Schuppen feinste schwarze Komposterde. Rund 350 Kubikmeter kauft der Botanische Garten jährlich für mehrere Tausend Euro zu &#8211; doppelte Verschwendung also von Ressourcen.</p>
<p>Im Keller eines alten Werkstattgebäudes vergleichen die FU-Wissenschaftler nun Terra-Preta -Varianten untereinander und mit diversen Kompostmischungen. Im Frühjahr wollen sie nun auf Versuchsfeldern mit Tabak, Zucchini, Tomaten und anderen Pflanzen erproben: Soll die Terra Preta eher punktförmig ausgebracht werden oder flächig? Wie viel Kohle ist optimal? Welche Nebenwirkungen oder Schädlinge tauchen auf? Wie verändert das Größenwachstum die Qualität der Pflanzen und Früchte? Welche Substratmischung taugt für welche Pflanzen? Finanziert wird das Ganze von der EU und dem Berliner Umweltsenat.  Zusätzlich testen Terytzes Mitarbeiter im Sauerland Terra Preta als Hilfe zur Erneuerung von Waldboden, der unter Weihnachtsbaum-Monokulturen und dem Wintersturm Kyrill gelitten hat. Lokale Reststoffe sollen hier die Grundlage für die Power-Erde bilden.</p>
<p>Ein Experiment im brandenburgischen Teltow-Fläming soll außerdem prüfen, ob die erwartete »hohe biologische Aktivität« von Terra Preta die Selbstreinigungskräfte verschmutzter Böden auf ehemaligen Truppenübungsplätzen stärken kann. Beide Fragestellungen werden als Teil des Verbundprojektes La Terra vom Bundesforschungsministerium finanziert.  Die größte Zukunftschance sieht Haiko Pieplow aus dem Umweltministerium darin, Terra Preta in geschlossenen Stoffströmen herzustellen, die Abwässer für die Bodenfruchtbarkeit nutzen. Die wertvollen Nährstoffe, die auch in menschlichen Fäkalien enthalten sind, würden derzeit über Schwemmkanalisationen und Müllverbrennung »vollkommen verschwenderisch vernichtet«, sagt Pieplow. Warum nicht Stickstoff, Phosphat und Kalium zurück in den Kreislauf führen?</p>
<p>Im Berliner Botanischen Garten und in einem Hamburger Projekt des Abwasserexperten Ralf Otterpohl prüft man deshalb, wie sich zum Beispiel die Ausscheidungen von Hunderttausenden Besuchern zur Herstellung von Terra Preta nutzen ließen. Falls das gelingt, könnten künftig ähnliche Stoffströme Landwirtschaft und Städte miteinander verbinden. Nicht nur in Deutschland, auch in den Megazentren des Südens. Wie einst bei den Indios.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320068.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7898" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320068-424x285.jpg" alt="" width="424" height="285" /></a></p>
<p><em>Jetzt ist die Zeit der Frühlingsfeste gekommen. Unter den Dächern Berlins wird gefeiert wie verrückt.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320078.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7899" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320078-424x270.jpg" alt="" width="424" height="270" /></a></p>
<p><em>Und so mancher wird dabei in flagranti erwischt &#8211; &#8220;solange das Verbrechen noch brennt&#8221; auf Berlinisch</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320089.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7900" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320089-424x654.jpg" alt="" width="424" height="654" /></a></p>
<p><em>Elvira und Petra haben noch immer nicht den Osterschmuck abgehängt &#8211; vor lauter Feierei und Eierlikör.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320086.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7901" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320086-424x268.jpg" alt="" width="424" height="268" /></a></p>
<p><em>Die Ex-Kölnerin Uschi hat noch mal ihre alte Karnevalsmaske rausgeholt, als ihr Deutzer Cousin sich mit ihr photographieren lassen wollte. Sie sieht damit aus, als könnte es ihr im Prenzlauer Berg nur besser gehen, was sie jedoch verneint. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
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<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die taz-Gründerin Ute Scheub, die Haiko Pieplow und seine Pedologischen Ideen auf dem taz-Kongreß am 20. April vorstellte, schrieb zuvor in der taz und in &#8220;die graswurzelrevolution&#8221; und dann auch auf deutschlandradio (&#8220;Mit Schwarzerde die Welt retten&#8221;) über Pieplow und seine Boderverbesserungsüberlegungen:</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&#8220;Schwarzerde hat das Potenzial, mehrere Krisen gleichzeitig zu meistern: die Klimakrise, die Hungerkatastrophe und die Hygienemisere in Slums. Und das alles ohne Großkonzerne, sondern in einer Agrarrevolution von unten. Ute Scheub besuchte einen ihrer Wiederentdecker, den Bodenkundler Haiko Pieplow, am nördlichen Rand von Berlin.</p>
<p>Haiko Pieplow greift in einen seiner Pflanzkübel und lässt die laut Bodenanalysen fruchtbarste Erde der Welt durch die Finger krümeln. Der promovierte Bodenkundler wird dabei malerisch umrahmt von Narzissen und mediterranen Gewächsen, die aus dem Boden seines Wintergartens am Rande von Berlin wachsen. Terra Preta könne Abfälle in Rohstoffe umwandeln und damit eine echte regionale Kreislaufwirtschaft initieren, erläutert der Agraringenieur.  Weltweit angewandt, sei sie in der Lage, rund 20 Prozent des Kohlendioxids aus der Luft holen und damit Böden dauerhaft fruchtbar machen. Der Treibgasausstoß würde damit entscheidend verringert und gleichzeitig der Hunger bekämpft. Schwarzerde &#8211; hergestellt von Landwirten und Kleinbäuerinnen, Hobbygärtnern und Slumbewohnerinnen &#8211; könne eine buchstäbliche Graswurzelrevolution auslösen.  Terra Preta do Indio, so lautet der portugiesische Name für die Schwarzerde aus dem Amazonas, die erstmals von früheren Indiokulturen angelegt wurde.</p>
<p>Deutschen Wissenschaftlern, darunter Haiko Pieplow, gelang es ab 2005, ihren Herstellungsprozess experimentell wiederzuentdecken. Im Frühjahr ist in Pieplows Garten und Wintergarten noch nicht viel von den Effekten zu sehen. Aber im Sommer, berichtet der Familienvater, sei hier alles zugewuchert. Hinter der südlichen Glaswand seines raffiniert gebauten und raffiniert belüfteten Passivenergiehauses züchtet er Tomaten, Weintrauben, Guaven, Feigen und Granatäpfel, im Garten gedeihen Obst und Gemüse aus unseren Breitengraden. Ein Hauch von Paradies durchzieht das ganze Grundstück. Wie Pieplow durch das Haus führt und all die Behälter zeigt, in denen Abfälle wiederverwertet werden &#8211; Essensreste, Holzspäne, Brauchwasser, Kot, Urin -, da wirkt er wie ein moderner Alchemist, der aus Exkrementen Gold macht &#8211; schwarzes Gold.</p>
<p>Alchemie, erster Eimer: Ach du heilige Scheiße</p>
<p>Im holzverkleideten Badezimmer steht neben dem Wasserklosett für die Gäste ein weißer Behälter, daneben ein Pott feine Holzkohle. Die luftdicht verschlossene Trockentrenntoilette. Dass sie nicht stinkt und nicht einmal ansatzweise müffelt, ist der Holzkohle zu verdanken, die das Ehepaar Pieplow nach jeder Benutzung per Schäufelchen drüberstreut. &#8220;Wichtig ist, Kot und Urin zu trennen&#8221;, erklärt der Hausherr und zeigt zwei Pipi-Behälterchen, die der männlichen und weiblichen Anatomie angepasst sind. Urin enthält sehr viel Stickstoff und wertvollen Phosphor, der sich jedoch bei der Herstellung der Terra Preta negativ auswirkt. Pieplow bewahrt sein &#8220;Goldwasser&#8221; auf, es dient ihm zehnfach verdünnt in der Vegetationszeit als &#8220;ausgezeichneter Dünger&#8221;.  Und die Scheiße? Es heiße doch überall, dass es gefährlich sei, menschliche Exkremente auf Äcker aufzubringen? Kot sei ein Wertstoff, klärt er auf. Um dazu zu werden, müsse er jedoch mindestens ein halbes Jahr richtig behandelt werden. Er zitiert den Künstler und Visionär Friedrich Hundertwasser: &#8220;Natürlich ist es etwas Ungeheuerliches, wenn der Abfallkübel in den Mittelpunkt unserer Wohnung kommt und die Humustoilette auf den schönsten Platz zum Ehrensitz wird. Das ist jedoch genau die Kehrtwendung, die unserer Gesellschaft, unsere Zivilisation jetzt nehmen muss, wenn sie überleben will.&#8221;</p>
<p>Wer Terra Preta produzieren wolle, könne das aber auch ohne Kotverwertung tun, stellt Pieplow klar. Holzkohle, Küchen- oder Gartenabfälle genügten völlig. Doch für die Bewohner von kanalisationslosen Slums in südlichen Ländern sei die neue Toilette perspektivisch ein Segen. &#8220;Jeder kann sprichwörtlich sein kleines Geschäft damit machen, Terra Preta herstellen und gleichzeitig teure Abwassergebühren sparen.&#8221; Und er berichtet davon, dass schon die alten Römer Götter der Abfallverwertung angebetet haben: Stercutius, den Gott des Kotes, Crepitus, den Gott des Abwindes, und Cloacina, die Göttin der Abzugskanäle.</p>
<p>Alchemie, zweiter Eimer: Kohl und Kohle</p>
<p>Im Wirtschaftsraum steht ein roter Plastikeimer mit Küchenabfällen und Holzkohle, einige Lagen darunter auch das Kotgemisch. &#8220;Sechs Euro hat der gekostet&#8221;, sagt Haiko Pieplow und hebt den Deckel hoch. &#8220;Riechen Sie was?&#8221; Nein, genauso wenig wie auf dem Örtchen. Die Abfälle, erklärt er, müssten luftdicht abgeschlossen und gepresst werden (&#8220;Bokashi&#8221;), damit die Milchsäurevergärung beginne. Die dafür nötigen Mikroorganismen könne man kaufen, aber im Prinzip seien sie auf Obst und Gemüse ausreichend vorhanden. Auch die &#8211; möglichst feine &#8211; Holzkohle könne man entweder erstehen oder selbst produzieren. Er selbst stellt eine Dose mit Sägespänen über Nacht in seinen Kamin, am nächsten Morgen sind die Späne geröstet und die Biokohle fertig. &#8220;Man kommt von selbst auf die richtigen Ideen, wenn man den ersten Sack Grillkohle zerkleinert hat und schwarz wie ein Schornsteinfeger ist&#8221;, sagt er schmunzelnd.</p>
<p>Alchemie, dritter Eimer: Würmer satt</p>
<p>Haiko Pieplow führt in den Garten, dorthin, wo nach etwa einem halben Jahr auch das Bokashi-Gemisch landet: zu den Kompostbehältern. &#8220;Erst in den Mägen der Regenwürmer und Kompostbewohner entsteht die Schwarzerde&#8221;, erklärt er. Ist Terra Preta also Regenwurm-Sklaverei? &#8220;Nein&#8221;, lächelt er. &#8220;Eher eine Symbiose. Wir füttern sie ja gut. In unserem Kompost gibt es regelrechte Wurm-Nester.&#8221; &#8220;Holzkohleverwendung und Milchsäurevergärung sind weltweit bekannte uralte Verfahren, die niemand patentieren kann. Das Neue daran ist, dass man beides zusammenbringt&#8221;, erklärt der Agraringenieur. Bisher hätten nur die Indios dieses Geheimnis gekannt.  Deshalb kann kein Großkonzern die Herstellung monopolisieren. Einige kleine Firmen, mit denen Haiko Pieplow teilweise zusammenarbeitet, bieten die Zutaten an, aber man kann genauso selbst experimentieren, um Terra Preta herzustellen. Er hofft deshalb auf die weltweite Kreativität von Kleinbauern und Hobbygärtnerinnen, um die Graswurzelrevolution zu starten.</p>
<p>Das ist Tera Preta</p>
<p>Im Jahr 1542 befuhr der spanische Conquistador Francisco de Orellana den Amazonas, um das legendäre El Dorado zu suchen. Er berichtete von riesigen Städten an seinen Ufern, in denen Millionen Indios lebten. Da spätere Expeditionen nichts mehr fanden, glaubte man lange, Orellana habe gelogen. Dem Spanier entging indes, dass er tatsächlich ein El Dorado gefunden hatte: eine Kultur, die auf dem &#8220;schwarzen Gold der Erde&#8221; basierte. Das Wissen um die Herstellung der Indianer-Schwarzerde, die anders als der nährstoffarme Regenwaldboden sehr fruchtbar ist, ging jedoch mit der Ausrottung der Ureinwohner verloren und gelangte erst in den 1990er Jahren in den Fokus von Forschern. Die uralten, teilweise meterdicken Schichten am Amazonas bestehen aus einer Mischung von Holzkohle, Exkrementen, Knochen und organischen Abfällen, durchsetzt mit Tonscherben &#8211; wahrscheinlich Überreste von riesigen Tongefäßen, in denen Siedlungsabfälle zu fruchtbarem Dauerhumus für Hochbeete umgewandelt wurde. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Milchsäurefermentierung, wie sie seit Jahrtausenden zur Nahrungskonservierung genutzt wird &#8211; Beispiel Sauerkraut.</p>
<p>Das kann Terra Preta</p>
<p>Schwarzerde kann Kunstdünger, Pestizide und Gentechnik ersetzen und damit perspektivisch die Macht der Agrokonzerne wie BASF oder Monsanto von unten aushöhlen. Terra-Preta-Böden erschöpfen nicht, sondern können sogar nachwachsen. Sie sind gut durchlüftet, halten das Wasser viel besser, Nährstoffe waschen nicht aus. In Terra Preta wachsen kerngesunde Pflanzen. Warum? Das erste Geheimnis ist Holzkohle. Die schwammartige poröse Struktur der Biokohle speichert Wasser und Nährstoffe. In ihren Hohlräumen &#8211; und das ist das zweite Geheimnis &#8211; siedeln sich komplexe Lebensgemeinschaften von Mikroorganismen an. Besonders wichtig sind milchsäurebildende Mikroorganismen. Der Effekt wird in der Landwirtschaft auch durch die aus Japan stammenden &#8220;Effektiven Mikroorganismen&#8221; (EM) zur Bodenverbesserung genutzt. Für Terra Preta wird zuerst eine Holzkohlen-Sillage (auf Japanisch &#8220;Bokashi&#8221;) durch milchsaure Vergärung von organischem Material hergestellt (Küchenabfälle, Stroh, Dung, menschlicher Kot). Die gewonnene Substanz dient als willkommenes Futter für Regenwürmer und anderes Getier, zum Dank scheiden sie schwarze Erde aus. Terra Preta ist im Prinzip auf jedem Balkon, in jedem Kleingarten und in jeder Komposttonne herstellbar. Erwerbslose und Hartz-IV-Empfängerinnen könnten diese Schwarzerde und eigene Lebensmittel erzeugen. Überall, wo Menschen leben, kann Terra Preta die Landnutzung in diesem Jahrhundert revolutionieren.</p>
<p>Hier gibt es Terra Preta</p>
<p>Auf Versuchsböden in Brasilien wuchsen Bananenstauden bis zu fünf Meter pro Jahr, im rheinland-pfälzischen Hengstbacherhof wurden Rote-Beete-Köpfe so groß wie Handbälle. Die Qualität des dort hergestellten Terra-Preta-Substrats stellt nach einer Analyse des Landauer Instituts für Umweltwissenschaften die von Torf und herkömmlichem Kompost weit in den Schatten. In der weltweit ersten Schwarzerde-Herstellungsanlage, die wie ein größeres Gewächshaus aussieht, sollen demnächst jährlich rund 50.000 Kubimeter Terra Preta für Profilandwirte und Hobbygärtner produziert werden. Geschäftsführer Joachim Böttcher aus Hengstbacherhof sieht sich &#8220;Fairness, Transparenz und Nachhaltigkeit&#8221; verpflichtet und plant unter anderem die Gründung einer Schwarzerde-Genossenschaft. Die Universitäten von Berlin, Bayreuth und Leipzig, Landwirte im Chiemgau und im österreichischen Kaindorf sowie Biowinzer in der Schweiz experimentieren bereits mit Terra Preta.</p>
<p>Weitere Infos unter triaterra.de oder bei den Chiemgauern.&#8221;    Über die EM-Bewegung sei noch hinzugefügt &#8211; derlink:  http://www.meinbezirk.at/feistritz-am-wechsel/kultur/workshop-effektive-mikroorganismen-em-fuer-neulinge-d518036.html  Dort wird ein &#8220;Workshop &#8216;Effektive Mikroorganismen&#8217; EM für Neulinge&#8221; offeriert&#8230;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320080.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7902" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320080-424x651.jpg" alt="" width="424" height="651" /></a></p>
<p><em>Auf dem Treptower Rummel war es trotz Sonnenschein doch noch empfindlich kalt, muß man sagen.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320069.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7903" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320069-424x284.jpg" alt="" width="424" height="284" /></a></p>
<p><em>Sybille mit Kind und Oma im Tiergehege an der Hasenheide.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320075.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7904" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320075-424x276.jpg" alt="" width="424" height="276" /></a></p>
<p><em>Hans-Hermann Wintrup bleibt auch bei schönem Wetter seiner Schöneberger Stammkneipe mit Almhütten-Ambiente treu, aber im Frühjahr schmecke ihm das Bier noch mal so gut, behauptet er.</em></p>
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<p><strong>Im taz-Workshop über fruchtbare Erde war nur wenig von der segensreichen Wirkung der Regenwürmer die Rede.</strong></p>
<p>Deswegen sei hier auf die große Studie von Charles Darwin &#8220;Die Intelligenz der Regenwürmer&#8221; verwiesen (im März-Verlag 1984 erschienen). 1881 veröffentlichte Darwin seine Schrift &#8220;Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer&#8221;. Ein Jahr vor seinem Tod &#8220;schloss er damit seine Jahrzehnte währenden Studien über die Wechselbeziehungen zwischen Regenwürmern und Bodenbeschaffenheit sowie über das Verhalten dieser Tiere ab,&#8221; heißt es in einem ausführlichen  Wikipedia-Eintrag dazu. Er beschrieb darin u.a. eigene Experimente mit Regenwürmern, die Alfred Brehm in seinem Band über die &#8220;Niederen Thiere&#8221; so schilderte: &#8220;Sie suchen nach vermoderten Vegetabilien, und wenn sie diese nicht finden, so präpariren sie sich ihren Fraß, indem sie, was ihnen vorkommt, in ihre Löcher hinunterziehen. Jedermann weiß, daß die Strohhalme, Federn, Blätter, Papierstreifen, welche man des Morgens auf den Höfen und in den Gärten in der Erde stecken sieht, als wären sie von Kindern hingepflanzt, während der Nacht von Regenwürmern verschleppt werden. Wenige jedoch werden gesehen haben, wie mit so schwachen Werkzeugen ein Wurm im Stande ist, so große Gegenstände zu überwältigen. Wenn man jedoch den Widerstand erprobt hat, den der Wurm dem entgegensetzt, der ihn aus dem Loche hervorzuziehen versucht, so wird man sich über die Muskelkraft eines nur aus Muskeln und Haut bestehenden Thieres nicht so sehr verwundern. Ein starker Strohhalm wird in der Mitte gefaßt und so scharf angezogen, daß er zusammenknickt, und so ins Loch hinabgezogen; eine breite Hühnerfeder mit der Fahne war ohne Schwierigkeit in ein enges Loch gezerrt; ein an der Spitze gefaßtes grünes Blatt von einer Himbeerstaude wurde abgerissen.&#8221;</p>
<p>An anderer Stelle schreibt Brehm: &#8220;Der gemeine Regenwurm verlebt den Winter, einzeln oder mit seinesgleichen zu langem Schlafe zusammengeballt, sechs bis acht Fuß unter der Erde. Die Frühlingswärme weckt auch ihn und lockt ihn wieder empor. Er ist des Tages Freund nicht, aber in der Früh- und Abenddämmerung und bis tief in die Nacht hinein, besonders nach warmem, nicht heftigem Regen, verläßt er seinen Schlupfwinkel, theils um seiner Nahrung nachzugehen, theils um mit einem der Freunde und Nachbarn ein intimes Bündnis zu schließen.</p>
<p>Bei dieser Friedfertigkeit und Bescheidenheit lauert tausendfacher Tod auf die armen Regenwürmer. Unterdrückten kann man sie vergleichen, denen man selbst ihre nächtlichen, geräuschlosen Zusammenkünfte nicht gönnt. »Der Regenwurm«, sagt sein Biograph, »gehört zu den Thieren, die den meisten Verfolgungen ausgesetzt sind. Der Mensch vertilgt sie, weil er sie beschuldigt, die jungen Pflanzen unter die Erde zu ziehen. Unter den Vierfüßern sind besonders die Maulwürfe, Spitzmäuse und Igel auf sie angewiesen. Zahllos ist das Heer der Vögel, das auf ihre Vertilgung bedacht ist, da nicht bloß Raub-, Sumpf- und Schwimmvögel, sondern selbst Körnerfresser sie für raren, leckeren Fraß halten. Die Kröten, Salamander und Tritonen lauern ihnen des Nachts auf, und die Fische stellen den Flußufer- und Seeschlammbewohnern nach.</p>
<p>Noch größer ist die Zahl der niederen Thiere, die auf sie angewiesen sind. Die größeren Laufkäfer findet man beständig des Nachts mit der Vertilgung dieser so wehrlosen Thiere beschäftigt, die ihnen und noch mehr ihren Larven eine leichte Beute werden. Ihre erbittertsten Feinde scheinen aber die größeren Arten der Tausendfüßer zu sein. Diesen zu entgehen, sieht man sie oft am hellen Tage aus ihren Löchern entfliehen, von ihrem Feinde gefolgt.&#8221;</p>
<p>Erwähnt sei in diesem Zusammenhang ferner ein Theaterstück von Barbara Geiger aus ihrer Reihe &#8220;Fräulein Brehms Tierleben: Lumbricus terrestris &#8211; Der Regenwurm&#8221; (ab 8 Jahren)&#8221;.</p>
<p>Wo: Natur-Park Schöneberger Südgelände &#8211; Berlin</p>
<p>Adresse: Prellerweg , 12157 Berlin (Tempelhof-Schöneberg)</p>
<p>Öffnungszeiten: 14.00 Uhr</p>
<p>Laufzeit: Mi, 01.05.2013 bis zum So, 12.05.2013</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320094.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7905" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320094-424x622.jpg" alt="" width="424" height="622" /></a></p>
<p><em>Rosemarie hat von ihrem Freund Frühlingsblumen geschenkt bekommen.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320095.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7906" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320095-424x265.jpg" alt="" width="424" height="265" /></a></p>
<p><em>Johanna hat von ihren Kindern und Enkeln gleich eine ganze Anrichte voll geschenkt bekommen.</em></p>
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<p><strong>Das Naturkundemuseum teilt heute mit: </strong></p>
<p>&#8220;Die Spinne, die vorgestern in Berlin eine Blumenverkäuferin gebissen und für große Aufregung gesorgt hat, wurde heute vom Spinnen-Experten des Berliner Naturkundemuseums, Dr. Jason Dunlop, beurteilt. Es handelt sich nicht (wie ursprünglich gedacht) um eine Riesenkrabbenspinne, sondern höchstwahrscheinlich um einen Vertreter der sogenannten Raubspinnen (Pisauridae). Diese Raubspinnen kommen normalerweise nicht in Deutschland vor so dass die Vermutung nahe liegt, dass es sich hier um eine Tropische Art aus Kenia oder Paraguay handelt, den Ländern, aus denen die Blumen bezogen wurden. Das Tier hat eine Körperlänge von ca. 1,5 cm und eine Beinspanne von ca. 5 cm, also insgesamt einen Durchmesser von 6,5 cm. Weitere Untersuchungen in den nächsten Tagen werden erfolgen, um das Tier näher zu bestimmen. Weltweit gibt es ca. 500 Arten von Raubspinnen, unter anderem einige Vertreter hier in Deutschland. Obwohl fast alle Spinnen Gift haben, sind Raubspinnen nicht für Menschen gefährlich.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320083.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7907" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320083-424x272.jpg" alt="" width="424" height="272" /></a></p>
<p><em>Ludmilla, Sophie und Annemarie aus Friedenau haben es im kalten Berlin nicht ausgehalten &#8211; und sind für drei Wochen nach Teneriffa (Vollpension) geflogen: &#8220;Man gönnt sich ja sonst nüscht!&#8221;</em></p>
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<p><strong>Frieder vom Kreuzberger Buchladen Schwarze Risse  teilte  mir mit:</strong></p>
<p>Er habe da ein sonderbares Buch, das mich vielleicht interessiert: Die Biographie einer Weißen, die als Fünfjährige in den amazonischen Dschungel entführt und ausgesetzt wurde. Sie überlebte dank einer Kapuziner-Affen-Horde, der sie sich immer mehr anschloß, auch sprachlich und körperlich, d.h. sie lernte auch, bei Gefahr auf Bäume zu klettern. Einer Indianer-Horde in der Nähe schloß sie sich nicht an. Schließlich landete sie als Putzfrau mit 11 in einem Bordell, geriet dann als Putzfrau in eine Familie und lebte danach als Straßenkind in einer Kleinstadt-Gang. Kam ins Kloster &#8211; und von da aus nach Bogota, wo das Buch endet.</p>
<p>Aus den Photos im Buch erkennt man jedoch, dass sie dann einen Engländer heiratete und mit ihm in England zwei Kinder bekam, von denen eins inzwischen selbst ein Kind hat. Ihr jüngste Tochter hat sich ihr Leben auf Tonband sprechen lassen und eine englische Ghostwriterin hat das Material zu einem Buch verarbeitet, das soeben bei Rowohlt erschien. Ein seltsames Buch, um das mindeste zu sagen, ich habe heute gleich drin rumgelesen: Marina Chapman: &#8220;Das Mädchen, das aus dem Dschungel kam. Eine Kindheit unter Affen&#8221;.</p>
<p>Auf Youtube gibt es einen 5-Minuten-Clip über sie: &#8220;Woman Claims She Was Raised By Monkeys&#8221;  Die Huffington Post schreibt: &#8220;While the story sounds almost unreal, cases of &#8216;feral children&#8217; raised by animals have been reported before with orphan John Ssabunnya claiming he was raised by monkeys in Africa.&#8221;</p>
<p>Die FAZ berichtete 2012 über einen anderen Fall von &#8220;interspecies communication&#8221; &#8211; den &#8220;Wolfsmann&#8221; Marcos Pantoja: Er hat als Kind unter Wölfen gelebt, zwölf Jahre lang. Aber später haben ihm die Menschen seine Geschichte nicht geglaubt. Ein Kinofilm sollte ihn rehabilitieren. Spuren lesen, Bienenwaben plündern, Rebhühner fangen &#8211; Marcos war als achtjähriger Junge auf sich gestellt, in der Wildnis. Im Spanien der Fünfziger Jahre &#8211; unter Diktator Franco &#8211; gab es noch die Leibeigenschaft, und teilweise mussten die Eltern ihre Kinder verkaufen. Wie Marcos sollen in Spanien über 100 Kinder aus der Zeit verwildert gewesen sein. Heute ist Marcos 65 und im Sommer ist ein Film über sein Leben erschienen. Weil sie ihm nie geglaubt hatten, haben sich inzwischen einige Nachbarn bei Marcos entschuldigen müssen.</p>
<p>Die Welt läßt ihn selbst zu Wort kommen:  &#8220;Eines Tages habe ich diesen kleinen Wolf gesehen. Ich näherte mich ihm, weil ich dachte, er sei ein Hund. Ich wollte mit ihm spielen.&#8221; Von da ab wird &#8220;Lobito&#8221;, der kleine Wolf, Marcos&#8217; treuester Begleiter.  Doch Lobito gehört zu seinem Rudel, und die Mutter wacht über ihr Junges, sie ist eine Gefahr für das Menschenkind. &#8220;Ich bin Lobito in eine Höhle gefolgt. Plötzlich kam die Wölfin hinein. Sie schlug mit einer Tatze nach mir, ich flüchtete mich in den hintersten Winkel.  Dann kam sie wieder näher, in ihrer Schnauze ein Stück Fleisch, ich hatte riesige Angst. Doch sie ließ die Beute vor mich fallen, ich stopfte mir ein Stück in den Mund. Sie kam noch näher &#8211; und plötzlich begann sie, mein Gesicht abzulecken. So war ich mit einem Mal Teil des Wolfsrudels.&#8221; Marcos jagt mit den Wölfen, er teilt das Er jagte mit ihnen, spielt mit ihnen, schläft bei ihnen, heult mit ihnen. &#8220;Wenn ich in Gefahr war, kamen sie und holten mich.&#8221; Er stößt dreimal nacheinander ein kurzes, sirenenartiges Wolfsgeheul aus. &#8220;Das bedeutet Gefahr&#8221;, erklärt er. Angst, sagt er noch einmal, kannte er nicht. &#8220;Nur vor dem Wildschwein muss man sich fürchten. Es hat keine Freunde, und darum ist es unberechenbar.&#8221;</p>
<p>Mit seinen Wölfen jagt Marcos sogar Rehe und Hirsche. Die Wölfe treiben das Wild auf den Fluss zu, bis das Tier panikartig in das tiefe Wasser springt, wo Marcos darauf wartet, es mit einem Messer zu töten.  Aus dem Fell macht sich &#8220;El Salvaje de la Sierra Morena&#8221;, der &#8220;Wilde aus der Sierra Morena&#8221;, wie man ihn später nennen wird, Fellumhänge. &#8220;Das war auch ein Grund, warum die Wölfe mich akzeptierten: Ich roch nicht mehr wie ein Mensch, in dessen Kleidern der Schweiß hängt.&#8221;  Nach so vielen Jahren unter Wölfen, die Haut sonnengegerbt, das Haar bis zu den Hüften und der eigenen Sprache kaum noch mächtig, wusste Marcos selbst nicht mehr, was er war. &#8220;Ich wusste nur, dass ich anders war als die Wölfe. Und sie wussten es auch, weil ich Sachen machen konnte, die sie nicht konnten.&#8221;  Er war glücklich in der Sierra.</p>
<p>Aber der Guardia Civil, Francos kasernierter Volkspolizei, gefiel der wilde Mann in den Bergen nicht. &#8220;Eines Tages, ich hatte gerade gut gegessen, schrien meine Vögel. Das taten sie immer, wenn Gefahr drohte. Ich versuchte wegzulaufen &#8211; aber die Polizisten schossen auf mich, schlugen mich nieder. Mit Handschellen, geknebelt, an ein Pferd gefesselt, schleppten die Polizisten mich ins Dorf, nach Fuencaliente.&#8221;  Die Leute im Dorf hatten von ihm gehört, ihn jedoch zuvor nie zu Gesicht bekommen. Es war das Jahr 1965, Marcos 19 Jahre alt. Aus der Sierra ging es nach Madrid ins Kloster, dann musste der junge Mann seinen Militärdienst ableisten.  Immer wieder flog er wegen Befehlsverweigerung hinaus, vagabundierte durch die Lande, schließlich verschlug es ihn nach Mallorca, wo er sich als Küchenhilfe und Maurer durchschlug.</p>
<p>&#8220;Ich konnte gut kochen, aber weil ich weder das Lesen noch das Schreiben beherrschte, bekam ich nie einen richtigen Job.&#8221;  Er schaffte die Rückkehr in die Zivilisation nicht, bis heute ist ihm das nicht gelungen. &#8220;Ich war immer allein&#8221;, sagt Marcos. Er beginnt zu trinken, weiß immer noch nicht mit Geld umzugehen. Er zieht aufs Festland zurück, doch die Rückkehr in die Gesellschaft gelingt ihm nicht, zeitweise lebt er wieder in einer Höhle, in den Bergen nahe Málaga.  Auf Mallorca lernte Marcos einen Anthropologen kennen, der seinen Fall aufzeichnete. Jahre später liest der Filmemacher Gerardo Olivares zufällig von Marcos, als die Zeitung &#8220;El País&#8221; von Kindern berichtet, die allein in der Wildnis aufwuchsen.  Olivares setzt einen Privatdetektiv an, der Marcos nicht wie erwartet in Andalusien, sondern im Nordwesten ausfindig macht. Dort lebt er auf der Finca von Manuel Barandela, in einem Dorf nahe der Stadt Orense in Galicien.</p>
<p>Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er für Manuel, die beiden Männer verbringen viel Zeit zusammen, obwohl Manuel sich lange darüber beschwerte, dass er mit Marcos kein vernünftiges Gespräch führen konnte. &#8220;Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass sein Vokabular einfach zu klein ist, er versteht viele Wörter nicht. Aber mittlerweile fragt er mich, wenn er etwas nicht versteht.&#8221;  Regisseur Olivares war sofort klar, was er aus Marcos&#8217; Geschichte machen musste. &#8220;Hombre, der Film ist das Beste, was mir im Leben passiert ist&#8221;, sagt Marcos mit seinem rauchigen andalusischen Akzent.</p>
<p>Auch deshalb, weil er nach mehr als 40 Jahren wieder Wölfe sehen sollte, bei den Dreharbeiten in den Waldgebieten um Madrid.  &#8220;Ich bin auf einen Felsen geklettert und habe wie ein Wolf geheult. Sie sind auf mich zugelaufen, da habe ich mich gleich auf den Boden geworfen, Bauch nach oben, Hände im Nacken. Damit sie wissen, dass ich mich unterordne.  Dann kam die Wölfin, sie schnupperte an mir, ich habe sie angepustet &#8211; und schon hat sie mich abgeleckt.&#8221; Kurz darauf aber kam auch das Männchen, knurrte Marcos zähnefletschend an. &#8220;Da habe ich ihm einfach meinen Arm in den Rachen gesteckt. Und ihn gestreichelt. Da waren wir gleich Freunde. Diablos, war das schön!&#8221;, freut sich Marcos. Momente des wahren Glücks.&#8221;</p>
<p>Diese &#8220;Story&#8221; könnte fast den roten Faden vorgegeben haben für die Geschichte von Marina Chapman &#8211; &#8220;Das Mädchen, das  aus dem Dschungel kam. Eine Kindheit unter Affen&#8221;. Ich habe darin leider nicht allzu viel über die Affen erfahren &#8211; aber das ist ja immer das Problem bei der allzu teilnehmenden Beobachtung.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320081.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7908" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320081-424x254.jpg" alt="" width="424" height="254" /></a></p>
<p><em>Familie Russ im Vorderhaus feiert weder das Frühlingsfest noch halten sie überhaupt was von diesem ganzen &#8220;Frühlingswahn und dem ganzen Grünzeug&#8221; &#8211; sie rauchen einfach weiter wie im Winter.</em></p>
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<p><strong>Die FAZ teilte mit: </strong></p>
<p>Es gibt einen faszinierenden Photoband mit Interviews über die sowjetische Raumfahrt-Architektur (Kosmismus), dieser wird ausführlich besprochen (mit großen Abbildungen), und endet mit dem Satz: Dass dieser Kosmismus eine glänzende kommunistische Zukunft im All versprach, aber was werde nun, nach dem Ende des &#8220;Übermenschen&#8221; (Gagarin) für ein neues Heldentum über uns (bzw. die Russen) kommen.</p>
<p>Diese sozialistische Science Fiction fand ihren Höhepunkt mit dem Roman &#8220;Der rote Planet&#8221; von Alexander Bogdanow (Verlag Volk und Welt -1984). &#8220;Der rote Planet ist eine moderne sozialistische Utopie, in der auch feministische Themen präsent sind. Kim Stanley Robinson ließ sich für seine Novelle Roter Mars durch Bogdanow inspirieren und schuf auch einen ihm ähnlichen Charakter seines Namens. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg schuf Bogdanow mit seiner monumentalen &#8220;Tektologie&#8221; eine breit angelegte Theorie der Weltorganisationsdynamik, die zugleich als Systemtheorie, als Krisen- und Katastrophentheorie, als Theorie der Nachhaltigkeit und als globale Kulturtheorie gelten kann. Ein wichtiges Anliegen bestand ihm darin, die Menschheit vor dem Unterschreiten eines kulturellen Standards zu bewahren, zu verhindern, dass es zu einer globalen Nivellierung und Anpassung nach unten kommt. Er befürchtete einen Rückfall der Zivilisationen in die elementare Barbarei.&#8221; (Wikipedia)</p>
<p>1926 gründete er, inzwischen Professor für Politische Ökonomie, ein &#8220;Institut für Bluttransfusion&#8221;, zwei Jahre später starb er bei einem Selbstversuch.  Auf Arte sah ich einen Mars-Invasionsfilm (aus Anlaß der Datenflut vom Mars-Rover &#8220;Curiosity&#8221; zeigten sie eine ganze Reihe). In dem, den ich sah, versuchen die mit konventionellen Wafen (inkl.Atombombe) wegen ihres elektromagnetischen Schutzschirms untötbaren Marsianer die Erde zu erobern (ihren roten Planeten haben sie zu Ende ruiniert). Was sie schließlich besiegt, sind &#8220;unsere&#8221; Bakterien hier, denen gegenüber sie keine körpereigenen Abwehrkräfte entwickelt haben.</p>
<p>Zuvor las ich in einer Geschichte der südamerikanischen Indianer, dass sie vor allem von den Bakterien und Viren der weißen Europäer ausgerottet wurden &#8211; Millionen. Die wenigen, noch heute in Brasilien z.B. lebenden Indianer darf man als Weißer heute nur besuchen, wenn man zuvor in einen mehrmonatigen Quarantäne-Aufenthalt eingewilligt hat.</p>
<p>Vor einigen Monaten machte die NASA mit einer Meldung auf sich aufmerksam, die sich wenig später als falsch erwies: Leben auf dem Mars, Curiosity hatte angeblich Bakterien da oben entdeckt.  Wenn ich mich richtig erinnere, dann waren es Bakterien, die Curiosity aufgrund eines Sterilisationsfehlers an einem Bohrer von der Erde dort mithingeschleppt hatte.  Gleichzeitig entstand daraus aber die Frage: Gibt es vielleicht aber doch auch marseigene Bakterien? Wenn, ja&#8230;  &#8220;Über eines sind sich die Strategen bei der Nasa &#8211; bislang &#8211; im Klaren: bevor der Mars zur Erde gemacht wird, muss Gewissheit herrschen, dass es kein marseigenes Leben gibt, und seien es auch nur Mikrolebewesen. Sie dürften durch das Terraforming (1) nicht in Gefahr geraten. Dies immerhin hat der Mensch, bei allen Parallelen zwischen Amerika und dem Mars, seit der Fahrt des Kolumbus mit ihren schlimmen Konsequenzen für die Indianer gelernt: Leben in Neuen Welten muss geschützt werden.&#8221;</p>
<p>&#8220;&#8216;Wenn das Curiosity-Team Eis findet, müssen wir erst einmal reden&#8217;, hat die Nasa-Beauftragte für den Schutz fremder Planeten, Catherine Conley, verfügt,&#8221; schrieb die SZ.</p>
<p>Er hat dann Eis gefunden &#8211; und blieb kurz davor stehen. Sendepause, sie hält noch immer an. Auf der Suche nach Lebensformen der Erde, die eventuell auch auf dem Mars existieren könnten, hatten US-Forscher aber nun einen wichtigen Anhaltspunkt: Wasser befindet sich auf dem Roten Planeten in gefrorenem Zustand im Boden. Die Permafrostböden der Erde gelten aus diesem Grund als terrestrisches Gegenstück der Marsumgebung.</p>
<p>Die Wissenschaftler untersuchten daher Proben dieses Bodentyps aus dem Nordosten Sibiriens.  Nachdem sie im Boden enthaltene Bakterien 28 Tage lang auf einem Nährboden bei normalem Druck und Temperatur wachsen ließen, brachten die Forscher die Kolonien auf neue Nährplatten. Dort wurden sie bei null Grad Celsius und unter verschiedenen Druck- und atmosphärischen Bedingungen 30 Tage lang isoliert.  Sechs Bakterienkolonien waren demnach in der Lage, bei null Grad, geringem Druck und einer CO2-reichen Atmosphäre zu gedeihen. DNA-Analysen zeigten, dass die zähen Organismen allesamt zur Gattung Carnobacterium gehören, einer Gruppe der Milchsäurebakterien.</p>
<p>Zwei Wiener Weltraumforscher erklärten der Presse, was das alles bedeute:  &#8220;Sam, das Messgerät an Bord des Mars-Rovers, hat die Signale von organischen Verbindungen, genauer: Kohlenstoff in Verbindung mit Chlor und Wasserstoff, in Gesteinsproben nachgewiesen. Die Stelle, deren Namen man sich möglicherweise wird merken müssen, heißt &#8220;Rocknest&#8221;. Ein organisches Molekül, etwa Alkohol oder Formaldehyd, kann ein Hinweis auf ehemaliges mikrobielles Leben auf dem Mars sein, muss aber nicht.&#8221;</p>
<p><strong>Anmerkung:</strong></p>
<p>(1) Das was bisher “Kolonisierung”, gewaltsame Eroberung eines Landes hieß, heißt nun Terraforming – ohne Verdrängung derer, die vorher da waren, diesmal: “die Umformung von anderen Planeten in bewohnbare erdähnliche Himmelskörper mittels zukünftiger Techniken. Planeten oder Monde sollen so umgestaltet werden, dass darauf menschliches Leben mit geringem oder ohne zusätzlichen technischen Aufwand möglich wird.” (Wikipedia)</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320079.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7909" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320079-424x275.jpg" alt="" width="424" height="275" /></a></p>
<p><em>Unter ihnen, beim Ehepaar Degenhart, ist dagegen die Stimmung bombig. Ihre Kinder sind schon seit Jahren aus dem Haus. Man weiß so gut wie nichts über sie.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320097.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7915" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320097-424x696.jpg" alt="" width="424" height="696" /></a></p>
<p><em>Das ist Jürgen aus dem Hinterhaus, hier mit seiner kleinen Cousine während eines Frühlingsspaziergangs im Volkspark Rehberge.</em></p>
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<p><strong>Weitere Details aus der wunderbaren Welt der Mikroorganismen:</strong></p>
<p>1. Hier neues über E.coli:  Im Online Fachmagazin PNAS berichten britische Mikrobenforscher, dass sie E.Coli-Bakterien derart gentechnisch verändert haben, dass sie freie Fettsäuren als Grundstoff zu den Kohlenwasserstoffen verstoffwechseln aus denen Diesel-Kraftstoff besteht. Dieser ist mit herkömmlichen fossilen Brennstoffen chemisch identisch, so dass man ihn gleich in den Tank kippen kann&#8230;  &#8220;Thomas Howard von der Uni Exeter und Kollegen von der Shell-Forschung schleusten dazu Gene verschiedener Mikroben in das Erbgut der Darmbakterien ein,&#8221; heißt es über diese E.coli-Veränderung heute in der SZ. Der Studienleiter John Love meinte dazu: &#8220;Konventionellen Diesel in kommerziellen Mengen durch einen Kohlenstoff-neutralen Biokraftstoff zu ersetzen, wäre ein gewaltiger Schritt in Richtung unsere Ziels, die Treibhausemissionen bis 2050 um 80% zu reduzieren.&#8221;</p>
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<p>2. Dem sauren Magensaft zum Trotz: Im menschlichen Magen herrscht Bakterienvielfalt. US-Mikrobiologen wiesen nun rund 120 Bakterien in der Magenschleimhaut nach, von denen einige noch unbekannt sind.       Das Team um Elisabeth Bik der Stanford University School of Medicine entdeckte u.a. ein Bakterium, dessen nächster Verwandter auch unter extremen Umweltbedingungen bestens gedeiht, so etwa auf radioaktiven Abfallhalden.  Ursprünglich gingen Wissenschaftler davon aus, dass die Mikroorganismen im Magen auf Grund des hohen Säuregehalts nicht überleben würden.  Vor rund 20 Jahren entdeckten dann die zwei Australier Barry J. Marshall und J. Robin Warren (Nobelpreisträger 2005) das Heliobacter pylori im Magen, einen potenziellen Erzeuger von Magengeschwüren.  Bik und ihr Team analysierten nun Proben der Magenschleimhaut von 23 Probanden. Dabei entdeckten sie mindestens 128 verschiedene Bakterienarten.</p>
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<p>3. Auch hier lebt Heliobacter pylori. Prinzipiell ist das Untersuchungs-Verfahren der Forscher von der Universität Tokio bestechend einfach: Entnahme von Gas aus dem Magen oder Zwölffingerdarm und sofortige Analyse im Gaschromatographen. Finden sich Wasserstoff oder Methan ab einer bestimmten Konzentration, ist dies ein äußerst sicherer Hinweis auf die bakterielle Gärungs-Herstellung dieser Gase vor Ort. Das Problem: Bislang gab es nur die Möglichkeit, diese Gase (vor allem Wasserstoff) in der Ausatemluft von Patienten zu bestimmen &#8211; ein ziemlich ungenaues Verfahren. Jetzt stehen jedoch neuartige Magenspiegel (Endoskope) zur Verfügung, mit denen eine Gasentnahme während der endoskopischen Untersuchung von Speiseröhre, Magen oder Zwölffingerdarm möglich wird. Es muss lediglich darauf geachtet werden, dass die Gase entnommen werden, bevor das übliche &#8220;Aufblasen&#8221; des Magens mit Gas stattfindet.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320090.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7910" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320090-424x646.jpg" alt="" width="424" height="646" /></a></p>
<p><em>Janna aus Moabit spinnt: Sie posiert hier mit ihrem Jüngsten und einer Schultüte: &#8220;Die Engländer haben die Einschulung zu Ostern hier eingeführt, und dabei bleibe ich auch.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320071.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7911" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/83320071-424x273.jpg" alt="" width="424" height="273" /></a></p>
<p><em>Auch die Rentner können sich nur schwer an die neuen Zeit gewöhnen: Wie eh und je gehen sie am Spätnachmittag zurück in den Osten, obwohl es dafür überhaupt keine Notwendigkeit mehr gibt.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/pavian.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7912" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/pavian-424x317.jpg" alt="" width="424" height="317" /></a></p>
<p><em>Die neue Zeit sieht eher so aus &#8211; interspecies communication ist in: Das Bild zeigt den Zootierpfleger Erwin Krump mit seinem langjährigen &#8220;Freund&#8221; Bassu bei einem Ausflug zur Langgraswiese im östlichen Tiergarten.  Näheres über diese Spezies und wie sie sich ins Weichbild der Stadt integriert, findet man in dem Roman  &#8220;Mr Thundermug&#8221; von Cornelius Medvei &#8211; über eine Pavian-Familie in einer englischen Kleinstadt und wie sie endete.</em></p>
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<p><strong>Schon bald ist Anbaden &#8211; viele tazler gehen gerne zum Schlachtensee. In diesem Jahr jedoch nicht mehr &#8211; er ist ihnen unheimlich geworden &#8211; wegen der im See lebenden Welse:</strong></p>
<p><span style="font-size: medium">Man spricht bereits von &#8220;Riesenwelsen&#8221;: &#8220;In den heimischen Gewässern sind Zwei-Meter-Exemplare keine Seltenheit mehr,&#8221; inzwischen haben die &#8220;Riesenwelse den Rhein erobert&#8221;. Biologen sprechen von der größten Veränderung der Wasserfauna seit der Eiszeit und rätseln über den Grund dafür, berichtet der Spiegel. Beobachter sind entsetzt über die großen Raubfische, weil sie nicht nur alle anderen Fische fressen, sondern auch schon Wasservögel und größere Nagetiere. In Bayern schreckte ein Zwei-einhalb-Meter-Wels &#8211; &#8220;Killer-Waller&#8221; dort genannt &#8211; nicht einmal vor unserem größten flugfähigen Vogel &#8211; einem Schwan – zurück. (1) In einem niederösterreichischen Badesse zog ein solcher Riesenwels sogar eine 14jährige namens „Franziska S.“ unter Wasser. Im Berliner Schlachtensee wurde eine Schwimmerin schmerzhaft gebissen, anschließend zog ein Angler einen 2 Meter 60 langen &#8220;Monsterwels&#8221; aus dem See. (2) Das unheimliche, geradezu plötzliche Wachstum des schuppenlosen Schlammfisches &#8220;Europäischer Wels&#8221; &#8211; um 100% geschieht zusammen mit anderen gravierenden Veränderungen in der Unterwasser-Fauna; einige seien hier genannt: </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">1. Die Hummer vor der Ostküste der USA vermehren sich wie noch nie und werden immer bunter. Als Ursache wird ebenso wie bei den Welsen die Erwärmung des Wassers vermutet. Die dortigen Hummerfischer sind über ihre zunehmend üppigeren Hummerernten nicht froh, denn das Überangebot macht mehr Arbeit, gleichzeitig verdienen sie jedoch immer weniger, weil die Hummerpreise sinken. Die einstige Armen- und Gefängnis-Kost Hummer ist drauf und dran, wieder zu einer solchen zu werden. Jüngst kam es zu einem Streit zwischen kanadischen und amerikanischen Hummerfischern, weil diese ihre Tiere in Kanada zu Dumpingpreisen verkauften. Daneben müssen sie sich auch noch gegen den wachsenden Einfluß der Tierschützer wehren, die das Zubereiten des Großkrebses &#8211; z.B. auf der weltgrößten &#8220;Hummerparty&#8221; in Maine &#8211; als barbarisch kritisieren: Die Tiere werden dort lebend in riesige Behälter mit kochendem Wasser geworfen. Das rohe Massenvergnügen in der Hummerhauptstadt wurde vom Schriftsteller David Foster Wallace kritisiert &#8211; ausgerechnet in einer Gourmet-Zeitschrift (sein Text heißt auf Deutsch: &#8220;Am Beispiel des Hummers&#8221;). </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">2. Die Makrelen wandern neuerdings immer weiter nordwärts &#8211; bis nach Island. Dort in der 200 Seemeilen-Fischfangzone werden die Schwärme von isländischen Fischern gefangen, die nun laufend ihre Fangquoten erhöhen. Die Fischer in der EU möchten den Makrelenschwärmen nachfolgen, aber die isländischen Kollegen sind schneller. Die EU droht Island und den Färöer-Inseln in dem Streit nun mit Sanktionen. Der Klimawandel habe das Verbreitungsgebiet der Tiere verändert, verteidigt sich und seine Fischer Islands Fischereiminister Steingrímur Sigfússon: &#8220;Große Mengen von Makrelen fallen in unsere Gewässer ein. Das sind gierige Tiere, die auch anderen Arten Futter wegnahmen. Island hat Anspruch auf einen gerechten Anteil von dieser wandernden Art. Das kann niemand bestreiten.&#8221; </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">3. Beim Abwandern eines anderen küstennahen Meerbewohners sorgen sich vor allem die Vogelfreunde: Bei den Sandaalen an der irischen, schottischen und norwegischen Küste, weil sie zur Hauptnahrung der dort brütenden Papageientaucher zählen. Der Biologe Cord Riechelmann fand an der Nordspitze Irlands heraus, dass die dortige Papageientaucher-Kolonie auf der Suche nach neuen Lebensräumen ist. Auf deren Brutfelsen beobachtete er, dass die Papageientaucher kaum noch Jungen großziehen konnten, weil es kaum noch Sandaale in ihren Revieren gibt. Diese seien wegen der Klimaerwärmung in kältere Meereszonen abgewandert. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">4. Im Mittelmeer gibt es sogenannte Steckmuscheln, sie leben mit einem winzigen Krebs zusammen der Steckmuschelwächter heißt und sich in ihrem Inneren angesiedelt hat. Er hat Augen und wenn er sieht, dass Eßbares zwischen die Schalen der Muschel geraten ist, zwickt er sie, die sich daraufhin schließt und beide machen sich dann über die Nahrung her. Schon Aristoteles und nach ihm Plutarch und Cicero haben sich mit dieser zu ihrer Zeit gerühmten Symbiose zwischen der Steckmuschel und dem Steckmuschelwächter beschäftigt. Ihr Interesse war jedoch auch ökonomisch motiviert, denn die Steckmuschel hält sich mit sogenannten Byssusfäden am Boden fest. Diese Fäden hat man damals zu einer sehr edlen (und teuren) Seide für Kleidungsstücke verarbeitet. In zwei italienischen Hafenstädten werden die Byssusfäden der Steckmuschel heute noch verarbeitet. Unlängst wurde auch ihr Symbiont, der Steckmuschel-Wächter, zu einem ökonomischen Problem: Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer fanden ihn vor Sylt im Inneren einer Miesmuschel. Sie vermuten, dass die Ursache seines Vordringens in den Norden entweder eine Folge der Meereserwärmung ist oder der Einfuhr von Miesmuscheln aus England, wo er früher jedoch auch so gut wie gar nicht vorkam. Muscheln aus Großbritannien werden trotz Protesten der Naturschützer seit 2006 im Wattenmeer ausgebracht. Und bei Sylt befinden sich Schleswig-Holsteins größte Zuchtflächen für Miesmuscheln. Die Miesmuschelfischer befürchten wegen der Muschelwächter-Fundes bereits eine Verunreinigung ihrer Muschelbänke &#8211; und damit Absatzprobleme, denn es sei wenig verkaufsfördernd, wenn Krebse in der Muschel hausten und mitgekocht werden. So könnte dieser tatsächlich zum Wächter der Muscheln werden: Er entwerte sie für die Vermarktung, erklärte der Biologe Rainer Borcherding von der Sylter Schutzstation. Das sei eine &#8220;Öko-Lüge&#8221;, erwiderte der Geschäftsführer der Firma Royal-Frysk: &#8220;Unsere Importe werden von der Fischereiabteilung des Amtes für Ländliche Räume überwacht.&#8221; Den Muschelwächter gebe es überdies bereits seit 25 Jahren im Watt vor der Westküste, sagte er. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">In dem vielgelobten Buch &#8220;Der innere Sinn. Archäologie eines Gefühls&#8221; des US-Literaturwissenschaftlers Daniel Heller-Roazen findet man ebenfalls eine Geschichte der mittelmeerischen Steckmuschel-Muschelwärter-Beziehung. Der Autor beruft sich dabei auf den schottischen Biologen D&#8217;Arcy Thompson. Für diesen bestand deren Symbiose darin, dass der kleine Krebs der Muschel als &#8220;Türwächter&#8221; dient &#8211; sie also eher beschützt als mit ihr zusammen Nahrung einfängt. Thompson konnte sich dabei auf Cicero und Plutarch berufen, für die der &#8220;Wärter&#8221; nicht innerhalb, sondern außerhalb der Muschel angesiedelt ist, d.h. &#8220;vor dem Tor der Muschel sitzt und sie bewacht,&#8221; wie Cicero schrieb. Während Plutarch auf ihre Jagdkooperation abhob: Gemeinsam &#8220;packen und fressen sie, was ihnen in die Falle gegangen ist.&#8221; Beiden Autoren geht es um eine erfolgreiche &#8220;Zusammenarbeit&#8221; am Beispiel von Krebs und Muschel: Dabei muß man sich laut Cicero &#8220;verwundert fragen, ob sie durch eine Übereinkunft oder schon seit ihrem Entstehen von der Natur selbst aus zu dieser Verbindung gekommen sind.&#8221; Für die Stoiker war das ein Problem, weil sie davon ausgingen, dass allein der Mensch über &#8220;Rationalität&#8221; verfüge, was ihn von anderen Tieren scharf unterscheide. Den einen wie den anderen eigne jedoch so etwas wie &#8220;Selbsterhaltung&#8221; bzw. &#8220;Selbstbefreundung&#8221; &#8211; denn sie hätten ein &#8220;Bewußtsein ihrer angeborenen Verfassung&#8221;. Das Kind, so erläutert Seneca, wisse zwar nicht, was körperliche Verfassung sei, aber es kenne die seine. Heller-Roazen fügt hinzu: Seneca &#8220;zeigt auch keine Scheu, für alle Tiere zu sprechen, wenn er von sich selbst spricht.&#8221; Für die Stoiker gehe es dabei um das &#8220;Eigenste in jedem&#8221; &#8211; seine &#8220;Verfassung&#8221;. Der US-Autor kommt abschließend von dieser wieder zurück auf die beispielhafte Muschel-Wächter-Beziehung &#8211; jedoch um den Preis ihrer Metaphorisierung: &#8220;Jene &#8216;Verfassung&#8217; ist das in jedem Tier, was nicht das Tier selbst ist und, insofern sie es nicht ist, ihm &#8216;von Anbeginn an&#8217; erlaubt, zu werden. Als Wärter in ständiger Bewegung zwischen dem Außen und Innen der beweglichen Schale des Selbst ist sie dieser kleine Krebs, der die Muschel bewacht und sie von Zeit zu Zeit vorsichtig zwickt, um sie darauf aufmerksam zu machen, das da Nahrung ist.&#8221; </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Der Schriftsteller Rudolf Kleinpaul blieb dem gegenüber in seinem 1893 veröffentlichten Werk &#8220;Das Leben der Sprache und ihre Weltausstellung&#8221; skeptisch: &#8220;Die Alten glaubten, diesmal aber irrigerweise, an ein Freundschaftsbündnis zwischen Krebs und Muschel. Die Steckmuschel sollte in ihrer Mantelhöhle einen rundlichen Krebs beherbergen, den sie Wächter nannten.&#8221; Ähnlich heißt es in &#8220;Meyers Konversationslexikon&#8221;: &#8220;Im Altertum sprach man von dem sogen. Muschelwächter, einem Krebs, der seinen Wirt vor Gefahren warnt, dafür aber in ihr wohnen sollte. Letzteres ist richtig, ersteres grundlos.&#8221; Das Internet-Lexikon &#8220;arcor.de&#8221; spricht von einer &#8220;Parabiose&#8221; (statt von einer Symbiose) zwischen einer Miesmuschel (nicht Steckmuschel!) und dem Krebs: &#8220;Der Muschelwächter lebt in der Mantelhöhle einer Miesmuschel, wo er fast sein ganzes Leben verbringt. Er hat nur einen weichen Panzer und ist in der Muschel vor Feinden geschützt. Lediglich zur Paarungszeit verlässt der Muschelwächter die Miesmuschel, da er nur zu dieser Zeit einen festen Panzer besitzt. Er profitiert als Mitesser vom Nahrungs- und Atemstrom der Miesmuschel.&#8221; Im Lexikon &#8220;wissen.de&#8221; heißt es dagegen über den Muschelwächter &#8211; quasi definitiv: &#8220;bis 1,8 cm breite Krabbe aus der Gruppe der Pinnoteridae; lebt frei im Mantelraum verschiedener Muscheln. Zur Paarung verlassen die Tiere ihre Muschel. Danach sterben die Männchen, während die Weibchen wiederum eine Muschel aufsuchen.&#8221; Die Art der Krebs-Muschel-Beziehung bleibt dabei unerörtert, auch, ob der mittelmeerische Muschelwächter wegen der Klimaerwärmung nach Norden zu den Miesmuscheln rübergewandert ist. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Für das unheimliche Wachstum des europäischen Wels haben die Fischforscher und Fischer mehrere Erklärungen: Neben der Klimaerwärmung könnten auch die vielen Rückstände von Medikamenten, u.a. Östrogen, das Wachstum der Raubfische anregen. Eine andere These ist, dass die langsam von Industrieabfällen und Agrarrückständen gesäuberten Gewässer dem Fischbesatz zugute kommt und damit auch ihrem Freßfeind. Genetiker sprechen dagegen von einer spontanen &#8220;Mutation&#8221;, Mikrobiologen von einem Magen-Darm-Parasiten, der die Verdauung beim Wels anregt, was wiederum zur Nahrungsaufnahme motiviert, die schließlich sein Wachstum beschleunigt: &#8220;Das geht aber nicht lange gut!&#8221;. Die Eso-Szene vermutet eher Einflüsse des Mondes und der Sonnenprotuberanzen, die seit einigen Jahren zunehmen, während die gläubigen Angler es für ein „Zeichen“ von noch weiter oben halten. Einige Kreuzberger Angler geben dagegen kühn zu bedenken: Im Mekong ist aus industriellen Gründen, wegen Dammbauten etc., gerade der dort heimische &#8220;Riesenwels&#8221; am Aussterben, dafür haben wir ihn jetzt hier&#8230;&#8221;So what?!&#8221; Die vietnamesischen Fischhändler in ihrer Lichtenberger Großmarkthalle versprechen bereits, sich darauf einzustellen. Der Fischforscher Dr. Salm-Schwader gibt jedoch zu bedenken: „Riesenwelse hat es hier schon immer gegeben &#8211; das ist ein Anglermythos, der schon seit Hunderten von Jahren durch die seltenen Fänge großer alter Welse genährt wird.&#8221; (3)</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Zwei Mitarbeiter des &#8220;Instituts für Küstenforschung&#8221; am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht, der Klimaforscher Hans von Storch und der Ethnologe Werner Krauß, haben gerade ein Buch mit dem Titel &#8220;Die Klimafalle&#8221; veröffentlicht, darin geht es darum, dass &#8220;die Klimaforschung von der Politik gekidnappt wurde, um ihre Entscheidungen als von der Wissenschaft vorgegeben und als alternativlos verkaufen zu können.&#8221; Etwas anders verhält es sich mit den oben erwähnten Veränderungen bei der Unterwasser-Fauna, so weit es die Fisch-, Krebs- und Muschel-Bestände betrifft, die von den immer hochtechnischer gerüsteten Fischern ausgebeutet werden: Hierbei liefert der &#8220;Klimawandel&#8221; ihnen eine billige Erklärung für neue Probleme, denen sie machtlos vis à vis stehen.</span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/wels01.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7917" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/wels01-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
<p><em>Ein in der Schweiz geangelter Wels. Photo: www.petri-heil.ch</em></p>
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<p><span style="font-size: medium"><strong>Anmerkungen:</strong></span></p>
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<p><span style="font-size: medium">(1) Der Spiegel berichtete Ende 2012 über die Forschungsergebnisse einiger französischer Ichtylogen, die Welse im Fluss Tarn, der die Regionen Languedoc-Roussillon und Midi-Ryrénées durchfließt und in die Garonne mündet: „Knapp ein bis zwei Meter lang sind die meisten Exemplare, die dort herumschwimmen. Besonders alte Welse sind noch größer, sogar von fünf Meter großen Tieren wird berichtet. Bei dem stattlichen Umfang müssen die Raubfische einiges fressen – u.a haben sie es Tauben abgesehen.“ Europäische Welse (Silurus glanis), daneben gibt es noch den Aristoteles wels (Silurus aristotelis), sind eigentlich nicht in Westeuropa heimisch, sondern in Osteuropa, wo sie sich von der Wolga aus verbreiteten. „Sie wurden erst vor wenigen Jahrzehnten in vielen Gewässern hier angesiedelt &#8211; aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet gibt es keine Berichte von Tauben fangenden Welsen.“ Die Forscher beobachteten im Fluss Tarn nun, „ dass die Welse in rund 72 Stunden 54 Angriffe unternahmen. 15-mal hatten die Welse Erfolg und tauchten mit einer Taube im Maul wieder ab. In 40 Prozent der Fälle wuchteten die Fische mehr als die Hälfte ihres Körpers aus dem Wasser. Lange blieben sie nicht an Land &#8211; nach maximal vier Sekunden befanden sich die Welse wieder in ihrem Element. Mittels einer sogenannten Isotopenanalyse wollten die Forscher klären, welchen Anteil an der Nahrung Tauben bei einzelnen Welsen ausmachten. Dafür nahmen sie kleine Gewebeproben der Raubfische, ihrer typischen Beutetiere im Wasser sowie von Tauben. Das Ergebnis: Der Anteil an Flusskrebsen scheint von Wels zu Wels nicht stark zu variieren, der Fisch- und Taubenanteil dagegen schon. Die Beobachtung zeigte auch, dass die Taubenfänger unter den Welsen im Schnitt kleiner waren als der Durchschnittswels im Tarn. Die größten bei der Taubenjagd beobachteten Welse waren schätzungsweise 1,5 Meter lang. </span><span style="font-size: medium">Möglicherweise ist das Stranden für größere Welse zu kräftezehrend oder gefährlich. Vielleicht weichen die kleineren Welse auf die Vogelbeute aus, weil sie da nicht mit größeren Artgenossen um die Beute konkurrieren müssen. Geklärt ist das noch nicht.“ </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Eine weitere Welsforschung findet in der Maas(Meuse statt, dieser Fluß verbindet Frankreich, Belgien und die Niederlande: „Von</span><span style="font-size: medium"> Mai bis Dezember 2011 wurde durch Sportvisserij Niederland und Sportvisserij Limburg </span><span style="font-size: medium">in Zusammenarbeit mit den Forschungseinrichtungen VisAdvies, INBO (Be) und CEFAS (UK) eine Feldarbeit zur Erforschung des Verhaltes und der Reproduktion des Europäischen Welses in der Maas – nahe Linne und Roermond &#8211; durchgeführt. Für diese Forschung wurden einige Welse im Inneren mit einem Funksender und äußerlich (für die optische Erkennung) mit einem “Floy-Tag” ausgestattet. </span><span style="font-size: medium">Für das Fangen und Markieren der Welse wurden mehrere Ausnahmegenehmigungen beantragt und erteilt.</span><span style="font-size: medium">Die Studie dient dazu, Einblick in das Verhalten und die Populationsdynamik des Europäischen Weleses in den Niederlanden zu erhalten und aufzuzeigen, dass sich der Europäische Wels sich in den Niederlanden wieder ausbreitet.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Momentan steht der Wels in den Niederlanden immer noch unter Artenschutz. Die Ergebnisse dieser Studien sollen dazu beitragen den Wels wieder in das Fischereigesetz aufzunehmen, damit man diesen auch gezielt wieder angeln darf. Aber dennoch gibt es weiterhin die Verpflichtung </span><span style="font-size: medium">[für die Welsangler an der Maas und den Maas-Seen]: &#8216;catch and release!&#8217;”</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Weitere Wels-Nachrichten: In Sukow bei Schwerin wurde eine Farm mit afrikanischen Welsen errichtet. Die Grenzflüsse zwischen Saarland, Rheinland-Pfalz und Luxemburg, u.a. Mosel und Sauer, sind derart PCB-belastet, das vor dem Verzehr „großer, fettreicher Fische“ &#8211; vor allem Welse &#8211; aus diesen Flüssen gewarnt wird. Anfang März 2013 fingen zwei Männer aus Sachsen-Anhalt in der Lombardei einen Riesen-Wels. „Mit einem Gewicht von 122,5 Kilogramm [rund zweieinhalb Zentner] dürfte er der schwerste, je an Land gezogene Waller sein,“ meint die Allgäuer LVZ. Auf „wallerforum.de“ schreibt Eisi: „Ich habe neulich auf DMAX die Folge Flussmonster gesehen, in der der &#8220;Extremfischer&#8221; Jeremy Wade auf Waller angelt.<br />
Die Folge heißt europäischer Menschenfresser und darin wird gezeigt, wie gefährlich der europäische Wels nicht sei. Besonders ist mir eine Szene aufgefallen in der Jeremy mit einem Waller im Wasser ist und der Wels sich umdreht. Darauf hin &#8220;hechtet&#8221; der Extremfischer aus dem Wasser damit der Waller ihn nicht frisst! Mich hat das irgendwie fürchterlich geärgert, dass er den Waller so schlecht macht&#8230;“</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Über den Nutzfisch Wels &#8211; „Catfish auf Englisch – schreibt das englischsprachige Wikipedia: „Catfish have widely been caught and farmed for food for hundreds of years in Africa, Asia, Europe, and North America. Judgments as to the quality and flavor vary, with some food critics considering catfish as being excellent food, while others dismiss them as watery and lacking in flavor. In Central Europa catfish were often viewed as a delicacy to be enjoyed on feast days and holidays. Migrants from Europe and Africa to the United States brought along this tradition, and in the USA catfish is an extremely popular food. The most commonly eaten species in the United States are the channel catfish and the blue catfihs, both of which are common in the wild and increasingly widely farmed. Farm-raised catfish became such a staple of the diet of the United States that on June 25, 1987, President Ronald Reagan established a &#8216;National Catfish Day&#8217; to recognize &#8216;the value of farm-raised catfish“.&#8221;</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Über die „</span><span style="font-size: medium">Elektrischen Welse</span><span style="font-size: medium"><strong>“</strong></span><span style="font-size: medium"> (Malapteruridae electricus) heißt es auf dem deutschsprachigen Wikipedia: Sie leben in den Süßgewässern des tropischen Afrika und im Nil. Die auch „</span><span style="font-size: medium">Zitterwelse</span><span style="font-size: medium"><strong>“</strong></span><span style="font-size: medium"> genannten Tiere können per Elektroplax zur Betäubung ihrer Beute Stromstöße einsetzen. (Der </span><span style="font-size: medium">Elektroplax </span><span style="font-size: medium">ist ein Organ einiger Fische, das elektrische Spannungen erzeugen kann, die an das Wasser abgegeben werden. Es gibt etwa 250 Fischarten, die den Elektroplax benutzen. Dazu gehören neben den Zitterwelsen, Zitteraale und Zitterrochen. Durch den Elektroplax können Spannungen von bis zu 1.000 V erzeugt werden.) </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Alfred Brehm schreibt über den „Elektrischen Wels“ (1884): „Unser Fisch ertheilt, wenn man ihn mit der Hand berührt, willkürlich Schläge, welche denen einer galvanischen Säule ähneln und sehr verschiedene Stärke haben. Während man ihn zuweilen anfassen kann, ohne einen Schlag zu erhalten, empfindet man zu anderen Zeiten bei der geringsten Berührung die Wirkung seines Unwillens; ja, unser Wels läßt sich von einzelnen Personen längere Zeit in der Hand halten und ertheilt dem Nachfolger derselben sofort einen Schlag. Letzterer ist nicht besonders schmerzhaft und kann wohl nur kleinen Thieren gefährlich werden.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Forskal entdeckte den Zitterwels im Nile, Adanson fand ihn im Senegal auf. An einzelnen Orten, das heißt hier und da, ist er nicht selten; auf sandigem Grunde scheint er zu fehlen. Das Fleisch wird gegessen, jedoch nicht besonders geschätzt; dagegen schreibt man dem Zellengewebe, von welchem die elektrische Kraft ausströmt, heilende Eigenschaften zu, verbrennt es auf Kohlen und läßt auf den Kranken das Gas ausströmen, welches beim Verbrennen sich entwickelt.“ In der Zeitschrift „Ethology“ (Vol 73/Issue 3) berichten die Biologen Catharine H. Rankin und Peter Moller über „Social Behavior of the African Electric Catfish, </span><em><span style="font-size: medium">Malapterurus electricus</span></em><span style="font-size: medium">, during Intra- and Interspecific Encounters“.</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Das Mississippi Agricultural and Forestry Experiment Station betreibt zusammen mit der Mississippi State University ein „Delta Research and Extension Center“ (DREC), wo man Welsforschung betreibt – zusammen mit dem „Thad Cochran National Warmwater Aquaculture Center located on the DREC campus in Stoneville. Dort gibt es auch eine „Catfish Genetics Research Unit“. Auf der DREC-Internetseite heißt es – über die Bedeutung des Welses für die Delta-Region: </span></p>
<p><span style="font-size: medium">„Mississippi leads the nation in catfish production with about 94,000 water surface acres used in 2006. The state produces about 70 percent of the catfish industry&#8217;s fingerlings, making Mississippi the largest supplier of catfish fingerlings [Jungwelse] in the country. Catfish value of production to Mississippi&#8217;s economy in 2006 was $273 million. Producers harvest catfish throughout the year with production occuring during the warm months between April and October. Approximately 86 percent of the state&#8217;s catfish production occurs in the Delta region of Mississippi. Research areas include pathology, economics, fish behavior, nutrition and water quality. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">The rapid growth of the catfish industry in the 1980s and 1990s led it to become one of the most important agricultural activities in states such as Mississippi, Arkansas, Alabama, and Louisiana. The combined production acreage of these four states makes up 94 percent of all catfish production acreage. Mississippi has had more acreage in catfish production than the other three states combined and has held this position since the late 1980s. The catfish industry generates an economic impact of billions of dollars and is the primary source of economic activity and employment in a number of Mississippi counties&#8230;Low prices received by producers in 2002 ($0.57/pound) and 2003 ($0.58/pound) have caused economic hardship for Mississippi producers resulting in a decrease of 10,000 acres since 2002. While catfish prices improved in 2004, higher catfish feed prices and increasing fuel prices mostly negated gains. Declining feed prices coupled with fish prices that have returned to the 5-year and 10-year average monthly price ranges could lead to a better financial future for catfish producers.“</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Gemäß den Welsforschungen der „Fisheries Research Division“ der <strong>„</strong></span><strong><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Wildlife Resources Commission“ </span></span></strong><span style="font-size: medium">von North Carolina (NC) werden zwar auch dort die Welse immer größer, die größten jedoch bisher nicht über einen Meter: </span></p>
<p><strong><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">„</span></span><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">When most anglers consider trophy flathead catfish waters in coastal </span></span><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">North Carolina, the Cape Fear and Neuse rivers usually come to mind. </span></span><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">However, N.C. Wildlife Resources Commission biologists have found that the Tar River also boasts some hefty flathead catfish.</span></span></strong></p>
<p align="LEFT"><strong><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Biologists have been sampling the Tar River for all species of catfish each </span></span><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">summer since 2006. Sampling occurred near Falkland and Old Sparta in </span></span><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">2006 and from Greenville to Grimesland in 2007 and 2008. Catfish were collected using an electrofishing boat, the principal sampling method for </span></span><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">coastal rivers.</span></span></strong></p>
<p align="LEFT"><strong><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Flathead catfish in the Tar River are increasing in abundance and size. Every year, flathead catfish comprised a larger portion of the total catfish catch (14 percent in 2006 to 56 percent in 2008). Conversely, the percentage of white catfish in our total catch continued to go down each year (53 percent in 2006 to 32 percent in 2008). Channel catfish were also collected during the past three summers. Most of the white catfish collected were between 12 and 18 inches long, while channel catfish were between 12 </span></span><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">and 24 inches long.</span></span></strong></p>
<p><strong><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">A larger size range of flathead catfish was observed, with fish ranging in size from 4 inches to more than 40 inches. In fact, biologists continue to see larger flathead catfish showing up in their samples each year. In 2006, the largest flathead catfish collected was 35 inches long and weighed 25 pounds. The largest one collected in 2007 was 40 inches long and weighed 33 pounds, while the biggest flathead catfish in 2008 was 42 inches long and weighed 51 pounds.“</span></span></strong></p>
<p><span style="font-size: medium">Über die südamerikanischen Welse berichtet „Science News“ aus Brasilien: </span></p>
<p><span style="font-size: medium">„Peer into any stream in a South American rainforest and you may well see a small shoal of similar-looking miniature catfish. But don&#8217;t be fooled into thinking that they are all the same species. An extensive investigation of South American Corydoras catfish, reveals that catfish communities- although containing almost identically coloured and patterned fish, could actually contain three or more different species.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Establishing for the first time that many species are mimetic; that is, they evolve to share the same colour patterns for mutual benefit- the research also established that each individual community of similar looking fish comprised species belonging to different genetic lineages, but still adopting similar colour patterns.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">This discovery suggests that in many cases the number of Corydoras catfish species [Panzerwelse] may be higher than previously recognised. This has consequent implications for environmentalists charged with protecting environmental diversity and safeguarding the species.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">This increases the challenge of conserving these species at a time when many South American rivers are experiencing large scale development involving damn building, and destruction or contamination of habitats.“ </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Das Corydorasforum.de, eine Züchterplattform, zählt über 50 Panzerwels-Arten auf. Wikipedia erklärt dazu: „Die zwischen 2 und 10 cm großen Tiere zeichnen sich durch einen charakteristischen Körperbau (Doppelreihe von Knochenplatten, dachziegelartig von vorn nach hinten überlappend: Panzerplatten) und sehr variable Färbung aus. Wichtige Unterscheidungsmerkmale zur Artbestimmung sind die Ausprägung der Zähnung und die Zahl der Pectoralstacheln. Mit wenigen Ausnahmen handelt es sich bei diesen Welsen um Bodenfische, die jedoch als Darmatmer bei mangelndem Sauerstoffgehalt im Wasser in regelmäßigen Abständen an die Wasseroberfläche schwimmen können, um dort atmosphärischen Sauerstoff aufzunehmen und am Boden zu veratmen. Das Phänomen der Darmatmung ist auch unter optimalen Haltungsbedingungen zu beobachten, wenngleich seltener.“ </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Speziell über „</span><em><span style="font-size: medium">Corydoras sterbai“ heißt es auf „Aqua-Szene.de“: „</span></em><span style="font-size: medium">Seit etwa 1960 bevölkert einer der schönsten Panzerwelse die Aquarien Deutschlands. </span><span style="font-size: medium">Mit seinen feinen Punkt- oder Linienmuster und den orangegelben Brustflossen zählt Corydoras sterbai zu den farbenprächtigsten Panzerwelsen im Aquarium. </span><span style="font-size: medium">Seine natürliche Heimat befindet sich in Brasilien im Einzugsgebiet des oberen Rio Guaporé. Der </span><span style="font-size: medium">Namensgeber Günther Sterba war der bedeutendste Ichthyologe der ehemaligen DDR</span><span style="font-size: medium"> und er ist ein international anerkannter Zoologe. </span><span style="font-size: medium">Sterbas Panzerwelse sind sehr gesellige Tiere</span><span style="font-size: medium">.</span><span style="font-size: medium"> Ihr Gruppenzusammenhalt ist sogar etwas stärker ausgeprägt als bei anderen Arten der Gattung. Deshalb sollten sie immer in Gruppen von wenigstens 5 Tieren gehalten werden.“ Sie sind dann ein wahrer „Hingucker im Gesellschaftsaquarium“. Allein von den Corydoras, die in nahezu allen Flüssen Lateinamerikas vorkommen, gibt es 140 Arten. </span></p>
<p>„<span style="font-size: medium">Crazy About Corydoras</span><span style="font-size: medium"><strong>“</strong></span> <span style="font-size: medium">schreibt Paul Schumann </span><span style="color: #000000"><span style="font-size: medium">auf der Internetseite der </span></span><span style="font-size: medium"> Honolulu Aquarium Society: „Corydoras are one of the most popular, if not the most popular group of aquarium catfish. Their small size and gentle nature has made them popular with aquarists for over a hundred years. They were first introduced to the hobby in Europe during the 1880s, and their popularity has continued to grow. They won&#8217;t bother the smallest, most delicate species, and have armor plates on their body and stiff spines to ward off more aggressive fishes. They can be kept with most fish, except the most aggressive ones.“</span><br />
<span style="font-size: medium">(2) Der Journalist Jürn Kruse berichtete bereits am 11.8.2008 in der taz über den „Monster-Wels vom Schlachtensee“ und seine absurden Folgen: „Das tiefe Abtauchen, sich treiben lassen, allein sein. Leif-Hermann Kroll genießt sein Dasein als Sporttaucher. Doch er hat ein Problem: Seit kurzem ist verboten, was schon vorher nicht erlaubt war: Tauchen in Berliner Gewässern. &#8220;Schuld ist dieses unsägliche Monster&#8221;, klagt Kroll. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Dieses unsägliche Monster ist ein großer Wels. Ein sehr großer Wels. Nachdem im Juli 2007 ein Angler ein 1,70 Meter großes Exemplar aus dem Schlachtensee gezogen hatte, wurde der bärtige Fisch in diesem Sommer wieder zum Ereignis. Ein Riesenwels soll eine Schwimmerin im selben See gebissen haben. &#8220;Der Monster-Wels beißt nur Frauen&#8221;, titelte die Boulevardzeitung „BZ“.</span><span style="font-size: medium">Der Beweis war erbracht, dass kolossale Fische im Schlachtensee hausen. Hobbytaucher pilgerten herbei, ein Tauchtourismus setzte ein. Angler beschwerten sich. Das wurde Kroll und den anderen Sporttauchern in der Hauptstadt zum Verhängnis. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf wollte sich des überholten Images entledigen, dass die bürokratischen Mühlen langsam mahlen &#8211; und handelte blitzartig: Das Sporttauchen in Schlachtensee und Krummer Lanke wurde nicht einmal einen Monat nach dem Biss verboten. So vermeldet im Amtsblatt vom 11. Juli. Grund: die vermeintliche Zerstörung der Flora und Fauna durch die Taucher.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Norbert Schmidt, Sport-Bezirksstadtrat, begründet das Vorgehen: &#8220;Nachdem wir unser Ungeheuer von Loch Ness, den Wels, hatten, war täglich die dreifache Menge an Tauchern im Schlachtensee.&#8221; Vorher drei bis vier, später zwölf. Das Umweltamt wurde aktiv und fand heraus: Das Tauchen mit Gerät war schon vorher nicht erlaubt. &#8220;Das haben wir nur noch einmal im Amtsblatt veröffentlicht &#8211; nun ist es verboten.&#8221; Für Schmidt, der die derzeit im Urlaub weilende Umweltstadträtin Anke Otto vertritt, ein ganz normaler Vorgang. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Aber wie zerstören die Taucher die Flora und Fauna? &#8220;In jedem See lagern sich Schadstoffe auf dem Grund ab&#8221;, erklärt Schmidt, &#8220;und die werden von den Tauchern aufgewirbelt &#8211; das lässt sich überhaupt nicht vermeiden.&#8221; Deswegen seien die vielen Badegäste an Schlachtensee und Krummer Lanke auch weniger umweltbelastend. Die tiefen Ablagerungen erreichen sie nicht. Außerdem werde ja nur ein geringer Teil des Sees von Schwimmern genutzt. Die Sporttaucher dagegen würden den See in seiner ganzen Tiefe und Breite durchqueren. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Für Kroll ist die Begründung des Bezirks absurd: &#8220;Phosphate, die gefährlich sein könnten, liegen so tief im Sediment. Da buddelt doch keiner!&#8221; Durch die Flossenbewegungen würden zwar Sand und Schlamm aufgewirbelt, aber nur sehr wenig. Und nur von den obersten Schichten. &#8220;Der Taucher ist doch von Natur aus bemüht, nichts aufzuwirbeln, er sieht dann schließlich nichts&#8221;, erklärt Kroll. &#8220;Das führt doch seinen Tauchgang ad absurdum.&#8221; </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Rechtsanwalt Kroll hat Widerspruch eingelegt. Zunächst gegen die sofortige Vollziehung des Verbots und darüber hinaus gegen die Untersagung generell. Er pocht auf das Gewohnheitsrecht: &#8220;Seit Jahrzehnten wird in Berliner Seen getaucht, keiner wusste, dass das verboten ist.&#8221; Es gebe sogar einen Tauchreiseführer für Berlin. Alle, die wie Kroll Widerspruch eingelegt haben, dürfen erstmal weiter auf Tauchstation gehen, die anderen nicht. Auch das ist für Kroll &#8220;absurd&#8221;. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Für ihn sind die Angler am plötzlichen Vollzug des Verbots schuld. &#8220;Angler verhalten sich zu Tauchern wie Manta- zu GTI-Fahrern&#8221;, scherzt Kroll. Freundschaft ausgeschlossen. Dabei hatten die Sporttaucher in den vergangenen Jahren zusammen mit den Anglern den Schlachtensee von Gerümpel gereinigt. Bei einem generellen Tauchverbot fiele das künftig aus. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Die Gefahr sieht auch Schmidt: &#8220;Vielleicht sagen die Taucher bei der nächsten Anfrage, dass ihr Bezirkspolitiker mal schön selbst die Fahrräder rausholen könnt.&#8221; Er will vermitteln &#8211; und Kroll weiter tauchen. Er darf ja. Er hat Widerspruch eingelegt.“</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">(3) Dazu erhielt die taz am 15.April 1013 einen Kommentar in Form eines Zitats: „</span><span style="font-size: medium">Der Mindelsee bei Radolfzell &#8211; Monographie eines Naturschutzgebietes auf</span><strong><span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium"> dem Bodanrück, Karlsruhe 1983. Herbert Berner: 7. Fischerei und </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Fischfang, S.62: Es ist so, dass &#8220;&#8230;.der erste Bericht über den Fang eines unbekannten </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">gewaltigen Fisches als spektakuläres Ereignis seit rund 700 Jahren die </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">allgemeine Vorstellung von Fischen und Fischerei im Mindelsee bis heute </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">prägt, unterstützt durch gelegentliche Veröffentlichungen über den Fang </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">von Welsen in neuester [ vor 1983] Zeit. Es dürfte kaum eine </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Beschreibung des Mindelsees geben ohne Wiedergabe oder wenigstens einer </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Erwähnung jenes von dem Konstanzer Chronisten Christian Schulthaiss </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">(1512 &#8211; 1584) in seinen historischen Collectaneen überlieferten Fanges </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">vom 1.Juli 1299: an jenem Tage: &#8216; ward ein unbekannter Visch im </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Mündlisee bei Mekingen gefangen, der war also groß, daß hielandt kein </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">grösser Visch nie gesehen ist worden. Herr Hans von Bodman schickt den </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Kopf von demselben Visch herrn Rudolffen von Höwen Thumdechan zu </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Costenz. Uss demselbigen Kopf wurden gemacht 46 Stück, gar gross, dass </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">alweg zwei stück genug in ein Schüssel ward. Und über das Haupt lud er </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">alle Choherren in das Münster, zu St. Steffen und St. Johanns und ander </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">priester, der Zahl 34 war und wurden 6 schüsseln mit Visch in die statt </span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">verschenkt&#8217;.&#8221;</span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Andere Zeiten hatten auch große Fische&#8230;</span></span> <span style="font-family: Times New Roman,serif"><span style="font-size: medium">Mit freundlichen Grüßen Miriam Mangold“</span></span></strong></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/wel2.jpeg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-full wp-image-7918" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/wel2.jpeg" alt="" width="297" height="450" /></a></p>
<p><em>Das Bild zeigt den Fischermeister Haas aus Güttingen mit einem kapitalen Wels, den er im Mindelsee fing. Photo: www.moeggingen.de</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Krähen im Frühling:</strong></p>
<p>Krähen sind Singvögel, 1979 wurden sie vom Europäischen Parlament unter Schutz gestellt &#8211; und mit ihnen zum Entsetzen der Jäger und vieler Singvogelfreunde auch alle &#8220;Rabenvögel&#8221;. Mit Goethe könnten diese vielleicht sagen: &#8220;Es gibt nicht Schöneres als morgens eine Lerche zu hören und Mittags eine zu essen.&#8221;</p>
<p>Krähen können Worte nachsprechen lernen und &#8211; vor allem Eichelhäher &#8211; die Stimmen ihrer Feinde imitieren, ihr &#8220;Gesang&#8221; ist jedoch nicht schön und melodisch. Die Krähe heißt Krähe, weil ihre Rufe sich erst einmal wie krähkräh anhören, die Raben heißen Raben, weil sie rarara sagen.</p>
<p>Ich bin in der norddeutschen Moorlandschaft mit dem vielstimmigen Rak-Rak-Rak der im Winter in Massen aus Osteuropa rübergekommenen Saatkrähen groß geworden, das besonders melancholisch-traurig klang, wenn es kalt und neblig war. &#8220;Totenvögel&#8221; wurden die schwarzen Vögel deswegen auch genannt und noch heute werden in Hollywoodfilmen besonders beängstigende Szenen gerne mit ihrem Krächzen verstärkt.</p>
<p>Der Schriftsteller Geert Mak bemerkte auf einer Reise durch Russland &#8211; in Stalingrad -, dass abends im &#8220;Gedenkpark&#8221; der Stadt &#8220;hunderte von Krähen als krächzende Schemen über die Baumwipfel streifen. Aus den Lautsprechern kommen Aufnahmen von Partisanenliedern.&#8221;</p>
<p>Der Biologe Cord Riechelmann hörte auf dem Kreuzberg &#8220;hastig, wie atemlos aufeinander folgende kurze hohe arr-arr-Rufe&#8221; von Nebelkrähen, die bei einigen in &#8220;langanhaltende und langgezogene ärr-ärr- und käär-Rufe übergingen.&#8221; Ein großer Krähenschwarm in den Bäumen kann mit seinem Räk-Räk-Räk einen ohrenbetäubenden Lärm machen.</p>
<p>Sie machen ein zärtlich-sanftes Kr-Kr-Kr-Kr</p>
<p>Um diese Jahreszeit hört man von den Nebelkrähen und den ebenfalls permanent hier lebenden Rabenkrähen aber immer öfter auch ein ganz zärtlich-sanftes Kr-Kr-Kr-Kr &#8211; besonders, wenn sie sich wieder in die Nähe ihrer alten Nester auf den Straßen- und Parkbäumen begeben haben. Die eher leisen, fast kollernden Töne gelten wahrscheinlich dem Partner. Diesem haben sich die Rabenvögel noch viel mehr als das zu sagen, ebenso mit ihren Kumpanen: Auf die Rufe von ihnen ehemals bekannten Individuen, reagieren die Vögel nicht nur mit erhöhter Rufaktivität, sie ändern auch ihre Stimmlage, je nachdem ob sie ehemalige Freunde oder Feinde hören. War die Bekanntschaft früher feindselig, antworten sie mit tiefen und rauen Lauten, hören sie jedoch einen Freund, dann rufen sie mit freundlicher Stimme zurück. Herausgefunden haben das zwei Wiener Biologen. Wir und viele andere Tiere halten es im übrigen genauso wie sie.</p>
<p>Je mehr ein Rabenvogel sich an einen oder mehrere Menschen gewöhnt hat und gefüttert wird, desto differenzierter werden seine Lautäußerungen: Aak Aak, Knrrrr, Krau Krau Krau, Krrrrr, Ieh. Wenn sie einen Menschen direkt ansprechen, kann man ein Harck, Rak, Rrrrr, Harck, Rak hören.</p>
<p>In Berlin verlassen die Krähenjungen Mitte Juni das Nest, in dieser Zeit sind überall laute Rufe der Krähenfamilien zu hören &#8211; die jungen Krähen sind noch ungeübte Flieger und werden ständig ermahnt. Dieses &#8220;Krächzen&#8221; aus Besorgnis wechselt ab mit aggressivem Krächzen, das die Anwohner bisweilen nervt. Es gilt möglichen Feinden, zuvörderst den Menschen, aber auch Artgenossen, die dem Brutrevier nahekommen. Gelegentlich werden einzelne Passanten sogar laut schimpfend körperlich angegriffen. &#8220;Besonders schlimm hat es die nordfriesische Stadt Niebüll erwischt: Hier sorgen 1000 Krähenpaare dafür, dass die Einwohner keine Ruhe mehr finden,&#8221; schrieb Die Welt. In Schleswig-Holstein beobachtete man, dass sich Nebel- und Rabenkrähen gelegentlich verpaaren.</p>
<p>Die kleineren schwarz-grauen Dohlen suchen dagegen nur die Nähe der anderen Arten, ihr häufigster Ruf ist ein &#8220;helles, klares &#8216;kjak&#8217; oder &#8216;kja&#8217;&#8221;, schreibt Cord Riechelmann in seinem Buch &#8220;Krähen&#8221; (2013). Wenn sie sich angegriffen fühlen, stimmen sie dagegen laut Konrad Lorenz ein &#8220;wüstes Schnarrkonzert&#8221; an, &#8220;erschreckend und satanisch&#8221; anzuhören. Bei einer einzelnen wütenden Dohle hört sich das wie &#8220;Ääh Ääh Äähr&#8221; an, wobei es jedoch regionale Dialekte gibt, es mag deswegen sein, dass die österreichischen Dohlen, die Konrad Lorenz an sich gewöhnte, stärker als die norddeutschen schnarren. Und sei es, weil sie und er sich beim Zusammenleben gegenseitig affizierten &#8211; und die Dohlen seinen Schnarrton übernahmen. Als sein Dohlenmännchen &#8220;Grün-Gelb&#8221; sich mit der schönen &#8220;Gelb-Rot&#8221; verlobte, schrieb Lorenz: &#8220;Die hätte ich auch genommen.&#8221; Das ist kein naiver Anthropomorphismus, sondern Ausdruck einer subtilen Verhaltensforschung, die sich mit ihrem Gegenstand innigst identisch macht &#8211; was auf ein gemeinsames Werden hinausläuft.</p>
<p>In Berlin gibt es immer weniger Nistplätze für Dohlen, deswegen sind sie hier selten geworden. Dafür sieht man mehr Elstern: &#8220;Heisere, kaputtstimmige Schreie zerreißen die morgendliche Stille&#8221;, so empfindet der Sänger, Dichter und Singvogelfreund Wiglaf Droste die &#8220;hässlichen Geräusche&#8221; zeternder Elstern. &#8220;Dieser Nazivogel hört Böhse Onkelz und singt entsprechend&#8221;, schrieb er in der taz, was den Biologen Cord Riechelmann zu einer wütenden Replik bewog, er mußte jedoch auch zugeben, &#8220;Elstern sind selten still. Ihr Geschacker und &#8216;Tschark&#8217;-Geschirk kann sich von Herbst bis in den beginnenden Frühling, wenn sie sich in Städten zu Versammlungen von bis zu vierhundert Tieren treffen, zu Kreischkonzerten ausweiten, deren melodischer Anteil gering ist.&#8221;</p>
<p>Ursprünglich stammen die Krähenvögel aus der Inselwelt Neuguineas, genauso wie die Paradiesvögel und die Laubenvögel. Die beiden letzteren leben dort immer noch, sind aber vom Aussterben bedroht. Währenddessen haben sich die Krähen nahezu über die ganze Erde verbreitet &#8211; und ziehen inzwischen massenhaft vom Land in die Städte. Das alles gelang ihnen, schreibt der Ökologe Josef Reichholf, weil diese schwarzen Vögel &#8211; im Gegensatz zu den bunten &#8211; sich irgendwann den &#8220;Fortschritt&#8221; auf ihre Fahnen schrieben. Die männlichen Paradiesvögel schaffen es mit ihrer Schönheit, die Weibchen zu beeindrucken, und die Laubenvögel, sie mit farbigen Ornamenten in ihre Laube zu locken, wo sie sie sich blitzschnell mit ihnen verpaaren. Danach verdrücken sich die einen wie die anderen Männchen. Nicht so bei den Krähenvögeln. Sie können ebenso wenig wie die anderen beiden Arten klangvoll singen, sind aber auch weder künstlerisch begabt, noch können sie die Weibchen mit ihrer Schönheit beeindrucken, denn sie sehen diesen zum Verwechseln ähnlich. Was also tun? Sie beteiligen sich einfach am Nestbau, verteidigen es und ernähren die brütenden Weibchen, danach ziehen sie mit ihnen gemeinsam die Jungen groß. Diese &#8220;Idee&#8221; war einst &#8220;super-fortschrittlich&#8221;, wie Reichholf meint. Die Menschen taten es ihnen später nach. Auch das war ein gemeinsames Werden. Besonders gilt dies für Indien, wo jeder Städter Geschichten über einzelne Krähen weiß. Und umgekehrt wahrscheinlich auch. Hierzulande sind die Krähen inzwischen noch einen Schritt weiter gegangen: in München soll laut Reichholf bereits jedes zweite Krähenweibchen sich mit zwei Männchen verpaaren, damit das Brut- und Aufzuchtgeschäft noch besser erledigt werden kann.</p>
<p>Vom Zürcher Tierpsychologen Heini Hediger kommt schließlich noch ein Einwand gegen diese ganze Darwinsche Sexualselektions-Theorie von Reichholf, den dieser hätte kennen können: Die Paradiesvögel veranstalten ihre prächtigen Balztänze auch ohne das Weibchen dabei sind. Hediger beruft sich dabei auf den Biologen K. Möbius. Das Selbe gilt für Darwins Paradebeispiele für die geschlechtliche Zuchtwahl:  &#8220;Gerade mit den imposantesten Beispielen dieser Art, dem Pfau und dem Argusfasan, hatte er Pech: hier gibt es keinerlei Wahl durch die Weibchen.&#8221;</p>
<p>Ähnlich ist es laut Hediger mit dem Balzverhalten der Kampfläufer, er beruft sich dabei auf den Naturforscher G. Dennler de la Tour: Deren &#8220;Kämpfe&#8221; sind harmlose &#8220;Spiegelfechtereien, von denen die Weibchen keinerlei Notiz nehmen. &#8216;Nicht einmal hinschauen tun sie&#8217;.&#8221;  Kommt noch hinzu, dass die &#8220;Sieger&#8221; anschließend wegflogen, wie Dennler de la Tour beobachtete, und der abgekämpfte &#8220;&#8216;Unterlieger&#8217; dann die Weibchen, soweit sie gerae in Stimmung waren, der Reihe nach begattete&#8230;&#8221; (siehe Heini Hediger: &#8220;Tiere verstehen&#8221;, München 1984). Darwin und mit ihm der Darwinist Reichholf haben da anscheinend griechische Mythen und Olympiaden in die Vogelwelt projiziert.</p>
<p>P.S.: In Neugnadenfeld (Emsland), wo es viel mehr Dohlen als hier gibt, sah ich am Nest in einem Baum nahe der Kirche ein Krähenpärchen, das sich an seinem Nest auf die kommende Brutsaison freute, was darin bestand, dass das Männchen den ganzen Nachmittag &#8220;Ahh&#8221;, &#8220;Ahh&#8221;, &#8220;Ahh&#8221; rief &#8211; und sich dabei wie ein Junges, das gefüttert werden will, aufführte. Das Weibchen nahm all dies relativ gelassen zur Kenntnis.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kraehen.jpeg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-full wp-image-7923" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kraehen.jpeg" alt="" width="322" height="227" /></a></p>
<p><em>Krähen am Abend, erquickend und labend. Photo: www.bildkiste.de</em></p>
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<p><strong>Schwäne: &#8220;Boote, Schwäne und Spargel &#8211; 6 Beweise: Der Frühling ist da!&#8221; titelte die Hamburger &#8220;Mopo&#8221; Ich würde sagen, das sind nur 3 Beweise, höchstens.</strong><br />
Kurz vor Weihnachten begann am Kreuzberger Urbanhafen eine Serie von Attentaten auf Schwäne mit meist tödlichem Ausgang. Die Presse vermutete &#8220;sadistisch veranlagte&#8221; und &#8220;grausame Tierquäler&#8221; als Täter.</p>
<p>Die noch lebenden Schwäne würde man auf die &#8220;Schwanstation&#8221; bringen, erklärte ein Feuerwehrmann. Er meinte die Kleintierklinik der FU in Zehlendorf, wo man u.a. auch verletzte Schwäne behandelt. Daneben gibt es noch das Tierheim in Falkensee und die NABU-Wildtierstation in Marzahn, aber die einen sind auf Papageien und die anderen auf Greifvögel eingestellt. Im Tierheim Berlin hat man nicht nur Tierärzte, sondern auch ein Wasservogelhaus. Früher wurden zwischen 60 und 70 verletzte Schwäne jährlich dort eingeliefert. Da es so schien, als würden es immer mehr werden, ließ die Tierheimleitung 2002 das Haus mit einem Garten drumherum und einem Wasserbecken errichten. Das Haus ist zeltförmig und heißt &#8220;Tippi&#8221;, weil der Schwan bei den Indianern ein heiliger Vogel war, wie uns erklärt wird. Aus unbekannten Gründen werden jedoch seit einiger Zeit immer weniger verletzte Schwäne eingeliefert &#8211; nur noch 10 bis 15 Tiere im Jahr. Die Verletzungen der Schwäne rühren meist von Angelhaken her, gelegentlich haben sie aber auch Flügelverletzungen, waren im Eis festgefroren und wurden befreit oder sie leiden an Butulismus, eine Algenbakterienvergiftung.</p>
<p>Im &#8220;Tippi&#8221; befand sich kurz vor Winterende nur ein Schwan. Der Sturm hatte ihn am Tag zuvor in eine Baumkrone gedrückt und er war abgestürzt, hatte sich jedoch nichts gebrochen, aber vielleicht so etwas wie eine Gehirnerschütterung davongetragen, weswegen man ihn ein paar Tage zur Beobachtung da behalten wollte. Er macht einen gesunden Eindruck.</p>
<p>1875 schrieb der tschechische Schriftsteller Jan Neruda in einem Reisebericht aus Berlin: Ebenso wie das &#8220;Lausitzer Volkslied&#8221; habe sich auch der &#8220;Berliner Witz verflüchtig&#8221;. Er sei &#8220;kalt und langweilig geworden. Man denkt dabei an die den Wasserspiegel der Spree zierenden traurigen Schwäne, die allesamt gebrochene Flügel haben.&#8221;</p>
<p>Die preußischen Könige hatten sie angesiedelt, indem sie die Vögel &#8220;durch Abnehmen der Hand zeitlebens flugunfähig&#8221; machen ließen, das selbe geschah dann mit den Jungen. Nach dem Ersten Weltkrieg waren nicht die Hohenzollern, sondern auch &#8220;ihre&#8221; Schwäne in Berlin und auf den umliegenden Havelseen nahezu verschwunden, man hatte sie und auch ihre Eier &#8220;gestohlen&#8221;. Die neue Republik wollte unbedingt den Schwanenbestand wieder auffüllen, 1922 beauftragte die Potsdamer Stadtverwaltung Oskar Heinroth damit. Der &#8220;Vater der Ethologie&#8221; war Schwanexperte, zudem stellvertretender Leiter des Zoodirektors. Heinroth stahl eine Anzahl bebrüteter und frischer Höckerschwan-Eier am Lucknainer See in Ostpreußen. Von den daraus geschlüpften Schwänen ließ er jedoch nur noch einer Hälfte &#8220;die Hand eines Flügels&#8221; abnehmen, dem anderen Teil beließ er die &#8220;Flugkraft&#8221;. Weil die Schwäne zusätzlich auch noch durch ein neues Gesetz ganzjährig geschützt wurden, gelang Heinroth schließlich die &#8220;Neubesiedlung der Potsdamer Gewässer&#8221;.</p>
<p>Die Hamburger Bürger verfuhren ebenso mit ihren &#8220;Alsterschwänen&#8221; &#8211; seit 1664 bereits. Aber auch in Berlin kümmert man sich um die Schwäne, so wurde z.B. ein schon lange im Charlottenburger Lietzensee ansässiges Schwanenpaar von den Anwohnern liebevoll &#8220;betreut&#8221;. Als eines seiner fünf Jungen einen Angelhaken im Bein stecken hatte, brachten sie das Tier in die Kleintierklinik. Währenddessen landete ein junges Schwanenpärchen in ihrem Lietzensee-Revier. In dem darauffolgenden Kampf tötete &#8220;der Neue&#8221; einen der Jungschwäne. Diese Aggressivität ging den Anwohnern zu weit &#8211; sie griffen ein. Es wurden dann jedoch nicht die Revier-Eindringlinge, sondern die alteingesessene Schwanenfamilie inklusive ihres aus der Klinik als gesund entlassenen Jungen von der Initiative &#8220;Aktion Tier&#8221; in den Wannsee &#8220;umgesetzt&#8221;, wo der &#8220;Revierdruck&#8221; geringer sei. Die Lietzensee-Anwohner sollen derzeit &#8220;noch ein wenig böse auf das neue Schwanenpaar&#8221; sein, meinte die Sprecherin der &#8220;Aktion&#8221;, aber sie hoffe, &#8220;dass sie die beiden neuen Höckerschwäne auch bald in ihr Herz schließen werden. Schließlich folgen diese Vögel auch nur ihren natürlichen Instinkten,&#8221; fügte die Ornithologin beschwichtigend hinzu. Den Biologen fällt die Kulturkritik anscheinend noch immer leichter als Naturkritik.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/schwaene-im-winter.jpg" rel="lightbox[7884]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7924" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/schwaene-im-winter-424x235.jpg" alt="" width="369" height="204" /></a></p>
<p><em>Schwäne in der Übergangszeit. </em></p>
<p><strong>Weiterführende Gedanken über Schwäne, Hunde, Affen und Elefanten finden sich in den entsprechend betitelten dünnen Büchern der &#8220;Reihe Kleiner Brehm&#8221; im Peter Engstler Verlag/Rhön,  die in bälde ausgeliefert werden; im nächsten Jahr folgen dann &#8220;Bienen&#8221; und &#8220;Rinder&#8221;, im übernächsten: &#8220;Fische&#8221;, &#8220;Schafe&#8221; und &#8220;Krähen&#8221;.  </strong></p>
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 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=7884&amp;md5=da58eecc0b4df532af74e734748ce8cc" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Stadt der Spätaufsteher</title>
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		<pubDate>Sun, 21 Apr 2013 15:04:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh7.jpeg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7853" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh7.jpeg" alt="" width="244" height="302" /></a></p>
<p><em>&#8220;Mein hahn, den wir seit 1 woche bei unseren 5 hühnern haben, kräht bereits ab 04.30 uhr (ca. alle 20 sek. &#8211; und das 2-3 stunden lang!) &#8211; alle anderen (auf anderen höfen) in der umgebung melden sich erst brav ab ca. 06.00 uhr &#8211; warum nervt der so?&#8221; fragte Trixi neulich im &#8220;Gute-Frage-Net&#8221;.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/bogota.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7851" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/bogota-424x198.jpg" alt="" width="248" height="116" /></a></p>
<p><em>&#8220;Wenn New York die Stadt ist, die niemals schläft, dann ist Bogotá, die Stadt, die am frühsten aufsteht.  Die Vorlesungen beginnen um 7 Uhr morgens – zuhause würde ich mich um diese Zeit nochmal im Bett umdrehen. Und wenn der deutsche Otto-Normal-Student dazu geneigt ist, die erste Veranstaltung hin und wieder sausen zu lassen,  ist das hier nicht möglich. Anwesenheit ist Pflicht.&#8221; Das schreibt David Steimle auf &#8220;lto.de/recht/studium-refrendariat/ausland-studium-kolumbien-bogota/&#8221;</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kempen.jpeg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7852" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kempen.jpeg" alt="" width="253" height="165" /></a></p>
<p><em>&#8220;Der Frühaufsteher schnappt das Rad,&#8221; titelte &#8220;rp-online&#8221; für einen Artikel über einen &#8220;Fahrradflohmarkt&#8221; in Kempen, den der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und die Stadtverwaltung organisierten.</em></p>
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<p><strong>Als Aushilfshausmeister muß man früh aufstehen, um spätestens um 7 Uhr 45 noch die Putztruppe zu erwischen, wenn man ihnen irgendetwas mitzuteilen hat. Ich gehöre dagegen eher zu den Spätaufstehern (103.000 Interneteinträge, Frühaufsteher bringen es auf 780.000), die vorwiegend bei den &#8220;Spätis&#8221; einkaufen, denen man jetzt ein Sonntagsverkaufsverbot auferlegt hat.</strong></p>
<p><strong>2008 gab es für letztere nur 6.980 Eintragungen. Bei &#8220;Frühaufsteher Berlin&#8221; waren es noch 1.060, bei &#8220;Kreuzberg&#8221; &#8211; wo bis zur Wende die Nächte angeblich besonders lang waren &#8211; noch 38 Eintragungen.  Die erste kam von einer Kreuzberger Flüchtlings-Initiative, die zu einem &#8220;antirassistischen Einkauf&#8221; &#8211; um Punkt 12 Uhr &#8211; bei Reichelt aufrief. Das war nicht besonders früh! Die zweite &#8220;Frühaufsteher&#8221;-Eintragung hatte ihren Termin jedoch noch später angesetzt. Es handelte sich dabei um eine &#8220;Latin Parties&#8221;-Initiative, die diesbezügliche Clubs aus ganz Deutschland mit ihren Programmen vorstellte. Die dritte Eintragung bestand ebenfalls aus Club-Adressen &#8211; jedoch für Blues- und Jazzfans, wobei Google mir die Kreuzberger Regenbogenfabrik rausgesucht hatte, die laut eigener Einschätzung &#8220;nix für Frühaufsteher&#8221; sei. Im Gegensatz zum Qigong-Zentrum in der Zossener Straße, deren chinesische Heil- und Meditationsangebote angeblich nicht nur für Frühaufsteher ihren &#8220;Reiz&#8221; hätten. Man fängt dort also schon sehr früh an &#8211; das kennt man ja von den Chinesen.  Noch früher aber fängt die Schülerredaktion einer Radiosendung des Berliner Offenen Kanals an: nämlich um zwei Uhr nachts. Darauf folgen eine Jungle World-Reportage über einen ebenfalls recht frühen Polizeieinsatz in Kreuzberg, die Frühaufsteher-Tipps einer Morgenpost-Redakteurin und eine Güterabwägung zwischen den optimalen Öffnungszeiten fürs Prinzenbad und den Wünschen einiger Frühaufsteher. In der nächsten Eintragung behauptet das Videodrom &#8220;Filmfreaks sind Frühaufsteher&#8221;. Und in einer weiteren meint der &#8220;Künstlerbedarf Ebeling&#8221;, für Frühaufsteher sei der Laden genau der richtige. Vorm Amtsgericht protestierten &#8220;250 wetterfeste Frühaufsteher&#8221; &#8211; gegen eine Ortsveränderung.  In der Berliner Zeitung ist davon die Rede, dass viele Verbände nach Berlin ziehen, denn man muss früh aufstehen, um erfolgreiche Lobbyarbeit zu betreiben. Ein weiterer Zeitungsbericht handelt vom hoffnungsvollen Nachwuchs im Backgewerbe: &#8220;Frühaufstehen ist kein Thema mehr&#8221;, meint ein gewisser Zernicke, dessen Arbeitstag in einer Bäckerei in der Mariannenstraße oft schon um zehn Uhr abends beginnt.  In einem Wahlinfo wird vom Finanzsenator berichtet, dass er als Frühaufsteher bereits morgens zur Wahl ging. Der Tagesspiegel schrieb über das derzeit kaum noch vorstellbare Schnee-Chaos auf den Straßen &#8211; es sei besonders für Frühaufsteher unangenehm. Eine Rockband, die auch von Satanisten gerne gehört wird, hat &#8220;für alle Frühaufsteher ein fettes Grunz&#8221; auf ihrer Webpage übrig. Und eine Kreuzberger Schwuleninitiative will fürderhin auch für &#8220;Frühaufsteher&#8221; attraktiv sein. Der letzte Eintrag stammt von den Deutschrockern Rod Army, in deren Gästebuch sich unter anderen auch ein &#8220;Frühaufsteher&#8221; zu Wort meldete.</strong></p>
<p><strong>  Summa summarum: Die Frühaufsteher, das sind &#8211; zumindest in Kreuzberg &#8211; immer noch so etwas Ähnliches wie die &#8220;Besserleger&#8221; beim Golf. Es ist schön und gut, wenn sie es tun &#8211; die Frühzüge und Gewerbeimmobilien fahren beziehungsweise stehen nicht so lange leer usw. Aber wie leicht kann diese Tugend in Besserwisserei oder gar Penetranz ausarten, schon dass man immer wieder Früh- und Spätaufsteher gegeneinander ausspielt&#8230;</strong></p>
<p>Unter dieser komischen Spaltung der Gesellschaft, ähnlich der zwischen Rauchern und Nichtrauchern, leide ich schon so lange wie ich denken kann. In meiner &#8220;Moral History&#8221; beginnt das bereits kurz nach der Einschulung &#8211; nämlich damit, dass man jeden Tag spätestens um acht in einem hässlichen, stinkenden Schulgebäude zu sein hatte und die ganze Zeit dort wie blöd  Aufmerksamkeit heucheln mußte, um nicht &#8220;rangenommen&#8221; zu werden. Dagegen waren die Prügeleien in den Pausen auf dem Schulhof die reinste Erleichterung. Aber spätestens nach der Pubertät kriegte dieser &#8220;Kampf&#8221;  (auch gegen das sogenannte &#8220;Elternhaus&#8221;) einen antifaschistischen &#8220;Touch&#8221;, denn plötzlich wurde einem klar, dass das ganze beschissene Liedgut, mit dem man &#8220;groß&#8221; gezogen wurde, die reinste Nazischeiße war: &#8220;.Wer nur den lieben, langen Tag/ Ohne Plag&#8217;, ohne Arbeit/Vertändelt, wer das mag,/Der gehört nicht zu uns./ Wir steh&#8217;n des Morgens zeitig auf,/Hurtig, mit der Sonne Lauf,/Sind wir, wenn der Abend naht,/Nach getaner Tat,/Eine muntere, fürwahr,/Eine fröhliche Schar.&#8221;</p>
<p>Dieses Lied findet sich noch heute in der Liedersammlung &#8220;Mundorgel&#8221;; das folgende Gedicht des Leutnants F.L. Hoppe aus dem &#8220;Lesebuch für den Schulgebrauch&#8221;, 1916, hat man jedoch inzwischen daraus entfernt. Es lautete:</p>
<p>&#8220;Da drüben, da drüben liegt der Feind</p>
<p>In feigen Schützengräben,</p>
<p>Wir greifen ihn an, und ein Hund wer meint,</p>
<p>Heut würde Pardon gegeben.</p>
<p>Schlagt alles tot, was um Gnade fleht,</p>
<p>Schießt alles nieder wie Hunde,</p>
<p>Mehr Feinde, Mehr feinde! sei euer Gebet!</p>
<p>In dieser frühen Vergeltungsstunde!&#8221;</p>
<p>Diese lustige Truppe von wahren Frühaufstehern aus WK1 und dann auch aus WK2 (&#8220;Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!&#8221; &#8211; und nicht etwa &#8220;nach einem ordentlichen  Frühstück&#8221;) ermordete dann allein in Osteuropa Zigmillionen &#8211; in ihrem &#8220;Blitzkrieg&#8221;. Sie wollten Mittags alle wieder zu Hause sein &#8211; diese Irren!</p>
<p>Jens Rohwer, ein in Rußland kriegsverwundeter Lehrer an der Musikschule in Posen (heute wieder: Poznan) schrieb 1944, im Jahre des abermaligen Zusammenbruchs aller Fronten, das Lied:  &#8220;Wer nur den lieben langen Tag/Vertändelt, wer das mag&#8221;. Es wurde bis in die Siebzigerjahre an allen Schulfronten Westdeutschlands auswendig gelernt. &#8220;Die Freiheit, die die germanischen Krieger genießen,&#8221; meinte Michel Foucault &#8220;ist wesentlich eine egoistische Freiheit, eine der Gier, der Lust auf Schlachten, der Lust auf Eroberung und Raubzüge. Sie ist alles andere als eine Freiheit des Respekts, sie ist eine Freiheit der Wildheit.&#8221; Diese losgelassenen &#8220;Krieger&#8221; &#8211; das waren jedoch in der Zwischenzeit längst Friseure, Kellner und Staubsaugervertreter geworden..Egal, mit ihrem frischen Liedgut wollten wir nach dem zweiten verlorenen Krieg jedenfalls nicht mehr zu tun haben!</p>
<p>Kein Wunder, dass die irischen und griechischen Kneipenbesitzer dann erst ab 1990 verwundert feststellen konnten: Die Deutschen kennen ja doch einige Lieder und können sie auch singen &#8211; die Ostdeutschen nämlich. Denen hatte man zuvor ganz andere Lieder &#8211; von &#8220;sauberen Mädels und starken Genossen&#8221;- &#8220;nahegebracht&#8221;. Mit dem Fascholiedgut &#8211; bis hin zu &#8220;Wem Gott will rechte Gunst erweisen/Den schickt er in die weite Welt!&#8221; &#8211; wollten wir Westler dagegen keinesfalls in Verbindung gebracht werden, lieber schwiegen wir im Ausland &#8211; und auch das angloamerikanische Liedgut ließen wir vorsichtshalber unübersetzt. Selbst wenn wir die Worte mitsangen, wollten wir sie nur als mehr oder weniger wollüstiges Gebrabbel verstehen. Anders die West-Musikkritiker &#8211; natürlich, die daraus gleich Quasi-Offenbarungen machten!</p>
<p>Dann kam die Wiedervereinigung und das am meisten vom Westen pestkolonisierte Bundesland, Sachsen-Anhalt &#8211; die schwarz-braune Haselnuß mit den super Bördeböden, wo die Arbeitslosigkeit infolge der Stillegungen fast aller Bergwerks- und Verhüttungsbetriebe Rekordhöhen erreichte, nannte sich trutzig: &#8220;Das Land der Frühaufsteher&#8221;.</p>
<p>&#8220;Früh&#8221; ist klar &#8211; in &#8220;aller Frühe&#8221; &#8211; so wie in &#8220;Frühschicht&#8221;; &#8220;Steher&#8221; &#8211; kommt aus der Profiboxer-Sprache: Das ist ein Mann, der &#8220;Steherqualitäten&#8221; hat, also besonders viel aushalten kann, ohne umzufallen. Der sich aber auch nicht wehrt! (Gegen die Besserwessis z.B., die gleich nach der Wende in Hundertschaften Sachsen-Anhalt buchstäblich zu Boden &#8220;entwickelten&#8221;.) &#8220;Aufsteher&#8221; kommt ebenfalls aus der Boxersprache &#8211; das ist eine Flasche, die immer wieder zu Boden geschlagen wird, aber jedesmal wieder aufsteht &#8211; und weiter kämpft, obwohl sie natürlich keine Chance hat. Sie kann nur gut wieder &#8220;Aufstehen&#8221; &#8211; noch leicht bedeppert, und dann z.B. &#8220;Sieg Heil&#8221; stammeln oder sogar gröhlen. Das harmlose westliche Vorbild für so einen ist Donald Duck, der in keiner Geschichte das erreicht, was er wollte und selbst wenn doch einmal, dann sieht das Erreichte so ganz anders aus, als er es sich vorgestellt hatte. Das Credo der deutschen Donaldisten lautet deswegen &#8211; verkürzt: &#8220;Trotzdem niemals aufgeben!&#8221;</p>
<p>Es sollte uns daneben aber auch zu denken geben, dass es keine weibliche Form vom &#8220;Frühaufsteher&#8221; gibt  (selbst meine feministische Freundin nennt sich ein &#8220;Frühaufsteher&#8221; &#8211; wenn sie mich als &#8220;Spätaufsteher&#8221; beschimpft, der sie &#8211; sozusagen als Bremser &#8211; daran hindert, im Leben schwungvoll weiter zu kommen).</p>
<p>Trotz des Fehlens einer &#8220;Frühaufsteherin&#8221; in unserem deutschen Wortschatz, gibt es jedoch paradoxerweise weitaus mehr Frauen als Männer, die FrühaufsteherInnen sind, schon allein deswegen, weil sie sich nicht lange querulatorisch weigern, selbst als Akademikerin irgendeinen Scheiß-Dienstleistungsjob anzunehmen, für den sie mitten in der Nacht aufstehen müssen, um den Bus zu kriegen, der sie z.B. 160 Kilometer weit ins Logistik-Center des &#8220;Otto-Versands&#8221; in Sachsen-Anhalt transportiert, wo sie dann pünktlich ab 7 Uhr acht volle Stunden stehend  irgendeinen Konsumscheiß  einpacken müssen. Wenn man diese Frauen sieht, oder auch die hunderte von Sekretärinnen, die morgens aus dem U-Bahnhof Fehrbelliner Platz strömen, um sich in der Bundesversicherungsanstalt hinter ihre  drögen Schreibtische zu klemmen, der kommt weiß Gott nicht auf den Gedanken: &#8220;Das ist fürwahr/eine fröhliche Schar.&#8221;</p>
<p>Wenn so ein &#8220;Spätaufsteher&#8221; wie ich mal morgens mit einer der ersten U-Bahnen nach Hause fährt, dann bleibt ihm schuldbewußt die gute Laune sozusagen im Halse stecken, denn die Waggons sind um diese Zeit voll mit dicken älteren türkischen Kopftuchfrauen, die als &#8220;Raumpflegerinnen&#8221; für ihre Familien das Geld verdienen. Während ihre mit der Wende meist arbeitslos gewordenen Männer noch schlafen, putzen sie spätestens ab 6 Uhr früh in der &#8220;City&#8221; die Büros (u.a. die der taz).</p>
<p>Es bleiben die wenigen freiwilligen Frühaufsteher, wie meine Freundin &#8211; und mit ihr angeblich viele, viele kreativ Tätige , die schon morgens um Halbneun ihre erste vollmundige &#8220;Brunch&#8221;-Sitzung anberaumen und spätestens um Halbzehn ihren Laptop aufmachen, um erst mal ihre &#8220;Mails&#8221; zu checken &#8211; und dann aber loszulegen wie blöd!.</p>
<p>An der Humboldt-Universität, wo man zu proletarischen Kampfzeiten noch eine &#8220;Nullte Stunde&#8221; kannte (einen Unterrichtsbeginn um 6 Uhr 45!), lehrt jetzt eine Kulturwissenschaftlerin, deren Seminare erst nach Mitternacht anfangen &#8211; also nur für wirkliche Spätaufsteher interessant sind. &#8211; Eingedenk des Mottos des kuk-Versicherungsangestellten Franz Kafka: &#8220;Der Schriftsteller arbeitet nachts, wenn alle Bürger schlafen.&#8221;</p>
<p>Der Weg dahin war aber steinig: Ich erinnere mich noch an das Jahr 1993, da sagte der vom Narva-Betriebsrat gewählte neue Geschäftsfüher, Jesus Comesana, auf einer Belegschaftsversammlung im Kino &#8220;Kosmos&#8221;: &#8220;Wir sind jetzt ein Dienstleistungsbetrieb, deswegen sollten  wir ab 1. März morgens statt um 6 erst um 9 Uhr anfangen, vorher gibt es absolut nichts  zu tun.&#8221; Da brach ein Sturm ehrlicher schichtarbeiterlicher Entrüstung  über ihn herein. Einer schrie: &#8220;Jetzt muß ich auch noch mein ganzes Leben ändern!&#8221; Ein anderer: &#8220;Ich wohn in Kaulsdorf, da kann ich nach Feierabend ja gleich im Betrieb bleiben!&#8221; Man einigte sich auf Halbacht.</p>
<p>Nur wenige Monate später lud mich der Amsterdamer Hausbesetzer Geert Loving für ein paar Tage ins &#8220;Melkweg&#8221; &#8211; zu einer Tagung über &#8220;Wetware&#8221; (so nennt man all die armen Schweine, die zwischen Hard- und Sofware eingeklemmt wurden). Ich wohnte in einem kleinen Hotel, wo man bis 11 Uhr frühstücken konnte, danach machte ich mich an die &#8220;Arbeit&#8221;:  &#8220;nosing around&#8221; im Weichbild der Stadt. Zu meinem Erstaunen fingen alle Straßenfeger, Händler, Kellner etc. auch erst um etwa 12 Uhr an. Die Bauarbeiter z.B. suchten um diese Zeit auf ihren Gerüsten erst mal in Ruhe den richtigen Radiosender &#8211; mit einer zu ihrer Tagesform passenden Musik. Alles gähnte und reckte sich noch. Das war wirklich eine Stadt der Spätaufsteher &#8211; und mir auf Anhieb sympathisch. Auch dass die ganzen asiatischen Drogenhändler in den &#8220;Coffee-Shops&#8221; auf jede Frage nach der intendierten Wirkung dieses oder jenes Stoffes stets antworteten: &#8220;It makes you feel good the whole day!&#8221;</p>
<p>Von Geert erfuhr ich dann noch, dass das Wort &#8220;Frühaufsteher&#8221; (&#8220;Vroege vogels&#8221; auf Holländisch) in Amsterdam ein Schimpfwort ist &#8211; ähnlich dem &#8220;Warmduscher&#8221; hier, wobei es jedoch die entgegengesetzt Bedeutung hat: Beschimpft werden damit eher die  morgens schon penetrant-putzmunteren &#8220;Kaltduscher-und-gleich-danach-Jogger&#8221;, die ständig das Wort &#8220;Streß&#8221; lustvoll im Munde führen und mit ihren Hunden &#8220;Agility-Kurse&#8221; besuchen.  In der taz wurde der blogwart Mathias Broeckers von den Mädels in seinem Großraumbüro neckisch als &#8220;Früher Vogel&#8221; bezeichnet. Er gehörte zu der seltenen Sorte von kiffenden Frühaufstehern. Von ihm, dem Limburger Domspatz, hätte glatt der alte ostfriesische Merksatz stammen können: &#8220;Morgens ein Joint &#8211; und der Tag ist dein Freund!&#8221; Als blutjunger Ministrant hatte er jede Menge (THC-haltige) Weihrauchdämpfe eingeatmet, und bereits 1970 beantragte der Limburger Bürgermeister für Broeckers&#8217; kirchlichen Frei- und Partyraum die Schließung des selben mit dem Argument: &#8220;Die  spritze sisch da schon morgens das pure Hasch!&#8221;</p>
<p>Hasch macht lasch, so viel war daran richtig. Aber dadurch war dieses Mittel doch auch geeignet, der aufrührerischen Jugend von damals noch das letzte bißchen faschistische Frühaufsteherei auszutreiben. Nebenbeibemerkt kam der Stoff in jener Zeit fast zur Gänze aus Amsterdam! Und heute?</p>
<p>Die zur Kölner Verlagsgruppe DuMont Schauberg gehörende &#8220;Mitteldeutsche Zeitung&#8221; für Sachsen-Anhalt schreibt am 9.März 2013: &#8220;Illegaler Cannabisanbau nimmt zu: Das Kraut gedeiht in Kellern, Dachböden oder alten Ställen. Zwar ist es oft nur für den privaten Konsum bestimmt &#8211; doch ein Kavaliersdelikt ist der Anbau von Hanf nicht. &#8220;Der Bedarf ist da&#8221;, sagte Helga Meeßen-Hühne von der Landesstelle für Suchtfragen in Magdeburg. Außerdem lasse sich mit Aufzucht und Verkauf von Cannabisprodukten sehr viel Geld verdienen. &#8220;In den zurückliegenden Jahren ist die Zahl der Fälle zwar moderat, aber ständig gewachsen&#8221;, fügte Evelyn Schiener, stellvertretende Pressesprecherin des Landeskriminalamtes (LKA) hinzu.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh1.jpeg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7854" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh1.jpeg" alt="" width="272" height="158" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh3.jpeg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7855" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh3.jpeg" alt="" width="277" height="154" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh4.jpeg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7856" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh4.jpeg" alt="" width="277" height="207" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh8.jpeg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7857" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh8.jpeg" alt="" width="277" height="182" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh2.jpeg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7858" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh2.jpeg" alt="" width="280" height="108" /></a></p>
<p><em>&#8220;Wer drin ist, ist In! Der Frühaufsteherclub von 100’5 DAS HITRADIO. bietet exklusive Vorteile für alle Mitglieder. Bei dem Club-Partner Bäckerei Drouven gibt es nach Vorlage der Frühaufsteherkarte eine besondere Vergünstigung bei jedem Einkauf!&#8221;</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh9.jpeg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7859" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh9.jpeg" alt="" width="280" height="210" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/humor.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7870" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/humor.jpg" alt="" width="284" height="187" /></a></p>
<p><em>Typischer Frühaufsteher-Humor.</em></p>
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<p>Früher lautete ein Slogan der staatlichen Antidrogen-Propaganda der BRD: &#8220;Du gehst kaputt/Und der Dealer macht Kasse!&#8221; Dank der nahezu lückenlosen LKA-Überwachungssysteme heißt es heute &#8211; auch in Sachsen-Anhalt: &#8220;Der Dealer geht kaputt/Aber sein Stoff ist Klasse!&#8221; Der dortige Ministerpräsident (CDU) hält jedoch tapfer dagegen &#8211; gegen diesen rauschgestützten Hang zur Spätaufsteherei in seinem Bundesland: Am 15.März lud er zu einem &#8220;Frühaufsteher-Frühstück&#8221;. Aber nicht nur dass bloß seine von ihm abhängigen Minderbegabten dort pünktlich erschienen &#8211; und sich sogleich auf das üppige Büffett stürzten, das für die halbe Bevölkerung des armen Bundeslandes gereicht hätte, es gab auch lautstarke Kritik daran von Parlamentariern &#8211; und zwar ganz grundsätzlicher Art: &#8220;Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich diesen Frühaufsteher Slogan hasse&#8221;, wurde der Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) von der &#8220;Mitteldeutschen Zeitung&#8221; zitiert. Der Linke-Fraktionschef Wulf Gallert sprang dem Finanzminister bei und forderte ein Ende des &#8220;Unfugs: Diese Kampagne ist unpassend und überflüssig.&#8221; &#8220;Früh aufstehen ist ja noch kein Wert an sich,&#8221; meinte daraufhin auch der Verkehrsminister (SPD). Während der Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) weiterhin behauptete: &#8220;Die Identifikation gerade junger Leute mit ihrem Bundesland habe dadurch deutlich zugenommen.&#8221; Da lachen ja die Hühner, so ein ungenannt bleiben wollender junger Leut, der im übrigen das englische Wort dafür: &#8220;Early Riser&#8221; als &#8220;Örli Reißer&#8221; ausspricht (wobei man wissen muß, dass &#8220;Schwarzer Örli&#8221; eine unter den sachsen-anhaltinischen &#8220;Westernstadt&#8221;-Fans  beliebte Haschsorte sein soll, während die &#8220;Blonde Örli&#8221; eine stadtbekannte Magdeburger Schönheit ist).</p>
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<p><strong>ddpdirect meldete:</strong></p>
<p>Krimis aus dem Land der Frühaufsteher</p>
<p>Sachsen-Anhalt bietet Kulisse für Mordlandschaften. Sachsen-Anhalt ist bunt. Die vielen kulturell bedeutsamen Orte zwischen Arendsee und Zeitz besitzen aber nicht nur touristisches Potenzial, sie eignen sich auch als Krimischauplatz. Der in Halle lebende Autor Peter Godazgar hat diesen Befund zum Anlass genommen, ein Buch mit Kurzkrimis aus der Region herauszugeben. Für das Projekt gewann er 22 Schriftsteller aus allen Teilen der Bundesrepublik. Sie waren von Land und Leuten durchweg angetan. Auf der Leipziger Buchmesse wird das Buch nun offiziell vorgestellt. Tatjana Kruse ist begeistert. Von der Einigartigkeit der historischen Stätten, von den Menschen und überhaupt vom Bundesland Sachsen-Anhalt, das für sie bisher eher ein weißer Fleck auf der Landkarte war. Das änderte sich erst, als der hallesche Journalist und Krimiautor Peter Godazgar die im baden-württembergischen Schwäbisch Hall lebende Berufskollegin für sein Projekt begeistern konnte: Ein Buch mit Krimis aus dem Land der Frühaufsteher wollte er herausgeben. Zu diesem Zweck sprach er Autoren aus dem ganzen Bundesgebiet an. Jeder von ihnen, so der Plan, sollte einen Kurzkrimi schreiben. Die Schauplätze, die Godazgar dabei zu vergeben hatte, suchten ihresgleichen und sorgten dafür, dass namhafte Schriftsteller, darunter mehrere Preisgekrönte, zusagten. Lesen Sie hier mehr.: <a href="http://www.investieren-in-sachsen-anhalt.de/Press-Detail.199.0.html?&amp;" target="_new">http://www.investieren-in-sachsen-anhalt.de/Press-Detail.199.0.html?&amp;</a> uid=5016&amp;cHash=cd594e5762ae2ac01624b728bb50c0b7</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh5.jpeg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7860" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/frueh5.jpeg" alt="" width="259" height="194" /></a></p>
<p><em>&#8220;Die Unterbringungen von Flüchtlingen soll ihre Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern&#8221;, heißt es in der Bayerischen Asyldurchführungsverordnung. In anderen Bundesländern braucht es diese zynische Amtsvorgabe gar nicht, wenn es um den Umgang mit Asylbewerbern geht. Vor allem Sachsen-Anhalt, das so genannte &#8220;Land der Frühaufsteher&#8221;, steht in dem Ruf in Flüchtlingsfragen die restriktivsten und unflexibelsten Auslegungen der Gesetzlage durchzusetzen. Paula Bulling hat im Laufe mehrerer Jahre die Flüchtlingspolitik in Sachsen-Anhalt in etlichen Gesprächen und Begegnungen mit Asylbewerbern in Halle, Halberstadt und Möhlau (Wittenberg) dokumentiert. In sieben Kapiteln erzählt sie vom Leben in Asylbewerberheimen, alltäglichem Rassismus, dem Tod eines Flüchtlings wie auch von der Suche nach einer angemessenen erzählerischen Haltung als weiße Künstlerin. &#8220;Im Land der Frühausteher&#8221; entstand in naher künstlerischer Zusammenarbeit mit den portraitierten Menschen, ihre Stimmen und ihr Wesen sind ebenso Teil von Bullings mutiger Comic-Collage wie die Darstellung der politischen Situation in Sachsen-Anhalt, die als symptomatisch für die neuen und den größten Teil der alten Bundesländer gelten kann.</em> &#8220;<em> (Pressetext)</em></p>
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<p>Die Frühaufsteher-Werbekampagne für Sachsen-Anhalt  wurde 2005 gestartet und kostete 2,5 Millionen Euro. &#8220;Ausgangspunkt war&#8221; laut n-tv &#8220;eine Umfrage, nach der die Sachsen-Anhalter im Schnitt morgens um 6.39 Uhr aufstehen &#8211; und damit angeblich früher als alle anderen Deutschen.&#8221; Das Bundesland hatte 2012 rund 150.000 Arbeitslose; bei einer Bevölkerung von insgesamt 2,2 Millionen waren das  offiziell 12,5 %. Daneben macht sich dort nach wie vor ein starker Bevölkerungsrückgang bemerkbar &#8211; laut Wikipedia ein seit der Wiedervereinigung ungebrochener Trend, &#8220;der in etwa  gleichem Maße auf die geringe Anzahl Neugeborener und die Abwanderung von Sachsen-Anhaltern zurückzuführen ist.&#8221; Gleichzeitig stieg die Zahl der Verbrechen kontinuierlich seit der Wende: Zuletzt, 2012, waren es 189.233 Fälle, dabei wurden über 80.000 nicht aufgeklärt (43%). Bei 25.443 Fällen handelte es sich um &#8220;Rohheitsdelikte&#8221;, bei 75.027 um &#8220;Diebstahl&#8221; und bei 5925 um &#8220;Rauschgiftkriminalität&#8221;. Trotz dieser geringen Zahl an Drogendelikten meldete das onlinemagazin &#8220;Halle life&#8221; des Werbefuzzies Alexander Landgraf: &#8220;In Sachsen-Anhalt müssen immer mehr Patienten wegen Cannabis-Missbrauch behandelt werden.&#8221; Am 11. April 2013 berichtete die von der Treuhand der &#8220;Bauer Media Group Hamburg&#8221; zugeschanzte &#8220;Volksstimme&#8221; &#8211; einigermaßen wahrheitsgemäß: &#8220;Bei Hausdurchsuchungen hat die Staatsanwaltschaft Stendal Cannabis-Pflanzen sichergestellt.&#8221; Am 15. April berichtete das auf Rauschgiftkriminalität anscheinend spezialisierte Blatt aus dem Bauerverlag: &#8220;Bei der Durchsuchung eines 17-jährigen Wernigeröders haben Polizeibeamte 108 Gramm Cannabis, 16,6 Gramm einer weißen Substanz in einer Folientüte, zwei Feinwaagen, 56 Abpacktüten und Bargeld in Höhe von 155 Euro gefunden. Die Polizisten kontrollierten den Jugendlichen, nachdem er einen Stuhl von einem Lokal in der Breiten Straße in Wernigerode gestohlen hatte und mit diesem vor dem 40-jährigen Besitzer flüchtete, der ihn jedoch stellen konnte.&#8221; Anschließend meinte er gegenüber der Zeitung: &#8220;Um mit meinem guten Stuhl abzuhauen, da hätte er früher aufstehen müssen.&#8221; In beiden Fällen protestierte der Sprecher des Westdeutschen Hanf Verbands, der sich für eine Legalisierung aller Drogen ausspricht, die sich positiv gegen jede Frühaufsteherei auswirken, was von der bundesdeutschen Familienministerin &#8211; zu Recht &#8211; als &#8220;kontraproduktiv&#8221; bezeichnet wurde.</p>
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<p><strong>Erwähnt sei abschließend noch, dass die Redakteure  der Prenzlauer Berg Zeitschrift &#8220;floppy myriapoda&#8221;, allesamt typische &#8220;Rumbalotte&#8221;-Spätaufsteher,  als nächstes Heftthema die &#8220;Anarchopornographie&#8221; (APO) gewählt haben.  Hier einige Anknüpfungspunkte:</strong></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/anarchie-uns-sex1.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7861" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/anarchie-uns-sex1-424x615.jpg" alt="" width="274" height="395" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/anarchie-und-sex2.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7862" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/anarchie-und-sex2.jpg" alt="" width="280" height="280" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/anarchoporno-parteiwerbung.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7863" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/anarchoporno-parteiwerbung.jpg" alt="" width="287" height="287" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/majakowski.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7882" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/majakowski-424x635.jpg" alt="" width="336" height="502" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/baiz-bleibt-anne-hahn.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7864" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/baiz-bleibt-anne-hahn-424x308.jpg" alt="" width="339" height="246" /></a></p>
<p><em>Abend-Demo 2013 gegen die Räumung einer Berliner Anarchokneipe. Photo: Anne Hahn</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/porn9.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7867" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/porn9.jpg" alt="" width="342" height="245" /></a></p>
<p><em>&#8220;The UK government has announced it is discussing a plan that would automatically block all pornographic websites. It is said the effort is designed to protect children. &#8220;</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/anarchopornographie.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7880" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/anarchopornographie-424x480.jpg" alt="" width="346" height="392" /></a></p>
<p><em>Anarchopornographie?</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/pinup.jpg" rel="lightbox[7850]"><img class="alignnone size-full wp-image-7868" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/pinup.jpg" alt="" width="345" height="500" /></a></p>
<p><em>Pin-Up-Girl für Frühaufsteher</em></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=7850&amp;md5=59a09e43f6516a19113078eb2c3aab3f" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Die letzten Geheimnisse der chinesischen Kulturrevolution und des Planeten Mars werden aufgeklärt</title>
		<link>http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2013/04/16/die-letzten-geheimnisse-der-chinesischen-kulturrevolution-und-des-planeten-mars-werden-aufgeklart/</link>
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		<pubDate>Tue, 16 Apr 2013 19:05:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium"><strong>1. Der </strong></span><span style="font-size: medium"><strong> mysteriöse Tod von Maos Stellvertreter Lin Biao</strong></span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin5.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7823" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin5.jpeg" alt="" width="194" height="259" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin-biao.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7822" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin-biao.jpeg" alt="" width="185" height="238" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Lin Biao, der chinesische Verteidigungsminister und Herausgeber der &#8220;Mao-Bibel&#8221;, war ein alter Kampfgefährte von Mao tse Tung. Am 13. September 1971 stürzte er mit einer chinesischen Militärmaschine in der Mongolei ab, mit ihm starben seine Frau und sein Sohn sowie sechs weitere Personen. Angeblich, wollte Lin Biao in die Sowjetunion fliehen. Der ehemalige Vorsitzende der maoistischen westdeutschen KPD, Christian Semler, meinte, die Maoisten, aber auch Sinologen im Westen erklärten sich seinen Flug damit, dass Mao nach seinem Tod eine Militärdiktatur unter der Führung von Lin Biao und einer Clique befürchtete, obwohl oder weil er in der Kulturrevolution, die er und Lin Biao einst initiiert hatten, als sie auszuufern drohte, die Volksbefreiungsarmee zu Hilfe geholt hatte, die seitdem in allen Revolutionskomittees mitarbeitete. Erhärtet wird diese Erklärung mit einer etwas poetischen Bemerkung Maos über &#8220;die Lockerung des Ecksteines einer Mauer&#8221; &#8211; woraufhin er den Oberkommandeur der Pekinger Garnison austauschen ließ und die Zahl der Armeemitglieder im ZK um die Hälfte reduzierte. Lin Biao entschloß sich daraufhin laut Semler 2007 übereilt zur Flucht: &#8220;Für einen Putsch wurde nie auch nur der Schatten eines Beweises vorgelegt. Ebensowenig für einen Raketenabschuß seines Flugzeugs. Aber vielleicht hat Lin Biao wirklich mit der Sowjetunion konspiriert, weil er in China ein permanentes Chaos befürchtete.&#8221;</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Eine ähnliche Version wurde bereits in den 80er-Jahren verbreitet &#8211; wahrscheinlich vom CIA. In dem weltweit 1983 veröffentlichten Text eines pseudonymen chinesischen Insiders namens Yao Ming-le wurde der Doppelagent Wu Zonghan als Lin Biaos Kontaktmann zu den Sowjets benannt. Daneben wurden in diesem Buch mit dem Titel &#8220;Die Verschwörung &#8211; Staatsstreich und Ermordung des Lin Piao&#8221; auch noch die sexuellen Ausschweifungen von Lin Biaos Sohn Lin Liguo &#8211; dem eigentlichen Putsch-&#8221;Projektplaner&#8221; &#8211; ausgebreitet. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Bei seiner und seines Vaters &#8220;Ermordung&#8221; bezog sich der anonyme Autor auf das Geständnis eines ihrer Mitverschwörer (die inzwischen großenteils wieder freigelassen wurden): Wu Faxian, Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte. Der behauptete, selbst angeordnet zu haben, das Flugzeug von chinesischen Grenztruppeneinheiten mit zwei mal drei Bodenluftraketen abzuschießen, was dann auch geschehen sei. </span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin2.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7824" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin2-424x305.jpg" alt="" width="424" height="305" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Die Masse der weltweit das Ereignis interpretierenden &#8220;Chinawatcher&#8221; changierte damals, ab der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre, zwischen der Einschätzung des linken schwedischen Maoismustheoretikers Jan Myrdal und der eher bürgerlich-rechten US-Sinologin Roxane Witke. Myrdal begann mit der kurz zuvor erfolgten Verhaftung der &#8220;Viererbande&#8221;, die angeblich ebenfalls eine putschistische Politik verfolgte: &#8220;Sie hatte Lin Biao nahegestanden und mit ihm zusammengearbeitet. Tschiang Tsching [Maos Ehefrau] war auf sein Bestreben in eine außergewöhnliche Positition aufgestiegen. Aber als Lin Biao schließlich von Tschou En-lai entlarvt wurde und ihm nichts anderes übrig blieb als die Flucht, da stellten sich Tschiang Tsching und die anderen flugs als seine Opfer dar&#8221;. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Die amerikanische Biographin von Tschiang Tsching, Roxane Witke schrieb 1977: Noch im Frühjahr 1966 beherrschten Lin Biao und Tschiang Tsching gemeinsam die Gewehrläufe (&#8220;wu&#8221;) und die Tintenfässer (&#8220;wen&#8221;). Laut Witke datierte Tschiang Tsching den Beginn von Lian Biaos &#8220;verräterischer Wühlarbeit&#8221; auf Mitte 1966. In diesem Jahr hatte er vor dem Politbüro eine der &#8220;ungewöhnlichsten Reden in den Annalen der chinesischen Geschichte&#8221; gehalten: &#8220;Eine Analyse historischer Staatsstreiche&#8221;. Spätestens auf der Plenartagung des ZKs in Lushan begann Lin Biao dann selbst &#8220;den zehnten Kampf zweier Linien&#8221;. Seine Machenschaften nahmen 1971 noch &#8220;an Häufigkeit und Dreistigkeit zu&#8221;. Der &#8220;zehnte Kampf zweier Linien ist der gefährlichste gewesen&#8221;: Lin Biao wollte nicht nur Mao umbringen, sondern auch sämtliche (alten) Genossen des Politbüros, erzählte Tschiang Tsching angeblich ihrer US-Biographin, deren Buch dann kurz nach Maos Tod 1976 bei der Verhaftung von Tschiang Tsching eine wichtige Rolle spielte. 1981 wurde die &#8220;Mao-Witwe&#8221; wegen &#8220;Verrat&#8221; &#8211; dem &#8220;elften Kampf zweier Linien&#8221; &#8211; zum Tode verurteilt, jedoch nicht erschossen. 1997 beging sie im Gefängnis Selbstmord. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Der schwedische Promaoist und die Harvard-Antimaoistin erklärten uns damals die politische Intrige auf genau entgegengesetzte Weise. Während die chinesischen Kommunisten bis heute bei ihrer Version bleiben, die sie am 26.Juni 1972 kurz nach Verhaftung mehrerer hochrangiger Militärs offiziell herausgaben: Lin Biaos Clique habe einen &#8220;konterrevolutionären Staatsstreich&#8221; unternommen, der jedoch von seiner Tochter verraten wurde. Mit seinen engsten Getreuen habe er daraufhin versucht, mit einer gekaperten &#8220;Trident Nr. 256&#8243; in die Sowjetunion zu fliehen. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">In der FAZ behauptet Petra Kolenko nun: &#8220;Tausende Militärs wurden als Mitverschwörer verurteilt.&#8221; Die &#8220;Chinawatcher&#8221; gingen bisher von etwa einem Dutzend aus, die zudem, wie der Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte, nach kurzer Zeit freigelassen wurden. Der Grund für die Chinaexpertin der FAZ, auf Lin Biaos Mitverschwörer aus dem Jahr 1971 noch einmal am 6.April 2013 zurück zu kommen, ist eine neue Version von der Flucht Lin Biaos, die kürzlich ein chinesisches Politmagazin veröffentlichte, das von Petra Kolonko als &#8220;Sprachrohr reformistisch gesinnter Intellektueller in China&#8221; bezeichnet wird. Sie sprach mit dem Autor, Liu Jiaju, ehemals Redakteur der Zeitung der Volksbefreiungsarmee. Er will nach jahrelangen Recherchen herausbekommen haben, was die vermeintliche &#8220;CIA&#8221;-Version des pseudonymen &#8220;Insiders&#8221; Yao Ming-le bereits in den 80er-Jahren als &#8220;Wahrheit&#8221; ausgegeben hatte: Lin Biaos sexbesessener Sohn Lin Liguo sei der eigentliche Putsch-&#8221;Projekt 571 Planer&#8221; gewesen. Laut Liu Jiaju habe er als stellvertetender Leiter des Luftwaffenkommandos mit &#8220;wenigen Gesinnungsgenossen einen Aufruf&#8221; gegen die Diktatur Maos verfaßt. Sie erwogen ein &#8220;Attentat auf den großen Führer&#8221;: Maos Sonderzug nach Südchina sollte in die Luft gesprengt werden. Laut Liu Jiaju hatte die kleine Gruppe aber &#8220;weder die Mittel noch die Personen&#8221; dafür. Als die Attentatspläne von seiner Schwester Lin Duoduo verraten wurden, holte Lin Liguo mit dem Flugzeug eilendst seine Familie zusammen. Den kranken Vater, Lin Biao, der sich einem Seebad aufhielt, lockte er unter dem &#8220;Vorwand an Bord&#8221;, dass die Familie sich für eine Weile nach Nordchina zurückziehen müsse, sein Plan war jedoch, in den Süden nach Hongkong zu fliehen. Warum er dann aber doch nach Norden in Richtung Mongolei flog, sei noch nicht ganz geklärt. </span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin3.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7825" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin3.jpeg" alt="" width="196" height="258" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin4.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7826" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lin4.jpeg" alt="" width="261" height="193" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Petra Kolonko weiß, dass all das auch schon x Mal von ausländischen &#8220;Chinawatchern&#8221; vermutet wurde &#8211; seit 1971. Aber noch nie, so sagt sie, wurden solche Spekulationen oder Recherchen in China selbst veröffentlicht, zumal der Autor auch noch davon überzeugt ist, dass der verhinderte Attentäter Lin Liguo &#8220;größte Weitsicht bewiesen&#8221; habe, als er Mao als Diktator charakterisierte, und dass es noch heute &#8220;viele Elemente der maoistischen Zeit&#8221; gäbe, deren Problematisierung durch die Parteiführung er mit seinem Artikel über Lin Biao anregen wolle. Dabei scheint er an der Geschichte der russischen &#8220;Dekabristen&#8221; entlanggeschrieben zu haben: Eine Gruppe Offiziere, die 1825 offen gegen den Zar opponierte und verhaftet wurde, einige der &#8220;Verschwörer&#8221; wurden gehängt, andere nach Sibirien verbannt. Alexander Puschkin war mit mehreren befreundet, sein Poem &#8220;Eugen Onegin&#8221; handelt von ihrem &#8220;Aufstand&#8221;. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Die KPCh hatte zunächst &#8211; 1974 &#8211; in der letzten Phase der Kulturrevolution &#8211; eine Kampagne organisiert: &#8220;Konfuzius kritisieren &#8211; Lin Biao kritisieren!&#8221; Konfuzius stand für ein hierarchisches Denken, das zwischen höheren (Intellektuellen) und niederen (Bauern) Menschen unterschied. Lin Biao wurde als ein Reaktionär entlarvt, der seine wahre Natur hinter einer ultralinken Maske versteckt hatte. In der Ende der Siebzigerjahre von Deng Xiaoping revidierten Geschichte der KPCh, mit der die Kommunisten sich vom Kampf zweier Linien in der Partei verabschiedeten, wurde Lin Biao als &#8220;Verräter&#8221; bezeichnet. Und das gilt auch nach wie vor &#8211; offiziell. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Zuvor, 1975, war bereits im Westen eine Abrechnung mit der Kulturrevolution erschienen, verfaßt von dem für die chinesische Regierung arbeitenden Auslandschinesen Jack Chen. &#8220;Chinas Rote Garden&#8221;. Darin heißt es über Lin Biao: Seine Flucht geschah zwischen dem ersten China-Besuch Kissingers und dem ersten Besuch seines Präsidenten Nixon, deswegen veröffentlichte die Regierung erst danach ihre &#8220;Analyse der Affäre Lin Biao&#8221;. Hätte dessen &#8220;Komplott&#8221; 1971 Erfolg gehabt, wäre die &#8220;Alte Garde&#8221; laut Jack Chen &#8220;durch ein neues ZK und eine neue Regierung unter Lin Biao verdrängt worden&#8221;, der Chinas &#8220;Schicksal den Sowjetrevisionisten und ihrem &#8216;Atomschirm&#8217; anvertrauen wollte&#8221;. Die UDSSR würden sogar jetzt noch weiter daran arbeiten, China zu unterjochen. Tschou En-lai nannte Lin Biao einen &#8220;bürgerlichen Karrieristen&#8221; und &#8220;Landesverräter&#8221;. Um seinen schändlichen Einfluß auch nach seinem Tod weiter zurück zu drängen, begann ein Jahr nach seinem Absturz eine Kampagne &#8211; mit dem Ziel &#8220;Lin Biao kritisieren und den Arbeitsstil verbessern&#8221;. Jack Chen ging dieser &#8220;Bewegung&#8221; in einer Pekinger Elektrofabrik auf den Grund. Einige der Kader dort berichteteten ihm: &#8220;Als die Arbeiter erkannten, was geschehen war, waren sie voller Zorn. Sie sind entschlossen, alle Einflüsse von Lin Biaos Ideen auszurotten&#8221;. Dazu gehöre u.a. sein elitärer Arbeits- und Geniebegriff. &#8220;Nachdem wir seine reaktionären Ansichten durchschaut und unseren Erkenntnisstand erhöht hatten, verwandelte Bewußtsein sich in Materie&#8230;wir erzielten neue Höchstleistungen&#8221;. Ein anderer Kader ergänzte: &#8220;die Qualität sei ebenfalls gestiegen&#8221;. Beide bestanden darauf, daß die Produktionsfortschritte &#8220;durch die Kritik an Lin Biao bewirkt worden seien,&#8221; schreibt Jack Chen, der zuletzt noch erwähnt, dass viele Chinesen erst 1971 erfuhren, &#8220;daß Lin Biao eine Glatze hatte, weil er nie seine Mütze abnahm, er trug sie sogar mit einem Sturmriemen, um zu verhindern, dass sie ihm vom Kopf gerissen wurde. Was soll man von einem so dümmlich eitlen Mann halten?&#8221; Zum &#8220;Verräter&#8221; sei er jedoch erst im Laufe der Kulturrevolution geworden, &#8220;die Wendemarke war erreicht&#8221;, als er mit den rotgardistischen &#8220;Ultralinken&#8221; paktierte (sie wurden auch &#8220;Eins-Sechs-Fünf&#8221; genannt &#8211; nach dem Datum eines berühmten Rundschreibens der KPCh vom 16.5. 1966, mit dem die Installierung der ersten &#8220;Gruppe für die Kulturrevolution&#8221; im ZK angekündigt wurde). Als man die Eins-Sechs-Fünf für den Brandanschlag auf die englische Botschaft verantwortlich machte, deckte Lin Biao sie. Zuletzt wollte er die ganze &#8220;durch die Kulturrevolution bewirkte neue Ordnung umstoßen &#8211; ein chinesischer Thermidor&#8221;. Ein ZK-Mitglied bezeichnete Jack Chen gegenüber den Kampf gegen Lin Biao als &#8220;einen der kritischsten&#8221;. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">1980 besuchte eine Delegation deutscher Schriftsteller die Volksrepublik China, darunter befand sich auch der Hannoveraner Soziologe Oskar Negt. Er veröffentlichte acht Jahre später ein Buch über seine Reise, in dem er an einer Stelle auch auf den Flugzeugabsturz von Lin Biao zu sprechen kommt, wobei er zunächst die Meinung des im Außenministerium für Westeuropa verantwortlichen Direktors Hu Benyao referierte: &#8220;Die Kulturrevolution, deren Anfangsaktivitäten in der Phase der Kooperationsaufkündigung durch die Sowjetunion lägen, habe den Revisionismus Chruschtschows zum Angriffsziel gehabt. Es sei zu spontanen revolutionären Kampagnen gekommen, die das Eindringen des sowjetischen Revisionismus in China zu verhindern wußten&#8221;. Oskar Negt bemerkt dazu: &#8220;Von dieser Ursachenverbindung der Kulturrevolution mit dem Abbruch der Beziehungen zur Sowjetunion höre ich hier zum ersten Mal&#8230;Hen Benjao charakterisiert Lin Biao als einen Nachbeter Maos, der schon früh versucht habe, das Erbe Maos anzutreten, Als er befürchten mußte, daß Mao ihm das Vertrauen entzieht, habe er den Ausweg in einem Militärputsch gesucht&#8230;Das Ende des Abenteuers sei bekannt: in der äußeren Mongolei sei sein Flugzeug abgestürzt&#8230;&#8221; </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Seit Ende der Achtzigerjahre kamen keine weiteren, neuen Interpretationen des Lin-Biao-Absturzes mehr auf. Selbst nach dem Zerfall der Sowjetunion, wohin die Putschisten angeblich fliehen wollten (wie es vor ihnen tatsächlich mehrere ZK-Mitglieder der chinesischen kommunistischen Partei vor allem in den Vierzigerjahren getan hatten), gelangten keine neuen Erkenntnisse an die Öffentlichkeit. Dafür entwickelte die Mongolei ein Aufklärungsinteresse. Dort war Lin Biaos Flugzeug im Hentiir aimag abgestürzt, wobei sich hartnäckig das Gerücht gehalten hatte,dass es von sowjetischen Raketen abgeschossen worden war. Im Herbst 1991 veröffentlichte als erstes der Mediziner Zuunai in der Zeitung der Bürgerrechtler &#8220;Il Tovchoo&#8221; (Historische Fakten) einen Artikel, in dem er die Frage zu beantworten suchte: &#8220;Wer saß wirklich im Flugzeug?&#8221; In der Nacht des 13.Septembers 1971 wären zunächst nur russische Offiziere am Absturzort gewesen. Sie hätten bereits viele Flugzeugteile abtransportiert, bevor sie ihre mongolischen Kollegen hinzuzogen. Zu diesen gehörte damals auch der Autor, der am zweiten Tag am Unglücksort eintraf, zusammen mit einigen Geheimdienstlern und Flugzeugingenieuren sowie Vertretern der chinesischen Botschaft in der Mongolei. Die Flugzeugspezialisten waren bereits unmittelbar nach dem Absturz zu Hilfe gerufen worden, nun mußten sie so tun, als stünden sie zum ersten Mal vor den Trümmern der Maschine. Dr. Zunnai untersuchte damals zusammen mit einigen russischen Medizinern die Reste der Leichen. Er ist sich sicher, dass einer der neun Passagiere Lin Biao war, auf dessen Namen die chinesischen Offiziellen vor Ort dann auch gleich einen der Totenscheine ausstellten. Wenig später veröffentlichte ein weiterer Mediziner, I. Sanjaadorj, einen Artikel in der &#8220;Il Tovchoo&#8221; (Geöffnete Geschichte) über den Absturz, in dem er die Frage, ob sich Lin Biao tatsächlich in dem Flugzeug befand, erneut aufwarf. Der Autor war damals ebenfalls zum Unglücksort gerufen &#8211; und später vom mongolischen Geheimdienst noch einmal dorthin beordert worden. Weil man die sterblichen Überreste an Ort und Stelle vergraben hatte, konnte man sie jetzt noch einmal in Ruhe untersuchen. Zu zehnt machten sich die Experten unter der Leitung eines russischen Generals an die Arbeit, wobei es ihnen primär darum ging, irgendwelche Hinweise auf Lin Biao zu finden. Aber auch nach einer Woche waren sie sich noch nicht sicher. Schließlich nahm der Russe einen der Schädel und einige Knochen an sich und verschwand damit nach Moskau. Man hörte nie wieder etwas davon.Der Rest wurde verbrannt, hinterher übergab man dem chinesischen Botschafter eine Urne mit der Asche. &#8220;Damit war meine Aufgabe beendet,&#8221; schreibt I. Sanjaadorj. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Im September 2003 sprach ein Mitarbeiter des mongolischen Presseinstituts, Navaandorj Lkhagvasuren, mit dem Kriminalisten T. Moyoobuu, den man seinerzeit ebenfalls bei der Untersuchung des Flugzeugabsturzes hinzugezogen hatte &#8211; noch am selben Tag, den 13. September 1973. In einem Protokoll, dass der Experte anschließend für seinen Vorgesetzten verfaßte, hieß es: &#8220;Der Absturz der Maschine wurde nicht durch einen Raketenbeschuß verursacht. Es mußte aus Benzinmangel notlanden. Ein Augenzeuge, der Nachtwächter des nahen Kohlebergwerks &#8216;Berch&#8217;, sah, wie es unweit der Zeche auf hügeligem Gelände zur Landung ansetzte. Dabei berührte der rechte Flügel einen Hügel, die viermotorige englische Maschine bohrte sich in die Erde und fing Feuer. An Bord befanden sich mehrere Metallkisten mit Dokumenten, die dabei großenteils verbrannten. Von den neun ebenfalls verbrannten Passagieren wurde einer als Frau identifiziert, sie hatte zwei Goldzähne. Daran meinte der chinesische Botschafter die Ehefrau von Lin Biao wiedererkennen zu können. Ein anderer Passagier wurde als Europäer identifiziert. Er war mit einer Pistole des Typs Makarow bewaffnet. Auch die anderen acht trugen geladene Waffen, die teilweise entsichert waren. Da bei einer der Pistolen fünf rote Sterne in den Griff graviert waren, gingen die russischen Experten sowie die Mitarbeiter der chinesischen Botschaft davon aus, dass es sich dabei um die Waffe von Lin Biao handeln müsse&#8221;. Auch nach einigen weiteren Untersuchungen, wozu die Überreste der Leichen dann noch einmal wieder ausgegraben wurden, kamen die Russen und die Chinesen zu dem Schluß, dass es sich bei den Passagieren u.a. um Lin Biao und seine Frau gehandelt habe. Die Identität ihres mutmaßlich russischen (&#8220;europäischen&#8221;) Flugbegleiters blieb ungeklärt. Ihr Flugzeug kam aus Südchina und wollte zunächst in Peking landen, um zu tanken, daran wurden sie jedoch anscheinend mit Waffengewalt gehindert, so daß sie weiter nach Norden in Richtung Mongolei flogen, wo ihnen dann das Benzin ausging.</span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/Lin6.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7828" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/Lin6.jpg" alt="" width="400" height="294" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Zuletzt, im Dezember 2007 kam die mongolische Wochenzeitung &#8220;Odoo Tsag&#8221; (Die Zeit) noch einmal mit einem ausführlichen Artikel auf das Flugzeugunglück zu sprechen &#8211; indem sie einen Text aus der russischen Zeitung &#8220;MIR Kriminal&#8221; (Kriminelle Welt) nachdruckte, der von &#8220;Analytikern&#8221; der KGB-Nachfolgeorganisation zusammengestellt wurde: Laut &#8220;MIR Kriminal&#8221; war es zwischen Mao tse Tung und seinem Nachfolger Lin Biao zum Konflikt über die außenpolitische Orientierung Chinas gekommen. Nach Beendigung des Bündnisses mit der Sowjetunion unter Chruschtschow wollte Mao Tse Tung sich den USA annähern, während Lin Biao wieder den Kontakt zur Sowjetunion suchte. In einer Rede griff er die USA wegen ihrer fortgesetzten Bombardierung Indochinas an, Mao, der neben ihm saß, zeigte durch seine ganze Haltung und Gestik seine Mißbilligung. Er mißtraute sowieso selbst den engsten Mitarbeitern im ZK, darunter auch Lin Biao. Nach dessen Rede wurde ihm klar, dass die Partei sich von Lin Biao trennen mußte. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Nach dessen Absturz in der Mongolei äußerte ein Vertreter des ZK: &#8220;Der Verteidigungsminister Lin Biao versuchte bereits auf der zweiten Tagung des Politbüros im April 1970 eine konterrevolutionäre Wendung herbeizuführen. Im März 1971 entwarf er einen Geheimplan, um Mao Tse Tung mithilfe des Militärs zu stürzen, dieser Plan sollte am 8. September 1971 umgesetzt werden. Weil er mißglückte, mußte er fliehen, wobei er die Sowjetunion ansteuerte. 1972 wurden in einer groß angelegten Kritikkampagne alle Fehler und Versäumnisse der Partei in der Vergangenheit Lin Biao angelastet. Er wurde als ein politischer Verbrecher und Überläufer bezeichnet, der heimlich mit der Sowjetunion paktierte. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Der damalige politische Kommentator, der Amerikaner John Macdowell, traf sich nach Lin Biaos Flucht mit Mao Tse Tung und und dieser zeigte ihm einen in der Nacht vom 11. auf den 12. September heimlich in Lin Biaos Villa aufgenommenen Film. Er zeigt den Verteidigungsminister und seine Frau, die im Wohnzimmer sitzen. Sie warten auf einen Anruf. Per Telefon erfährt Lin Biao dann, dass sein Militärputsch gescheitert ist. Daraufhin packen die beiden nervös ein paar Sachen zusammen. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Am Abend des 12. Septembers hält Ministerpräsident Tschou En-Lai eine Rede im Kabinett. Währenddessen tritt sein Sekretär an ihn heran, um ihm mitzuteilen, dass der Leiter des Sicherheitsdienstes eine dringende Meldung zu machen habe. Er meldete, dass Lin Biao und seine Familie sowie einige seiner engsten Mitarbeiter geflüchtet seien. Tschou En-Lai ordnete daraufhin an, das Flugzeug zu stoppen. Trotz dieser schnellen Reaktion gelang es Lin Biao jedoch, bereits kurz nach Mitternacht die chinesische-mongolische Grenze zu überfliegen. Als man das Mao Tse Tung mitteilte, ordnete er an, die Verfolgung aufzugeben. Desungeachtet bestand Tschou En-Lai darauf, weiterhin zu versuchen das Flugzeug von Lin Biao abzuschießen. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Das gelang jedoch nicht, stattdessen machte entweder der Pilot der &#8220;Trident&#8221; von Lin Biao einen Fehler oder der Motor der Maschine versagte plötzlich. Auf alle Fälle stürzte das Flugzeug nahe der Kreisstadt Ondorhaan ab und zerschellte. Drei Tage nach dem Absturz trafen Vertreter der chinesischen Botschaft in der Mongolei an der Unglückstelle ein. Sie konnten die verstümmelten Leichen nicht identifizieren. 16 Jahre später veröffentlichte der damalige chinesische Botschafter Sue Wenn seine Memoiren, er kommt darin auch auf Lin Biao und den Absturz seines Flugzeugs in der Mongolei zu sprechen. Der Botschafter und seine Mitarbeiter sollten unbedingt Lin Biao unter den Toten identifizieren, dies wäre jedoch nur noch vage anhand einiger unverbrannter Uniformteile möglich gewesen. Auch die Ursache für den Flugzeugabsturz ließ sich vor Ort nicht befriedigend klären. Einige anwesende mongolische Experten seien von einer mißglückten Notlandung ausgegangen. </span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/pekingoper.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7829" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/pekingoper-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/tschiang1.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7830" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/tschiang1.jpg" alt="" width="180" height="214" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Die &#8220;MIR Kriminal&#8221; schreibt: &#8220;In Wahrheit befand sich Lin Biao nicht im Flugzeug und also auch nicht unter den Toten. Der Geheimplan des Verteidigungsministers habe darin bestanden, einige seiner Mitarbeiter in das Flugzeug zu setzen und in Richtung Sowjetunion fliegen zu lassen, wobei er davon ausging, dass es unterwegs abgeschossen werden würde. Er selbst und seine Familie hielten sich unterdes an einem geheimen Ort versteckt, von wo aus sie zusammen mit einem Piloten am 18. September einen Hubschrauber auf einem kleinen Flugplatz westlich von Peking bestiegen. Dies entging dem Geheimdienst jedoch nicht, der umgehend den Ministerpräsidenten Tschou En-Lai informierte. Und der ordnete dann an, den Hubschrauber zur Landung zu zwingen. Das gelang den Streitkräften auch am frühen Morgen des darauffolgenden Tages in der Nähe der kleinen Ortschaft Xuaiju. Der Pilot wurde nach der Landung erschossen, während es Lin Biao, seiner Frau und seinem Sohn gelang, sich mit einer Pistole selbst zu erschießen.&#8221;</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Die &#8220;MIR Kriminal&#8221; erwähnt abschließend aber noch eine andere Version &#8211; die von dem US-Historiker David Rappoport stammt. Danach soll Lin Biao und seine Familie nach dem gescheiterten Putsch verhaftet &#8211; und auf Anweisung von Mao Tse Tung in ein Geheimgefängnis gebracht worden sein, wo man die drei wenig später ermordete. Rappoport schreibt, dass Lin Biaos Flucht in die Sowjetunion und der Absturz seines Flugzeugs in der Mongolei sowie auch die erzwungene Landung des Hubschraubers nahe Xuaiju nur Ablenkungsmanöver des chinesischen Geheimdienstes gewesen seien&#8230;Damit ist jetzt alles klar!!</span></p>
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<p><span style="font-size: medium"><strong>2. Der Kriegsgott Mars ruft zu seiner friedlichen Nutzung auf </strong></span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars-signal-1901.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7821" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars-signal-1901-424x552.jpg" alt="" width="424" height="552" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Kurz nach Weihnachten, am 27. Dezember 2012, starb der dienstälteste Mitarbeiter der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA: ein Schweizer Nachkomme aus einem hinterpommerschen Junkergeschlecht &#8211; der Diplomingenieur Jesco von Puttkamer. Bevor er 1962 zur NASA stieß und sich Wernher von Brauns Team anschloß, hatte er sich einen Namen als „Science Fiction“-Autor gemacht. Fortan schrieb er vor allem Sachbücher über den „Aufbruch ins All“ (1969). Sein letztes, kurz vor seinem Tod veröffentlichtes Werk hieß: „Projekt Mars“. Seit 1974 leitete er die „Arbeitsgruppe zur strategischen Planung der permanenten Erschließung des Alls“ in der NASA-Hauptverwaltung in Washington. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Es ging dabei um die Kolonisierung des Weltraums, die ert einmal die Suche nach Planeten mit Lebensmöglichkeiten meinte. Den Anstoß dazu gab, wenn nicht seine eigene Begeisterung für „Science Fiction“, der US-„Futorologe“ Herman Kahn. Mit ihm und den Weltraumkolonie-Ideen der Siebzigerjahre hat sich der Kulturwissenschaftler Claus Pias befaßt. In seinem Aufsatz &#8220;Schöner leben&#8221; heißt es über den Futorologen: Der Hintergrund für Kahns &#8220;Space-Szenarios&#8221; waren die alarmistischen Prophezeiungen des Club of Rome zu Umweltverschmutzung, Hunger, Ressourcenknappheit und Überbevölkerung 1973. Eine erste &#8220;Machbarkeitsstudie&#8221; legte dann 1977 Gerard O&#8217;Neill, ein Physiker aus Princeton, vor &#8211; mit dem Titel: &#8220;Human Colonies in Space&#8221;. Er kommt darin zu dem Schluß, &#8220;daß es weniger Dreck mache, einen Menschen in den Weltraum zu befördern, als ihn auf der Erde zu lassen.&#8221; Dazu müßte jedoch der &#8220;amerikanische Kongreß ein besonderes Gesetz verabschieden, das den Kolonieerbauern den Wunschtraum des Amerikaners erfüllt, nämlich ein schuldenloses Eigenheim, ein Haus in der Weltraumkolonie. Diese Maßnahmen werden die Kolonisierung des Weltraums fördern&#8230;Neben allerhand unentfremdeter Arbeit und extraterrestrischem Kunsthandwerk, würde es neue, unschuldige Freizeitvergnügen geben, wie 3-D-Fußball, schwebende Schwimmbäder, meditative Weltraumausflüge oder Sex bei zero-gravity. Offener Raum und Toleranz würden es unterschiedlichen Gemeinschaften erlauben, &#8216;to do their own thing and build small worlds of their own, independent of the rest of the population&#8217;.&#8221;</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Claus Pias sieht in diesen Weltraumkolonie-&#8221;Visionen&#8221; eine direkte Anleihe bei den aus der Hippiebewegung hervorgegangenen amerikanischen Landkommunen: &#8220;Als berühmtestes Beispiel mag man an &#8216;The Farm&#8217; denken, die Steve Gaskin 1971 gründete und mit einer Erstbesetzung von über 300 Leuten den Ausstieg aus der Gesellschaft probte, um in unberührter Gegend als autarke, landwirtschaftliche Gemeinschaft zu leben. Was sich nämlich die sogenannten &#8216;Ecovillages&#8217; als Agenda setzen &#8211; &#8216;organic gardening and composting; biological waste management; reuse, recycle, rebuild; renewable power systems; egalitarian and open democratic governance&#8217; &#8211; sollte Punkt für Punkt auch für die Weltraumkolonien gelten.&#8221; Laut Pias verwiesen dabei &#8220;Technikapologeten wie Zivilisationskritiker&#8221; gleichermaßen auf eine &#8220;Humanität&#8221; &#8211; die es dort oben &#8220;zu gewinnen und zu entfalten gelte&#8221;. Dabei kam es zu Konversionen zwischen den Lagern &#8211; &#8220;wie das berühmte Beispiel von Timothy Leary zeigt, der von chemischen zu elektronischen Drogen und von Roadtrips zu Spacetrips wechselte.&#8221; Als er 1976 aus dem Gefängnis entlassen wurde, sagte er in einem Interview, dass es einen &#8220;extraterrestrischen Imperativ&#8221; gäbe: Wir seien dazu bestimmt, im Weltraum zu siedeln. Dazu legte er auch sogleich ein Programm vor &#8211; namens S.M.I.L.E.: &#8220;Space Migration, Intelligence Increase und Lifespan Extension&#8221;. Sympathisanten wie die Ethnologin Margaret Mead sahen darin eine Chance zur Diversität. Hollywood befaßte sich in mehreren Spielfilmen mit den &#8220;Space-Colonies&#8221;. Jesco von Puttkamer war von 1978 bis 1980 technischer Berater für „Star Trek – Der Film“. Claus Pias schreibt über die Landkommune-Utopien dieses und anderer Weltraumbesiedler: Sie würden „schwerlich den Verdacht abweisen können, dass hinter der versprochenen menschenfreundlichen Pluralität immer schon ein (sich selbst ideologiefrei wähnender) Ingenieur herrscht. So oft und unverblümt das Wort ‘humanity’ im Schrifttum der Kolonisierer fällt, so wenig Vertrauen scheinen sie in dieselbe investieren zu wollen.” </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Ab Mitte der Achtzigerjahre ging Jesco von Puttkamer auf Missionsreise &#8211; u.a. um Geldgeber für die Weltraum-Siedlungsprojekte zu finden. Dazu organisierte u.a. die Kölner Universität 1987 mit Unterstützung namhafter Sponsoren aus Politik und Wirtschaft für ihn einen Kongreß zum Thema &#8220;Weltraum als Markt &#8211; Die zivile Nutzung des Weltalls&#8221;. Im Jahr darauf lud ihn die Techische Universität Berlin zu einem ähnlichen Thema ein. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Die taz schrieb über seinen Auftritt in der TU: &#8220;&#8216;Wir möchten auf die Europäer nicht mehr länger verzichten&#8217;, erklärte der NASA-Projektleiter Jesco von Puttkammer. Der in den USA eingebürgerte Freiherr entwarf mit Hilfe von »Ektas« und Overhead-Projektion eine Vision der &#8216;Humanisierung des Alls&#8217;, in der altes deutsches Ingenieurdenken, amerikanischer Pioniergeist und New Age-Begrifflichkeit &#8211; &#8216;Netzwerkdenken&#8217; &#8211; einen tibetanischen Gebetsmühlen-Charakter annahmen. Den Einwänden der &#8220;Ökos&#8221; hielt er entgegen, ihr Denken sei noch im 19. Jahrhundert behaftet, man habe es nunmehr &#8211; in der Verbindung von Technik und Gesellschaft im Weltraum, &#8220;Natur ist ja schon da&#8221; &#8211; mit einer &#8220;Super-Ökologie&#8221; zu tun. Den Feministinnen kam er zuvor: Auch deren Interessen seien bei den Space-Missions bestens aufgehoben. Die Gewerkschafter beruhigte er mit dem Hinweis: &#8216;Für den Bau der Großraumstation seien jetzt schon 12.000 Arbeitsplätze in Kalifornien entstanden&#8217;. Den um ihre Sicherheiten besorgten Investoren kam er mit der US-Regierung, die sich auf Folgendes festgelegt hatte: &#8217;1. Verpflichtung und nationaler Wille zur Raumstation, 2. Expansion über die Erdorbits hinaus, 3. Schaffung von Opportunitäten für US-Firmen im All&#8217;.&#8221; </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Einen Monat später hielt Timothy Leary im Westberliner Tempodrom einen Vortrag zum selben Thema &#8211; &#8220;Space Emigration&#8221;. Die Popsängerin Nina Hagen wollte daraufhin sofort die Erde verlassen. </span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/gagarin-castro-1961.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7831" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/gagarin-castro-1961-424x304.jpg" alt="" width="424" height="304" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/che-gibt-sartre-feuer-de-beauvoir-sitzt-laechelnd-daneben.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7835" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/che-gibt-sartre-feuer-de-beauvoir-sitzt-laechelnd-daneben-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Als „die Mauer fiel“ gab es jedoch auch hier auf Erden plötzlich genug Abenteuerliches. Die NASA-Weltraumprogramme gerieten darüber fast in Vergessenheit, zudem schrumpfte auch noch die sowjetische Kosmosforschungsprogramme in Baikonur mangels finanzieller Unterstützung immer mehr zusammen. Dort wurden die Raketenflüge zum Teil bereits von internationalen Tabakkonzernen bezahlt – und mußten dafür mit Werbung für die Zigarettenmarke „West“ in den Orbit starten, die ein westdeutscher Punksänger und Maler auf den Raketenkörper malte. Danach zahlte Pepsi Cola fünf Millionen Dollar dafür, dass die noch im All auf der sowjetischen Raumstation MIR verbliebenen Kosmonauten außerhalb ihrer Station eine Pepsi-Dose schweben ließen. Etwas später startete eine russischen Protonrakete von Baikonur aus mit dem Logo von „Pizza Hut“. Mike Rawlings, Chef der weltweit größten Kette von Pizza-Restaurants erklärte dazu: &#8220;Wir wollten ein mythisches Symbol, um der Welt zu zeigen, dass unser 41 Jahre alte Pizza Hut Brand revitalisiert wird und mit einem schwindelerregenden Wachstum ins neue Jahrtausend eintritt&#8230;Das ist nur ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Sprung für unsere Erneuerung von Pizza Hut.&#8221; Immerhin werde man 500 Millionen Dollar investieren, um die Restaurants umzubauen und um das neue Image der Öffentlichkeit in einer Werbekampagne zu vermitteln. Die Bemalung der Rakete kostete erst einmal eine Million Dollar. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Florian Rötzer meinte dazu in seinem Internetmagazin „telepolis“, die Kampagne zeige, „dass nun der Weltraum offen ist für die Kommerzialisierung. Vielleicht wird die Raumstation ja tatsächlich zu einem Werbeträger, und wahrscheinlich hofft auch die NASA, mehr Gelder über Werbung zu erhalten. Pizza Hut hat jedenfalls noch weitere Anschläge auf die Aufmerksamkeit vor: Wenn eine Sojus-Rakete die ersten drei Amerikaner auf die sowjetische Raumstation bringen wird, soll die erste Pizza-Party im Weltraum stattfinden. Da Lebensmittel im Weltraum anderes schmecken würden, werde man auch eine neue Weltraumpizza kreiieren: &#8216;Pizzas sind das beliebteste Nahrungsmittel auf der Erde &#8211; und jetzt wird die Pizza von Pizza Hut zum beliebtesten Nahrundmittel im Weltraum werden&#8217;.&#8221; </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Trotz solch kosmischem Optimismus fehlte auch dem amerikanischen Programm seit dem Zerfall der Sowjetunion schon bald der Schwung – und das Geld. („It is more fun to compete!“) Lustlos wurden privatwirtschaftliche Kooperationen vereinbart und reiche Touristen mit preisgünstigen Angebote in den Weltraum gelockt – “just for fun”. 1998 war diese immer offensichtlicher werdende systemübergreifende Krise bereits in dem Dokumentarfilm des polnischen Regisseurs Maciej Drygas: “Der Zustand der Schwerelosigkeit” von drei ehemaligen sowjetischen Kosmonauten diskutiert worden. K1 meinte damals: “Die Zeit von Gagarin – das war großartig. Die ganze Nation war begeistert. Es ist uns gelungen. Wir sind die ersten!” K2 ergänzte: “Jetzt wollen die Leute dagegen, dass etwas Nützliches bei der Weltraumforschung herauskommt”. K3 präzisierte daraufhin: “Wir haben unser Hauptproblem nicht gelöst. Wir können in den Weltraum fliegen, dort arbeiten und wieder zurückkehren, aber wir haben keine natürliche menschliche Betätigung im Weltraum – im Zustand der Schwerelosigkeit – gefunden. Bis jetzt haben wir keine produktive Tätigkeit dort oben entwickeln können. Ich empfinde das als persönliches Versagen”.</span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo0.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7837" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo0.jpeg" alt="" width="225" height="225" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo1.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7838" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo1.jpeg" alt="" width="180" height="280" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">2001 wurde die sowjetische Raumstation MIR mit einem „kontrollierten Absturz“ sozusagen vom Himmel geholt. Am 21. April 2001 jährte sich auch Juri Gagarins Weltraumflug zum 40. Mal. Aus diesem Anlaß trafen sich die Freunde der sowjetischen Kosmosforschung im Berliner Haus der russischen Kultur. Ihr Treffen wurde „überschattet vom Ende der Raumstation Mir”, wie es in den Hauptstadt-Medien hieß. Der DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn wünschte der Mir einen gelungenen „Absturz”, begrüßte ansonsten jedoch ihre internationale Nachfolgerin ISS, weil solche Stationen als “Objekt des Stolzes” für die einzelnen Nationen inzwischen zu teuer geworden seien.</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Auch Alexander Kaleri war nach Berlin gekommen. Er hatte im Jahr davor, am 15. Juni als Letzter oben in der MIR das Licht ausgeknipst – und den Autopiloten angeschaltet. Jähns damaliger Kopilot Waleri Bykowski hielt statt einer Rede, die er in Moskau vergessen hatte, eine Eloge auf Gagarin – “den Träumer und strengen Ausbilder”. Dessen Autobiografie war kurz zuvor auf Deutsch im Elbe-Dnjepr-Verlag erschienen. Mit Gagarin wurde – folgt man dem Philosophen Emmanuel Lévinas – endgültig das Privileg “der Verwurzelung und des Exils” beseitigt. Man könnte auch sagen: Seit Gagarins Weltraumflug gilt die einstige jüdische “Juxtaposition” für jeden und niemanden mehr. Hinzu kommt, dass in der sowjetischen Kosmonautik die Psychoanalyse überlebte, d.h. jeder Kosmonaut hatte – wegen seiner irren Träume dort oben, über die auch Siegmund Jähn einmal ausführlich berichtete – neben dem Ground-Control-Diensthabenden noch einen Psychoanalytiker am Boden. Mit Lévinas kann man das damit erklären, dass diese letztmalige “Verführung des Heldentums” sich nur “jenseits der Infantilität” verwirklichen ließ. Heldentum und Heimweh sind für ihn die zwei Seiten ein und derselben Wiederentdeckung: von “Welt und Kindheit”. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">In den USA erschien ein beeindruckender Bildband “Kosmos” von Adam Bartos, der noch einmal das sowjetische Weltraum-Programm nostalgisch und en détail feierte. In einem Essay schreibt darin die russische Kulturwissenschaftlerin Swetlana Boym, dass sich der sowjetische “Kosmos”-Begriff vom amerikanischen “outer space” dadurch unterscheidet, dass ersterer mit der irdischen Lebenswelt “harmonisch” verbunden ist, während der US-Weltraum so etwas wie eine “new frontier” darstellt. Dies legten auch bereits die Memoiren von Juri Gagarin: “Der Weg in den Kosmos” nahe. Darin heißt es: “Die Familie, in der ich zur Welt gekommen bin, unterscheidet sich in keiner Weise von Millionen anderer werktätiger Familien unseres sozialistischen Heimatlandes. Meine Eltern sind schlichte russische Menschen, denen die Große Sozialistische Oktoberrevolution ebenso wie unserem ganzen Volk einen breiten und geraden Lebensweg erschlossen hat” &#8211; der Juri dann bis in den Kosmos führte. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Auf Deutsch erschienen dann – ebenfalls im Elbe-Dnjepr-Verlag – auch noch die fünfbändigen Memoiren des stellvertretenden Leiters des sowjetischen Raketenbau-Programms: Boris E. Tschertok. An einer Stelle heißt es darin, dass trotz wiederkehrender antisemitischer Direktiven von oben (gegen die Kosmopoliten z. B.) „die Juden in der Verteidigungs- und in der Atomindustrie von Stalin und Berija nicht nur gelitten, sondern talentierte Juden sogar beschützt wurden. Sie wurden fast genauso bewacht wie Mitglieder der Regierung.” Tschertok legt nahe, dass auch hinter dem Weißrussen Gagarin viele jüdische Forscher und Techniker standen, dass also auch die Weltraumforschung eine “jüdische Wissenschaft” war, zumindest in der Sowjetunion. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Tschertoks Memoiren beginnen mit dem Einsammeln der ersten versprengten Nazi-Raketeningenieure 1945 durch die Rote Armee, nachdem die Amerikaner sich bereits die Führungsgruppe der “Peenemünder” – um Wernher von Braun – geschnappt hatten. Den Sowjets half dabei der Peenemünder Chefingenieur für Funksteuerung Helmut Gröttrup, dem sie zunächst alle Vollmachten dafür einräumten. Seine Frau Irmgard führte später ein Tagebuch, das sie einige Jahre nach der Repatriierung ihrer Familie in Westdeutschland veröffentlichte – unter dem schönen Titel “Die Besessenen im Schatten der roten Rakete”. Zwar gibt es daran von vielen Seiten inzwischen Kritik – an einigen ihrer “Übertreibungen”, aber dieses Buch verdient es trotzdem oder gerade deswegen, noch einmal wieder neu aufgelegt zu werden, einschließlich der im Anhang abgedruckten “Tarif- und Arbeitsverträge”, die ihr Mann für die etwa 150 deutschen Mitarbeiter entwarf, und die man dann 1946 zusammen mit ihren Familien von Bleicherode nach Moskau verfrachtete.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Dort beginnt das Tagebuch von Irmgard Gröttrup. Sie war nicht nur eine exzentrische Frau, die bald fließend Russisch sprach, sondern auch die Managerin ihres Mannes, überdies Mutter zweier Kinder. Tschertok schreibt, dass sie es überhaupt war, die zuerst mit ihnen, den Russen, verhandelte: “Sie gab uns zu verstehen, daß die Frage, wohin sie gehen, nicht ihr Mann,  sondern sie entscheidet”. Auch als ihre Familie 1953 wieder in Westdeutschland eintrifft – und sofort vom CIA verhört wird, wobei man ihrem Mann einen lukrativen Job in den USA anbietet, ist sie es, die entscheidet: “Wir bleiben hier!” Daraufhin mußten sie die Villa, die man ihnen in Köln zur Verfügung gestellt hatte, räumen.</span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmonauten-briefmarke.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7839" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmonauten-briefmarke.jpeg" alt="" width="224" height="160" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Auch in Bleicherode 1945 stellten die Russen den Gröttrups sofort eine Villa zur Verfügung sowie jede Menge andere Vergünstigungen. “Rückblickend kann ich sagen, daß wir uns in Gröttrup nicht getäuscht hatten,” schreibt Tschertok, der daneben auch die Initiativkraft von Frau Gröttrup bewunderte: So schaffte sie z.B. als erstes zwei Kühe an, um die Ernährungslage der Leitungskader des  “Instituts Rabe” sowie der Kinder zu verbessern und zwang überdies immer wieder den für die Versorgung zuständigen Offizier, “defizitäre Produkte” heran zu schaffen. Erst als sie auch noch zwei Pferde kaufte und jeweils ein diensthabender Offizier sie auf ihren Ausritten begleiten sollte, weigerten sich ihre russischen Bewacher – und tauschten die Pferde in zwei Dienstwagen um, von denen sich Irmgard Gröttrup einen sofort “aneignete”. Später nahm sie ihn auch nach Moskau mit, ebenso wie die zwei Kühe. Und nachdem man die in Moskau zentrierten deutschen Raketenbauer in ein Objekt außerhalb der Stadt verlagert hatte, besuchte sie mit ihrem BMW Theatervorstellungen oder traf sich mit ihrem sowjetischen Freund, der als hoher Funktionär in einem Ministerium arbeitete.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Diese selbstbewußte pragmatische Einstellung auf die sowjetischen Lebensbedingungen – als hochprivilegierte “Zwangsarbeiter” mit eigenem Dienstpersonal, die man zuletzt auf die Insel “Gorodomlia” im Seliger-See verfrachtete – verhalf auch ihrem Mann Helmut Gröttrup als Leiter des deutschen Kollektivs zu den “richtigen Ideen” bei der sowjetischen Umsetzung der “Peenemünder Produktionskultur”, deren geistige Arbeiter nicht auf schier kalifornischen Luxus verzichtet hatten, die für die körperlich Arbeitenden  jedoch auf mörderischste Versklavung basierte.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Die Anstrengungen von Helmut Gröttrup liefen in der UDSSR darauf hinaus, alle Systeme zu reduzieren – die Rakete zu vereinfachen, mithin “die Peenemünder Linie zu verlassen”, während die sowjetische Seite sich bemühte, alle daran beteiligten Kollektive zu einer “systemartigen” Kooperation zusammen zu fassen. Dabei kam es für die Deutschen, die man mittelfristig sowieso ersetzen wollte, immer wieder zu demotivierenden Entscheidungen. Umgekehrt ließen diese sich aber auch nicht alles gefallen. So notierte Irmgard Gröttrup am 20.6.1952 über ihre Haushaltshilfe: “Ruwa ist frech geworden, ich habe sie entlassen”. Zuvor hatte sie geschrieben: “Ich bin, wie alle, müde, nur noch Anhängsel der Männer zu sein: dieser politischen Objekte”. Ihr Tag sieht so aus: “Zum Strand laufen, Tennis spielen oder den Platz renovieren, lesen, bei Freundinnen sitzen und palavern”.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Dabei kennt sie sich durchaus auch mit der Materie aus, mit der die Männer sich beschäftigen: Bereits 1939 war sie zum ersten Mal nach Peenemünde gekommen, wo sie dann, ähnlich wie die in Ostdeutschland lebende Schriftstellerin Ruth Kraft, als “Rechenmädchen” gearbeitet und später auch ihr erstes Kind bekommen hatte: Ständig unter dem “Rauschen des Prüfstands”. Irmgard Gröttrups Ohr war bald so geschult, “daß ich die einzelnen Brennstufen erkannte”.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Auch auf Gorodomlia errichten die Deutschen bald einen Prüfstand, der ständig rauscht. Ihr Mann arbeitet unermüdlich und versucht nebenbei, um besser mit der russischen Leitung verhandeln zu können, einen “deutschen Verwaltungsrat” zu gründen. Noch nachts werden in den Holzhäusern Reichweiten-Verbesserungsvorschläge diskutiert: “Jochens neue Idee mußte besprochen werden,</span> <span style="font-size: medium">wir Frauen waren abgemeldet. Ruth griff mechanisch zum Strickzeug. Die beiden Männer – einer so arbeitswütig wie der andere – berauschten sich an ihren Ideen”. Sie hält es oft nicht aus – und als ihr Freund Alexander Petrowitsch mit unbekanntem Ziel aus dem Moskauer Ministerium versetzt wird, läßt sie sich einen Termin beim Minister geben, um die Erlaubnis zu bekommen, ihm nachfahren zu können. Der Minister warnt sie: “Sie sind eine verwöhnte, zarte junge Frau. Sie kommen aus einer bürgerlichen Gesellschaft. Wollen Sie ihre Gesundheit aufs Spiel setzen?” Weil sie uneinsichtig bleibt,  liest er ihr aus einem Gedicht von Puschkin vor: “Die Liebe kann warten. Die Liebe ist ewig…” Ein Jahr später notiert Irmgard Gröttrup: “In diesen Frühlingsnächten wird in mir die russische Seele geboren: das Hinnehmen können”.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Auf Gorodomlia fängt sie irgendwann an, einen Raben zu zähmen. Diesen nimmt sie dann auch mit nach Deutschland, wo sie zunächst im Ostberliner Hotel Adlon unterkommen. Wegen des Rabens, der alles vollschiß, mußten sie jedoch das Hotel bald wieder verlassen – und zogen nach Westberlin um. Das behauptet jedenfalls Tschertok in seinen Memoiren. Er war 1992 auf die Spur von Gröttrups Tochter Ursula gestoßen und hatte sie nach Moskau eingeladen. Laut ihrer Tochter erklärte Irmgard Gröttrup dann den CIA-Leuten, nachdem sie das Ehepaar von Westberlin nach Köln gebracht hatten: “daß sie sich ausreichend mit der Raketentechnik in Rußland befaßt haben und jetzt aus Deutschland nicht wieder wegfahren wollen”.</span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars5.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7844" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars5.jpeg" alt="" width="170" height="240" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Helmut Gröttrup wurde dann von </span><strong><span style="font-size: medium">Siemens</span></strong><strong></strong><span style="font-size: medium">eingestellt – und dort schließlich Leiter einer Abteilung von zuletzt 400 Mitarbeitern, die sich mit </span><strong><span style="font-size: medium">elektronischen Rechenmaschinen</span></strong><span style="font-size: medium"> beschäftigte. U.a. kreierte er dabei das Wort “</span><strong><span style="font-size: medium">Informatik</span></strong><span style="font-size: medium">“. Seine Computerbegeisterung ging so weit, dass er in einem Vortrag vor Hamburger Geschäftsleuten meinte: </span><strong><span style="font-size: medium">Die unternehmerische Freiheit sei ein bloßer Irrtum, der auf Informationsmangel beruhe</span></strong><span style="font-size: medium">.</span><span style="font-size: medium"> Um diesen zu beheben, ließ Helmut Gröttrup 1969 zusammen mit seinem Mitarbeiter Jürgen Dethloff einen “</span><strong><span style="font-size: medium">Identifikanden mit integrierter Schaltung</span></strong><span style="font-size: medium">”</span><span style="font-size: medium"> patentieren, aus der dann erst die Chipkarte und schließlich die Mikroprozessorkarte wurde, mit der wir alle heute an den </span><strong><span style="font-size: medium">Bankautomaten</span></strong><span style="font-size: medium"> zu unserem Geld kommen. Auch an der Entwicklung dieser Technik war Gröttrup maßgeblich beteiligt – jedoch erst nachdem er die </span><strong><span style="font-size: medium">Firma Siemens</span></strong><strong></strong><span style="font-size: medium">verlassen hatte. Der Grund dafür war, dass er dort einen jungen Ingenieur zu seinem Stellvertreter ernannt hatte, der wenig später als “</span><strong><span style="font-size: medium">sowjetischer Spion</span></strong><span style="font-size: medium">” verhaftet wurde. Vor Gericht verbürgte sich Gröttrup für ihn, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn eher selbst für einen sowjetischen Agenten, der schon einmal deutsche Patente an die Sowjets verraten hatte.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Helmut Gröttrup starb 1981 an Krebs, seitdem erinnert sein inzwischen reich gewordener Mitpatentinhaber Jürgen Dethloff immer mal wieder an ihn – im Internet. </span><strong><span style="font-size: medium">In der Siemens-Mitarbeiter-Datei existiert er seit seiner “Kündigung” nicht mehr</span></strong><span style="font-size: medium">.</span><span style="font-size: medium"> Irmgard Gröttrup starb 1989. Drei Jahre später notiert sich Tschertok: “Die Tochter war, ohne zu widersprechen, einverstanden, daß ihre Mutter sich sehr viel ausgedacht hatte”. Weil sie ihr Rußland-Tagebuch erst fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes veröffentlichte, hatte sie dazu auch “alle Freiheit der Phantasie”. Es ist erstaunlich, dass sogar Irmgard Gröttrups Tochter diese Meinung vertreten haben soll, denn ihre Mutter veröffentlichte ihr Tagebuch erstmalig 1958 (nicht wie Tschertok schreibt: 1985) – und zwar gleich nach dem “Sputnik-Schock”. Ihr Stuttgarter Verlag bemühte sich damals, wenigstens im Klappentext nahe zu legen, dass die Arbeit der Deutschen in Rußland noch schlimmer als in Peenemünde gewesen sei: “…Wir erfahren von dem technischen und wissenschaftlichen Fortgang der Arbeit der Forscher, dieser ‘Besessenen’, die ohne Rücksicht auf menschliche und politische Probleme einem Ziel dienten: der Rakete”. Von Helmut Gröttrup erschienen etwa zur selben Zeit nur einige “allgemeinverständliche Einführungen” in die Raketentechnik und -physik. Außerdem stammt von ihm wahrscheinlich auch der “kleine technische Exkurs” im Anhang des Tagebuchs seiner Frau, wo außerdem seine sämtlichen Verträge mit den Sowjets abgedruckt wurden. Noch im selben Jahr 1958 interviewte der Spiegel die beiden, wobei Irmgard Gröttrup sich kurz über die anfänglichen Pläne von Helmut Gröttrup in Rußland äußerte: “Mein Mann wollte gleich munter zum Mond!”</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Neuerdings, da die Gröttrups sogar aus vielen Archiven verschwunden sind, gibt es ganze Gruppen von neuen Raketenforschern – bei den Historikern und den Kulturwissenschaftlern, wobei einige sich auch mit der “Sowjetisierung der deutschen Fernlenkwaffentechnik” befassen. So werden jetzt z.B. die Memoiren von Tschertok gerade ins Amerikanische übersetzt. Leider mehren sich damit auch jene Stimmen, die Irmgard Gröttrups Buch über “Die Besessenen” als nicht ganz glaubwürdige Quelle abtun.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">In Peenemünde, das bis zur Auflösung der DDR der NVA als Marinestandort diente, hatten gleich nach der Wiedervereinigung zwei ehemalige NVAler ein Raumfahrtmuseum eröffnet. Hier konnte man nun quasi in situ deutsche Maenner und ihre Faszination fuer Raketentechnik beobachten. Die Erotik eines fuer den einmaligen Abschuss in den Himmel vorgesehenen Stahlkoerpers macht Ost- wie Westdeutsche nach wie vor gleich kirre. Kurz zuvor hatte Jewgeni Jewtuschenko (in: “Stirb nicht vor deiner Zeit”) noch einmal auf dieses merkwuerdige Objekt maennlich-militaerischer Begierden hingewiesen – und einen am Putsch gegen Gorbatschow beteiligten Afghanistan-Veteran, der zugleich ein bekannter sowjetischer Schriftsteller geworden war, zitiert: “Ich spuerte in der Finsternis an meiner Handflaeche den schneeweissen Frauenkoerper der Kampfrakete. Anfangs war sie noch kuehl, aber je mehr ich sie streichelte, desto waermer und waermer wurde sie, ihre Hueften schienen schwer atmend vor unausgesprochener Leidenschaft zu vergehen, und es schien mir, als wuerde ich auf dem Koerper der Rakete unter meinen Fingerkuppen gleich die Woelbungen der in Erwartung meiner Beruehrung aufgerichteten Brustwarzen spueren.”</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Dem US-Schriftsteller Thomas Pynchon kommt das Verdienst zu, als erster den Zusammenhang von Männersexualität und Raketentechnologie herausgearbeitet zu haben: Sein Romanheld, Slothrop, wird noch waehrend der Kämpfe um Berlin auf die Spur der Nazi-Superwaffe (und eines neuen erektionsfähigen Plastematerials) in Richtung Peenemünde gesetzt, nachdem Geheimdienste der Alliierten herausgefunden haben, dass überall dort, wo Slothrop in London mit einer Frau Geschlechtsverkehr hatte, wenig später eine deutsche V2-Rakete einschlug.Was sich wie ein durchgeknallter amerikanischer Roman liest, ist in Wahrheit detailgenaueste Rekonstruktion: Dem ehemaligen Flugzeug-Ingenieur Pynchon stand dafür Archivmaterial zur Verfügung, das erst zwölf Jahre nach Veröffentlichung seines Romans “Gravity’s Rainbow” freigegeben wurde (ihre dokumentarische Bearbeitung durch eine Frau, Linda Hunt, führte 1985 dazu, dass einige nach dem Krieg für die NASA tätig gewesene Peenemünder Raketenforscher entehrt nach Deutschland zurückkehrten).</span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo4.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7840" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo4-424x240.jpg" alt="" width="424" height="240" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Der ehemalige Schweizer Jesco von Puttkamer wurde 2004 an der Realisierung des Mond/Mars-Langfristprogrammes der NASA beteiligt, das vom damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten George W. Bush initiiert wurde. Ab 2007 war er im „Office of Space Operations“ (OSO) in führender Stellung mit der neuen, diesmal „internationalen“ Raumstation „ISS“ befaßt. Die Pläne für eine große, internationale Raumstation gehen bis in die 1980er Jahre zurück. „Die Station war damals noch unter den Namen Freedom bzw. Alpha in Planung. Die ISS befindet sich seit 1998 in Bau und ist zurzeit das größte künstliche Objekt im Erdorbit. Sie kreist aktuell in ca. 400 km Höhe und soll mindestens bis ins Jahr 2020 betrieben werden,“ heißt es auf Wikipedia.</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Neben Peenemünde und dem KZ „Dora“ bei Nordhausen gab es auch in Berlin nach der Wende Überlegungen, die Überbleibsel der deutschen Raketenforschung zu verwerten. In Adlershof zeugt von der Peenemünder Raketenforschung noch der inzwischen unter Denkmalschutz gestellte große Windkanal, ferner ein Testlabor für Antriebsaggregate und zwei Werkstätten, die regelmäßig von den „Peenemündern“ genutzt wurden. Zu DDR-Zeiten siedelte man deswegen hier u.a. das Institut für Kosmosforschung an, das nach der Wende als eines von elf Instituten der Akademie der Wissenschaften &#8220;positiv evaluiert&#8221; wurde, dann im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt aufging und seitdem Orbitforscher aus Ost und West vereint. Unter anderem bauten sie in Zusammenarbeit mit Zeiss Jena die Kamera für den &#8220;Mars-Expreß&#8221;, beschäftigen sich mit &#8220;Asteroiden-Prävention&#8221; und bereiten sich auf eine neue Mond-Mission vor, denn &#8220;der Mond ist schlechter als der Mars erfaßt&#8221;. Quasi nebenan auf der grünen Wiese wurde 1998 ein Speicherring zur Elektronenbeschleunigung von der Bessy GmbH errichtet. Das runde Großlabor ist zusammen mit einem Laserstrahl, der nachts sichtbar das Gelände bis über den S-Bahnhof überspannt, eine Art Wahrzeichen des Adlerhofer &#8220;Parks&#8221;, in dem bis jetzt 7000 Menschen beschäftigt sind. Das Eingangsportal zur altneuen Wissenschaftsstadt sollte eigentlich Albert Speer Jr., der Sohn des für Peenemünde verantwortlichen Naziministers, gestalten, dann entschied man sich jedoch für den Entwurf zweier Studenten, der im Zentrum auf dem neuen &#8220;Campus&#8221; realisiert wurde, wo auch die zwei Werkstätten der &#8220;Luft- und Raumfahrtpioniere&#8221; stehen, die zu einem studentischen Café und einem Ausstellungsraum umfunktioniert wurden.</span></p>
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<p><strong><span style="font-size: medium">Ich schrieb 2009 in der taz: „Dass der Tod von Michael Jackson (“Moonwalk”) und das Jubiläum der ersten Mondbegehung (Armstrong) zusammenfallen, ist natürlich ein schöner Zufall, aber dass die Medien sich seit Tagen wegen dieses “kleinen Schritts” auf dem Mond überschlagen ist mehr als dämlich.“ In der NZZ hieß es zuvor: </span></strong><em><span style="font-size: medium">“Die Gründe für das wiedererwachte Interesse am Mond sind vielschichtig. Neben dem Ringen um die Vormachtstellung im Weltraum spielen handfeste wirtschaftliche Interessen – Stichwort Bodenschätze – eine Rolle. Auch die Wissenschaft meldet sich zu Wort und verweist darauf, dass der Mond trotz den Apollo-Missionen immer noch Rätsel aufgibt. </span></em><em><span style="font-size: medium">In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob Obama auch in der Raumfahrtpolitik neue Akzente zu setzen gedenkt. Dabei geht es nicht primär um die Frage, ob man zum Mond fliegen soll oder anderswohin. Entscheidend ist vielmehr, ob es Obama gelingt, eine Gesamtstrategie zu entwickeln, die auf breite Zustimmung stösst. Denn ohne gesellschaftliche Geschlossenheit rückt im Weltraum jedes Ziel in weite Ferne – ob es nun Mond, Mars oder anders heisst.“</span></em></p>
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<p><em> <span style="font-size: medium">Es geht also um “gesellschaftliche Geschlossenheit” – deswegen das ganze Mediengedröhne, auch in Europa: „So wäre die europäische Raumfahrtbehörde ESA ohne die Nasa kaum in der Lage, ihre Pläne für eine bemannte Mission zum Mond zu verwirklichen,” schreibt die NZZ. </span></em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars7.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7845" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars7.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Das Haus der russischen Kultur in Berlin, das damals von einer ehemaligen Kosmonautin geleitet wurde, lud dazu dann den </span><span style="font-size: medium">US-Astronauten Charles Duke und seine Ehefrau Dotty ein. Den beiden ging es primär um ihren Gottesbeweis. “Charlie” leitete den Vortrag mit seinem Spaziergang auf der dunklen, “erdabgewandten Seite des Mondes” und seiner anschließenden Ehekrise ein: “Wenn ich zu Hause war, gab ich meinen Kindern Befehle, als wäre ich ein General, der ich auch tatsächlich war.” Dotty wurde derweil immer depressiver: “Als er vom Mond zurückkam, hatte er sich nicht geändert!” Dazu konnte man für 2 Euro ein Büchlein von ihr erwerben: “Die Gattin eines Astronauten – Von der Traurigkeit zur Freude”. Ihr Mann ist inzwischen Priester in Texas, sein Geld verdient er als Bierhändler – wobei er einer seiner besten Kunden ist, wie der Berliner Kurier schrieb.</span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Ich unterhielt mich anschließend noch mit dem letzten – ebenfalls religiös gewordenen – US-Kommandanten des Spandauer Kriegsverbrechergefängnisses Eugene K. Bird, der in einem von Albert Speer im Knast entworfenen Haus in Dahlem lebt und Vertreter für Ofenrohrreiniger ist. Er meinte, Martin Bormann habe nach dem Krieg für den CIA gearbeitet und wäre erst 1992 in Argentinien gestorben, einer seiner Söhne sei von Walter Scheel adoptiert worden, und Rudolf Hess, der zuletzt ebenfalls zum Christentum zurückfand, sei von den Westalliierten ermordet worden, was man anschließend mit Sekt gefeiert habe. Der Nazismus, der Wahn von der Überlegenheit einer Rasse, sei im übrigen nicht tot, sondern lebe in Amerika weiter.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Vor allem der Wahn von der Überlegenheit des christlichen Gottes – z.B. gegenüber dem Mondgott “Trival” der Fulbe in Burkina Faso. Immerhin hat dieser noch jeden Ami-Astronauten, der den Mond betrat, durchknallen lassen: Der größenwahnsinnige Ed Mitchell (Apollo 14) behauptet seitdem, Außerirdische hätten ihn zu einem “Guru” ausgebildet. Der Astronaut Jim Irwin (Apollo 15) suchte danach die Arche Noah auf dem Berg Ararat und wurde Wanderprediger. Der Alkoholiker Edward Aldrin (Apollo 12) vergnügte sich oben angeblich mit “Weltraum-Groupies” und schreibt seitdem Sciene-Fiction-Pornos. Der “erste Mensch auf dem Mond” – Neil Armstrong – unterstützte zuletzt die beiden Bush-Präsidenten. Der Astronaut Alan Bean malt seit seiner Rückkehr auf die Erde ununterbrochen den Mond.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Für die Verfilmung des amerikanischen Peenemünde-Romans „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon durch den Regisseur Robert Bramkamp, der seine Doku-Fiction dann „Prüfstand 7“ nannte, interviewte ich die einstige „Peenemünderin“ Ruth Kraft, die es nach 1945 in der DDR zu einer Bestsellerautorin brachte. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Die Autorin hatte als technische Rechnerin im Windkanal des aerodynamischen Instituts der Heeresversuchsanstalt gearbeitet und diese Erfahrung nach dem Krieg zu einem Roman verarbeitet, der 1959 im Verlag der Nation erschien.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Das Buch wurde bis zum Ende der DDR 23mal wiederaufgelegt und insgesamt ueber 500 000mal verkauft. 1991 gab es der ehemalige kaufmaennische Geschaeftsfuehrer des Verlags in seinem eigenen Verlag, Vision, neu heraus.Zwar haben viele “Peenemuender” ueber ihre damalige Pionierarbeit Buch gefuehrt: erwaehnt seien Walter Dornberger (von der Autorin “der General” genannt), und sein Direktor, Wernher von Braun (“der Doktor”) – aber Ruth Kraft ist die einzige Frau, die dabei auch noch im Gegensatz zu den maennlichen Autoren, bewusst Fakten und Fiktion vermischte.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Ihr autobiographischer Roman wurde in der DDR, wenigstens anfaenglich, vor allem von Frauen gelesen.”Das Buch war sofort ein Knueller, weil zuvor noch niemand ueber das Thema geschrieben hatte.”<br />
Gleich bei ihrer ersten Lesung in Wolgast wurde Ruth Kraft von einer Mathematiklehrerin angesprochen: “Das war die in dem Roman gewesen, die den spitzen Schrei unter der Dusche ausgestossen hatte. Sie war mir aber nicht boese. ,Aber was du mit dem Buch hier angerichtet hast . . .’, meinte sie.”Die Autorin, Jahrgang 1920, hatte in Torgau das Lyzeum besucht und war dann einer Klassenkameradin nach Peenemuende gefolgt.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Damals wurden gerade in den Arbeitsdienstlagern Maedchen mit Abitur fuer die Heeresversuchsanstalt rekrutiert. Obwohl ohne Abitur stellte die dortige Personalstelle Ruth Kraft aufgrund ihrer guten Mathematiknoten am 1. Maerz 1940 ein. Sie blieb drei Jahre und lernte dabei einige hundert Leute kennen: “beruflich und auf geselliger Ebene. Aspekte, die mir spaeter die ganze Chose am deutlichsten darzustellen schienen, habe ich mir jeweils aus verschiedenen Personen rausgesucht. Wir lebten dort sehr freizuegig und in herrlicher Landschaft. Es bildeten sich Freundeskreise. Viele Maenner, Ingenieure und Wissenschaftler, waren ja Junggesellen und meist vier bis sechs Jahre aelter als die Maedchen. Die Spitzen der Unverheirateten wohnten “Am Platz” – Wernher v. Braun z.B. und sein Stellvertreter Eberhard Rees, ebenso die Erprobungsflieger, zu denen gelegentlich auch Hanna Reitsch gehoerte.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Am Platz befand sich auch das Kasino, das war unser Treffpunkt.Ein Grossteil ihres Buches befasst sich mit den Liebesabenteuern der freiwilligen und dienstverpflichteten Maedchen – auf Partys, Segeltoerns in den Greifswalder Bodden, Ausfluege zum Festland und Rendezvous am Strand.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Dabei gibt es mitunter erstaunliche Parallelen zu Thomas Pynchons Darstellung. Wenn Ruth Kraft (“Eva”) z. B. eine nachlassende Verliebtheit mit Begriffen aus der Raketenforschung beschreibt: “Es war wie in einem Leitstrahl, aber jetzt kam die Umlenkung. Was sie noch vor einem halben Jahr in die Mitte getroffen haette, beruehrte sie gerade so, wie auf ihrem Millimeterpapier die Tangente die Parabel streift.” In dem von Ruth Krafts Roman (“ein fetziger Stoff”) profitierenden DEFA-Film “Die gefrorenen Blitze” (1967) heisst es an einer Stelle: “Die Vernichtung des Gegners wird zur mathematischen Gleichung.”</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Realisiert wurde dieser Nazi-High-Tech-Traum freilich erst mit den “intelligenten Bomben” der Amerikaner. In Peenemuende, wo zwei NVA-Offiziere zusammen mit einem Usedomer Geschichtsverein angefangen hatten, ein “Informationszentrum ,Geburtsort der Raumfahrt’” aufzubauen, tauchten die zu “Amerikanern” gewordenen Alten Kameraden schon gleich nach der Wende wieder auf, um dort ihr “Know-how” einzubringen.</span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo3.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7841" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo3.jpeg" alt="" width="181" height="279" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">Anlaesslich des 50. Jahrestags der Bombardierung Peenemuendes fand in der Kirche von Karlshagen eine Trauerfeier statt. In der Naehe befindet sich eine Gedenkstaette fuer die bei der Bombardierung 1943 umgekommenen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und freiwillig- bzw. dienstverpflichteten Deutschen. Mangels genauer Namenslisten hatte die DDR sie anonym aber nach Nationalitaeten getrennt, aufgefuehrt: Hier ruhen 65 Polen, 20 Tschechen, 30 Franzosen usw.Daran hat man bis heute nichts geaendert, der deutschen Toten wird dort jedoch neuerdings mit Namensnennung auf Grabsteinen gedacht.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Initiiert hatte dies eine Gruppe ehemaliger Kriegshilfsdienst-Maiden, die Peenemuender geheiratet hatten und mit diesen dann in die USA gegangen waren. Beim ersten Insel-Treffen des in der BRD gegruendeten Vereins ehemaliger Peenemuender 1991 waren diese “Amerikaner” besonders empoert ueber die mangelnde Pflege der Graeber durch die ehemalige DDR-Regierung gewesen. In der Bombennacht waren auch viele ihrer Freundinnen dort umgekommen. Der Karlshagener Pfarrer versprach daraufhin, sich um die Graeber zu kuemmern.Im Maerz 1943, “kurz nach Stalingrad”, steckte Ruth Kraft “in derart wirklich persoenlichen Konflikten”, dass sie unbedingt von Peenemuende weg wollte.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Ihr letzter Verehrer dort war ein oesterreichischer Testpilot gewesen, den man nach Dresden zu den Junkerswerken abkommandiert hatte. Das “Kraftchen”, wie Ruth Kraft in Peenemuende hiess, wurde am 1. April 1943 in der Wehrkreisverwaltung Stettin angestellt. Sie war fuer die weiblichen Jugendlichen in den Lazaretten, beim Heeres-Sanitaetspersonal und in den Frauenarbeitslagern zustaendig. Als sie die Nachricht von der Bombardierung Peenemuendes, am 18. August 1943, erreichte, fuhr sie – mit einem Dienstreisebefehl – sofort dorthin: “Ab Swinemuende herrschte bereits Chaos. Aber ich kam durch, und nahm an der Generalsbesprechung teil.<br />
Ich habe dann die Belange der Frauen da vertreten. Meine fruehere Abteilung wurde nach Kochel in Oberbayern verlegt. Ich ging zurueck nach Stettin und unternahm in der Folgezeit viele Dienstreisen. Meine Hauptperson, Eva, arbeitet in einer Ruestungsfabrik, ich selbst war jedoch nur als Inspekteurin in solchen Fabriken. Als die Stadt Ende Maerz von der oestlichen Oder-Seite beschossen wurde, verlegte man unsere Dienststelle nach Schwerin, das weibliche Personal kam in die Moltke-Kaserne.”Schon bald wurden sie auch von dort vor den anrueckenden Russen in Sicherheit gebracht – mit Lkw in Richtung Norden, nach Daenemark: Ein Stabsintendant war unser Reiseleiter.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Kiel stand in Flammen, in Luebeck stuermten die Fremdarbeiter gerade das Verpflegungsdepot. In Rendsburg machten wir uns schliesslich selbstaendig, uebernachteten auf Heuboeden.”Sie fanden Arbeit im Krankenhaus. Dann kamen die Englaender. Ruth Kraft gelang es schliesslich, sich bis in ihre Heimatstadt Schildau durchzuschlagen.<br />
In ihrem Haus hatte sich jedoch der sowjetische Stadtkommandant einquartiert: “Verwandte von uns besassen einen Bauernhof, dort haben wir in der Landwirtschaft gearbeitet. Abends sassen wir beisammen und beschaeftigten uns mit Literatur. Mein Vater wurde dann enteignet, meinen Verwandten die Hoefe weggenommen, ich wusste nicht, was werden sollte. Es war eine Flucht in die Literatur.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Man riet mir, nach Leipzig zu gehen, wo sich jetzt in Auerbachs Keller die Intellektuellen aus den KZs und der Emigration treffen wuerden.” Im Winter 1945 kam Ruth Kraft bereits mit einigen “aus dieser Truppe” in Kontakt: Erich Loest und Georg Maurer z.B., in Dresden dann Ralph Giordano, Rudolf Leonhardt und Ludwig Renn. Auch ihren spaeteren Ehemann, Hans Bussenius, lernte sie in Leipzig kennen. Er arbeitete als Regisseur beim Mitteldeutschen Rundfunk.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Ab 1947 schrieb auch Ruth Kraft fuer das Radio – als Freie Mitarbeiterin beim Kinderfunk: “Der junge Goethe” hiess eine ihrer ersten Sendungen.Dennoch wurden in der DDR viele positive Besprechungen nie gedruckt und einen Preis hat sie fuer ihren Erfolgsroman auch nie bekommen, das Buch passte nicht in den realen Sozialismus. Die Antifas waren dagegen. “Ein beruehmter Schriftstellerkollege hat mir einmal gesagt, ich haette damit den Nationalsozialismus verharmlost, auch das juedische Problem. Meine Heldin, Eva, ist naemlich eine, wie es damals hiess, Halbjuedin, die ein HJ-Fuehrer kurzerhand zur Vierteljuedin erklaert hatte, und damit durfte sie in den Arbeitsdienst. Das gab es. Ich bin aber keine Halbjuedin, eine sehr nahe Freundin unserer Familie war jedoch eine, die auch, wie die Eva in meinem Roman, ueberlebt hat. Meine Nachbarin in Babelsberg, Hilde, die Frau von Hans Marchwitza, sagte einmal zu mir: ,Ruth, Sie sind eine grosse Erzaehlerin, aber Ihre Heldin haette untergehen muessen.’” Ihr Roman wurde auch in Amerika gelesen, bei den dortigen “Peenemuendern” vor allem, z.B. in Huntsville, wo Wernher von Braun es “wohlwollend” aufgenommen haben soll. Das erste Nachwende-Treffen der Alten Kameraden fand im Mai 1990 an der Normandiekueste statt, von wo aus die V2-Raketen gen England abgeschossen worden waren.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Im September 1991 lud man aber bereits erstmalig nach Peenemuende ein.<br />
Ruth Kraft traf dort die letzte Sekretaerin des “Raketenbarons”, Dorette Kersten, wieder (sie hatte in Peenemuende einen Leutnant geheiratet und war mit ihm zusammen dem “Von-Braun-Team” nach Amerika gefolgt). Frau Kersten versicherte der Autorin, dass das Buch immer einen “sehr guten Platz” in ihrem Haus haben werde. “Der Doktor”, von Braun, kommt bei Ruth Kraft in der Tat sehr gut weg.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">In der DDR hat man ihr denn auch gerade “die positive Darstellung Wernher von Brauns uebelgenommen: Ich haette ihn zum halben Widerstandskaempfer gemacht”, hiess es. Im DEFA-Film “Die gefrorenen Blitze” machte man spaeter statt dessen einen eigensinnigen Triebwerks-Ingenieur zum halben Peenemuender Widerstandskaempfer.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Dem Drehbuch-Autor und MfS-Offizier Harry Thuerk stand dafuer wahrscheinlich der seinerzeit fuer den englischen Geheimdienst zusammengestellte “Oslo-Bericht” ueber die V2 zur Verfuegung, an dem der Peenemuender Ingenieur Kummerow mitgearbeitet hatte.<br />
Er wurde dafuer am 4. Februar 1944 hingerichtet.Sowohl im DEFA-Film als auch bereits in Ruth Krafts Buch wird die Verbindung von Raketentechnik und Atomkraft thematisiert. Im Roman freundet sich Eva mit dem Atomphysiker Tiefenbach an, der “als Kernforscher bei den Raketenbauern nicht am richtigen Platz war”.<br />
Und dann gibt es da noch einen Physiker Leupold, der in Wirklichkeit Max Steenbeck hiess.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Er wurde spaeter von den Sowjets zur Mitarbeit an der Atombombe verpflichtet und war dann der einzige deutsche Wissenschaftler, der bei der anschliessenden Konstruktion einer Neutronenbombe seine Mitarbeit verweigerte (mit einer Art Streik), weswegen er auch zu den allerletzten gehoerte, die 1956 in die DDR repatriiert wurden, wo 1978 seine “Schritte auf meinem Lebensweg” erschienen.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">In Peenemuende hatte Ruth Kraft vor allem den Quantenmechaniker Pascual Jordan kennengelernt. Er interessierte sich fuer ihre Gedichte, die sie damals angefangen hatte zu schreiben. Spaeter traf sie ihn noch einmal in Hamburg wieder.Mit Beginn der sechziger Jahre machte sie sich an eine weniger biographisch orientierte Fortsetzung ihres Romans, in dem es ihr vor allem um die Frage der “Verantwortung von Wissenschaftlern” ging. Dazu besuchte sie “als erste deutsche Frau” das sowjetische Atomforschungszentrum Dubna.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Ihr Buch erschien 1965 in der DDR unter dem Titel “Menschen im Gegenwind”.Die Handlung war in der BRD angesiedelt und statt “Eva” spielte der Kernforscher “Tiefenbach” darin die Hauptrolle. Er war aus Amerika zurueckgekehrt und suchte eine Anstellung in der sich gerade zusammenfindenden europaeischen Atom-Industrie.Auch dieses Buch, das in der DDR zehn- mal wiederaufgelegt wurde, erschien nach der Wende im Vision-Verlag.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">In einem Nachwort schreibt die Autorin 1993, dass sie ihr Buch vor der Neuauflage “gruendlich ueberarbeitet” habe, d. h. alles “Indoktrinierte” entfernt – es hatte sowieso “dem Buch nur geschadet, dass ich auf alle Fragen eine Antwort zu wissen meinte”. Beim ersten Nachwende-Treffen der Raketenbauer in Peenemuende, 1991, kannten viele nur ihren ersten Peenemuende-Roman, den sie “zu erotisch” fanden.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Auf einer gemeinsamen Bootsfahrt zur Greifswalder Oie, dem frueheren V1- und V2-Probeabschuss-Ort, wo im uebrigen auch 400 der etwa 2000 beim Luftangriff ums Leben gekommenen Zwangsarbeiter verscharrt worden waren, interviewte eine Wendtlaendische Filmgruppe Ruth Kraft: “Das stiess einigen Peenemuendern sehr sauer auf: ,Mein Buch muesste man in die Ostsee schmeissen’, schimpften sie.”</span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars2.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7846" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars2-424x238.jpg" alt="" width="424" height="238" /></a></p>
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<p><span style="font-size: medium">1992 wollte der Bundesverband der Luftfahrtindustrie den ersten erfolgreichen Abschuss einer deutschen Mittelstreckenrakete (V2), am 3. Oktober 1942, spektakulaer in Peenemuende feiern. Ein Staatssekretaer aus dem Wirtschaftsministerium, Riedl, sollte eine Rede halten. Nach Protesten aus dem In- und Ausland musste er jedoch davon Abstand nehmen. Dafuer sprach im Festzelt neben dem Pynchonforscher Friedrich A. Kittler der V1-Mitarbeiter und Testpilot Max Mayer, den Stoltenberg als Raketenexperte ins Verteidigungsministerium geholt hatte: “Er spielt ueberhaupt bei den Peenemuendern eine grosse Rolle. 1992 hatte ich aber zum Tag der Deutschen Einheit noch andere Einladungen, deswegen tauchte ich nur kurz im Hotel Baltic in Zinnowitz auf, wo die Crew wohnte, die Journalisten waren in Karlshagen untergebracht. Weil ich das Goldene Kalb, das A4, wie wir die V2 nannten, nie angebetet habe, konnte ich auch immer offen darueber reden. Bei den alten Peenemuendern gibt es zudem immer noch eine Menge Antisemiten. Das war auch ein Grund fuer die Aversionen gegen mein Buch: dass ich das juedische Problem mit der Raketengeschichte verflochten hatte. Hinzu kommt: Ich bin keine Expertin, ich bin eine Frau und ich war in der DDR zu Hause.” </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Dem 3. ebenso wie dem letzten Inseltreffen der Peenemuender blieb Ruth Kraft fern. Dort trat jedoch der ehemalige technische Direktor von Peenemuende, Arthur Rudolph, der mittlerweile als Rentner in Hamburg lebte, erstmalig wieder auf. Durch die Veroeffentlichung von Akten ueber die Kriegsverbrechen der Peenemuender (vor allem in den Harzer “Mittelwerken”, dem KZ „Dora“, wo die V2 serienmaessig von KZ-Haeftlingen zusammengebaut wurde) war Arthur Rudolph, der spaetere hochdekorierte Pershing-Konstrukteur, 1985 aus den Vereinigten Staaten vertrieben worden. Im Sommer 1993 hatte zudem noch ein Osnabruecker Historiker, Rainer Eisfeld, im Koblenzer Bundesarchiv, wo auch noch einige Peenemuender Rechenarbeiten von Ruth Kraft liegen, Unterlagen darueber gefunden, dass Arthur Rudolph schon im Juni 1943 fuer Peenemuende 1400 KZ-Haeftlinge von der SS angefordert hatte. Durch die Bombardierung war es dazu dann nicht mehr gekommen.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">In Peenemuende ging nur noch das Vorserienwerk in Betrieb – bis zum Januar 1945, als die gesamte Heeresversuchsanstalt wegen der heranrueckenden Front geraeumt werden musste.Die Sowjets uebernahmen nach Kriegsende im wesentlichen die unterirdischen Harzer “Mittelwerke”, um die herum sie unter der Leitung des Diplomingenieurs Helmut Groettrup und ca. 600 deutschen Mitarbeitern sofort eine neue V2-Fertigung aufbauten: Die sogenannten “Zentralwerke”.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Nachdem die Raketenproduktion in diesem Betrieb erfolgreich angelaufen war und ein Fuenfjahresplan des Obersten Sowjets die Raketen- und Atombombenentwicklung gleichberechtigt nebeneinander zu forcieren vorsah, wurden die “Zentralwerke” am 22. Oktober 1946 mit Mann und Maus nach Russland verlegt. Dabei konzentrierte man die zweite Garde der deutschen Raketentechniker (die erste hatten die Amerikaner in einer “Operation Paperclip” sowie die Englaender eingesammelt) in ihrer Mehrzahl an einem Standort auf der Insel Gorodomlia im Seeliger See. Es gibt darueber mittlerweile einen systematischen Bericht der Historiker Albrecht, Heinemann-Grueder und Wellmann, 1992 unter dem Titel “Die Spezialisten” im Dietz-Verlag veroeffentlicht.Aehnlich gruendliche Recherchen gibt es weder ueber die nach Amerika und England abgewanderten deutschen Wissenschaftler noch fuer die nach 1945 in franzoesische Dienste getretenen, schon gar nicht ueber jene Gruppe deutscher Ingenieure, die im Auftrag von Staatspraesident Nasser an einer aegyptischen Rakete gegen Israel arbeitete. Sie wurde teilweise vom israelischen Geheimdienst Mossad mit Paketbomben dezimiert.Einige Mitarbeiter sollen in den siebziger Jahren in der Abschreibungsfirma von Lutz Kayser, OTRAG (Orbit-Transport-Aktiengesellschaft) eine neue Anstellung gefunden haben. Aufsichtsratsvorsitzender dieses Konsortiums fuer den Bau von “Billigraketen” war der Peenemuender Kurt Debus, sein alter Raketentechniker Richard F. Gomperts wurde Konstruktionschef.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Als Versuchsfeld hatte die OTRAG ein Gelaende in Zaire von der Groesse Oesterreichs erworben, fuer das sie mit dem Staatspraesidenten Mobutu ausserdem eine “freie Uranausbeutung”, “gesperrten Luftraum” und die “Durchfuehrung beliebiger Arbeiten” aushandelte. Gestuetzt auf Geheimdiensterkenntnisse outete 1976 ein Mitarbeiter der New York Times, Szule, die Firma von Lutz Kayser als “ein Unternehmen der Ruestungskonzerne Messerschmitt, Boelkow, Blohm” (die heute zusammen mit der Dornier GmbH als Deutsche Aerospace AG, DASA, firmieren und zur Daimler-Benz AG gehoeren). </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Die OTRAG-Experimente beendete spaeter der Buergerkrieg in Zaire. Die DASA gruendete 1990 eine “Deutsche Agentur fuer Raumfahrtangelegenheiten”, DARA GmbH, in deren “Sonderauftrag” der Dornier-Wissenschaftler Dr.<br />
Dieter Genthe 1991 eine Studie “Zur Realisierbarkeit eines Raumfahrtparks/Space Park in der BRD” erstellt hatte.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Diese Studie wurde dann Grundlage fuer eine “Betriebsgesellschaft Raumfahrtpark Peenemuende”, die der Landkreis Ostvorpommern, die Kommune Peenemuende und die Kreissparkasse Wolgast 1994 gruendeten. Zum Geschaeftsfuehrer ernannten sie den amerikanischen Pensionaer Veit Hanssen. Auch die zwei NVA-Offiziere vor Ort, Profe und Saathoff, waren mit von der Partie. Hanssen trennte sich jedoch schon bald von ihnen, weil sie ihm nicht “unbelastet” genug waren (“Ich moechte im Park keine MiGs und DDR-Kriegsschiffe sehen!”).</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Dafuer wollte er ein “Astronauten-Trainingscenter” in Peenemuende bauen.Zuvor hatte das Kultusministerium Mecklenburg-Vorpommern noch eine Herrenrunde mit der Begutachtung der DARA-Studie beauftragt: ein knappes Dutzend namhafter Museumsberater und -leiter des In- und Auslands, darunter auch einige Offiziere der Bundeswehrmuseen, sowie den Leiter der KZ-Gedenkstaette “Mittelbau-Dora” im Harz, die das “Space Park”-Konzept einhellig ablehnten: Weder bestehe dafuer eine “bildungspolitische Notwendigkeit”, noch sei Peenemuende ueberhaupt die “Wiege der Raumfahrt” gewesen.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Sie bezeichneten es als “Verdraengung von Geschichte”.In einem Gegenkonzept, verfasst vom Direktor des Berliner Museums fuer Verkehr und Technik, Prof. Guenther Gottmann, sprachen sich die Berater stattdessen fuer einen kleinen “Museums-Park Peenemuende” aus, der an das Otto-Lilienthal-Museum im nahen Anklam angebunden werden solle. Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern aeusserte sich zu diesem Konzeptionsstreit erst einmal nicht, ebensowenig die Bundesregierung, die bei einer Stellungnahme zum Thema Peenemuende in jedem Fall Proteste aus dem Ausland befuerchtete.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Die kamen im Oktober 1994 dennoch, und zwar initiiert von einer Frau: der Ost-Berliner Historikerin Regina Scheer, die im Auftrag der Bundeszentrale fuer politische Bildung saemtliche Gedenkstaetten Mecklenburg-Vorpommern katalogisiert und dabei auch Peenemuende besucht hatte, wo sie zu ihrem Entsetzen erfuhr, dass dort inmitten der “Waffenverherrlichung” eine neue – allgemeine – Gedenkstelle “fuer die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft” geplant sei, wobei man an erster Stelle auch noch der “Opfer der Vertriebenen aus Pommern” zu gedenken beabsichtigte. Regina Scheer wandte sich daraufhin an die juedische Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern und diese informierte das Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles, wo ein Rabbiner, Abraham Cooper, sogleich eine Presseerklaerung herausgab, in der er die Bundes- und die Landesregierung sowie deutsche Firmen aufforderte, “kein Geld fuer ein Museum zu spenden, das eine Terrorwaffe in den Mittelpunkt stellt, die einst mehr als 2000 Briten und zehnmal mehr Zwangsarbeiter in Deutschland toetete”.Der Zeitpunkt des Protestes war gut gewaehlt, denn kurz zuvor war gerade eine grosse neue Studie ueber Peenemuende und die Operation Paperclip in den USA veroeffentlicht worden.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Der Verfasser, Dr. Michael Neufeld, Kurator im National Air and Space Museum, Washington, wurde dann Mitglied in der Beraterkommission des Kultusministeriums von Mecklenburg-Vorpommern. Das Dara-Konzept für einen Space-Park wurde dann aber doch noch verwirklicht – in Bremen. Die dortige Betreibergesellschaft ging jedoch kurz nach der Eröffnung pleite.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Auf der Webpage des Peenemünde-Objekts, dessen Verwalter nun ein Wehrdienstverweigerer ist, heißt es: “Das Museum Peenemünde ist heute eine internationale Bildungs- und Kulturstätte. Neben Sonderaustellungen sind Veranstaltungen aus den Bereichen Theater, Performance, Musik, Bildende Kunst und Literatur ein fester Bestandteil des Gesamtprojekts.” Dazu gehört auch noch “das größte U-Boot-Museum der Welt”. Ende des Jahres 2009 wurde außerdem vom Land beschlossen, das “Museum Peenemünde” neu zu gestalten, der Nordkurier schrieb dazu: </span></p>
<p>„<em><span style="font-size: medium">Peenemünde, Wiege der Raumfahrt und zugleich ehemaliges Waffenforschungszentrum der Nazis, soll zu einem Ort von internationaler Bedeutung ausgebaut werden. Dafür wird das Land Mehrheitsgesellschafter in einer noch zu gründenden &#8216;Historisch-Technisches Museum Peenemünde GmbH&#8217;. Der Schritt wurde notwendig, &#8216;weil das bisher in kommunaler Trägerschaft stehende Historisch-Technische Informationszentrum in seinem Bestand nicht langfristig gesichert war”, sagte gestern Bildungsminister Henry Tesch. Das Kabinett hatte zuvor der Übernahme durch das Land und inhaltlichen Leitlinien einer interministeriellen Arbeitsgruppe unter Federführung des Bildungsministeriums zugestimmt.</span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Das seit 1991 in Peenemünde bestehende Informationszentrum hatte sich in den vergangenen Jahren mit jährlich 200000 Besuchern hinter dem Stralsunder Ozeaneum zum zweitgrößten Museum des Landes entwickelt. Die Kommune war allerdings mit den anstehenden Investitionen überfordert.</span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Einer der ersten Schritte nach der Übernahme durch das Land wird die Überwindung des Sanierungsstaus sein. Um die Denkmalwürdigkeit der Anlage zu erhalten, stehen der Gemeinde Peenemünde bis 2011 knapp vier Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket II zur Verfügung. Das ehemalige Kraftwerk soll nach Abschluss der Arbeiten vollständig begehbar sein. Von der obersten Etage aus wird dann ein Blick über die gesamte ehemalige Versuchsanstalt möglich sein. Auch Objekte außerhalb des Museums wie der Prüfstand 7, von dem aus die erste Rakete ins All gestartet wurde, sollen für Besucher künftig zugänglich sein. Dagegen wird die bislang noch auf dem Museumsgelände ausgestellte Militärtechnik der NVA an anderen Stellen aufgestellt.</span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Bereits veranlasst wurde die Überarbeitung der Dauerausstellung. &#8216;Das Museum versteht sich als ein internationales Forum zur Diskussion über die Verantwortung im Umgang mit Vergangenheit und Technik&#8217;, heißt es in den Leitlinien. Mit Michael Gericke wurde inzwischen ein Geschäftsführer für die künftige GmbH bestellt. Neben dem Leiter sollen noch mindestens zwei Wissenschaftlerstellen auf Dauer eingerichtet werden.“</span></em></p>
<p><a name="cite_ref-41"></a><em><span style="font-size: medium">Jesco von Puttkamer wurde 1996 die Würde eines Doktors der Philosophie ehrenhalber von der Universität Saarbrücken verliehen. Von 1983 bis 2000 war er als Honorarprofessor an der TH Aachen tätig (noch in der letzten Novemberwoche 2012 hielt er dort laut Wikipedia als Honorarprofessor Vorträge vor Studenten). 2009 veröffentlichte er das Buch „Abenteuer Apollo 11: Von der Mondlandung zur Erkundung des Mars“ und in seinem letzten Lebensjahr wie erwähnt sein Vermächtnis: „Projekt Mars“. </span></em></p>
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<p><em><span style="font-size: medium">Von diesem Planeten aus war 2008 von der Marskamera einer Raumsonde ein Datenstrom zur Erde gelangt, dessen Auswertung „Sensationelles“ zutage brachte: „Nicht der Mensch ist das erste Lebewesen auf dem Mars, sondern eingefrorene Bakterien“: Diese sind nämlich mit Raumsonde &#8220;Phoenix&#8221; auf den roten Planeten gelangt, sagen manche Forscher. Sollte sich der Rote Planet erwärmen, könnte dort Leben erwachen. Dies würde den Weg für den Menschen ebnen, hieß es in der „Welt“:</span></em></p>
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<p><a name="p4"></a><a name="p5"></a><em> „</em><span style="font-size: medium">Phantasien wie die etwa des Jesco von Puttkamer werden mit den Erkenntnissen von Phoenix ein kleines bisschen realistischer. Müssten doch die von ihm angedachten Siedlungen auf dem Mars &#8216;die Nabelschnur kostspieliger Nachschubtransporte von der Erde auf ein Minimum reduzieren&#8217;, meint der Marsexperte und Chefvisionär der Nasa; es gelte, die &#8216;Verwendung lokal gewinnbarer Rohstoffe und ein Treibhaus für die Eigenerzeugung agrarischer Produkte zum Grundstein ständiger Besiedlung zu machen&#8217;.</span></p>
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<p><a name="p6"></a><span style="font-size: medium">Von Puttkamer der Anfang der 60er Jahre zum Team Wernher von Brauns stieß und mit ihm die Saturn-Rakete für die Apollo-Missionen zum Mond baute, will nun weiter hinaus. Für ihn ist es ein kultureller Prozess, zum Mars aufzubrechen, der zum genetischen Programm des Menschen gehöre, ähnlich wie die Reise des Kolumbus. Er denkt deshalb an Projekte in noch fernerer Zukunft als jene in 25 Jahren mit den ersten &#8216;Mars-Menschen&#8217;, er sieht den Mars als &#8216;Heimstätte für einen echten Ableger der irdischen Zivilisation, nicht lediglich einen Außenposten für wissenschaftliche Forschung und Bergbau wie den Mond&#8217;. Natürlich werde die &#8216;zunehmende Abnabelung von der Erde&#8217;, die er mit der kolonialen und nachkolonialen Geschichte Amerikas vergleicht, &#8216;viele Generationen dauern&#8217;. Währenddessen aber könnte reger Außenhandel laufen: &#8216;Mars müsste spezialisierte High-Tech-Produkte, Luxuswaren und nicht örtlich vorkommende Rohstoffe importieren, und sein Export bestünde aus eigenen Gütern oder auch aus den in jeder Pioniergesellschaft frischer sprießender Ideen, Erfindungen und Neuerungen, wie es das Amerika des 19. Jahrhunderts gegenüber der &#8216;Alten Welt&#8217; demonstriert hat.&#8217;</span></p>
<p><a name="p7"></a><a name="p71"></a><span style="font-size: medium">Für solch ferne Zukunftsmusik sind gute Nachrichten vom Mars deshalb besonders bedeutsam, weil er auf absehbare Zeithorizonte der einzige Planet ist, der solche Gedankenspiele erlaubt. Ansonsten bietet unser Sonnensystem außer dem sonnennahen und schwer zu erreichenden Merkur sowie der glühend heißen, giftigen, unwirtlichen Venus nur Welten aus Gas. Planeten anderer Sonnensysteme wären mit heute denkbarer Technik nur in Jahrtausende langen Reisen erreichbar. Der Mars dagegen wäre schon in den 80er Jahren des </span><em><span style="font-size: medium">letzten Jahrhunderts von Menschen betretbar gewesen, mit Fortentwicklungen der Apollo-Technik aus der Mondfahrt. Davon sind die Nasa-Experten heute überzeugt.</span></em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo2.jpeg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-full wp-image-7842" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/kosmo2.jpeg" alt="" width="240" height="134" /></a></p>
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<p><a name="p8"></a><span style="font-size: medium">Andere sind längst da. Christopher McKay, Planetenexperte des Ames-Forschungszentrums der Nasa in Kalifornien, schätzt, dass sich trotz aller Maßnahmen zur Sterilisierung der Mars-Sonden inzwischen etwa 300000 Bakterien oder andere Mikroorganismen von der Erde auf dem Nachbarplaneten aufhalten. Dass sie leben, wäre etwas übertrieben: &#8216;Sie schlafen, sind in Wartestellung, aufgrund der Temperaturen quasi eingefroren.&#8217; Sollte der Mars sich erwärmen, oder von Menschenhand gezielt aufgeheizt werden, könnten sie zum Leben erweckt werden. Vorausgesetzt, sie sind nicht unmittelbar dem ungefilterten Sonnenlicht ausgesetzt, das sie auf dem Mars sofort töten würde. Auch wenn sie sich in Nischen niedergegangener Mars-Sonden befänden, würde die kosmische Strahlung, die Metall durchdringen kann, ihnen über kurz oder lang den Garaus machen. Schutz bietet nur der Untergrund.</span></p>
<p><a name="p9"></a><em><span style="font-size: medium">Tödliche Strahlung, auch die fehlende Luft zum Atmen – es würde noch viele Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende dauern, bis ein Mensch ohne Schutz im Freien auf der Marsoberfläche herumspazieren könnte. Vorher müsste er das &#8216;Terraforming&#8217; einleiten, ein Begriff, der es aus der Sciencefiction-Literatur immerhin in konkrete Planspiele von Nasa-Visionären wie Puttkamer, McKay oder dem Mars-Experten der Nasa, James L. Green, geschafft hat. Gemeint ist, den Mars erdähnlich zu gestalten.</span></em></p>
<p><a name="p10"></a><span style="font-size: medium">Zunächst müsste dafür der Mars aufgeheizt werden, etwa durch einen künstlichen Treibhauseffekt zum Beispiel mittels Kohlendioxid, das auf dem Mars in großem Maße vorhanden ist. Mit großflächig ausgebrachtem Ruß könnte mehr Sonnenwärme absorbiert und das Eis an den Polen zum Schmelzen gebracht werden. Dies könnte &#8216;schnell&#8217;, in wenigen hundert Jahren vonstatten gehen. Doch bis die dann ausgesäten, spärlich sprießenden Pflanzen den für den Menschen nötigen Sauerstoff in ausreichenden Mengen produzieren, könnten mehrere zehn- wenn nicht hunderttausend Jahre vergehen. Bis dahin müsste der Mensch für seine lebensnotwendigen Dinge wie Wasser und Luft ein möglichst perfektes Kreislaufsystem entwickeln, wie es ansatzweise heute auf der Raumstation ISS geschieht.</span></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Über eines allerdings sind sich die Strategen bei der Nasa – bislang – im Klaren: bevor der Mars zur Erde gemacht wird, muss Gewissheit herrschen, dass es kein marseigenes Leben gibt, und seien es auch nur Mikrolebewesen. Sie dürften durch das Terraforming nicht in Gefahr geraten. Dies immerhin hat der Mensch, bei allen Parallelen zwischen Amerika und dem Mars, seit der Fahrt des Kolumbus mit ihren schlimmen Konsequenzen für die Indianer gelernt: Leben in Neuen Welten muss geschützt werden.“</span></em></p>
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<p><em><span style="font-size: medium">Wie man die auf den Mars geschleppten Bakterien los wird, damit es wieder ein leerer Siedlungsraum wird, ist noch unklar. Aber man bemüht sich, weitere Kontaminationen mit Leben von der Erde erst einmal zu vermeiden. Als 2011 der Mars-Rover „Curiosity“ auf den Roten Planeten geschossen wurde, versuchten die Nasa-Forscher alles zu vermeiden, dass sein Bohrer dort in Kontakt mit Wasser kommt, weil die von ihm mitgeschleppten Mikroben dort überleben könnten. „Das will die US-Raumfahrtbehörde unbedingt vermeiden,“ schrieb die Süddeutsche Zeitung. „Würde der Späher in eine Eisschicht bohren oder sonst einen Kontakt mit Wasser herstellen, könnten die Mikroorganismen darin überleben. Später wäre es umso schwieriger zu entscheiden, ob es ursprüngliches Leben auf dem Mars gibt oder ob es von der Erde eingeschleppt wurde.</span></em></p>
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<p><span style="font-size: medium">&#8216;Wenn das Curiosity-Team Eis findet, müssen wir erst einmal reden&#8217;, hat die Nasa-Beauftragte für den Schutz fremder Planeten, Catherine Conley, verfügt. Andere NASA-Mitarbeiter sprachen von einem kalkulierten Risiko. &#8216;Das wird aber nicht das grundsätzliche Problem sein, das die Mission zum Scheitern bringt&#8217;, erwartet Ralf Jaumann vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt in Berlin-Adlershof. Die Bohrerspitze sei in einem Reinraum montiert worden; die Nasa könne die Abläufe noch einmal nachstellen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie viele Mikroben auf dem Bohrer sind. &#8216;Und wenn sie auf dem Mars etwas finden sollten, müssen sie die Untersuchung eben noch einmal mit anderen Werkzeugen von Curiosity wiederholen, um ganz sicher zu sein&#8217;.&#8221;</span></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Aber dann fanden die Weltraumforscher 2012 Bakterien, die ursprünglich vom Mars stammen könnten – auf der Erde.</span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Die FAZ schrieb: „ALH84001 heißt der Meteorit, der Forscher vermuten lässt, auf dem Mars hätten Bakterien gelebt. 1984 in der Antarktis gefunden, enthält der Gesteinsbrocken Ketten des Eisenoxyds Magnetit. </span></em><span style="font-size: medium">Kristalle des Eisenoxyds Magnetit liegen in dem Himmelsgestein vor „wie Perlen auf einer Kette“, sagt Imre Friedmann, Forscher am Ames Research Center der Nasa in Silicon Valley und schließt daraus: „Diese Ketten sind organischen Ursprungs.“</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Magnetit ist magnetisch. Das heißt, normalerweise würden die Kristalle sich durch die magnetischen Kräfte gegenseitig anziehen und einen Klumpen bilden. Die Kettenform deutet nach Angaben der Wissenschaftler darauf hin, dass die Kristalle in Organismen angeordnet waren, die mittlerweile verschwunden sind.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Kathie Thomas-Keprta vom Johnson Space Center der Nasa hat festgestellt, dass die Magnetit-Kristalle aus ALH84001 denen ähneln, die irdische Bakterien heute bilden. Das trifft laut einer Veröffentlichung zumindest auf einzelne Kristalle zu, die Ketten wurden bisher nicht untersucht. Den Bakterien könnten die magnetischen Kristalle als &#8216;Kompasse&#8217; gedient haben. Mit Hilfe der Veränderungen im magnetischen Feld in ihren Körpern konnten sie navigieren.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Der Meteorit ALH84001 wurde wahrscheinlich von einem Asteroideneinschlag aus der Marsoberfläche geschlagen. Dabei strömten vor 3,9 Milliarden Jahren die Bakterien samt Magnetit in das Gestein.</span><em><span style="font-size: medium"> Die Tatsache, dass ein relativ kleiner Meteorit, etwa 1,8 Kilogramm schwer, eine große Menge an Magnetit und damit früher an Bakterien enthält, deutet Friedmann zufolge darauf hin, dass auf dem Mars einst große Mengen an Organismen gelebt haben müssen. Zudem scheinen die Bakterien, so sie ihren irdischen Vettern ähnelten, Sauerstoff gebraucht zu haben. Das deutet nach Ansicht der Wissenschaftler darauf hin, dass damals auf dem Mars Photosynthese stattgefunden haben muss. Die Photosynthese beschreibt den Prozess, durch den chlorophyllhaltige Pflanzen mit Hilfe von Sonnenenergie aus Kohlendioxyd und Wasser organische Substanzen bilden. Als Abfallprodukt geben sie Sauerstoff ab.“</span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Die Thesen von den Bakterien auf dem Mars-Meteoriten werden bis heute kontrovers diskutiert. Es wurden inzwischen auch in zwei anderen Marsmeteoriten, Shergotty und Nakhla, mögliche Relikte von früherem Leben gefunden. „Unter anderem auf diesen Strukturen baut die Theorie der Panspermie auf, nach der das Leben auf der Erde durch Keime aus dem All entstanden ist,“ heißt es dazu auf Wikipedia. </span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Der Spiegel schrieb: „Die Arbeit eines internationalen Forscherteams um Peter Buseck von der Arizona State University droht nun auch noch diese letzte Verteidigungslinie zu Fall zu bringen. Wie die Wissenschaftler jetzt in den &#8216;Proceedings of the National Academy of Sciences&#8217; berichten, sind die vom Meteoriten gelieferten Hinweise möglicherweise &#8216;nicht ausreichend, um die Theorie früheren Lebens auf dem Mars zu unterstützen&#8217;.&#8221; </span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">2011 fiel in Marokko ein Marsmeteorit &#8211; „Tissint“ &#8211; auf die Erde. „Sterngucker.de“ schrieb: „Im September 2012 sorgte eine Publikation über &#8216;Tissint 2011&#8242; für starkes Medieninteresse. Prof. Chandra Wickramasinghe gab bekannt, dass er in dem Marsmeteoriten viel Kohlen- und Wasserstoff gefunden habe, deren Produktion im Sonnensystem ausschließlich durch lebendige Organismen erfolgt. Spannend machte seine Publikation, dass auch in früher untersuchten Meteoriten vom Mars fossile Bakterienspuren gefunden worden waren. Weil frühere Funde jedoch vorher sehr lange auf der Erde lagen, wurde in Betracht gezogen, dass die Spuren nicht vom Mutterkörper stammten, sondern erst hier auf den Stein gelangt waren. Die neuesten Entdeckungen in &#8216;Tissint 2011&#8242; beweisen möglicherweise, dass der Mutterkörper Mars eine beginnende Evolution besaß. Mutmaßlich könnte der Planet vor mehreren Millionen Jahren Opfer einer gewaltigen Kollision mit einem Asteroiden des Sonnensystems geworden sein, die tief aus seiner Kruste Meteoriten und beginnendes Leben herausschlug.“ </span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Die Wissenschaftler konnten ausrechnen, dass der Meteorit 700.000 Jahre lang durch das All gekreuzt war, bevor er seinen Weg zur Erde fand. Das Besondere: Tissint ist noch frisch und weitgehend unverändert &#8211; im Gegensatz zu vielen anderen Meteoriten, die erst spät nach ihrem Einschlag gefunden werden. Dadurch bietet er den Wissenschaftlern ideale Forschungsbedingungen.</span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Auf „scienceblogs.de“ wurde diese These von Chandra Wickramasinghe kritisiert:</span></em></p>
<p><em>„<span style="font-size: medium">Es sieht immer mehr so aus, als hätte es früher am Mars tatsächlich Leben gegeben. Das ist die zweite Geschichte über außerirdisches Leben und sie ist vielleicht nicht so spektakulär wie die von Wickramasinghe – dafür aber auch nicht so unseriös! Es geht um eine Entdeckung des Mars-Rovers Curiosity. Der führt derzeit diverse Untersuchungen am Mars aus, unter anderem um herauszufinden, ob es dort früher Leben gab, oder nicht. Es ist gut möglich, dass der Mars früher zumindest primitives Leben beherbergt hat. Wir wissen mittlerweile, dass es dort früher große Mengen an flüssigem Wasser gegeben hat. Und wo Wasser ist, ist Leben nicht weit. Dank der neuen Daten von Curiosity wissen wir nun auch, dass das Wasser genau die richtige Umgebung geschaffen hat, in der sich Leben entwickeln kann!“ </span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Dazu zeigte „scienceblogs.de“ zwei Photos von Steinen: Der linke Stein wurde vom Rover Opportunity fotografiert. [Eine im Juli 2003 gestartete US-amerikanische Raumsonde zur geologischen Erforschung des Mars. Sie landete am 25. Januar 2004 erfolgreich in einem kleinen „Eagle“-Krater - in der Tiefebene Meridiani Planum. Die Schwestersonde Spirit landete am 4. Januar 2004 im „Gusev“-Krater.] Die Untersuchungen des von Rover Opportunity photographierten Steins aus dem Endurance-Krater haben gezeigt, dass es sich um schwefelhaltigen Sandstein handelt. Die Form und die Struktur des Steins zeigen, dass er sich in der Anwesenheit von Wasser gebildet hat. Wasser, das allerdings nicht unbedingt lebensfreundlich war. Es war viel zu säurehaltig und zu salzig und auch die Verteilung der Chemikalien war nicht so, um die richtigen Bedingungen für Mikroorganismen zu schaffen.</span></em></p>
<p><span style="font-size: medium">Der rechte Stein befindet sich im Gale-Krater und wurde von Curiosity untersucht. Auch dieser Stein hat sich in der Anwesenheit von Wasser gebildet. Die geologischen und chemischen Untersuchungen, die Curiosity durchgeführt hat, ergeben aber ein ganz anderes Bild als beim Endurance-Krater. Curiosity hat den Stein angebohrt und das Material in einem internen Labor analysiert. Dabei wurden Schwefel, Stickstoff, Phosphor, Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff gefunden – alles Elemente, die für die Existenz des Lebens nötig sind. Man fand dort auch Gips, ein Anzeichen dafür, dass das Wasser damals ph-neutral und nicht zu säurehaltig war. Außerdem entdeckte Curiosity verschieden stark oxidierte bzw. nicht oxidierte chemische Stoffe und genau diese chemische Vielfalt können Mikroorganismen ausnutzen, um Energie zu gewinnen.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Es ist also alles da, was man bräuchte, damit Leben existieren kann. Es gab Wasser und das Wasser war nicht zu sauer, nicht zu salzig und enthielt genau die richtige chemische Mischung die auch das Leben braucht. Und wenn wir von der Erde eines wissen, dann: Dort wo Leben existieren kann, dort existiert es auch! Es ist verlockend, das auch auf den Mars zu übertragen. Wenn dort früher die Bedingungen optimal für die Existenz von Leben waren, dann hat das Leben dort auch existiert! Aber leider ist es noch zu früh für solche Aussagen. Die Daten von Curiosity müssen noch geprüft werden. Die Experimente müssen noch wiederholt werden. Und dann muss man immer noch ganz konkrete </span><span style="font-size: medium"><em>Spuren</em></span><span style="font-size: medium"> des Lebens finden. Das wird noch einige Zeit dauern – aber </span><span style="font-size: medium"><em>wenn</em></span><span style="font-size: medium"> es auf dem Mars irgendwann mal Leben gab, dann wird es sich nicht mehr lange vor uns verstecken können!“</span></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Das Wissenschaftsmagazin „scienexx“ hatte 2012 eine alternative Erklärung vorgestellt &#8211; für das auf dem Mars gefundene Methan , das danach kein Produkt von Bakterien ist: </span></em></p>
<p><em>„<span style="font-size: medium">Sehr wahrscheinlich ist das Methan in der Atmosphäre des Mars doch kein Anzeichen für Leben auf dem Roten Planeten. Denn das kohlenstoffhaltige Gas entsteht vermutlich nicht biologisch, sondern rein geochemisch &#8211; wenn UV-Strahlung die Reste zahlreicher Mikrometeoriten auf der Marsoberfläche zersetzt. Das zeigt ein Experiment von Forschern des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz und der Universitäten in Utrecht und Edinburgh. Sie bestrahlten die Bruchstücke eines auf die Erde gestürzten Meteoriten unter Mars-ähnlichen Bedingungen mit ultraviolettem Licht. Dabei wurden sehr schnell größere Mengen an Methan frei, die hochgerechnet die in der Atmosphäre des Planeten gemessenen Methanwerte erklären könnten, wie die Forscher im Fachmagazin &#8216;Nature&#8217; berichten.“</span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Um herauszufinden, wie Bakterien eventuell auf dem lebensfeindlichen Mars dennoch existieren könnten, beschäftigten sich einige Forscher mit den Bakterien in sibirischen Permafrostböden. Sie könnten möglicherweise bei der Suche nach außerirdischem Leben hilfreich sein, schrieb das Team um Wayne Nicholson von der Universität von Florida in den &#8220;Proceedings&#8221; der US-Akademie der Wissenschaften (&#8220;PNAS&#8221;). </span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Der Nachrichtensender N-tv berichtete: „Nicholson und seine Kollegen wollten Mikroorganismen aufspüren, die unter extremen Konditionen wachsen können – auch mit Blick auf mögliches extraterrestrisches Leben, etwa auf dem Mars. Der Rote Planet gilt Astrobiologen als vielversprechendes Erkundungsziel. Zum einen, weil er der Erde relativ nah und ähnlich ist. Zum anderen, weil es zunehmend Belege für die Existenz von flüssigem Wasser auf ihm gibt. Flüssiges Wasser gilt als eine Grundvoraussetzung für Leben, wie wir es kennen. Nichtsdestotrotz stellt der Mars mögliches Leben auch vor beachtliche Herausforderungen. So herrschen auf ihm extrem niedrige Temperaturen, geringer Druck, ein Mangel an organischen Nährstoffen sowie ein hohes Maß an kosmischer und Sonnenstrahlung. Seine Atmosphäre besteht zudem zum Großteil aus Kohlendioxid (CO).</span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Auf der Suche nach Lebensformen der Erde, die eventuell auch auf dem Mars existieren könnten, hatten die Forscher einen wichtigen Anhaltspunkt: Wasser befindet sich auf dem Roten Planeten in gefrorenem Zustand im Boden. Die Permafrostböden der Erde gelten aus diesem Grund als terrestrisches Gegenstück der Marsumgebung. Die Wissenschaftler untersuchten daher Proben dieses Bodentyps aus dem Nordosten Sibiriens.</span></em></p>
<p><span style="font-size: medium">Nachdem sie im Boden enthaltene Bakterien 28 Tage lang auf einem Nährboden bei normalem Druck und Temperatur wachsen ließen, brachten die Forscher die Kolonien auf neue Nährplatten. Dort wurden sie bei null Grad Celsius und unter verschiedenen Druck- und atmosphärischen Bedingungen 30 Tage lang isoliert.</span></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Sechs Bakterienkolonien waren demnach in der Lage, bei null Grad, geringem Druck und einer CO2-reichen Atmosphäre zu gedeihen. DNA-Analysen zeigten, dass die zähen Organismen allesamt zur Gattung Carnobacterium gehören, einer Gruppe der Milchsäurebakterien. </span></em></p>
<p><em><span style="font-size: medium">Permafrost scheine ein vielversprechender Ort für die Suche nach Mikroorganismen zu sein, die unter ähnlichen Druck-, Temperatur- und atmosphärischen Verhältnissen wachsen können wie auf dem Mars, heißt es in den &#8216;Proceedings&#8217;.“ </span></em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars1.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7843" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/mars1-424x251.jpg" alt="" width="424" height="251" /></a></p>
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<p><em><span style="font-size: medium">Wegen dieses ganzen Hin und Hers über Leben auf dem Mars, das mit den zur Erde gesendeten Daten von Curiosity und ihrer Auswertung durch NASA-Forscher 2012 neuen Auftrieb bekommen hatte, interviewte der österreichische „kurier“ Ende 2012 den Astronom Thomas Posch und den Wiener Meteoriten-Experten Christian Köberl – nachdem die Nasa-Wissenschaftler auf einer internationalen Pressekonferenz zurückgerudert waren: Statt Spuren von Lebewesen auf dem Roten Planeten gaben sie lediglich bekannt, der Mars-Roboter Curiosity habe „Hinweise auf organische Substanzen“ entdeckt. <strong>&#8220;</strong></span></em><strong><span style="font-size: medium">Was wurde tatsächlich entdeckt?“ fragte der „kurier“ die beiden Himmelsforscher:</span></strong></p>
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<p><strong>„<span style="font-size: medium">Sam, das Messgerät an Bord des Mars-Rovers, hat die Signale von organischen Verbindungen, genauer: Kohlenstoff in Verbindung mit Chlor und Wasserstoff, in Gesteinsproben nachgewiesen. Die Stelle, deren Namen man sich möglicherweise wird merken müssen, heißt „Rocknest“. Ein organisches Molekül, etwa Alkohol oder Formaldehyd, kann ein Hinweis auf ehemaliges mikrobielles Leben auf dem Mars sein, muss aber nicht. Im Weltall bilden sich Kohlenstoffketten häufig durch Strahlensynthese, etwa im Orion-Nebel. Unter den mehr als 100 Molekülen, die man bisher im Weltall gefunden hat, sind viele Kohlenstoffverbindungen. Auch der Eintrag von organischem Material auf die Mars-Oberfläche durch Meteoriten ist denkbar. Zum Vergleich: Auf die Erde gehen laut Posch pro Tag 100 bis 1000 Tonnen kosmischer Materie nieder, auch jene Meteoriten, von denen seit den 1960er-Jahren bekannt ist, dass sie auch organische Moleküle enthalten. Wenn das auch bei der Marsprobe der Fall ist, hätte man nichts anderes gefunden, als das, das es eh überall gibt – und die Enttäuschung der Reporter wäre verständlich.</span></strong></p>
<p><strong><span style="font-size: medium">Gibt es überhaupt Anhaltspunkte für Leben auf dem Mars?</span></strong></p>
<p><span style="font-size: medium">Die gibt es immer wieder, obwohl der direkte Nachweis bis heute fehlt – das Video eines Mars-Bakteriums etwa. 1996 war die Aufregung groß, als Forscher meinten, in einem Marsmeteoriten namens Alan Hills 84001 wurden Fossilien von Nanobakterien gefunden. „Das war auch keine dumme Idee damals“, sagt der Direktor des Naturhistorischen Museums, Christian Köberl, aber weitere Forschungen hätten gezeigt, „dass diese Strukturen auch anorganisch gebildet werden können.“ Also wieder kein klarer Hinweis. Das stärkste Indiz für Leben auf dem Mars ist nach wie vor ein positiv verlaufenes Experiment der Viking-Mission aus dem Jahr 1976. In einer Bodenprobe wurde biologische Aktivität, atmende Organismen gemessen. Das Ergebnis wurde aber zunächst verworfen, weil zwei weitere negativ verliefen, und einfache Ergebnisse in der Wissenschaft nicht zählen. Neuere Befunde zeigen aber Ähnlichkeiten zu Daten über terrestrische Lebewesen: „Dieses alte Ergebnis ist daher nicht so einfach wegzudiskutieren, wie es zunächst schien.“</span></p>
<p><strong><span style="font-size: medium">Wie geht es mit Curiosity weiter?</span></strong></p>
<p><span style="font-size: medium"><br />
Der Mars-Rover soll noch vor Weihnachten mit seinem Bohrer den Marsboden untersuchen. Für Anfang 2013 ist die Fahrt zum eigentlichen Ziel, einen Berg namens „Mount Sharp“, geplant. Die Frage nach der Existenz von Leben auf dem Mars bleibt bis auf Weiteres unbeantwortet. In der Mars-Wissenschaft gilt aber ohnehin der Satz: „Absence of evidence is not evidence of absence.“ Soll heißen: Dass etwas noch nicht gefunden wurde, bedeutet nicht, dass es nicht da ist.“</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Zurück zu Jesco von Puttkamers „Vision“ einer Koloniegründung auf dem Mars: Sie ist erst einmal zurückgestellt – so lange bis die Existenz von Leben in seinen Anfängen, in Form von Bakterien, geklärt ist. Danach, d.h. wenn es sie dort gab oder gar noch gibt, dann wird man die Frage zu klären haben, ob man dort mit ihnen leben kann. Mit den irdischen Milchsäurebakterien der Gattung Carnobacterium haben wir bereits eine lange Zeit des Zusammenlebens hinter uns – sie sind für uns „nützlich“ bei der Herstellung verschiedener Lebensmittel. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Hinieden auf Erden wurde derweil – seit 1991 bereits – eine Art Marskolonieleben – simuliert: mit dem Projekt „Biosphäre 2“: Ein 1991 für 200 Millionen Dollar erbauter Gebäudekomplex in Arizona, mit dem Ziel, ein von der Außenwelt unabhängiges, in der ursprünglichen Planung sich selbst erhaltendes Ökosystem zu schaffen. Das Experiment sollte beweisen, dass in einem eigenständigen, geschlossenen ökologischen System Leben langfristig möglich ist. Es gilt jedoch nach zwei erfolglosen Versuchen erst einmal als gescheitert. Wikipedia schreibt: „Der technische Aufwand (Pumpen, Filtersysteme, Ventilatoren) dabei war erheblich, da ein komplettes und autarkes Lebenserhaltungssystem geschaffen werden sollte. Die diesbezügliche Verwirklichung von Langzeitreisen im Weltraum oder Weltraumkolonien war als Fernziel ebenfalls Gegenstand des Experiments. In den verschiedenen Biotopen Lebensräume, in denen Lebewesen leben können) wurden außerdem ca. 3800 verschiedene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Acht Teilnehmer lebten bis 26. September 1993, genau 2 Jahre und 20 Minuten in dem Glasgebäude mit dem Ziel, vollständig von allen Außenkontakten (Luft- und Materialaustausch) abgeschlossen zu sein, außer vom natürlichen Sonnenlicht und zugeführter elektrischer Energie.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Im Laufe der Zeit ergaben sich Zustände, die das Leben der Bewohner sowie der anderen Lebewesen zunehmend beeinträchtigten. Beispielsweise ergaben sich aus ökologischer Sicht folgende Probleme:</span></p>
<ol>
<li><span style="font-size: medium">Der in der Konstruktion verbaute Stahlbeton absorbierte schleichend (über den Umweg CO</span><sub><span style="font-size: medium">2</span></sub><span style="font-size: medium"> im Pflanzenkreislauf) Sauerstoff. Auch diffundiert Sauerstoff wesentlich schneller aus einer Glaskuppel als Kohlenstoffdioxid, da es ein wesentlich kleineres und leichteres Molekül ist.</span></li>
<li><span style="font-size: medium">Parasitäre Mikroorganismen im Ackerboden erhöhten die Anteile von Stickstoff bzw. Kohlendioxid in der Atmosphäre.</span></li>
<li><span style="font-size: medium">Kakerlaken und eine spezielle Ameisenart (Gelbe Spinnerameisen) breiteten sich extrem aus.</span></li>
</ol>
<p><a name="cite_ref-jp_3-1"></a><span style="font-size: medium">Eine zweite Gruppe hielt sich 1994 über sechs Monate lang in der künstlichen Biosphäre auf. Während dieser Zeit wurden mit wenigen Ausnahmen die Luft, das Wasser und die Nahrung für die in ihr befindlichen Menschen von den Ökosystemen erzeugt und wieder aufbereitet. </span><span style="font-size: medium">Die Einrichtung befand sich ab 2002 wieder im Besitz des Erbauers, des Öl-Milliardärs Edward Bass. Die Universität von Arizona wünschte, sie von ihm zu pachten und zur Erforschung der Globalen Erwärmung zu nutzen, woraufhin sie der Uni kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Seit 2012 offeriert die Uni Besichtigungstouren zu Biosphäre 2. </span></p>
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<p><span style="font-size: medium">Dabei wird den Besuchern der derzeitige Forschungszweck erklärt: „To create a brighter, greener future, researchers at Biosphere 2 recognize that they have to find a way to make their technology widely accessible. </span><span style="font-size: medium">We think [the research] will be a compelling way to make progress in making cities more intelligent, more sustainable, improve services and quality of life for the citizens and hopefully renew the environment a little bit. What drives the economy is innovation, not austerity.”</span></p>
<p><span style="font-size: medium"><strong>Vorletzte Meldung:</strong> Curiosity macht erst mal Pause: „Bis zum 1. Mai will die NASA darauf verzichten, Steuerungsbefehle an den Rover zu senden, da sich der Mars in dieser Zeit von der Erde aus gesehen hinter der Sonne befindet. Damit soll vermieden werden, dass Interferenzen die Übertragungen korrumpieren&#8230; Die von Curiosity gesammelten Daten werden über die Raumsonde &#8216;Mars Odyssey&#8217; zur Erde gesendet. Der Rover steht jetzt am Rand einer Eisformation des Gale-Kraters.“ </span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lenin-jesus-micky-maus.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7833" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/lenin-jesus-micky-maus-424x437.jpg" alt="" width="424" height="437" /></a></p>
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<p><strong>Letzte Meldung: </strong> Der Rover sei erneut in den Ruhemodus geschaltet worden, teilte die US-Raumfahrtbehörde Nasa am Montag mit. Ursache sei ein neuer Softwarefehler. &#8220;Curiosity&#8221; sei aber &#8220;stabil, gesund und in ständiger Kommunikation mit den Wissenschaftlern&#8221;, hieß es. Voraussichtlich in ein paar Tagen könne der Rover seine Forschungsarbeit auf dem Roten Planeten wieder aufnehmen.</p>
<p>Der Marsrover <em>Opportunity</em> legte seit seiner Landung im Januar 2004 inzwischen 35,65 Kilometer auf dem roten Planeten zurück. <em>Spirit</em> brachte es auf 7,7 Kilometer. Bei <em> Curiosity</em> wurde der Schwerpunkt in den ersten Monaten der Mission nicht so sehr aufs Fahren gelegt, sondern auf das Ausprobieren der zahlreichen Instrumente. Der Rover hat daher bislang nur rund 700 Meter zurückgelegt. Das sollte sich aber bald ändern, wenn er mit der Fahrt zum Zentralberg des Gale-Kraters beginnt.</p>
<p><strong>Allerletzte Meldung:</strong> Arte zeigte passend zu dieser ganzen Real-und-Fiktiv-Bakteriengeschichte  am 21.April einen Mars-Film, in dem die Marsianer drauf und dran sind, die Erde zu kolonisieren (alle Waffen inklusive Atombombe sind wirkungslos gegen ihre elektromagnetischen Schutzschilder), was sie jedoch schließlich besiegt sind unsere Bakterien: Sie haben dagegen &#8211; wie viele südamerikanische Indianerstämme auch &#8211; kein brauchbares Immunsystem entwickelt. Der selbe Plot findet sich auch in einem anderen, später gedrehten Hollywood-Film über eine &#8220;Mars-Invasion&#8221;: der Blockbuster &#8220;Krieg der Welten&#8221; . Arte hat gleich eine ganze Reihe Mars-Filme aus Anlaß des Nachrichtenstops von &#8220;Curiosity&#8221; kurz vor dem Eissee ins Programm genommen. Auch und natürlich vorwiegend solche, in denen umgekehrt &#8220;wir&#8221; den Mars kolonisieren, indem wir erst mal die Marsianer liquidieren.  Und zwar erfolgreich.  &#8221; Gibt es sie vielleicht doch, die Marsmännchen? Schon jahrzehntelang beflügelt die Vorstellung, dass es Leben auf einem anderen Planeten gibt, die Fantasie der Menschen,&#8221; heißt es dazu im Arte-Programmheft.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/Lenin-in-der-ecke.jpg" rel="lightbox[7820]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7832" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/Lenin-in-der-ecke-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" /></a></p>
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 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=7820&amp;md5=e80e4f1ec405b0c803940f728dec92ab" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Zeigzeug</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Apr 2013 14:40:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/blinder-schaeferhund.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-full wp-image-7795" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/blinder-schaeferhund.jpg" alt="" width="401" height="400" /></a></p>
<p><em>Blinder Schäferhund auf schwarzem Asphalt mit dem Arsch in der Pfütze. Photo<strong>: </strong>Mathias Königschulte</em></p>
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<p>Zeigzeug &#8211; so nennt Heidegger die nicht-sprachlichen Zeichen, wahrscheinlich jedoch nur die visuellen &#8211; in der modernen Okulartyrannis, da alle Sinne dem Sehen untergeordnet sind.  Insofern ist damit alles gemeint, was man mit (erhobenem) Zeigefinger &#8220;erreichen&#8221; kann. Anzeichen, Wegweiser, Zeichenbretter, Hinweisschilder, Zeitungen  &#8211; alles Zeigzeug, auf das die Zeitzeugen nicht verzichten können oder wollen. Laut Henning Schmidgen (in: Bruno Latour zum Vorzeigen&#8221; 2011) hat der Wissenssoziologe Latour bei der Analyse der Entwicklung von &#8220;Netzwerken&#8221; geraten: &#8220;Zeige auf das Zeigen!&#8221; Deswegen würden in seiner &#8220;Philosophie&#8221; auch die Dinge des Zeigens als &#8220;elementare Befestigungen von Gesellschaftlichkeit fungieren&#8221;. Wobei er sich auf Charles Péguy berufen könne, dem es in einem seiner Werke um ein &#8220;Lob des Zeigens&#8221; gegangen sei.</p>
<p>Klar, wenn man unterwegs ist, freut man sich über Leute, die einem einigermaßen präzise sagen können, wie man dort hinkommt, wo man hin will. Leider gibt es ganze Erdteile, wo die Menschen sich nicht trauen zu sagen, sie wüßten es nicht und die einen deswegen ständig falsche Wege weisen. Da freut man sich über jeden quasi-offiziellen Wegweiser am Straßenrand.</p>
<p>Wie ist das bei Hunden &#8211; und ihrer Pisse? Die Kynologen faseln von &#8220;Reviermarkierung&#8221;, Läufigkeit Signalisieren, Sich vernetzen, und von  einem zeitungsanalogen  Nachrichtenmedium. Vielleicht ist es aber auch bloß ein für unsere Nase und unsers Ekelkultur ein  perverses Dufbuquet, analog vielleicht zu unseren wohlriechenden Essenzen (wie Rosen oder Chanel Nr.5), bloß dass die Duftspuren der Hunde an Bäumen, Laternenpfählen, Pollern, Hauswänden und Hosenbeinen durch jeden nächsten Pisser verändert und aufgefrischt werden, wenn man so sagen darf.</p>
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<p><strong>HUNDE – Reichtum ist die Kotze des Glücks</strong></p>
<p><strong>Castorf / Kyniker</strong></p>
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<p>In Athen streunt eine Bande, am Rande der Gesellschaft, genannt die Hunde: verschrobene, originelle, provozierende, mutige und auch lästige Kerle in Mänteln. Konsequent folgen sie einem Ideal. Mit allen Mitteln suchen sie ihr Ziel zu erreichen und ihre Mitmenschen zur geistigen Umkehr zu bewegen! Das Geld, die Macht und der materielle Besitz werden überschätzt, sagen sie! Die Bande geht von Haus zu Haus und lehrt ohne Belehrung und Manifest die armen Reichen den Sinn des (glücklicheren) Lebens:<br />
„Also komme ich so daher, wie ihr mich seht: dreckig, zottig, in eine Kutte gehüllt, langhaarig, barfuß, ihr aber kleidet euch wie Lustknaben und unterscheidet euch weder durch die Farbe eurer Kleidung, noch durch die Fülle eurer Unterkleider, eure Schuhe, eure kunstvolle Frisur, euren Duft. Denn ihr duftet schon ganz wie jene, ihr glücklichsten unter den Sterblichen!“ (Lukian)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Im &#8220;dogforum&#8221; stellte neulich eine gewisse Karin folgendes Problem zur Diskussion:</strong></p>
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<div>&#8220;Ich habe einen gut neun Monate alten Mops-Rüden (mein erster Hund), der sich meiner Meinung nach ganz prächtig und vor allem normal und altersgerecht verhält. Er ist halt ein kleiner Macho, seitdem er die Mädels für sich entdeckt hat und leidet zur Zeit täglich mehrfach unter Liebeskummer, aber es hat noch nie ernsthaft Anlass zur Sorge gegeben.<br />
Nun hat gestern im Erziehungskurs die Hundetrainerim zu mir gemeint, ich solle, wenn ich mit ihm unterwegs im Wald bin, mal einfach über seinen Urin rüberpinkeln, wenn er markiert, um ihm zu zeigen, dass ich das Alphatier bin. Entweder könne ich ja &#8220;blankziehen&#8221; oder mir eine Sprühflasche mit meinem Urin mitnehmen und dann eins drauftsetzen, wenn er gepieselt hat.<br />
Ich bin wirklich entsetzt. Noch nie hat Hugo den Eindruck erweckt, er würde mich nicht als &#8220;Chef&#8221; akzeptieren und diese Methode erscheint mir doch sehr vorsintflutlich. Daher meine ernstgemeinte Frage ob Ihr damit Erfahrungen habt oder wie Ihr das beurteilt. Für ernste Antworten wäre ich wirklich sehr, sehr dankbar.&#8221;</div>
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<div><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/volksbuehne-hunde-rauslassen.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7794" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/volksbuehne-hunde-rauslassen-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" /></a></div>
<div>
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<div>
<div><em>US-Touristen-Werbung für das Brecht-Wöss-Doppelstück der Volksbühne: &#8220;Wer läßt die Sau raus?&#8221; und &#8220;Hunde, wollt ihr ewig erleben!&#8221; von Frank Castorf. Foto: Volksbühne</em></div>
<div>.</div>
<div>.</div>
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<p><strong>Auf einem anderen Internetforum für Hundehalter heißt es:</strong></p>
<p>&#8220;Urinmarkieren im Haus kann durch eine Kastration günstig beeinflusst werden weniger das Markieren im Freien. Bei Hunden, die im eigenen Haushalt markieren sollte man jedoch die Frage nach der Rangordnungsbeziehung zwischen Mensch und Hund als erstes angehen!&#8221;</p>
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<p><strong>Und auf wieder einem anderen:</strong></p>
<p>&#8220;Uns ist es peinlich, wie unser neu angeschaffter Hund draußen alle paar Meter die Markierung eines Rüden mit seinem eigenen Urin übermarkiert. Wie kann man ihm das abgewöhnen?&#8221;</p>
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<p><strong>Der &#8220;hundefreund.de&#8221; setzt dagegen auf Aufklärung der Hundehalter:</strong></p>
<p>&#8220;Manche Menschen können sich kaum vorstellen, wie gut der <a title="Empfindliche Hundenasen" href="http://www.hundefreunde24.de/blog/1212/empfindliche-hundenasen/">Geruchssinn</a> des Hundes ist. Kein anderer seiner Sinne ist so hoch entwickelt; er nimmt sogar Moleküle wahr, die wir mit modernster Technologie nicht nach­weisen können. Da Gerüche für sie so wichtig sind, setzen Hunde Duftstoffe in ihrem Harn und Kot ein, um ihr Revier zu markieren und ihre Anwesen­heit kund zutun. Meistens wird das Revier mit Harn abgesteckt: Die Blase ist ein hervorragendes Vorratsgefäß in dem sich immer ein paar Tröpfchen finden. Kot wird seltener abgesetzt. Er wird stets um ein paar Tropfen des stark riechendes Sekret aus den Analdrüsen angereichert, das eine Vielzahl von Informationen enthalt. Auch die anderen Körperausscheidungen – sei es Ohrwachs, Speichel oder Schweiß – enthalten Pheromone, das sind Duftstoffe, die viel über den Zustand des Hundes verraten. Ohrwachs­geruch ist geschlechts­spezifisch</p>
<p>Viele Hundehalter meinen irrtümlich, ihr Hund sei nicht ganz stubenrein, wenn er sein Revier mit Harn markiert. Es gibt durchaus wohlerzogene Rüden, die in eine fremde Wohnung spazieren und erst einmal an einem Tisch das Bein heben. Sie nehmen schlicht ein Revier in Besitz.  Um dieses Verhalten abzustellen, sind ganz andere Methoden nötig als bei der  <a title="Hundebuch Welpenerziehung" href="http://www.hundefreunde24.de/welpen-junghunde-buch.html">Erziehung eines Welpen</a> zu Stubenreinheit.</p>
<p>Weibliche Hunde markieren ihr Revier seltener als Rüden – es sei denn, ihr Eisprung steht bevor. Wenn der Östrus naht, trinken Hündinnen mehr als sonst und urinieren entsprechend öfter, wobei sie eine Duftspur hinterlassen, die den allzeit bereiten Rüden ihre Läufigkeit anzeigt.</p>
<p><a title="Analdrüse beim Hund" href="http://www.hundefreunde24.de/blog/125/analdruese-beim-hund/">Analdrüsen</a> sondern individuelle Düfte ab. Wenn sich der Hund löst steuert er ein paar Tropfen seines individuellen Parfüms aus den Analdrüsen der Ausscheidung bei. Sowohl Rüden als auch Weibchen tun dies.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund-im-zug.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7796" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund-im-zug-424x281.jpg" alt="" width="424" height="281" /></a></p>
<p><em>Hund in einem Zug von Berlin Hauptbahnhof nach Leipzig Hauptbahnhof, Abfahrt 21 Uhr 10, Anbkunft 23 Uhr 17. Photo: Katrin Eissing</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Unter der Internet-Eintragung &#8220;Neues Lernen für Menschen mit Hund&#8221; meldet sich ein anerkanntes Mitglied im Verband Deutscher Tierheilpraktiker (VDT), der Tierheilpraktiker U. Türbsch, zum Thema &#8220;Extrinsisches Zwangsmarkieren der Caniden&#8221; zu Wort:</strong></p>
<p>&#8220;Eine Aufklärung vorweg &#8230;</p>
<p>Es geht hier nicht darum einem Hund das &#8220;Pinkeln&#8221; oder &#8220;Lösen&#8221; zu verbieten, oder gar per &#8220;Gehorsamsübung&#8221; zu untersagen. Das wäre vollkommen dumm und ist nicht gemeint. Auch hat es nichts mit menschlicher Dominanz oder Machtgehabe zu tun, nach dem Motto &#8220;Pinkeln nur, wenn ich es erlaube&#8221;. Es geht vielmehr um den Bereich des &#8220;Zwangsmarkierens&#8221;, sprich das Urinieren unterwegs, das immer wieder zu beobachten ist und fast als selbstverständlich hingenommen wird, ohne zu wissen, welchem Stress ein Hund hierdurch ausgesetzt ist. Diese Handlung (&#8220;Pinkeln&#8221;) des Hundes dient nicht der physiologischen Blasenentleerung, sondern wird durch einen olfactorischen Reiz von außen ausgelöst und als Reizantwort vom Hund als eine nicht selbst entschiedene Handlung umgesetzt. Das ist ein grundbedeutender Unterschied. Doch dazu nun mehr.</p>
<p>Der Unterschied zwischen &#8220;pinkeln&#8221; und &#8220;pinkeln&#8221;</p>
<p>Viele Hundebesitzer sind immer noch im Glauben, dass bei Hunden auf einem Spaziergang ein gehäuftes und mehrmaliges Pinkeln (Urinieren) auf dem Weg zum &#8220;normalen&#8221; Verhalten zählt. Doch es kann auch einen anderen Grund haben. Und hierum geht es.</p>
<p>Es ist zunächst einmal unstrittig, dass es neben dem Urinieren auch ein Markieren und ein Drübermarkieren gibt. Jedoch mit deutlichem Unterschied zwischen Wolf und Hund (siehe Seite Markierverhalten Wolf-Hund und den Ergebnissen des WSC/Wolfs-Forschungs-Centrum). Nun aber kommen wir zum eigentlichen Problem, um welches es geht. Ein zu häufiges Urinieren des Hundes z.B. auf einem Spaziergang zählt nicht mehr zu seinen normalen physiologischen Bedürfnissen (Blase entleeren), wird auch nicht mehr umgesetzt durch eine beabsichtigte Handlung, sondern wird in diesen Fällen ausgelöst durch einen äußeren Reiz. Und um das geht es im Wesentlichen. Mehr dazu in den folgenden Zeilen.</p>
<p>Pinkeln, weil die Hundeblase voll ist<br />
(ein physiologisches Bedürfnis)</p>
<p>Natürlich brauchen wir nicht darüber zu reden, dass es jedem Lebewesen zusteht, seine Blase zu entleeren, wenn diese voll ist. Und so ganz nebenbei werden Schlackenstoffe (sog. harnpflichtige Substanzen aus dem Stoffwechsel) ausgeschieden und aus dem Organismus entfernt. Das ist ein physiologisches Bedürfnis (nicht nur bei Menschen) und macht Sinn. Natürlich auch bei Hunden. Dieses &#8220;Pinkeln&#8221; ist völlig normal und je nach Alter, Größe und Flüssigkeitsaufnahme des Hundes entleert sich ein Hund &#8220;physiologisch&#8221; bis zu 10-mal (Welpe) und 2-3-mal (als erwachsener Hund) am Tag. Ganz anders verhält es sich beim sogenannten &#8220;Markieren&#8221; und beim &#8220;Drübermarkieren&#8221; (die Begriffe sagen uns schon an sich, worum es hier geht), welches nicht mehr der physiologischen Blasenentleerung dient. Und es wird noch problematischer, wenn es durch einen äußeren Reiz zwanghaft beantwortet werden &#8220;muss&#8221;.</p>
<p>Pinkeln, weil er etwas zeigen möchte &#8230;.<br />
(nicht physiologisch &#8211; aber eine Wesensart)</p>
<p>Wenden wir uns zunächst dem &#8220;Markieren&#8221; zu. Das Markieren des Hundes durch Urin (oder auch Kotabsatz) ist zunächst eine beabsichtigte Handlung, die dazu dient, territoriale Signale zu setzen und damit anzuzeigen, in welchem &#8220;fremden Gebiet&#8221; (das besetzt ist) sich ein anderer Hund bewegt, wenn er dieses betritt. Oft liest und hört man, dass der Territorialinstinkt eines Hundes nicht bedeutend ist. Das ist falsch und steht wider jegliche Erkenntnisse (ein Wunschdenken des Menschen). Fassen wir uns doch mal an die eigene Nase. Jeder, der ein Haus sein Eigen nennt, wird es in irgendeiner Form umzäunen &#8211; sei es Zaun oder Buschwerk -, um anderen damit zu sagen &#8220;Das ist mein Gebiet (Besitz)&#8221;. Nun bauen Hunde keine Zäune und pflanzen auch keine Hecken. Dafür &#8220;pinkeln&#8221; oder &#8220;koten&#8221; sie, um der Duftmarkierungen willen. Dieses Verhalten ist erkennbar daran, dass in der Regel ein Baum, Busch oder andere Gebilde dazu genutzt werden. Das ist zunächst nicht problematisch, zeigt aber, dass der Hund hier in einer Verantwortung steht. Und zwar der Aufgabe territoriale Zeichen zu setzen. Dennoch kann es hierdurch zu problematischem Verhalten kommen. Vor allem dann, wenn sich zwei Hunde begegnen, die der gleichen Meinung (Territorium = mein Besitz) sind.<br />
Pinkeln, weil er &#8220;muss&#8221; &#8230;..<br />
Jetzt wenden wir uns dem &#8220;Drübermarkieren&#8221; zu. Sie erkennen durch vorherige Erläuterungen wahrscheinlich schon, aus welcher Motivation heraus dieses stattfindet.</p>
<p>Hundenasen sind unseren eigenen Nasen im Riechvermögen meilenweit überlegen. Sie riechen, was wir nicht sehen können. Es sei denn es ist Winter und wir erkennen optisch im Schnee das uns bekannte &#8220;PINKELGELB auf weißem Grund&#8221;. Als wir das erste Mal mit unserem Hund einen Weg gingen, war es ein Ausflug in ein fremdes Gebiet, wurde mit Duftsignalen (Markieren) belegt und es ging wieder zurück. Da wir Menschen (einerseits gut so) nun nicht pinkelnd durch die Welt laufen um anderen zu zeigen, dass dieser Weg mein Besitz ist, wird es für den Hund unlogisch, nichts zu tun. Er geht hier schon ein erstes Mal in die Verantwortung für das neue Gebiet und setzt seine Zeichen. Eine beabsichtigte Handlung &#8211; denn einer muss es ja schließlich tun. Und wir Menschen nehmen es für die Zukunft mit, dass er sich häufiger entleeren muss (hat er ja gezeigt). Gehen Sie nun an einem anderen Tag den gleichen Weg wieder, hat sich in der Zwischenzeit etwas verändert. Ein anderer Hund/anderes Tier war da, denkt natürlich in seiner logischen Welt, erduftet nun Ihren Hund und pinkelt drüber (über diesen Hund/dieses Tier werden wir nicht reden, denn es geht ja um Ihren Hund &#8211; es lässt sich aber alles 1:1 übertragen).</p>
<p>Extrinsisches Zwangsmarkieren &#8230;<br />
(hier wird´s nicht mehr spaßig &#8211; es entsteht ein Zwangsmarkieren)</p>
<p>Nun kommen Sie wieder ins Spiel, bzw. Ihr Hund. Sie gehen wieder &#8220;spazieren&#8221;, und natürlich erkennt Ihr Hund, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Und es beginnt erneut ein &#8220;Drübermarkieren&#8221;. Hier aber nicht mehr als beabsichtigte durchgeführte Handlung, sondern ausgelöst durch einen äußeren olfactorischen Reiz (durch Urin eines anderen Hundes/Tieres). Und das &#8211; wenn möglich &#8211; an jeder bedeutsamen / strategischen Stelle, die bereits (fremd-)markiert ist. Dieses Verhalten ist nun keine eigenständige beabsichtigte Handlung mehr, sondern wird ausgelöst durch einen &#8220;Zwang&#8221;, auch weil der Mensch im Gespann/Rudel dieses Problem nicht löst oder regelt. Also wird er beginnen, immer wieder und immer wieder, und jeden Tag aufs Neue, erneut drüber zu markieren (Hamsterrad des Urinierverhaltens). Dieses Verhalten ist als &#8220;extrinsisches Zwangsmarkieren&#8221; zu definieren. Handlungen, die von außen durch einen Reiz zwanghaftes Verhalten auslösen, kennen wir auch in der Humanmedizin (dort nennt man es Zwangsneurose). Nun möchte ich aber hier nicht alle pinkelnden Hunde zu caninen Neurotikern machen. Dennoch ist es ein Hundeleben lang ein bleibendes Problem, wenn wir Menschen hier die Verantwortung nicht übernehmen (das ist übrigens viel einfacher als man denkt &#8211; man muss nur intelligent genug sein).</p>
<p>Befreien Sie Ihren Hund von diesem Zwang.</p>
<p>Nur durch Verstehen und Handeln &#8211; und nicht durch Ignorieren und Belächeln &#8211; können Sie aktiv Ihrem Hund helfen und diesen &#8220;Zwang&#8221; beseitigen. Das Zwangsmarkieren verliert sich vollständig und ganz, weil es Ihr Hund einfach nicht mehr &#8220;muss&#8221;. Und das ist wichtig. Denn &#8211; das was kaum jemand beachtet, ist der hierdurch entstehende Dauerstress des Hundes und seine daraus resultierenden akuten Folgen oder (leider viel zu oft) Spätfolgen im Rahmen einer Erkrankung, die ursächlich auf Dauerstressfolgen zurückzuführen ist. Jeder Dauerstress wirkt langfristig im Organismus in Zusammenspiel mit dem Endokrinsystem und Nervensystem mit den entsprechenden organischen Auswirkungen sowie den daraus resultierenden Folgen. In der Humanmedizin ist dieses längst bekannt &#8211; übrigens nachgewiesen und entdeckt durch das Stressreaktionsverhalten der Tupajas (Eichhörnchenart) &#8211; wo es sogar zum totalen Einstellen aller biologischen Lebensfunktionen durch maximalen Dauerstressreiz kam.</p>
<p>Den (Pinkel-)Dauerstress abstellen &#8230;</p>
<p>Nun werden Sie sagen &#8220;das ist aber völlig überzogen, Hunde sterben nicht durch das Pinkeln draußen&#8221; . Da haben Sie natürlich Recht &#8211; aber sie werden an den Stressfolgen irgendwann erkranken, und vorher ihre Signale geben, sei es z.B. mit Verdauungsstörungen (als Stressfolge) oder Verhaltensauffälligkeiten (was wiederum Stress bedeutet) oder anderen &#8220;Wehwehchen&#8221;. Und diese ersten Symptome werden leider nicht richtig zugeordnet und allzu schnell mit Antibiotika und Kortisonen überdeckt. Alles ist wieder gut &#8211; scheinbar &#8211; aber der (Pinkel-)Dauerstress bleibt. Das sollten Sie in für Ihren Hund. Ich freue mich über jede Hundebesitzerin und jeden Hundebesitzer die/der hier ihrem/seinem Hund hilft, diesen &#8220;Zwang&#8221; abzulegen. Denn diese Menschen haben es &#8220;verstanden&#8221;. Und es werden immer mehr &#8211; das freut mich. Gehen auch Sie hier in die Aktion und helfen Sie Ihrem Hund (und damit auch allen anderen Hunden) stressfreier in unserer Welt zu leben.&#8221;</p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/goettles-und-km%C3%B6lningers-hund.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7797" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/goettles-und-km%C3%B6lningers-hund-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" /></a></p>
<p><em>Gabriele Goettles und Elisabeth Kmölningers Hund. Foto: Elisabeth Kmölninger </em></p>
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<p>&nbsp;</p>
<p><strong>&#8220;onlinezoo.de&#8221; empfiehlt:</strong></p>
<p>Wenn <em>Hunde</em> und Katzen Ihr Revier <em>markieren</em>, müssen die betroffenen Stellen zuerst einmal mit dem UF2000 <em>Urinentferner</em> neutralisiert werden.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/bissiger-hund.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7815" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/bissiger-hund-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" /></a></p>
<p><em>Von Facebook rübergeholtes Photo mit der Bemerkung von Sabine Merz: &#8220;suche stundenweise betreuung für meine liebe hündin&#8230;&#8221;</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><strong>Auf &#8220;wer-ist-fido.de&#8221; heißt es:</strong></p>
<p>Hunde haben ihre ganz eigene Wahrnehmung von der Welt und sorgen mit den außergewöhnlichen Leistungen ihrer Sinne für Überraschungen. Die Unterschiede in der Wahrnehmung von Hund und Mensch sind größer, als wir glauben.</p>
<p>Wir sehen jedes Detail. Wir sehen Knospen und welkende Blüten. Blätter, die von Insekten beknabbert wurden und unberührte. Der Hund kann es riechen. Sogar ein Teelöffel Zucker in in zwei Olympiabecken voll Wasser entgeht seiner Nase nicht.</p>
<p>Der Geruchssinn der Hunde ist zu verblüffenden Leistungen fähig:</p>
<p>Hunde können Emotionen riechen. Wenn wir erregt sind erhöht sich der Puls und wir fangen an zu schwitzen. Die Flußrate, mit der Duftmoleküle an der Körperoberfläche abgegeben werden, steigt. Das nimmt die Hundenase wahr. So, als würde aus einem leisen Ton ein lauter werden. Emotionen sin das Ergebnis von biochemischen Prozessen im Körper. Erst wird ein Stoff freigesetzt, dann spüren wir die Emotion. Und der Hund kann sie riechen.</p>
<p>Denn Hunde können sogar Krebserkrankungen riechen. Sie reagieren dabei wahrscheinlich auf Verbindungen, die aus dem gestörten Stoffwechsel der Krebszelle stammen: Immer wieder tauchen Anekdoten von Hunden auf, die beispielsweise einem bestimmten Muttermal ihres Menschen besondere Aufmerksamkeit schenkten. Ein Muttermal, das sich später als bösartiger Tumor herausstellte.</p>
<p>Britische Wissenschaftler trainierten daraufhin Hunde, Urinproben von Krebspatienten zu identifizieren. Als Kontrolle dienten jeweils Proben von als gesund eingestuften Personen. Die Hunde zeigten eine als gesund eingestufte Kontrollperson ausnahmslos positiv an. Eine anschließende Untersuchung ergab, dass diese Kontrollperson tatsächlich an einem Nierentumor erkrankt war.<br />
Quelle:<br />
<cite>Willis CM, Church SM, Guest CM, Cook WA, McCarthy N, Bransbury AJ, Church MR, Church JC. Olfactory detection of human bladder cancer by dogs: proof of principle study. BMJ. 2004 Sep 25;329(7468):712. </cite></p>
<p>Dann erscheint es fast schon banal, dass Hunde den Verlauf einer Spur am Geruch erkennen können. Sie orientieren sich dabei am Auftreten von biochemischen und mikrobiologischen Abbauprodukten, die von verletzten Pflanzen abgegeben werden. Wissenschaftler aus Belfast fanden heraus, dass schon fünf Schritte oder eine Zeitspanne von ein bis zwei Sekunden genügen, um eine Veränderung der Geruchsinformation zu erzeugen, die dem Hund die Laufrichtung verrät.<br />
Quelle:<br />
<cite>Hepper PG, Wells DL. How many footsteps do dogs need to determine the direction of an odour trail? Chem Senses. 2005 May;30(4):291-8. Epub 2005 Mar 1.</cite></p>
<p>Im Riechepithel in der Nasenhöhle sitzen die Riechsinneszellen. Sie sind Nervenzellen, deren <a href="http://www.wer-ist-fido.de/neuron.html">Dendriten</a> wie feine Härchen in eine zähe Schleimschicht außerhalb der Zelle reichen und deren <a href="http://www.wer-ist-fido.de/neuron.html">Axone</a> als Riechnerv ins Gehirn führen. Auf der Oberfläche der Härchen befinden sich Rezeptorproteine, die Duftmoleküle direkt binden und daraufhin durch die Öffnung von Ionenkanälen in der Zellmembran ein Signal erzeugen, das in den Riechkolben (Bulbus olfactorius) des Gehirns geleitet wird.</p>
<p>Das Riechepithel der Hunde ist um ein Vielfaches größer als unseres. Die Oberfläche des menschlichen Riechepithels umfasst etwa fünf Quadratzentimeter, das der Hunde 25. Das menschliche Gehirn wiegt etwa zehnmal soviel wie das eines Hundes. Damit wird im Gehirn der Hunde ein fünfzigfacher Bereich vom Geruchssinn beansprucht.</p>
<p>Das bedeutet aber nicht, dass Hunde fünfzigfach besser riechen können als Menschen. Das Riechvermögen der Hunde übersteigt unseres millionenfach. Jede Sinneszelle besitzt bis zu 20 mal mehr Sinneshärchen. Außerdem besitzt ein Hund wohl mehrere hundert verschiedene Rezeptortypen <strong>mehr</strong> als der Mensch. Jeder Stoff bindet unterschiedlich stark an die verschiedenen Rezeptoren und erregt sie unterschiedlich stark. Das Gehirn berechnet aus der unterschiedlichen Erregung eine Geruchswahrnehmung. Der Geruchssinn der Hunde ist nicht nur empfindlicher als unserer. Wegen der vielen verschiedenen Rezeptortypen übertrifft er unseren auch qualitativ.</p>
<p>Beim Schnüffeln erzeugen Muskeln in den Nasenlöchern einen Luftstrom, der Duftmoleküle mit sich bringt. Die Luft tritt dabei entweder tiefer in die Nasenhöhle ein oder wird oder wird durch die seitlichen Schlitze der Nasenlöcher nach außen abgegeben.Dabei wird die eingesogene und ausgestoßenen Luft nicht vermischt. Die ausströmende Luft erzeugt einen Sog und dadurch strömt weitere Luft in die Nasenhöhlen. Das kann man manchmal auch sehen, wenn kleine Staubwölkchen dort aufsteigen wo ein Hund schnüffelt.Beim Schnüffeln wird die Luft über eine Struktur, die subethmoidale Platte (subethmoidal shelf) geleitet. Beim Ausatmen werden die Duftmoleküle nicht mit der Atemluft abgegeben, sondern reichern sich im Nasenschleim an.</p>
<p>Auch die Pigmentierung des Riechepithels scheint mit der Riechleistung zu tun zu haben. Je dunkler das Riechepithel (hellgelb beim Menschen, dunkelgelb bis braun beim Hund), umso besser die Riechleistung</p>
<p>Zusätzlich zur Nase gibt es aber noch ein &#8220;Mundriechorgan&#8221;, das Vomeronasalorgan. Es schließt sich an die Mundhöhle an und hat keinen Kontakt zum Riechepithel der Nase. Im Gegensatz zum Riechepithel der Nase, das auf flüchtige Verbindungen anspricht, reagiert es auf nicht flüchtige Geruchspartikel. Seine Nervenzellen laufen auch nicht in den Riechkolben, sondern in den Nebenbulbus, der keine Verbindung zur Großhirnrinde hat. Die Signale aus dem Vomeronasalorgan können deshalb nicht in das Bewusstsein dringen. Vielmehr steuern die dort einlaufenden Signale vegetative Körperfunktionen wie zB Emotionen.</p>
<p>Auch wir haben ein Vomeronasalorgan, das wohl darüber entscheidet, ob wir &#8220;jemanden riechen können&#8221; oder nicht.</p>
<p>Hunde produzieren verschiedene Pheromone, die zur chemischen Kommunikation dienen. Pheromone sind Lockstoffe, die durch die Luft übertragen und unbewußt wahrgenommen werden. Sie beeinflußen das Verhalten bzw die Stimmung.</p>
<p>Hunde besitzen verschiedene Drüsen, die Pheromone abgeben. Zum einen sitzen sie im Enddarm und bekleiden den Kot mit einer dünnen, schleimigen Schicht. Außerdem gibt es die Analdrüsen, die rechts und links vom Anus sitzen. Sie sind erbsenförmig ertastbar und ihr Sekret wird ebenfalls mit dem Kot abgegeben. Wenn diese Drüsen verstopft sind, schrubbern übrigens kleinere Hunde ständig über den Boden und größere könnten sich in den Hintern beißen. Dann gibt es noch die Perianaldrüsen, die kreisförmig um den Anus angeordnet sind und die Violsche Drüse auf der Schwanzoberseite am Schwanzansatz. Diese Drüsen liefern Pheromone, die Informationen über z.B. das Geschlecht und den sozialen Status des Spenders bereitstellen.</p>
<p>Auch mit dem Urin werden Pheromone abgegeben. Er enthält Geschlechtshormone und liefert Informationen über den Fortpflanzungsbereitschaft der Hündinnen sowie den sozialen Rang der Rüden. Urinmarkieren wird durch Urinmarkierungen gefördert. Hunde, die nie mit Urinmarkierungen in Kontakt kommen, markieren auch selbst nicht. Wenn man nicht weiß, dass es eine Zeitung gibt, kommt man halt auch nicht auf die Idee, einen Leserbrief zu schreiben.</p>
<p>Der Sehvorgang findet in der Netzhaut oder Retina des Auges statt. Die Retina befindet sich im Augenhintergrund und enthält die Sinneszellen, in denen sich die Sehpigmente befinden. Im Wirbeltierauge gibt es zwei Typen von Sinneszellen: Stäbchen und Zapfen.Stäbchen sind an das Dämmerungssehen angepaßt. Sie enthalten sehr viel mehr Sehpigmente als Zapfen. Weil sie aber nur einen Typ von Sehpigment enthalten, sind sie &#8220;farbenblind&#8221;. Mit ihnen sieht der Hund nur schwarzweiß.</p>
<p>Die Lichtempfindlichkeit der Stäbchen wird dadurch gesteigert, dass die Signale vieler Zellen gebündelt in einem gemeinsamen Zentrum im visuellen Cortex (Sehrinde) des Gehirns zusammenlaufen. Das wirkt wie ein Verstärker. Weil Hunde viel mehr Stäbchen als Zapfen besitzen, sind ihre Augen hervorragend an das Sehen in der Dämmerung angepasst.</p>
<p>Die Zapfen enthalten verschiedene Sehpigmente und sind für das Farbensehen bestimmt. Licht von einer bestimmten Wellenlänge erregt die Zapfen unterschiedlich stark. Das Gehirn berechnet aus den unterschiedlichen Informationen die von den verschiedenen Zapfen ankommen eine Farbe.</p>
<p>Hunde haben, wie die meisten Säugetiere, zwei Farbrezeptoren. Nur Primaten (Menschenaffen, also wir) haben einen dritten Farbrezeptor. Auf der Basis von zwei Rezeptoren errechnet das Gehirn eine andere Farbe, als mit der Information von drei Rezeptoren. Deshalb sehen Hunde Farben anders als Menschen. Ihre Sehpigmente absorbieren vor allem Licht im Blaubereich und Rotbereich. Von blaugrünem Licht werden ihre Rezeptoren kaum erregt. Diese Farbe können Hunde nicht sehen und nehmen sie als Grauton war. Hunde haben außerdem wenige Zapfen und viele Stäbchen. Deshalb sieht ihre Welt auch ein bisschen blasser aus.</p>
<p>Eine weitere Anpassung an das Dämmerungs- und Nachtsehen ist das Tapetum lucidum, eine reflektierende Zellschicht auf der Rückseite der Netzhaut. Sie leitet das Licht ein zweites Mal zur Netzhaut und erhöht dadurch die Lichtausbeute. Das Tapetum lucidum läßt Hundeaugen bei Blitzlicht wie Taschenlampen strahlen oder in den verschiedensten Farben leuchten.</p>
<p>Im Hundeauge fehlt die Fovea centralis. Das ist der Ort der größten Sehschärfe im Auge von Menschenaffen. Hier ist die Dichte der Sinneszelen am höchsten. Im Hundeauge gibt es stattdessen eine Area centralis, die räumlich weniger begrenzt ist und eine geringere Rezeptordichte aufweist. Damit kann hund nicht so scharf sehen wie wir.</p>
<p>Das Vorhandensein einer Area centralis ist von der Rasse abhängig. Kurzschnäuzige Rassen besitzen eine ausgeprägte Area centralis. Solche Hunde können in der Nähe befindliche Gegenstände gut fokussieren. Bei lngscgnäuzigen Rassen gibt es statt der Area centarlis ein visuelles Band, bei dem die Rezeptordichte bandförmig über die Retina verteilt ist. Solche Hunde sind stark im Bewegungssehen denn sie besitzen einen Panoramablick.</p>
<p>Hundeaugen können rasche Bildfolgen von bis zu 80 Bilder pro Sekunde als Einzelbilder wahrnehmen. Bei uns liegt die Grenze bei etwa 60 Bildern pro Sekunde. Deswegen ist ein Fernsehabend für den Hund meist auch &#8220;für die Katz&#8217;&#8221; &#8211; eine langweilige Diashow.</p>
<p>Das Schallspektrum, das Hunde wahrnehmen, reicht weit in den Ultraschallbereich. Es liegt zwischen 30Hz und 64kHz. Die höchste Empfindlichkeit und damit das beste Auflösungsvermögen liegt zwischen 1kHz und 16 kHz. Hier können Hunde auch sehr leise Töne sowie minimale Lautstärke- und Frequenzunterschiede wahrnehmen. Im allgemeinen geht man davon aus, dass Hunde Töne aus einer vierfach größeren Entfernung hören können als der Mensch. Und auch das Richtungshören funktioniert wesentlich besser: Aus einem Kreis von 64 Schallquellen kann ein Hund noch die einzig aktive herausfinden. Unsere Ohren machen dagegen schon bei 16 schlapp. A propos schlapp: Auch mit Schlappohren ist die Hörleistung des Hundes kaum beeinträchtigt.Die Hörsinneszellen sind übrigens nicht direkt mit dem Hörnerv verbunden, sondern über so genannte afferente (ins Gehirn führende) Bahnen mit dem Gehirn. Daneben gibt es noch efferente Bahnen, die vom Gehirn kommen und die Reizleitung der Sinneszellen hemmen können, so dass Fido bequem auf Durchzug schalten kann.</p>
<p>Der Schall wird durch die Ohrmuschel in den Gehörgang und auf das Trommelfell übertragen. Im Mittelohr wird der Schall über die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) auf eine Membran, das ovale Fenster, übertragen. Hier tritt der Schall von der Luft in Flüssigkeit über.</p>
<p>Im Ohr befinden sich feine Haarsinneszellen, deren Spitzen in eine Flüssigkeit ragen. Wird diese Flüssigkeit durch Schallwellen in Bewegung gesetzt, wird dieses Signal in die Wahrnehmung eines Tones umgesetzt.</p>
<p>In der Schnecke des Innenohrs befinden sich zwei Kanäle, die mit Flüssigkeit gefüllt sind und durch das Corti-Organ voneinander getrennt werden. Das Corti-Organ ist das eigentliche Gehörorgan und besteht aus zwei Membranen, die gegeneinander verschoben werden können. Die eine trägt feine Haarsinneszellen, die andere liegt wie ein Dach darüber. Der Schall erzeugt eine Wellenbewegung in der Flüssigkeit des Kanals. Es kommt zu einer horizontalen Verschiebung der beiden Membranen. An den feinen Härchen der Sinneszellen entstehen Scherkräfte. Das mechanische Signal wird jetzt in ein elektrisches umgewandelt, das vom Gehirn als Ton interpretiert wird.</p>
<p>Ob ein Ton als hoch oder tief wahrgenommen wird, hängt davon ab, an welcher Stelle des Corti-Organs er Signale erzeugt. Das wiederum hängt von seiner Frequenz ab. Höhere Frequenzen erzeugen Signale näher am Startpunkt der Wellenbewegung, dem ovalen Fenster, und werden als höherer Ton wahrgenommen.</p>
<p>Lesetipp: <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3861277794?ie=UTF8&amp;tag=weristfidode-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3861277794">Die Sinne des Hundes: Wie die Hunde ihre Umwelt wahrnehmen</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=weristfidode-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3861277794" alt="" width="1" height="1" border="0" /> von Brigitte Rauth-Widmann</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/rutschky.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7798" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/rutschky-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" /></a></p>
<p><em>Der dritte Hund von Katharina und Michael Rutschky. Foto: Michael Rutschky</em></p>
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<p><strong>Auf dem Forum &#8220;recht.de&#8221; fragt eine Merula:</strong></p>
<p>&#8220;Hallo,<br />
wie ist das rechtlich? Dürfen Hunde auf befahrene Straßen pinkeln? z.B. eine automäßig hoch frequentierte Spielstraße (trotz Spielstraße viele! Autos) Das nächste Grün ist 15 min Fussweg entfernt, da es sich um die Altstadt einer Fachwerkstadt handelt. Das Häufchen weggeräumt werden ist schon klar, aber wohin darf Hund pinkeln?&#8221;</p>
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<p><strong>Die vielen Antworten darauf sind alle ein wenig unbefriedigend &#8211; so wie diese:</strong></p>
<p>&#8220;Ich denke mal mit dem Rinnstein liegt man nicht schlecht bezüglich des kleinen Geschäftes der Vierbeiner. Wobei die aber leider immer mehr aus der Mode kommen.</p>
<p>Generell wird es keine Paragraphen geben gegen eine einzelne Pippilache auf dem Asphalt oder Strassenpflaster. Man sollte nur bedenken, daß es vor allem bei warmer und trockener Witterung durchaus zu Geruchsbelästigungen kommt, wenn ein Hund permanent an die gleichen Stellen pieselt. Zudem sollten Hausecken, Gartenzäune, Heckenpflanzen und Alufelgen etc. (sprich: fremdes Eigentum!) tabu sein in Bezug auf das Beinchenheben der Rüden.</p>
<p>Womit wir dann zur geeigneten Wohnumgebung für Hundehalter kommen: Wenn ich einen Hund halte, dann sollte ich über eine entsprechende Infrastruktur verfügen. D.h. ist in meinem näheren Wohnumfeld alles zubetoniert und zugepflastert, dann sollte ich zumindest über ein Streifchen eigenen Garten verfügen, auf dem mein Hund &#8220;darf&#8221;. Der Gute kann ja auch mal Durchfall haben, oder mir als Hundehalter geht es gesundheitlich mal nicht so gut daß ich bei Wind und Wetter die 15 Minuten bis zum nächsten Löseplatz schaffe&#8230;&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund1.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7799" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund1-424x281.jpg" alt="" width="424" height="281" /></a></p>
<p><em>Am Caipirinha-Stand hat jemand Susi auf die Füße getreten, jetzt muß sie angeblich getragen werden. Foto: Katrin Eissing</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund2.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7800" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund2-424x284.jpg" alt="" width="424" height="284" /></a></p>
<p><em>&#8220;Pelle, Beiß ihm den Oberkörper ab!&#8221; pflegte mein Vater zu sagen, aber Pelle verstand immer nur: &#8220;Sei bloß lieb zu ihm!&#8221; Und so war es auch gemeint. Foto: Katrin Eissing </em></p>
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<p><strong>Auf wieder einem anderen Internet-Forum heißt es:</strong></p>
<p>&#8220;Es wird angenommen dass der Hund eine Art Duft-Datenbank besitzt, die in hohem Faktor unserem visuellen Gedächtnis gleicht.Diese Fähigkeit, sich an bestimmte Duftstoffe zu erinnern, trägt wahrscheinlich zum sagenhaften Orientierungsvermögen von Hunden bei und bewirkt, dass sie auch über Riesenentfernungen zurück nach Hause finden.&#8221;</p>
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<p><strong>An anderer Stelle findet man den albernen Technoscience-Satz:</strong></p>
<p>&#8220;Der <em>Geruchssinn</em> gibt dem <em>Hund</em> jede gewünschte <em>Information</em> und ist vierzig bis hundertmal stärker als der des Menschen.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/blondie-und-adolf.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-full wp-image-7801" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/blondie-und-adolf.jpg" alt="" width="391" height="537" /></a></p>
<p><em>Die Tierfreunde machten damals in ihrem Zentralorgan Werbung für den Führer. Foto: Tierfreunde</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund14.jpeg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-full wp-image-7803" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund14.jpeg" alt="" width="383" height="229" /></a></p>
<p><em>Heute macht ein Führhund Werbung für den Verein der Tierfreunde. Foto: Tierfreunde.</em></p>
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<p><strong>Unter dem Stichwort &#8220;Olfaktorische Wahrnehmung&#8221; heißt es auf Wikipedia:</strong></p>
<p>Die <strong>olfaktorische Wahrnehmung</strong> (<a title="Latein" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Latein">lateinisch</a> <em>olfacere</em> ‚riechen‘), auch <strong>Geruchssinn</strong>, <strong>olfaktorischer Sinn</strong> oder <strong>Riechwahrnehmung</strong>, bezeichnet die <a title="Wahrnehmung" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung">Wahrnehmung</a> von <a title="Geruch" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Geruch">Gerüchen</a>. Der komplexe Geruchssinn wird erforscht von der <a title="Osmologie (Seite nicht vorhanden)" href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Osmologie&amp;action=edit&amp;redlink=1">Osmologie</a> oder auch <a title="Osphresiologie (Seite nicht vorhanden)" href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Osphresiologie&amp;action=edit&amp;redlink=1">Osphresiologie</a>.</p>
<p>Daran sind zwei <a title="Wahrnehmung" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung">sensorische</a> Systeme beteiligt: das olfaktorische und das <a title="Trigeminale Wahrnehmung" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Trigeminale_Wahrnehmung">nasal-trigeminale System</a>. Geruch und <a title="Geschmack (Sinneseindruck)" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Geschmack_%28Sinneseindruck%29">Geschmack</a> interagieren und beeinflussen sich gegenseitig. Der Geruchssinn ist der komplexeste chemische <a title="Sinn (Wahrnehmung)" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sinn_%28Wahrnehmung%29">Sinn</a>. Die Geruchsrezeptoren der <a title="Wirbeltiere" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Wirbeltiere">Wirbeltiere</a> sind in der Regel in der <a title="Nase" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nase">Nase</a> lokalisiert.</p>
<p>Der Geruchssinn ist bei der Geburt vollständig ausgereift. Eine weitere Eigenschaft des olfaktorischen Systems beim Menschen ist, dass es alle 60 Tage durch <a title="Apoptose" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Apoptose">Apoptose</a> erneuert wird. Dabei sterben die Riechzellen ab und werden durch <a title="Basalzelle" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Basalzelle">Basalzellen</a> erneuert. Die <a title="Axon" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Axon">Axone</a> wachsen dabei ortsspezifisch, das heißt die neuen Axone wachsen an die Stellen, die durch die alten frei werden.</p>
<p>In der <a title="Riechschleimhaut" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Riechschleimhaut">Riechschleimhaut</a> kommt es zur Anlagerung der Geruchsmoleküle an <a title="Rezeptor" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rezeptor">Rezeptormoleküle</a>. Diese bilden eine spezifische Matrix auf der Oberfläche des Riechepithels. Die Riechköpfchen eines <a title="Geruchsrezeptor (Zelle)" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Geruchsrezeptor_%28Zelle%29">Geruchsrezeptors</a> ragen in die äußere Riechschleimhaut hinein. Durch die Bindung des <a title="Liganden" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Liganden">Liganden</a> (hier des Duftmoleküls) an den Rezeptor wird ein <a title="G-Protein" href="http://de.wikipedia.org/wiki/G-Protein">G-Protein</a> aktiviert. Dies leitet eine Kaskade ein, bei der <a title="Cyclisches Adenosinmonophosphat" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Cyclisches_Adenosinmonophosphat">cAMP</a> dafür sorgt, dass die Zelle <a title="Depolarisation (Physiologie)" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Depolarisation_%28Physiologie%29">depolarisiert</a>. Die Axone der Rezeptorzellen (<em>Fila olfactoria</em>), die durch die Löcher des Siebbeins ins Schädelinnere gelangen, leiten die <a title="Aktionspotential" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Aktionspotential">Aktionspotentiale</a> weiter an den <a title="Bulbus olfactorius" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bulbus_olfactorius">Bulbus olfactorius</a> (<em>Riechkolben</em>), eine Ausstülpung des Gehirns. Hier konvergieren mehr als 1.000 Axone auf ein einziges nachfolgendes <a title="Neuron" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Neuron">Neuron</a>, was für eine enorme Datenreduktion sorgt. Das <a title="Aktionspotential" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Aktionspotential">Aktionspotential</a> wird über den Bulbus olfactorius direkt ins <a title="Telencephalon" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Telencephalon">Telencephalon</a> geleitet.</p>
<dl>
<dt>Gedächtniseinspeicherung (Ort, Situation)</dt>
<dd>Von der Riechschleimhaut zum Bulbus olfactorius über die <a title="Stria lateralis (Seite nicht vorhanden)" href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Stria_lateralis&amp;action=edit&amp;redlink=1">Stria lateralis</a> zur <a title="Area praepiriformis (Seite nicht vorhanden)" href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Area_praepiriformis&amp;action=edit&amp;redlink=1">Area praepiriformis</a> (primäre Riechrinde) zum <a title="Hippocampus" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hippocampus">Hippocampus</a> (dort Einspeicherung von Gedächtnisinhalten).</dd>
</dl>
<dl>
<dt>Emotion/Motivation</dt>
<dd>Von der Riechschleimhaut zum Bulbus olfactorius einerseits über die Stria lateralis zur <a title="Amygdala" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Amygdala">Amygdala</a> (<a title="Limbisches System" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Limbisches_System">Limbisches System</a>) zum <a title="Hypothalamus" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hypothalamus">Hypothalamus</a>, dort weiter zum basalen Vorderhirn und zum orbitofrontalen <a title="Großhirnrinde" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fhirnrinde">Cortex</a>. Außerdem existieren Verbindungen über den Tractus olfactorius und die <a title="Stria medialis (Seite nicht vorhanden)" href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Stria_medialis&amp;action=edit&amp;redlink=1">Stria medialis</a> zum Tuberculum olfactorium und weiter zum Septum.</dd>
</dl>
<dl>
<dt>Geruchsidentifikation (indirekter Weg)</dt>
<dd>Von der Riechschleimhaut zum Bulbus olfactorius über die Stria lateralis zur <a title="Area praepiriformis (Seite nicht vorhanden)" href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Area_praepiriformis&amp;action=edit&amp;redlink=1">Area praepiriformis</a> (primäre Riechrinde) und Weiterverschaltung zum <a title="Thalamus" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thalamus">Thalamus</a> und orbitofrontalen Cortex.</dd>
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<dd>Die Rezeptionszone des olfaktorischen Systems befindet sich in der inneren <a title="Nase" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nase">Nase</a>. In jeder Nasenhöhle befinden sich drei von den Nasenaußenwänden nach innen ragende, wulstartige Gebilde, die Nasenmuscheln (<em>Conchae nasales</em>), die den Luftstrom lenken. Das olfaktorische Gebiet ist auf die <a title="Riechschleimhaut" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Riechschleimhaut">Riechschleimhaut</a> (<em>Regio olfactoria</em>) oberhalb der oberen Nasenmuschel beschränkt. Dieses Gebiet wird auch als <strong>Geruchsorgan</strong> (<em>Organum olfactus</em>) bezeichnet. Dieser Bereich, der sich durch eine gelbe bis braune Farbe auszeichnet und beim Menschen nur etwa 2 x 5 cm² groß ist (beim Hund 2 x 25 cm²), enthält die auf die Wahrnehmung von Duftmolekülen spezialisierten Sinneszellen. Die Rezeptoren der einzelnen <a title="Sinneszelle" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sinneszelle">Sinneszellen</a> sprechen jeweils auf einen <a title="Duftstoff" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Duftstoff">Duftstoff</a> an, es gibt gut 400 unterschiedliche Rezeptoren beim Menschen<sup><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Olfaktorische_Wahrnehmung#cite_note-1">[1]</a></sup> (bei Hunden oder Ratten sind es über 1000 verschiedene).</dd>
<dd></dd>
<dd>Von Hunden und ihren Riechproblemen bzw. -abenteuern ist hier nur ganz kurz die Rede. Lassen wir es deswegen hier genug sein.</dd>
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<dd><strong>Auf einer Hundenahrungs-Seite ist alles obige kurz und bündig ausgeführt:</strong></dd>
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<dd>&#8220;Die Sprache der Gerüche ist für den Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Die Duftmarken, die der Hund mit Kot oder Urin setzt, sind für seine Artgenossen deutliche Signale. Dass Hunde und Wölfe auf diese Weise ihr Revier markieren, ist bekannt, und ebenso, dass Rüden daran erkennen können, welche Hündin demnächst läufig wird. Wahrscheinlich werden damit aber noch weit differenziertere Informationen ausgetauscht. Das lässt sich schon daraus schließen, wie eingehend fast jeder Vierbeiner täglich die Botschaften der &#8220;Hundezeitung“ an Hausecken und Bäumen studiert. Und es sind längst nicht nur Signale von Artgenossen, die mit der Nase entschlüsselt werden, sondern ebenso Spuren möglicher Beutetiere und menschlicher Fährten. Was die Vierbeiner diesbezüglich leisten können, zeigen sie als Jagd-, Fährten- oder Suchhunde. Man kann sie auf den Geruch von Drogen, Waffen, Sprengstoff, Tabak usw. spezialisieren.</dd>
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<dd><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund.jpeg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-full wp-image-7804" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund.jpeg" alt="" width="374" height="229" /></a></dd>
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<dd><em>Herrenloser Hund versus Kettenhunde:  Der Straßenhund  Louk   stellt sich in Athen den Demonstranten zur Verfügung. rp-online: berichtete: &#8220;Dieser Hund lebt gefährlich: Wo immer Gesetzeshüter und Demonstranten in Griechenland aufeinander prallen, ist Louk mittendrin. Furchtlos bellt er seit Jahren auf jeder Demo gegen die Sicherheitskräfte an &#8211; und ist damit im Internet zum Star geworden.&#8221; Foto: rp-online</em></dd>
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<dd><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund34.jpg" rel="lightbox[7791]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7805" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/04/hund34-424x317.jpg" alt="" width="378" height="282" /></a></dd>
<dd></dd>
<dd><em>Ein Hund und sein Trainer mit Zeigzeug. Photo: Halterner Zeitung</em></dd>
<dd>.</dd>
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</dl>
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 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=7791&amp;md5=78b607e3da07e00755019b6b51723cb4" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Abhängen/Losgehen/Aufbrechen/Warten</title>
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		<pubDate>Sun, 24 Mar 2013 17:06:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die riesigen Reklametafeln, die unsere Städte lügnerisch verschandeln, entbergen manchmal in ihrer Zusammenstellung und quasi gegen ihren Willen so etwas wie eine Wahrheit.</strong></p>
<p><strong>Beispiel 1 &#8211; im U-Bahnhof &#8220;Kochstraße&#8221; von rechts nach links gelesen:</strong></p>
<p><strong>&#8220;STASI&#8221; (das Wort wirbt für eine Ausstellung über das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit) und &#8220;We have ways of making you talk!&#8221; (Werbung für eine Sprachschule)</strong></p>
<p><strong>Beispiel 2 &#8211; im U-Bahnhof &#8220;Stadtmitte&#8221; von links nach rechts gelesen:</strong></p>
<p><strong>&#8220;Topographie des Terros&#8221; verbunden mit einem Luftbild Berlin von oben (Werbung für eine Ausstellung) und &#8220;Unsere Litfaßsäulen sind überall, wo was los ist&#8221; (wo Terror ist?!), und daneben &#8220;Wartezeit ist Werbezeit&#8221; (Man soll in Buswartehäuschen für seinen Scheiß werben!)</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Bush%C3%A4uschen5.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7779" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Bush%C3%A4uschen5-424x280.jpg" alt="" width="355" height="249" /></a></p>
<p><em>Bus/Tramwartehäuschen im Prenzlauer Berg</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bus3.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7780" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bus3-424x284.jpg" alt="" width="352" height="235" /></a></p>
<p><em>Buswartehäuschen in Neukölln</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bus8.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7781" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bus8-424x280.jpg" alt="" width="353" height="234" /></a></p>
<p><em>Tramwartehäuschen am U-Bahnhof Vinetastraße</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Buswarteh%C3%A4uschen2.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7782" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Buswarteh%C3%A4uschen2-424x281.jpg" alt="" width="351" height="232" /></a></p>
<p><em>Buswartehäuschen in Schöneberg</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bushaeuschen4.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7730" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bushaeuschen4-424x280.jpg" alt="" width="351" height="231" /></a></p>
<p><em>Buswartehäuschen in Reinickendorf</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/buswartehaeuschen-pankow.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7731" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/buswartehaeuschen-pankow-424x280.jpg" alt="" width="353" height="233" /></a></p>
<p><em>Buswartehäuschen in Pankow</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bus9.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7783" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bus9-424x280.jpg" alt="" width="357" height="236" /></a></p>
<p><em>Tramwartehäuschen in Plötzensee</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/buswartehaeuschen-wedding.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7732" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/buswartehaeuschen-wedding-424x280.jpg" alt="" width="359" height="236" /></a></p>
<p><em>Buswartehäuschen im Wedding</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Zum momentanen Stand der Glücksforschung</strong></p>
<p>Na, wo ist es denn?&#8221; So könnte die zentrale Frage lauten, die die Glücksforscher umtreibt. Nicht genug, dass die &#8220;Jagd nach dem Glück&#8221; in der amerikanischen Verfassung verankert ist, es gibt in der &#8220;amerikanischen Welt, in der wir inzwischen alle leben (und immer mehr darin unglücklich werden), sogar einen internationalen &#8220;Glücksindex&#8221; &#8211; also so etwas wie ein Staaten-Ranking.</p>
<p>An erster Stelle stehen dort Bhutan und Brunei, &#8220;aufgeklärte Diktaturen&#8221;, wie der Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Kurt Kotrschal weiß, &#8220;Bhutans Herrscher erhob sogar das Glück des Volkes noch vor Wohlstand zum Staatsziel. Ähnlich schrullig für unsere Begriffe das Sultanat Brunei. Etwa 350.000 Bruneier leben offenbar glücklich in der Nordecke Borneos. Sie haben nichts zu sagen, weil ihr Herrscher, Sultan Hassanal Bolkiah alles bestimmt. Der herrscht mittels Wohlstand und gemäßigtem Islam. Die Menschen werden im Schnitt 77 Jahre alt und gehen mit 55 in beitragsfreie Pension. Gratis sind auch das gute Gesundheits- und Schulsystem. Die Leute sind gut gebildet, 95 Prozent können lesen und schreiben. Private zahlen keine Steuern. Autos sind unschlagbar billig, der Sprit kostet 20 Eurocent, und die vielen Staatsdiener bekommen für alles und jedes einen zinsenfreien Kredit. Alles von Herrschers Gnaden, er verteilt die reichen Erdöl- und Gaseinnahmen quasi nach Gutdünken.&#8221;</p>
<p>Zwei englische Glücksforscher fragten sich vor einiger Zeit anhand einer US-Langzeitstudie, ob sich das Glücklichsein auch auszahle &#8211; quasi rechnet. Ja, das tut es: &#8220;Wer sich im Teenageralter als glücklich begriff, verdiente 10 Jahre später deutlich mehr als einst unzufrieden gewesene Teenager.&#8221; Inzwischen hat die Glücksforschung derart Konjunktur, dass immer kühnere Thesen dazu auf den Markt kommen. Die Wissensredaktion der &#8220;Zeit&#8221; ließ z.B. wissen: &#8220;Die menschliche Psyche reagiert empfindlich auf Geld. Es macht nicht glücklich genug &#8211; und fördert den Egoismus.&#8221; Das war aber noch längst nicht kühn genug gedacht, denn jüngst veröffentlichte eine Gruppe schottischer Primatologen erste Ergebnisse ihrer ebenfalls auf Langzeit angelegten Glücksforschung &#8211; unter gefangen gehaltenen Menschenaffen (dazu studierten sie 336 Schimpansen und 172 Borneo-Orang-Utans in Zoos und Forschungseinrichtungen). Heraus kam dabei &#8211; für die Primatologen nicht überraschend, dass es keinen Unterschied im Glücksempfinden über den Lebenslauf von Menschen und Affen gibt: Man &#8220;startet frohgemut ins Leben&#8221;, wird zur Lebensmitte hin &#8220;immer mißmutiger&#8221;, aber im Alter &#8220;wieder besser gelaunt&#8221; &#8211; so faßte die Süddeutsche Zeitung das Ergebnis zusammen, der dies jedoch &#8220;ein Rätsel&#8221; blieb, denn: &#8220;Menschenaffen mittleren Alters müssen keine Kreditraten für Doppelhaushälften in der Vorstadt abzahlen, die Kinder rechtzeitig zur Schule bringen, mit dem Ehepartner streiten, das Smartphone bedienen und sich um das tägliche Brot kümmern, zumindest im Zoo nicht.&#8221;</p>
<p>Dass es gerade dieses Häftlingsleben ist, das die Menschenaffen in eine &#8220;Midlife-Crisis&#8221; (Der Spiegel) stürzt, kommt für den FAZ- ebenso wie für den SZ-Wissensredakteur als Antwort nicht in Frage. Stattdessen führt dieser zwei weitere Glücksforschungsergebnisse an: 1. Eine Studie des schottischen Psychologen Alexander Weiss, in der dieser bewies, &#8220;dass glückliche Orang-Utans &#8211; ähnlich wie Menschen länger leben&#8221;. Und 2. eine anonyme Glücksforschung (unter Afrikanern?): &#8220;Selbst in Entwicklungsländern findet sich die umgedrehte U-Kurve der Lebenszufriedenheit.&#8221; Diese arten-, ethnien- und klassenübergreifende Kurve, da sind sich denn auch die schottischen Primatologen einig, kann nicht mit den &#8220;klassischen sozioökonomischen Kräften&#8221; erklärt werden &#8211; sondern nur mit &#8220;biologischen Gründen&#8221;. Fast hätten sie dafür erneut die BILD-Schlagzeile &#8220;Endlich! Glücks-Gen entdeckt&#8221; verdient. Diese wohlfeile &#8220;Forschung&#8221; &#8211; seit 2000 wird jedes ökonomische, soziologische und psychologische Phänomen auf dumpfdarwinistischste Weise zu einem biologischen Problem erklärt &#8211; läuft stets darauf hinaus, dass man das betreffende Gen isoliert und/oder ein Medikament gegen das jeweilige (Unglücks-)Phänomen auf den Markt wirft.</p>
<p>In Berlin fand kürzlich im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung der dritte Kongreß über Vererbung statt, auf dem es erneut um Epigenetik ging &#8211; d.h. um &#8220;nichtgenetische Übertragungsprozesse&#8221;. Das ist schon mal löblich, aber auch in der Epigenetik ist noch viel zu viel Genetik. Es gilt doch, endlich der zeitlosen Wahrheitstheorie der herrschenden naturwissenschaftlichen Erkenntnislehren den Boden zu entziehen! Für Literatur- und Kulturwissenschaftler müßte das eigentlich selbstverständlich sein. Um es aber mit den Worten einer Physikerin zu sagen: &#8220;Der Satz der Identität in der Logik &#8211; A gleich A: Da raus zu kommen, das ist doch die wirkliche Aufgabe.&#8221; &#8211; Das eigentliche Glück also! Für die Menschenaffen freilich kein Kunststück, aber was nützt ihnen das, wenn sie dafür lebenslänglich inhaftiert werden?!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/buswartehaeuschen7.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7733" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/buswartehaeuschen7-424x280.jpg" alt="" width="370" height="244" /></a></p>
<p><em>Zier-Buswartehäuschen in Erkner</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Warten-in-Frankfurt.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7734" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Warten-in-Frankfurt-424x266.jpg" alt="" width="375" height="235" /></a></p>
<p><em>Werbeträger in Neuköllner Buswartehäuschen</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bushaeuschen5.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7735" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bushaeuschen5-424x281.jpg" alt="" width="377" height="259" /></a></p>
<p><em>Buswartehäuschen in der Schoenhauser Allee mit illegaler Werbung</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/buswartehaeuschen6.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7736" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/buswartehaeuschen6-424x281.jpg" alt="" width="378" height="250" /></a></p>
<p><em>Buswartehäuschen mit &#8220;Illegalem&#8221;  </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bus11.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7787" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bus11-424x281.jpg" alt="" width="376" height="249" /></a></p>
<p><em>Buswartehäuschen ohne  Jemand  (alle Bus/Tramwartehäuschen-Photos: Katrin Eissing)</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Warten</strong></p>
<p><em>„<span style="font-size: small">Selbst die freiwilligen Handlungen werden einem inzwischen aufgezwungen.“ (St. J. Lec)</span></em></p>
<p>Als ich dieser Tage Morgens um 7 mit dem 29er-Bus zur taz fuhr, bemerkte ich, dass das Buswartehäuschen und der Platz drumherum in der Wiener Straße am Görlitzer Bahnhof täglich und ebenso zeitig von einem älteren Arbeitslosen, der um die Ecke wohnt, sauber gemacht wird. Einfach so. Als ich dann auch noch in der Zeitung ein Photo von einer vielköpfigen Familie aus Kurdistan sah, die in Istanbul in einem Buswartehäuschen wohnt, mit einem Teppich davor.. Und dann noch ein weiteres Photo aus der Uckermark, auf dem man ein Buswartehäuschen an einer Landstraße sieht, an dem jedoch nie ein Bus hält, es soll bloß über die Oder gekommene illegale Einwanderer täuschen: Wenn sie dort warten, werden sie früher oder später von einer Grenzschutz-Patrouille aufgegriffen&#8230;Da war plötzlich mein Blick für Buswartehäuschen gewissermaßen reif.</p>
<p>An der Landstraße zum Gut Neuendorf bei Buchholz entdeckte ich auf einem Ausflug ein frisch geweisstes Buswartehäuschen. Statt einer Sitzbank befand sich innen ein Tisch mit einer roten Samtdecke, auf der Orangen aus Israel lagen, die man während des Wartens essen konnte/sollte. Für Nachschub sorgte ein Künstler: Claudius Wachtmeister. Seine Arbeit war Teil einer Erinnerungs-Ausstellung der Gruppe &#8220;LandKunstLeben&#8221; auf dem Gut Neuendorf, das einmal bis zur Enteignung durch die Nazis in jüdischem Besitz war und zuletzt als &#8220;Hachscharah&#8221; diente: als Ausbildungsstätte für Juden, die nach Palästina auswandern und dort in einem Kibbuz arbeiten wollten.</p>
<p>In Berlin gestaltete der Hamburger Künstler Thorsten Brinkmann im Auftrag der Stadtreinigungsbetriebe einen &#8220;Bus Stop&#8221; aus Sperrmüll, den er neben dem Dom aufstellte. In einem Zeit-Magazin fand ich eine große Bild-Reportage über die Landjugend in Schleswig-Holstein, die ihre Freizeit zumeist in den Buswartehäuschen ihrer Dörfer verbringt. Auf dem Heavy-Metalfestival in Wacken spielte die witzigste Combo im örtlichen Buswartehäuschen. Der Bundesverband der Jungbauern warb auf der Grünen Woche für sich mit einem Buswartehäuschen. Die österreichischen und bayrischen Jungbauern gaben daneben (und nun alljährlich)  Kalender mit Photos von halbnackten Jungbäuerinnen heraus,  eine ließ sich im Buswartehäuschen ihres Dorfes ablichten. Die Attraktivsten präsentierte der &#8220;Playboy&#8221; in &#8220;sexy Dessous&#8221;. Die Vorsitzende des Bundes der Deutschen Landjugend, Magdalena Zelder, gab auf dem letzten Deutschen Bauerntag die Losung aus: &#8220;Landwirt zu werden muß in Zukunft cooler sein, als BWL zu studieren&#8221;.</p>
<p>Bei Altenbruch baute eine Jugendgruppe in Eigeninitiative ein Buswartehäuschen aus Holz: &#8220;schade, dass sie es nicht aufstellen durfte,&#8221; meldete der NDR. Am Ortsausgang von Thallichtenberg in Richtung Pfeffelbach wurde ein Buswartehäuschen aufgestellt, das die &#8220;Oie AG&#8221; dem Bürgermeister &#8220;sponsorte&#8221;. In einem Berliner Seniorenheim stieß ich in dessen Garten auf ein Buswartehäuschen. Es wurde für seine dementen Insassen aufgestellt, für die es eines der wenigen Erinnerungen darstellt, die sie noch haben, weswegen sie &#8211; die einst eventuell ihre Jugend in einem solchen Buswartehäuschen auf dem Land verbracht hatten &#8211; sich gerne in diesem Buswartehäuschen des Pflegeheims aufhalten. Ebenfalls in Berlin &#8211; am Kreuzberger Mehringplatz hat man neben den Parkbänken, auf denen sich die Penner treffen, noch zusätzlich ein Buswartehäuschen für sie aufgestellt, damit sie bei Regen nicht naß werden. Den Pennern am Oranienplatz stellte man stattdessen ein futuristisches Pissoir neben ihre Parkbänke, damit sie ihren Restalkohol nicht in die Büsche pissen. Dafür wurde das Altberliner Pissoir am Heinrichplatz vom Bezirksamt entfernt und &#8211; generalüberholt &#8211; auf dem Rüdesheimerplatz in Wilmersdorf wieder aufgestellt, wo man anscheinend pfleglicher damit umgeht als im &#8220;Problembezirk&#8221; wo es  jedoch ebenfalls darum geht, das die dort am Platz sich in einem gediegenen Weingarten betrinkenden Nichtpenner  ihren Restalkohol nicht in die Büsche der Gartenanlage oder gar in den Brunnen davor abschlagen.</p>
<p>In einer Kneipe am Schlesischen Tor kam ich mit einer Kellnerin ins Gespräch, die eine zeitlang von der BVG ausrangierte Buswartehäuschen per Schiff nach Gambia exportiert hatte, wo sie jedoch nicht zum Warten, sondern als Regen- und Staub- Schutz für große Trommeln, die man auch Buschtelefon nennt, benutzt werden. Man spricht deswegen dort auch von Buschtelefonhäuschen. Sie werden dort gepflegt, u.a. immer mal wieder gestrichen, und zudem bewacht.</p>
<p>In der Rhön &#8211; im bayrischen und im thüringischen Teil &#8211; haben einige Kulturwissenschaftler aus Würzburg ihre dorfsoziologische Studie mit einem Vergleich der Inschriften in den Buswartehäuschen &#8211; des Ostens (&#8220;Sven liebt Chantal&#8221;) und des Westens (&#8220;Stardust &#8211; Lena&#8221;) &#8211; begonnen.</p>
<p>Auf der Fahrt nach Strausberg kam ich an einem umgekippten Buswartehäuschen vorbei, auf das jemand ein großes Anarcho-A gesprüht hatte, und hinter Oranienburg entdeckte ich ein halbkaputtes Wartehäuschen, auf dessen Innenwand &#8220;Nazis raus!&#8221; stand.</p>
<p>Die Freie Presse Sachsen meldete, in Kühberg habe ein Betrunkener mit seinem Auto ein hölzernes Buswartehäuschen im Wert von 9000 Euro völlig zerstört. Auf der Berlinale kuckte ich mir einen weißrussischen Dokumentarfilman, der ausschließlich in und vor einem großen Buswartehäuschen an einer Landstraße im Winter spielte. Alle Zuschauer waren begeistert.</p>
<p>Der interkulturelle Kinder-, Jugend- und Familienstützpunkt &#8220;<em>BUS</em>-<em>STOP</em>&#8221; e.V. gibt bekannt, dass er seinen Bus zusammen mit den Kindern und Jugendlichen aus der Thermometersiedlung zu seinem Stützpunkt umbaute. „Die Polizei stellte daraufhin eine spezielle &#8220;Bus-Haltestelle&#8221; in der Thermometersiedlung/Fußgängerzone bereit. So entstand der Kinder- und Jugendstützpunkt &#8216;BUS-STOP&#8217;. Diese Bushaltestelle gab dem Projekt den Namen, der bis heute aus Tradition beibehalten wurde. Mit speziellen Projekten und täglichen Angeboten reagieren wir mit Kooperationspartnern aus dem Kiez mobil und flexibel auf die ständigen Herausforderungen, die sich aus den permanent entwickelnden Notwendigkeiten ergeben.“</p>
<p>Nicht wenige deutsche Regionalkrimi-Autoren plazieren ihre Leiche(n) inzwischen in Buswartehäuschen. Ich vermute, weil immer öfter in der australischen und amerikanischen Presse von &#8220;Bus Stop Mördern&#8221; die Rede ist. Daneben aber ebenso oft auch von &#8220;Bus Stop Geburten&#8221;. In den angloamerikanischen Buswartehäuschen wird glaube ich viel mehr gelebt, aber auch viel mehr gestorben als in den hiesigen. Das Warten in diesen Häuschen scheint dort fast eine Art Nullsummenspiel zu sein. Vielleicht geht das in diesen von Massenmedien zusammengehaltenen Gesellschaften auf den erfolgreichen Marilyn-Monroe-Film &#8220;Bus Stop&#8221; zurück? Das führte erst zu &#8220;Sexy Bus Stop Girls&#8221; und dann zu &#8220;Bus Stop Pornos&#8221;, was dort inzwischen ein eigenes Genre ist.</p>
<p>Auf dem Weg ins süddeutsche Biberach wird die Buswartehäuschen-Architektur immer abwechlungsreicher: Es gibt gemauerte, gekachelte, gefachwerkte, reitgedeckte und aus einem Guß gepresste. Allerdings sind die Buswartehäuschen  in und um Biberach keine Aufenthaltsorte für Jugendliche und andere Müßiggänger.</p>
<p>Um die Schulkinder zu schocken, hat ein Unbekannter im Buswartehäuschen an der Staatsstrasse 2110 bei Nailing Pornobilder ausgelegt, die Polizei ermittelt. In Biberach fand eine Ausstellung über die &#8220;Buden-Kultur&#8221; des Landkreises statt. In diesem stehen fast 200 Buden &#8211; das sind nicht selten ziemlich luxuriöse Unterkünfte abseits des Dorfes, die sich die Jugend eingerichtet hat. Sie ersetzen ihnen dort die trostlosen Buswartehäuschen. Ein ostdeutscher Künstler hat eins dieser Biberacher Buden nach Küsserow in Mecklenburg transportiert, wo er sie der dortigen Buswartehäuschen-Clique zur Nutzung überließ. Die mobile Bude wurde von ihnen gut angenommen. Ihre Graffiti bringen sie jedoch nach wie vor in dem Buswartehäuschen ihres Ortes an, sie wollen damit nicht &#8220;ihre&#8221; Bude beschmutzen &#8211; denke ich.</p>
<p>Auch einer der größten Buswartehäuschen-Hersteller kommt aus dem Schwäbischen: die Firma Liefcom. Sie bietet ihre &#8220;Fahrgastunterstände&#8221; &#8211; mit Namen wie Pegasus, Zwilling, Matrix, Pluto, Venus, Mars, Saturn &#8211; in der ganzen Welt an, wobei die Benamung immer &#8220;spaciger&#8221; wird. Die BVG verspricht dagegen den Berlinern zukünftig &#8220;mehr intelligente Wartehäuschen&#8221; &#8211; mit &#8220;Internet-Terminal und Solarpanels bestückt&#8221;. Die BVG-Buswartehäuschen selbst liefert der Unternehmer Hans Wall &#8211; kostenlos, er darf sie dafür mit Leuchtwerbung bestücken.</p>
<p>Ein Hannoveraner Werbebüro wirbt mit dem Spruch &#8220;Sex sells Buswartehäuschen&#8221;, Ikea wirbt mit einem zum &#8220;Living Room&#8221; ausgestalteten Buswartehäuschen und im Forum &#8220;Sex an ungewöhnlichen Orten&#8221; erwähnt ein &#8220;Jippi (40)&#8221;: &#8221; Buswartehäuschen im Winter&#8221;. Währenddessen mehren sich die Attentate (mit Flusssäure) auf die Berliner Buswartehäuschen, zuletzt wurden bei zweien am Schlesischen Tor die Scheiben verätzt. Sie mußten ausgewechselt werden, auch die Wall-Werbung wird oft zerstört.</p>
<p>Ein Neuköllner Quartiersmanagement bewog dieser Vandalismus bereits, eine Ausstellung in den dortigen Buswartehäuschen zu veranstalten &#8211; um sie besser ins Quartiersgeschehen zu integrieren. Es gibt schon die ersten Coffee-Table-Books über Buswartehäuschen &#8211; mit Titeln wie &#8220;Architekturen des Wartens&#8221; und die Veröffentlichung eines &#8220;Internationalen Design-Projekts&#8221;, das neue Buswartehäuschen (für Hannover) zum Thema hatte. Auch die Firma Faller hat diese Häuschen mittlerweile im Angebot. Im Internet findet man unter dem Stichwort &#8220;Buswartehäuschen&#8221; 20.000 Photos von ihnen, unter der englischen Bezeichnung &#8220;Bus Stop&#8221; sogar 39 Millionen. Am futuristischsten sehen die armenischen aus, sie bestehen u.a. aus einer Betonhalbschale (auch über sie gibt es eine Publikation). Die komfortabelsten stehen in Dubai. Dort stellte man 1000 mit einer Klimaanlage ausgestattete Buswartehäuschen auf. Sehr bequem sieht auch ein natursteingemauertes Buswartehäuschen in Cornwall aus, in dem zwei Schaukelstühle stehen und Stilleben an der Wand hängen. Einige sowjetische Buswartehäuschen sind Moscheen mit Minaretten nachempfunden und sehr bunt.</p>
<p>Während ich noch nach einer Ordnung bzw. Vernunft in diesem plötzlichen Auftauchen des &#8220;Straßenmöbels Buswartehäuschen&#8221; suchte, traf ich einen Ostberliner Ethnologen, er meinte: Nicht die Buswartehäuschen seien mir ins Auge gesprungen, sondern ihre ungebührliche Funktionsausweitung: Zusammen mit den Containern, denen Ähnliches passiere, symbolisieren sie die uns aufgezwungene neue Mobilität, die jedoch nirgendwo hinführt. Es gibt kein unterbesiedeltes Land mehr auf der Welt, wohin man die &#8220;Überflüssigen&#8221; per Bus oder sonstwie schicken könnte. Alles wartet.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/james-alfred-meese-bad-girls.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-full wp-image-7737" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/james-alfred-meese-bad-girls.jpg" alt="" width="260" height="361" /></a></p>
<p><em>Treffpunkt Poller (Originaltitel: &#8220;Bad Girls&#8221;)</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpunkt-poller.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7738" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpunkt-poller-424x296.jpg" alt="" width="265" height="184" /></a></p>
<p><em>Treffpunkt Poller an der B 52 (Originaltitel: &#8220;An dieser Elf-Tankstelle legt Karl-Heinz jedesmal eine Pinkelpause ein&#8221;)</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpunkt-poller3.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-full wp-image-7739" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpunkt-poller3.jpg" alt="" width="267" height="338" /></a></p>
<p><em>Treffpunkt Poller (Originaltitel: &#8220;Frauen arbeiten für Seeleute&#8221;)</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpunktpoller4.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-full wp-image-7740" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpunktpoller4.jpg" alt="" width="270" height="411" /></a></p>
<p><em>Katzentreff Poller  (Originaltitel: &#8220;Auf dem Weg zu den Uffizien erklärte mir Umberto Eco den Unterschied in der Interpretation von Dantes &#8220;Göttlicher Komödie&#8221; [sowie Botticellis Illustrationen] zwischen Hegel und Mandelstam&#8221;)</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpunktpoller5.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-full wp-image-7741" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpunktpoller5.jpg" alt="" width="267" height="401" /></a></p>
<p><em>Treffpunkt Poller (Originaltitel: &#8220;Ha Ho He &#8211; Union is OK!&#8221;)</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpoller6.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-full wp-image-7742" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treffpoller6.jpg" alt="" width="271" height="202" /></a></p>
<p><em>Treffpunkt Poller (Originaltitel: &#8220;Wenn icks hier machen tu, dann everywhere!&#8221;)</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treff-Ava-Gardner-poller7.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-full wp-image-7743" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/treff-Ava-Gardner-poller7.jpg" alt="" width="275" height="346" /></a></p>
<p><em>Treffpunkt Poller  Palm Beach (Originaltitel: &#8220;Ava Gardner bedankt sich hiermit für Ihre überaus freundliche Fanpost&#8221;)</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/poller-getroffen8.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7744" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/poller-getroffen8-424x317.jpg" alt="" width="299" height="224" /></a><br />
<em>Poller getroffen!  (Originaltitel: &#8220;Menschliches Versagen auf See &#8211; Beispiel 11&#8243;)</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pollerallee-treff-zagreb8.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-full wp-image-7745" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pollerallee-treff-zagreb8.jpg" alt="" width="301" height="202" /></a></p>
<p><em>Treffpunkt Pollerallee  (Originaltitel: &#8220;Da hinten sieht man schon den Ballettmeister der Zagreber Oper kommen&#8221;). Alle Poller-Photos: Peter Loyd Grosse</em></p>
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<p><strong>Existentialethnologinnen</strong></p>
<p><em>&#8220;Der Ethnologe ist oft unerwünscht&#8221; (Philippe Descola, &#8220;Leben und Sterben in Amazonien. Bei den Jivaro-Indianern&#8221;)</em></p>
<p>Es gibt sone, die aus der Wildnis kommen -und solche, die es in die selbige zieht. Letztere, das waren einst Soldaten, Abenteurer und Entdecker, dann Missionare und Anthropologen, alle mit mindestens einer Versorgungseinheit, einheimischen Trägern, Photographen und Dolmetschern unterwegs. Heute reicht manchmal schon eine Kreditkarte und GPS. An einige Frauen sei hier erinnert, die nach einer solchen Erfahrung des Fremden  Bücher darüber veröffentlichten. Die Verlage gaben ihnen Titel wie &#8220;Dschungelmädchen&#8221;, &#8220;Das Mädchen vom Amazonas&#8221; oder ähnliche.</p>
<p>Nicht selten handelt es sich dabei um  Erinnerungen einer Tochter von Missionaren oder Ethnologen, die in einem abgelegenen Dorf der &#8220;Dritten Welt&#8221;  aufwuchs &#8211; und nun mit den Lebensverhältnissen im Westen hadert, weil sich ihr laufend Kulturvergleiche aufdrängen.  Während man allgemein von einer &#8220;Grünen Hölle&#8221; spricht, empfand sie den Ort eher als ein &#8220;Paradies&#8221; (so nennt Beirute Galdikas nebenbeibemerkt auch den halbwegs geschützten  Urwald &#8220;ihrer&#8221; Orang-Utans auf Borneo).</p>
<p>Daneben gibt es umgekehrt mindestens ebenso viele Biographien von erwachsenen Frauen, die von hier nach dort &#8211; zu einem &#8220;Naturvolk&#8221; &#8211; zogen, wo sie dann aufs Existentiellste mit dessen Lebensverhältnissen konfrontiert waren (was man in gewiseser Weise auch von den drei Feldforscherinnen Goodall, Fossey und Galdikas sagen kann).</p>
<p>Eine Krankenschwester aus Espelkamp, Christine Lauterbach z.B.. Sie ging als Missionarin nach Tansania, um dort den Massai &#8220;medizinisch und geistlich zur Seite zu stehen und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten&#8221;. Dabei wandelt sie &#8220;zwischen den Kulturen hin und her&#8221;, wie die &#8220;Neue Westfälische&#8221; Zeitung schreibt.</p>
<p>Das gilt auch für Nicole Mtawa, eine Bekleidungstechnikerin aus Schwäbisch Gmünd, die 2005 nach Tansania ging, um dort Straßenkindern zu helfen. Dabei lernte sie ihren ebenfalls obdachlosen Ehemann Juma kennen und gründete mit ihm zusammen eine Hilfsorganisation. Über ihr Buch &#8220;Sternendiebe&#8221; urteilt die remszeitung.de: &#8220;Zarte Liebesgeschichte und ganz viel nüchterne Realität.&#8221; In Nicole Mtawas zweitem Buch &#8220;Sonnenkinder&#8221; geht es nicht mehr um Straßenkinder in Tansania, sondern um &#8220;Mein Leben für die Armen in Indien&#8221;.</p>
<p>Christine Lauterbach, die in Tansania ein Krankenhaus für Massai einrichtete, betitelte ihren Bericht ebenfalls sehr selbstbewußt: &#8220;Nashipai &#8211; Die die Freude bringt.&#8221;</p>
<p>Freude brachte wohl auch Corinne Hofmann zu den Massai: Die junge Geschäftsfrau verliebte sich im Urlaub in einen Massai-Krieger, zog zu ihm und seiner Mutter in einen Kral, bekam ein Kind, eröffnete mit ihrem Mann im Dorf einen Laden für Waren des täglichen Bedarfs und einen &#8220;Massai-Shop&#8221; für Touristen in Mombasa &#8211; und flüchtete dann vermögenslos aber mit Kind wieder zurück nach Zürich, weil sie die Eifersucht ihres Mannes nicht länger ertrug. Ihr erstes Buch: &#8220;Die weiße Massai&#8221; erwies sich als ein Weltbestseller und wurde verfilmt. Als die Autorin Jahre später ihren Ehemann im Busch noch einmal besuchte, traf sie dort auf die Schauspielerin Nina Hoss, die in dem Massaidorf für den Film gerade &#8220;Die weisse Massai&#8221; sie &#8211; &#8220;Corinne Hofmann&#8221; spielte. Diese Begegnung schilderte die Autorin dann in ihrem darauffolgenden Buch: &#8220;Wiedersehen in Barsaloi&#8221;.</p>
<p>Man lernt aus dieser Kulturstudie einer Verliebten viel über die &#8220;Ökonomie des [ethnologischen] Wissens&#8221;, die von den professionellen Forschern meist verschwiegen wird, höchstens dass sie noch die Anzahl der eisernen Töpfe, Äxte, Macheten in ihren &#8220;Expeditionsberichten&#8221; erwähnen, die sie ihren Informanten im Tausch gegen Geschichten gaben. Die Schweizer Geschäftsfrau vergaß dagegen bei aller Romantik nicht, die ganze Zeit zu  Rechnen, schon allein, weil ihr Massai-Krieger das überhaupt nicht konnte.</p>
<p>Wenn die in einem &#8220;Dschungeldorf&#8221; aufgewachsenen Töchter weißer Intellektueller als Erwachsene mit Kindern wieder im Westen angekommen sind, engagieren sie sich nicht selten für &#8220;ihr&#8221; armes Volk bzw. für indigene Völker überhaupt. Auf diese Weise bleiben sie mindestens geistig in &#8220;Kontakt&#8221; mit ihrem Heimatdorf. Das gilt auch für all jene Frauen, die sich erst als Erwachsene in ein &#8220;Entwicklungsland&#8221; begaben. Die Autorin Christina Hachfeld-Sapukai zog es ebenfalls zu den Massai &#8211; einer &#8220;unmöglichen Liebe&#8221; wegen. Sie lebt bis heute in Kenia und veröffentlicht von dort aus ihre Lebens- und Liebesgeschichte  quasi in Fortsetzungen &#8211; die zugleich Unterstützung für die Massai einfordern, deren traditionelle Lebensweise stark gefährdet ist, wie es zuvor schon die österreichische Naturforscherin Joy Adamson in ihren Langzeitstudien über &#8220;Die Löwin Elsa&#8221; und &#8220;ihre Jungen&#8221;, die  &#8220;US-Ethologin Cynthia Moss in ihrem Forschungsbericht &#8220;Die Elefanten vom Kilimandscharo&#8221;, und Richard Leakey,  der  Leiter der kenianischen Nationalparks  in seinem Rechenschaftsbericht &#8220;Wildlife&#8221; geschildert hatten. Christina Hachfeld-Sapukais erstes Buch hat den Titel: &#8220;Mit der Liebe einer Löwin&#8221;.</p>
<p>Umgekehrt fing die Missionarstochter Sabine Kuegler nach ihrer Rückkehr aus Indonesien hier an, wie eine Löwin für &#8220;ihr&#8221; Volk: die Fayu in West-Papua zu kämpfen, indem sie die Befreiungsbewegung dort aktiv unterstützte. Auch ihr erstes Buch: &#8220;Dschungelkind&#8221; wurde ein Bestseller. Die Autorin konnte sich desungeachtet  nicht mit dem Leben im Westen anfreunden. Ob der vielen Enttäuschungen hier sehnte sie sich in die Gemeinschaft &#8220;ihres&#8221; Fayu-Stammes zurück. Währenddessen wurde sie zu einer immer schärferen Kritikerin der brutalen indonesischen Politik auf West-Papua, bekam drei Kinder und veröffentlichte zwei weitere Bücher, in denen man erfährt, was sie, die als 17jährige &#8220;ihr&#8221; Dschungeldorf verließ, in ihrem weiteren Leben so umtrieb und treibt. Man könnte hierbei von einer Emo-Ethnologie sprechen. Zuletzt veröffentlichte auch noch ihre Mutter, Doris Kuegler, ein Buch über ihr Leben mit ihren drei Kindern bei den Fayu: &#8220;Dschungeljahre&#8221;, u.a. erzählt sie darin laut Klappentext, &#8220;wie es dem Ehepaar gelang, den kriegerischen Fayu Begriffe wie Vergebung, Gnade und Liebe zu vermitteln.&#8221;</p>
<p>Die  wissenschaftlichen Erforscher der immer weniger werdenden &#8220;Naturvölker&#8221;, von denen es keins mehr ohne &#8220;First Contact&#8221; (mit Weißen) gibt,  hüten sich demgegenüber, in die Gesellschaft aktiv einzugreifen. Sie wollen alles &#8211; die ganze Ökonomie, Kultur und Lebensweise einer fremden Gesellschaft, oft noch ohne ausreichende Sprachkenntnisse und in Zeit- bzw. Finanznot &#8211; in einer einzigen Geschichte erzählen und dabei möglichst &#8220;neutral&#8221; bleiben. Hier ist es umgekehrt: Doris Kuegler kommt von ihren Erinnerungen an ihre Fayu-Kindheit auf sich als alleinerziehende Mutter im Westen zu sprechen -  sie erzählt, wie ihr Leben hier weiter ging. Auch das Forschungsinteresse des Ethnologen kann sich wandeln. Corinne Hofmann studierte, bevor sie nach einigen Jahren ein Wiedersehen mit ihrem Ehemann in Kenia ins Auge faßte, die &#8220;Kung&#8221; (Buschmänner), indem sie hunderte von Kilometer durch die  &#8220;Halbwüste Namibias wanderte&#8221;. Sie folgte damit der US-Anthropologin Marjorie Shostak, die zwei Bücher über die Kung in Namibia und Botswana veröffentlichte, das letzte  hieß: &#8220;Ich folgte den Trommeln der Kalahari&#8221;, Corinne Hofmanns Namibia-&#8221;Trip&#8221; und auch die genaue Darstellung ihrer darauffolgenden Kilimandscharo-Besteigung ähnelt jedoch eher den Gewaltmärschen des Survival-Experten Rüdiger Nehberg, der sich bereits in allen Halbwüsten und Dschungeln umgetan und darüber Bücher veröffentlicht  hat. Eins heißt: &#8220;Die Yanomami-Indianer: Rettung für ein Volk&#8221;. Auf Wikipedia steht in dem Eintrag über ihn: &#8220;Seine anfänglich aus reiner Abenteuerlust unternommenen entbehrungsreichen Expeditionen nutzte er später, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Seit 1980 setzt er sich für das Indianervolk der Yanomami in Südamerika ein&#8221;.</p>
<p>Die von Alexander von Humboldt erstmals erwähnten Yanomami  werden seit dem Zweiten Weltkrieg von weißen Ethnologen, Medizinern, Filmemachern, Goldsuchern, Missionaren und Hilfsorganisationen geradezu umzingelt. Davon handelt die aufwendige Recherche des Journalisten Patrick Tierney: &#8220;Verrat am Paradies: Journalisten und Wissenschaftler zerstören das Leben am Amazonas&#8221;. In ihren Filmen bzw. Büchern verfälschen sie dann auch noch die wirklichen Lebensverhältnisse der letzten &#8220;First Nations&#8221; dort aufs Reißerischste, indem sie ihre männiglichen Berichte irgendwo zwischen &#8220;Herz  der Finsternis&#8221;, &#8220;Traurige Tropen&#8221;, &#8220;Apocalypse Now&#8221; und &#8220;The White Man&#8217;s Burden&#8221; ansiedeln.</p>
<p>So etwas geschieht  auch anderswo: Die Zeitschrift &#8220;Bumerang&#8221; vom Bund der Naturvölker veröffentlichte unlängst eine gründliche  Recherche über einen medial gefakten &#8220;First Contact&#8221;. 1967 kam es zu der &#8220;anthropologischen Sensation des Jahrhunderts&#8221;: Im philipinischen Urwald wurden lebende Steinzeitmenschen entdeckt &#8211; die Tasaday. Schon bald wurden eine ganze Reihe Bestseller über sie veröffentlicht &#8211; von zumeist amerikanischen Anthopologen und Journalisten. 200 US-Fernsehgesellschaften, die Redaktionen von Geo und National Geographic und tausend andere setzten sich in Marsch. Sie mußten viel Geld zahlen: das meiste allein dafür, dass der philipinische Minister für kulturelle Minoritäten &#8211; Manuel Elizade &#8211; ihnen einen Besuch bei den &#8220;Höhlenmenschen&#8221; auf Mindanao erlaubte. Er wählte aus, wer wie lange per Hubschrauber ins Reservat durfte, Prominente wurden bevorzugt: Gina Lollobrigida und Charles Lindbergh z.B., aber auch Deutschlands führender Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der ansonsten ebenfalls zu den Yanomami-Erforschern zählt.</p>
<p>Dann fand man jedoch heraus, dass es sich bei den Tasaday um 26 &#8220;gedungene Statisten&#8221; handelte. Sie stammten aus Ubo- Dörfern in der Nähe, wurden von einem US-Paläolithiker namens Robert Fox ausstaffiert und dann vom Minister Elizade in die Berghöhle gesteckt, die er fortan von seine &#8220;Bodyguards&#8221; bewachen ließ. Fox und Elizade veröffentlichten auch den ersten umfassenden Report über die &#8220;Tasaday&#8221;. Zwei von ihren Bewachern brachte Elizade einmal &#8211; als Tasaday verkleidet &#8211; nach Manila, wo sie US-Präsident Carter vorgeführt wurden, die &#8220;richtigen Steinzeitmensch-Mimen&#8221; hatten zu viel Angst vor der Reise gehabt.</p>
<p>Patrick Tierney erwähnt neben den Yanomani, die nun angefangen haben, zurück zu filmen, zwei Frauen, die auf entgegengesetzte Weise noch einmal die Geschichte von den &#8220;guten Wilden&#8221; erzählen: Zum Einen Helena Valero, die als Zwölfjährige von den Yanomami entführt wurde und seit über 50 Jahren mit ihnen lebt. &#8220;Sie erforschte als erste Weiße unzählige Gegenden, Flüsse und Bergketten, und  sprach besser Yanomami als jeder andere Nichtyanomami,&#8221; schreibt Tierney. Ihre auf Portugiesisch veröffentlichte Biographie hat den Titel: &#8220;Ich bin die Weiße Frau&#8221;. Ein Missionar verglich sie mit Homers Helena.</p>
<p>Zum anderen erwähnt Tierney die Yaromani-Indianerin Yarima, die einen US-Ethnologen heiratete und mit ihm nach New Jersey zog, wo sie als Mittelschichts-Hausfrau mit drei Kindern in einem Reihenhaus lebte. Über ihren Ehemann schreibt Tierney: &#8220;Durch die Heirat verschaffte Kenneth Good sich einen einzigartigen Zugang zur Gesellschaft der Yanomani, und er übertrug seine Liebe zu Yarima auf die Yanomani-Kultur.&#8221; Seine Frau verließ ihn und ihre Kinder jedoch nach einigen Jahren &#8211; und ging zurück an den Orinoko in eine Dorfgemeinschaft der Yanomami. Sie hielt es in Amerika nicht länger aus: &#8220;Das einzige, was sie lieben, sind Fernsehen und Einkaufszentren. Das ist doch kein Leben,&#8221; erklärte sie Patrick Tierney in einem Interview, in dem sie ihm gestand, dass sie inzwischen auch schon wieder das Zählen verlernt habe.</p>
<p>Daneben gibt es noch den Lebensbericht von Sueli Menezes: &#8220;Amazonaskind&#8221;, den sie mit Hilfe einer Journalistin veröffentlichte. Die im brasilianischen Dschungel aufgewachsene Autorin wurde von ihrem Pflegevater mißhandelt, ein weißer Ingenieur brachte sie daraufhin, als damals Sechsjährige, nach Manaus. Von dort gelangte sie als Tänzerin bis nach Wien. Heute ist sie Übersetzerin und engagiert sich für soziale Projekte in ihrer alten Heimat, sie lebt in Hamburg.</p>
<p>Eine ähnliche Geschichte  stammt von Zoya Phan aus Burma, die ebenfalls mit einem Journalisten zusammen verfaßt wurde &#8211; unter dem Titel: &#8220;Tochter des Dschungels&#8221;. Die Autorin gehört zum Volk der Karen und ihr Vater kämpfte in der Karen-Befreiungsbewegung gegen die burmesische Militärdiktatur. Als ihr Dorf bombardiert wurde, flüchtete sie in den Dschungel. Von dort gelangte sie auf abenteuerlichen Wegen bis nach London, wo sie sich heute  in der &#8220;Burma Campaign&#8221; der Soros-Stiftung gegen die Militärdiktatur engagiert.</p>
<p>&#8220;Man muß den Dschungel als Ganzes sehen,&#8221; meinte der kambodschanische Premierminister Hun Sen einmal in einem &#8220;Spiegel&#8221;-Interview, in dem es um die Bestrafung der Hauptschuldigen an den Verbrechen während des &#8220;Steinzeitkommunismus&#8221; der Roten Khmer ging. An einer solchen erweiterten Sichtweise versucht sich derzeit auch die in einem Indianerdorf am Amazonas aufgewachsene Tochter eines Ethnologen-Ehepaars: Catherina Rust. Nachdem sie das Buch über ihre sechsjährige &#8220;Kindheit bei den Aparai-Wajana-Indianern. Das Mädchen vom Amazonas&#8221; veröffentlicht und dann Ethnologie und Psychologie studiert hatte, engagierte sie sich für den Schutz der brasilianischen Ureinwohner. Derzeit schreibt sie an einem neuen Buch, das nicht die Fortsetzung ihrer Lebensgeschichte sein wird. Daneben arbeitet sie auch noch die wissenschaftliche Dokumentation ihres Vaters über die Kultur der Aparai-Wajana auf. Das erste Buch schrieb sie laut Vorwort für ihre Tochter, um der von ihrer ganz anderen Kindheit bei den Indianern zu erzählen.</p>
<p>Und dann gibt es da noch einen Bericht aus Afrika &#8211; &#8220;Lebensreise&#8221; genannt. Er  stammt von der kenianischen Tänzerin und Prostituierten Miriam Kwalanda und ist eine Art vorläufiges Résümee, aufgeschrieben hat ihn eine mit der Autorin befreundete Psychologin: &#8220;Die Farbe meines Gesichts&#8221;. Miriam Kwalanda heiratete in Mombasa einen deutschen Sex-Touristen.&#8221;Damit erfüllte sich ein Traum: Sie konnte nach Deutschland einwandern. Hier bekam sie ein Kind, lernte Deutsch und trennte sich von ihrem Mann. Anschließend machte sie eine Psychotherapie und bekam weitere Kinder.&#8221; Heute lebt sie im Ruhrgebiet, wo sie sich &#8220;oft wie eine Ziege fühlt, die allein nach dem Weg sucht&#8221;.</p>
<p>Erwähnt sei ferner die in Holland lebende Autorin aus Nigeria Chika Unigwe: Sie schrieb die &#8220;Lebensreise&#8221; dreier mit einem Fluchthelfer nach Europa  gelangter Nigerianerinnen auf, die in Rotterdam leben, wo sie als Prostituierte arbeiten. &#8220;Schwarze Schwestern&#8221; heißt ihr Bericht, den sie laut FAZ &#8220;auf dem schmalen Grat zwischen Literatur und Dokumentation&#8221; verfaßte.</p>
<p>Zuletzt sei noch auf den  schmalen Erzählungsband &#8220;Libysche Träume&#8221; der Frankfurter Filmemacherin Pola Reuth hingewiesen. Als sie sich in den Achtzigerjahren mit einem Stipendium in Rom aufhielt, lernte sie dort einen Afrikaner kennen, der eine kolossale Irrfahrt hinter sich hatte: Er stammte aus Kosti im Sudan &#8211; und wollte unbedingt nach Europa. Immer wieder versuchte er, sich nach Norden durchzuschlagen. Mal über Ägypten und den Libanon, dann über den Tschad und Lybien. Einmal gelangte er bis nach Beirut, wo ihn die El Fatah sogleich als Söldner zwangsrekrutierte, er bekam Munition und Haschisch so viel er wollte, aber irgendwann landete er doch wieder in seinem Heimatland. Schließlich schaffte er es bis nach Rom &#8211; und dort endet auch seine letzte Geschichte. Jedes der fünfzehn Kapitel thematisiert einen seiner Fluchtversuche nach Norden. Die  Geschichten-Aufschreiberin und -Bearbeiterin Pola Reuth half ihm, von Rom nach Hamburg zu gelangen, wo er einen Export-Geschäft mit gebrauchten Motoren aufmachte. Auch dabei half sie ihm, im Gegenzug bekam sie ein Kind von ihm. Die drei lebten einige Jahre zusammen, das Geschäft mit den Motoren lief gut, aber weil er befürchtete, entweder verrückt zu werden oder irgendwann Amok zu laufen, wenn er noch länger in Europa bliebe, kehrte er schließlich in den Sudan zurück, obwohl dort inzwischen Krieg herrschte. Die &#8220;Libyschen Träume&#8221; enden   mit einem Lied &#8211; von Eddy Grant: &#8220;Hello Africa, tell me how you do Africa, you sent me away with an empty heart, but I wanna get back and make a fresh start&#8221;.</p>
<p><strong>taz 21.2.1998:</strong> Herzblut unter Palmen. Eine Frau hat es in die Südsee verschlagen. Sie schreibt darüber. Von Edith Kresta.  Der Traum von den freundlichen Inseln der Südsee hat sich als Bild vom Paradies in unseren Köpfen festgesetzt. &#8220;Den Traum von den freundlichen Inseln&#8221; träumte auch Anette Magdalena Moranz, geboren in Hennigsdorf bei Berlin. Und sie schrieb unter diesem Titel ein Buch. Zusammen mit ihrem deutschen Mann wagte sie den Ausstieg. Sie gaben ihre gesicherte Existenz in Deutschland auf. Tonga, der winzige Fleck am anderen Ende der Welt, war das Ziel ihres Auf- und Ausbruchs.  Prompt verliebte sich Anette in Land und Leute. So nachhaltig, daß sie ihren Mann verließ und den Tongaer Keneti heiratete. Keneti ist ganz der Archetyp des unverdorbenen Fischers. Der Mann im Naturzustand. Soweit die traumhafte Seite der Geschichte.  Und diese hat Anette Magdalena Moranz, die heute Aneti M. Moimoi heißt, nie losgelassen, trotz herber Enttäuschungen, familiärer Katastrophen. Aneti bekam zwei Kinder und mußte sich mit ihrer Familie recht und schlecht durchschlagen, während er sich den männlichen Gepflogenheiten ergab: Nächte mit seinen Freunden durchzechte und außer Haus verbrachte. Auch das Leben unter Palmen ist nur selten eitel Sonnenschein. Aneti ist eigentlich unglücklich, kommt mit vielen kulturellen Selbstverständlichkeiten nicht klar. Doch sie bleibt ihrem Südseeparadies unbeirrt treu: &#8220;Meine Miene verrät nichts vom Trauerspiel meiner Seele. Mich umarmt ja die Sonne. Dort am Hotel-Pool unterm Sonnenschirm kann ich nach Lust und Laune für ganze sechzig Cents (für die Eistüte) in eine andere Rolle schlüpfen. Und zwar so gekonnt, daß ich den Unterschied zwischen Phantasie und Wirklichkeit selbst nicht mehr zu erkennen vermag.&#8221; Das ist vielleicht ihr Dilemma. Träume halten sich eben hartnäckig.  Das Buch, das nicht gerade als literarisch wertvoll glänzt, bringt viel vom Alltagsleben auf Tonga rüber. Es gibt Einblick in die Wertigkeiten der tongaischen Gesellschaft. Und es schildert die Dramen des Zusammenlebens verschiedener Kulturen. Hautnah. Anetis Aufzeichnungen über 15 Jahre in Tonga sind persönlich, gemütsvoll. Dieser intime Blick ins Leben der Aneti M. Moimoi ist sicherlich für den Leser herzzerreißend voyeuristisch, ein traumhaftes Mißverständnis aus erster Hand. Für Aneti ist es das gnadenlos ehrliche Drama vom Glück. Herzblut unter Palmen, ganz im Stile von Courths-Mahler. Das Buch ist leichte Kost für heiße Tage unter Südseepalmen. Aneti M. Moimoi: &#8220;Der Traum von den freundlichen Inseln&#8221;.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/gelbbestrickt-poller-kurfuerstenstrasse.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7773" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/gelbbestrickt-poller-kurfuerstenstrasse-424x635.jpg" alt="" width="300" height="447" /></a></p>
<p><em>Pollertreffpunkt für Prostituierte (Originaltitel: &#8220;Berlin, Kurfürstenstrasse&#8221;)</em></p>
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<p><strong>KONKRETISIERUNGEN:</strong></p>
<p><strong>1. Oberschwäbischer Budenzauber</strong></p>
<p>Statt prekäre Jobs prekäres Wohnen, dachte ich, als im vergangenen Sommer eine Zugmaschine mit Wohnwagen an mir vorbei lärmte. Das Gespann kam laut Nummernschild aus Biberach (BC): Ziehen die Schwaben schon mit ihrem eigenen Häusle nach Kreuzberg?</p>
<p>Weit gefehlt, wie ich jetzt dem Katalog &#8220;Buden&#8221; entnehmen konnte. Er wurde von der Leiterin des Museums Villa Rot bei Burgrieden, Stefanie Dathe, nach einer Ausstellung zum Thema zusammengestellt. Sie spricht darin von einer &#8220;oberschwäbischen Budenkultur&#8221;. Die dortige Polizei zählte 208 Buden im Landkreis Biberach, dazu noch weitere im angrenzenden Alb-Donau-Kreis. Die Buden, das können ausrangierte Wohn-, Bau-  oder Campingwagen, leere Container, unbenutzte Holzhütten oder Kartoffelkeller, selbstgebaute Baumhäuser oder Schuppen sein, die zu &#8220;sturmfreien Buden&#8221; umgenutzt wurden. Die &#8220;Budisten&#8221; sind zwischen 14 und 50 Jahre alt, sie sondern sich erst mit ihrer Bude ab, verschmelzen dann aber im Laufe der Zeit wieder &#8220;organisch mit dem Dorf&#8221;, wie es im regionalen Kulturmagazin &#8220;Blix&#8221; heißt. Es geht diesen  &#8220;Cliquen&#8221; dabei um Geselligkeit.</p>
<p>Früher einmal war die Geselligkeit identisch mit Gesellschaft &#8211; &#8220;in der die Menschen einander &#8216;freudig&#8217;, &#8216;gleich&#8217;, &#8216;offen&#8217; begegnen&#8221;, sie war  &#8220;konversierende Interaktion, in der die Teilnehmer sich sympathisierend, symmetrisch, aufrichtig miteinander ins Verhältnis setzen,&#8221; so der Germanist Georg Stanitzek über die adligen und bürgerlichen Zusammenkünfte  im 18.Jahrhundert. Für den Soziologen  Georg Simmel war die Geselligkeit dagegen nicht mehr unbedingt identisch mit der Gesellschaft, sondern eine ihrer  &#8220;Spielformen&#8221;. Die oberschwäbischen Buden hatten als Vorläufer erst die Spinnstuben und dann einen quasi-öffentlichen Raum in einem Wohnhaus. Die Spinnstuben, auch &#8220;Kunkelstuben&#8221; genannt, wo junge Männer und Frauen sich trafen, waren wegen des in ihr vermuteten &#8220;frivolen Treibens&#8221; oft Gegenstand obrigkeitlicher Verordnungen. In Mietingen war der Übergang von der Spinnstube zur Bude fast fließend: Nur 16 Jahre nach Schließung der letzten Kunkelstube wurde dort 1967 die erste Bude &#8211; &#8220;Club 7&#8243; &#8211; gegründet. &#8220;I moi, do send hald koine Schtruktura do wese, dann schafft ma sich hald selber Schtruktura,&#8221; so sagte es ein Club-Mitglied.</p>
<p>Natürlich war hier wie dort immer auch Wein, Bier oder Schnaps im Spiel: Schon die Aufklärer, u.a. Kant, erörterten den Wein als Vehikel der &#8220;Offenherzigkeit&#8221; (für Männer). Der Alkohol wirkt &#8220;als Antidot zu den Differenzen der Gesellschaft und den Egoismen der Männer&#8221;, ihre mit Wein verbundene Geselligkei &#8220;ist eine Art konkrete Utopie, die Versöhnung nach Feierabend&#8221;, schreibt der Soziologe Christoph Kulick. Etwas anders sieht das der Biberacher Polizeidirektor Hubertus Högerle &#8211; in seinem Katalog-Beitrag: &#8220;Ganz zu schweigen davon, dass Buden nach mehreren Rechtsvorschriften an sich nicht genehmigungsfähig sind, das heißt eigentlich rechtswidrig sind&#8230;Sie werden aber geduldet. Nach meiner Beobachtung wird bei uns vor allem beim Thema Alkoholmißbrauch geschönt. Und der ist bei Buden &#8211; leider &#8211; an der Tagesordnung. Es vergeht fast keine Woche, in der sich die Polizei nicht mit den unangenehmen Seiten unserer Buden beschäftigen muß. Dazu zählen junge Verkehrstote, Querschnittgelähmte, lebensbedrohlich Verletzte, Vergewaltigte, im Internet dauerhaft Bloßgestellte&#8230;&#8221; Schon 1984 warnte der Obersulmetinger Ortsvorstand die dortigen Budisten im Amtsblatt: &#8220;rauchen, saufen, huren, haschen, kiffen, fixen, sind die Stufen der Leiter, die nur allzu viele Jugendliche zielstrebig zur Vollendung klettern und unterwegs auch Abstecher in die Kriminalität nicht scheuen, wenn es an der Penunze mangelt.&#8221; Inzwischen scheint jedoch mindestens der CDU-Ex-MdB Franz Romer der Meinung zu sein, in den Buden lernen wir fürs Leben: &#8220;Ordnung und Sauberkeit müssen sein. Wenn es mal nicht sauber war, habe ich gesagt: &#8216;Leute, so geht&#8217;s nicht mehr, entweder ihr räumt auf oder die Bude kommt weg.&#8221; Eigentlich ist aber für ihn der &#8220;Lärm&#8221; aus den Buden &#8220;das größte Problem&#8221;. Ansonsten würde er wohl dem Soziologen Stefan Buri zustimmen: &#8220;Fest steht, dass das Buden-Leben einen wichtigen Beitrag zur Sozialisierung Jugendlicher auf dem Land leistet.&#8221; Dies erkläre auch, warum viele Buden inzwischen fester Bestandteil des dörflichen Lebens sind. Einige Buden-Cliquen scheinen sich im übrigen die Mahnungen des CDU-Bundestagsabgeordneten zu Herzen genommen zu haben. So  meldete z.B. die &#8220;Schwäbische Zeitung&#8221; aus Biberach an der Riß: &#8220;Die &#8216;Kies-Bude&#8217; hat sogar einen Putzdienst!&#8221; Zuvor hatte die Zeitung berichtet, dass die &#8220;Alte Bude Äpfingen&#8221; eine erfolgreiche Aktion für mehr Schwalbennester startete, wobei die Clique gleichzeitig den Bürgermeister von Maselheim als &#8220;Schwalbenmörder&#8221; kritisierte. &#8220;&#8216;Wir greifen jedes Jahr ein aktuelles Thema auf,&#8217; erzählte Dietmar Hagel. &#8216;Und oft nehmen wir auch den Bürgermeister auf den Arm&#8217;, sagte er. In zwei Nachmittagen fertigten ungefähr 15 Leute einen Platz für gut 30 Schwalbennester an und spannten es auf einen Umzugswagen. Der begeisterte Bürgermeister Elmar Braun nahm den angebotenen Tauschhandel gern an. &#8216;Die Gemeinde musste sich verpflichten, das Schwalbenhotel aufzustellen und mit der Bude einzuweihen&#8217;, sagte Braun, während hinter ihm die letzten Handgriffe beim Aufbau erledigt werden und das Gerüst abgebaut wird. Pünktlich zur Rückkehr der Mehlschwalben wurde zusammen mit dem Bauhof eine stämmige Lärche aufgetrieben und das Schwalbenhaus in zwei Stunden errichtet.&#8221; Der Sender &#8220;donau3fm&#8221; berichtete: &#8220;Jugendliche haben in Senden eingelagerte Weihnachtsmarkt-Buden zu Skateboardrampen umgebaut. Laut der Polizei nutzen Jugendliche immer wieder das alte Webereigelände für Unfug. Dabei sei bereits ein Schaden in Höhe von mehreren tausend Euro entstanden.&#8221; Deutet sich hier bereits eine Wende an, dass die heutige Jugend nicht leere Räume zu Buden umfunktioniert, sondern umgekehrt Buden zu sonstwas mißbraucht?</p>
<p>Im Ausstellungs-Katalog finden sich  einige Buden-Genealogien: Sie haben Nummern (von Club 3 bis 15 in der Biberacher Gemeinde Mietingen z.B.) oder  Namen (wie &#8220;Weiher-Bude&#8221;, &#8220;Hammelclub&#8221; und &#8220;Drohnenclub Dietenwengen&#8221;), die sich &#8220;aus dem Standort, dem Namen des Grundstücksbesitzers oder einem Ereignis aus der Budengeschichte ableiten&#8221;. Die Namen  können sich ändern, wenn nach einer Zeit des Leerstands eine neue Clique einzieht &#8211; und wieder Leben in die Bude kommt. So hatte die im Landkreis Biberach bekannte &#8220;Schmalzbude&#8221;, die es seit 1978 gibt, zwei Vorläufer in Gutenzell: einen &#8220;Saustall&#8221; und einen &#8220;Backsteinkeller&#8221;. Nicht wenige Buden haben heute Internetanschluß und eigene Webpages &#8211; die &#8220;Riss Bude&#8221; z.B (eine Halle im Industriegebiet von Obersulmetingen, wo die 12 &#8220;Mitglieder&#8221; zwei mal im Jahr große Parties organisieren).</p>
<p>Den Buden Vergleichbares gab es auch anderswo in Deutschland ab den Sechzigerjahren &#8211; zunächst in den Städten: Die Jugendlichen rebellierten und begehrten mindestens eigene Räume, die sie besetzten oder erbettelten und dann &#8220;Jugendzentrum&#8221; bzw. &#8220;-treff&#8221; nannten. In Limburg bekamen sie z.B. einen Kellerraum von der Kirche, den sie &#8220;Club Black-Out&#8221; nannten. Schon wenig später wollte der Bürgermeister ihn schließen lassen: &#8220;Die spritze sich da des pure Hasch!&#8221; behauptete er von jeder Sachkenntnis ungetrübt. Eine der ältesten und immer noch aktivsten &#8220;Buden&#8221; ist der &#8220;Club W71&#8243; in Weikersheim südlich von Würzburg, er besteht seit 1971, Vereinsvorsitzende ist derzeit die Weinbäuerin Elsbeth Schmidt.  Unter Literaten bekannt ist das &#8220;Büro&#8221; des Rheinhausener &#8220;Agentenkollektivs&#8221; vor dem Tor der stillgelegten Krupp-Werke &#8211; in einem ehemaligen &#8220;Büdchen&#8221;, wie die Kioske im Ruhrgebiet heißen. Die bekannteste &#8220;Bude&#8221; nördlich von Oberschwaben steht heute wahrscheinlich in Rietschen, einem Dorf in Sachsen. Es ist ein ehemaliges LPG-Gebäude, das &#8220;Kommärzbanck&#8221; heißt und ein deutschlandweit  bekannter Punk-Schuppen ist. Die Jugendlichen bauten ihn sich mit Geldern aus, die der Pastor und der Bürgermeister des Dorfes ihnen besorgt hatten. Anderswo werden solche &#8220;Clubs&#8221; von Wohlfahrtsverbänden und Jugendämtern betrieben. Allein im brandenburgischen Guben gibt es vier riesige &#8220;Jugendclubs: drei für Linke und einen für Rechte. Sie werden von Sozialarbeitern geleitet. Zwar gibt es auch Cliquen auf dem Land, die sich leerstehende Gebäude einfach aneignen, in der Lausitz z.B. vom Braunkohlekonzern verlassene Gebäudeteile, aber die meisten Dorfjugendlichen (in Ost und West) kennen als täglichen Treffpunkt nur ihr Buswartehäuschen.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bestricktepoller91.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-full wp-image-7775" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/bestricktepoller91.jpg" alt="" width="255" height="383" /></a></p>
<p><em>Pollertreffpunkt für Prostituierte 2 (Originaltitel: &#8220;Diese strickenden Stricherinnen machen immer weiter. Vielleicht demonstrieren die damit gegen irgendwas? Oder für irgendwas!&#8221;)</em></p>
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<p><strong>2. Südbrandenburgische Hachschara</strong></p>
<p>Nach der Gründung des Staates Israel kamen verstärkt jüdische Einwanderer ins Land. Sie wurden in ihren Herkunftländern buchstäblich freigekauft. Bulgarien und Rumänien z.B. verlangten 1000 Dollar pro Kopf. Viele wurden in palästinensische bzw. arabische Dörfer angesiedelt, deren Bevölkerung man zuvor vertrieben hatte oder die geflohen waren. Die meisten jüdischen Neusiedler hatten jedoch “keine Ahnung, wie sie das Land, das man ihnen zugeteilt hatte, kultivieren und was sie mit dem Vieh und Geflügel anfangen sollten, das man ihnen gegeben hatte,” schreibt der israelische Historiker Tom Segev. In der Knesset erklärte David Ben-Gurion 1950 warum:</p>
<p>“Früher haben wir einen Einwanderer erst nach jahrelangem Training ins Land gebracht. Wir hatten auf der ganzen Welt Pionierhöfe gegründet, und dort behielten wir die Pioniere mehrere Jahre lang, damit sie sich auf das Leben und die Arbeit vorbereiteten und die Sprache und das Land kennenlernten, bevor sie überhaupt herkamen. Jetzt bringen wir die Juden ins Land, wie sie sind, ohne jede Vorbereitung…weil wir nicht die Zeit haben und sie nicht die Zeit haben…”</p>
<p>Auf einem der ehemaligen “Pionierhöfe” in Brandenburg fand vor einigen Tagen eine Ausstellungseröffnung statt, die noch einmal an diese Geschichte erinnerte…</p>
<p>Am 15./16.August findet in Neuendorf im Sande (bei Fürstenwalde) eine Veranstaltung zur jüdischen Geschichte des dortigen Gutshofes statt. Nach der von der SPD niedergeschlagenen Revolution 1918 durften immerhin die Juden Land kaufen und Landwirtschaft betreiben. Der Berliner Unternehmer Hermann Müller erwarb damals das 245 Hektar umfassende Anwesen. Ab 1932  befand sich dort ein landwirtschaftlich ausgerichtetes Schulungslager, in dem Juden sich auf die Auswanderung nach Palästina – in einen Kibbuz – vorbereiteten. Schon bald gab es immer mehr solche Einrichtungen. Die Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten lehnten sie ab, weil die dort Arbeitenden vom Gutsbesitzer ausgebeutet werden würden.  Als 1933 die Diskriminierung der Juden in Deutschland wie beabsichtigt zunehmend unerträglicher  wurde, gründete sich in Charlottenburg die “Jugend-Alija” (hebr. für “Rückkehr ins Gelobte Land”, wörtlich “Aufstieg”), sie übernahm die pädagogische Betreuung der Neuendorfer “Hachscharah” (hebr. für “Vorbereitung”). Gemäß des “Chaluz”-Ideals (hebr. für “Palästina-Pionier”) sollte die Ausbildung  der auf dem Gutshof lernenden und lebenden Juden, unter ihnen auch viele Erwachsene, diese nicht nur fit für eine Arbeitsstelle dort machen und ihnen damit die Bewilligung eines englischen Einreisevisums nach Palästina erleichtern, sie sollten vielmehr das Bauern-Werden als Berufung begreifen. Es stand allerdings nicht die Qualifizierung zum Einzelbauern, der sich ökonomisch geschickt des kapitalistischen Agrarmarktes bedient, auf dem Lehrplan, sondern das Arbeiten und Leben in einem Landwirtschaftskollektiv. Dazu wurde die Berliner Montessori-Pädagogin Clara Grunwald als Lehrerin geholt.</p>
<p>Auf der Gutshofveranstaltung sind dazu jetzt einige Photos des Pressephotographen  Herbert Sonnenfeld aus dem Jahr 1934 zu sehen. Es gab solche Pionierlager zur Vorbereitung auf die “Kollektiv-Siedlungen” in Palästina schon seit der Jahrhundertwende – nach jedem Pogrom, kann man vielleicht sogar sagen. Den ersten “Kibbuz” (das Wort wurde von dem aus Galizien stammenden Dichter Jehuda Ja’ari geprägt) gründete eine zionistische Gruppe aus Weißrussland “Degania A” im Oktober 1910 am See Genezareth.</p>
<p>In Russland hatten die Dörfer – Obschtschinas – bereits seit Jahrhunderten ihr Land gemeinschaftlich bewirtschaftet, sie wurden auch kollektiv besteuert. Mit der Revolution wurden daraus zunächst vollends selbstverwaltete Kibbuzim – partisanische  Wehrdörfer. Als die Bolschewisten ihre Macht gefestigt hatten, begannen sie damit, die Dörfer staatlich zu durchdringen und also wieder zu zersetzen. Die berühmte “Zwangskollektivierung” war auch und vor allem eine Dekollektivierung. Nicht wenige sowjetische Schriftsteller, allen voran Andrej Platonow, haben vor dieser die Bauern entmündigenden und das Dorf zerstörenden Entwicklung, die vornehmlich auf die Technik setzte,  gewarnt. Ihre Bücher wurde daraufhin nicht mehr gedruckt. Stalin schrieb an den Rand eines der Manuskripte von Platonow: “Schweinehund!”</p>
<p>Zuletzt – während der   “Perestroika” (Umbau) – riet jedoch der letzte Generalsekretär der KPdSU (B), Michail Gorbatschow, den inzwischen völlig demoralisierten Kolchosen, sich selbst noch einmal umzugestalten – diesmal nach dem Vorbild der israelischen Kibbuzim. Das sollte zu einer Zeit geschehen,  da die israelische Kibbuz-Bewegung selbst in eine schwere  Krise geraten war – ein Kollektiv  nach dem anderen löste sich in durchamerikanisierte Geschäftsbereiche und -gebaren auf. Die einzige Neugründung wagten 1991 einige jüdische Russen mit dem Kibbuz “Pelekh” bei Haifa. Der hochverschuldete Kibbuzverband “Artzi” unterstützte ihre Initiative großzügig: Sie war die erste wieder seit zwölf Jahren. 90% ihrer Mitglieder hatten einen Hochschulabschluß, die meisten wollten nicht in der Landwirtschaft arbeiten, aber “wir haben auch keine feste Ideologie”,  meinte Theresia Tarasiuk, Gründerin, Managerin und Sekretärin des “russischen” Kibbuz. “Wir suchen auch nicht nach den idealen Kibbuzniks, es genügt bereits, wenn niemand hier dem Kibbuz Schaden zufügt.” Die Mitglieder  wollen jedoch vorerst unter sich – unter Russen – bleiben. Ihre Satellitenschüsseln haben sie nach Moskau ausgerichtet.</p>
<p>Die “Hachscharah” in Neuendorf im Sande  war nach 1933 eins  von 26 Vorbereitungslagern in Deutschland. Es nahm bald auch die “Schüler” aus der “Hachschara” in Ahrensdorf bei Trebbin, vom Gut Winkel bei Fangschleuse und von Niederschönhausen auf. Die anderen Pionierlager mußten dem “Reichsarbeitsdienst” übergeben werden. Das Gut Neuendorf kam wegen besitzrechtlicher Unsicherheiten erst 1941 unter die Aufsicht eines SS-Wirtschaftsoffiziers in Fürstenwalde, zuvor war bereits über die Hälfte der Ländereien  für den Bau eines Militärflughafens requiriert worden. Dieser ist noch heute in Betrieb. Kurzzeitig wurde erwogen, alle Juden in  Madagaskar anzusiedeln, die in Neuendorf sollten sich schon mal darauf vorbereiten. Aber auf der  Wannseekonferenz Anfang 1942 beschloß man stattdessen, die Juden zu vernichten. Aus der Hachscharah machte man erst einmal ein Zwangsarbeitslager.</p>
<p>So wurde z.B. einer ihrer “Schüler” – der spätere Entertainer des Deutschen Fernsehens, Hans Rosenthal – als Friedhofsgärtner in Fürstenwalde eingesetzt. Von dort aus gelang ihm die Flucht in eine Schrebergartensiedlung in Lichtenberg, wo er überlebte. Der letzten Berliner Leiterin der Jugendalija, Elli Freund, gelang 1935 die Ausreise nach Palästina, wo sie als Ärztin arbeitete. Als Rentnerin zog sie später zurück nach Berlin.</p>
<table width="35" border="0" cellspacing="0" cellpadding="0">
<tbody>
<tr>
<td rowspan="2" valign="top" bgcolor="#e0e0e0"></td>
<td valign="top" width="99%" height="100%"></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Der letzte Transport aus Neuendorf in die Vernichtungslager wurde im April 1943 zusammengestellt. Clara Grunwald begleitete die ihr anvertrauten Kinder nach Auschwitz in den Tod. Dort starb wenig später auch der letzte jüdische Gutsverwalter Martin Gerson, ein ausgebildeter Gartenfachmann, den man mit Frau und Kindern zunächst in das KZ Theresienstadt deportiert hatte.</p>
<p>Die DDR machte aus dem Anwesen in Neuendorf nach dem Krieg ein “Volksgut” (VEG). Dessen letzter Verwalter, Georg Weilbach, brachte im “Perestroika”-Jahr 1988, anläßlich des 50. Jahrestages der sogenannten “Reichskristallnacht” – des Pogroms von 1938, eine Gedenktafel am ehemaligen Schloßgebäude an (leider mit einer falschen Zeitangabe). Der Verwalter ist inzwischen gestorben, seine Frau Ruth kümmert sich jedoch seitdem um die jüdische Vergangenheit des Gutshofes. So unterstützt sie u.a. auch diese Veranstaltung jetzt.</p>
<p>Nach 1945 gründeten sich erneut eine Reihe von Hachscharas in Deutschland (u.a. bei Fulda und in der Rhön) – zumeist von Überlebenden aus den KZs sowie aus der osteuropäischen Partisanenbewegung. Erneut ging es dort darum, sich auf die Ausreise nach Palästina vorzubereiten. Die dortigen Kibbuzim, die anfangs z.T. noch durchaus freundschaftliche Beziehungen zu ihren arabischen Nachbarn hatten, waren inzwischen durchweg Wehrsiedlungen geworden. Nachdem 1948 Israel gegründet worden war, stellten die partisanischen Kibbuz-Pioniere für lange Zeit das Elitepersonal in der Armee und im Staat. Der Staat Israel wurde fast sofort von den USA und der UDSSR anerkannt. Aus diesen beiden Ländern kam dann auch seit Ende der Achtzigerjahre die letzte “Alija” (Einwanderungswelle). Einige Kibbuztheoretiker machen vor allem diese Juden für die sich seitdem verschärfende “Kibbuz-Krise” verantwortlich. Beide Gruppen wollen von kollektivem Arbeiten und Leben nichts (mehr) wissen und begreifen alle Genossenschaftsutopien als “Ideologie”. Unter den jungen im Kibbuz geborenen, aber jetzt in der Stadt lebenden Israelis hat sich seitdem aber das Modell eines “Urban Kibbuz” herausgebildet. Und auch in Russland sind in der Zwischenzeit wieder zigtausend neue Wirtschaftskollektive entstanden, viele knüpfen dabei bewußt an das alte “Obschtschina”-Konzept an.</p>
<p>Die Veranstaltung  “Hachscharah – revisited” auf dem Gut Neuendorf  wird von der Gruppe “Landkunstleben” im Nachbardorf Buchholz organisiert. Sie gehört dem märkischen “Netzwerk Raumumordnung” an und bewirtschaftet ansonsten den Schloßgarten in Steinhövel künstlerisch. U.a. indem sie mit der Aktion “Wir beeten für sie” etlichen Städtern ihren Wunschgarten erfüllt – auf jeweils 9 Quadratmetern. Zu ihrer Veranstaltung in Neuendorf gehören auch einige Kunstwerke – von Jörg Schlinke, Sybille Höfter und Claudius Wachtmeister. Ersterer wird eine “Erdskulptur” zum Thema beisteuern. Letzterer ließ sich dazu drei “Projekte” einfallen, nachdem er sich im Potsdamer “Moses-Mendelsson-Zentrums für europäisch-jüdische Studien” sowie im Berliner “Bauhaus-Archiv” mit Material versorgt hatte:</p>
<p>1. stellte er an einem Feld ein Bauschild auf, mit dem die baldige Entstehung eines “Haus der Pionierinnen” an Ort und  Stelle angekündigt wird.</p>
<p>2. ließ er in der Bushaltestelle des Gutshofs die Bank entfernen und stattdessen einen Gewerbestand aufbauen, an dem fortan kostenlos Obst und Gemüse aus Israel angeboten wird.</p>
<p>3. stellte er eine Diaschau mit 50 bearbeiteten Photographien zusammen, die zeigen, wie die Juden damals in Palästina ankamen – mit kleinen Containern aus Holz, die im Hafen von Haifa abgeladen wurden. In ihnen befand sich das Hab  und Gut der Einwanderer, im Kibbuz angekommen diente es ihnen als erste Unterkunft.</p>
<p>Noch heute stehen in dem einen oder anderen Kibbuz diese Container herum, von denen Claudius Wachtmeister behauptet, dass es sich dabei um die ersten Container überhaupt gehandelt habe. Aus Russland kamen die jüdischen Siedler zuletzt  nicht selten mit Metallcontainern an. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wandern nun Griechen aus dem Kaukasus und der Krim wieder mit solchen Holzcontainern aus – nach Griechenland. Zunächst sind diese allerdings voll mit Handelsware, dass die Auswanderer in den Häfen an der Schwarzmeerküste nach und nach verkaufen. In Griechenland angekommen dient ihnen der inzwischen leere Container dann als eine erste Notunterkunft. Die heutigen illegalen israelischen Wehrdorfsiedlungen auf palästinensischem Land, zumeist von Amis aus Brooklyn, wie Amos Oz meint,  bestehen anfänglich zumeist ebenfalls aus Wohncontainern – allerdings aus sehr komfortablen, sie werden dann zudem sehr schnell von der Armee an die Strom- und Wasserversorgung angeschlossen.</p>
<p>In Brandenburg nehmen die seit der Wende 1989/90 an der Gründung von legalen Landwirtschaftskollektiven Interessierten dafür gerne alte Wohn- und Bauwagen. Letztere konnte man nach der Wende billig aus der Konkursmasse pleite gegangener  LPGen erwerben. Die EU fördert in Ostdeutschland und nicht nur dort inzwischen solche Agrarkooperativen. Und so steht denn auch diese Erinnerungsveranstaltung auf dem Gut Neuendorf durchaus in einem Spannungsverhältnis zu dem, was aktuell auf dem Land passiert.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pollertreffpunkt3.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-full wp-image-7774" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pollertreffpunkt3.jpg" alt="" width="300" height="191" /></a></p>
<p><em>Pollertreffpunkt am litauischen Strand  (Originaltitel: &#8220;Papa fiel kurz nach diesem Schnappschuß rückwärts vom Poller.&#8221;)</em></p>
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<p><strong>3. Fake-Natur und Fake-Kulturen </strong></p>
<p><em> Rechtzeitig zum Darwinjahr 2009 verkündete die Verwaltung des Nationalparks “Galapagos-Inseln”, dass sie das Naturschutzgebiet noch mehr als bisher schützen wolle, nicht zuletzt um den Tourismus zu fördern. So soll u.a. der Fischfang verboten werden, die Fischer will man dazu bewegen, Arbeitsplätze in der Tourismusindustrie anzunehmen. Sie weigern sich jedoch einstweilen noch. Während die eine Seite von Umweltschützern unterstützt wird, bekommt die andere Hilfe von Menschenrechtlern. </em></p>
<p>Über diesen Konflikt – zwischen Natur- und Menschenschutz – diskutierte kürzlich Mac Chapin im Berliner “Mehringhof”. Der Anthropologe ist Direktor des “Center for the Support of Native Lands” in Arlington, Virginia und arbeitet seit 40 Jahren mit indigenen Völkern im Lateinamerika zusammen. 2008 war zu dem Problem bereits das Buch “Naturschutz und Profit” von Klaus Pedersen erschienen, das sich nicht zuletzt einem Artikel von Mac Chapin im “World Watch”-Magazin 2004 verdankt (die Amis wollen immer gleich die ganze Welt overwatchen!).</p>
<p>Darin werden die großen amerikanischen Naturschutzorganisationen (WWF, The Nature Conservancy, Wildlife Conservation Society u.a.) kritisiert – in ihrem Umgang mit den Einheimischen, die von ihren “Projekten” betroffen sind. Vordergründig wollen beide das selbe: Im Amazonasgebiet z.B. wollen die “conservationist” (Umweltaktivisten) den Regenwald schützen – und die dort lebenden “indigenous people” (Waldindianer) ebenfalls. 1990 unterzeichneten sie ein Kooperationsabkommen, aber es funktionierte nicht: Die Umweltschützer hatten das Geld und machten Pläne, die Einheimischen sollten helfen, diese umzusetzen. Ersteren ging es um den Erhalt der “Biodiversität” (ein Begriff, der damals gerade aufkam), letztere wollten verbriefte Rechte für ihr Territorium. Die Naturschutzorganisationen planten dessen “nachhaltige ökologische Entwicklung”, während die Einheimischen ihren Lebensunterhalt weiter mit den natürlichen Ressourcen dort bestreiten wollten. Dazu mußten und müssen sie sich mit mächtigen Gegnern (als Partner) arrangieren: Neben den Naturschutzorganisationen waren und sind das internationale Konzerne, sowie Großgrundbesitzer und die nationalen bzw. regionalen Regierungen und ihre bewaffneten Organe. Die “Waffen” der indigenen Völker sind diesen Mächten meist intellektuell und technisch unterlegen. Immer häufiger finden sie sich deswegen in Nationalparks oder Naturreservaten wieder – und werden fortan z.B. als “Wilderer” verfolgt, wohingegen zahlende Touristen in ihrem angestammten Territorium nach Herzenslust jagen und fischen dürfen. Anderswo werden sie von Agrarkonzernen vertrieben, die ihre Wälder abholzen, um Monokulturen anzulegen oder – wie in der Mongolei – von Bergbaukonzernen, die das Nomadenland ebenfalls großflächig verwüsten. In Somalia wurden die Viehzüchter dadurch dezimiert, dass man auf Druck von IWF und Weltbank ihre Brunnen privatisierte.</p>
<p>In den Neunzigerjahren bekamen die “Conservationist” hunderte von Millionen Dollar an Spenden, sogar von der Weltbank und von umweltschädigenden Multis, u.a. von Ölkonzernen, die sich damit “grünwaschen” wollten. “Das Geld ist das größte Problem,” meinte Mac Chapin, “es unterminiert jede lokale Initiative.” Aber auch die Menschenrechts-Aktivisten benötigen spenden für ihre Arbeit – und müssen ebenso wie die Umweltschützer Erfolge vorzeigen, um weiter an Spenden heranzukommen. Dazu hat sich die Konzentration nahezu aller NGOs auf “Single Point Issues” bewährt. In der wirklichen Welt hängt jedoch alles mit allem zusammen.</p>
<p>Die kalifornische Anthropologin Shirley Strum studierte, ähnlich wie die Schimpansenforscherin Jane Goodall, 14 Jahre lang Paviane – auf einer englischen Rinderfarm in Kenia, die 18.000 Hektar umfaßte. Als diese verstaatlicht wurde und man Kleinbauern auf dem Land ansiedelte, kam es zum Konflikt: Die Paviane plünderten deren Maisfelder. Dabei wurde immer wieder einer der Räuber getötet. “Ich hasste die Bauern,” schrieb Shirley Strum in ihrem Buch “Leben unter Pavianen”. Dennoch bemühte sie sich um Deeskalation. Sie war während ihrer 13jährigen Feldforschung nicht ganz so menschenfeindlich geworden wie ihre US-Wissenschaftskollegin Dian Fossey, die Berggorillas in Ruanda studierte (1).</p>
<p>Die FAZ schrieb über die 1985 von einem US-Kollegen ermordete Forscherin: Ihre Begabung, sich in das Wesen der Gorillas einzufühlen, habe in “extremem Gegensatz zu ihrer Unfähigkeit gestanden, im zwischenmenschlichen Bereich Feingefühl, Diplomatie oder Kompromissbereitschaft zu zeigen”. Shirley Strum erreichte es zusammen mit einem US-Kollegen, den sie später heiratete, dass eine Schule für die Bauern gebaut wurde und man ihnen Landwirtschaftskurse sowie “Wildlife-Erziehungsprogramme” anbot. Zwar änderte sich daraufhin ihre Einstellung gegenüber dem US-Forschungsvorhaben – bis dahin, dass einer der Bauern meinte: “Lieber haben wir Überfälle durch die Paviane und ein Pavian-Projekt, das sie studiert und uns hilft, als keine Paviane und kein Projekt,” aber schließlich mußte die Forscherin mit ihren etwa 120 Paviane doch weichen: 1984 fing sie die Tiere ein und siedelte sie auf dem Gelände einer anderen Farm in Kenia an. Sie selbst kaufte sich mit ihrem Mann ebenfalls eine Farm – in der Nähe der Hauptstadt Nairobi. Ein anderer US-Anthropologe, Robert Sapolsky, erforschte ebenfalls jahrzehntelang Paviane in Kenia. Diese lebten in einem Schutzgebiet, das dann jedoch zerstört wurde – und mit ihm die Pavianhorde. Sapolsky kehrte daraufhin nach Amerika zurück, wo er sich seitdem mit den neuronalen Ursachen von Depressionen befaßt.</p>
<p>Von einer anderen Vertreibung berichtete die in New York lehrende Anthropologin Paige West, die auf Papua-Neuguinea acht Jahre lang Menschen studierte – den Stamm der “Gimi”. Um deren Lebensraum war ferner die US-Naturschutzorganisation “Biodiversity Conservation Network” (BCN)” besorgt. U.a. kartographieren die BNC-Ökologen, ähnlich wie die Geologen früherer Zeiten, die im Auftrag von Staaten und Bergbauunternehmen unterwegs waren, eine “definierte Fläche” im Hinblick auf seine Bodenschätze. Nur dass es hier jetzt im Auftrag von Pharma- und Gentechnik-Unternehmen um lebende Organismen ging. “Ziel von BCN war es”, schreibt Klaus Pedersen, “das soziale Leben der Gimi innerhalb von vier Jahren naturschutzkompatibel umzukrempeln”. Paige West bezeichnete deren Aktivitäten zusammenfassend als eine “neoliberale Herangehensweise an den Naturschutz.” Das Problem bestand nicht darin, dass die Gimis dem Wald, den Pflanzen und Tieren einen anderen “Wert” beimaßen als die Ökoaktivisten von BCN, sondern darin, dass sie diesen “Dingen” überhaupt keinen Wert beimaßen, weil sie sich nicht als getrennt von ihnen begriffen. Pedersen zitiert dazu einen Dorfältesten aus Kamerun: “Der Wald gehört nicht uns. Wir gehören dem Wald. Mó-bele hat ihn als unser Zuhause geschaffen. Wenn wir nicht im Wald leben, wird Mó-bele wütend, weil dies zeigt, dass wir Mó-bele und seinen Wald nicht lieben.”</p>
<p>Statt von einer Ökonomie sollte man ihre Wirtschaftsweise besser als “anökonomisch” bezeichnen, schlug deswegen Jacques Derrida vor. Diese hat auch in anderer Hinsicht Folgen: Eine Mitarbeiterin einer Umweltschutzorganisation, die sich in Laos engagierte, meinte auf der Veranstaltung mit Mac Chapin: “Wir standen unter dem Zeitdruck, dort in fünf Jahren etwas zu erreichen, die Indigenen hatten jedoch ein ganz anderes Zeitkonzept.” Und auch ganz andere Mittel: Ich sprach einmal mit zwei “Health-Officers” aus Papua-Neuguinea, die sich auf Einladung der UNESCO zur medizinischen Weiterbildung in Manila befanden: Sie gewährleisteten die medizinische Versorgung und Gesundheitsprävention in schwer erreichbaren Gegenden, in einem lebten auch ihre Eltern als Subsistenzbauern. Ihr Rang war etwas unterhalb von ausgebildeten Krankenschwestern, man könnte sie als “Barfußärzte” bezeichnen, eingebunden jedoch in ein englisches Gesundheitssystem, das kostenlos war. Einer der beiden “Health-Officer”, er war etwas devoter als der andere, bezeichnete die “Heiler” und “Zauberdoktoren”, die Geld für ihre Behandlung nahmen, als seine “Hauptgegner”, die er bekämpfte, indem er sie als “Betrüger” entlarvte. Während der andere, der souveräner wirkte, bei dem “Hauptproblem” in seiner Region – die Bisse einer bestimmten Giftschlange – sogar die “Heiler” um Unterstützung bat, die in solchen Fällen die Bißstelle mit Lehm und bestimmten Pflanzensäften beschmierten und dazu Zaubersprüche murmelten: “Das hilft fast immer – und ich spare mein teures Serum,” erklärte er mir.</p>
<p>Die Allmende, das Gemeineigentum (oder “Common), das jeder nutzen, aber keiner besitzen darf, wird weltweit immer kleiner, allerdings erstarkt auch der Widerstand – gegen seine Privatisierung (die bis hin zur Patentierung von Zelllinien geht) sowie gegen die Vernutzung auch noch seiner letzten Ressourcen. Das geschieht ebenfalls weltweit. Gleichzeitig wird in den industrialisierten Ländern infolge des Internets die Forderung nach Übertragung der neuen virtuellen Allmenden (freie Software, Linux, Wikipedia) auf die Realökonomie laut. Also auf eine Ausweitung der Kampfzone. Von ihren um Patentschutz und Kopierverbot besorgten Gegnern (Universitäten und Konzernen) werden diese Vorkämpfer einer neuen “Peer-Ökonomie” als (kriminelle) “Netz-Piraten” beschimpft (2). Während umgekehrt die Menschenrechtler und die um freie Nutzung etwa des Saatguts besorgten “NGO”s (Via Campesina z.B.) von “Biopiraterie” sprechen, wenn Konzerne – wie Monsanto, Unilever oder BASF – Anspruch auf Saatpatente anmelden oder das “Wissen ganzer Stämme (um den Nutzen bestimmten Pflanzen z.B.) klauen”, wie der “Planet Diversity”-Kongreß 2008 in Bonn befand. Er wurde von der anthroposophischen “Zukunftsstiftung Landwirtschaft” organisiert, namentlich von Benny Härlin, der zuvor bei Greenpeace arbeitete und früher Hausbesetzer sowie taz-Lokalredakteur war. Heute organisiert er die Kampagnen gegen Genmais-Anbau. Den Begriff der “Biopiraterie” hatte zuvor bereits die indische Ökofeministin Vandana Shiva popularisiert, deren gleichnamiges Buch 2002 auf Deutsch erschien.</p>
<p>Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Böse so nah ist?! Überall mehren sich die Zwangsnomaden. Und alles kann privatisiert werden – sogar die Sonne und der Wind. In Deutschland wurden einst die Windkraftanlagen gegen die Gebietsschutz beanspruchenden Stromkonzerne und den Staat durchgesetzt – von unten, aber kaum hatten die “local people” das geschafft, wurde ihnen das Geschäft von den selben Konzernen abgerungen, die nun mit internationalem Venture-Kapital von oben den Gemeinden und Dörfern ganze “Windparks” vor die Tür knallen. Im Alten Land bei Hamburg versuchte der Senat und der Airbus-Konzern ein Obstbauerndorf per Gesetz zu enteignen, um die Landebahn für ein neues noch größeres Flugzeug zu erweitern. Auf der Eiderstedter Halbinsel gibt es nicht nur einen Widerstand gegen die meist grünen Naturschützer, die hier laut Aussage des Kehdinger Bauern Schmoldt gegenüber dem Spiegel “das Land beherrschen wie einst die Gutsherren”, sondern auch einen wachsenden Unmut gegen die staatlichen grünen BSE-Maßnahmen – vor allem um die existenzzerstörenden Massentötungen von Rindern zu verhindern .Und in der Lausitz baggert der schwedische Energiekonzern Vattenfall trotz Widerstand ein sorbisches Dorf nach dem anderen ab, jüngst wurde gerade das schönste dort – Horno – “devastiert”.</p>
<p>Die letzten Regenwälder der Welt werden vor allem von Öl- und Gasgesellschaften heimgesucht, meinte Mac Chapin, “die großen Umweltschutzorganisationen bekommen Geld von ihnen – und sagen deswegen nichts zu deren Zerstörungen”. Diese Erfahrung machte er in Brasilien, bestätigt wurde sie von der Kassler Soziologin für Entwicklungsländer Clarita Müller-Plantenberg, die Mac Chapin mit Hilfe ihrer Organisation “Forschungs- und Entwicklungszentrum Chile-Lateinamerika” (FDCL) nach Deutschland eingeladen hatte. Ein im Publikum sitzender Entwicklungshelfer berichtete später von einer ähnlichen Erfahrung in Peru. Zwar gibt es allein in Lateinamerika noch insgesamt 40 Millionen Indigenas, aber viele Völker sind schon so dezimiert, dass die im märkischen Naturschutzgebiet Brodowin von der Biologin Hannelore Gilsenbach redigierte “Zeitschrift für gefährdete Völker – Bumerang” mitunter sogar ihre kleinsten Ausbreitungserfolge für anzeigenswert hält. Im letzten Heft heißt es z.B.: “Die ‘Negrito’-Ureinwohner der Andamanen vom Volk der Onge freuen sich über die Geburt eines Mädchens. Es kam am 9.Juli 2008 in Dugong Creek gesund auf die Welt. Damit stieg die Zahl der Onge auf 98 Menschen.” An anderer Stelle wird vermeldet, dass der kanadische Premierminister sich bei den nahezu zehntausend Ureinwohnern des Landes für ihre jahrelange Mißhandlung durch weiße Erzieher entschuldigt habe: Diese hätten versucht, “den Indianer im Kind” zu töten. Im Gegensatz zur australischen Regierung, die sich bei “ihren” Ureinwohnern nur entschuldigte, sicherte ihnen die kanadische auch noch eine Entschädigung in Höhe von zwei Milliarden Dollar zu.</p>
<p>Ein Zehntel der Fläche Brasiliens und ein Viertel der Fläche von Kolumbien sind als Indigene Territorien und ein Drittel der Mongolei ist als Nationalpark ausgewiesen. “Aber”, wie mir ein Förster und GTZ-Mitarbeiter in der Wüste Gobi, wo der Nationalpark alleine 5,4 Millionen Hektar umfaßt, sagte: “das meiste steht nur auf dem Papier”. Immerhin gelang es der GTZ dort, die Viehzüchter in 80 Kooperativen zu organisieren und in die Nationalparkverwaltung einzubinden. Daneben profitieren diese auch vom neuen Naturtourismus. Bisher mußte noch niemand aus der Gobi mangels einer Erwerbsmöglichkeit wegziehen, dafür nahmen die “Communities” jedoch schon viele Viehzüchter aus anderen Teilen der Mongolei auf, wo sie von großen Bergbauvorhaben vertrieben wurden. Und statt der “Armutswilderei” gibt es im Gobi-Nationalpark heute nur noch gelegentlich eine “Neureichen-Wilderei”.</p>
<p>Die Zerstörung der Regenwälder begann laut Mac Chapin in den Fünfziger- und Sechzigerjahren: Bis dahin hatten Malaria und Gelbfieber noch jedes Kolonisierungsprojekt verhindert: “die Hälfte der Leute starb jedesmal.” Aber dann wurde 1. das DDT entwickelt – und von den amerikanischen Soldaten zum ersten Mal im Krieg gegen Japan eingesetzt, 2. 1947 die Motorsäge erfunden – in Oregon, und 3. Straßenbaugeräte und die Asphaltierung. Dies geschah überall auf der Welt – und bis heute, wobei die medizinischen Mittel immer besser wurden, die Straßenbaugeräte immer größer und die Motorsägen immer mehr. Ein ehemaliger Umweltschützer, der im Publikum saß, ergänzte Mac Chapins Ausführungen dahingehend, dass ein Teil dieser “Errungenschaften” auch den indigenen Völkern zugute komme. In dem Teil Boliviens, wo er arbeitete, hätten sie das dortige Ökoystem allerdings völlig zerstört, allein “weil sie zu viele waren”. (3)</p>
<p>Dieses Problem – der “Überbevölkerung” einer Region – hat Timothy Mitchell thematisiert – am Beispiel Ägyptens. Sein Text “Das Objekt der Entwicklung” erschien gerade auf Deutsch in dem Reader “Vom Imperialismus zum Empire”, den der Afrikanist Andreas Eckert und die Ethnologin Shalini Randeria herausgaben, um zu dokumentieren, wie sich die Globalisierung aus Sicht der Dritten Welt darstellt. In Ägypten waren es Weltbank und IWF, die aus einem Lebensmittel-Exportland mit Hilfe ihrer Agrarexperten ein Getreide-Importland machten, wobei aus dem riesigen “Freiland-Gewächshaus” des Nil-Schwemmlandes armselige Weiden für deutsche Rinderzuchten wurden – und zigtausende von Fellachen in die Städte abwandern mußten. Seitdem sprechen die westlichen Experten dort malthusianisch-zynisch von “Überbevölkerung”. In Vietnam, wo die US-Luftwaffe mit dem Entlaubungsgift “Agent Orange” Ähnliches anrichtete, sprachen US-Soziologen von einer “nachgeholten Urbanisierung”. Während man in China und im Iran die “Überbevölkerung” durch Umwandlung von Weide- in Ackerland und die Ansiedlung von immer mehr Seßhaften auf Nomadenland forciert. Die Mongolen in China fühlen sich bereits auf ihrem eigenen Territorium als Minderheit bedroht, zumal der Staat auch noch ihre Kultur als sezessionistisch angreift.</p>
<p>Die Veranstaltung im Kreuzberger Mehringhof endete versöhnlich: “Menschenrechtler wie Umweltschützer,” so meinte einer aus dem Publikum, “müßten in einen Dialog mit den Vorstellungen und Ideen der Indigenen treten”, bisher hätten sie sich damit noch nie richtig auseinandergesetzt.</p>
<p>Die Mitarbeiter der GTZ-Ökoprojekte in der Mongolei haben das bisher sehr wohl getan – indem sie sich hüteten, “als Experten aufzutreten”. Eine Viehzüchterin aus der Wüste Gobi erzählte mir: “Nach 1990 war jede Familie auf sich selbst gestellt, und sie wanderte so gut wie gar nicht. Das konnte nur durch die Communities gelöst werden. Das sind Kollektive wie im Sozialismus, aber diesmal bestimmen wir selbst, was zu tun ist. Etwas 2000 Viehzüchter haben sich bisher hier zusammengeschlossen. Schon im ersten Jahr 1999 haben wir das Positive daran gemerkt. Nach sieben Jahren können wir nun sagen, dass es richtig war. Wir haben uns kundig gemacht, wie die negative Entwicklung zustande kam. Außerdem haben wir jetzt bessere Möglichkeiten, unsere Produkte zu vermarkten. Wir bekommen bessere Preise für Kaschmirwolle und Leder, die Schafwolle verarbeiten wir selbst. Die Wilderei hat völlig aufgehört und keine Familie sammelt mehr Feuerholz. Wir wissen heute, wie die Natur zu verbessern ist. Außerdem waren wir drei Mal im Ausland, haben viel gesehen und sind auf neue Ideen gekommen. Ich bin selbst ein Beispiel dafür: Obwohl eine einfache Viehzüchterin habe ich mich in den letzten Jahren sehr verändert und mein Leben verbessert. Wir sind 35 Familien, 144 Menschen und haben 7000 Tiere. 1999 ging es nur sechs Familien gut, der Rest war arm. Wir hatte keinen Zugang zu Informationen und waren zerstreut. Heute geht es uns allen gut.”</p>
<p>Die Gobi-Nomaden sind Mitglied in der “World Alliance of Mobile Indigenous People” (WAMIP). Einmal im Jahr treffen sich Delegierte von potentiell allen nomadischen Völkern zu einer internationalen Konferenz, die von der UNESCO gesponsort wird. 2005 fand sie in Äthiopien statt, Gastgeber waren hier die Guji-Oromo, die nahe am “Omo Nationalpark” leben. Ende 2004 hatte die Polizei zusammen mit der Parkverwaltung 463 Hütten der Guji-Oromo niedergebrannt, um die Guji (nomadische Viehzüchter) und Kore (Mais- und Sorghum-Anbauer) aus dem Nationalpark und seiner nahen Umgebung zu vertreiben. Dieser wird von der niederländischen “African Parks Foundation” gemanagt, die den Park zu “einer Attraktion für Dollar-Touristen ausbauen will”, wie die davon Betroffenen in ihrem Bulletin “The Human Cost of Tourist Dollars” schrieben.</p>
<p>Neben einer Kritik an solchen und ähnlichen Vertreibungsaktionen sprach sich der Kongreß der nomadischen Völker für eine Unterstützung des Widerstands der Massai in Kenia aus, die dafür kämpfen, dass ihre Weideflächen, die ihnen einst durch englische Kolonialverträge genommen wurden, für ihre Rinderherden wieder zugänglich sind. Außerdem wurde noch auf die anhaltende Verfolgung der “sea gypsies” (Seezigeuner) in Burma und Indonesien aufmerksam gemacht, deren “Existenz als Kultur und Volk” besonders gefährdet ist. Während es über die burmesischen “Meeresnomaden” einige neuere Untersuchungen von französischen Ethnologen gibt sowie auch einen Dokumentarfilm, werden sie in Indonesien als “Piraten und Verbrecher” begriffen – und seit Auflösung der DDR von der indonesischen Marine mit NVA-Schiffen verfolgt, die ihnen ihre Schiffe abnimmt oder versenkt. Ansonsten waren sich die etwa 120 Delegierten durchaus uneinig, ob sie für die Umwandlung der Weideflächen in Nationalparks oder für eine legale Selbstverwaltung ihrer Territorien votieren sollten, wie es einige Waldnomaden aus Peru forderten. In jedem Fall ging es um “den Erhalt der biologischen und kulturellen Vielfalt”.</p>
<p>Im Herbst 2008 wurde das auf der Konferenz in Barcelona noch einmal in Form einer Deklaration bekräftigt. Obwohl die Naturschützer dies nur begrüßen können, gibt es doch einen gravierenden Unterschied zwischen ihnen und den nomadisch lebenden Indigenen: Während die Nomaden den Raum beherrschen, nehmen die Seßhaften ihn in Besitz, sie zerstückeln und markieren ihn, um ihn aufzuteilen. Zwar hat auch der Nomade Punkte (Wasserstellen, Winterplätze, Versammlungsorte), aber die Frage ist, was ein Prinzip des nomadischen Lebens ist und was nur eine Folge: “die Punkte sind den Wegen, die sie bestimmten, streng untergeordnet, im Gegensatz zu dem, was bei den Seßhaften vor sich geht,” schreiben Gilles Deleuze und Félix Guattari in “Mille Plateaux”. Während der Seßhafte “einen geschlossenen Raum unter den Menschen aufteilt, verteilt der Nomade die Menschen und Tiere in einem offenen Raum, der nicht definiert und nicht kommunizierend ist”. Anny Milovanoff kommt in “La seconde peau du nomade” (Die zweite Haut des Nomaden) zu dem Schluß: “Der Nomade hält sich an die Vorstellung seines Weges und nicht an eine Darstellung des Raumes, den er durchquert. Er überläßt den Raum dem Raum.”</p>
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<p>(1) Der holländische Autor Midas Dekkers fragte einmal den Tierfilmer Sir David Attenborough, ob die Primatenforscherin Dian Fossey, mit der Attenborough befreundet gewesen war, nicht zu weit gegangen sei – bei ihrer Verteidigung der Berggorillas gegenüber den von ihr sogenannten Wilderern: “Ja,” antwortete der. “Und sie ging überhaupt zu weit in ihrer Abneidung gegen die Afrikaner. So ließ sie die Bauern in Ruanda wissen, dass sie ihr Vieh nicht im Naturpark weiden lassen durften. Aber es ließ sich kaum sagen, wo der Park begann und endete. Und die armen afrikanischen Bauern hatten nur wenig zu essen. Wenn ihr es doch tut, sagte sie, treffe ich Gegenmaßnahmen. Trotzdem tat es einer von ihnen. Also jagte sie jeder seiner Kühe eine Kugel ins Rückrat. Sie tötete sie zwar nicht, doch sie lähmte sie und raubte dem Besitzer damit Hab und Gut.</p>
<p>Einst verschwand ein Gorillababy. Dian glaubte, zu Recht oder zu Unrecht, dass sie den täter kannte und kidnappte seinen Sohn. Sie band Afrikaner mit Stacheldraht an einen Baum und prügelte sie durch. Das ist keine Art, um die Unterstützung der ansässigen Bevölkerung zu bekommen. Wie auch immer – seit dem Tod von Dian Fossey [sie wurde 1985 ermordet] ist kein einziger Gorilla mehr verschwunden.”</p>
<p>(2) Auf einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin führte der Verteidiger der Wissens-Piraten Lawrence Lessig aus, wie das “andere Amerika” damit umgeht:</p>
<p>Das begann mit “Pistolen und Eisenbahnen”: Mit diesen europäischen Technologien, “die eine vorher nie gekannte Machtfülle in die Hände von Einzelnen legten,” eroberte die amerikanische Bevölkerung einst den Westen. Nun wiederhole sich diese Entwicklung in umgekehrter Richtung: “An der amerikanischen Westküste wurde eine neue elektronische Kultur geprägt. Mit E-Mail, Filesharing und Weblogs verfügt der Einzelne über Möglichkeiten, die früher den Mächtigen vorbehalten waren”. Lessig meinte, vor fünf Jahren hätte sich noch kaum jemand für sein Thema – “Copyrights” – interessiert. Es ging ihm darum, dass die Computertechnologie mit ihren ganzen Remix-Möglichkeiten zwar den Kulturschaffenden neue Freiheiten eingeräumt habe, die Copyright-Gesetze diese jedoch wieder einschränken – und deswegen geändert werden müßten, um nicht ähnlich wie zu Zeiten der Prohibition eine wachsende Zahl von Menschen zu kriminalisieren.</p>
<p>Der “Krieg gegen die Piraten” (Raubkopierer) sei “im Prinzip McCarthyismus: ‘Wer das Urheberrecht in Frage stellt, ist ein Kommunist!’ so drückte sich neulich ein US-Politiker aus.” Das es auch anders geht, beweise Japan: Neben den Manga-Comics” gibt es dort “Dojinshis” – leichte Variationen der Hauptmangas, die von zigtausenden angefertigt und getauscht werden. “Ihr Markt ist eigentlich illegal, diese außergewöhnliche Praxis hat aber eine außerordentliche Kreativität hervorgebracht.” Die amerikanischen Gesetze und die Industrie setzen dagegen alles daran, die Benutzer auf bloße Kosumenten – “Couch-Potatoes” – zu reduzieren: “Wir singen, erzählen, schreiben immer weniger als früher…Es geht mir nicht um Ungehorsam, sondern um eine Reform der Gesetze, um die Kulturproduktion wieder da hinzubringen, wo sie schon einmal war.” So wurde z.B. das Sampling in den USA als illegal klassifiziert: “Die meist schwarzen Musiker brauchen nun Copyrights für jedes Bit. Die Ingenieure meinen zwar, das ist nicht machbar, aber die Anwälte sagen, die Sache sieht vielversprechend aus.”</p>
<p>Der zweite Referent, Peter Baldwin, schien diese Entwicklung sogar zu begrüßen, denn er sah das Problem weniger in der gesetzlichen Einschränkung der Kreativität als in der generellen Erosion des “Privaten” – als dem “Eigentum der Bürger”. Der Musiker Will Rogers sagte einmal “Prohibition ist besser als gar kein Alkohol!” Der Jurist Lawrence zeichne ein zu schwarzes Bild von der Entwicklung. “Nach Lage der Dinge muß die Kreativität eben ein paar Kurven nehmen – es wird immer Hacker geben”. Und dass die neue Freiheit des Internet eingeschränkt wird, stimme auch nicht, “denn es gibt immer mehr Weblogs”. Außerdem müsse man sich fragen, “ob die Kreativität wirklich davon abhängig ist, zitieren zu dürfen: Wenn ich umformulieren kann, brauche ich auch keine Copyright-Anwälte zu fürchten.” Es gehe hierbei um die Natur der Kreativität, die mit der Renaissance als “göttlicher Funke” im Künstler/Wissenschaftler begriffen wurde, diese Idee hätten wir aber längst hinter uns gelassen, heute sei die ganze Wissenschaft eine “große Gemeinschaft – und schon weit weg vom Besitz an Wissen. Was vermissen wir denn aufgrund der strengen Copyrights?” Der im Publikum sitzende “Free-Software-Fighter” Volker Grassmuck vermißte z.B. ein nicht-denunzierendes Wort für “Raubkopierer”, das selbst der Soziologe Dirk Baecker kürzlich noch in seiner diesbezüglichen Studie für den Microsoft-Konzern verwendete. Ein anderer Zuhörer erinnerte in dem Zusammenhang an einen SDS-Beschluß, der ausdrücklich die Raubdrucker ermutigte, sie jedoch gleichzeitig zur Mäßigung ihrer Gewinnabsichten verpflichtete. Mit dem “Kopiergroschen” für Autoren habe man hier später eine quasi-gewerkschaftliche Lösung gefunden – bei den “Xerox-Usern”. Dieser “Freigeist” walte auch heute noch im Europäischen Parlament, insofern es dort – inspiriert von der “Open-Source-Bewegung” und “Linux” – Bestrebungen gäbe, “die Patentierbarkeit computerimplementierter Erfindungen” einzuschränken. Schon warne die Industrie und die FAZ vor Milliardenverlusten und Arbeitsplatzgefährdung in Größenordnungen. Logisch!</p>
<p><strong> Ein Volk forschend und missionierend unterwegs in die Wegelosigkeit</strong>:</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580035.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7750" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580035-424x277.jpg" alt="" width="374" height="243" /></a></p>
<p><em>Die Linguistin Hella Knappertsbusch in einer Original-Dschungellandschaft</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580026.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7751" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580026-424x656.jpg" alt="" width="376" height="583" /></a></p>
<p><em>Walter Seitter signiert seine Ethnostudie über die Nibelungen im &#8220;Dschungelnest 3000&#8243;</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580103.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7752" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580103-424x628.jpg" alt="" width="379" height="562" /></a></p>
<p><em>Das Ehepaar Wolters aus Friedenau auf dem Weg zum Empfang beim Botschafter von Neu-Guinea</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580049.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7753" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580049-424x269.jpg" alt="" width="379" height="241" /></a></p>
<p><em>Die Afrikareisenden Elfi und Joachim Rohloff wieder daheim in ihrem gemütlichen Zuhause in Treptow, wo jetzt jede Menge Schreibarbeit auf sie wartet.<br />
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580031.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7754" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580031-424x278.jpg" alt="" width="382" height="250" /></a></p>
<p><em>Der Lehrkörper des Ethnologischen Instituts der Freien Universität mit ihren zwei Sekretärinnen, Frau Schimanski und Frau Jellinek. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580097.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7755" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580097-424x270.jpg" alt="" width="382" height="243" /></a></p>
<p><em>Der Anthropologe Dr. Dietmar Kroll &#8211; in einem allzu vertrauten Gespräch mit einer indigenen Informantin </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580053.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7756" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580053-424x654.jpg" alt="" width="381" height="588" /></a></p>
<p><em>Die Burmistik-Doktorantin Jennifer Bartholdy mit ihrem Kind eines Weißen</em></p>
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<h3>Ganze Generationen generieren</h3>
<p>&#8220;Generieren&#8221; heißt so viel wie &#8220;automatisch erzeugen (lat. generare)&#8221;, sagt der Wiktionary. Als &#8220;Gegenwort&#8221; gilt ihm: &#8220;manuell erstellen&#8221;. Für den Duden ist &#8220;generieren&#8221; ein Synonym für &#8220;kreieren&#8221;. Auf Englisch heißt das Verb &#8220;to generate&#8221; &#8211; und ist noch weitgehender anwendbar: von &#8220;errechnen&#8221; über vermehren bis &#8220;ausarbeiten&#8221; (ein &#8220;document&#8221; z.B.). In dem Wort ist das &#8220;Genus&#8221; (Plural Genera) &#8211; Art, Gattung Geschlecht &#8211; enthalten, ebenso das &#8220;Gen&#8221;, die Genetik. Und damit die Fortpflanzung, die Fruchtbarkeit &#8211; das &#8220;Errechnen&#8221; von Nachkommen oder Gewinnchancen bzw. Gewinne. Dergestalt wurde &#8220;generieren&#8221; fast weltweit zu einem &#8220;Magic Word&#8221;. In einer Zeit, da täglich nicht nur Arten sondern auch Verben aussterben.</p>
<p>&#8220;Die 149 Logenplätze generieren ab 2014 angeblich Einnahmen von rund 70 Millionen Euro,&#8221; heißt es z.B. in der taz über ein Fußballstadion. &#8220;Mit ihrer prominenten Besetzung könnte sie aber Aufmerksamkeit generieren,&#8221; schreibt die taz über eine Umweltschutzkampagne. &#8220;Social-Media-Ranking-Dienste wie Klout oder Peerindex generieren aus den Kontakten in sozialen Netzwerken einen Wert auf einer Skala von 0 bis 100,&#8221; mit diesen Worten erklärt eine taz-Autorin ein US-Unternehmen, das mit dem Slogan &#8220;Entdecke Deinen Einfluss&#8221; wirbt. &#8220;Solche Veranstaltungen müssen wir immer wieder generieren,&#8221; sagt eine Museumsleiterin in der taz über ihr gutbesuchte letztes &#8220;Event&#8221;. Es gelte, &#8220;anhaltendes Wachstum zu generieren,&#8221; meint dort ein Ökonom. &#8220;Ich habe mich entschieden, Bewusstsein zu generieren,&#8221; behauptet ein Filmer, der einen TV-Spot zur Kampagne &#8220;Kein Raum für Missbrauch&#8221; drehte. Auf einer &#8220;Cryptoparty&#8221; berichtete eine Frau, sie durchforste Webseiten &#8220;nach Daten, aus denen sich Passwörter generieren lassen&#8221;. Wer auch immer Suhrkamp übernimmt, er hat &#8220;die schier unlösbare Aufgabe, Bestseller zu generieren,&#8221; schreibt ein taz-Literaturbetriebskritiker. &#8220;Islands Fischwirtschaft droht nicht nur ein Verkaufsverbot für Makrelen, sondern für alle ihre Fischprodukte. Sie generieren 75 Prozent des isländischen Exportwerts,&#8221; heißt es über den Fischrechte-Streit zwischen der EU und Island in einem taz-Korrespondentenbericht. Eine ehemalige Linke, jetzt Maklerin sagt: &#8220;Geld muss nicht immer etwas Negatives sein. Man kann viel über Gentrifizierung schimpfen. Aber: All diejenigen, die jetzt nach Berlin kommen und hier investieren, bringen Geld in die Stadt. Sie generieren Jobs.&#8221; In diesem &#8220;Statement&#8221; haben wir das ganze derzeitige Scheißdenken wie in einer Nußschale.</p>
<p>Eine alternative Imkerin gibt zu Protokoll: &#8220;Noch seien viele Fragen offen &#8211; deswegen gehe sie zum Beispiel auch auf die taz-Genossenschaftsversammlung, um dort Ideen zu generieren.&#8221; Das Verb sickert in alle Bereiche ein &#8211; bis in die kubanische Musik z.B.: &#8220;verspielte Rhythmen betonen Gemeinsamkeiten und generieren das Beste, das die Bassmusik derzeit zu bieten hat,&#8221; schreibt ein taz-Kritiker. Eine Feministin seufzt: &#8220;Frauen können keine allgemeinen weiblichen Erfahrungen mehr generieren&#8230;Männer generieren Macht in ihrer Beziehung.&#8221; Ein linker Regisseur erklärt der taz die Hauptfigur seines neuen Films: &#8220;Weil er ein Kapitalist ist, kann er nicht anders, als zu denken: das muss ich kaufen, anstatt es aus sich selbst heraus zu generieren.&#8221; Es sich selbst zu schaffen, meint er wahrscheinlich. Und dies im Sinne einer &#8220;creatio ex nihilo&#8221; (wie die des Schöpfergottes). Der Regisseur spricht hier der männlichen Prokreation das Wort, also der Vermehrung (durch Herstellung toller Werke), die mehr als die Reproduktion sichern. Beide Wörter gelten jedoch im strengen Sinne nur für die biologische Fortpflanzung, d.h. für das &#8220;Egoistische Gen&#8221;, wenn man dabei dem Erzdarwinisten Richard Dawkins folgt. Dieser übersetzte damit 1976 Margret Thatchers Dummbeutel-Bekenntnis: &#8220;Ich kenne keine Gesellschaft, nur Individuen&#8221; &#8211; als ewige Wahrheit in die Natur: Den Genen geht es nicht um die Arterhaltung, sondern um das Individuum, das ihnen aber nur als Transportmittel dient, in dem sie &#8211; die Gene &#8211; untereinander um ihre Verteilung in der nächsten Generation konkurrieren.</p>
<p>Aus dieser Ecke kommt das Wort &#8220;generieren&#8221;, erst nach der Wende wurde es in der taz vom Feuilleton übernommen &#8211; quasi weichgeklopft, so dass es längst überall paßt, wenn es darum geht, sich Uptodate auszudrücken.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580065.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7757" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580065-424x269.jpg" alt="" width="385" height="244" /></a></p>
<p><em>Carla, die Frau des berühmten Krokodilforschers Peter Zeller, wartet am Ufer des Orinoko auf die Rückkehr ihres Mannes (vergeblich?) </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580077.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7758" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580077-424x282.jpg" alt="" width="390" height="259" /></a></p>
<p><em>Im Vordergrund: eine Gruppe Doktoranten in der unterirdischen Kantine des &#8220;Gombe Stream Research Center&#8221; von Jane Goodall; im Hintergrund: drei einheimische Mitarbeiter </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580089.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7759" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580089-424x276.jpg" alt="" width="398" height="260" /></a></p>
<p><em>Helmut hinter seiner geliebten &#8220;Dschungelbar&#8221; am Rande des Krüger-Nationalparks, ein Muß für jeden Safarisauftouristen.<br />
</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580060.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7760" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580060-424x269.jpg" alt="" width="398" height="253" /></a></p>
<p><em>Die drei Töchter der Ethnologen Söderboom, Winchester und Meyerbuer bereiten sich darauf vor, ihre Väter bei der nächsten Feldforschung nach Westafrika zu begleiten &#8211; und üben sich schon mal im &#8220;Buschskat&#8221;, das ohne Karten gespielt wird.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580056.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7761" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580056-424x274.jpg" alt="" width="398" height="258" /></a><em></em></p>
<p><em>Auch diese zwei sympathischen Primatenforscher aus Pirmasens bereiten sich auf ihre nächste Expedition vor, die sie diesmal bis tief in den Kongo führen wird. Hier sprechen sie gerade während einer Federball-Spielpause ihr Vorgehen dort ab.<br />
</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580034.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7762" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580034-424x285.jpg" alt="" width="398" height="268" /></a><em><br />
</em></p>
<p><em>Ähnliches gilt auch für die fünf Zeugen Jehovas Magda Meier, Annelotte Friedberg, Hannelore Welsch, Adolf Mittenzweig und Wilhelm Wien, die auf Mission in das Amazonasgebiet gehen. Hier werden sie gerade von ihrer Sprachlehrerin Eleonora Rothenberg verabschiedet, die zwölf einheimische Dialekte auswendig kann und ihnen daneben zuletzt noch so manchen guten &#8220;Dschungeltipp&#8221; mit auf den entbehrungsreichen Weg gegeben hat. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580085.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7763" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580085-424x267.jpg" alt="" width="402" height="254" /></a></p>
<p><em>Fünf deutsche Entwicklungshelfer in Tansania bei der Abendwäsche in ihrer provisorischen &#8220;Feld-Naßzelle&#8221;.</em> <em>Der Mann mit Brille ist der für das Wiederaufforstungs-Projekt verantwortliche Oberförster Engelbert Wulffen, ein international anerkannter Fachmann für Harthölzer und Spanplatten. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/185800141.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7766" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/185800141-424x251.jpg" alt="" width="404" height="239" /></a></p>
<p><em>Die zwei Leipziger Ethologiestudenten, Birgit und Jan, haben sich mit ihrem PKW aufgemacht. Sie wollen die letzten Orang-Utan auf Sumatra retten. Hier legen sie gerade eine kurze Pause auf dem Rastplatz Pfefferhöhe ein. Bis jetzt ging alles glatt.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580091.jpg" rel="lightbox[7729]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7767" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/18580091-424x657.jpg" alt="" width="415" height="634" /></a></p>
<p><em>Der Koch der deutschen Spitzbergen-Expedition, Hinnerk Schwader, in der Kantine der dortigen Forschungsstation bei den letzten Vorbereitungen für eine Kabeljau-Suppe vom Feinsten. </em></p>
<p><em> </em></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=7729&amp;md5=bab35fbb6d7691b8e0da26932c64d45b" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Und ein Eintrag &#8211; mit 8 Pollern und 50 Pilonen</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Mar 2013 14:20:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/china.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7725" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/china-424x291.jpg" alt="" width="420" height="287" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Der Titel bezieht sich auf das Lied der Seeräuber-Jenny in der &#8220;Dreigroschenoper&#8221; von Bertolt Brecht. Es wurde zuletzt gesungen am Grab von Christian Semler.  Die taz gibt bis zu ihrem alljährlichen &#8220;taz-lab&#8221; im April ein Buch mit Semlers schönsten Texten heraus., daneben stellt sie einen Film über Semler von Harun Farocki online. Hoffentlich sind in dem Buch auch einige seiner Artikel über China dabei (Semler war Maoist). Als wir uns im Januar zuletzt unterhielten (in der Kaffeeküche), sprachen wir noch einmal über China. Hier ein Text aus </em></p>
<p><em> </em>&#8220;Semlers Wortkunde&#8221; (2008):</p>
<p>In der Krise zwischen China und Tibet erlebt der Terminus &#8220;Volkskrieg&#8221; eine Renaissance. Nur was bedeutet er?</p>
<p>&#8220;Führt einen Volkskrieg, um den Separatismus zu bekämpfen und die Stabilität Chinas zu verteidigen, zerrt die widerwärtige Fratze der Dalai-Lama-Clique ans helle Licht des Tages!&#8221; So zitiert die Sonntagsausgabe des offiziellen <em>Tibet Daily</em> aus einer Erklärung, die anlässlich eines Treffens von Funktionären der tibetanischen Branche der KP Chinas in Lhasa abgegeben wurde. George Orwell hätte an diesem Zitat seine grimmige Freude gehabt. Denn die Verwendung des Begriffs &#8220;Volkskrieg&#8221; durch die kommunistischen Funktionäre passt ins Schema der semantischen Umkehrung, die in Orwells &#8220;1984&#8243; dargestellt wurde: Freiheit = Sklaverei.</p>
<p>Ursprünglich war der Begriff des Volkskriegs im chinesischen Befreiungskampf ein Gegenbegriff zur Kriegsführung der japanischen Angreifer und &#8211; nach 1945 &#8211; zur Kriegsführung der nationalistischen Streitkräfte Tschiang Kai-scheks. Gemeint war damit viererlei: erstens das Primat der Politik bei den kommunistischen Streitkräften, Gleichheit zwischen den Rängen, Verzicht auf brutale Disziplinierungsmaßnahmen; zweitens die Unterstützung durch die Bevölkerung, sei es in Form des Partisanenkampfes oder durch materielle Hilfe; drittens das Verbot, die Zivilbevölkerung zu berauben oder sie zum Kriegsdienst zu pressen; und viertens die Durchführung sozialer und kultureller Programme in den &#8220;befreiten Gebieten&#8221;, also den Territorien, die von den kommunistischen Streitkräften kontrolliert wurden.</p>
<p>Dieses Element der sozialen Emanzipation war es vor allem, das die radikalen Studenten Ende der 60er-Jahre in Deutschland &#8220;Sieg im Volkskrieg&#8221; skandieren ließ &#8211; diesmal auf den Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes bezogen.</p>
<p>Nun ist uns aus dem Sprachgebrauch der westlichen Welt die uferlose Ausweitung des Begriffs &#8220;Krieg&#8221; bekannt, bis hin zu offensichtlich sinnwidrigen Begriffsbildungen wie &#8220;Krieg gegen Aids&#8221; oder &#8220;Krieg gegen Armut&#8221;. Diese metaphorische Weiterung hatten augenscheinlich die Funktionäre in Lhasa im Sinn, als sie &#8220;Volkskrieg&#8221; mit &#8220;Massenmobilisierung&#8221; identifizierten. Es geht also um die tibetischen &#8220;Massen&#8221;, die den Dalai Lama bekämpfen sollen. Diese Rolle nehmen chinesische Polizei und Soldateska wahr, unterstützt von tibetischen &#8220;Wohlgesinnten&#8221;. Sie sind das eigentliche Volk, das gegen eine bloße Zusammenrottung, eine &#8220;zufällige&#8221; Volksmenge, also das empirische tibetische Volk, den gerechten Volkskrieg führt.</p>
<p><em><br />
</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Hier drei chinesische Feng-Shui-Poller:</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/chinesische-feng-shui-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7707" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/chinesische-feng-shui-poller.jpg" alt="" width="407" height="364" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Das folgende Photo zeigt einen versenkbaren Poller aus den USA auf einem deutschen Prüfstand von Promis. Es wurde von Philipp Goll bei einer Uwe-Nettelbeck-Recherche gefunden. Nettelbeck druckte in seiner Zeitschrift &#8220;Die Republik&#8221; einmal alle Dialoge ab, die in der von Hans Rosenthal moderierten Sendung &#8220;Dalli-Dalli&#8221; geführt wurden.  </em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/rosenthal-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7671" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/rosenthal-poller-424x340.jpg" alt="" width="424" height="340" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong> Flugfähigkeit und -sicherheit</strong></p>
<p>Alle reden von der Flugsicherheit (beim neuen Flughafen), aber keiner von der Flugfähigkeit. Ich befragte dazu einen Experten &#8211; zunächst über die Flugfähigkeit der Schwäne, der schwersten Vögel Europas: den Aviaingenieur Johannes Eissing, der sich bereits als Jugendlicher technisch mit dem Flug der Schwäne beschäftigte &#8211; während seine Schwester in ihrem damaligen Wohnort an einem Kanal, in dem einige Schwäne lebten, es diesen dergestalt nachtun wollte, dass sie, wenn die Vögel aufflogen, neben ihnen her lief und dabei heftig mit den Armen ruderte. Später verlegte sie sich aufs Meditieren, um wenigstens im metaphorischen Sinne Wind unter die Flügel zu bekommen. Ihr Bruder, der weiterhin auf das Fliegen mit Hilfe einer Maschine setzte und inzwischen als Konstrukteur von Luftschiffen in Kalifornien arbeitet, schrieb mir von dort:  &#8220;Schwäne sind tatsächlich mit ihrer Größe ziemlich am Rande des Möglichen, bei gegebenem Muskelwirkungsgrad, Sauerstoffgehalt und Dichte der Luft. Das ist sehr schön populärwissenschaftlich erklärt in Werner Nachtigals &#8216;Vogelflug und Vogelzug&#8217;. Größer geht nicht. Flugsaurier und Riesenlibellen hatten damals wahrscheinlich mehr Sauerstoff zur Verfügung. Das andere Ende der Fahnenstange bilden etwa Hummelkolibris, die es mit ihren 2-5 Gramm über den Golf von Mexiko schaffen. &#8211; eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Der Biologe Erich von Holst hatte mehrere Schwingenflugmodelle aus Balsaholz, Papier, Schilfhalmen, Gummi und Draht gebaut. Eines davon hiess &#8216;Schwan&#8217;: Es gibt ein Video auf Youtube über seine Arbeiten. Ich hatte ähnliche Modelle nachgebaut und selbst entworfen. Weil mich das an die Grenzen meines Physik-Wissens brachte, hab ich dann schliesslich Flugzeugbau studiert.&#8221;<br />
Bereits Leonardo da Vinci riet &#8211; aristotelisch beflügelt, man solle die Anatomie der Vögel studieren, samt &#8220;den Brustmuskeln, den Bewegern der Flügel.&#8221; Und das gleiche müsse man bei den Menschen machen, um herauszufinden, &#8220;welche Möglichkeit im Menschen steckt, wenn er sich durch Flügelschlagen in der Luft halten will.&#8221;</p>
<p>In diese Richtung dachte noch Otto Lilienthal bei seinen Flugexperimenten, weil er ebenfalls eine &#8220;homomorphe Konstruktion&#8221; anstrebte, wie Hans Blumenberg das 1957 in seinem Aufsatz über die &#8220;Nachahmung der Natur&#8221; nennt. Der Philosoph bemerkt danach jedoch einen &#8220;Paradigmenwechsel&#8221; im Flugmaschinenbau: Spätestens mit den amerikanischen Luftfahrtpionieren, den Gebrüdern Wright, sei es zu einer &#8220;Erfindung&#8221; gekommen, die sich &#8220;von der alten Traumvorstellung der Nachahmung des Vogelflugs freimacht und das Problem mit einem neuen Prinzip löst.&#8221; Voraussetzung dafür war laut Blumenberg der Explosionsmotor und, noch wesentlicher, &#8220;die Verwendung der Luftschraube&#8221;: Solche &#8220;rotierenden Elemente&#8221; seien &#8220;von reiner Technizität,&#8230;der Natur müssen rotierende Organe fremd sein.&#8221;</p>
<p>Das sind sie aber nicht:  In ihrem 1989 veröffentlichten &#8220;Leitfaden&#8221; der Biologie: &#8220;Die fünf Reiche der Organismen&#8221; schreiben die Mikrobiologen Lynn Margulis und Karlene V. Schwartz: &#8220;Während bestimmter Stadien ihres Lebenszyklus besitzen die Zellen der meisten Eukaryoten &#8211; viele Pflanzen, die meisten Protoctisten und die meisten Tiere &#8211; flexible, peitschenartige, im Zellinneren verankerte Fortsätze &#8211; sogenannte  Undulipodien (Flagellen bei den Bakterien gennnt). Sie bestehen aus Bündeln von Mikrotubuli. Diese werden von einer Undulipodienmembran umschlossen, die eine Ausbuchtung der Zellmembran darstellt&#8230; Die Schlagbewegung eines Undulipodiums wird durch Umwandlung von chemischer in kinetische Energie entlang des gesamten Organells erzeugt. Bei den Flagellen der Bakterien (Prokaryoten) kommt die Bewegung durch die Rotation der Verankerungsvorrichtung in der Zellwand zustande.&#8221; Die Autorinnen sprechen dabei von einem &#8220;Drehmotor&#8221;. Demnach gehören die &#8220;rotierenden Elemente&#8221; quasi zur Grundausstattung der Natur&#8230;</p>
<p>Abschließend sei noch erwähnt, dass selbst die Mischwesen Engel, so wie Leonardo da Vinci und viele andere sie dargestellt haben, vollkommen flugunfähig sind. Ein Biologe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat 2002 ausgerechnet, welche Muskeln ein Engel haben müßte, um wirklich fliegen zu können. Er war auf eine Engelsgestalt mit dünnen Vogelbeinen gekommen und mit einer so muskelbepackten Brust, daß vorne ein großer Doppel-Buckel hervortreten müßte.</p>
<p><span style="font-size: medium">Schon 1845 hatte der Berliner Arzt Rudolf Virchow die Engel in der Malerei aus Sicht eines Anatomen kritisiert. Andere folgten. Unter ihnen bald auch Kunsthistoriker – wie Julius Langbehn, der die „Flügelmenschen“ als der „Wirklichkeit widersprechend“ ablehnte. Neuerdings hat sich der Wissenschaftshistoriker Peter Geimer mit dieser Engelskritik befaßt – in „Das Gewicht der Engel“ (abgedruckt in dem Aufsatzband „Kultur im Experiment“). Geimer konzentrierte sich dabei auf den Physiologen Sigmund Exner, der sich dabei bereits die Frage stellte, wie „es möglich wäre, dass sich ein menschlicher Körper gegen die Wirkung der Schwerkraft erhält“. Exner nahm sich einen Sperling als „Modell“, seine Überlegungen dazu erinnern Peter Geimer an jene, „die sieben Jahre später Otto Lilienthal in seiner Abhandlung &#8216;Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst&#8217; anstellte.“ Als Exner sie auf den Menschen übertrug, kam er auf einen „riesigen Buckel“, ebenfalls vorne. Er war weniger an Konstruktionen von Flugmaschinen interessiert als an der psychologischen Frage, warum das Schweben der Engel auf Bildern ihren Betrachtern, „obwohl es allen Naturgesetzen Hohn spricht, gleichwohl nicht als unwahrscheinlich, falsch oder &#8216;unschön&#8217; &#8216;erscheint&#8217;.“ 1906 veröffentlichte er nach einer Reihe von Experimenten ein Buch über „Das Schweben der Raubvögel“.</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Lebenswissenschaften</strong></p>
<p>In Berlin gründeten mehrere naturwissenschaftliche Einrichtungen gerade zwecks Profitabilisierung ihrer Arbeiten den zentralen Bereich &#8220;Life Siences&#8221; &#8211; mit einem Festakt. Der Name ist ironisch gemeint, denn natürlich  erforschen diese Wissenschaftler schon lange nicht mehr &#8220;das Leben&#8221;. Sie interessieren sich nur  noch für &#8220;die Algorithmen des Lebendigen,&#8221; wie man das mit dem Genetiker Francois Jacob seit 1965 nennt. Mich interessiert das Leben jedoch weiterhin. Als ich neulich in die JW kam, fragte ich die Feuilletonredakteure: &#8220;Habt ihr Tierbücher?&#8221; Hatten sie nicht, aber im Papierkorb unten im Haus fand ich dann in einer SZ vom Vortag gleich zwei Lebensberichte:</p>
<p>1. Über Darwins Frage, wie denn die &#8220;Falkland-Füchse&#8221; auf die Inseln kamen.  Sie waren  &#8220;derart zahm, dass sie aus der Hand fraßen&#8221; &#8211; wahrscheinlich, weil sie den Menschen 1833 noch nicht als Feind kannten.</p>
<p>So hat also der sowjetische Biologe Beljajew mit seiner Auslese der zahmsten &#8220;Blaufüchse&#8221; in Sibirien über 50 Generationen nur das erreicht, was &#8220;die Natur&#8221; schon vor 16.000 Jahren eingerichtet hatte. Damals &#8211; &#8220;auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit&#8221; &#8211; gelangte der Falklandfuchs auf die Inseln &#8211; und das ohne die unangenehmen Nebeneffekte (Verkindlichung) von Beljajews  künstlich erzeugter Zahmheit. Diese Effekte sind demnach Resultat einer auf Unterwerfung (Deduktion) beruhenden Zahmheit, während die natürliche  aus Arglosigkeit gepaart mit Neugier besteht, mithin selbstinduziert ist.  Die australischen Forscher, die ihre Datierung der Ankunft der Füchse auf den Falklandinseln durch Vergleich der DNA mit anderen ausgestorbenen Fuchsarten gewannen, wiederlegten damit u.a. die Ansicht, &#8220;dass frühe Menschen ihn mitbrachten&#8221;. Erst nach Darwins Falkland-Reise, da der Fuchs noch handzahm war, wurde er wegen der massenhaften Einführung der Schafzucht verfolgt, 1876 erschoß man den letzten.</p>
<p>Einige europäische Forscher meinen: &#8220;Eine Besiedlung über eine Eisbrücke ist unwahrscheinlich, da der Fuchs die letzte Eiszeit wohl kaum auf den Inseln überlebt hätte.&#8221;  Während die australischen Forscher behaupten: &#8220;Wenn das Meer auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit an einigen Stellen zufror, konnte der Fuchs hinüberlaufen und unterwegs Robben und Pinguine fangen. Kleinere Säugetiere wie Ratten aber wären auf dem Eis verhungert.&#8221;</p>
<p>2. Kanadische Biologen haben sich in der Erforschung des ausgestorbenen Riesenkamels hervorgetan, dessen 3,5 Millionen Jahre alte Knochen auf der arktischen Insel &#8220;Ellesmere Island&#8221; sie untersuchten. &#8220;Kamele stammen aus Nordamerika und haben sich über die Bering-Landbrücke nach Eurasien ausgebreitet,&#8221; schreiben die Forscher. Ihr Vorfahr ist das Riesenkamel, als es lebte, war die Arktis noch bewaldet.  Auf der immer schmaler werdenden Landbrücke zwischen Alaska und Sibirien drängten also einerseits die sibirischen (mongolischen) Völker nach Amerika und andererseits die nordamerikanischen Trampeltiere nach Sibirien.</p>
<p>Bei der &#8220;Entdeckung&#8221; Amerikas&#8221; 1492 lebten ca. 12 Millionen &#8220;Indianer&#8221; in Nord- und Südamerika. Man nahm an, ihre Vorfahren wanderten vor etwa 15.000 Jahren aus Asien ein.  Dafür sprachen die Steinwerkzeug-Funde der sog. &#8220;Clovis-Kultur&#8221;: Jäger, die Mammuts, Büffel und die später ausgerotteten amerikanischen Pferde verfolgten. Als vor rund 9.000 Jahren angeblich das Wild ausstarb, soll auch die  Clovis-Kultur zugrunde gegangen sein.</p>
<p>Dagegen sprechen nun über 30.000 Jahre alte Funde aus Brasilien und Chile. Man mußtmaßt, dass die Südamerikaner gar nicht mit den Nordamerikanern verwandt sind. Sie erreichten den südlichen Kontinent von dem Australien vorgelagerten Polynesien aus: &#8220;Wegen der Eiszeit lag der Meeresspiegel so niedrig, daß sie mit Booten von Insel zu Insel hopsten.&#8221; Der norwegische Widerstandskämpfer Thor Heyerdahl hat nach dem Krieg die entgegengesetzte Route zu beweisen versucht, indem er mit einem  Floß aus Balsaholz 1947 von Südamerika aus nach Polynesien segelte. Sein Bericht darüber heißt wie sein Floß: &#8220;Kon-Tiki&#8221;.</p>
<p>Etwa zur gleichen Zeit meinte der Verhaltensforscher Konrad Lorenz über die australischen Dingos, sie seien als Haushunde mit den ersten Aborigines per Schiff gekommen. Und diese Menschen hätten sich rückwärts entwickelt, seien also immer primitiver geworden, weil sie u.a. den Bootsbau verlernt hätten  und ihre Haushunde verwildern ließen. Im Zuge der Besiedlung durch die Weißen ab 1788 waren die Ureinwohner von diesen im Maße sie sie unterdrückten als zunehmend primitiver eingestuft worden. Die Einschätzung reichte vom &#8220;geistigen Niveau eines Kindes&#8221; bis zu &#8220;kaum menschlich&#8221; und &#8220;fast wilde Tiere&#8221;. Heute heißt es quasi offiziell: Sie gehören zusammen mit den Buschmännern und den Pygmäen zur ältesten menschlichen Rasse. Sie waren die ersten, die vor 60.000 Jahren Afrika verließ. Die Aborigines haben die größte genetische Vielfalt &#8211; gefolgt von den Buschmännern. Die DNA ihrer Mitochondrien ist mindestens 35.000 Jahre alt. So lange leben in etwa auch die Dingos in Australien. Aborigines und Dingos jagen jeder für sich (inzwischen?).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Für die Lokalausgabe der taz nahm ich dann noch einmal einen Anlauf zu den neugegründeten &#8220;Lebenswissenschaften&#8221; (Life Sciences) in Berlin, indem ich zum Gründungs-Festakt in der Humboldt-Universität ging. Als ich meinen Text in der Redaktion abgab, hatte ich das Gefühl, das diese Gründung, die mich ziemlich deprimiert hatte, als nicht besonders &#8220;wichtig&#8221; wahrgenommen wurde.</em></p>
<p><em>Mir schien dagegen, dass mit dem immobilienmäßig abgerundeten Gründungs-Festakt für ein &#8220;Life Sciences&#8221;-Zentrum etwas nachvollzogen wird, was die Universität Basel II schon vor etlichen Jahren versuchte &#8211; damals gab es noch Proteste dagegen:</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-size: medium">Ich schrieb 2012 darüber: Es gibt noch ein paar andere Lebensforscher: Die Schweizer Biologin Florianne Koechlin z.B.. Sie hat drei Jahre nach ihrem Buch &#8220;Zellgeflüster&#8221; (2005) einige neuere Pflanzenforschungsergebnisse zusammengetragen. Dazu interviewte sie Botaniker, Mikrobiologen, Bauern, Gärtner, Neurobiologen und Künstler. &#8220;Pflanzenpalaver&#8221; heißt ihre neue Aufsatzsammlung. Koechlin hat daneben die &#8220;Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen&#8221; zusammengestellt. Sie sind Grundlage dafür, dass der Schweizer Ethikrat beschließen möge, Pflanzen sind nicht länger eine &#8220;Sache&#8221; &#8211; ein seelenloser Gegenstand.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">In einem Artikel über ihren Biologielehrer, den Basler Professor Adolf Portmann, schrieb sie: „Seine Tiersendungen waren legendär. Portmann, der Autor von Büchern wie &#8216;Alles fliesst&#8217; oder &#8216;Biologie und Geist&#8217;, ist 1982 im Alter von 85 Jahren gestorben, doch seine holistische Biologie ist aktueller denn je. &#8216;Portmann war einer der grössten Biologen des zwanzigsten Jahrhunderts&#8217;, sagt der Basler Biologe Markus Ritter. &#8216;Ihn interessierte die stupende Vielfalt der lebenden Welt. Er versuchte, Lebewesen in einem &#8216;ganzheitlichen&#8217; Sinn zu erfassen&#8217;.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">&#8230;Ritter spinnt den Faden von Portmanns Geschichte weiter: &#8216;Die Biologie der Kriegsperiode von 1931 bis 1945 war eng mit dem politischen Weltbild des Nationalsozialismus verschränkt.&#8217; In Mode war ein simpler Neodarwinismus: Die Tüchtigsten überleben; die Schwachen sterben aus. Portmann widersprach dezidiert und führte seine Gestaltenlehre an: Warum, so fragte er, sind maritime kleine Hinterkiemerschnecken derart farbenprächtig und warum haben sie eine so unglaubliche Formenvielfalt? Das kann durch simple Selektionstheorien allein nicht erklärt werden. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">In den sechziger Jahren kam die Molekularbiologie auf. Euphorische Töne um die genetische Verbesserung des Menschen zogen die Wissenschaftswelt in ihren Bann. 1962 fand in London das berühmte Ciba-Symposium mit dem Titel &#8216;Der Mensch und seine Zukunft&#8217; statt. Thema war die genetische Manipulation und Verbesserung des Menschen. Die damals bekanntesten GenetikerInnen – unter ihnen einige Nobelpreisträger – entwarfen dort ihre kühnen Visionen zur Planung des Menschen: Menschen sollten intelligenter sein, älter werden, weniger Schlaf benötigen, grössere Gehirne haben. Portmann war schockiert: &#8216;Da betreiben wir heute einen wahren Götzendienst und tun, als sei wirklich der Schlüssel zu allem Erbgeschehen gefunden. Wer in Hinsicht auf das Erbgeschehen die Proportion zwischen gesichertem Wissen und noch unbekannten Vorgängen auch nur einigermassen ahnend vor Augen hat …, der kann gegenüber dem Optimismus mancher genetischer Planung nur ein kategorisches Nein aussprechen&#8217;. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Die Molekularbiologie eroberte auch Basel. In den sechziger Jahren entstand die Idee, ein spezielles Institut für Molekularbiologie und Genetik zu gründen, das spätere Biozentrum. Damit begann ein Kulturkampf: Die Zukunft gehörte fortan der Molekularbiologie und der Genetik, also den exakten Wissenschaften, die das Leben von den Bausteinen her zu erklären versuchten. Dahin sollten die Finanzströme fliessen, nicht in die als altmodisch empfundene Vielfaltsforschung. Portmann wurde kaltgestellt und aus fachwissenschaftlichen Kreisen ausgegrenzt.“</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Später heißt es dazu in einem Flugblatt des Basler Biologie-Lehrgangs:</span></p>
<p>„<span style="font-size: medium">Die Biologie an der Uni Basel ist heute immer noch schwergewichtig auf die Molekularbiologie und das Biozentrum ausgerichtet. Doch seit drei Jahren gibt es ein interdisziplinäres Biologie-Curriculum, das allen Biologiestudierenden eine breite Ausbildung ermöglicht: Angehende Molekularbiologinnen sollen nebst Genen auch ganze Organismen und Ökosysteme kennen lernen; angehende Zoologen die Grundlagen der Molekularbiologie rudimentär beherrschen. Das Curriculum gilt als innovativ und pionierhaft&#8230;</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Ein umstrittener Sparbeschluss des Unirates könnte diese Entwicklung nun torpedieren. Der Unirat will eine Botanik-Professur streichen und einen Teil der Botanik aus dem Departement Integrative Biologie herausnehmen. Das würde die integrative Biologie massiv schwächen, während die ohnehin starke Molekularbiologie nochmals aufgestockt würde.“</span></p>
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<p><em>Hier mein taz-Artikel über die Gründung des lebenswissenschaftlichen Zentrums zu Berlin:</em></p>
<p>- Am 7.März im Festsaal der Humboldt-Universität. Der Gebäude-Park-Komplex des alten veterinärmedizinischen Instituts der Humboldt-Universität nennt sich heute &#8220;Campus-Nord&#8221;. Dazu gehört das ehemalige Hauptgebäude der Akademie der Künste an der Luisenstraße und demnächst auch das Haus der Ständigen Vertretung der BRD in der Hannoverschen Straße, in dem jetzt noch das Bundesministerium für Bildung und Forschung untergebracht ist. Dieses wird  sich auf Basis eines &#8220;Public-Private-Partnerships&#8221; anderswo domizilieren. Auf dem Campus-Nord, wo auch für die HUB-Biologen ein neues Haus gebaut wird, entsteht ein &#8220;integratives Forschungsinstitut für die Lebenswissenschaften&#8221; (kurz: IRI-LS). Vorgestern wurde es gegründet &#8211; als &#8220;Flagschiff&#8221; im Rahmen der HUB-Exzellenz-Initiative. Beteiligt sind daran die Charité und das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Buch (wo man einst im Krieg die Idee &#8220;Ein Atom ein Gen&#8221; entwickelte). Letzteres, das MDC, ist mit ihrem &#8220;Berlin Institute for Medical Systems Biology&#8221; (BIMSB) vertreten, für das ebenfalls ein neues Gebäude geplant ist.  Der Charité wird dafür das Betten-Hochhaus renoviert. Im IRI-LS will man &#8220;lebenswissenschaftliche Spitzenforschung&#8221; betreiben.</p>
<p>Ende 2012 wurde mit der Teilfusion von Charité und Max-Delbrück-Centrum bereits ein &#8220;Berliner Institut für Gesundheitsforschung&#8221; (BIG) gegründet, mit dem ein &#8220;international sichtbarer Leuchtturm in den Lebenswissenschaften geschaffen wurde&#8221;, wie es hieß. Die Erben  des Kriegsgewinnlers und Ariseurs Quandt steuerten 40 Millionen Euro zum BIG bei.</p>
<p>Der &#8220;Life Sciences&#8221;-Leuchtturm und das &#8220;Life Sciences&#8221;-Flaggschiff wollen nun aber nicht gegeneinander Wissen schaffen, sondern dabei kooperieren. Der bereits vielgelobte HUB-Campus Adlershof gibt dabei das &#8220;Schema&#8221; vor. Es geht auf dem Campus-Nord organisatorisch und theoretisch um die Einheit der Naturwissenschaft (an der Humboldt scheiterte) und praktisch um &#8220;personalisierte Medizin&#8221;, d.h. genetisch auf den Kranken zugeschnittene Therapien, wobei die Grundlagenforschung von der molekularen Ebene bis zur medizinischen Arbeit  reicht. Dazu müssen &#8220;Lösungen für komplexe biomedizinische Probleme&#8221; gefunden werden. Das &#8220;neue Forschungsformat&#8221; soll &#8220;internationale Spitzenleistungen&#8221; erbringen. Und wenn das gelingt, dann ist nicht nur der &#8220;Weg zur Weltspitze nicht mehr fern,&#8221; wie einer der Festredner visionierte, sondern auch der Weg der Forschungsergebnisse in die wirtschaftliche Verwertung.</p>
<p>&#8220;Wir sind dabei sehr darauf aus, quantitativ zu arbeiten, auf der Basis mathematischer Theoriebildung,&#8221; fügte der Sprecher des IRI LS hinzu, wobei man sich &#8220;auf den großen Reichtum an Mathematikern, den es in dieser Stadt gibt&#8221;, stützen will. Der Informationsdienst Wissenschaft frohlockte: &#8220;In Berlins Mitte wird das Leben erforscht&#8221;. Besser gesagt: das, was vom &#8220;Leben&#8221; übrig geblieben ist: Gene, Epigene, Enzyme, Moleküle, Botenstoffe, Proteine&#8230; Die Lebenswissenschaften erforschen &#8220;nicht mehr das Leben, sondern die Algorithmen des Lebendigen,&#8221; könnte man mit dem Genetiker Francois Jacob sagen, der für diesen &#8220;Switch&#8221; (von ihm &#8220;Operon&#8221; genannt) 1965 den Medizin-Nobelpreis bekam. So gesehen ist der neue Begriff &#8220;Life Sciences&#8221; nur noch ironisch gemeint. &#8220;Das Leben lebt nicht mehr,&#8221; unkte bereits Adorno. Das merkt man bereits am Jargon. So ist z.B. von &#8220;Photosyntheseapparaten&#8221; die Rede, wenn die frei lebend und zugleich als Symbionten in Pflanzen und Cyanobakterien vorkommenden Chloroplasten gemeint sind, mit deren Hilfe man z.B. im schon bestehenden &#8220;Exzellenz-Cluster &#8216;UniCat&#8217;&#8221; der Humboldt-Universität Wasserstoff gewinnen will.</p>
<p>Als Hauptredner auf dem Festakt zur Gründung des Life Sciences Zentrums sprach der israelische Chemiker Aaron Ciechanover über molekulare Medizin. Er bekam 2004 den Nobelpreis für die Entdeckung der Funktion des Steuer- und Kontrollproteinsystems &#8220;Ubiquitin&#8221; (von ubiquitär &#8211; allgegenwärtig) in Zellen mit Zellkern: &#8220;Ist dieses System gestört, kann es zu zahlreichen Krankheiten beitragen &#8211; Krebs, Alzheimer&#8230;Pharmafirmen stiegen in dieses Forschungsfeld ein und inzwischen gibt es auf dieser Basis ein Medikament zur Krebsbehandlung auf dem Markt,&#8221; erklärte Aaron Ciechanover dazu der Berliner &#8220;Jüdischen Zeitung&#8221; am Tag des Festaktes. Und zeigte damit bereits den Weg von der molekularen Grundlagenforschung bis zur medizinischen Therapie auf. So kann es also funktionieren. Bleibt zu hoffen, dass die Humbodt-Universität mit der Einrichtung eines  kulturwissenschaftlichen Bereichs &#8220;Animal Studies&#8221; ein gewisses  &#8220;Lebens&#8221;-Gegengewicht schafft.</p>
<p>P.S.: Zu den Forschungsschwerpunkten des neuen Berliner Instituts für Lebenswissenschaften gehören natürlich auch die „Neurowissenschaften“. Dafür wird es wohl Gelder von der EU geben &#8211; den n erst kürzlich hatte die Europäische Kommission entschieden, eine Milliarde Euro in ein „Human Brain Project“ zu investieren. Und wenig später verkündete US-Präsident Obama, dass die USA in den nächsten 10 Jahren bis zu 3 Milliarden Dollar in ein neues Projekt, genannt „Brain Activity Map“, investieren wollen. „Wir müssen in die besten Ideen investieren“, sagte Obama. „Jeder Dollar, den wir für die Kartierung des menschlichen Erbguts ausgegeben haben, hat uns 140 Dollar eingebracht. Heute kartieren Wissenschaftler das menschliche Gehirn.“ Auch dabei soll sich jeder Dollar hundertfach auszahlen. Der Tagesspiegel schrieb über dieses Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Vermessung unserer lichtlosen Schädel:</p>
<p>Henry Markram, Leiter des „Human Brain Project“ an der Schweizer Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne, sieht die „Brain Activity Map“ nicht als Konkurrenz: „Sie generieren Daten, wir fügen die Puzzlesteine zusammen“, sagt er. Sein Ziel ist es, mithilfe von Supercomputern alle bisher bestehenden Daten über das menschliche Gehirn zusammenzufassen. Spezielle Algorithmen sollen ihm dabei helfen, trotz enormer Wissenslücken ein Computermodell des Gehirns zu erstellen. „Wir sind sehr froh über das amerikanische Projekt“, sagt Markram. „Je mehr Daten es gibt, desto besser ist das für uns.“</p>
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<p><strong>Die Endspieltheorie</strong></p>
<p>1984 (!) veröffentlichte der  US-Schriftsteller Thomas Pynchon in der &#8220;New York Times Book Review&#8221; einen Text, in dem er die alte Frage beantwortete &#8220;Is it o.k. to be a Luddit?&#8221; Pynchon spielte damit auf die englischen Maschinenstürmer an, die man &#8220;Ludditen&#8221; &#8211; nach ihrem fiktiven Anführer Ned Ludd &#8211; nannte, wobei er jedoch an eine mögliche Zerstörung der heutigen elektronischen Rechner dachte. Sein Text endete mit dem Satz: &#8220;Wenn die Kurven der Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie konvergieren&#8230; Jungejunge! Es wird unglaublich und nicht vorherzusagen sein, und selbst die höchsten Tiere wird es, so wollen wir demütig hoffen, die Beine wegschlagen. Es ist bestimmt etwas, worauf sich alle guten Ludditen freuen dürfen, wenn Gott will, dass wir so lange leben sollten.&#8221;</p>
<p>Der Anarchist Pynchon setzte in diesem Text eher auf einen marxistischen Determinismus, als auf Banden von Maskierten, d.h. er sieht den Aufstand bzw. Umsturz als einen, den die Geschichte (der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse) selbst hervorgebringen.</p>
<p>Von den &#8220;Ludditen&#8221; war bereits 1953 in dem Roman &#8220;Das höllische System&#8221; von Kurt Vonnegut die Rede gewesen. Es geht darin um die Massenarbeitslosigkeit produzierenden Folgen der Computerisierung, die den Menschen nur noch die Alternative Militär oder ABM läßt. Schon bald sind alle Sicherheitseinrichtungen und -gesetze gegen Sabotage und Terror gerichtet.  An vorderster Front steht dabei der Mathematiker Norbert Wiener. Trotzdem organisieren sich die unzufriedenen Deklassierten im Untergrund, sie werden von immer mehr &#8220;Aussteigern&#8221; unterstützt. Irgendwann schlagen sie los, d.h. sie sprengen alle möglichen Regierungsgebäude und Fabriken in die Luft, wobei es ihnen vor allem um den EPICAC-Zentralcomputer in Los Alamos geht. Ihr Aufstand scheitert jedoch. Nicht zuletzt deswegen, weil die Massen nur daran interessiert sind, wieder an &#8220;ihren&#8221; geliebten Maschinen zu arbeiten. Bevor die Rädelsführer hingerichtet werden, sagt einer, der ausgestiegene Mathematiker John von Neumann: &#8220;Dies ist nicht das Ende, wissen Sie&#8221;.</p>
<p>Nach Erscheinen des Romans beschwerte sich Norbert Wiener brieflich beim Autor über seine Rolle darin. Die Genetik-Historikerin Lilly Kay merkt dazu an: &#8220;Wiener scheint den Kern von Vonneguts Roman völlig übersehen zu haben. Er betrachtete ihn als gewöhnliche Science Fiction und kritisierte bloß die Verwendung seines und der von Neumanns Namen darin.&#8221; Vonnegut antwortete Wiener damals: &#8220;Das Buch stellt eine Anklage gegen die Wissenschaft dar, so wie sie heute betrieben wird&#8221;. Tatsächlich neigte jedoch eher Norbert Wiener als der stramm antikommunistische von Neumann dazu, sich von der ausufernden &#8220;Militärwissenschaft&#8221; zu distanzieren, wobei er jedoch gleichzeitig weiter vor hohen Militärs über automatisierte Kontrolltechnologien dozierte. Erst der Mathematiker  Theodore Kaczynski machte dann als &#8220;UNA-Bomber&#8221; ernst. Er bekam lebenlänglich dafür.</p>
<p>Als das Gros der Militärwissenschaftler sich nach Ende des Kalten Krieges und der Reduzierung ihrer Forschungsbudgets nach neuen Jobs umtaten &#8211; und etliche dabei  an der Wall Street landeten, besannen sie sich noch einmal auf den ungarischen Mathematiker John von Neumann, denn der hatte einst die &#8220;Spieltheorie&#8221; ersonnen, die er 1944 mit dem Nationalökonomen Oskar Morgenstern in einen Zusammenhang mit &#8220;ökonomischem Verhalten&#8221; brachte.</p>
<p>Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat diesen Einzug der Spieltheorie in die globalisierte Finanzökonomie als eine Katastrophe beschrieben &#8211; in seinem neuen Buch &#8220;Ego. Das Spiel des Lebens&#8221;. Und zwar deswegen, weil sie dort aus jedem von uns einen inhumanen &#8220;homo oeconomicus&#8221; macht &#8211; einen Egomanen. Dazu ist zweierlei zu sagen: Zum Einen hat der Mathematiker und Politologe Robert Axelrod in spieltheoretischen Experimenten auch das Gegenteil beweisen können: &#8220;Die Evolution der Kooperation&#8221; heißt diesbezüglich seine berühmte Studie. Er kooperierte dazu auch selber &#8211; mit der Mikrobiologin Lynn Margulis, die lamarckistisch inspiriert Symbiosen in der Natur für die evolutionäre Triebkraft hält &#8211; und nicht die Konkurrenz.</p>
<p>Zum Anderen erschien ein Jahr vor Schirrmachers &#8220;Ego&#8221;-Buch bereits ein Festschrift für den Philosophen Wolfgang Pircher mit dem Titel: &#8220;Spielregeln&#8221; ( herausgegeben vom Kulturwissenschaftler  Peter Berz u.a.). Darin beschäftigen sich nicht wenige der 24 Autoren mit der &#8220;Spieltheorie&#8221;. Ein Beitrag hat sogar Schirrmachers Titel vorweggenommen: &#8220;Das Spiel des Lebens&#8221;. Schirrmacher hat diese für sein Thema wichtige Aufsatzsammlung nicht erwähnt, ob er sie ignoriert, gar plagiiert hat, weiß ich nicht, das läßt sich aber rauskriegen.</p>
<p>P.S.: Vom Mitherausgeber der Festschrift, Peter Berz, bekam ich folgendes Zitat aus dem Buch &#8220;Die Evolution der Kooperation&#8221; von Robert Axelrod 1984/1988 geschickt: &#8220;Das iterierte Gefangenendilemma ist das E.coli der Sozialpsychologie.&#8221; ( S. 25)</p>
<p><strong>Arbeitsräume</strong></p>
<p>Man geht davon aus, dass sich im &#8220;Quattrocento&#8221; infolge der Verbesserung der Artillerie und damit zusammenhängend des Festungsbaus die noch als Handwerksverbund organisierten &#8220;Bauhütten&#8221; zersetzten &#8211; in wenige Kopfarbeiter und viele Handarbeiter. Dies fand auf der einen Seite seinen räumlichen Ausdruck in der &#8220;Manufaktur&#8221; und dann in der militärisch organisierten &#8220;Fabrik&#8221; &#8211; auf der anderen Seite im &#8220;Büro&#8221; oder im &#8220;Atelier&#8221;. Um diese Produktionsstätten von Künstlern, Architekten, Ingenieuren, die mitunter &#8220;Klösterliches&#8221; zitierten, entstand schnell ein Kult. So wurden z.B. aus vielen &#8220;Arbeitszimmern&#8221; der Intelligencija nach ihrem Tod Museen. Mit den Naturwissenschaften kamen die &#8220;Labore&#8221; in Mode. Dazu heißt es auf Wikipedia: &#8220;Im Gegensatz zum Büro wird im Labor auch praktisch gearbeitet, das heißt es werden die verschiedensten Experimente, Prozesskontrollen, Qualitätskontrollen durchgeführt und/oder es werden chemische Materialien bearbeitet sowie chemische Produkte hergestellt (Beispiel Chemielabor).&#8221; Manchmal fliegt so ein Labor auch in die Luft. Mit &#8220;Kult&#8221; meine ich hier eine religiöse Praktik, die so etwas wie Anbetung bewirkt &#8211; die Genialität, die schon lange vor dem Menschenrecht mit dem Copyright liebäugelte. Aber im Laboratorium wurde, wie der Name schon sagt, meist  gemeinschaftlich gearbeitet &#8211; z.B. Körperteile vermessen und verglichen. Die Französische Revolution vermehrte diese Art von Wissensproduktion noch einmal. Wolf Lepenies erwähnt in seiner Studie über &#8220;Das Ende der Naturgeschichte&#8221; eine Besucherin des Zootomischen Kabinetts im Jardin des plantes, wo sie den Naturforscher Cuvier und seinen Prosektor Rousseau bei der Arbeit sah: Statt in eine &#8220;Kirche&#8221; sei sie überraschenderweise in eine &#8220;Küche&#8221; geraten, meinte sie. Einhundert Jahre später haben sich die Verhältnisse geändert: Ein Kritiker der ansonsten von ihm verehrten Naturwissenschaftler Claude Bernard, Darwin, Charcot und Pasteur fühlte sich zu der Feststellung veranlaßt, &#8220;ein Labor sei keine Kapelle, sondern nichts als eine Werkstatt.&#8221;</p>
<p>Während der russischen Revolution entstanden aus diesen Werkstätten bzw. Küchen oder  Laboratorien ganze Fabriken. So sprach man z.B. von Iwan Pawlows &#8220;Physiologie-Fabrik&#8221;, in der über 100 Leute beschäftigt waren. Sie stellten laut dem Medizinhistoriker Daniel Todes &#8220;eine großen Anzahl unterschiedlicher Produkte&#8221; her: &#8220;Berichte, Dissertationen, Techniken und Hunde-Technologien, reine Verdauungssäfte und ehemalige Schüler&#8221;.</p>
<p>Im &#8220;Posthistoire&#8221; haben wir jetzt alles durcheinander: in leerstehenden Fabriken befinden sich &#8220;Künstlerateliers&#8221; (mit Oberlicht und Ölfarbengeruch) und Medienkollektive nennen  ihre Arbeitsräume &#8220;Werkstätten&#8221; oder sogar &#8220;Labore&#8221;  (für &#8220;datenverarbeitende Visionen&#8221; z.B.). Wenn irgendwo noch ein kalter Schornstein aufragt, kann man sicher sein, in seinem Umkreis auf heiße  &#8220;Denkfabriken&#8221; mit anglokreativen Namen zu stoßen. Solche und ähnliche &#8220;Laboratorien&#8221; gehen unter Umständen fließend in &#8220;Firmen&#8221; über. In den USA haben bereits über 80% aller Biologen/Genetiker Anteile an einer Firma oder besitzen eine solche &#8211; zur Vermarktung ihrer Produkte/Patente. Das Spektrum umfaßt kleine &#8220;Garagenfirmen&#8221; bis zu aufgeblasenen Aktiengesellschaften in teurem Öko-Ambiente. Selbst die &#8220;Salons&#8221; sind &#8211; wenigstens hierzulande &#8211; alle kommerziell. Daneben gibt es immer mehr &#8220;Lofts&#8221;: Wer ein &#8220;Loft&#8221; sein eigen nennt, für den fällt &#8220;Leben und Arbeiten&#8221; ineins. So einer spricht dann von einem guten &#8220;Projekt&#8221;. Auf Wikipedia heißt es: &#8220;Ein Loft ist ein zur Wohnung umfunktionierter Lager- oder Industrieraum.&#8221; Ironischerweise werden immer mehr &#8220;Lofts&#8221; in Neubauten verkauft.   Gleichzeitig haben aber auch die (wissenschaftlichen) Labore die  alten Gebäude verlassen: Ihre Experimente beziehen nun laut Bruno Latour unseren gesamten Lebensraum mit ein, d.h. wir sind alle Versuchspersonen geworden &#8211; wenn es z.B. um pflanzengenetische Freilandversuche, um Atomtests oder um eine gentechnisch veränderte &#8220;Designer-Mücke&#8221; geht, mit der man flächendeckend dem Malariaerreger beikommen will: &#8220;Die Molekularbiologen wissen genau, was sie tun,&#8221; meinte dazu der Malaria-Experten des Hamburger Tropeninstituts. Das Experiment wird von Bill Gates und Monsanto finanziert. Was ebenfalls nicht geeignet ist, diesem Globalprojekt zu vertrauen.</p>
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<p><strong>Bunte Hummer und große Welse, abwandernde Makrelen und winzige Krebse<br />
</strong></p>
<p>Man spricht bereits von &#8220;Riesenwelsen&#8221;: &#8220;In den heimischen Gewässern sind Zwei-Meter-Exemplare keine Seltenheit mehr.&#8221; Inzwischen haben die &#8220;Riesenwelse den Rhein erobert&#8221;. Biologen sprechen von der größten Veränderung der Wasserfauna seit der Eiszeit und rätseln über den Grund dafür, berichtet der Spiegel. Beobachter sind entsetzt über die großen Raubfische, weil sie nicht nur alle anderen Fische fressen, sondern auch schon Wasservögel und größere Nagetiere. In Bayern schreckte ein Zwei-einhalb-Meter-Wels &#8211; &#8220;Killer-Waller&#8221; dort genannt &#8211; nicht einmal vor unseren größten flugfähigen Vögel &#8211; den Schwänen &#8211; zurück. In einem niederösterreichischen Badesse zog ein solcher Riesenwels sogar eine 14jährige unter Wasser. Im Berliner Schlachtensee wurde eine Schwimmerin schmerzhaft gebissen, anschließend zog ein Angler einen 2 Meter 60 langen &#8220;Monsterwels&#8221; aus dem See.  Das unheimliche, geradezu plötzliche Wachstum des schuppenlosen Schlammfisches &#8220;Europäischer Wels&#8221; &#8211; um 100% geschieht zusammen mit anderen gravierenden Veränderungen in der Unterwasser-Fauna, von denen einige hier genannt seien:</p>
<p>1. Die Hummer vor der Ostküste der USA vermehren sich wie noch nie und werden immer bunter. Als Ursache wird ebenso wie bei den Hummern die Erwärmung des Wassers vermutet. Die dortigen Hummerfischer sind über ihre zunehmend üppigeren Hummerernten nicht froh, denn das Überangebot macht mehr Arbeit, gleichzeitig verdienen sie jedoch immer weniger, weil die Hummerpreise sinken. Die einstige Armen- und Gefängnis-Kost Hummer ist drauf und dran, wieder zu einer solchen zu werden. Jüngst kam es zu einem Streit zwischen kanadischen und amerikanischen Hummerfischern, weil diese ihre Tiere in Kanada zu Dumpingpreisen verkauften. Daneben müssen sie sich auch noch gegen den wachsenden Einfluß der Tierschützer wehren, die das Zubereiten des Großkrebses &#8211; z.B. auf der weltgrößten Hummerparty in Maine &#8211; als barbarisch kritisieren: Die Tiere werden dort lebend in riesige Behälter mit kochendem Wasser geworfen. Das rohe Massenvergnügen in der Hummerhauptstadt wurde vom Schriftsteller David Foster Wallace ausgerechnet in einer Gourmet-Zeitschrift kritisiert (sein Text heißt auf Deutsch: &#8220;Am Beispiel des Hummers&#8221;).</p>
<p>2. Die Makrelen wandern neuerdings immer weiter nordwärts &#8211; bis nach Island. Dort in der 200 Seemeilen-Fischfangzone werden die Schwärme von isländischen Fischern gefangen, die nun laufend ihre Fangquoten erhöhen. Die Fischer in der EU möchten den Makrelenschwärmen nachfolgen, aber die isländischen Kollegen sind schneller. Die EU droht Island und den Färöer-Inseln in dem Streit nun mit Sanktionen. Der Klimawandel habe das Verbreitungsgebiet der Tiere verändert, verteidigt sich und seine Fischer Islands Fischereiminister Steingrímur Sigfússon: &#8220;Große Mengen von Makrelen fallen in unsere Gewässer ein. Das sind gierige Tiere, die auch anderen Arten Futter wegnahmen. Island hat Anspruch auf einen gerechten Anteil von dieser wandernden Art. Das kann niemand bestreiten.&#8221;</p>
<p>3. Beim Abwandern eines anderen küstennahen Meerbewohners sorgen sich vor allem die Vogelfreunde: Bei den Sandaalen an der irischen, schottischen und norwegischen Küste, weil sie zur Hauptnahrung der dort brütenden Papageientaucher zählen. Der Biologe Cord Riechelmann fand an der Nordspitze Irlands heraus, dass die dortige Papageientaucher-Kolonie auf der Suche nach neuen Lebensräumen ist. Auf deren Brutfelsen beobachtete er, dass die Papageientaucher kaum noch Jungen großziehen konnten, weil es kaum noch Sandaale in ihren Revieren gibt. Diese seien wegen der Klimaerwärmung in kältere Meereszonen abgewandert.  4. Im Mittelmeer gibt es sogenannte Steckmuscheln, sie leben mit einem winzigen Krebs zusammen der Steckmuschelwächter heißt und sich in ihrem Inneren angesiedelt hat. Er hat Augen und wenn er sieht, dass Eßbares zwischen die Schalen der Muschel geraten ist, zwickt er sie, die sich daraufhin schließt und beide machen sich dann über die Nahrung her.</p>
<p>Schon Aristoteles und nach ihm Plutarch und Cicero haben sich mit dieser zu ihrer Zeit gerühmten Symbiose zwischen der Steckmuschel und dem Steckmuschelwächter beschäftigt. Ihr Interesse war jedoch auch ökonomisch miotiviert, denn die Steckmuschel hält sich mit sogenannten Byssusfäden am Boden fest. Diese Fäden hat man damals zu einer sehr edlen (und teuren) Seide für Kleidungsstücke verarbeitet. In zwei italienischen Hafenstädten werden die Byssusfäden der Steckmuschel heute noch verarbeitet. Unlängst wurde auch ihr Symbiont, der Steckmuschel-Wächter, zu einem ökonomischen Problem: Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer fanden ihn vor Sylt im Inneren einer Miesmuschel. Sie vermuteten, dass die Ursache seines Vordringens in den Norden entweder eine Folge der Meereserwärmung ist oder der Einfuhr von Miesmuscheln aus England, wo er früher jedoch auch so gut wie gar nicht vorkam. Muscheln aus Großbritannien werden trotz Protesten der Naturschützer seit 2006 im Wattenmeer ausgebracht. Und bei Sylt befinden sich Schleswig-Holsteins größte Zuchtflächen für Miesmuscheln.</p>
<p>Die Miesmuschelfischer befürchten wegen der Muschelwächter-Fundes bereits eine Verunreinigung ihrer Muschelbänke &#8211; und damit Absatzprobleme, denn es sei wenig verkaufsfördernd, wenn Krebse in der Muschel hausten und mitgekocht werden. So könnte dieser tatsächlich zum Wächter der Muscheln werden: Er entwerte sie für die Vermarktung, erklärte der Biologe Rainer Borcherding von der Sylter Schutzstation. Das sei eine &#8220;Öko-Lüge&#8221;, erwiderte der Geschäftsführer der Firma Royal-Frysk: &#8220;Unsere Importe werden von der Fischereiabteilung des Amtes für Ländliche Räume überwacht.&#8221; Den Muschelwächter gebe es überdies bereits seit 25 Jahren im Watt vor der Westküste, sagte er.  In dem vielgelobten Buch &#8220;Der innere Sinn. Archäologie eines Gefühls&#8221; des US-Literaturwissenschaftlers Daniel Heller-Roazen findet man ebenfalls eine Geschichte der mittelmeerischen Steckmuschel-Muschelwärter-Beziehung. Der Autor beruft sich dabei auf den schottischen Biologen D&#8217;Arcy Thompson.</p>
<p>Für diesen bestand deren Symbiose darin, dass der kleine Krebs der Muschel als &#8220;Türwächter&#8221; dient &#8211; sie also eher beschützt als mit ihr zusammen Nahrung einfängt. Thompson konnte sich dabei auf Cicero und Plutarch berufen, für die der &#8220;Wärter&#8221; nicht innerhalb, sondern außerhalb der Muschel angesiedelt ist, d.h. &#8220;vor dem Tor der Muschel sitzt und sie bewacht,&#8221; wie Cicero schrieb. Während Plutarch auf ihre Jagdkooperation abhob: Gemeinsam &#8220;packen und fressen sie, was ihnen in die Falle gegangen ist.&#8221; Beiden Autoren geht es um eine erfolgreiche &#8220;Zusammenarbeit&#8221; am Beispiel von Krebs und Muschel: Dabei muß man sich laut Cicero &#8220;verwundert fragen, ob sie durch eine Übereinkunft oder schon seit ihrem Entstehen von der Natur selbst aus zu dieser Verbindung gekommen sind.&#8221;  Für die Stoiker war das ein Problem, weil sie davon ausgingen, dass allein der Mensch über &#8220;Rationalität&#8221; verfüge, was ihn von anderen Tieren scharf unterscheide. Den einen wie den anderen eigne jedoch so etwas wie &#8220;Selbsterhaltung&#8221; bzw. &#8220;Selbstbefreundung&#8221; &#8211; denn sie hätten ein &#8220;Bewußtsein ihrer angeborenen Verfassung&#8221;. Das Kind, so erläutert Seneca, wisse zwar nicht, was körperliche Verfassung sei, aber es kenne die seine. Heller-Roazen fügt hinzu: Seneca &#8220;zeigt auch keine Scheu, für alle Tiere zu sprechen, wenn er von sich selbst spricht.&#8221; Für die Stoiker gehe es dabei um das &#8220;Eigenste in jedem&#8221; &#8211; seine &#8220;Verfassung&#8221;.</p>
<p>Der US-Autor kommt abschließend von dieser wieder zurück auf die beispielhafte Muschel-Wächter-Beziehung &#8211; jedoch um den Preis ihrer gänzlichen Metaphorisierung: &#8220;Jene &#8216;Verfassung&#8217; ist das in jedem Tier, was nicht das Tier selbst ist und, insofern sie es nicht ist, ihm &#8216;von Anbeginn an&#8217; erlaubt, zu werden. Als Wärter in ständiger Bewegung zwischen dem Außen und Innen der beweglichen Schale des Selbst ist sie dieser kleine Krebs, der die Muschel bewacht und sie von Zeit zu Zeit vorsichtig zwickt, um sie darauf aufmerksam zu machen, das da Nahrung ist.&#8221;</p>
<p>Der Schriftsteller Rudolf Kleinpaul blieb dagegen in seinem 1893 veröffentlichten Werk &#8220;Das Leben der Sprache und ihre Weltausstellung&#8221; skeptisch: &#8220;Die Alten glaubten, diesmal aber irrigerweise, an ein Freundschaftsbündnis zwischen Krebs und Muschel. Die Steckmuschel sollte in ihrer Mantelhöhle einen rundlichen Krebs beherbergen, den sie Wächter, nannten.&#8221; Ähnlich heißt es in &#8220;Meyers Konversationslexikon&#8221;: &#8220;Im Altertum sprach man von dem sogen. Muschelwächter, einem Krebs, der seinen Wirt vor Gefahren warnt, dafür aber in ihr wohnen sollte. Letzteres ist richtig, ersteres grundlos.&#8221; Das Internet-Lexikon &#8220;arcor.de&#8221; spricht von einer &#8220;Parabiose&#8221; (statt von einer Symbiose) zwischen einer Miesmuschel (nicht Steckmuschel!) und dem Krebs: &#8220;Der Muschelwächter lebt in der Mantelhöhle einer Miesmuschel, wo er fast sein ganzes Leben verbringt. Er hat nur einen weichen Panzer und ist in der Muschel vor Feinden geschützt. Lediglich zur Paarungszeit verlässt der Muschelwächter die Miesmuschel, da er nur zu dieser Zeit einen festen Panzer besitzt. Er profitiert als Mitesser vom Nahrungs- und Atemstrom der Miesmuschel.&#8221; Im Lexikon &#8220;wissen.de&#8221; heißt es dagegen über den Muschelwächter &#8211; quasi definitiv: &#8220;bis 1,8 cm breite Krabbe aus der Gruppe der Pinnoteridae; lebt frei im Mantelraum verschiedener Muscheln. Zur Paarung verlassen die Tiere ihre Muschel. Danach sterben die Männchen, während die Weibchen wiederum eine Muschel aufsuchen.&#8221;</p>
<p>Die Art der Krebs-Muschel-Beziehung bleibt dabei unerörtert, auch, ob der mittelmeerische Muschelwächter wegen der Klimaerwärmung nach Norden zu den Miesmuscheln gewandert ist.  Für das unheimliche Wachstum des europäischen Wels haben die Fischforscher und Fischer mehrere Erklärungen: Neben der Klimaerwärmung könnten auch die vielen Rückstände von Medikamenten, u.a. Östrogen, das Wachstum der Raubfische anregen. Eine andere These ist, dass die langsam von Industrieabfällen und Agrarrückständen gesäuberten Gewässer dem Fischbesatz zugute kommt und damit auch ihrem Freßfeind. Genetiker sprechen dagegen von einer spontanen &#8220;Mutation&#8221;, Mikrobiologen von einem Magen-Darm-Parasiten, der die Verdauung beim Wels anregt, was wiederum zur Nahrungsaufnahme anregt, die schließlich sein Wachstum beschleunigt: &#8220;Das geht aber nicht lange gut!&#8221;.</p>
<p>Die Eso-Szene vermutet eher Einflüsse des Mondes und der Sonnenprotuberanzen, die seit einigen Jahren zunehmen. Einige Kreuzberger Angler geben dagegen zu bedenken: Im Mekong ist aus industriellen Gründen, wegen Dammbauten, gerade der dort heimische &#8220;Riesenwels&#8221; am Aussterben, dafür haben wir ihn jetzt hier&#8230;&#8221;So what!&#8221; Die vietnamesischen Fischhändler in ihrer Lichtenberger Großmarkthalle versprechen bereits, sich darauf einzustellen.  Zwei Mitarbeiter des &#8220;Instituts für Küstenforschung&#8221; am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht, der Klimaforscher Hans von Storch und der Ethnologe Werner Krauß, haben gerade ein Buch mit dem Titel &#8220;Die Klimafalle&#8221; veröffentlicht, darin geht es darum, dass &#8220;die Klimaforschung von der Politik gekidnappt wurde, um ihre Entscheidungen als von der Wissenschaft vorgegeben und als alternativlos verkaufen zu können.&#8221; Etwas anders verhält es sich mit den oben erwähnten Veränderungen bei der Unterwasser-Fauna, so weit es die Fisch-, Krebs- und Muschel-Bestände betrifft, die von den immer industrieller ausgerüsteten Fischern ausgebeutet werden: Hierbei liefert der &#8220;Klimawandel&#8221; ihnen eine billige Erklärung für Probleme, denen sie machtlos vis à vis stehen, so dass sie nichts ändern müssen.</p>
<p><strong>Fische verstehen</strong></p>
<p>Eine vornehme Adresse: Unter den Linden, man muß klingeln, um in die Berliner Galerie der Schering-Stiftung zu kommen. Sie dient, sagt sie, &#8220;der Förderung von Wissenschaft und Kultur mit Fokus auf den Naturwissenschaften&#8230;&#8221;</p>
<p>Der Raum für die Ausstellung ist abgedunkelt, an den Wänden leuchten kleine und große Bildschirme und eine Doppelprojektion. In der Mitte steht ein Stahlgerüst für die Projektoren und Kabel. Eine Kunsthistorikerin erklärt einer Lehrerin das &#8220;Projekt&#8221;, derweil einige  Schüler Schattenspiele vor der Projektionsleinwand veranstalten. Die beiden Frauen gehen von Bildschirm zu Bildschirm, es sieht aus, als würde eine Aquariumsführerin  von Becken zu Becken gehen, um einer interessierten Besucherin deren  &#8220;Inhalt&#8221; zu  erklären.</p>
<p>Hier besteht der &#8220;Inhalt&#8221; jedoch aus postmoderner Kunst &#8211; bei der man wenig sieht, die aber viel Wissen, u.U. jedoch bloß in Form von Technik, enthält.</p>
<p>Das Projekt &#8211; des Zürcher Medienkünstlers Hannes Rickli &#8211; heißt &#8220;Fischen lauschen&#8221;. Dies tat auch erfolgreich  der Erforscher der &#8220;Fischsprache&#8221; Karl-Heinz Tschiesche, langjähriger  Leiter des Aquariums im Deutschen Meeresmuseum von Stralsund. Er hängte dazu Nachts Mikrophone in die Becken. Sein Bericht darüber heißt: &#8220;Seepferdchen, Kugelfisch und Krake&#8221;. Es ist ein schönes kleines Werk, was man von Ricklis  großer &#8220;Mehrkanal Audio-Videoinstallation&#8221; leider nicht sagen kann. Die Technik hat sich hier gewissermaßen an die Stelle des &#8220;Inhalts&#8221; gesetzt, der Künstler als &#8220;Content-Manager&#8221; spricht dann auch nur von &#8220;Daten&#8221;, die &#8220;übertragen&#8221; werden. Und zwar von Spitzbergen aus, genauer gesagt: von der nach dem Polarforscher Koldewey benannten Station im Ny Alesund. Dieser &#8220;verhaltensbiologische Forschungsstützpunkt&#8221; ist eine Außenstelle der &#8220;Biologischen Anstalt Helgoland&#8221;, die ihrerseits ein Vorposten des  Bremerhavener &#8220;Alfred-Wegener-Instituts für Polar-  und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft&#8221; ist.</p>
<p>So wie der Schweizer Künstler Rickli eine &#8220;künstlerische Begleitforschung zur Entwicklung ästhetischer Strategien&#8221; auf der Spitzbergen-Station durchführte, wird derzeit das Institut auf Helgoland von einem Schweizer Wissenschaftsforscher gewissermaßen heimgesucht. Dieser,  Christoph Hoffmann, erklärte kürzlich in der Neuen Zürcher Zeitung, was ihn an der dortigen Fischforschung interessiert: &#8220;Schön ist an diesem Projekt, dass es drei Ebenen eröffnet. Die Fisch-Ökologen dort untersuchen, ob und wie Fische akustisch kommunizieren. Das Interessante für mich ist zum einen das Geisteswissenschaftliche, wo der Begriff der Kommunikation im Zentrum steht. Wenn Menschen kommunizieren, erkennt man das leicht. Bei Fischen von Kommunikation zu sprechen, verlangt zum andern aber nach neuen Kriterien. Diese müssen also zuerst definiert werden. Als Wissenschaftsforscher interessiert uns, wie diese entwickelt werden. Wir lernen dabei auch etwas über unsere eigenen Vorstellungen. Forschung an Tieren liefert oftmals den Anlass für Aussagen, was Menschen ausmacht. Auf einer weiteren Ebene spielt das Tier eine Rolle, das trotz eigenem Rhythmus mitspielen muss. Das Ziel des Forschungsprojekts muss also mit dem Leben des Tieres zusammengebracht werden. In den Forschungsperioden wird, damit man nicht in das Leben der Tiere eingreift, während sieben Tagen einfach das ganze akustische und optische Geschehen aufgezeichnet. Wir haben also riesige Datenmengen. Als dritte Ebene interessiert mich der Umgang mit dieser Datenflut.&#8221; Zu diesem Zweck rückt der Wissenssoziologe Hoffmann mit seiner Schweizer Arbeitsgruppe nun laufend bei den Fischforschern auf Helgoland an, wahrscheinlich ebenfalls mit Kamera und Mikrophon.</p>
<p>Auf Spitzbergen geht es der Helgoländer Arbeitsgruppe unter der Leitung des Fischökologen Philipp Fischer allerdings nicht um die akustischen Lebensäußerungen der arktischen Meerestiere, sondern um die Erforschung ihrer &#8220;Habitate und Migrationen&#8221;. Um dafür die notwendigen &#8220;konstanten Meßreihen zu erhalten, wurde vor der Küste die Unterwasserstation &#8216;RemOs&#8217; installiert, die mit Meßsonden und Kameras bestückt aktuelle Daten wie Stereometriebilder, Temperatur, Trübheit oder Salzgehalt des Wassers ans Festland sendet. Über Remote und Datenstreaming kann aus großer Distanz auf diese Daten zugegriffen werden.&#8221;</p>
<p>Der Künstler Rickli hat sie für seine &#8220;Schau&#8221; in der Galerie der Schering-Stiftung &#8220;archiviert&#8221;. Daneben hatte er aber auch noch vor der Küste von Spitzbergen &#8220;sechs akustische Sensoren neben die Sonden&#8221; der Fischforscher unter Wasser installiert. Davon kann man sich nun mit einem Kopfhörer überzeugen. Die Ausstellungsführerin erklärt der Lehrerin, was man hört: &#8220;Und manchmal das Geräusch einer Schiffsschraube&#8230;&#8221; Ich erwarte mindestens Geräusche von einem Knurrhahn, der ja, wie der Name schon sagt&#8230;Stattdessen höre ich Eisen klirren &#8211; leise im Rythmus von Wellen, wie ein Blick auf einen der Bildschirme vermuten läßt. Wahrscheinlich sind das die Trossen, an denen die Sonden hängen &#8211; und Ricklis Mikrophone. Auf den anderen Bildschirmen erkenne ich eine Bucht mit einer kleinen Siedlung &#8211; einmal nachts hell erleuchtet, und einmal an einem grauen Tag. Im Sekundenrythmus baut sich jeweils ein neues Bild auf &#8211; und eine weitere Welle umspült einen merkwürdig geröteten runden Felsbrocken am Strand.</p>
<p>Spitzbergen hat reiche Kohlevorkommen und gilt seit einiger Zeit als &#8220;größtes Labor der Welt&#8221; für die Arktisforschung. Zudem war oder ist es noch Zentrum des dritten &#8220;Kabeljaukriegs&#8221; der Isländer, die die  200-Meilenzone der Norweger um Spitzbergen nicht akzeptieren. Da müßte es eigentlich genug Stimmen zum &#8220;Fischen lauschen&#8221; geben. Dem ist jedoch nicht so. Aber kann man das Rickli  vorwerfen? &#8211; Der die &#8220;akustische Kommunikation&#8221; ja bloß als &#8220;Daten vielspurig synchron ausspielt und damit eine vielschichtige Gleichzeitigkeit einer tausend Kilometer entfernten Forschungsrealität in den Raum der Schering Stiftung Berlin transportiert,&#8221; wie es im Beiblatt seiner Ausstellung heißt&#8230;Der Projektemacher ist zuerst und zuletzt ein Rhetoriker.</p>
<p>Dem Künstler zur Seite stehen am 1. und 2. März mehrere Wissenschaftler &#8211; im &#8220;Einstein-Saal&#8221; der Berlin-Brandenburgischen Akademie: U.a. der pensionierte Leiter des Berliner Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte Hans-Jörg Rheinberger &#8211; Übersetzer von  Derrida und Lacan, der erst kürzlich bedauerte, dass er während seiner zehnjährigen Tätigkeit in einem gentechnischen Labor sich nicht ein einziges Mal  seinen  &#8220;Modellorganismus Bakterie&#8221; unter dem Mikroskop angeschaut hat. Er spricht passenderweise zum Thema: &#8220;Fragile Daten&#8221;. Ihm folgen am darauffolgenden Tag der Leiter der Helgländer Station auf Spitzbergen Philipp Fischer und der wissenssoziologische Erforscher der Biologischen Anstalt Helgoland Christoph Hoffmann. Beide sprechen zum Thema: &#8220;Mit Daten umgehen&#8221;.</p>
<p>Mir deucht, dass die Künstler, die in Berlin nach der Wende zunächst den Bauherren der neuen Hauptstadt auf die Pelle gerückt waren (woraus das entstand, was man dann &#8220;Baustellenkunst&#8221; nannte), nun den Naturwissenschaftlern mit ihren &#8220;Projekten&#8221; kommen. Die Biologie ist zur neuen Leitwissenschaft geworden, und dort konkurriert man nun darwinistisch gesonnen um die &#8220;knappe Ressource Aufmerksamkeit&#8221; (und z.B. Pharmagelder). Aber auch in den  Kulturwissenschaften spricht man bereits von einem &#8220;animal turn&#8221;. In dieser Hinsicht gab die Ausstellung wie gesagt so gut wie nichts her. Es war eher eine gediegene Inspirationsquelle für die  Mediamarkt-Kunden vom Alexanderplatz.</p>
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<p><em>Ebenfalls seltsam ist die Verwendung einiger Pilone, die zwar nicht der Verkehrsaufklärung, aber der vorübergehenden Verkehrslenkung dienen:</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/suedafrikanischer-pilon.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7673" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/suedafrikanischer-pilon.jpg" alt="" width="360" height="480" /></a></p>
<p><em>Von Christoph Ludszuweit via Facebook/Südafrika</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/suedafrika-zubehoer.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7687" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/suedafrika-zubehoer.jpg" alt="" width="160" height="160" /></a></p>
<p><em>US-Zubehör</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pilon2.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7674" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pilon2-424x656.jpg" alt="" width="363" height="561" /></a></p>
<p><em>Von Christoph Ludszuweit/s.o.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pilone3.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7675" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pilone3.jpg" alt="" width="367" height="304" /></a></p>
<p><em>Quelle des Photos unbekannt, ebenso, was der Maler sich dabei gedacht hat.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/multifunktions-pilon.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7689" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/multifunktions-pilon.jpg" alt="" width="368" height="276" /></a></p>
<p>Von Peter Loyd Grosse</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Immer-dabei-Pilon.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7690" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Immer-dabei-Pilon.jpg" alt="" width="368" height="552" /></a></p>
<p>Immer-dabei-Pilon1. Photo: Peter Loyd Grosse</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Immer-dabei-pilon2.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7691" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Immer-dabei-pilon2.jpg" alt="" width="366" height="549" /></a></p>
<p><em>Immer-dabei-Pilon2. Photo: Peter Loyd Grosse</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/eisbaer-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7702" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/eisbaer-poller.jpg" alt="" width="368" height="476" /></a></p>
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<p><strong>Ein Hauch von Revolution</strong></p>
<p>Die Rosa-Luxemburg-Demonstration soll alle Jahre wieder so etwas wie eine linke Heerschau sein. Aber die eher staatsmarxistisch orientierten Ostler und die basisdemokratisch inspirierten Westler sind noch nicht unter einen Hut zu kriegen.</p>
<p>Die taz ist &#8211; zusammen mit der von Sartre gegründeten <em>Libération</em> &#8211; ein Projekt der &#8220;Spontiscene&#8221;, zu der ich mich damals wie heute zähle, obwohl sie nicht mehr so heißt und keine &#8220;Scene&#8221; mehr ist. Das gilt grob auch für die anderen damaligen linken Gruppen, ob leninistisch, trotzkistisch oder maoistisch ausgerichtet. 1978 hatten sie noch ihre eigenen Theorieorgane und Zeitungen. Eine, der <em>Arbeiterkampf</em> (ak), heißt inzwischen <em>Analyse &amp; Kritik</em>. Bis heute erhalten haben sich auch die anarchistischen Periodika <em>graswurzelrevolution</em> und <em>Direkte Aktion</em> (DA) sowie das immer noch &#8220;illegale&#8221; Berliner Autonomenblatt <em>Interim</em>.</p>
<p>Das Projekt <em>tageszeitung</em> setzte von Anfang an auf eine Art antikoloniales &#8220;Patchwork der Minderheiten&#8221; (Lyotard). Die Stoßrichtung aller sozialen Bewegungen, deren Teil man war, zielte auf eine grundumstürzende Veränderung der warenproduzierenden Gesellschaft: Theoretisch bis zur Kritik an der Zeitlosigkeit des naturwissenschaftlichen und mathematischen Wahrheitsbegriffs, praktisch bis zur Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit.</p>
<p>Wolfgang Müller, Autor des gerade erschienenen Readers &#8220;Subkultur Westberlin 1979-1989&#8243;, sprach zu Haus- und Instandbesetzerzeiten von den &#8220;Genialen Dilletanten&#8221;. Im &#8220;Fischbüro&#8221;, aus dessen Keller 1989 die Love-Parade kroch, wurde der Forschungsbegriff entsprechend ausgedehnt. Ein typischer Dialog am Tresen dort ging so: &#8220;Machen wir noch eine Bierforschung oder eine Nachhausegehforschung?&#8221; &#8220;Ich muss erst mal eine Dönerforschung machen.&#8221;</p>
<p>Die aus der Spontibewegung hervorgegangenen Realogrünen stimmen inzwischen in so ziemlich allen Parlamenten mit. Aber dies ist zugleich mit einer Abkehr von radikaler Gesellschaftskritik und allem, wofür sie früher standen, verbunden. Erfolg versprechen fürderhin vor allem Single Issue Movements. Inzwischen spricht man wie selbstverständlich von NGOs. Jean Baudrillard beobachtete bei den Linken nach 1989 einen allgemeinen Shift weg von den &#8220;harten Ideologien&#8221; (Klassenkampf, Diktatur des Proletariats) hin zu den &#8220;weichen&#8221; (Menschenrechte, Ökologie): &#8220;Sie finden gleichzeitig den Weg zur poetischen Pose des Herzens und zum Geschäft.&#8221; Und Daniel Cohn-Bendit erklärte auf dem taz-Kongress 2012: &#8220;Soziale Bewegungen sind notwendig. Aber sie kommen und gehen. Deswegen braucht es eine Partei wie die Grünen, um deren Forderungen durchzusetzen.&#8221;</p>
<p>Die Links- und die Piratenpartei sehen ihren Wählerauftrag ähnlich. So verhandelte die Kreuzberger PDS einmal mit der autonomen Spaßpartei KPD/RZ. Die Berliner Piraten beauftragten jüngst einen Mitarbeiter sozusagen vollamtlich, sich der Mieterbewegung &#8211; &#8220;Kotti &amp; Co&#8221;, &#8220;Anti-GSW&#8221;, etc. &#8211; anzunehmen. Die vielen Kneipen- und Buchladenkollektive und nicht wenige Galerien machen hingegen nur noch sporadisch aus linken Themen einen &#8220;Diskussionsabend&#8221; &#8211; wenn diese ein gewisses Erregungspotenzial offenbaren.</p>
<p>In einer Medien- und Informationsgesellschaft, in der die Softwareentwicklung eine immer größere Wertschöpfungstiefe erreicht und die Überwachungsdienste mit Nerds vom Chaos Computer Club um die besseren Algorithmen wetteifern, sollte man die Öffentlichkeit aber sowieso nicht mehr suchen, sondern sie eher meiden, um etwas &#8220;Soziales&#8221; zu entwickeln. Das scheint etwa die Neuköllner Lunte-Truppe, aber auch die Jour Fixe Initiative und die Freunde der klassenlosen Gesellschaft so zu halten, die höchstens einmal im Jahr eine öffentliche Diskussion anzetteln.</p>
<p>Diese werden ergänzt durch die Event-Maschinen der staatlichen Kunst- und Kultureinrichtungen &#8211; die auch fast alle den erwähnten &#8220;weichen Ideologien&#8221; anheim gefallen sind. Im übrigen enthusiasmierten 2011 die Aufstände der gebildeten Jugend und der Frauen in den arabischen Ländern auch die hiesigen Arabistik-Studenten und -Dozenten &#8211; bis hin zu den Palästinenserfreunden. Was schon bald eine ganze Reihe von Diskussionen und Soli-Initiativen &#8220;generierte&#8221;, wie man heute gerne sagt.</p>
<p>Gleichzeitig ergriff &#8211; jedenfalls in Berlin &#8211; ein gesunder Hang zum &#8220;Reduktionismus&#8221; in der Lebensführung, ein Kümmern um sich selbst, die kritischen &#8220;Massen&#8221;. Einhergehend damit waren immer mehr Linke sich nicht mehr sicher, ob die warenproduzierende Gesellschaft und ihre &#8220;Realabstraktionen&#8221; überhaupt umgestülpt gehören. An die Stelle einer politökonomischen trat die ökologische Utopie. Sie personifiziert sich etwa in den 7 Millionen deutschen Vegetariern. Das geht so weit, dass sich im Haus der Demokratie in Prenzlauer Berg &#8220;Nichtraucherverbände&#8221; einquartierten.</p>
<p>In Summa: Es wimmelt weltweit von kleinen und größeren Protest- und Reformbewegungen. Im Osten geht es dabei eher um die Essenz, im Westen um die Existenz. Ähnliches gilt für die anschwellende Theorieproduktion, die nicht selten nur dem Autor weiter hilft. Aber sie hilft!</p>
<p>Da drunter breitet sich ein diffuses Gefühl aus, dass es nicht mehr lange so weiter gehen kann. Man erkundigt sich schon mal, wie Kartoffeln angebaut werden. Eine Gruppe junger Linker aus Indonesien kam bei ihrer teilnehmenden Beobachtung der vorletzten 1.-Mai-Krawalle in Kreuzberg, die sie bis dahin bloß aus CNN-Berichten kannte, zu dem Schluss: &#8220;Das ist ja alles nur Spiel. Selbst die Hubschrauber&#8230;&#8221;</p>
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<p><strong>Infrastruktur und Infratest</strong></p>
<p>&#8220;Die Berliner Infrastruktur geht den Bach runter. Der neue Flughafen? Ein Desaster. Die S-Bahn? Nur teilweise einsatzfähig. Der Bahnhof Friedrichsstraße? Zerfällt ein seine Bestandteile. Und nun auch noch ein Rohrbruch am Nollendorfplatz. Das Wasser floss am Donnerstag in einem wildem Strom die Treppen herunter und flutete den Bahnhof,&#8221; schrieb eine Kollegin verzagt.</p>
<p>Es stimmt, eine Infrastruktur, die privatisiert wird, ist keine Infrastruktur mehr. Das kann man an der englischen Eisenbahn im Detail studieren. Hier bekommt das Wort &#8220;Spree-Athen&#8221; dadurch eine ganz neue Bedeutung.</p>
<p>Man kann aber auch eine gegenteilige Wahrnehmung der  Stadt haben. Im Detail z.B. die dunkle, gefährlich wirkende Reichenberger Straße in Kreuzberg, wo selbst die Spätkauf- und Internetläden stets leer waren. Aber plötzlich tut sich da was: Immer mehr Kneipenkollektive eröffnen Sperrmüll-Cafés in den leerstehenden Läden, sie schmücken den Bürgersteig mit bunten Lämpchen. Hier ist  &#8220;Nordneukölln&#8221; quasi übergeschwappt. Richtig rübergeholfen wird der zuletzt in den Achtzigerjahren von Intarsienkünstlern aufgehübschten Kiez-Allee aber vom Kapital. Nicht nur, dass die Häuser laufend den Besitzer wechseln, es werden auch kühne Projekte dort platziert, in die graue Misere des Sozialmieter-Milieus sozusagen reingerammt &#8211; mit Markanz und Flair. Völlig irre war schon der Bau eines Hauses, in dem die Wohnungsbesitzer ihr Auto mit nach oben nehmen können: das sogenannte &#8220;Carlofts&#8221;-Haus, das dann auch laufend von Gentrifizierungsgegnern attackiert wurde, so dass es seit 2001 von Wachmännern geschützt wird, die in einem Container auf dem Bürgersteig davor hausen. Die Firma CarLoft® GmbH, die zwei Architekten gehört, hat sich die Idee der &#8220;Carlofts&#8221; in 39 Ländern patentieren lassen. Zu diesem Wahnsinn, der Herbert Grönemeyer schließlich davon abhielt, sich dort einzukaufen, kommt nun aber noch ein Ladengeschäft im selben Haus hinzu, das es wirklich in sich hat: &#8220;Mary&#8217;s Nap&#8221;. Dort werden Luxus-Hundeartikel verkauft &#8211; in der Reichenberger Straße, wo derweil die letzten Kampfhunde friedlich wegsterben. Das muß man sich mal vorstellen. Als Renner in &#8220;Mary&#8217;s Nap&#8221; erwiesen sich die Tragetaschen für Kleinhunde wie Chihuahuas und Dackel. Die Ladenbesitzerin &#8220;Mary&#8221; schreibt über sich &#8211; auf ihrer Internetseite: &#8220;Als Mops bin ich immer glücklich, das ist mein Naturell.&#8221; Neben &#8220;Mary&#8217;s Nap&#8221;  macht jetzt noch  ein &#8220;Konzept-Laden&#8221; auf.</p>
<p>Des weiteren sei der Öko-Supermarkt der Firmengruppe &#8220;LPG&#8221; erwähnt, der in der Reichenbergerstraße immer noch wie ein dort versehentlich notgelandetes UFO aussieht &#8211; einschließlich seiner Kunden. Schräg gegenüber vom &#8220;Carlofts&#8221; steht im übrigen noch so ein toskanafarbenes neues Wohnhaus  für den gehobenen Geschmack, einschließlich eines gediegenen vegetarischen Restaurants und eines gepflegten Pärkchens drumherum. Noch abgefahrener und hochgestochener war die &#8220;Molekularküche&#8221; am anderen Ende der Reichenbergerstraße: am Oranienplatz, in dem mit Kamelhaarpinseln renovierten Max-Taut-Haus, wo zunächst Wim Wenders oben eingezogen war. Nach mehreren Einbrüchen verließ er den &#8220;Problembezirk&#8221; jedoch wieder. Die &#8220;Molekularküche&#8221;, wird auch &#8220;Metaphoric Cuisine&#8221; vom Inhaber Cristiano Rienzer genannt. Wie alles Gute und Teure hat auch diese Kochkunst, die am Oranienplatz in Workshops gelehrt wird, eine &#8220;Philosophie&#8221;. Darin heißt es: &#8220;Alle Lebensmittel bekommen dieselbe Wertschätzung. Die salzige und die süße Welt bilden eine Symbiose.&#8221; Das muß dem Besitzer des Dönerimbiß gegenüber keine Ruhe gelassen haben, denn seit einiger Zeit wird dort teures Fastfood von Bio-Rindern verkauft. Zu Rienzers metaphorischer Küche gehörte ein &#8220;Taller Store&#8221;, in dem man gleich im Anschluß an seine Workshops die Geräte und Zutaten kaufen konnte, um seine Gerichte zu Hause nachzumachen. Irgendwann blieb nur noch dieser &#8220;Store&#8221; übrig, und jetzt ist dort glaube ich ein Spätkauf eingezogen. Dafür hat gleich um die Ecke im selben (Taut-) Haus ein Geschäft für Outdoor-Moden aufgemacht &#8211; das &#8220;360 Grad&#8221;. Der &#8220;Outdoorexperte&#8221; Matthias Bischoff setzt darin auf die gehobene Survival-Klientel &#8211; und bietet vor allem skandinavische Edelmarken wie Fjällräven und Helsport an. Zwischen seinem Laden und dem Molekular-Späti hat das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) zusammen  mit der Lüneburger Universität (Leuphana) eine &#8220;Denkerei&#8221; eröffnet, nachdem ein Restaurant der gehobenen Preisklasse in den weitläufigen Räumen ökonomisch gescheitert war.</p>
<p>Der &#8220;Ideator&#8221; vor Ort Bazon Brock will sich in den Räumen laut denkend &#8220;an unlösbare Probleme und Maßnahmen der hohen Hand&#8221; heranwagen. Zuletzt dachte der Wuppertaler Ästhetikprofessor dort Evolution und Mathematik bis hin zur Quantenphysik zusammen: &#8220;Der Urknall war physikalisch-chemisch &#8211; naturgesetzlich. Erst die Bakterien gehen raus aus Physik und Mathematik &#8211; sie emanzipieren sich quasi von den Naturgesetzen. Der Mensch geht dann aber wieder rein &#8211; und weitet sie aus: auf eine künstliche Natur. Das beginnt mit Pythagoras&#8230;Und endet mit: 1 Punkt &#8211; 1 Pixel. Aber mit der Quantenphysik ändert sich wieder alles.&#8221; Auch die Reichenberger: &#8220;the street is a perfect example of a city still in flux and the Kiez is alright,&#8221; schreiben Sarah und George auf ihrer Weppage &#8220;be-my-guest&#8221;.</p>
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<p><em>Die Journalistin Jeanette Tust stößt unterwegs gelegentlich auf Poller-Ensemble. Die folgenden drei Photos stammen von einem absurden Touristentreffpunkt in Kreuzberg auf einer Brücke über den Landwehrkanal:</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/1.Br%C3%BCcken-Poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7676" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/1.Br%C3%BCcken-Poller-424x282.jpg" alt="" width="375" height="249" /></a></p>
<p><em>Brückenpoller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/2.Ein-Mensch-auf-Br%C3%BCcken-Poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7677" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/2.Ein-Mensch-auf-Br%C3%BCcken-Poller-424x282.jpg" alt="" width="377" height="250" /></a></p>
<p><em>Ein Mensch auf Brückenpoller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/3.Zwei-Menschen-auf-Br%C3%BCcken-Pollern.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7678" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/3.Zwei-Menschen-auf-Br%C3%BCcken-Pollern-424x282.jpg" alt="" width="379" height="252" /></a></p>
<p><em>Zwei Menschen auf Brückenpoller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/unter-der-bruecke-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7692" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/unter-der-bruecke-poller.jpg" alt="" width="381" height="531" /></a></p>
<p><em>Unter-der-Brücke-Poller. Photo: Peter Loyd Grosse</em></p>
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<p><strong> Wenn die Welt im Lokalen aufschlägt</strong></p>
<p>Zwar macht einen das Überangebot an Ausgeh-Möglichkeiten und Hingeh-Veranstaltungen in Berlin seit der Hauptstadtwerdung mitunter schlecht gelaunt, auch weil selbst viele der einst eher abseitigen Locations inzwischen von Touristen überrannt werden, dennoch ist das allabendliche Nosing-Around in den &#8220;Problembezirken&#8221; und &#8220;-Kneipen&#8221; für einen soziologischen Feldforscher und Lokaljournalisten noch die bequemste Methode der Wahrheitsfindung. Selbst Arbeitslose, die an Biertheken abhängen, kommen dort erwiesenermaßen schneller auf gute Ideen, als wenn sie sich schon morgens vorn Fernseher hocken.</p>
<p>Vor 89 zog es mich oft ins Kreuzberger Fischbüro: eine ehemalige Schusterei, in der es weder Publikum noch Performer gab &#8211; dennoch ein Programm. So erzählte der Künstler Kaethe B. dort einmal am Rednerpult, warum er welchen Namen in sein Adressbuch eintrug, und Sabine Vogel rekapitulierte die Herkunftsgeschichte ihrer Second- und Third-Hand-Klamotten, die sie gerade trug.</p>
<p>Aus dem Fischbüro-Übungskeller kroch in der Wende die Love-Parade ans Tageslicht &#8211; und das &#8220;Büro&#8221; verwaiste. Seit 2011 gibt es stattdessen im Osten die Kulturspelunke Rumbalotte<em></em>, in der, anders als bei den ganzen neuen Lesebühnen, Publikum und Performer ebenfalls nahezu identisch sind.</p>
<p>Als teilnehmender Beobachter hat man keine &#8220;Stammkneipe&#8221;, man bemüht sich vielmehr, irgendwann eine Karte des Großraums Berlin im Maßstab 1:1 im Kopf zu haben. Also alles und alle zu kennen. Aus Bequemlichkeit fällt dann aber doch eine Datschen-Party in Tegel oder eine Rinder-Ausstellung im Schloss Neuhardenberg aus, während ein Shuttleservice zur Festung Küstrin, wo bei Wein und Würstchen Friedrichs II. gedacht wird, hochwillkommen ist.</p>
<p>Manchmal bilden sich lokale Schwerpunkte heraus: der Wedding zum Beispiel. Erst interessiert das Afrikanische Viertel<em>: </em>Warum wollen alle hier lebenden Kameruner am liebsten in der Kameruner Straße wohnen? Dann: Wie konnte sich rund um das Café &#8220;Auf der Suche nach dem verlorenen Glück&#8221; am Leopoldplatz eine alternative Szene etablieren? Wo sind all die Weddinger Thai-Puffs hin (man sprach früher vom &#8220;Gelben Wedding&#8221;, inzwischen ist sogar das dortige Thai-Kloster verschwunden)? Und wieso gab es dort dann so viele mongolische Treffpunkte &#8211; wo sind die nun alle hin?</p>
<p>Das Ausgehen gilt in Berlin nicht nur dem plötzlich aufgetauchten Neuen, sondern auch dem verschwundenen Alten. Ganz extrem war das im Industrie und Arbeiterviertel Oberschöneweide<em>,</em> das sich nun &#8211; entleert &#8211; mit Künstlern und Studenten füllt.</p>
<p>Neulich gingen wir in Zehlendorf aus, wo die Klingelschilder alle keine Namen haben: Erst ins Brücke-Museum und dann ins Café Roseneck<em>,</em> wo sich sonntags die Boutiquenbesitzerinnen und Immobilienhändler treffen. Als die Torte kam, meinte Stefanie: &#8220;Jetzt fehlt nur noch Rolf Eden!&#8221; Und da kam er auch schon. Uns schien, dass man dort einen Tisch für ihn reserviert. So schien es auch mit Eberhard Diepgen in den &#8220;Wannsee-Terrassen&#8221; gewesen zu sein &#8211; bis diese abbrannten. Er traf sich dort immer mit seiner Mutter. Wie so viele andere ältere Erwachsene mit ihren Eltern auch. Sie hatten sich meist nicht viel zu sagen &#8211; saßen oft stumm nebeneinander und konzentrierten sich auf den Sonnenuntergang über Kladow.</p>
<p>Ähnlich schweigsam geht es im Ausflugsziel Buddhistisches Haus <em></em>in Frohnau zu. Hier meditieren ältere Frauen in wallenden Gewändern oder flüstern mit asiatischen Mönchen. Kornel Miglus, dessen Polnisches Filmfestival ebenfalls zu meinen Ausgeh-Terminen gehört, dreht dort zusammen mit den Polnischen Versagern eine &#8220;Reise um die Welt in 80 Tagen&#8221; &#8211; die nicht aus Berlin rausführt. Das muss sie auch nicht, weil die Welt hier fortwährend im Lokalen aufschlägt.</p>
<p>Eine Weile lang ging ich fast täglich ins Gericht<em> </em>zu irgendwelchen Prozessen, am Interessantesten waren die im Jugendgericht. En passant lernte man dabei auch noch den Bezirk Moabit kennen. Wobei nach dem Rauchverbot dessen Sozialgeografie noch einmal neu strukturiert werden musste. Seitdem gilt es überall, ein Netz sogenannter Raucher-Inseln im Kopf zu haben. Die Suche nach solchen ufert bisweilen aus, aber dadurch lernt man neue Ziele zum Ansteuern kennen und die verräucherten Eckkneipen mit Schlagermusik und allerlei Spielgeräten kommen zu neuen Ehren: z. B. die Altberliner Kneipe &#8220;Bären-Eck&#8221;<em> </em>an der Hermannstraße, das &#8220;Florian&#8221; am Kreuzberger Heinrichplatz, die &#8220;Eselsbrücke&#8221; im Prenzlauer Berg und die Pankower &#8220;Flora-Stube&#8221;. Das sind nun alles Ausgehziele, oder mindestens Zwischenstopps für Rauchpausen. Und ein Buch lesen kann man dort auch &#8211; genauso gut wie zu Hause im Bett.</p>
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<p><em>Einmal photographierte die Journalistin Jeanette Tust auch in Polen Poller:</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Poller-4.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7679" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Poller-4-424x318.jpg" alt="" width="389" height="292" /></a></p>
<p><em>Innenbeleuchteter Indoor-Poller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Poller-3.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7680" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Poller-3-424x565.jpg" alt="" width="391" height="520" /></a></p>
<p><em>Handgeschnitzter Jagiellonen-Poller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Poller-1.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7681" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Poller-1-424x565.jpg" alt="" width="393" height="522" /></a></p>
<p><em>Moderner Vorgarten-Poller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Poller-5.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7682" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Poller-5-424x597.jpg" alt="" width="395" height="556" /></a></p>
<p><em>Triumph-Poller</em></p>
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<p><strong>Der Club der Polnischen Versager in der Ackerstraße hat nach zwölf Jahren seine Geschichte als Buch veröffentlicht. Es heißt: &#8220;Der Club der polnischen Versager&#8221; und als Autoren zeichnen die Clubgründer Adam Gusowski und Piotr Mordel verantwortlich. Gestern wurde ihr Buch in der Kneipe &#8220;Rumbalotte&#8221; vorgestellt.<br />
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<p><strong>Triumph des mathematisch-technisch-naturwissenschaftlichen Denkens</strong></p>
<p>Eine deprimierende Nachricht:</p>
<p>&#8220;Der Kampf von Umweltschützern gegen Patente auf Affen geht in eine neue Runde: Die bekannte Forscherin Jane Goodall geht gemeinsam mit 13 Organisationen aus Deutschland, England und der Schweiz gegen Patente auf Schimpansen vor.</p>
<p>Sie wollen Einspruch einlegen gegen das Patent der US Firma Altor auf gentechnisch veränderte Schimpansen (EP1409646), das das Europäische Patentamt (EPA) im Juni 2012 erteilt hatte. «Es ist für mich eine schockierende Vorstellung, dass eine Firma in einem Menschenaffen nur noch ein technisches Instrument sieht. Wenn wir das jetzt zulassen, werden die Menschen in Zukunft fragen: Wie konnten Sie nur?», sagte Goodall, die viele Jahre das Leben von Schimpansen in freier Wildbahn beobachtet hat, laut Mitteilung.</p>
<p>«Der Einspruch ist auf dem Postweg», sagte Christoph Then von der Organisation Testbiotech, der sich seit Jahren gegen Patente auf Lebewesen einsetzt. Die betreffenden Tiere sind in ihrer DNA so verändert, dass ihr Immunsystem dem des Menschen ähnlicher sein soll. An diesen menschenähnlichen Tieren sollen Medikamente und Antikörper-Therapien getestet werden. Nach Ansicht der Tierschützer verstößt das Patent gegen die ethischen Grenzen des Europäischen Patentrechts. «Insbesondere von Menschenaffen wird angenommen, dass sie über ihre Leidensfähigkeit hinaus auch über ein menschenähnliches Bewusstsein verfügen», sagte Christophe Boesch von der Wild Chimpanzee Foundation. «Forschungsergebnisse insbesondere über das Verhalten von Schimpansen und Bonobos haben zu einer intensiven Debatte darüber geführt, ob Menschenaffen nicht Grundrechte eingeräumt werden müssten.»</p>
<p>Das EPA hat im Jahr 2012 drei Patente auf Schimpansen erteilt, eines davon für die Firma Altor. Gegen ein weiteres dieser Patente war bereits im November 2012 Einspruch eingelegt worden: Ob und wann es in diesem Fall zu einer mündlichen Verhandlung kommt, ist nach Angaben eines EPA-Sprechers aber noch nicht klar. Ein dritter Einspruch ist für Mai 2013 geplant. «Es gibt keine Rechtfertigung für derartige Patente. Diese Patente dienen nicht der Förderung des medizinischen Nutzens, sondern nur der Vermarktung von Versuchstieren», sagte die Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes, Brigitte Rusche. Nach Angaben Thens gab es schon 2006 ein Patent auf Affen mit Krebsgenen (EP0811061), auf das der Inhaber später aber verzichtet habe. 2010 wurde ein Patent auf Affen mit Epilepsie vergeben.&#8221;</p>
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<p><strong> Wiedergutmachungsgesten</strong></p>
<p>&#8220;Wiedergutmachung&#8221; &#8211; das Wort kennt man als Deutscher. Thomas Kuczyinski hat Jahre damit zugebracht, die &#8220;Entschädigungsansprüche für Zwangsarbeit im &#8216;Dritten Reich&#8217; auf der Basis der damals erzielten zusätzlichen Einnahmen und Gewinne&#8221; zu ermitteln.  Noch jetzt versuchen einzelne Aktivistinnen in der Ukraine ehemalige Zwangsarbeiterinnen ausfindig zu machen, um sie finanziell (symbolisch?) zu entschädigen. Andere, sowjetische Juden z.B., bekommen  &#8211; ebenfalls symbolisch (d.h. stellvertretend für die ermordeten)  &#8211; eine Wiedergutmachung in Form von Daueraufenthaltsrecht und Rente, obwohl sie selbst erst nach dem Sieg bzw. der Niederlage Deutschlands geboren wurden.</p>
<p>Auf der Berlinale hatte ein österreichischer Dokumentarfilm mit dem Titel &#8220;Wiedergutmachung unmöglich&#8221; Premiere. Die Berliner gaben ihm jedoch den nichtssagenden Titel: &#8220;Unter Menschen&#8221;. Es ging darin um die  Zwangsarbeit von 40 Schimpansen, die man in Sierra Leone als Kinder eingefangen hatte (indem man ihre Mutter und alle sie verteidigenden erschoß). 15 Jahre lang testete der österreichische Pharmakonzern &#8220;Immuno&#8221; an diesen Affen Medikamente gegen Aids und Hepatitis. Dann übernahm ein US-Konzern die Firma &#8211; und stellte die Versuche ein. Die weltberühmte Schimpansenforscherin Jane Goodall setzte sich für das Fernsehen in eines der Käfige, um zu zeigen, dass &#8220;Immuno&#8221; die 40 Affen einer schrecklichen Langzeit-Isolationsfolter unterzogen hatte. Einige Schimpansen waren im Labor zur Welt gekommen und kannten nur ihren Stahl-Glaskäfig.</p>
<p>Die Tiere bekamen von den neuen &#8220;Immuno&#8221;-Chefs zur Wiedergutmachung mitsamt ihren vier &#8220;Betreuerinnen&#8221; ein schönes neues Gebäude auf einem Safaripark. Aber auch hier, wo die Schimpansen bis an ihr Lebensende bleiben sollten, sah es innen wie im Hochsicherheitstrakt eines modernen Gefängnisses aus.</p>
<p>Dann ging jedoch der Safari-Park pleite und ein reicher Mann, Michael Aufhauser, übernahm das &#8220;Projekt&#8221;, er besaß bereits das &#8220;Gut Aiderbichl&#8221; &#8211; für alle möglichen Tiere, die der Forschung &#8220;gedient&#8221;  hatten und dann &#8220;ausgemustert&#8221; worden waren.</p>
<p>Wiedergutmachungszahlungen an Zwangsarbeiter werden heute bald, da es zu viel und nicht zu wenig menschliche Arbeitskräfte gibt, in Größenordnungen nur noch an Tieren geleistet. Als Teil des &#8220;Gut Aiderbichl&#8221; bekam das Schimpansen-Hospiz nach langem Drängen der vier Betreuerinnen mehrere Außengehege. Dieser Moment, da die ersten 10 Tiere aus ihrem Käfig im Haus  durch eine automatisch sich öffnende Stahltür nach 15 Jahren erstmals ins Freie traten, das war sozusagen der Höhepunkt des Dokumentarfilms über ihr Leben in Gefangenschaft. Auch Jane Goodall war wieder anwesend sowie jede Menge Prominenz aus Politik und Showbusiness &#8211; und natürlich das Fernsehen. Die Affenbetreuerin  Renate Foidl hatte aber alle und alles im Griff. Die Photos, wie die  Schimpansen in der Tür stehen und den ersten Schritt nach draußen wagen, gingen um die Welt, wie man so sagt. Im Film liest der Hospiz-Gutsbesitzer vor, in welchen Medien sie veröffentlicht wurden.</p>
<p>Als ich aus dem Kino ins Freie trat, verteilten vier Tierveruchsgegnerinnen Flugblätter. Darauf befand sich das Farbphoto von einem Affen, dem man die Schädeldecke weggesägt hatte, so dass sein Gehirn frei lag, mehrere Meßgeräte steckten darin, eins sah aus wie ein Faschingshütchen. Aber der Affe ohne Schädeldecke kuckte nicht fröhlich, er sah mehr tot als lebendig aus. Der Titel des Flugblatts lautete: &#8220;Umstrittene Affenversuche in Bremen dürfen weiter durchgeführt werden&#8221; So hatte ein Bremer Gericht gerade entschieden. Auf Fortsetzung der Experimente an Affengehirnen hatte die Uni Bremen geklagt. Nun habe ich an dieser als &#8220;linke Kaderschmiede&#8221; verrufenen Uni einst marxistische Erkenntnistheorie studiert &#8211; und schämte mich deswegen für diese widerliche  &#8220;Elite-Forschung&#8221;, für die man sich dort jetzt engagiert. &#8220;Die neurologischen Versuche ihres &#8220;Zoologen&#8221; Andreas Kreiter sollen herausfinden, wie bei bestimmten Regungen im Gehirn die Nervenzellen zusammenarbeiten und wie sie vernetzt sind.&#8221; Die &#8220;Tierversuchsgegner&#8221; merkten dazu auf dem Flugblatt an: &#8220;Bei den unzähligen Funktionen des Gehirns ist diese Forschung endlos. Das menschliche Gehirn hat ca. 100 Milliarden Nervenzellen.&#8221;</p>
<p>Zu bekämpfen ist darüberhinaus in toto diese ganze idiotische Fixierung der Wissenschaft auf das Gehirn und die  Gehirnforschung, um die Psychologie &#8211; dumpfmaterialistisch &#8211; in naturwissenschaftliche &#8220;hard facts&#8221;   aufzulösen, und so medizinisch-pharmazeutisch profitabel zu machen. Neurosen vs Neuronen.</p>
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<p><strong>Weitere Affenfilme:</strong></p>
<p>1. „<span style="font-size: medium">Nénette“ &#8211; ein Film über vier Orang-Utans im Pariser Jardin des Plantes, speziell über „Nénette“ eine 40 jahre alte Orang-Utan-Frau &#8211; von Nicolas Philibert 2010. Besucher am Käfig, einige kommen jeden Tag, erzählen ihr Wissen über sie, sowie Affenpfleger, einer davon betreute sie 35 Jahre lang. Alles aus der Sicht der Besucher des Menschenaffenhauses gefilmt. Weil Nénette mit ihrem Sohn Tübo zusammen lebt bekommt sie die Antibabypille. Geboren wure sie 1969 auf Borneo, 1972 kam sie in den Jardin des Plantes. Eine Zuschauerin fragt: „Willst du mit mir reden?“ Ein anderer kommt jeden Tag, um sie zu sehen. Eine Pflegerin meint: &#8220;So lange in Gefangenschaft zu sein ist natürlich schrecklich, wir fühlen uns alle schuldig.&#8221; Weil einige Besucher sich küssten, machten es irgendwann die Orang-Utan nach. Bei rothaarigen Besucherinen machen sie Kußgesten zu ihnen hin&#8230; </span></p>
<p>2.  <em>„<span style="font-size: medium">Max</span></em><span style="font-size: medium">, </span><span style="font-size: medium">Mon Amour“ mit Charlotten Rampling und einem Schauspieler in Schimpansenkostüm: Spielfilm von Nagisa Oshima 1986.Wenn eine Frau sich in einen Menschenaffen verliebt reagiert ihr Ehemann genauso als hätte sie sich in irgendeinen anderen Affen verliebt.<br />
</span></p>
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<p>3. „<span style="font-size: medium">Primate“ Doku 1974 von Frederick Wiseman über das „Yerkes National Primate Research Center“ &#8211; eines der schrecklichsten Affenfolter-Orte, die es auf der Welt gibt, auch in quantitativer Hinsicht. Hier ein Artikel von Elen und Jim Moody darüber:</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Last night I watched the most horrifying film I’ve ever seen and I’ve seen some horror. It’s a 1974 Frederick Wiseman film called </span><em><span style="font-size: medium">Primate</span></em><span style="font-size: medium"> where he filmed the people or scientists who “do” science at Yerkes Regional Primate Research Center in Atlanta. (I hate to call them that but that’s why they would call themselves and would probably be granted that definition because of their methods of documentation) The daily cruelty inflicted on a group of apes unluckily caught and enslaved in cages is terrifying as you watch them do the meanest, most absurd, brutal, exploitation, and useless experiments on these animals. Researching these animals’ sexuality under conditions of extreme imprisonment, drugging, imprisonment inside various kinds of harnesses, versions of chains, includes forcing a chimp to ejaculate while you feed him grape juice; you keep him in cage, starve him so he is hungry and will come to the front and you put your hand in and do this to him. This is minor. I saw one gibbon beheaded slowly. The people wear doctors’ outfits. They are doing science, continually writing down every thing these animals are coerced into doing in these cages.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">I then read an chapter printed in a 1989 book by Thomas Benson and Carolyn Anderson, </span><em><span style="font-size: medium">Reality Fictions</span></em><span style="font-size: medium">, where I learned as of that year the Yerkes institute was still performing these acts.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">To my surprise I discovered it began with Anthony Trollope’s description of his realistic method IN CYFH? where he discussed self-reflexively how he put his “facts” on a page, what he meant to do in his novels: to make us see and face the real details of the world and see their relations and consequences quite apart from what the characters claim these are.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">This is what Wiseman does. Benson and Anderson then quoted and discussed James Agee documentary book on sharecroppers in the depression where a similar point is made about political discourse and how to be effective.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Of course the Yerkes and its supporters have attacked Wiseman as unfair, gross, skewing the evidence. They say their talk was not included, their justifications. In fact they partly are. But these are irrelevant. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Look at what people do. I cannot better Benson and Anderson’s straight descriptions and evaluations:</span></p>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">Primate is 105 minutes long-feature length-and contains, according to an analysis by Liz Ellsworth, 569 shots.8 That works out to an average of eleven seconds per shot for Primate, approximately half of the average shot length of twenty-three seconds in Wiseman’s High School, and a third of the average shot length of thirty-two seconds in Titicut Follies. The unusually large number of shots in Primate is not simply a fact, but a clue, both to the rhythm of the film and to its method of building meanings. </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">The film opens with a long series of shots in which we may first notice the ambiguity of the film’s title, which applies equally well to men and apes. We see a large composite photograph, with portraits of eminent scientists, hanging, presumably, on a wall at the Yerkes Center. Wiseman cuts from the composite portrait to a series of eight individual portraits, in series, then to a sign identifying Yerkes Regional Primate Re­search Center, a bust of a man on a pedestal, an exterior shot of the center, and then a series of four shots of apes in their cages. The comparison is<br />
obvious, though not particularly forceful, and it depends for its meaning both upon the structure Wiseman has chosen to use-at least he does not intercut the apes and the portraits-and upon our own predictable surprise at noticing how human the apes look.<br />
Slightly later in the film, still very near the beginning, a pair of sequences occur that are crucial to how we will experience the rest of the film. Research­ers are watching and recording the birth of an orangutan. The descriptive language is objective, but not altogether free of anthropomorphism: for exam­ple, it is hard not to refer to the female giving birth as the “mother.” </span></p></blockquote>
<blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">Immediately following the birth sequence, we watch women in nursing gowns mothering infant apes: the apparatus of American babyhood is evi­dent-plastic toys, baby bottles, diapers, baby scales, and a rocking chair. To reinforce the comparison, we hear the women speaking to the infant apes. “Here. Here. Take it. Take it. Come on,” says the first woman, offering a toy to an infant ape. Then another woman enters the nursery, also dressed in gown and mask. “Good morning, darlings. Good morning. Mama’s</span> <span style="font-size: medium">babies? You gonna be good boys and girls for Mommy?” A moment later she contin­ues, “Mama take your temperature. Come on, we’ll take your temperature. It’s all right. It’s all right. It’s all right. It’s all right.” Then a man enters and hands cups to the infants. He says, “Come on. Come on. Here’s yours.” </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">The rhetorical effect of this scene is to reinforce our sentimental identifica­tion with the apes. And this scene, by comparison, makes even more frighten­ing a scene that follows close upon it, in which a small monkey is taken from its cage, screaming, as a man with protective gloves pins its arms behind its back and clamps his other hand around its neck. </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">After these scenes, every image in the film invites us to continue enacting comparisons, as part of the process by which we actively make meanings out of the images.</span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">Wiseman establishes a dialectic between acts that we are likely to perceive as kindness to the apes and acts that we are likely to perceive as cruelty. Do the acts of kindness balance the acts of cruelty? Is there a journalistic attempt at fairness here? Not really. We understand that in this institution, the apes are subject to human domination, mutilation, and termination. In such a situation, the acts of kindness do not balance the acts of heartless research. Rather, kindness is reduced to hypocrisy, a lie told to ease the consciences of the scientists and to keep the apes under control. Far from balancing the harshness of the research scenes, the scenes of kindness turn the research into a cruelty and a betrayal. </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">Let us examine briefly another sequence in Primate. It is the climactic sequence of the film, a little over twenty minutes and over one hundred shots long. In it, researchers remove a gibbon from its cage, anesthetize it, drill a hole in its skull, insert a needle, then open its chest cavity, decapitate it, crack open its skull, and slice the brain for microscope slides. It is a harrowing sequence. From a structural standpoint, Wiseman uses the techniques we have noticed earlier. The images are often highly condensed, with close-ups of needles, drills, scalpels, the tiny beating heart, the gibbon’s terrified face, scissors, jars, vises, dials, and so on. </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">We are invited to engage in our continued work of making comparison and metaphors: the gibbon is easy to identify with, in its terror of these silent and terminal medical procedures. We are the gibbon, and we are the surgeons. At another level, we see the gibbons’ cages as a sort of death row and call upon our memories of prison movies when we see the helpless fellow gibbons crying out from their cages as the victim is placed back into its cage for a twenty-five-minute pause in the vivisection.</span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">Wiseman has carefully controlled progression and continuity in this section of the film, first by placing the sequence near the end of the film, so that it becomes the climax of the preceding comedy, and then by controlling its internal structure for maximum effect. The sequence is governed by the rules of both fiction and documentary. We do not know until almost the very last second that the gibbon is certainly going to die. Earlier in the film we have seen monkeys with electrodes planted in their brains, so we are able to hope that the gibbon will survive. We keep hoping that it will live, but as the operation becomes more and more destructive of the animal, we must doubt our hopes. And then, with terrible suddenness, and with only a few seconds’ warning, the surgeon cuts off the gibbon’s head. We feel a terrible despair that it has come to this. But the sequence continues through the meticulous, mechanical process of preparing slides of the brain. Finally we see the researchers sitting at the microscope to examine the slides for which the gibbon’s life has been sacrificed. And for us, as viewers, the discovery ought to be important if it is to redeem this death. The two researchers talk: </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">FIRST SCIENTIST: Oh, here’s a whole cluster of them. Here, look at this. SECOND SCIENTIST: Yeah. My gosh, that is beautiful.<br />
FIRST SCIENTIST: By golly, and see how localized. No fuzzing out. SECOND SCIENTIST: For sure it does not look like dirt, or-<br />
FIRST SCIENTIST: No, no, it’s much too regular.<br />
SECOND SCIENTIST: I think we are on our way.<br />
FIRST SCIENTIST: Yeah. That’s sort of interesting. </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">The whole operation, which viewers are invited to experience as pitiable and frightening, seems to have been indulged in for the merest idle curiosity, and, if the scientists cannot distinguish brains from dirt, at the lowest possible level of competence. Our suspicions are confirmed a few minutes later when a group of researchers seated at a meeting reassure each other that pure research is always justified, even if it seems to be the pursuit of useless knowledge. </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">We have already mentioned the sound-image relationships in this se­quence in discussing the structural uses of comparison and continuity. But let us point to some special issues that relate to Wiseman’s use of sound. At many places in the film, people talk to apes, creating a dramatic fiction that the apes can understand and respond to human speech. But in the vivisection sequence, no word is spoken to the victim. This silence is almost as disturbing as the operation itself, because a bond of identification offered earlier is now denied. </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">The distortion of sexual behavior, in the name of understanding sexual behavior, sometimes reduces sexuality to mechanics, as in the many scenes where apes are stimulated to erection and ejaculation by means of electrodes implanted in their brains, or the scene in which a technician masturbates an ape with a plastic tube in one hand while distracting the ape with a bottle of grape juice in the other. At other times, the scientists seem gossipy, as they sit and whisper about sex outside a row of cages. The effect of the sex scenes is comic and undermines the dignity of the presumably scientific enterprise we are watching. </span></p></blockquote>
<blockquote><p><span style="font-size: medium">But along with the comedy, there is an undercurrent of horror, at times straightforward, at times almost surrealistic. Sometimes the horror occurs in small moments: a technician tries to remove a small monkey from its wire cage. He reaches inside the door of the cage and grasps the monkey, which tries to evade capture by clinging to the front of the cage next to the door, an angle that makes it difficult for the technician to maneuver it out of the door. The technician reaches up with his other hand and releases another catch, revealing that the whole front of the cage is hinged. The front of the cage swings open, and the technician grasps the clinging monkey from be­hind, as our momentary pleasure at the comedy of the impasse gives way to a small despair: there is no escape. </span></p></blockquote>
<p><span style="font-size: medium">Benson and Anderson found the snipping of the gibbon’s head off the moment the film most made them shudder; for me the cruelty of these people was felt most when Wiseman photographed one of the apes operated on and we see him from the back with no clothes, no fur, just shuddering and not a thing is done to soothe, comfort, protect him. And again when the ape operated on so horrifyingly is brought back to his cell, and just dumped there, and the camera catches the creatures intensely distress confused eyes as he lays on the cement floor, and the keeper locks the door on him and walks away.</span></p>
<p><span style="font-size: medium">Oh the film is rightly called </span><em><span style="font-size: medium">Primate</span></em><span style="font-size: medium">. The creatures in charge in their white coats doing these deeds are primates just as surely as the creatures they torture. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">This film more than any other shows the wisdom and decency of Sy Montgomery and the </span><span style="color: #000080"><span style="text-decoration: underline"><a href="http://reveriesunderthesignofausten.wordpress.com/2010/03/22/sy-montgomerys-walking-with-great-apeshow-hard-to-do-good-science-goodall-fosse-gildikas/"><span style="font-size: medium">“Woman who walked with apes”</span></a></span></span><span style="font-size: medium"> (Goodall, Fossey, and Gildikas) whose methods are called “unscientific.” They watched the apes in their real habitat, did not attempt to control or change or manipulate them, took into account the apes’ subjective life and studied them from within as a culture. Theirs is the real way to discover truths about these animals.</span></p></blockquote>
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<p><em>Aus verschiedenen Ecken des Erdballs kamen hier erneut  Kunstpoller und Pollerkunst aufs Schönste zusammen:</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/7.Platz-Poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7683" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/7.Platz-Poller-424x282.jpg" alt="" width="398" height="265" /></a></p>
<p><em>Husum (mit Stadtdesigner-Poller)</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pollerkunst.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7684" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/pollerkunst-424x565.jpg" alt="" width="396" height="528" /></a></p>
<p><em>Berlin (mit umgefallenem Poller)</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/performance-mit-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7685" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/performance-mit-poller-424x290.jpg" alt="" width="397" height="271" /></a></p>
<p><em>Brighton (Pollerperformance)</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/norwegischer-liochtpoller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7693" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/norwegischer-liochtpoller.jpg" alt="" width="397" height="621" /></a></p>
<p><em>Norwegischer Lichtpoller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/kunstpoller-usa.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7694" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/kunstpoller-usa.jpg" alt="" width="395" height="528" /></a></p>
<p><em>Amerikanischer Kunstpoller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/ohne-worte-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7703" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/ohne-worte-poller.jpg" alt="" width="400" height="507" /></a></p>
<p><em>Werbepostkarte mit Poller.  </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/tanz-auf-dem-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7695" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/tanz-auf-dem-poller.jpg" alt="" width="391" height="611" /></a></p>
<p><em>Amerikanisch-Russischer Tanz auf altem Navy-Poller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/loyd-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7696" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/loyd-poller.jpg" alt="" width="385" height="674" /></a></p>
<p><em>Pariser O-la-la-Poller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/poller-loyd.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-full wp-image-7818" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/poller-loyd.jpg" alt="" width="385" height="579" /></a></p>
<p><em>Aggressive Poller-Werbung. Photo: Peter Loyd Grosse</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Realismus-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7697" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Realismus-poller-424x318.jpg" alt="" width="384" height="287" /></a></p>
<p><em>Englischer Resignations-Poller</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/kopenhagen-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7704" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/kopenhagen-poller-424x318.jpg" alt="" width="387" height="290" /></a></p>
<p>Kopenhagener Abpollerungsbeispiel</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Kunst-Pollerbarriere.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7698" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/Kunst-Pollerbarriere-424x281.jpg" alt="" width="391" height="259" /></a></p>
<p><em>künstlerisch gestaltete Poller-Barriere in Worpswede. Alle Photos: Peter Loyd Grosse<br />
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<p><strong> Kantsche Gemütlichkeit</strong></p>
<p>&#8220;Man nennt das durch Ideen belebende Prinzip des Gemüts Geist,&#8221; heißt es bei Kant. Der Geist &#8220;belebt&#8221; also das Gemüt, indem er in ihm &#8220;die wimmelnde Bewegung der Ideen&#8221; entstehen läßt &#8211; so erklärte sich Michel Foucault den Kant-Satz. Man könnte ihn aber auch so lesen, dass das &#8220;Gemüt&#8221; aus Geist besteht &#8211; im Prinzip, und dieser muß ständig belebt, d.h. durch Ideen angetrieben werden.</p>
<p>Aber was versteht Kant eigentlich unter &#8220;Gemüt&#8221; (Plural Gemüter)? Wenn er etwas behaupten will, macht Kant sich zum &#8220;man&#8221;:  &#8220;Unter Gemüt versteht man nur das die gegebenen Vorstellungen zusammensetzende und die Einheit der empirischen Apprehension bewirkende Vermögen (animus)  Üb. d. Organ, d. Seele,&#8221; schreibt er an Sömmering 1795. An anderer Stelle heißt es &#8211; laut &#8220;Kant-Lexikon&#8221;: &#8220;Das Gemüt (animus) des Menschen ist der &#8216;Inbegriff aller Vorstellungen, die in demselben Platz haben&#8217;. Es hat einen &#8216;Umfang&#8217; (sphaera), der die drei &#8216;Grundstücke&#8217;: Erkenntnisvermögen, Gefühl der Lust und Unlust und Begehrungsvermögen befaßt, deren jedes in zwei Abteilungen, das Feld der &#8216;Sinnlichkeit&#8217; und der &#8216;Intellektualität&#8217;, zerfällt (&#8216;dem der sinnlichen oder intellektuellen Erkenntnis. Lust oder Unlust, und des Begehrens oder Verabscheuens&#8217;).&#8221;</p>
<p>Man hat Kant wegen solcher und ähnlicher Äußerungen nicht ganz zu Unrecht einen &#8220;Gemütsathleten&#8221; genannt: Als jemand, der noch über den &#8220;Gemütsmenschen&#8221; steht &#8211; ein Übergemütsmensch sozusagen. Auf Wikipedia heißt es dazu: &#8220;In einem engeren Sinne ist der &#8216;Gemütsmensch&#8217; ein Mensch, der Gelassenheit ausstrahlt und schwer aus der Ruhe zu bringen ist. In diesem Sinne bezeichnet der Begriff &#8216;starkes Gemüt&#8217; etwas Tugendhaftes, mit Gemütszustand wird die akute seelische und emotionale Situation eines Menschen bezeichnet, Gemütsschwankungen beziehen sich auf psychische Instabilität.&#8221; Diesen gegenüber steht das &#8220;sonnige Gemüt&#8221;. Als Synonyme fürs Gemüt lassen die  Internet-Lexika &#8220;Innenleben, Naturell, Wesen, Sinnesart&#8221; gelten. Zum &#8220;Übergemüt&#8221; gibt es nur einen Eintrag &#8211; und dieser führt zu einem &#8220;Neopangaia&#8221;-Forum. Dessen Betreiber versichern: Neopangaia sei das &#8220;neue globale Dorf&#8221; &#8211; ein &#8220;Biocyberspace&#8221;. Von dort gelangt man dann zu ganz vielen Youtube-Clips. Aber wieso sie das &#8220;Übergemüt&#8221; für sich in Anspruch nehmen, wird nirgends erklärt. Neo meint natürlich neu, Pan steht für Musik und Tanz und Dauergeilheit, Gaia für James Lovelocks Theorie von der Erde als ein Organismus&#8221;. Zusammengesetzt ergibt das einen neuen Eso-Orgasmus &#8211; als persönliches Projekt, als  Weltverbesserung, als Internetplattform, Playlist, Mangamanie, Amispinnerei und Geschäftemacherei. Bei Lamarck waren Organismus, Organ und Orgasmus Synonyme, auch noch bei Wilhelm Reich. Das Gemüt geht jedoch in eine ganz andere Richtung: hin zu gemütlich, zum deutschen Gemüt und schließlich zur  Gemütlichkeit. In seiner &#8220;Germanomanie&#8221; schrieb Saul Ascher 1815: &#8220;So geschah es, dass von ihnen [den Deutschen] die Gemütlichkeit als das Höchste und Würdigste aufgestellt ward.&#8221; In Dorothee Wenners Dokumentarfilm &#8220;Unser Ausland&#8221; machte sich deswegen 2002 ein indischer Sozialforscher in deutschen Schrebergärten auf die Suche nach dieser Gemütlichkeit, die von Wikipedia als ein &#8220;subjektiv empfundener Gemütszustand des Wohlbefindens&#8221; definiert wird, der nicht zuletzt von  &#8220;materiellen Verstärkern&#8221; lebe. Das ist aus den Kantschen Ideen geworden, die das Gemüt im Prinzip (Geist genannt) beleben. Man findet sie heute massenhaft z.B. im Bau- und Gartenbedarfsmarkt &#8211; wohin dann auch der indische Gemütlichkeitsforscher verwiesen wurde. Für das deutsche Gemüt ist dort jedes Sonderangebot ein Stimmungsaufheller &#8211; zwischen zwei Vergrübeltheiten. Man muß sich den Besuch eines solchen Baumarkts so ähnlich wie ein meteorologisches &#8220;Zwischenhoch&#8221;  vorstellen, das die Wettervorhersager kontrapunktisch als eine Art logische Sekunde zwischen zwei Tiefausläufern postulieren. Und es funktioniert sogar &#8211; bei den Wetterbericht-Zuhörern mindestens!</p>
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<p><strong>Werbung und Verbrechen</strong></p>
<p>Was Besucher aus dem Westen als &#8220;schön bunt&#8221; bezeichnen, die Werbeschilder und Leuchtreklame in Moskau, bezeichnet eine Moskauer Germanistin als &#8220;unerträglich&#8221;. Tatsächlich zeugt dieses aufdringlich vielfarbige Durcheinander der  Markennamen und Warenzeichen von der &#8220;Unerträglichkeit des Seins&#8221;, das permanent &#8220;Leichtigkeit&#8221;, mindestens  &#8220;Erleichterung&#8221; verspricht. In Wirklichkeit wird dagegen das &#8220;Überleben&#8221; immer schwerer, nicht nur in Moskau.</p>
<p>Kurz nach der Wende wollte/sollte die DDR-Kulturzeitschrift &#8220;Der Sonntag&#8221; von &#8220;Die Zeit&#8221; übernommen werden. Der &#8220;Deal&#8221; kam nicht zustande, dafür ließ man die Sonntags-Redakteure ein &#8220;Zeit-Magazin&#8221; frei gestalten &#8211; das Heft Nr. 46:  &#8220;Start ins neue Deutschland&#8221;. Darin ließen die &#8220;Ostler&#8221; sich zu einem Photo von Plakatwänden folgende Bild-Unterschrift einfallen: &#8220;Die Werbung überzieht das Land flächendeckend wie früher die Stasi.&#8221;</p>
<p>Die Chefredaktion des Zeit-Magazins bekam daraufhin einen wütenden Brief vom Bonner &#8220;Zentralausschuß der Werbewirtschaft&#8221;, in dem der &#8220;Zeit&#8221; gedradezu gedroht wurde, sie durch Anzeigen-Entzug in den Ruin zu treiben, wenn so ein schlimmer Satz noch einmal vorkäme. Zur Wiedergutmachung quasi wurde das Magazin dazu verdonnert, sich demnächst gefälligst &#8220;einmal sachgerecht mit dem Thema Werbung und Gesellschaft auseinanderzusetzen&#8221;.</p>
<p>Wenig später versuchten die &#8220;Sonntag&#8221;-Redakteure genau dies in ihrer eigenen Zeitung, indem sie eine Rede des DDR-Werbegraphikers Helmut Brade abdruckten, die dieser auf einem Braunschweiger Graphiker-Kolloquium gehalten hatte. U.a. hieß es darin: &#8220;Jeder Einzelne arbeitet fleißig am Ende der Welt. Der Graphik-Designer in vorderster Reihe. Was so wünschenswert wäre, dass die Gesellschaft besser wird, ihr Tempo verlangsamt und sich mit der Natur versöhnt, bleibt im Hintergrund. Wie wäre es z.B. mit einem Verbot jeglicher Werbung, die den Verbrauch von Waren und Energie fördert? Werbung ist verbrauchsfördernd. Die Förderung von Verbrauch aber ist im Zusammenhang mit den Chancen zur Erhaltung der Menschen als lebensgefährlich erkannt. Also kann ein Beruf, der sich inzwischen fast ausschließlich und mit immer größer werdender Perfektion der Verbrauchsförderung angepaßt hat, kein guter Beruf sein, sondern befindet sich auf der Seite des Verbrechens.&#8221;</p>
<p>Und das &#8220;Verbrechen&#8221; ist systemisch: Die kapitalistische Produktionsweise ist von Anfang an durch Überproduktion gekennzeichnet, erst recht seit dem Fordismus und dem Toyotismus, da man die heute elektronisch gesteuerte Produktion nicht einfach mal anhalten kann, das wäre chaplinesk, auch die Arbeiter kann man nicht so einfach mehr nach Hause schicken. Also muß der Absatz forciert werden &#8211; u.a. durch immer mehr Produktdesign und Werbedruck. Und wenn auch das nicht mehr geht, dann durch Krieg.</p>
<p>In den USA wollte man Ende der Zwanzigerjahre, die Unternehmen gesetzlich verpflichten, ihre Waren immer weniger haltbar zu machen, damit der Konsument immer schneller neue kaufen muß. Die Industrie verfiel stattdessen auf immer kürzere Produkzyklen, d.h. produzierte ständig selbst vermeintlich neue Waren: besser, bunter, billiger, die mittels Werbung und &#8220;Moden&#8221; bzw. &#8220;Trends&#8221; abgesetzt wurden. An dieser nur auf den Endverbraucher bezogenen &#8220;vordersten Front&#8221; steht der Werbegraphiker, &#8220;Werber&#8221; genannt.</p>
<p>Einigen Waren wurde und wird daneben seit den Zwanzigerjahren dennoch die &#8220;Lebensdauer&#8221; sozusagen künstlich verkürzt: Das fing mit der Glühbirne und dann mit den Nylonstrümpfen an &#8211; und hört mit HP-Druckern und Apple-Geräten noch lange nicht auf.</p>
<p>Das Kunstmagazin &#8220;art&#8221; interviewte dazu den &#8220;DDR-Design-Experten&#8221; Günter Höhne, ehemals Chefredakteur der ostdeutschen Design-Zeitschrift &#8220;form+zweck&#8221;, danach Dozent an der FHTW, die jetzt im ehemaligen Kabelwerk Oberspree in Oberschöneweide domiziliert ist. Laut Höhne hatte man in der DDR &#8220;andere Ansprüche an die Produkte als in der kapitalistischen Warenwelt. Diese lebt vom Warenumschlag auf Krawall, von Produkterneuerungszyklen, die immer kürzer werden. Das war in der DDR ganz anderes. Zum einen waren die Ressourcen gar nicht vorhanden &#8211; man sagt ja so schön: Mangelwirtschaft. Man mußte sparsam mit Energie und Rohstoffen umgehen, und es herrschte bei zu geringen technologischen Innovationsschüben ein steter Arbeitskräftemangel.&#8221;</p>
<p>Zwischenbemerkung von Heiner Müller: &#8220;Ein Land, das Arbeitslose hat, braucht keine Stasi!&#8221;</p>
<p>Höhne: &#8220;Das andere war eine allgemeine Einstellung bei vielen Nutzern von Produkten, dass sie sich dagegen wehrten, Dinge zu ersetzen, bevor sie überhaupt eine Chance hatten, sich zu verschleißen. Der Anspruch war eher Langlebigkeit und die Dinge als Lebensbegleiter in Würde älter werden lassen.&#8221;</p>
<p>Das klingt fast nach einem Land, in dem sogar den Dingen &#8220;Menschenrechte&#8221; zugestanden wurden. Am 3.Februar fand im &#8220;Industrie-Salon&#8221; auf dem Gelände des  abgewickelten Transformatorenwerks (TRO) in Oberschöneweide ein Gespräch mit zwei Experten für DDR-Plasteprodukte statt: Der eine, Richard Anger aus Ulm, sammelt sie seit 1991, und der andere, Günter Knobloch aus Ostberlin, war bis 1991 Direktor der dortigen Fachschule für Werbung und Gestaltung. Nach der Chemie-Konferenz der Partei 1958 wurde fast eine &#8220;Plastifizierung des ganzen Landes&#8221; eingeleitet. 1968 gründete sich die tschechische Band &#8220;The Plastic People of the Universe&#8221;, deren Verhaftung 1976 die &#8220;Charta 77&#8243; auslöste. In den Sechzigerjahren kamen hunderte neuer Produkte aus Plaste und Elaste in den DDR-Handel, hergestellt von damals 800 teilweise noch privaten Betrieben. Die  &#8220;Gestaltung&#8221; der Produkte sollte &#8220;im Sozialismus&#8221; anders sein als im kapitalistischen Westen: &#8220;Modern, aber nicht modisch!&#8221; Maßgeblich beteiligt waren daran die Formgestalter der  Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle &#8211; auf der Burg Giebichenstein.</p>
<p>Die Vorgabe, modern aber nicht modisch, wurde bei vielen Plasteprodukten eingelöst, im Kern war sie bereits von Rathenau und Siemens diskutiert worden, als es um die Vermarktung des Edison-Patents ging und die beiden dazu die Firma &#8220;Osram&#8221; gründeten. Siemens wollte, preußisch denkend, die Erleuchtung &#8211; Elektrifizierung &#8211; Deutschlands und dann Europas über die Herrscherhäuser, also durch Lobbyismus, Bestechung und Korrumpierung &#8211; &#8220;Beeinflussung&#8221;von oben  &#8211; erreichen, während Rathenau, US-inspiriert, auf Bedarfweckung durch Werbung von unten setzte, u.a. illuminierte er dazu das Café Bauer unter den Linden und ein Münchner Theater kostenlos mit Glühbirnen. Weil sie sich nicht einigen konnten, zog sich Rathenau aus Osram zurück. Nichtsdestotrotz wurde sein Konzern, die AEG, später neben Siemens führend im Welt-Elektrokartell &#8220;Phoebus&#8221;, das mindestens bis 1989 &#8220;International Electrical Association&#8221; hieß und seinen Sitz in Pully bei Lausanne hat: Es bestimmte u.a. die Lebensdauer aller Glühbirnen in der westlichen Welt: 1000 Stunden.</p>
<p>Als das DDR-Kombinat Narva 1982 auf der Hannover-Messe &#8220;Langlebensdauerglühlampen&#8221; vorstellte, die 2500 Stunden hielten, meinten die Osram-Kollegen abfällig: &#8220;Ihr wollt euch wohl alle arbeitslos machen!&#8221; &#8211; &#8220;Im Gegenteil!&#8221; erwiderten die Narva-Entwicklungsingenieure. Und recht hatten beide, wobei die einen eher  betriebswirtschaftlich und die anderen volkswirtschaftlich dachten. Letzteres &#8211; die VWL &#8211; wird heute, nach Auflösung des Sozialismus, zwischen BWL und Globalisierung ebenfalls aufgelöst.</p>
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<p><strong>Ganze Generationen generieren</strong></p>
<p>&#8220;Generieren&#8221; heißt so viel wie &#8220;automatisch erzeugen (lat. generare)&#8221;, sagt der Wiktionary. Als &#8220;Gegenwort&#8221; gilt ihm: &#8220;manuell erstellen&#8221;. Für den Duden  ist &#8220;generieren&#8221; ein Synonym für &#8220;kreieren&#8221;. Auf Englisch heißt das Verb &#8220;to generate&#8221; &#8211; und ist noch weitgehender anwendbar: von &#8220;errechnen&#8221; über vermehren bis &#8220;ausarbeiten&#8221; (ein &#8220;document&#8221; z.B.). In dem Wort ist das &#8220;Genus&#8221; (Plural Genera) &#8211; Art, Gattung Geschlecht -  enthalten, ebenso das &#8220;Gen&#8221;, die Genetik. Und damit die Fortpflanzung, die Fruchtbarkeit &#8211; das &#8220;Errechnen&#8221; von Nachkommen oder  Gewinnchancen bzw. Gewinne. Dergestalt wurde &#8220;generieren&#8221; fast weltweit zu einem &#8220;Magic Word&#8221;. In einer Zeit, da täglich nicht nur Arten sondern auch Verben aussterben.</p>
<p>&#8220;Die 149 Logenplätze generieren ab 2014 angeblich Einnahmen von rund 70 Millionen Euro,&#8221; heißt es z.B. in der taz  über ein Fußballstadion. &#8220;Mit ihrer prominenten  Besetzung  könnte sie aber Aufmerksamkeit generieren,&#8221; schreibt die taz über eine Umweltschutzkampagne. &#8220;Social-Media-Ranking-Dienste wie Klout oder Peerindex generieren aus den Kontakten in sozialen Netzwerken einen Wert auf einer Skala von 0 bis 100,&#8221; mit diesen Worten erklärt eine taz-Autorin ein US-Unternehmen, das mit dem Slogan &#8220;Entdecke Deinen Einfluss&#8221; wirbt. &#8220;Solche Veranstaltungen müssen wir immer wieder generieren,&#8221; sagt eine Museumsleiterin in der taz über ihr gutbesuchte letztes  &#8220;Event&#8221;. Es gelte, &#8220;anhaltendes Wachstum zu generieren,&#8221; meint dort ein Ökonom. &#8220;Ich habe mich entschieden, Bewusstsein zu generieren,&#8221; behauptet ein Filmer, der einen TV-Spot zur Kampagne &#8220;Kein Raum für Missbrauch&#8221; drehte. Auf einer &#8220;Cryptoparty&#8221; berichtete eine Frau, sie durchforste Webseiten &#8220;nach Daten, aus denen sich Passwörter generieren lassen&#8221;. Wer auch immer Suhrkamp übernimmt, er hat &#8220;die schier unlösbare Aufgabe, Bestseller zu generieren,&#8221; schreibt ein taz-Literaturbetriebskritiker. &#8220;Islands Fischwirtschaft droht nicht nur ein Verkaufsverbot für Makrelen, sondern für alle ihre Fischprodukte. Sie generieren 75 Prozent des isländischen Exportwerts,&#8221; heißt es über den Fischrechte-Streit zwischen der EU und Island in einem taz-Korrespondentenbericht. Eine ehemalige Linke, jetzt Maklerin sagt: &#8220;Geld muss nicht immer etwas Negatives sein. Man kann viel über Gentrifizierung schimpfen. Aber: All diejenigen, die jetzt nach Berlin kommen und hier investieren, bringen Geld in die Stadt. Sie generieren Jobs.&#8221; In diesem &#8220;Statement&#8221; haben wir das ganze derzeitige Scheißdenken wie in einer Nußschale. Eine alternative Imkerin gibt zu Protokoll: &#8220;Noch seien viele Fragen offen &#8211; deswegen gehe sie zum Beispiel auch auf die taz-Genossenschaftsversammlung, um dort Ideen zu generieren.&#8221; Das Verb  sickert in alle Bereiche ein &#8211; bis in die kubanische Musik z.B.: &#8220;verspielte Rhythmen betonen Gemeinsamkeiten und generieren das Beste, das die Bassmusik derzeit zu bieten hat,&#8221; schreibt ein taz-Kritiker. Eine Feministin seufzt: &#8220;Frauen können keine allgemeinen weiblichen Erfahrungen  mehr generieren&#8230;Männer generieren Macht in ihrer Beziehung.&#8221; Ein linker Regisseur erklärt der taz die Hauptfigur seines neuen Films: &#8220;Weil er ein Kapitalist ist, kann er nicht anders, als zu denken: das muss ich kaufen, anstatt es aus sich selbst heraus zu generieren.&#8221;</p>
<p>Es sich selbst zu schaffen, meint er  wahrscheinlich. Und dies im Sinne einer &#8220;creatio ex nihilo&#8221; (wie die des Schöpfergottes). Der Regisseur spricht hier der männlichen Prokreation das Wort, also der Vermehrung (durch Herstellung toller Werke), die mehr als die Reproduktion sichern. Beide Wörter gelten jedoch im strengen Sinne nur für die biologische Fortpflanzung, d.h. für das &#8220;Egoistische Gen&#8221;, wenn man dabei dem Erzdarwinisten Richard Dawkins folgt. Dieser übersetzte damit 1976 Margret Thatchers Dummbeutel-Bekenntnis: &#8220;Ich kenne keine Gesellschaft, nur Individuen&#8221; &#8211; als ewige Wahrheit in die Natur: Den Genen geht es nicht um die Arterhaltung, sondern um das Individuum, das ihnen aber nur als Transportmittel dient, in dem sie &#8211; die Gene &#8211; untereinander um ihre Verteilung in der nächsten Generation konkurrieren.</p>
<p>Aus dieser Ecke kommt das Wort &#8220;generieren&#8221;, erst nach der Wende wurde es in der taz vom Feuilleton übernommen &#8211; quasi weichgeklopft, so dass es längst überall paßt, wenn es darum geht, sich Uptodate auszudrücken. Gestern las ich in der FAZ irgendwas mit &#8220;Kommunikation&#8221; &#8220;an Schnittstellen&#8221; &#8220;generieren&#8221;&#8230;Ach!</p>
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<p><strong>Vaterschaftstests</strong></p>
<p>Vor einiger Zeit verschlug es mich nach Manila. Dort traf ich zwei &#8220;Health-Officers&#8221; aus Papua-Neuguinea, die sich auf Einladung der UNESCO zur medizinischen Weiterbildung in der Stadt  befanden: Sie gewährleisten die medizinische Versorgung und Gesundheitsprävention in schwer erreichbaren Gegenden, in einem lebten auch ihre Eltern als Subsistenzbauern. Ihr Rang war etwas unterhalb von ausgebildeten Krankenschwestern angesiedelt, man könnte sie als  &#8220;Barfuß-Krankenpfleger&#8221; bezeichnen, eingebunden jedoch in ein englisches Gesundheitssystem, das kostenlos war. Einer der beiden &#8220;Health-Officer&#8221;, er war etwas devoter als der andere, bezeichnete die &#8220;Heiler&#8221; und &#8220;Schamanen&#8221;, die Geld für ihre Behandlung nehmen, als seine &#8220;Hauptgegner&#8221;, die er als &#8220;Betrüger&#8221; bekämpfte. Während der andere, der souveräner wirkte, bei dem &#8220;Hauptproblem&#8221; in seinem Distrikt  &#8211; die Bisse einer bestimmten Giftschlange &#8211; sogar die &#8220;Zauberdoktoren&#8221; um Hilfe bat, die in solchen Fällen die Bißstelle mit Lehm und bestimmten Pflanzensäften beschmieren und dazu Zaubersprüche murmeln: &#8220;Das hilft fast immer &#8211; und ich spare mein teures Serum,&#8221; erklärte er.</p>
<p>Die beiden Health-Officer nahmen also zwischen dem &#8220;wilden&#8221;  und dem &#8220;rationalen Denken&#8221; unterschiedliche Positionen ein. Wir diskutierten jedoch bald etwas anderes: Die Anthropologie behauptet immer wieder eine Kenntnis des Zusammenhangs zwischen Geschlechtsverkehr, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt. Diese Kenntnis  reiche weit über die westlichen Gesellschaften hinaus und betreffe eigentlich alle menschlichen Gemeinschaften, ja sogar die vieler Tiere: Wenn z.B. männliche Löwen und Schimpansen als neue Rudelführer alle nicht von ihnen abstammenden Jungen töten, damit sie schneller &#8211; mit ihren Genen versehene &#8211; eigene  Nachkommen zeugen können. Den Gipfel schoß in dieser dumpfdarwinistischen Hinsicht einmal der Tierfilmer Heinz Sielmann ab, als er in seinem Beitrag über das Leben in einem Tümpel, über den ein Mückenschwarm tanzte, raunte: &#8220;Sie haben nur ein Interesse -  sich zu vermehren.&#8221;</p>
<p>Dem gegenüber stehen ethnologische  Feldforschungen &#8211; beginnend mit denen von Bronislaw Malinowski bei den Trobriandern, deren Inseln zu Papua-Neuguinea gehören: Trotz guter anatomischer Kenntnisse leugnen die Trobriander den Zusammenhang von Geschlechtsverkehr und Schwangerschaft, dennoch werden unverheiratete Frauen, obwohl sie viel Geschlechtsverkehr haben (können), fast immer erst nach ihrer Heirat schwanger. Weil erst dann ein &#8220;Vater&#8221; da ist, &#8220;der das Kind in den Arm nehmen kann, wie sie sagen. Der Vater ist bei den Trobriandern also keine biologische, sondern eine rein soziale Kategorie. Malinowski: &#8220;Da die Zeugungsfunktion des Geschlechtsakts unbekannt ist, weil die Samenflüssigkeit als harmlos gilt, ja als wohltuende Ingredienz, gibt es keinen Grund, ihr Eindringen zu verhindern -  deswegen kennen die Trobriander auch keine Verhütungsmittel. Und das gilt nicht nur für die Menschen, sondern auch für ihre Hausschweine, deren weibliche Tiere, da alle männlichen kastriert werden, sich von männlichen Wildschweinen im nahen Urwald decken lassen, was die Trobriander jedoch heftig bestreiten, zumal sie Wildschweinfleisch verabscheuen und nur das Fleisch von ihren Hausschweinen essen.</p>
<p>Auch etliche andere &#8220;primitive Völker&#8221; &#8211; bis hin zu vielen &#8220;unaufgeklärten&#8221; Teenagern im Westen sehen keinen Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Schwangerschaft. Die genverbreitungsversessenen Anthropologen würden dem entgegenhalten: &#8220;Sie wissen das nicht, aber sie tun so &#8211; als ob.&#8221; Aus schierem Antidarwinismus bin ich dem gegenüber &#8211; wie die Trobriander &#8211; der Meinung, dass der &#8220;Vater&#8221; ein rein soziologischer Begriff ist, mit der Zeugung haben Männer nichts zu tun, die Vaterschaft kann man sich höchstens erarbeiten, sie kostet auch eine Menge &#8211; an Zeit, Geld und Nerven. Und eigentlich ist sie sozial sinnvoll nur bei den Bauern und den Unternehmern, die sich als Väter gehörig anstrengen müssen, um einen einigermaßen &#8220;fitten&#8221; Hof- bzw. Betriebsnachfolger heranzuziehen. Heutzutage, da es hier wie dort nur noch &#8220;Manager&#8221; gibt, ist die Vaterschaft bloß noch eine Art &#8220;Bürgerschaftliches Engagement&#8221; . wie übrigens die Mutterschaft auch bald. Die beiden &#8220;Health-Officer&#8221; aus Papua-Neuguinea, die beide verheiratet waren und Kinder hatten, vertraten, natürlich möchte man fast sagen, eine dem entgegengesetzte, die herrschende &#8211; angloamerikanisch-biologische &#8211; Theorie.</p>
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<p><strong>Bevölkerungspolitiken</strong></p>
<p>Deutsche Eugenik-Biologen, wie die Wasservögelforscher Konrad Lorenz oder Oskar Heinroth, haben immer wieder vor der &#8220;drohenden Überbevölkerung&#8221; durch Menschen gewarnt, sie konnten sich dabei auf Darwins Inspirationsquelle Thomas Malthus berufen. Der erste Lehrstuhlinhaber für Ökonomie hatte 1798 ein „Bevölkerungsgesetz“ entdeckt: Danach wächst die Bevölkerung schneller als ihre Unterhaltsmittel, mathematisch gesehen nehmen die Menschheit in geometrischer Progression und die Lebensmittel in arithmetischer Progression zu, was früher oder später katastrophal enden muß. Malthus riet deswegen erst einmal zur Abschaffung der Armenfürsorge – als eine Form der „Geburtenbeschränkung“.</p>
<p>Im &#8220;Deutschlandradio&#8221; forderte erst neulich der Bremer Populationsforscher Gunnar Heinsohn eine &#8220;demografische Abrüstung&#8221; in Arabien, weil seiner Meinung nach die hohen Geburtenraten in den palästinensischen Gebieten zur Gewalt im Nahen Osten beitragen, wobei viele junge Männer ohne Perspektive für religiös motivierte Gewalt empfänglich seien.</p>
<p>In China fordern Wissenschaftler, Bürgerrechtler und nun auch noch ein regierungsnahes Institut für Bevölkerungswissenschaft das genaue Gegenteil: die &#8220;Ein-Kind-Politik&#8221; zu beenden. Ab 2015 sollten alle Paare zwei Kinder bekommen dürfen &#8211; und bis 2020 alle diesbezüglichen Beschränkungen ganz aufgehoben werden. Das trifft sich mit einer ganz anderen chinesischen Politik, die darin besteht, dass der Versorgungsstaat sich aus dem &#8220;Sozialen&#8221; zurückzieht &#8211; dafür jedoch die Familienbanden wieder stärker werden sollen. Diese chinesische Staatspolitik ist der Wunschpolitik in Deutschland ähnlich, wo die Frauen im Durchschnitt auch nur (noch) 1,39 Kinder bekommen &#8211; freiwillig: Die politischen Ideen, um diesen demographischen Mangel zu beheben, reichen hier vom &#8220;Elterngeld&#8221; über &#8220;Kitaplätze&#8221; bis zum Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, der zwar zugibt, dass &#8220;Elternschaft keine Bürgerpflicht ist,&#8221; aber &#8220;langfristig können wir damit nicht zufrieden sein&#8221;. Es muß ein &#8220;Kulturwandel&#8221; stattfinden &#8211; eine Art Kulturrevolution sogar: &#8220;in Betrieben und Kommunen&#8221;. Auch die &#8220;Arbeitgeber&#8221; müssen ran &#8211; und sich mehr um &#8220;die private Seite ihrer Arbeitnehmer&#8221; kümmern.</p>
<p>Nicht weniger als eine Kulturrevolution &#8211; und zwar gleich eine ganze globale &#8211; fordert auch der &#8220;Club of Rome&#8221;-Berichterstatter Jorgen Randers in seinem zweiten Szenario der Weltentwicklung &#8211; diesmal bis zum Jahr 2052. Es wurde kürzlich als Buch veröffentlicht. Der norwegische Klimaforscher hält ein Umdenken in vier Bereichen für dringend geboten, damit wenigstens die Menschheit, wenn schon nicht alle Tier- und Pflanzenarten, bis 2052 überlebt: 1. Sollte sie ihre Kinderzahl begrenzen (&#8220;Die Ein-Kind-Familie muß hier zur Norm werden&#8221;); 2. alle Treibhausgas verursachenden Aktivitäten reduzieren; 3. eine effiziente Energieversorgung vor allem in den Entwicklungsländern organisieren, und 4. sollten die Gesellschaften starke Regierungen akzeptieren.</p>
<p>Jorgen Randers hält ausgerechnet das autoritäre China in diesem Zusammenhang für vorbildlich, weil der chinesische Staatsapparat &#8220;die Mehrheit der Bevölkerung am Fortschritt teilhaben läßt, das Gegenteil geschieht in Amerika,&#8221; wo die Gesellschaft es &#8220;nicht schafft, die Gewinne gerecht zu verteilen.&#8221; Dort wird &#8220;die grosse Mehrheit&#8221; sogar ärmer &#8211; und &#8220;diese Entwicklung wird sich fortsetzen.&#8221; Der &#8220;Club of Rome&#8221;-Prognostiker muß derzeit zwar sämtlichen Hauptstadtmedien der Welt Interviews geben, aber sein Plan zur Rettung des Planeten ist noch bescheiden, es geht Jorgen Randers bloß darum, die nächsten &#8211; lächerlichen &#8211; 40 Jahre rumzukriegen.</p>
<p>Ganz andere Pläne stellte gerade das Berliner &#8220;Haus der Kulturen der Welt&#8221; vor: Mit mehreren Millionen Euro will es in den kommenden zwei Jahren &#8211; bis 2015 &#8220;Umweltschutz-Ideen für die nächsten 250.000 Jahre&#8221; vermitteln bzw. entwickeln. Das Riesenprojekt, an dem wissenschaftliche Institutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft beteiligt sind, nennt sich &#8220;Antropozän&#8221;: Menschenzeit &#8211; gemeint ist damit die jetzige, die mit Hilfe der im Haus der Kulturen der Welt von wahnsinnig kreativen Künstlern und Wissenschaftlern entwickelten Umwelt-Pläne schier ewig währen soll; der Projektkurator Christian Schwägerl hält es nämlich laut Berliner Zeitung &#8220;für möglich, dass die etwa 250.000 Jahre alte Gattung Mensch ihre Halbzeit noch nicht erreicht hat&#8221;. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass es gelingt, dem Publikum &#8220;die Verantwortung des Menschen in planetarischen Dimensionen [zu] verdeutlichen.&#8221; Abschließend sei zu dieser ganzen &#8220;Debatte&#8221; hier nur noch angemerkt, dass es sich bei all den dazu erwähnten Stimmen &#8211; pro und contra mehr Kinder &#8211; durchweg um solche von Menschen ohne Menstruationshintergrund &#8211; also um Männer &#8211; handelt, die sich da als &#8220;Experten&#8221; gerieren, wobei sie die Frauen, die die Kinder ja schließlich kriegen oder nicht kriegen sollen, mit keinem Wort erwähnen. Dafür haben sie jedoch die Zukunft der ganzen Art, ja sogar aller Arten, fest im Blick.</p>
<p>P.S.:  1960 lieferten einige US-Wissenschaftler den Nachweis, dass es auch eine Art von „nichtmalthusischer Auslese“ gibt: Bei vielen Tierarten fanden sie einen  „selbständigen Regulationsmechanismus bei der Fortpflanzung, unabhängig von der zur Verfügung stehenden Nahrung“. Im Zootechnischen Labor in Jouy stellte  man daraufhin Versuche mit Schweinen und Mäusen an. Der Biologe Rémy Chauvin faßte ihre Ergebnisse 1964 (in: „Tiere unter Tieren“) zusammen: „Bei zunehmender Bevölkerungsdichte setzt infolge entsprechender hormonaler Steuerung eine Verminderung der Fruchtbarkeit ein, die schließlich zu einem völligen Stillstand der Fortpflanzung kommen kann&#8230;Es gibt also für jede Tierart eine bestimmte Bevölkerungsdichte, ab der ein geheimnisvoller, durch die Drüsen von Nebennierenrinde und Hypophyse wirkender Regulationsmechanismus unerbittlich die Fruchtbarkeit herabsetzt.“<br />
Der französische Entomologe meint: Bei den staatenbildenden Insekten gäbe es solch eine Vermehrungshemmnis jedoch nicht. Dazu scheint auch der Mensch zu gehören, dessen Sozialstaats-Bildung hat jedoch immerhin, in Verbindung mit Verhütungsmitteln und Abtreibungserlaubnis, zu einer vernunftgemäßen Reduzierung der bäurischen Vielkinder-Familie auf eine moderne „Anderthalbkind-Familie“ geführt, was dem deutschen Staat aber nun zu weit geht – er versucht deswegen wie oben erwähnt neue Anreize zu schaffen.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/russischer-poller.jpg" rel="lightbox[7670]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7705" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/03/russischer-poller-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
<p><em> Sowjetischer Trassenpoller. Photo: Peter Loyd Grosse</em></p>
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 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=7670&amp;md5=15e6a757d10d8aab143214f511ef00b6" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Berliner Tiere und Pflanzen</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jan 2013 14:27:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830007.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7596" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830007-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
<p><em>Trauerweiden mit Schwäne am Urbanhafen, letztere werden regelmäßig von Petra Stühr und Rosi Gotthold, die beide in der Admiralstraße 9 wohnen, gefüttert.<br />
</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580042.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7631" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580042-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
<p><em>Der Schwan (links) am Segelboot-Liegeplatz Pichelswerder der Polizistengattin Gisela Eichwedel, die dort in der Nähe auch mit ihrem Mann ein Haus hat.<br />
</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830024.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7597" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830024-424x279.jpg" alt="" width="424" height="279" /></a></p>
<p><em>Die Riesenseerose Victoria im Botanischen Garten in Steglitz<br />
</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830029.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7602" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830029-424x283.jpg" alt="" width="424" height="283" /></a></p>
<p><em>Die zwei Löwen des Zirkus Sarrasani, die Chantal Behrens, Kottbusser Damm 62, anscheinend faszinieren.<br />
</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580100.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7632" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580100-424x285.jpg" alt="" width="424" height="285" /></a></p>
<p><em>Die Baumblüte in Britz, für die sich Emma Groenewold aus Wilmersdorf jedes Jahr aufs Neue begeistern kann.  </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580016.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7633" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580016-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
<p><em>Der Gemüsegarten am Haus, Waltersdorfer Chaussee 12, in dem Elfie und Jürgen Wieland wohnen, der Garten wird auch von ihnen bestellt. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580083.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7634" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580083-424x270.jpg" alt="" width="424" height="270" /></a></p>
<p><em>Der Öko-Dachgarten, in dem sich die Bewohner des ehemals besetzten Hauses Oranienstraße 45 am Wohlsten fühlen. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580062.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7638" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580062-424x273.jpg" alt="" width="424" height="273" /></a></p>
<p><em>Die Blumen auf dem verandaähnlichen Balkon von Heidi Meierbuer und Heike Witthusen in der  Kleiststraße 60b</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580001.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7639" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580001-424x277.jpg" alt="" width="424" height="277" /></a></p>
<p><em>Die Frühlingsblumen in dem Vorgartenbeet von Rita Köhler, Lankwitzer Straße 11. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580039.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7635" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580039-424x293.jpg" alt="" width="424" height="293" /></a></p>
<p><em>Das große Blumenbeet neben dem Haupteingang der Weddinger Mövensee-Grundschule, in der Beate Vögelein einst ihren Verlobten Peter Steinweg kennenlernte. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580065.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7636" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580065-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
<p><em>Die kleine verschwiegene Strandecke hinter der Straße am Großen Wannsee, wo sich Heide Schweizer und ihr Sohn Jan im Sommer so oft es geht aufhalten.</em></p>
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<p><em></em><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580090.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7637" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580090-424x648.jpg" alt="" width="424" height="648" /></a></p>
<p><em>Die Frühlingsblumen im Tiergarten,  die Annelotte Döberitz aus Reinickendorf liebt. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580058.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7640" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580058-424x626.jpg" alt="" width="424" height="626" /></a></p>
<p><em>Der Rhododendron im Vorgarten von Dr. med Hansen, der hier mit seiner Tochter vor seinem Haus  in der Waldsiedlung Krumme Lanke posiert,  </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580075.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7641" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580075-424x635.jpg" alt="" width="424" height="635" /></a></p>
<p><em>Das Begleitgrün der Garagenauffahrt des Hauses  Taunusstraße 46, in dessen Erdgeschoßwohnung Dirk Wohlfarth bei seinen Eltern lebt. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580102.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7642" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580102-424x275.jpg" alt="" width="424" height="275" /></a></p>
<p><em>Die Bepflanzung für das Grab ihres Mannes auf dem Südstern-Friedhof nimmt für Friedel Klammroth aus der Urbanstraße 62 immer viel Zeit in Anspruch. </em></p>
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<p><strong>Problemschwäne</strong></p>
<p>Nach deutschem Jagdbrauch darf der Schwan  bis heute nur mit der „Hohen Kugel“ erlegt werden, nicht mit Schrot. Auf diese Weise werden etwa 1000 Schwäne jährlich in Deutschland abgeschossen.<br />
Hinzu kommt für die Schwäne in unseren Städten, dass sie immer mal wieder Opfer aggressiver junger Männer oder Betrunkener werden. Zuletzt begann  Ende 2012 in Berlin eine regelrechte Schwanmord-Serie, die Presse sprach von „grausamen“ und „sadistisch veranlagten Tierquälern“, die Täter hatten es besonders auf die Schwäne im Kreuzberger Urbanhafen abgesehen.</p>
<p>Der Schwanenhaß scheint in Berlin eine gewisse Tradition zu haben. 1875 schrieb der tschechische Schriftsteller Ja Neruda in seinem Reisebericht aus dem Berlin der Gründerzeit: Ebenso wie das „Lausitzer Volkslied“ habe sich auch der „Berliner Witz verflüchtig“. Er sei „kalt und langweilig geworden. Man denkt dabei an die den Wasserspiegel der Spree zierenden traurigen Schwäne, die allesamt gebrochene Flügel haben.“ Mutmaßlich waren die vielen „rauflustigen“ und „betrunkenen“ Hooligans der Stadt, die Neruda ebenfalls erwähnt, daran schuld. In Hamburg sah er dagegen auf der Binnenalster nur gesunde „Rudel weißer Schwäne“. Möglicherweise handelt es sich bei den „gebrochenen Flügeln“ um eine Verschiebung des „Berliner Unwillen“ vom Haßobjekt Hohenzollernherrschaft auf das Wappentier Schwan? Vielleicht haben die Berliner im Gegensatz zu den Hamburgern ihren Schwänen aber auch bloß allzu stümpenhaft die Flügel gestutzt, damit sie nicht wegfliegen.</p>
<p>Das hat man noch 2009 bei zwei Trauerschwan-Pärchen gemacht, die ihr Brutrevier vom Thunersee in den Wohlensee verlegt hatten. Die Berner Zeitung schrieb: „Anfang Februar liessen sich vier der zehn vom Kanton auf dem Thunersee bewilligten Schwarzschwäne am Wohlensee nieder.“ Diese vier ließ der dortige Jagdaufseher nachts einfangen. Ihnen wurden die Flügel gestutzt, dann brachte man sie zum Tuhnersee zurück. Der Jagdaufseher wollte nicht, dass sich diese  im Wohlensee nicht heimische Art verbreitet, seine Wildhüter müßten sonst immer wieder deren Gelege zerstören. Ein Sprecher der Schweizerischen Vogelwarte Sempach erklärte, das Stutzen sei unproblematisch: „Dabei werden einige der Schwungfedern am Kiel abgeschnitten. Das ist vergleichbar mit dem Schneiden der Fingernägel beim Menschen.“ Ob sich gestutzte Flügel negativ auf die Schwanenpsyche auswirken, wußte er allerdings nicht.</p>
<p>In den städtischen Parkanlagen werden die Schwäne auch gerne von  Kindern geärgert oder gescheucht &#8211; sogar andere Tiere lassen sich dazu gelegentlich hinreißen. Der Pschoanalytiker Jeffrey M. Masson und die Journalistin Susan McCarthy schreiben in ihrer Sammlung von Tierverhaltensgeschichten „Wie Tiere fühlen“:</p>
<p>„Schwäne sind in ihrer ausgeprägt würdevollen Haltung häufig das Ziel von Neckereien. Man kann kleine Seetaucher dabei beobachten, wie sie im Wasser die Schwäne am Schwanz rupfen und dann schnell untertauchen. An Land ziehen Rabenkrähen Schwäne gerne am Schwanz, wenn diese auf sie zukommen, hüpfen die Krähen schnell weg.“</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830093.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7598" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830093-424x273.jpg" alt="" width="424" height="273" /></a></p>
<p><em>Die Flamingos im Zoologischen Garten</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830010.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7599" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830010-424x280.jpg" alt="" width="424" height="280" /></a></p>
<p><em>Der Wellensittich bei Else Kück in der Badstraße 80.<br />
</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830049.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7600" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830049-424x276.jpg" alt="" width="424" height="276" /></a></p>
<p><em>Die Dogge und zwei Plastikrehe im Schatten einer Fichte bei Familie Watzlawick in der Gutschmidtstraße 142.<br />
</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830076.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7626" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830076-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
<p><em>Die Konifere hinterm Haus, Lichterfelder Ring 26, des Ehepaars Rolf und Sabine Lürssen</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580066.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7643" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580066-424x654.jpg" alt="" width="424" height="654" /></a></p>
<p><em>Die beiden Edeltannen vor dem Haus von Johanna Tiefensee, Rudower Chaussee 212</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580064.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7644" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580064-424x275.jpg" alt="" width="424" height="275" /></a></p>
<p><em>Die Büsche vor dem Fenster von Erwin Gerber, Arnulfstraße 6</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580018.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7645" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580018-424x287.jpg" alt="" width="424" height="287" /></a></p>
<p><em>Die Straßenbegrenzungshecke und vor allem der Rasen vor dem Haus, Boelckestraße 17, auf dem die zwei Kinder von Luise und Siegfried Schmidt gerne spielen.</em></p>
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<p>Als besonders aggressiv erweisen sich gelegentlich die Schwäne selbst, besonders die männlichen Höcker- und Trauerschwäne: Ein solcher siedelte sich 2010 in der Schwanenkolonie des Sees am Pembroke Castle in England an. Man  nannte ihn Hannibal. Bereits kurz nach seiner Ankunft begann er, „die dort schon lange ansässigen Schwäne auf verschiedene brutale Arten umzubringen. Dazu gehörte das Ertränken, das Brechen von Gliedmaßen und das Herumstampfen auf den Artgenossen. 15 Schwäne tötete er auf diese Weise.“ Die ortsansässigen Tierschützer quartierten Hannibal schließlich aus. Die Ursachen für sein Verhalten vermuteten sie seltsamerweise „im Wasser“.</p>
<p>Umgekehrt ging es einem schon lange im Westberliner Lietzensee ansässigen Schwanenpaar, das von den Anwohnern liebevoll „betreut“ wurde. Als eines ihrer fünf Jungen einen Angelhaken im Bein stecken hatte, brachten sie das Tier in die  schon fast auf Schwäne spezialisierte Tierklinik der Freien Universität in Düppel. Währenddessen landete ein junges Schwanenpärchen in ihrem Lietzensee-Revier. In dem darauffolgenden Kampf tötete „der Neue“ einen der Jungschwäne. Diese Aggressivität ging den Anwohnern zu weit: In einer groß angelegten Aktion wurde die ganze alteingesessene Schwanenfamilie  inklusive ihres aus der Klinik als gesund entlassenen Jungen von der ortsansässigen Initiative „Aktion Tier“ in den Wannsee „umgesetzt“, wo der „Revierdruck“ angeblich geringer ist. Die Lietzensee-Anwohner sollen „noch ein wenig böse auf das neue Schwanenpaar“ sein, meinte die Sprecherin der „Aktion“, aber sie hoffe, „dass sie die beiden Höckerschwäne auch bald in ihr Herz schließen werden. Schließlich folgen diese Vögel auch nur ihren natürlichen Instinkten,“ fügte die Ornithologin beschwichtigend hinzu. Den Biologen fällt die Kulturkritik immer noch bedeutend leichter als eine Naturkritik.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830037.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7601" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830037-424x272.jpg" alt="" width="424" height="272" /></a></p>
<p><em>Die 12 Lieblingsbäume von Johanna Bärkel im Grunewald.<br />
</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830014.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7603" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830014-424x289.jpg" alt="" width="424" height="289" /></a></p>
<p><em>Das Lieblingseichhörnchen von Roswitha Abich im Tegeler Forst.<br />
</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830067.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7604" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830067-424x273.jpg" alt="" width="424" height="273" /></a></p>
<p><em>Die Lieblings-Baumallee von Familie Berthold an der Uferpromenade der Spree in Charlottenburg</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830021.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7627" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830021-424x288.jpg" alt="" width="424" height="288" /></a></p>
<p><em>Die Lieblingsblumen, Tulpen, die man Oma, Hildegard Clues-Ottensen (zweite von links), zu ihrem 35jährigen Firmenjubiläum schenkte &#8211; ihr gehören zwei Drogerien in Tempelhof. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580028.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7646" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580028-424x276.jpg" alt="" width="424" height="276" /></a></p>
<p><em>Der leicht verwilderte Park auf dem Telegrafenberg des Geodätisches Instituts Potsdam, wo der Romanist und die Kunsthistorikerin kurz nach der Wende glückliche Stunden verlebten. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580081.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7647" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580081-424x628.jpg" alt="" width="424" height="628" /></a></p>
<p><em>Die Geranien und Rosen auf dem Balkon von Dagmar Schröder in der Britzer Hufeisensiedlung.</em></p>
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<p><strong>Ökonomie und -logie</strong></p>
<p>&#8220;Es gibt keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische,&#8221; behauptet der Wissenssoziologe Bruno Latour. Der Begriff Ökologie wurde 1866 von Ernst Haeckel Haeckel definiert. Der Jenaer Biologe, Darwins Vorkämpfer in Deutschland, den die Freidenker 1904 in Rom zum &#8220;Gegenpapst&#8221; ausriefen, verstand unter Ökologie laut Wikipedia &#8220;die Lehre von den Bedingungen der Lebewesen im Kampf ums Dasein und vom Haushalt der Natur.&#8221; Dem gegenüber befaßt sich die Ökonomie mit dem Haushalt der Menschen. Sie betrifft laut Wikipedia &#8220;die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen.&#8221;</p>
<p>In ihrer &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221; schrieben Horkheimer und Adorno: &#8220;Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus. Mit seiner Unvernunft beweisen sie die Menschenwürde. Mit solcher Beharrlichkeit und Einstimmigkeit ist der Gegensatz von allen Vorvorderen des bürgerlichen Denkens, den alten Juden, Stoikern und Kirchenvätern, dann durchs Mittelalter und die Neuzeit hergebetet worden, dass er wie wenige Ideen zum Grundbestand der westlichen Anthropologie gehört.&#8221;</p>
<p>Von Ökologie und Ökonomie zu sprechen, setzt die Unterscheidung von Natur und Gesellschaft (Kultur) voraus. Statt von Ökologie spricht man aber auch von &#8220;Umwelt&#8221;, ein Begriff den der Biologe Jakob von Uexküll prägte &#8211; und womit er &#8220;die Umgebung eines Lebewesens&#8221; meinte, &#8220;die auf dieses einwirkt und seine Lebensumstände beeinflusst.&#8221; Nun gehören wir zwar auch zu den &#8220;Lebewesen&#8221;, und werden dementsprechend von der &#8220;Umwelt&#8221; beeinflußt. Aber wenn man nicht den idiotischen US-Genetiktheorien anhängt, dann ist dies primär eine ökonomische und kulturell-soziale. Das gilt auch für die Prägung der ganzen &#8220;Umweltschützer&#8221;. 25.000 von ihnen demonstrierten am 19. Januar in Berlin gegen die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft, u.a. gegen den Bau riesiger Schweinemastanlagen in Ostdeutschland, die jedesmal ein ganzes Dorf und seine &#8220;Umgebung&#8221; verschandeln. Überhaupt hat sich das Dorf inzwischen gewandelt:</p>
<p>Aus der &#8220;Eingebundenheit in das Umland wurde eine zunehmend stärkere Trennung; eine Isolation, die durch scharfe Trennung zu den monotonen Maisfeldern oder anderen großflächigen Monokulturen so verstärkt wurde, dass den Dörfern oft ihr Wesenszug abhanden kam,&#8221; schreibt der Ökologe Josef Reichholf. Während umgekehrt &#8220;bei den Städtern und der Stadtentwicklung, ganz besonders bei den Berlinern, ein Öffnungsprozeß zur Landschaft hin&#8221; stattfand.</p>
<p>Der &#8220;Eco-Citizen&#8221; holt sich in die Städte also immer mehr Ökologisches (einschließlich Umweltschutz) rein und in die Dörfer Ökonomisches: die Industrialisierung der Viehwirtschaft, die in riesige Zweckbauten stattfindet sowie drumherum die immer gewaltigeren Anlagen zur Energiegewinnung &#8211; in Form von Windkraftanlagen oder Biodiesel-Tanks z.B., dazu Schlachthöfe, Autobahnanschlüsse usw.. Es findet geradezu ein Austauschprozeß statt: Dreck, Krach, Gestank, Gift und alles ethisch Fragwürdige wird aus der Stadt raus verlagert, während die letzten Wildtier- und Pflanzen-Populationen reingeholt werden &#8211; um ein mehr oder weniger friedliches Zusammenleben mit ihnen zu proben. Auch im privaten Bereich gibt es immer mehr Ökologie: Balkonpflanzen, Baumscheiben- und Terrassenbegrünungen, Aquarien und Terrarien etc.. Daneben werden Tiere zunehmend in Pflege- und Seniorenheimen, psychiatrischen Kliniken, Sterbehospizen und bei der Betreuung von Demenzpatienten eingesetzt &#8211; u.a. sogenannte &#8220;Therapiehunde&#8221;. Was hier ökonomisch bleibt ist die Software-Produktion, die eine immer größere Wertschöpfungstiefe erreicht, eine ausufernde Unterhaltungs- und Kulturindustrie sowie touristische Dienstleistungen.</p>
<p>2012 besuchten rund 10 Millionen Touristen Berlin, die hier sanitär, kulturell und gastronomisch versorgt werden wollten. Auch für ihre Wünsche und Bedürfnisse gibt es eine &#8220;Umweltforschung&#8221;. Da kommt dann z.B. ein Mauermuseum, ein Erotikmuseum, ein Riesenrad und ein Barbiehaus am Zoo bei raus.</p>
<p>Kurzum: Es sind die ökonomischen und ökologischen Umkehrungs und Durchmischungsverhältnisse selbst, die die feministische US-Biologin Donna Haraway auf die Idee brachten: &#8220;Es gibt keine Natur und keine Kultur, aber viel Verkehr zwischen den beiden.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830022.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7628" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830022-424x628.jpg" alt="" width="424" height="628" /></a></p>
<p><em>Die Verandapflanzen, die Bruno Hellwegs Frau Hedwig (links), Grunewaldstraße 77, aufopferungsvoll hegt und pflegt.  </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830075.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7605" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830075-424x273.jpg" alt="" width="424" height="273" /></a></p>
<p>Die Balkongeranien von Frau Schmidtbauer (Mitte) in der Westfälischen Straße 42</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830011.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7606" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830011-424x277.jpg" alt="" width="424" height="277" /></a></p>
<p><em>Die Obstbäume von Ewald Blumenthal in der Gartensiedlung &#8220;Frohe Stunden&#8221;.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830048.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7607" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830048-424x288.jpg" alt="" width="424" height="288" /></a></p>
<p><em>Das Pferdekarussel auf dem einstigen Rummel am Lützowplatz.<br />
</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830080.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7608" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830080-424x275.jpg" alt="" width="424" height="275" /></a></p>
<p><em>Die ganzen Schnittblumen, die  Elfriede und Hermann Janitschek, Weserstraße 32, zur Silbernen Hochzeit bekamen.<br />
</em></p>
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<p><strong>Finsterste Provinz</strong></p>
<p>Als solche galt z.B. immer &#8220;Kyritz an der Knatter&#8221;. Heute klagen selbst Kölner Kulturschaffende: &#8220;Hier können die tollsten Sachen passieren, seit der Wende berichtet nur noch die Lokalpresse darüber, während man über jeden Berliner Furz lang und breit informiert wird.&#8221; In der BRD war die Hauptstadt &#8211; Bonn &#8211; Provinz, seit der &#8220;Berliner Republik&#8221; ist das nun ganz Westdeutschland und große Teile Ostdeutschlands. Witzigerweise veröffentlichte der Neuberliner Popliterat Florian Illies mitten in diesem blöden neodemokratischen Zentralismus einen gediegenen Provinzroman: &#8220;Ortsgespräch&#8221;.</p>
<p>Bereits 1975 erschien ein Kursbuch zum Thema &#8220;Provinz&#8221;. Damals wurde diese gerade wieder &#8220;zu einem praktischen Problem der Linken&#8221;, wie es einer der Beiträge geradezu enthusiatisch analysierte: Die meisten jungen Akademiker, die wenige Jahre zuvor noch in Berlin oder Frankfurt für eine neue Gesellschaft gekämpft hatten, waren mittlerweile durch die Seminarausbildung oder das Refrendariat aufs Land verschlagen worden. Die Autoren des Kursbuch warnten davor, diese Zeit nicht &#8220;als unabwendbares Durchgangsstadium&#8221; anzusehen. Es gelte vielmehr das &#8220;typische Zentrale-Provinz-Verhalten innerhalb der Linken zu erkennen und zu beseitigen&#8221; und sich dann dem &#8220;praktischen Alltagskampf zu widmen&#8221;. Viele teilten diese Überzeugung, und so entstanden auf den Dörfern und in den Kleinstädten in den kommenden Jahren Landkommunen und selbstverwaltete Jugendzentren, Biobauernhöfe und Ökoläden. ,Provinz ist ein gutes Wort&#8217;, erklärte Ernst Bloch 1975 auf den ersten Seiten des Kursbuchs. Ursprünglich bedeutete das lateinische Wort &#8220;provincia&#8221; bloß &#8220;Aufgabe&#8221;, &#8220;Verpflichtung&#8221; &#8211; ohne eine geographische Zuordnung. Später wurde daraus die Provinz als Gegenentwurf zur Hauptstadt. Aber schon im &#8220;Wörterbuch des Teufels&#8221; von Ambrose Bierce (1912) hieß es &#8211; zum Stichwort &#8220;Weltstadt&#8221;: Sie seien &#8220;Hochburgen des Provinzialismus&#8221;.</p>
<p>In seinem 2002 veröffentlichten Buch &#8220;Wie komme ich hier raus? Aufwachen in der Provinz&#8221; schreibt der aus Westerstede bei Oldenburg stammende Kolja Mensing: Auch Helga, die heute in der 6000-Seelengemeinde Stolzenau am Gymnasium Französisch und Deutsch unterrichtet, ist damals von der Stadt aufs Land gezogen. &#8220;Ganz bewusst&#8221;, sagt sie, während wir uns in der großzügig mit hellem Holz eingerichteten Cafeteria ihrer Schule unterhalten.&#8221; Helga gehört zu denjenigen, die vor zwanzig oder dreißig Jahren aus der Not eine Tugend machten und auf dem Land nach &#8220;alternativen Lebensentwürfen&#8221; suchten und &#8211; gleichzeitig &#8211; eine gewisse Missionarstätigkeit aufnahmen: Während sie für eine aufgeklärtere und weltoffenere Provinz kämpfte, versuchte sie ihren Schülern ein Bewusstsein für das andere Leben jenseits der kleinen Verhältnisse zu vermitteln. Heute hat sich der Elan etwas gelegt, und Helga stellt fest, dass die meisten ihrer Schüler für dieses andere Leben gar nicht zu begeistern sind: &#8220;Als ich eine Klassenfahrt nach Paris organisiert hatte, wollte niemand mit. Warum soll ich mir Paris ansehen, fragten die Schüler &#8211; hier ist es doch auch schön&#8230;&#8221;</p>
<p>Die &#8220;Errungenschaften&#8221; der Stadt sind längst bis zum letzten Dorf durchgedrungen, wie Kolja Mensing in seinem Dorf bitter bemerkte. Der Biologe Josef Reichholf beobachtete, wie die beiden Lebensformen sich nun auf andere Weise wieder voneinander entfernen: Bei den Städtern und der Stadtentwicklung hat in ökologischer Hinsicht ein &#8220;Öffnungsprozeß zur Landschaft hin&#8221; stattgefunden, während &#8220;bei den Dörfern ist die historische Entwicklung bis in die allerjüngste Zeit fast genau umgekehrt verlaufen&#8221;: Aus der &#8220;Eingebundenheit in das Umland wurde eine zunehmend stärkere Trennung; eine Isolation, die durch scharfe Trennung zu den monotonen Maisfeldern oder anderen großflächigen Monokulturen so verstärkt wurde, dass den Dörfern oft ihr Wesenszug abhanden kam&#8221; &#8211; vor allem wenn in ihnen auch noch die Tierzucht industrialisiert und in Zweckbauten separiert wurde sowie drumherum riesige Anlagen zur Energiegewinnung errichtet wurden und werden.</p>
<p><em><br />
</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830013.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7609" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830013-424x288.jpg" alt="" width="424" height="288" /></a></p>
<p><em>Die roten Nelken und gelben Löwenmäulchen, die man Hennie Leuwelk, Mommenstraße 60, zum 65. Geburtstag schenkte.</em></p>
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<p><em><br />
</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830086.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7610" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830086-424x287.jpg" alt="" width="424" height="287" /></a></p>
<p><em>Die weißen Nelken, die Herbert Ahlring, Rothenburgstraße 72, zu seinem 60 Geburtstag bekam.</em></p>
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<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830070.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7611" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830070-424x658.jpg" alt="" width="424" height="658" /></a></p>
<p><em>Die Lilien, mit der Dr. Engelbrecht seine Frau an ihrem 55. Geburtstag überraschte.<br />
</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830055.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7612" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830055-424x288.jpg" alt="" width="424" height="288" /></a></p>
<p><em>Die Teerosen, die Anneliese Konczak (links), Brandenburgische Straße 19, ihrer Freundin Eva Hillmeier (rechts), Konstanzer Straße 82, mitbrachte, als diese sie zu einer gemütlichen Weinverkostung auf ihrem Balkon einlud.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830068.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7613" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830068-424x260.jpg" alt="" width="424" height="260" /></a></p>
<p><em>Die Geranien im Schrebergarten von Herr und Frau Dannecker in der Steglitzer Laubenkolonie &#8220;Abendruh&#8221;.</em></p>
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<p><strong>Acker- und Ökobürger</strong></p>
<p>Auf dem Weg von Swinemüde u.a. über den kleinen Oderhafen Gartz nach Berlin kamen wir an den riesigen Anlagen eines Biogas -und Spritkonzerns vorbei. Gartz, etwas unterhalb von Stettin gelegen, scheint heute nur noch von den Wanderern auf dem Oder-Neiße-Radweg zu leben. Der 1249 gegründete Ort &#8211; nun inmitten des Nationalparks Unteres Odertal gelegen &#8211; hat eine noch z.T. erhaltene Stadtmauer, im Torwärterhaus wurde 1990 ein Ackerbürger-Museum eingerichtet.</p>
<p>Das interessierte uns, denn diese Form mittelalterlicher Semi-Urbanität könnte unsere postmoderne Zukunft sein: Ackerbürger, heute würde man sagen: Ökobürger, das waren damals die Gartzer, die nicht vom Handel oder Handwerk leben konnten, denen daneben aber auch der Garten hinterm Haus nicht genug zum Leben abwarf, weswegen sie noch einige Äcker und Weiden samt Scheunen und Ställe außerhalb der Stadtmauern unterhielten.</p>
<p>Ähnlich war es bei den Ostfriesen: um z.B. Bürger von Emden zu werden, mußte man mindestens ein paar Ziegen besitzen, notfalls auf Kredit angeschafft, die dann auf dem eingedeichten Land vor der Stadt gehütet wurden. Dazu mußte man sich an Deichwartungsarbeiten beteiligen.</p>
<p>Heute, so hat der Münchner Biologe Josef Reichholf festgestellt, findet bei den Städtern und der Stadtentwicklung, ganz besonders bei den Berlinern, in ökologischer Hinsicht ein &#8220;Öffnungsprozeß zur Landschaft hin&#8221; statt. Während &#8220;bei den Dörfern die historische Entwicklung bis in die allerjüngste Zeit fast genau umgekehrt&#8221; verlief: Aus der &#8220;Eingebundenheit in das Umland wurde eine zunehmend stärkere Trennung; eine Isolation, die durch scharfe Trennung zu den monotonen Maisfeldern oder anderen großflächigen Monokulturen so verstärkt wurde, dass den Dörfern oft ihr Wesenszug abhanden kam&#8221; &#8211; vor allem wenn in ihnen auch noch die Viehwirtschaft industrialisiert und in Zweckbauten separiert wurde sowie drumherum riesige Anlagen zur Energiegewinnung errichtet wurden &#8211; und werden.</p>
<p>Das Gartzer Ackerbürger-Museum entpuppte sich als eine liebevolle Zusammenstellung von Wohnungseinrichtungsgegenständen aus dem 18. und 19.Jhd., wie sie heute jeder Ökobürger gerne für seine Datsche oder ausgebaute Remise sammelt. An der Kasse kauften wir zur Vertiefung des Ackerbürgergedankens einige Broschüren über die Geschichte der Stadt sowie ein Glas Holunderblütengelee: selbst hergestellt von den Museumsfrauen. Auch diese Nebeneinnahme, der wunderbar frisch schmeckende Brotaufstrich, war in gewisser Weise noch dem Ackerbürger-Gedanken geschuldet.</p>
<p>Wieder zurück in Berlin entdeckte ich im Buchladen ein soeben erschienenes Pamphlet: &#8220;Kartoffeln und Computer&#8221; des Schweizer Anarchokommunisten &#8220;P.M.&#8221; Und darin findet sich bereits ein ganzes Konzept, ein Plan, für ein Leben als Ökobürger &#8211; im Kollektiv: &#8220;Gemeinsamer Wohlstand wird in Zukunft zweierlei bedeuten: Zugang zu Land und Zugang zu Wissen,&#8221; so der Nautilus-Verlag im Klappentext. Dieser &#8220;Zugang&#8221; zu Land besteht bei vielen Ökobürgern aus Aneignung: Das begann &#8211; in Berlin ebenso wie in Detroit, Havanna oder Peking &#8211; mit der &#8220;Begrünung&#8221; von Balkonen und Dachgärten bzw. Hinterhöfen, griff auf den öffentlichen Raum über: auf Baumscheiben und ungenutzte Flächen wie Industriebrachen, und dehnte sich schließlich ackerbürgermäßig auf Pachtgrundstücke vor der Stadt aus. P.M. schreibt: &#8220;In den Regionen muss die Verknüpfung von Bauernbetrieben mit städtischen Nachbarschaften organisiert werden.&#8221; Dies geschieht besonders häufig in Berlin, wo die Entvölkerung des Umlands es vielen jungen Leuten ermöglichte, sich dort billig anzusiedeln.</p>
<p>Der nächste Schritt war die Iniitiierung halbprivater &#8220;Food-Coops&#8221; in der Stadt, in denen nun ihre Agrarprodukte an die Nachbarschaften drumherum verkauft werden. Die Idee ist uralt und hängt mit wirtschaftlicher Verelendung zusammen: So baute Siemens in den Zwanzigerjahren bereits in Staaken an der Heerstraße Häuser mit Gemüsegarten und Ziegenställe, damit die darin lebenden Siemensarbeiter bei vorübergehender Auftrags- und damit Arbeitslosigkeit nicht verhungerten. Bei Danzig machte man nach 1990 den Versuch, arbeitslosen LPG-Arbeitern statt Sozialhilfe Ziegen zu übereignen. Im Endeffekt wird sich die hochtechnisierte Arbeitsteilung mit 40-Stundenwoche, Auto, Komfort-Urlaub und Kranken- sowie Rentenversicherung als eine vorübergegangene Entwicklung in den einst industrialisierten Ländern darstellen. Eine Art Goldenes Zeitalter des Proletariats.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830062.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7614" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830062-424x702.jpg" alt="" width="424" height="702" /></a></p>
<p><em>Die Orchideen von Wilma Seybold in der Wilmersdorfer Straße 12.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830094.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7615" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830094-424x283.jpg" alt="" width="424" height="283" /></a></p>
<p><em>Der Pudel und der bewußt unsgepflegte Rasen auf dem Wochenend-Grundstück in Frohnau des Ehepaars Grobschmidt aus der Müllerstraße 226. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/388300421.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7617" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/388300421-424x633.jpg" alt="" width="424" height="633" /></a></p>
<p><em>Die Hecke vor dem Haus von Adolf Niedecken (links) in der Lipschitzallee 16a. Neben ihm seine drei in Westdeutschland lebenden Söhne Rolf, Jens und Detlef. </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830020.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7618" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830020-424x666.jpg" alt="" width="424" height="666" /></a></p>
<p><em>Der Tannenbaum vor dem Haus, Storkwinkel 8, in dem Klaus Beiderbecken wohnt.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830090.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7619" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830090-424x277.jpg" alt="" width="424" height="277" /></a></p>
<p><em>Schweinerippchen auf dem Grill hinterm Haus von Sophie Clausen und ihrem Mann Hans-Joachim im Dahlemer Weißdornweg 12</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830038.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7620" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830038-424x288.jpg" alt="" width="424" height="288" /></a></p>
<p><em>Der Lindenbaum an der Einfahrt zum Seitenflügel des Britzer Wegs 14, wo die beiden VW-Besitzer Ines und Wolfgang Brüggemeier wohnen.</em></p>
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<p><strong>Ansteckende Gärten</strong></p>
<p><em>&#8220;Immer mehr Studien von Medizinern zeigen: Aufenthalt und Arbeit im Garten wirken vorbeugend und heilend bei vielen Krankheiten&#8221;. (Ihre Gesundheitskasse AOK)</em></p>
<p>Bis vor kurzem veranstaltete die Bundeskulturstiftung und das Haus der Kulturen der Welt einen Wettbewerb &#8220;Über Lebenskunst&#8221;. Zu den 14 von über 100 eingereichten Projekten, die gefördert wuerden, gehört die &#8220;Initiative Social Seeds&#8221;. Sie besteht aus einer Gartenbauingenieurin (als Moderatorin), einer Kleingärtnerin (als Dokumentaristin) und einer Agrarwissenschaftlerin (mit dem Schwerpunkt Saatgutvermehrung). Es geht den drei Frauen &#8211; Alexandra Becker, Britta Pichler und Gunilla Lissek-Wolf &#8211; um &#8220;Lebensvielfalt&#8221; und dabei arbeiten sie mit den in den letzten Jahren entstandenen Gemeinschafts- bzw. Nachbarschaftsgärten zusammen &#8211; um  &#8220;durch den Anbau alter, seltener und regionaler Kulturpflanzensorten neue Agro-Sozio-Biotope zu schaffen&#8221;. Erst einmal wollen sie die etwa ein Dutzend Gemeinschaftsgärten &#8220;vernetzen&#8221; und &#8220;über deren Gartenzäune hinweg&#8221; z.B. &#8220;Samen-Tauschringe&#8221; einrichten. Zum Jahresende stellten sie ihre Pläne inmitten der Pflanzen des &#8220;Prinzessinengartens&#8221; vor. Diese befanden sich jedoch nicht mehr an ihrem angestammten Ort &#8211; am Moritzplatz im Freien, sondern unterm  Kunstlicht des   Hebbeltheaters (Hau 1) in der Stresemannstraße, wo sie im Rahmen der multimedialen &#8220;Hau&#8221;-Schau  &#8220;Zellen&#8221; als lebende Pflanzenzellen auf der Bühne agieren, die man dort auch begärtnern darf. Der sich nomadisch nennende  Prinzessinnengarten gehört ebenfalls zu den Gewinnern des Wettbewerbs &#8220;Über Lebenskunst&#8221; (daneben bewarben sich noch drei Imker-Projekte). Die  Gemüsepflanzen und Blumen des Gartens blieben nur einige Wochen im Theater, dann wanderten sie weiter in die fast leer stehende und zum Verkauf ausgeschriebene Markthalle an der Eisenbahnstraße &#8211; zum Überwintern. Das &#8220;Social Seeds&#8221;-Projekt könnte man gleichfalls als nomadisch bezeichnen, denn es  findet in sechs  &#8220;Workshops&#8221; &#8211; in jedesmal einem anderen Gemeinschaftsgarten &#8211; statt. Zuletzt tagte es wieder inmitten der Nutz- und Zierpflanzen des Prinzessinnengartens am Moritzplatz ist. Dort fand dann ein &#8220;Pflanz- und Saatgut-Tausch-Markt&#8221; statt.</p>
<p>Das Projekt &#8220;Social Seeds&#8221; ist geeignet, die von unten entstandene &#8220;Laiengarten-Bewegung&#8221;, zu der auch noch das &#8220;Guerilla Gardening&#8221; und das Kapern von Straßen-Baumscheiben gehören, zu professionalisieren, indem es sich vor allem um &#8220;Saatgutauswahl, Anbauplanung, Samenkunde, Beetanlage und Saatgutvermehrung&#8221; besorgt. Und das zusammen mit dem &#8220;Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg&#8221; und der Fachhochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, die 2009 bereits eine Kooperation mit dem Prinzessinnengarten vereinbart hatte. Vielen Mitarbeitern in Gemeinschaftsgärten (allein im Prinzessinnengarten waren es 2011 über 500) ist jedoch das Soziale daran mindestens ebenso wichtig wie das Biologische. Dies kommt bereits in ihren Namen zum Ausdruck. Auf dem 1. &#8220;Social Seeds&#8221;-Workshop im Hebbeltheater waren u.a. anwesend: der &#8220;interkultureller Garten City&#8221; in der Lützowstraße, der &#8220;Ton Steine Gärten&#8221; am Georg-von-Rauch-Haus, &#8220;Bunte Beete&#8221; in der Wrangelstraße (mit &#8220;30 aktiven Gärtnern aus zehn Ländern&#8221;) und der &#8220;Pyramidengarten des Vereins Multikultureller Nachbarschaftsgarten Neukölln&#8221;.</p>
<p>Für den Initiator des Prizessinnengartens Robert Shaw ist &#8220;jeder Garten auch ein Nachbarschaftsproblem bzw. -prozess.&#8221; Für die Pflanzen heißt das: &#8220;Was wächst am Besten neben wem und auf welchem Boden?  Für die beteiligten Gärtner heißt das &#8220;Man muß so einen Ort mit den Nachbarn gestalten, ohne deren Interessen geht das nicht, und die bringen natürlich auch ihre Traditionen mit, die sie dann hier realisieren&#8221;. Mit dem Begriff &#8220;Agro-Sozio-Biotope&#8221; haben die drei Frauen von &#8220;Social Seeds&#8221; zwar beides in Auge gefaßt &#8211; das Ineinandergreifen von Natur und Kultur in den Gemeinschaftsgärten, dies schlägt sich bisher aber noch nicht in ihrem Workshop-Programm nieder, so dass man befürchten muß, dass damit der US-Biologisierung aller Lebensäußerungen Vorschub geleistet wird. Obwohl eigentlich genau das Gegenteil Not tut: die Auflösung aller Biologien in Soziologie. Der Kopfsalat als neue  Bezugsperson.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830060.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7622" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830060-424x273.jpg" alt="" width="424" height="273" /></a></p>
<p><em> Die Gartenlauben-Kolonie in der Schönholzer Heide, wo Hannah und Friedhelm aus Steglitz sich gerade eine leer gewordene Datsche angekuckt haben.  </em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830099.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7624" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/38830099-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
<p><em>Die einst verwilderten Ecke im Treptower Park, wo früher eine Würstchenbude stand, bei der sich der in der Allende-Siedlung wohnende Claus-Peter Dirksen und ein Teil seiner Brigade im Elektro-Apparatwerk EAW (heute Treptower) gerne trafen, wenn es draußen langsam wieder wärmer wurde.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580036.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7648" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580036-424x276.jpg" alt="" width="424" height="276" /></a></p>
<p><em>Der Spielplatz nebst der Senioren-Oase (links) vor dem Haus von Brigitte Grothen (Mitte),  Atttilastraße 32.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580056.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7649" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580056-424x274.jpg" alt="" width="424" height="274" /></a></p>
<p><em>Die Langgraswiese des Sportplatzes am Freiheitsweg 20,  wo Willi Seibold und Friedrich &#8220;Fritz&#8221; Schorken regelmäßig Federball spielen.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580012.jpg" rel="lightbox[7593]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7650" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/18580012-424x261.jpg" alt="" width="424" height="261" /></a></p>
<p><em>Die Uferböschung am Tegeler See, wo die in der Seidelstraße 12 wohnende Dagmar Schmidtbauer und ihr Sohn Rafi sich im Sommer gerne aufhalten. </em></p>
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 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=7593&amp;md5=cf3cf7ea84aee51410a527a5bede9964" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>&#8220;Wir haben es satt!&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Jan 2013 13:38:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>&#8220;Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus. Mit seiner Unvernunft beweisen sie die Menschenwürde. Mit solcher Beharrlichkeit und Einstimmigkeit ist der Gegensatz von allen Vorvorderen des bürgerlichen Denkens, den alten Juden, Stoikern und Kirchenvätern, dann durchs Mittelalter und die Neuzeit hergebetet worden, dass er wie wenige Ideen zum Grundbestand der westlichen Anthropologie gehört.&#8221; (Adorno/Horkheimer)</em></p>
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<p><strong>Das war eine seltsame Protest-Demonstration, für mich die erste Öko-Demo, wenn man mal von einer kleinen Anti-AKW-Demo bei Bremerhaven und den Protesten der LPG-Bauern auf dem Alexanderplatz während der Wende absieht, die noch primär ökonomisch motiviert waren. Immerhin war die LPG Saarmund, in der wir damals arbeiteten, schon im Januar 1990 mit einem Stand in der Öko-Halle der Grünen Woche vertreten gewesen, aber das war mehr ein Witz bzw. einer pragmatischen Entscheidung der Grünen-Woche-Leitung geschuldet. Motiviert hat mich, dass mir der Biobauer Matthias Stührwoldt aus Schleswig-Holstein, aus Stolpe bei Bad Segeberg, in Hamburg auf einer taz-Veranstaltung sagte, dass er mit seinem ältesten Traktor zu der Demo nach Berlin fahren würde. Dazu schrieb er dann auch eine Kolumne in der &#8220;unabhängigen Bauernstimme&#8221;.<br />
</strong></p>
<p><strong>Mit der Rosa-Luxemburg-Demo in Erinnerung glaubte ich dann fast Bruno Latours Behaptung, dass es keine ökonomische Utopie mehr gäbe, höchstens noch eine ökologische. Ein Meer von grünen Fahnen und z.T. ebenfalls grünen Traktoren. Dazu jede Menge Menschen &#8211; als Kühe, Schweine, Hühner, Bienen, Imker, Bauern, Landfrauen, junge FöJlerinnen, schwarzer Block, BUND, NABU etc. &#8211; verkleidet, mit vielen guten und witzigen Sprüchen auf ihren Transparenten. Von überall her waren die Leute angereist, einige auch aus dem Ausland. Es war saukalt. Die Demonstranten und man selbst konnten einem leid tun.  Warum es den endlosen Demozug allerdings in das menschenfeindliche Regierungsviertel und dann sogar vor das KanzlerInnenamt zog &#8211; war mir ein Rätsel. So staatsgläubig kann man doch nicht mehr sein&#8230;</strong></p>
<p><strong>Hier ein paar Dutzend Photos von Katrin Eissing:</strong></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-26.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7577" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-26-424x282.jpg" alt="" width="400" height="267" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-19.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7563" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-19-424x282.jpg" alt="" width="399" height="265" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-01.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7532" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-01-424x282.jpg" alt="" width="400" height="267" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-06.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7531" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-06-424x282.jpg" alt="" width="400" height="266" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-07.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7533" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-07-424x282.jpg" alt="" width="399" height="267" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-03.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7530" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-03-424x282.jpg" alt="" width="400" height="266" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-25.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-full wp-image-7529" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-25.jpg" alt="" width="400" height="267" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-13.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7535" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-13-424x282.jpg" alt="" width="403" height="270" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-18.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7536" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-18-424x282.jpg" alt="" width="407" height="271" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-11.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7537" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-11-424x282.jpg" alt="" width="408" height="271" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-16.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7538" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-16-424x282.jpg" alt="" width="409" height="276" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-20.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7564" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-20-424x282.jpg" alt="" width="411" height="273" /></a></p>
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<p><strong>Rächer der Tiere</strong></p>
<p>Als Rächer der Pflanzen, speziell der Palmen, Gummibäume, Oleander und Philodendron im Konferenzsaal der taz, möchte ich manchmal die dort konferierenden &#8220;Ökos&#8221; attackieren, wenn und weil sie mit ihren Stühlen ständig den Pflanzen zu nahe kommen und diese bisweilen auch noch einfach beiseite schieben. Dabei ist dort Platz genug. Aber es geht hier um die Rächer der Tiere&#8230;</p>
<p>Kürzlich &#8220;attackierte&#8221; die Animal Liberation Front (ALF) Berlin ein Pelz- und Ledergeschäft im Zentrum der Stadt. Und italienische ALF-Aktivisten steckten eine Fabrik für Milchprodukte in Montelupo Fiorentino in Brand. Die ALF widmete diese Aktion ihren Mitstreitern für die Befreiung der Tiere, die im Jahr 2009 den Bauplatz des Tierversuchslabors der Firma Boehringer in Hannover besetzt hatten und von denen eine deswegen ins Gefängnis mußte: Isabell Jahnke. Sie wurde von mehreren Unterstützern in die JVA Hildesheim begleitet. Dort muß sie 20 Tagessätze absitzen.</p>
<p>Glimpflicher kamen 13 Tierschützer vom Wiener &#8220;Verein gegen Tierfabriken&#8221; (VGT) davon, die  wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation vor Gericht standen. Sie hatten das Konrad-Lorenz-Institut in Grünau besetzt, wo ein &#8220;absurdes Experiment&#8221; an Graugänsen stattfand, denen man &#8220;Sender und Elektroden einpflanzte, um ihren Herzschlag aufzuzeichnen&#8221;. Bei der juristischen Klärung, ob die Gänseforscher oder die Gänseschützer ein Verbrechen begangen hatten, ergab die Abwägung des Tatbestands Tierquälerei versus Hausfriedensbruch, dass das Verfahren eingestellt wurde.</p>
<p>In den USA, in Holland, Frankreich Spanien und England geht die Polizei inzwischen rigoros gegen &#8220;Igualdad Animal-&#8221;  und &#8220;Animal Equality-&#8221;Aktivisten vor, indem sie diese mit Razzien einschüchtert und ihre Gruppen mit Spitzeln zu durchdringen versucht, weil sich in dieser Scene ihrer Meinung nach die nächsten &#8220;Öko-Terroristen&#8221;  herausbilden.</p>
<p>In Deutschland erläuterte der Verein &#8220;tierbefreier&#8221; sein Verhältnis zu den Militanten der ALF in einem Online-Forum: &#8220;Da die internationale ALF keine organisierte Vereinigung ist, gibt es in vielen Ländern unterschiedliche Unterstützervereine. &#8216;die tierbefreier e.V.&#8217; beispielsweise distanziert sich ausdrücklich von illegalen Aktionen, erklärt sich mit den Aktivisten jedoch solidarisch.&#8221; Eine anderes Tierschützer-Forum warnt jedoch davor, sich allzu schnell, quasi in vorauseilendem Staatsgehorsam.  von militanten Tierbefreiern und ihren Aktionen zu distanzieren.</p>
<p>Die FAZ schrieb über die  Tierschutzorganisation Peta (&#8220;People for the Ethical Treatment of Animals&#8221;): &#8220;Wenn sich die Massentierhaltung nicht ändere, werde sich bald eine Al Qaida für Tierrechte bilden. Das sagt der mediale Frontmann von Peta, Edmund Haferbeck, und es klingt wie eine Drohung. Haferbeck, Protestant und Agrarwissenschaftler, sagt: &#8216;Wir kämpfen gegen ein mächtiges System von Industrie, Landwirtschaftsverbänden, Veterinären.&#8217; Aber aus Sicht des einzelnen Landwirts ist auch Peta übermächtig. Die Organisation hat in Deutschland ein Jahresbudget von rund zwei Millionen Euro Spendengeld, beschäftigt 25 Mitarbeiter, davon vier sogenannte Ermittler, die professionell Skandale aufdecken. Peta selbst, sagt Edmund Haferbeck, werde nicht zu Al Qaida werden, denn sie lehne Gewalt ab. Trotzdem: &#8216;Wir sind für die Bauernlobby das Hassobjekt für alles, was in der Szene läuft, weil wir effektiv sind, weil wir das System ins Mark treffen&#8217;.&#8221;</p>
<p>Daneben gehen aber auch weniger rabiate Naturschützer wie der BUND und die Heinrich-Böll-Stiftung immer öfter gegen die industrielle Landwirtschaft vor. Kurz vor der &#8220;Grünen Woche&#8221;, da Bio-Bauern, Vegetarier und Öko-Aktivisten wie die Feldbefreier eine Protestemonstration in Berlin durchführten, forderten sie eine &#8220;Abkehr von der massenhaften Fleischproduktion. 1094 Tiere isst jeder Deutsche durchschnittlich während seines Lebens&#8221; &#8211; das sei viel zu viel.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-22.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7541" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-22-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>In der Schweiz wurden 2011 &#8220;drei Ökoterroristen&#8221; verknackt, die sich zur &#8220;Earth Liberation Front&#8221; zählen. Die ELF sei &#8220;eine Bewegung,&#8221; schreibt der Tagesanzeiger, die &#8220;sehr aktiv&#8221; ist &#8211; und &#8220;die &#8216;Ausbeutung&#8217; der Erde anprangert. Man sucht den Weg zurück in eine Gesellschaft, die keinen technologischen Fortschritt kennt. Verbindungen bestehen auch zur Animal Liberation Front. Deren Credo: kein Fleisch essen, keine Tiere für Kleider verwenden und keine Tiere im Zirkus.&#8221; Die ALF bezeichnet denn auch die drei Aktivisten aus Bellinzona als &#8220;ihre Gefangenen&#8221;.</p>
<p>Ein Terrorismusforscher an der Universität Freiburg, Jean-Marc Flükiger, hat sich bereits auf die ELF/ALF spezialisiert. Er wird immer dann interviewt, wenn die Tierschützer oder -befreier mal wieder irgendwo zugeschlagen haben. Sie sind seiner Meinung nach &#8220;sehr aktiv: Es gab in letzter Zeit Aktionen gegen die Pelzindustrie. Das ging von Spanien über Österreich bis nach Russland. Eine aktive Bewegung gibt es [ferner] in Italien. Zentren sind Rom, Mailand, Bologna und allgemein urbane Zentren. Aktivität haben wir in letzter Zeit aber auch viel in Grossbritannien gesehen. Dort gerät die Firma Huntington Life Sciences unter Beschuss, die im Auftrag von Pharmakonzernen Tierversuche durchführt&#8230;In der Schweiz ist eher die Animal Liberation Front aktiv, auch wenn es in der Vergangenheit vereinzelt Aktionen der Earth Liberation Front gegeben hat. Die Zellen sind &#8211; wie in anderen Ländern auch &#8211; nach dem Prinzip des &#8216;führerlosen Widerstandes&#8217; organisiert. In der Vergangenheit haben wir einen &#8216;Tourismus der Ökogewalt&#8217; festgestellt, wo aktive Zellen und Individuen aus dem Ausland in der Schweiz Aktionen durchführen. Zwei der drei Angeklagten in Bellinzona stammen aus Italien.&#8221;</p>
<p>Der Schweizer Inlandgeheimdienst ergänzt: Solche militanten Gegner von Tierversuchen aus dem Ausland können in der Schweiz auf tatkräftige Unterstützung zählen. Im Jahresbericht des Schweizer Bundesamts für Polizei ist seit 2006 speziell von der militanten Tierschutzbewegung ALF die Rede, weil sie die &#8220;innere Sicherheit&#8221; des Landes gefährden könnte. Dennoch gibt es dort auch einen Professor (für Philosophie), Klaus Petrus, der sie verteidigt. Die Neue Zürcher Zeitung kritisierte kürzlich seine Thesen: &#8220;Im Aufsatz mit dem Titel &#8216;ALF und die Sache mit dem Terrorismus&#8217; stellt Petrus die Frage, ob man die ALF als terroristische Organisation bezeichnen könne, wie es die USA tut. Er verneint dies und schliesst mit der Feststellung: &#8216;Alles in allem denke ich, dass eine klare Stellungnahme zur ALF und der Sache mit dem Terrorismus den Raum öffnen sollte für eine Diskussion darüber, was sich letztlich hinter dem Kürzel ALF verbirgt: Eine denkbar konsequente Methode, jedwelche Form der Instrumentalisierung von Tieren durch die Tiernutzungsindustrie von Grund auf in Frage zu stellen.&#8217;</p>
<p>Am 4. Juni hat Petrus zudem auf offiziellem Briefpapier der Uni Bern eine Stellungnahme zugunsten von Martin Balluch verfasst. Balluch, Obmann des österreichischen Vereins gegen Tierfabriken, wird unterstellt, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben, die unter anderem unter dem Kürzel ALF agiere; er sitzt in Untersuchungshaft.&#8221; Die Leitung der Berner Universität, an der Petrus lehrt, war nicht erfreut über diesen NZZ-Artikel.</p>
<p>Am 24.12. 2012 meldete sich die ALF aus Thailand mit einem Bekennerschreiben: &#8220;Unsere Aktivisten haben acht Meeresschildkröten befreit und diese zurück ins Meer gebracht, wo sie nun frei leben können. Zudem zerstörten sie das Aquarium, in dem die Tiere gefangen gehalten wurden.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-15.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7565" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-15-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>In den USA kam und kommt es zu derartig vielen ALF-Aktivitäten, dass Wikipedia eigens eine &#8220;Timeline&#8221; für ihre Attacken führt. In ihr findet man deren Aktionen von 1976-1999, von 2000-2004 und von 2005 bis heute aufgelistet. Alleine in den letzten zehn Jahren gab es dort über 60 Pelztierbefreiungen, bei denen um die 100.000 Tiere befreit wurden. In Deutschland gab es die ersten Tierbefreiungen 1981 und 1982. In Österreich trat  die Tierbefreiungsfront 1988 erstmals mit Attacken auf Pelzgeschäfte in Erscheinung. Ihr bisher größter Anschlag fand 1996 auf eine Ei-Verpackungsfirma statt. 1997 gab es die letzte und größte Pelztierbefreiung Österreichs, bei der 600 Tiere gerettet wurden. Mit über 300 Anschlägen war die österreichische A.L.F. 1998 am aktivsten.</p>
<p>Die fast weltweite Bewegung entstand Mitte der Sechzigerjahre in England angestoßen von einigen Tierschützern, die Jagden sabotierten. Daraus bildete sich eine Gruppe, die sich  gegen die gewalttätige Jägerschaft wehrte, indem sie deren Fahrzeuge zerstörte. Ab 1973 nannte sie sich &#8220;Band of Mercy&#8221; und begann, ihre Aktionen gegen alle Teile der Tiermordindustrie zu richten. Es kam zu  Brandanschlägen und &#8211; 1974 &#8211; zur ersten Tierbefreiung. Aus der &#8220;Band of Mercy&#8221; ging 1976 die Animal Liberation Front hervor. 1977 befreite sie bereits über 200 Tiere aus Tierversuchsanstalten.</p>
<p>Als die Zahl ihrer Gefangenen stieg, wurde Anfang der 80er die erste A.L.F. Supporters Group (ALFSG) in England gegründet. Die ALFSG gibt es heute schon in zahlreichen Ländern und dient der legalen Unterstützung der Gefangenen. 1984 erreichte die A.L.F. ihren vorläufigen Höhepunkt &#8211; gemessen an der Zahl ihrer  Aktionen und den dadurch erzielten Schaden. Im selben Jahr bildete die britische Polizei eine Anti-Tierbefreiungs-Spezialabteilung zur gezielten Bekämpfung der A.L.F. Bis Ende 1995 hatte die &#8220;Bewegung&#8221; immerhin 6.000 Tiere befreit. Die  Polizei schätzt, dass es alleine in Großbritannien 3.000 &#8211; 5.000 Aktivisten gibt. Im Schnitt fänden pro Tag 6 Direkte Aktionen statt. Im gleichen Maß wie diese zunehmen, werden aber auch die Gefängnisstrafen für Tierbefreier immer länger. Barry Horne, der wohl bekannteste Tierbefreiungsgefangene, ist auch derjenige, der mit 18 Jahren die bisher höchste Strafe absitzen muss.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-23.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7542" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-23-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>Der kanadische ALF-Sprecher David Barbarash erklärte in einem Interview auf die Frage, welche Position die ALF zu nicht-gewaltätigen&#8217; direkten Aktionen einnehme: &#8220;Die ALF hat einen Verhaltenskodex, nach dem ausgeschlossen werden muss, dass Leben, menschliches wie nicht-menschliches, gefährdet oder getötet wird. Dies sind die Richtlinien der &#8220;non-violence guideline&#8221;, die in der Geschichte der ALF noch nie gebrochen wurden. Die Definition von Gewalt, welche die ALF vertritt, besagt, dass einem leblosen Gegenstand, der weder Schmerzen empfinden noch leiden kann, keine Gewalt angetan werden kann. Einen Ziegelstein oder eine Fensterscheibe kann man nicht verletzen. Daher ist die Zerstörung von Dingen nicht als Gewaltausübung anzusehen, auch dann nicht, wenn aggressivere Taktiken wie Feuer angewendet werden. Die ALF ist weiter der Ansicht, dass es gerechtfertigt ist, Gebäude, Werkzeuge und Dinge, mit denen anderen Gewalt zugefügt wird, zu zerstören.&#8221;</p>
<p>Die Berliner-Tierbefreiungs-Aktion (BerTa) schrieb auf ihrer Internetseite über die Tierschutz-Bewegung: &#8220;In allen größeren Städten in Deutschland gibt es mittlerweile Gruppen, die kontinuierlich Aktionen gegen die Ausbeutung der Tiere durchführen. Sie beschränken sich dabei nicht nur auf die illegalisierten Direkten Aktionen, sondern organisieren Kundgebungen und Demonstrationen, machen Öffentlichkeitsarbeit und arbeiten nicht zuletzt auch an theoretischen Fragen zur Befreiung der Tiere&#8230;Um die Unterdrückung der Tiere und die zugrunde liegenden Mechanismen zu untersuchen und zu benennen, entwickelte Richard Ryder 1970 den Begriff des Speziesismus. Analog zu Rassismus und Sexismus als Unterdrückungsformen, werden Tiere aufgrund ihrer Spezieszugehörigkeit als minderwertig in Abgrenzung zu den Menschen erachtet. Die Tierbefreiungsbewegung hat diesen Begriff bzw. diesen Ansatz aufgegriffen und weiterentwickelt. Speziesismus wird heute im Zusammenhang mit der Beschreibung von Einstellungen und Handlungen verwandt, welche darauf zurückzuführen sind, dass Tiere als minderwertig erachtet werden.&#8221;</p>
<p>Den Grundlagentext dazu schrieb &#8211; beizeiten schon &#8211; Peter Singer: &#8220;Animal Liberation. The Definitive Classic of the Animal Movement&#8221;. In der Schweiz fanden kürzlich eine Reihe von Vorträgen in verschiedenen Städten statt &#8211; zur  &#8220;Theorie um Tierbefreiung&#8221;. Ziel war es, Einblicke in die theoretischen Auseinandersetzungen über Tierausbeutung zu vermitteln, die in der Tierbefreiungsbewegung geführt werden. Die Vorträge sind kürzlich als Buch erschienen.</p>
<p>Davor gab es bereits einen ähnlichen Reader: &#8220;Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere&#8221;, herausgegeben von Susann Witt-Stahl &#8211; unter dem Titel &#8220;Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen&#8221;.  So hieß zuvor auch eine Tagung der Tierrechts-Aktion-Nord (TAN).  Die Vorträge zum &#8220;Mensch-Tier-Verhältnis&#8221;, die dort gehalten wurden, fanden Eingang in den Reader.  Für diesen fand die Herausgeberin das Motto:</p>
<p>&#8220;Die Philosophie ist eigentlich dazu da, das einzulösen, was im Blick eines Tieres liegt.&#8221; (Theodor W. Adorno). Hinzuzufügen wäre, das dabei die Waffe der Kritik &#8220;allerdings nicht&#8221; die Kritik der Waffen ersetzen kann. Einige Tagungsbeiträge beschäftigten sich mit &#8220;Marxismus und Tierbefreiung&#8221;.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-34.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7576" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-34-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>An dieser theoretischen Auseinandersetzung beteiligen sich immer mehr  Philosophen und Publizisten  &#8211; mit moralischen bzw. tierethischen Theorien &#8211; und bereits einer eigenen Zeitschrift &#8220;Tierethik&#8221;. Ihre erste Ausgabe  befaßt sich mit dem &#8220;Mitleid&#8221;, die zweite mit &#8220;Tierversuchen&#8221; . Die philosophischen  Positionen balancieren sich meist zwischen Descartes, Kant, Schopenhauer und der sogenannten analytischen  US-Philosophie aus, wobei neueste Ergebnisse der Verhaltenforschung pragmatisch mitberücksichtigt werden. Genannt seien:</p>
<p>- Ursula Wolf: &#8220;Texte zur Tierethik&#8221; und &#8220;Das Tier in der Moral&#8221;;</p>
<p>- Cora Diamond: &#8220;Menschen, Tiere und Begriffe&#8221;; eine etwas öde, weil wittgensteinsche Durchdeklinierung des Problems &#8211; von einer US-Moralphilosophin, die aber voller Empathie für unsere &#8220;Mitgeschöpfe&#8221; ist. Ähnlich der US-Philosoph Daniel Heller-Roazen über Mensch-Tier-Bewußtsein: &#8220;Der innsere Sinn&#8221;.</p>
<p>-&#8221;Grundfragen der Tierethik. Haben Tiere eine Würde?&#8221; von Norbert Hoerster;</p>
<p>&#8220;Am Beispiel des Hummers&#8221; von David Foster Wallace; interessant, weil für das US-Feinschmeckerjournal &#8220;Gourmet&#8221; geschrieben, deren Redaktion den Text auch abdruckte.</p>
<p>- &#8220;Naturethik. Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen Diskussion&#8221; herausgegeben von Angelika Krebs.</p>
<p>- &#8220;Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion&#8221; herausgegeben von Dominik Perler und Markus Wild;</p>
<p>- &#8220;Gerechtigkeit für Igel&#8221; von Ronald Dworkin. &#8220;Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding.&#8221; Auf dieses Versfragment von Archilochos bezog sich Isaiah Berlin in seinem Essay &#8220;Der Igel und der Fuchs&#8221;, in dem er eine Unterscheidung traf &#8211; zwischen Leuten (Füchsen), die sich von einer unendlichen Vielfalt von Dingen angezogen fühlen, und anderen (Igeln), die alles auf ein einziges, umfassendes System beziehen. Der New Yorker Philosoph Ronald Dworkin hat diese Unterscheidung nun aufgegriffen in einem umfangreichen ethischen Entwurf.  In seiner Theorie der gelungenen Lebensführung geht es jedoch nur mittelbar um dieses Tier. Kommt noch hinzu, wie ein Rezensent in &#8220;Die Welt&#8221; bemängelte, dass das Buch 1. doch über weite Strecken eine Gerechtigkeit für Füchse enthält und 2. dass es das von den Klassikern sowie von den zeitgenössischen Autoren erreichte &#8220;Problembewusstsein&#8221; leider unterbietet.</p>
<p>- Ursula Wolf: &#8220;Ethik der Mensch-Tier-Beziehung&#8221;. Der Autorin geht es darin nicht um das Wohlbefinden aller &#8220;Mitlebewesen&#8221;, sondern um die  &#8220;bescheidene Vorstellung, man könnte wenigstens dasjenige Leiden vermeiden, das durch moralische Akteure in die Welt kommt.&#8221; Die FAZ fand, sie wäre in dem Buch &#8220;ein brisantes Thema mit der nötigen skeptischen Umsicht, mit moralphilosophischer Kenntnis, aber ohne ideologische und metaphysische Voraussetzungen&#8221; angegangen.</p>
<p>- Der US-&#8221;Anthrozoologe&#8221; Hal Herzog. Er spricht in seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Buch &#8220;Wir streicheln und wir essen sie&#8221; von &#8220;unserem paradoxen  Verhältnis zu Tieren&#8221;, das er für sich amerikanisch-praktisch mit  &#8220;folgender &#8220;Regel&#8221; gelöst hat: &#8220;Wenn ich draußen bin und von einer Bremse gestochen werde, darf ich sie totschlagen. Aber wenn die Bremse zu mir ins Haus fliegt, muß ich sie retten und nach draußen bringen.&#8221;</p>
<p>- Auch die vegetarische Schriftstellerin Hilal Sezgin, die in der Lüneburger Schafe züchtet, vertritt in ihrem Buch &#8220;Landleben: Von einer, die raus zog&#8221; eine praktisch orientierte Position.  &#8211; Ähnlich der von Karen Duve, einer ebenfalls aufs Land gezogenen Schriftstellerin, in ihrem Buch &#8220;Anständig essen&#8221;, in dem sie ihre Beteiligung an Tierbefreiungsaktionen beschreibt sowie  ihre Selbstversuche mit vegetarischer, veganer und frutarischer Ernährung  (für die Frutarier ist sogar das Ausreißen einer noch lebenden Mohrrübe Mord). Indem sie dergestalt das Essen mit Moral verband, wurde ihr &#8220;jeder Hackbraten zu Quälfleisch&#8221;, wie sie schreibt. Zusammen mit dem US-Bestsellerautor Jonathan Safran Foer, der ein Jahr zuvor das Buch &#8220;Tiere essen&#8221; veröffentlicht hatte, ging sie 2012 auf Lesetournee.</p>
<p>- Weniger radikal als die hier erwähnten  &#8220;Tierbefreierinnen&#8221; (taz) ist der &#8220;Tierrechtsexperte&#8221; Antoine F. Goetschel. Der Schweizer Autor des Buches &#8220;Tiere klagen an&#8221; meinte auf einem taz-Kongreß gegenüber Hilal Sezgin, er sähe das alles nicht so eng, so würde er z.B. nach wie vor Lederschuhe tragen, jedoch nur gute &#8211; solche, die mindestens 15 Jahre halten. Auf dieses reduktionistische Qualitätsargument verfallen derzeit viele Autoren.</p>
<p>- Erwähnt seien die Journalisten Iris Radisch und Eberhard Rathgeb: &#8220;Wir haben es satt! Warum Tiere keine Lebensmittel sind&#8221;, der &#8220;Naturbursche&#8221; Marcel Robischon: &#8220;Vom Verstummen der Welt. Wie uns der Verlust der Artenvielfalt kulturell verarmen lässt&#8221; und die Kompromißlerin Theresa Bäuerlein: &#8220;Fleisch essen, Tiere lieben. Wo Vegetarier sich irren und was Fleischesser besser machen können&#8221;.</p>
<p>Die konkreten Tiere bleiben in all diesen tierethisch motivierten bzw. argumentierenden Arbeiten merkwürdig blaß. Dabei ist die Empathie, mit der z.B. Konrad Lorenz &#8220;seine&#8221; Tiere beobachtete und mit der er dann über sie berichtete, ein viel stärkeres &#8220;Argument&#8221; als eine logische Darstellung des Problems &#8220;Tier und Wir&#8221;. Der amerikanische Philosophieprofessor Rowland hat beides zugleich versucht, indem er sich einen Wolf anschaffte, auf dessen Leben er sich dann quasi für immer einstellte. Sein schönes Buch darüber heißt: &#8220;Der Philosoph und der Wolf&#8221;. Seine Exkurse in analytische Philosophie hätte er sich darin jedoch sparen können. Anders die französische Wissenssoziologie von Bruno Latour, der den Tieren das Wort &#8211; wenn schon nicht gibt, dann wenigstens laufend verspricht.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-32.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7544" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-32-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>Ganz gewitzte Wissenschaftler drehen den Spieß einfach um &#8211; und testen die Tiere auf ihre &#8220;Empathiefähigkeit&#8221;, das Leipziger Max-Planck-Institut z.B. (1) Aber die meisten ihrer Ergebnisse sind ebenso langweilig wie ihre Darstellung in immer neuen  Publikationen. Und ihre Affen belohnen sie stets mit Bananen. Andere Wissenschaftler &#8211; wie Frans de Waal &#8211; durchforsten alle Affenforschungsergebnisse nach &#8220;Empathie&#8221;-Belegen. Eine ebensolche Methode findet man in dem Buch &#8220;Wie Tiere fühlen&#8221; des Biologen Donald R.Griffin, der durch seine  Fledermausforschung in den Fünfzigerjahren bekannt wurde (sein Buch darüber heißt &#8220;Vom Echo zum Radar. Mit Schallwellen sehen&#8221;). Griffin geht es in seinem neuen Buch um einen &#8220;Vorstoß ins Bewußtsein der Tiere&#8221;. Um deren Gefühlsleben einschließlich des Einfühlungsvermögens geht es auch dem  Pschoanalytiker Jeffrey M. Masson und der Journalistin Susan McCarthy in ihrem der Griffinschen Sammlung von Tierverhaltensbeobachtungen ganz ähnlichen Buch: &#8220;Wie Tiere fühlen&#8221;.</p>
<p>- In diese Reihe gehört auch ein Buch des Ökologen Marc Bekoff: &#8220;Das Gefühlsleben der Tiere: Ein führender Wissenschaftler untersucht Freude, Kummer und Empathie bei Tieren. Mit einem Vorwort von Jane Goodall&#8221;.</p>
<p>Sowie das Buch des US-Journalisten Eugene Linden: &#8220;Tierisch klug&#8221;, wobei in seiner Anekdotensammlung vor allem Tierpfleger und Zooveterinäre statt Biologen zitiert werden.</p>
<p>Solche Fleißarbeiten richten sich vor allem gegen die in Amerika dominanten &#8220;Behavioristen&#8221;, die Tiere als wesentlich instinktgesteuert begreifen, wobei  gentechnische, biochemische und neurologische Techniken ihnen helfen, die letzten  Detailfragen zu klären. Den behavioristischen  Forschern geht es genaugenommen nicht mehr um &#8220;das Tier&#8221; &#8211; wie die Konstanzer Wissenssoziologin Karin Knorr Cetina herausfand, die sich in biologischen  Forschungslaboren umsah. Dort &#8220;werden [z.B.]  Mäuse als Umwelt ihrer Reproduktionsorgane betrachtet, deren Funktion benötigt wird &#8211; zur Herstellung von transgenen Mäusen, mit Hilfe derer die Funktion bestimmter Gene kontrolliert werden kann.&#8221; Die individuelle Maus wird dabei &#8220;zur apparativen Komponente&#8221;. Dennoch sieht der individuelle Wissenschaftler darin angeblich auch noch &#8220;das Tier Maus&#8221;: Wenn er es verletzt oder fehlbehandelt fühlt er sich &#8220;moralisch schuldig&#8221;. Aber wahrscheinlich eher gegenüber seinen Kollegen, denen er kostbare &#8220;Apparatestunden&#8221; wegnahm und seinem Institut bzw. seiner Firma, die ihn bezahlt.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-35.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7545" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-35-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>&#8220;Ohne Tierversuche gibt es keine Schönheit,&#8221; behauptet die Kosmetikindustrie, die ebenso wie die Pharmaindustrie besonders viele Tiere vernutzt. Während die (Tier-)Filmwissenschaftlerin  Christine Noll meint: &#8220;Ohne Tiere gibt es keine Schönheit,&#8221; denn &#8220;alles leiblich Schöne erlebt man erst an Tieren. Wenn es keine Tiere gäbe, wäre niemand mehr schön.&#8221; Der britische Kunstkritiker John Berger war 1980 der erste, der diese Debatte mit seinem Essay &#8220;Why Look at Animals?&#8221; systematisierte, wie der Biologe Cord Riechelmann schrieb.</p>
<p>Jenseits der nicht sonderlich erhebenden Moraldebatten der Philosophen setzt sich an vielen Universitäten bei den Kultur- und Sozialwissenschaften ein neuer Forschungsbereich durch: &#8220;Animal-Studies&#8221;. In &#8220;Ich, das Tier&#8221;, herausgegeben  von Jessica Ullrich, Friedrich Weltzien und Heike Fuhlbrügge geht es um das Tier als Subjekt &#8211; u.a Laika, den Weltraumhund, Bobby, den Gorilla aus dem Berliner Zoo und Bauschan, den Hund von Thomas Mann, daneben aber auch um namenlose Laborratten.</p>
<p>Erwähnt sei ferner der Sammelband &#8220;Human-Animal-Studies&#8221; der Berliner Arbeitsgruppe &#8220;Chimaira&#8221;, deren Interesse an den &#8220;menschlichen&#8221; und &#8220;nicht-menschlichen Wesen&#8221; zum Einen aus dem Tierschutz und zum anderen &#8211; ähnlich wie bei der Kuratorin der diesjährigen Kassler &#8220;documenta&#8221; &#8211; aus dem Feminismus resultiert. Umgekehrt thematisiert  die erste Ausgabe der in Berlin erscheinenden Zeitschrift &#8220;Tierstudien&#8221; die Tiere in der aktuellen ästhetischen Wahrnehmung, z.B. als Akteure auf Theaterbühnen, in der zweiten Ausgabe ging es um &#8220;Tiertransporte&#8221;.</p>
<p>Die Anzahl all dieser theoretischen und praktischen Bemühungen ist beeindruckend. Macht sich da vielleicht bereits eine neue  artenübergreifende Verständigungsbereitschaft bemerkbar? Ein Wunsch nach &#8220;interspecies communication&#8221; &#8211; wie sie von der feministischen US-Biologin Donna Haraway umrissen wird, die sich u.a. mit der zunehmenden Zahl der  &#8220;Haus&#8221; &#8211; bzw. &#8220;Familientiere&#8221; beschäftigte. In der modernen Industrie- bzw. Informationsgesellschaft und mit dem Zerfall der Familie werden zunehmend Haustiere in die selbe mit aufgenommen, um sie gleichsam wieder mit neuem Leben zu füllen. Den Tieren werden  dabei immer mehr Menschenrechte zugeschanzt, aber auch andere Annehmlichkeiten, wie Haraway schreibt: Inzwischen werden weltweit für Haustierfutter und -versorgung 46 Milliarden Dollar ausgegeben, Tendenz steigend, vor allem im Marktsegment &#8220;Premiumfutter&#8221;. Darüberhinaus gibt es immer mehr  psychologische Therapieeinrichtungen für Hunde und &#8220;Krankenversicherungen für Haustiere werden zur Normalität.&#8221;</p>
<p>Auch die Versupermarktung des  Tierfutters gibt es inzwischen. In den riesigen neuen Selbstbedienungsläden, die &#8220;Wuff&#8221; oder &#8220;Freßnapf&#8221; heißen, kann man nicht nur Futter für alle Haustiere finden, bis hin zu Fliegenlarven für Geckos, sondern auch das absurdeste Spielzeug für sie. Und daneben auch noch lebende Zierfische, Schlangen und kleine Nagetiere. Die Zunahme an Haustieren -  zuletzt legten die japanischen Designerkarpfen zu  (es gibt heute 4,5 Mio Aquarien und 3 Mio Gartenteiche in der BRD) &#8211; deutet auf eine weitere Atomisierung der Gesellschaft hin. Zuerst zerfiel die Groß- und dann auch die Kleinfamilie: &#8220;Familie &#8211; das ist wie eine gute noch intakte Maschine, die von der Welt abgenutzt wird, schade sie aufzugeben, aber sinnlos sie neu aufzuziehen. Es gelingt nicht, Mann und Frau müssen jeden Tag das Defizit decken,&#8221; meinte Viktor Schklowski bereits 1925. Seit der Auflösung der Sowjetunion blüht auch dort der Haustierhandel wie blöd. Der Psychiater Erich Wulff bemerkte 1966 in Vietnam: &#8220;Ein Gefühl wie Tierliebe war den meisten Vietnamesen fremd. In ihrem Seelenhaushalt gab es keinen offenen Posten dafür&#8230;Das Heer der Ammen, Boys und Boyessen okkupierte bei der mandarinalen Oberschicht die Haustierstelle.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-40.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7546" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-40-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>Anders in Russland: Scholochow z.B. berichtet in seinen Werken über den Bürgerkrieg und die Kollektivierung immer wieder, wie viele Sorgen und Gedanken sich die Kosaken um ihre Pferde machten. Und Sergej Tretjakow erwähnt in seinem 1968 veröffentlichten Roman &#8220;Das Ableben&#8221;, der die  Geschichte des Kirchdorfes Poshary von 1917 bis in die Chruschtschow-Zeit erzählt, ausführlich ein Erlebnis des an der Kollektivierung &#8220;gescheiterten Bauernführers&#8221; Iwan: Er will einem Kutscherjungen, der gerade mit Pferd und Wagen von der Molkerei gekommen ist, beim Abladen helfen. &#8220;Das Pferd war groß, schmutzig, unter dem enthaarten Fell stachen die Rippen hervor, traurig ließ es den Kopf hängen. Als Iwan hinzutrat hob es plötzlich den Kopf, sah ihn mit feuchtem Blick an und begann leise und wehmütig zu wiehern. Er hatte es nicht erkannt, aber das Pferd hatte ihn erkannt&#8230;Einer seiner beiden &#8216;grauen Schwäne&#8217; &#8211; die Hufe beschädigt, die Fesseln geschwollen, der Bauch schmutzverkrustet, und der feuchte Blick, voller Wehmut und Trauer um das frühere Leben, um die warme Box und die liebevolle Hand des Herrn, die ihm Zuckerstückchen zwischen die samtigen Lippen gesteckt hatte.</p>
<p>Er hatte seine Pferde geliebt, war stolz auf sie gewesen&#8230;Nie warf er einen Blick in den Pferdestall der Kolchose; wenn er seine Grauen irgendwo unterwegs sah, wandte er sich ab, zu schmerzlich war ihm der Anblick. Und nun stand er einem seiner Pferde Auge in Auge gegenüber, und das Tier hatte ihn zuerst erkannt.&#8221; .</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-44.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7547" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-44-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>Tolstoi erklärte einmal in einer seiner Geschichten das ganze Elend mit dem Privateigentum aus der Sicht eines Pferdes. Und Isaac Babel schreibt in der &#8220;Reiterarmee&#8221; erstaunt, dass und wie die Roten Kosaken Dreiviertel des Tages sich auf dem Polenfeldzug mit ihrem Gaul beschäftigten. Es ist ihnen das Wichtigste. Bis dahin mußten sie sich immer zusammen mit einem Pferd den Wehrdienst stellen &#8211; und es wurde ebenso wie sie gemustert. Über ihr  Pferd machten sie sich mehr Gedanken als über Menschen. Ähnliches läßt sich auch von den Mongolen und anderen nomadischen Völkern sagen, bei denen Pferd und Reiter eine Einheit bilden (eine &#8220;Kriegsmaschine&#8221;, wie Deleuze und Guattari sie nennen), die den Männern draußen mindestens ebenso wichtig ist wie die im Inneren der Jurte &#8211; mit ihrer Familie. Zwar ist das wohl auch heute noch so, aber im Gegensatz zu früher werde jetzt z.B. die mongolischen Pferde vielfach als Hundefutter in Dosen nach Japan verkauft.  Das ist jetzt der Markt für sie. Die seßhaften Bauern bilden mit ihren Nutztieren eine &#8220;Einheit&#8221;, die im Osten bei ihrer Kollektivierung zu LPGen und ihrer Umwandlung zu Landarbeitern zerrissen wurde, aber mit der Rationalisierung und Industrialisierung verschwindet diese auch im Westen langsam. In Österreich konnten die Knechte, Mägde und Dienstboten zu Lichtmess ihren Arbeitgeber wechseln, dazu sahen sie sich genau um: &#8220;Schau, wo Hund und Katze ihren Platz haben; geht es den Tieren gut, so wird es dem Gesinde auch nicht schlecht gehen,&#8221; hieß es.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-49.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7548" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-49-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p><strong>Anmerkungen:</strong></p>
<p>(1) Um Empathie ging es Anfang 2013 auch im Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, allerdings primär um die in der ästhetischen Theorie, wo sie &#8220;Einfühlung&#8221; genannt wird. &#8220;Am weitesten ging in dieser Richtung der New Yorker Kunsthistoriker David Freedberg mit seinem nachdrücklichen Plädoyer für die Aufwertung der körperlichen Einfühlung beim ästhetischen Urteil. Bei der ästhetischen Betrachtung setze sich der Blick unbewusst in Bewegung um,&#8221; schreibt die FAZ in einer Tagungskritik. Eingangs heißt es darin: &#8220;Das Empathieprinzip hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere verzeichnet. Im Angesicht der freigelegten Marktkräfte wuchs das Verlangen nach mehr Miteinander; es fehlte nicht an Autoren, die mit wissenschaftlichen Belegen die Wende zum Guten einläuteten. Der amerikanische Stichwortsoziologe Jeremy Rifkin rief das Zeitalter der Empathie aus, ein Paradies auf Erden, in dem sich alle Menschen in den Armen liegen und das, wenn man Mobbing, Mord und Totschlag einmal vergisst, in greifbarer Nähe liegt. Die Empathie betrat als weltrettende Macht die Bühne, die von der Vernunft die Weltregie übernimmt und den drohenden Zivilisationskollaps noch einmal abwendet. Die Naturwissenschaften hatten in dem niederländischen Primatenforscher Frans de Waal ihren Evangelisten des universellen Mitgefühls. De Waal empfahl den neu entdeckten (allerdings schon von Kropotkin behaupteten) Altruismus im Tierreich als Korrektiv des Sozialdarwinismus und als Leitbild einer besseren Menschengesellschaft. Ein Wohlfühldialog zwischen Kultur und Natur.&#8221;<br />
Trotz aller Zyne: Es handelt sich dabei um einen Dialog zwischen (den) Kulturen. Abgesehen davon gibt es, mit Donna Haraway zu sprechen, &#8220;weder die Natur noch die Kultur&#8221;, höchstens &#8220;viel Verkehr zwischen den beiden.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-48.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7549" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-48-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-08.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7579" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-08-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p><strong>  Planet ohne Affen</strong></p>
<p>Das spanische Parlament hat den Menschenaffen bestimmte  Menschenrechte zuerkannt. &#8220;Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen werden aufgrund ihrer &#8216;Verwandtschaft&#8217; mit dem Menschen das Recht auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit eingeräumt,&#8221; schäumt die katholische Presse. Dabei könnte dieser &#8220;Gnadenakt&#8221; für die Affen schon zu spät kommen: Der Primatenforscher Craig Stanford vom Jane Goodall Research Center der Universität von Südkalifornien gibt in seinem neuen Buch &#8220;Planet Without Apes&#8221; bereits der Befürchtung Ausdruck, dass wir auf eine Welt ohne unsere &#8220;nächsten Verwandten&#8221; zusteuern. Dies dürfe man jedoch auf keinen Fall zulassen. Der Primatenforscher ist ehrlich besorgt. Er nennt Roß und Reiter. Konkret werden von ihm insbesondere &#8220;Deutschland und Frankreich&#8221; beschuldigt, mit ihrer Unterstützung der  Holzeinschlagskonzessionäre im Kongo der Aussterben der Menschenaffen sogar noch zu beschleunigen. &#8220;Können Sie sich eine Welt ganz ohne Affen vorstellten?&#8221; fragte die FAZ in ihrer Rezension seines aufrüttelnden Buches. Gleich darunter findet sich auf der Seite die Besprechung eines anderen  Buches, das sich mit der &#8220;Verwissenschaftlichung&#8221; und damit Vernichtung &#8220;von Lebenswelten&#8221; befaßt: &#8220;Eating the Enlightment&#8221; von Emma Spary handelt von den französischen Debatten um Esskultur und Ernährung im 18.Jahrhundert. Sie fanden in den Pariser Café-Häusern statt. Und der Kaffee wurde  dabei zum &#8220;exemplarischen Gut&#8221; in der aufklärerischen Deutung, die dabei schnell  ins Globale vorstieß. In den Cafés wurde die &#8220;Konsumgesellschaft&#8221; geboren &#8211; und diskutiert. Das ging bis hin zu Ratgebern für die Verdauung. Erst 2012 gelang es allerdings den Wissenschaftlern an der Universität von Südkalifornien, herauszufinden, warum der Kaffee so leicht überschwappt &#8211; beim Gehen.</p>
<p>In der NZZ wird der neueste Roman des Leningrader Schriftstellers Andrej Bitow rezensiert: &#8220;Der Symmetrielehrer&#8221;. Daraus wird ein &#8220;wehmütiges Lied&#8221; zitiert, das so geht: &#8220;The more we live -/The more we leave./The more we choose -/The more we loose./The more we try -/The more we cry./The more we win -/The greater is the sin&#8230;&#8221;</p>
<p>Die klassische Loose-Loose-Situation, auf die alle vermeintlichen Win-Win-Optionen  hinauslaufen. Fast hört man schon die Totenglocken der &#8220;Konsumgesellschaft&#8221; läuten. Es gibt keine ökonomische Utopie mehr, meint der Pariser  Wissenssoziologe Bruno Latour, nur noch eine ökologische. Dazu muß die moderne Dichotomie von Natur und Kultur, sowie von Objekt und Subjekt und Fakt und Fetisch  überwunden werden. Dies geschieht,  indem man Menschen und nicht-menschliche Wesen sowie auch sämtliche Artefakte (Dinge) miteinbezieht &#8211; sie gewissermaßen an einem Runden Tisch versammelt: zu einem &#8220;Parlament der Dinge,&#8221; wie Latour das nennt. Irgendwann wird man es dann genauso seltsam finden, verspricht er, dass die Tiere und Pflanzen kein Stimmrecht haben &#8211; wie nach der Französischen Revolution, dass bis dahin die Menschenrechte nicht auch für Frauen und Schwarze galten.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-38.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7554" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-38-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>In der DDR-Zeitschrift &#8220;Sinn und Form&#8221; äußerte sich Daniel Kehlmann, Autor des Bestsellers &#8220;Die Vermessung der Welt&#8221;, ähnlich: &#8220;Natürlich, der Hund steht uns traditionell näher als das Rind. Aber trotzdem ist es Willkür, daß man mit dem Hündchen kuschelnd ins Bett geht, und dem Kälbchen den Hals durchschneidet. Man weigert sich, über gewisse Dinge nachzudenken, so wie man sich Jahrhunderte lang geweigert hat, über die Sklaverei nachzudenken.&#8221;</p>
<p>Dennoch gibt es für Kehlmann, dessen Hund &#8220;Nuschki&#8221; 2008 starb, eine unüberwindliche Grenze zwischen Menschen und Hunden, obwohl diese, im Gegensatz zu den Affen, schon lange &#8220;auf den Menschen gesetzt&#8221; haben. Man kommt ihnen gegenüber unweigerlich auf den Gedanken, ein &#8220;höheres Wesen&#8221; zu sein, &#8220;und zwar einfach dadurch, daß einem klar wird, wie viel es gibt, was man dem Tier nicht erklären kann, was es nicht begreift&#8230; Man kann im stummen Zwiegespräch mit seinem Hund eben keine metaphysischen Fragen behandeln.&#8221;</p>
<p>Aber anstoßen kann er sie &#8211; wie der  marxistische Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel meinte: Gesetzt den Fall, wir gehen mit unserem Hund in einen Fleischerladen, schrieb er, alles, was dort geschieht, versteht auch der Hund. Das Deuten auf dieses oder jenes Fleischstück, dass und wie der Schlachter die Portionen einpackt, uns  rüberreicht usw.. Aber wenn wir dann das Geld aus dem Portemonnaie nehmen, es abzählen und wie Ware bezahlen &#8211; das versteht der Hund nicht. Da beginnt die &#8220;Realabstraktion&#8221; in unserer Gesellschaft, in der der Warenverkehr den nexus rerum bildet, der ein rein abstrakter Zusammenhang ist, bei dem alles Konkrete sich in privaten Händen befindet.</p>
<p>Ende der Konsumgesellschaft, das bedeutet vor diesem Hintergrund: das zu Privatisierende wird auf der Welt knapp. Die darüber hinausgehenden Anstrengungen &#8211; zu den Rohstoffen anderer Planeten &#8211; stimmen nicht (mehr) optimistisch. Überhaupt fragt man sich beim Übergang vom ökonomischen zum ökologischen Denken (nicht mehr nur in den Pariser Kaffehäusern), ob all die mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Lösungen vielleicht nicht  eher das Problem sind.</p>
<p>Kehlmann, dessen e.e. Buch vom Landvermesser und Mathematiker Gauß sowie vom Naturforscher und Weltreisenden Humboldt handelt, spricht vom &#8220;Mangelhaften der imaginären Welt gegenüber der realen.&#8221; Diese wird von der Wissenschaft überformt &#8211; zum Verschwinden gebracht. &#8220;Eine Landschaft, die man vermessen hat, ist nicht mehr die selbe.&#8221; Bereits beim Kauf einer Dose Ravioli, läßt sich anhand der &#8220;Zutaten&#8221;-Angaben (1) auf dem Etikett ablesen, wieviel Wissenschaft in ihr steckt. Und zwar eine mathematisch-naturwissenschaftlich-technische, deren Anfänge wir den griechischen Philosophen verdanken. Mit ihnen begann das, was Schiller die &#8220;Entfremdung&#8221; nannte &#8211; und worüber der Philosophiestudent  Kehlmann dann seine Abschlußarbeit  schrieb. In seiner &#8220;Vermessung der Welt&#8221; im frühen 19. Jahrhundert &#8220;zeigt sich [ihm] noch das volle Bild der Vielfalt&#8221;. Es fächert sich sogar noch aus: In der Ferne tauchen noch immer neue Menschen und Tiere auf. Und von Nahem  nehmen sich die Unterschiede zwischen Soldaten, Advokaten, Kaufleuten, Seemännern, Dichtern usw. laut Balzacs &#8220;Comédie Humaine&#8221; so gravierend aus wie die zwischen Wolf, Löwe, Esel, Rabe und Lamm&#8230;</p>
<p>Im noch ganz frühen 21. Jahrhundert ist sich Kehlmann indes nicht ganz sicher: Einerseits attestiert er dem Tier wiederholt, &#8220;ganz bei sich zu sein&#8221;, nicht entfremdet, obwohl gerade im Falle des Hundes Philosophen wie Theodor Lessing, Konrad Lorenz, Gilles Deleuze und Cord Riechelmann darauf bestanden, dass er  durch seine lange &#8220;Verhaustierung&#8221; völlig &#8220;degeneriert und mithin  &#8220;verblödet&#8221; sei. Andererseits ist Kehlmann gerade von &#8220;Genies&#8221; &#8211; von der Gaußschen &#8220;Abstraktionskraft&#8221; vor allem &#8211; fasziniert, in die kein Gramm Naturstoff eingeht. Da hinein folgt er diesem &#8220;Akteur&#8221; aber auch sowieso nicht. Man kann daraus nämlich keinen Roman machen. Es gibt keinen Weg, der &#8220;vom Zählen zum Erzählen&#8221; führt. &#8220;Man kann vom Zählen nicht erzählen.&#8221; Kommt noch hinzu: Die Mathematiker wissen, dass sie mit 28 etwas &#8220;Wichtiges&#8221; entdeckt haben müssen &#8211; danach kommt nichts mehr. Während die Romanschriftsteller im Alter immer mehr an &#8220;Welt- und Lebenserfahrung&#8221; gewinnen. Humboldts Schriften z.B. hat man  jetzt einfach ohne seine ganzen Meßtabellen herausgegeben. Das Erzählen, aber auch die Philosophie, ist für Kehlmann eine der &#8220;Gegenmächte der Vermessung&#8221;, dazu gehört auch die &#8220;Zauberei&#8221; und der &#8220;Animismus&#8221;.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-42.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7555" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-42-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>Im Alter litt Gauß &#8211; ebenso wie später auch Gödel &#8211; an Geistererscheinungen. Kehlmann wäre dennoch froh, wenn in einem solchen Falle ein Wissenschaftler käme, um ihn zu beschützen, es reicht aber wohl auch eine technische Erfindung: Soe hielt z.B. Ernst Bloch 1935 dafür, daß die Glühbirne  aufklärungskräftiger als etwa Voltaire sei, &#8220;denn sie hat das Grauen aus den Schlupfwinkeln der äußeren Dunkelheit selbst vertrieben und nicht nur aus der des Kopfes.&#8221; Die Wissenschaft vertreibt jedoch nicht nur &#8220;die Gespenster&#8221;, mit der &#8220;Quantifizierung&#8221; wird auch &#8220;die qualitative Differenz der Dinge methodisch eingeebnet.&#8221; wie der Chefredakteur von &#8220;Sinn und Form&#8221;, Sebastian Kleinschmidt, hinzufügt.</p>
<p>Das Amazonasvolk der Pirahas z.B. kann nicht, wie viele andere kleine Völker ebenso, bis vier zählen, obwohl sie es gerne können würden. Für sie gibt es jedoch keine zwei, drei oder gar vier Dinge auf der Welt, die identisch sind (nicht einmal sie selber sind es auf Dauer), was sie nicht zuletzt zu leidenschaftlichen Erzählern gemacht hat.  Ein anderes Amazonasvolk lernte das Zählen erst, nachdem es Portugiesisch gelernt hatte. Dieser Mangel an Abstraktionsvermögen &#8211; aus einem Überfluß an Qualitäten heraus, führt bei den Pirahas dazu, dass sie beim Warentausch mit den Flußhändlern jedesmal übervorteilt werden. Das bemerken sie zwar, können es aber nicht beziffern. Ähnliches berichtete nebenbeibemerkt auch die Schweizer Geschäftsfrau Corinne Hofmann bei einem Massai-Krieger, nachdem sie mit ihm zusammen einen Laden eröffnet hatte.</p>
<p>Für Kehlmann war Humboldt der letzte &#8220;nicht quantifizierende Naturwissenschaftler&#8221;. Sein &#8220;intuitives Naturerfassen&#8221; stand in scharfem Gegensatz zu dem von Gauß. Es ähnelte dem von Goethe, der selbst &#8220;Experimente, bei denen man das Licht durch ein Prisma bricht, als obszön&#8221; empfand. &#8220;Er sagte, es sei unanständig, das Licht so zu behandeln.&#8221; Quäle nie ein Lichtquant zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz. Neben dem Tier, das ganz bei sich ist, weswegen z.B. seine Freude so ansteckend auf Kehlmann wirkt (er spricht von einem &#8220;Resonanzphänomen&#8221;), ist  Kleinschmidt, so ergänzt er, auch noch von der &#8220;Weltwahrnehmung&#8221; der Naturvölker  beeindruckt. Er zitiert dazu aus Martin Mosebachs &#8220;Häresie der Formlosigkeit&#8221; einen Schamanen, der behauptete, dass ein Stein, der aus dem Boden gegraben wurde, sich darüber jahrelang nicht beruhigen könne. &#8220;Mehr Empathie in der Weltwahrnehmung ist kaum möglich. Extremer Animismus.&#8221;</p>
<p>Kehlmann läßt Gauß in seinem Buch Kant in Königsberg besuchen. Man müßte dazu vielleicht einmal Thomas Pynchons Roman über die zwei berühmten amerikanischen Vermesser &#8220;Mason &amp; Dixon&#8221; lesen, deren Ziel es war, eine geometrisch völlig gerade Linie zwischen zwei Kolonien zu ziehen, die sich über geografische Gegebenheiten hinwegsetzt &#8211; in Wälder, die auf ihrem Weg liegen, werden Schneisen geschlagen, in einem Fall wird sogar ein Wohnhaus durch die Linie zerteilt, wobei  Mason immer wieder vom Geist seiner verstorbenen ersten Frau Rebekah heimgesucht wird, die über seine Taten spricht. Zunehmend hinterfragen Mason und Dixon selbst ihre eigene Tätigkeit&#8230;</p>
<p>Gauß hat sich laut Kehlmann viel mit Kant beschäftigt, &#8220;vor allem hat er Kants Theorie des Raums als etwas Falsches, und für die Durchsetzung der Wahrheit Hinderliches erlebt.&#8221; Kant sah das Räumliche als Grundlage für die Geometrie und das Zeitliche als Grundlage für die Arithmetik. Seine  transzendentale Ästhetik (im ersten Teil der transzendentalen Elementarlehre seiner Kritik der reinen Vernunft) ist damit zugleich eine Theorie darüber, wie reine Mathematik möglich ist. Dazu heißt es  im Wikipedia-Eintrag: &#8220;Reine Mathematik ist nach Kant möglich, weil Raum und Zeit als apriorische Formen in uns liegen.&#8221;</p>
<p>Der späte Nachfolger von Kant auf dessen Königsberger Lehrstuhl, der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, hat daraus ab 1938 eine &#8220;evolutionäre Erkenntnistheorie&#8221; gemacht: Demnach sind dem Menschen die Vernunftbegriffe &#8211; das Abstraktionsvermögen &#8211; angeboren. Nun, da wir uns angeblich dem Ende der Konsumgesellschaft nähern, sagte aber jüngst ausgerechnet eine Physikerin &#8211; auf einer Tagung der Akademien der Wissenschaften und der Künste in Potsdam auf dem Alten Markt: Es gehe doch im Kern um den Satz der Identität in der Logik &#8211; A gleich A: &#8220;Da raus zu kommen, darauf käme es doch wohl an.&#8221; Dabei dachte sie vor allem an die Künstler.</p>
<p>Der Künstler Kehlmann wendet dagegen ein: &#8220;Dieses Quantifizieren der Welt Komma hat auch etwas Beeindruckendes, es hat die größte Erfolgsgeschichte eingeleitet, die es im Verstehen der Welt und im Meistern des menschlichen Lebens gibt.&#8221;</p>
<p>Der &#8220;Sinn und Form&#8221;-Chefredakteur Kleinschmidt fragte ihn daraufhin:</p>
<p>&#8220;Halten Sie eine Rückkehr in die Farbigkeit für möglich?&#8221; Kehlmann antwortete ihm &#8211; sinngemäß: Nein, da müssen wir durch &#8211; durch die zunehmende Farblosigkeit&#8230;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-50.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7556" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-50-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p><strong>Hier Auszüge aus zwei wirklichen  Farbromanen &#8211; for the time being:</strong></p>
<p>Der zur Schulpflichtlektüre gehörende Roman von Siegfried Lenz &#8220;Deutschstunde&#8221; aus dem Jahr 1968  handelt vom &#8220;Malverbot&#8221; Emil Noldes während der Nazizeit. Dieser hat sich mit dem besonderen Licht an der nordfriesischen Küste, seiner Heimat, auseinandergesetzt &#8211; mit Farben also. In dem Roman von Lenz wird das in gewisser Weise nachvollzogen. Es beginnt auf Seite acht mit einer &#8220;messingblitzenden Barkasse&#8221; und einem &#8220;blauen Direktionsgebäude&#8221;. Auf der darauffolgenden Seite geht es um einen Klassenkameraden des Ich-Erzählers, der seine Gesichtsfarbe willentlich ändern und &#8220;nach Belieben blaß, grünlich&#8221; aussehen konnte. Es folgen &#8220;maulwurfsgraue Gräben&#8221;, das &#8220;schwarze winterliche Meer&#8221;, der &#8220;grauäugige&#8221; Maler Nansen (alias Nolde), &#8220;schweres, beleidigtes Gelb&#8221;, &#8220;von dunklem Blau durchzuckt&#8221;, &#8220;dramatisches Orange&#8221;.</p>
<p>Dann das &#8220;Zinngrau des Horizonts&#8221;, das zu &#8220;schneegrau&#8221; wird, &#8220;violett bleibt nicht violett, rot verzichtet auf sein Komplement&#8221;, &#8220;bläulich schimmerndes Treibeis&#8221;, &#8220;wütendes lila und kaltes Weiß&#8221;, &#8220;schlohweiße Kraftlinien&#8221;, &#8220;weiße Staubtücher&#8221;, ein &#8220;grau getünchtes Gasthaus&#8221;, ein &#8220;Tor aus weißen Planken&#8221;, ein &#8220;rostroter Stall&#8221;, &#8220;Schwarzschlachtung&#8221;, ein &#8220;graublauer Mantel&#8221; mit &#8220;schwarzem Wildledereinsatz&#8221;, ein &#8220;violett gesträubter Fuchspelz&#8221; und &#8220;ein Bart aus brodelndem Orange&#8221;. Ferner &#8220;erdgrüne Hügel&#8221;, &#8220;braune, rot unterfeuerte Finger&#8221;, &#8220;sterbendes Grau&#8221;, &#8220;Dunkelgrün fehlt noch&#8221;, &#8220;braun und begabt&#8221;, &#8220;gelbe Propheten&#8221;, &#8220;grüne, verschlagene Marktleute&#8221;, &#8220;das ganze phosphoreszierende Volk&#8221;, &#8220;grüne langstielige Gläser&#8221;, &#8220;aufblickend in olivgrünem Licht&#8221;, &#8220;rot-weißes Leuchtfeuer&#8221;, &#8220;ein ockerfarbenes Transparent&#8221;, &#8220;weiß und rostrot getünchte Anwesen&#8221;, &#8220;mit Schlemmkreide geweißte Schuhe&#8221;, eine &#8220;rote Ameise&#8221;, die &#8220;sandhelle  Spitze der Halbinsel&#8221;, &#8220;weißgewaschenes Wurzelwerk&#8221;, &#8220;aus schwarzer Weite&#8221;, &#8220;rotäugig, gelbschnäbelig&#8221;, &#8220;Schnee aus Daunen&#8221;, &#8220;blaugrüne, graue und schwarzbraune Eier&#8221;, &#8220;Addis blaurot verfärbtes Gesicht&#8221;, ihr &#8220;aufgesperrter, korallenroter Schlund&#8221;, &#8220;gelbe Hoheitszeichen&#8221;, ein &#8220;weißlicher Vorhang&#8221;, &#8220;alles wächst sich schwarz und knollenhaft aus&#8221;, &#8220;graue geduldige Augen&#8221;, &#8220;das Grau der Sanddünen&#8221;, &#8220;die blaue Meereskarte aus Leinwand&#8221;, &#8220;Stücke blaßgelben Streuselkuchen&#8221;, &#8220;altersgraues Meergetier&#8221;, &#8220;Juttas rot-weiß kariertes Kleid&#8221;, &#8220;ebenmäßig silbriger Bartkranz&#8221;, &#8220;da überredete ein weiches Zitronengelb ein lichtes Blau zur Selbstaufgabe&#8221;, &#8220;schwebende Segel büßten ihr Weiß ein&#8221;, &#8220;das Weiß, das will noch zu viel sagen&#8221;, &#8220;sein brauner knorriger Stock&#8221;, &#8220;auf dem gewellten schwarze Erdboden&#8221;, &#8220;die schwarzen Gartenwege&#8221;, &#8220;am rostroten Stall&#8221;, &#8220;die blauen Tümpel und das flockige Weiß&#8221;, &#8220;ein altes weißes Entenpaar&#8221;, &#8220;ein rot durchkreuzter Eilbrief&#8221;, &#8220;rötlich behaarte Hände&#8221;, &#8220;mit flatternder blauer Fahne&#8221;, &#8220;Braun löste Weiß ab&#8221;, &#8220;in dem Rot und Geld sich pathetisch unterhalten&#8221;, &#8220;das gelbliche Gebiß&#8221;, &#8220;am rotbemützten automatischen Feuer&#8221;, &#8220;rotblonde Wimpern&#8221;, &#8220;ihr strenges rötliches Gesicht&#8221;, &#8220;eine langsame Morgendämmerung, in der sich ein unaufhaltsames Geld mit Grau und Braun auseinandersetzt&#8221;, &#8220;plumper weißer Verband&#8221;, &#8220;harte, graue, selbstgewebte Laken&#8221;, &#8220;torfbraunes Wasser&#8221;, &#8220;in weiße Rahmen gefaßte Fenster&#8221;, &#8220;schwarz und untauglich im Blickfeld&#8221;, ein &#8220;dunkelgrünes Auto&#8221;, &#8220;eine geflochtene Troddel von einem Polizeisäbel, die matt silbrig schimmerte&#8221;, &#8220;ihre Vorliebe für weiße Kleider und weiße Strümpfe&#8221;, &#8220;grauweißer Pamps&#8221;, &#8220;sowohl ins Grüne als auch ins Rote spielender Rhabarbermus&#8221;, &#8220;weiße, mit Sommersprossen und Leberflecken besäte Arme&#8221;, &#8220;meine blaue, selbstgemachte Fahne&#8221;, &#8220;torfbrauen Erde&#8221;, &#8220;schwarze,  lauwarme Gräben&#8221;, ein &#8220;alter blauer Mantel&#8221;, der &#8220;violette Fuchspelz&#8221;, &#8220;in schreckhaftem Orange beispielsweise, in weißem, wie mit Deckfarbe aufgesetzten Tupfen&#8221;, &#8220;ins Schwarzgrau einen scharfen Ruf: Gelb, Braun und Weiß,&#8221; &#8220;und Erdgrün&#8221;, &#8220;sein graues Auge&#8221;, &#8220;helläugig, mit blauem Gesicht&#8221;, &#8220;schwere, graugrün gestrichene Türen&#8221;, &#8220;ein grauweißes, oben links leicht geflecktes Rechteck&#8221;, &#8220;das rote, längliche, sauertöpfische Gesicht&#8221;, &#8220;weiße Ringe&#8221;, &#8220;eine milchige Sonne&#8221;, &#8220;das wirft gelbe und grüne Blitze übers Meer&#8221;, &#8220;ein schwärzliches Licht von der Morgensonne&#8221;, &#8220;Rotalgen, Braunalgen, Grünalgen&#8221;, &#8220;sein riesiges blauweißes Taschentuch&#8221;, &#8220;die Planken weiß schrubben&#8221;, &#8220;blaue Schatten über der See, die von grauen Bändern geteilt wurden&#8221;, &#8220;die Frau mit dem zusammengesteckten braunen Haarkranz&#8221;, eine &#8220;niedrige, dunkelgrün gestrichene Decke&#8221;, der &#8220;Sonnenuntergang Rot und Grün&#8221;, &#8220;statt Orange &#8211; Violett&#8221;, &#8220;die gewohnten Farben: weißgrau und ziegelrot&#8221;, &#8220;aschblondes Haar&#8221;, ein &#8220;brauner, abgeplatteter Daumen, &#8220;schwarzes Brett&#8221;, &#8220;braune und sandfarbene Staubmäntel&#8221;, &#8220;Flaschengrün und Schwarzblau&#8221;, &#8220;seine blaue Fahne&#8221;, &#8220;rot eingekastelt&#8221;, ein &#8220;silbergrauer Kajak&#8221;, &#8220;Gesichter auf zerlaufenem Silber&#8221;, &#8220;wäßriges Blau&#8221;, &#8220;dunkle Naturgeister&#8221;, &#8220;gelbe Verderbnis&#8221;, &#8220;Farballergie stop Braun&#8221;, &#8220;Mann im roten Mantel&#8221;, &#8220;grünweiß geflammte Furcht&#8221;, &#8220;die blaue Grundierung, um das Rot des Mantels daran zu brechen&#8221;, eine &#8220;schwarze, winterliche Nordsee&#8221;, &#8220;Dittes grauer Bubikopf&#8221;, &#8220;weißes öliges Zeug&#8221;, &#8220;graue Augen, klein und kalt&#8221;, &#8220;ein braunes Ungetüm von Kommode&#8221;, &#8220;bläuliche Metallflecken&#8221;, &#8220;Rot auf Weiß und Grün auf Weiß&#8221;, &#8220;mehlweiße Heringe&#8221;, &#8220;gelb und braun glänzend vor Fett&#8221;, eine &#8220;braune Schüssel&#8221;, ein &#8220;rotleuchgtendes Papierstück&#8221;, &#8220;grüne Gesichter&#8221;, &#8220;schiefe und schwarze Münder&#8221;, &#8220;grüne Gesichter&#8221;, &#8220;eine Schale mit bräunlichem Apfelmus&#8221;, &#8220;einige rote und grünweiße Schnipsel&#8221;, &#8220;rote, grünew, weiße und blaue Flocke ließ er niederregnen&#8221;, &#8220;blaue Meereskarten&#8221;, &#8220;graue Modellflotten&#8221;, &#8220;Rot bestätigte Blau. Weiß brachte Grün in Aufruhr, Braun behauptete sich gegen Grau. Ein brauner gekrümmter Zeh&#8221;, &#8220;eine schwarze Jacht&#8221;, ein &#8220;roter Kugelbaum&#8221;, &#8220;eine rote Glocke&#8221;, &#8220;unter der grauen Last&#8221;, &#8220;mit einem schweren grünweißen Körper&#8221;, sandgrauer Strand&#8221;, &#8220;die schwarze, winterliche Nordsee&#8221;, &#8220;eine ins Blaugrün spielende Welle&#8221;, &#8220;ein düsteres Braun&#8221;, &#8220;braune Augen&#8221;, &#8220;torfbraunes Wasser&#8221;, &#8220;meine schlammbedeckten Schokoladenbeine&#8221;, &#8220;ins Bläuliche spilenmder Schlamm&#8221;, &#8220;schwarz geteerte Bordwände, mit gebleichtem Ducht, die von Mövendreck bespritzt war&#8221;, eine &#8220;schwarze Schubkarre&#8221;, &#8220;schwarzweiß gefleckt, grau, verzottelt&#8221;, der &#8220;grünbraune Wulst&#8221;, &#8220;braune Torftürme&#8221;, eine &#8220;ins Schwarze übergehende Wand&#8221;.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-58.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7557" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-58-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>&#8220;Das rote Ziegelhaus&#8221;, &#8220;auf der grauen Couch&#8221;, &#8220;Das braune gutmütige Büfett&#8221;, &#8220;weiße Tage&#8221;, &#8220;rothaarig&#8221;, &#8220;ein schwarzer Rock und ein schwarzer Lackgürtel&#8221;, &#8220;ein großes beleidigteKüken aus gelbem Stoff&#8221;, &#8220;mit dem schäbigen blauen Mantel&#8221;, &#8220;sein Gesicht war grau&#8221;, &#8220;der rostrot getünchte, lange unbenutzte Stall&#8221;, &#8220;die gekalkte Stallwand&#8221;, &#8220;das schwarzweiß gefleckte Fell&#8221;, &#8220;mit grauem Haarnetz&#8221;, &#8220;mit eisgrauem Haar&#8221;, &#8220;schwarzweiße Kreisel über die Stirn&#8221;, &#8220;schwarze, übereinanderliegende Baumstämme&#8221;, &#8220;das dunkelgrüne Auto&#8221;, &#8220;der kleine braune Koffer&#8221;, &#8220;die mausgraue tanduhr&#8221;, &#8220;in grünem Licht&#8221;, &#8220;ein unaufhaltsames Braun&#8221;, &#8220;ein Braun mit schwarze Streifen und grauem Rand&#8221;, &#8220;seine grauen Augen&#8221;, &#8220;mein grün gestopfter Pullover&#8221;, &#8220;die schlammgraue oder tonfarbene Einöde&#8221;, &#8220;graue Tümpel&#8221;, &#8220;gelbliche Schaumhügel&#8221;, &#8220;der rotblaue Ring&#8221;, &#8220;Blau vor Grün, Blau vor Sandbraun&#8221;, &#8220;ein tongraues Gebiet&#8221;, &#8220;bis zum roten Leuchtfeuer&#8221;, &#8220;weiße Stifelkuppen&#8221;, &#8220;eine grüne Bohne&#8221;, &#8220;schon braun&#8221;, &#8220;noch als grün, hatten jedoch schon gelbbraunen Schimmer&#8221;, &#8220;Bleifarbe&#8221;, &#8220;Ziegelrot im Blickfeld&#8221;, &#8220;diese Ebene, grün, geld und mit braunen Streifen, &#8220;mit schwarzen Früchten&#8221;, &#8220;gebräunt&#8221;, &#8220;weißblaues Gewölk&#8221;, &#8220;braungrünes, fettig schimmerndes Ölpapier&#8221;, &#8220;schwarzer Strom&#8221;, &#8220;unterschiedliche Brauntöne&#8221;, &#8220;Spuren im Schnee, schwarz und ohne Herkunft&#8221;, &#8220;blaue Zaunlatten&#8221;, &#8220;&#8221;bißchen olivfarbener Hintergrund&#8221;, &#8220;ein kleines, rotes Leuchten&#8221;, &#8220;die graue, harte, nächtliche Juckreize hervorrufende Decke&#8221;, &#8220;das violette Kleid&#8221;, &#8220;in Grün&#8221;, &#8220;sondern in Gelb&#8221;, &#8220;Widerstand des schwarze, gestauten Wassers&#8221;, Schwarz glänzend die krummen Bäume&#8221;, &#8220;Die Tünche &#8211; weinrot und weißgrau&#8221;, &#8220;von grauem Haar eingeschlossen&#8221;, &#8220;die grauen Augen&#8221;, &#8220;mit dem silbernen Bartkranz&#8221;, &#8220;schwarzes Seidenkleid&#8221;, &#8220;schwarze Strümpfe, schwarze Überschuhe und der schwarze Tuchmantel&#8221;, &#8220;weißlicher Schleier&#8221;, &#8220;Rotziegel&#8221;, &#8220;Schwarz stand ihr gut&#8221;, &#8220;in schwarze Gruppen&#8221;, &#8220;ein dunkler, hoffentlich kratzender Strickanzug, &#8220;keine Rotdrosseln&#8221;, &#8220;rostrot getünchte Tür&#8221;, &#8220;braungelacktes Holz&#8221;, &#8220;weißes Kleid, weißer Spangenschuh&#8221;, &#8220;graue Kleider&#8221;, &#8220;mit schwarze Rissen im Nacken&#8221;.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-47.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7580" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-47-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>&#8220;Dünnes weißliches Wurzelwerk&#8221;, &#8220;&#8221;die Erde schwarzbraun&#8221;, &#8220;die gelben Türme&#8221;, &#8220;der so rot angelaufene Mann&#8221;, &#8220;seine safrangelbe Joppe&#8221;, &#8220;seine mit schwarzem Isolierband geflickte Pfeife&#8221;, &#8220;die sattgrüne Erhebung&#8221;, &#8220;das schwere Grün, das glühende Rot der Gehöfte&#8221;, &#8220;in Streifen roten, gelben und schwefligen Lichts&#8221;, &#8220;Ocker- und Zinnobertöne am Himmel&#8221;, &#8220;schwarzweißgefleckte Tiere&#8221;, &#8220;unter weißlichen Atomstößen&#8221;, &#8220;das rotblonde Haar&#8221;, &#8220;einer der aschgelben Heringe&#8221;, &#8220;Eiszapfen zeigten im Zerspringen, daß sie gefärbt waren,  rot und gelb vor allem&#8221;, &#8220;grüne Hügel&#8221;, &#8220;grau im Gesicht&#8221;, &#8220;ein grüner, olivgrüner Panzerspähwagen&#8221;, &#8220;eine schwarze Baskenmütze&#8221;, &#8220;rötliches Kraushaar und zwei rötliche Sterne auf den Schulterklappen&#8221;, &#8220;olivgrün&#8221;, &#8220;in dem braunen, kurzärmeligen Kittel&#8221;, &#8220;die olivgrüne Masse&#8221;, &#8220;unter der grünschwarz gestreiften Decke&#8221;, &#8220;&#8221;mit brandrotem Fuchspelz&#8221;, &#8220;Die linke Gesichtshälfte in kraftlosem Rotgrau, die rechte Grüngelb, der Grund rötlich fleckig&#8221;, &#8220;durch bläuliche Schleier&#8221;, &#8220;die weißlich schimmernde Stirn&#8221;, &#8220;das schattige Blau über dem Nasenrücken&#8221;, &#8220;Rotgrau und Gründgelb&#8221;, &#8220;Dies innenlichtige Blau&#8221;, &#8220;in diesem Blau&#8221;, &#8220;hier rotgrau, dort grüngelb&#8221;, &#8220;das Blau&#8221;, &#8220;blau bewimpelt&#8221;, &#8220;grauweiße Stulpen&#8221;, &#8220;weiße Fahnenstange&#8221;, &#8220;weiße Schürze&#8221;, &#8220;Rotziegel&#8221;, &#8220;mit dem weißen Vogelbauer&#8221;, &#8220;auf dem torfbraunen Weg&#8221;, &#8220;schwarz vor eingefallenen Staren&#8221;, &#8220;bläulicher Schlamm&#8221;, &#8220;weißlicher Dunst&#8221;, &#8220;die beiden olivgrünen Autos&#8221;, &#8220;&#8221;etwas Blaues&#8221;, &#8220;bei schwarzem Himmel&#8221;, &#8220;aus grünblauer Tinte&#8221;, &#8220;verloren unter Grau&#8221;, &#8220;wenn milchiges Weiß auf sie fiel&#8221;, &#8220;ihre gespreizten braunen Beine&#8221;, &#8220;im blauen Kittel&#8221;, &#8220;der blaßgrüne Unterrock&#8221;, &#8220;von dem sämigen, honigfarbenen Shampoo&#8221;, &#8220;eine dunkle Brühe&#8221;, &#8220;Das rötliche Licht&#8221;, &#8220;ein Strauß von gelben und roten Leuchtkugeln&#8221;, &#8220;Torkelnder Aschenregen vor weißgrauem Himmel&#8221;, &#8220;mit dem braunen, rot unterfeuerten Finger&#8221;, &#8220;die gelben Propheten&#8221;, &#8220;die grüne, verschlagenen Marktleute&#8221;, &#8220;das ganze phosphoreszierende Volk&#8221;, &#8220;&#8221;mit ihren leicht grüngoldenen Händen&#8221;, &#8220;ihren eisgrauen Augen&#8221;, &#8220;mit seinen gelblichen, starken Zähnen&#8221;, &#8220;die braune, grobe Decke&#8221;, &#8220;der Mann im roten Mantel&#8221;, &#8220;ein brauner Umschlag&#8221;, &#8220;unter einem roten Himmel&#8221;, &#8220;auf die blaue Musterung&#8221;, &#8220;unter dem roten Himmel, mit offenem Haar&#8221;, &#8220;zwei gelbliche Tabletten&#8221;, &#8220;diese dünne goldene Kette&#8221;, &#8220;das dünne, aschblonde Haar&#8221;, &#8220;in dem schwarzen, lackglänzenden Regenmantel&#8221;, &#8220;&#8221;wachsgelbe Haut&#8221;, &#8220;die Frau in Schwarz mit dem breitkrampigen schwarzen Hut&#8221;, &#8220;lila Schimmer im Haar&#8221;, &#8220;das Mädchen im Lederrock mit dem seegrünen Pullover&#8221;, &#8220;die flache Rothaarige, deren Beine mit roten Pickeln besetzt waren&#8221;, &#8220;an grünen Schnüren&#8221;, &#8220;Ihre Sehschlitze waren erdbraun&#8221;, &#8220;gelbe Baumaschinen&#8221;, &#8220;bis zur Verkehrsampel, die zeigte noch Grün&#8221;, &#8220;Rotweinflaschen&#8221;, &#8220;die grünen Schriftzüge&#8221;, &#8220;hellblau gestrichene Seekisten&#8221;, &#8220;auf weißgraue Papper gezogen&#8221;, &#8220;goldene zuckende Ränder&#8221;, &#8220;Schwarz und Weiß, ein schwarzer Winkel&#8221;, &#8220;ein verwinkelter, schwarz gekleideter Mann&#8221;, &#8220;ließ Blau durch Gelb zucken, ließ Weiß in schimmerndem Grün explodieren&#8221;, &#8220;das grüne Gesicht&#8221;, &#8220;ein untersetztes schwarzhaariges Mädchen&#8221;, &#8220;Die roten Flecken&#8221;, &#8220;tanzten rote Flecken auf mich zu&#8221;, &#8220;die Schnipsel des roten Fahrradschlauchs&#8221;, &#8220;die vergilbte Tapete&#8221;, &#8220;rotweißgewürfelte Bauerngardinen&#8221;, &#8220;schwarzes Haar, trägt ein schwarzes Hemd&#8221;, &#8220;der Stoff seiner schwarzen Hose&#8221;, &#8220;die silbernen Knöpfe&#8221;, &#8220;die schwarzgrauen Hefte&#8221;, &#8220;Grünkohl, Rotkohl, Weißkohl&#8221;, &#8220;die grauen und gifgrünen Rauchschwaden&#8221;.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-56.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7558" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-56-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-39.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7566" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-39-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p><strong>&#8220;Viel Farbe, Atmosphäre, Detailversessenheit&#8221; &#8211; Thomas Pynchons  &#8220;Hippiephanien&#8221;:</strong></p>
<p>Ähnlich wie in seinem berühmten Werk  &#8220;Die Enden der Parabel&#8221; schwelgt Thomas Pynchon auch in seinem vorletzten Roman &#8220;Natürliche Mängel&#8221; (2010) in allen möglichen und unmöglichen Farben. Das beginnt auf Seite elf  &#8220;mit der dunkelroten psychedelischen Birne&#8221;. Es folgen:&#8221;Chinesischrot, Chartreusegrün und Indigoblau&#8221;, &#8220;Ultraviolet&#8221;, &#8220;Aquamarin&#8221;, &#8220;Grün und Magenta&#8221;, &#8220;fuchsienrote Plastikpolster&#8221;, &#8220;tropisches Grün&#8221;, eine &#8220;Asiatin in türkisfarbenem Cheongsam&#8221;, eine &#8220;Blondine in türkisblauem und orangenem Leuchtfarbenbikini&#8221;, &#8220;Schwarzlichtsuiten mit fluoreszierendem Rock&#8217;n Roll-Postern&#8221;, &#8220;indigofarbenes Licht&#8221;, &#8220;eine Vielzahl von Farbtönen, darunter Rotbraun und Blaugrün&#8221;, &#8220;Orange County&#8221;, &#8220;Luz in voller Farbenpracht&#8221;, &#8220;schwarze Extremistengruppen&#8221;, eine &#8220;flaschengrüne, phosphoreszierende Brandung&#8221;, &#8220;eine knallgelbe Mondsichel&#8221;, ein &#8220;kastanienbrauner Auburn mit Innenausstattung in Walnußholz&#8221;, &#8220;Schwarzweißfernseher&#8221;, mit &#8220;grell aquamarinblauen Plastikhalmen&#8221; als Dekoration, eine &#8220;Lagunenlandschaft in psychedelischen Farben&#8221;, eine &#8220;Farbe&#8221; -wechselnd &#8220;zwischen Orange und einem intensiven Pink&#8221;, sich &#8220;mehr ins Ultraviolette veränderndes Licht&#8221;, ein &#8220;Goldener Fang&#8221;, eine &#8220;Strandbude mit lachsroten Wänden und aquamarinblauem Dach&#8221;, ein &#8220;Kimono in Grün und Magenta&#8221;, ein &#8220;verschwommener weißer Fleck&#8221;, &#8220;ein kastanienbrauner 289er Mustang&#8221;, ein &#8220;seltsam leuchtendes bräunliches Gold&#8221;, eine &#8220;in Ektrachrome Commercial gefilmte sonnige Szenerie&#8221;, ein &#8220;roter SS 369&#8243;, eine &#8220;Kluft im Narzissenton&#8221;, &#8220;Rote Haare&#8221;, eine &#8220;grüne und fuchsienfarbene Lunchroom-Nische&#8221;, ein &#8220;pinkes&#8221; und ein &#8220;giftgrünes&#8221; Telefon, &#8220;eine scheckige Lackierung aus stumpfem Olivgrün und Grundierungsgrau&#8221;, &#8220;lila Scheiß&#8221;, &#8220;White Rabbit&#8221;, ein &#8220;so weißer Anzug, dass der Rolls daneben schmuddelig aussah&#8221;, ein &#8220;Kleines Schwarzes aus den Fünfzigern&#8221;, eine &#8220;braune, helle Ferne&#8221;, &#8220;farbige Perlen in Erkältungskapseln&#8221;, &#8220;jede Farbe stand für ein anderes Belladonnaalkaloid&#8221;, &#8220;päckchenweise Purpurwindensamen&#8221;, &#8220;schwarze Wolken&#8221;, &#8220;nicht einfach dunkelgraue, sondern mitternachtschwarze, teergrubenschwarze, noch nie dagewesene Kreis-der-Hölle-schwarze&#8221; Wolken, &#8220;blaugrünes Licht&#8221;, ein Anzug in &#8220;ultravioletter Samtfarbe&#8221;, eine  &#8220;himbeerfarbene Krawatte&#8221;, ein &#8220;hoher brauner Glaszylinder&#8221;, &#8220;mit hellroten Plastikstopfen verschlossen&#8221;, &#8220;ein in vielen verschiedenen, &#8216;psychedelischen&#8217; Farben gestreiftes Minikleid&#8221;, eine &#8220;weiße Braut&#8221;, &#8220;eine sinistre indigofarbene Flüssigkeit&#8221;, &#8220;das weiße Gleißen von Hollywood&#8221;, &#8220;rote Ampeln&#8221;, &#8220;Dafür sind die ganzen Farben da, Mann?&#8221;, ein &#8220;Mercedes &#8211; nur in einer Farbe lackiert, Beige&#8221;, &#8220;jede Farbe, die wir am Lager haben, einschließlich Metallic&#8221;, &#8220;Purpur mit dunklerem Goldton&#8221;, &#8220;aus der Mode gekommene Brauntöne&#8221;, &#8220;ein kalifornischer Weißwein &#8211; weißer als der mit diesem kränklichen Geldton&#8221;, &#8220;ein interessanter blauer Fleck auf Petunias Bein&#8221;, &#8220;eine weitere Kurzhaarperücke, ein kastanienbraunes Ding mit Seitenscheitel&#8221;, eine &#8220;Hornbrille von blasser Farbe&#8221;, &#8220;aus der indianischen Überdecke ausgelaufene rote und organge Farbe&#8221;, &#8220;unansehnliche Papierstapel in unterschiedlichen Größen und Farben&#8221;, &#8220;beinahe die Farbe von Rauch aus einer defekten Zylinderkopfdichtung&#8221;, &#8220;Schwarzarbeit&#8221;, &#8220;Schwarzmarkt&#8221;, ein &#8220;hellroter 69er Camaro&#8221;, &#8220;Bettwäsche in Leopardenfellmuster&#8221;, eine &#8220;japanische Dose aus schwarzlackiertem Holz&#8221;, ein &#8220;grellgrüner Saguarokaktus&#8221;, &#8220;eine Krawatte mit Tausenden oder Hunderten magentafarbener und grüner Pailletten bestickt&#8221;, &#8220;schwarze Revolutionäre&#8221;, &#8220;mit braunen Anzügen bekleidete Organe der Rechtspflege&#8221;, ein &#8220;schwarzer Cowboyhut&#8221;, &#8220;schwarze Assen und Achten in der Pokerhand&#8221;, &#8220;rote Vinyl-Minikleider&#8221;, &#8220;schwarze Fischnetzstrümpfe&#8221;, &#8220;weiße Bräute&#8221;, ein &#8220;Minikleid aus weinrotem Samt&#8221;, &#8220;Teppiche von sattem Königspurpur&#8221;, &#8220;schwarzweiß Gekleidete&#8221;, eine &#8220;Cocktail-Lounge, möbliert in purpurfarbenen, von Glimmerpünktchen akzentuierten Resopaltönen&#8221;, ein &#8220;schwarzer Chip&#8221;, &#8220;90% Silber&#8221;, &#8220;winzige bernsteinfarbene Lichtkegel&#8221;, &#8220;großer Ärger in braunen Schuhen&#8221;, &#8220;in einem weißen Anzug&#8221;, &#8220;Glasspiralen, die in einem unirdischen purpurnen Schimmer pulsieren&#8221;, &#8220;Toilettenpapier in verschiedenen Modefarben und psychedelischen Mustern&#8221;, &#8220;Spektralstreifen, die sich nach vorne hin zu Blau veränderten&#8221;, &#8220;Lichtpunkte, die sich in der vom Rückspiegel gerahmten schwarzen Ferne rötlich verfärbten&#8221;, &#8220;fast kugelförmige hellrote Felsen&#8221;, eine &#8220;schimmernde schwarze Handfeuerwaffe&#8221;, noch ein &#8220;Schwarzweißfernseher&#8221;, ein &#8220;schwarze Liste&#8221;, &#8220;die Psychedelischen Sechziger, diese kleine Parenthese aus Licht&#8221;, &#8220;Screaming Ultraviolett Brain&#8221;, die &#8220;Buntheit der Pizza-Zutaten&#8221;, &#8220;gefängnisrosa gestrichene Wände, ein Farbton, von dem man damals annahm, er wirke auf Anstaltsinsassen beruhigend&#8221;, &#8220;sein Gesicht erblasste trotz des rosa Widerscheins hier drin zu einem alarmierenden Weiß&#8221;, &#8220;lebensgroße Plastikfiguren gemeingefährlicher Schwarzer&#8221;, &#8220;Buntglas&#8221;, &#8220;knallgrüne Kohlblätter&#8221;, noch ein &#8220;weißer Anzug&#8221;, &#8220;schwarze Fedoras&#8221;, &#8220;Der Zauberer von Oz (1939) im Farbfernseher&#8221;, &#8220;der Film fängt Schwarzweiß an, oder vielmehr braunweiß, wird dann aber farbig&#8221;, &#8220;Ihre &#8216;normale&#8217; Kansasfarbe wird zu einer sonderbaren Hyperfarbe, die unsere Alltagsfarbe so weit hinter sich läßt, wie Technicolor Schwarzweiß&#8221;, &#8220;was hat das mit ihrer Farbwahrnehmung zu tun?&#8221; &#8220;das Foto war in so komischen Farben abgezogen&#8221;, sie trug eine &#8220;veilchenblaue Kluft&#8221;, &#8220;ein weißer Detektiv&#8221;, eine &#8220;Weißbacke&#8221;, &#8220;die schwarzen und weissen Insassen&#8221;, das &#8220;grüne Zimmer von San Quentin&#8221;, &#8220;ein schwarzer bewaffneter Aufstand&#8221;, &#8220;ein Haufen von weißen Zahnärzten&#8221;, &#8220;silberne Plastikreproduktionen&#8221;, &#8220;ein sehr grüne künstliche Hecke&#8221;, &#8220;modulare Grüner-Zweig-Imitate&#8221;, eine &#8220;Freakmähne von sattem Rot&#8221;, &#8220;dieses Gerede von schwarzer Apokalypse&#8221;, &#8220;ein roter Faden&#8221;, &#8220;ihre Gesichtsfarbe&#8221;, &#8220;China White&#8221;, &#8220;ein mexikanisches Hemd, blassrot mit einer orangen Stickerei&#8221;&#8230;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-24.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7567" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-24-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p>&#8220;Dunkler als früher&#8221;, &#8220;Schmutzigblond&#8221;, &#8220;platinblond&#8221;, &#8220;knallrot im Gesicht&#8221;, &#8220;ein himmelblauer Anzug&#8221;, &#8220;tückisch spitze, goldene Eckzähne&#8221;, &#8220;blaue Flecken&#8221;, &#8220;wasserstoffblonde Mösen&#8221;, &#8220;diverse rotangehauchte Drecksäcke&#8221;, &#8220;rote Brüder&#8221;, &#8220;stark gesättigte grüne und magentafarbene Staubwolken&#8221;, &#8220;ein &#8220;blauer Stahlvorhang&#8221;, &#8220;gleißendes Quecksilberdampflicht&#8221;, &#8220;auf den Plastikschichten traten winzige Farb- und Lichtmodulationen auf&#8221;, &#8220;dunkle Reste von Blut und Verrat&#8221;, &#8220;ein Streifen, klar und leuchtend&#8221;, &#8220;das letzte aprikosenfarbene Licht flutete landwärts&#8221;, &#8220;gebräunte Titten in Übergröße&#8221;, &#8220;viel düsteres Holz&#8221;, &#8220;farbige Lampen&#8221;, &#8220;sich in kleine Farbklümpchen auflösende Bilder&#8221;, &#8220;eine Palette wettergebleichter Farben, wie eingetrocknete Kleckse in einer wenig frequentierten Eisenwarenhandlung&#8221;, &#8220;ein Paar grünliche Punkte&#8221;, &#8220;Petunia, heute in blassem Fuchsienrot&#8221;, &#8220;der gelbe Schulbus-Fuhrpark in Palms&#8221;, &#8220;die stille Weiße vor ihm&#8221;, &#8220;eine ruhelose Blondine in einem Stingray&#8221;&#8230; Das sind die Farben in Thomas Pynchons &#8220;psychedelischen Krimi&#8221;. Er  spielt in Südkalifornien im Surfer- und Hippie-Milieu während des Vietnamkriegs 1969 &#8211; und ist zwar bunt, aber seine Farben sind noch blaß im Vergleich zu seinem &#8220;Jahrhundertroman&#8221; aus den Achtzigerjahren: &#8220;Die Enden der Parabel&#8221;, der im Zweiten Weltkrieg spielte.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-59.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7559" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-59-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<p><strong>Anmerkungen:</strong></p>
<p>(1)  In dem taz-blog &#8220;Tischgespräch&#8221; findet sich folgender Eintrag (am 14.9.2012): &#8220;Ich studiere immer alle Zutatenlisten ganz genau auf tierische Inhaltsstoffe und habe wahrscheinlich trotzdem in der letzten Zeit Gelatine und Schweineborsten gegessen. Denn leider finden sich in vielen Produkten versteckte Tiere, ohne dass dies auf der Verpackung angegeben werden muss&#8230;&#8221;</p>
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<p><strong>Hier noch eine kleine Rezension:</strong></p>
<p><strong>Einige Gorilla- und Schimpansenschutzgebiete in Mittelafrika liegen inzwischen in Bürgerkriegszonen. Das macht dem &#8220;Wild Life&#8221;-Tourismus und der Feldforschung gleichermaßen zu schaffen, wie die Naturschutzverbände melden. Der Roman &#8220;Brazzaville Beach&#8221; des in Ghana und Nigeria aufgewachsenen Autors William Boyd spielt zu einem großen Teil auf einer solchen Schimpansenforschungsstation. Dorthin hat es eine englische Ökologin verschlagen, nachdem ihr Mann, ein Mathematiker bei der Suche nach einem Algorithmus für Turbulenzen gescheitert &#8211; d.h. irre geworden war und Selbstmord begangen hatte. </strong></p>
<p><strong>Hier &#8211; in London &#8211; die abstrakteste Mathematik, dort in Afrika die konkreteste Wissenschaft &#8211; die Beobachtung. Dabei wird sie Zeuge dessen, was der Primatenforscher Boesch neulich wieder der Süddeutschen Zeitung steckte: &#8220;Die Zwischengruppen-Aggression bei Schimpansen und die primitive Kriegsführung beim Menschen weisen verblüffende Ähnlichkeiten auf.&#8221; D.h. bei jeder kriegsführenden Partei, bei der es sich nicht um bloße Befehlsempfänger eines Staates handelt. Insofern ist der 1990 veröffentlichte Bestseller von Boyd aktuell. Die Menschenaffenforschung ist unterdes jedoch schon weiter: Hier geht es jetzt vorwiegend um Empathie, Altruismus &#8211; Nächstenliebe etc..</strong></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-60.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7560" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/Wir-haben-es-satt-KatrinEissing-60-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
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<div><strong>Und hier zwei aktuelle Leserbriefe:</strong></div>
<div><strong>Liebe Tazler!</strong></div>
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<div><strong>Am Samstag haben in Berlin 25.000 Menschen unter dem Motto &#8220;Wir haben Agrarindustrie satt&#8221; für eine Agrarwende demonstriert! Und darüber ist heute nichts in den Medien zu lesen, auch in der Taz nicht! Das darf nicht wahr sein, dass so ein Hampelmann wie Phillip Rösler oder solche blödquatschenden Politiker mit einem zu Symbolwert verkommenen Akt namens Wahl wichtiger sind, als eine ebenso demokratische Äußerung wie eine Wahl, nämlich eine Demonstration. Der Ausverkauf unseres Planeten, hungernde Menschen zeitgleich zu überquellenden Supermarkt-Mülltonnen und mit Agrosprit aus Getreide angetriebenen Autos müssen uns vor Augen geführt werden! Keine zentrale Demonstration erreicht ohne die Berichterstattung unabhängiger Medien Öffentlichkeit! Und dass Ilse Aigner gerade wieder ungestört mit der Agrarlobby auf der Grünen Woche ihre Menschen- und Naturverachtenden Deals aushandeln kann, darf nicht unter den Tisch fallen! Wir brauchen eine Agrarwende zu klimafreundlicher kleinbäuerlicher ökologischer Landwirtschaft, zu fairer Subventionsvergabe gebunden an ökologische, soziale und Tierschutzkriterien, zu Ernährungssouveränität und zu globaler Solidarität anstatt Armutsschaffender Exportsubventionen und Lebensmittelspekulation. Ich jedenfalls werde dieses Jahr wieder mein eigenes Gemüse anbauen und mit jeder Möglichkeit versuchen, das bestehende System zu untergraben, bis es überflüssig geworden ist.</strong></div>
<div><strong>Vielen Dank!</strong></div>
<div><strong>Mit empörten Grüßen,</strong></div>
<div><strong>Laurin Berger, aus Königswinter</strong></div>
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<div><strong>Liebe Tazler,</strong></div>
<div><strong>Es gibt über die Jahrhunderte viele Stimmen kluger, einfühlsamer Menschen, die den Vegetarismus als eine neue, erforderliche  Zivilisationsstufe der Menschheitsentwicklung betrachten. So meint schon Leonardo da Vinci: „Es wird ein Tag kommen, an dem die Menschen über die Tötung eines Tieres genauso urteilen werden, wie sie heute die eines Menschen beurteilen. Es wird die Zeit kommen, in welcher wir das Essen von Tieren ebenso verurteilen, wie wir heute das Essen von unseresgleichen, die Menschenfresserei, verurteilen.“ </strong></div>
<div>
<div><strong><span style="font-size: small">Oder Wilhelm Busch: </span><span style="font-size: small">&#8220;Wahre menschliche Kultur gibt es erst, wenn nicht nur Menschenfresserei sondern jede Art des Fleischgenusses als Kannibalismus gilt.&#8221;</span></strong></div>
<div><strong><span style="font-size: small">Auf der anderen Seite gibt es Leute, die in der Entfaltung ihres zivilisatorischen Menschseins zurückgeblieben sind. Ihr Mitgefühl ist verkümmert oder gar nicht vorhanden. Zur Befriedigung ihrer Lust sehen sie kein Problem darin, anderen Lebewesen den Hals umzudrehen. Auch ihr Verstand ist nicht in der Lage, die Tragweite ihres egoistisch-rücksichtslosen Verhaltens zu durchschauen.</span></strong></div>
<div><strong><span style="font-size: small">Die Frage ist, warum die taz diesen Geschmacksnerven gesteuerten Egomanen ein Forum bietet. Um dieses redaktionelle Fehlverhalten zu korrigieren, sind nun mehrere Beiträge von Hilal Sezgin fällig, die erklärt, warum es kein &#8220;gutes Fleisch&#8221; gibt, genau so wenig wie einen &#8220;guten Mord&#8221;, und erzählt, wie wir angemessen mit unseren tierischen Verwandten umgehen. </span></strong></div>
<div><strong><span style="font-size: small"><br />
</span></strong></div>
<div><strong>Otto Ullrich</strong></div>
<div><strong> Berlin</strong></div>
</div>
<div><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/jbn.jpg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7574" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/jbn-424x212.jpg" alt="" width="424" height="212" /></a></div>
<div><em>Farbenfroh. Photo: jbn (jugendorganisation bund naturschutz)</em></div>
<p><strong>Aus der  taz vom 12. Januar 2013:</strong></p>
<p>Die Rosa-Luxemburg-Demonstration soll so etwas wie eine linke Herrschau sein. Aber die eher staatsmarxistisch orientierten Ostler und die basisdemokratisch inspirierten Westler sind noch nicht unter einen Hut zu kriegen. Die taz ist &#8211; zusammen mit der von Sartre gegründeten &#8220;Libération &#8211; ein Projekt der &#8220;Spontiscene&#8221;, die heute nicht mehr so heißt und auch keine &#8220;Scene&#8221; mehr ist. Das gilt grob auch für  die anderen damaligen linken Gruppen, ob leninistisch, trotzkistisch oder maoistisch ausgerichtet. 1978 hatten sie noch ihre eigenen &#8220;Theorieorgane&#8221; und Zeitungen. Eine &#8211; der &#8220;Arbeiterkampf&#8221; (ak) heißt heute &#8220;Anlyse % Kritik&#8221;. Bis heute erhalten haben sich auch die anarchistischen Periodika &#8211; &#8220;graswurzel&#8221; und &#8220;Direkte Aktion&#8221; (DA) z.B. sowie das immer noch &#8220;illegale&#8221; Autonomenblatt &#8220;interim&#8221;. Während die einst staatstragenden Blätter &#8220;Junge Welt&#8221; und &#8220;N.D&#8221; nun legal autonom geworden sind, ihre Orientierung auf die Arbeiterklasse jedoch beibehalten haben.</p>
<p>Das &#8220;projekt tageszeitung&#8221; setzte von Anfang an auf eine Art antikoloniales &#8220;Patchwork der Minderheiten&#8221; (J.-F. Lyotard). Die Stoßrichtung aller sozialen Bewegungen, deren Teil man war, zielte auf eine grundumstürzende  Veränderung der warenproduzierenden Gesellschaft &#8211; theoretisch bis zur Kritik an der Zeitlosigkeit des naturwissenschaftlichen und mathematischen Wahrheitsbegriffs, und praktisch bis zur Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit. Wolfgang Müller, Autor des gerade erschienenen Readers &#8220;Subkultur Westberlin 1979-1989&#8243;,  sprach zu Haus- und Instandbesetzerzeiten von den &#8220;Genialen Dilletanten&#8221;. Im &#8220;Fischbüro&#8221;, aus dessen Keller 1989 die Love-Parade kroch, wurde der Forschungsbegriff entsprechend ausgedehnt. Ein typischer Dialog am Tresen dort ging so: &#8220;Machen wir noch eine Bierforschung oder eine Nachhausegehforschung?&#8221; &#8220;Ich muß erst mal eine Dönerforschung machen.&#8221;  Zwar konnte nach den neoliberalen &#8220;Reaganomics&#8221; kaum noch von &#8220;Gesellschaft&#8221; die Rede sein, wohl aber von einer Warenproduktion, die immer endzeitlichere Formen annimmt.</p>
<p>Die aus der &#8220;Spontibewegung&#8221; hervorgegangenen &#8220;Realogrünen&#8221; stimmen inzwischen in so ziemlich allen Parlamenten mit, aber dies ist zugleich mit einer Abkehr von radikaler  Gesellschaftskritik und allem, wofür sie früher standen, verbunden. Erfolg versprechen fürderhin vor allem Single-Point-Movements. Inzwischen spricht  man wie selbstverständlich von &#8220;NGOs&#8221;. Jean Baudrillard beobachtete bei der Linken nach 1989, da aus Gegnern plötzlich &#8220;Partner&#8221; wurden, einen allgemeinen shift &#8211; weg von den &#8220;harten Ideologien&#8221; (Klassenkampf, Diktatur des Proletariats)  hin zu den &#8220;weichen&#8221; (Menschenrechte, Ökologie): &#8220;Sie  finden gleichzeitig den Weg zur poetischen Pose des Herzens und zum Geschäft.&#8221;</p>
<p>Daniel Cohn-Bendit erklärte auf dem  taz-Kongreß 2012: &#8220;Soziale Bewegungen sind notwendig, aber sie kommen und gehen,  wie Ebbe und Flut, deswegen braucht es eine Partei, wie die Grünen, um deren Forderungen durchzubringen &#8211; bis in die europäische Gesetzgebung.&#8221;</p>
<p>Die Partei &#8220;Die Linke&#8221; und die &#8220;Piratenpartei&#8221; interpretieren ihren &#8220;Wählerauftrag&#8221; ähnlich. So verhandelte die Kreuzberger PDS einmal mit der der autonomen Spaßpartei &#8220;KPD/RZ und die dissidentische Bohème des Prenzlauer Bergs übernahm gleich die dortige PDS &#8211; und das eigentlich schon Jahre vor 89. Die Berliner &#8220;Piraten&#8221; beauftragten jüngst einen Mitarbeiter sozusagen vollamtlich, sich der Mieterbewegung &#8211; &#8220;Kotti &amp; Co&#8221;, &#8220;Anti-GSW&#8221; etc., &#8211; anzunehmen.  Während die vielen Kneipen- und Buchladenkollektive und nicht wenige Galerien sowie Veranstaltungszentren nur sporadisch linke Themen, wenn sie ein gewisses Erregungspotential offenbaren, zu einem &#8220;Diskussionsabend&#8221; machen. Umgekehrt haben die Kapitalmedien US-Initiativen wie &#8220;Attack&#8221; und &#8220;Occupy&#8221; sofort zu globalen Bewegungen/Ereignissen erklärt. Zwar wollte eine Aktivistin aus dem Occupycamp dann auch mir ein Interview gewähren &#8211; &#8220;aber nicht für die taz&#8221;.</p>
<p>In einer &#8220;Medien- und Informationsgesellschaft&#8221;, in der die Softwareentwicklung eine immer größere Wertschöpfungstiefe erreicht und die Überwachungsdienste mit Nerds wie den Chaos Computer Club um die besseren Algorythmen wetteifern, sollte man die Öffentlichkeit aber vielleicht sowieso nicht mehr suchen, sondern sie eher meiden, um erst einmal etwas &#8220;Soziales&#8221; zu entwickeln. Das scheinen z.B. die Neuköllner &#8220;Lunte&#8221;-Truppe, aber auch die &#8220;Berliner Jour Fixe Initiative&#8221;, die Antipsychiatieaktivisten und die &#8220;Freunde der klassenlosen Gesellschaft&#8221; so zu halten, die höchstens einmal im Jahr eine öffentliche Diskussion anzetteln. Diese werden aber in gewisser Weise ergänzt durch die &#8220;Event&#8221;-Maschinen der staatlichen Kunst- und Kultureinrichtungen &#8211; die inzwischen auch fast alle den e.e. &#8220;weichen Ideologien&#8221; anheim gefallen sind. Erst recht gilt das für die wissenschaftlichen Institutionen, in denen manchmal sogar noch Theorie und Praxis verbunden wird: Bei den Biologen an der Humboldt-Universität z.B., indem diese sich der landesweiten Protestdemonstration gegen die industrielle Landwirtschaft anschließen.</p>
<p>Auch am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung verficht man einen gewissen &#8220;Anti-Darwinismus&#8221;. Aus fast allen staatlichen Lehrinstituten kommt gelegentlich  politisch Interessantes. Der Leipziger Philosoph Peer Pasternak, der kurzzeitig Berater des Berliner Kultursenators war, ist der Meinung, der Staat habe auch eine  marxistisch-leninistische Forschung zu dulden &#8211; und damit zu finanzieren. Der philosophische Theoriestar Zizek und die  Berliner Textmaschine Dath kreierten  schon mal außeruniversitär so etwas wie einen &#8220;Pop-Leninismus&#8221;.</p>
<p>Im übrigen enthusiasmierten 2011 die Aufstände der gebildeten Jugend und der Frauen in den arabischen Ländern natürlich auch die hiesigen  Arabistik-Studenten und -Dozenten. Was bis schon bald eine ganze Reihe von Diskussionen und &#8220;Soli-Initiativen&#8221;  &#8220;generierte&#8221;, wie man heute gerne sagt.</p>
<p>Gleichzeitig ergriff &#8211; jedenfalls in Berlin &#8211; ein gesunder Hang zum &#8220;Reduktionismus&#8221; in der Lebensführung, ein Kümmern um sich Selbst, die kritischen &#8220;Massen&#8221;, wie man sie zu nennen pflegte. Einhergehend damit waren immer mehr Linke sich nicht mehr sicher, ob die warenproduzierende Gesellschaft und ihre &#8220;Realabstraktionen&#8221; überhaupt umgestülpt gehören. An die Stelle einer politökonomischen trat eine ökologische Utopie. Sie personifiziert sich u.a. in den 7 Millionen deutschen Vegetariern &#8211; mehrheitlich Frauen. Das geht so weit, dass sich im Bewegungs-&#8221;Haus der Demokratie&#8221; in der Greifswalder Straße &#8220;Nichtraucherverbände&#8221; einquartierten. Als aber auch noch die Spandauer &#8220;Glühbirnen-Verbots-Befürworter angewackelt kamen, war der basisdemokratische Bogen doch überspannt.</p>
<p>In Summa: Es wimmelt weltweit von kleinen und größeren Protest- und Reformbewegungen. Im Osten geht es dabei jedoch eher um die Essenz &#8211; im Westen um die Existenz. Ähnliches gilt für die anschwellende Theorieproduktion, die hierzulande nicht selten nur dem Autor weiter hilft. Aber sie hilft! Da drunter breitet sich jedoch ein diffuses Gefühl aus, dass es nicht mehr lange so weiter gehen kann. Man erkundigt sich schon mal, wie Kartoffeln angebaut werden. Eine Gruppe junger Linker aus Indonesien gelangte bei ihrer teilnehmenden Beobachtung der &#8220;1.Mai Krawalle in Kreuzberg&#8221;, die sie bis dahin bloß aus CNN-Berichten kannte, zu der Einschätzung: &#8220;Das ist ja alles nur Spiel. Selbst die Hubschrauber&#8230;&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/zeichen.jpeg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-full wp-image-7586" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/zeichen.jpeg" alt="" width="225" height="225" /></a></p>
<p><em>Photo: facebook.com</em></p>
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<p><strong>Die Reduzierung der Arten betrifft auch die menschlichen Kulturen, auch die Diversität den Denkens gilt es zu erhalten&#8230;</strong></p>
<p>In einer Diskussion der Akademie der Wissenschaften in Potsdam über Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Wissenschaft, ich wiederhole es hier noch einmal,  intervenierte eine Physikerin mit dem &#8220;Satz der Identität in der Logik &#8211; A gleich A: &#8220;Da raus zu kommen&#8221;, das sei doch  &#8220;die wirkliche Aufgabe der Kunst.&#8221; Sie wollte damit sagen, dass  Kunst und Wissenschaft ihre Erkenntnisse auf verschiedenen Wegen erreichen &#8211; einem der der sinnlichen Intuition nahekommt, und einem, der ihr ferner liegt. Diese Unterscheidung traf bereits Claude Lévi-Strauss in seinem Buch &#8220;Das wilde Denken&#8221; &#8211; in bezug auf eine indianische &#8220;Wissenschaft des Konkreten&#8221; und &#8220;unserer Wissenschaft des Abstrakten&#8221;.</p>
<p>Für letztere gilt inzwischen als gesichert, dass die Entstehung und Entwicklung der modernen Naturwissenschaft historisch der Entstehung und Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise zuzuordnen ist. Die moderne Naturwissenschaft bildet die intellektuelle Vorbedingung zur Schaffung der modernen Technik, vornehmlich der Produktionsapparatur. Für den Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel finden sich die &#8220;Vorstadien&#8221; des Frühkapitalismus (im 16. und 17.) schon in der Renaissance: &#8220;Gestalten wie Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer scheinen geradezu auf der Schwelle beider Zeitalter zu stehAuf der einen Seite sind sie noch Handwerker und Künstler, die die Natur sinnlich studieren und sinnlich darstellen durch das Geschick ihrer Hände in der Handhabung ihrer Werkzeuge und Materialien; auf der anderen Seite sind die selben Männer konstruktive Ingenieure, die für ihre Aufgaben Lösungen in abstrakten Begriffen und im unsinnlichen Medium der Mathematik suchen. Die Verbindung von Mathematik und Experiment ist hier jedoch noch tastend und wenig wirksam&#8230;&#8221;</p>
<p>Lévi-Strauss sieht den Gegensatz zwischen einer neolithischen (konkreten) und einer modernen (abstrakten) &#8220;Wissenschaft&#8221; personifiziert im Bastler (Bricolleur) und im Ingenieur. Albrecht  Dürer verkörperte noch beides, wollte jedoch die absolute Trennung von Hand- und Kopfarbeitern nicht mitmachen, deswegen verfaßte er für seine Handwerks-Lehrlinge zwei Lehrbücher, in denen er das praktische Wissen und die Mathematik zusammenführte. Sie machen sein eigentliches Genie aus. Aber Dürer  scheiterte damit nach zwei Seiten hin: 1. waren seinen Lehrlingen und Gesellen die Berechnungen zu kompliziert, und 2. lobten zwar die italienischen Kollegen von Dürer, Festungsbauer vielfach, seine zwei &#8220;Vermessungslehren&#8221; über alle Maßen, mitnichten verrieten sie aber deren Inhalt an die Arbeiter und Handwerker, denn sie wurden fortan für dieses Wissen bezahlt.</p>
<p>In der Renaissance-Kunst selbst bahnte sich damals die Verbindung bzw. der Übergang zur Mathematik an &#8211; mit der Zentralperspektive. Dürer hat sie in seinem Holzstich &#8220;Der Zeichner der Perspektive/Der Zeichner des liegenden Weibes&#8221; mitsamt den dazugehörigen Arbeitsgeräten zur perspektivischen Aufrasterung (Verpixelung) des Frauenkörpers thematisiert &#8211; und in seinem Buch &#8220;Underweysung der Messung mit dem Zirckel und Richtscheyt&#8221; (1525) als Illustration veröffentlicht.</p>
<p>300 Jahre später wird die künstlerische  Zentralperspektive zur Herrschaftsabsicherung in die Stadtplanung überführt &#8211; in Form von &#8220;Sichtachsen&#8221;, die man durch die Pariser Innenstadt schlägt, was dann nach ihrem Planer &#8220;Haussmannisierung&#8221; genannt wird, man nennt diese Erleichterung für reguläre Truppen beim Niederschlagen von städtischen Aufständen auch die &#8220;Artillerieperspektive&#8221; &#8211; ein Begriff aus den Vierzigerjahren, der von  Straßenplanungsbehörden noch heute verwendet wird, wenn auch immer öfter  kritisch. Schon bei der Entdeckung der  Zentralperspektive durch die  Renaissancemaler ging es um die Artillerie: um Ballistik und Festungsbauten, die wegen der sich  verbessernden Durchschlagskraft der Waffen ständig ausgebaut und verstärkt werden (mußten), was den italienischen Künstlern/Architekten/Ingenieuren/Mathematikern Ruhm und Reichtum  einbrachte. Der venezianische Mathematiker Nicolo Tartaglia (1499 -1557) wird als &#8220;Vater&#8221; der Ballistik bezeichnet.</p>
<p>In den Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts kritisierte der russisch-orthodoxe Priester Pawel Florenski die Zentralperspektive, die er zugunsten der Ikonenmalerei verwarf, weil jene &#8220;eine Maschine zur Vernichtung der Wirklichkeit&#8221; sei.</p>
<p>Das könnte auch auf die Politik des Zentralkommittes (der Bolschewiki) gemünzt sein. Dafür spricht, dass Florenski, der als Häftling auf den Solowski-Inseln Algen erforschte &#8211; bis er 1937 erschossen wurde, gegen deren (post)monarchistische Zentralperspektive ein &#8220;synarchisches Feld&#8221; setzte. Grund für seine &#8220;Liquidierung&#8221; war sein 1922 veröffentlichtes Hauptwerk &#8220;Imaginäre Größen in der Geometrie&#8221;, in dem insbesondere das Schlußkapitel beanstandet wurde, weil er darin Dantes &#8220;Göttliche Komödie&#8221; mit Hilfe der Relativitätstheorie interpretiert hatte.</p>
<p>Der Ästhetikprofessor Bazon Brock führte kürzlich auf einer Veranstaltung in der Kreuzberger &#8220;Denkerei&#8221;  Evolution und Mathematik bis hin zur Quantenphysik zusammen: &#8220;Der Urknall war physikalisch-chemisch &#8211; naturgesetzlich. Erst die Bakterien gehen raus aus Physik und Mathematik &#8211; sie emanzipieren sich quasi von den Naturgesetzen. Der Mensch geht dann aber wieder rein &#8211; und weitet sie aus: auf eine künstliche Natur. Das beginnt mit Pythagoras&#8230;Und endet mit 1 Punkt 1 Pixel. Aber mit der Quantenphysik ändert sich wieder alles.&#8221;</p>
<p>Wassili Grossman schrieb 1944 in seinem Kriegstagebuch: &#8220;Viele Panzersoldaten kommen aus der Kavallerie. Aber zweitens sind sie auch Artilleristen und drittens müssen sie etwas von Fahrzeugen verstehen. Von der Kavallerie haben sie die Tapferkeit, von der Artillerie die technische Kultur.&#8221;</p>
<p>Der Schriftsteller Isaac Babel wunderte sich in seinen 1926 veröffentlichten Erzählungen über die kosakische Reiterarmee von Budjonny, die er auf ihrem Polenfeldzug begleitet hatte, dass deren Angehörige die meiste Zeit des Tages mit der Pflege ihrer Pferdebeziehung beschäftigt waren. Dabei rettet sich der nomadische Krieger in die &#8220;revolutionäre Kavallerie&#8221;. Die Kosaken waren kein Volksstamm und auch keine Kaste, sondern freie Kriegergemeinschaften in der Funktion von  Grenztruppen des russischen Reiches.  Die selbe Pferd-Krieger-Beziehung finden wir in den Ethnographien der amerikanischen Indianer. Nur dass diese zur selben Zeit ausgerottet wurden. Tolstoi, der 1851 als Offizier bei den Kosaken an der Grenze zu Tschetschenien einquartiert war, hat über ihren Kriegerstolz in &#8220;Hadschi Murat&#8221; berichtet. Weil er ihre Kämpfe als zivilisierter russischer Adliger zutiefst ablehnte, verließ ihn seine kosakische Geliebte. Bei den partisanischen Kosaken des Bürgerkriegs verändert sich nach ihrer Eingliederung und Einreihung in die Rote Armee noch einmal ihr &#8220;ganzer Eros des Krieges&#8221;, wie Deleuze/Guattari das nennen: &#8220;Der auf das Tier orientierte Eros des Reiters (über den Isaak Babel sich nicht genug verwundern konnte) wird dabei durch einen &#8220;homosexuellen Gruppeneros&#8221; ersetzt. Durch die &#8220;Kameradschaft&#8221;, die unter Unterworfenen stattfindet &#8211; durch Staat, Militärthierarchie und Gehorsam vollständig der Selbstbestimmung beraubt. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben insbesondere sie weißrussischen Schriftsteller Ales Adamowicz und Wassil Bykau sich jahrzehntelang nur mit dem Partisanenkampf und seiner Moral beschäftigt, weil, so sagte Bykau, die Soldaten nur Rädchen in einer Maschine sind, wohingegen die Partisanen noch eigene Entscheidungen treffen können. Kürzlich hatte im Kino der Hackeschen Höfe ein Film Premiere, der auf Bykaus Partisanenstudie &#8220;Im Nebel&#8221; basierte. Der Regisseur Sergej Loznitsa meinte anschließend: Es geht um einen weissrussischen Bauern, der von den Deutschen verhaftet und wieder freigelassen in die Ausweglosigkeit des Krieges gerät, aber er bleibt unbeirrt. &#8220;Solche Menschen gibt es heute nicht mehr. Sie sind ausgestorben.&#8221;</p>
<p>Ebenso wie inzwischen auch viele der &#8220;primitiven&#8221; Kriegergesellschaften, wie in Amazonien z.B., die jede Hierarchisierung und Klassenteilung der Gesellschaft ablehnen und auf einen &#8220;ursprünglichen Individualismus&#8221; bestehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/amazonasindianer.jpeg" rel="lightbox[7528]"><img class="alignnone size-full wp-image-7591" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/amazonasindianer.jpeg" alt="" width="240" height="160" /></a></p>
<p><em>Amazonasindianer protestieren gegen den Bau einer Straße durch einen Nationalpark. Photo: derstandard.at</em></p>
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 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=7528&amp;md5=044638f7d8e73c9bd3e82cba86438751" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Für die Freunde der ionenlosen Glühbirne</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Jan 2013 12:50:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780070.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7475" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780070-424x632.jpg" alt="" width="424" height="632" /></a></p>
<p><em>Die Künstlerinnen Eva-Maria Schön und Christiane Seiffert. Erstere mit einer bei Narva hergestellten Langlebensdauerglühbirne von Binninger in der Brusttasche.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780013.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7524" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780013-424x284.jpg" alt="" width="424" height="284" /></a></p>
<p><em>Mosaik im Foyer des Narva-Verwaltungsgebäudes, es zeigt den deutschen Erfinder der Glühbirne Heinrich Göbel.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>&#8220;Energiesparlampen strahlen nicht nur Licht, sondern auch Elektrosmog ab,&#8221; titelte die SZ. &#8221;Wo immer möglich sollte man eine Belastung mit Strahlung vermeiden. Die meisten Energiesparlampen aber erzeugen [...] Elektrosmog.&#8221;</strong></p>
<p><strong>Solche Hochfrequenzstrahlungs-Quellen gibt es sowieso schon zu viel: Fernseh- und Radiokanäle, Mobilfunktnetze, Radar, das Internet, um nur einige Quellen zu nennen, deren Strahlungen permanent durch unsere Biosubstanz gehen.</strong></p>
<p><strong>In der Görlitzer Straße wohnt eine Imkerin, die sich vier Bienenstöcke auf das Dach ihres Mietshauses gestellt hat. Gleich nachdem man drei Häuser weiter einen sogenannten &#8220;Handymast&#8221; auf das Dach des letzten Hauses in der Straße installiert hatte, starben ihr zwei Bienenvölker. Der Imkerverein riet ihr, die zwei anderen Völker sicherheitshalber runter in den Hof zu stellen, was sie auch tat. </strong></p>
<p><strong> Es gibt eine dicke Broschüre des Kreuzberger Stadtteilausschußes über &#8220;Elektrosmog&#8221; &#8211; mit Erläuterungen zu den wichtigsten Strahlungsquellen und Gutachten von irgendwelchen australischen Forschern. Im &#8220;Umweltportal&#8221; des Berliner Senats heißt es:</strong></p>
<p><strong>&#8220;Das Wort &#8216;Elektrosmog&#8217; hat sich im deutschen Sprachraum als Sammelbezeichnung für alle technisch erzeugten elektrischen und magnetischen Feldern durchgesetzt. Der Begriff &#8216;Smog&#8217; setzt sich aus den englischen Wörtern smoke (Rauch) und fog (Nebel) zusammen und steht für eine unerwünschte Verschmutzung der Atmosphäre mit Luftschadstoffen.</strong></p>
<p><strong>Im Gegensatz zu diesen Schadstoffen wird die elektromagnetische Strahlung zumindest teilweise absichtlich erzeugt, dient sie doch beim Mobil- und Rundfunk als Transportmittel zur Informationsübertragung. Der Begriff &#8216;Elektrosmog&#8217; ist deshalb etwas irreführend, im Alltag hat er sich jedoch als populäre Bezeichnung etabliert.</strong></p>
<p><strong>Um die Menschen in der Nachbarschaft von Mobilfunkbasisstationen vor Gesundheitsschäden zu bewahren, sind in der Verordnung über elektromagnetische Felder (EMF) Grenzwerte festgelegt. Diese beruhen auf den Empfehlungen der Internationalen Kommission zum Schutz vor nichtionisierenden Strahlen.&#8221;</strong></p>
<p><strong>In Berlin will man die ganze Stadt unter einen WLAN-Schirm bringen, das würde die vielen privaten Strahlungsquellen, die WLAN-Router, überflüssig machen. Was so ein einziger kleiner Router der Biosubstanz antun kann, zeigen die folgenden zwei Photos. Es handelt sich dabei um die Topfpflanzen im taz-Konferenzraum in der Rudi-Dutschke-Straße 23-25. Die große Yucca rechts lehnt an einen Kabelmast. In diesen stellte die EDV-Abteilung auf Brusthöfe einen plastikblauen WLAN-Router &#8211; um in  dem Raum das Internet empfangen zu können. Einige Monate nach Inbetriebnahme vertrockneten der eigentlich sehr robusten Palmlilie alle Blätter in unmittelbarer Nähe. Es sieht jetzt aus, als würden sie geradezu vor dieser tödlichen Strahlungsquelle zurückweichen:<br />
</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/yucca-gross.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7471" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/yucca-gross-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/yucca-detail.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7472" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/yucca-detail-424x282.jpg" alt="" width="424" height="282" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Auch die Glühbirnenforschung geht weiter. Martin Smith schickte mir zwei Texte aus der Horch und Guck. So lautet der Name der <em><a title="Zeitschrift" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitschrift">Zeitschrift</a> zur kritischen <a title="Aufarbeitung" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Aufarbeitung">Aufarbeitung</a> der <a title="SED-Diktatur" href="http://de.wikipedia.org/wiki/SED-Diktatur">SED-Diktatur</a></em>, die vom <a title="Bürgerkomitee" href="http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerkomitee">Bürgerkomitees</a> „<a title="15. Januar" href="http://de.wikipedia.org/wiki/15._Januar">15. Januar</a>” <a title="Verein" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Verein#Eingetragener_Verein">e.V.</a>, <a title="Berlin" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin">Berlin</a> herausgegeben wird, das wiederum aus der <a title="Bürgerbewegung" href="http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerbewegung">Bürgerbewegung</a> der <a title="DDR" href="http://de.wikipedia.org/wiki/DDR">DDR</a> hervorging,  nun ist die Robert-Havemann-Gesellschaft presserechtlich dafür verantwortlich.  Die zwei Texte &#8211; von Olaf Klenke und Sandrine Kott &#8211; befassen sich mit dem vom Westen nach der Wende abgewickelten Berliner Glühlampenwerk NARVA. Ich erlaube mir, ihre beiden Aufsätze hier ohne Einwilligung nachzudrucken &#8211; wie man das früher genannt hätte:</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<h1>Arbeiterprotest im Berliner Glühlampenwerk &#8220;Rosa Luxemburg&#8221;</h1>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Einleitung</strong><br />
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Arbeiterprotest in einem Berliner Glühlampenwerk zu Zeiten der DDR. Eigentlich sollte nur der Fall einer Arbeitsniederlegung am Ende der 80er Jahre geschildert werden. Die Frage, warum es zu DDR-Zeiten so selten zu solchen Konflikten kam, führte dann zu diesem einen größeren Zeitraum untersuchenden Beitrag.</p>
<p>Bei dem Streik handelte es sich um die Arbeiterniederlegung in einer Abteilung des VEB NARVA &#8220;Rosa Luxemburg&#8221; Berliner Glühlampenwerk, dem Stammbe trieb des gleichnamigen Kombinates. Das Kombinat NARVA fertigte nahezu 100 Prozent aller Glühbirnen in der DDR und war einer der größten Lichtquellenpro duzenten der Welt. Der Stammbetrieb konnte auf eine lange Werksgeschichte zurückblicken, die Anfang des 20. Jahrhunderts begann. Vormals gehörte der Betrieb zur Firma OSRAM.<sup>1</sup></p>
<p>Streiks waren in der späten DDR ein seltenes &#8220;Vorkommnis&#8221;, wie die SED solche nicht systemkonformen Konflikte bezeichnete. Wie Renate Hürtgen gezeigt hat, verlor der Streik als Form des kollektiven Protestes über den Zeitraum der Existenz der DDR mehr und mehr an Bedeutung. In den 1980er Jahren wurden vom FDGB nur noch einige wenige Arbeitsniederlegungen pro Jahr registriert.<sup>2</sup></p>
<p>Diese Entwicklung war keineswegs ein Zeichen dafür, dass die Identifikation der Arbeiter mit der DDR als &#8220;ihrem&#8221; Staat zunahm, auch wenn dies die Staats- und Parteiführung so interpretieren mochte. Einer Stellungnahme des Präsidiums der IG-Metall der DDR zum westdeutschen Metallerstreik 1978 zufolge hatten die Arbeiter in der DDR solche Kämpfe nicht nötig: &#8220;Uns, den Metallern der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik, sind Streik und Aussperrung wesensfremd.&#8221;<sup>3</sup></p>
<p>Tatsächlich nahm seit Mitte der 1970er Jahre die Entfremdung zwischen der Arbeiterklasse und dem SED-Regime immer mehr zu. Wenn die SED am 1. Mai zur &#8220;Kampfdemonstration der Arbeiterklasse&#8221; aufrief, marschierten im BGW nicht die Industriearbeiter auf, sondern die Angestellten.<sup>4</sup> Dass es in der DDR bis 1989 nicht zu einer Zunahme der sozialen Auseinandersetzungen kam, etwa wie im Nachbarstaat Polen in Form einer Streikbewegung, war in den traumatischen Erfahrungen der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes vom Juni 1953 und dem Ereignis des Mauerbaus 1961 begründet. Das galt auch für das Berliner Glühlampenwerk (BGW).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780026.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7476" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780026-424x620.jpg" alt="" width="424" height="620" /></a></p>
<p><em>Narva-Arbeiterin</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Arbeiteraufstand 1953 und Mauerbau 1961</strong><br />
Die Belegschaft des BGW &#8220;Rosa Luxemburg&#8221;, vormals Osram, war tief in den Aufstand  von 1953 verwickelt gewesen. Nach Berichten von Augenzeugen und der Volks polizei gehörten größere Teile der Arbeiterinnen und Arbeiter des BGW zu denen, die dem Aufruf der Bauarbeiter der Stalinallee vom 16. Juni folgten und sich am Vormittag des 17. Juni am Strausberger Platz versammelten.<sup>5</sup> Über die Beteiligung existieren verschiedene Angaben. Einer Zusammenstellung des Zentralvorstandes der IG Metall ist zu entnehmen, dass am 17. Juni 1953 alle der gut 3000 Beschäftigten des BGW die Arbeit niederlegten.<sup>6</sup> Eine Statistik der Volkspolizei weist dagegen eine Streikbeteiligung von &#8220;nur&#8221; zwei Dritteln der Belegschaft aus. Möglicherweise ist damit der Anteil der Beschäftigten gemeint, der den Betrieb am 17. Juni verließ, denn nach einem Bericht des Berliner Bezirksvorstandes der IGM verblieb ein Teil der Beschäftigten (1000 Mann) im Betrieb. Aber auch diese arbeiteten nicht.<sup>7</sup></p>
<p>Die sowjetischen Panzer schlugen den Aufstand nieder, und in den nächsten Wochen und Monaten wurden alle noch bestehenden kollektiven Zusammenhänge einer eigenständigen Arbeiterbewegung in der DDR beseitigt. Am BGW, in dem es am 18. Juni immer noch zu Unruhe gekommen war,<sup>8</sup> ging diese Entwicklung nicht vorbei. Zumindest im Umfeld der Beschäftigten war ein Toter zu beklagen<sup>9</sup>, und das BGW gehörte zu den Schwer punktbetrieben, in denen die SED in den folgenden Monaten den &#8220;Kampf zur Entlarvung der Provokateure&#8221; führte.<sup>10</sup> Die Erfahrung, dass jegliches Aufbegehren gegen das SED-Regime durch die Panzer des &#8220;großen Bruders&#8221; Sowjetunion niedergewalzt werden würde, fraß sich im Bewusstsein der Arbeiter fest. Der euphorischen Aufbruch von unten machte der Resignation Platz.</p>
<p>Die SED verband mit dem 17. Juni 1953 nicht weniger eine negative Erfahrung. In den Folgejahren kam es zu einigen sozialen Verbesserungen.<sup>11</sup> Das BGW gehörte 1957 zu den ersten Berliner Betrieben, die die 45-Stunden-Arbeitswoche einführten. Als Großbetrieb besaß das BGW zudem eine umfangreiche soziale Infrastruktur (Essensversorgung, Einkaufsmöglichkeiten, Poliklinik, Kinderkrippen etc.) – auch weil dort mehrheitlich Frauen arbeiteten.<sup>12</sup></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780104.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7477" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780104-424x640.jpg" alt="" width="424" height="640" /></a></p>
<p><em>Frühstückspause im Sozialraum einer Narva-Brigade</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Mauerbau ist das zweite entscheidende Ereignis, das dazu beitrug, die Lage im BGW wie in den anderen Betrieben der DDR mit der Zeit zu &#8220;normalisieren&#8221;. Mit der Grenzschließung am 13. August 1961 wurde den Arbeitern der letzte individuelle Ausweg verbaut, bei zu großer Unzufriedenheit mit der Lage &#8220;rüber zu machen&#8221;. Die überwältigende Mehrheit der DDR-Bevölkerung lehnte den Mauerbau ab.<sup>13</sup> Das BGW befand sich aufgrund seiner Lage unmittelbar an der Grenze zu Westberlin in einer ganz besonderen Situation. Der Mauerbau wurde für die Beschäftigten zu einem anschaulichen Ereignis. Einige Viaduktgewölbe des nahegelegenen, aufgrund der Grenz schließung stillgelegten U-Bahnhofs Warschauer Brücke (jetzt: Warschauer Straße) wurden in den folgenden Jahren vom BGW als Lagerhalle genutzt.<sup>14</sup> Größere Widerstandaktionen im Zusammenhang mit dem Mauerbau sind aus dem BGW nicht bekannt geworden.<sup>15</sup> Die Polizei registrierte allerdings am Tag nach der Grenzschließung in einem Lagerkeller des BGW vorsätzliche Brandstiftung.<sup>16</sup> Eine solche isolierte Aktion war in gewisser Weise typisch für die Resignation und das Gefühl der Perspektivlosigkeit, die in der Arbeiterschaft eingekehrt waren und mit der Abriegelung verstärkt wurden. Mit dem Stopp der Fluchtbewegung Richtung Westdeutschland bzw. Westberlin veränderte die SED das Kräfteverhältnis zwischen sich und der Arbeiterklasse zu ihren Gunsten – wenngleich, wie sich langfristig zeigte, nicht im beabsichtigten Ausmaß. Aber so, wie der Mauerbau der Arbeiterklasse Selbstbewusstsein raubte, stärkte er das der SED. Für das BGW bemerkte rückblickend ein ehemaliger Beschäftigter, dass &#8220;für das Jahr 1962 zum Teil unrealistische Steigerungen in der Warenproduktion gegenüber dem Jahr 1961 vorgegeben&#8221;<sup>17</sup> wurden. DDR-weit gelang es der SED im Jahr nach dem Mauerbau, eine reale Lohnkürzung durchzusetzen.<sup>18</sup></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Von der relativen Stabilität der 60er zur Krise der 80er Jahre</strong><br />
Der Mauerbau schrieb die deutsche Teilung auf Jahrzehnte fest. Dennoch werden die 60er und frühen 70er Jahren in den verschiedenen Autobiographien meist positiv gewertet. Dass liegt nicht nur daran, dass sie fast ausschließlich von Angehörigen der Intelligenz verfasst wurden, die lange Zeit dem System eng verbunden waren. Das Gefühl, dass es trotz der ungeliebten politischen Verhältnisse zumindest wirtschaftlich und sozial aufwärts ging, scheint allgemein verbreitet gewesen zu sein.<sup>19</sup> Die Fluktuationsrate ging im BGW von 38 Prozent im Jahr 1960 auf 16 Prozent im Jahre 1968 zurück.<sup>20</sup> Zu dieser Zeit wurde dort der Begriff &#8220;Zweites Zuhause&#8221; geprägt.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780029.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7478" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780029-424x286.jpg" alt="" width="424" height="286" /></a></p>
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<p>Ganz anders entwickelte sich die Situation seit den späten 1970er Jahren, als die wirtschaftlichen Probleme zunahmen. NARVA gehörte 1977 zu den Kombinaten, in denen die Einführung einer neuen Lohnform, der sogenannten Grundlöhne, mit einigen Konflikten verbunden war und sich über ein Jahr hinzog.<sup>21</sup> Westlichen Medien zufolge fand in dem Berliner NARVA-Werk in diesem Jahr sogar eine Arbeitsniederlegung statt. Arbeiterinnen forderten, dass &#8220;ein Teil ihres Lohns in Devisen auszuzahlen sei – schließlich produzierten sie Exportprodukte.&#8221;<sup>22</sup></p>
<p>Nach den Erinnerungen von Horst Liewald, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter des BGW, war in jenen Jahren noch &#8220;die Welt im BGW relativ heil, obwohl sich in der DDR wiederum Krisenerscheinungen andeuteten. Der wirtschaftliche Fortschritt begann zwischen 1977 und 1979 zu stagnieren.&#8221;<sup>23</sup>Die Ethnologin Deanna Poos, die 2002/2003 über 40 Beschäftigte des BGW im Rahmen ihrer Untersuchung der Kultur und des Alltages in der DDR interviewte, kommt zu dem Schluß, dass sich damals ein Stimmungswechsel vollzog und dass &#8220;die gute Stimmung, die lange beim BGW beherrscht hat, sich im letzten Jahrzehnt der DDR geändert hätte. Als Materialien knapper geworden sind, gab es schneller Reibereien am Arbeitsplatz. Leute, die nur in dieser Zeit bei NARVA gearbeitet haben, sind weniger begeistert von dem Arbeitsplatz als die, die 20 oder 30 Jahre lang dort tätig waren. Sie haben weniger Freundschaften, die über die Jahre fest geblieben sind als die, die früher den Betrieb aufgebaut haben.&#8221;<sup>24</sup></p>
<p>So wie in der gesamten DDR hatte sich auch im BGW im Laufe der 80er Jahre die wirtschaftliche Situation verschlechtert. Die Erfüllung der staatlichen Plankennzahlen gestaltete sich schwieriger, und die fehlende Modernisierung einzelner Produktionsbereiche schlug sich zunehmend in Produktionsunterbrechungen nieder. Diese Krise wurde vor allem auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Im BGW nahmen die Überstunden seit 1983 deutlich zu, so dass 1987 89 Prozent aller Produktionsarbeiter davon betroffen waren.<sup>25</sup> 1987 war zugleich das Jahr, in dem es im BGW größere Probleme gab, das 13. Monatsgehalt der DDR, die sogenannte &#8220;Jahresendprämie&#8221;, in der Höhe des Vorjahres zu sichern.<sup>26</sup> Und genau in diesem Jahr kam es nach den Erinnerungen einer ehemaligen BGW-Beschäftigten an einer modernen Fließreihe des Betriebes zu einer Arbeitsniederlegung.</p>
<p>Bevor dieser Streikfall behandelt wird, noch eine Bemerkung zu den Machtverhältnissen im DDR-Betrieb: Entgegen der Staatsdoktrin des &#8220;Arbeiterstaates&#8221; waren in der DDR die Arbeiter politisch entrechtet. Das war eine wesentliche Voraussetzung der Stabilität der SED-Herrschaft. Allerdings gab es in der DDR einen Tatbestand, der die Stellung der Arbeiter im System stärkte: den Arbeitskräftemangel. Die permanente Nachfrage nach Arbeitskräften versetzte die Arbeiter ökonomisch in eine vergleichsweise starke Position, die der Stellung der Arbeiter im Westen zu Zeiten der Vollbeschäftigung ähnelte.</p>
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<p>Die Folgen des Arbeitskräftemangels wurden auch im BGW deutlich. Das Werk gehörte zu den Betrieben, in denen allein für das Erscheinen zu Sonderschichten &#8220;Handgeld&#8221; gezahlt wurde.<sup>27</sup> Eine Beschäftigten erinnert sich: &#8220;Ohne das hätten die erst gar nicht ankommen brauchen&#8221;.<sup>28</sup> Auch im Produktionsprozess selbst besaß eine Glühlampenfertigerin erhebliche Freiheiten. Der Frei raum fand allerdings dort ein Ende, wo die Partei- und Staatsführung verunglimpft wurde.<sup>29</sup> Zudem konnten die Arbeiterinnen und Arbeiter die Normen keinesfalls beliebig manipulieren, wie auch der folgende Konflikt zeigt.</p>
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<p><strong>Ein Streikfall im BGW</strong><br />
Dass es das BGW war, in dem in der zweiten Hälfte der 80er Jahre zu einer der wenigen Arbeitsniederlegung in der DDR kam, war nicht ganz zufällig. Ein Grund dürfte die Zusammensetzung der Arbeitskräfte gewesen sein, die vom BGW für die Glühlampenfertigung angeworben wur den. Die folgenden Schilderungen beruhen, soweit nicht anders vermerkt, auf dem Gespräch mit einer ehemaligen Glühlampenfertigerin (Katja L.), die an der Arbeitsniederlegung maßgeblich beteiligt war.<sup>30</sup> Es gab unter den Beschäftigten, so erinnert sie sich, einerseits einen hohen Anteil ehemaliger Strafgefangener. Andererseits sammelten sich an diesem Arbeitsplatz auch politisch unbequeme Leute, etwa Antragsteller auf Ausreise aus der DDR. Zu dieser letzten Personengruppe gehörte auch Katja L. Nachdem sie sich politisch mißliebig verhalten hatte, wurde ihr an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK, wo sie in der Bibliothek arbeitete, ein Wechsel des Arbeitsplatzes nahe gelegt, andernfalls würde eine Kündigung folgen.</p>
<p>Daraufhin beschloss Katja L., sich einen Arbeitsplatz in der Produktion zu suchen. Sie wußte bereits damals, dass sie irgendwann einmal Soziologie studieren würde, und war der Ansicht, dass sie dafür einen Betrieb von innen kennen lernen müsse. Den Arbeitsplatz im BGW fand sie leicht, da dort wie in zahlreichen anderen Berliner Betrieben ein permanenter Arbeitskräftemangel bestand, insbesondere bei den Arbeitsplätzen am Fließband. Nach ihren Erinnerungen wurde sie im Jahr 1987 (vielleicht auch bereits 1986) bei NARVA eingestellt – insgesamt blieb sie anderthalb Jahre dort und wechselte später in die EDV-Abteilung.</p>
<p>Im BGW arbeitete Katja L. zunächst in der Nachtschicht an einer Fließbandreihe für Glühbirnen. Sie verdiente 50 Mark in einer Nachtschicht, pro Monat mehr als das Doppelte ihres vorherigen Verdienstes. Die Arbeitsbedingungen waren allerdings sehr schlecht. Es wurde bei permanenter Hitze von 50 Grad Celsius gearbeitet, im Winter bei kalter Zugluft. Auch Horst Liewald, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter, beurteilt die Arbeitsverhältnisse am Fließband  ähnlich: &#8220;Mit Fug und Recht kann festgestellt werden, dass der Arbeitsalltag in einer taktgebundenen Produktion mit kurzen Taktzeiten wie z.B. im Berliner Glühlampenwerk äußerst hart war.&#8221;<sup>31</sup></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780133.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7482" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780133-424x650.jpg" alt="" width="424" height="650" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780041.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7481" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780041-424x257.jpg" alt="" width="424" height="257" /></a></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780025.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7483" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780025-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780016.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7484" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780016-424x275.jpg" alt="" width="424" height="275" /></a></p>
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<p>Im Arbeitsbereich von Katja L. herrschten nach ihrer Erinnerung Frustration und eine hohe Fluktuation. Zur damaligen Zeit war sie der Ansicht, dass es für die DDR nur zwei Entwicklungswege geben würde: Öffnung nach sowjetischem Vorbild oder stärkere Repression. Da sie ebenso wenig wie Millionen andere DDR-Bürger damit gerechnet hatte, dass in den nächsten Jahren die Grenze geöffnet werden würde, versuchte sie, sich im System &#8220;einzurichten&#8221;.</p>
<p>Katja L. arbeitete an einer neu installierten westlichen Anlage. Anfang der 80er Jahre wurden vom BGW fünf moderne Maschinenfließreihen der Firma Toshiba importiert. Mit diesen gelang es, die Produktion von Allgebrauchslampen zu verdoppeln. An den neuen Anlagen arbeiten etwa 300 der insgesamt 5000 Beschäftigten des BGW.<sup>32</sup> Im Unterschied zu den anderen Anlagen war diese Fließreihe halbautomatisch. Die Leitung und Kontrolle der Fertigung sowie die Überwachung von Fehlern und Qualitätsmängeln erfolgten rechnergestützt.</p>
<p>Wirtschaftlich gesehen gestaltete sich der Einsatz der neuen Technik positiv. Für die Beschäftigten war damit allerdings kein sozialer Fortschritt verbunden. An den Rahmenbedingungen wie den Raumtemperaturen ändert sich nichts. Doch anders als zuvor wurde der Produktionsprozess nun nicht mehr teilweise durch Handarbeitsprozesse unterbrochen, sondern das Ar beitstempo vollständig von der Maschine bestimmt, wie sich Katja L. erinnert. Diese Verschlechterung der Arbeitssitu ation wird auch aus der Perspektive des Managements bestätigt. Horst Liewald beschreibt die &#8220;positive&#8221; Wirkung der neuen Anlagen rückblickend so: &#8220;Die für die Kontrolle [der Produktion] benötigten Informationen wurden größtenteils automatisch während des Pro duktionsprozesses gewonnen und rechentechnisch verarbeitet. Die Ergebnisse waren für weitere Leis­tungsentscheidungen, insbesondere des Meisters, und zur Leistungsstimu lierung im Wettbewerb zwischen den Maschinen gruppen nutzbar.&#8221;<sup>33</sup></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780096.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7523" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780096-424x640.jpg" alt="" width="424" height="640" /></a></p>
<p><em>Schreibtisch im Büro des Betriebsrats.</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780125.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7487" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780125-424x625.jpg" alt="" width="424" height="625" /></a></p>
<p><em>Der erste und letzte Betriebsratsvorsitzende von Narva &#8211; Michael Müller (hier zusammen mit der Umweltsenatorin Künast)</em></p>
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<p>Der neue Charakter der Technik ändert nichts daran, dass es im Betrieb &#8211; wie Katja L. sagt – weiterhin einen totalen &#8220;Top-Down&#8221;-Prozess gab: Alle Anweisungen gingen von oben, von der Pro duk tions leitung, nach unten. Unmittelbar am Arbeitsplatz entschied der Meister, ob bei auftretenden Produktions pro blemen die Fließreihe abgeschaltet und neujustiert oder die Fließreihe im laufenden Betrieb nachjustiert wurde.</p>
<p>Dieser Konstellation wohnte ein gehöriges Konfliktpotential inne, aus dem schließlich auch die Arbeitsnieder legung erwuchs. Denn die japanische Fließreihe war zwar deutlich produktiver als die alten DDR-Anlagen, aber von Toshiba wegen ihrer Störanfälligkeit ausrangiert worden. Dieser Mangel zeigte sich auch im BGW. Störungen, d.h. Ausfälle oder Abweichungen von Toleranzwerten, stellten ein permanentes Problem im Arbeitsalltag dar.</p>
<p>Die Einrichter hätten sich manchmal gewünscht, dass die Fließreihe abgestellt wird.<sup>34</sup>Aber auf der Betriebsleitung lastete der Druck, die ehrgeizigen Produktionsziele zu erfüllen, die von der Staats- und Parteispitze aufgestellt wurden. Deshalb sprach sich der Meister, um Produk tionsausfall zu vermeiden, meist dagegen aus &#8211; nicht selten mit der Folge, dass die Fließreihe bald vollständig ausfiel und damit noch größerer Schaden entstand.</p>
<p>Am Arbeitplatz gab es eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Während Frauen vor allem am Fließband standen, waren die Installateure (Einrichter) bis auf eine Ausnahme Männer.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780043.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7488" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780043-424x256.jpg" alt="" width="424" height="256" /></a></p>
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<p>Diese Konflikte zwischen Einrichtern und Glühlampenfertigerinnen auf der einen und dem Meister auf der anderen Seite wurde mit der Einführung einer neuen Lohnform, der sogenannten Produktivlöhne, noch einmal verschärft. Nach der Erinnerung von Katja L. geschah das 1987. Ein Hauptunterschied zur vorherigen Lohnform bestand darin, dass ein Teil des Lohnes in Abhängigkeit von der &#8220;produktiven Maschinenlaufzeit&#8221; und der Pro­dukt qualität gezahlt wurde. Der Lohn für Stillstandzeiten, also &#8220;nichtproduktive Stunden&#8221;, betrug teilweise fast nur die Hälfte dessen.<sup>35</sup> Darüber hinaus war die Lohnhöhe auch abhängig davon, wie der Meister das Verhalten des einzelnen Beschäftigten einschätzte. Katja L. zufolge waren das &#8220;vielleicht 2 Prozent des Lohns&#8221;. Für die Beurteilung gab es keine klaren Kriterien.</p>
<p>Die neuen Produktivlöhne verschärften einen alten Widerspruch im Arbeitsprozess. Die Entlohnung sollte stärker &#8220;leistungsorientiert&#8221; erfolgen, aber die Entscheidung, ob das Fließband bei Leistungsmängeln nach- oder neujustiert wurde, oblag nach wie vor dem Meister und nicht den Beschäftigten bzw. Einrichtern. Die Nichtbehe bung von Mängeln schlug sich letztlich auf dem Gehaltzettel nieder. Hier nahm der Streik seinen Ausgang. Als einmal wieder &#8220;Müll produziert&#8221; wurde, tauchte unter den acht Kolleginnen und Kollegen an der Fließreihe, an der Katja L. arbeitete, der Gedanke auf, die Arbeit niederzulegen. Der Meister hatte nach ihrer Erinnerung wiederum ein Abschalten abgelehnt.</p>
<p>Sie kann sich nicht mehr genau erinnern, wie es zum illegalen Streik kam, aber &#8220;irgendwie wurde das Fließband gestoppt&#8221;. Zwei Forderungen, so Katja L., hatte die Gruppe:</p>
<ul>
<li>Sie wollte mit der Produktionsleitung reden, die dem Meister übergeordnet war und die die Beschäftigten sonst nie zu Gesicht bekamen.</li>
<li>Sie forderte, es müsse, wenn nach Leistung bezahlt wird, für die Arbeiter auch Möglichkeiten geben, den Produktionsprozeß zu beeinflussen.</li>
</ul>
<p>Nach Meinung von Katja L. ging es bei der Arbeitsniederlegung also vor allem darum, wie die Arbeiter ihre Interessen artikulieren konnten. Sie selbst hatte, so erinnert sie sich, die anderen darin bestärkt, die Arbeit niederzulegen und die Interessen der Gruppe zum Ausdruck gebracht. Dies sei das erste und einzige Mal gewesen, dass sie von den anderen Kollegen akzeptiert wurde. Im Gegensatz zu ihnen legte sie nicht so großen Wert auf den Verdienst, da sie zuvor wesentlich weniger verdient hatte (&#8220;und damit ausgekommen war&#8221;) und andere Motive für die Arbeit im BGW besaß. Für die meisten Kollegen ging dagegen zunächst darum, dass das Geld stimmt.</p>
<p>Die Reaktion des Meisters bestand darin zu drohen: &#8220;Sie sollen wieder zu arbeiten anfangen sonst, &#8230;&#8221;, (an die genaue(n) Drohung(en) kann sie sich nicht erinnern). Er versuchte auch, den Vorfall zu vertuschen und zu verhindern, dass etwas davon nach oben dringt. Die Arbeiterinnen und Arbeiter blieben aber bei ihrer Haltung. Nachdem sie zu Beginn der Frühschicht die Arbeit niedergelegt hatten, kam es um die Mittagsstunde oder am frühen Nachmittag zu einem Treffen mit der Produktionsleitung, das etwa eine Stunde dauerte. Damit hatte die Gruppe eine ihrer Forderungen durchgesetzt. Von den sonstigen Ergebnissen ist Katja L. noch bekannt, dass es zu einer Neujustierung kam, da das Band bereits stand – ein zweiter Erfolg.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780005.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7489" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780005-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
<p><em>Schonplatz im Pförtnerhäuschen</em></p>
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<p>Innerhalb des Betriebs erlangte nach Katja L.’s Erinnerung der Vorfall eine gewisse Bekanntheit.<sup>36</sup> Zumindest habe es noch eine weitere Fließreihe gegeben, die gedroht hatte, die Arbeit niederzulegen oder es tatsächlich getan hat. In der Fließreihe selbst &#8220;hat sich danach die Sache verlaufen&#8221;. Insgesamt sei es schwierig gewesen, in der Produktionshalle die Belegschaft als ganze hinter sich zu bekommen, auch weil die vielen vietnamesischen Arbeitskräfte einen gesonderten Bereich darstellten. Von nachfolgenden Auseinandersetzungen zwischen Meisterbereich und Produktionsleitung hatte Katja L. nichts gehört.</p>
<p>An eine nachfolgende Disziplinierung kann sie sich nicht erinnern; sie habe auch keine Angst vor Sanktionen gehabt. Aber die 2% des Lohns, die verhaltensabhängig gezahlt wurden, bekam sie anschließend nicht mehr, und ihr wurde eine Prämie als &#8220;Qualitätsarbeiterin&#8221; verweigert.</p>
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<p><strong>Die &#8220;Wende&#8221; im BGW</strong><br />
Von den Revolutionsereignissen zwei Jahre später blieb das BGW nicht unberührt. Die politische Veränderung, die der Flüchtlingsstrom des Sommers 1989 auslöste, reichte im Glühlampenwerk – wie auch in anderen Betrieben – bis in die breite Mitgliedschaft der SED hinein. Der Ingenieur Matthias Pfau beschrieb die damalige Stimmung so: &#8220;Unsere Pausen in der Kantine wurden länger und länger, die Diskussionen deutlicher und heftiger. Alle hatten das Gefühl, hier passiert jetzt was. Das ging ja so schnell. Erst die Flüchtlinge über Ungarn, dann über Prag. Ganze Familien, die in den Botschaften saßen. Auch bei Narva fehlten plötzlich Leute, die täglichen Mitteilungen der Betriebsleitung klangen sehr nach Durchhalten. Es war Endzeitstimmung im Bauch, ohne dass man im Kopf schon begriffen hatte, was da passierte.&#8221;<sup>37</sup></p>
<p>Das Glühlampenwerk gehörte zu den wenigen Betriebe, in denen parallel zu den wachsenden Straßendemon strationen im Herbst 1989 Streiks stattfanden. &#8220;Am 18. Oktober kam es in der Frühschicht im Bereich Halogenlampe des VEB Narva in Berlin zu einer kurzfristigen Arbeitsniederlegung, bei der es aber herbeigeeilten Be­triebsfunktionären gelang, die Arbeiter wieder zur Aufnahme ihrer Arbeit zu bewegen.&#8221;<sup>38</sup> Am 10. November, dem Tag nach der Maueröffnung, war das Glühlampenwerk, das nur einige Hundert Meter von der Grenze entfernt lag, so gut wie leer.<sup>39</sup> Im Dezember 1989 wurde im BGW ein &#8220;Gesellschaftlicher Rat&#8221; gebildet, der &#8220;Beratungs- und Kontrollorgan&#8221; der betrieblichen Leitungen sein soll.<sup>40</sup> Allerdings scheint dieser, wie auch die alte Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL), noch weitgehend von alten Kräften besetzt worden zu sein. Der Vorsitzende des Rates war SED-PDS-Mitglied und Meister. Die alte BGL drohte der Belegschaft im Falle einer anscheinend beabsichtigten Neuwahl mit einer Streichung der Urlaubsreisen.<sup>41</sup> Bereits in dieser Zeit dreht sich die Diskussion außer um politische Fragen auch um die Sicherung der Zukunft des Werkes.</p>
<p>Die ersten Monate des neuen Jahres verliefen im Werk nicht weniger turbulent. Angesichts der Diskreditierung der Staatsgewerkschaft FDGB entstand eine Initiative zur Gründung eines Betriebsrates, der im &#8220;Zug der Wirtschaftsreformen&#8221; und damit verbundener &#8220;Strukturveränderungen&#8221; eine Interessenvertretung aller Werktätigen sein sollte. Ziel war es, &#8220;sich gegen alle Maßnahmen der betrieblichen/staatlichen Leitung&#8221; zu wehren, &#8220;die gegen die Rechte und die Ehre jedes Werktätigen gerichtet sind.&#8221;<sup>42</sup></p>
<p>Wie so viele Betriebe  war das BGW nach der Währungsunion der plötzlichen Konfrontation mit den freien Märkten nicht gewachsen. Das Interesse westlicher Investoren  beschränkte sich auf die japanischen Anlagen, die zu erwerben OSRAM letztlich auch gelang.<sup>43</sup> Bevor die Mas senentlassungen einsetzten, begann OSRAM auch mit der Abwerbung von Arbeitskräften. Bei vormals 5.000 Beschäftigten blieben von den nach einem Treuhandkonzept von 1992 zugesicherten 1.080 Arbeitsplätzen 1993 nur 250 übrig.<sup>44</sup></p>
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<p>Wie im Jahr 1953 wich auch 1989/90 die Euphorie des Aufbruchs bald Enttäuschung und Ernüchterung. Trotz vieler nicht eingelöster Versprechen gab es diesmal jedoch einen zentralen Unterschied: die Erfahrung, dass die Gesellschaft verändert werden kann. Matthias Pfaus formulierte es so: &#8220;Das haben wir doch voraus: Was gottgegeben schien, zerbrach in Wochen. Manchmal kommt mir der Gedanke, vielleicht erlebe ich noch ´ne Wende&#8230;&#8221;.<sup>45</sup></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780011.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7508" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780011-424x660.jpg" alt="" width="424" height="660" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780002.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7490" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780002-424x630.jpg" alt="" width="424" height="630" /></a></p>
<p><em>In der Wende wurde der wissenschaftliche Mitarbeiter Horst Liewald Pressesprecher des Kombinats, 2004 veröffentlichte er eine &#8220;Betriebsgeschichte von NARVA &#8211; Berliner Glühlampenwerk: Das BGW&#8221;. Auf dem Photo erklärt er einigen Westberliner Künstlern gerade die Allgebrauchslampenfertigung im BGW.</em></p>
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<p>(Olaf Klenke, geb. 1974, Politikwissenschaftler an der FU Berlin, zur Zeit Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung des DGB und Promotion zum Thema &#8220;Das Mikroelektronikprogramm in der DDR&#8221;.)</p>
<p><em>Anmerkungen:</em></p>
<p>1    Siehe dazu die DDR-Betriebsgeschichte: &#8220;Arbeiter machen Geschichte. Geschichte des VEB NARVA &#8220;Rosa Luxemburg&#8221; Berliner Glühlampenwerk, Berlin 1980.<br />
2    Vgl. Renate Hürtgen: Der Streik in der DDR. Wie viel Widerstand gab es in den DDR-Betrieben? In: Horch und Guck. Heft 43 (3/2003) und dies.: &#8220;Keiner hatte Ahnung von Demokratie, im Betrieb sowieso nicht&#8221;. Vom kollektiven Widerstand zur Eingabe oder Warum die Belegschaften 1989 am Anfang eines Neubeginns standen. In: Gehrke, B./dies. (Hrsg.): Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989. Berlin 2001.<br />
3    SAPMO-BArch, DY 46/5702, Zentralvorstand IG Metall, Bericht des Präsidiums an die 4. Tagung des Zentralvorstandes der Industriegewerkschaft Metall am 29. März 1978, Berlin den 19.3.1978, Bl. 37.<br />
4    Nach einem Gespräch mit Horst Liewald am 17.3.05.<br />
5    Vgl. Volker Koop: Der Aufstand vom 17. Juni 1953, Berlin 2003, S.36 und &#8220;17. Juni 1953 &#8211; Arbeiteraufstand oder Konterrevolution?&#8221;, Kapitel V. 1, Die Ereignisse, unter: <a href="http://www.geocities.com/revolutiontimes/ddr10.htm">www.geocities.com/revolutiontimes/ddr10.htm</a> (Zugriff: 23.3.05).<br />
6    Wolfgang Eckelmann u.a. (Hrsg.): FDGB intern. Innenansichten einer Massenorganisation der SED. Berlin 1990, S.155.<br />
7    Vgl. Jürgen Hofmann und Annette Neumann (Hrsg.): Die Klasse in Aufruhr. Der 17. Juni 1953 in Berliner Betrieben, Berlin 2003, S.39/40 und 84.<br />
8    Vgl. Hofmann/Neumann, S. 43.<br />
9    Hans-Joachim Rybarz: Kein normaler Lehrtag. In: Unterdrückte Hoffnung. Erinnerung an den 17. Juni 1953,<a href="http://www.berlin.de/imperia/md/content/bapankow/pdf-dateien/21.pdf">www.berlin.de/imperia/md/content/bapankow/pdf-dateien/21.pdf</a> (Zugriff: 23.3.05).<br />
10    Vgl. Hofmann/Neumann, S. 118/119.<br />
11    Thomas Flemming, Kein Tag der deutschen Einheit. 17. Juni 1953, Berlin 2003, S. 130f.<br />
12    Vgl. Horst Liewald, Das BGW. Zur Betriebsgeschichte von NARVA – Berliner Glühlampemwerk. Berlin 2004, S. 72f.<br />
13    Kowalcuk, Ilko-Sascha: Das bewegte Jahrzehnt. Geschichte der DDR von 1949 bis 1961, S.153-154.<br />
14    Heide Schlebeck: Disco hinter Klinkermauern. U-Bahn-Bögen an der Warschauer Straße bekommen ein neues Innenleben. In: Berliner Zeitung, 04.09.96, S.30.<br />
15    Zumindest gehörte das BGW nicht zu den Betrieben, in denen der FDGB im III. Quartal 1961 Arbeitsniederlegungen registrierte, vgl. Gehrke/Hürtgen, Dokument 1, und Eckelmann u.a., S.53-64, 182-193.<br />
16   Stab PdVP Berlin &#8211; Journal der Handlung (14.8.1961), <a href="http://www.chronik-der-mauer.de/index.php/textpopup/318367/">www.chronik-der-mauer.de/index.php/textpopup/318367/</a>(Zugriff: 23.3.03).<br />
17    Vgl. Liewald, S. 81f.<br />
18    Zwischen Mauerbau und August 1962 sank das Realeinkommen in der DDR um 2,5%, vgl. André Steiner: Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre. Konflikt zwischen Effizienz- und Machtkalkül. Berlin 1999, S. 281.<br />
19    Das dürfte trotz der Tatsache gelten, dass die Mehrzahl der gedruckten Erinnerungen von Mitarbeitern der mittleren und unteren Leitungsebene stammt. Für das BGW vgl. das Buch von Horst Liewald.<br />
20    Nach Renate Schwärzel: Der Einfluß der Entwicklung der Fluktuationsrate auf die Steigerung der Arbeitsproduktivität und der Effektivität der Produktion im VEB Berliner Glühlampenwerk von 1958 bis 1968. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 3. Berlin 1980, S.181-187; zitiert aus: Holle Grünert: Beschäftigungssystem und Arbeitsmarkt in der DDR, Opladen 1997, S.79.<br />
21    SAPMO BArch DY 30/2939, Information über einen Erfahrungsaustausch zur leistungsorientierten Lohnpolitik im Bereich des Ministeriums für Elektrotechnik und Elektronik, S.2 [fol. 532] (Mai 1977).<br />
22    Nach Axel Bust-Bartels: Herrschaft und Widerstand in den DDR-Betrieben. Leistungsentlohnung, Arbeitsbedingungen, innerbetriebliche Konflikte und technologische Entwicklung. Frankfurt/Main 1980, S.134.<br />
23    Vgl. Liewald, S. 110.<br />
24    Deanna Poos: Ethnologin auf Spurensuche. In: Kulturstral. Das Stralauer Web Magazin, Nr.13, Mai 2003,<a href="http://www.kultstral.de/leben/archiv/13_leben.html">www.kultstral.de/leben/archiv/13_leben.html</a> (Zugriff: 23.3.05).<br />
25    Vgl. Lutz Kirschner: Gewerkschaftsarbeit im sozialistischen Industriebetrieb. Berlin (Ost) 1990, S. 19-20.<br />
26    SAPMO BArch DY 46/ 4472 (alt 7304) Bezirksvorstand Berlin des FDGB / IG Metall, 11. März 1987, Informationsbericht über den Inhalt und Verlauf der gewerkschaftlichen Mitgliederversammlungen im Monat Februar 1987, S.12.<br />
27    SAPMO BArch DY 34/27019, FDGB, Information über die Inanspruchnahme des Lohnfonds und des Durchschnittslohnes per 30.9. 1987 im Bereich der Industrieministerien und über Maßnahmen zur Festigung der Lohndisziplin, S.6.<br />
28    So Katja L. im Gespräch, vgl. Endnote 31.<br />
29    Vgl. Liewald, S. 75.<br />
30    Die Gesprächsnotiz vom 21.12.2004 befindet sich im Bestand des Autors. Der wirkliche Name wurde durch das Pseudonym Katja L. ersetzt.<br />
31    Vgl. Liewald, S.243.<br />
32    Vgl. ebenda S. 195/196.<br />
33    Vgl. ebenda, S.138.<br />
34    Katja L. benutzte dafür das Wort &#8220;Installateure&#8221;.<br />
35    Dazu auch Olaf Klenke: Zwischen Rationalisierung und sozialem Konflikt. Das Mikroelektronik-Programm und die &#8220;dritte industrielle Revolution in der DDR (1977-1989) (noch unveröffentlicht), dort: Kapitel. 7.4. Die Produktivlöhne.<br />
36    Horst Liewald als wissenschaftlicher Mitarbeiter erfuhr allerdings davon nichts, vgl. Endnote 3.<br />
37    Aus: Burga Kalinowski, Sie störten die Raubvögel nicht. Sommer ´89 bei NARVA in Berlin. In: Freitag 09.07.2004, <a href="http://www.freitag.de/2004/29/04290501.php">www.freitag.de/2004/29/04290501.php</a> (Zugriff: 23.3.05).<br />
38    Bernd Gehrke: Demokratiebewegung und Betriebe in der &#8220;Wende&#8221; 1989. Plädoyer für eine längst fälligen Perspektivwechsel. In: ders./ Hürtgen, Renate (Hrsg.), S. 252.<br />
39    Vgl. Kalinowski, a.a.O..<br />
40    &#8221;Gesellschaftlicher Rat wurde gebildet&#8221; VEB Berliner Glühlampenwerk (Dezember 1989), DDR 1989/90 Dokumente unter: <a href="http://www.ddr89.de/ddr89/betriebe/BGW1.html">www.ddr89.de/ddr89/betriebe/BGW1.html</a> (Zugriff: 23.3.05).<br />
41    Ebenda und Gehrke/Hürtgen, S. 203.<br />
42    Betriebsrat – Übergangsgewerkschaft? VEB Berliner Glühlampenwerk (Februar 1990), DDR 1989/90 Dokumente unter: <a href="http://www.ddr89.de/ddr89/betriebe/BGW1.html">www.ddr89.de/ddr89/betriebe/BGW1.html</a> (Zugriff: 23.3.05).<br />
43    Vgl. Liewald, S.189-197.<br />
44    Vgl. Liewald, S. 203, 215.<br />
45    Aus: Kalinowski, a.a.O.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780054.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7491" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780054-424x270.jpg" alt="" width="424" height="270" /></a></p>
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<h1>Von den Gesten und dem Gedanken der Gabe</h1>
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<p>Dieser Artikel erwuchs aus Neugier und Erstaunen. Bei der Lektüre der archivalischen Überlieferung einiger Berliner Firmen  Transformatorenwerk Karl Liebknecht (TRO), Berliner Glühlampenwerk (BGW, seit 1972 NARVA), Elektroapparatwerk, Backwarenkombinat (Bako), Bergmann Borsig, Werk für Fernsehelektronik und Funkwerk Köpenick<sup>1</sup> - fiel mir auf, dass vielen Argumentationen die Idee der Gabe zu Grund lag. Auch wenn der Begriff der Gabe selbst kaum vorkommt, wird doch der Bedeutungskreis des Gebens und Schenkens sehr häufig angesprochen: Regelmäßig wird an die Selbstlosigkeit von Personen appelliert, an ihre Bereitschaft zu Hingabe und Aufopferung. Diese Haltung wird rhetorisch mit der Freiwilligkeit im Geben und Spenden verknüpft. Der Klassiker der anthropologischen Forschung zu diesem Thema, Marcel Mauss, charakterisierte die Gabe als ein »fait social total«<sup>2</sup>. Entgegen dem spontanen Eindruck des Beobachters, Gaben seien ganz und gar individuelle und freiwillige Handlungen, zeigte er, dass sie tatsächlich verschiedenen sozialen, ökonomischen und politischen Zwängen unterliegen. Ich betrachte die von Mauss analysierte Spannung zwischen selbstloser Großzügigkeit und Verpflichtung, zwischen Freiwilligkeit und Zwang des Gebens als einen lohnenden heuristischen Zugang mit Blick auf die DDR. Aussagekräftig ist vor dem Hintergrund der Plan- und Mangelwirtschaft der DDR insbesondere auch die von Mauss herausgearbeitete ökonomische Dimension der Gabe, welche in der Anthropologie vielfach im Sinne eines »Gegen-Markts« oder auch als eine Verlagerung des Marktes beschrieben und diskutiert wurde.<br />
In dieser Perspektive unternimmt der Beitrag den Versuch, die »Rhetorik der Gabe« zu analysieren. Hierfür werden die Protagonisten des Austausches, die Güter, welche ausgetauscht wurden wie auch die Rituale, die diesen Austausch inszenierten, näher betrachtet.</p>
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<p>Die reichhaltigen Fotosammlungen der Betriebe liefern unzählige Bilder der verschiedenen Zeremonien, in denen der Tausch von Gaben vollzogen wurde. Daneben bieten schriftliche Quellen wie insbesondere Brigadetagebücher, aber auch verschiedene Dokumente des FDGB, der SED oder der Betriebsleitungen Zugang zu dem konkreten Ablauf und Hintergrund solcher Zeremonien. Allerdings unterliegt die Aussagekraft dieser Quellen den Begrenzungen der offiziellen Sprache und sie stammen außerdem zumeist aus den ersten zwanzig Jahren des Regimes. Deshalb handelt es sich hier um eine erste Skizze. Die Gabe soll hier als ein Diskurs analysiert werden, nach dessen Wirkung auf die Gesellschaft zu fragen sein wird. Der Gabentausch erscheint wie ein Prisma, in dem Grundzüge der sozialen und ökonomischen Interaktion sowie der institutionellen und informellen Formen von Herrschaft in der DDR deutlich werden.<sup>3</sup>Drei Typen der Gabe sind dabei zu unterscheiden: Die »sozialistische« oder »offizielle Gabe«, die »paternalistische« Gabe im Kontext der Betriebe sowie die »informelle« Gabe zwischen Individuen mit enger persönlicher Bindung.</p>
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<p><strong>Die sozialistische Gabe</strong></p>
<p>Folgt man den 1958 formulierten Ulbrichtschen Gesetzen der »sozialistischen Moral«, ist der »Geist des Schenkens« ein integraler Teil des sozialistischen Projekts, das Ausbeutung ablehnt und Freundschaft sowie Gleichheit ins Zentrum seiner erklärten Ziele stellt. Ulbrichts »10 Gebote« beginnen mit der »internationalen Solidarität der Arbeiterklasse« (1. Gebot), umfassen weiterhin, »beim Aufbau des Sozialismus im Geiste der gegenseitigen Hilfe und der kameradschaftlichen Zusammenarbeit (zu) handeln, das Kollektiv (zu) achten und seine Kritik (zu) beherzigen« (5. Gebot), und schließlich die »Solidarität mit den um ihre nationale Befreiung kämpfenden und den ihre nationale Unabhängigkeit verteidigenden Völkern« (10. Gebot). In der Lebensrealität am Arbeitsplatz wurde dieses Loblied auf Solidarität und gegenseitige Hilfe als Kern des sozialistischen Ethos in permanente Aufrufe zu altruistischer Großzügigkeit, in anderen Worten: zur Gabe, umgesetzt.</p>
<p>Die Brigadetagebücher liefern vielfältige Beispiele: So spendeten 1962 alle Mitglieder der Brigade »Erich Mühsam« 10 Mark für Solidaritätsmarken.<sup>4</sup> 1968 kamen die Frauen der Kaderbrigade »Jenny Marx« des Funkwerks Köpenick, sämtlich Mitglieder der SED, überein, ein halbes Prozent ihres Einkommens für Solidaritätsaktionen zu spenden.<sup>5</sup>Hoch angesehen war in der sozialistischen Ethik persönliche Aktivität. Dazu gehörte die Organisation der so genannten Soli-Basare, auf denen die unterschiedlichsten Objekte für den Zweck der internationalen Solidarität verkauft wurden. In den meisten Fällen war der Empfänger näher bestimmt. So organisierten am 6. Juli 1960 die Arbeiter der Brigade »Käthe Kollwitz« eine Spende für die Kinder Afrikas. Die Funktionärinnen der Brigade »Jenny Marx« spendeten regelmäßig Blut für die Opfer des Vietnamkriegs.<sup>6</sup> In den siebziger Jahren war das vietnamesische Volk, dessen Mut und Opferbereitschaft hervorgehoben wurde, häufigster Empfänger solcher Gaben. Bilder, die in die Brigadetagebücher eingefügt wurden, spielen auf Schmerz und Heldentum an – eine Verbindung, die seltsam an das Opferbild Christi erinnert. Überhaupt ist die besondere Präsenz christlicher Bilder und christlichen Vokabulars auffällig, mit denen diese Form des Gebens gerechtfertigt und motiviert wurde. Der Rückgriff auf das religiöse Bedeutungsfeld beförderte das typische manichäische Weltbild der SED: Eine böse »imperialistische« Welt wurde dem guten »sozialistischen« Lager gegenübergestellt. Diese Gaben erfüllten somit eine pädagogische und legitimierende Funktion: Indem man gibt, ergreift man Partei und schlägt sich zugleich auf die Seite der »Erwählten«.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780080.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7509" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780080-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780004.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7510" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780004-424x285.jpg" alt="" width="424" height="285" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780019.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7522" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780019-424x630.jpg" alt="" width="424" height="630" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780065.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7511" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780065-424x285.jpg" alt="" width="424" height="285" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780069.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7493" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780069-424x270.jpg" alt="" width="424" height="270" /></a></p>
<p><em>NARVA-Werbung</em></p>
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<p>Die internationale Solidarität war nicht die einzige Manifestation der »sozialistischen Gabe«, vielmehr erscheint gegenseitige Hilfe im Rahmen von Fürsorgebeziehungen als ihre häufigste Form. Diese Beziehungen sollten sichtbare Beweise für die vielfältigen Formen von Solidarität liefern, die die sozialistische Gesellschaft strukturierten, und damit den Erfolg des sozialistischen Experiments unter Beweis stellen. Die Industriearbeiter standen »natürlich« im Zentrum dieser Praktiken, galten sie doch als die authentischen Erbauer des Sozialismus. Zur Staatsgründung im Oktober 1949 überreichten die Arbeiter des Berliner Glühlampenwerkes (BGW) dem neuen Präsidenten und ehemaligen Zimmerer Wilhelm Pieck die zehnmillionste Glühlampe.<sup>7</sup> Die Fotos zeigen Gruppen strahlender Arbeiter, welche dem Präsidenten stolz die Frucht ihrer Arbeit überreichen. Zwei Jahre später erhielt Pieck zu seinem 75. Geburtstag eine Lampe, die in die Mitte eines Blumentopfes »gepflanzt« war. Mehrere Aufnahmen dokumentieren das Geschenk und seine symbolische Botschaft: Die Arbeiter schenken der Nation, die vom lächelnden und väterlichen Bild Piecks<sup>8</sup> verkörpert wird, die Frucht ihrer Mühen: das Licht.</p>
<p>Die Hilfe, die Betriebe den Dörfern zukommen ließen, kann in diesem Rahmen als Illustration der Solidarität zwischen Stadt und Land und damit eines essentiellen Dogmas der sozialistischen Ideologie verstanden werden. Sie wurde durch Patenschafts- oder Freundschaftsverträge formalisiert. Nach den vorliegenden Quellen zu urteilen, waren solcherart »Solidaritätsaktionen« in drei Phasen besonders intensiv: in den Jahren des Aufbaus, in den Jahren der beginnenden Kollektivierung der Landwirtschaft (Anfang der fünfziger Jahre) und in ihrer letzten Phase (Anfang der sechziger Jahre). So fuhren die Arbeiter der TRO 1949 zum ersten Mal in zwei Dörfer, wo sie beschädigte Maschinen und Material reparierten. Dabei arbeiteten sie eng mit den Maschinen-Ausleih-Stationen (MAS, ab 1952 Maschinen-Traktoren-Stationen, MTS) zusammen, die in ländlichen Gebieten einen Stützpunkt der Arbeiterklasse darstellten. Anfang der 50er Jahre halfen sie bei der Ernte.<sup>9</sup> Mitte der fünfziger Jahre unterzeichnete die Direktion des Werks für Fernsehelektronik (WFE) einen Patenschaftsvertrag mit einer LPG. Sie schickte als Ausdruck der »gegenseitigen sozialistischen Hilfe« Arbeiter zum Ernteeinsatz und lieferte Materialien. Der Freundschaftsvertrag mit der LPG »Philip Müller« umfasste 125 von der FDJ organisierte »Arbeitseinheiten«. Der Betrieb stellte außerdem Arbeitskräfte für die Buchhaltung, Maschinen und Transportmittel bereit.<sup>10</sup> Die Jugendbrigade »Karl Liebknecht« verbrachte im Winter 1960 eine Woche im Dorf Letschin, um Gebäude zu reparieren. Im August 1960 verlud die Funktionärsbrigade »Clara Zetkin« der Rationalisierungsabteilung des Elektroapparatewerks (EAW) Heu, reparierte Scheunen und half bei der Ernte.<sup>11</sup></p>
<p>Durch derartige Patenschafts-Arrangements wurden die Betriebe mit verschiedenen Sektoren der Gesellschaft der DDR verknüpft. So war z.B. jeder Betrieb mit mindestens einer lokalen Schule verbunden. Ähnlich wie bei den Patenschaften mit den LPGs, manifestierte sich die »Großzügigkeit« der Betriebe auf zwei Ebenen: Die Schulen durften die betriebseigenen Ferienanlagen nutzen oder die Betriebe halfen bei nötigen Reparaturen. Die Betriebsangehörigen beteiligten sich auch an Elternabenden bzw. an Elternbeiräten. So sollte die »Mission« und Vorreiterrolle der Arbeiterklasse sichtbar gemacht werden.<br />
Wie auch das »Geschenk auf Distanz« im Rahmen der internationalen Solidarität, diente die sozialistische »Solidarität« zuförderst einem ideologischen Ziel. Die »Gaben« der VEBs an die Dörfer, LPGs und Schulen sollten die Präsenz der Arbeiterklasse als herrschende Klasse repräsentieren und zugleich verwirklichen. »Großzügigkeit« drückte hier Führungsanspruch aus. Den Schulen und Dörfern wurde somit von den Arbeitern »Sozialismus geschenkt«. Diese Praktiken, hervorgebracht durch die sozialistische Rhetorik, lassen die Gabe gemäß dem Anthropologen Maurice Godelier als »verborgene Seite der geträumten Umkehrung der Machtbeziehungen, Interessen, Manipulationen und Unterwerfung, die die Marktbeziehungen und die Profitsucht mit sich bringen, erscheinen… indem sie ein Ideal, das uneigennützige Geschenk, in der Phantasie als Ort der Solidarität und grenzenlosen Großzügigkeit schaffen.«<sup>12</sup></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780010.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7494" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780010-424x273.jpg" alt="" width="424" height="273" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780018.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7495" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780018-424x283.jpg" alt="" width="424" height="283" /></a></p>
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<p>So gesehen scheint die Geste des Gebens den Sozialismus in ein Utopia zu verwandeln. Natürlich steht auf der anderen Seite dieser Praktiken die Gegen-Gabe, die den Graben zwischen der Realität und »Utopia« unterstreicht.<br />
Im Bereich der internationalen Solidarität springt ins Auge, dass öffentliche Zurschaustellungen von »Großzügigkeit« gegenüber dem sowjetischen Bruder ganz fehlten, trotz der Bekundungen »unverbrüchlicher Freundschaft«. Die Quellen belegen zwar Fälle von Gabentausch zwischen den beiden Ländern, aber nur von Seiten der UdSSR an die DDR. Dies betrifft vor allem die schon stereotyp wirkenden Reiseberichte ostdeutscher Arbeiter, in denen stets die herzliche Gastfreundschaft, der sie begegneten, hervorgehoben wird. Dies wirkt, als müsse die symbolische wie die reale Schuld, in der man beim »Großen Bruder« stand, ständig wiederholt und vergrößert werden, um damit implizit die enormen ökonomischen Lasten, die die UdSSR der DDR aufbürdeten, zu rechtfertigen. Analog zur Gabe nach Mauss kann man dies so interpretieren, dass der Bezug auf das Thema der Gabe eine Gegengabe in Form auswuchernd einseitiger ökonomischer Beziehungen rechtfertigte. <sup>13</sup></p>
<p>Allerdings werden im Bereich der sozialistischen »Solidarität« innerhalb des Landes die Konsequenzen der Gabe am deutlichsten. Wie beschrieben, stellten die aufs Land gesandten Arbeiter den »Vortrupp« der Partei dar und hatten ausdrücklich die Aufgabe, die Bauern von der Richtigkeit des Sozialismus zu überzeugen. Im Vertrag mit der LPG »Vorwärts zum Sozialismus«, erklärte die Direktion des WFE ihre Absicht, der LPG die Vorsitzenden ihrer Betriebsparteiorganisation, der FDJ und des Frauenverbandes zur Verfügung zu stellen. Der LPG »Einheit und gerechter Frieden« versprach sie die Dienste des Betriebschores und -orchesters.<sup>14</sup></p>
<p>Die meisten Berichte verdeutlichen, dass die ideologische Offensive aus den Städten auf Ablehnung stieß. So marschierten die Arbeiter des TRO, die mit ihrem Orchester und ihrer Fußballmannschaft nach Tribnitz gekommen waren, um 1954 »die Ernte zu feiern« (und vor allem, um die Kollektivierung der Landwirtschaft zu propagieren) allein durch die Straßen.<sup>15 </sup>Arbeiter, die im Rahmen von Patenverträgen aufs Land fuhren, fanden zumeist nur primitive Unterkünfte sowie mangelhafte Verpflegung und selten Dankbarkeit vor. Beispielsweise resümierten die Kader der Brigade »Clara Zetkin« im November 1960 mit Bitterkeit, dass die Bauern ihre Hilfe als selbstverständlich betrachteten.<sup>16</sup> Ähnliche Berichte finden sich immer wieder. Die Undankbarkeit dokumentiert den Wunsch, den »Verpflichtungen des Empfangens«<sup>17</sup> zu entgehen.</p>
<p>Die Gegengabe wurde in Verträgen der Firmen mit den Genossenschaften festgelegt. So schloss die Direktion des WFE 1954 Verträge mit den LPGs, in denen ideologische und materielle Unterstützung im »Austausch« mit der monatlichen Veranstaltung eines Bauernmarktes im Betrieb zugesagt wird. Laut Vertragstext sollten diese die Beziehungen zwischen Arbeitern und Bauern vertiefen.<sup>18 </sup>Tatsächlich sicherte sich der Betrieb damit die Vesorgung für die Betriebskantine: vertragsgemäß mussten Kartoffeln und Gemüse auf Wunsch direkt beim Personal derselben abgeliefert werden. Die Frage des Preises wird in den Verträgen nicht erwähnt – offenbar handelte es sich um verpflichtende »Gegengaben«. 1959 legte der Vertrag dann allerdings fest, dass die LPG nach Erfüllung ihres »Abgabesolls« Eier, Hühner, Gemüse und Fleisch zum Aufkaufpreis an die Arbeiter verkaufen durfte.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780047.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7496" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780047-424x629.jpg" alt="" width="424" height="629" /></a></p>
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<p>Bei den Praktiken des Schenkens und Gabentausches in der DDR ging es also offenbar nicht so sehr um Solidarität, sondern um die Inszenierung eines Austausches, der die tatsächlichen Konflikte zwischen Stadt und Land wie auch zwischen der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten maskierte. Dass der Empfänger der Gabe nicht unbedingt profitierte, verschwieg die Rhetorik des Schenkens und Gebens. Sie verkleidete damit ungleiche Transaktionen, in denen sich Machtbeziehungen manifestierten, die nicht zu der Gleichheits- und Gerechtigkeitsideologie des Regimes passten. Dennoch ging es um mehr als einfach Beschönigung der harten wirtschaftlichen Fakten; die Rhetorik der Gabe zeugt von der Schwierigkeit, den reinen wirtschaftlichen Austausch zu akzeptieren, ohne ihm eine politische und soziale Bedeutungzu geben. Das beweisen die symbolischen Geschenke. So erhielten die Arbeiter des BGW, die 1949 in ihrem Patendorf Hohenzieritz Schweißarbeiten ausführten, im Austausch dafür einen großen Korb mit Brot, Butter, Eiern und Würstchen. Fotos dokumentieren die Aufschrift: »Dem edlen Liebeswerke sei unser Dank geweiht. Denn  Liebe gibt  uns Stärke in dieser schweren Zeit«. Wie auch beim Blumentopf mit Lampe für Wilhelm Pieck – die Gabe hatte vor allem symbolischen Wert und diente zwei Zielen: Sie schuf (politischen) Sinn und etablierte soziale Beziehungen. Sie wirkte dabei – neben dem praktischen Nutzen – als Einschreibung des politischen Diskurses in die soziale Praxis. Diese zwei Dimensionen werden in der Analyse des Gabentausches innerhalb der Betriebe besonders deutlich.</p>
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<p><strong>Die paternalistische Gabe und die Betriebsgemeinschaft</strong></p>
<p>Innerhalb der Betriebe wurden das Schenken und der Gabentausch zu besonderen Ereignissen wie z.B. zu Weihnachten, zu den Feiern zur Übergabe von Auszeichnungen an Aktivisten oder vorbildliche Brigaden und insbesondere zum Frauentag am 8. März inszeniert. Die Feiern folgten dabei einem festen Muster. So organisierte 1954 die Betriebsleitung von Bergmann-Borsig eine Aktivistenfeier, zu der die Haupthalle des Kulturhauses mit Fahnen geschmückt wurde, Reden gehalten wurden und Betriebschor und -orchester sowie eine Kabarettgruppe der Humboldt-Universität den kulturellen Rahmen boten. Ein großes Essen und ein Ball schlossen das Fest ab. Ähnlich gibt das Betriebstagebuch der Brigade »Erich Mühsam« für den 8. März 1960 die Abfolge der Frauentagsfeier detailliert wieder: ein »Stehbankett löste die Begeisterung der Anwesenden aus, denn viele leckere Dinge warteten darauf verzehrt zu werden. Mit einem gemütlichen Beisammen und Tanz klang die Feierstunde aus.«<sup>19 </sup>. Die Beschreibungen vermitteln den Eindruck von Fülle und Überfluss. Insbesondere während der 1960er Jahre wurde der 8. März offenbar eine Gelegenheit für zunehmend üppige Feiern. So nahmen an der Frauentagsfeier des TRO 1966 ca. 1.500 Personen in der blumengeschmückten Halle teil. Eine Aufführung mit Solisten der Staatsoper, die Verleihung von Auszeichnungen, ein Buffet und ein Ball mit Orchester und professionellen Tänzern bildeten das Programm. 1965 ließ sich der Betrieb die Frauentagsfeier 25.000 Mark kosten. Auch die Weihnachtsfeiern für die Kinder der Betriebsangehörigen waren aufwändig: Ein kostenloser Besuch im Friedrichstadtpalast mit den Eltern und Geschenke wurden geboten.<sup>20</sup></p>
<p>Letztere stellten in den 50er Jahren noch die Lehrlingen her, während in den sechziger Jahren Spielzeug gekauft wurde.<br />
Das Überreichen von Geschenken spielte eine besondere Rolle. Zum Frauentag 1960 erhielten alle Frauen der Brigade »Anne Frank« der BGW einen Schal und 50 Gramm Kaffee, während die Frauen der Brigade »Lunik III« 1961 einen chinesischen Schal und drei Taschentücher bekamen.<sup>21</sup> 1951 erhielten acht Aktivisten bei Bergmann Borsig eine Uhr oder ein Fahrrad plus Geldprämie, im gleichen Jahr bekam eine Aktivistin des Glühlampenwerks eine Bluse und Bettlaken.<sup>22</sup> Solche »nützlichen« Geschenke blieben auch über die von unmittelbarer materieller Not bestimmten Anfangsjahre der DDR hinaus typisch<sup>23</sup>.<br />
Die gesamte Zeremonie drückt dabei Konformität mit dem Regime aus, insofern dient der sozialistische Betrieb – wie so oft –  als seine Matrix. Politische Reden leiten das Feierprogramm ein und geben damit die Bedeutung des Festes vor; es folgt das Kulturprogramm, das bis in die sechziger Jahre selbst als ein Mittel der Propaganda angesehen wurde.<sup>24</sup> Essen und Ball sind der Höhepunkt der Gabe an die Arbeiter und spiegeln damit die paternalistische Dimension des Regimes, was von den Geschenken noch unterstützt wird. Auch ihre Nützlichkeit verweist auf die übliche Praxis des Regimes, zusätzliche Produktion als »Geschenk« an die Menschen zu präsentieren, wie dies am deutlichsten mit der Stoff-Neuentwicklung Präsent 20, das die Textilarbeiter zum 20. Jahrestag der DDR »auf den Gabentisch der Republik« legten, geschah.<sup>25</sup></p>
<p>So inszenierte die rituelle Gabe bzw. das Geschenk innerhalb der Betriebe die Fürsorgediktatur.<sup>26</sup> Daneben hatte es aber noch eine betriebsinterne Funktion.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780051.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7497" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780051-424x259.jpg" alt="" width="424" height="259" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780049.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7521" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780049-424x283.jpg" alt="" width="424" height="283" /></a></p>
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<p>Diese Praxis des Schenkens und Feierns wurde nicht von den sozialistischen Betrieben erfunden, sondern folgte der Tradition des 19. Jahrhunderts. Die Betriebsdirektoren in der DDR nutzten das paternalistische Modell, gemäß dem Vorbild von Staat und Partei, um die Betriebsangehörigen in Ermangelung zusätzlicher finanzieller Anreize zu motivieren. Obwohl die Feiern und Geschenke unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg der Betriebe aus zentral verteilten Gewerkschaftsmitteln finanziert wurden, funktionierte die Inszenierung der paternalistischen Geste. Nicht zufällig waren insbesondere Kinder und Frauen ihre Adressaten, und die Quellen belegen, dass speziell letztere sie Wert schätzten. So äußerten sich die Frauen der Brigade »Rosa Luxemburg« 1968 schwer enttäuscht darüber, dass sie nur zwanzig Blumen zum Frauentag erhalten hätten, und andernorts wurde gefordert, die Frauentagsfeier ganz abzusetzen, wenn nicht alle Frauen eingeladen würden.<sup>27 </sup>Zweifellos sollte die »paternalistische Gabe« ein engeres soziales Band schaffen, als der einfache Arbeitsvertrag dies vermochte, aber es ging um mehr. Betrachtet man die Eigenschaften der überreichten Geschenke – Uhren und Fahrräder etwa – so implizieren sie zugleich ein bestimmtes Verhalten, in diesem Falle Pünktlichkeit und Anwesenheit. Im Sinne der »Gegengabe« gaben die Frauen am 8. März oft direkt nach dem Überreichen der Geschenke das feierliche Versprechen, den Plan zu erfüllen oder überzuerfüllen. Fotos in den Brigadetagebüchern zeigen, dass die Übergabe der Geschenke stets in der Gemeinschaft des Kollektivs stattfand. Dabei ist es bezeichnenderweise oft schwer zu sagen, ob ein Vertreter von Partei, Gewerkschaft oder Betriebsleitung das Geschenk bzw. die Auszeichnung überreicht. Tatsächlich modifizierte diese »Triarchie« die traditionelle paternalistische Bindung an den »Chef« zu einer horizontalen Beziehung, die sich in der Geste des Schenkens ausdrückt.<br />
Innerhalb der Betriebe schuf vor allem der Austausch von Arbeitskräften und anderen Dienstleistungen die »Betriebsgemeinschaft«. Dies war die Bedeutung der viel gepriesenen Einsatzbereitschaft im Austausch zwischen den Brigaden. So bat am 8. August 1960 die Brigade »Käthe Kollwitz« die Brigade »Lunik III« um Hilfe, weil ein Mitarbeiter Urlaub hatte, um seine Wohnung zu reparieren und dankte anschließend für die »Bereitschaft, sozialistische Hilfe zu leisten.« Am 5. November 1963 dankte die Brigade B. Schulz den Kollegen der Brigade »Erich Mühsam«, die sich in den vorausgegangenen Wochen »selbstlos zur Verfügung gestellt« und sogar Schichtarbeit geleistet hatten.<sup>28</sup> Der Dank bezeugt Bereitschaft, die Gabe zu erwidern. Gabe und Gegengabe konsolidieren so die Betriebsgemeinschaft.</p>
<p>Sozialistische Hilfe reichte dabei weiter als der einfache Austausch zwischen Brigaden. Insbesondere in den ersten zwanzig Jahren des Regimes sind Aufrufe an die Betriebsangehörigen zu Arbeitseinsätzen für Bauarbeiten bzw. Renovierungen der Werksgebäude oder betriebseigenen Sozialeinrichtungen häufig. Außerdem gab es Geschenke und Arbeitseinsätze auch von den Mitgliedern der betriebseigenen Freizeitclubs. Der Töpferklub von NARVA beispielsweise schenkte stellvertretend für den Betrieb seine Produkte einem anderen VEB oder auch internationalen Gästen. So gelangte ein Stück Emaillearbeit des Klubs auch in das Museum des Panzerkreuzers Aurora in Leningrad. Die Philatelisten des gleichen Kombinats stellten ihre Sammlungen in Glasvitrinen aus, damit sich die Beschäftigten anhand der Briefmarken bilden und in Gedanken zu fernen Ländern »reisen« konnten. Solche »freiwillige« Mitwirkung war Teil der Verträge zwischen den Freizeitklubs und Betriebsleitungen. Der Fotoklub von NARVA etwa wurde in den achtziger Jahren aufgelöst, weil er entsprechende Verpflichtungen nicht erfüllt hatte.<sup>29</sup></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780108.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7498" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780108-424x655.jpg" alt="" width="424" height="655" /></a></p>
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<p>Damit ist die Frage nach der tatsächlichen Freiwilligkeit derartiger Dienste gestellt. Tatsächlich geht es bei einem signifikant großen Teil der Fälle vor den Konfliktkommissionen in den fünfziger und sechziger Jahren um die Bezahlung solcher Einsätze. In den siebziger und achtziger Jahren wurde der »Geist des Gebens« noch stärker von einer zunehmend ökonomisch berechnenden Haltung abgelöst.<sup>30</sup> Dennoch hatte die lange Präsenz eines Diskurses der Betonung von Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit Wirkungen auf die Bevölkerung, die letztlich auch in der Nostalgie zum Ausdruck kommen. Allerdings wurzelt dieses Gefühl in der verbreiteten Praxis des Schenkens in kleineren Kreisen.</p>
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<p><strong>Vom Schenken und Geben in der privaten Welt</strong></p>
<p>Unter Arbeitskollegen gehörte der Austausch von Geschenken zum Alltag. Dies verweist auf die Bedeutung eines kleinmaschigen sozialen Netzes in der DDR. Die unterschiedlichen Arten der Geschenke verdeutlichen die verschiedenen Funktionen, die die Gruppe hatte. In den Arbeitsbrigaden fanden die offiziellen Formen des Schenkens und Gaben-Überreichens ihre Fortsetzung auf niedrigster Ebene. Das Geschenk an den oder die Einzelne(n) korrespondierte dabei mit den Zielen des Regimes, insofern es Zusammenhalt durch Solidarität ausdrückte. Die Geschenke wurden von dem Geld der Brigade gekauft, das aus regelmäßigen Einzahlungen der Mitglieder bestand, zu denen Prämiengelder hinzukamen. So hatte beispielsweise die Brigade »Käthe Kollwitz« 75 Mark Prämie für das gut geführte Brigadetagebuch erhalten. Aus diesen Geldern konnten auch Geschenke an Außenstehende finanziert werden. In einer Gesellschaft, die Altershierarchien betonte, waren dabei Vertreter der älteren Generation, wenn sie auch noch wichtige Positionen in der Betriebshierarchie einnahmen, häufige Adressaten solcher Gaben. So sandten etwa im Oktober 1968 die Mitglieder der Jugendbrigade »Rosa Luxemburg« Blumen und ein Geschenk an ihre Vorgesetzte zu deren zwanzigjährigem Betriebsjubiläum.<sup>31</sup> Wie oft in solchen Fällen, war auch hier mit dem Respekt vor der Älteren und Höhergestellten zugleich Treue zur Staatspartei, der solche Leitungspersonen selbstverständlich angehörten, impliziert. Ähnliche Bedeutung trugen die Blumengeschenke, die Aktivisten von ihrer jeweiligen Brigade erhielten.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780101.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7499" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780101-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780039.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7500" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780039-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780067.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7501" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780067-424x287.jpg" alt="" width="424" height="287" /></a></p>
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<p>Die Geschenke der Männer an die Frauen zum 8. März hatten einen anderen, spontaneren Charakter, obwohl sie mit dem Ritual des Regimes zum Frauentag korrelierten. Parallel zu den offiziellen Betriebsfeiern schenkten die männlichen Kollegen »ihren Frauen« zumeist Blumen oder von Hand hergestellte Objekte, die oft unter großer Geheimhaltung besorgt bzw. hergestellt worden waren. Außerdem war der 8. März Anlass zu bemerkenswerten Umkehrungen der herrschenden Geschlechterrollen. So war es üblich, dass an diesem Tag die Männer den Frühstückstisch für die Frauen deckten.<sup>32</sup>Es kam auch vor, dass sie die Maschinen am Arbeitsplatz der Frauen reinigten oder sogar für die Frauen mitarbeiteten, damit diese während der offiziellen Frauentagsfeier nicht mit der Planerfüllung zurückblieben.<sup>33</sup> Damit stand die Arbeit, in der Terminologie des Regimes »die Integration der Frauen in das Arbeitsgeschehen«, im Zentrum dieses »Gebens«, das zugleich, den traditionellen Geschlechterbeziehungen in der DDR entsprechend, die Abhängigkeit der Frau unterstrich.<br />
Obgleich ebenfalls eingeschrieben in das allgemeine Muster der »sozialistischen Gabe«, hatte der »Gabentausch« zwischen Brigaden und den Kindern ihrer Patenklassen weniger formalen Charakter. So organisierten die Frauen der Brigade »Leo Arons« des BGW die Weihnachtsfeier für ihre Patenklasse und kauften Geschenke. Dies trug wesentlich zu den freundschaftlichen Beziehungen, die sich zu den Schülerinnen und Schülern entwickelten, bei.34<br />
Auch innerhalb der Brigade sollte das Schenken vor allem emotionale Nähe und Gemeinschaftsgefühl erzeugen und festigen. So brachten Einzelne Kuchen und Kaffee mit zur Arbeit, um sie mit der Brigade zu teilen. Umgekehrt betonten Geschenke der Brigade an den Einzelnen deren Integration. Besuche bei kranken Kollegen mit Übergabe eines Geschenks spielten in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle. In ihrem Brigadetagebuch verwies 1963 die Brigade »Erich Mühsam« in der Auflistung ihrer »guten Taten« stolz auf vier Hausbesuche bei kranken Kollegen, die jeweils einen Blumenstrauß erhalten hatten.<sup>35</sup> Als die Brigade »Käthe Kollwitz« schwer zu kämpfen hatte mit einer Serie von Pannen auf Grund defekter Maschinen, beschloss man, alle kranken Brigademitglieder mit einem Blumenstrauß zu besuchen. Durch so bezeugte Loyalität zu den einzelnen Mitgliedern hoffte man offenbar, intensivere Verbundenheit der Einzelnen mit der Gruppe und ihren Aufgaben zu mobilisieren.<br />
In der Brigade, wie auch sonst, sind die Geschenke jedoch vor allem Transaktionen, auch, wenn man den materiellen Wert außer Acht lässt. Die Unterstützung einzelner galt gegen deren Bereitschaft, die eigene Leistung um des Kollektivs willen zu geben und dabei auch auf individuelle Anerkennung zu verzichten.</p>
<p>Dies illustriert folgendes Beispiel: Eine Studentin, die während ihrer Semesterferien regelmäßig beim BGW arbeitete, erklärte, dass sie dies auf Grund der geringen Bezahlung nicht länger tun würde. Im Brigadejournal findet sich hierzu folgende Bemerkung: »Hilde, ist das deine Anhängigkeit an deine Brigade?«<sup>36</sup>: Erwartet wurde, dass sie auf eine höhere Verdienstmöglichkeit um der Gruppe willen verzichtet. Eine ganze Reihe von Studien zu den siebziger und achtziger Jahren in der DDR zeigt genau solches Verhalten, insbesondere von Frauen, deren Arbeitslohn oft nur die sekundäre Quelle des Familieneinkommens war. Kollegialität und allgemein die Qualität der sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz waren wichtiger als die Bezahlung.<sup>37 </sup>Dies scheint den Erfolg eines Gesellschaftsmodells, das auf selbstlose Opfer setzte, zu zeigen. Tatsächlich spielte die Gruppe in beruflichen Beziehungen jedoch so eine große Rolle, weil sie das informale Netzwerk bildete, in dem diverse Dienstleistungen ausgetauscht werden konnten. Dies war insbesondere für die Frauen wichtig, die oft der Doppelbelastung von Arbeit in Betrieb und Haushalt ausgesetzt waren. Für sie hing von der Atmosphäre in der Brigade ab, wie viel Flexibilität bei der Kinderbetreuung und Zeit für z.T. in gegenseitiger Absprache erledigte Einkäufe bestand. Auf bemerkenswerte Art erscheinen somit Gabe und Geschenk, die in der Rhetorik des politischen Systems so bedeutsam waren, als wichtige Faktoren seiner Legitimation und relativen Stabilität im Alltag.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780046.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7502" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780046-424x285.jpg" alt="" width="424" height="285" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780030.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7504" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780030-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780031.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7503" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780031-424x256.jpg" alt="" width="424" height="256" /></a></p>
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<p>Die Untersuchung der Rolle von Gabe und Gegengabe zeigt, wie wichtig sowohl die Praktiken der »sozialistischen Gabe« als auch des informalen Gabentausches waren. Darin erweist sich einmal mehr die Mischung aus Gegensatz und gegenseitiger Abhängigkeit von offizieller politischer »Realität« einerseits und informaler Gesellschaft auf der anderen Seite – eine Verbindung, die die Alltagsgeschichtsschreibung wiederholt nachgewiesen hat. Stärker als andere Beispiele zeigt dabei diese Kategorie der sozialen Praktiken Parallelen zwischen dem, was »oben« formuliert wird, und dem, was »unten« gesagt und getan wird. »Sozialistische Hilfe« existierte in Form der verschiedenen Hilfestellungen zwischen und innerhalb von Brigaden. Der Aufruf zu Solidarität spiegelt sich im Alltag in der Sorge für Schwache und Kranke. Diese Parallelen zwischen dem offiziellen Diskurs und den informalen Praktiken können auf verschiedenen Ebenen erklärt werden. In erster Linie stellte die »Gabe« eine funktionierende Alternative zu den Mängeln des ökonomischen Systems dar. Indem das Regime rhetorisch das Register das Schenkens und Gebens nutzte, ließ es weithin akzeptierte Traditionen des Paternalismus und des Christentums anklingen und appellierte damit ganz allgemein an »natürliche und gute« menschliche Neigungen.</p>
<p>Der »Gabentausch« symbolisiert und schafft zugleich ein soziales Band, eine Machtbeziehung und eine konkrete Transaktion. Er ist ein »Diskurs in Aktion«. Allerdings bedeutet die große Präsenz der Rhetorik und der Praktiken des Schenkens in der sozialistischen Gesellschaft nicht unbedingt, dass die Geste und die soziale Bindung, die sie impliziert, unbedingt akzeptiert werden. Die verschiedenen Formen von »Undankbarkeit« oder Ablehnung verweisen auf Dissonanz, Konflikt und Unzufriedenheit. Am deutlichsten wird dies mit Blick auf Flüchtlinge und Ausreisende.<sup>38</sup> Das typische Argumentationsmuster, sie hätten »undankbar« gehandelt, da sie z.B. die kostenlose Ausbildung u.ä. Leistungen in der DDR in Anspruch genommen und dennoch das Land verlassen hätten, zeigt: Das Leben in der DDR wurde als Geschenk oder Gabe an die in ihr Geborenen konzipiert. Wer die »Gegengabe« des Ertragens einer Diktatur nicht erbringen wollte, konnte diese »Gabe« nur unter hohen Kosten und Risiken zurückweisen. So absurd die Argumentation scheint, sie war verbreitet bis in Tageszeitungen und Alltagsdebatten. Wie unsere Untersuchung gezeigt hat, betraf sie das Regime im Kern.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780034.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7505" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780034-424x269.jpg" alt="" width="424" height="269" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780052.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7520" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780052-424x290.jpg" alt="" width="424" height="290" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780027.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7506" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780027-424x271.jpg" alt="" width="424" height="271" /></a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780050.jpg" rel="lightbox[7470]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7518" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2013/01/11780050-424x283.jpg" alt="" width="424" height="283" /></a></p>
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<p><em>Sandrine Kott</em>, geb. 1960 in Paris, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Genf, Arbeitsgebiete: Sozial- und Kulturgeschichte Frankreichs und Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert.  Deutsche Fassung von Elena Demke.</p>
<p>*    <em>Dieser Artikel ist eine überarbeite Fassung des 7ten Kapitels meines Buchs Le communisme au quotidien. Les entreprises d’Etat dans la société est-allemande, Paris, Berlin, 2001.</em></p>
<p>1    Die Akten dieser Betriebe befinden sich im Landesarchiv Berlin, (demnächst LAB) unter den folgenden Signaturen TRO: Rep 411, BGW und Narva Rep 409, Elektroapparatwerk Rep 401, Bako Rep751,  Bergmann Borsig Rep 432, Werk für Fernsehelektronik Rep 404, Funkwerk Köpenick Rep 405.<br />
2    Marcel MAUSS, Essai sur le don. Forme et raison de l’échange dans les sociétés archaïques, in : Marcel MAUSS, Sociologie et anthropologie, Paris 1999, S. 145-279. Zuerst in L’année sociologique, 1923-1924.<br />
3    Siehe hierzu insbesondere Richard BESSEL, Ralph JESSEN (Hg.), Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR, Göttingen 1996, S. 199-223, insbesondere die Einleitung von Ralph Jessen. LINDENBERGER Thomas (Hg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Weimar u.a. 1999, insbesondere die Einführung von Thomas Lindenberger, S.14-43, schliesslich  KOTT Sandrine, L’exercice du pouvoir en RDA une histoire sociale de la domination politique, in: Francia, 30/3, 2003, S. 97-114.<br />
4    LAB Rep 409/1 213.<br />
5    LAB Rep 405 7296 Band 1.<br />
6    LAB Rep 405 7296 und 7264.<br />
7    Arbeiter machen Geschichte. Geschichte des VEB Narva « Rosa Luxemburg » Berliner Glühlampenwerk,  Berlin 1978, S. 109.<br />
8    Hierzu GLAEßNER Gert Joachim, Selbstinszenierung von Partei und Staat, in: VORSTEHER Dieter (Hg.), Parteiauftrag : ein neues Deutschland. Bilder Rituale und Symbole der frühen DDR. Buch zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums vom 13. Dezember 1996 bis 11 März 1997, Berlin, DHM, 1996, S. 20-39, hier S. 32.<br />
9    LAB Rep 411 429.<br />
10    LAB Rep 404 500.<br />
11    LAB Rep 411 1339, Band 7 und LAB Rep 401/5 61.<br />
12    GODELIER Maurice, L’énigme du don, Paris Fayard, S. 293.<br />
13    Mauss, op.cit, S. 212 ff.<br />
14    LAB Rep 404 500.<br />
15    LAB Rep 411 429.<br />
16    LAB Rep 401/05 61.<br />
17    Mauss op. cit., S. 210-211.<br />
18    LAB Rep 404 500, siehe den Vertrag zwischen die WFE und die LPG Philipp Müller.<br />
19    LAB Rep 409/1 213.<br />
20    LAB Rep 411 1420, 359, 608.<br />
21    LAB Rep 409/1 212 und  215.<br />
22    LAB Rep 432 374.<br />
23    Siehe dazu WOLNY Katrin, »Dinge die den Alltag schöner machten: Geschenke« in MERKEL Ina, MÜHLBERG Felix (Hg), Wunderwirtschaft. DDR Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln, Böhlau Verlag 1996, S. 156-159.<br />
24    Hierzu KOTT Sandrine, Zur Geschichte des kulturellen Lebens in DDR-Betrieben. Konzepte und Praxis der betrieblichen Kulturarbeit, in: Archiv für Sozialgeschichte, 1999, 39, S. 167-197.<br />
25    GÜNTHER Cordula, Präsent20- Der Stoff aus dem die Träume sind, in: MERKEL Ina, MÜHLBERG Felix (Hg.), Wunderwirtschaft. DDR Konsumkultur in den 60er Jahren, Köln 1996, S. 144-151, hier S. 144.<br />
26    Dazu JARAUSCH, Konrad H., Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 20/1998, S. 33-46.<br />
27    LAB Rep 409/1 212 und 214.<br />
28    LAB Rep 409/1 214 und 213.<br />
29    LAB Rep 409 103 und 108.<br />
30    Siehe insbesondere dazu HÜRTGEN Renate, Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Vertrauensleute des FDGB im DDR-Betrieb, Köln 2005, insbesondere S. 129-138.<br />
31    LAB Rep 409/1 214 und 212.<br />
32    Siehe Beispiele davon in LAB Rep 411 1339.<br />
33    Beispiele in den Brigadetagebüchern der Brigaden Lunik III, Leon Arons, Erich Mühsam, Anne Frank des BGW. LAB Rep 409/01 215, 223, 213, 212.<br />
34    LAB Rep 409/1 222.<br />
35    LAB Rep 409/1 213.<br />
36    LAB Rep 409/1 214.<br />
37    Insbesondere, wenn auch für eine später Zeit BERTRAM Barbara, FISCHER Evelyne, KASEK Leonard., LOCKER Beate, SPITZKY Norbert, THIELE Gisela, ULRICH Gisela, Lebensweise und Leistung junger Frauen, Forschungsbericht (Projekt des zentralen Forschungsplanes 1989-1990), ZIJ, Leipzig 1989, S. 41-43.<br />
38    Ich danke Elena Demke für den Hinweis.</p>
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 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=7470&amp;md5=ce2de66cadb525d668486ab208e3286d" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Bühnenreife Tiere</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Dec 2012 17:50:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/18580045.jpg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7463" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/18580045-424x272.jpg" alt="" width="424" height="272" /></a></p>
<p><em>Die Zoobühne in Berlin</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/esel.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7431" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/esel.jpeg" alt="" width="264" height="162" /></a></p>
<p><em>Der Filmesel &#8220;Balthazar&#8221;</em></p>
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<p>In der ersten Ausgabe der  wissenschaftlichen Zeitschrift &#8220;Tierstudien&#8221; macht sich der Dramaturg Maximilian Haas Gedanken darüber, was das Lachen des Publikums über Tiere auf einer Theaterbühne bedeutet. Er hatte 2011 in Amsterdam zusammen mit dem belgischen Performancekünstler David Weber-Krebs das Stück &#8220;Balthazar&#8221; aufgeführt, in dem ein Esel namens Balthazar neben fünf Schauspielern die Hauptrolle spielt. Inspiriert wurde das Projekt von Robert Bressons berühmten Film &#8220;Au hasard Balthazar&#8221; (1966), in dem es um das traurige Leben und den einsamen Tod eines Esels geht &#8211; eine &#8220;schicksalhafte Abwärtsspirale&#8221; laut Maximilian Haas.</p>
<p>Erst bei der Premiere stellte sich heraus, dass sie eine Komödie inszeniert hatten &#8211; mit dem völlig untheatralischen Esel. In dem Lachen des Publikums über das Tier lag &#8220;gleichermaßen eine Quelle der Lust wie ein Gewaltpotential.&#8221;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/schwaene.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7432" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/schwaene.jpeg" alt="" width="275" height="183" /></a></p>
<p><em>Theaterschwäne</em></p>
<p>In Paris hatte Anfang des Jahres das  Tanztheaterstück &#8220;Cygne&#8221; der Gruppe  &#8220;Le Guetteur&#8221; Premiere, in dem neun Schwäne, die nach dem Schlüpfen auf den Regisseur Luc Petton geprägt wurden, mitspielten. Danach trat das Ensemble in Düsseldorf auf, wo es die Tierschützer auf den Plan rief.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/schwaene2.jpg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7433" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/schwaene2-424x281.jpg" alt="" width="278" height="183" /></a></p>
<p><em>Schwan auf Bühnennest</em></p>
<p>In Richard Wagners Oper &#8220;Lohengrin&#8221; in der Inszenierung von Frank Hilbrich am Theater Freiburg stand ein lebender Schwan auf der Bühne. In einer  Vorstellung flog er davon &#8211; und landete im Orchestergraben. Bei dem Schwan handelte es sich um eine Gans, die danach nicht mehr eingesetzt wurde. Es ging dem Regisseur in der Szene um eine &#8220;Metapher der Mystik und Hoffnung&#8221;, wobei der Schwan/Ganter die &#8220;spektakuläre Möglichkeit&#8221; bot, dies darzustellen.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/pferd.jpg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7435" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/pferd-424x282.jpg" alt="" width="286" height="189" /></a></p>
<p><em>Ein Hengst auf der Volksbühne</em></p>
<p>Tierschützer klagten, dem Hengst in der Inszenierung &#8220;Stadt der Frauen&#8221; (nach dem gleichnamigen Fellini-Film) seien Drogen verabreicht worden, damit ihm sein Gemächt möglichst groß und dekorativ zwischen den Beinen hängt. Im Naturzustand würde ein Pferd nie so aussehen. Die Volksbühne wies das als Quatsch zurück.</p>
<p>Wahr ist jedoch: In der Volksbühne läßt der Intendant Frank Castorp schon lange Tiere mitspielen &#8211; allerdings in einer Mischung aus quasi natürlichen Verhalten und andressiertem. Angeliefert werden  sie von Bernd Wilhelm, der alle möglichen Tiere  auf seinem Hof hält. Die meisten landeten nach einer &#8220;Leidensgeschichte&#8221; bei ihm, und sie müssen nicht auftreten, wenn sie nicht wollen. Herr Wilhelm lehnt Aufträge, bei denen sie &#8220;schwierige Sachen&#8221; machen sollen, ab. Einmal buchte die Volksbühne seinen Hengst, damit der auf der Bühne mit herabhängendem Gemächt von den Schauspielerinnen bewundert, auf und ab gehe. Als das nicht klappte, schlug Wilhelm vor, ihm einen Plastikpenis umzubinden. Das fand Chefdramaturg Lilienthal jedoch zu unnaturalistisch, er schlug stattdessen eine &#8220;leichte Narkose&#8221; vor  (dabei hängt das Gemächt unwillkürlich herunter). Bernd Wilhelm fand diese Forderung unannehmbar und lehnte ab. Weniger Probleme gab es mit seinem Esel Max- während dessen wochenlanges  Engagement am Gorki-Theater. Wilhelms Ziegen tritt regelmäßig bei &#8220;Porgy und Bess&#8221; auf, wenn das US-Musical in Berlin gastiert, daneben aber auch in Castorps &#8220;Weber&#8221;-Inszenierung. Alle ihre Einsätze werden von Tierschützern vor und hinter der Bühne kritisch verfolgt.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/wolf.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7436" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/wolf.jpeg" alt="" width="273" height="184" /></a></p>
<p>Wolf auf Bühne</p>
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<p>In Düsseldorf wurde ein Gastspiel der französischen Choreografin Coraline Lamaison mit lebenden Wölfen nach heftigen Protesten von Tierschützern abgesagt. In dem Stück &#8220;Narcisses&#8221; im Tanzhaus NRW sollten zwei Tiere mitwirken. Der <a title="" name="_art_link_" href="http://tanzhaus-nrw.de/main_pages/coraline-lamaison-fr"></a>Tanzhaus-Intendant Bertram Müller entschied sich nach &#8220;gründlicher Prüfung aller rechtlichen, künstlerischen und ethischen Argumente&#8221; gegen den geplanten fünfminütigen Auftritt der dressierten Wölfe. &#8220;Auch das Düsseldorfer Veterinäramt habe deutlich gemacht, dass es keine Genehmigung erteilen werde, sagte Müller. Der Tierschutz in Deutschland habe strengere Regeln als in Frankreich, wo Lamaison mit ihren dressierten Wölfen bereits mehrmals aufgetreten ist.&#8221; (Die Welt)</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/coyote.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7437" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/coyote.jpeg" alt="" width="276" height="191" /></a></p>
<p><em>Coyote mit Künstler in Galerie</em></p>
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<p>&#8220;Die Aktion von Joseph Beuys ,,Coyote; I like America and America likes me&#8220; fand im Mai 1974 in der New Yorker Galerie René Block statt und dauerte vier Tage. Schon Beuys` Ankunft in Amerika war Teil der Inszenierung: vom New Yorker Flughafen wurde er &#8211; komplett in Filz gewickelt &#8211; von einem Krankenwagen zur Galerie gefahren. In einem separaten Raum erwartete ihn ,,Little John&#8220;, ein waschechter amerikanischer Kojote. Beuys verbrachte drei Tage und drei Nächte mit dem Tier, er ordnete Filzbahnen, stapelte täglich die neueste Ausgabe des Wall Street Journal, war ausgerüstet mit Handschuhen, Spazierstock, und einer Triangel, gelegentlich zerrissen Turbinengeräusche die Stille. Innerhalb dieser 72 Stunden nahm Beuys Kontakt zum Kojoten auf. Anfangs verunsichert und aggressiv, gewöhnte sich das Tier bald an den Künstler, es schlief auf den Filzbahnen, die es zuvor attackiert hatte. Beuys legte sich auf das Strohlager des Präriewolfes. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier wurde immer inniger. Schließlich hieß es Abschied nehmen. Beuys drückte ,,Little John&#8220; zärtlich an sich und verstreute das Stroh im Raum. Die Prozedur des ,,Krankentransportes&#8220; wiederholte sich, so dass Beuys nichts von New York gesehen hatte als eben diesen Raum mit dem Kojoten. Er erläuterte später, er habe sich ganz auf den Kojoten konzentrieren, sich isolieren und nichts von Amerika sehen wollen als das Tier. Über den Präriewolf äußerte er, dieses den Weißen verhasste Tier könne auch wie ein Engel angesehen werden.&#8221; (Tamara Tolnai)</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/brehm.jpg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7434" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/brehm-424x110.jpg" alt="" width="424" height="110" /></a></p>
<p><em>Fräulein Brehm Performance mit ausgestopften Tieren</em></p>
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<p>Worum geht es in diesem Projekt?</p>
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<p>Die reizende Protagonistin Fräulein Brehm hat sich das Kostüm der Wissenschaft übergestreift und zeigt als Naturbotschafterin sondergleichen ein lebhaftes und doch fundiertes Theatertreiben zu Erstaunlichkeiten über heimische, Tierarten.<br />
Ihr nächstes Stück soll von Fräuleins König der Tiere, Lumbricus terrestris, dem wilden Regenwurm handeln, der ist maßgeblich für die Gestaltung der Erdoberfläche verantwortlich, ein unterirdischer Kreator der Extraklasse.<br />
In ihren bisherigen Stücken ging es um Wolf, Bär, Luchs und Wildkatze, nun sollen diese Pelzträger ihren Beitrag dazu leisten, die Aufmerksamkeit von Homo sapiens auf die Arten zu lenken, die wir nicht für Kuscheltiere halten, die für unser aller Wohlergehen jedoch ausschlaggebend sind, Regenwurm, Ameise und Wildbiene. Den Anfang macht der Wolf, mit den wirklich exklusiven Dankeschöns für den Regenwurm.<br />
In einer mitreißenden Multimediaaufführung wird Fräulein Brehm von ihren Beobachtungen, Erkenntnissen und Begegnungen in freier Wildregenwurmbahn erzählen.<br />
<em>Fräulein Brehms Tierleben</em> verflechtet handfeste Wissenschaft, praktische Feldforschung und tiefe Einblicke in tierische Zusammenhänge zu einem theatralischen Ganzen. Jedes der Theaterstücke wird mit neuesten Forschungsergebnissen versehen und laufend aktualisiert. Die Schauspielerin und Regisseurin Barbara Geiger wird das Manuskript aus ihren intensiven Recherchen heraus entwickeln. Dafür stattet sie den Tieren selbst so einige Besuche ab, durchstöbert wissensdürstend die naturhistorischen Archive und Bibliotheken, lauscht den Erfahrungsberichten der Feldbiologen, und es hält sich ihre eigene Regenwurmfamilie um daraus bühnenreifen Schlüsse zu ziehen. Aus all den Erkenntnissen wird sie ein Wissenspaket schnüren, das die Muskelprotze von bisher unbekannter Seite zeigt.</p>
<p>Bei Fräulein Brehms Tierleben darf angefasst, geschnuppert, geschmeckt und begriffen werden!<br />
Im neuen Stück treten zum ersten Mal richtige, lebendige Regenwürmer auf, Lumbricus terrestris, live onstage!<br />
Die Vorstellung wird zu einer sinnlichen Reise, zum erlebnisreichen Abenteuer durch die faszinierende Naturgeschichte.</p>
<p>Im Zusammenklang von Theater und Biologie wird <em>Fräulein Brehms Tierleben</em> auf leichtfüßige Art und Weise ein Bewusstsein für unsere Umwelt schaffen. Das Fräulein pflanzt mit der Wahrhaftigkeit ihrer Schilderungen und dem Verständnis für biologische Zusammenhänge den Keim für ein ökologisches Weiterdenken. Alles das unter dem wachsamen Auge der Wissenschaftler, die alle Programme begleiten.</p>
<p>Was sind die Ziele und wer die Zielgruppe?</p>
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<p>Die großen Ziele sind, jedes Jahr drei Tierarten auf die Bühne zu bringen bis alle zehn Bände <em>Brehms Thierleben</em> geschafft sind – uff und Gloria!<br />
Das nächste Ziel ist, das Verfassen von Lumbricus terrstris &#8211; Der Regenwurm zu stemmen, dafür brauchen wir Eure Unterstützung, denn es muß viel geforscht und begriffen werden, bevor wir den Erdwurm auf die Bühne bringen können!</p>
<p>Jede Tierart soll dran kommen, es gibt keine Lieblingstiere beim Fräulein, alle sind <em>fräul</em>einmalig! Nachdem 2012 Bär, Luchs, Wolf und Wildkatze den Anfang machten, wird 2013 das <em>Trio Infernale</em>: Regenwurm, Ameise und Wildbiene das Fräuleinrepertoire erweitern.</p>
<p>2014 sollen Rauchschwalbe, Schwarzstorch und Rotmilan folgen. Fräulein und ihr Team gehen in die Luft. Und nicht nur das, wir schauen auch genau nach, was, wo und wie Heimat ist. Wo sind Zugvögel zuhause? Wo ist der Mensch daheim? Da geht es ganz klar auch um Evolution und philosophische Fragen. Und wie immer geht das alles nur mit engem Kontakt zu Feldforschern vor Ort. Gut so! Das wird spannend.</p>
<p>Das nächste Tier, um das es gehen wird, ist also <em>Lumbricus Terrestris – Der Regenwurm</em>. Der Regenwurm und seine Kollegen haben maßgeblich zur Gestaltung des Erdreichs beigetragen und wenn wir nicht aufpassen, ist das mit der Erdoberfläche nicht mehr weit her, denn die wird gerade so richtig weggefressen z.B. von industrieller Landwirtschaft. Und wenn Erde erst einmal weg ist, kommt sie auch nicht so schnell wieder, dann gibt es nur noch blanke Felsen oder Wüste! Und was machen wir dann?<br />
Keine Erde, kein Regenwurm, keine Kartoffeln auf dem Teller,&#8230; so einfach ist das – gut, so einfach ist das nicht. Aber bitte schön, wer mehr wissen will, kann entweder 2000 Seiten Weltagrarbericht lesen – autsch! – oder ab März 2013 eine Vorstellung von <em>Fräulein Brehms Tierleben Lumbricus Terrestris – Der Regenwurm</em> besuchen.</p>
<p>Nach dem Regenwurm steht als Vertreterin der Wildbienen <em>Die Große Erdhummel – Bombus magnus</em> auf der Fräuleinliste, weil sie wunderschön, geradezu umwerfend barock ist, jeder Balkon, jeder Garten mit vielen Blühpflanzen von ihr kostenlos besucht wird und sie auf der Liste gefährdeter Tierarten steht.<br />
Und weil sie als Wildbiene keine Lobby hat, hält das Fräulein ihr die Fahne hoch.<br />
Dann kommt die Rote Waldameise dran und dann und dann und dann!<br />
Ja, das ist nur der Anfang. Immerhin stehen insgesamt zehn Bände von <em>Brehms Thierleben</em> auf dem Programm.</p>
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<p>Im Februar 2013 wird von Barbara Geiger ein Runder Tisch einberufen, zu dem Experten aus den Bereichen Biologie, Agrarökonomie und Umweltschutz geladen sind. Und sie kommen, um Ihr Wissen mit dem Fräulein zu teilen: Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, Michael Spielmann von der Deutsche Umwelthilfe, Sepp Braun, Biobauer aus Freising und viele mehr. Moderiert wird das Gespräch von Barbara Geiger, Initiatorin des Fräulein-Projekts. Hier sollen die Visionen der Fachleute auf den Tisch kommen, geschützt und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, um daraus die Essenzen für praktische Lösungen und theatralische Verwerkungen zu ersinnen.</p>
<p>aus: <a href="http://www.startnext.de/fraeulein-brehms-tierleben">http://www.startnext.de/fraeulein-brehms-tierleben</a></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/cheetah.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7440" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/cheetah.jpeg" alt="" width="299" height="168" /></a></p>
<p>Schimpanse im Tarzan-Film</p>
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<p>In dem Buch „<span style="font-size: small">Ich, Cheeta“ von James Lever (2008) geht es um das Leben dieses Filmaffen. Im Zusammenhang mit einer Erwähnung von Jane Goodall erinnert Cheeta/Lever in dieser &#8220;Autobiographie&#8221; an eine Hilfsorganisation, die gegen den Mißbrauch von (wilden) Tieren in (Hollywood-) Filmen kämpft: „Vergeßt nicht diese Website: </span><span style="color: #000080"><span style="text-decoration: underline"><span style="font-size: small"><a href="http://www.noreelapes.orgendwas/">www.noreelapes.</a><a href="http://www.noreelapes.orgendwas/">i</a><a href="http://www.noreelapes.orgendwas/">rgendwas</a></span></span></span><span style="font-size: small">.“ (Seite 170).</span></p>
<p><span style="font-size: small">Diese Internetseite postete am 6.12. 2005:</span></p>
<p>Incredible SHORT Film on Hollywood&#8217;s Use of Great Apes in &#8220;Entertainment&#8221;: No Reel Apes Campaign</p>
<p>This is a great use of technology to provide a glimpse into the use of Great Apes in &#8220;entertainment.&#8221; For those who laugh at parading chimps, etc., perhaps you owe it to the truth to at least look into this issue. It&#8217;s always amazed me anyway how humans laugh when seeing chimpanzees dressed up, etc. Seems we&#8217;d have more sympathy to a very close relative. (Note: those from Kansas or other &#8220;creationists&#8221; don&#8217;t bother emailing me. I&#8217;ve studied biology, anatomy, physiology, chemistry, and physical, cultural anthropology. There&#8217;s no doubt that we are VERY closely related to chimpanzees. Don&#8217;t be an idiot and deny this. Just take a look at them! If you don&#8217;t see shocking similarities, then you&#8217;re an idiot. Period.)</p>
<p>More information on this issue can be found through the Chimpanzee Collaboratory at:<br />
<span style="color: #000080"><span style="text-decoration: underline"><a href="http://www.chimpcollaboratory.org/">www.chimpcollaboratory.org</a></span></span></p>
<p>Read on and visit the movie link. From another group:</p>
<p>With Peter Jackson&#8217;s remake of King Kong hitting theaters this month, check<br />
out our spoof of the movie and Hollywood&#8217;s use of great apes in<br />
entertainment [<span style="color: #000080"><span style="text-decoration: underline"><a href="http://www.chimpcollaboratory.org/kk.htm">www.chimpcollaboratory.org/kk.htm</a></span></span>]</p>
<p>It&#8217;s part of the No Reel Apes campaign to end the use of great apes in<br />
entertainment. King Kong used no real apes, but most people don&#8217;t know the<br />
trauma and mistreatment young chimpanzees and other great apes suffer in<br />
other productions, or that many spend the next 50 or more years in<br />
deplorable conditions.</p>
<p>That&#8217;s why animal advocates (Dr. Jane Goodall, the Doris Day Animal<br />
Foundation, The Humane Society of the United States, etc.) and Hollywood<br />
professionals (Pamela Anderson, Daryl Hannah, etc.) are challenging the<br />
Motion Picture Association of America to make great movies without great<br />
apes. Below is a list of others joining our challenge.</p>
<p>Please forward this email on to your friends, colleagues and family, and<br />
visit the No Reel Apes web page at <span style="color: #000080"><span style="text-decoration: underline"><a href="http://www.noreelapes.org/">www.noreelapes.org.</a></span></span></p>
<p>Thanks!</p>
<p>Dr. Jane Goodall<br />
Doris Day Animal Foundation<br />
The Humane Society of the United States<br />
Dian Fossey Gorilla Fund<br />
The Center for Captive Chimpanzee Care<br />
Chimpanzee and Human Communication Institute<br />
American Zoo and Aquarium Association<br />
Animal Legal Defense Fund<br />
The Arcus Foundation<br />
Animal Welfare Institute<br />
Born Free USA<br />
Great Ape Project<br />
Lord Stratford, House of Lords<br />
Richard Wrangham, Ph.D., Professor of Biological Anthropology (Harvard<br />
University)<br />
Peter Singer, Ira W. DeCamp Professor of Bioethics (Princeton University)<br />
Daryl Hannah, Actor and activist<br />
Pamela Anderson, Actor<br />
Ed Begley, Jr., Actor<br />
Wendie Malick, Actor and activist<br />
Amy Smart, Actor and activist<br />
Frances Fisher, Actor<br />
Patrick McDonnell, &#8220;Mutts&#8221; Comic strip<br />
Tippi Hedren, Actor, President/Founder (The Roar Foundation)<br />
Tony Gardner, Alterian Studios<br />
Debbie Levin<br />
Patie Maloney<br />
Virginia McKenna, Actor, conservationist, campaigner<br />
Rachel Hunter, Actor and model<br />
Bill Jemas, 360ep &#8211; Entertainment Property Management</p>
<p>Sarah Baeckler<br />
Coordinator<br />
Chimpanzee Collaboratory<br />
c/o Suite 100<br />
227 Massachusetts Ave NE<br />
Washington, DC 20002<br />
<span style="color: #000080"><span style="text-decoration: underline"><a href="http://www.chimpcollaboratory.org/">www.chimpcollaboratory.org</a></span></span><br />
sarah@chimpcollaboratory.org</p>
<p><span style="font-size: small"><strong>Auf der Website von „chimpcollaboratory“ heißt es:</strong></span></p>
<p><span style="font-size: small">The Chimpanzee Collaboratory is a collaborative project of attorneys, scientists and public policy experts working to make significant and measurable progress in protecting the lives and establishing the legal rights of chimpanzees.</span></p>
<p><span style="color: #7d0c00"><span style="font-family: Arial,sans-serif"><span style="font-size: small"><em>Please click </em></span></span></span><span style="color: #000080"><span style="text-decoration: underline"><a href="http://www.chimpcollaboratory.org/projects/pubed.asp"><span style="font-size: small">here</span></a></span></span> to learn more about how great ape &#8220;actors&#8221; are treated</p>
<p><span style="color: #7d0c00"><span style="font-family: Arial,sans-serif"><span style="font-size: small"><em>and how you can help.</em></span></span></span></p>
<p><span style="color: #7d0c00"><span style="font-family: Arial,sans-serif"><span style="font-size: small"><em>&#8220;The trainers physically abuse the chimpanzees for various reasons, but often for no reason at all.&#8221;</em></span></span></span></p>
<p><span style="color: #7d0c00"><span style="font-family: Arial,sans-serif"><span style="font-size: small"><strong>Der Animal Legal Defense Fund meldete am 16. Dezember 2005:</strong></span></span></span></p>
<p><span style="color: #7d0c00"><span style="font-family: Arial,sans-serif"><span style="font-size: small"><strong>Next week marks the release of Peter Jackson&#8217;s remake of the movie classic &#8220;King Kong.&#8221; The Oscar-winning director used no real apes in the production, showing that cutting-edge filmmaking doesn’t involve cruelty to animals.</strong></span></span></span></p>
<p>The Animal Legal Defense Fund and its partners in the <strong>Chimpanzee Collaboratory</strong> &#8211; including Dr. Jane Goodall and the Doris Day Animal Foundation &#8211; are working with humane organizations and Hollywood professionals like Pamela Anderson and Daryl Hannah to challenge the Motion Picture Association of America (MPAA) to make great movies without great apes.</p>
<p>ALDF signed on to an open letter sent to MPAA President Dan Glickman on December 5, urging him to call for an end to the use of great apes in movies and entertainment.</p>
<p>Check out this <span style="color: #000080"><span style="text-decoration: underline"><a href="http://www.chimpcollaboratory.org/kk.swf" target="_blank">flash film spoof</a></span></span> on Hollywood’s use of great apes, part of the “No Reel Apes” campaign to end the use of great apes in entertainment.</p>
<p>Most people don’t know the trauma and mistreatment young chimpanzees and other great apes suffer in the name of entertainment. Apes used in film and television are taken from their mothers when they are just babies, and the developmental damage they suffer is long lasting. By the age of eight, when chimpanzees become stronger and more independent, industry trainers struggle to dominate these natural behaviors, and apes become of no use and are “retired.” Most spend the rest of their lives—50 or more years—in pathetic roadside zoos and other substandard facilities.</p>
<p>What You Can Do</p>
<p>Send a polite letter to MPAA President Dan Glickman asking for an end to the use of great apes in Hollywood. As a leader in the entertainment community, he has the power to help our closest living relatives. Remind him that baby apes are taken from their mothers at an early age, forced to endure brutal training methods, and then often end up in horrible conditions at substandard facilities.</p>
<p>Contact Dan Glickman at:</p>
<p>15503 Ventura Blvd<br />
Encino, CA 91436<br />
818-995-6600<br />
dglickman@mpaa.org</p>
<p>&nbsp;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/gorilla.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7441" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/gorilla.jpeg" alt="" width="296" height="221" /></a></p>
<p><em>Gorilla mit Grzimek im Fernsehen auf Briefmarke<br />
</em></p>
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<p>Einige berühmt gewordene &#8220;Tierdarsteller&#8221; haben es in Hollywood bereits zu eigenen Trainern, Psychologen, Entertainern, Diätberatern und Managern gebracht, wobei es daneben auch immer mehr Tierfarmen gibt, die sich auf die Ausbildung seltener oder als besonders intelligent geltender Tiere für Film und Fernsehen spezialisiert haben. Mit einiger Verzögerung gibt es so etwas inzwischen auch in Deutschland. Den Tiertrainern gesellten sich die Vermittlungsagenturen zu.</p>
<p>Den Anfang machte die Borsig-Sekretärin Rosemarie Fieting, indem sie sich 1987 im Märkischen Viertel mit einer Künstleragentur für Look-Alikes und Tiere selbständig machte. Diese war dann die erste mit einer Lizenz der Bundesanstalt für Arbeit. Schon als Fünfjährige sah Rosemarie Fieting Liz Taylor ähnlich, so daß sie oft Liz genannt wurde: &#8220;Doppelgängerauftritte waren damals noch neu. Ich habe mir langsam einen Bestand aufgebaut: Mit einem Elvis allein kann man das nicht machen.&#8221; Heute hat sie rund 35 Elvis- Interpreten in ihrer Kartei. Mit unterschiedlichen Tanz- und Gesangsqualitäten. Und dann bestitzt sie mehrere Pudel: &#8220;Ohne Mann könnte ich leben, aber nicht ohne Tiere!&#8221; Im Prinzip kann &#8220;die Fieting&#8221; inzwischen jeden und alles besorgen: Prinz Charles, Gorbatschow, Humphrey Bogart, Otto, oder eine Giraffe, die jemandem im zweiten Stockwerk durchs Fenster mit einem Blumenstrauß zum Geburtstag gratuliert. Einen Elefanten, der die Leute mit Schaum rasiert: &#8220;Das haben sie einem Bürgermeister mal zum Jubiläum geschenkt.&#8221;Aber auch einen Mann, der aussieht &#8220;wie eine Dogge&#8221;.</p>
<p>Manche Aufträge erfordern Erfindergeist: Einmal wurden zum Beispiel zwei Goldfische verlangt, die miteinander reden sollten. Frau Fieting nahm ihre eigenen und trennte sie mit einer Glasscheibe im Becken. Sofort schwammen sie von beiden Seiten gegen die Scheibe, wobei sie ihre Mäuler auf- und zumachten: &#8220;Es sah einer Unterhaltung täuschend ähnlich.&#8221; Mitunter rufen auch komische Leute an, die wollen beispielsweise eine Doppelgängerin von ihrer Frau: &#8220;So was kann man doch nicht in der Kartei haben. Aus New York kam gerade ein Fax: Die wollten einen ,präzisen BMW-Fahrer&#8217; für einen Dreh in Polen. Was heißt nun ,präzise&#8217;?&#8221;  Eine Firma in Los Angeles verlangte neulich auf die Schnelle einen &#8220;Hitler&#8221;, meldete sich dann aber nicht wieder. Frau Fieting hat Hitler gleich dreimal im Angebot, aber dafür nur einen Papst. Ihre &#8220;Pamela Anderson&#8221;, mit der sie gerade auf &#8220;Baywatch&#8221;-Discotournee ging und die laut Bild dieselben Hobbys wie die echte hat, ist gerade furchtbar verzweifelt, weil sich in Hollywood plötzlich alle Frauen ihre Brüste vergrößern lassen und sie das eigentlich nicht will. Rosemarie Fieting bestärkt sie darin: &#8220;Deine Stärke sind die Haare und der Mund, du wirst dir doch nicht deinen schönen Busen aufschneiden lassen, habe ich zu ihr gesagt.&#8221;</p>
<p>Die Fietingschen Simulations- Künstler beschränken sich nicht darauf, nur ihr Vorbild zu sein, sie wollen auch von allen anderen als solche behandelt werden: &#8220;Anstrengend! Meine ,Queen&#8217; ging so weit, daß sie einem Bürgermeister nicht die Hand geben wollte: ,Das steht nicht im Protokoll&#8217;, hat sie gesagt. Von den ,Marilyns&#8217; hat sich eine sogar mal umgebracht &#8211; und zwar genauso wie die Monroe.&#8221; Der Erfolg ihrer und ähnlicher Agentur deutet auf ein soziales Phänomen hin &#8211; das ist die zunehmende Verbreitung von Doppelgängern, die keineswegs bloß eine Sache gesteigerter Nachfrage ist. Sie scheint mit dem vom englischen Botaniker Rupert Sheldrake medientheoretisch begriffenen &#8220;morphogenetischen Feld&#8221; erklärbar zu sein: Immaterielle Strukturen, die bei Lebewesen und sogar bei Kristallen qua Resonanz formbildend wirken. Danach würden die Stars und Prominenten über die Medien in ihrem jeweiligen kulturellen Epizentrum die größte &#8220;Wirkung auf Distanz&#8221; erzielen &#8211; das heißt, die größte Anzahl von Lookalikes via Massenmedium erzeugen. Und damit wiederum ließen sich &#8211; über ihre geographische Verteilung &#8211; quasi Zonen medialer Beeinflussung ausmachen, die im &#8220;Globalen Dorf&#8221; zwar weit reichen können, aber nicht beliebig sind. Es gibt zum Beispiel vier &#8220;Queens&#8221;, drei kommen aus London, wo die Königsfamilie anscheinend noch eine starke Vorbildfunktion besitzt.</p>
<p>Rosemarie Fieting hat ferner dreimal &#8220;Lady Di&#8221; im Angebot: zwei kommen ebenfalls aus England, eine aus dem englischen Sektor Berlins. &#8220;Sie sagt immer: ,Ick bin aus Brighton!&#8217;&#8221; Ihre &#8220;Marlene Dietrich&#8221; kommt aus Berlin und &#8220;George Bush&#8221; aus Amerika, &#8220;Linda Evans&#8221; stammt aus Frankfurt- Bockenheim, und ihr äußerst gelungenes Otto-Double &#8211; natürlich aus Ostfriesland. Er ist dort Kinovorführer. Bei der steigenden Zahl ihrer Tieraufträge hat Frau Fieting erst einmal mit den &#8220;schwierigen&#8221; Besitzern zu tun, die oft besondere Bedingungen stellen. Bei einer Katze, die für 200 Euro im Prenzlauer Berg in einem FU-Lehrfilm mitspielen sollte, waren das zum Beispiel &#8220;keine Scheinwerfer, keine Zugluft, keine Straßenszenen&#8221;. Alle paar Tage kommt inzwischen jemand mit seinem Tier zu ihr in die Agentur: eine alte Frau mit ihrem Wellensittich, der angeblich &#8220;perfekt spricht&#8221;, eine Punkerin mit einer weißen Ratte, die &#8220;überdurchschnittlich intelligent&#8221; ist oder alleinstehende Männer, deren Hund oder Katze &#8220;besonders photogen&#8221; ist bzw. &#8220;auch schwierigste Aufgaben bzw. Szenen meistert&#8221;.</p>
<p>Nicht selten handelt es sich bei diesen Tierbesitzern um halbe Menschenfeinde, die dafür um so besser mit Tieren umgehen können, zu denen sie eine bisweilen an Sodomie, aber auch an Verhaltensforschung grenzende Beziehung entwickelt haben. Ähnliches gilt für manchen Besitzer von Kakteen oder Bambus, nur dass diese nicht zu Rosemarie Fieting in die Künstleragentur kommen. Dafür hat sie es immer öfter mit Leuten zu tun, die so &#8220;medienbewußt&#8221; sind, dass sie ihre Tiere bewußt für den Einsatz in Medien trainieren. Einige leben bereits von solchen Auftritten &#8211; drei seien genannt:</p>
<p>Einmal das in Hoppegarten lebende Ehepaar Ralf und Manuela Grabo. In ihrer ausgebauten Scheune und mehreren Volieren im Garten halten sie vier Hühner, drei Greifvögel, einen Kolkraben und zwei Pferde. In zwei Terrarienim Haus leben fünf Riesenschlangen und in einem Aquarium etliche Fische. Ralf Grabo war früher Jockey und arbeitete dann im Tierpark (Abt. Raubtierhaus), Manuela Grabo hat, als gelernte Tischlerin, früher nie was mit Tieren zu tun gehabt. Sie fand jedoch Schlangen &#8220;schon immer schön, mein Liebling aber ist der Uhu&#8221;. Dieser sowie die anderen Greifvögel wurden zu DDR-Zeiten aus Nachzuchten erworben, teilweise über befreundete Falkner.  Über den Heimtierpark Thale fanden die Grabos 1995 ihren Kolkraben &#8220;Kolja&#8221;, der schon seinen Namen sowie &#8220;Hollo&#8221; sagt, außerdem kann er bellen und gackern. Ihre Nebelkrähe spielte in einem neudeutschen Film, der im Knast Rummelsburg gedreht wurde, mit sowie in einem phantastischen US-Film &#8211; auf einem See in der Sächsischen Schweiz, wo sie auf dem Rand eines im Wasser schwimmenden großen Schuhs entlangzugehen hatte: &#8220;Die tat das, als hätte sie nie etwas anderes gelernt.&#8221; Auch die Zumutung, mit einem fremden Hund zusammen einen überfahrenen Hasen an der Landstraße zu verspeisen, absolvierte sie mit Bravour: &#8220;In die Kamera fliegen mußte sie dann auch noch, und dann hatte die Filmproduktion auch noch nicht mal Geld dafür.&#8221;</p>
<p>Die ledige Honorarfrage: &#8220;Das sind Aufwandsentschädigungen, die nicht einmal den Unterhalt der Tiere decken.&#8221; Eines der Graboschen Hühner spielte &#8211; für ein Trinkgeld &#8211; in einem Kinderfilm mit: auf einem schwankenden Oderkahn. &#8220;Auch das hat gut geklappt, mit der Zeit werden wir ja sowieso alle, wie soll ich sagen: professioneller.&#8221; Neulich brauchte RTL eine Schlange, die sich kurz um einen beleuchteten Globus windet: Grabos Boa schaffte es, ohne daß Styropor-Stückchen als Stützen auf die Kugel geklebt werden mußten. Bei einer anderen Dreharbeit traf Ralf Grabo auf den amerikanischen Vogeltrainer, der einst mit Hitchcocks &#8220;Vögeln&#8221; (1 und 2) gearbeitet hatte &#8211; er bat ihn sofort um ein Autogramm: &#8220;So jemand ist für mich natürlich interessanter als irgendso ein Star.&#8221;  Mit Greifvögeln darf man laut des nun auch im Osten geltenden Bundestierschutzgesetzes nur beschränkt kommerziell auftreten. Grabos Bussard trat neulich in einem Stück von Johann Kresnik auf: Er saß auf dem ausgestreckten Arm einer schwangeren Schauspielerin. Obwohl der Bussard kaum Probleme mit dieser Rolle hatte, durfte er dann nicht mit auf ein Gastspiel der Volksbühne nach Belgrad: &#8220;Die Behörden wollten es nicht genehmigen. Serbien gehöre nicht zur EU und so weiter.&#8221; Wegen solcher oder ähnlicher Restriktionen nehmen die Filmproduktionen meist gleich einen Falkner vor Ort in Anspruch oder hier einen Vogel der Adlerwarte im Teutoburger Wald.</p>
<p>Und dann haben die Grabos auch noch zunehmend mit politisch korrekten Jungjournalisten zu kämpfen, die &#8211; wie tip-TV jüngst &#8211; immer wieder gerne Reportagen über falschverstandene Tierliebe beim Halten seltener Tiere in urgemütlichen 3-Zimmer-Wohnungen senden: &#8220;Solche Tiere gehören in den Urwald!&#8221; Manuela Grabo meint: &#8220;Eigentlich haben wir einen ganz schweren Stand in dieser Gesellschaft, wir sind eine Randgruppe. Und wie die Behörden mit uns umgehen, das grenzt mitunter schon an Schikane.&#8221; Mit einigen Schlangen veranstaltet sie regelmäßig &#8220;Patientenabende&#8221; in Reha-Kliniken: &#8220;Das hat sich so aufgebaut&#8221;, wobei sie kein &#8220;Zirkusspektakel&#8221; veranstaltet, sondern primär &#8220;Aufklärung&#8221; leistet. Auch ihre Schlangen kommen nicht aus dem Urwald, sondern aus der DDR. Eine wirkte neulich in einer TV-Dokumentation über verbotenen Tierhandel mit, wo sie auf dem Schwanebecker Zollhof in einer Voliere eine beschlagnahmte Python zu mimen hatte, die sich auf einem Ast zusammenringelt und noch ganz benommen ist von der ganzen. Schmuggeltour: Es klappte auf Anhieb.</p>
<p>Die Berliner Volksbühne ist inzwischen bekannt dafür, dass sie in ihren Stücken oft und gerne Tiere einsetzt: Hunde, Pferde und ganze Ziegenherden. Die meisten Tiere engagieren sie von (und mit) Bernd Wilhelm. Bis vor kurzem lebte er in einem Kleingewerbegebiet in Spandau. Der gelernte Tierpfleger arbeitete früher in den Tierversuchslabors der FU. Nach einer Infektion wurde er Frührentner.  &#8220;Schon immer&#8221; hatte er sich privat Tiere gehalten &#8211; die überdies gerne irgendwelche &#8220;Dummheiten&#8221; machten. Mit den Jahren entstand daraus eine ebenso eigenwillige wie freundliche Dressurmethode, die sich heute auszahlt, insofern Herr Wilhelm mit seinen Tieren nicht nur von der Volksbühne, sondern auch von Film- und Fernsehproduktionen &#8220;gebucht&#8221; wird: &#8220;Die Tiere arbeiten für ihren Lebensunterhalt.&#8221;  Daneben tritt er &#8211; mit seinen Eseln, Ponys und Ziegen etwa &#8211; auch bei Laubenpieperfesten auf und unternimmt Kutscherfahrten mit spastischen Kindern. Außerdem hält er für Problempferde eine &#8220;orthopädische Hufbehandlung&#8221; parat. Alles im erlaubten &#8220;Rahmen des 300-Euro- Zugewinns&#8221;.  Die meisten seiner Tiere landeten nach einer &#8220;Leidensgeschichte&#8221; bei ihm, und sie müssen nicht auftreten, wenn sie nicht wollen.</p>
<p>Die Perserkatze &#8220;Missy&#8221; zum Beispiel &#8220;wurde schlecht behandelt&#8221;: Jetzt liegt sie die meiste Zeit hinterm Ofen in einem Pappkarton.  Benno, der kurzbeinige schwarze Hund, gehörte einer Fixerin, die jetzt in einem Haus der Treberhilfe wohnt: &#8220;Aus ihm könnte noch mal was werden.&#8221; &#8220;Fuchsy&#8221; wurde angefahren am Straßenrand gefunden. Der Kapuzineraffe &#8220;Kingkong&#8221; &#8220;arbeitet zwar nicht gerne, ist aber dafür nie böse&#8221;. Er mag am liebsten Limonade und Gummibärchen und liegt abends neben der für Kunststücke zu alt gewordenen Schäferhündin Sandra.  Alle Tiere, auch die Waschbären, der Nasenbär, die Zwergschweine und die Hühner verstehen sich untereinander: &#8220;Das müssen sie auch, sonst geht das gar nicht.&#8221; Herr Wilhelm lehnt Aufträge, bei denen sie &#8220;schwierige Sachen&#8221; machen sollen, ab.</p>
<p>&#8220;Die größte Schwierigkeit sind aber die Schauspieler, die sich erst an die Tiere gewöhnen müssen&#8221;. Insbesondere galt das einmal &#8211; für einen ORB-Moderator &#8211; bei Wilhelms zwei Riesenschlangen. Sein Hahn spielte jüngst im Videoclip der Lassie Singers mit: Er mußte auf einer Haltestange in der U-Bahn sitzen. Dabei schiß er der Sängerin auf den Kopf.  Einige Kinder, die in der Schrebergartensiedlung wohnen, helfen Bernd Wilhelm gelegentlich beim Füttern und Ausmisten &#8211; die Friseuse Manuela schon seit 12 Jahren. Zu Hause hat sie jetzt selbst drei Hunde, Katzen und Fische. Während ich Bernd Wilhelm interviewte, erlaubte &#8220;Kingkong&#8221; mir, auf der Couch Platz zu nehmen. Als Manuela kam, bestand er jedoch darauf, daß ich ihren Stammplatz räumte. Bernd Wilhelm hat inzwischen einen Bauernhof außerhalb der Stadt gepachtet, wo seine Tiere mehr &#8220;Freiraum&#8221; haben.</p>
<p>Auf dem Land, bei Oranienburg, lebt auch die Hundetrainerin Sabine Berg, allerdings in einem kleinen Reihenhaus mit einem winzigen Garten. Sie hält derzeit neun Hunde. Trotzdem sieht dort innen wie außen alles blitzblank aus, überall stehen Topfpflanzen und Nippes und selbst auf den Plüschsesseln findet sich kein einziges Hundehaar. Sabine Berg kann sich inzwischen eine Putzfrau leisten, außerdem hat sie aber ihre Tiere auch so gut erzogen, dass sie sich vertragen und nichts kaputt oder schmutzig machen: &#8220;In so einer Wohngemeinschaft, wie wir sie hier haben, muß jeder Rücksicht auf den anderen nehmen und sich halbwegs anständig betragen!&#8221;  Sabine Bergs letzte Neuanschaffung war ein großer grauer Mischlingshund, den sie sich in einem polnischen Tierasyl beschaffte und erst einmal entwurmte und aufpäppelte. Gleich bei seiner ersten kleinen Rolle erwies er sich als ein &#8220;wahres Naturtalent&#8221;: Er mußte in einem TV-Krimi neben einem Mann über einen Acker gehen, dieser wurd dann erschossen und der Hund mußte die ganze Zeit traurig neben der Leiche ausharren, die er ab und zu beschnüffelte und anstupste, so als könne er es nicht fassen.&#8221;Das hat der so gut gemacht, das ich glaube, aus dem wird noch mal w as.&#8221;</p>
<p>Ein interessantes Filmtier-Problem tut sich gerade in Namibia auf. Dort halten eine Reihe von Leute sich neuerdings Wolfshunde. Weil es sich dabei um Kreuzungen zwischen Hunden und Wölfen handeln soll, wird das als nicht ganz ungefährlich angesehen. Nun gibt es aber in Namibia gar keine wild lebenden Wölfe und deswegen gingen einige Forscher dort der Frage nach: Wo dann die Wolfshunde herkommen? Ihre vorläufige Antwort lautet, dass mehrere ausländische Filmteams Außenaufnahmen in Namibia drehten, wobei sie einige mitgebrachte Wölfe frei ließen, um sie zu filmen. Diese Tiere seien nach Drehschluß im Land geblieben und hätten sich dort mit verwilderten Hunden gepaart.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/elefant.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7442" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/elefant.jpeg" alt="" width="278" height="212" /></a></p>
<p><em>Elefant im Dokumentarfilm<br />
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<p>Der Elefant Topsy hatte einen Pfleger im New Yorker Zoo angefallen und sollte erschossen werden. Thomas A. Edison erfuhr davon und bot an, ihn mit Stromstößen zu töten. Das wurde dem Glühbirnenerfinder auch genehmigt, außerdem durfte er die Ermordung des Elefanten mittels Elektrizität filmen &#8211; und die Aufnahmen hernach  zu Werbezwecken für sein Beleuchtungssystem verwenden.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/flusspferde.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7443" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/flusspferde.jpeg" alt="" width="336" height="150" /></a></p>
<p><em>Nilpferde in ihrer natürlichen Umwelt am Bahnhof Zoo</em></p>
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<p><strong>Der Wurm in den Tränen von Nilpferden</strong></p>
<p>Der 1922 in Stettin geborene ARD-Tierfilmer Horst Stern (&#8220;Sterns Stunde&#8221;) kaufte sich einmal zwei Kolkraben. Hinterher &#8211; 1973 &#8211; gab er selbstkritisch zu bedenken: &#8220;Ich konnte dabei nicht wirklich wissenschaftliche Zwecke für mich in Anspruch nehmen, vielmehr nur meine tiernärrische Neugier auf diese sagenhaften klugen Vögel. Wie ich denn überhaupt sagen muß, dass nicht selten passionierte Tierfreunde, insbesondere Tierfotografen, mehr Schaden in der Tierwelt anrichten als dass ihre Beobachtungen und Bilder ihr nützen.&#8221;</p>
<p>1945 kassierten die Engländer das Schiff &#8220;Seeteufel&#8221; des Unterwasserfilmpioniers  Hans Hass, weil dieser an &#8220;Kriegsmittelforschung&#8221; beteiligt war. 1959 stürzte der Sohn des Frankfurter Zoodirektors beim Tiere filmen und zählen in Afrika mit seinem zebragestreiften Flugzeug ab.  Sein Vater, der Veterinär Bernhard Grzimek moderierte jahrzehntelang die TV-&#8221;Kultsendung &#8216;Ein Platz für Tiere&#8217;&#8221;. Im Osten tat es ihm der Berliner Zoologe Heinrich Dathe mit seiner beliebten Sendung &#8220;Tierparkteletreff&#8221; nach. In Frankreich entwickelten sich zur gleichen Zeit die TV-Sendungen des  Unterwasserfilmers Jacques Cousteau, der mit seiner Yacht &#8220;Calypso&#8221; anfangs auch noch für den Geheimdienst tätig war, zu &#8220;Straßenfegern&#8221;.  Seitdem hat sich die Zahl der Tierphotographen und -filmer vertausendfacht. Der berühmteste ist noch immer der dafür inzwischen geadelte BBC-&#8221;Wildlife&#8221;-Moderator David Attenborough. Auf die Frage eines Interviewers, welche Entdeckungen in der Natur ihn wirklich überrascht hätten, antwortete er: &#8220;Wenn man mit der Natur zu tun hat, kann man an jedem einzelnen Wochentag einer Überraschung begegnen. Es gibt deren tausende, zum Beispiel, einen Wurm, der nur in den Tränen von Nilpferden lebt.&#8221;</p>
<p>Der 68er-Regisseur Jean-Luc Godard hat sich von Attenborough inspirieren lassen &#8211; und will demnächst ebenfalls einen Tierfilm (Arbeitstitel: &#8220;Abschied von der Sprache&#8221;) drehen. Der Zeit-Filmredakteurin Katja Nikodemus gestand er, dass er weder Internet noch Mobilfunk habe und selten fern sehe: &#8220;Nur manchmal Tierfilme auf BBC, in denen Menschen Monate damit verbringen, um einem Käfer oder einer Haselmaus nachzustellen.&#8221; &#8220;Was ist Ihr nächstes Filmprojekt?&#8221; &#8220;Die Geschichte eines Paares, das sich sehr gut versteht. Und das sich besser versteht, sobald es einen Hund hat.&#8221; &#8220;Im Drehbuch sind ja bereits Photos&#8230;Und da ist auch ein Hund&#8230;&#8221; &#8220;Das ist unser Hund.&#8221; &#8220;Verstehen auch Sie und Ihre Frau sich besser, seit Sie den Hund haben?&#8221; &#8220;Nun, er tut uns gut.&#8221; &#8220;Weil sie manchmal über den Hund miteinander kommunizieren?&#8221; &#8220;Sehr oft sogar. Sehen Sie, ich brauche wirklich kein Mobiltelefon.&#8221;</p>
<p>Die Frankfurter Rundschau fragte  kürzlich David Attenborough, ob seine Arbeits-&#8221;Methoden&#8221; denen seines Bruders Richard ähneln würden, der ein Spielfilmregisseur ist. Der Tierfilmer, der alle Biotope dieser Welt außer der Wüste Gobi kennt, antwortete, sie seien &#8220;vollkommen verschieden. Er erfindet Geschichten, während ich Geschichten filme.&#8221; Meistens läßt David Attenborough jedoch filmen &#8211; und beamt sich dann hinterher als Erklärer in den Film rein. 2011 sprach der &#8220;Mirror&#8221; von einem &#8220;Attenborough-Skandal&#8221;: Er hatte in einem Interview  2009 zugegeben, die im Zoo gefilmte Geburt eines Eisbären in eine Sendung eingebaut zu haben, die diese Tiere in der arktischen Wildnis zeigte. Attenborough verteidigte nicht nur seinen &#8220;Fake&#8221;, sondern gab gleich noch einige weitere zu. Die Tierfilme produzierenden Firmenchefs  sprangen ihm bei: Seine &#8220;Methode&#8221; entspreche den &#8220;Redaktionsanforderungen, sie sei &#8220;Standard&#8221; bei der Produktion von &#8220;Natural History Programmes&#8221;.</p>
<p>Ähnliches galt auch für den ARD -Tierfilmer Heinz Sielmann (&#8220;Expeditionen ins Tierreich&#8221;). Er begann professionell Tiere zu filmen als Soldat für die Wehrmacht auf Kreta, wo er 1945 gefangen genommen und mitsamt seinem Material nach England verschifft wurde. Dort, bei der BBC, entstanden dann auch seine ersten größeren Filme, die bereits Rekordzuschauerzahlen erreichten, später machte er beim NDR weiter &#8211; und wurde anscheinend steinreich dabei.</p>
<p>Der Tiergedichtsautor Wiglaf Droste mochte Sielmann nicht. Ich nahm Sielmann insbesondere seinen dumpfdarwinistischen Kommentar zu einem gefilmten Mückenschwarm übel, der im Abendlicht über einem Teich tanzte: &#8220;Sie haben nur ein Interesse &#8211; sich zu vermehren!&#8221; raunte  Sielmann dazu aus dem Off. Quatsch, so ein &#8220;Interesse&#8221; gibt es nicht, schon gar nicht bei Mücken, die viel lieber &#8220;ohne Folgen&#8221; vögeln würden. Und sowieso: Haben sie etwa ein Verständnis vom  Zusammenhang zwischen  Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung? Sehr sachlich wird Sielmann in einem biographischen Aufsatz der Tierfilmerhistoriker Jan Clemens und Arnulf Köhncke behandelt: &#8220;Auf Kreta im Sturm und im Regen&#8221;. Darin wird u.a. der erste &#8220;Tiertonfilm&#8221; von Sielmann erwähnt, den  er an der Ostsee drehte: &#8220;Vögel über Haff und Wiesen&#8221;. Er wurde 1938 auf der Jahrestagung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft in Königsberg uraufgeführt. Im Tagungsbericht hieß es: &#8220;Der Film ist das Erstlingswerk eines noch sehr jungen Autors, der in Arbeitsdienstuniform zu seinen Bildern vorträgt. Er erntete reichlichen Beifall.&#8221; 1939 wurde Sielmann Funklehrer der Wehrmacht in Posen, wo man dann auch den Königsberger Professor Konrad Lorenz als Mediziner hinversetzte, ebenso Joseph Beuys, der dort Funk-Schüler von Sielmann wurde. 1943 durfte Sielmann dann auf Kreta die Dreharbeiten des dort plötzlich gestorbenen Tierfilmers Horst Siewert fortsetzen &#8211; bis die Engländer die Insel einnahmen. In Marcel Beyers Roman &#8220;Kaltenburg&#8221;, geht es um die Beziehungen zwischen Lorenz, Beuys, Dathe und Sielmann, die  real und filmisch auf der Vogelwarte Rossitten hinter Königsberg ihren Ausgang nahmen.</p>
<p>Dieses ornithologische Institut, das seit 1944 Rybatschi heißt,  wird noch heute &#8211; obwohl in Litauen gelegen &#8211; von russischen Wissenschaftlern verwaltet. Ein Großteil seiner Finanzen kommt von der &#8220;Heinz Sielmann Stiftung&#8221;, die das Vermögen des 2006 gestorbenen TV-Tierfilmers, der aus Königsberg stammt, in tierschützerische Taten umsetzt.  Dazu gehört ferner eine  &#8220;Darwin Forschungsstation&#8221; auf den Galapagos-Inseln, mehrere Vogelschutz- und -pflegestationen in Deutschland und Italien sowie die Stiftungszentrale auf dem Gut Herbigshausen bei Duderstadt. In Berlin haben sich die Naturschützer im &#8220;Haus der Stiftungen&#8221; am Check-Point-Charly eingemietet. 2005 hieß es dort auf einer Pressekonferenz, die Sielmann-Stiftung habe den 3.422 Hektar großen sowjetischen Militärübungsplatz &#8220;Döberitzer Heide&#8221; bei  Staaken erworben, wo seitdem Wisente, Wildpferde, -ziegen und -schafe im unübersichtlichen Gelände grasen. Dann kamen noch 1.055 Hektar Seenlandschaft bei Groß Schauen &#8211; inklusive der dort lebenden seltenen Fischotter, Rohrdommel und Trauerseeschwalbe &#8211; dazu, sowie 2.742 Hektar Braunkohlefolgelandschaft um Wanninchen bei Luckau, ferner 900 Hektar ehemaliges Grenzgebiet im Eichsfeld und 13 Hektar Stauseelandschaft im Glockengraben bei Teistungen. Auf  diesen von den Kommunisten bis 1990 industriell bzw. militärisch genutzten &#8220;Ödflächen&#8221; entstehen nun die vom Kapitalismus  versprochenen blühenden Landschaften.</p>
<p>So wendet sich das einstige Paradies der Werktätigen zu einem &#8220;Naturparadies&#8221;, wie der N.D. diese &#8220;Projekte&#8221;  nennt. Endlich hat ein Tierfilmer auch mal mehr Nutzen für die Natur gebracht, als der Schaden, den seine Beobachtungen und Bilder ausmachen.  2012 nun gab die Stiftung bekannt,  dass sie auch noch das 12.000 Hektar große  Übungsgelände der Roten Armee in der Kyritz-Ruppiner Heide &#8211; &#8220;Bombodrom&#8221; genannt, übernähme. Naturschützer und Anwohner hatten jahrelang gegen dessen militärische Nutzung protestiert. &#8220;Hier entsteht jetzt eine einzigartige Heide-Naturlandschaft&#8221;, erklärte dazu der Geschäftsführer der Stiftung Michael Spielmann vor Ort. &#8220;Ein mit Munition hochgradig verseuchtes Gelände soll für die Natur bewahrt werden,&#8221; notierte sich der N.D &#8211; und erinnerte zum Einen daran, dass das Areal einst &#8220;streckenweise Tag und Nacht unter Dauerbeschuss lag, teilweise wurden heute geächtete Streubomben abgeschossen&#8221; und zum Anderen, dass &#8220;nach dem Abzug der Russen  die Bundeswehr das Gelände übernehmen wollte, sie scheiterte aber am Widerstand der Bürger.&#8221;</p>
<p>Ende gut, alles gut also: Schon seien &#8220;seltene Vögel wie Wiedehopf, Steinschmätzer und Bachpieper gesichtet worden, ein Wolf tappt  von Zeit zu Zeit in die Fotofalle,&#8221; erzählte der Projektleiter der Sielmann-Stiftung Lothar Lankow. Um das Gelände zu säubern, &#8220;muss pro Quadratmeter mit etwa einem Euro Kosten gerechnet werden. Bei vollständiger Räumung von Minen und Munition wären das bis zu 595 Millionen Euro.&#8221; Es gehört nach wie vor der &#8220;Bundesanstalt für Immobilienaufgaben&#8221;. Um das Areal kümmern sich vier Revierleiter, fünf Waldarbeiter und ein Feuerwerker, deren Arbeitsplätze nun die Sielmann-Stiftung mit 320.000 Euro jährlich finanziert, zudem will sie einen Teil des Waldes &#8220;ökologisch umbauen&#8221; und Wildtierarten dort ansiedeln.</p>
<p>Etwa zur gleichen Zeit, da dieses neueste &#8220;Projekt&#8221; der Sielmann-Stiftung in Brandenburg verhandelt wurde, gab der französische Wissenssoziologe Bruno Latour in einer Rede vor der Berliner &#8220;Unseld-Stiftung&#8221; zu bedenken: &#8220;Ökologie ist nicht die Wissenschaft von der Natur, sondern das Nachdenken darüber, wie man an erträglichen Orten zusammenleben kann. Ökologie wird nur dann gelingen, wenn sie nicht in einem Wiedereintritt in die Natur &#8211; diesem Sammelsurium eng definierter Begriffe &#8211; besteht, sondern wenn sie aus ihr herausgelangt.&#8221; Wie &#8211; das müßte mal jemand filmen.</p>
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<p><em></em><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/haie.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7445" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/haie.jpeg" alt="" width="188" height="267" /></a></p>
<p><em>Beliebt: Hai im Film</em></p>
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<p><strong>Unterwasserfilme</strong></p>
<p>Bei der Europremiere des 45 Minuten langen Unterwasserfilms &#8220;Sharks 3D&#8221; im Imax am Potsdamer Platz wurden die Zuschauerreihen mit verlosten Karten aufgefüllt. Der anschließende Applaus fiel dennoch mäßig aus: &#8220;Zu wenig action!&#8221;, bemängelten viele. Da ist der Kinobesitzer &#8220;Discovery Channel&#8221; selbst schuld, denn sein Programm ist ansonsten voll mit blutrünstigen Haifilmen, in denen die Kameramänner ständig neue Haischutzvorrichtungen testen. &#8220;Sharks 3D&#8221; wurde dagegen ohne Taucherkäfige gedreht; er will &#8220;das schlechte Image dieser Tiger der Meere korrigieren&#8221;, wie die Filmemacher Jean-Jacques Mantello und Jean-Michel Cousteau, Sohn des Unterwasserfilmers Jacques Cousteau,  vorab erklärten. Mit dem 3D-Verfahren präsentierten sie uns diese Fische nun erstmalig zum Greifen nahe: Ich musste ein paarmal sogar den Kopf einziehen, um einer Makrele auszuweichen. Die Haie wurden in ruhigen Einstellungen und von ihrer besten Seite gezeigt, denn die Regisseure gingen davon aus: &#8220;Es gehört zu unserer Natur, nur das zu schützen, was wir mögen.&#8221; Der Mitproduzent aus der UN-Umweltschutzbehörde erklärte dazu: &#8220;They are not man-eaters. Sharks are there to do their job: cleaning up the ocean!&#8221;</p>
<p>Das haben wir vor allem dem &#8220;Calypso&#8221;-Team von Jacques-Yves Cousteau zu verdanken. Sein Sohn Jean-Michel Cousteau präsentierte nun als Präsident der &#8220;Ocean Futures Society&#8221; den Film &#8220;Sharks 3D&#8221;. In Berlin läuft parallel dazu eine Hai-Komödie über seinen Vater: &#8220;Die Tiefseetaucher&#8221; von Wes Anderson, die man sich ebenfalls ansehen sollte. Inhaltlich geht es, wenn man so sagen kann, um das ständige Filmen und Gefilmtwerden, damit man weiter im Geschäft bleibt &#8211; und weiter mit der hier &#8220;Belafonte&#8221; genannten &#8220;Calypso&#8221; über die Meere schippern kann, wobei man auch schon mal die Konkurrenz piratisiert und selbst böse piratisiert wird; zu allem Überfluss meutern irgendwann auch noch die Praktikanten an Deck. Über und unter Wasser nichts als Haie, wobei sich egoistische Leidenschaften gegen alle ökologische Moral stemmen: Auf die Frage, welchem &#8220;wissenschaftlichen Zweck&#8221; denn seine &#8220;Jagd auf den Jaguarhai&#8221;, der seinen besten Freund tötete, diene, antwortet Captain Ahab/Nemo/Bligh/Cousteau/Zissou (gespielt von Bill Murray): &#8220;Rache!&#8221;</p>
<p>Noch eindeutiger um die ökonomische Verwertung von Fischen kreist &#8220;Darwins Albtraum&#8221; von Hubert Sauper und Nick Flynn. Darin geht es um den Nilbarsch im Victoriasee, dessen Filetstücke in die EU exportiert werden, während den Einheimischen nur Kopf und Schwanz bleiben. &#8220;Bevor der Barsch im Victoriasee ausgesetzt wurde, gab es hier viele Fischarten. Er fraß sie alle auf. Aber ökonomisch ist das gut&#8221;, so beurteilt ein Fischexporteur diese postkoloniale Öko-Katastrophe.</p>
<p>Wer danach noch näher an den Victoriabarsch ranwill, dem sei die Lebensmittelabteilung von KaDeWe und La Fayette sowie das &#8220;Nordsee&#8221;-Restaurant in Mitte empfohlen. Lebende Haie gibt es schräg gegenüber im &#8220;Sea Life Center&#8221; des Aqua-Doms zu sehen, halb lebende in der Disco  &#8220;Shark-Club&#8221; an der Friedrichstraße. Die kleinen Clownfische aus &#8220;Findet Nemo&#8221; schwimmen im Seewasseraquarium der Kantine des Arbeitsgerichts am Lützowplatz sowie auch in mehreren Aquarien der beiden Zoos. Dort leben auch etliche Seeschildkröten. Die von innen leuchtenden Meerestiere aus dem Film &#8220;Die Tiefseetaucher&#8221; kann man real, aber nicht legal in einigen Neuköllner Tierhandlungen erwerben: Es sind Zebrafischchen aus dem Labor der taiwanesischen Firma Taikong Corp., denen man das Gen einer Qualle, die fluoreszierendes Protein synthetisiert, auf das Genom pfropfte. Ihre Einfuhr in die EU-Länder ist noch verboten, weswegen es dieses erste transgene Haustier vorerst nur als Bückware gibt &#8211; ab 39 Euro. Man kann aber jetzt schon die These wagen: Der Aquariumsboom und die Unterwasserfilmnachfrage scheinen sich gegenseitig hochzuschaukeln.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/krake.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7454" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/krake.jpeg" alt="" width="295" height="171" /></a></p>
<p><em>Krake im Fernsehen</em></p>
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<p>P.S.: Noch kann man nicht entrüstet sagen: &#8220;Das ist doch Fernsehen&#8221;, so wie man früher sagte: &#8220;Das ist doch Theater&#8221; &#8211; denn es gibt laut Baudrillard kein referentielles Universum mehr. Noch ist Glaubwürdigkeit also bloß ein Spezialeffekt. Aber es gibt eine Ausnahme: Das ist das Tierfernsehen, d.h. Tierfilme. Die Tiere leben in einem anderen Universum &#8211; ohne Repräsentanz und Souveränität (noch). Abgesehen von  &#8220;Knuth-TV&#8221; erfreuen sich in Berlin vor allem die gefilmten Kraken großer Beliebtheit. Seltsam!</p>
<p>Den Anfang machten der Prager Philosoph Vilem Flusser und der französische Zoosystemiker Louis Bec mit ihrem Buch &#8220;Vampyrotheutis infernalis&#8221; &#8211; ein maximal fußballgroßes Weichtier, das in 1000 bis 4000 Meter Tiefe lebt &#8211; also in ewiger Dunkelheit. Weswegen es neben seinen zwei Augen, die lidbewehrt und mit unseren nahezu identisch sind, auch noch zwei Leuchtorgane, ebenfalls mit Lidern, hat. Darüberhinaus zwei dünne, aber sehr lange Spiralfühler und zwei ohrenartige  Flossen. Der kleine achtarmige Tintenfisch hat zwar keine Tinte zum Verspritzen, dafür kann er sich jedoch bei Gefahr mit seinen Häuten zwischen den Fangarmen komplett ummanteln &#8211; und ist dann bloß noch eine stachelbewehrte rostrote Kugel mit hellen Flecken, die in der &#8220;abyssalen&#8221; (abgründigen) &#8220;Sphäre&#8221; im sogenannten Meeresschnee dahintreibt.</p>
<p>Vampyrotheutis infernalis und wir werden uns nie begegnen, denn er implodiert in unserem himmlischen Universum und wir werden in seinem höllischen erdrückt. Er bzw. seine Art ist 250 Millionen Jahre alt und wurde erstmalig 1903 mit einem Vertikalnetz während der deutschen Valdivia-Expedition gefangen &#8211; d.h. tot hochgeholt. Der Zeichner des Expeditionsleiters Karl Chun kommentierte damals den Fang: &#8220;Man meint, unser Herrgott hat alle Dummheiten, die er gemacht hat, in die Tiefsee verTintenfische live &#8211; im Fernsehen, im Naturkundemuseum und im Aquarium: bannt.&#8221;</p>
<p>Vilem Flusser starb  2000, vorher hielt er in Berlin noch einen Vortrag über diesen primitiven Cephalopoden. Dazu wurde ein TV-Film gezeigt über eine eine japanischen Biologin, die sich täglich tauchend einem in Flachwasser frei lebenden Kraken näherte, um ihn zu füttern. Dafür wurde sie jedesmal von ihm, der fast so groß war wie sie, mit seinen Tentakeln liebevoll umarmt. Nach dem Vortrag ging man noch in ein koreanisches Restaurant am Kurfürstendamm. Wegen der Berlinale saß u.a. eine hochgeschminkte Schauspielerin mit am Tisch, die die ganze Zeit kleine lebende Kraken in süßsaurer Sauce aß. Obwohl die Weichtiere sich dabei in Todesangst an ihre Zunge und Lippen klammerten, war anschließend die Schminke der Koreanerin nicht ein bißchen verschmiert. Die Drumherumsitzenden waren davon sehr beeindruckt.</p>
<p>Der Veranstaltung  folgte 2007 ein langer Abend mit einer italienischen Forscherin und einem TV-Filmausschnitt in der Universität der Künste, der den Kopffüßern gewidmet war, wobei auch das Buch &#8220;Der Krake&#8221;, gestreift wurde, das für den Autor Roger Caillois ein &#8220;Versuch über die Logik des Imaginativen&#8221; war: Für Europäer sind die Riesenkraken furchterregend und gefährlich, für die Japaner dagegen trinkfreudig und sexbesessen. Vilem Flusser hat demgegenüber das Weltbild des kleinen Vampyrotheutis infernalis imaginiert. Beides braucht Wissen (genauer gesagt: Malakologie), aber man muß darüber hinausgehen. Für Louis Bec sind  sie, die biologischen Wissenschaften,  Versuche, eine &#8220;transversale Kommunikation zwischen den Arten&#8221;  herzustellen.</p>
<p>Ende 2007 kam dies durch den Kulturwissenschaftler Peter Berz noch einmal im Naturkundemuseum zur Sprache und zum Bild. Für Heidegger war  &#8211; im Gegensatz zu uns &#8220;weltbildenden Menschen&#8221; &#8211; das Tier noch &#8220;weltarm&#8221;. Aber man kann sich gewissermaßen gedanklich zusammentun, um auch ein &#8220;Dasein&#8221; des letzteren zu halluzinieren &#8211; auf der Basis von Cephalopoden-Wissen und ausgehend u.a. von der Topologie: Vampyrotheutis infernalis ist weich und sackartig, kann sich umstülpen und ist tendenziell spiralisiert (eine &#8220;libidinöse Höhle&#8221;), wir dagegen sind hart, haben ein Skelett, sind segmentiert und zweiseitig symmetrisch (ein Charakterpanzer?). Und während wir uns aktiv um unsere Nahrung bemühen müssen, treibt diese dem Kraken entgegen. Er muß bloß seine Tentakeln spreizen &#8211; wie ein  aufgespannter Regenschirm mit dem Schlund in der Mitte. Gibt es  schärfere Gegensätze als die zwischen ihm und uns?</p>
<p>Flusser konstruiert für den Kraken eine spiralförmige Existenzweise, ja einen ganzen Neospiralismus. Dieser ist dann aber gar nicht mehr weit vom menschlichen entfernt &#8211; wie ihn z.B. der Rote Baron mit seinen sich immer höher schraubenden Flügen ohne Sauerstoff unternahm, wobei seine Notizen zunehmend unlesbarer wurden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem &#8220;Richthofen-Syndrom&#8221;. Darüberhinaus haben beide &#8211; Mensch und Vampyrotheutis infernalis &#8211; noch dies gemeinsam: &#8220;Sie sind Sackgassen der Evolution&#8221; laut Flusser. &#8220;Er hat zudem ein Wesen ausgewählt, bei dem es nicht ausgeschlossen ist, daß es über das verfügt, was unsere Philosophen die Fähigkeit zur Weltanschauung nennen, denn sein tierisches Volumen und jener Teil, der die neuronischen Verknüpfungen beinhaltet, ist groß genug,&#8221; schreibt Abraham Moles in einer Rezension der &#8220;Philosophiefiktion von Vilem Flusser&#8221;.</p>
<p>Die letzte Veranstaltung über den kleinen Tiefseekraken fand am 24. September statt &#8211; ebenfalls im Naturkundemuseum. In dessen Tier-&#8221;Filmwelten-Reihe&#8221; las Hans Zischler Passagen aus Flussers &#8220;Vampyrotheutis infernalis&#8221;  vor und der Kustos für Weichtiere präsentierte zusammen mit dem Kustos für Heuschrecken den japanischen TV-Film &#8220;Der Vampir aus der Tiefsee&#8221;, nachdem sie zuvor das letzte noch existierende in Alkohol eingelegte und inzwischen stark verschrumpelte,  kaum tennisballgroße Exemplar der Valdivia-Expedition herumgezeigt hatten. Der Film verdankt sich einem US-Meeresbiologen, der ein ferngelenktes U-Boot bauen ließ, das er mit Scheinwerfern, Kameras und einer Fangvorrichtung ausrüstete. Damit beobachtete er einen Vampyrotheutis infernalis in großer Tiefe vor der Küste Kaliforniens, einen zweiten fing er ein. Durch das Glas  einer speziellen Druckkammer sah man anschließend sein langsames Sterben, das zuletzt gnädig weggeblendet wurde.</p>
<p>Gleich am nächsten Tag ging ich in das Zoo-Aquarium, um mir in der dortigen &#8220;Welt im Glase&#8221; einen noch halbwegs lebenden Kraken anzukucken. Aber entweder war auch er schon gestorben oder er hatte sich in einer Höhle verkrochen. Ich konnte ihn jedenfalls nirgendwo entdecken. Auch im &#8220;Sea Life Aquarium&#8221; dann hatte ich kein Glück: Im Sommer 2007 sorgte dort noch eine Sonderausstellung &#8220;Oktopus &#8211; Tinte, Tarnung und Tentakel&#8221; für Besucherrekorde, wobei &#8220;ein kluger Krake&#8221; sich zu einem regelrechten &#8220;Star&#8221; entwickelte: Er hatte nach einem mehrtägigen Training gelernt,  mit seinen Fangarmen den Schraubverschluß von Flaschen zu öffnen, in denen sich Nahrung für ihn befand. Nun war er aber nicht mehr da. Dafür lagen in der Nähe des &#8220;Sea Life Aquariums&#8221; vor der dortigen &#8220;DDR-Ausstellung&#8221; einige Exemplare der thüringischen Zeitung &#8220;Freies Wort&#8221; herum &#8211; mit der Schlagzeile: &#8220;Der Krake Stasi streckt immer noch seine Tentakel aus&#8221;. Das ging mir jedoch zu sehr ins Imaginäre &#8211; Metaphorische gar. Außerdem war es ein alter Hut: Immer wieder hat man die Intelligenz- bzw. Geheimdienste mit Kraken in Verbindung gebracht. Umgekehrt hatten 1992  auch einmal zwei Neurobilogen, Graziano Fiorito und Pietro Scotto, die mit in der Bucht von Neapel gefangene Kraken Intelligenztests anstellten, für Schlagzeilen gesorgt, indem sie behaupteten, dass das Gehirn dieser Weichtiere ähnlich &#8220;hochdifferenziert wie das von Menschen (Geheimagenten, Octopussys?) sei. Obwohl ganz anders aufgebaut, besitze es ebenfalls die Fähigkeit des &#8220;Beobachtungslernens&#8221;. Der Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau hatte zuvor basierend auf eigenen Beobachtungen gemeint: &#8220;Wenn ein Taucher die Augen eines großen Kraken auf sich gerichtet sieht, empfindet er eine Art Respekt, so als begegne er einem sehr klugen, sehr alten Tier.&#8221;</p>
<p>Der Soziologe und Résistancekämpfer Roger Caillois schrieb in seinem bereits erwähnten Buch: &#8220;Der Krake scheint aufrecht zu gehen wie ein Mensch. Sein kapuzenförmiger Kopf und die riesigen Augen erinnern an die als sadistisch verschrienen, in Kutten gehüllten Folterer einer geheimnisumwitterten Inquisition. Der Krake, dieses Hirntier, um nicht zu sagen, dieser Intellektuelle, beobachtet immerzu, während er agiert. Diese Besonderheit, die offenbar sein innerstes Wesen zum Ausdruck bringt, läßt sich sogar bei Hokusais wollüstigen Kraken feststellen: Er beugt sich über den Körper der nackten Perlentaucherin, die er in Ekstase versetzt, und läßt sie nicht aus den Augen, als verschaffe es ihm zusätzlichen Genuß, ihre Lust zu beobachten.&#8221;</p>
<p>Ich ging nach Hause und beschloß, fortan keine Calamaris mehr zu essen. Mehr konnte ich für die Cephalopoden erst einmal nicht tun.</p>
<p>In der FAZ fand ich später noch einen Artikel von Julia Voss, in dem es um eine Kritik an der &#8220;scheußlichen&#8221; Affen-Gehirnforschung der Universität Bremen&#8221; geht. &#8220;Das ist der Unterschied zu früher,&#8221; schreibt die Biologiehistorikerin, &#8220;der Konflikt ist nicht mehr der zwischen Herz und Verstand &#8211; es steht heute Forschung gegen Forschung&#8221;. Das spektakulärste Beispiel dafür lieferte ihr zuletzt ein Oktopus: &#8220;Wegen seiner dicken Nervenfasern ist er ein klassischer Modellorganismus der Neurobiologen; doch was man sich als vermeintlich einfachen Organismus ins Labor holte, entpuppte sich als intelligentes Lebewesen. Der Oktopus verblüffte die Wissenschaft mit der Fähigkeit, zu beobachten, wie Futter in Marmeladengläsern deponiert wurde. Er sah zu, griff das Glas, schraubte es auf und aß die Garnele&#8221;. Da stand also laut Julia Voss &#8220;Forschung gegen Forschung&#8221;.</p>
<p>Inzwischen schaffte sich das AquaDom einen neuen Oktopus an. Er scheint sich auch schon gut eingelebt zu haben. Mitte Oktober klaute er dem Aquariumspfleger die Taschenlampe. Dazu heißt es in einer Presseerklärung: &#8221; So schnell konnte Martin Hansel, Chefaquarist im AquaDom und Sea Life Berlin gar nicht gucken, als sich plötzlich acht Arme gierig an seine Taschenlampe klammerten. Kein Ziehen und Zerren half, der kleine Krake stülpte sich gleich ganz über das für ihn sehr faszinierende Leuchtmittel und ließ es einfach nicht mehr los. &#8220;Unser Oktopus hat sich anscheinend von all den schönen Lichtinstallationen in unserer Stadt inspirieren lassen und gleich mal an seiner eigenen Beckendeko gearbietet&#8221;, schmunzelt Martin Hansel und fügt hinzu: &#8220;Für Oktopoden sind die gebündelten Lichtstrahlen einer Taschenlampe in keinster Weise gefährlich, deshalb gönnen wir ihm seine Eroberung gerne noch ein bisschen. Denn: Die außergewöhnlichen Tiere brauchen Beschäftigung, damit sie nicht verkümmern.&#8221;</p>
<p>So ähnlich sieht das auch der Direktor des Basler Zoos, in dem man neuerdings ebenfalls einen Kraken bestaunen kann, der mit seinen 8 Fangarmen Dosen und Gläser öffnet. Radio Regenbogen berichtete: &#8220;Zur Fütterungszeit kann der Oktopus beim Öffnen eines Joghurtglases mit fest sitzendem Plastikdeckel oder einer Konservendose mit Schraubverschluss beobachtet werden. Darin sind Muscheln, Garnelen oder Fische. Das Öffnen der Dosen dient laut einem Sprecher des Zoos  als Denksport und soll verhindern, dass sich der zu den intelligentesten Tieren zählende Meeresbewohner langweilt.&#8221; Außerdem ist der kluge Krake eine willkommene Attraktion für den Basler Zoo,freut sich der Direktor.</p>
<p>Weniger erfreut war man dagegen über die Klugheit eines Kraken-Weibchens im Santa Monica Pier Aquarium in Kalifornien, wie apa meldete: &#8220;Der Oktopus hatte über Nacht  ein Ventil seines Beckens geöffnet und die Einrichtung mit hunderten Litern Salzwasser überschwemmt. Auch die Büros standen unter Wasser, als die Mitarbeiter morgens zur Arbeit erschienen. Als Täterin machten sie rasch ein Oktopus-Weibchen aus, das bereits als neugierig und gesellig galt. Tiere kamen bei der Überschwemmung nicht zu Schaden, wie Aquariums-Sprecher Randi Parent sagte. Allerdings hätten die Wassermassen möglicherweise den neuen Fußboden beschädigt.&#8221;</p>
<p>In einem taz-Artikel ging es dann wieder um Krakenforschung auf der  alten Subjekt-Objekt-Einwegschiene: &#8220;Das größte Auge, das Forscher bislang untersucht haben, gehört einem sogenannten Koloss-Kalmar aus der Tiefsee. Mit 27 Zentimetern Durchmesser ist es deutlich größer als ein Bundesliga-Fußball. &#8220;Es ist ein wirklich phänomenales Auge&#8221;, berichtete der neuseeländische Kalmar-Experte Steve O&#8217;Shea am Mittwoch in Wellington. Es handele sich um das &#8220;einzig intakte Auge&#8221; eines Riesen-Kalmars, das je gefunden wurde. O&#8217;Sheas Team untersucht am Nationalmuseum Te Papa in Wellington derzeit den Koloss-Kalmar (Mesonychoteuthis hamiltoni), der Fischern im Februar 2007 in der Antarktis ins Netz gegangen war. Der 495 Kilogramm schwere und zehn Meter lange Kopffüßer ist einer der größten je gefangenen Kalmare. Die Fischer auf der Jagd nach Seehechten hatten das Tier zufällig gefangen. Als der riesige Tintenfisch an Bord gehievt wurde, soll das Tier noch gelebt haben. Dabei wurde jedoch das zweite Auge zerstört. Bisher war das Tier eingefroren, seit Montag wird es in einem Chemikalienbad vorsichtig konserviert. Der überaus seltene Fang zieht gleichermaßen die Aufmerksamkeit zahlreicher Forscher und Kamerateams auf sich.</p>
<p>Einige angloamerikanische  Verhaltensforscher haben am lebenden Objekt Neues entdeckt &#8211; wie Focus berichtete: &#8220;Männchen der australischen Riesensepia kommen auf raffinierte  Weise bei den Weibchen zum Erfolg. Wie britische und US-Biologen beobachteten, erschleichen sie sich Paarungen, indem sie sich als Weibchen tarnen. Gemeinhin weisen die Tintenfisch-Damen 70 Prozent aller Annäherungsversuche ab. Zudem haben sie meist einen festen Partner, der den Großteil ihrer Eier befruchtet und Rivalen verjagt. Einzelgängerische Männchen färben ihre Haut blitzschnell &#8220;weiblich&#8221; und nehmen die Armhaltung Eier legender Weibchen an. Auf diese Art täuschen sie den Wächter, der die sich anschleichenden vermeintlichen Weibchen toleriert. In der Hälfte der Fälle kam es zum Geschlechtsverkehr, aber auch einige Männchen versuchten, sich mit ihren getarnten Geschlechtsgenossen zu paaren.</p>
<p>Weitere Neuigkeiten und Geschichten über Kraken finden sich auf der Webpage des &#8220;Octopus News Magazine&#8221; &#8211; z.B. diese:</p>
<p>&#8220;Two South Wales families who discovered a stranded octopus on a South Wales beach almost certainly saved the creature&#8217;s life.  Gary Phillips, his wife and daughters were walking at Rest Bay, Porthcawl, with their friends when they came upon the octopus on dry sand.  It looked lifeless, but recovered after being put into a rock pool.  Experts say that the octopus would not have survived for more than two hours had it not been rescued.  Gary, a 30-year-old quantity surveyor was walking with his wife Rebecca, and twin sons, Neurin, and Iestyn, 18 months, and their friends Steve and Louise McCarthy and their twin daughters, Megan and Grace, four.  Gary said: &#8220;My wife found the octopus and called us over. At first we thought it was dead but we gave it a little prod and found that it was breathing and moving. We took it to shallow water and then put it in a rock pool. It gradually recovered and then swam off gracefully.  &#8220;It was the first time I had seen a live octopus outside an aquarium.  &#8220;It&#8217;s nice to know that we may have saved its life.  Gary did some research after finding the octopus and discovered that it was a Curled Octopus (Eledone Cirrhosa).  Octopus expert Andrew Grimmer, from the Blue Reef Aquarium, in Tynemouth, Tyneside, said: &#8220;Curled octopus are not uncommon here but they are usually found in lobster pots by fishermen.  It is unusual for them to be out of water and very unusual for them to be found on dry sand. It would have survived only a couple of hours.  Mr Grimmer said it is currently the breeding season for octopuses, and he suspected that the creature was female and was weak after laying her eggs.  It was possible that in its weakened state the octopus had been washed up onto the dry sand.&#8221;</p>
<p>Goethe meinte einmal: &#8220;Es gibt nichts Schöneres im Leben als morgens eine Lerche zu hören &#8211; und abends eine zu essen&#8221;. So ähnlich ist es auch mit den Kraken: Die einen sind stolz, einen gerettet zu haben, und die anderen, ihn geschmackvoll zubereiten zu können, woraus sie dann eventuell ein Rezept machen, das sie ins Internet stellen, damit andere das nachmachen können.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/wolfsfilmer.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7455" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/wolfsfilmer.jpeg" alt="" width="275" height="183" /></a></p>
<p><em>Wolfsfilmer</em></p>
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<p>P.P..S.: Mehr und mehr müssen auch die noch wilden Tiere in Filmen regelrecht mitspielen. Wenn z.B. Fernsehteams von ihren Sendern im Winter in den Wald geschickt werden &#8211; um in einem bayrischen, polnischen oder kanadischen Wald zu filmen, wie es gerade den Bären, Hirschen, Wölfen, Dachsen etc. dort so geht, dann fällt ihnen dabei unweigerlich das Wort &#8220;Überlebenskampf&#8221; ein, manchmal noch mit dem Zusat &#8220;hart&#8221; bzw &#8220;erbarmungslos&#8221;. Es ist kalt, die Füße sind vom hohen Schnee naß geworden, das Essen ist ungenießbar, das Equipment spinnt, der Kameramann kann vor lauter klammen Fingern nicht mehr richtig drehen, der Kameraassistent steht mit seinen Eisfüßen mehr im Weg als das er hilft und dann sind die ganzen Viecher, auf die sie es abgesehen haben, auch noch so verdammt schwierig zu erwischen. Entweder halten sie sich an unmöglichen Orten auf oder das Licht stimmt nicht&#8230;Aber die Redaktionen daheim &#8211; im Warmen &#8211; drängen unbarmherzig. Das Budget ist bereits &#8220;robust überzogen&#8221; (O-Ton Buchhaltung) und dann muß zu allem Überfluß auch noch ein Teil des Tons wiederholt werden&#8230;Alles in allem steckt das Filmteam genau in dem &#8220;harten Überlebenskampf&#8221;, den es in der unbarmherzigen Natur vor sich filmt. Subjekt und Objekt sind nahezu identisch geworden.</p>
<p>Auch wenn die TV-Teams bei ihrer Arbeit auf einen ganzen Tross von (lokalen) Helfern zurückgreifen können &#8211; angefangen von der Cateringfirma bis zur Autovermietung und den Wildhütern der Nationalparkverwaltung als Guides sowie den besten für sie reservierten Hotelzimmern in der Nähe ihrer Drehorte. Dafür sind die Objekte der Begierde ihrer Redaktionen &#8211; die Tieres des Waldes &#8211; Kummer gewohnt, d.h. sie sind überaus erfahren im harten Überlebenskampf &#8211; sie verhalten sich dort schon fast instinktmäßig richtig &#8211; also &#8220;optimal&#8221;. Obwohl man off the record natürlich zugeben muß, dass die Tiere im Nationalpark schon lange ganzjährig geschont sind, d.h. nicht gejagt werden dürfen und dazu noch im Winter zugefüttert bekommen, so dass sie immer mehr ihre Scheu verloren haben.  Die Füchse kann man schon fast streicheln und die Wildschweine sind so dreist, dass man sich inzwischen umgekehrt &#8211; vor ihnen &#8211; in acht nehmen muß. Aber auch das gehört ja streng genommen noch zur Unbarmherzigkeit der Natur! Für die Fernsehteams &#8211; als Frontschweine ihrer Medienkonzerne &#8211; bedeutet das eine zusätzliche Tortur, denn ihre Dreharbeiten laufen dabei immer mehr auf eine Fakeproduktion hinaus &#8211; insofern z.B. die Hirsche teilweise über eine Waldlichtung regelrecht gescheucht werden mußten, um kurz vor Sonnenuntergang noch schnell ein paar Bilder von einem flüchtenden Rudel zu bekommen.  Diese werden dann später mit drei über verschneite Äcker laufende Wölfe gegengeschnitten.</p>
<p>Die Wölfe hatte die Firma &#8220;Action Animals&#8221; angeliefert, für 600 Dollar &#8211; pro Stück und Tag. Es handelte sich dabei um besonders filmerfahrene Tiere, die eine regelrechte Ausbildung in der Schweiz genossen hatten. Aber dazu kam dann noch ihre Anlieferung per Flugzeug sowie die Spesen ihrer drei Trainer, ihrer zwei Pfleger und ihres Masseurs. Letzterer war nebenbei und vor Ort auch immer noch für die PR der Firma &#8220;Action Animals&#8221; von Gerry Therrien in Vancouver zuständig, weswegen laufend irgendwelche Radio- und Lokalzeitungs-Fritzen an den Drehorten aufkreuzten, wo die drei Wölfe vor der Kamera liefen oder schliefen. Kurzum: Trotz oder gerade wegen der ganzen unbarmherzigen Natur wurde der Dreh zusehends unnatürlicher &#8211; und für Außenstehende absurder.  Besonders die Wildhüter der Nationalparkverwaltung schienen das ganze mehr und mehr für ein Schwindelunternehmen à la &#8220;Borat&#8221; zu halten. Sie standen aber auch als eine Art Doppelagenten den Fernsehleuten gegenüber: Einerseits wurden sie dafür bezahlt, dass sie das Filmteam und die Wolfscrew mit deren Wölfen zu den gewünschten  Drehorten führten &#8211; und sogar die eine oder andere Tierart aufstöberten bzw. vor die Kamera trieben.</p>
<p>Andererseits waren sie aber auch deren Kontrolleure im Auftrag der Parkverwaltung, d.h. sie hatten darauf zu achten, dass das Filmteam nicht einem der 96 Parkverordnungen zuwiderhandelte, dass die Tiere des Waldes nicht &#8220;unnötig beunruhigt wurden&#8221;, usw. gleichzeitig waren sie aber auch dafür verantwortlich, dass es dem Filmteam an nichts mangelte und sie den besten Eindruck vom Nationalpark mit nach Hause nahmen. U.a. stellten sie immer wieder ihre leistungsstarken Funkgeräte zur Verfügung, die auch noch da funktionierten, wo die Handys der Filmer wieder mal in ein Funkloch geraten waren &#8211; z.B. als es galt, den angemieteten Hubschrauber für die Aufnahmen von oben zum Standort zu lotsen.  Am Ende kam dabei ein 22minütiger Film über &#8220;Die Tiere des Waldes im Winter&#8221; heraus, der dann lieblos zwischen Weihnachten und Neujahr von einigen Dritten Programmen ausgestrahlt wurde. Die Wildhüter, denen der Sender als Dank eine Kopie geschickt hatte, fassten sich an den Kopf, als sie den Film sahen &#8211; ob dieser grotesken Diskrepanz zwischen Aufwand und Wirkung.</p>
<p>Ein interessantes Filmtier-Problem tut sich gerade in Namibia auf. Dort halten eine Reihe von Leute sich neuerdings Wolfshunde. Weil es sich dabei um Kreuzungen zwischen Hunden und Wölfen handeln soll, wird das als nicht ganz ungefährlich angesehen. Nun gibt es aber in Namibia gar keine wild lebenden Wölfe und deswegen gingen einige Forscher dort der Frage nach: Wo dann die Wolfshunde herkommen? Ihre vorläufige Antwort lautet, dass mehrere ausländische Filmteams Außenaufnahmen in Namibia drehten, wobei sie einige mitgebrachte Wölfe frei ließen, um sie zu filmen. Diese Tiere seien nach Drehschluß im Land geblieben und hätten sich dort mit verwilderten Hunden gepaart. Eine kühne Abstammungsthese.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/pawlow-labor-hund.jpg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7588" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/pawlow-labor-hund-424x221.jpg" alt="" width="307" height="160" /></a></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/pawlow-laborhund2.jpg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7589" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/pawlow-laborhund2-424x229.jpg" alt="" width="310" height="167" /></a></p>
<p><em>Hund in Pawlows Labor</em></p>
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<p><strong>Tierliebe</strong></p>
<p><em>&#8220;Das Wohl der Tiere hat für die Bundesregierung hohe Priorität&#8221; (Ilse Aigner, Landwirtschaftsministerin)  </em></p>
<p>Kaum wurde bei der letzten Novellierung des Tierschutzgesetzes im Frühjahr den Zirkusunternehmen das Halten und Abrichten von Wildtieren verboten, weil sie diese nicht annähernd &#8220;artgerecht&#8221; halten können, steht schon wieder eine Novellierung dieses Gesetzes an: Mit dem selben Begriff &#8220;artgerecht&#8221; soll nun der sexuelle Mißbrauch von Tieren explizit unter Strafe gestellt werden. &#8220;Damit der Staat mehr Möglichkeiten hat,&#8221; wie eine Sprecherin des Deutschen Tierschutzbundes erklärte. Implizit war diese &#8220;Praxis&#8221; auch schon im alten Tierschutzgesetz bei Strafe verboten, indem es dort heißt, dass Tieren keine &#8220;vermeidbaren Leiden&#8221; zugefügt werden dürfen.</p>
<p>Die Tierschützer als Initiatoren der neuen Novelle behaupten jedoch, dass inzwischen gewissermaßen Gefahr im Verzuge sei &#8211; dass es nämlich in Deutschland bereits &#8220;Kreise organisierter Zoophilie&#8221; gäbe und die Eröffnung von &#8220;Tierbordellen&#8221; sozusagen kurz bevorstünde. 2011 hatte ich in einem Reportageband des Stern über Orang Utans auf Borneo gelesen, dass man dort kahlrasierte Weibchen in Bordellen halten würde. Weder die eine noch die andere Geschichte möchte ich glauben.</p>
<p>Wahr ist indes, dass mindestens im Internet sodomistische Pornos stark nachgefragt werden. Meist sind es arme Brasilianerinnen, die sich da in den Videoclips mit allen möglichen Tieren bis hin zu Fischen &#8220;befriedigen&#8221;. Zudem gibt es eine ganze Reihe deutschsprachiger Internetforen für Zoophile &#8211; ohne anrüchiges Bildmaterial. Und kürzlich wagte einer bereits ein &#8220;Coming-Out&#8221; &#8211; in der BZ, der er gestand, er liebe seinen Schäferhund, auch sexuell, aber nur, wenn der es auch wolle. Auch in der taz sprach der Vorsitzende des Vereins Zeta (Zoophiles Engagement für Toleranz und Aufklärung) kürzlich über seine Beziehung zu seinem Hund.</p>
<p>Die &#8220;Konjunktur&#8221; der Zoophilie, wie der Sexualverkehr mit Tieren auch heißt, darf überraschen: Seit dem US-Kinsey-Report in den Sechzigerjahren, in dem festgestellt wurde: &#8220;Das ländliche Pendant zur urbanen Masturbation&#8221; sei &#8220;die Sodomie&#8221;, war man davon ausgegangen, daß diese mit der Verstädterung und Industrialisierung sowie mit der durch die &#8220;Pille&#8221; ausgelösten &#8220;sexuellen Befreiung&#8221; langsam aussterben würde. Die Sodomie war sozusagen dem Mangel an zum Geschlechtsverkehr bereiten Frauen in Männergesellschaften geschuldet. Für diese These sprachen die wenigen in den letzten Jahrzehnten noch bekannt gewordenen Fälle, die meistens Randgruppen betrafen: Angetrunkene Soldaten, die im Manöver über eine Schafherde herfielen; ein arbeitsloser Hühnerficker, der sich hernach mit dem Argument verteidigte: sein Glied wäre so klein, dass ihm der Geschlechtsverkehr mit Frauen ganz unmöglich sei; Pitbullbesitzer, deren Freundinnen es unter Alkoholeinfluß mit ihren Hunden trieben usw.</p>
<p>Dagegen steht eine Stockholmer Studie aus dem Jahr 2004, die nahelegt, dass in Schweden, wo sämtliche die Gleichheit der Geschlechter verletzende Sexualbeziehungen unter Strafe gestellt wurden, all jene, die trotzdem und weiterhin solche &#8220;ungleichen&#8221; suchen, anscheinend auf die Sodomie ausgewichen sind. In Schweden werden jährlich 200-300 Tiere sexuell mißbraucht &#8211; Tendenz steigend.  Die taz berichtete bisher 150 mal über diese Praxis. In ihrem Feuilleton 1986 machte sie in diesem Zusammenhang eine &#8220;Neubesetzung des &#8216;Hündischen&#8217;&#8221; aus, dessen Impuls von den Künstlern ausgehe: In Paris führten zwei hessische Künstler eine Performance vor, in der Eva Braun von Hitler als Schäferhund gevögelt wurde. In Frankfurt stellte der Maler Johannes Beck eine großformatige Bildserie &#8220;Schäferhunde und Mösen&#8221; aus . Auch auf der Kölner Kunstmesse hieß des Thema bei den &#8220;Heftigen&#8221; &#8220;Frau mit Hund&#8221;, mit &#8220;Schäferhund&#8221; genauer gesagt. Dazu gehörte ein ausgestopfter Schäferhund, die Vorstellung einer neuen Avantgarde-Zeitschrift namens &#8216;Doggy&#8217; (hrsg. v. Gregor Pott) und Hundebilder in allen Stilen.</p>
<p>Der &#8216;Stern&#8217; zog nach &#8211; und veröffentlichte ein Photo von Dera Winger (&#8220;Staatsanwälte küßt man nicht&#8221;) &#8211; &#8220;in ungewohnter Pose&#8221;: wie sie auf einem Schäferhund liegt und ihm den Hals ableckt. Ähnlich zeigte sich dann auch die damals an einem neuen Image arbeitende Sängerin Nena, als sie sich in der Zeitschrift &#8220;Tempo&#8221; statt mit ihrem blonden Jüngling mit einem Schäferhund ablichten ließ, der ihr hingebungsvoll den Hals leckte. Das taz-Feuilleton fragte sich damals: &#8220;Wird an deutschen Schäferhunden dereinst die Welt gesunden? Und befinden wir uns dann immer noch in der Hegelschen Herr-Hund-Dialektik? Mit der zweiten deutschen Manager- Generation rückte die Domina bereits zum &#8216;Zeitgeist&#8217;-Thema auf. Tagsüber den &#8216;Herr&#8217; (F. J. Raddatz) spielen, abends den Hund rauslassen?&#8221;</p>
<p>Die Berliner Zeitung erinnerte nun daran, dass in den Niederlanden 2008 ein Friese, der &#8220;dutzendfach ein Pony vergewaltigt hatte&#8221;, vor Gericht freigesprochen wurde, weil dieses &#8220;Vergehen&#8221; damals nicht strafbar war. Der Tierschützer Henk ten Napel hatte anschließend gemeint: &#8220;Angesichts dessen ist es kein Wunder, dass die Niederlande die zweifelhafte Ehre haben, der größte Produzent von Tierpornos zu sein.&#8221; Auf der anderen Seite arbeitet die Schweiz inzwischen bereits an Individualrechten für Tiere. Und die Tier-Verhaltensforschung legt schon lange nahe, die Menschenrechte mindestens für die &#8220;Höheren Affen&#8221; zur Geltung zu bringen.</p>
<p>2009 kam es im Kreuzberger Kunstverein NGBK im Rahmen der Ausstellung &#8220;Tier-Werden/Mensch-Werden&#8221; zu einem öffentlichen &#8220;Referendum  &#8211; für die rechtsgültige Erlaubnis zur Zeugung gemeinsamen Nachwuchses von Menschen und Primaten zur Errichtung einer Fortpflanzungsgemeinschaft&#8221;&#8230; Kurz gesagt: Die Tierliebe ist ein kompliziertes Rechtsgut. Sie in Form der Zoophilie unter Strafe zu stellen &#8211; angesichts der zunehmend tierquälerischen Massentierhaltung und -tötung &#8211; rückt diesen Gesetzesentwurf in die Nähe jener neoliberalen Parlamentsaktivitäten, die nichts kosten und keine sozialen Verwerfungen mehr angehen, sondern ausschließlich der Bekämpfung nicht-normaler Muster der Lebensführung (Alkohol, Nikotin, Fast Food, Unterschichtfernsehen, Glühbirnen, Kopftuch) dienen.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/referendum.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7447" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/referendum.jpeg" alt="" width="293" height="207" /></a></p>
<p><em>&#8220;Referendum für die rechtsgültige Erlaubnis zur Zeugung&#8230;&#8221;<span style="font-size: medium">  </span></em></p>
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<p><span style="font-size: medium">Bereits 1927 versuchten der spätere »Held der Sowjetunion« Otto Julewitsch Schmidt und sein Institutsleiter Ilja Iwanowitsch Iwanow auf der von ihnen gegründeten Affenforschungsstation in Suchumi/Abchasien, Menschen mit Affen zu kreuzen &#8211; ohne <em>rechtsgültige Erlaubnis</em>. Damit wollten sie antikreationistisch gestimmt die nahe Verwandtschaft von Menschenaffen und Menschen beweisen. Der Versuch mißlang: Zwar gab es etliche experimentierfreudige Frauen, aber nur einen männlichen Schimpansen namens &#8220;Tarzan&#8221; und der starb, bevor es zum Äußersten kam. Erst seit 1972 weiß man, daß es nicht funktioniert hätte: Menschen und Menschenaffen haben sich bereits ähnlich wie afrikanische und asiatische Elefanten zu sehr auseinandergelebt. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Vor einigen Jahren kam eine Autorin in der ZDF-Kultursendung »Aspekte« noch einmal auf die Affen-Menschen-Experimente des Doyen der sowjetischen Psychoanalyse Otto Julewitsch Schmidt in Suchumi zurück. Ebenso wie dann auch die Bild-Zeitung war dabei wieder die Rede davon, daß dies geschah, weil Stalin »Untermenschen« bzw. »Arbeitssklaven« züchten wollte. </span></p>
<p><span style="font-size: medium">Zu einem anderen Resultat gelangten dann auch zwei Biologiehistorikerinnen, Julia Voss und Margarete Vöhringer, in einem Aufsatz über das Moskauer »Darwin-Museum«. Voss und Vöhringer zufolge ging es bei den Affenzüchtungsexperimenten in Suchumi um zweckfreie Forschung: »Es scheint, als hätten die Aufklärer in Rußland die Engführung des Vergleichs von Affe und Mensch im Sinn [gehabt]. Nur, zu welchem Zweck? Während es den reaktionären deutschen »Darwinisten« um die nahe Verwandtschaft von »Primitiven und Primaten« gegangen war, die sie z.B. gerne fotografisch durch Gegenüberstellungen von »Negerkindern und Gorillababys« demonstrierten, ging es im revolutionären Rußland in den zwanziger Jahren laut Voss und Vöhringer »um die Schließung des &#8216;Missing Link&#8217; zwischen Mensch und Tier«. </span></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/tierversuche.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7450" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/tierversuche.jpeg" alt="" width="263" height="192" /></a></p>
<p><em>Affenversuche im Labor, heimlich photographiert<br />
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<p>Im Gegensatz zu René Descartes, der die Tiere als gefühllose &#8220;Maschinen&#8221; begriff, hat Michel de Montaigne, die Kluft zwischen Mensch und Tier zu überbrücken versucht. In seinem Essay &#8220;Die Tiere entdecken einander ihre Gedanken, so gut als Menschen&#8221; schrieb er 1580: &#8220;Wir müssen nur auf die Gleichheit, die zwischen uns und ihnen ist, Achtung geben. Wir verstehen mittelmäßig, was die Tiere haben wollen; und fast eben so gut verstehen auch uns die Tiere. Sie schmeicheln, sie drohen, sie ersuchen uns: und dieses tun wir auch gegen sie. Übrigens sehen wir sehr deutlich, dass unter ihnen ein vollkommenes Verständnis ist; und dass nicht nur diejenigen, die von einerlei Art sind, sondern auch Tiere von verschiedenen Arten, einander verstehen.</p>
<p>&#8220;Die unterschiedlichen Tiere, sowohl die zahmen als die wilden, bringen unterschiedene Töne hervor, nachdem entweder Furcht, oder Schmerz, oder Freude in ihnen wirken.&#8221; Lucretius.</p>
<p>Aus einem gewissen Bellen des Hundes erkennt das Pferd, dass er zornig ist; vor einer andern Stimme von ihm entsetzt es sich nicht. Selbst bei denjenigen Tieren, die keine Stimme haben, können wir aus den gegenseitigen Dienstbezeigungen leichtlich schließen, dass sie durch irgend ein anderes Mittel ein Verständnis mit einander unterhalten müssen. Ihre Bewegungen reden.</p>
<p>&#8220;Nicht viel anders, als wie das Unvermögen der Zunge die Kinder ihre Zuflucht zu den Gebärden zu nehmen zwingt.&#8221; Lucretius</p>
<p>Warum geht dieses alles nicht eben sowohl an, als dass unsere Stummen mit einander disputieren, Schlüsse machen, und Geschichte durch Zeichen erzählen? Ich habe unterschiedliche gesehen, die hierinnen so geschickt und fertig waren, dass sie sich in der Tat vollkommen verständlich erklären konnten. Die Verliebten zürnen, versöhnen sich wieder, bitten, danken einander, bestellen einander, und sagen einander alles mit den Augen.</p>
<p>&#8220;Das Stillschweigen selbst hat seine Sprache. Es kann bitten, und sich verständlich machen.&#8221; Aminta del Tasso. Atto II nel Choro</p>
<p>Was tun wir nicht alles mit den Händen? Wir ersuchen, versprechen, rufen, beurlauben, drohen, bitten, flehen, verneinen, versagen, fragen, bewundern, zählen, bekennen, bereuen, fürchten, schämen, zweifeln, unterweisen, befehlen, reitzen, ermuntern, schwören, bezeugen, beschuldigen, verdammen, sprechen los, schimpfen, verachten, trotzen, zürnen, schmäucheln, loben, segnen, demütigen, spotten, versöhnen, empfehlen, erhöhen, empfangen, erfreuen, beklagen, betrüben, verzweifeln, erstaunen, rufen aus, schweigen stille. Wir verändern und vervielfältigen die Bewegungen derselben so gut, als die Bewegungen der Zunge. Mit dem Kopfe rufen wir, und fertigen auch wieder ab. Mit dem Kopfe bekennen, leugnen, widersprechen, bewillkommen, ehren, verehren, verachten, fordern, verweigern, erfreuen, trauren, liebkosen, schelten, trotzen, ermahnen, drohen, versichern, fragen wir? Was tun wir nicht mit den Augenbrauen? Was nicht mit den Schultern? Alle Bewegungen reden, und zwar eine ohne allen Unterricht verständliche Sprache, eine ganz gemeine Sprache. Hieraus ist zu schliessen, wenn man die Verschiedenheit und den mannigfaltigen Gebrauch der andern Sprachen betrachtet, dass diese hier der menschlichen Natur gemäßer sein muß. Ich übergehe dasjenige, was besonders die Not denenjenigen geschwind davon lehrt, die es brauchen: sowohl als die Fingeralphabete, und Sprachlehren in Gebärden, nebst den Wissenschaften, welche bloß durch dieselbigen ausgeübt und ausgedrückt werden. Ich will auch derjenigen Völker nicht gedenken, von denen Plinius sagt, dass sie gar keine andere Sprache hätten. Als ein Abgesandter der Stadt Abdera lange vor dem Könige zu Sparta, Agis, geredet hatte, und ihn endlich fragte: Nun Herr, was soll ich unsern Bürgern für eine Antwort bringen? so antwortete dieser: Dass ich dich alles, was du gewollt hast, und so lange du gewollt hast, habe sagen lassen, ohne ein einziges Wort zu reden. War dieses nicht ein redendes und sehr verständliches Schweigen?</p>
<p>Zu dem Schweigen sei noch einige Erfahrungen in Meditationszentren hinzugefügt: Dort müssen die Teilnehmer u.U. wochen- und monatelang schweigen. Dabei entwickeln sie ihre nonverbale Kommunikationsfähigkeit; registrieren Unterschiede, die den sprachlichen z.T. genau entgegengesetzt sind: &#8220;Mit einigen versteht man sich leicht und gut, mit anderen immer falsch&#8221;; brauchen bald nicht einmal mehr Gesten, um sich zu verständigen; und denken irgendwann nicht mehr in Sprache, sondern in Gegenständen und Farben z.B..Umgekehrt hat man z.B. festgestellt, dass Leute, die sich ihre Gesichtshaut mit Botox straffen, immer weniger mit Gesichtsausdrücken kommunizieren, und nicht nur das, sie können bald auch bei Anderen diese nonverbale Kommunikation nicht mehr wahrnehmen.</p>
<p>Noch mal Montaigne: &#8220;Tiere folgen ihren Neigungen ebenso frei, als die Menschen</p>
<p>Ich sage also, um wieder auf mein Vorhaben zu kommen, dass man ohne einen wahrscheinlichen Grund annimmt, die Tiere täten eben das aus einer natürlichen und gezwungenen Neigung, was wir aus eigner Wahl und mit Bedachte vornehmen. Wir müssen aus gleichen Wirkungen auf gleiche Kräfte, und aus vollkommeneren Wirkungen auf vollkommenere Kräfte schließen, und folglich bekennen, dass sich eben die Vernunft, und eben die Art zu verfahren, welche wir beobachten, oder vielleicht eine bessere, auch bei den Tieren findet. Warum bilden wir uns diesen natürlichen Zwang bei ihnen ein, da wir doch keine dergleichen Wirkung davon wahrnehmen? Hierzu kommt noch, dass es weit rühmlicher für ein Wesen ist, wenn es durch eine natürliche und unvermeidliche Bestimmung, und welche der Gottheit näher kommt, ordentlich zu handeln geleitet und verbunden wird, als wenn es nach einer vermessenen und unbestimmten Freiheit ordentlich handelt; und dass es ferner sicherer ist, der Natur, als uns, die Zügel bei unserer Aufführung zu lassen. Unser eitler Hochmut macht, dass wir unsere Geschicklichkeit lieber unsern Kräften, als ihrer Freigebigkeit zu danken haben wollen. Wir bereichern die andern Tiere mit natürlichen Gütern, und überlassen sie ihnen, um uns durch erworbene Güter hervor zu tun, und zu adeln. Eine große Einfalt, wie mich dünkt! Denn, ich würde mir doch wenigstens eben so viel auf meine eigentümlichen und natürlichen Reize, als auf die erbettelten und gekünstelten einbilden. Wir können uns keinen schöneren Ruhm, als diesen erwerben, dass uns Gott und die Natur günstig sind.&#8221;</p>
<p>Für Montaigne ist die Überheblichkeit des modernen Menschen nichts als &#8220;leere Einbildung&#8221;, in seiner schieren Umdrehung des abendländischen  Natur-Kultur-Verständnisses relativiert er auch gleich unser Verständnis von der Überlegenheit der gesprochenen (und geschriebenen) Sprache gegenüber allen anderen Formen der Kommunikation &#8211; der Logik gegenüber dem &#8220;Wilden Denken&#8221;. Dabei kommt er u.a. auf die Gebärden- bzw. Gehörlosensprache zu sprechen.</p>
<p>Erst 170 Jahre später wurde in Paris die erste öffentliche Schule für taube Kinder eröffnet. In der Folgezeit wurde die &#8220;Französische Gebärdensprache&#8221; (LSF)  die &#8220;Mutter von verschiedenen anderen Gebärdensprachen, so der Österreichischen Gebärdensprache und  der American Sign Language (ASL), da die Gebärdensprache erstmals in Frankreich richtig gefördert wurde,&#8221; heißt es bei Wikipedia, aus dem man aber für  wissenschaftliche Publikationen (noch) nicht schöpfen darf.</p>
<p>Die amerikanische Biopsychologin Sue Savage-Rumbaugh begann ihre Spracherwerbsforschung mit Schimpansen, indem sie ihnen die ASL beibrachte. Als sie diese Arbeit mit dem Bonobo-Männchen Kanzi fortsetzte, ging sie erst von der Gebärdensprache zu einer Symbolsprache über und verlegte dann ihre Aufmerksamkeit vom Worte lernen auf das Verstehen. Kanzi konnte nicht nur per Tastendruck mit 256 Symbolen kommunizieren, sondern verstand auch das Englisch der Forscher zunehmend  besser. Sue Savage-Rumbaugh kommt in ihrem Buch über den Affen zu dem Schluß, &#8220;dass Kanzi wie Menschen in der Lage ist, spontan Sprache zu erwerben, eine umfangreiche Verständnisfähigkeit zu entwickeln und eigene grammatikalische Regeln zu erfinden, wie es die Vorfahren der Menschen einst getan haben.&#8221;</p>
<p>Zum Ursprung der Sprache schreibt sie, dass &#8220;Sprache und manuelle Fähigkeiten&#8221; sich wahrscheinlich &#8220;gemeinsam entwickelt haben&#8221;. Das klingt nach Friedrich Engels&#8217; &#8211; seine Ausführungen über den &#8220;Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen&#8221; in seinem Werk &#8220;Dialektik der Natur&#8221; z.B.. Dort heißt es:</p>
<p>Wenn der aufrechte Gang bei unsern behaarten Vorfahren zuerst Regel und mit der Zeit eine Notwendigkeit werden sollte, so setzt dies voraus, daß den Händen inzwischen mehr und mehr anderweitige Tätigkeiten zufielen. Auch bei den Affen herrscht schon eine gewisse Teilung der Verwendung von Hand und Fuß. Die Hand wird, wie schon erwähnt, beim Klettern in andrer Weise gebraucht als der Fuß. Sie dient vorzugsweise zum Pflücken und Festhalten der Nahrung, wie dies schon bei niederen Säugetieren mit den Vorderpfoten geschieht. Mit ihr bauen sich manche Affen Nester in den Bäumen oder gar, wie der Schimpanse, Dächer zwischen den Zweigen zum Schutz gegen die Witterung. Mit ihr ergreifen sie Knüttel zur Verteidigung gegen Feinde oder bombardieren diese mit Früchten und Steinen. Mit ihr vollziehen sie in der Gefangenschaft eine Anzahl einfacher, den Menschen abgesehener Verrichtungen. Aber grade hier zeigt sich, wie groß der Abstand ist zwischen der unentwickelten Hand selbst der menschenähnlichsten Affen und der durch die Arbeit von Jahrhunderttausenden hoch ausgebildeten Menschenhand. Die Zahl und allgemeine Anordnung der Knochen und Muskeln stimmen bei beiden; aber die Hand des niedrigsten Wilden kann Hunderte von Verrichtungen ausführen, die keine Affenhand ihr nachmacht. Keine Affenhand hat je das rohste Steinmesser verfertigt.  Die Verrichtungen, denen unsre Vorfahren im Übergang vom Affen zum Menschen im Lauf vieler Jahrtausende allmählich ihre Hand anpassen lernten, können daher anfangs nur sehr einfache gewesen sein.</p>
<p>Die niedrigsten Wilden, selbst diejenigen, bei denen ein Rückfall in einen mehr tierähnlichen Zustand mit gleichzeitiger körperlicher Rückbildung anzunehmen ist, stehn immer noch weit höher als jene Übergangsgeschöpfe. Bis der erste Kiesel durch Menschenhand zum Messer verarbeitet wurde, darüber mögen Zeiträume verflossen sein, gegen die die uns bekannte geschichtliche Zeit unbedeutend erscheint. Aber der entscheidende Schritt war getan: Die Hand war frei geworden und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten erwerben, und die damit erworbene größere Biegsamkeit vererbte und vermehrte sich von Geschlecht zu Geschlecht.  So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt. Nur durch Arbeit, durch Anpassung an immer neue Verrichtungen, durch Vererbung der dadurch erworbenen besondern Ausbildung der Muskel, Bänder, und in längeren Zeiträumen auch der Knochen, und durch immer erneuerte Anwendung dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets ver- |446| wickeltere Verrichtungen hat die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkommenheit erhalten, auf dem sie Raffaelsche Gemälde, Thorvaldsensche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern konnte.  Aber die Hand stand nicht allein. Sie war nur ein einzelnes Glied eines ganzen, höchst zusammengesetzten Organismus. Und was der Hand zugute kam, kam auch dem ganzen Körper zugute, in dessen Dienst sie arbeitete &#8211; und zwar doppelter Weise.  Zuerst infolge des Gesetzes der Korrelation des Wachstums, wie Darwin es genannt hat. Nach diesem Gesetz sind bestimmte Formen einzelner Teile eines organischen Wesens stets an gewisse Formen andrer Teile geknüpft, die scheinbar gar keinen Zusammenhang mit jenen haben. So haben alle Tiere, welche rote Blutzellen ohne Zellenkern besitzen und deren Hinterkopf mit dem ersten Rückgratswirbel durch zwei Gelenkstellen (Kondylen) verbunden ist, ohne Ausnahme auch Milchdrüsen zum Säugen der Jungen. So sind bei Säugetieren gespaltene Klauen regelmäßig mit dem mehrfachen Magen zum Wiederkäuen verbunden. Änderungen bestimmter Formen ziehn Änderungen der Form andrer Körperteile nach sich, ohne daß wir den Zusammenhang erklären können. Ganz weiße Katzen mit blauen Augen sind immer, oder beinahe immer, taub.</p>
<p>Die allmähliche Verfeinerung der Menschenhand und die mit ihr Schritt haltende Ausbildung des Fußes für den aufrechten Gang hat unzweifelhaft auch durch solche Korrelation auf andre Teile des Organismus rückgewirkt. Doch ist diese Einwirkung noch viel zu wenig untersucht, als daß wir hier mehr tun könnten, als sie allgemein konstatieren.  Weit wichtiger ist die direkte, nachweisbare Rückwirkung der Entwicklung der Hand auf den übrigen Organismus. Wie schon gesagt, waren unsre äffischen Vorfahren gesellig; es ist augenscheinlich unmöglich, den Menschen, das geselligste aller Tiere, von einem ungeselligen nächsten Vorfahren abzuleiten. Die mit der Ausbildung der Hand, mit der Arbeit, beginnende Herrschaft über die Natur erweiterte bei jedem neuen Fortschritt den Gesichtskreis des Menschen. An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher unbekannte Eigenschaften. Andrerseits trug die Ausbildung der Arbeit notwendig dazu bei, die Gesellschaftsglieder näher aneinanderzuschließen, indem sie die Fälle gegenseitiger Unterstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und das Bewußtsein von der Nützlichkeit dieses Zusammenwirkens für jeden einzelnen klärte. Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin, daß sie einander etwas zu sagen hatten. Das Bedürfnis schuf sich sein Organ: Der unentwickelte Kehlkopf des Affen bildete sich langsam aber sicher um, durch Modulation für stets gesteigerte  Modulation, und die Organe des Mundes lernten allmählich einen artikulierten Buchstaben nach dem andern aussprechen.  Daß diese Erklärung der Entstehung der Sprache aus und mit der Arbeit die einzig richtige ist, beweist der Vergleich mit den Tieren. Das wenige, was diese, selbst die höchstentwickelten, einander mitzuteilen haben, können sie einander auch ohne artikulierte Sprache mitteilen. Im Naturzustand fühlt kein Tier es als einen Mangel, nicht sprechen oder menschliche Sprache nicht verstehn zu können. Ganz anders, wenn es durch Menschen gezähmt ist. Der Hund und das Pferd haben im Umgang mit Menschen ein so gutes Ohr für artikulierte Sprache erhalten, daß sie jede Sprache leicht soweit verstehn lernen, wie ihr Vorstellungskreis reicht. Sie haben sich ferner die Fähigkeit für Empfindungen wie Anhänglichkeit an Menschen, Dankbarkeit usw. erworben, die ihnen früher fremd waren; und wer viel mit solchen Tieren umgegangen ist, wird sich kaum der Überzeugung verschließen können, daß es Fälle genug gibt, wo sie jetzt die Unfähigkeit zu sprechen als einen Mangel empfinden, dem allerdings bei ihren allzusehr in bestimmter Richtung spezialisierten Stimmorganen leider nicht mehr abzuhelfen ist. Wo aber das Organ vorhanden ist, da fällt auch diese Unfähigkeit innerhalb gewisser Grenzen weg.</p>
<p>Die Mundorgane der Vögel sind sicher so verschieden wie nur möglich von denen des Menschen, und doch sind Vögel die einzigen Tiere, die sprechen lernen; und der Vogel mit der abscheulichsten Stimme, der Papagei, spricht am besten. Man sage nicht, er verstehe nicht, was er spricht. Allerdings wird er aus reinem Vergnügen am Sprechen und an der Gesellschaft von Menschen stundenlang seinen ganzen Wortreichtum plappernd wiederholen. Aber soweit sein Vorstellungskreis reicht, soweit kann er auch verstehen lernen, was er sagt. Man lehre einen Papagei Schimpfwörter, so daß er eine Vorstellung von ihrer Bedeutung bekommt (ein Hauptvergnügen aus heißen Ländern zurücksegelnder Matrosen); man reize ihn, und man wird bald finden, daß er seine Schimpfwörter ebenso richtig zu verwerten weiß wie eine Berliner Gemüsehökerin. Ebenso beim Betteln um Leckereien.  Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache &#8211; das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommnere eines Menschen allmählich übergegangen ist. Mit der Fortbildung des Gehirns aber ging Hand in Hand die Fortbildung seiner nächsten Werkzeuge, der Sinnesorgane. Wie schon die Sprache in ihrer allmählichen Ausbildung notwendig begleitet wird von einer entsprechenden Verfeinerung des Gehörorgans, so die Ausbildung des Gehirns überhaupt von der der sämtlichen Sinne. Der Adler sieht viel weiter als der Mensch, aber des Menschen Auge sieht viel mehr an den Dingen als das des Adlers. Der Hund hat eine weit feinere Spürnase als der Mensch, aber er unterscheidet nicht den hundertsten Teil der Gerüche, die für diesen bestimmte Merkmale verschiedner Dinge sind. Und der Tastsinn, der beim Affen kaum in seinen rohsten Anfingen existiert, ist erst mit der Menschenhand selbst, durch die Arbeit, herausgebildet worden.  Die Rückwirkung der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstraktions- und Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoß zur Weiterbildung, einer Weiterbildung, die nicht etwa einen Abschluß fand, sobald der Mensch endgültig vom Affen geschieden war, sondern die seitdem bei verschiednen Völkern und zu verschiednen Zeiten verschieden nach Grad und Richtung, stellenweise selbst unterbrochen durch örtlichen und zeitlichen Rückgang, im ganzen und großen gewaltig vorangegangen ist; einerseits mächtig vorangetrieben, andrerseits in bestimmtere Richtungen gelenkt durch ein mit dem Auftreten des fertigen Menschen neu hinzutretendes Element &#8211; die Gesellschaft.</p>
<p>Hunderttausende von Jahren &#8211; in der Geschichte der Erde nicht mehr als eine Sekunde im Menschenleben &#8211; sind sicher vergangen, ehe aus dem Rudel baumkletternder Affen eine Gesellschaft von Menschen hervorgegangen war. Aber schließlich war sie da. Und was finden wir wieder als den bezeichnenden Unterschied zwischen Affenrudel und Menschengesellschaft? Die Arbeit. Das Affenrudel begnügte sich damit, seinen Futterbezirk abzuweiden, der ihm durch die geographische Lage oder durch den Widerstand benachbarter Rudel zugeteilt war; es unternahm Wanderungen und Kämpfe, um neues Futtergebiet zu gewinnen, aber es war unfähig, aus dem Futterbezirk mehr herauszuschlagen, als er von Natur bot, außer daß es ihn unbewußt mit seinen Abfällen düngte. Sobald alle möglichen Futterbezirke besetzt waren, konnte keine Vermehrung der Affenbevölkerung mehr stattfinden; die Zahl der Tiere konnte sich höchstens gleichbleiben. Aber bei allen Tieren findet Nahrungsverschwendung in hohem Grade statt, und daneben Ertötung des Nahrungsnachwuchses im Keime. Der Wolf schont nicht, wie der Jäger, die Rehgeiß, die ihm im nächsten Jahr die Böcklein liefern soll; die Ziegen in Griechenland, die das junge Gestrüpp abweiden, eh&#8217; es heranwächst, haben alle Berge des Landes kahlgefressen. Dieser »Raubbau« der Tiere spielt bei der allmählichen Umwandlung der Arten eine wichtige Rolle, indem er sie zwingt, andrer als der gewohnten Nahrung sich anzubequemen, wodurch ihr Blut andre chemische Zusammensetzung bekommt und die ganze Körperkonstitution allmählich eine andre wird, während die einmal fixierten Arten absterben. Es ist nicht zu bezweifeln, daß dieser Raubbau mächtig zur Menschwerdung unsrer Vorfahren beigetragen hat. Bei einer Affenrasse, die an Intelligenz und Anpassungsfähigkeit allen andern weit voraus war, mußte er dahin führen, daß die Zahl der Nahrungspflanzen sich mehr und mehr ausdehnte, daß von den Nahrungspflanzen mehr und mehr eßbare Teile zur Verzehrung kamen, kurz, daß die Nahrung immer mannigfacher wurde und mit ihr die in den Körper eingehenden Stoffe, die chemischen Bedingungen der Menschwerdung. Das alles war aber noch keine eigentliche Arbeit. Die Arbeit fängt an mit der Verfertigung von Werkzeugen. Und was sind die ältesten Werkzeuge, die wir vorfinden? Die ältesten, nach den vorgefundenen Erbstücken vorgeschichtlicher Menschen und nach der Lebensweise der frühesten geschichtlichen Völker wie der rohesten jetzigen Wilden zu urteilen? Werkzeuge der Jagd und des Fischfangs, erstere zugleich Waffen. Jagd und Fischfang aber setzen den Übergang von der bloßen Pflanzennahrung zum Mitgenuß des Fleisches voraus, und hier haben wir wieder einen wesentlichen Schritt zur Menschwerdung.</p>
<p>Die Fleischkost enthielt in fast fertigem Zustand die wesentlichsten Stoffe, deren der Körper zu seinem Stoffwechsel bedarf; sie kürzte mit der Verdauung die Zeitdauer der übrigen vegetativen, dem Pflanzenleben entsprechenden Vorgänge im Körper ab und gewann damit mehr Zeit, mehr Stoff und mehr Lust für die Betätigung des eigentlich tierischen (animalischen) Lebens. Und je mehr der werdende Mensch sich von der Pflanze entfernte, desto mehr erhob er sich auch über das Tier. Wie die Gewöhnung an Pflanzennahrung neben dem Fleisch die wilden Katzen und Hunde zu Dienern des Menschen gemacht, so hat die Angewöhnung an die Fleischnahrung neben der Pflanzenkost wesentlich dazu beigetragen, dem werdenden Menschen Körperkraft und Selbständigkeit zu geben. Am wesentlichsten aber war die Wirkung der Fleischnahrung auf das Gehirn, dem nun die zu seiner Ernährung und Entwicklung nötigen Stoffe weit reichlicher zuflossen als vorher, und das sich daher von Geschlecht zu Geschlecht rascher und vollkommener ausbilden konnte. Mit Verlaub der Herren Vegetarianer, der Mensch ist nicht ohne Fleischnahrung zustande gekommen, und wenn die Fleischnahrung auch bei allen uns bekannten Völkern zu irgendeiner Zeit einmal zur Menschenfresserei geführt hat (die Vorfahren der Berliner, die Weletaben oder Wilzen, aßen ihre Eltern noch im 10. Jahrhundert), so kann uns das heute nichts mehr ausmachen.</p>
<p>Die Fleischkost führte zu zwei neuen Fortschritten von entscheidender Bedeutung: zur Dienstbarmachung des Feuers und zur Zähmung von Tieren. Die erstere kürzte den Verdauungsprozeß noch mehr ab, indem sie die Kost schon sozusagen halbverdaut an den Mund brachte, die zweite machte die Fleischkost reichlicher, indem sie neben der Jagd eine neue regelmäßigere Bezugsquelle dafür eröffnete, und lieferte außerdem in der Milch und ihren Produkten ein neues, dem Fleisch an Stoffmischung mindestens gleichwertiges Nahrungsmittel. So wurden beide schon direkt neue Emanzipationsmittel für den Menschen; auf ihre indirekten Wirkungen im einzelnen einzugehn, würde uns hier zu weit führen, von so hoher Wichtigkeit sie auch für die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft gewesen sind.  Wie der Mensch alles Eßbare essen lernte, so lernte er auch in jedem Klima leben. Er verbreitete sich über die ganze bewohnbare Erde, er, das einzige Tier, das in sich selbst die Machtvollkommenheit dazu besaß. Die andren Tiere, die sich an alle Klimata gewöhnt haben, haben dies nicht aus sich selbst, nur im Gefolge des Menschen, gelernt: Haustiere und Ungeziefer. Und der Übergang aus dem gleichmäßig heißen Klima der Urheimat in kältere Gegenden, wo das Jahr sich in Winter und Sommer teilte, schuf neue Bedürfnisse: Wohnung und Kleidung zum Schutz gegen Kälte und Nässe, neue Arbeitsgebiete und damit neue Betätigungen, die den Menschen immer weiter vom Tier entfernten.  Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorganen und Gehirn nicht allein bei jedem einzelnen, sondern auch in der Gesellschaft, wurden die Menschen befähigt, immer verwickeltere Verrichtungen auszuführen, immer höhere Ziele sich zu stellen und zu erreichen. Die Arbeit selbst wurde von Geschlecht zu Geschlecht eine andre, vollkommnere, vielseitigere. Zur Jagd und Viehzucht trat der Ackerbau, zu diesem Spinnen und Weben, Verarbeitung der Metalle, Töpferei, Schiffahrt. Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst und Wissenschaft, aus Stämmen wurden Nationen und Staaten. Recht und Politik entwickelten sich, und mit ihnen das phantastische Spiegelbild der menschlichen Dinge im menschlichen Kopf: die Religion.</p>
<p>Vor allen diesen Gebilden, die zunächst als Produkte des Kopfs sich darstellten und die die menschlichen Gesellschaften zu beherrschen schienen, traten die bescheidneren Erzeugnisse der arbeitenden Hand in den Hintergrund; und zwar um so mehr, als der die Arbeit planende  Kopf schon auf einer sehr frühen Entwicklungsstufe der Gesellschaft (z.B. schon in der einfachen Familie) die geplante Arbeit durch andre Hände ausführen lassen konnte als die seinigen. Dem Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns, wurde alles Verdienst an der rasch fortschreitenden Zivilisation zugeschrieben; die Menschen gewöhnten sich daran, ihr Tun aus ihrem Denken zu erklären statt aus ihren Bedürfnissen (die dabei allerdings im Kopf sich widerspiegeln, zum Bewußtsein kommen) &#8211; und so entstand mit der Zeit jene idealistische Weltanschauung, die namentlich seit Untergang der antiken Welt die Köpfe beherrscht hat. Sie herrscht noch so sehr, daß selbst die materialistischsten Naturforscher der Darwinschen Schule sich noch keine klare Vorstellung von der Entstehung des Menschen machen können, weil sie unter jenem ideologischen Einfluß die Rolle nicht erkennen, die die Arbeit dabei gespielt hat.</p>
<p>Die Tiere, wie schon angedeutet, verändern durch ihre Tätigkeit die äußere Natur ebensogut, wenn auch nicht in dem Maße wie der Mensch, und diese durch sie vollzogenen Änderungen ihrer Umgebung wirken, wie wir sahen, wieder verändernd auf ihre Urheber zurück. Denn in der Natur geschieht nichts vereinzelt. Jedes wirkt aufs andre und umgekehrt, und es ist meist das Vergessen dieser allseitigen Bewegung und Wechselwirkung, das unsre Naturforscher verhindert, in den einfachsten Dingen klarzusehn. Wir sahen, wie die Ziegen die Wiederbewaldung von Griechenland verhindern; in Sankt Helena haben die von den ersten Anseglern ans Land gesetzten Ziegen und Schweine es fertiggebracht, die alte Vegetation der Insel fast ganz auszurotten, und so den Boden bereitet, auf dem die von späteren Schiffern und Kolonisten zugeführten Pflanzen sich ausbreiten konnten. Aber wenn die Tiere eine dauernde Einwirkung auf ihre Umgebung ausüben, so geschieht dies unabsichtlich und ist, für diese Tiere selbst, etwas Zufälliges. Je mehr die Menschen sich aber vom Tier entfernen, desto mehr nimmt ihre Einwirkung auf die Natur den Charakter vorbedachter, planmäßiger, auf bestimmte, vorher bekannte Ziele gerichteter Handlung an. Das Tier vernichtet die Vegetation eines Landstrichs, ohne zu wissen, was es tut. Der Mensch vernichtet sie, um in den freigewordnen Boden Feldfrüchte zu säen oder Bäume und Reben zu pflanzen, von denen er weiß, daß sie ihm ein Vielfaches der Aussaat einbringen werden. Er versetzt Nutzpflanzen und Haustiere von einem Land ins andre und ändert so die Vegetation und das Tierleben ganzer Weltteile. Noch mehr. Durch künstliche Züchtung werden Pflanzen wie Tiere unter der Hand des Menschen in einer Weise verändert, daß sie nicht wiederzuerkennen sind.</p>
<p>Die wilden Pflanzen, von denen unsre Getreidearten abstammen, werden noch vergebens gesucht. Von welchem wilden Tier unsre Hunde, die selbst unter sich so verschieden sind, oder unsre ebenso zahlreichen Pferderassen abstammen, ist noch immer streitig.  Es versteht sich übrigens von selbst, daß es uns nicht einfällt, den Tieren die Fähigkeit planmäßiger, vorbedachter Handlungsweise abzustreiten. Im Gegenteil. Planmäßige Handlungsweise existiert im Keime schon überall, wo Protoplasma, lebendiges Eiweiß existiert und reagiert, d.h. bestimmte, wenn auch noch so einfache Bewegungen als Folge bestimmter Reize von außen vollzieht. Solche Reaktion findet statt, wo noch gar keine Zelle, geschweige eine Nervenzelle, besteht. Die Art, wie insektenfressende Pflanzen ihre Beute abfangen, erscheint ebenfalls in gewisser Beziehung als planmäßig, obwohl vollständig bewußtlos. Bei den Tieren entwickelt sich die Fähigkeit bewußter, planmäßiger Aktion im Verhältnis zur Entwicklung des Nervensystems und erreicht bei den Säugetieren eine schon hohe Stufe.</p>
<p>Auf der englischen Fuchsparforcejagd kann man täglich beobachten, wie genau der Fuchs seine große Ortskenntnis zu verwenden weiß, um seinen Verfolgern zu entgehn, und wie gut er alle Bodenvorteile kennt und benutzt, die die Fährte unterbrechen. Bei unsern im Umgang mit Menschen höher entwickelten Haustieren kann man tagtäglich Streiche der Schlauheit beobachten, die mit denen menschlicher Kinder ganz auf derselben Stufe stehn. Denn wie die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Keims im Mutterleibe nur eine abgekürzte Wiederholung der millionenjährigen körperlichen Entwicklungsgeschichte unsrer tierischen Vorfahren, vom Wurm angefangen, darstellt, so die geistige Entwicklung des menschlichen Kindes eine, nur noch mehr abgekürzte, Wiederholung der intellektuellen Entwicklung derselben Vorfahren, wenigstens der späteren. Aber alle planmäßige Aktion aller Tiere hat es nicht fertiggebracht, der Erde den Stempel ihres Willens aufzudrücken. Dazu gehörte der Mensch.  Kurz, das Tier benutzt die äußere Natur bloß und bringt Änderungen in ihr einfach durch seine Anwesenheit zustande; der Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt.</p>
<p>Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu |453| oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Die Italiener der Alpen, als sie die am Nordabhang des Gebirgs so sorgsam gehegten Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, daß sie damit der Sennwirtschaft auf ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, daß sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene ergießen könnten. Die Verbreiter der Kartoffel in Europa wußten nicht, daß sie mit den mehligen Knollen zugleich die Skrofelkrankheit verbreiteten.</p>
<p>Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht &#8211; sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.  Und in der Tat lernen wir mit jedem Tag ihre Gesetze richtiger verstehn und die näheren und entfernteren Nachwirkungen unsrer Eingriffe in den herkömmlichen Gang der Natur erkennen. Namentlich seit den gewaltigen Fortschritten der Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt, auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen zu lernen. Je mehr dies aber geschieht, desto mehr werden sich die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen, sondern auch wissen, und je unmöglicher wird jene widersinnige und widernatürliche Vorstellung von einem Gegensatz zwischen Geist und Materie, Mensch und Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem Verfall des klassischen Altertums in Europa aufgekommen und im Christentum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.</p>
<p>Hat es aber schon die Arbeit von Jahrtausenden erfordert, bis wir einigermaßen lernten, die entferntern natürlichen Wirkungen unsrer auf die Produktion gerichteten Handlungen zu berechnen, so war dies noch weit schwieriger in bezug auf die entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen dieser Handlungen. Wir erwähnten die Kartoffel und in ihrem Gefolge die Ausbreitung der Skrofeln. Aber was sind die Skrofeln gegen die Wirkungen, die die Reduktion der Arbeiter auf Kartoffelnahrung auf die Lebenslage der Volksmassen ganzer Länder hatte, gegen die Hungersnot, die 1847 im Gefolge der Kartoffelkrankheit Irland betraf, eine Million kartoffel- und fast nur kartoffelessender Irländer unter die Erde und zwei Millionen über das Meer warf? Als die Araber den Alkohol destillieren lernten, ließen sie sich nicht im Traume einfallen, daß sie damit eins der Hauptwerkzeuge geschaffen, womit die Ureinwohner des damals noch gar nicht entdeckten Amerikas aus der Welt geschafft werden sollten. Und als dann Kolumbus dies Amerika entdeckte, wußte er nicht, daß er damit die in Europa längst überwundne Sklaverei zu neuem Leben erweckte und die Grundlage zum Negerhandel legte. Die Männer, die im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert an der Herstellung der Dampfmaschine arbeiteten, ahnten nicht, daß sie das Werkzeug fertigstellten, das mehr als jedes andre die Gesellschaftszustände der ganzen Welt revolutionieren und namentlich in Europa durch Konzentrierung des Reichtums auf Seite der Minderzahl, und der Besitzlosigkeit auf Seite der ungeheuren Mehrzahl, zuerst der Bourgeoisie die soziale und politische Herrschaft verschaffen, dann aber einen Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat erzeugen sollte, der nur mit dem Sturz der Bourgeoisie und der Abschaffung aller Klassengegensätze endigen kann. &#8211; Aber auch auf diesem Gebiet lernen wir allmählich, durch lange, oft harte Erfahrung und durch Zusammenstellung und Untersuchung des geschichtlichen Stoffs, uns über die mittelbaren, entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen unsrer produktiven Tätigkeit Klarheit zu verschaffen, und damit wird uns die Möglichkeit gegeben, auch diese Wirkungen zu beherrschen und zu regeln.  Um diese Regelung aber durchzuführen, dazu gehört mehr als die bloße Erkenntnis. Dazu gehört eine vollständige Umwälzung unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesamten gesellschaftlichen Ordnung.</p>
<p>Alle bisherigen Produktionsweisen sind nur auf Erzielung des nächsten, unmittelbarsten Nutzeffekts der Arbeit ausgegangen. Die weiteren erst in späterer Zeit eintretenden, durch allmähliche Wiederholung und Anhäufung wirksam werdenden Folgen blieben gänzlich vernachlässigt. Das ursprüngliche gemeinsame Eigentum am Boden entsprach einerseits einem Entwicklungszustand der Menschen, der ihren Gesichtskreis überhaupt auf das Allernächste beschränkte, und setzte andrerseits einen gewissen Überfluß an verfügbarem Boden voraus, der gegenüber den etwaigen schlimmen Folgen dieser waldursprünglichen Wirtschaft einen gewissen Spielraum ließ. Wurde dieser Überschuß von Land erschöpft, so verfiel auch das Gemeineigentum. Alle höheren Formen der Produktion aber sind zur Trennung der Bevölkerung in verschiedne Klassen und damit zum Gegensatz von herrschenden und unterdrückten Klassen vorangegangen; damit aber wurde das Interesse der herrschenden Klasse das treibende Element der Produktion, soweit diese sich nicht auf den notdürftigsten Lebensunterhalt der Unterdrückten beschränkte. Am vollständigsten ist dies in der jetzt in Westeuropa herrschenden kapitalistischen Produktionsweise durchgeführt. Die einzelnen, Produktion und Austausch beherrschenden Kapitalisten können sich nur um den unmittelbarsten Nutzeffekt ihrer Handlungen kümmern. Ja selbst dieser Nutzeffekt &#8211; soweit es sich um den Nutzen des erzeugten oder ausgetauschten Artikels handelt &#8211; tritt vollständig in den Hintergrund; der beim Verkauf zu erzielende Profit wird die einzige Triebfeder.  Die Sozialwissenschaft der Bourgeoisie, die klassische politische Ökonomie, beschäftigt sich vorwiegend nur mit den unmittelbar beabsichtigten gesellschaftlichen Wirkungen der auf Produktion und Austausch gerichteten menschlichen Handlungen. Dies entspricht ganz der gesellschaftlichen Organisation, deren theoretischer Ausdruck sie ist.</p>
<p>Wo einzelne Kapitalisten um des unmittelbaren Profits willen produzieren und austauschen, können in erster Linie nur die nächsten, unmittelbarsten Resultate in Betracht kommen. Wenn der einzelne Fabrikant oder Kaufmann die fabrizierte oder eingekaufte Ware nur mit dem üblichen Profitchen verkauft, so ist er zufrieden, und es kümmert ihn nicht, was nachher aus der Ware und deren Käufer wird. Ebenso mit den natürlichen Wirkungen derselben Handlungen. Die spanischen Pflanzer in Kuba, die die Wälder an den Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger genug für eine Generation höchst rentabler Kaffeebäume vorfanden &#8211; was lag ihnen daran, daß nachher die tropischen Regengüsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten Fels hinterließen? Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind, daß die Harmonie von Nachfrage und Angebot in deren polaren Gegensatz umschlägt, wie der Verlauf jedes zehnjährigen industriellen Zyklus ihn vorführt und wie auch Deutschland im »Krach« ein kleines Vorspiel davon erlebt hat; daß das auf eigne Arbeit gegründete Privateigentum sich mit Notwendigkeit fortentwickelt zur Eigentumslosigkeit der Arbeiter, während aller Besitz sich mehr und mehr in den Händen von Nichtarbeitern konzentriert, daß [...] Hier bricht das Manuskript ab.&#8221;</p>
<p>Engels verfolgt in diesem Text die Entwicklung des Geistes vom ersten Protoplasma bis zur letzten englischen Bourgeoisie. Der &#8220;Fortschritt&#8221; darin wird von der Arbeit gewissermaßen angetriebenen &#8211; in einem dialektischen Prozeß: &#8220;Die Rückwirkung der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstraktions- und Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoß zur Weiterbildung, einer Weiterbildung, die nicht etwa einen Abschluß fand, sobald der Mensch endgültig vom Affen geschieden war&#8221; -  sondern sich immer weiter vervollkommnete.</p>
<p>Die logische Entwicklung geht quasi bruchlos von den ersten Handgriffen zur höheren Mathematik über. Der Marxist Alfred Sohn-Rethel hat dem gegenüber auf eine fundamentale Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit hingewiesen, die mit der Einführung des Geldes ihren Anfang nahm &#8211; und spätestens in der Renaissance eine Aufspaltung  der Handwerker in einige wenige Künstler und Wissenschaftler und immer zu viele Arbeiter bewirkte.</p>
<p>Einen weiteren Aufschluß dieses  Abstraktionsvorgangs versprach ich mir von den sowjetischen Psychologen Lew Wygotski und Alexander Lurija. In ihren Schriften wurde ich erneut mit Affen-, Kleinkind- und Naturvölker-Forschung konfrontiert. Auch sie begriffen noch die Entwicklung vom &#8220;wilden Denken&#8221; zum &#8220;abstrakten Denken&#8221; evolutionär, linear, folgerichtig und als einen Fortschritt. Dem gegenüber noch einmal Sohn-Rethel:  &#8220;Wenn es dem Marxismus nicht gelingt, der zeitlosen Wahrheitstheorie der herrschenden naturwissenschaftlichen Erkenntnislehren den Boden zu entziehen, dann ist die Abdankung des Marxismus als Denkstandpunkt eine bloße Frage der Zeit.&#8221;</p>
<p>Das &#8220;ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft&#8221; besteht nach Marx darin, aus Geld mehr Geld zu machen: &#8220;In dieser Form prägt sich die bestimmende Seele der kapitalistischen Produktion am reinsten aus.&#8221; Der Produktionsprozeß selbst wird dabei &#8211; im Streben nach Maximalprofit &#8211; ein &#8220;bloßes Mittel zur Verwertung des Kapitalwerts&#8221;. Es ist dies ein Abstraktionsvorgang &#8211; der rechnerisch funktioniert- indem er aus  Qualitäten Quantitäten macht. Marx ging es darum, den Prozeß dieser &#8220;Realabstraktion&#8221; darzustellen.</p>
<p>Die Süddeutsche Zeitung schreibt, in einer Rezension des neuen Band der MEGA (Teil 3. Band II/4.3, 1065 Seiten, 168 Euro): &#8220;Allein an diesem Bemühen läßt sich verfolgen, wie ernst es Marx war, der Materie mit einer streng wissenschaftlichen Arbeitsweise beizukommen, einer Methodik, die er einesteils von den Naturwissenschaften, andernteils aus einer gewissen Bedingungslosigkeit herzuleiten versuchte.&#8221;</p>
<p>Was meint der Rezensent bloß mit &#8220;Bedingungslosigkeit&#8221;? Die Abstraktionsvorgänge in der Warenproduktion? Im übrigen habe die Marxsche Wertkritik dem Justiz- und Versicherungswesen bereits wichtige Impulse verschafft, deswegen empfehle er die Lektüre auch dieses MEGA-Bandes aufs Wärmste.</p>
<p>In der FAZ hatte zuvor ein anderer Rezensent sich lobend über einen neudeutschen Philosophen geäußert, der kürzlich Marx und Engels als &#8220;Theoretiker der Dekadenz&#8221; entlarvte. Zwar benutzten die beiden Theoretiker dieses Wort nie, im Zusammenhang des Kapital-Regimes sprachen sie jedoch wiederholt von &#8220;Krise&#8221;. Die &#8220;Marxsche Ideenwelt als eine Theorie des Zerfalls&#8221; zu lesen, würde zudem derzeit nahe liegen, da die leninsche &#8220;Ausprägung gescheitert und die sozialdemokratische &#8220;verbürgerlicht&#8221; sei. Sie ähnel nun &#8211; &#8220;ihrer historisch-revolutionären Perspektive beraubt, altkonservativ getönter Apokalyptik.&#8221; Ein anderer FAZ-Autor hatte zuvor Marx und Engels als &#8220;Projektemacher&#8221; dekonstruiert und in der SZ wird ein Engländer mit einer Neuinpterpretation des Kommunistischen Manifests vorgestellt: Die Marxisten haben dieses Pamphlet alles falsch verstanden, &#8220;die Wurzeln des Marx&#8217;schen Sozialismus liegen gar nicht in der Industrialisierung oder bei den Industriearbeitern,&#8221; sondern bei Hegel, es geht im KM darum, dessen Theorie der bürgerlichen Gesellschaft zu verbessern. Man sieht, der Kreativitätswahn macht auch vor der Marxschen Warenanalyse nicht halt.</p>
<p>Die Zeitschrift &#8220;Cicero&#8221; (&#8220;Marx Stärke lag in der Analyse&#8221;) bringt in diesem Ringen einen  wissenschaftlichen &#8220;Marx-Experten&#8221; bei: &#8220;Ein Blick auf das Originalmanuskript von Marx verrät das Unfertige, das Experimentelle dieser Schriften. Außerdem werden Stellen offenkundig, bei denen er selbst auch Probleme und Widersprüchlichkeiten erkannt hat. Wenn man das sieht, dann bekommt man auch ein völlig anderes Verhältnis zu diesen Texten. Vor diesem Hintergrund zerbröckelt der Mythos einer geschlossenen Weltanschauung in der Marx&#8217;schen Theorie, der sowohl von der deutschen Sozialdemokratie als auch vom Marxismus-Leninismus getragen wurde, sehr schnell.&#8221;</p>
<p>Die für den &#8220;Marx-Experten&#8221; immer wiederkehrende Frage lautet: Wie weit war Marx von einer Naturgesetzlichkeit überzeugt? Sein &#8220;großes Ideologem&#8221; war aber doch eher, &#8220;das diese [kapitalistische] Produktionsweise so tut, als sei sie naturgegeben&#8221;&#8230;Das, was im &#8216;Kapital&#8217; steht, darf zumindest als ein interessantes Angebot verstanden werden. Ob das im Einzelnen noch so nachvollzogen werden kann oder ob das in weiten Strecken revidiert werden muss, ist eine andere Frage. Aber vor allem der Ansatz des Denkens ist nach wie vor interessant. Marx sagt, der Kapitalismus scheitert von vornherein an einem Problem: Er schafft es nicht, die Bewegung des sich verwertenden Wertes mit dem Stoffwechsel in Einklang zu bringen. Beides zusammen geht nicht. Das ist schon ein spannender Ansatz. Da entstehen in der Verwertung des Wertes Selbstbezüglichkeiten in Abkoppelung von materieller Realität. Der durch Arbeit geschaffene Wert, der in jeder Ware enthalten ist, ist im Geld letztlich vollständig unsichtbar.&#8221;</p>
<p>Die wertkonservative Springerzeitung &#8220;Welt&#8221; fragte desungeachtet, d.h.abgesehen von seiner Werttheorie: Was bleibt von Karl Marx?</p>
<p>Am 5. März 1852 schrieb der Revolutionär aus dem Londoner Exil an Joseph Weydemeyer: &#8220;Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. (&#8230;) Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, dass die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. dass diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.&#8221; Darauf nun &#8220;Die Welt&#8221;: &#8220;Wenn je eine Theorie durch die Praxis widerlegt worden ist, dann diese.&#8221;</p>
<p>Es kommt aber noch schlimmer: &#8220;Marx war der erste Sozialdarwinist. &#8220;Sehr bedeutsam ist Darwins Schrift und passt mir als naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfs&#8221;, schrieb er an den Sozialisten Ferdinand Lassalle.  Dabei hatte Marx, wie so viele Sozialdarwinisten, Darwin gründlich missverstanden. Denn bei Darwin kämpfen weder Klassen noch Rassen noch Arten oder Individuen gegeneinander. Vielmehr geht es darum, wie winzige Mutationen einem Individuum und seinen Nachkommen einen Überlebensvorteil verschaffen, sodass sich die Veränderung über Generationen in einer ganzen Population durchsetzt.  Als Marx (immerhin!) erkannte, dass Darwin eben nicht &#8220;als naturwissenschaftliche Unterlage&#8221; des Klassenkampfs taugte, war seine Reaktion typisch. Anstatt seine eigenen Thesen zu überprüfen, warf er Darwin vor, Ideologe zu sein: &#8220;Es ist merkwürdig, wie Darwin unter Bestien und Pflanzen seine englische Gesellschaft mit ihrer Teilung der Arbeit, Konkurrenz, Aufschluss neuer Märkte, &#8216;Erfindungen&#8217; und Malthus&#8217;schem &#8216;Kampf ums Dasein&#8217; wiedererkennt&#8221;, spottete Marx in einem Brief an Engels.</p>
<p>Noch 150 Jahre später wurde von links- und rechtskonservativer Seite dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins vorgeworfen, sein Buch &#8220;Das egoistische Gen&#8221; sei schlicht und einfach eine Rechtfertigungsschrift für den Thatcherismus.  Dabei spricht die Tatsache, dass Darwin in der Natur Vorgänge beobachtete, die eher an die Marktwirtschaft erinnern als an eine sozialistische Planwirtschaft, nicht gegen Darwins Theorie, sondern eben für die Marktwirtschaft. Denn tatsächlich wirkt die Konkurrenz auf dem Markt wie der natürliche Evolutionsdruck und erzwingt eine stete Verbesserung der Produkte und der Produktionsmethoden.&#8221;</p>
<p>So weit &#8220;Die Welt&#8221;, die sich mit diesem Analogismus auf die Genetikerin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein Volhard berufen kann, die klar erkannt hat, dass &#8220;die Natur in gewisser Weise kapitalistisch funktioniert&#8221;.  &#8211; Mindestens wenn sie in die Verwertungsmaschine der Unterhaltungsindustrie gerät. Oder in die der Pharma- bzw. Kosmetikindustrie und des Wissenschaftsbetriebs&#8230;</p>
<p>Z. B. in Form des &#8220;Modelltiers&#8221; Labormaus. In den biologischen  Forschungseinrichtungen, die von der Wissenssoziologin Karin Knorr Cetina untersucht wurden, &#8220;werden Mäuse als Umwelt ihrer Reproduktionsorgane betrachtet, deren Funktion benötigt wird &#8211; zur Herstellung von transgenen Mäusen, mit Hilfe derer die Funktion bestimmter Gene kontrolliert werden kann.&#8221; Die individuelle Maus wird dabei &#8220;zur apparativen Komponente&#8221;. Ähnliches läßt sich auch von den Nutztieren sagen, die in der industriellen Landwirtschaft zur Produktion von Milch, Fleisch, Eier  usw. dienen.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/heimtiermesse.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7451" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/heimtiermesse.jpeg" alt="" width="275" height="183" /></a></p>
<p><em> Heimtiermesse Berlin<br />
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<p>Die Heimtiermesse in der Treptower &#8220;Arena&#8221; am vergangenen Wochenende hatte ein ähnliches Angebot für Tierhalter wie das Sommer-&#8221;Event 4 Happy Dogs&#8221; auf der Trabrennbahn in Karlshorst, das vom Hundenahrungshersteller &#8220;Happy Dog&#8221; gesponsort wurde. Noch nie sah ich so viel fröhliche Hunde wie dort. Auch auf der Heimtiermesse waren viele Leute mit ihren Hunden erschienen (sie brauchten dafür einen Impfpaß) &#8211; die Tiere wirkten jedoch gereizter. Hier war es nicht ein Tag draußen &#8211; mit einem Programm nur für sie, sondern eine typische Hallenmesse &#8211; für ihre Besitzer. Und dann machten sie vielleicht auch die vielen dort ausgestellten exotischen Tiere nervös.</p>
<p>In einer Hälfte der Arena hatten man lauter Käfigreihen aufgebaut &#8211; für Katzen, die dort prämiert wurden. Fast alle schliefen, als ich durch die Reihen ging &#8211; und zwar auf ihrer Größe angemessenen kleinen Betten, Sofas und Sesseln. Für drei &#8220;sibirische Katzen&#8221; hatte man sogar ein ganzes eingekäfigtes Zimmer in Originalgröße mit allen Einrichtungsgegenständen aufgebaut. Auch sie schliefen. Die Besitzer bzw. Züchter saßen auf Campingstühlen neben den Käfigen und bewachten mit einigem Stolz ihre Lieblinge. &#8220;Sind die so ermattet von dem Trubel, dass sie alle schlafen?&#8221; fragte ich ein Ehepaar, das drei fast weiße Angorakatzen ausgestellt hatte. &#8220;I wo,&#8221; meinten sie, &#8220;die sind das doch gewohnt. Aber das ist jetzt ihre Zeit, die schlafen immer Nachmittags&#8221;.</p>
<p>Im Rest der Halle gab es vor allem Stände von Tiernahrungsherstellern. Gleich mehrere Händler bestätigten mir eine These der Biologin Donna Haraway, dass speziell im Marktsegment &#8220;Premiumfutter&#8221; (damit ist u.a. Bio- bzw. Öko- und Zusatzfutter gemeint) noch was raus zu holen ist. Daneben gibt es auch immer mehr &#8220;Hundeschulen&#8221; und &#8220;Hundemasseure&#8221;. Einen kleinen &#8220;Agility-Parcours&#8221; &#8211; wie in Karlshorst gab es in der &#8220;Arena&#8221; ebenfalls. Er war dicht umlagert von Messebesuchern. Als ich daran vorbeiging, führte eine junge Frau gerade &#8220;Dog-Dancing&#8221; mit ihrem Colliemischling vor &#8211; nach einer Melodie von Richard Clayderman. Davor hatte es dort eine &#8220;musikalische Hundkür&#8221; vom FSC Hönow gegeben, eine &#8220;Hundemodenschau&#8221; und eine &#8220;Hundeyoga&#8221;-Vorführung sowie eine Einführung in die &#8220;Bachblüten-Therapie für Hunde&#8221;. Auch das hatte Donna Haraway in ihrem Buch &#8220;When Species Meet&#8221; bereits prophezeit: Dass die medizinischen und psychologischen Therapieangebote für Hunde (und Katzen) immer mehr zunehmen.</p>
<p>Daneben gab es auf der Heimtiermesse aber auch noch etliche Stände mit anderen lebenden Tieren und die dafür notwendigen Paraphernalia bzw. Acessoires: Kaninchen, Meerschweinchen, Fische, Eidechsen, Hühner, Frettchen, Papageien, Schildkröten, Gespensterheuschrecken und Wasserpflanzen, sowie Stofftiere, Kratzbäume, Katzenklos, Maulkörbe,  Schlafkörbe, Tierärzte, Tierpsychologen, Tierphotographen, Tierschutzvereine, Tiertafeln, Haustier-Krankenversicherungen und  -Bestattungsinstitute&#8230;</p>
<p>Am meisten beeindruckte &#8211; nicht nur mich &#8211; ein Stand der &#8220;Schlangenzucht Schöneiche&#8221;, die etwa 50 &#8220;Tupperware&#8221;-Boxen mit verschiedenen kleinen Nattern aus eigener Zucht ausgestellt hatte, sowie ein Stand der &#8220;Alpakafarm im Havelland&#8221; mit selbsthergestellten Alpaka-Wollprodukten neben dem sich ein Pferch mit vier absolut bezaubernden Alpakas befand: Ein Hengst und eine Stute mit zwei Kälbern. Sie kosteten zwischen 2000 und 10.000 Euro &#8211; waren also nicht gerade billig. Aber mein schwäbischer Hausbesitzer hat mir sowieso das Halten von Huftieren in meiner Hinterhofwohnung verboten. Sein türkischer Vorgänger hielt jedoch noch selber regelmäßig auf seinem Balkon im Vorderhaus ein Schaf &#8211; für das alljährliche Opferfest.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/katze.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7452" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/katze.jpeg" alt="" width="259" height="194" /></a></p>
<p><em>Heimtiermesse Köln<br />
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<p>Katzenbücher &#8211; man sagt komischerweise nicht Katzenliteratur. Gemeint sind damit mehr oder weniger reich bebilderte und üppig gestaltete Geschichten über eine oder mehrere Katzen. Nicht selten von Halbprominenten aus dem nicht-schreibenden Gewerbe als eine Art Biographie verfaßt. Bei Amazon liegen davon fast 14.000 Titel auf Lager. Zuletzt erschien: &#8220;Der literarische Katzenkalender 2013&#8243; von Julia Bachstein. Aber auch die Katzenfuttermarke &#8220;Whiskas&#8221; (&#8220;Whiskas weiß was Katzen lieben&#8221; &#8211; eine Persiflage auf den Slogan eines Waschmaschinenherstellers: &#8220;Bauknecht weiß was Frauen lieben&#8221;) &#8211; des reaktionären US-Süßigkeitenkonzerns &#8220;Mars&#8221;, dem die &#8220;Marke &#8216;Whiskas&#8217;&#8221; inzwischen gehört, hat für das kommende Jahr einen Kalender &#8220;Whiskas Katzenleben&#8221; herausgebracht. Erwähnt sei ferner der Sammelband &#8220;Weihnachtskatze&#8221;, u.a. mit einer Geschichte von Eva Demski.</p>
<p>Der Literaturabend mit Lesungen aus  Katzenbüchern, der am 26.November in der Kreuzberger Passionskirche stattfand, wurde von einer Firma &#8220;gesponsort&#8221;, die u.a. Bio-Katzenfutter herstellt: Gimborn, einst von einem rheinische Apotheker gegründet. Sie war der erste Anbieter von  laktose-freier Katzenmilch, heute gehört sie zum Mixkonzern &#8220;Penta Investment Prag&#8221;. Der Leseabend in der Passionskirche, übrigens die einzige Kirche mit einer Bar, fand im Rahmen der Herbstkampagne des Branchenverbands der deutschen Buchhändler &#8220;Stadt Land Buch&#8221; statt. Organisiert wurde er vom Schriftsteller Detlef Bluhm, dessen Kater Paul 2011 mit 10 Jahren starb. Im selben Jahr stellte Bluhm bereits &#8220;Das Facebook-Tagebuch Kater Paul&#8221; auf der Leipziger Buchmesse vor, und richtete  einen blog &#8220;Kater Paul&#8221; ein, in dem er Beiträge zur Kulturgeschichte der Katze veröffentlicht. Auch der Leseabend, der sich 2011 noch auf &#8220;Katzenkrimis&#8221; beschränkte, gehört zu Bluhms &#8220;Kater Paul&#8221;-Aktivitäten. Von Profisprechern vorgetragen  wurden heuer klassische Katzengeschichten &#8211; u.a. von James Joyce und H.P. Lovecraft, sowie neuere u.a. von Olga und Wladimir Kaminer. Erstere hat ein ganzes &#8220;Katzenbuch&#8221; geschrieben &#8211; ihre Lebensgeschichte, die bis heute von Katzen quasi getaktet wird. Derzeit kümmert sie sich um zwei Stadt- und vier Landkatzen. Auch ihr Mann hat über diese bereits etliche Geschichten veröffentlicht. Er las jedoch eine über den Kater der Freundin seiner Frau vor.</p>
<p>Unter den Haustieren scheint es vor allem der Hund zu sein, der sich in die menschliche Parallelwelt gedanklich reinversetzt. Bei der Katze ist es umgekehrt der Mensch. Die Jugendbuchverfasserin Sigrun Casper hat das für ihren Roman &#8220;Eine andere Katze&#8221; getan, das Tier geriet ihr dabei jedoch zusehens &#8211; und trotz der Verwendung neuesten Wissens aus der experimentellen Biologie &#8211; ins Unwirkliche. Die Katzengeschichte &#8220;Rufus&#8221; von Doris Lessing beschränkt sich dagegen auf geduldige Beobachtungen, wobei auf andere Weise herauskam, dass der ihr einst zugelaufene &#8220;Rufus&#8221; zuvor stark von Menschen geprägt wurde. Sie interpretiert dabei dessen Verhalten und Lautäußerungen als &#8220;Sprache&#8221;. Ähnliches gilt für die kleinen Geschichten in &#8220;Doris Lessings Katzenbuch&#8221;.</p>
<p>Der Philosoph Jacques Derrida begann sein Buch &#8220;Das Tier, das ich also bin&#8221; mit einer kleinen Geschichte über seine Katze, die ihn einmal morgens im Badezimmer überraschte: Da sah er, dass sie sah, dass er nackt war. Die feministische Biologin Donna Haraway hat Derrida daraufhin kritisiert: Statt diese &#8220;Begegnung&#8221; real fort zu setzen, habe er sofort angefangen, ins Abschweifige zu räsonieren, von seiner oder einer wirklichen Katze war fortan nicht  mehr die Rede. Ähnlich verfuhr Bohumil Hrabal in seinem Buch: &#8220;Die Katze Autitschko&#8221;, in dem es vornehmlich um die Schuldgefühle des Autors gegenüber seinen Katzen geht, die er gelegentlich vernachlässigte und deren Nachkommen er tötete.</p>
<p>Ganz im Gegensatz dazu steht der große japanische Roman &#8220;Ich der Kater&#8221; von Natsume Soseki. Der Autor nahm dieses herrenlose Tier bei sich auf. Als es 1908 starb, veröffentlichte er eine Aufsatzsammlung mit dem Titel: &#8220;Das Grab eines Katers&#8221;. In &#8220;Ich der Kater&#8221; spricht das Tier, es geht dabei jedoch um eine satirische Kritik an der sich um 1900 stürmisch industrialisierenden Gesellschaft Japans. Auch auf dem Leseabend in der Parochialkirche wurde die Geschichte eines Katers mit der &#8220;gefährlichen Begabung&#8221;, sprechen zu können, vorgelesen, wobei es ebenfalls um so etwas wie eine Gesellschaftskritik ging. Zuvor &#8211; 1819 &#8211; gab es bereits eine romantisch-satirische Kater-Biographie: die &#8220;Lebens-Ansichten des Katers Murr&#8221; von E.T.A. Hoffmann: Der wie ein Mensch sprechende, denkende und gebildete Kater fungiert als Ich-Erzähler und Autobiograph, dessen chronologische Schilderung seiner Erlebnisse von seiner Geburt bis zum Zeitpunkt der Niederschrift zahlreiche ausführliche Kommentare und Reflexionen zur &#8220;Bildung des Lesers&#8221; enthält. Indem Murr ein angeblich funktionierendes Rezept dafür liefert, &#8220;wie man sich zum großen Kater bilde&#8221;, setzt sich der Roman kritisch mit der zeitgenössischen Trivialisierung der Bildungsidee auseinander. Motive und klassische Elemente des Bildungsromans werden parodiert: Murr erlebt eine &#8220;lehrreiche&#8221; Jugendfreundschaft (zum Pudel Ponto), eine &#8220;persönlichkeitsformende&#8221; Liebe (zur Katze Miesmies), versucht sich in Saufgelagen und Ehrenduellen als &#8220;tüchtiger Katzbursch&#8221; und in der &#8220;höhern Kultur und Welt&#8221; (der Hunde) als feiner Gesellschafter&#8230; Schließlich bildet er sich autodidaktisch zum &#8220;homme de lettres&#8221; aus. Selbstbewußt kündigt Murr sein Ziel bereits im Vorwort an: &#8220;Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bilde.&#8221;</p>
<p>Im Gegensatz zu den meuteliebenden Hunden scheinen es die einzelgängerischen Katzen bis heute dennoch geschafft zu haben, trotz unzähliger solcher Versuche halbwegs autonom zu bleiben. Dafür spricht, dass sie im Gegensatz zu den Hunden weder &#8220;Frauen&#8221; noch &#8220;Herrchen&#8221; haben. Sich dennoch nie überfressen, weil sie immer guter Hoffnung sind, dass es am nächsten Tag wieder was zu fressen gibt, wie Wladimir Kaminer meinte. Laut Doris Lessing &#8220;sprechen&#8221; auch ihre &#8220;Freßgewohnheiten eine deutliche Sprache&#8221; &#8211; sie drücken &#8220;Verdruß oder Freude oder ihre Absicht, zu schmollen, aus.&#8221; Die SZ schreibt: &#8220;Von Katzen heißt es, sie hielten sich Menschen, nicht umgekehrt. Mit der gleichen Charakterstärke steuern sie offenbar auch ihre Nahrungsaufnahme. Aus einem Angebot verschiedener Sorten von Feucht- und Trockenfutter trafen die Hauskatzen bei Versuchen immer die richtige Wahl: Ihre Tagesmenüs hatten stets das optimale Mengenverhältnis zwischen den drei Hauptnährstoffgruppen: 52 Prozent Proteine, 36Prozent Fett und zwölf Prozent Kohlenhydrate, berichtet ein internationales Forscherteam im Journal of Comparative Physiology B.&#8221;</p>
<p>Man unterscheidet hierzulande  bei den Menschen Katzen- und Hunde-Liebhaber als Sozialtypen. Weitaus  mehr Frauen als Männer halten Katzen, bei Hunden ist es umgekehrt. Zudem kann man sagen: &#8220;Die Sowjetunion war ein Katzenland,&#8221; wie Olga Kaminer schreibt. Deutschland ist dagegen ein &#8220;Hundeland&#8221; &#8211; und sein Wappentier der Schäferhund &#8211; über den Alexander Solschenizyn schrieb, dass man ihn unbedingt in die internationalen Abrüstungsgespräche mit aufnehmen müßte, denn er setze &#8211; abgerichtet &#8211; den Menschen mehr zu als alle Raketen und Atombomben zusammen. Die weitaus ungefährlichere Aggression der Katzen hat dagegen stets gute Gründe. Vogelliebhaber sehen das natürlich anders.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/kuba.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7457" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/kuba.jpeg" alt="" width="275" height="183" /></a></p>
<p><em>Don Quichotte Denkmal in Havanna</em></p>
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<p><strong>In seinem Text über &#8220;Michel de Montaigne und die anthropologische Differenz&#8221; zitiert Markus Wild einen interessanten Text von Miguel de Cervantes:</strong></p>
<p>&#8220;Die Frage nach dem Geist der Tiere und der anthropologischen Differenz machen in der Frühen Neuzeit ebenfalls eine Neuuntersuchung der kognitiven Vermögen fällig und stellen das Verhältnis zwischen rationalen und sinnlichen Vermögen erneut zur Diskussion. Die Frühe Neuzeit verschärft diese Fragen sogar.</p>
<p>Eine Novelle von Miguel CERVANTES veranschaulicht dies auf treffende Weise. Im Coloquio de los perros (1613) beginnen zwei Hunde namens Cipion und Berganza eines Nachts zu sprechen. Sie verständigen sich gleich anfangs über die wundersame Tatsache, daß sie sich sprechend verständigen können und betrachten es als unerhörte Gnade (no vista merced), die die Grenzen der Natur überschreitet (passa de los terminos de naturaleza) und ein Wunder genannt werden muss:</p>
<p>&#8220;Cipion: Du hast recht, Berganza, und das Wunder wird noch größer dadurch, daß wir nicht allein sprechen, sondern daß sogar Sinn [discurso] in unserer Rede ist, als seien wir mit Vernunft begabt. Dabei besteht der Unterschied zwischen Mensch und Tier doch gerade darin, daß der Mensch ein vernunftbegabtes Lebewesen ist, das Tier aber nicht [que la diferencia que ay del animal bruto al hombre, esser el hombre animal racional, y el bruto irracional]&#8221;</p>
<p>Berganza wundert sich zwar auch, vertritt aber die Ansicht, daß die Redegabe nur als äußerliches Wunder betrachtet werden sollte, denn sie habe schon oft die Behauptung gehört Hunde &#8220;hätten eine so klare, lebhafte und scharfe Auffassungsgabe für viele Dinge&#8221; und es fehle nur wenig daran, &#8220;um eine Art logischer Denkfähigkeit [capazde discurso] zu besitzen. [...] Man sagt ja auch, dass, was Klugheit und Verstand betrifft, der Hund nächst dem Elefanten an erster Stelle steht&#8221;. Cipion stimmt zwar ein, beharrt jedoch darauf, daß man bislang weder einen Elefanten noch einen Hund habe sprechen hören. Daraus folgt, daß die plötzliche Redegabe unter jene &#8220;Wunderzeichen zu rechnen ist, deren Auftauchen und Erscheinen erfahrungsgemäß eine unheilvolle Drohung für die Menschheit bedeutet&#8221;. Berganza erzählt anschließend ihre Lebensgeschichte, die zu einer Kritik an den Menschen gerät und von Cipion immer wieder reflektierend unterbrochen wird.</p>
<p>CERVANTES variiert in dieser Novelle das Muster des Pikaro-Romans, indem er die Figur des sozialen Außenseiters als Tier radikalisiert und indem er die Selbstreflexion des Pikaro auf eine zweite Figur verlegt: Berganza erzählt, Cipion denkt. Er denkt die anthropologische Differenz. Cipion weist zuerst darauf hin, daß die Worte der beiden Gesprächspartner sinnvoll und nicht bloße Geräusche sind. Das heißt, daß die Worte Gedanken ausdrücken und dadurch auf eine Vernunft hinweisen. In diesem Gedankengang spricht Cipion nicht nur sinnvoll, er reflektiert auch über dieses Sprechen und ordnet diese Reflexionen auf eine Folgerung hin. Cipion spricht nicht nur und drückt Gedanken erster Ordnung aus, sondern er folgert und zwar aufgrund von Gedanken zweiter Ordnung. Die Folgerung selbst enthält einen Syllogismus: Ein Wunderzeichen ist eine Drohung für die Menschen; die Redegabe bei Tieren ist ein Wunderzeichen; die Redegabe der Tiere ist eine Drohung für die Menschen. Dieser Gedankengang bringt im Begriff der &#8220;Wunderzeichen&#8221; implizit ein bestimmtes kulturelles Wissen und einen theologischen Hintergrund und im Begriff der &#8220;unheilvollen Drohung&#8221; darüber hinaus eine moralische Implikation ins Gespräch. Damit hat Cipion die wichtigen Merkmale eines vernunftbegabten Lebewesens ins Spiel gebracht: Sprache, Gedanken, Selbstreflexion, Logik, Wissen, Theologie und Moral.</p>
<p>Man braucht mit Cipion nur etwas weiter zu denken und könnte folgern können, daß der Unterschied zwischen Mensch und Tier anders angesetzt werden muß oder aber, daß es diesen entscheidenden Unterschied tatsächlich nicht gibt. Es ist Michel de Montaigne, der Cipions Gedanken gleichsam aufgreift und sie nicht ruhen lassen will. Dabei verwendet Montaigne intensiv Material aus der antiken, insbesondere skeptischen Philosophie, das er gegen die Befürworter einer anthropologischen Differenz ins Treffen führt.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/blinder-schaeferhund.jpg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-medium wp-image-7460" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/blinder-schaeferhund-424x423.jpg" alt="" width="324" height="323" /></a></p>
<p><em>Blinder Hund. Photo: Mathias Königschulte</em></p>
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<p>&#8220;Nein, ich hasse den Hund gar nicht. Wohl aber eine bestimmte Gattung Mensch, die ihn behandelt wie ein Brigadekommandeur die unterstellte Formation, und die mit ihm herumwirtschaftet, weil auch er aus Deutschland ist,&#8221; schrieb Kurt Tucholsky einst. Inzwischen melden Hundehalter ihre Golden Retriever oder Border Collies bei der &#8220;Welpenschule&#8221; an, und gehen zum &#8220;Agility Training&#8221; oder zum &#8220;Dog Dancing&#8221; mit ihnen. &#8220;Die Erziehung hat sich geändert,&#8221; bemerkt dazu die Hundeforscherin Friederike Range, die im &#8220;Clever Dog Lab&#8221; der Wiener Universität arbeitet, wo die Hundehalter nun laut Spiegel &#8220;in Scharen herbeiströmen&#8221;. Auch die Wissenschaftler  haben sich geändert: Erforschten sie früher vorwiegend Affen, Tauben, Gänse, Wölfe, wobei sie die Hunde als &#8220;verdummte Ex-Wölfe&#8221; weitgehend ignorierten, so avancieren diese inzwischen laut Spiegel zu &#8220;Stars der Verhaltensforschung&#8221;. Sie lassen sich leicht und billig beobachten, viel mit sich anstellen, können bei ihren Besitzern bleiben, und diese spielen nur allzu gerne mit, weil auch sie mehr über ihre &#8220;Companion Species&#8221; wissen wollen. Die Umsichtigkeit vor allem der Frauen, die sich einen Hund zulegten &#8211; und ihn gleich in die Welpenschule schleppten, grenzt an die der sogenannten Prenzlauer-Berg-Mütter in bezug auf ihre Kinder. Bei beiden kann man jedenfalls von einem &#8220;Projekt&#8221; sprechen. Die Medienforscher Benjamin Bühler und Stefan Rieger bezeichnen den Hund in ihrem &#8220;Bestiarium des Wissens&#8221; als eines der &#8220;Übertiere&#8221;, denen wir das &#8220;Wissen vom Leben&#8221; abpressen. Darüberhinaus &#8220;erzeugen und stabilisieren Mensch und Hund gleich Herr und Knecht ihre Identität in gegenseitiger Anerkennung.&#8221; Und diese Dialektik ist dynamisch. 1966, noch vor dem Sieg der Vietnamesen im Krieg gegen die Amerikaner, berichtete der deutsche Psychiater Erich Wulff aus Hué: &#8220;Ein Gefühl wie Tierliebe war den meisten Vietnamesen fremd. In ihrem Seelenhaushalt gab es keinen offenen Posten dafür&#8230;Das Heer der Ammen, Boys und Boyessen okkupierte bei der mandarinalen Oberschicht die Haustierstelle.&#8221;</p>
<p>Hierzulande gibt es dagegen schon lange und fast durchgehend statt uns bepflegende Haushaltsangestellte immer pflegebedürftigere Hunde (wahlweise auch Katzen).</p>
<p>Das vornehmlich mit Schimpansen arbeitende  Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Leipzig konnte in  seinen Kognitionsexperimenten nachweisen, &#8220;dass Hunde die vermeintlich so klugen Menschenaffen um Längen schlagen, wenn es darum geht, Gesten von Menschen zu deuten,&#8221; und Worte in Beziehung zu den Dingen zu begreifen. Auch den Wölfen gehen derartige &#8220;kommunikative Fähigkeiten&#8221; ab. In evolutionärer Hinsicht hat sich diese Fähigkeit der Hunde als die &#8220;fittere&#8221; erwiesen:  Es gibt heute über 40 Millionen auf der Welt, aber nur noch etwa 40.000 Wölfe, wie der US-Philosoph und Wolfsbesitzer Mark Rowlands darwinistisch vorrechnete.</p>
<p>Aber hat sich die Unterwerfung unter den Menschen &#8211; ihre &#8220;komplette Verblödung&#8221;, wie der Biologe Cord Riechelmann das nennt &#8211; auch für den einzelnen Hund gelohnt? Eigentlich schon: 2002 betrug die weltweit für Haustierfutter und -versorgung ausgegebene Summe bereits 46 Milliarden Dollar, Tendenz steigend, vor allem im Marktsegment &#8216;Premiumfutter&#8217;  Darüberhinaus wird die Medizintechnik für Hunde immer aufwendiger, bis hin zu psychologischen Therapieeinrichtungen und Krankenversicherungen, die für Haustiere zur Normalität werden, wie die US-Biologiund Hundebesitzerin Donna Haraway in ihrem Aufsatz &#8220;Hunde mit Mehrwert und lebendiges Kapital&#8221; schreibt. Zum &#8220;Premiumfutter&#8221; gehört heute z.B. ein Großteil der in der Mongolei gezüchteten Pferde, die als Dosenfutter für Hunde in Japan enden. Die Hunde wollen von einer solchen dumpfmaterialistischen Erklärung ihrer Unterwerfung natürlich nichts wissen. In den &#8220;Forschungen eines Hundes&#8221; hat Franz Kafka 1922 den Ursprung der Nahrung aus der Sicht eines Hundes erzählt, wobei alle Analysen voraussetzen, dass sie von oben &#8211; aus der Luft gewissermaßen &#8211; kommt. Obwohl die &#8220;Forschungen&#8221; also nur angestellt wurden, um den Weg des Hundefutters vom Herrn (Herrchen) zum Knecht (Hund)  zu ermitteln, wird jener darin ausgeklammert. Die Analogie zur Religiosität (Alles liegt in Gottes Hand) der einstigen Hausangestellten ist offensichtlich: Auch unsere Haushunde sind gläubig, das legen jedenfalls Kafkas Forschungen nahe. Ebenso scheitern sie auch regelmäßig, &#8220;sobald ein wenig Logik ins Spiel kommt,&#8221; wie die Hundepsychologin Britta Osthaus von der Universität Exeter uns versichert: d.h. &#8220;noch!&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/krebs.jpeg" rel="lightbox[7430]"><img class="alignnone size-full wp-image-7461" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/12/krebs.jpeg" alt="" width="259" height="194" /></a></p>
<p><em>Crustacea<br />
</em></p>
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<p><strong>Die Krebsliebhaberin</strong></p>
<p>Ich traf sie im Naturkundemuseum, wo sie das Trockenpräparat eines Flußkrebses in einer Glasvitrine abzeichnete. Die Romanistin besaß zu Hause ein Aquarium mit amerikanischen Zwergkrebsen in verschiedenen Farben. Ich erfuhr von ihr ferner, dass der Flußkrebs in Deutschland nahezu ausgestorben sei. Weil er lange Zeit zur Hauptspeise der Armen zählte und schließlich die Gewässer immer mehr verdreckt seien. Den Todesstoß verpaßten ihm dann importierte und hier ausgesetzte amerikanische Krebse, die die &#8220;Krebspest&#8221; mitbrachten. Diesem Pilz fielen schon bald alle anderen Krebsarten zum Opfer &#8211; bis auf die amerikanischen, die immun dagegen wären. Das sei ein ähnlicher Genozid gewesen wie ihn zuvor in umgekehrter Richtung die ersten Europäer mit ihren Viren und Bakterien bei den amerikanischen Ureinwohnern veranstaltet hätten.</p>
<p>Nun versuche man jedoch, diesen sogenannten &#8220;Edelkrebs&#8221; wieder überall anzusiedeln. Dazu gäbe es Zucht- und Versuchsanstalten und ökologische Verhaltensforschung. Unter den letzteren besonders viele Frauen &#8211; Krebsverhaltensforscherinnen. Sie verdanken allerdings den Krebse haltenden Aquarianern aufgrund ihrer Beobachtungsausdauer und schieren Anzahl wichtiges Krebswissen, wenn sie nicht sowieso selbst zu diesen gehören. Im übrigen verwende man das Wort  Krebs-tiere, von denen es etwa 67.000 benamte Arten gäbe. In der Küche spreche man von &#8220;Krustentieren&#8221;. Viel größer als ihre Bedeutung für die Ernährung sei jedoch die bei der Reinigung unseres  Trinkwassers. Die Kleinkrebse (Plankton) z.B. würden  Schwebstoffe, Bakterien und Einzeller sowie in diesen gebundene Giftstoffe aus dem Wasser filtern. Bei ihrer Wiederansiedlung käme ihnen hierzulande der verbesserte Gewässerschutz entgegen. So finde man z.B. wieder Flußkrebse im Wannsee. Woanders gäbe es auch einige Arten, die auf dem Land bzw. auf Bäumen leben &#8211; wie die Strandkrabbe und der Palmendieb. Auf den Brandenburger Landstraßen sei die geschützte kubanische Landkrabbe unterwegs. Desgleichen ein  Fischer, der lebende &#8220;Seekrabben&#8221; zu den vietnamesischen Großmärkten bringe, von wo aus sie an Restaurants und Privatküchen verkauft werden.</p>
<p>Zu DDR-Zeiten habe dieser  Fischer die vielen Krabben in seinem Netz immer weggeschmissen, weil sie niemand haben wollte. Jetzt seien sie seine Haupteinnahmequelle. &#8220;So kann es gehen. Genau!&#8221; fügte die Krebshalterin hinzu. Auch sie profitiere von dieser Krebs-Konjunktur. So habe z.B. eine Romanistik-Kommilitonin gerade eine  Seminarbeit über die Namen aller Krebsarten vorgelegt, wobei sie die zoologische Klassifikation aus Grzimeks Tier-Enzyklopädie übernahm und die Namen der Krebstiere  der &#8220;Nomenclatura Portuguesa de Organismos Aquáticos&#8221; von J.G. Sanchez, in dem die meisten Arten für die Fischereiwirtschaft von Bedeutung seien und neben weltweit bekannten Arten auch solche erwähnt würden, die für Portugal typisch oder von besonderem Interesse wären. Überhaupt hätten die Geistes- und Kulturwissenschaftler schon längst begonnen, so die Krebshalterin, sich der biologischen Begriffe bzw. Metaphern  anzunehmen, um das Leben nach dem Dechiffrieren nun zu dekonstruieren. Dazu gehöre u.a. auch die Krebsverhaltensforscherinnen-Forschung.</p>
<p>Ob ich die neue Froschmonographie eines Kulturwissenschaftlers oder den Bericht einer Frau &#8220;Mein Leben mit Igor&#8221; &#8211; einem Leguan &#8211; schon kenne, wollte sie wissen. Das mußte ich verneinen, konnte ihr jedoch immerhin mitteilen, dass ich einmal selbst einen Flußkrebs namens Fritz besaß. Als sie Näheres wissen wollte, erzählte ich ihr, dass ich das Tier in einem Fischgeschäft für 1 DM 50 erwarb &#8211; den letzten im Becken. Um ihn hätte sich fortan das wichtige Geschehen in meinem Aquarium abgespielt. Er hockte in einer nach vorne und hinten offenen Steinhöhle in der Mitte des Beckens und wurde mit Leberwurst gefüttert, die er in kleinen Portionen bekam &#8211; zusammen mit einem Kieselstein, damit das Fleisch zu Boden sank. Er brauchte nur wenige Sekunden, um den &#8220;Braten&#8221;, auch wenn der weit  weg von ihm auf dem Beckenboden gelandet war, zu riechen. Wenn man mit einem Kescher im Aquarium herumfuchtelte versteckten sich alle Fische hinter ihm, während er vorne tapfer versuchte, den Kescher mit seinen Scheren abzuwehren. Entgegen der Meinung vieler Aquarianer fraß er nicht einmal die kleinsten Fische, sondern beschützte sie eher&#8230;</p>
<p>&#8220;Ich kenn auch so eine romantische Crustaceen-Geschichte, unterbrach mich die Krebsforscherin, bevor ich ihr noch erzählen konnte, wie Fritz starb, &#8220;sie betrifft nicht nur ein Individuum, sondern eine ganze Art: den in Symbiose mit einer Seeanomone lebenden Einsiedlerkrebs. Wenn der ein neues Schneckengehäuse gefunden hat, tickelt er die Annemone auf seinem alten Gehäuse mit den Fühlern und die läßt dieses daraufhin los, woraufhin er sie auf seiner großen Schere zu ihrem neuen Standort trägt.&#8221;</p>
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