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	<title>Hier spricht der Aushilfshausmeister!</title>
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	<description>Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.</description>
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		<title>Helle Haufen/Zwei Volker Braun</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Feb 2012 09:53:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Dichtung und Wahrheit in der neueren deutschen Arbeiterbewegung</strong></p>
<p><em>&#8220;Erst seit der Vereinigung ist wieder Klassenkampf in Deutschland möglich.&#8221;  (Heiner Müller)</em></p>
<p>Wenn dieser Dichter so weiter macht,  gründe ich noch einen neuen Volker-Braun-Kultklub. Schon sein letztes (Schicht-)Buch &#8220;Machwerk&#8221; hat mich derart begeistert. Es geht darin um die Arbeitsbeschaffungsmaßahmen (ABM/MAE) für den Havariemeister Flick aus Lauchhammer und seinen arbeitslosen jungen Enkel Ludwig, einem Heavy-Metall-Fan. Trotz der Verarschung durch das Arbeitsamt  (Ein-Euro-Jobs) kommen die beiden guten rum: von dem sich vergeblich gegen seine Abbaggerung wehrenden Dorf Horno in der Lausitz über die  &#8220;glücklichen Arbeitslosen&#8221; in der Volksbühne bis zur polnischen Erntebrigade in der Toscana: 48 &#8220;Schwänke&#8221; insgesamt &#8211; bis der alte Havariemeister schlußendlich in die Grube fährt (&#8220;mit ihm ist eine Zeit zuendegegangen&#8221;) &#8211; und ein anderer &#8220;Experte &#8216;ganz ruhig&#8217; die Arbeitsagentur Nord&#8221; betritt und den &#8220;Tisch der Sachbearbeiterin mit einem 5-Liter-Kanister Spiritus in Brand setzt. Die erleidet daraufhin einen Schock; aber auf dieses Mittel setzt Verf. nicht,&#8221; wie Volker Braun abschließend bemerkt.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/braun.jpeg" rel="lightbox[6557]"><img class="alignnone size-full wp-image-6560" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/braun.jpeg" alt="" width="266" height="189" /></a></p>
<p><em>Volker Braun. Photo: apollosiegen.de</em></p>
<p>Bevor er Philosophie studierte, arbeitete er im Bergbau, heißt es. Zuletzt war er in dem Aufsatzband &#8220;Kaltland&#8221; &#8211; über die Ausländerfeindlichkeit in der DDR und danach &#8211; mit zwei kurzen Beiträgen vertreten. Der eine handelt von der Vertreibung afrikanischer Asylbewerber aus Hoyerswerda durch Rechtsradikale: &#8220;hasskalte Fressen&#8230;Ich gehörte noch zu ihnen.&#8221; Auch in seinem zweiten Text spricht der Autor noch von &#8220;Wir&#8221;. Darin geht es um Asylbewerber, die in &#8220;unserem 400 Seelen Ort mit Bahnanschluß&#8221; untergebracht wurden, aber nicht bleiben wollen.</p>
<p>Und nun eine Erzählung mit dem an die verlorenen Bauernkriege gemahnenden Titel: &#8220;Die hellen Haufen&#8221;. Es geht darin vornehmlich um die Bischofferöder Kalikumpel, die sich 1993 vergeblich mit einem Hungerstreik gegen die Schließung ihrer profitablen Grube &#8220;Thomas Müntzer&#8221; wehrten. Die ebenfalls in Brauns neuem Roman vorkommende Pastorin Haas, die sich an den Aktionen der Bergleute beteiligte, meinte 1995 mir gegenüber: &#8220;Während der Auseinandersetzungen, so anstrengend sie waren, ging es fast allen gut. Danach fiel alles auseinander. Viele wurden krank, vier starben sogar.&#8221; Traurig sei auch,  &#8220;daß jetzt nach der Niederlage so viel rückwärtsgewandtes Zeug im Eichsfeld passiert: Schützenvereinsgründungen, Traditionsumzüge und sogar Fahnenweihen&#8230;&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/hoege.jpeg" rel="lightbox[6557]"><img class="alignnone size-full wp-image-6563" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/hoege.jpeg" alt="" width="260" height="175" /></a></p>
<p><em>Während der Arbeitskampfes der Bischofferöder. Photo: H.Höge</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/kali2.jpeg" rel="lightbox[6557]"><img class="alignnone size-full wp-image-6564" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/kali2.jpeg" alt="" width="259" height="194" /></a></p>
<p><em>Einige Bischofferöder. Photo: igbce-blog.de</em></p>
<p>Die jungblonden Rezensenten der westdeutschen Intelligenzpresse haben Volker Braun nun übel genommen, dass er die Bischofferöder nicht aufgeben läßt. Ihren Protesten  schließen sich sogar noch andere von Privatisierung und Arbeitslosigkeit bedrohte Belegschaften an &#8211; u.a. die  Leuna- und Orwo-Arbeiter. Das Ganze nimmt immer bedrohlichere Ausmaße an.</p>
<p>Das hatte es auch schon, als die Bischofferöder 1993 tatsächlich massenhaft Unterstützung fanden, u.a. von westdeutschen Bergarbeitern. Ihre &#8220;Bischofferode ist überall!&#8221;-T-Shirts gingen weg wie warme Semmeln. Der in der Treuhandanstalt für die Gruben-Schließung verantwortliche Manager Schucht erklärte im Spiegel: Der Hungerstreik in Bischofferode habe &#8220;eine gewaltige Wirkung auch auf die Betriebe im Westen&#8221;. Wenn man den nicht breche, &#8220;wie will man dann in Deutschland noch Veränderungen bei den Arbeitsplätzen durchsetzen?&#8221; Als die Bischofferöder vor Schuchts Treuhandbüro in Berlin demonstrierten, mischte die Polizei Provokateure unter die Menge.</p>
<p>Der Dichter gibt zu, &#8220;die Geschichte, ginge sie ordentlich fort, erzählte Beschäftigungsmaßnahmen. Fortbildungen; Unnütze, damit ihr/unnütz bleibt, werden wir euch/umschulen.&#8221; Das aber will er diesmal nicht. Nun geht es ihm um das &#8220;Nichtgeschehene&#8221; (1994f) &#8211; um es &#8220;auszumalen braucht es Geduld und Genauigkeit.&#8221; Daraus resultiert, dass alle Personen und Orte (nur unwesentlich verquatscht) vollkommen real sind und es auch bleiben. Seine  nichtgeschehene Geschichte läuft darauf hinaus, dass sie, die die ganze Zeit &#8220;Keine Gewalt!&#8221; riefen, &#8220;begriffen, daß ihnen Gewalt geschah&#8221;: Es wurde dann sogar auf sie geschossen, die Einsatzkräfte setzten Hubschrauber ein, deren Rotoren die Menge &#8220;wie ein kochender Teig auf der Herdplatte wegschabte&#8221;.</p>
<p>Wir bekommen es bei dieser Erzählung erneut mit der problematischen Balance (?) zwischen  Literatur und Leben zu tun. Volker Braun schreibt abschließend: &#8220;Die Geschichte hat sich nicht ereignet. Sie ist nur, sehr verkürzt und unbeschönigt, aufgeschrieben. Es war hart zu denken, daß sie erfunden ist; nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte.&#8221;</p>
<p>Ebensowenig wie er sich wünscht, dass die Arbeitsämter abgefackelt werden, möchte er, dass nötig oder unnötig Blut vergossen wird &#8211; in Wirklichkeit. Die Alternative dazu wäre &#8211; wie bereits  von ihm verworfen: nur zu erzählen, was wirklich geschah. Dazu gibt es neuerdings zwei Ansätze, die dies aus Gewerkschaftsperspektive unternehmen  &#8211; von unten und von oben quasi: Für letztere klapperte die Publizistin Annette Jensen noch einmal die ostdeutschen Industriestandorte ab. In ihrem ungenauen und ungeduldigen Buch &#8220;Im Osten was Neues. Unterwegs zur sozialen Einheit&#8221; berichtet sie, was aus den Betrieben wurde. Den anderen Erzählband stellten nach einer Tagung über diese Betriebe die Historikerin Ulla Plener und ihre Referenten zusammen -  darunter der ehemalige Bischofferöder Betriebsratsvorsitzende und PDS-Abgeordnete Gert Jütemann, der auch schon in Volker Brauns &#8220;Hellen Haufen&#8221; eine Rolle spielt. In &#8220;Die Treuhand &#8211; der Widerstand in Betrieben der DDR &#8211; die Gewerkschaften (1990 &#8211; 1994)&#8221;, so der Titel von Ulla Pleners Buch, in dem neben weiteren Betriebsgeschehen auch noch &#8220;Dokumente&#8221; veröffentlicht wurden &#8211; u.a. von der ostdeutschen Betriebsräteinitiative, die versuchte, einen betriebsübergreifenden Widerstand gegen die Massenentlassungen zu entwickeln. Sie spaltete sich nach Beendigung des Arbeitskampfes der Bischofferöder und löste sich auf &#8211; im Maße der Widerstand im Osten resignierte oder sich nationalistisch wendete. Auch Volker Brauns Roman &#8220;Machwerk&#8221; hat inzwischen seine (journalistische?) Fortsetzung gefunden: mit &#8220;27 Reportagen aus dem Alltag&#8221; von &#8220;1-Euro-Jobbern&#8221;, die von der ehemaligen Landtagsabgeordneten in Brandenburg, Esther Schröder, zusammengestellt wurden. Ihr Buch heißt &#8220;Vermittelt, Verwaltet, Vergessen&#8221;.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/kali.jpeg" rel="lightbox[6557]"><img class="alignnone size-full wp-image-6561" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/kali.jpeg" alt="" width="280" height="180" /></a></p>
<p><em>Das Kalibergwerk Bischofferode. Photo: de.wikipedia.org</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>P.S.: Bert Papenfuß versucht gerade eine Lesung mit Volker Braun in seiner Kneipe &#8220;Rumbalotte&#8221; (Metzerstraße) zu organisieren. In der Jungen Welt fand ich neulich eine Erzählung von Volker Braun, der jedoch nicht der Dichter Volker Braun ist, sondern u.a. persönlicher Assistent für Schwerstbehinderte, er ist jünger als der Dichter (Jg. 1963) und lebt im Oderbruch. Während der Autor von &#8220;Die hellen Haufen&#8221; 1939 geboren wurde und in Berlin lebt.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die Eigentumsfrage</strong></p>
<p>für Marie-Luise Noltebecker von Volker Braun (Jg. 1963)<br />
Es war Mai geworden, am Morgen waren die Farben der Trauerweiden zart grüngelb. Jana Stancu, eine 38jährige Kellnerin aus Bukarest, ging langsam wie in Zeitlupe zum Briefkasten. Zurück in der kleinen Küche legte sie einen Brief auf den Tisch. Sie wohnte im Berliner Kunger-Kiez1, in der Kiefholzstraße 7, gegenüber dem alten Grenzstreifen. Der letzte Rest Treptow, bevor Kreuzberg anfängt.</p>
<p>Ihr Haus war das letzte mit alter Fassade bis Ecke Krüllstraße und das einzige, das mit seiner Umgebung verschmolz. Aus ihrem Küchenfenster blickte man auf einen alten Backsteindamm und auf ein zwanzig Jahre altes Mischwäldchen. Die wilden Birken waren, erst anfangs hager und elastisch, jetzt schon nicht mehr zu rütteln. Ihr Sohn Nicolaj, er war neun Jahre alt, teilte sich weiter die Kiefholz hoch ein verwildertes Bahngleisgelände mit zwei Freunden bei Terrainspielen. Mit seiner Favoritin Jenny aus dem Nachbarhaus baute er gerade eine Hütte in einer Baumgruppe. Auf der angrenzenden Betonbrücke rasten die S-Bahnzüge vorbei.</p>
<p>Dort hatte Jana mit Nicolaj vor drei Monaten abends bei Gaslicht im Schnee einen kleinen Film gemacht. Denn sie wußte, der Kunger-Kiez war im Verschwinden begriffen, aber er war eben auch noch da. Jana erklärte ihrem Sohn, daß sie hier Ökistan bauen wollen bis weit über die Elsenstraße rüber, ein Bio-Supermarkt war schon das Vorauskommando der ganzen Bande von Loftbauherren und Townhouseprivatiers.</p>
<p>Und im Rücken, wie praktisch, das BKA, die Torwächter der Stadt. Das ganze BKA-Gelände, von der Bouché- bis zur Elsenstraße, war ein großes Territorium der Angst. Davon sagte Jana ihrem Sohn lieber nichts.</p>
<p>*</p>
<p>Am Samstagmorgen hatte Nicolaj schon beim Aufstehen verschiedene Pläne für seine Naherholungskämpfe geschmiedet. Jetzt nahm er den Brief, hielt das Kuvert am Fenster gegen den stahlblauen Himmel und rief: »Der ist von Johanna!« Nicolajs fröhliche Worte sausten Jana um die Ohren, und sie freute sich auch. Nicolaj schwang den Brief hin und her wie eine Fahne. »Jetzt mach schon auf«, sagte sie, und er ritzte mit seinem Frühstücksmesser vorsichtig an den Rändern. Aus dem Kuvert fielen zwei Eintrittskarten für das Planetarium in Alt-Treptow, auf einer stand klein geschrieben: »11. Mai/12 Uhr im Garten der Denker«. Er fragte seine Mutter: »Was ist das für ein Garten?« Jana lachte: »Keine Ahnung« und dehnte ihren Oberkörper nach hinten. Nicolaj war froh, daß seine Mutter so schön war, aber noch schöner würde seine Frau sein, er würde alle Konkurrenten plattmachen.</p>
<p>Mit seinem Rad war er eine halbe Stunde später im Treptower Park. Der »Garten der Denker« war verschlossen. Nicolaj stieg auf seinen Gepäckträger und dann über den Zaun. Er umschlich das Gebäude, die Fenster waren unter den Dachsparren und ihm wurde mulmig. Er sah alte Rosenstöcke, die sich um leere Steinsockel rankten. Nur ein Sockel schien den Kopf eines Archenholds zu tragen. Auf zwei Granitquadern las er die Namen von Galilei und Galle, warum waren sie weg? Er sprang ein paar Stufen hoch und ein bronzener Riese von einem Archimedes mit einem kleinen Stab in der Hand fläzte sich im Schneidersitz vor ihm. Sein Wissensdurst war fürs erste gestillt. Er warf Archimedes einen eiligen Abschiedsgruß zu und haute ab.</p>
<p>Am Abend erzählte er seiner Mutter von der Sonnenuhr in diesem verblüffenden Garten, die einen schwarzen Strich auf die Zehn geworfen hatte. Aber wie funktionierte diese Uhr bloß? Jana sagte: »Mein Kleiner, mit diesem geschlossenen Gelehrtengarten beginnt für uns eine neue Geschichte. Ich rufe heute abend Huber an, wenn du schläfst.«</p>
<p>*</p>
<p>Natalie war 26. Sie wußte, daß sie schön war, aber öfters bemühte sie sich, daß es nicht so auffällt. Vor drei Wochen hatte sie beschlossen, aus ihrer Wohnung auszuziehen. Morgen sollte der Umzug sein. Sie wollte zu ihrer kleinen Schwester ziehen, wie schon zweimal in den letzten Jahren. Ein interessantes Wort, »Umzug«, dachte sie, früher war ihr die Welt erschienen als langandauernder Umzug bis ans Ende aller Möglichkeiten.</p>
<p>Sie war nicht mal traurig, fühlte sich eher wie die Verkäuferin eines leeren Supermarktes, in dem die Regale ausgeräumt worden waren. Der Typ war es nicht wert, seinetwegen Kummer zu haben. Zwei Stunden hatte sie ihren Zorn gebraucht, um sieben Kisten zusammenzupacken. Sie kämmte ihre langen, lockigen Haare, zog sich ihre Jacke an, knallte die Tür zu, ging zur S-Bahn und fuhr bis Sonnenallee. Natalie ging über die Straße und blieb vor einem Laden stehen, über dem stand »Schnitzophrenie«. Sie guckte ins Fenster und sah eine kleine Holzballerina. Wie teuer war die wohl? Das wollte sie nach ihrem Umzug den Holzschnitzer fragen. Sie lachte und wunderte sich, daß sie so vergnügt war.</p>
<p>*</p>
<p>Als Jana Huber anrief, weckte sie ihn. Er war ihr schlechter, aber lustiger Liebhaber seit ihrer Flußreise gegen den Autobahnbau vor sechs Monaten. Als sie ihm von Johannas Brief erzählte, hörte sie erst gar nichts mehr, schließlich einen Jubelschrei und dann ein Tuten in der Leitung. Eine Stunde später war er da, zehn Jahre jünger als vor drei Tagen. Später standen sie dann unter der Dusche und küßten sich überall.</p>
<p>*</p>
<p>Endlich sah man sich wieder. Johanna, ihr neuer Bräutigam, der alte Kapitän Kurt Schwederski, Jana, Nicolaj und Huber mit seinem Bruder Paul standen am Zaun des Gelehrtengartens, Paul hatte ihn vorher aufflexen müssen. Mit ihren 78 Jahren und ihren einmeterfünfundachtzig war Johanna Meusel eine Frau, auf die man aufmerksam wurde, wo immer sie auch auftauchte. Sie bat um Ruhe und sprach: »Ich bin froh, euch bei der Wiedereröffnung dieser kleinen Gelehrtenrepublik wiederzutreffen. Kurt und mir ist es gut ergangen. Es ist schwer, ein alter Mensch zu sein, und doch lebt die Leidenschaft bis in meine Fingerkuppen. Wir sprechen ab und zu über die letzte Seite unseres Lebens, aber immer sehe ich euch, träume ich von euch. Und sehe, wie ihr euch einbringt in den Weltenlauf. Da vorne im Kabinett haben sie Umlenkungsmaschinen für Sonnenstrahlen, hier hat Archenhold Sonnenflecken beobachtet. Durch das Fernrohr, die Riesenkanone, die hinter euch steht, entdeckte er einen Nebel im Sternenbild Perseus, den noch kein Auge vorher gesehen hatte. Wir gehen jetzt an seinen Gedenkort. Seine jüdische Frau Alice2 und seine Tochter wurden ins KZ Theresienstadt verschleppt und dort ermordet, er wurde als Direktor des Planetariums3 abgesetzt. Der DDR verdanken wir den heutigen Namen Archenhold-Sternwarte.«</p>
<p>Die Gruppe schwieg und Nicolaj strich Archimedes über den bronzenen Bart. Jetzt hatte er keine Angst mehr. Zu seinen Füßen hatte Paul das Essen vorbereitet, Tomatenschnitten mit Zwiebeln und portugiesischen grünen Wein. Sie saßen recht ruhig und horchten den Parkvögeln nach. Huber sagte leise: »Seit unserer großen gemeinsamen Zeit bin ich die A-100-Trassenführung entlang, jetzt NATO-Draht gesichert, habe mit den alten Leuten gesprochen, die zu Hunderten ihre Lauben räumen müssen, die Gartenkolonien ›Ruhleben‹, ›Ruhleben II‹, ›Rose‹ und ›Stadtbär‹, alle sind jetzt dabei umzuziehen.«</p>
<p>Johanna schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab: »Huber, du sprichst den Inhalt unseres Vorhabens an, ohne ihn zu kennen. Unsere Gruppe wird sich demnächst nomadisch durch Berlin bewegen. Eingreifmöglichkeiten ergeben sich dabei für uns bei den Umzügen in dieser Stadt. Davon finden jeden Tag Hunderte statt. Für die Umherziehenden resultieren sie aus Tod, Erbschaft oder Schulden, Liebe und verlorener Liebe, Arbeitslosigkeit oder Neuanstellung, Ankommen und Ausgrenzung.«</p>
<p>Sie nahm ihr Kopftuch ab, strich sich durchs Haar und steckte es fester. Kurt Schwederski kramte im Jackett nach seiner Pfeife. Er trat zurück unter das Laubwerk einer Buche. Er hatte ein halbes Jahr hinter sich mit Johanna. Früher wäre er nicht mal in der Lage gewesen, sich eine so großartige Zeit zu erträumen. Er war sein Leben lang zur See gefahren, das Mittelmeer in seinen Tausenden Stunden und Wellenkämmen war ihm vertrauter als Berlin. Doch das Leben mit dieser Frau zu teilen, trieb ihn an, sich vieler lästiger Gewohnheiten zu entledigen. So hatten sie die Zeitumstellung letztes Jahr ignoriert. Das Leben war weniger getrieben geworden. Sie hatten sich Zeit gelassen beim Lesen des Ramonet-Interviewbuches mit Fidel Castro und versucht, länger durchzuhalten, als Fidels Worte dauerten, aber manchmal schliefen sie einfach ineinandergesunken ein. Wie das Bauernpaar in der schattigen Mittagspause von Picasso.</p>
<p>*</p>
<p>Kuba. Schwederski war da gewesen. Ein Land, dessen Bewohner seit fast fünfzig Jahren den verheerenden Auswirkungen eines Wirtschaftsembargos Tag für Tag trotzten. Johanna war vor allem abgestoßen von der Verleumdung Kubas als Menschenrechtsverletzer bei gleichzeitiger Genehmigung von CIA-Foltergefängnissen in Osteuropa und der geheimen Verschleppung von arabischen Gefangenen dorthin. Die meisten Intellektuellen in Europa verabscheuten Kuba. »Warum machen sie das?« flüsterte Schwederski. »Es ist die einzige Möglichkeit, in einem Scheißleben nicht unglücklich, sondern zufrieden zu sein«, sagte Johanna.</p>
<p>Wir sind alt, wir können die Welt nicht mehr aus den Angeln heben«, stöhnte Schwederski. »Aus den Angeln heben nicht, aber reinhauen können wir schon noch, daß die Taler vom Tisch springen und auf der anderen Seite des Globus wieder runterfallen. Es ist die Eigentumsfrage, mit der die kubanische Doktrin der weltweiten Solidarität ausgehebelt wird.«</p>
<p>»Was meinst du, Johanna, was sollen wir tun?«</p>
<p>»Stehlen, klemmen, abziehen, das Eigentum wechseln wie du morgen, hoffe ich, deine Strümpfe!«</p>
<p>*</p>
<p>Dieser Wiedereröffnung des Gelehrtengartens wohnte alles inne, was Schwederski sich für ihr Wiedersehen erwünscht hatte. Johanna hatte nur Andeutungen gemacht, und alle hatten jetzt genug Platz, in die Geschichte gut reinzukommen. Später saßen sie in bequemen Planetariumssesseln und fast in der Horizontalen beobachteten sie den Nachthimmel der Nordhalbkugel. Hoch im Süden das Sonnendreieck aus den Sternen Deneb, Wega und Atair. Nicolaj probierte die Feder seines Stuhles aus, Schwederski knurrte wie ein hungriges Rind, als die freundliche Sternwartenprofessorenstimme den Himmelsäquator nach Süden überschritt.</p>
<p>*</p>
<p>Abends waren sie in Janas Wohnung. Huber bat Johanna um die Beschreibung des neuen Ziels. »Gut, Huber, daß du wieder dabei bist, Kurt und ich haben als Tatort die Lahnstraße ausgesucht, Oberhafengelände im weiten Neukölln.« »Warum da?« wollte Huber wissen. Johanna hielt eine Rede: »Die Hafenstraße grenzt hier an einen grandiosen Schrotthaufen, ein Kranfahrer sortiert die Teile in verschiedene skurrile Berge, ein Wahrzeichen Berlins. Weiter runter Autowaschstraßen, die Nanotechnologie gegen aggressive Verschmutzung anbieten, kaputte Kaffeemaschine beim Bäcker. Einkaufszentrum, Tierfutterladen, Tiefkühllogistik, Kunststoffspritztechnik. Lahnstraße ist Vorhölle: Produktionsstätte und Schattenwelt. Die Wirklichkeit ist kaum noch zu unterscheiden von der Simulation derselben. Man sitzt vor einer Fünfzig-Dezibel-Waschanlage und frühstückt. Nichts ist zu erkennen, erkennungswert. Wir sollten den Leuten eine Chance geben, eine Idee, daß sie nicht so lange dasitzen, bis sie ihre Wünsche vergessen haben.</p>
<p>Hier verslumt Berlin. Wenn der Mensch von der Simulation der Wirklichkeit darin gehindert wird, die eigenen Sinne beisammenzuhalten. Aber Lahnstraße ist auch keck. Das ist der uns zugewandte Teil und in seiner Dynamik uneinschätzbar. Eine farbige Frau sagte mir, daß sie jetzt öfter Liebesbriefe vom Präsidenten bekommt, aber keine Angst mehr hat vor den Bullen. Ein Obdachloser fragte mich nach einer Alibiwohnung, und seine Begleiterin setzte hinzu, vielleicht sollten wir hier lieber abhauen. Sie werden nicht abgehauen sein, irgendwo werden sie da sein und mit uns agieren, wenn wir loslegen.</p>
<p>Wir suchten nach öffentlichem Raum, fanden nur die Hafenkantine der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. In Betonwände eingeklemmt standen zwanzig von ihnen und rauchten. Einer sagte, die Armut wird hier verschwiegen, die Kantine ist wegen Wasserrohrbruch geschlossen. Sie schrauben seit Dekaden Plastikschläuche an Waschmaschinen. Wir werden dort als erstes den Umzugsladen unter die Lupe nehmen.«</p>
<p>Johanna umfaßte Nicolajs Schulter. Huber legte »Giant Steps« von John Coltrane auf. Morgen früh wollten sie aufbrechen.</p>
<p>*</p>
<p>Ben saß vor einer kleinen palästinensischen Bäckerei und trank einen Tee. Er wartete auf Yasmina, seine Frau. Sie hatten vor vier Wochen geheiratet. Ben war 25 und kam aus Algier, Yasmina hatte er schon als Siebenjähriger geliebt, und es schien ihm, als ob das Glück ein Pferd sei, auf dem er den verschiedensten Hindernissen ausgewichen war und ganz in ihre gemeinsame Kraft vertrauend die tiefsten Schluchten übersprungen hatte. Sie zogen heute um. Yasmina erschien im Blaumann. Darüber trug sie eine alte braune Lederjacke. Sie lachte, Ben musterte sie und faßte sie bei den Händen. Er bezahlte, und sie gingen Arm in Arm die Sonnenallee hinunter.</p>
<p>Nach und nach trafen die Mitglieder der Gruppe beim Umzugsdiscounter ein. Johanna stand da und sondierte. Schwederski und sein Pflegesohn Victor kamen in Monteursklamotten, Paul trug einen Netto-Kittel. Jana sah aus wie eine Carmen auf der Bühne der Mailänder Scala. Sie trug ihre langen schwarzen Haare offen, die Sonne ließ ihr buntes Kleid funkeln und Nicolaj dachte an die Sonnenuhr im Garten. Er trug eine Baseballmütze, auf der stand »Treptower Park – Platanenretter«. Huber kam wie immer als der in der Zeit stehengebliebene John Lennon, mit dem tranigen »Imagine all the people«-Blick stellte er sich in die lange Warteschlange vor die Containerbüros der Firma. Es war nur ein großer Raum, zusammengestellt aus drei Containern. Der vierte Container war eine Abstellkammer für Sackkarren und gleichzeitig der Aufenthaltsraum für vier Angestellte, mindestens vier dachte Huber, das würde schwerer als geplant, sie waren von höchstens drei Leuten ausgegangen.</p>
<p>*</p>
<p>Paul und Victor verteilten Einladungen beim Netto-Bäcker, bei Lidl, und vor der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Hier wanderte die Karte durch die rauchende Menge. Eine sehr kleine Frau mit rotem Mantel ging unruhig hin und her und sagte: »Es soll gefeiert werden für die Lahnstraße, heute nach Feierabend, wir gehen hin, ja? Vielleicht wird aufgespielt zum Tanz.« Einige nickten und schnell zerteilte sich die Gruppe, weil die Pause zu Ende war.</p>
<p>Nicolaj und zwei Asse aus seinem Eishockeyteam verteilten im Futterladen, beim Asia-Imbiß und bei Curry-Pelle. Dort vor dem Imbißwagen tippte ein Mann mit einer Plastikgabel gegen die Einladungskarte und las murmelnd:</p>
<p>»SIND WIR NICHT ALLE DER TAPFERE KLEINE ARTIST, DER AUF DEM SICH SCHNELL DREHENDEN BALL LÄUFT UND TRAMPELT? UND ER WEISS GANZ GENAU, IN JEDER SEKUNDE, DASS ER ABSTÜRZEN WIRD. ABER BIS DAHIN WIRD ER OBENAUF BLEIBEN!</p>
<p>WIR SIND DER NEUE LAHNSTASSENFREUNDESKREIS, DER SICH ZUM ZIEL GESETZT HAT, DEN ÖFFENTLICHEN RAUM IN DIESER UMGEBUNG ZU BELEBEN. WIR LADEN SIE ZU EINER TASSE KAFFEE UND SELBSTGEBACKENEN ZIMTSCHNECKEN EIN UND SORGEN FÜR EIN LUSTIGES BEISAMMENSEIN! HEUTE UM 17.30 VOR DEM UMZUGSDISCOUNTER, LAHNSTRASSE 36–40. WIE BELEBT DER ÖFFENTLICHE RAUM WIRD, LIEGT AN IHNEN!«</p>
<p>Der Mann sah sich das Foto einer Frau an, das neben dem Text war, es war ein Urlausfoto von Jana auf Rügen, ihre schwarzen, runden Augen geisterten durch seinen Kopf, und er sagte zu seinem Nebenmann: »Lies’ ma, Herrmann, ne dolle Braut. Det guck ick mir an, det kannste globen.«</p>
<p>*</p>
<p>Johanna hatte drei Musiker bestellt, mit denen sie befreundet war. Ein bulgarisches Trio – Trompete, Ziehharmonika und Perkussion. Paul schloß ein Mikro an einen kleinen Verstärker an, der über Baustellenbatterien lief, und spannte einen Sonnenschirm auf. Er stellte einen Campingtisch auf und davor einen ausgedienten Hocker.</p>
<p>Johanna, Schwederski und Nicolaj begrüßten die Ankommenden mit Zimtschnecken.</p>
<p>»Tja, da sind wir auch schon«, sprach Jana als erste, und Victor hämmerte mit der Faust auf den kleinen Tisch, bis Ruhe war. »Da sind wir, eine nomadische Gesellschaft mit erstaunlichen Mitgliedern. Wir wollen die Lahn-Community kennenlernen und auch die Leute, die heute hier sind, weil sie eine Karre brauchen für ihren Umzug.« Sie fragte jemanden: »Der wievielte Umzug ist das in Ihrem Leben?« Die Frau mit der roten Jacke aus der Werkstatt für Menschen mit Behinderung sagte leise vor sich hin, Jana mußte den Satz über das Mikrofon wiederholen: »Meine Großmutter hat gesagt, wer dreimal umzieht, ist einmal abgebrannt.« Jetzt ging das erste Gelächter los, und Ben hob den linken Arm. Jana ging zu ihm und Ben umfaßte Yasmina. Die nahm seinen Arm von ihrer Hüfte. »Wir sind munter aufgewacht in unserer beschissenen Wohnung und haben bald ein Zimmer mehr in der Karl-Marx-Straße.« Applaus kam auf.</p>
<p>*</p>
<p>Die Angestellten glotzten schon aus den Containerfenstern. Sie hatten wenig Zeit, acht Minuten für das Fest hatte Johanna gerechnet, dann würden die Bullen spätestens auftauchen. Jana aber sprach ruhig, als könnte nicht schon der nächste blöde Zufall der Aschermittwoch ihrer Arbeit sein. Ein Typ mit Chefgebaren ging an die gerade angekommenen Umzugswagen, kontrollierte ihren Innenraum und mit einem Scanner fuhr er am Fahrerhaus über den kleinen Fahrzeugcode. Er schnauzte eine junge Frau an, die ihm die Wagenpapiere gab, drückte ihr Besen und Schippe in die Hand und die Frau stieg auf die Ladeklappe. Viele pfiffen, nachdem Nicolaj einen Pfiff losgelassen hatte, der selbst die Möwen auf dem Dach der Müllfirma aufschreckte.</p>
<p>Die Check-in-Mann der Firma ging jetzt in die Nähe des Sonnenschirms und sprach Schwederski an: »Wat gibt’s denn heute zu feiern, junger Mann?« Allen mißfiel sein Ton. Der Alte machte langsam den Mund zu und wieder auf. »Darf ich mich vorstellen«, sprach Schwederski dann langsam, während Paul dem Kerl den einzigen Platz anbot, »ich bin ein alter Flußkapitän und frage Sie, ob Sie bereit sind, von meiner Tochter zu erfahren, wie lange Sie noch leben?« Dem Mann sackte die linke Schulter etwas weg, als hätte sich ein grünes, giftiges Reptil dorthin gesetzt.</p>
<p>Jana durchbohrte ihn mit ihrem Blick und plötzlich motzte er los: »Ja, aber dalli-dalli, da fährt schon der nächste Wagen rein!« Jana massierte seine Handinnenflächen und Helmut, der Mann, der eben bei Curry-Pelle gesessen hatte, rief: »Das soll sie auch bei mir machen« und erntete höhnisches Gelächter. Jana hielt ihrem Probanden die Hand vor die Augen und flüsterte ihm ins Ohr: »Verändern Sie ihr Leben, sonst ist es bald zu Ende.«</p>
<p>*</p>
<p>Natalie war in der Warteschlange nach vorne gerückt bis an die Theke, doch sie hatten sie zurückgeschickt zum Check-in-Mann. Der war vom Hocker hochgeschnellt, als sie ihn ansprach: »Entschuldigen se, mir ist jemand beim Parken links in den Blinker rein, ich kann nichts dafür, und Ihre Kollegen wollen mir die Kaution nicht wiedergeben.« »Was geht mich das an?« brüllte er sie an. »Ich brauche sofort mein Geld zurück!« schrie Natalie zurück. Auf ein Zeichen Johannas begann die kleine Kapelle, ihre beliebte Zirkusrevue zu spielen, und der Kontrollchef setzte sich wieder auf den Hocker, denn die vielen erwartungsvollen Gesichter, die nur ihn anblickten, taten ihm jetzt wohl. Die Frau in dem roten Mantel sagte: »Geben Sie der Frau die Kaution zurück, die Miete muß doch bezahlt werden von ihrer neuen Wohnung.« Diesmal sprach sie laut und klar, und Jana drückte den hochschnellenden Kontroller wieder auf den Hocker. Es waren jetzt vielleicht vierzig Gäste.</p>
<p>Die Menge schob sich aufgeregt Richtung Büro. Jemand rief plötzlich »Geld z-u-r-ü-c-k, Geld z-u-r-ü-c-k«, und einige fielen rhythmisch ein. Huber sah, wie zwei der Typen hinter der Theke hervorkamen, und der jüngere von beiden machte den ersten Fehler. Er drohte der Menge, wendete sich wie ein eitler Gockel hin und her, seine alte Duce-Nummer, aber er hatte vergessen, erst die Menge für sich zu gewinnen, bevor sie zu führen war. Sein zweiter Fehler war, daß er nicht mehr zurückging ins Büro. Und seine beiden Kollegen taten es ihm gleich und machten Fotos mit ihren Handys, die ersten und einzigen des Festes.</p>
<p>Natalies Verzweiflung schlug um in Wut. So hatte sie sich ihren ersten Unabhängigkeitstag nach neun Jahren nicht vorgestellt. Der Trompeter legte jetzt ein atemberaubendes Tempo vor, dem die beiden anderen Musiker nicht mehr folgen konnten. Victor schob die beiden Angestellten von der Tür weg und redete auf die Umzugsagenten ein. Jetzt nahm der Duce sein Handy und drückte die 110. Nicolaj bewegte sich im Entengang durch das Gedränge hinter die Theke, schnappte sich vom Schlüsselbrett alle Schlüssel mit Benz-Stern, die er erreichen konnte. Dann gab Nicolaj Victor ein Zeichen, der daraufhin zu Natalie lief und ihr salutierend wie ein Soldat des Volkes zwei grüne Hunderter überreichte. Natalie umarmte ihn, drehte sich dann langsam um und lächelte ungläubig, doch die Festgesellschaft applaudierte dankbar. Johanna bat die Kapelle um einen letzten Walzer. Jana flüsterte dem Kontrollchef zu: »Wenn du lächelst, siehst du richtig sexy aus!« Er griente und schwieg.</p>
<p>*</p>
<p>Hinter den Containern steckte Nicolaj Johanna die Schlüsselpaare auf ihre Finger der linken Hand als wären es kostbare Ringe. Paul schnitt neben ihr die Kärtchen mit den Autokennzeichen von den Schlüsseln.</p>
<p>In zwanzig Sekunden wußte Nicolaj, wo welcher Wagen stand und zeigte sie Johanna. Während sie die Autoschlüssel an das ausgesuchte Publikum verteilte, ging der Duce wieder rein und glaubte tatsächlich, er hätte die Stimmung herumgerissen. Natalie wurde von vielen die Hand geschüttelt, und Huber steckte ihr einen Zettel zu, den sie überrascht in ihre Innentasche steckte. Ben und Yasmina nahmen einen Schlüssel, die Frau mit dem roten Mantel ebenfalls. Den dritten Schlüssel gab Johanna der farbigen Frau, die sie beim Netto-Bäcker kennengelernt hatte. Sie begriff sofort alles, und Johanna nickte nur. Victor fing an, wie ein rasender Hausmeister die Menge vom Hof zu schieben.</p>
<p>*</p>
<p>Als sich die Leute zerstreuten, saß der Check-in-Mann immer noch rauchend auf seinem rostigen Hocker. Als die farbige Frau eine Minute später mit einem nagelneuen Mercedes-Sprinter an ihm vorbeikurvte, verstand er gar nichts und winkte gar, und die Fahrerin warf ihm einen Kuß zu. Als der erste Streifenwagen auf den Hof fuhr, verließ gerade der sechste Sprinter das Grundstück. Es fuhren auch schon wieder neue Karren ein und der Kontrollchef begann wie in Trance mit ihrer Abfertigung und sammelte die Schlüssel ein und scannte und scannte.</p>
<p>Das kleine Fest hatte keine zehn Minuten gedauert, die letzten Krümel der Zimtschnecken teilten sich drei Spatzen. Im dichten Verkehr fuhren die Transporter durch Neukölln, und in Höhe der Baumschulenstraße bogen sie die Sonnenallee rechts ab Richtung Arboretum, dem alten Baumgarten im Süden Treptows, und parkten an verschiedenen Ecken der Kleingärten.</p>
<p>*</p>
<p>Am Abend kamen Kollegen von Paul und holten die fünf Wagen ab. Ein KFZ-Mechaniker wartete schon in Weißensee in einer Lackiererei, um sie umzuspritzen. Ein Transporter wurde auseinandergeschraubt und bis auf die Karosserie in seinen Einzelteilen in den anderen Wagen verstaut. Die farbige Frau war mit ihrem Begleiter nicht hergekommen, aber das hatte Johanna geahnt. Schade, die Zeit des Kennenlernens war zu kurz gewesen.</p>
<p>*</p>
<p>Am nächsten Tag trafen sich alle gegen Mittag vor dem Arboretum wieder, direkt vor der alten, ehemaligen Villa des ehemaligen Gartenbaudirektors. Die Bäume warfen Schatten auf die Steingärten und deren verschlungene Pfade. Schwederski dachte bei der alten Krimlinde am Teich an orientalische Muster auf einem Markt in Aden, wo er die schönsten Menschen der Welt gesehen hatte, damals vor dreißig Jahren. Huber notierte in einem kleinen Block einige Namen, um sie später auswendig zu lernen – kaukasische Zeitlose, Zwerglärche, iranischer Samtahorn, Schwarzuferbirke und chinesische Sicheltanne. Die Früchte des Purpurapfels würde er im Oktober probieren.</p>
<p>Johanna holte alle in die Realität hinter dem Zaun zurück: »Sprechen wir über gestern, Ihr sollt jetzt wissen, wofür wir in der Lahnstraße waren. Dort im Lidl gab es auch Bäume, kleine serbische Apfelbäume. Ein Baum kostete 1 Euro und 99 Cent. Die NATO hat die Preise runtergebombt. Ich habe einen gekauft, um ihn hier heute zu pflanzen. Arbor ist lateinisch: der Baum. Damit wird dieses Arboretum zu einem Kulturerbe gegen den imperialistischen Krieg.« Huber hatte schon ein Loch gegraben, und da stand der Ex-Jugo auch schon, schief und fast ohne Blattwerk. Nicolaj goß ihn an mit einer Flasche Mineralwasser. Johanna sprach weiter: »Gut, das war nur so ein Schlenker. Von Symbolen wird die Menschheit nicht satt.</p>
<p>Vier Transporter kommen nach Kuba, einer davon in Ersatzteile zerlegt als Ladung. Die Kubaner brauchen die Autos beim Katastrophenschutz. Der fünfte Benz wird verkauft, der Erlös geht an uns, die Frau mit dem roten Mantel und an Yasmina und Ben. Kurt kennt einen alten Zöllner in Rostock, der uns dabei hilft, die Transporter in die Karibik zu schaffen.« Natalie stand neben ihr und gab Johanna ein Taschentuch. Yasmina sagte: »Wir müssen los, hier ist unsere neue Adresse. Wenn wir sparen, fliegen wir zum Neujahr von Algier nach Havanna, falls es da einen direkten Flieger gibt. Das war ein schöner Umzug, ich danke euch.«</p>
<p>»Bis bald«, rief Nicolaj auf der Krimlinde sitzend herunter und pfiff.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/linde.jpeg" rel="lightbox[6557]"><img class="alignnone size-full wp-image-6565" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/linde.jpeg" alt="" width="210" height="241" /></a></p>
<p><em>Krimlinde. Photo: shops.ricardo.ch</em></p>
<p>&nbsp;</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=6557&amp;md5=b99a9f6756b4d612e9f39418157994ea" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Nordfriesland</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 19:49:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/niedrigwasser_03.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6525" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/niedrigwasser_03-424x341.jpg" alt="" width="424" height="341" /></a></p>
<p><em>Niedrigwasser 1</em>. Alle Photos: Mathias Königschulte</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Im vergangenen Jahr ging die taz-Reise nach Friesland, Ostfriesland und Westfriesland. Nun bleibt uns für dieses Jahr noch Nordfriesland.Vom 7. &#8211; 11. Juli 2012.</strong></p>
<p>Wir beginnen die Nordfriesland-Reise in Husum, wo wir während der fünf Tage auch übernachten. Mit dem Bus klappern wir dann die &#8220;Highlights&#8221; der Region ab:</p>
<p>Das Emil-Nolde-Museum an der dänischen Grenze, die Windkraftanlagen-Werke in und um Husum, den Nationalpark schleswig-holsteinisches Wattenmeer, die Tourismus-Entwicklung am Beispiel von St. Peter-Ording, die Erinnerungsorte an die Landvolkbewegung und die Polderlandschaft von Dithmarschen, die Holländersiedlung Friedrichstadt und die musealisierten Reste der 1362 im Sturm untergegangenen Stadt Rungholt im Wattenmeer vor der Halbinsel Nordstrand, eventuell auch noch das &#8220;Nordfriisk Instituut&#8221; in Bredstedt, auf alle Fälle jedoch das &#8220;Nissen-Museum in Husum.</p>
<div>
<p>Wiewohl sich alle Friesen, zusammengeschlossen in einer Art Eidgenossenschaft, von den Deutschen zu unterscheiden wissen, sind die Nordfriesen die widerständischsten: Mehrmals schlugen sie alle Adelsheere zusammen, die ihre Eigenständigkeit bedrohten.</p>
<p>Der Husumer Dichter Theodor Storm bedauerte es noch 1864, dass die tumben Preußen den liberalen Dänen das friesische Territorium abnehmen konnten. Und in den Zwanzigerjahren bekämpfte ihre &#8220;Landvolkbewegung&#8221; die sozialdemokratische Steuerpolitik, u.a. indem sie Finanzämter in die Luft sprengte. Ihr Anführer war der Dithmarscher Bauer Claus Heim, seine Enkelin Susanne Heim ist nebenbeibemerkt taz-Autorin.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/niedrigwasser_02.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6526" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/niedrigwasser_02-424x345.jpg" alt="" width="424" height="345" /></a></p>
</div>
<p><em>Niedrigwasser 2</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/niedrigwasser_05.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6527" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/niedrigwasser_05-424x342.jpg" alt="" width="424" height="342" /></a></p>
<p><em>Niedrigwasser 3</em></p>
<p><strong>Zur Einstimmung auf Nordfriesland seien hier die Farben aus dem dort spielenden Roman &#8220;Deutschstunde&#8221; wiedergegeben:</strong></p>
<p>Der zur Schulpflichtlektüre gehörende Roman von Siegfried Lenz &#8220;Deutschstunde&#8221; aus dem Jahr 1968  handelt vom &#8220;Malverbot&#8221; Emil Noldes während der Nazizeit. Dieser hat sich mit dem besonderen Licht an der nordfriesischen Küste, seiner Heimat, auseinandergesetzt &#8211; mit Farben also. In dem Roman von Lenz wird das in gewisser Weise nachvollzogen. Das beginnt auf Seite acht mit einer &#8220;messingblitzenden Barkasse&#8221; und einem &#8220;blauen Direktionsgebäude&#8221;.</p>
<p>Auf der darauffolgenden Seite geht es um einen Klassenkameraden des Ich-Erzählers, der seine Gesichtsfarbe willentlich ändern und &#8220;nach Belieben blaß, grünlich&#8221; aussehen konnte. Es folgen &#8220;maulwurfsgraue Gräben&#8221;, das &#8220;schwarze winterliche Meer&#8221;, der &#8220;grauäugige&#8221; Maler Nansen (alias Nolde), &#8220;schweres, beleidigtes Gelb&#8221;, &#8220;von dunklem Blau durchzuckt&#8221;, &#8220;dramatisches Orange&#8221;. Dann das &#8220;Zinngrau des Horizonts&#8221;, das zu &#8220;schneegrau&#8221; wird, &#8220;violett bleibt nicht violett, rot verzichtet auf sein Komplement&#8221;, &#8220;bläulich schimmerndes Treibeis&#8221;, &#8220;wütendes lila und kaltes Weiß&#8221;, &#8220;schlohweiße Kraftlinien&#8221;, &#8220;weiße Staubtücher&#8221;, ein &#8220;grau getünchtes Gasthaus&#8221;, ein &#8220;Tor aus weißen Planken&#8221;, ein &#8220;rostroter Stall&#8221;, &#8220;Schwarzschlachtung&#8221;, ein &#8220;graublauer Mantel&#8221; mit &#8220;schwarzem Wildledereinsatz&#8221;, ein &#8220;violett gesträubter Fuchspelz&#8221; und &#8220;ein Bart aus brodelndem Orange&#8221;. Ferner &#8220;erdgrüne Hügel&#8221;, &#8220;braune, rot unterfeuerte Finger&#8221;, &#8220;sterbendes Grau&#8221;, &#8220;Dunkelgrün fehlt noch&#8221;, &#8220;braun und begabt&#8221;, &#8220;gelbe Propheten&#8221;, &#8220;grüne, verschlagene Marktleute&#8221;, &#8220;das ganze phosphoreszierende Volk&#8221;, &#8220;grüne langstielige Gläser&#8221;, &#8220;aufblickend in olivgrünem Licht&#8221;, &#8220;rot-weißes Leuchtfeuer&#8221;, &#8220;ein ockerfarbenes Transparent&#8221;, &#8220;weiß und rostrot getünchte Anwesen&#8221;, &#8220;mit Schlemmkreide geweißte Schuhe&#8221;, eine &#8220;rote Ameise&#8221;, die &#8220;sandhelle  Spitze der Halbinsel&#8221;, &#8220;weißgewaschenes Wurzelwerk&#8221;, &#8220;aus schwarzer Weite&#8221;, &#8220;rotäugig, gelbschnäbelig&#8221;, &#8220;Schnee aus Daunen&#8221;, &#8220;blaugrüne, graue und schwarzbraune Eier&#8221;, &#8220;Addis blaurot verfärbtes Gesicht&#8221;, ihr &#8220;aufgesperrter, korallenroter Schlund&#8221;, &#8220;gelbe Hoheitszeichen&#8221;, ein &#8220;weißlicher Vorhang&#8221;, &#8220;alles wächst sich schwarz und knollenhaft aus&#8221;, &#8220;graue geduldige Augen&#8221;, &#8220;das Grau der Sanddünen&#8221;, &#8220;die blaue Meereskarte aus Leinwand&#8221;, &#8220;Stücke blaßgelben Streuselkuchen&#8221;, &#8220;altersgraues Meergetier&#8221;.</p>
<p>&#8220;Juttas rot-weiß kariertes Kleid&#8221;, &#8220;ebenmäßig silbriger Bartkranz&#8221;, &#8220;da überredete ein weiches Zitronengelb ein lichtes Blau zur Selbstaufgabe&#8221;, &#8220;schwebende Segel büßten ihr Weiß ein&#8221;, &#8220;das Weiß, das will noch zu viel sagen&#8221;, &#8220;sein brauner knorriger Stock&#8221;, &#8220;auf dem gewellten schwarze Erdboden&#8221;, &#8220;die schwarzen Gartenwege&#8221;, &#8220;am rostroten Stall&#8221;, &#8220;die blauen Tümpel und das flockige Weiß&#8221;, &#8220;ein altes weißes Entenpaar&#8221;, &#8220;ein rot durchkreuzter Eilbrief&#8221;, &#8220;rötlich behaarte Hände&#8221;, &#8220;mit flatternder blauer Fahne&#8221;, &#8220;Braun löste Weiß ab&#8221;, &#8220;in dem Rot und Geld sich pathetisch unterhalten&#8221;, &#8220;das gelbliche Gebiß&#8221;, &#8220;am rotbemützten automatischen Feuer&#8221;, &#8220;rotblonde Wimpern&#8221;, &#8220;ihr strenges rötliches Gesicht&#8221;, &#8220;eine langsame Morgendämmerung, in der sich ein unaufhaltsames Geld mit Grau und Braun auseinandersetzt&#8221;, &#8220;plumper weißer Verband&#8221;, &#8220;harte, graue, selbstgewebte Laken&#8221;, &#8220;torfbraunes Wasser&#8221;, &#8220;in weiße Rahmen gefaßte Fenster&#8221;, &#8220;schwarz und untauglich im Blickfeld&#8221;, ein &#8220;dunkelgrünes Auto&#8221;, &#8220;eine geflochtene Troddel von einem Polizeisäbel, die matt silbrig schimmerte&#8221;, &#8220;ihre Vorliebe für weiße Kleider und weiße Strümpfe&#8221;, &#8220;grauweißer Pamps&#8221;, &#8220;sowohl ins Grüne als auch ins Rote spielender Rhabarbermus&#8221;, &#8220;weiße, mit Sommersprossen und Leberflecken besäte Arme&#8221;, &#8220;meine blaue, selbstgemachte Fahne&#8221;, &#8220;torfbrauen Erde&#8221;, &#8220;schwarze,  lauwarme Gräben&#8221;, ein &#8220;alter blauer Mantel&#8221;, der &#8220;violette Fuchspelz&#8221;, &#8220;in schreckhaftem Orange beispielsweise, in weißem, wie mit Deckfarbe aufgesetzten Tupfen&#8221;, &#8220;ins Schwarzgrau einen scharfen Ruf: Gelb, Braun und Weiß,&#8221; &#8220;und Erdgrün&#8221;, &#8220;sein graues Auge&#8221;, &#8220;helläugig, mit blauem Gesicht&#8221;, &#8220;schwere, graugrün gestrichene Türen&#8221;.</p>
<p>&#8220;Ein grauweißes, oben links leicht geflecktes Rechteck&#8221;, &#8220;das rote, längliche, sauertöpfische Gesicht&#8221;, &#8220;weiße Ringe&#8221;, &#8220;eine milchige Sonne&#8221;, &#8220;das wirft gelbe und grüne Blitze übers Meer&#8221;, &#8220;ein schwärzliches Licht von der Morgensonne&#8221;, &#8220;Rotalgen, Braunalgen, Grünalgen&#8221;, &#8220;sein riesiges blauweißes Taschentuch&#8221;, &#8220;die Planken weiß schrubben&#8221;, &#8220;blaue Schatten über der See, die von grauen Bändern geteilt wurden&#8221;, &#8220;die Frau mit dem zusammengesteckten braunen Haarkranz&#8221;, eine &#8220;niedrige, dunkelgrün gestrichene Decke&#8221;, der &#8220;Sonnenuntergang Rot und Grün&#8221;, &#8220;statt Orange &#8211; Violett&#8221;, &#8220;die gewohnten Farben: weißgrau und ziegelrot&#8221;, &#8220;aschblondes Haar&#8221;, ein &#8220;brauner, abgeplatteter Daumen, &#8220;schwarzes Brett&#8221;, &#8220;braune und sandfarbene Staubmäntel&#8221;, &#8220;Flaschengrün und Schwarzblau&#8221;, &#8220;seine blaue Fahne&#8221;, &#8220;rot eingekastelt&#8221;, ein &#8220;silbergrauer Kajak&#8221;, &#8220;Gesichter auf zerlaufenem Silber&#8221;, &#8220;wäßriges Blau&#8221;, &#8220;dunkle Naturgeister&#8221;, &#8220;gelbe Verderbnis&#8221;, &#8220;Farballergie stop Braun&#8221;, &#8220;Mann im roten Mantel&#8221;, &#8220;grünweiß geflammte Furcht&#8221;, &#8220;die blaue Grundierung, um das Rot des Mantels daran zu brechen&#8221;, eine &#8220;schwarze, winterliche Nordsee&#8221;, &#8220;Dittes grauer Bubikopf&#8221;, &#8220;weißes öliges Zeug&#8221;, &#8220;graue Augen, klein und kalt&#8221;, &#8220;ein braunes Ungetüm von Kommode&#8221;, &#8220;bläuliche Metallflecken&#8221;, &#8220;Rot auf Weiß und Grün auf Weiß&#8221;, &#8220;mehlweiße Heringe&#8221;, &#8220;gelb und braun glänzend vor Fett&#8221;, eine &#8220;braune Schüssel&#8221;, ein &#8220;rotleuchgtendes Papierstück&#8221;, &#8220;grüne Gesichter&#8221;, &#8220;schiefe und schwarze Münder&#8221;, &#8220;grüne Gesichter&#8221;, &#8220;eine Schale mit bräunlichem Apfelmus&#8221;, &#8220;einige rote und grünweiße Schnipsel&#8221;, &#8220;rote, grünew, weiße und blaue Flocke ließ er niederregnen&#8221;, &#8220;blaue Meereskarten&#8221;, &#8220;graue Modellflotten&#8221;, &#8220;Rot bestätigte Blau. Weiß brachte Grün in Aufruhr, Braun behauptete sich gegen Grau. Ein brauner gekrümmter Zeh&#8221;, &#8220;eine schwarze Jacht&#8221;, ein &#8220;roter Kugelbaum&#8221;, &#8220;eine rote Glocke&#8221;, &#8220;unter der grauen Last&#8221;, &#8220;mit einem schweren grünweißen Körper&#8221;, sandgrauer Strand&#8221;, &#8220;die schwarze, winterliche Nordsee&#8221;, &#8220;eine ins Blaugrün spielende Welle&#8221;, &#8220;ein düsteres Braun&#8221;, &#8220;braune Augen&#8221;, &#8220;torfbraunes Wasser&#8221;, &#8220;meine schlammbedeckten Schokoladenbeine&#8221;, &#8220;ins Bläuliche spilenmder Schlamm&#8221;, &#8220;schwarz geteerte Bordwände, mit gebleichtem Ducht, die von Mövendreck bespritzt war&#8221;, eine &#8220;schwarze Schubkarre&#8221;, &#8220;schwarzweiß gefleckt, grau, verzottelt&#8221;, der &#8220;grünbraune Wulst&#8221;, &#8220;braune Torftürme&#8221;, eine &#8220;ins Schwarze übergehende Wand&#8221;.</p>
<p>&#8220;Das rote Ziegelhaus&#8221;, &#8220;auf der grauen Couch&#8221;, &#8220;Das braune gutmütige Büfett&#8221;, &#8220;weiße Tage&#8221;, &#8220;rothaarig&#8221;, &#8220;ein schwarzer Rock und ein schwarzer Lackgürtel&#8221;, &#8220;ein großes beleidigteKüken aus gelbem Stoff&#8221;, &#8220;mit dem schäbigen blauen Mantel&#8221;, &#8220;sein Gesicht war grau&#8221;, &#8220;der rostrot getünchte, lange unbenutzte Stall&#8221;, &#8220;die gekalkte Stallwand&#8221;, &#8220;das schwarzweiß gefleckte Fell&#8221;, &#8220;mit grauem Haarnetz&#8221;, &#8220;mit eisgrauem Haar&#8221;, &#8220;schwarzweiße Kreisel über die Stirn&#8221;, &#8220;schwarze, übereinanderliegende Baumstämme&#8221;, &#8220;das dunkelgrüne Auto&#8221;, &#8220;der kleine braune Koffer&#8221;, &#8220;die mausgraue tanduhr&#8221;, &#8220;in grünem Licht&#8221;, &#8220;ein unaufhaltsames Braun&#8221;, &#8220;ein Braun mit schwarze Streifen und grauem Rand&#8221;, &#8220;seine grauen Augen&#8221;, &#8220;mein grün gestopfter Pullover&#8221;, &#8220;die schlammgraue oder tonfarbene Einöde&#8221;, &#8220;graue Tümpel&#8221;, &#8220;gelbliche Schaumhügel&#8221;, &#8220;der rotblaue Ring&#8221;, &#8220;Blau vor Grün, Blau vor Sandbraun&#8221;, &#8220;ein tongraues Gebiet&#8221;, &#8220;bis zum roten Leuchtfeuer&#8221;, &#8220;weiße Stifelkuppen&#8221;, &#8220;eine grüne Bohne&#8221;, &#8220;schon braun&#8221;, &#8220;noch als grün, hatten jedoch schon gelbbraunen Schimmer&#8221;, &#8220;Bleifarbe&#8221;, &#8220;Ziegelrot im Blickfeld&#8221;, &#8220;diese Ebene, grün, geld und mit braunen Streifen, &#8220;mit schwarzen Früchten&#8221;, &#8220;gebräunt&#8221;, &#8220;weißblaues Gewölk&#8221;, &#8220;braungrünes, fettig schimmerndes Ölpapier&#8221;, &#8220;schwarzer Strom&#8221;, &#8220;unterschiedliche Brauntöne&#8221;, &#8220;Spuren im Schnee, schwarz und ohne Herkunft&#8221;, &#8220;blaue Zaunlatten&#8221;, &#8220;&#8221;bißchen olivfarbener Hintergrund&#8221;, &#8220;ein kleines, rotes Leuchten&#8221;, &#8220;die graue, harte, nächtliche Juckreize hervorrufende Decke&#8221;, &#8220;das violette Kleid&#8221;, &#8220;in Grün&#8221;, &#8220;sondern in Gelb&#8221;, &#8220;Widerstand des schwarze, gestauten Wassers&#8221;, Schwarz glänzend die krummen Bäume&#8221;, &#8220;Die Tünche &#8211; weinrot und weißgrau&#8221;, &#8220;von grauem Haar eingeschlossen&#8221;, &#8220;die grauen Augen&#8221;, &#8220;mit dem silbernen Bartkranz&#8221;, &#8220;schwarzes Seidenkleid&#8221;, &#8220;schwarze Strümpfe, schwarze Überschuhe und der schwarze Tuchmantel&#8221;, &#8220;weißlicher Schleier&#8221;, &#8220;Rotziegel&#8221;, &#8220;Schwarz stand ihr gut&#8221;, &#8220;in schwarze Gruppen&#8221;, &#8220;ein dunkler, hoffentlich kratzender Strickanzug, &#8220;keine Rotdrosseln&#8221;, &#8220;rostrot getünchte Tür&#8221;, &#8220;braungelacktes Holz&#8221;, &#8220;weißes Kleid, weißer Spangenschuh&#8221;, &#8220;graue Kleider&#8221;, &#8220;mit schwarze Rissen im Nacken&#8221;.</p>
<p>&#8220;Dünnes weißliches Wurzelwerk&#8221;, &#8220;&#8221;die Erde schwarzbraun&#8221;, &#8220;die gelben Türme&#8221;, &#8220;der so rot angelaufene Mann&#8221;, &#8220;seine safrangelbe Joppe&#8221;, &#8220;seine mit schwarzem Isolierband geflickte Pfeife&#8221;, &#8220;die sattgrüne Erhebung&#8221;, &#8220;das schwere Grün, das glühende Rot der Gehöfte&#8221;, &#8220;in Streifen roten, gelben und schwefligen Lichts&#8221;, &#8220;Ocker- und Zinnobertöne am Himmel&#8221;, &#8220;schwarzweißgefleckte Tiere&#8221;, &#8220;unter weißlichen Atomstößen&#8221;, &#8220;das rotblonde Haar&#8221;, &#8220;einer der aschgelben Heringe&#8221;, &#8220;Eiszapfen zeigten im Zerspringen, daß sie gefärbt waren,  rot und gelb vor allem&#8221;, &#8220;grüne Hügel&#8221;, &#8220;grau im Gesicht&#8221;, &#8220;ein grüner, olivgrüner Panzerspähwagen&#8221;, &#8220;eine schwarze Baskenmütze&#8221;, &#8220;rötliches Kraushaar und zwei rötliche Sterne auf den Schulterklappen&#8221;, &#8220;olivgrün&#8221;, &#8220;in dem braunen, kurzärmeligen Kittel&#8221;, &#8220;die olivgrüne Masse&#8221;, &#8220;unter der grünschwarz gestreiften Decke&#8221;, &#8220;&#8221;mit brandrotem Fuchspelz&#8221;, &#8220;Die linke Gesichtshälfte in kraftlosem Rotgrau, die rechte Grüngelb, der Grund rötlich fleckig&#8221;, &#8220;durch bläuliche Schleier&#8221;, &#8220;die weißlich schimmernde Stirn&#8221;, &#8220;das schattige Blau über dem Nasenrücken&#8221;, &#8220;Rotgrau und Gründgelb&#8221;, &#8220;Dies innenlichtige Blau&#8221;, &#8220;in diesem Blau&#8221;, &#8220;hier rotgrau, dort grüngelb&#8221;, &#8220;das Blau&#8221;, &#8220;blau bewimpelt&#8221;, &#8220;grauweiße Stulpen&#8221;, &#8220;weiße Fahnenstange&#8221;, &#8220;weiße Schürze&#8221;, &#8220;Rotziegel&#8221;, &#8220;mit dem weißen Vogelbauer&#8221;, &#8220;auf dem torfbraunen Weg&#8221;, &#8220;schwarz vor eingefallenen Staren&#8221;, &#8220;bläulicher Schlamm&#8221;, &#8220;weißlicher Dunst&#8221;, &#8220;die beiden olivgrünen Autos&#8221;, &#8220;&#8221;etwas Blaues&#8221;, &#8220;bei schwarzem Himmel&#8221;, &#8220;aus grünblauer Tinte&#8221;, &#8220;verloren unter Grau&#8221;, &#8220;wenn milchiges Weiß auf sie fiel&#8221;, &#8220;ihre gespreizten braunen Beine&#8221;, &#8220;im blauen Kittel&#8221;, &#8220;der blaßgrüne Unterrock&#8221;, &#8220;von dem sämigen, honigfarbenen Shampoo&#8221;, &#8220;eine dunkle Brühe&#8221;.</p>
<p>&#8220;Das rötliche Licht&#8221;, &#8220;ein Strauß von gelben und roten Leuchtkugeln&#8221;, &#8220;Torkelnder Aschenregen vor weißgrauem Himmel&#8221;, &#8220;mit dem braunen, rot unterfeuerten Finger&#8221;, &#8220;die gelben Propheten&#8221;, &#8220;die grüne, verschlagenen Marktleute&#8221;, &#8220;das ganze phosphoreszierende Volk&#8221;, &#8220;&#8221;mit ihren leicht grüngoldenen Händen&#8221;, &#8220;ihren eisgrauen Augen&#8221;, &#8220;mit seinen gelblichen, starken Zähnen&#8221;, &#8220;die braune, grobe Decke&#8221;, &#8220;der Mann im roten Mantel&#8221;, &#8220;ein brauner Umschlag&#8221;, &#8220;unter einem roten Himmel&#8221;, &#8220;auf die blaue Musterung&#8221;, &#8220;unter dem roten Himmel, mit offenem Haar&#8221;, &#8220;zwei gelbliche Tabletten&#8221;, &#8220;diese dünne goldene Kette&#8221;, &#8220;das dünne, aschblonde Haar&#8221;, &#8220;in dem schwarzen, lackglänzenden Regenmantel&#8221;, &#8220;&#8221;wachsgelbe Haut&#8221;, &#8220;die Frau in Schwarz mit dem breitkrampigen schwarzen Hut&#8221;, &#8220;lila Schimmer im Haar&#8221;, &#8220;das Mädchen im Lederrock mit dem seegrünen Pullover&#8221;, &#8220;die flache Rothaarige, deren Beine mit roten Pickeln besetzt waren&#8221;, &#8220;an grünen Schnüren&#8221;, &#8220;Ihre Sehschlitze waren erdbraun&#8221;, &#8220;gelbe Baumaschinen&#8221;, &#8220;bis zur Verkehrsampel, die zeigte noch Grün&#8221;, &#8220;Rotweinflaschen&#8221;, &#8220;die grünen Schriftzüge&#8221;, &#8220;hellblau gestrichene Seekisten&#8221;, &#8220;auf weißgraue Papper gezogen&#8221;, &#8220;goldene zuckende Ränder&#8221;, &#8220;Schwarz und Weiß, ein schwarzer Winkel&#8221;, &#8220;ein verwinkelter, schwarz gekleideter Mann&#8221;, &#8220;ließ Blau durch Gelb zucken, ließ Weiß in schimmerndem Grün explodieren&#8221;, &#8220;das grüne Gesicht&#8221;, &#8220;ein untersetztes schwarzhaariges Mädchen&#8221;, &#8220;Die roten Flecken&#8221;, &#8220;tanzten rote Flecken auf mich zu&#8221;, &#8220;die Schnipsel des roten Fahrradschlauchs&#8221;, &#8220;die vergilbte Tapete&#8221;, &#8220;rotweißgewürfelte Bauerngardinen&#8221;, &#8220;schwarzes Haar, trägt ein schwarzes Hemd&#8221;, &#8220;der Stoff seiner schwarzen Hose&#8221;, &#8220;die silbernen Knöpfe&#8221;, &#8220;die schwarzgrauen Hefte&#8221;, &#8220;Grünkohl, Rotkohl, Weißkohl&#8221; und zuletzt: &#8220;die grauen und gifgrünen Rauchschwaden&#8221;.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/hochwasser_01.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6528" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/hochwasser_01-424x339.jpg" alt="" width="424" height="339" /></a></p>
<p><em>Hochwasser</em></p>
<p><strong>Storm und Drang</strong></p>
<p>&#8220;Die äußere Enge nämlich hinderte mich nicht, innerlich ins Weite zu gehen!&#8221; (Theodor Storm)</p>
<p>Im Sommer 1985 fuhren wir nach Husum &#8211; zu einer Theodor-Storm-Tagung. &#8220;Bei diesem Autor war es mittlerweile notwendig geworden, hinter dem zum Schulbuchautor zurechtgestutzten und von den Nazis als Repräsentant einer Blut- und Boden-Literatur vereinnahmten Schriftsteller den &#8220;ersten deutschen Naturrealisten&#8221; und &#8220;kritischen Realisten&#8221; ebenso wiederzuentdecken wie den antimilitaristischen Demokraten Theodor Storm,&#8221; hatte uns die Kulturredaktion der taz mit auf den Weg gegeben.Theodor Storm war eine &#8220;stark sinnliche, leidenschaftliche Natur&#8221; (Th. Storm, &#8220;Des Amtschirurgus Heimkehr &#8220;). Seine überstürzte Verlobung und baldige Entlobung mit Emma Kühl von der Insel Föhr bestätigt das: &#8220;Ich wußte damals noch nichts von Liebe; es war alles damals heißes Blut&#8221;, gestand er später.  (Vgl. Gertrud Storm, &#8220;Jugendzeit I&#8221;). In Husum besuchten wir das &#8220;Theodor-Storm-Haus&#8221;, &#8220;das von Storm-Forschern und -Verehrern aus der ganzen Welt besucht wird, &#8221; wie es bei K.E. Laage: &#8220;Ein Führer durch die Storm-Stätten&#8221; heißt. Im &#8220;Hademarschen-Zimmer&#8221; finden sich in einer Vitrine neuere Storm-Adaptionen, darunter der Photoroman &#8220;Immensee&#8221; aus der &#8216;Hamburger Morgenpost&#8217;: &#8220;Von Storms Novelle ist in diesem modernen Photoroman nicht viel mehr als der Titel und der Heldenname Reinhard übriggeblieben; vor dem Hintergrund der späten 1960er Jahre (Studentenbewegung und außerparlamentarische Opposition) scheint diese Trivialisierung des Originals um so bedenklicher.&#8221; (Aus: &#8220;Th. Storm &#8211; Immensee, Erläuterungen und Dokumente&#8221;) .</p>
<p>Ab Mitte der Achtzigerjahrer fanden in Husum regelmäßig &#8220;Nordische Filmtage&#8221; statt. Zwischen den Filmen ging man ans &#8220;graue Meer&#8221;, löffelte einen Eisbecher &#8220;Deichgraf&#8221; im &#8220;Theodor-Storm-Café&#8221; oder beschäftigte sich mit friesischer Deichbaukunst und kollektiver Eigensinnigkeit. Mit dem  &#8220;Schimmelreiter-Syndrom&#8221;, wie es der Wattenexperte vom  Bund für Naturschutz nannte.</p>
<p>&#8220;Nicht mehr ganz Meer, noch nicht ganz Land, das ist das doppelte Gesicht der Landschaft Wattenmeer&#8221;, lasen wir auf einer Tafel im Husumer Heimatmuseum, dem Nissenhaus, vor dem ein Klabautermann in Bronze steht. Der Geschichte der Kultivierung des Saumes zwischen Meer und Marsch ist denn auch eine weite Abteilung von hohem Erlebniswert gewidmet. &#8220;Durch die Jahrhunderte hindurch ist die Geschichte des Deichbaus immer wieder belastet gewesen mit dramatisch verlaufenen Deichschließungen &#8211; der Geburtsstunde eines neuen Koogs.&#8221; Die friesische Landgewinnungspraxis hat über die Jahrhunderte hinweg eigene Begriffe geprägt. &#8220;Schöpfwerke&#8221; der Deichgeschichte sind die Regulationssysteme, die Schleusen zwischen Kultur und Natur. Mit einem solchen wurde &#8220;zum ersten Mal, 1955, beim Deichschluß des Lübke-Koogs nacktes Watt mit Erfolg in landschaftliche Kultur genommen.&#8221; Bei der Eroberung der nackten Watten spielt der &#8220;Wattenpionier-Queller&#8217;&#8221;, eine Art Salzgras, eine bedeutende Rolle. Die &#8220;Schotten im Deichkern  -unsichtbare Dokumente der Deichgeschichte&#8221; sind unter &#8220;Faschinen&#8221; (Buschmatten) und der (bei &#8220;örtlicher Gefährdung durch Wellenschlag mit Schadwirkung&#8221; nötigen) &#8220;Bestickung&#8221; mit Reet/Stroh befestigt. Neuerdings gilt: &#8220;Wenn das Watt einen ausreichend hohen Schlick-Ton-Gehalt besitzt, kann es nach jüngsten Erkenntnissen eingedeicht werden, bevor es biogen (durch Salzpflanzen) verlandet; der über 900 Jahre praktizierte Grundsatz von der Deichreife hat damit für Schlickwatten seine Bedeutung verloren!&#8221;</p>
<p>Der aus Friesland stammende und an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrende Maler Raimer Jochims schreibt: &#8220;Die Schlickbildung ist schon in meiner Kindheit ein unmittelbares Erlebnis gewesen: das schwarze formlose Chaos, mit dem chaotischen Hintergrund der Sturmfluten und Deichbrüche, also die Doppelqualität des Aufbauens und Zerstörens der Elemente. Das Land, das hier gewonnen wird, ist rechtwinklig strukturiert, alles ist flach, die einzige Vertikale ist der Mensch. Das ist eine Landschaftserfahrung, die durch die Horizontale geprägt ist und durch die Elemente des Feuchten und Chaotischen.&#8221;</p>
<p>Nach wie vor gibt es auch noch die Institution des Deichgrafen und Oberdeichgrafen, der heute jedoch meist &#8211; entmachtet &#8211; die rechte Hand des oft konservativen Landrats ist. Anfänglich baute man die Deiche mit steilen Wänden &#8220;wie Festungen&#8221;. Der Deichgraf Hauke Haien setzte gegen den Willen der am Deichbau beteiligten Bauern die moderne Bauweise durch, die den Angriff der Wellen nicht parierte, sondern sanft ausrollen ließ. Während Hauke Haien als Held in Theodor Storms &#8220;Schimmelreiter&#8221;-Novelle an Aberglauben und Fortschrittsfeindlichkeit scheiterte, ist heute ein wichtiger Koog nach ihm benannt.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/imbiss_02.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6529" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/imbiss_02-424x342.jpg" alt="" width="424" height="342" /></a></p>
<p><em>Imbiss</em></p>
<p><strong>Politische Ökologie an der Nordsee</strong></p>
<p>1988 unternahmen wir einen Ausflug zur zehn Kilometer von Husum entfernten Insel &#8220;Nordstrand&#8221;: In der &#8220;Nordstrander Bucht&#8221; befindet sich die derzeit umfangreichste friesische Küstenschutz-Maßnahme: der Beltrigharderkoog. Auch eine Katastrophe. &#8220;Der Grund liegt darin, daß man im Süden begonnen hat, den Generalplan Küstenschutz, der nach der schweren Sturmflut 1962 aufgestellt worden war, zu realisieren. Deswegen waren wir hier im Norden die letzten, und inzwischen haben sich die politischen Zustände geändert&#8221;, so der Ingenieur des Küsten-Bauabschnitts C. Michael Mäurer vom BUND für Naturschutz. &#8220;Zehn Jahre wurde gegen diese Eindeichung gekämpft. Das hat viele Leute verschlissen und Feindschaften entstehen lassen.</p>
<p>Auch unter den Naturschützern gab es Kompromißbereite. Am Anfang ging es noch um eine große Lösung: ein Deich vom Hauke-Haien-Koog bis zu den Halligen. Aber auch die kleine Lösung jetzt, die Eindeichung der Nordstrander Bucht zerstört immer noch 3.400 Hektar Naturlandschaft, die in Kunstlandschaft verwandelt werden. Nun müssen wir erstmal sehen, was daraus wird. In der Zwischenzeit wird man über die Problematik Küstenschutz neu nachdenken müssen.&#8221;  Der gigantischen Baustelle sieht man schon von weitem an, daß hier ein absurder Kompromiß entsteht: die martialisch eingedeichte &#8220;kleine Lösung&#8221; wird nicht etwa landwirtschaftlich genutzt werden, das wäre bei der derzeitigen Agrar-Überproduktion nicht sinnvoll, man wird dort statt dessen Süß- und Salzwasserbiotope anlegen. Die Dame vom Informationspavillon berichtet stolz, daß sich im südlichen Abschnitt schon vier Seehunde tummeln. Mit dem Salzwasser-Naturreservat soll das Wattenmeer &#8220;nachempfunden&#8221;, mittels Sielen und Pumpen sogar eine Gezeitenbewegung im Biotop simuliert werden. Diese vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen werden von den Planern als &#8220;Paradies aus Menschenhand&#8221; gepriesen.</p>
<p>Viele Touristen schreiben allerdings wütende Briefe an die &#8216;Husumer Nachrichten&#8217; und fragen, was dieser ganze Quatsch soll. Zwar hatte es schon 500.000 Protest-Unterschriften gegen die Sicherungsmaßnahme Nordstrander Bucht gegeben, ein Hearing und eine Einstweilige Verfügung des Verwaltungsgerichts Lüneburg, die einen vorübergehenden Baustopp bewirkte. Ein Lehrer aus Nordstrandischmoor hatte eine bedrohliche Erhöhung der Flut für die Halligen aufgrund des neuen Deiches befürchtet. Seit Deichschluß geben ihm einige ältere Halligbewohner recht. Ein Redakteur der Husumer Nachrichten: &#8220;Wir haben das mal geprüft, das ist alles gelenkt worden.&#8221; Von wem oder was, will er nicht sagen. Er räumt aber ein, daß das Projekt Nordstrander Bucht die &#8220;große Zäsur in der Deichbaugeschichte ist: der Rubikon ist überschritten.&#8221;  11O Millionen Mark wird der umstrittene &#8220;Puffer zwischen Meer und Siedlungsland&#8221; kosten und den naturhungrigen Urlauber abschrecken.</p>
<p>Zwar verhandeln derzeit der BUND und der World Wildlife Fund, Geschäftstelle Husum, mit den Anliegergemeinden über die Nutzung der Bucht für den &#8220;sanften Tourismus&#8221;, aber attraktiver wird das &#8220;Ingenierbauwerk&#8221; auch durch zwei Badestellen an den Sielen und einem Surfer-Treffpunkt &#8220;Fanatic&#8221; nicht. Dennoch signalisiert dieser Versuch, neuen Ökowein in alte Schleusen zu gießen, ein Umdenken. Als Beispiele für kulturelle Küstenbefrachtung könnten das schleswig-holsteinische Musikfestival, die Husumer Filmtage oder auch die zwei von Naturschützern angebotenen mehrtägigen Wattenbildungs-Turns genannt werden (&#8220;Die Teilnehmer sind unfallversichert&#8221;). Inzwischen wird den Ökotouristen dort  noch weit mehr geboten:</p>
<p><strong>Ein Lehrstück im Wattenmeer</strong></p>
<p>Das Stück wird immer noch gespielt. Man kann es sich ankucken. Das wollten wir auch 2007 noch. Und fuhren nun bei grauem Wetter am grauen Meer entlang &#8211; durch den &#8220;Nationalpark Wattenmeer&#8221; in Nordfriesland. Seit Ende der Siebzigerjahre wurde hier ausgehend vom Beltrigharderkoog ein Kampf zwischen Ökonomie und Ökologie ausgefochten. Die Bauern und das von ihnen einst durch Eindeichung geschaffene Ackerland auf der einen Seite. Auf der anderen Ringelgänse bzw. ihre Sprecher: Biologen und Umweltschützer. &#8220;Die Grünen sind schlimmer als die Gutsherren einst,&#8221; so sagte es 2001 ein friesischer Bauer. Während das &#8220;Bundesamt für Naturschutz&#8221; bekannt gibt, dass sich die Ringelgänse in den &#8220;Schutzgebieten&#8221; bereits auf eine andere Nahrung umgestellt haben: &#8220;Sie nutzen die landwirtschaftlichen Kulturen im Küstenbereich sowie die Salzwiesen und haben dadurch im Winterquartier und auf dem energiezehrenden Heimzug in die Brutreviere eine bessere Ernährungsgrundlage&#8221;.</p>
<p>Die Ringelgänse machen hier im Watt bloß Zwischenstation auf ihrem Flug von der französischen Atlantikküste nach Sibirien &#8211; und zurück. Wir sahen sie aber nicht, so sehr wir nach ihnen Ausschau hielten. Wir hätten im Mai kommen sollen. Da werden auf der Hallig Hooge, wo sich allein 20.000 Gänse zu dem Zeitpunkt aufhalten, die &#8220;Ringelgangstage&#8221; veranstaltet, und die &#8220;Goldene Ringelgansfeder&#8221; an Menschen verliehen, &#8220;die sich besonders um den Nationalpark verdient gemacht haben,&#8221; wie wir im Info-Pavillon erfahren. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Kultur und Natur &#8211; Bauern und Biologen &#8211; schaltete man einen Ethnologen ein: Werner Krauss. Er war kein neutraler Beobachter. In seinem Bericht &#8220;Die &#8216;Goldene Ringelgansfeder&#8217;&#8221; schreibt er: Der jahrzehntelange &#8220;Kampf hat Wunden hinterlassen, aber er hat sich auch gelohnt&#8221;. Dazu zitiert er einen der Biologen: &#8220;Als die Bauern die Ringelgänse noch bejagten und zu vertreiben versuchten, hatten sie eine wesentlich höhere Fluchtdistanz.&#8221; Heute wird das verbliebene Kulturland vom renaturalisierten Land durch eine weiß-rote Schranke abgetrennt: &#8220;In dieser Schranke steckt die ganze Vermittlungsarbeit&#8221;. Die Bauern bekommen für den &#8220;Wildschaden&#8221; eine Kompensation von der EU, dazu gehört ein spezielles &#8220;Hallig-Entschädigungsprogramm&#8221; &#8211; und &#8220;verbilligte Karten für die Schranke&#8221;. Der &#8220;Ringelgansschutz ist laut Krauss eine &#8220;Erfolgsstory des Naturschutzes.&#8221; Ihr Bestand ist auf 280.000 angewachsen. Es wurde mit den Staaten auf ihrer Zugroute ein &#8220;Ringelgansmanagementplan&#8221; verabschiedet.</p>
<p>Wesentlich pessimistischer sieht der holländische Agrarforscher Frank Westerman diesen zivilisatorischen Rückbau. Seine Recherchen unternahm er am Wattenmeer des Dollart zwischen West- und Ostfriesland, wo es nicht um den Lebensraum von Ringelgänsen, sondern von Säbelschnäblern ging. Während der &#8220;Watten-Rat&#8221; auf deutscher Seite jubelt: &#8220;Bis 2002 erreichte der Vogel in diesem Gebiet &#8216;internationale Bedeutung&#8217;&#8221;, schreibt Frank Westerman: &#8220;Ende der Neunzigerjahre lagen hier Tausende von Hektar brach: Der Getreideanbau lag in den letzten Zügen und schien ein willenloses Opfer der Landschaftsplaner mit ihren Riesenbudgets.&#8221; Die Verwaltung des &#8220;Naturschutzgebietes&#8221; in der ostgroninger Region Oldambt ließ das Land &#8220;vogelfreundlich&#8221; anlegen und errichtete für die Menschen &#8220;Vogelbeobachtungspunkte&#8221;. Westerman schreibt: &#8220;Vom Deich aus sah ich Hunderte von Säbelschnäblerpaaren mit ihren Jungen am Ufer des Wattenpriels herumlaufen, dort, wo in den Achtziger Jahren noch Raps gestanden hatte.&#8221;</p>
<p>Auch das wollten wir uns ankucken, aber wieder kamen wir anscheinend zu spät. Die Säbelschnäbler sind Strichvögel, wegen des plötzlichen kalten Wetters waren sie vielleicht weiter nach Holland hoch gezogen. Auch der Dollart sah im übrigen so grau wie der Himmel und das &#8220;graue Meer&#8221; bei Husum aus. Da wir aber schon mal in Westfriesland waren, fuhren wir noch landeinwärts: Gleich hinter Leeuwarden befindet sich ein Dorf namens &#8220;Jorwerd&#8221;, an dem der holländische Autor Geert Mak den &#8220;Untergang des Dorfes in Europa&#8221; festgemacht hat. Um die Jahrhundertwende wohnten ungefähr 650 Leute in Jorwerd, nach dem Zweiten Weltkrieg waren es noch 420, 1995 nur noch 330, wobei die meisten in der Stadt arbeiteten. 1956 schloß das Postamt, 1959 gab der letzte Schuster auf, der Hafen wurde zugeschüttet, die Bäckerei schloß 1970, zwei Jahre später wurde die Buslinie stillgelegt, 1974 gab der letzte Binnenschiffer auf, der Fleischer schloß seinen Laden 1975, der Schmied gab 1986 auf und 1988 machte der letzte Lebensmittelladen dicht, 1994 wurde schließlich die Kirche einer Stiftung für Denkmalschutz übergeben.</p>
<p>Als wir dort ankamen, hatte nicht einmal mehr die Dorfkneipe &#8220;Het Wapen van Baarderadeel&#8221; geöffnet. Geert Mak meint: &#8220;Mit der Landwirtschaft war die Stabilität nicht nur aus der dörflichen Wirtschaft, sondern aus dem gesamten sozialen Leben des Dorfes gewichen&#8221;. Und die Landwirtschaft habe man sukzessive mit den EU-Subventionen zur Förderung konkurrenzfähiger Agrarbetriebe aus den Dörfern vertrieben. Dafür wurden &#8220;Naturpläne&#8221; aufgestellt: &#8220;Manche Grundstücke wurden zu Biosphärenreservaten erklärt &#8211; und der Bauer erhielt eine Kompensation&#8221;. Es wurden sogar Planierraupen eingesetzt, um den fruchtbaren Ackerboden zu entfernen und das Terrain wieder künstlich karg zu machen. Dazu wurde &#8220;ein Projekt nach dem anderen konzipiert &#8211; ausgereift und unausgegoren, brauchbar und wahnwitzig, alles durcheinander&#8221;. Feriendörfer, Yachthäfen, Transrapid &#8211; es wimmelte von Masterplänen. So wurde Jorwerd zu einem Global Village.</p>
<p>Wir kehrten um und fuhren zurück nach Osten &#8211; an den Dollart: Die Säbelschnäbler waren noch immer nicht zu sehen. Es kam Nebel auf. Frank Westerman hatte sich auf drei Dörfer im Oldambt konzentriert &#8211; dem einstigen &#8220;Getreideparadies&#8221;, in dem es früher viele Landarbeiter gab und in dem noch 1994 über 50% der Wähler für die Kommunisten stimmten. Man nennt diese ostgroninger Region deswegen &#8220;das rote Dreieck&#8221;. Von hier stammte auch der einstige Herrenbauer und Sozialist Sicco Mansholt &#8211; der erste und wichtigste Landwirtschaftskomissar der EU, damals noch EWG genannt. Der &#8220;Kulturlandgewinner&#8221; Mansholt entwarf das Agrarsubventionsmodell, das noch heute &#8211; wieder und wieder modifiziert &#8211; gültig ist. Und er war es auch, der sich zuletzt für &#8220;Kulturlandvernichtung&#8221; &#8211; die Renaturierung, sogar Flutung von Ackerland einsetzte und an &#8220;Stillegungsprämien&#8221; dachte. Das war, nachdem er in Brüssel Petra Kelly kennengelernt und sich in sie verliebt hatte, wie Frank Westerman berichtet, der darüberhinaus neben der &#8220;grünen&#8221; auch noch eine &#8220;blaue Front&#8221; am Dollart ausgemacht hat, die die Landwirtschaft nun quasi von beiden Seiten in die Zange nehmen. Mit letzteren sind die Wasserwirtschaftsverbände gemeint, die bereits eingedenk der Klimaerwärmung daran gehen, aus der niederländischen Küste eine &#8220;Sonderzone&#8221; zu machen, um &#8220;auf dem Land Raum für das Meer zu schaffen&#8221;. Über all diese &#8220;grünen&#8221; und &#8220;blauen Projekte&#8221; haben sich jedoch die Getreidepreise in den letzten zwei Jahren verdoppelt, wie ein Oldambter Bauer dem Autor, Westerman, 2007 schrieb. Die zuständigen Behörden hätten ihm außerdem versprochen: &#8220;Auf guten, landwirtschaftlichen Böden soll keine Natur mehr angelegt werden.&#8221;</p>
<p>Vielleicht kommt es noch so weit, dass die EU sogar Fördermittel für Existenzgründungen von Kleinbauern auflegt. Wie schon Marx und Engels war auch Sicco Mansholt davon überzeugt gewesen, dass der kleinbäuerliche Familienbetrieb keine Zukunft hat &#8211; nur die industrielle Großlandwirtschaft. Sein berühmtester Gegenspieler war und ist der ostfriesische Bauer Onno Poppinga &#8211; aus Upgant auf der anderen Seite des Dollart. Seit den Siebzigerjahren kritisiert er schon die EU-Agrarpolitik. Das brachte ihm eine Landwirtschaftsprofessur an der Universität Kassel ein. Als er dort 2008 emeritiert wurde, und fortan wieder Pferde züchten wollte, widmete ihm die taz ein Porträt, u.a. heißt es darin: &#8220;&#8216;Er hat die herrschende Agrarpolitik immer aus einer linken Perspektive heraus kritisiert&#8217;, sagt der EU-Parlamentarier Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf. Den mag Poppinga, obwohl er bei den Grünen ist&#8217;, &#8216;Parteien sind mir Wurst&#8217;, sagt er, mit denen wollte ich nie etwas Näheres zu tun haben&#8217;&#8221;. Poppinga wird sich mit seiner Zeitung &#8220;unabhängige Bauernstimme&#8221; auch weiterhin für eine Agrar-Subventionspolitik einsetzen, die den bäuerlichen Familienbetrieb stützt und nicht auslöscht &#8211; zugunsten industrieller Agrarbetriebe, die den Gegensatz von Kulturland und Natur verschärfen: &#8220;Da zentraler Grundkonsens jeder bisherigen staatlichen Agrarpolitik und der wissenschaftlichen Agrarökonomie die permanente Auflösung landwirtschaftlicher Betriebe und Abwanderung von Arbeitskräften war und ist, konnte von dort eine Bindung von staatlichen Zahlungen an die landwirtschaftliche Arbeit überhaupt nicht in den Blick kommen (es wäre ein &#8216;Verrat an Grundsätzen&#8217;). Stellt man dagegen andere Interessen nach vorne (z. B. Erhöhung landwirtschaftlicher Wertschöpfung, regionale Erzeugung, sorgfältige Einzeltierbetreuung, Beitrag zur Minderung von Massenarbeitslosigkeit), so verändert sich die Frage nach der Bindung der staatlichen Zahlungen an die in der Landwirtschaft geleistete Arbeit auf den Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit, und die ist leicht lösbar.&#8221; Das wäre jedoch ein ganz anderes Lehrstück &#8211; obzwar immer noch eins der politischen Ökologie.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/nordstrandischmoor_02.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6530" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/nordstrandischmoor_02-424x342.jpg" alt="" width="424" height="342" /></a></p>
<p><em>Nordstrandischmoor 1</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Zum Farb-Vergleich mit der nordfriesischen &#8220;Deutschstunde&#8221; empfehlen sich Thomas Pynchons &#8220;Hippiephanien&#8221;, in einer Rezension heißt es: &#8220;Viel Farbe, Atmosphäre, Detailversessenheit&#8221;:</strong></p>
<p>Ähnlich wie in seinem berühmten Werk  &#8220;Die Enden der Parabel&#8221; schwelgt Thomas Pynchon auch in seinem Roman &#8220;Natürliche Mängel&#8221; (2010) in allen möglichen und unmöglichen Farben. Das beginnt auf Seite elf  &#8220;mit der dunkelroten psychedelischen Birne&#8221;.</p>
<p>Es folgen:&#8221;Chinesischrot, Chartreusegrün und Indigoblau&#8221;, &#8220;Ultraviolet&#8221;, &#8220;Aquamarin&#8221;, &#8220;Grün und Magenta&#8221;, &#8220;fuchsienrote Plastikpolster&#8221;, &#8220;tropisches Grün&#8221;, eine &#8220;Asiatin in türkisfarbenem Cheongsam&#8221;, eine &#8220;Blondine in türkisblauem und orangenem Leuchtfarbenbikini&#8221;, &#8220;Schwarzlichtsuiten mit fluoreszierendem Rock&#8217;n Roll-Postern&#8221;, &#8220;indigofarbenes Licht&#8221;, &#8220;eine Vielzahl von Farbtönen, darunter Rotbraun und Blaugrün&#8221;, &#8220;Orange County&#8221;, &#8220;Luz in voller Farbenpracht&#8221;, &#8220;schwarze Extremistengruppen&#8221;, eine &#8220;flaschengrüne, phosphoreszierende Brandung&#8221;, &#8220;eine knallgelbe Mondsichel&#8221;, ein &#8220;kastanienbrauner Auburn mit Innenausstattung in Walnußholz&#8221;, &#8220;Schwarzweißfernseher&#8221;, mit &#8220;grell aquamarinblauen Plastikhalmen&#8221; als Dekoration, eine &#8220;Lagunenlandschaft in psychedelischen Farben&#8221;, eine &#8220;Farbe&#8221; -wechselnd &#8220;zwischen Orange und einem intensiven Pink&#8221;, sich &#8220;mehr ins Ultraviolette veränderndes Licht&#8221;.</p>
<p>Ein &#8220;Goldener Fang&#8221;, eine &#8220;Strandbude mit lachsroten Wänden und aquamarinblauem Dach&#8221;, ein &#8220;Kimono in Grün und Magenta&#8221;, ein &#8220;verschwommener weißer Fleck&#8221;, &#8220;ein kastanienbrauner 289er Mustang&#8221;, ein &#8220;seltsam leuchtendes bräunliches Gold&#8221;, eine &#8220;in Ektrachrome Commercial gefilmte sonnige Szenerie&#8221;, ein &#8220;roter SS 369&#8243;, eine &#8220;Kluft im Narzissenton&#8221;, &#8220;Rote Haare&#8221;, eine &#8220;grüne und fuchsienfarbene Lunchroom-Nische&#8221;, ein &#8220;pinkes&#8221; und ein &#8220;giftgrünes&#8221; Telefon, &#8220;eine scheckige Lackierung aus stumpfem Olivgrün und Grundierungsgrau&#8221;, &#8220;lila Scheiß&#8221;, &#8220;White Rabbit&#8221;, ein &#8220;so weißer Anzug, dass der Rolls daneben schmuddelig aussah&#8221;, ein &#8220;Kleines Schwarzes aus den Fünfzigern&#8221;, eine &#8220;braune, helle Ferne&#8221;, &#8220;farbige Perlen in Erkältungskapseln&#8221;, &#8220;jede Farbe stand für ein anderes Belladonnaalkaloid&#8221;, &#8220;päckchenweise Purpurwindensamen&#8221;, &#8220;schwarze Wolken&#8221;, &#8220;nicht einfach dunkelgraue, sondern mitternachtschwarze, teergrubenschwarze, noch nie dagewesene Kreis-der-Hölle-schwarze&#8221; Wolken, &#8220;blaugrünes Licht&#8221;, ein Anzug in &#8220;ultravioletter Samtfarbe&#8221;, eine  &#8220;himbeerfarbene Krawatte&#8221;, ein &#8220;hoher brauner Glaszylinder&#8221;, &#8220;mit hellroten Plastikstopfen verschlossen&#8221;, &#8220;ein in vielen verschiedenen, &#8216;psychedelischen&#8217; Farben gestreiftes Minikleid&#8221;, eine &#8220;weiße Braut&#8221;, &#8220;eine sinistre indigofarbene Flüssigkeit&#8221;, &#8220;das weiße Gleißen von Hollywood&#8221;, &#8220;rote Ampeln&#8221;, &#8220;Dafür sind die ganzen Farben da, Mann?&#8221;, ein &#8220;Mercedes &#8211; nur in einer Farbe lackiert, Beige&#8221;, &#8220;jede Farbe, die wir am Lager haben, einschließlich Metallic&#8221;, &#8220;Purpur mit dunklerem Goldton&#8221;, &#8220;aus der Mode gekommene Brauntöne&#8221;, &#8220;ein kalifornischer Weißwein &#8211; weißer als der mit diesem kränklichen Geldton&#8221;, &#8220;ein interessanter blauer Fleck auf Petunias Bein&#8221;.</p>
<p>&#8220;Eine weitere Kurzhaarperücke, ein kastanienbraunes Ding mit Seitenscheitel&#8221;, eine &#8220;Hornbrille von blasser Farbe&#8221;, &#8220;aus der indianischen Überdecke ausgelaufene rote und organge Farbe&#8221;, &#8220;unansehnliche Papierstapel in unterschiedlichen Größen und Farben&#8221;, &#8220;beinahe die Farbe von Rauch aus einer defekten Zylinderkopfdichtung&#8221;, &#8220;Schwarzarbeit&#8221;, &#8220;Schwarzmarkt&#8221;, ein &#8220;hellroter 69er Camaro&#8221;, &#8220;Bettwäsche in Leopardenfellmuster&#8221;, eine &#8220;japanische Dose aus schwarzlackiertem Holz&#8221;, ein &#8220;grellgrüner Saguarokaktus&#8221;, &#8220;eine Krawatte mit Tausenden oder Hunderten magentafarbener und grüner Pailletten bestickt&#8221;, &#8220;schwarze Revolutionäre&#8221;, &#8220;mit braunen Anzügen bekleidete Organe der Rechtspflege&#8221;, ein &#8220;schwarzer Cowboyhut&#8221;, &#8220;schwarze Assen und Achten in der Pokerhand&#8221;, &#8220;rote Vinyl-Minikleider&#8221;, &#8220;schwarze Fischnetzstrümpfe&#8221;, &#8220;weiße Bräute&#8221;, ein &#8220;Minikleid aus weinrotem Samt&#8221;, &#8220;Teppiche von sattem Königspurpur&#8221;, &#8220;schwarzweiß Gekleidete&#8221;, eine &#8220;Cocktail-Lounge, möbliert in purpurfarbenen, von Glimmerpünktchen akzentuierten Resopaltönen&#8221;, ein &#8220;schwarzer Chip&#8221;, &#8220;90% Silber&#8221;, &#8220;winzige bernsteinfarbene Lichtkegel&#8221;, &#8220;großer Ärger in braunen Schuhen&#8221;, &#8220;in einem weißen Anzug&#8221;, &#8220;Glasspiralen, die in einem unirdischen purpurnen Schimmer pulsieren&#8221;, &#8220;Toilettenpapier in verschiedenen Modefarfben und psychedelischen Mustern&#8221;, &#8220;Spektralstreifen, die sich nach vorne hin zu Blau veränderten&#8221;, &#8220;Lichtpunkte, die sich in der vom Rückspiegel gerahmten schwarzen Ferne rötlich verfärbten&#8221;, &#8220;fast kugelförmige hellrote Felsen&#8221;, eine &#8220;schimmernde schwarze Handfeuerwaffe&#8221;, noch ein &#8220;Schwarzweißfernseher&#8221;, ein &#8220;schwarze Liste&#8221;, &#8220;die Psychedelischen Sechziger, diese kleine Parenthese aus Licht&#8221;, &#8220;Screaming Ultraviolett Brain&#8221;, die &#8220;Buntheit der Pizza-Zutaten&#8221;, &#8220;gefängnisrosa gestrichene Wände, ein Farbton, von dem man damals annahm, er wirke auf Anstaltsinsassen beruhigend&#8221;.</p>
<p>&#8220;Sein Gesicht erblasste trotz des rosa Widerscheins hier drin zu einem alarmierenden Weiß&#8221;, &#8220;lebensgroße Plastikfiguren gemeingefährlicher Schwarzer&#8221;, &#8220;Buntglas&#8221;, &#8220;knallgrüne Kohlblätter&#8221;, noch ein &#8220;weißer Anzug&#8221;, &#8220;schwarze Fedoras&#8221;, &#8220;Der Zauberer von Oz (1939) im Farbfernseher&#8221;, &#8220;der Film fängt Schwarzweiß an, oder vielmehr braunweiß, wird dann aber farbig&#8221;, &#8220;Ihre &#8216;normale&#8217; Kansasfarbe wird zu einer sonderbaren Hyperfarbe, die unsere Alltagsfarbe so weit hinter sich läßt, wie Technicolor Schwarzweiß&#8221;, &#8220;was hat das mit ihrer Farbwahrnehmung zu tun?&#8221; &#8220;das Foto war in so komischen Farben abgezogen&#8221;, sie trug eine &#8220;veilchenblaue Kluft&#8221;, &#8220;ein weißer Detektiv&#8221;, eine &#8220;Weißbacke&#8221;, &#8220;die schwarzen und weissen Insassen&#8221;, das &#8220;grüne Zimmer von San Quentin&#8221;, &#8220;ein schwarzer bewaffneter Aufstand&#8221;, &#8220;ein Haufen von weißen Zahnärzten&#8221;, &#8220;silberne Plastikreproduktionen&#8221;, &#8220;ein sehr grüne künstliche Hecke&#8221;, &#8220;modulare Grüner-Zweig-Imitate&#8221;, eine &#8220;Freakmähne von sattem Rot&#8221;, &#8220;dieses Gerede von schwarzer Apokalypse&#8221;, &#8220;ein roter Faden&#8221;, &#8220;ihre Gesichtsfarbe&#8221;, &#8220;China White&#8221;, &#8220;ein mexikanisches Hemd, blassrot mit einer orangen Stickerei&#8221;, &#8220;Dunkler als früher&#8221;, &#8220;Schmutzigblond&#8221;, &#8220;platinblond&#8221;, &#8220;knallrot im Gesicht&#8221;, &#8220;ein himmelblauer Anzug&#8221;, &#8220;tückisch spitze, goldene Eckzähne&#8221;, &#8220;blaue Flecken&#8221;, &#8220;wasserstoffblonde Mösen&#8221;, &#8220;diverse rotangehauchte Drecksäcke&#8221;, &#8220;rote Brüder&#8221;, &#8220;stark gesättigte grüne und magentafarbene Staubwolken&#8221;, &#8220;ein &#8220;blauer Stahlvorhang&#8221;, &#8220;gleißendes Quecksilberdampflicht&#8221;, &#8220;auf den Plastikschichten traten winzige Farb- und Lichtmodulationen auf&#8221;, &#8220;dunkle Reste von Blut und Verrat&#8221;, &#8220;ein Streifen, klar und leuchtend&#8221;, &#8220;das letzte aprikosenfarbene Licht flutete landwärts&#8221;, &#8220;gebräunte Titten in Übergröße&#8221;, &#8220;viel düsteres Holz&#8221;, &#8220;farbige Lampen&#8221;, &#8220;sich in kleine Farbklümpchen auflösende Bilder&#8221;, &#8220;eine Palette wettergebleichter Farben, wie eingetrocknete Kleckse in einer wenig frequentierten Eisenwarenhandlung&#8221;, &#8220;ein Paar grünliche Punkte&#8221;, &#8220;Petunia, heute in blassem Fuchsienrot&#8221;, &#8220;der gelbe Schulbus-Fuhrpark in Palms&#8221;, &#8220;die stille Weiße vor ihm&#8221;, &#8220;eine ruhelose Blondine in einem Stingray&#8221;&#8230;</p>
<p>Das sind die Farben in Thomas Pynchons &#8220;psychedelischen Krimi&#8221;. Er  spielt in Südkalifornien im Surfer- und Hippie-Milieu während des Vietnamkriegs 1969 &#8211; und ist zwar bunt, knalliger als die friesischen Farben, aber seine Farben sind noch blaß im Vergleich zu seinem &#8220;Jahrhundertroman&#8221; aus den Achtzigerjahren: &#8220;Die Enden der Parabel&#8221;, der im Zweiten Weltkrieg spielte.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/feuer_01.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6531" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/feuer_01-424x342.jpg" alt="" width="424" height="342" /></a></p>
<p><em>Feuer 1</em></p>
<p><strong>Der Deichbruch als Reizüberflutung/Husumer Filmtage</strong></p>
<p>Einem schleswig-holsteinischen Bonmot zufolge soll man an den Brüsten der Friesinnen selbst im Landesinneren noch das Rauschen des Meeres hören, wenn man sich die Brustwarzen ans  Ohr hält. In Husum hat man ihnen auf dem Marktplatz ein Denkmal gesetzt: &#8220;Tine&#8221;, ist eine junge Friesin in Bronze mit einem Paddel in der Hand &#8211; eine Fischersfrau.  Die einzigartige Kulturleistung der küstenbewohnenden Friesen zwischen Holland und Dänemark, liegt aber weder in der Seefahrt noch im Ackerbau, sondern in der Landgewinnung, im Deichbau, mit dem sie seit über 900 Jahren dem Wattenmeer Siedlungsland abringen. &#8220;Trutz blanker Hans!</p>
<p>In der Schimmelreiter -Verfilmung des DDR-Regisseurs Klaus Gendries von 1984 wird die Sturheit des gebildeten Deichgrafen Haien, die ihn daran hinderte, Verbündete zu gewinnen, als Grund seines Strandens kritisch beleuchtet.  Nach wie vor begibt man sich bei Sturmflut auf den Deich, um etwaige &#8220;Schwachstellen&#8221; rechtzeitig auszumachen und gegebenenfalls das Vieh im Koog dahinter in Sicherheit bringen zu können. &#8220;Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht,/Aufgor das Meer zu gischtbetäubten Hügeln,/Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,/Die Deiche peitschend mit den Geisterflügeln&#8221;, reimte der nun gerade 100 Jahre tote Theodor Storm in seinem Gedicht &#8220;Ostern&#8221;. In den Storm-Verfilmungen, vornehmlich aus der DDR, die den Schwerpunkt der diesjährigen Husumer Filmtage bildeten, geht man auch bei ruhiger See auf den Deich &#8211; wenn man innerlich aufgewühlt ist &#8211; und blickt stumm über das meist graue Meer. Anders als zur etwa gleichen Zeit die Leute in Wien, die sich hysterisch auf der Couch wälzten und verbalisierten.  Wenn, nach Barthes, das Kino die Couch der Armen ist, dann ist für die Friesen vielleicht der Deich die Couch &#8211; und der Deich im (DDR-)Fernsehen das Sublimierungsmodell für ein Stormsches Aufbegehren gegen den aufgeklärten Absolutismus. &#8220;Wo blanker Hans war, soll Koog werden!&#8221;</p>
<p>In der berühmten fast dokumentarischen Verfilmung der &#8220;Schimmelreiter&#8221;-Novelle – aus dem Jahr 1933 – wurde die Handlung an einigen wenigen aber entscheidenden Stellen zugunsten des “Führergedankens” verändert. Dadurch bekam das Stormsche Drama ein Happy-End – und aus dem menschlich-fragwürdigen Deichgrafen, der zuletzt bereut, wurde ein rundum positiver Held – der Neuen Zeit, dem Nationalsozialismus, vorauseilend. Auf diese reagierte man in den drei friesischen Siedlungsräumen dann jedoch durchaus unterschiedlich: Die militante, autonome Landvolkbewegung der reichen nordfriesischen Bauern (Gräser) Ende der Zwanzigerjahre verschwand fast sang- und klanglos im “Reichsnährstand”, nachdem die sozialdemokratische Regierung ihre Aktivisten kriminalisiert hatte. Die eher proletarisch orientierten Ostfriesen verschanzten sich in Mikropolitik. Und die Westfriesen wagten den Widerstand, indem sie Teile ihres eingedeichten Landes unter Wasser setzten, Sabotage verübten und Juden vesteckten. Von den 120.000 holländischen Nazi-Kollaborateuren waren 5000 Friesen, aber auch von diesen gingen nur wenige so weit, dass sie ihre Nachbarn verrieten – und deswegen nach dem Krieg hingerichtet wurden.</p>
<p>Der Film &#8220;Am grauen Strand, am grauen Meer&#8221; ebenfalls von Gendries und seinem Szenisten Gerhardt Rentzsch, DDR-TV 1980, nach der Storm-Novelle &#8220;Hans und Heinz Kirch&#8221; wird mit C.D.Friedrich nachempfundenen Landschaftsmelancholien in Grau und gedämpftem Rotgold das &#8220;Schicksalhafte, das bei Storm nicht ganz so definiert wird, näher ins gesellschaftliche Umfeld geschoben. Sozialökonomische Tatbestände sind eingeflochten&#8221; (Programmheft), das heißt die fatalistischen Patriarchalstrukturen erscheinen psychologisch angemenschelt.</p>
<p>In Wolfgang Hübners Verfilmung &#8220;Es steht der Wald so schweigend&#8221;, 1985, wird vorsichtig ökologische Kritik am Umgang der DDR mit ihren letzten Naturreserven und den Neurosen ihrer Bewohner geübt. Storms zugrundeliegende Novelle &#8220;Schweigen&#8221; entstand im Heiligenstädter Exil (der Husumer Rechtsanwalt und Landvogt hatte 1852 gegen die dänische Herrschaft opponiert), und thematisiert das Eheproblem eines Försters, den die Umwandlung &#8220;eines letzten Stücks Naturwaldes&#8221; in Kulturlandschaft seelisch verwirrt hat. &#8220;Er wirkt zuweilen weibisch, Herr Deichgraf&#8221; bemerkt die knitterne Deichgräfin spitzmäulig, aber treffend. Die romantischen Environments stehen für die Trauer des Neuen Sensiblen über eine zerstörte Lebensheile. Und im Schlußsatz droht gar &#8220;die Versetzung in den Staatsdienst&#8221; mit subversivem Zwinkern.</p>
<p>Um eine radikale ökologische Kritik geht es dem schleswig -holsteinisch-berlinischen Rainer Boldt in seinem Film Im Zeichen des Kreuzes&#8221; (1982 im Auftrag der ARD produziert, aber nicht ARD-weit ausgestrahlt): Durch den Unfall eines Atommüll-Transporters kommt es zur Kontamination mehrerer Dörfer und der staatliche Katastrophenschutz versucht, die verstrahlte Region militärisch einzudeichen, statt den verseuchten Menschen Hilfe zu leisten. Ein &#8220;Nuclear -Thriller&#8221; als Kritik am &#8220;Prinzip Deichschluß&#8221; im Fall einer Strahlenflut?</p>
<p>Im Stummfilm von 1924, in Anwesenheit der lokalen Prominenz mit live Klavierbegleitung vorgeführt, tobt der Bruderkampf um die Erbfolge der &#8220;Chronik von Grieshuus&#8221;, einem nordgermanischen Landsitz in modisch organischer Kulissenarchitektur (die Babelsberger Studios biegen sich expressionistisch vor unseliger Liebe und qualvoller Sühne). Dazu dichtete Storm &#8220;Für meine Söhne&#8221;: &#8220;Was immer du kannst, zu werden,/Arbeit scheue nicht und Wachen;/Aber hüte deine Seele/Vor dem Karriere machen.&#8221;</p>
<p>Eine Katastrophe größeren Ausmaßes ist Ausgangspunkt in Rudolf Jugerts 1948 gedrehten Film ohne Titel, der die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in der Grunewald-Villa eines Antiquitätenhändlers schildert. Als die schließlich ausgebombt wird, macht sich der Hausherr auf nach Westen, wo er im friesischen Bauernhaus seiner ehemaligen Hausgehilfin einläuft, sich als Knecht verdingt, sie heiratet und Tischler wird. Daß dabei &#8220;auf dem traurigen Hintergrund dieser Zeit&#8221; eher eine Komödie als eine Katastrophe verhandelt wird, ist nicht der zentralen Geschichte oder ihren Darstellern (Hans Söhnker, Hildegard Knef, Willy Fritsch und Helmut Käutner/auch Buch) zu verdanken, sondern der Rahmenhandlung. Die besteht in einem sonnig selbstironischen Filmteam, &#8220;in einer ebenso befreienden wie orientierungslosen Nachkriegs-Situation, auf dem Punkt stehend, wo man es sich leistet, in den Startlöchern herumzufaulenzen, Perspektiven entwerfend und wieder verwerfend, die eigene Ziellosigkeit genießend, ehe dann wieder der alte Ernst und die neue Zielbewußtheit überhand gewinnen und man entschlossen Tritt faßt&#8221;. Ein Film aus dem glücklichen Zeitraum zwischen den Katastrophen. Der Regisseur Jugert kreierte in den Fünfzigerjahren das Genre des westdeutschen Arztfilms.</p>
<p>Anders als bei den üblichen Filmfestivals wurden in Husum täglich nur zwei (am Sonntag drei) Vorstellungen gegeben. So bekam man gezwungenermaßen viel von Husum und Umgebung mit: Deich-Kino-Teestube &#8211; Hafen-Kino-Braukeller. Watt, Fußgängerzone, Schloßpark. Stormcafe, Museum, Piets Frittenkajüte. Die Intervalle zwischen den Filmen sind ebenso lang wie sie selbst, etwas über 90 Minuten. Die Geschwindigkeit verhusumert sich.</p>
<p>Die Filmtage finden im Kino-Center des Mitorganisators und Husumer Kinomonopolisten Hartung statt. In seinen Kinos darf man rauchen und auf Schalterdruck werden einem Kaffee und Erfrischungsgetränke auch während der Vorstellung serviert. Unter den vornehmlich jüngeren Husumern hat dies bereits eine Veränderung der wenn nicht Seh-, so doch Kinogewohnheiten bewirkt: man trifft sich bereits eine Stunde vor Filmbeginn im Vorführsaal. Das Wohnzimmer hat hier zum Film gefunden. Links neben der Leinwand hängt ein großes Schild &#8220;Kino im Trend der neuen Zeit: Dienstag Nichtrauchertag.&#8221;</p>
<p>Eigentlich hatte man für die Besucher der Filmtage einen &#8220;Stammtisch im historischen Braukeller im Schloßgang&#8221; reserviert, aber weil die drei Kinos &#8220;Tahiti&#8221;, &#8220;Clou&#8221; und &#8220;Oldie&#8221; (der große Saal, in dem Crocodile Dundee gezeigt wurde &#8211; bei Publikumsrennern wie Schimmelreiter wurde allerdings gewechselt) je mit einer Bar gerüstet waren, blieb der harte Festivalkern samt Presse (&#8216;Husumer Nachrichten&#8217; und taz) gleich im Vorraum des Kino-Centers, locker um die DDR-Delegation gruppiert, und der Kinobesitzer gab eine Runde nach der anderen aus. Besonders nach der Special Night mit Lotti Huber und zwei Praunheim-Filmen war der Damm gebrochen, oder mit den Worten der geborenen Schleswig-Holsteinerin Huber: &#8220;If I can make it here, I can make it anywhere, wie jetzt in Husum!&#8221;</p>
<p>Im Gegensatz zu den übrigen vier cinematographischen Mitorganisatoren der Filmtage beurteilte Kinobetreiber und Gastgeber Hartung die derzeitige Entwicklung auf dem Filmmarkt positiv: &#8220;Je mehr TV-Verkabelungen und Video -Verleihe es gibt, desto weniger schlechte Filme muß ich zeigen.&#8221; Zu den nächsten Filmtagen will er noch zwei weitere Kinos anbauen mit einem größeren Foyer, &#8220;wo man gemütlicher zusammensitzen kann&#8221;. Die Verlandung geht ihren Gang. &#8220;So reiht sich Spatenstich an Spatenstich als Ausdruck eines großen und beständigen Fleißes der Küstenbewohner!&#8221; (Leitsatz im Nissen-Museum Husum zur &#8220;Landgewinnung&#8221;)</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/schimmelreiter_01.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6533" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/schimmelreiter_01-424x339.jpg" alt="" width="424" height="339" /></a></p>
<p><em>Am Deich</em></p>
<p><strong>Als nichtfriesischer Friesenforscher und Reiseführer nehme ich die Nordfriesland-tazreise sehr ernst &#8211; und bereite mich schon jetzt darauf vor, indem ich fast täglich mit einer Nordfriesin verhandel. Sie hat mal graue und mal blaue Augen, das aber nur nebenbei.</strong></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/pellworm_03.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6536" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/pellworm_03-424x343.jpg" alt="" width="424" height="343" /></a></p>
<p><em>Pellworm</em></p>
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<p><strong>Regionalkrimis</strong></p>
<p>Beinahe täglich läuft auf irgendeinem Fernsehkanal ein Krimi. Und selten wird dabei versäumt, die Schokoladenseiten des Tatorts einzublenden: die neue &#8220;Hafen-City&#8221; in Hamburg, die Skyline in Frankfurt, die &#8220;Brandenburger Torheit&#8221; in Berlin, das Holstentor in Lübeck, der Hafen in Husum. Auf diese Weise dienen die in den Regionalkrimis verhandelten Verbrechen mehr oder weniger unverblümt dem Standortmarketing.</p>
<p>In anderen (Krimi)regionen Deutschlands kommen dazu noch Krimifestivals, Krimidinner, Krimipreise und von Krimiautoren geleitete Führungen zu den spektakulärsten Tatorten ihrer Romane. Das Kehdinger Land an der Elbmündung bewirbt sich sogar komplett als &#8220;Krimiland&#8221;, weil dort am Rönndeich auf 2,5 Kilometern 20 gestandene Krimiautoren leben.</p>
<p>Ein weiteres Krimizentrum ist Daun in der Eifel. Dort wohnt und schreibt unter anderen der &#8220;Erfinder&#8221; der deutschen Regionalkrimis: Jacques Berndorf. Kürzlich wurde sein 21. &#8220;Eifel-Krimi&#8221; in der Mainzer Staatskanzlei vom Ministerpräsidenten vorgestellt. Allein für diesen Roman, &#8220;Die Nürburg-Papiere&#8221;, gab es 60.000 Vorbestellungen, allerdings auch Missverständnisse: So schrieb ihm eine Leserin, dass sie seine Eifelkrimis wegen der schönen Landschaftsschilderungen sehr schätze, sie bat ihn jedoch, die schrecklichen Verbrechen zwischendrin in Zukunft wegzulassen.</p>
<p>Die Stuttgarter Krimiautorin Christine Lehmann erklärt sich die wachsende Krimibegeisterung der Deutschen so: &#8220;Der Regionalkrimi holt ein beliebiges Verbrechen in die Provinz. […] Da schau her: Die italienische Mafia in Wangen im Allgäu. Hätte man nicht gedacht. Und wenn eine junge Lokaljournalistin dem Autor reflexartig die Frage stellt: ,Wie kommen Sie darauf, eine islamistische Terrorzelle in Christazhofen anzusiedeln?&#8217;, antwortet er versiert: &#8216;Die Idylle trügt.&#8217; Und dann passiert es, dass mich ein echter Staatsanwalt anspricht und mir darlegt, dass er das Vorbild für meinen fiktiven Staatsanwalt sein muss, denn er fährt denselben Wagen, stammt aus derselben Stadt und wohnt im selben Viertel. Man ist halt gern dabei. Der Regionalkrimi wird als Schlüsselroman gelesen.&#8221; So werden zu Beispiel die &#8220;Nordhausen-Krimis&#8221; von der lokalen Buchhändlerin unter Regionalia einsortiert und nicht unter Kriminalromane.</p>
<p>Für die Krimiverleger ist dieses Missverständnis gegenüber ihrer Ware gleichbedeutend mit einem &#8220;hohen Wiedererkennungswert&#8221;. Den besaß anscheinend auch der &#8220;Münster-Krimi&#8221; von Jürgen Kehrer &#8220;Wilsberg und der tote Professor&#8221;, in dem es um Intrigen, Mobbing und Mord im Unimilieu geht.</p>
<p>Der <em>Spiegel</em> schrieb: &#8220;Geheimsprachenforscher Klaus Siewert ist sauer. Im neuesten Roman des Münsteraner Schriftstellers identifiziert sich der Akademiker ausgerechnet mit dem Antihelden. Anhand weniger markanter Übereinstimmungen sei deutlich zu erkennen, dass er als lebendes Vorbild für den Negativ-Charakter des Werkes gedient habe, sagt der Privatdozent. Er fordert ein Vertriebsverbot des Buches unter Androhung eines Zwangsgeldes von 250.000 Euro.&#8221; Der Autor wurde schon einmal verklagt, weil sich jemand in einem seiner Regionalkrimis wiedererkannt hatte. Beide Male wurde Jürgen Kehrer freigesprochen.</p>
<p>Ebenso ist es schon vorgekommen, dass ein Autor sich im Werk eines anderen wiedererkannt hat. Das ist Andrea Maria Schenkel mit ihrem Regionalkrimi &#8220;Tannöd&#8221; passiert. Der Sachbuchautor Peter Leuschner entdeckte darin Parallelen zu seinem Werk &#8220;Der Mordfall Hinterkaifeck&#8221; und verklagte die Kollegin. Die Richter bescheinigten ihr jedoch, &#8220;trotz bestehender Parallelen&#8221; zu dem Sachbuch den Regionalkrimi &#8220;Tannöd&#8221; wegen seines eigenschöpferischen Gehalts als &#8220;urheberrechtlich unbedenklich&#8221; anzusehen.</p>
<p>&#8220;Urheberrechtlich unbedenklich&#8221; &#8211; ist das nun gut oder schlecht? Der taz-Medienredakteur Steffen Grimberg, der bereits in mehreren TV-Jurys saß, hat festgestellt, dass inzwischen fast alles (Gesellschafts)kritische in Krimis verpackt wird. Nicht selten fordern die Sender von den Autoren, aus ihrem &#8220;spannenden Stoff&#8221; einen Krimi zu machen. Bei den Printmedien ist es ähnlich: &#8220;Immer mehr Journalisten packen ihren Frust in Kriminalromanen aus oder verwerten ihre unvollkommenen beziehungsweise unabgesicherten Recherchen auf diese Weise.&#8221;</p>
<p>Grundsätzlich was gegen Krimis hat der Schriftsteller Hans-Christoph Buch. Der gestand unlängst den <em>FAZ-</em>Lesern, ein &#8220;Krimi-Muffel&#8221; zu sein und solche Romane nur &#8220;selten zu Ende&#8221; zu lesen, weil ihn &#8220;die Lösung des Rätsels, wer wen wie und warum ermordet hat, nicht wirklich&#8221; interessiere. Er kam dann jedoch darauf, dass eigentlich alle großen Werke der Weltliteratur &#8211; &#8220;von Ödipus bis Hamlet und Macbeth&#8221; &#8211; genau genommen Krimis seien. Wohingegen &#8220;95 Prozent aller Krimis Gebrauchsliteratur ohne Kunst- und Informationswert&#8221;, eben &#8220;Fastfood&#8221; wären, &#8220;appellierend an niedere Instinkte&#8221;.</p>
<p>Diese Einteilung in Trivial- und Hochliteratur entstammt mit ihrer von Konrad Lorenz postulierten Instinkttheorie noch der alten auf Gustave Le Bon zurückgehenden Dichotomie von Intelligenz und Masse. Letztere, der Plebs, lässt sich selbst bei seinen Lektürevorlieben noch von niederen Instinkten leiten. Heute spricht man von einem Gendefekt &#8211; beziehungsweise von Jugendlichen mit Mutationshintergrund. Gleichzeitig gilt jedoch: <em>&#8220;Violence and Sex sells.&#8221;</em></p>
<p>In dieser Hinsicht tut man den Regionalkrimiautoren allerdings unrecht: Es ist ihre jeweilige Gebietskulisse, nicht selten inklusive der darin namentlich genannten Restaurants und ihres Speisenangebots, die sie liebevollst schildern. Dazu kommt bisweilen noch ein großes Wissen über die Konfliktlinien des Milieus, in dem ihre Romane spielen.</p>
<p>So ist etwa der Krimiautor Thomas B. Morgenstern im Hauptberuf Biobauer und die Verbrechen betreffen norddeutsche Milchbauern, sein Ermittler ist ein &#8220;Milchkontrolleur&#8221;. Ähnliche Konstellationen gibt es auch unter den &#8220;Allgäu-Krimis&#8221;. Überhaupt scheinen die fiktiven Dorfkrimis sich proportional zum realen Sterben der Dörfer und ländlichen Gemeinschaften zu vermehren. Wenn man alle Toten in den &#8220;Friesen-Krimis&#8221; allein vom Autor Theodor J. Reisdorf zusammenzählt, müsste dieses Küstenvolk längst ausgestorben sein.</p>
<p>Von Milchwirtschafts-Problemen handelt auch der &#8220;Allgäu-Krimi&#8221; der im Ammertal lebenden Reisejournalistin Nicola Förg: Es geht darin um Milchbauern, die wegen des Preisverfalls ein Lieferboykott organisieren. Alle machen mit &#8211; bis auf einen, ein moderner Projektemacher, der von der Erfolglosigkeit des kollektiven  Widerstands überzeugt ist. Er wird als &#8220;Streikbrecher&#8221; angesehen im Dorf. Von dort stammt auch die  Polizei-Kommissarin, als ein Mord geschieht. Aber während ihr Bruder auf Seiten der Streikenden steht, muß sie nun gegen die Milchbauern ermitteln. Dabei stoßen zwei Logiken aufeinander: eine dörfliche Beziehungslogik und eine städtische Staatslogik.</p>
<p>Bei dem &#8220;Münsterland-Krimi&#8221; von Stefan Holtkötter &#8220;Das Geheimnis von Vennhues&#8221;, dessen Handlung in einem Moordorf nahe der holländischen Grenze angesiedelt ist, könnte man sogar von zwei Moralen sprechen, die in dem Dorf aneinandergeraten &#8211; als ein Polizist aus der Bischofstadt   dort hinkommt und ermittelt. Seine Eltern leben in dem (Tat-)Ort, sie und auch die anderen Dörfler versteifen sich darauf, dass der Mörder nicht aus ihrer Gemeinschaft kommt, sondern von draußen &#8211; aus dem Ausland am Besten. Der Kommissar merkt bei seinen Ermittlungen, dass man nicht innerhalb und außerhalb zugleich sein kann.  Der aus der Gegend stammende Autor lebt jetzt in Berlin &#8211; und steckt vielleicht in einem ähnlichen &#8220;Vater-Sohn-Konflikt&#8221;. In seinem neuesten Moordorf-Krimi &#8220;Bauernjagd&#8221; thematisiert er &#8220;die Folgen des um sich greifenden Höfesterbens&#8221; &#8211; aktuell wegen der allzu niedrigen Milchpreise, was im Münsterland u.a. um ihr Erbe betrogene Bauern und zerfallende Dorfgemeinschaften hinterläßt.</p>
<p>Um solche &#8220;Bauernopfer&#8221; geht es auch in dem Roman von Franz Dobler: &#8220;Tollwut&#8221;: Den Eltern des Icherzählers wird der  Kleinbauernhof bei Dachau zwangsversteigert, sie müssen in eine städtische Sozialwohnung ziehen. Ihr Sohn kann sich nicht von seinem Geburtsort  und dem Gewehr seines Großvaters treffen, er nimmt Rache &#8211; an den neuen Hofbesitzern.</p>
<p>Kürzlich zeigte die ARD einen Film von Gunter Scholz: &#8220;Der Fall Harry Wörz&#8221;. Das war kein Krimi, sondern eine Dokumentation, obwohl es darin um einen Beinahe-Mord ging &#8211; an einer in einem süddeutschen Dorf lebenden Polizistin. Sie ist heute ein Pflegefall. Der von ihr getrennt im Ort  lebende Ehemann, ein Installateur, wurde 1998 als Täter zu 11 Jahren Haft verurteilt. Nach zwei Wiederaufnahmeverfahren ließ man ihn jedoch 2001 wieder frei, 2009  wurde er freigesprochen. Nun fällt der Mord-Verdacht auf den verheirateten Vorgesetzten der Polizistin, die  zur Tatzeit ein Verhältnis mit ihm hatte. Das Besondere  an diesem Fall/Film ist das Dorf: Nahezu die gesamte Bevölkerung stand hinter Harry Wörz, sie hielt ihn für unschuldig &#8211; von Anfang an. Hier kam wahrscheinlich wirklich der Täter von außen.</p>
<p>Nicht so in dem Krimi &#8220;Todesmuster&#8221; von Norbert Horst, dessen Kommissar  Kirchenberg Blutspuren in einer stillgelegten Mine nahe des (fiktiven) Ortes Ingsen in Nordrhein-Westfalen nachgehen soll. Zwar befragt er sämtliche Dorfbewohner und bekommt auch mit, dass man dort etwas anders als in der Stadt denkt (so wird z.B. eine alte Frau, die kaum Rente hat und ständig kleinere Diebstähle begeht, von den Dörflern nicht davon abgehalten, sie &#8220;bringen sie sogar gemeinsam durch&#8221;), aber in diesem &#8220;Dorfkrimi&#8221; befaßt sich der Autor, der selbst im Hauptberuf Kriminalhauptkommissar ist, vor allem mit dem städtischen Polizeimilieu, aus dem er und sein Ermittler kommen.</p>
<p>In  Theodor J. Reisdorfs Roman &#8220;Mörderischer Nordseewind&#8221;. Darin geht es um ein Mädchen, dem der ostfriesische Ort, in dem es lebt, zu eng ist und das deswegen nach München zieht. Es wird ebenfalls ermordet, jedoch nicht in der Großstadt, sondern nahe ihrem Elternhaus.</p>
<p>Umgekehrt gibt es viele Frauen aus München und anderen Städten, die irgendwann aufs Land gezogen sind &#8211; und nun &#8220;Regional-&#8221; oder &#8220;Dorfkrimis&#8221; dort schreiben. Genannt sei die Kölner Reiseverkehrskauffrau Cäcilia Balandat, die im norddeutschen  Obstanbaugebiet &#8220;Altes Land&#8221; bei Hamburg lebt, wo nun auch ihre Kriminalromane spielen. In ihrem letzten &#8211; &#8220;Verratenes Dorf&#8221; &#8211; machte sie aus dem halb erfolgreichen Widerstand der dortigen Obstbauern gegen die Enteignung ihrer Ländereien durch das nahe EADS-Werk, das größere &#8220;Airbusse&#8221; bauen will, einen  &#8220;Agrar-Krimi&#8221;.</p>
<p>Ihr zweiter Roman: &#8220;Tatort Altes Land&#8221; dringt in die Scene der dort beschäftigten Erntehelfer &#8211; aus Polen, Rumänien und der Türkei &#8211; ein, im Mittelpunkt stehen jedoch erneut die Obstbauern &#8211; deren Konfliktlinie im Roman zwischen legal und illegal beschäftigten Saisonarbeitern verläuft.</p>
<p>Von diesem ländlichen Proletariat handelt auch ein in der Kölner Börde spielender Regionalkrimi: &#8220;Der Erdbeerpflücker&#8221; von Monika Feth. Die Journalistin konzentrierte sich darin allerdings auf eine &#8220;Mädchen-WG&#8221;. Von den Erntehelfern ist für sie und ihre drei Hauptfiguren nur einer interessant (aber gefährlich) &#8211; deren Mörder.</p>
<p>Das ist bei dem im Kehdinger Land lebenden &#8220;Regionalkrimi&#8221;-Autor Wilfried Eggers ganz anders: In seinem 500 Seiten dicken Roman: &#8220;Paragraf 301&#8243; verschlägt es einen von Scheidungsklagen gelangweilten Rechtsanwalt aus Freundschaft zu einem  alevitischen Agrarbetriebshelfer ins hinterste Anatolien. Auf den Höfen zwischen Elbe und Weser arbeiten mittlerweile viele ehemalige Industrie-&#8221;Gastarbeiter&#8221; aus der Türkei: legal und illegal, auf Dauer und saisonal. Bei dem Romantitel &#8220;Paragraf 301&#8243; handelt es sich um ein 2005 verabschiedetes türkisches Gesetz, das die Staatsbeleidigung unter Strafe stellt. Der Autor ist selbst Rechtsanwalt und er ist zwecks Recherche anscheinend wirklich bis nach Anatolien gereist, das merkt man dem Roman auch  an, der WDR nennt es: &#8220;Ein großes Menschenbuch&#8221;.</p>
<p>Bei einem  weiteren Roman von Eggers, der laut Klappentext ein &#8220;überzeugter Moorbewohner&#8221; ist, spricht sein Verlag von einem &#8220;Bauernkrimi&#8221;. Auch in diesem &#8211; &#8220;Die Tote, der Bauer, sein Anwalt und andere&#8221; &#8211; stößt man auf gründliche Milieustudien.</p>
<p>Um eines Verbrechens verdächtigte Saisonarbeiter  bzw. landwirtschaftliche Betriebshelfer aus Polen und der Türkei  geht es auch in dem &#8220;Husum-Krimi&#8221; des Unternehmensberaters Hannes Nygaard: &#8220;Tod in der Marsch&#8221;. Hier handelt es sich bei dem Opfer ebenfalls um eine junge Frau, die aus einem  nordfriesischen Dorf stammt und in &#8220;die Stadt&#8221;, nach Husum, gezogen ist. Als sie sich mit einem  &#8220;Türken&#8221; anfreundet, der auf einem Hof in ihrem Heimatort wohnt und arbeitet und deswegen mit ihrer Tochter dort hinfährt, werden die beiden ermordet. Daraufhin rückt die Husumer Polizei in das Dorf ein. Einer der Ermittler bekommt dabei nach Gesprächen mit Einheimischen in der Dorfkneipe den Eindruck: &#8220;In der Dorfgemeinschaft gibt es eine Hackordnung, die mir noch straffer organisiert zu sein scheint als das indische Kastenwesen. Jeder hat seinen Platz. Die Fremden, wie man hier zu sagen pflegt, gehören zwangsläufig zu den Parias. Das sind neben den Familien, die schon in den vorherigen Jahrhunderten kein eigenes Land besaßen, sondern als Knechte und Tagelöhner ihr Dasein gefristet haben, auch jene kleineren Bauern, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht den Sprung zu größeren Anwesen geschafft haben. Der Große frisst den Kleinen, der Schnelle den Langsamen.&#8221; Am Ende bleibt meist nur noch ein Großbauer im Dorf übrig. Hier ist es ein &#8220;Kulak&#8221;,  &#8220;Gutsherr&#8221; genannt, der &#8211; wie man zunächst feststellt &#8211; seine Erntehelfer und Aushilfen illegal beschäftigt und unwürdig unterbringt. Er und sein noch studierender Sohn werden später von der Polizei des &#8220;Kapitalverbrechens&#8221; verdächtigt. Im Dorf ist man jedoch fest davon überzeugt, dass es einer der &#8220;Ausländer&#8221; oder jemand von den neuhinzugezogenen &#8220;Außenseitern&#8221; war: &#8220;Zu solchen Taten sind doch nur diese Leute, die aus dem Osten kommen, nur die sind zu solchen Schweinereien fähig. Wir tun so etwas nicht,&#8221; sagt einer. Diese  Anderen &#8211; &#8220;Arbeitsscheue, Ausländer, Gesindel und Abartige&#8221; werden &#8220;von der Volksmeinung zu Sündenböcken erklärt&#8221;, schreibt der Autor. &#8220;Eure Vorurteile führen automatisch zur Verurteilung,&#8221; tadelt sein Ermittler die Männer in der Kneipe.</p>
<p>Ein ganz ähnliches Krimischema findet man in dem Dorfkrimi des bei Frankfurt lebenden Autors Andreas Franz: &#8220;Schrei der Nachtigall&#8221;. Auch hier geht es um einen ebenso gewissenlosen wie geldgierigen Kulaken (Großbauern), der jedoch vor allem seine Familie und seinen Nachbarn terrorisiert. Der Krimi ist in Bruchköbel bei Hanau angesiedelt &#8211; und in dieser Rehin-Main-Region gibt es schon lange keine Dörfer im eigentlich Sinne mehr, sondern bestenfalls nur noch ein von Industrie- und Militäranlagen sowie Einkaufszentren und Autobahnen durchfurchtes Agro-Konglomerat. Kein Wunder, dass auch die Bauern dort auf Teufel komm raus reich werden wollen, auch wenn sie das Geld dann nur in Bordellen versenken. Ähnlich wie in diesem Frankfurter &#8220;Speckgürtel&#8221; sind die Verhältnisse im Umland von Hannover. Beide Regionen zeichnen sich zudem durch gute Böden aus &#8211; deren letzte Fruchtfolge jedoch stets &#8220;Bauerwartungsland&#8221; oder &#8220;Golfplatz&#8221; heißt. ()</p>
<p>Aber auch kleinere Städte zerstören die Dörfer in ihrem Einzugsgebiet zunächst dadurch dass die zu Reichtum gekommenen Bürger dort landschaftlich reizvolle &#8220;Filetstücke&#8221; erwerben, auf denen sie Jagdhütten, Sommerhäuser, Wellness-Oasen, Swinger-Clubs, Landhotels und  Ausflugslokale mit Biofleisch im Angebot errichten. Da kann der Krimiautor dann keine Stadtlogik mehr auf eine Dorfmoral stoßen lassen, wenn er seinen Roman denn unbedingt in dieser Region ansiedeln will. Die Germanistin Edda Helmke und die Journalistin Petra Tessendorf haben ein Klassentreffen in diesem &#8220;terrain vague&#8221; stattfinden lassen, bei dem anschließend eine der Teilnehmerinnen in einem nahen See tot aufgefunden wird. Die einstigen  Abiturienten haben inzwischen alle mehr oder weniger erfolgreiche Karriere gemacht, wobei es sie unterschiedlich weit weg vom jetzigen Tatort verschlagen hat, in dessen Nähe sie einst gemeinsam zur Schule gingen. Das zwingt die polizeilichen Ermittler die Biographien aller am Klassentreffen Beteiligten zu recherchieren &#8211; und gibt den beiden Autorinnen (geboren in der ersten Hälfte  der Sechzigerjahre) jede Menge Gelegenheiten für sentimentale Rückblicke. Petra Tessendorfs Roman &#8220;Der Wald steht schwarz und schweiget&#8221; spielt im Bergischen Land nahe Wuppertal, wo die Autorin auch herkommt. Und Edda Helmkes Krimi &#8220;Der Tag nach dem Klassentreffen&#8221; ist in der Rhön nahe einer Kreisstadt angesiedelt, wo die Protagonisten einst zur Schule gingen und ihr Abitur machten.</p>
<p>In topographischer Hinsicht das Gegenteil ist der Regionalkrimi , &#8220;Milchgeld&#8221; von einem Lehrer,  Volker Klüpfel, und einem Journalisten, Michael Kobr. Ihr Roman spielt im Allgäu, wo die Autoren auch  leben. Sie konzentrieren sich darin auf den größten Weiterverarbeitungsbetrieb in der Region. In ihren Romanen, die demnächst für das Fernsehen verfilmt werden, handelt  stets ein Kriminalkommissar namens Kluftinger als Ermittler. Im Fall von &#8220;Milchgeld&#8221; geht es um eine Käserei, in der ein  Lebensmittel-Chemiker ermordet wurde. Der Ermittler kommt dabei einem Konflikt in der Firma auf die Spur &#8211; zwischen dem patriachalischen  Unternehmer, der guten Käse produzieren und die Milchlieferanten &#8211; Bauern &#8211; anständig behandeln will, und seinem neoliberalen Sohn, der die Käserei übernehmen soll, aber als BWLer bereits weiß, wie man noch viel mehr Geld mit der Klitsche machen kann.  Er läßt sich deswegen auf immer fragwürdigere Produkte und Aktivitäten ein. &#8220;Eine Mördergrube im Herzen des Allgäus&#8221;, heißt es über den Krimi in der Verlagswerbung.</p>
<p>Um verbotene chemische Zusätze in Lebensmitteln geht es auch in dem  &#8220;Allgäu-Krimi&#8221; von Nicola Förg: &#8220;Kuhhandel&#8221;: Hier kommt eine Tierärztin auf einer abgelegenen Alm Mastexperimenten an Rindern, die u.a. ein Kollege von ihr unternimmt, auf die Spur. Die tierschützerisch engagierte Autorin spricht dabei von &#8220;illegalem Ochsendoping&#8221;.</p>
<p>Um ein typisch schwäbisches Dorfphänomen kreist der Regionalkrimi der Schwarzwälder Journalistin Uta-Maria Heim: &#8220;Das Rattenprinzip&#8221;: Darin steht ein kleiner metallverarbeitender Familienbetrieb auf dem Land im Mittelpunkt. Der Besitzer ist Kommunist und wegen der Wende, die langsam auch Baden-Württemberg erfaßt, doppelt deprimiert, denn nun ist auch bei seinen Kollegen mit ähnlichen Klitschen in der Region, die alle den Großbetrieben Drehteile zuliefern, Schluß mit der Solidarität. Hinzu kommt noch die Computerisierung: &#8220;Die Ära des roten Karle ging zu Ende. Jetzt hatte man den CNC-Automaten, die erste Maschine, die Karle nicht restlos verstand.&#8221; Seine Tochter lebt mit ihrem Journalistenfreund in Stuttgart, arbeitet aber noch im väterlichen Betrieb mit. Die Aufklärung eines Kapitalverbrechens geht hier mit der  von Verbrechen des Kapitals einher. Die Stuttgarter Krimiautorin Christine Lehmann hält Eva-Maria Heims Regionalkrimi für beispielgebend, wie eine Romanhandlung mit einer Region so verschmolzen wird, dass die Geschichte sich nirgendwo anders abspielen kann. &#8220;Wenn man sich einen Ort sucht, der keine unverwechselbare Geschichte in sich birgt, dann hat man als Autorin oder Autor Pech gehabt. Dann muß man sich einen anderen suchen, oder man erzählt eine Geschichte, die einfach nur irgendeinen Ort braucht, aber nicht diesen,&#8221; meinte sie gegenüber der Redakteurin Henny Hidden von &#8220;frauenkrimis.net&#8221;.</p>
<p>Mit einem bäuerlichen Nebenerwerb beschäftigt sich der &#8220;Rhönkrimi&#8221; von Sylvia Schopf: &#8220;Madonna gesucht&#8221;. In der Rhön lebten die Kleinbauern seit Jahrhunderten im Winter von Holfschnitzarbeiten, Um diese Produkte konkurrenzfähig zu machen, wurden Ende des 19. Jhds. im bayrischen und im thüringischen Teil der Rhön &#8220;Holzschnitzschulen&#8221; für begabte Bauernkinder gegründet. Daraus entwickelte sich bis jetzt ein Netzwerk aus Holzbildhauern, -händlern, -fabriken, -werkstätten, -symposien und -galerien. In diesem Milieu hat die Frankfurter Journalistin ihren &#8220;Rhön-Krimi&#8221; angesiedelt. Sie hat ein Wochenendhaus in dem heutigen &#8220;Biosphärenreservat&#8221;.</p>
<p>Ähnlich wie die Frankfurter Wissenschaftsautorin Cora Stephan, die unter dem Pseudonym Anne Chaplet &#8220;Rhön-Krimis&#8221; verfaßt. Ihr Wochenendhaus steht jedoch nicht in der Rhön, sondern im Vogelsberg, eine Region westlich davon. Anne Chaplets Romane haben aber sowieso nicht viel mit einer Region zu tun. Die Autorin verhandelt darin eher graue Zeitgeistthemen &#8211; wie z.B.  &#8220;Stasiverbrechen&#8221; lange nach Abwicklung des MfS (in &#8220;Caruso singt nicht mehr&#8221;) und Ökoengagierte, die in die Berliner Politik gehen (&#8220;Nichts als die Wahrheit&#8221;). Diese Themen versieht die Autorin  dann in Oberhessen bloß mit Lokalkolorit. Dieser &#8220;Ort des Geschehens, Klein-Roda, ist überall,&#8221; wie sie sagt.  Vielleicht hat man ihr dies in dem fiktiven Dorf ganz real übel genommen, dass man es mit ausländischen Verbrechern und ungesühnten Kriegsverbrechen  überschwemmt, denn der Illustrierten  &#8220;stern&#8221; verriet sie kürzlich: &#8220;Einmal warf mir jemand sogar eine Molotow-Cocktail-Attrappe in den Schuppen&#8221; &#8211; mit einer Warnung auf einem Zettel: &#8220;Nimm dich in Acht&#8221;. Die Autorin wird im Dorf als &#8220;Hexe&#8221;  bezeichnet.</p>
<p>Auf sogar &#8220;offene Feindseligkeit&#8221; stößt der suspendierte Kriminalrat Wegener in einem Dorf in Schleswig-Holstein, als er die Vergangenheit seiner ermordeten Frau ermitteln will, die dort zuletzt lebte. Man hatte ihn zuvor  des Mordes angeklagt, jedoch mangels Beweisen freisprechen müssen. Die Dorfbewohner halten ihn aber weiterhin für den Mörder, obwohl einige Männer, die sich regelmäßig in der Dorfkneipe treffen, es besser wissen. Kriminalrat Wegener ist die Hauptfigur in dem &#8220;Dorfkrimi&#8221; des Journalisten Horst Bieber:  &#8220;Schnee im Dezember&#8221;.</p>
<p>Von der Stadt (Berlin) aufs Land  (ins Schwäbische) begibt sich auch die Protagonistin in dem Dorfkrimi: &#8220;Kleiner toter Vogel&#8221; der Germanistin Regina Nössler. Ihr literarisches Ich will sich dort von einer gescheiterten Beziehung erholen und gleichzeitig eine Erbschaft, das Haus ihrer kurz zuvor verstorbenen Tante, verkaufen. Währenddessen erlebt sie einige &#8220;Horror-Geschichten&#8221;, was  jedoch gleichzeitig dazu führt, dass sie ein paar Frauen im Dorf näher kennen und schätzen lernt. Am Ende löst sie ihre Wohnung in Berlin auf und richtet sich in dem Landhaus auf Dauer ein.</p>
<p>Gerade umgekehrt verhält es sich mit &#8220;Bella Block&#8221;, der als TV-Kommissarin bekannten Protagonistin in Doris Gerckes Krimis. In ihrem ersten &#8211; &#8220;Weinschröter, du mußt hängen&#8221;, der die Autorin, eine Juristin,  sogleich berühmt machte, wird die Hamburger Polizistin Block in ein Dorf im Umland geschickt, wo sie zwei Selbstmorde aufklären soll. Sie hat dort auch ihr Landhaus. Im Laufe ihrer Ermittlungen stößt sie auf immer mehr Seltsamkeiten und &#8220;Brüche in der Dorfidylle&#8221;. Als sie die Fälle aufgeklärt hat, verläßt sie ihr Haus &#8211; für immer, und nimmt sich vor, den Polizeidienst zu quittieren, sobald sie wieder in Hamburg angekommen ist. Auch Gerckes Krimi &#8220;Ein Fall mit Liebe&#8221; spielt in einem vorpommerschen Dorf &#8211; an der Ostsee, wo die inzwischen freiberufliche Ermittlerin Bella Block eine vermißte Frau aus Westdeutschland sucht. Es ist ein Nachwenderoman, in dem es vor allem um &#8220;Wessis&#8221; gegen &#8220;Ossis&#8221; geht, um Täter-Ermittlung dagegen nur am Rande. Bei den Wessis handelt es sich fast durchweg um neureiche Zechpreller oder  betrügerische Investoren, die u.a. einen &#8220;Seniorenpark wie in Florida&#8221; an der Küste hochziehen wollen. Ein ähnlich windiges  Bauprojekt (von einem Ost-West-Duo), ebenfalls an der Ostsee in Vorpommern geplant, ist in dem Regionalkrimi &#8220;Unter freiem Himmel&#8221; von Peter Godazgar sogar handlungsbestimmend. An sich spielt dieser Roman des Hallenser Journalisten jedoch auf einem Campingplatz, wo man wegen der dünnen Zeltwände jedes Wort mitbekommt.</p>
<p>Ebenfalls an einem Ufer &#8211; des Starnberger Sees &#8211; hat die dort lebende Pfarrfrau Annette Döbrich ihren Regionalkrimi &#8220;Das Ritual des Schweigens&#8221; angesiedelt. Und auch hier liegt eine Frauenleiche im Wasser. Es geht der Autorin in ihrem von der Stadt München mit einem Preis ausgezeichneten Roman jedoch vor allem um die Gebietskulisse Starnberger See (&#8220;Er hat Könige und Literaten, Künstler, Wissenschaftler, Mächtige aus Politik und Wirtschaft&#8230;angezogen&#8221;) sowie um eine vermeintliche (Tat-)&#8221;Zeugin&#8221; &#8211; ein junges Mädchen, das seitdem gestört ist.</p>
<p>Um ein &#8220;sensibles&#8221; Sozialgefüge, &#8220;wo jeder mit jedem ein Hühnchen zu rupfen hat,&#8221; geht es auch in dem Regionalkrimi &#8220;Pferdekuss&#8221; der Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Christine Lehmann. Er spielt auf einem Pferdegestüt  am Fuß der Schwäbischen Alb, mit dem die unkonventionelle Journalistin Lisa Nerz, die dort ermittelt, familiär verbunden war. Sie muß nun feststellen, dass &#8220;gegen die kostbaren Pferde das Leben einer Frau&#8221; in diesem Milieu noch immer &#8220;nicht viel wiegt&#8221;. Das mag auf dem Land vielerorts bis heute so sein, hier handelt es sich jedoch &#8211; abgesehen von einem polnischen Pferdepfleger &#8211; nicht um ein bäuerliches Milieu, sondern eher um die Personnage eines  mittelschichtigen Dienstleistungsunternehmens für Städter auf dem Land.</p>
<p>Zwischen starken Mittelschichtsfrauen, schwachen Söhnen und Liebhabern (und einigen wohlhabenden Weinbauern) spielt auch der Krimi &#8220;Schwarzwild&#8221; von Monika Geier. Die Bauzeichnerin aus Ludwigshafen hat ihn in einem Dorf im Pfälzer Wald situiert. Zu dem Milieu dort gehören mehrere Bedienstete, die aus ehemals sozialistischen Ländern kommen, sowie als Tatort eine im Wald versteckte Liegenschaft, an der  eine Neonazi-Partei Interesse hat.</p>
<p>Mitunter stoßen die Ermittler in den deutschen &#8220;Regionalkrimis&#8221; auch bis auf die Hinterlassenschaften der alten Nationalsozialisten. So z.B. die Rechtsanwältin Sylvia Staudacher und der mit ihr verheiratete Heimatforscher Mathias &#8211; im &#8220;Chiemgau-Krimi&#8221; des Versicherungsmathematikers Roland Voggenauer: &#8220;Kreuzweg&#8221;. Der dort auch lebende Autor läßt seine zwei Protagonisten, nachdem man im See &#8220;Beutekunst der Nazis&#8221; gefunden hat, einen schon lange zurückliegenden Priestermord recherchieren. Dabei führen die Spuren sie zu einem Heim der NS-Organisation &#8220;Lebensborn&#8221; in der Nähe von Wasserburg.</p>
<p>In den Regionalkrimis spiegeln sich öffentliche Debatten: Seit einiger Zeit wird zum Beispiel über die Privatisierung der Wasserversorgung gestritten und es bilden sich Bürgerinitiativen, um das wieder rückgängig zu machen. Der Krimiautor Wolfgang Schorlau thematisiert das in seinem Roman &#8220;Fremde Wasser&#8221;. Er spielt in einer Berliner Konzernzentrale, die mit zunehmend ins Kriminelle lappenden Methoden überall auf der Welt Wasserwerke aufkauft. Das Nachwort klärt darüber auf, das es sich dabei um die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) handelt.</p>
<p>Der grüne Oberbürgermeisterkandidat in Stuttgart, Rezzo Schlauch, schrieb über das Buch: &#8220;Öffentliche Daseinsvorsorge als Thema eines Krimis? Muss das nicht schiefgehen? Nicht im Krimi von Wolfgang Schorlau. In diesem Buch geht das Kapital buchstäblich über Leichen. Zunächst ist eine widerspenstige Abgeordnete dran, später beinahe der Privatdetektiv selbst, und wenn es nach dem Oberschurken ginge, wäre auch ein kleines Massaker in Bolivien im Sinne der Rendite durchaus willkommen.&#8221;</p>
<p>Rezzo Schlauch diskutierte in seiner<em> taz</em>-Rezension nur die Wasseralternative Staat oder Markt, in Berlin ging und geht es jedoch um seine Vergenossenschaftung. Der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau hat zuletzt &#8220;Argumente&#8221; für die Auseinandersetzung mit Stuttgart 21 veröffentlicht. Diesen ganzen seit der Wende sich &#8220;im Ländle&#8221; entwickelnden Komplex hatte bereits Uta-Maria Heim 2008 auf den Begriff des &#8220;Rattenprinzips&#8221; gebracht &#8211; in ihrem gleichnamigen &#8220;Stuttgart-Krimi&#8221;. Im Übrigen bahnt sich dort demnächst auch noch ein &#8220;Wasserkrimi in Fortsetzungen&#8221; an, wie eine Bürgerinitiative auf ihrer Website schreibt.</p>
<p>Als ein weiterer Regionalkrimi, in dem es um Wasser geht, sei hier noch Jacques Berndorfs &#8220;Eifel-Krimi&#8221; erwähnt. Dazu heißt es auf krimi-couch.de: &#8220;Breidenbach wurde ermordet. Am wahrscheinlichsten scheint ein Motiv für die Tat im beruflichen Umfeld des Chemikers zu sein. Denn Breidenbachs Job war es, die Qualität des Trinkwassers zu kontrollieren, und ziemlich schnell zeichnet sich ab, dass der Wasser-Spezialist Umweltsündern auf die Spur gekommen ist.&#8221;</p>
<p>Auch über die Auseinandersetzungen zwischen Windkraftbefürwortern und -gegnern schrieb Jacques Berndorf einen Roman: &#8220;Eifel-Sturm&#8221;. Die meisten dieser Ökokrimis spielen in den Regionen an der Küste. Einen (&#8220;Im Norden stürmische Winde&#8221;) verfasste der <em>Stern</em>-Autor Wolfgang Röhl. Er polemisiert daneben auch auf der Website &#8220;Achse des Guten&#8221; gegen Windkraft. Dort verknüpfen die Autoren ihre Argumente gegen die &#8220;Stromerzeugung mittels Windrädern&#8221; seltsamerweise gerne mit Antiislamismus.</p>
<p>Ein anderes aktuelles Thema ist die Schönheitschirurgie. Hier zeigt sich ebenfalls, dass die Autoren oft aus Engagement heraus ihre Krimis schreiben. Erwähnt sei der Roman &#8220;Operation Schönheit&#8221; von Barbara Ahrens: Vordergründig geht es darin um eine feministische &#8220;Initiative gegen Brustkrebs&#8221;, die verdächtigt wird, einen Mammachirurgen ermordet zu haben. Dabei hat sich die Berliner Autorin jedoch gründlich mit der &#8220;Schönheit&#8221; als klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit beschäftigt. Dies gilt auch für die Anglistin Sabine Deitmer, in deren Roman &#8220;Scharfe Stiche&#8221; ebenfalls ein Schönheitschirurg ermordet wird.</p>
<p>Eher unklar motiviert ist dagegen ein Roman von Burkhard Driest, &#8220;Der rote Regen&#8221;, in dem es um die Ermordung alternder Frauen in einer Schönheitsfarm auf Ibiza geht, wo der Autor lebt. Grundsätzlich lässt sich über deutsche Regionalkrimis vielleicht sagen: Wer den Autoren nicht passt &#8211; wird ermordet. Gleichzeitig strengen sie sich jedoch an, den Täter zu ermitteln. Dialektisch verrucht wird dabei aus der aufgeklärten Gesellschaft Kants ein Volk von Hilfspolizisten.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/nordstrandischmoor_01.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6537" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/nordstrandischmoor_01-424x339.jpg" alt="" width="424" height="339" /></a></p>
<p><em>Nordstrandischmoor 2</em></p>
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<p><strong>Zwischen Nord- und Ostsee</strong></p>
<p>Der Schweizer &#8220;Weltwoche&#8221;-Korrespondent Christoph Neidhardt legte in seinem Buch &#8220;Ostsee&#8221; bereits die Vorstellung nahe, daß es sich dabei um ein Meer der Gesänge handelt. So spricht er z.B. von der &#8220;singenden Revolution der Esten&#8221;, die in ihrer Hauptstadt im übrigen das größte &#8220;Gesangs-Stadion&#8221; der Welt errichteten. Aber auch im lettischen Riga wurde bei der Konstituierung der dortigen Volksfront &#8220;immer wieder gesungen&#8221;. Zusammen hätten die beiden Völker &#8220;die Fronten der im Kalten Krieg erstarrten Ostseewelt&#8221; regelrecht &#8220;zersungen&#8221; &#8211; was dort aber quasi Tradition habe. Zu Zeiten der Hanse konnten &#8220;fahrende Spielleute und Ratsmusiker in jeder Stadt an der Ostsee arbeiten&#8221;. Vor allem die baltischen Städte &#8220;zogen viele wandernde Musiker an&#8221;. Gesungen wurde an der Ostsee bereits lange vor der Christianisierung: &#8220;Auf den Dörfern wurde mit Drehleiern, Strohfideln, Trummscheiten und Sackpfeifen musiziert.&#8221; Elias Lönnrot in Karelien und Friedrich Reinhold Kreutzwald im Baltikum sammelten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts dörfliche Liedtexte&#8230;&#8221;1990 rappten die jungen Rigaer für Lettland&#8221;. Die Esten sagen rückblickend, sie seien während der Sowjetzeit in ihr &#8220;Liedgut emigriert&#8221;. Heute touren &#8220;ihre Chöre um die ganze Welt&#8221;.</p>
<p>Ich ergänzte: In Litauen wurde 1991 der Komponist Vytautas Landsbergis zum Staatspräsidenten gewählt und wenig später ein Matrosen-Punksong zur Quasi-Nationalhymne erkoren. Die Polen und Russen haben bekanntlich schon immer gerne gesungen, die Finnen sind geradezu tangovernarrt, die Schweden mischen spätestens seit Abba in der internationalen Musikscene mit und in  Dänemark kennt man ebenfalls viele lustige Lieder. Im ostelbischen Deutschland hatte zuletzt das sozialistische Liedgut ein Zuhause und  die Wende wurde dort &#8211; mindestens in der Heldenstadt Leipzig &#8211; von einem Dirigenten namens Kurt Masur angeführt.</p>
<p>Neben der Gesangskunst, die am Mare Balticum gedeiht, arbeitet der Autor Christoph Neidhardt aber auch noch heraus, daß die Ostsee a) &#8220;ein Milchsäuremeer&#8221; und b)  &#8220;eine See der starken Überzeugungen&#8221;  ist &#8211; gemeint sind vor allem Sozialdemokratismus und Bolschewismus, ferner, daß man dort überall gerne Kaffee trinkt. Und dann steigt auch noch das Land ringsum langsam aus dem Meer empor.</p>
<p>Genau umgekehrt ist es an der Nordsee: hier handelt es sich bei den Küstenstreifen durchweg um sinkendes Land. Statt Kaffee bevorzugt man Tee. Und von den Bewohnern des &#8220;Mare Frisicum&#8221; behauptete bereits der römische Geschichtsschreiber Tacitus kategorisch &#8220;Frisia non cantat!&#8221; Seitdem haben unzählige  Volkskundler und Regionalforscher den Beweis erbracht, daß die Friesen nicht nur kaum eigenes Liedgut besitzen, sondern überhaupt wenig auf Dichtung und Literatur geben. Dafür haben sie anscheinend eine Begabung für die Mathematik: &#8220;Am ausgesprochensten ist der Sinn der Friesen für Rechnen&#8221;, schreibt der Friesenforscher Rudolf Muus.  Erklärt wird dies u.a. damit, dass das in drei getrennten Nordsee-Regionen &#8211; Hollands, Niedersachens und Schleswig-Holsteins &#8211; siedelnde Küsten- und Handelsvolk keine einheitliche Sprache hat, so daß die Verständigung immer über eine vierte -  Hochsprache &#8211; erfolgen muß, wobei es ihnen primär um kaufmännigliche Vorteile geht.</p>
<p>Dennoch oder deswegen oder desungeachtetwaren die Friesen fast immer frei: Sie haben mehrere  Schlachten gegen Adels- und Bischofsheere gewonnen und erfolgreich städtische Revolutionen durchgeführt. Um 1230 wird ihnen quasi offiziell bescheinigt: &#8220;omni jugo servitutis exuti&#8221; &#8211; Sie haben das Joch der Knechtschaft verlassen. &#8220;Seltsam nahm sich  Friesland unter den deutschen Territorien aus,&#8221; schreibt der Groninger Historiker I.H.Gosses: &#8220;Kein Graf, keine Lehnsleute, fast keine Ritter, keine Unfreien, keine ummauerten Städte; ein Land freier Bauern&#8221;. In dem die &#8220;Amtsgewalt nicht von oben &#8211; von einem Grafen, der den König vertritt, sondern von unten, aus der Rechtsgemeinde&#8221; hervorgeht, deren Bemühungen schließlich in das kodifizierte  Stammesrecht  &#8220;Lex Frisiorum&#8221; münden.</p>
<p>Im politischen Kampf um den Erhalt der &#8220;friesischen Identität&#8221; war noch 1848 der Schriftsteller Theodor Storm in das ihm verhaßte preußisch-deutsche Exil abgetrieben worden, nachdem das dänische Heer die &#8220;schleswig-holsteinische Freiheitsbewegung&#8221; zerschlagen hatte. Auch als dann einige Jahrzehnte später Preußen an der &#8220;Düppeler Schanze&#8221; die Dänen zurückschlug und Storm als Landvogt im Triumph nach Husum heimkehrte, konnte er sich nicht recht über diese Fremd-&#8221;Befreiung&#8221; freuen. Deutschland und Friesland wissen die Friesen bis heute sauber zu unterscheiden. So antwortete mir z.B. der Emder Bürgermeister, auf die Frage, was er früher gewesen sei: &#8220;Die bisherige ostfriesische Evolution verlief vom Bauern und Fischer über den Hafen- und Werftarbeiter zum VW-Arbeiter. Ich habe ebenfalls auf der Werft gearbeitet, aber dann auch in Deutschland: vier Jahre &#8211; in Köln, dann bin ich jedoch wieder nach Emden zurückgegangen&#8221;.</p>
<p>Diese Behaarlichkeit der Friesen erklärt die Forschung damit, daß sie in den Marschen auf von ihnen selbst geschaffenem Land  siedeln: &#8220;Deus mare, Frisio litora fecit&#8221; so sagen sie es selbst: Gott schuf das Meer &#8211; und die  Friesen die Küste! Diese wenig christliche, selbstbewußte Haltung im Verein mit ihrer Neigung zu Partisanenkampf, Piraterie und Strandräuberei hat die Kirche lange Zeit vergeblich  zu bekämpfen versucht, sie hatte dort denn auch mancherorts schon Schwierigkeiten, den Zehnt einzutreiben, auf Sylt z.B., und ihr  altes heinisches Heiligtum Helgoland ist bis heute eine zoll- und steuerfreie Zone.</p>
<p>Wiewohl Bauern, Händler und Seefahrer, besteht die eigentliche Kulturleistung der Friesen in der Landgewinnung &#8211; durch den Bau von Deichen gegen die Flut und Sielen zur Entwässerung bei Ebbe. Das Husumer Nissenmuseum &#8211; einst von einem friesischen Auswanderer, der in Amerika reich wurde, gestiftet &#8211; ist deswegen auch vor allem ihrer  Deichbau-Kunst gewidmet. Ein anderer Auswanderer &#8211; nach Deutsch-Südwest-Afrika, Sönke Nissen, finanzierte sogar die Eindeichung eines ganzen nach ihm dann benannten Koogs (Polder in Westfriesland genannt), inklusive der darin errichteten riesigen Bauernhöfe. Und der Husumer Dichter Theodor Storm wurde nach seinem Tod vor allem mit seinem Deich-Drama &#8220;Der Schimmelreiter&#8221; bekannt. Umgekehrt benannte man einen nach dem Zweiten Weltkrieg eingedeichten Koog nach seinem Novellen-Held, den Deichprojektierer &#8220;Hauke Haien&#8221;.</p>
<p>Mit einer seltsam sturen Leidenschaft versucht dieses stets entlang der Nordseeküste und auf den Inseln bzw. Halligen siedelnde Volk allen Stürmen von See (aber auch allen Heeren von Land) die Stirn zu bieten. Inzwischen hat ihr &#8220;Projekt&#8221; &#8211; über die Jahrhunderte hinweg &#8211; &#8220;etwas absolut Extravagantes&#8221; im Sinne einer &#8220;poetischen Erfindung&#8221;, eines &#8220;Unternehmens von großer tragischer Thematik&#8221; bekommen, wie der italienische Schriftsteller Giorgio Manganelli im &#8220;Corriere della Sera&#8221; 1985 schrieb.</p>
<p>Schon den römischen Gelehrten Gajus Plinius Secundus hatten einst die Friesen ins Grübeln gebracht: dieses &#8220;armselige Volk&#8221;, das auf &#8220;hohen Erdhügeln&#8221; in Schilfhütten lebt und mit &#8220;getrocknetem Kot&#8221; seine kärglichen Speisen kocht, damit sich &#8220;ihre vom Nordwind erstarrten Eingeweide erwärmen&#8221;. Bei Flut, &#8220;wenn die Gewässer die Umgebung bedecken, gleichen sie mit ihren Hütten den Seefahrern, Schiffbrüchigen aber, wenn die Fluten zurückgetreten sind&#8221;. Dennoch wollten die Friesen sich partout nicht den reichen, zivilisierten Römern unterwerfen: &#8220;wahrlich,&#8221; schloß Plinius, &#8220;viele verschont das Schicksal zu ihrer Strafe&#8221;.</p>
<p>Indem sie dann jedoch &#8211; ausgehend von den Flussläufen &#8211; anfingen, das Land einzudeichen, die Moore und Sümpfe trocken zu legen  und neues, künstliches Land zu schaffen, verzichteten sie erst auf die Wohnhügel (Wurten bzw. Warfen genannt) und dann auch auf Haufendörfer. Gleichzeitig entstand durch die Notwendigkeit des andauernden Deichbaus und &#8211; erhalts ein enger &#8211; kein völkischer, sondern ein eidgenössischer &#8211; Zusammenhalt, der sich u.a. in einer Kollektivmoral gegenseitiger Hilfe äußerte: &#8220;Wer nicht will deichen &#8211; muß weichen!&#8221;, gleichzeitig aber auch eigenwillige  Konfliktlösungsstrategien hervorbrachte sowie grüblerische  Charaktere.</p>
<p>Bei Sturm geht der Friese auf den Deich und schaut schweigend über das tosende Meer. Aber auch sonst, während man sich z.B. in Süddeutschland, vor allem in Wien, lärmend auf der Couch wälzt und an der Ostsee anfängt zu singen &#8211; heißt es in Friesland: Wo Blanker Hans war &#8211; soll Ich werden!</p>
<p>Schon Sigmund Freud griff bei der Beschreibung des Prozesses der Ich-Bildung auf eine friesische Deichbau-Leistung zurück, als er die Notwendigkeit zur Sublimation, d.h. der Kulturarbeit, mit der &#8220;Trockenlegung der Zuidersee&#8221; verglich. Wilhelm Reich hat demgegenüber dann, von Kopenhagen und Oslo aus, eher die Notwendigkeit der genitalen Befriedigung, d.h. das Sich Verströmen und Fließen Lassen, ein &#8220;ozeanisches Gefühl&#8221;, betont. Eine derartige Wunschpolitik müßte laut Klaus Theweleit in die antifaustische Formel münden: &#8220;Wo Dämme waren, soll (wieder) Fluß werden!&#8221;</p>
<p>Der Friese gönnt sich eine solche Deterritorialisierung  nur in Form des Fernwehs, dem er dann als Seefahrer auch immer wieder nachgibt. Dieser Sturm und Drang rechtfertigt sich dadurch, daß das friesische Ich zu großen individuellen Leistungen vor allem im Ausland fähig ist. Im &#8220;Inneren&#8221; setzt dem die altehrwürdige Kollektiv-Ökonomie Grenzen. Das ist der Kern der berühmten Stormschen Novelle über das Scheitern &#8211; &#8220;Der Schimmelreiter&#8221;: &#8220;Als Exponent der von Storm so hoch geschätzten Selbstverwaltung ist der Deichgraf auf demokratisches Miteinander angewiesen; Hauke Haiens Verhältnis zu seinen Dorfgenossen aber ist gestört,&#8221; schreibt der Stormbiograph K.E. Laage. Storm selbst spricht von &#8220;der Ehrsucht und dem Haß&#8221; in seinem Herzen. Gerade als er eine neue &#8211; flache &#8211; Deichkonstruktion, die heute nebenbeibemerkt überall zu finden ist, durchsetzen will, gerät er &#8220;in Gegensatz zu seinen Freunden&#8221; &#8211; und scheitert.</p>
<p>In der berühmten fast dokumentarischen Verfilmung der Novelle &#8211; aus dem Jahr 1933 &#8211; wird diese Handlung an einigen wenigen aber entscheidenden Stellen zugunsten des &#8220;Führergedankens&#8221; verändert. Dadurch bekommt das Stormsche Drama ein Happy-End &#8211; und aus dem menschlich-fragwürdigen Deichgrafen, der zuletzt bereut, wird ein rundum positiver Held &#8211; der Neuen Zeit, dem Nationalsozialismus,  vorauseilend. Auf diese reagierte man in den drei friesischen Siedlungsräumen dann jedoch durchaus unterschiedlich: Die militante, autonome Landvolkbewegung der reichen nordfriesischen Bauern (Gräser) Ende der Zwanzigerjahre verschwand fast sang- und klanglos im &#8220;Reichsnährstand&#8221;, nachdem die sozialdemokratische Regierung ihre Aktivisten  kriminalisiert hatte. Die eher proletarisch orientierten Ostfriesen verschanzten sich in Mikropolitik. Und die Westfriesen wagten den Widerstand, indem sie Teile ihres eingedeichten Landes unter Wasser setzten, Sabotage verübten und Juden vesteckten. Von den 120.000 holländischen Nazi-Kollaborateuren waren 5000 Friesen, aber auch von diesen gingen nur wenige so weit, dass sie ihre Nachbarn verrieten &#8211; und deswegen nach dem Krieg hingerichtet wurden.</p>
<p>Wenn immer wieder betont wird, dass die Friesen dem Singen abhold sind, dann hängt dies mit ihrer gemeinschaftlichen Position in der Ambivalenz zusammen &#8211; zwischen Verlockung und Furcht gewissermaßen eingeklemmt. &#8220;Die ganze Küste ist äußerst labil&#8221;, urteilt der Kölner Historiker Otto Jessen.  Vom Land her droht Unterwerfung, verbunden jedoch mit verheißenem Wohlstand. Während die Seeseite mit neuen (Siedlungs-)Räumen lockt, im Sturm aber auch alles verschlingen kann.  &#8220;Nordsee ist Mordsee&#8221;, so hieß einmal ein Jugendfilm von Hark Bohm. Es gab eine lange Zeit, in der Friesland wegen der Sümpfe und Moore leichter von der See als von Land her erobert werden konnte.</p>
<p>In dem berühmten &#8220;Freesenleed&#8221; heißt es:</p>
<p>&#8220;wo de Möwen schrien, hell in&#8217;t Stormgebruus,</p>
<p>dor is miene Heimat, dor bün ick to huus.</p>
<p>Well&#8217;n un Wogen sungen dor mien Weegenleed,</p>
<p>un de hogen Dieken kenn&#8217;t mien Kinnerleed,</p>
<p>kenn&#8217;n ook all mien Sehnsucht, as ick wussen weer,</p>
<p>in de Welt to fleegen, över Land un Meer.&#8221;</p>
<p>Das &#8220;Friesenlied&#8221; schrieb eine Frauenzeitungsredakteurin im Jahr 1907 &#8211; die sinnigerweise aus dem Ostseebadeort Zingst am Darß stammte. Ein in München lebender Flensburger (!) brachte es dann nach Zürich (!), wo ein Arbeitergesangsverein es vertonte. Daneben gibt es noch mehrere hochdeutsche &#8220;Ostfriesenlieder&#8221; sowie auch ein holländisches Friesenlied, das in den Niederlanden als Wiegenlied bekannt wurde. Aber auch in jenem  &#8220;Freesenleed&#8221;, das gewissermaßen die Ostsee den Friesen andichtete, singen nur Möwen, der Sturm und das Meer &#8211; kein Mensch. Und an die Gesänge  der Mutter kann dieser sich auch nur noch vage erinnern: angesichts des männlich-mächtigen Damms ringsum &#8211; lange nach &#8220;Deichschluß&#8221;, wie man den dramatischen Abschluß einer Landgewinnungsmaßnahme nennt, der früher in ein Tieropfer gipfelte. Im Lied werden ihm nun die Jugendträume dargebracht.</p>
<p>&#8220;Sich (damit) abfinden und gelegentlich auf Wasser sehen,&#8221; riet Dr.Gottfried Benn aus Landsberg/Gorzów. Laut Rudolf Muuß, einem Pastor aus Stedesand, redete ein friesischer Bauer in den Zwanzigerjahren seinem Sohn die Sehnsucht in die Ferne  mit den Worten aus: &#8220;Mien Söhn, wat wullt du dor buten? Hier is de Masch und de ganze annere Welt ist bloots Geest&#8221;. Noch im Jahr 2004 bestätigte der junge Dithmarschener Bauer und Filmregisseur Detlev Buck diese altfriesische Welt- und Weitsicht, als er &#8211; in der taz &#8211; schrieb: &#8220;Bin einmal um die Welt geflogen, hab gemerkt, das ist ja nicht viel, worum sich&#8217;s dreht, und &#8211; Mann, da ist ja viel Wüste, mehr als alles andere. Und habe beschlossen, verdientes Geld aus der Filmunterhaltung in Land anzulegen.&#8221;</p>
<p>Nicht nur die Friesen lockt das Meer (das im Französischen gar mit dem Wort Mutter ineins klingt) in Form verführerischer Frauen, die man Nixen oder auch Meerjungfrauen nennt. Die Dänen haben solch eine gar zum Wahrzeichen ihrer Ostsee-Hauptstadt gemacht &#8211; so als wäre diese die Frucht einer glücklichen Verbindung zwischen Land- und Meeresbewohnern. Als solche begreift sich im übrigen auch das kleine sibirische Volk der Niwchen, das am Ochotskischen Meer lebt und eine Meer-Frau als Urahnin verehrt. Neuerdings besitzt auch das Ostseebad Boltenhagen eine bronzene Nixe, die auf einem Findling im Meer  sitzt, sie schaut allerdings nicht wie die Kopenhagenerin aufs Wasser, sondern &#8220;etwas unbestimmt in Richtung Ufer&#8221;, wie die FAZ schreibt.</p>
<p>Noch im 18. Jahrhundert hatte der dänische Anatom Caspar Bartholin diese Wassernixen  zusammen mit den Menschen und Affen als &#8220;homo marinus&#8221; klassifiziert. Den Friesen locken  jedoch selbst diese notorischen Sängerinnen nicht mit Liedern aufs Meer oder in die Tiefe &#8211; im Gegensatz zu den vielen Kulturträgern oben auf der Geest.</p>
<p>Angefangen mit den homerischen &#8220;Sirenen&#8221; des Odysseus, der seiner Schiffsmannschaft die Ohren verstopfte, um sie vor deren &#8220;verderblichen Gesang&#8221; zu retten. In Goethes Gedicht &#8220;Der Fischer&#8221; ist es dann ein &#8220;feuchtes Weib&#8221;, das dieser vor sich im Wasser auftauchen sieht: &#8220;Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;/ Da war&#8217;s um ihn geschehn:/ Halb zog sie ihn, halb sank er hin/ Und ward nicht mehr gesehn.&#8221; In Heinrich Heines berühmten Gedicht über &#8220;Die Heimkehr&#8221; wird aus den Sirenen eine langhaarige Flußnixe: &#8220;&#8230;Ich glaube, die Wellen verschlingen/ am Ende Schiffer und Kahn;/ Das hat mit ihrem Singen/ die Loreley getan&#8221;. Auch in dem mehrfach als Oper und Ballett auf die Bühne gebrachten romantischen Märchen von Friedrich de la Motte Fouqué &#8220;Undine&#8221; umwirbt eine kleine reizende Nixe aus dem &#8220;Mittelländischen Meer&#8221; einen Mann mit Gesang: um durch Vermählung mit ihm in den Genuß einer Seele zu kommen. Nachdem er sie als Hexe beschimpft hat, verschwindet sie jedoch  wieder im Wasser, d.h. &#8220;verströmt sich&#8221; &#8211; um ihn zuletzt mit einem zärtlichen Kuß in den Tod zu befördern. Der Autor hat sich dabei von einer Schrift des Paracelsus aus dem Jahr 1590 inspirieren lassen: das &#8220;Liber de Nymphis, Sylphis, Pygmaeis et Salamandris, et de caeteris spiritibus&#8221;, das zunächst die allerchristlichsten Hexenverfolger auf die Idee der &#8220;Wasserprobe&#8221; gebracht hatte. De la Motte Fouqués &#8220;Undine&#8221; war dann  Vorbild für Hans-Christian Andersens &#8220;kleine Meerjungfrau&#8221;, und zuletzt für Ingeborg Bachmanns frühfeministische Erzählung aus dem Jahr 1961: &#8220;Undine geht&#8221;. Auch hier wendet sich die Frau, wieder &#8220;unter Wasser&#8221;, noch einmal, ein letztes Mal, an den Mann, an die  Männer &#8211; &#8220;Ungeheuer&#8221; und &#8220;Verräter&#8221; allesamt.  Neuerdings hat eine feministische amerikanische Anthropologin mit dieser Idee von der singenden Undine als homo marinus noch einmal Ernst gemacht. Laut Elaine Morgan waren es die Frauen, die nach Verlassen der Bäume erstmals Schutz vor ihren Feinden im Wasser suchten. Dort lernten sie den aufrechten Gang, die Schmackhaftigkeit der Meerestiere, bekamen eine glatte, unbehaarte  Haut, veränderten sogar ihre weibliche Anatomie und wurden intelligent und verspielt. So wie im übrigen alle Säugetiere, die wieder ins Wasser zurück gingen: Delphine, Otter und Pinguine beispielsweise. Während die Männer dagegen quasi auf dem Trockenen (auf der Geest?) hocken blieben &#8211; und dabei jede Menge Jäger-Idiotismen ausbildeten. Elaine Morgans Studie endet versöhnlich: &#8220;Wir brauchen weiter nichts zu tun, als liebevoll die Arme auszubreiten und ihnen zu sagen&#8221; (oder zu singen): &#8220;Kommt nur herein! Das Wasser ist herrlich!&#8221;</p>
<p>In Russland bildete sich spätestens mit dem Bau von St.Petersburg, als neuer  Hauptstadt an der Ostsee, eine ganze Meerestheologie heraus, die von Neptun bis zur Matrosenvereidigung reichte &#8211; und in Ozeanologie überging. Hier herrschte dann der Dichter Wladimir Majakowski  die Männer an: &#8220;Solange in dieser Newa-Tiefe/Die rettende Liebe Dir nicht begegnet/Irre weiter durch die Kanäle/Rudere!/Und ertrinke zwischen den Häuser-Steinen&#8221;.  Während der Petersburger Dichter und Lehrer von Puschkin, Wassili Shukowski, umgekehrt in seinem Poem &#8220;An Undine&#8221; das &#8220;feuchte Weib&#8221; geradezu herbeisang.</p>
<p>Als der Jäger und Offiziersschriftsteller Ernst Jünger 1944 einmal mit seiner Kompanie im friedlichen Hinterland &#8211; auf dem  norddeutschen Geestrücken bei Hannover &#8211; stationiert war, notierte er: daß solch &#8220;trockene Böden zur Hervorbringung musischer Existenzen nicht geeignet&#8221; seien, deswegen gelte auch für sie jetzt: &#8220;Frisia non cantat&#8221;. Diese etwas unbedachte Äußerung &#8211; Friesland war von Jüngers Standort Kirchhorst immerhin rund 150 Kilometer entfernt &#8211; korrespondiert jedoch auf der anderen Seite mit all jenen, die heute in Friesland Konzerte und dergleichen  veranstalten bzw. touristisch vermarkten &#8211; und dabei noch jedesmal behauptet haben: Das Event war ein voller Erfolg, die Gäste  vergnügten sich und sangen bis in die frühen Morgenstunden &#8211; womit nun eindeutig bewiesen sei, dass Tacitus sich irrte. Auch der staatliche Norddeutsche Rundfunk verkündet frech: &#8220;Die Friesen singen fast immer und überall&#8221;. So etwas würde der eigenständige westfriesische Sender nie über den Äther lassen.</p>
<p>Obwohl es stimmt, daß immer mehr Leute von der Geest herunterkommen, um sich in Friesland nieder zu lassen. Sie müssen sich nicht mehr an Deicharbeiten beteiligen. Stattdessen gibt es an der Waterkant nun etwa 50.000 Grundeigentümer, die jährlich Deichsteuer zahlen. Der friesische Deichschutz wurde zum staatlichen Küstenschutz erklärt und Flutkatastrophen zu Bundeswehrübungsaufgaben. Neue Eindeichungen wird es nicht mehr geben &#8211; eher sogar eine EU-geförderte Reduzierung der landwirtschaftlichen Flächen &#8211; u.a. mittels Milch- und Mistquoten sowie Flächenstillegungsprämien. In Westfriesland wurde darüberhinaus sogar auf manchen  Grundstücken &#8220;der fruchtbare Ackerboden entfernt, um das Terrain wieder künstlich karg zu machen,&#8221; wie der friesische Dorfforscher Geert Mak 1999 berichtete. In Nordfriesland, wo man aus dem einen oder anderen Koog ein &#8220;Biosphärenreservat&#8221; macht, ferner die Salzwiesen im Deich-Vorland nicht mehr beweiden lassen will und gar einen &#8220;Miesmuschel-Management-Plan&#8221; verabschiedete, meint so mancher Bauer inzwischen: &#8220;Die Grünen sind schlimmer als die Grafen einst!&#8221; Kein Wunder, daß gerade die  Zugezogenen, die sich in keine Kollektivökonomie und -kultur mehr einpassen müssen, immer mal wieder auf die Idee kommen, in Friesland einen Gesangsverein zu gründen &#8211; um wenigstens den Hauch einer Gemeinschaftsaufgabe noch zu spüren. Eine Handvoll solcher e.V.s hat sich inzwischen fest etabliert. Und Husum richtet neuerdings sogar ein &#8220;internationales Musikfestival&#8221; aus. Dort hatte der Halbfriese Theodor Storm bereits 1859 den ersten Gesangsverein ins Leben gerufen. Wie man sagt: aus Langeweile. Er ließ es denn auch bald wieder sein.</p>
<p>Der These, dass Freie eben nicht singen &#8211; nur Sklaven! hätte er wohl trotzdem nicht zugestimmt. Dabei stammt noch ein Großteil unserer heutigen Musik aus den Gesängen der amerikanischen Schwarzen, der europäischen Zigeuner und der jüdischen Stetl. Der Rigaer &#8220;Eastbam&#8221;-Konzertmanager Indulis Bilzenz meinte 1989 überdies &#8211; angesichts der vielhundertjährigen Fremdherrschaft in Lettland und Estland könne man sagen: &#8220;Wir sind die letzten Indianer Europas!&#8221; Dies legte bereits 1927 ein Vorwort zur Autobiographie des baltischen Hochstaplers Harry Domela nahe, in der es hieß: &#8220;Die deutschen Balten, auch die nicht adligen&#8230;blickten auf die Letten so geringschätzig herab wie die weißen Amerikaner auf die Neger&#8221;. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass rund um die Ostsee jahrhundertelang die übelste Bedrückung  und Kolonialisierung herrschte &#8211; so daß es dort allen Grund gab, seinen Sehnsüchten wenigstens immer wieder in Liedern Ausdruck zu geben. Bertold Brecht behauptete jedoch, im Grunde sei den &#8220;altägyptischen Sklavenliedern&#8221; nichts mehr hinzuzufügen &#8211; sie würden bereits alles enthalten. Demnach wäre vielleicht sogar jedes Singen Sklavenmusik! Viktor Schklowski erinnerte 1916 daran, dass das Singen (der Wolgaschlepper z.B.) die Arbeitskommandos ersetze und auch das militärische Marschieren erleichtere. Ein heute beliebter Spruch lautet: &#8220;Vögel in Käfigen singen &#8211; freie Vögel fliegen!&#8221; Er stimmt aber nicht, weil die Vögel auch und gerade in Freiheit singen.</p>
<p>&#8220;Es ist das Volk, das die Musik schafft, wir Musiker arrangieren sie nur,&#8221; meinte zu Anfang des 19. Jahrhunderts der russische Komponist M.I. Glinka. An der Nordsee loteten zuletzt die originalostfriesischen Musiker Otto und Trio mit ihren &#8220;Hits&#8221; ironisch die Grenzen zur Nichtmusikalität aus &#8211; erwähnt seien ihr  &#8220;Honecker-Lied&#8221; und &#8220;Da-Da-Da&#8221;. Die Friesen werden anscheinend noch immer  vom Schweigen versucht. Es haben aber, schrieb Franz Kafka, &#8220;die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe &#8211; das ist ihr Schweigen. Ihm kann kann sich keiner entziehen&#8221;. In einem hochdeutschen Spruch heißt es dagegen hübsch hässlich: &#8220;Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder!&#8221; Das verstehen wir jetzt so: Das Böse, das sind immer die anderen &#8211; unbotmäßigen, die sich nicht unterwerfen wollen: Terroristen wohlmöglich, deren blutrünstiges Credo da lautet:  &#8220;Lever dod as Slaav&#8221;. Die Scheidelinie zwischen Singen und Schweigen  verläuft in diesem Fall exakt entlang des &#8220;Sietlandes&#8221; &#8211; dem Sumpfstreifen zwischen Geest und Marsch.</p>
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<p>In Berlin entwickelte sich mit der Abwicklung des alten Instituts für Kulturwissenschaften und der Gründung eines neuen an der Humboldt-Universität  u.a. auch eine Nixenforschung, die zunächst darin bestand, dass der Berliner  Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler eine Schiffexpedition in die Gewässer um Capri, der Insel der Sirenen, organisierte, wo Odysseus sich einst ihrem Gesang ausgesetzt hatte. Nach einer der drei Sirenen, Parthenope, wurde später eine Stadt benannt, das heutige  Neapel. Schon Goethe hatte sich dort in Sirenenforschung versucht: &#8220;Und nun nach allem diesem und hundertfältigem Genuß locken mich die Sirenen jenseits des Meeres, und wenn der Wind gut ist, gehe ich mit diesem Brief zugleich ab &#8211; südwärts,&#8221; schrieb er &#8220;leichtlebig&#8221; aus Neapel, kam dann jedoch nie wieder auf seine Forschungfahrt zu sprechen.  Kittler brachte jedoch von seiner Kreuzfahrt zwischen Messina und Neapel, an der sich u.a. auch der Leiter des Tierstimmenarchivs der Humboldt-Universität,  Karlheinz Frommholt, beteiligte, jede Menge audiovisuelles Material mit. Auf seiner CD &#8220;Musen, Nymphen, Sirenen&#8221; erstattete er darüber auch schon Bericht.  Aber seine Sirenenforschung ist noch nicht abgeschlossen. Ich, der mein Forschungsbegriff noch vom &#8220;Fischbüro&#8221; in der Köpenickerstraße geprägt ist,  erhoffte mir landeinwärts mehr Aufklärung -  aus der einst vomBiologen Anton Dohrn gegründeten Meeresforschungsstation in Neapel. Aber die einzige dort jemals in einem Aquarium gehaltene &#8220;Sirenide&#8221; gibt es nicht mehr: Wie der faschistische Theoretiker Curzio Malaparte in seinem Buch &#8220;Haut&#8221; berichtet, wurde dieser &#8220;Fisch&#8221;, wie alle anderen in Dohrns Aquarien auch, 1944 vom Oberkommando der amerikanischen Streitkräfte, die Neapel eingenommen hatten, getötet &#8211; um anschließend von ihnen verspeist zu werden. Malaparte will selbst dabei gewesen sein. Weil aber dieses &#8220;zur Gattung der Sirenoiden&#8221; gehörende Meerestier (&#8220;dessen Flanken in einem Fischschwanz endeten &#8211; genau wie von Ovid beschrieben&#8221;) einem kleinen toten Mädchen zum Verwechseln ähnlich sah, habe eine der anwesenden weiblichen US-Offiziere darauf bestanden, den &#8220;Fisch&#8221; stattdessen ordnungsgemäß im Garten zu bestatten. Es geht das Gerücht, dass er später wieder  ausgegraben wurde und dass das Skelett sich heute im &#8220;Museo di Biologia Marina e Paleontologia&#8221; von Reggio Calabria befindet (man kann es sich im Internet ansehen).</p>
<p>Für die Amerikaner sind die Sirenen das, was wir  &#8220;Seekühe&#8221; nennen: pflanzenfressende Meeressäugetiere, die es nur noch in tropischen Gewässern gibt. Es gab auch noch welche in den sibirischen Gewässern: Sie wurden aber &#8211; nur 27 Jahre nach ihrer Entdeckung &#8211; ihres Trans und  schmackhaften Fleisches wegen, ausgerottet (siehe dazu &#8220;Sirenews&#8221;). Die einen wie die anderen Seekühe sehen jedoch weder wie die auf antiken Vasen dargestellten Sirenen aus, noch singen sie wie von Homer geschildert. Das gilt auch für die bis zu ein Meter langen Arten der Gattung &#8220;Siren&#8221;, die man auf  Deutsch treffend &#8220;große Armmolche&#8221; nennt, weil sie nur Vorderbeine haben, dazu Lungen und Kiemen. Sie gehören zur Familie der &#8220;Sirenidae&#8221;, leben an der Küste Floridas, ernähren sich von Kleingetier und Pflanzen und halten Sommerschlaf. Bei dem von Malaparte beschriebenen &#8220;Speisefisch&#8221; aus der &#8220;Zoologischen Station&#8221; von Neapel könnte es sich eventuell um eine solche &#8220;Schwanzlurche&#8221;  gehandelt haben, dann ist sie allerdings nicht mit dem Skelett im Museum von Reggio Calabria identisch. Ich wollte es schon bei diesem (unbefriedigenden) Stand der Dinge bewenden lassen, aber dann entdeckte ich im Medizinhistorischen Museum auf dem Charité-Gelände gleich zwei kleine in Alkohol eingelegte &#8220;Sirenen&#8221; &#8211; kein Witz! Es handelte sich dabei um tote Kinder, d.h. um in Spiritus eingelegte  &#8220;menschliche Fehlbildungen&#8221;: Bei der einen -  &#8220;Sirenoiden&#8221; &#8211; fehlten &#8220;die Beinanlagen, der Harntrackt und die Geschlechtsorgane&#8221; &#8211; der Körper ging stattdessen ab der Hüfte in eine Art Schwanz über. Der anderen &#8211; &#8220;Sirenomelie&#8221; &#8211; fehlten &#8220;Beine, Geschlechtsorgane, Niere, Blase und Enddarm&#8221;. Beide waren also nicht lebensfähig, man ließ sie wohl gleich nach der Geburt sterben. Wenn ich nicht irre, befanden sich die Exponate früher in der Anomaliensammlung auf dem Gelände des Veterinärmedizinischen Instituts der Humboldt-Universität &#8211; und wurden erst kürzlich in das neue Medizinhistorische Museum überführt, bei dessen minimalistisch-modernistischem Aufbau jetzt das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte federführend ist.  Aus dessen Reihen wurde kürzlich auch eine Recherche &#8211; als &#8220;Preprint&#8221; -veröffentlicht, in der der Autor den Namen der Mutter von einem der Sirenoiden ausfindig gemacht hatte. Für die zwei ausgestellten &#8220;sirenoiden Fehlbildungen&#8221; machen die Kuratoren &#8220;übermässigen Alkoholgenuß der Mütter&#8221; verantwortlich.</p>
<p>Kürzlich gelang es in Peru, eine solche &#8220;Sirenomelie&#8221; &#8211; heute kommt schon auf 70.000 Geburten eine &#8211; operativ zu korrigieren, so dass das Kind, Milagros Ceron, nun lebensfähig ist. Der &#8220;stern&#8221; sprach von einem &#8220;Meerjungfrauensyndrom&#8221;.</p>
<p>Von einem regelrechten &#8220;Seekuhfieber&#8221; sprach dagegen die Berliner Lokalpresse, nachdem der neue West-Direktor des Ost-Tierparks im Elefantenhaus ein Becken mit fünf Seekühen &#8220;aus den Sümpfen Floridas&#8221; eingerichtet hatte. Täglich steigt ihr Tierpfleger nun in einem  Taucheranzug zu ihnen herab, um sie zu liebkosen &#8211; d.h. mit ihnen zu kommunizieren, wie man so sagt. &#8220;Die brauchen das,&#8221; erklärte er eins ums andere Mal dem rbb.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/nordstrand_02.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6539" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/nordstrand_02-424x342.jpg" alt="" width="424" height="342" /></a></p>
<p><em>Nordstrand</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Friesenromane</strong><br />
Der einst aus Helgoland ausgewanderte Redakteur der New Yorker Zeitung &#8220;Frisian Roundtable&#8221;, fragte sich und seine Leser 1977,  ob wenigstens &#8220;unser inneres Friesland&#8221; überleben wird. Ihm antwortete ein Vorstandsmitglied der niederländischen Fryske Akademy in Leeuwarden: &#8220;Wenn das Eigene ausschließlich auf die Sphäre der privaten Liebhaberei beschränkt bleibt, ist es eine verlorene Sache.&#8221; In einem Vortrag  über &#8220;Die große und die kleine Welt&#8221; &#8211; gehalten auf dem 15. Friesenkongreß in Aurich &#8211; bezeichnete der konservative Philosoph Hermann Lübbe den &#8220;Regionalismus&#8221; als das &#8220;Ringen um Heimat&#8221;, dem eine wichtige kompensatorische Funktion angesichts der sich beschleunigenden &#8220;zivilisatorischen Innovation&#8221; zukomme. In der Zeitschrift &#8220;Nordfriesland&#8221; widersprach ihm daraufhin der Kieler Soziologiestudent Harm-Peer Zimmermann, der eine &#8220;Analyse des Wesens des Heimatgefühls&#8221; sowie eine &#8220;historische Ableitung der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung&#8221; des von Lübbe konstatierten &#8220;Vertrauensswunds&#8221; und &#8220;Identitätsverlusts&#8221; vermißte. &#8220;Wie in Gorleben&#8221;, behauptete der Student demgegenüber, &#8220;so entsteht Identität überall in der Auseinandersetzung mit dem Alltag. Das Glück stellt sich nicht durch einfache Erinnerung der Vergangenheit ein.&#8221;</p>
<p>Diese nun auch schon wieder eine Weile zurückliegende Debatte über privatwirtschaftlichen und politischen &#8220;Regionalismus&#8221; hat zuletzt der  Friesen- bzw. Nordseeverächter und Ethnologe  Hans Peter Duerr aus Heidelberg  in seiner Forschungsarbei &#8220;Rungholt&#8221; sowie der Föhrer Germanist Olaf Schmidt mit seinem Rom &#8220;Friesenblut&#8221; wieder aufgenommen.</p>
<p>Zuletzt legte der friesische Autor Jan Christophersen noch einen nach &#8211; mit seinem Roman &#8220;Schneetage&#8221;, der eine Persiflage ist auf den um die Jahrtausendwende herum im Wattenmeer Scherben sammelnden &#8220;Rungholt&#8221;-Sucher Hans Peter Duerr. Der Autor hat am Leipziger Literaturinstitut studiert &#8211; und sich ordentlich Mühe gegeben. Die  Rezensenten sprechen von einem &#8220;friesisch herben Debüt&#8221;.</p>
<p>Der Roman &#8220;Friesenblut&#8221; ist ein Buch über Friesen &#8211; von einem Friesen. Der Germanist Olaf Schmidt lebte die ersten 20 Jahre seines Lebens auf Föhr &#8211; und dort spielt auch sein Roman. Man sagt, die Friesen sind den Künsten eher abgeneigt &#8211; bis auf die Mathematik. Das komme von ihrer händlerischen Lebensweise &#8211; seit dem Megalithikum bereits, die zudem immer wieder ins Piratische lappte. Man könnte sie aber auch als seefahrende Viehhirten bezeichnen &#8211; die übrigens keinen Volksstamm bilden, sondern wie die Schweizer eine Art Eidgenossenschaft. Aber anders als diese waren sie immer frei (jedenfalls bis die verdammten Preußen kamen).</p>
<p>Zu Zeiten Karls des Großen erledigten sie zusammen mit den Juden den Handel für das Reich &#8211; bis nach Bagdad hin. Um 1230 wird ihnen quasi offiziell bescheinigt: &#8220;omni jugo servitutis exuti&#8221; &#8211; sie haben das Joch der Knechtschaft verlassen.  &#8220;Seltsam nahm sich Friesland unter den deutschen Territorien aus&#8221;, schreibt der westfriesische Historiker I. H. Gosses: &#8220;Kein Graf, keine Lehnsleute, fast keine Ritter, keine Unfreien, keine ummauerten Städte; ein Land freier Bauern.&#8221; In dem die &#8220;Amtsgewalt nicht von oben &#8211; von einem Grafen, der den König vertritt, sondern von unten, aus der Rechtsgemeinde&#8221; hervorgeht, deren Bemühungen schließlich in das kodifizierte &#8220;Lex Frisiorum&#8221; (friesische Recht) münden.</p>
<p>Auch in dem in der Gegenwart  spielenden Roman von Olaf Schmidt, der heute als Redakteur beim Leipziger Stadtmagazin &#8220;Kreuzer&#8221; arbeitet, spielt die friesische Geschichte eine große Rolle. Nicht nur in Nebenbemerkungen wie diese &#8211; über das Tourismusgeschäft der Föhrer: &#8220;Das kleine Volk der Inselfriesen hatte weiß Gott seinen Beitrag zur Ausplünderung der Welt geleistet. Jetzt fuhr man eben nicht mehr auf Beute hinaus, der Reichtum kam von selbst. Was hatte sich schon wirklich geändert?&#8221;</p>
<p>Die Hauptfigur des Buches ist ein auf die Insel Föhr zurückkehrender junger Kunsthistoriker namens Anselm, der dort Material für seine Doktorarbeit über den 1839 gestorbenen und von der Kunstwelt eher gering geschätzten Föhrer Maler Oluf Braren sammeln will, wobei er an den Forschungen eines jüdischen Kunsthistorikers anknüpft, der 1936 auf die Insel gekommen war und dann von den Nazis umgebracht wurde.</p>
<p>Anselm verbindet eine alte Freundschaft mit dem Inselpfarrer, der einmal Anti-AKW-Aktivist war. Er hat von einem bisher unbekannten Bild des Malers erfahren, das sich im Besitz einer Föhrerin befindet, die es erst jüngst von ihrer in den Dreißigerjahren nach Amerika ausgewanderten älteren Schwester erbte. Auch der &#8220;Föhringer Verein&#8221; ist an dem Bild interessiert, denn Oluf Braren wird vom Vereinsvorsitzenden &#8220;für den einzigen Künstler von Rang&#8221; gehalten, &#8220;den unsere Heimatinsel je hervorgebracht hat&#8221;.  Aber noch bevor er oder Anselm sich über das Bild hermachen können, ist es verschwunden &#8211; gestohlen. Das verleiht  dem Roman  den Schwung eines Krimis. Dieser wird jedoch immer wieder ausgebremst, dadurch dass parallel zur Aufklärung des Gemäldediebstahls,  ausführlich die Lebensgeschichte des Malers erzählt wird.</p>
<p>An der Bildspurensuche beteiligt sich bald auch noch &#8211; gegen Exklusivrechte &#8211; der Inselreporter, der gewissermaßen auf die Nazizeit in der Föhrer Geschichte spezialisiert ist. Wie der Pfarrer hält auch er den Heimatverein für eine &#8220;reaktionäre Bagage&#8221;.</p>
<p>Ein Buch &#8211; vom Vater des  Vereinsvorsitzenden verfaßt &#8211; hatte bereits den Titel &#8220;Friesenblut&#8221;. Und so ist dieser Roman jetzt von Olaf Schmidt, mit dem selben Titel, auch eine ironische Antifa-Antwort darauf &#8211; sowie gleichzeitig eine Erinnerung an die Juden einst auf der Insel, die zumeist Touristen waren: &#8220;Wyk [auf Föhr] war kein antisemitisches Seebad. Aber als die Nazis dann hier das Sagen hatten, war man sofort tausendprozentig.&#8221;</p>
<p>Eine Ausnahme bildete jene Inselminderheit, die 1920 beim Volksentscheid für den Anschluß Föhrs an Dänemark stimmte. Einer von ihnen lebt noch heute. Er ist immer noch davon überzeugt, &#8220;dass damals nicht alles &#8220;mit rechten Dingen zugegangen sei&#8221; und dass &#8220;die Friesen  weder deutsch noch dänisch sind, sie sind etwas Eigenes für sich. Doch von alters her haben sie zu Dänemark gehört und sind damit immer zufrieden gewesen&#8221;. Selbst der Festlandfriese Theodor Storm  konnte sich 1864 nicht recht über die  &#8220;Befreiung&#8221; seiner &#8220;Husumerei&#8221;  durch die Preußen freuen &#8211; obwohl ihn die Dänen zuvor ins (preußische) Exil getrieben hatten. Der erste &#8220;Friesenblut&#8221;-Roman &#8211; &#8220;Ein Nordseebuch von Schutz und Trutz&#8221; &#8211; war unter anderem dem neuerlichen Kampf gegen die &#8220;frechen Dänen&#8221;  nach 1918 gewidmet.</p>
<p>Diese ganzen Geschichten, nebst die einiger Eskimos, die es zu Hochzeiten der Walfängerei von der dänischen Kolonie Grönland nach Föhr verschlagen hatte, wirken bis heute nach unter der neobanalen Ferienoberfläche der Insel (wobei die aus der dort vor 15.000 Jahren existierenden Hochkultur noch ganz frisch in Erinnerung sind, während andererseits die Nazizeit schon &#8220;sehr lange her&#8221; ist). All diese Widersprüche werden von den drei nach dem verschwundenen Bild fahndenden  Protagonisten des Autors als Heimatforscher nach und nach ans Licht gezerrt. Einem  Kapitel hat er das Motto eines Heimatforschers vom Festland aus dem Jahre 1865 vorangestellt: &#8220;Wollte und dürfte ich die Geheimnisse der Föhrer und namentlich der Föhrer Nachtschwärmer und Finsterlinge aufdecken, so müßte ich lange Kapitel schreiben.&#8221;</p>
<p>Das genau hat Olaf Schmidt nun getan. In einer Rezension seines Inselkrimiromans verbietet es sich jedoch, aufzudecken, wie er ausgeht. Ein Kritiker nannte sein Werk &#8220;ein sprachmächtiges Epos über ein Provinzgenie&#8221;. Dem möchte ich zuletzt aber doch noch widersprechen, denn ein Schriftsteller ist im Gegenteil  jemand, der Probleme mit dem Schreiben hat &#8211; und Olaf Schmidt hat sich bei seinem Erstling &#8220;Friesenblut&#8221; jede Menge davon gemacht. Als küstennaher Heimatforscher hat er dabei zugleich gekonnt die Dialektik von Erden (bzw. In See Stechen) und Abheben berücksichtigt.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/s%C3%BCdfall_01.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6540" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/s%C3%BCdfall_01-424x342.jpg" alt="" width="424" height="342" /></a></p>
<p><em>Südfall</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Berühmte Friesinnen</strong></p>
<p>Vor Jahren gab es mal im Guardian eine Kolumne &#8220;Soziale Erfindungen&#8221;, gemeint waren damit z.B. neue Behindertenpädagogiken und Community-Selbsthilfeideen. Können wir demgegenüber bei den seit Margret Thatcher um sich greifenden neoliberalen Ich-Strategien von &#8220;Asozialen Erfindungen&#8221; sprechen? Ins Projektemacherische und Hochstaplerische, aber viel vielschichtiger als das lappen die Lebensläufe der zwei berühmtesten Friesinnen: Franziska von Reventlow aus Husum (Nordfriesland) und Mata Hari aus Lieuwarden (Westfriesland). Zu beiden gibt es eine Unmenge Literatur und auch Filme inzwischen, meist von Frauen. Gerade erschien ein Reventlow-Roman von Franziska Sperr, der zu loben ist: &#8220;Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich&#8221;. Zuvor hatte man  bereits im Osten und im Westen zwei neue Biographien über Mata Hari veröffentlicht.</p>
<p>Die Friesen und erst recht die Friesinnen waren zu herausragenden Ich-Leistungen vor allem in der Emigration fähig &#8211; in Friesland selbst setzte ihnen die Kollektiv-Ökonomie enge Grenzen (wie Theodor Storm in seiner berühmten Deichbau-Novelle &#8220;Der Schimmelreiter&#8221; herausarbeitete.) Die Gräfin Reventlow und Mata Hari erlebten erst den Niedergang ihres friesischen Heims, dann ging die eine nach Paris und die andere nach München. Zunächst heirateten sie einen sie versorgenden Spießer, dann entdecken sie die Kunst, das wilde Leben einschließlich Rauschgift und freie Liebe. Und beide kommen dabei gut in der Welt herum, wobei es sie in die mondäne zieht, in der es Männer mit Geld gibt, obwohl sie eher jüngere minderbemittelte begehren &#8211; die eine Pazifisten, die andere Offiziere. Zwischendurch arbeiten sie im Bordell &#8211; die Reventlow in einem teuren Salon, Mata Hari in vier Freudenhäusern gleichzeitig. Beide sind starke Einzelkämpfer und führen darüber Tagebuch. Und sie überleben den Ersten Weltkrieg nicht: Die 1871 geborene Reventlow wird 1914 in einem &#8220;neutralen Kurort&#8221; mit einer buntgemischten Gruppe von Ausländern als Spionin verhaftet und verhört, weil man sie und ihren Begleiter verdächtigte, den Deutschen &#8220;Lichtsignale&#8221; gegeben zu haben, 1915 veröffentlicht sie darüber die launige Kurzgeschichte: &#8220;Wir Spione&#8221; im Simplizissimus, 1918 stirbt sie nach einem Fahrradunfall im Krankenhaus von Ascona . Die fünf Jahre jüngere Mata Hari wird 1917 in Paris als deutsche Spionin verhaftet und kurz darauf in Vincennes hingerichtet.</p>
<p>2005 haben die Mata Hari Foundation und ihre Geburtsstadt Lieuwarden jedoch neue Beweise für ihre Unschuld gefunden und den französischen Staat verklagt. Ihre Recherchen basieren auf ein zweibändiges Werk über Mata Hari, das der 92jährige Résistance-Held Léon Schirmann soeben veröffentlichte: &#8220;L&#8217;Affaire Mata Hari: autopsie d&#8217;une machination&#8221; Das ZDF berichtete am 6.2. 2004  darüber, wobei es zu dem Schluß kam, daß Mata Hari &#8220;verrucht aber unschuldig&#8221; war: &#8220;Auch wenn sie alles andere als eine Jahrhundertspionin war, so bleibt sie doch eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die ihrer Zeit weit voraus war. Eine moderne Frau, die sich immer wieder neu erfand, intelligent, unabhängig, kosmopolitisch, freizügig, verführerisch, geheimnisumwoben, romantisch und pragmatisch zugleich&#8221;. Das selbe sagt man/frau heute auch über Franziska von Reventlow, z.B. in der psychoanalytischen Studie über sie  &#8211; von Wiebke Eden: &#8220;Weiblicher Narzißmus und literarische Form &#8211; &#8216;Das Leben ist ein Narrentanz&#8217;&#8221;. Die Autorin kommt darin zu dem Schluß: &#8220;Ihr Leben bildete ein einzigartiges Rollenspiel&#8221;.</p>
<p>Es gibt bestimmte aktuelle Nöte, bei deren Bewältigung man gerne auf historische Persönlichkeiten  zurückgreift, deren Leben und Werk dann den jeweiligen Erfordernissen angepaßt wird. Das ist nichts Neues, aber kommen wir diesmal um die beiden &#8220;Heldinnen&#8221; herum &#8211; wo wir uns doch jetzt alle und permanent &#8220;selbst erfinden&#8221; sollen?</p>
<p>Kommt noch hinzu: Selbst ihre &#8211; eher biederen &#8211; Geburtsstädtchen (Husum und Lieuwarden) ehren die berühmtesten Friesinnen aller Zeiten inzwischen: mit Denkmälern, Erinnerungstafeln, Symposien, Ausstellungen und nach ihnen benannten Eisbechern</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/feuer_02.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6541" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/feuer_02-424x339.jpg" alt="" width="424" height="339" /></a></p>
<p><em>Feuer 2</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/l%C3%A4mmer_01.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6542" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/l%C3%A4mmer_01-424x346.jpg" alt="" width="424" height="346" /></a></p>
<p><em>Lämmergeburt</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/rungholt_02.jpg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6543" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/rungholt_02-424x339.jpg" alt="" width="424" height="339" /></a></p>
<p><em>Einheimischer Rungholtforscher</em></p>
<p><strong>Rungholt-Streit (aus: shz.de)</strong></p>
<p>Auf der einen Seite steht Hans Peter Duerr, der gerade im renommierten Insel-Verlag sein Buch &#8220;Die Fahrt der Argonauten&#8221; mit seinen wesentlichen Hypothesen veröffentlicht hat. Der emeritierte Kulturhistoriker war 1994 erstmals mit einer Gruppe von Studenten ins Watt nahe der Hallig Südfall aufgebrochen, um nach Spuren Rungholts zu suchen. Auf der anderen Seite tummeln sich Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein, die nicht nur Duerrs Forschungen, sondern auch seine Vorgehensweise massiv kritisieren. Die wesentlichen Vorwürfe, mit denen sich der Bremer Wissenschaftler auseinandersetzen muss: Er suche widerrechtlich nach den Überresten der Siedlung und anderen zivilisatorischen Überbleibseln, seine Funde seien nicht glaubwürdig dokumentiert und seine Schlussfolgerungen nicht haltbar.</p>
<p>Duerr behauptet, während seiner Rungholt-Suche im Watt Spuren von minoischen Seefahrern, die einst auf Kreta lebten, gefunden zu haben; die Minoer hätten vor mehr als 3000 Jahren den weiten Weg in die Nordsee bewältigt &#8211; viel früher als bislang angenommen. Demnach sind die minoischen Abenteurer wegen des englischen Zinns, das sie für die Herstellung von Bronze brauchten, nach Nordeuropa gesegelt &#8211; und haben von England aus dann den Abstecher in die nordfriesischen Gewässer unternommen, um auch Bernstein an Bord zu nehmen. &#8220;Unsere Funde im Wattenmeer sind eindeutig&#8221;, sagt Duerr und nennt Keramikscherben, exotische Muscheln und das persönliche Siegel eines minoischen Seemanns als Beispiele. Lange bevor Rungholt entstand, habe an gleicher Stelle bereits ein Handelsplatz für Bernstein existiert. Nur will das kaum ein Experte im Land glauben. &#8220;Die verteidigen nach Gutsherrenart ihre eigenen Claims, gerade gegen Störenfriede wie mich, die aus verwandten Wissenschaften stammen&#8221;, glaubt Duerr, der seit 1994 insgesamt 19 Expeditionen ins Watt unternommen und dabei viele Funde gemacht hat &#8211; und sich beinahe ebenso lange mit den Landesarchäologen streitet.</p>
<p>Wie groß der Frust des Bremers ist, belegt sein Nachwort in &#8220;Die Fahrt der Argonauten&#8221;; darin rechnet er mit seinen Gegnern ab. Ihnen wirft er vor, &#8220;dass der gesunde Menschenverstand durch Pseudoobjektivität, die bisweilen an Realsatire grenzt, verdrängt worden ist&#8221;. Duerr nennt auch den Leiter des archäologischen Landesamtes und Leitenden Direktor auf Schloss Gottorf, Claus von Carnap-Bornheim. Dieser habe gegenüber dem Hamburger Magazin &#8220;Spiegel&#8221; spekuliert, dass Duerrs Studenten die Funde zuvor selbst ins Gelände geworfen hätten, um ihren Professor zu verulken.</p>
<p>Ist die &#8220;Fahrt der Argonauten&#8221; tatsächlich nichts weiter als eine Münchhausen-Saga aus dem Liliencron-Land?</p>
<p>In Schleswig gibt man sich mittlerweile in der Causa Duerr sehr zugeknüpft. Claus von Carnap-Bornheim nimmt lediglich schriftlich Stellung zu dem Streit: &#8220;Die Polemik des Kollegen Duerr ist sicherlich unterhaltsam, in der Wiederholung alter, unbegründeter Vorwürfe dann aber doch wieder etwas ermüdend. Wissenschaftlich vermag ich auch weiterhin wesentliche Bestandteile seiner Argumentation nicht nachzuvollziehen und erlaube mir daher im Rahmen meiner wissenschaftlichen Freiheit, mich an einer Diskussion nicht zu beteiligen.&#8221;</p>
<p>Auch Duerr sagt, er habe künftig keine Lust mehr auf die öffentliche Auseinandersetzung: &#8220;Mit meinem neuen Buch ist das Thema für mich abgeschlossen.&#8221; Schon 2008 habe er alle Funde wieder im Watt vergraben, mit einem Seezeichen versehen und dem Landesamt einen Lageplan übergeben. Aber auch in diesem Punkt kommt aus Schleswig eine andere Version: &#8220;Es liegt nichts vor, was als Fundkarte den Standards der schleswig-holsteinischen Archäologie entspricht&#8221;, sagt Gottorf-Pressesprecher Frank Zarp. Wenn also im Watt tatsächlich ein archäologischer Schatz vergraben wurde, dann liegt er dort wohl immer noch. Das vorerst letzte Kapitel der Rungholt-Geschichte endet mit einem großen Fragezeichen.</p>
<p><em>(Noch unterhaltsamer als Duerrs Buch &#8220;Die Fahrt der Argonauten&#8221; ist sein vorangegangenes: &#8220;Rungholt. Die Suche nach einer versunkenen Stadt&#8221;. Der Heidelberger Professor mit einem starken Hang zum Mittelmeer haßt die Uni Bremen, besonders die prüden Feministinnen dort und überhaupt alles Norddeutsche, deswegen war es für ihn nur allzu logisch, dass alle Reste  mittelmeerischer Kulturen, die er im Wattenmeer fand, dort von südeuropäischen bzw. kleinasiatischen Seefahrern hingeschleppt wurden &#8211; und nicht umgekehrt: dass friesische Seefahrer sie von ihren Mittelmeer-Handelsfahrten mitgebracht hatten. Zu seiner Rungholt-Lagebestimmung im Watt vor der Hallig Südfall heißt es &#8211; auf Wikipedia: &#8220;Die Funde Duerrs werden heute dem ebenfalls in der Flut untergegangenen, aber danach wieder aufgebauten Nachbarort &#8216;Frederingscap vel Rip&#8217; zugeordnet.&#8221;)</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/reventlow.jpeg" rel="lightbox[6524]"><img class="alignnone size-full wp-image-6555" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/reventlow.jpeg" alt="" width="172" height="230" /></a></p>
<p><em>Franziska zu Reventlow. Photo: br.de</em></p>
<p><strong>Küstendichter und -denker</strong></p>
<p>Wenn Frieslandtouristen  über  Theodor Storm räsonieren, ist schnell von einem &#8220;Küstendichter&#8221; die Rede. Um sich in ihn reinzuversetzen, spricht man gerne dem &#8220;Küstennebel&#8221; (eine  Schnapssorte) zu. Wenn der Spiegel Neues von Hamburger Reedern und Werftenbesitzern weiß, ist stets von &#8220;Küstendenkern&#8221; die Rede. Man weiß nicht, ob das ironisch gemeint ist oder nicht. Die wahren &#8220;Küstendenker&#8221; sitzen indes in Bremerhaven, der Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit, dazu ohne Reedereien und Werften, so dass die einstmals in dieser Branche &#8211; der Schifffahrt und Fischerei &#8211; Beschäftigten viel Zeit zum Denken haben. Hinzu kommt die ortsansässige Seefahrtschule, in der die Offiziere für die ganze unchristlich ausgeflaggte deutsche Flotte ausgebildet werden.  Auch sie blicken &#8220;einer unsicheren Zukunft entgegen&#8221; (taz-bremen). Die Ausbildungsstätten der deutschen Reeder für den gemeinen Seemann befinden sich bereits sämtlichst in Südostasien. Warum macht  da keiner was gegen?</p>
<p>Erst mal betreiben die Bremerhavener &#8220;Thinktanks&#8221; weiter &#8220;Küstenforschung&#8221;. Zu ihren Vorbildern bzw. Quellen gehören der Hamburger Seerechtler Rolf Geffken und die  feministische Seeleute- bzw. Piraten-Forscherin  der Bremer Universität Heide Gerstenberger: &#8220;Das Handwerk der Seefahrt im Zeitalter der Industrialisierung&#8221; (1995), und der &#8220;Globalisierung&#8221; (2002); außerdem die Zeitschrift der Küstenwirtschafts-Kritiker: &#8220;Waterkant&#8221; und der Küstenkultur: &#8220;Mare&#8221; sowie die Internetseiten der Seeleutegewerkschaft &#8220;International Transport Workers&#8217; Federation&#8221;: &#8220;itfglobal&#8221;. Erwähnt sei ferner der &#8220;seefahrerblog&#8221; &#8211; für deutsche Marinesoldaten, dessen Motto &#8220;navigare necesse est&#8221; auf die altehrwürdige Verbindung von Handel und Krieg anspielt. Die Kriegsschiff-Werften kennen nebenbeibemerkt keine &#8220;Küstenwirtschaftskrise&#8221; &#8211; im Gegenteil. Desungeachtet gilt, was der französische Seemann und Philosoph Michel Serres am Marinestandort Wilhelmshaven ausführte: &#8220;Die berühmte Zeile von Baudelaire sagt, das Meer sei der Spiegel des freien Menschen. Das ist sicher wahr. Die Träume von Freiheit, die sich mit dem Meer verbinden, sind schön, aber Träume unserer Eltern.&#8221; Michel Serres ist gleichwohl &#8220;beunruhigt über den Zustand der Meere&#8221;, pazifistische Landratten dagegen eher über den Kriegs-&#8221;Maritimen Komplex&#8221; des neuen Deutschland.</p>
<p>Bei einigen Küstenforschern stand zuletzt die Beschäftigung mit &#8220;abandoned ships&#8221; an: Schiffe, die infolge von Reedereipleiten während der Wirtschaftskrise zum &#8220;Aufliegen&#8221; kamen (zwangsweise stilllegen), und deren Rumpfbesatzungen meist auf humanitäre Hilfsorganisatoren angewiesen waren bzw. auf Seemannsmissionen. Die in Kiel eröffnete 2009 bereits eine Anlaufstelle für &#8220;gestrandete&#8221; Seeleute: &#8220;Baltic Poller&#8221; genannt. Im Golf von Mexiko wurden 2010 hunderte von &#8220;abandoned ships&#8221; einfach versenkt. Zwei lettische Schiffe, die in Irland bzw. Holland &#8220;strandeten&#8221;, erwarben die Finanziers der ersten &#8220;Gaza-Flotte&#8221;.  Ob mit oder ohne Besatzung ist nicht bekannt. Zu den Küsten-&#8221;Thinktanks&#8221; gehört ferner das &#8220;Helmholtz-Zentrum Geesthacht -  Institute for Coastal Research&#8221;. Von dort kam zuletzt eine Studie des texanischen Küstenforschers Werner Krauss &#8211; in der es um die &#8220;Dingpolitik of Wind Energy in Northern German Landscapes&#8221; geht. In der neuen Fassung hat seine &#8220;Ethnographic Case Study&#8221; den Titel: &#8220;Wind Turbines and Landscape&#8221;. In Emden z.B. entstand in den leeren Hallen  der Nordseewerft eine Fabrik für Windkraftanlagen. Bis hoch zur Dänischen Grenze reichen inzwischen die Firmengründungen in dieser dank Fukushima derzeit boomenden Branche. Es scheint, als würden die Friesen erneut &#8211; wie schon zu Zeiten der Segelschifffahrt &#8211; den Wind optimal zu nutzen verstehen.</p>
<p>&#8220;Mit einer seltsam sturen Leidenschaft versucht dieses stets entlang der Nordseeküste und auf den Inseln bzw. Halligen siedelnde Volk allen Stürmen von See (aber auch allen Heeren von Land) die Stirn zu bieten. Inzwischen hat ihr &#8220;Projekt &#8220;- über die Jahrhunderte hinweg &#8211; &#8220;etwas absolut Extravagantes&#8221; im Sinne einer &#8220;poetischen Erfindung&#8221;, eines &#8220;Unternehmens von großer tragischer Thematik bekommen&#8221;, wie der italienische Schriftsteller Giorgio Manganelli im &#8220;Corriere della sera&#8221; schrieb. Er meinte damit die friesische Deichbaukunst zur Landgewinnung. Damit ist es jedoch vorbei: inzwischen wird sogar das bereits gewonnene Kulturland wieder renaturalisiert, um Nationalparks zu schaffen bzw. zu erweitern, deren Flora und Fauna nun den Tourismus ankurbeln, der an der Küste bald die Viehzucht ersetzt. Und dann gibt es da noch die &#8220;Küstenschutzdenker&#8221; &#8211; Nachfolger des Deichgrafen Hauke Haien aus dem Stormschen Sturmflut-Drama &#8220;Schimmelreiter&#8221;: Sie nahmen die einst genossenschaftlich errichteten Deiche in staatliche Pflege &#8211; die Friesen sollen dafür aber nun eine &#8220;Deichsteuer&#8221; zahlen. Auch das ist irgendwie &#8220;tragisch&#8221;.</p>
<p>&nbsp;</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=6524&amp;md5=3ad4c0c14841dba8ba22373f1c6bc483" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Kairo-Virus 137</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 16:13:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Virus ist weder etwas Belebtes noch Unbelebtes. Das aber nur am Rand.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b11.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-full wp-image-6493" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b11.jpg" alt="" width="270" height="404" /></a></p>
<p><em> Frau geht neben Pilonen in die Luft. Alle Photos: Peter Loyd Grosse</em></p>
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<p>&#8220;And so on and so on,&#8221; wie Zizek immer sagt. Ein Jahr Tahrirplatz-Event. Das westdeutsche Intelligenzfeuilleton feiert dieses Jubiläum derart, dass man den Eindruck hat, ohne bezug auf das arabische Aufstandszentrum in Kairo lassen sich bald überhaupt keine staatlichen Fördertopfgeburten auf dem Kultursektor mehr einleiten. Der FAZ-Rezensent des Nachwuchs-Filmfestivals von Saarbrücken will selbst dort ganz deutlich gespürt haben: Alle &#8220;Filme künden vom kommenden Aufstand&#8221;. Demnächst in diesem Theater quasi. Also hier und heute. Die Gruppe &#8220;Tiqqun&#8221; gab bereits den Ton vor. &#8220;Die Zeit&#8221; titelt gerade: &#8220;Bitte neu anfangen&#8221; und meint damit: &#8220;Auch wenn die Krise mal Pause macht &#8211; das Gebot bleibt bestehen: Der Kapitalismus kann so nicht bleiben.&#8221;</p>
<p>Die stellen also selbst da in Hamburg schon das ganze Gesellschaftssystem in frage. Man muß sich fragen: Ob man im Gegensatz zu ihnen die ganze Zeit geschlafen hat. Oder hören die das Gras wachsen? Dass ein Aufstand in der Luft liegt. Nur weil hier die staatlichen &#8220;Rettungsschirme&#8221; nicht so recht greifen und da in Amerika derzeit &#8220;im Kampf um das geistige Eigentum die alten Medien gegen die neuen verlieren&#8221;, was bedeutet, &#8220;dass sich gegen das Netz keine Politik mehr machen läßt&#8221;, wie &#8220;Die Zeit&#8221; ahnt, die deswegen bereits davon spricht, dass &#8220;Hollywood besiegt ist&#8221;. Schön wärs, leider kämpft dort nur das alte Hollywood gegen das neue:  Google, Youtube, Youporn, Twitter, Wikipedia, Facebook&#8230;Bei letzteren, dem aggressivsten Kapitalisierer der gesammelten &#8220;Daten&#8221;, sind wir mit der &#8220;Facebook-Generation&#8221; (800 Mio &#8220;active users&#8221;) wieder mittenmang den Aufständischen auf dem Tahrirplatz. Hinzu kommen livehaftig &#8220;Stuttgart 21&#8243;, &#8220;Occupy&#8221; und &#8220;Heiopei&#8221; &#8211; die Piratenpartei usw.. An den Berliner U-Bahnhofsausgängen, von denen aus es zu den &#8220;Jobcentern&#8221; geht, ließ das Wirtschaftsministerium  neulich schon große Plakate kleben mit der Aufschrift &#8220;Noch nie gab es so viele Jobs wie heute. Danke Deutschland!&#8221; Die Bundesregierung signalisierte uns damit, dass sie notfalls zum Äußersten bereit ist: zur blanken Lüge.  Dazu paßte auch ihre  nächste Meldung, dass die Zahl der Kinder, die unterhalb der Armutsgrenze leben, sich glatt halbiert habe. Das müssen wir noch mal genau nachzählen, hat sich da so mancher &#8220;Hartz IV&#8221;ler gedacht. Zeit hat er ja genug dafür.</p>
<p>Wie tief die sogenannte &#8220;Unzufriedenheit&#8221; reicht, zeigt sich aber nicht nur am routinierten Gejammer der ruinierten Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz (&#8220;Mir hatte et nich vom Ausjebe, sondern vom Behalde!&#8221;), sondern an der stillen Verzweiflung der Prekären, deren schiere Masse inzwischen Macht generiert &#8211; so dass die Sozialpsychologen sich bereits besorgt fragen: &#8220;Wieviel Globalisierung vertragen wir überhaupt?&#8221;. Und wie lange noch? Es ist schwierig, sich in der heutigen Gemengelage der Befindlichkeiten zu orientieren, so viel ist daran richtig. &#8220;Neue Unübersichtlichkeit&#8221; nennt Jürgen Habermas sie. Die Süddeutsche Zeitung meint, dass die Einwohner von Pompeji einst in in der Mehrheit auf den Vesuvausbruch &#8220;nicht panisch genug&#8221; reagierten. Während die FAZ vermeldet, dass die italienische Regierung jetzt &#8220;sogar die Privatisierung der weltberühmten Ausgrabungen&#8221; dort plant. Einen schönen &#8220;Schlüsselroman&#8221; &#8211; aus der mit &#8220;Bologna&#8221; vom Humboltschen Bildungsideal &#8220;befreiten&#8221; Neo-Universität Freiburg &#8211; hat die dort wirkende Dozentin Annette Pehnt veröffentlicht: &#8220;Hier kommt Michelle&#8221;. Es geht darin um eine Abiturientin (Michelle), die sich durch die Bachelor-Module kämpft, aber drumherum geht es auch um das Elend des heutigen akademischen  Rahmenpersonals. Zuvor hatte bereits Tom Wolfe das  selbe Thema in seinem &#8220;Campusroman&#8221; (Der Spiegel) &#8220;Ich bin Charlotten Simmons&#8221; bearbeitet. &#8220;Die &#8220;Badische Zeitung&#8221; rezensierte Annette Pehrts realzynische &#8220;Campuserzählung&#8221; unter dem Titel: &#8220;Die Universität brennt&#8221;. Liegt also wirklich ein Aufstand in der Luft?</p>
<p>Die EU-Staaten bauen jedenfalls schon mal ihre Überwachungstechniken aus. Eine &#8220;Medienenexpertin&#8221; der Grünen erklärt sich mit den bereits überwachten Kadern der Partei &#8220;Die Linke&#8221; solidarisch, indem sie erklärt: &#8220;Ich will auch elektronisch überwacht werden&#8221;. Alle Hoffnungen und Befürchtungen werden sofort aufs Internet verlagert, wo sie sich in endlose Debatten über Datenschutz und -eigentum auflösen.  Auch dort stellt sich jedoch die Frage &#8211; mit  den Worten des Wissenshistorikers Michel Foucault: &#8220;Was gibt es überhaupt in der Geschichte, was nicht Ruf nach oder Angst vor der Revolution wäre?&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b21.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6496" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b21-424x320.jpg" alt="" width="284" height="214" /></a></p>
<p><em>Badende Poller in Baden-Baden</em></p>
<p><strong> Weltgeister</strong></p>
<p>&#8220;Den Kaiser &#8211; diese Weltseele &#8211; sah ich durch die Stadt zum Recognosciren hinausreiten. &#8211; Es ist in der That eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier, auf Einen Punct concentrirt, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht,&#8221; schrieb Hegel an Niethammer über Napoleon, den er 1806 in Jena sah &#8211; von weitem. Aber seitdem wird der Weltgeist (bzw. die Weltseele) gerne mit herausragenden Männern in Verbindung gebracht &#8211; als Personifizierungen einer &#8220;geistigen Macht&#8221;, mit der sich die &#8220;Vernunft in der Geschichte&#8221; durchsetzt. Nach  der Wahl von Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA listete die Süddeutsche Zeitung einige auf: &#8220;Manchmal trägt der Weltgeist eine Nickelbrille, wie Ghandi, dann hat er einen Schnurrbart, wie Lech Walesa. Manchmal redet er sächsisch und hat eine Kerze in der Hand, wie 1989/90, bei den Montagsdemonstrationen.&#8221;</p>
<p>Während Adolf Hitler davon überzeugt war: &#8220;Männer machen Geschichte, nicht die Massen!&#8221; ging Karl Marx davon aus, dass &#8220;die Theorie zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Massen ergreift&#8221;. Dementsprechend depersonalisierte er auch den Weltgeist &#8211; als &#8220;Weltmarkt&#8221; -  der mit &#8220;unsichtbarer Hand&#8221; regiert. Darauf folgten, um 1900, jede Menge &#8220;Weltprojekte&#8221; (Welt-Sprache, -Währung, -Funknetz, Fleurop, -Standardisierungen). Und schließlich die &#8220;Weltrevolution&#8221;, die in die russische gipfelte &#8211; und dort einige &#8220;Weltrevolutionäre&#8221; zur Geltung brachte. Erwähnt seien Trotzki und Lenin, die sich, dialektisch geschult, gewissermaßen als Vollstrecker des Weltgeistes begriffen. Ernst Bloch hielt noch 1929 dafür: &#8220;Ubi Lenin ibi Jerusalem&#8221;. Es folgten die &#8220;Weltmaschinen&#8221;: als solche werden sowohl die riesigen Forschungsapparate der Physiker (Teilchenbeschleuniger z.B.) bezeichnet als auch künstlerische Objekte wie etwa die von Marcel Duchamp und Franz Gsellmann. Neuerdings scheint sich der Weltgeist vorwiegend im &#8220;Worldwideweb&#8221; zu tummeln. Parallel dazu kehrte die alte Vorstellung von der &#8220;anima mundi&#8221;, der Beseeltheit sowohl aller Lebewesen wie des Kosmos, wieder &#8211; in naturwissenschaftlichem Gewand: mit der &#8220;Gaia-Hypothese&#8221; des Geochemikers James Lovelock, die auf das Konzept der &#8220;Noosphäre&#8221; von Wladimir Vernadski zurückgeht. Danach ist die Erde einschließlich ihrer Atmosphäre ein einziger lebender Organismus, der sich selbst reproduziert, wobei primärer Beweger hier jetzt nicht mehr der Geist, sondern der Einzeller ist: Beginnend mit den Archaebakterien, die gewissermaßen am Anfang allen Lebens stehen, sowie den Mikroorganisamen, die bereits einen Zellkern besitzen &#8211; und ferner allen anderen (höheren) Lebewesen, die über Symbiosen aus den anfänglichen Einzellern entstanden.</p>
<p>Der globale Buchhandel meldet: &#8220;Weltgeist bei Amazon.de. Größte Auswahl an Büchern&#8221;. Hier kann man sowohl die neusten juristischen Überlegungen zum &#8220;Weltgericht&#8221; als auch den linken Bestseller aus dem Verlag Roter Stern &#8220;Weltgeist Superstar&#8221; bestellen. Ein neuer &#8220;Philosophie-Atlas&#8221; zeichnet die &#8220;Wanderschaft des Weltgeistes&#8221; nach: Es ist ein unruhiger Geist, der mal hier und mal da &#8220;recognoscirt&#8221;. Eins scheint jedoch klar zu sein: In Europa läßt er sich so schnell nicht wieder blicken.</p>
<p>Aber vielleicht in China, wo dieser &#8220;wandernde Geist&#8221; houniaojingshen heißt. In seinem Buch &#8220;Der Aufstieg Chinas und der Niedergang der kapitalistischen Weltökonomie&#8221; versucht der marxistische Ökologe Minqui Li zu beweisen, &#8220;dass der ökonomische Aufstieg Chinas das kapitalistische Welt-System auf verschiedene Weise stark destabilisieren und damit zu seinem endgültigen Niedergang beitragen wird.&#8221; Bereits 2006 stieg China zum weltweit größten Gläubiger auf und die Welt wurde im Ganzen gesehen zu einem kleinen &#8220;Schuldner&#8221;, wie Li zeigt. Mit der Folge, dass &#8220;das existierende Welt-System sich seiner Endkrise nähert.&#8221; Das &#8220;Welt-System&#8221; hängt von billigen Löhnen, niedrigen Steuern und geringen Umweltkosten ab. Alle drei Parameter zeigen jedoch eine steigende Tendenz, die sich durch den Aufstieg Chinas noch beschleunigt. Deswegen &#8220;muss sich die Menschheit dafür einsetzen, das globale kapitalistische System so rasch wie möglich abzuschaffen. Um die totale Selbstzerstörung der Menschheit zu vermeiden, wäre &#8211; von diesem Standpunkt aus gesehen &#8211; sogar der Feudalismus besser als der Kapitalismus; klarerweise wäre irgendeine Art von Sozialismus zu bevorzugen. Wenn dieser Versuch scheitert, so wird die kapitalistische Welt-Ökonomie aufgrund ihrer eigenen Bewegungsgesetze auseinander fallen; und zwar nicht später als in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Allerdings wäre zu diesem Zeitpunkt schon zu viel Zeit verloren, um globale Katastrophen zu verhindern. Es wird Mitte des 21. Jahrhunderts auf der ganzen Welt wahrscheinlich sozialistische Regierungen geben. Aber die Aufgabe zukünftiger sozialistischer Regierungen bestünde nicht mehr länger darin, Katastrophen zu verhindern, sondern im Versuch, diese zu überleben, während sie stattfinden.&#8221; Und diese sozialistischen Regierungen favorisieren dabei dann einen Mix aus Disziplinar- und Kontrollgesellschaften &#8211; einen  wahren Weltungeist.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/poller-mit-hut.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-full wp-image-6522" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/poller-mit-hut.jpg" alt="" width="269" height="179" /></a></p>
<p><em>Poller mit Hut</em></p>
<p><strong>Bohème, Besserwisserei und Weltgeist</strong></p>
<p>1. &#8220;Der Weltgeist im Turnschuh&#8221; betitelte die FAZ heute eine Rezension des Suhrkamp-Buches über den &#8220;Hipster. Eine transatlantische Diskussion&#8221;. Gemeint sind mit den &#8220;Hipsters&#8221; Yuppies wie du und ich &#8211; nur eben in New York und deswegen natürlich viel &#8220;cooler&#8221;, zudem &#8220;vegetarisch&#8221; und überhaupt sehr viel stilbewußter, also eigentlich blöde angepaßte Schleimer. &#8220;Neo-Bohème&#8221; nennt die FAZ sie,  der Herausgeber Mark Greif ging gerade eben in der taz durch die Flure, wahrscheinlich stellt er dieser Tage sein Buch über die Hipster als neue kreative Klasse in Berlin vor. Die FAZ bemängelt daran, &#8220;warum befreit sich diese Literatur, bevor sie uns alle befreien will, nicht erst einmal selbst? Von ihren Ambitionen. Sollen die Autoren doch ihre liebsten Bands hören, sie sind interessant genug. Auch ihr Nachtleben sei ihnen gegönnt. Aber weshalb muss es mit dem Weltgeist kurzgeschlossen werden?&#8221;</p>
<p>2. In Patrick Bauers Buch “Die Parallelklasse. Ahmed, ich und die anderen. Die Lüge von der Chancengleichheit” meint einer der von ihm interviewten Türken aus seiner alten Kreuzberger Grundschule, dass sich die Türken und die Deutschen früher ähnlicher waren: Es sind die Deutschen, die sich deintegriert haben – spätestens seit der Wiedervereinigung und dem Ende der “Arbeitsgesellschaft”.  Diese “Deintegration” ist besonders in Kreuzberg spürbar, wo die Berliner Bohème quasi zu Hause ist, die sich inzwischen fast flächendeckend zu Sarrazinisten gewandelt hat. Das sei kein Wunder, sagt der Soziologe Rolf Lindner, “die Bohème wurde schon immer im Alter reaktionär”. Die Bohème gehört zur Mittelschicht, lehnt jedoch deren Alterssicherheitsmaßnahmen ab – und fühlt sich deswegen mit zunehmendem Siechtum ins soziale Aus gedrängt und gedemütigt. In Kreuzberg wird sie gerade von der nächsten studentischen Generation weggentrifiziert, viele Bohemiens verdrücken sich in dieser Situation aufs Land.</p>
<p>3. In einem blog namens &#8220;Neo Bohemia&#8221; schreibt die Autorin Sarah Kröger: &#8220;Hat die heutige Boheme ihren Subkulturcharakter verloren? Gerade im Hinblick auf 40 Jahre Abstand zu den 68ern ist das eine wichtige Frage. Der Boheme von heute wird immer wieder vorgeworfen, dass sie sich angepasst hat – und noch viel schlimmer, dass ihre Werte und Überzeugungen nun in die Massenkultur übergehen. In <em>Mainstream der Minderheiten</em> z.B. schreiben die Autoren Terkessides und Holert darüber, wie aller Kopf und gegenkulturellen Bewegungen in einen Mainstream übergehen, der von einem Differenzkapitalismus gesteuert ist. Das ist nur ein Beispiel. Viele stellen die kreativen Leute von heute als komplette Marionetten eines bösen Kapitalismus dar, der irgendwo da draußen auf sie lauert. die Autoren Lobo und Friebe sehen das in ihrem Buch &#8220;Wir nennen es Arbeit&#8221;, in dem von einer digitalen Bohème die Rede ist, ein wenig gelassener: der Mythos der Gegenkultur sei sowieso schon immer hinfällig gewesen, jedoch läßt sich die Ökonomie trotzdem benutzen um die Spielräume der Kunst zu erweitern. Die Frage sei wer wen beherrscht und ausnutzt.&#8221;</p>
<p>4. In Siegen fand vom 1.-3. Februar an der Universität eine Tagung &#8220;Zur Aktualität der Bohème nach 1968&#8243; statt -  organisiert von Walburga Hülk-Althoff und Georg Stanitzek. Es referierten dort u.a. Diedrich Diederichsen  &#8211; über die &#8220;Berliner Bohème-Theorie&#8221;, Gabriele Dietze über eine &#8220;Second Wave Bohème&#8221;, Nicole Pöppel über die &#8220;Bobo-Kultur&#8221; und Jens Grimstein über die &#8220;Ökobohème&#8221;. In der taz schrieb Phillip Goll hernach:</p>
<p>&#8220;An der Universität Siegen wurde nun über die &#8220;Aktualität der Boheme nach 1968&#8243; diskutiert. Die mit dem Jahr 1968 gesetzte Zäsur dieser von der Romanistin Walburga Hülk-Althoff und dem Germanisten Georg Stanitzek veranstalteten Tagung hat ihren Grund: Der Literaturwissenschaftler Helmut Kreuzer hatte die Boheme 1968 als sozialgeschichtliche Kategorie gesetzt. In seiner bis heute maßgeblichen Studie öffnete Kreuzer den Begriff Boheme für die Popkultur, in dem er Beatniks, Hippies, und Künstler in die Tradition der in den urbanen Zentren des 19. Jahrhunderts entstehenden antibürgerlichen &#8220;Subkultur von intellektuellen Randgruppen&#8221; stellte.</p>
<p>Dass der Boheme-Begriff weiter positiv besetzt ist, bezeugen Bezeichnungen wie digitale Boheme und Ökoboheme. Es ist allerdings ebenso offensichtlich, dass beide Milieus gefährlich nahe an das herankommen, wovon sich die traditionelle Boheme eigentlich unterschied &#8211; dem Spießertum nämlich. Während diese Beispiele beweisen, dass die Boheme als Abgrenzungsbegriff in Stellung gebracht wird gegen Angestellte beziehungsweise Arme, verdeutlichte der Literaturwissenschaftler Jan-Frederik Bandel anhand des Beispiels der Hamburger Recht-auf-Stadt-Bewegung, wie eine bürgerlich romantische Vorstellung der bohemischen Lebensweise für die Imagination von Gemeinschaft wieder benutzt wird. Man verlangt nach &#8220;Kaschemmen&#8221;, &#8220;Wildwuchs&#8221; &#8220;Orten der Leidenschaft&#8221;. Merkwürdige Überschneidungen mit der Prosa des Stadtmarketing würden dabei unkritisch übergangen.</p>
<p>Der Soziologe Wolfgang Eßbach (Freiburg) fragte ganz grundsätzlich nach den Bedingungen der Möglichkeit bohemischer Identität. In den Augen der marxistisch geschulten Studentenschaft der 1960er erschien die Boheme mit ihrer Abneigung gegenüber dem Proletariat noch als lumpiges Gesindel. Erst mit den subkulturellen Fraktionierungen in den folgenden Jahrzehnten, so Eßbach, begann die Karriere der Boheme. Seiner Definition der Boheme als &#8220;Ansammlung von Abweichungen&#8221; folgte auch Gabriele Dietze (Berlin), die den Begriff für den Second-Wave-Feminismus fruchtbar machte. In den Filmen Ulrike Ottingers oder im Selbstverständnis feministischer Publikationsorgane wie der <em>Schwarzen Botin</em> stelle die Ablehnung des feministischen Mainstreams und seiner von-Frauen-für-Frauen-Mentalität ein zentrales Element der Identitätspolitik bereit.</p>
<p>Für den <em>FAZ</em>-Redakteur Jürgen Kaube hingegen sind Abweichungen längst nicht mehr konstitutiv für bohemische Milieus. In Zeiten des &#8220;kulturellen Allesfressertums&#8221; und dem Verschwimmen der Grenzen von High und Low Culture ließe sich über ästhetische Präferenzen längst kein Dinstinktionsgewinn mehr einfahren. Chancen für die gegenwärtige Boheme sieht Kaube allein in der Mode, wo Abweichung und Normalität zum selben Programm gehörten. Hier sei Raum für die &#8220;Reform-Elite&#8221;, die vormacht, was andere dann nachmachen.</p>
<p>Kaubes Argumentation übersieht, dass es der Boheme immer schon um mehr ging, als Distinktionsfunken zu schlagen. Zentral für die Boheme war seit je der Anspruch auf ein besseres Leben jenseits ökonomischer Verwertungszusammenhänge. Diedrich Diederichsen nannte das ein &#8220;existenzielles Besserwissen&#8221; der in Armut Lebenden. Einer zeitgenössischen Boheme müsse es also wiederum um Fraktionierungen, um Abschottungen, Entnetzungen gehen.</p>
<p>Bohemisierung von oben muss man es nennen, wenn prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse auf Dauer gestellt sind und nicht mehr als Wahlmöglichkeit offenstehen. Auch die &#8220;symbolische Aggression&#8221; der Boheme (Helmut Kreuzer) läuft unter Individualisierungszwängen ins Leere. Paradigmatisch steht dafür der Hipster, der allenfalls ein Zombie des Bohemians ist. Sein Habitus ist ihm zum reinen Tauschmittel geworden.</p>
<p>Man könnte hier natürlich auch vom Untergang der Boheme sprechen. Viel wichtiger ist aber eine ideologiekritische Perspektive auf die kommerzielle und romantische Überformung der Boheme. Das wäre dann wieder eine Frage der Perspektive.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b41.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-full wp-image-6498" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b41.jpg" alt="" width="277" height="366" /></a></p>
<p><em>Poller im Nebel 1</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/stadtmusikanten.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-full wp-image-6519" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/stadtmusikanten.jpg" alt="" width="275" height="202" /></a><em></em></p>
<p><em>Poller im Nebel 2<br />
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<p><strong>Weltwitze</strong></p>
<p>Um Weltstadt zu werden, privatisiert  Berlin nach und nach alle sozialen, medizinischen,  kulturellen und betreuenden Einrichtungen &#8211; sie werden &#8220;freien Trägern&#8221; überlassen, was meist einer schleichenden Abwicklung gleichkommt. Derzeit trifft es z.B. in Pankow die Musikschule Buch-Karow, die Stadtteilbibliothek Karow, die Galerie Pankow, das Museum in der Heynstraße,  das Kulturzentrum Wabe im Ernst-Thälmann-Park und einige Bereiche der Volkshochschule. In Kreuzberg u.a. das Statthaus Böcklerpark.</p>
<p>Dafür werden immer unsinnigere Großprojekte auf Weltniveau staatlich gefördert: das &#8220;Humboldt-Forum&#8221; im zukünftigen Schloß, eine weitere &#8220;Kunsthalle&#8221;, die Kunstbiennale usw.. Die Berlin-Touristen sollen aus dem Staunen nicht herauskommen. Dergestalt wird aus Friedenau oder Rixdorf langsam Welt: &#8220;Die Welt hat uns vernichtet, das kann man sagen,&#8221; meinte Herbert Achternbusch, &#8220;ein Mangel an Eigenständigkeit soll durch Weltteilnahme ersetzt werden. Man kann aber an der Welt nicht wie an einem Weltkrieg teilnehmen. Weil die Welt nichts ist. Weil es die Welt gar nicht gibt. Weil Welt eine Lüge ist. Weil es nur Bestandteile gibt, die miteinander gar nichts zu tun haben brauchen. Weil diese Bestandteile durch Eroberungen zwanghaft verbunden, nivelliert wurden. Welt ist ein imperialer Begriff. Auch da, wo ich lebe, ist inzwischen Welt. Früher hat man einen Bachlauf nicht verstanden, heute wird er begradigt, das versteht ein jeder. Ein Bach, der so schlängelt. Karl Valentin sagt: &#8216;Das machen sie gern, die Bäch&#8217;&#8230;.&#8221;</p>
<p>Achternbusch wurde von Heiner Müller einmal als &#8220;Klassiker des antikolonialen Befreiungskampfes auf dem Territorium der BRD&#8221; bezeichnet. Diese ganze Weltsucht &#8211; das ist also nichts weiter als ein schlechter Witz. Kommen wir deswegen zu einem guten &#8211; Weltwitz:  So heißt ein Weiler der Gemeinde Schmieritz im thüringischen Saale-Orla-Kreis. Dort werden Schäferhunde gezüchtet, die alle &#8220;von Weltwitz&#8221; mit Nachnamen heißen, ferner gibt es da eine Station, die das Weltwitz-Wetter ermittelt, eine Agrargenossenschaft, einen Pizza-Lieferservice, einen Gebäudereinigungsbetrieb und regelmäßig ein Motocross-Rennen. Außerdem leben nicht weniger als 20 Künstler in und um Weltwitz. Der Ort wird 1264 erstmals urkundlich erwähnt, er hat sehr fruchtbare Böden. Seit Einführung des Internets ist auch der Name des Dorfes äußerst fruchtbar, insofern alle möglichen Witzbolde ihre Scherze unter Weltwitz ins Netz stellen: einer bescheuerter als der andere. Von Witzen aus dem Dorf Weltwitz ist nichts bekannt, wohl aber von einem eigenwilligen  Provinzlexikon aus dem nicht weit davon entfernten Waltershausen. Dort lebt Henner Reitmeier, er erwarb 1971 das fünfbändige Weltlexikon Brockhaus, über das er sich wegen all der darin enthaltenen &#8220;Verzerrungen/Auslassungen/Lügen&#8221; so ärgerte, das er sein eigenes einbändiges &#8220;Relaxikon&#8221; namens &#8220;Der Große Stockraus&#8221; zusammenstellte und veröffentlichte. Dieses  beinhaltet nun seine Lieblingsautoren ebenso wie einige noch nicht existierende Einrichtungen &#8211; das &#8220;Misfitness-Center&#8221; z.B. sowie schwer abzugewöhnende Gewohnheiten: u.a. das &#8220;Rauchen&#8221; und etliche persönlichen Macken: &#8220;Fluchen&#8221;, &#8220;Circus Herkules&#8221; und &#8220;Hochmut des Alters&#8221;&#8230; Trotz vieler privater Vorlieben, wie &#8220;Landkommunen&#8221;, &#8220;Musik&#8221;  und &#8220;Thälmanns Enkelin&#8221; (statt Teddy Thälmann), ist der &#8220;Große  Stockraus&#8221; ein echtes Lexikon &#8211; mit ausführlichem Register und &#8211; Welthaltigkeit. Letzteres für meinen Geschmack sogar zu viel, denn der Autor lebt  auf dem Land und ich erwartete von ihm, dass er zwar noch im kleinsten zerdärmten Frosch am Feldrand  die Abwesenheit Gottes erkennt &#8211; und meinetwegen beklagt, aber solche Ochsenfrosch-Eintragungen wie &#8220;Gerhart Schröder&#8221;, &#8220;Rudolf Augstein&#8221; und &#8220;George Bush&#8221; getrost dem &#8220;Bild&#8221;-Lexikon aus dem Springerstiefelverlag überlassen würde.</p>
<p>Immerhin hat sich der Autor, Henner Reitmeier, in seinem &#8220;Relaxikon&#8221; auch über viele Tiere, besonders über Vögel,  ausgelassen &#8211; und diese sind laut Martin Heidegger per definitionem &#8220;weltarm&#8221;. Infolge seiner Weltarmut ist &#8220;dem Tier das Seiende als Seiendes nicht zugänglich, es ist verwoben in seine Umwelt, bestehend aus einem &#8216;Umring&#8217; von Trieben, die auf einzelnes Begegnendes hin enthemmen und dazu führen, dass das Tier von der Sache &#8216;hingenommen&#8217; ist,&#8221; heißt es bei Wikipedia unter dem Stichwort &#8220;Weltoffenheit&#8221; &#8211; und weiter: &#8220;Damit ist dem Tier jedoch ein freies &#8216;Verhalten&#8217; zum Seienden verwehrt; Verhalten ist nur dem Menschen eigentümlich. Durch die Verbindung von Trieb und seinem Gegenstand ist das Tier in seinem Tun &#8216;benommen&#8217;. Wegen dieser Benommenheit und in Abgrenzung zum menschlichen &#8216;Verhalten&#8217; sagt Heidegger, das Tier &#8216;benimmt&#8217; sich.&#8221; (1)</p>
<p>Leider stimmt das nicht: In Berlin erleben wir derzeit einen starken Zuzug von &#8220;Provinzlern&#8221; &#8211; mit Drang zur Welt, und daneben  einen vermehrten Zuzug von allen möglichen Wildtieren. Sie haben zwar keinen Hang zur Welt, aber sie nehmen die Wandlung, Entleerung Berlins zur Weltstadt billigend in Kauf, d.h. die einen wie die anderen Landbewohner passen sich an die sich rapide verweltlichende Stadt an &#8211; die ersteren erwartungsvoll, die letzteren notgedrungen. &#8220;Benommen&#8221; sind sie jedoch zunächst beide, aber nur anfänglich. Zu fragen wäre dabei, ob dies nicht zu bedauern ist, denn &#8211; so die feministische US-Biologin Donna Haraway: Die Wildheit bleibt doch unsere ganze Hoffnung. Oder ist auch das nur ein &#8220;Weltwitz&#8221; &#8211; wenn &#8220;theoretical girls&#8221; auf &#8220;real animals&#8221; treffen?</p>
<p>(1) Nicht weit von diesen Heideggerschen Tieren sind bei dem dänischen Schriftsteller Herman Bang die &#8220;Frauen&#8221; angesiedelt, in der FAZ heißt es über seine Romane: &#8220;Seine Helden waren Frauen, weil Frauen seine weibliche Seite eben am besten verkörperten. Sie haben ihre Idee von der Welt und vom Leben, sie haben ihre Sehnsucht, sie lassen nicht von ihr ab, aber diese Sehnsucht lässt auch nicht von ihnen ab. Sie sind in ihr gefangen. Es sind eigenwillige Frauen, aber nicht unbedingt starke, sie setzen ihren Willen ja nicht durch: Bangs Frauen nehmen sich das Leben wie Tine oder sterben an gebrochenem Herzen wie Katinka in &#8220;Am Weg&#8221;. Gert Ueding nannte Herman Bang in dieser Zeitung einmal einen &#8220;Flaubert des Fin de Siècle&#8221;.&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b7-waldpoller21.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-full wp-image-6500" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b7-waldpoller21.jpg" alt="" width="285" height="214" /></a></p>
<p><em>Waldpoller &#8211; in Reihe<br />
</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b31.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-full wp-image-6501" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b31.jpg" alt="" width="283" height="425" /></a></p>
<p><em>Waldpoller vereinzelt</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b8-wiesenpoller1.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6503" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b8-wiesenpoller1-424x343.jpg" alt="" width="284" height="230" /></a></p>
<p><em>Wiesenpoller &#8211; unikat</em></p>
<p><strong>Lachen ist gesund</strong></p>
<p>Empirisch verifiziert hat das Mitte der Achtzigerjahre ein  Amerikaner, der an einer tödlichen Krankheit litt und dem die Ärzte nur noch eine kurze Lebenszeit gaben: Er nahm 70 Filme von Charlie Chaplin, Buster Keaton, Dick &amp; Doof, Monthy Pyton etc., dazu eine geballte Ladung Vitaminpillen und zog sich in ein Zimmer  zurück. Nach gut vier Wochen kam er gesund wieder heraus. Inzwischen ist er Medizinprofessor an einer Universität.</p>
<p>Noch empirischer haben andere Professoren an einer anderen US-Uni festgestellt, dass niemand &#8211; auch nicht in Japan &#8211; gerne ausgelacht wird, manche merken es nur nicht. Das gilt auch für Hunde, wie bereits 1950 vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz aus Niederösterreich in seinem berühmten Buch &#8220;So kam der Mensch auf den Hund&#8221; beschrieben. Dort ist außerdem nachzulesen, wie die Hunde selbst lachen. Der slowenische Filmphilosoph Slavoj Zizek schreibt über die in Fernsehkomödien zu jeder witzig gemeinten Bemerkung eingeblendeten  Lachsalven: Ähnlich wie der antike Chor und die Klageweiber &#8220;befreit uns der Fernsehapparat damit von unserer Pflicht zu lachen, d.h. er lacht an unserer Stelle. Selbst wenn wir also, von einem stumpfsinnigen Tagwerk ermüdet, den ganzen Abend nur träge auf den Bildschirm starren, können wir danach doch sagen, dass wir objektiv, durch das Medium des anderen, einen wirklich schönen Abend verbracht haben. &#8221;</p>
<p>Das Internet gibt in puncto &#8220;Lachen&#8221; nicht viel her, außer halbwitzige Clips auf Youtube mit Lachversprechen und alle Sportvereine des süddeutschen Ortes &#8220;Lachen&#8221;, was aber mit langem a ausgesprochen wird, was widerum im Norddeutschen der Plural von kleinen Pfützen ist: Lachen. Viele Populärphilosophen haben sich dem Thema Lachen gewidmet, und dementsprechend gibt es  etliche blogs, die ihre Sprüche sammeln. Zuvörderst natürlich von Nietzsche, der eine ganze &#8220;Fröhliche Wissenschaft&#8221; verfaßte. In seinem Buch &#8220;Also sprach Zarathustra&#8221; heißt es an einer Stelle &#8211; in der es darum geht, dass wir noch genügend Chaos in uns haben, um einen tanzenden Stern zu gebären: &#8220;Da lachen sie: sie verstehen mich nicht&#8230;&#8221; Damit kann nur das Auslachen gemeint sein, so wie man z.B. die ellenlangen Ausführungen eines Esoterikers oder eines allzu eigensinnigen Weltendeuters witzig findet. Aber  Otto ist witziger, ähnlich Robert Gernhardt, Heinz Erhardt, Heino Jäger, Ringelnatz, Tucholsky&#8230; Mich haben übrigens mal zwei junge Orang-Utan ausgelacht, das ist aber eine längere Geschichte (1).</p>
<p>Man kann vielleicht sagen: Die Grenze zwischen denen, die witzig sein wollen und denen, die damit aufklären, ist fließend. Am Unwitzigsten sind die Bücher über Witze &#8211; den &#8220;deutschen&#8221;, den englischen, den &#8220;obszönen&#8221; usw. Witz. Das sind Früchte  harter Arbeit &#8211; am Erkenntnisgewinn. Ich wollte mal eine &#8220;Witzeerfinder&#8221; interviewen &#8211; in Hanau bei Frankfurt. Aber seine Frau verleugnete ihn jedesmal am Telefon. Es kam schließlich raus, dass er seine Witze, die er zusammenstellte und gegen eine Jahresgebühr an diverse Redaktionen verkaufte, aus ausländischen  Zeitungen übersetzte und sie dabei sozusagen verhanauerte. Hört sich witzig an, war es aber nicht. Ebensowenig wie die Witze, mit denen ein gewitzter Unternehmer Klopapier bedrucken ließ. Auch hierbei ließ das Interesse schnell nach. Im Internet findet man unter dem Stichwort &#8220;Lachen&#8221; natürlich, möchte man fast sagen, auch viele minderheiten-feindliche Witze. Andererseits ist es aber auch nicht voll verwerflich, wenn man sich mal -  wenigstens beim Lachen über einen Witz &#8211; zur Mehrheit zählt. Gesünder jedenfalls, als sich auf Kredit eine Doppelhaushälfte zu kaufen.</p>
<p>Angeblich taugt das Lachen jedoch auch für das Gegenteil: &#8220;Ein Lachen wird es sein, das euch beerdigt&#8221; Gemeint war mit dieser alten Plakat-Zeile der Anarchisten die Bourgeoisie und ihr Büttel, der Staat, der es besonders auf sie abgesehen hat: &#8220;Terroristen&#8221; allesamt. In den Achtzigerjahren erschien im &#8220;Klartext&#8221;-Verlag ein Buch des anarchistischen Bremer Pfarrers Wolfgang Schiesches, den ausgerechnet die Maoisten in seinem Gemeinderat des Amtes enthoben hatten &#8211; es hieß kurz und knapp: &#8220;Ein Lachen wird es sein&#8221;.  Wieder zehn Jahre später fand auf Betreiben des Aktionszentrums Wuppertal eine &#8220;autonome 1.Mai Demonstration&#8221; statt &#8211; unter dem Motto: &#8220;Nicht nur ein Lachen wird es sein, was euch beerdigt.&#8221; Halten wir als vorläufiges Endergebnis fest: Das Lachen scheint irgendwo zwischen Leben und Sterben auf, hat eventuell sogar eine aufschiebende Wirkung, kommt und geht aber (&#8220;Da vergeht mir das Lachen&#8221;) und ist ziemlich ansteckend: &#8220;With a smile on my face &#8211; for the whole human race&#8221;, konnte Dean Martin deswegen in den Sechzigerjahren singen. Der Philosoph Michel Foucault ergänzte 10 Jahre später: &#8220;d.h. ein zum Teil schweigendes Lachen&#8221; &#8211; womit er an das Lächeln der Cheshshire-Katze in Lewis Carrolls Buch &#8220;Alice im Wunderland&#8221; erinnern wollte. Slavoj Zizek hat dieses Bild erst kürzlich wieder &#8211; in einem Film über ihn selbst -  verwendet. Wir befinden uns im Land des verschwindenden Lächelns. Der Kabarettist Wolfgang Neuss riet deswegen schon Jahre vor der Wende dem RIAS-Moderator Lord Knut &#8211; bei einer ihrer Haschisch-Sessions: &#8220;Befehl doch mal den schmallippigen Ost- und Westberliner Hörern in deiner Wakeup-Easy&#8221;-Sendung: &#8216;Ab 5 Uhr 45 wird zurückgelächelt!&#8217;&#8221; Knut versprach sich jedoch und redete wieder von &#8220;zurückgeschossen&#8221;, war darüber jedoch so verwirrt, dass er seine Hörer stotternd fragte: &#8220;Äh, finden Sie das etwa witzig?!&#8221; Ein typisch Deutsch-&#8221;Freudscher Versprecher&#8221; &#8211; live aus dem amerikanischen Sektor. Unter Liebenden erfreut sich hier und heute &#8211; in der &#8220;Spaßgesellschaft&#8221; &#8211; die leicht empört-verunsicherte Frage &#8220;Was lachst du!?&#8221; großer Beliebtheit. Was neue Lachfragen aufwirft.</p>
<p>(1) 1967 eröffnete der indische Großtierhändler George Munro in Bremen einen Zoo, der gleichzeitig eine große Handelsstation war, daneben besaß er noch eine kleinere in Kalkutta. Ich fing als Übersetzer bei ihm an – für seine Frau, die  Büroleiterin war und nur englisch und hindi sprach. Da die beiden jedoch nicht genug Tierpfleger hatten, war ich die meiste Zeit mehr draußen als drinnen beschäftigt. Das fing schon morgens an: Als erstes hatte ich vier kleine Kragenbären in ihr Freigehege zu tragen – jeweils zwei auf einmal, die  ich am Kragen gepackt von mir weghielt, weil sie währenddessen versuchten, mich herzhaft in die Hand zu beißen.</p>
<p>Dann kamen zwei halbwüchsige Orang-Utans dran, die ich mit dem Schlauchboot auf eine kleine Affeninsel in einem See zu bringen hatte. Auf dem Weg dorthin nahm ich sie an die Hand, sie bissen mir dafür ständig in den Fuß oder ins Bein. Auf der Insel mußte ich erst einmal die Tür eines kleines Häuschens aufsperren, damit sie bei Regen darin Schutz suchen konnten. Einmal sprangen mir währenddessen die beiden Orangs wieder zurück ins Schlauchboot – und ich befand mich allein auf der Insel, während die Affen über den See trieben und sich halb totlachten: Vor Freude hüpften sie  auf die Wülste des Schlauchboots und kreischten. Zum Glück kam gerade Buddha, der kleine Sohn der Munros, vorbei. Er krempelte sich eilig die Hose hoch, stieg ins kalte Wasser und bekam nach kurzer Zeit das Schlauchboot zu fassen. Als er es geentert hatte, hörten die Orangs auf zu lachen.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b5.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6507" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b5-424x284.jpg" alt="" width="287" height="192" /></a></p>
<p><em>Da lacht das Herz</em></p>
<p>Auch die FAZ-Moskaukorrespondentin Kerstin Holm lacht &#8211; über so viel Fröhlichkeit bei einer Massendemonstration gegen die Regierung Putin in Moskau. Zugleich fand eine noch größere Manifestation der Putin-Anhänger im Siegespark statt, die aber zum großen Teil nur aus Leuten bestand, die die kostenlose Verköstigung &#8220;und sogar Geld&#8221; dort abgreifen wollten &#8211; mit denen die Regierung die Massen angelockt hatte, nicht wenige Teilnehmer waren auch gezwungenermaßen da, weil man ihnen gedroht hatte, sie würden ihre gepachteten Räume oder ihren Job verlieren. Diese Pro-Putin-Veranstaltung hieß &#8220;Wir haben etwas zu verlieren&#8221;, die FAZ-Autorin schreibt über die Anti-Putin-Demo: &#8220;Die Cafés an der Jakimanka sind überfüllt von Leuten mit weißen Schleifen oder Ballons. Der Philosoph Viktor Aslanow, der sich in einem davon stärkt, fühlt sich an die Antiglobalistendemonstrationen in Florenz und Malmö erinnert, bei der es ausgesprochen gentlemanlike zugegangen sei. Die offenen Gesichter, die glänzenden Augen, die er hier sehe, bildeten einen eindrucksvollen Kontrast zu den stumpfen bis gereizten Blicken der Pro-Putin-Demonstranten am Siegespark, wo er in die Metro gestiegen sei.&#8221;</p>
<p>Die taz ist ganz aufgekratzt, die chilenische Studentensprecherin Camila Vallejo ist in Berlin &#8211; auf Interviewtour. Wer geht da hin? &#8220;Sie kämpft gegen die zu General Pinochet zurückreichenden Wurzeln des chilenischen Erziehungswesens. Aber die Kommunistin zielt auf ein weit über die Universität hinausragendes politisches Betätigungsfeld.  Neu ist sie nicht, die Unzufriedenheit der chilenischen Jugend mit dem Erziehungssystem des Landes. Immer wieder waren in den zurückliegenden Jahren Konflikte eskaliert wie etwa 2007 in der Regierungszeit der Sozialistin Michelle Bachelet. Neu ist diesmal, dass die wachsende Unzufriedenheit ein Gesicht hat, ein hübsches noch dazu&#8221;, schreibt &#8220;Cicero&#8221;.</p>
<p>Während sich in Ägypten die Aufstände gegen die Militärregierung mehren, und auch die toten Demonstranten, haben sich die Auseinandersetzungen in Syrien zu einem &#8220;Bürgerkrieg&#8221; ausgeweitet, wie die Intelligenzpresse meldet.  AP berichtet: &#8220;Dies ist ein dem Untergang geweihtes Regime und auch ein mörderisches Regime&#8221;, sagte der englische Außenminister Hague mit Blick auf die Regierung des syrischen Präsidenten Baschar Assad.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b6.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6510" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b6-424x317.jpg" alt="" width="424" height="317" /></a></p>
<p><em>Poller mit Elefant</em></p>
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<p><strong>Lamarxismus</strong></p>
<p>In einem Aufsatz, &#8220;E.coli und Ich&#8221;,  befaßte ich mich einmal mit den Bakterien in und auf uns sowie in einem Atemzug mit der Agar-Forschung Russlands bzw. der Sowjetunion. Letztere gipfelte parallel zur Kollektivierung der Landwirtschaft in eine &#8220;proletarische Biologie&#8221;. Der Althusser-Schüler Dominique Lecourt bezeichnete diesen auch &#8220;Mitschurinismus-Lyssenkoismus&#8221; genannten &#8220;Lamarxismus&#8221; als &#8220;spontane Philosophie eines Gärtners&#8221; (ohne dessen praktische Nutzen für die Landwirtschaft schmälern zu wollen). Diese &#8220;Philosophie&#8221;  war in der Tat voluntaristisch und partisanisch, noch 1948 versuchte man mit ihr die gesamte &#8220;bürgerliche  Genetik&#8221; zu liquidieren, die schon wegen ihrer Nähe zur rassistischen Eugenik der Nazis diskreditiert war &#8211; und bezeichnete z.B. Forschungen mit dem &#8220;Number One Labortier&#8221; der Genetiker &#8211; der Drosophila &#8211; als lächerlich, weil dabei u.a. herauskam, dass und wie sich eine Fruchtfliegenpopulation in Charkow während der deutschen Besatzung verändert hatte.</p>
<p>Grundsätzlich kann man sagen, dass die russischen Wissenschaftler eher die &#8220;Symbiosen&#8221; als den &#8220;Kampf ums Dasein&#8221; in der Natur erforschten. Und dass diese &#8220;Priorität&#8221; ökonomische Ursachen hat. Schon Marx machte gegenüber Vera Sassulitsch in den 1880er-Jahren geltend, dass die auf gemeinschaftlichem Landbesitz basierende russische Dorfgemeinschaft &#8220;Obschtschina&#8221;  Keimzelle des Sozialismus sein  könnte, wenn ihr die Revolution quasi entgegenkomme &#8211; bevor sie sich von innen langsam durch das Privateigentum zersetzt. Der Darwinismus war in Russland äußerst  populär. &#8220;Viele der russischen Intellektuellen verwarfen jedoch in Übereinstimmung mit Marx und Engels, aber auch unabhängig von ihnen, die Idee von der Höherentwicklung durch Konkurrenzkampf, die Darwin von dem englischen Nationalökonom Thomas Malthus übernommen hatte,&#8221; schreibt der Biologiehistoriker Torsten Rütting. Malthus glaubte, bewiesen zu haben, dass das rapide Bevölkerungswachstum verbunden mit einem ständig zunehmenden Mangel an Nahrung quasi automatisch eine natürliche Auslese der Besten gewährleiste. Während jedoch Marx und Engels davon ausgingen, dass Darwin Malthus überwunden habe, indem er dessen Gesetz auch in der Tier- und Pflanzenwelt für gültig erklärte, hielt man in Russland das ganze Prinzip der Konkurrenz eher für ein englisches Insel-Phänomen, dass in den unterbesiedelten russischen Weiten keine Gültigkeit habe.</p>
<p>In dieser Einschätzung war sich noch der revolutionäre Narodnik Michailowski mit dem ultrakonservativen Oberprokuror Pobjedonoszew einig: Beide taten diesen Aspekt des Darwinismus als eine &#8220;händlerische Faustregel&#8221; ab, die &#8220;unsere [russische] Seele nicht annehmen&#8221; könne. Auch der Anarchist Pjotr Kropotkin war dieser Meinung und bemühte sich, demgegenüber die &#8220;Sittlichung&#8221; der biologischen Gesetze &#8211; ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen in Sibirien &#8211; heraus zu arbeiten: d.h. der reaktionären Soziobiologie eine fortschrittliche Biosoziologie entgegen zu stellen. Dazu wurde bereits im 19.Jhd. &#8211; zunächst von Botanikern &#8211; die Symbiose (der Artel- bzw. Genossenschaftsgedanke, wie er auch genannt wurde) in der Natur studiert und systematisiert. Heute wird &#8211; forciert noch durch die letzten Krisen des Neoliberalismus &#8211; erneut in diese Richtung biologisch geforscht: So geht es z.B. den Primatologen des Leipziger Max-Planck Instituts bei ihren Schimpansenexperimenten um &#8220;Altruismus&#8221; und den US-Verhaltensforschern um Frans de Waal um &#8220;Empathie&#8221;.</p>
<p>Die berühmte (lamarckistische) US-Mikrobiologin Lynn Margulis, sie starb 2011, war geradezu eine Symbiosen-Sammlerin: Überall in der Natur, in unserem Körper und in unseren Zellen entdeckte sie Lebewesen, vor allem &#8211; wie von Kropotkin bereits vorausgesehen: bei den Mikroorganismen, die kooperierten, um auch unter den extremsten Bedingungen zu überleben. Im äußerst nährstoffarmen tropischen Regenwald geht z.B. die Orchidee gleich mehrere Symbiosen mit verschiedenen Mikroorganismen und Insekten ein &#8211; zur Nahrungsaufnahme sowie zur Fortpflanzung. Die französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari haben daraus ein ganzes postmodernes Beziehungs- und Organisationsmodell gemacht: &#8220;Werdet wie die Orchidee und die Wespe!&#8221;</p>
<p>Umgekehrt reden postsowjetische Agrarsoziologen heute bei ihrer Analyse der seit den Privatisierungen sich neu strukturierenden Beziehungen zwischen kleinen Selbstorganisationen und großen Kollektiven von &#8220;Symbiosen&#8221;, die für die  russische Ökonomie bereits seit dem 13.Jhd charakteristisch seien. &#8220;Erotik des Informellen&#8221; nennt der Russlandforscher Kai Ehlers sein Buch, in dem er sie dazu interviewte.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b9-reichsautobahnpoller.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-full wp-image-6511" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b9-reichsautobahnpoller.jpg" alt="" width="299" height="225" /></a></p>
<p><em>Reichsautobahnpoller</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b9-holy-bollard.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-full wp-image-6516" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/b9-holy-bollard.jpg" alt="" width="298" height="447" /></a></p>
<p><em>Heiliger Poller</em></p>
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<p><strong>Bedürfnisbefriedigung</strong></p>
<p>In seiner Untersuchung &#8220;Bäuerliche Gesellschaften und die Vorstellung von begrenzten Ressourcen&#8221; stellte der US-Ethnologe Foster die These auf, &#8220;daß bei Bauern in der ganzen Welt die Vorstellung verbreitet ist, die Menge der Güter sei begrenzt, und was einer dazugewinne, müsse einem anderen notwendig verloren gehen. Von dieser Vorstellung ausgehend entwickeln Bauerngesellschaften Strategien, die die Akkumulation von Reichtum bei einzelnen verhindern,&#8221; so der Agrarsoziologe Gerd Spittler in einem Aufsatz über den russischen Agrartheoretiker Tschajanow (1888-1939). Darin erwähnt er auch den Soziologen  Jorin, der 1984 in einem französischen Fischerdorf die &#8220;starke Einkommensnivellierung&#8221; ebenfalls auf solche Strategien zurückführte: &#8220;Jorin erklärt damit nicht nur die Egalisierung des Lebensstandards, sondern auch das Fehlen von Investitionen&#8221;.</p>
<p>In Ostafrika gehören zu diesen Strategien magische Praktiken, wie der Ethnologe David Signer herausarbeitete &#8211; in seinem Buch: &#8220;Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt&#8221;. Für Signer sind die magischen Praktiken kein psychologisches, sondern ein soziologisches Phänomen. Wenn Frantz Fanon von eine &#8220;magischen Überbau&#8221;  sprach, dann könnte man nun mit David Signer von einem &#8220;magischen Unterbau&#8221; reden. Dieser bewirkt jedenfalls nachhaltig &#8211; bis in Migration und Urbanisierung hinein, eine &#8220;Egalisierung&#8221; der Gesellschaft.</p>
<p>In der russischen Agrardiskussion vor und nach der Revolution spielte laut Spittler die Frage, ob die Bedürfnisse der russischen Bauern relativ stabil sind und unter welchen Bedingungen sie sich entwickeln, eine wichtige Rolle: Bei Tschajanow finden sich &#8220;Bemerkungen, die auf ein fixes Bedürfnisniveau hinweisen, das allerdings unter dem Einfluß städtischer Kultur veränderbar ist&#8230;In seiner Modellkonstruktion geht Tschajanow jedoch von einer individuellen Bedürfnishierarchie aus. Die Bedürfnisse sind im Prinzip unbegrenzt, werden aber nach Prioritäten geordnet.&#8221; Spittler meint, &#8220;diese Auffassung steht in Einklang mit modernen Bedürfnistheorien, die auf dem Engelschen Gesetz basieren, sie ist aber nur schwer mit den Daten vereinbar, die bei höherem Ertrag nicht eine Ausweitung der Bedürfnisse, sondern einen Rückgang der Arbeit zeigen.&#8221; Das Engelsche Gesetz  ist laut Wikipedia die  von dem Statistiker Ernst Engel (1821 &#8211; 1896) erstmals beschriebene Gesetzmäßigkeit, &#8220;dass der Einkommensanteil, den ein Privathaushalt für die Ernährung ausgibt, mit steigendem Einkommen sinkt. Dies ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass die Einkommenselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln kleiner als 1 ist.&#8221;</p>
<p>Wie Tschajanow ermittelte, arbeiten die russischen Bauern durchschnittlich 132 Tage im Jahr: &#8220;Sie empfinden die Arbeit als so mühselig, daß sie nur zu einem geringen Arbeitseinsatz bereit sind. Ihr geringer Wohlstand wäre dann weniger mit ihren begrenzten Bedürfnissen als mit ihrer Unlust bei der Arbeit zu erklären. In der Tat heben schon die sprachlichen Formulierungen bei Tschajanow die negative Seite der Arbeit hervor. Auch die strikte Gegenüberstellung von &#8216;Arbeit&#8217; und &#8216;Bedürfnis&#8217; betont den Gegensatz. Im Modell von Tschajanow stehen sie ausschließlich in Opposition zueinander, die Arbeit kann nur sehr eingeschränkt zum Bedürfnis werden.&#8221;</p>
<p>Unter den sowjetischen Schriftstellern hat sich insbesondere Andrej Platonow Gedanken über eine Zusammenführung von Bedürfnis und Arbeit in der (sozialistischen) Landwirtschaft gemacht. Durchaus inspiriert vom utopischen Sozialisten und Genossenschaftstheoretiker Charles Fourier, der die Leidenschaft in seinem Kommunemodell (Phanlanstère) an die Stelle von Leistungsdruck setzte &#8211; so konsequent, dass Marx und Engels seine Werke immer wieder mit Vergnügen lasen und André Breton im Exil nichts anderes. &#8220;Wünscht sich nicht jeder, die Arbeit in Lust zu transformieren (und nicht etwa die Arbeit zugunsten der Freizeit nur auszusetzen)?&#8221; fragt sich Roland Barthes &#8211; in &#8220;Sade, Fourier, Loyola&#8221;.</p>
<p>Die mit Leidenschaft ausgeübte Tätigkeit findet ihren Sinn in sich selbst, im Gegensatz zu der von oben oktroyierten Leistung, also Leidenschaft versus Leistung. Fourier entwarf eingedenk dessen eine kollektive Wirtschaftsweise, deren &#8220;Ziel in der Anziehungskraft der Arbeit besteht &#8211; also darin, dass das Vergnügen daran uns zur Landwirtschaft locken wird, die heute für die Menschen aus guter Familie eine Strafe ist. Diese Tätigkeit, das Pflügen zum Beispiel, erfüllt uns verständlicherweise mit einer Abneigung,&#8221; schreibt er, &#8220;die an Abscheu grenzt. Dieser Widerwille werde jedoch  durch die unwiderstehliche Anziehungskraft der Arbeit völlig überwunden.&#8221; Und mehr noch &#8211; aus Fouriers Wirtschaftsplan ergibt sich,  &#8220;wie überall in der genossenschaftlichen Ordnung, ein erstaunliches Resultat: je weniger man sich um den Gewinn kümmert, um so mehr verdient man.&#8221; Auch dies kann u.U. ein Bedürfnis sein.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/softpoller.jpg" rel="lightbox[6492]"><img class="alignnone size-full wp-image-6514" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/02/softpoller.jpg" alt="" width="268" height="475" /></a></p>
<p><em>Softpoller &#8211; im Stapel (Arbeit und Vergnügen)</em></p>
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 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=6492&amp;md5=749e0d4eaaf5aedfe7e7745119000b48" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Generelles</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 15:04:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
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		<title>Kairo-Virus 136</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Jan 2012 15:07:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/cooperation.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6446" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/cooperation.jpeg" alt="" width="201" height="251" /></a></p>
<p><em>cooperacion</em></p>
<p><strong>Jetzt habe ich den Rosa-Luxemburg-Kongreß verpaßt. Wie konnte das geschehen? Fehlte es dem Kongreß an Werbemitteln oder habe ich sie alle übersehen?</strong></p>
<p>All die Jahre hat man sich in diversen Sälen die Reden der nicht selten von kommunistischen Staaten geschickten Redner angehört, ich erinnere aber auch den Vertreter der KP der Türkei, Auslandsorganisation: &#8220;Die immer tiefer gehende Finanzkrise hinterläßt im Leben der Völker unheilbare Wunden&#8221;  und den Senegalesischen  KP-Chef Ahmat Dansokho: &#8220;Der Widerstand gegen den US-Imperialismus, in Athen z.B., ist noch zu schwach. Wir müssen uns stärker verbünden.Leider ist das Netz der Globalisierungsgegner zu heterogen, dazu kommen  die stalinistischen Fehlentwicklungen im Ostblock, die den Antikommunismus stärken&#8230; Wir müssen die Welt mit neuen Augen sehen!&#8221;</p>
<p>Auf dem Abschlußpodium saß gelegentlich auch mal ein Autonomer, ich erinnere Markus Mohr: &#8220;Brauchen wir neben der Linken eine marxistische Partei? Eher nicht.&#8221; Jetzt hatte man Dietmar Dath eingeladen. Den hätte ich mir auch gerne angehört (da mal reingehört), dachte ich, fand dann aber in der Jungen Welt, dem Kongreßveranstalter, quasi einen Vorabdruck von Daths aktueller Denke: &#8220;Kollektivitäten sichtbar machen &#8211; Über die Organisationsfrage. Teil zwei: von Lenin bis heute&#8221;&#8230;</p>
<p><strong>Was für ein West-Stuß!:</strong></p>
<p>&#8220;Man erkennt Anarchisten nicht daran, daß sie es verschmähen, Lenin zu zitieren – die RAF tat das gern, hielt aber anders als jener ihre Programmatik (die Kapitalisten und ihre Handlanger müssen weg) für eine Strategie (wir bringen sie um) und diese schließlich für eine Taktik (wir tun das, wenn sich dafür eine gute Gelegenheit anbietet). Daß man im »Konzept Stadtguerilla« und den Nachfolgeschriften mehr politische Globalanalyse als beispielsweise Einordnung der eigenen Organisation in ein Geflecht von der Art findet, daß die Berufung auf leninsche Konzepte der Avantgarde und Kaderführung samt bizarrer Andreas-Baader-Mystik wenig mit »Was tun?«-Lektüre und viel damit zu tun hat, daß der Name Lenin für Zerfallsprodukte der Studentenbewegung einfach ästhetisch als das Härteste, Unumstößliche, Unbestechlichste galt, das Gegenteil also der real gerade stattfindenden Diffusion, liegt auf der Hand.</p>
<p>In »Was tun?« schreibt Lenin an die Adresse gewisser russischer Ultramarxisten der vorrevolutionären Zeit, sie sollten, anstatt nur Polizeiauftritte gegen Streikende für ernsthafte Probleme zu halten, lieber »alle möglichen Erscheinungen« der Unfreiheit und überhaupt des Unrechts beachten, zum Thema machen: »Die Landeshauptleute und die Prügelstrafen für Bauern, die Bestechlichkeit der Beamten und die Behandlung des ›gemeinen Volkes‹ in den Städten durch die Polizei, der Kampf gegen die Hungernden und das Kesseltreiben gegen das Streben des Volkes nach Licht und Wissen, die Zwangseintreibung der Abgaben und die Verfolgung der Sektenanhänger, das Drillen der Soldaten und die Kasernenhofmethoden bei der Behandlung der Studenten und liberalen Intellektuellen – warum sollen alle diese und tausend andere ähnliche Erscheinungen der Unterdrückung, die nicht unmittelbar mit dem ›ökonomischen‹ Kampf verbunden sind, weniger weit anwendbare Mittel und Anlässe der politischen Agitation, der Einbeziehung der Massen in den politischen Kampf darstellen? Ganz im Gegenteil: Von all den Fällen, in denen der Arbeiter unter Rechtlosigkeit, Willkür und Gewalt zu leiden hat (weil sie ihn oder ihm nahestehende Personen betreffen), sind zweifellos die Fälle der polizeilichen Unterdrückung gerade im gewerkschaftlichen Kampf nur eine geringe Minderheit. Warum also von vornherein den Umfang der politischen Agitation einengen, in dem man für ›weitest anwendbar‹ nur eines der Mittel erklärt, neben dem es für einen Sozialdemokraten andere geben muß?«1</p>
<p>Die Risiken der Partikularisierung, die eben nicht nur identitär-semiotische, sondern auch ökonomische Gefechte mit sich bringen, pariert Lenin mit dem Verweis auf Zugang zur Bildung, Varianten sozialer Mobilität, Zensursorgen, den man leicht ergänzen kann um Angelegentliches wie Überwachung, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Krankenversorgung (und, um sie gruppiert, viele andere Felder, auf denen von der Arbeiterbewegung erkämpfte soziale Errungenschaften seit ihren schweren Niederlagen im späten zwanzigsten Jahrhundert auch in den liberalsten Regionen vom Staat unterm Druck der ökonomischen Gewalthaber zur Disposition gestellt werden).</p>
<p>Der Vorteil solcher Themen ist, daß sie nicht lokal, das heißt im ökonomisch-gewerkschaftlichen Begriffssystem: »betriebsübergreifend« interessieren – die elende, nur sehr schwer aufzuhaltende oder gar zurückzuschlagende Verbetrieblichung von Tarifauseinandersetzungen, das Verschwinden von Flächentarifverträgen, das zersplitterte Wursteln an jedem Ort, welche die Kapitalseite in jüngster Zeit auf Gebieten erzwungen hat, wo die letzten funktionierenden Großgewerkschaften ihre Jagdgründe zu vermuten gewohnt waren, sprechen da eine bedrohliche Sprache. Lenins Vorschlag ist kein bloßer menschenfreundlicher Themenkatalog, sondern ein Versuch, Kollektivitäten sichtbar zu machen, die quer zu den Gruppenbildungen liegen, welche der Produktionsprozeß, die Bildungskasernierung, die Funktionalität des vorhandenen Gemeinwesens den Leuten auferlegen; aus scheinbaren Abstrakta will er durchaus Klassenbewußtsein holen, aber eben nicht einfach eines der Facharbeiter (oder der »Opel-Arbeiter« oder etwas noch Begrenzteres), sondern der Besitzlosen – das Feilschen um den Cent, das diesem Ansinnen entgegensteht, nennt er »Handwerklerei« und nennt es einigermaßen optimistisch »nicht eine Krankheit des Verfalls, sondern eine Wachstums­krankheit«2.</p>
<p>Viel, aber nicht überwiegend Lustiges, hat sich geändert in der Zeit zwischen dem Erscheinen der Erstausgabe von »Was tun?« und dem Moment, da wir die Schrift zitieren. Die Arbeiterbewegung (oder was allenfalls von ihr übrig ist) hat es heute eher mit »Krankheiten des Verfalls« als solchen des Wachstums zu tun – die Geschichte, die dahin führte, ist in ihren Grundzügen bekannt, die siegreichen Gegner der Arbeiterbewegung behindern ihre Verbreitung nicht; daß sich die Niederlage bis in die entlegensten Winkel herumspricht, scheint ihnen ein Herzensanliegen. Der politische Arm dieser Bewegung, dessen Taufname »Sozialdemokratie« war, hat spätestens seit Eduard Bernstein die Vorteile der Neuorganisation seiner Politik von der Taktik her (Parlamentsarbeit, Kompromisse, Gelegenheiten) bis in die Programmatik (wir wollen, daß der Sozialismus kommt, ohne daß wir ihn durchsetzen müssen, und beschließen deshalb, fortan daran zu glauben, daß er das schon von allein tun wird) schätzen gelernt. Die Handwerklerei nach der Seite der Versöhnung zu überwinden statt nach derjenigen der revolutionären Transformation des Gemeinwesens, war ein Vorgehen, das in der berühmten Spaltung der russischen Sozialdemokratie in eine bolschewistische und eine menschewistische Fraktion historisch in ein Sinnbild faßt, an dem bessere Leute als wir verzweifelt sind (langfristig betrachtet hat sie beiden Fraktionen nicht gutgetan).</p>
<p>Die Gewerkschaften, ökonomischer Arm der Bewegung, erlebten unterdessen einen befremdlichen Positionswechsel, zu dem sie vielfach gelangten wie die Jungfrau zum Kind: Von einer innersozialdemokratischen »Rechten«, die den revolutionären Schwung bremst, wurde sie mancherorts unversehens zu einer Linken, die bei Strafe des Entzugs jeder Existenzberechtigung auf ein paar Minimalforderungen bestehen muß, deren Zerschmetterung durch »New Labour«, Schröders »Neue Mitte« und verwandte Tiefschläge des politischen Arms sonst beschlossene Sache wäre. Daß diese Tiefschläge überhaupt mit Aussicht auf Erfolg gewagt werden konnten, hat abermals mit dem Ende der sozialistischen Staatenwelt zu tun – in England etwa war schon zu Thatcherzeiten ein Pionierversuch unternommen worden, aber die damals aus der Labourpartei ausscheidenden rechtsopportunistischen »Social Democrats« waren zu früh gekommen; erst Blair machte ihre Träume wahr, weil der allgemeine politische Horizont der Arbeiterbewegung (ohne den die Politisierung, das Kooptieren neuer Menschen, wie wir oben gesehen haben, eine ziemlich aussichtsarme Angelegenheit ist), das Projekt »Sozialismus«, in eine schwere Legitimitätskrise gestürzt war.</p>
<p>Die Nützlichkeit von »Was tun?« ist im Buch selbst auf andere Art dargetan als von der Geschichte, diejenigen, die das im Buch Mitgeteilte verwarfen, fuhren in ihren jeweiligen revolutionären Situationen nicht gut damit, aber die Leninkritik Pannekoeks, Luxemburgs, Rühles war nicht allein daran festgemacht, daß in der Aufstiegsphase innerhalb der Bolschewiki zu wenig diskutiert worden sei, sondern auch am Gebrauch der dann eroberten Staatsmacht durch die Bolschewiki. Muß der aus dem alten neu zu schaffende Staat von der Partei gelenkt werden, muß sie andere Parteien verbieten? Diskutiert man das im luftleeren Raum, fällt das Allerwichtigste weg, nämlich die Unterschiede zwischen der Pariser Kommune, Chile unter Allende, Deutschland nach der Flucht des Kaisers. Lenins politisches Genie bestand darin, daß er konnte, was auch Marx konnte. Der erklärte, als die Kommune ausgerufen wurde, die Theorie sage zwar, jetzt sei dafür der falsche Zeitpunkt, aber wir machen die Theorie für die Leute, und so er die Kommune unterstützt, verteidigt und alles, was in seinen dazumal schwachen Kräften stand, dafür getan, daß sie eine Chance hatte. Umgekehrt verstand sich Lenin wie wenige aufs Zurückrudern, wenn die Lage das verlangte, vom Brester Frieden bis zur NÖP.</p>
<p>Cargo-Kult also betreibt, wer sagt: Wir ahmen nach den Niederlagen Lenins Politik nach, dann werden wir unbedingt Lenins Erfolge haben; solche Reden wecken den Wunsch, denen, die sich in sie werfen, ein bißchen Unterricht in ceteris paribus und totaliter aliter zu geben (der Unterricht ist eine Metapher; nichts besorgt ihn besser als die Praxis).</p>
<p>Je aufgabengemäß differenzierter – ganz unmetaphorisch: intelligenter – die Organisation ist, die eine Auseinandersetzung führt, desto wahrscheinlicher, daß sie richtig, sensibel und schnell reagiert, vor allem aber noch etwas anderes leistet: Tatsachen setzen, die den Gegner zwingen, zu reagieren. Die Lösung Pannekoeks und Geistesverwandter, statt auf die Partei auf die Räte zu setzen, ist also ein sympathischer Kategorienfehler (etwas Einfaches durch etwas Einfaches zu ersetzen, löst kein Problem; die Überlegung reicht an die Schwierigkeiten, die Lenin mal recht, mal schlecht gelöst hat, gar nicht heran), genau wie auf anderer Ebene Luxemburgs Ahnung, der spontane Streik (von dem sie nicht einmal überall an den einschlägigen Stellen klar sagt, ob es ein Schlüsselstellenstreik, ein Generalstreik oder was sonst sein soll) sei das entscheidende Instrument des Kampfes um die Staatsmacht.</p>
<p>Nicht mal Zähneputzen ist immer besser als eine Brücke, es kommt nämlich auf den Zustand der Zähne an. Immer bleibt ausschlaggebend für praktische Solidarität, ob man die richtige Ebene sieht, ob man zu abstrakt gedacht und angegriffen hat oder nicht abstrakt genug. Klandestinität und Konspiration bei einer Demonstrationsvorbereitung wider die Sicherheitszonenabsperrung um WTO-Treffen zum Beispiel bedeuten in Zeiten elektronischer Netze und Mobilfunkgeräte etwas ganz anderes als Klandestinität und Konspiration für die Erste Internationale Arbeiterassoziation, Reichweiten und Alarmzeiten müssen mit Abhör- und Sabotagerisiken verrechnet werden.</p>
<p>Technische Vorrichtungen befreien Personen und Organisationen von Lasten und zu neuen Funktionen; Parteien oder Gewerkschaften müssen dies und jenes heute nicht mehr leisten, was heute schon die Arbeitszusammenhänge selbst tun, können aber als programmatische Organe und Plattformen der Grundpolitisierung so wichtig sein wie ehedem. Versammlungen sind Orte, deren Auseinandersetzungen man nun mal schwerer fälschen kann als statistische Erhebungen oder andere große Datensammlungen, für die sich Netzsysteme anbieten; ein Sowjetanalogon ohne IT-Stab aber wäre heute ein schlechter Witz.</p>
<p>Die Polarität zwischen einerseits weltanschaulich, programmatisch, übersichtstiftend verfaßten Oppositionsgruppen und direkten Interessenvertretungen oder Bündelungen andererseits hebt all das nicht auf; sie müssen zusammengebracht werden, um die Subsumtion des Menschenlebens unter das Walten des automatischen Subjekts, den großen Geldapparat, zu brechen. Historisch, das ist das Hoffnungsstiftende am Befund, streben sie tatsächlich immer wieder aufeinander zu, haben dann allerdings auch immer wieder die Andockschwierigkeiten, die Lenin an der Relation zwischen Trade-Unionisten und Parteisozialisten expliziert hat. In der gegenwärtigen »Bewegung der Bewegungen« (Naomi Klein) gegen die profitgetriebene Weltwerdung der Welt des automatischen Subjekts findet man genügend Ereignisse, die das belegen – zum Beispiel in Seattle, 1999: Am Rande der ersten Konferenz der Wirtschafts- und Handelsminister der in der WTO vertretenen Staaten auf dem Territorium der USA fanden damals für einen winzigen Augenblick alle möglichen und unmöglichen Unzufriedenheiten mit dem Stand der Dinge (meint: dem damals in full effect über die Menschengattung hinwegrollenden Anschlag auf sämtliche Errungenschaften der Linken seit Geburt der Arbeiterbewegung, begründet mit der Notwendigkeit, die Welt passend zu machen für die Globalisierung – das Versprechen von Prosperität und Sicherheit wurde schon damals, also vor dem Krieg gegen den Terror, propagandistisch lautstark gegen Freiheit und Gerechtigkeit ausgespielt, die Ereignisse, die drei Jahre später folgten, waren schon die zweite reaktionäre Riesenwelle nach dem Ende der Systemkonkurrenz). Umweltidealisten und TRIPS-Gegnerinnen, Aids-Aktivisten, vegane Tierschützer, Studentinnen gegen Sweatshops, Anarchisten, Antiimperialistinnen und Sozialforumsleute rotteten sich zusammen, gaben Laut und lieferten sich Scharmützel mit der Staatsmacht in Gestalt der Polizei, fanden sich aber vor allem auch an der Seite von Arbeiterbewegungsresten wieder, lokal und global gerichteten sogar: Die United Steelworkers of America und von Aussperrung betroffene Streikende der Firma Kaiser Aluminium in Washington State, wenige Autostunden von Seattle entfernt, lieferten das lokale Element, das globale steuerten die Teamsters, also Transportarbeiter bei (was in der Medienresonanz zu schönen Alliterationen führte wie »Teamsters and Treehuggers unite« oder, zu sehen im nicht einmal unerträglich schmalzigen Quasi-Doku-Drama »Battle in Seattle«, »Turtles and Teamsters together« – ersteres meint bedrohte Schildkröten bzw. die Leute, die sie retten wollen).</p>
<p>Die »Teamsters for a Democratic Union« machten sich besonders beliebt; dabei handelt es sich um eine Reformorganisation, welche die traditionell eher nicht weltbewegend linken Mainstreamgewerkschaften der USA mittels Organizing-Methoden aufzurollen bemüht ist; sie verteidigten mit Einfallsreichtum, Hartnäckigkeit und Geschick die strategisch wichtige Gegend von Capitol Hill, einem Viertel, das von signifikanten Teilen der interracial und gay communities der Stadt bewohnt wird. Gewerkschaften drohten sogar mit Streiks für den Fall, daß die teilweise unrechtmäßig festgehaltenen Menschen, die man bei den Demonstrationen aufgegriffen hatte, nicht freikämen – es war ein Moment des Durchatmens, auf den zunächst nur ein einziges theoretisches Dokument folgte, das mit der Reichweite der Proteste (die bald anderswo ihre Fortsetzung und Ausweitung fanden, in Melbourne, Washington, Quebec, Prag, Heiligendamm …) mitzuhalten versuchte, Negris und Hardts »Empire«.</p>
<p>Das Buch handelt von Dingen, die wir nicht glauben: daß man das System, gegen das die Treehuggers und Teamsters sich gewandt hatten, mit Begriffen wie Staat, Institution, Organisation, Imperialismus, Kapital und so fort nicht fassen könne, daß es nicht darauf ankomme, Kämpfe zu bündeln – das Buch hat also einen Impetus, der dem des rund 100 Jahre früher erschienenen Handbuchs »Was tun?« geradezu entgegenstrebt. Kurz nachdem Lenins Arbeit erschienen war, riskierten die Russen, durchaus ohne sie gelesen zu haben, ihren ersten Revolutionsanlauf. Kurz nachdem Negris und Hardts Buch erschienen war, riskierte im Fallout der Anschläge vom 11. September 2001 die Regierung George W. Bush einen großangelegten Versuch, die Welt in entschieden gegenrevolutionärem Sinn zu verändern.&#8221;</p>
<p>Fußnoten:<br />
1 Wladimir Iljitsch Lenin: Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung. Berlin 1984, S. 86<br />
2 Lenin a.a.O., S. 134</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/aufwaerts-geno-gruendung.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6447" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/aufwaerts-geno-gruendung.jpeg" alt="" width="160" height="226" /></a></p>
<p><em>Aufwärts Genossenschaften gründen!</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Mich erinnerte dieser globale Rundumschlag rund um Lenin an den fliegenden Slowenen Slavoj Zizek &#8211; vor allem an seine Flugzeugtexte, die er unter dem Titel &#8220;Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21.Jahrhundert&#8221; immer noch halb höhenwahnsinnig zusammengefaßt hatte:</strong></p>
<p>&#8220;Lenin ist offensichtlich besorgt, dass sich Gorki nicht nur eine Erkältung, sondern eine viel schlimmere, ideologische Krankheit zuzieht, wie aus dem folgenden Brief deutlich wird (der gleichzeitig mit dem vorherigen abgeschickt wurde).&#8221;</p>
<p>&#8220;Es gab in den sowjetischen Medien keine Schwarzbücher, keine Berichte über Verbrechen und Prostitution, (ganz zu schweigen von Arbeiterprotesten oder Demonstrationen).&#8221;</p>
<p>&#8220;Der stalinistische Terror der 1930er Jahre war ein humanistischer Terror. Sein Festhalten am &#8216;humanistischen&#8217; Kern schränkte den Terror nicht ein, es war seine Grundlage, die inhärente Bedingung seiner Möglichkeit.&#8221;</p>
<p>&#8220;Das Problem ist nicht der Terror als solcher &#8211; unsere Aufgabe besteht heute vielmehr genau darin, den emanzipatorischen Terror neu zu erfinden.&#8221;</p>
<p>&#8220;Im Kern entspricht Chruschtschows Antwort dem Antikriegsargument  von Neill Kinnock&#8230;&#8221;</p>
<p>&#8220;Schostakowitsch hat nie diesen Grad des immanenten Scheiterns erreicht. Das Stück, das aufgrund seiner außergewöhnlichen subjektiven Intensität am ehesten mit Prokofjews Erster Violionsonate vergleichbar ist, ist natürlich sein Streichquartett Nr.8&#8230;&#8221;</p>
<p>&#8220;Was sollen wir nun mit diesen Ausführungen anfangen? Man sollte sehr präzise auf der abstrakten Theorieebene diagnostizieren, wo Mao recht hatte und wo er falschlag.&#8221;</p>
<p>&#8220;Das Paradox von Kants Formel &#8216;Denke frei, aber gehorche!&#8217; besteht demnach darin, daß man an der allgemeinen Dimension der &#8216;öffentlichen&#8217; Sphäre eben gerade als ein singuläres, der festen kommunalen Identifikation entzogenes oder ihr sogar entgegengesetztes Individuum teilhat.&#8221;</p>
<p>&#8220;Diese Verlagerung vom politischen Engagement zum postpolitischen Realen zeigt sich vielleicht am besten im Filmschaffen des Erzrenegaten Bernardo Bertolucci, von seinen frühen Meisterwerken wie &#8216;Vor der Revolution&#8217; bis zu den späten ästhetisch-spiritualistischen Selbstbefriedigungen wie dem verabscheuungswürdigen &#8216;Little Buddha&#8217;.&#8221;</p>
<p>&#8220;Das von Theoretikern wie Claude Lefort und Jacques Ranciere ins Feld geführte Gegenargument, wonach die Form niemals eine &#8216;bloß Form&#8217; ist, sondern eine eigene Dynamik entwickelt, die Spuren in der Materialität des Soziallebens hinterlässt, ist absolut stichhaltig&#8230;&#8221;</p>
<p><em>Letzter Satz:</em></p>
<p>&#8220;Ihr habt euren antikommunistischen Spaß gehabt und er sei euch verziehen &#8211; aber jetzt ist es an der Zeit, wieder ernsthaft zu werden.&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/strom-durch-kooperative-china.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6448" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/strom-durch-kooperative-china.jpeg" alt="" width="186" height="271" /></a></p>
<p><em>Elektrischer Strom &#8211; durch die Kooperative</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>In der von Amazon vertriebenen Tiqqun-&#8221;Anleitung zum Bürgerkrieg&#8221; heißt es an einer Stelle:</strong></p>
<p>&#8220;Ich spreche vom Bürgerkrieg, um ihn auf mich zu nehmen, um ihn in Richtung seiner erhabensten Erscheinungsweisen auf mich zu nehmen. Das heisst: meinem Geschmack entsprechend&#8230;  Und Kommunismus nenne ich die reale Bewegung, die überall und jederzeit den Bürgerkrieg zu zunehmend elaborierter Beschaffenheit vorantreibt.&#8221;</p>
<p><strong>Die marxistische Netz-Zeitschrift &#8220;grundrisse&#8221; interviewte den Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen zum ersten Tiqqun-Text  &#8220;Der kommende Aufstand&#8221;:</strong></p>
<p>Pascal Jurt: Nun hat es das Büchlein &#8220;Der kommende Aufstand&#8221; sogar schon unter die Bestseller der Wiener Filiale einer großen Buchhandelskette geschafft und liegt da ein wenig verloren zwischen Elfriede Vavriks &#8220;Nacktbadestrand&#8221; und Giovanni di Lorenzos&#8221; Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt&#8221; herum.</p>
<p>Diedrich Diederichsen: Ich habe in Berlin-Schöneberg in einer Buchhandlung die Szene erlebt, dass ein älteres Mütterchen in die Buchhandlung stapfte, das Buch haben wollte und es dann bereits vergriffen war. Die hatte darüber gelesen oder vielleicht ein Radio-Feature gehört. Die war, wie dann im Gespräch mit dem Buchhändler klar wurde, im Grunde genommen eine Stuttgart 21-Mobilisierte, die dachte, dass sie da ihr Buch findet.</p>
<p>Wofür steht dieses Manifest und worauf reagiert es?</p>
<p>Ich denke, der entscheidende Punkt ist, dass das Manifest die politische Kritik &#8211; oder wie immer man es nennen will &#8211; wieder anbindet an Lebensformen und zudem zwischen &#8216;richtiger&#8217; und &#8216;falscher&#8217; Lebensform unterscheidet. Im Grunde genommen geht es um das, was ich als Jugendlicher in den 1970er Jahren gemacht habe, wenn ich mit meinen Freunden, auf irgendwelchen Psychedelika, durch die Straßen gegangen bin, und wir höhnisch auf die Spießer gezeigt haben und sie &#8216;Plastikmenschen&#8217; genannt haben. Frank Zappa hat in den 1960er Jahren von den &#8220;Plastic People&#8221; gesungen: Leute, die sozusagen manipuliert und stumpfsinnig und als Konsumidioten durch die Welt trotten. Daneben gibt es die Anderen, die versuchen, ein &#8216;richtiges&#8217; Leben zu leben und gründen Kommunen. Und auch damals haben sie Kommunen gegründet! Es ist ja auch was dran. Für jemanden, der in einem bestimmten Alter die Möglichkeit hat, auf verschiedene Weise Lebenserfahrungen zu machen, ist das vielleicht eine sehr evidente Zuspitzung, eine Form des Gefühls, dass wirklich alles falsch ist. Dies ist wieder möglich, seit sich in den empfindsamen Schichten wieder herumgesprochen hat, dass ein kreativer Beruf eben nicht die Lösung ist. Das ist das, wonach es sich am meisten für mich anhört: Man kann wieder existenzialistisch &#8211; betroffen &#8211; über Politik schreiben und ist sich qua Stil zugleich für Betroffenheit natürlich viel zu fein. Aber: Man hat eine Wahl zwischen verschiedenen Lebensformen und man wählt die richtige. Man kann in seiner Art zu leben, etwas politisch richtig machen.</p>
<p>Dem Versprechen, praktische Vorschläge für Subversion anzubieten, begegnet man heute ja eher selten. Ist es nicht erstaunlich, dass ein radikales Buch sich so gut verkauft?</p>
<p>Radikalität ist doch etwas sehr Attraktives, allein schon weil das Radikale im wirklichen Leben selten ist. Zudem ist es ein simpler, leicht einleuchtender Gedanke, dass man tiefer ansetzen muss, nicht an den Symptomen doktern, das ist intellektuelle Folklore. Das Radikale ist aber nicht zwingend politisch. Wenn es sich nur auf der Ebene der Lebensformen abspielt, ist Otto Mühls Kommune sicher sehr radikal, politisch konntest Du sie eher in der Pfeife rauchen. Ich möchte jetzt nicht nur in überlebten Schmähkategorien reden, aber man kann es fast nicht anders ausdrücken: es ist fast schon kleinbürgerlich, das politische Denken darauf hin zu schneidern, wie man damit bei sich selbst anfangen kann. Das sagt es zwar an keiner Stelle explizit, aber das ist die Attraktivität. Und das klappt oft direkt in einen reaktionären Moralismus um &#8211; ganz abgesehen davon, dass es politisch nicht hinhaut. Andererseits aber kann eine Auseinandersetzung, ein Gespräch, das zu Einstellungswechseln führen soll, gar nicht anders geführt werden als über eine solche existenzielle Ansprache. Auf irgendeiner Ebene muss das sowieso passieren. Das wäre dann aber eher Agitation oder Propaganda oder auch Pop als Analyse oder Kritik.</p>
<p>Aber ist das Politische des Buches nicht gerade, dass es sich jeder politischen Beteiligung zwecks Verbesserung der Zustände enthält? Geht es nicht stattdessen um Feindbestimmung?</p>
<p>Ja, das sehe ich auch so. Aber Feindschaft ist ja so eine individuell kleinbürgerliche Lösung des Problems, dass ich nicht weiß wohin mit meinen politischen Leidenschaften. Ich denke mir beim Fahrradfahren auch immer Schauprozesse und Standgerichte gegen SUV-Fahrer aus.</p>
<p>Der Protest findet wieder auf die Straße zurück, Soziale Bewegungs- und ProtestforscherInnen konstatierten für 2010 mehr Aufstände und Unruhen als 1968. Griechenland, die nordafrikanischen Ländern und jüngst auch Spanien wurden von heftigen Revolten erschüttert. Selbst in der schwäbischen Hauptstadt Stuttgart wüteten BürgerInnen angesichts eines Bahnhofabrisses. Der kommende Aufstand bezieht sich zum einen direkt auf die Aufstände in Griechenland, in Oaxaca und in Argentinien, repräsentiert aber zum anderen auch die widersprüchlichen Erfahrungen der Linken, die man auch als Krise der Linken lesen könnte.</p>
<p>Die Tatsache, dass es eine Fülle von Aufständen gibt und diese auch als eine Fülle und Vielfalt von Aufständen wahrgenommen werden, hat meiner Meinung auch damit zu tun, dass diese gerade nicht leicht zu vereinheitlichen sind. Das einzig Gemeinsame ist vielleicht, dass man überall auf der Welt seit 30 Jahren mit der gleichen posthistorischen Propaganda lebt; dass allen &#8211; ganz egal, was die wollen oder für Interessen haben &#8211; vielleicht nunmehr endgültig lang genug gesagt wurde, dass es keine Alternative gäbe. Das will wirklich niemand mehr hören. Die Alternativen, die die Leute je und je hören wollen, sind aber sehr verschiedene.</p>
<p>Ein Begriff für diese Vielheit reicht nicht aus, um der Tatsache Ausdruck zu verleihen, dass unterschiedliche Entwicklungsstadien, auch innerhalb einer globalen Situation, Ausdruck und Anlass für alle Arten von Aufständen liefern. Das ist wirklich ein neues Phänomen, das auch eine andere Vorstellung der Geschichtlichkeit von Aufständen verlangt. Man sollte den Aufstand also nicht mehr gut altmarxistisch als Zuspitzung einer bestimmten Widerspruchssituation sehen, sondern die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Aufständen, von historischen Entwicklungsphasen in Betracht ziehen. Man muss nicht nur die Gleichzeitigkeit einer Welt wahrnehmen, in der es eine Erste und eine Dritte Welt gibt, sondern auch die Gegensätze, die im selben Stadtraum aufeinander prallen. Das ist gar nicht hoch genug einzuschätzen als Herausforderung der Beschreibung: die Simultaneität unterschiedlicher Zeitinseln, die ich nicht in eine lineare Entwicklung eintragen will.</p>
<p>Das finde ich einen wichtigen Punkt. Slavoj Zizek wies in einem Gespräch kurz nach dem Rücktritt Mubaraks auf Aljazeera darauf hin, dass die Bilder und Interviews aus Kairo zeigten, dass wir im Moment des Kampfs gegen die Tyrannei unmittelbar solidarisch sind, dass der Kampf um die Freiheit praktischer Universalismus ist.</p>
<p>Ja klar, aber der Gedanke hat auch was Tautologisches. Freiheit ist halt ein Name für erwünschte politische Verhältnisse, auf die sich sogenannte Universalismen einigen können &#8211; auf was, wenn nicht auf die Freiheit. Das Problem, dass das schon für Männer und Frauen in Ägypten etwas sehr Unterschiedliches bedeutet, ist dann das Problem dieses Universalismus.</p>
<p>Was die sogenannten arabischen Aufstände für mich als inspirierendes Moment haben &#8211; so blöde das klingt aus der Distanz &#8211; ist eher der Punkt, dass man eben nicht sagen kann, worum es geht. Aber deutlich sagen kann, dass es darum geht, die Bedingungen zu schaffen, um darüber streiten zu können, um was es geht. Das &#8211; finde ich &#8211; hat eine extrem utopische Note.</p>
<p>Im Sinne von Derridas &#8220;democratie à venir&#8221;?</p>
<p>Ich würde mich da nicht einmal auf Demokratie festlegen, aber &#8220;(à)venir&#8221; auf jeden Fall. Man sollte den Rahmen offen halten, indem man einen neuen Rahmen schafft, in welchem man sagt, die Ebene, auf der bisher diskutiert wurde, ist völlig defizitär.</p>
<p>Eine kleine Ironie sehe ich auch noch im Titel: ist der kommende Aufstand nicht vielleicht auch eine Antwort auf, oder vielleicht eine sarkastische Antwort auf die kommende Demokratie, also auf Derridas kommende Demokratie?</p>
<p>Und auf die kommende Gemeinschaft von Agamben?</p>
<p>Mit Agamben sind sie wahrscheinlich sogar einverstanden, die kommende Gemeinschaft ist wahrscheinlich ein Endzweck des kommenden Aufstandes, während die kommende Demokratie von Derrida wahrscheinlich ein Problem ist, weil die kommende Demokratie von Derrida &#8211; was ich an der kommenden Demokratie ja schätze &#8211; eben immanentistisch vorgeht, davon dass, was immer auch passiert, was immer auch sich zum Guten oder Schlechten wendet, sozusagen aus dem Material gemacht ist, das es schon gibt. Und dass es keine Aufstände oder Ereignisse ex machina geben wird. Aber ich glaube, dass das genau der Gegensatz zwischen Agamben und Derrida ist. Jedenfalls kommt &#8211; glaube ich &#8211; auch das Kommende ein bisschen her. Man kann es ja auch so wenden, dass sie ganz punkig sagen wollen, ob Demokratie oder Gemeinschaft ist völlig egal, uns geht es nur um den Aufstand, nicht um irgendeine Teleologie.</p>
<p>Die Verschränkung der weltweiten Aufstände mit der Diagnose einer entfremdeten Welt ist doch aber eine interessanter Punkt?</p>
<p>Ich finde, das hat das nichts zu tun mit der Diagnose dieses Textes, der eine bestimmte Art von Entfremdung und Sinnverlust, Stumpfsinn und Unterworfenheit beschreibt. Die ist zwar nicht immer komplett falsch, aber sie hat nichts damit zu tun, was zwei U-Bahn-Stationen weiter passiert z.B. in den Banlieues. Ich will da nicht einfach nur auf Bürgerkinder oder Nicht-Bürgerkinder hinaus, das hat auch noch ganz andere Seiten der Unterschiedlichkeit, die nicht mit einem gemeinsam kapitalistisch entfremdeten Leben zu beschreiben sind. Mir wäre doch unter bestimmten Umständen mehr &#8220;Entfremdung&#8221;, wenn man darunter z.B. eine Versachlichung von Arbeitsverhältnissen verstehen würde, durchaus lieber als die Newspeak der sozialen Kompetenz, der soft skills und des Teamgeistes. Auch wer gegen primär patriarchal begründete Verhältnisse aufbegehrt, also u.a. mit der Analogie von Staat und Familie, möchte doch eher mehr Fremdheit &#8211; natürlich ist das nicht die Entfremdung im marxistischen Sinne, aber ob Fremdheit für dieses Verhältnis immer noch die richtige Metapher ist, wäre vielleicht auch zu bezweifeln.</p>
<p>Ich denke, auch der Punkt des Selbstverwirklichungs-Elends ist wichtig. Ich glaube, was jetzt auch weitestgehend allen dämmert, ist, dass die Selbstverwirklichung im kreativen Beruf an gewisse Grenzen gestoßen ist. Zum einen fällt ihr die Maske herunter, aber auch da, wo ihr nicht die Maske herunterfällt, ist sie ein knappes Gut geworden und wird durch Risiko und Stress erkauft, durch Selbst-Unternehmertum und so weiter. Das ist also einfach nicht mehr erstrebenswert und das ist natürlich eine Voraussetzung für dieses Buch, dass viele gebildete, etwas auf ihre Coolness haltende Leute sich nicht mehr wie in den letzten 25 Jahren nach dem Ende der großen politischen Hoffnung darauf freuen können, als Künstler und Künstlerinnen ihr Auskommen zu haben &#8211; oder als Designer.</p>
<p>Der andere Punkt, die Enttäuschung der Linken, finde ich wiederum eine größere Sache, weil die Generation, die jetzt unmittelbar davon angesprochen ist, nicht mehr &#8211; über generelle Gesinnungsfragen hinaus &#8211; erlebt hat, dass die Linke eine realpolitische Option ist &#8211; anders als der ältere Herr, mit dem ich heute im Wartezimmer ins Gespräch kam, der mir erzählte, wie in seinem Leben die Gewerkschaften bis 1969 jedes Jahr etwas Neues erkämpften, dann bis in die mittleren 80er noch ganz gut im Geschäft waren und seitdem jedes Jahr eine Errungenschaft preisgeben. Diese Enttäuschungen kennt die aktuelle 20 bis 35jährige Generation gar nicht. Und die, die eine linke Vergangenheit haben, die an irgendwelchen linken Niederlagen lebensgeschichtlich und auch existentiell beteiligt sind, werden &#8211; glaube ich &#8211; von dem Buch nicht angesprochen.</p>
<p>Das Manifest ist doch für junge Menschen, die trotz ihres akkumulierten kulturellen Kapitals weit von den Privilegien entfernt sind, in deren Genuss ihre Eltern im goldenen Zeitalter der immerwährenden Prosperität noch kamen, sehr attraktiv.</p>
<p>Diese Analyse ist mir fast schon zu triftig, sie stellt das Ganze auf eine zu breite Basis. Attraktiv ist dieser Text doch nur für einen wiederum doch sehr kleinen Teil von Leuten. Nämlich da, wo ein bestimmtes künstlerisches Wissen und eine bestimmte künstlerische Sensibilität in Verbindung mit dem Moralisch-im-Recht-Sein wichtig genommen werden. Also, wo ganz dandyistisch das Recht-Haben ein ganz bestimmtes sprachliches Kleid trägt. Das ist natürlich den meisten politisierten jungen Leuten relativ egal, um nicht zu sagen hinderlich. Das würde sie abstoßen und irritieren, wenn plötzlich jemand auf Stil Wert legte. Wenn sich Studierende an einer Hochschule über den Bologna-Prozess aufregen und zusammentun, gibt es zunächst niemanden, der Stilkritik übt.</p>
<p>Wen adressiert also das Buch letztendlich? Ist das Offene das Erfolgsrezept des Buches?</p>
<p>Wenn man versucht, den Nutzwert zu beschreiben, dann sind es wenige Leute, die so etwas wie dandyistische Linksradikale sind. Ich kann mich in deren Position gut einfühlen, aber das ist eine verschwindende Minderheit und es sind zumeist auch noch Leute, die stolz darauf sind, sich selbst etwas ausgedacht zu haben und sich nicht anderer Leute Aufstände anschließen. Ich glaube, dass eben dieses existenzialistische Denken, das davon ausgeht, dass sich durch Lebensstil oder Lebensformen etwas lösen lässt, einfach so ein wahnsinnig geiles Versprechen ist, dass da sozusagen alle Schranken fallen. Das finden auch Leute gut, die gar nicht unbedingt Revolutionäre werden wollen. Das finden Leute gut, die noch vor zwei Tagen beim Yoga oder beim Kieser-Training ihre Probleme gelöst haben und die auch jetzt nicht Linksradikale oder Revolutionäre werden wollen. Aber die einfach aus dieser Verbindung heraus die Inspiration nehmen, &#8220;Ja, da kann man vielleicht auch andere Verbindungen herstellen&#8221;. So funktioniert auch die Hermann-Hesse-Lektüre. Man bekommt irgendwie gesagt, wenn man nur auf seine innere Stimme höre und das übertrüge &#8230; So funktioniert das, glaube ich. Und außerdem kommt noch dazu, dass diese Art von Linksradikalismus nicht so angstbesetzt ist. Niemand bekommt das Gefühl, morgen muss ich mit einer Kiste Molotow-Cocktails in meinem Transporter irgendwo vorfahren. Sondern, dass es eben eine Sache der Einstellung, der Lebensformen sei. Und das ist einfach jenseits der Zielgruppe &#8220;Linke&#8221; attraktiv.</p>
<p>Es gibt aber inzwischen in Frankreich und Italien, aber auch in der französichsprachigen Schweiz eine beträchtliche Szene des Insurrektionalismus, die starken Einfluss auf die Szenen in den Krisenländer Portugal, Spanien und Griechenland hat.</p>
<p>Klar, das ist sozusagen der besser informierte Rand der aktuellen Wut. Allerdings reagieren diese Leute ja auf sehr viel massiver materiell spürbare Folgen einer kapitalistischen Großkrise als die eher auf die Verblödung der Plastikmenschen und die Warenförmigkeit des Junge-Mädchen-Verhältnisses reagierenden unsichtbaren Aufständler. Neu ist ja, dass im Moment wirklich angezeigt ist und auch erwartet werden kann, dass etwas Drittes an die Stelle der etablierten Künstler- und Sozialkritiken tritt, die man dann nicht mehr gegeneinander ausspielen können wird.</p>
<p>Das Buch lag auf englisch schon recht früh in den Kunst-und Theoriebuchhandlungen aus. Semiotext(e) brachte das Buch &#8211; nach der französischen Orginalausgabe &#8211; im August 2009 als erster Verlag auf englisch in einer Reihe des MIT heraus. Gibt es im Feld der Kunstproduktion nun wieder eine positive Bezugnahme auf Handlungsmöglichkeiten jenseits von Projektarbeit?</p>
<p>Kunst, die glaubt, unmittelbar Politik zu sein (statt: politisch zu sein), hat noch nie funktioniert. Wenn man überhaupt mit einer Ontologie der Kunst arbeitet, kauft man die Trennung der Sphären mit ein, was seine Vor- und Nachteile hat. Eine Zeit lang fand ich ja, dass Kunst so wahnsinnig sozialpragmatisch geworden ist, dass der reale Aktivismus keine andere Chance mehr hatte als sie an Radikalität zu überbieten. Manchmal denken Leute, die sich KünstlerInnen nennen, politisch pragmatischer als die AktivistInnen.</p>
<p>Die Tagung &#8220;The Idea of Communism&#8221; in London und an der Berliner Volksbühne adressierte vor allem Künstlerinnen. Wird der Begriff Kommunismus neuerdings auch für dieses Milieu interessant?</p>
<p>Man hat wieder vergessen, wie tief dieser Name diskreditiert war, als 1989 in Bukarest gut aussehende RebellInnen riefen, sie wollten nie wieder Kommunismus. Als Denkmöglichkeit des Nicht-Privateigentums, der Nicht-Eigenschaften begrüße ich das, ich denke, es gibt eine reichhaltige intellektuelle Geschichte des Kommunismus, die das erlaubt. Mich stört allerdings an den prominentesten zeitgenössischen Autoren, die sich auf diesen Namen berufen, dass sie das eher um einer Liebe zur Poesie des Schroffen, des Unversöhnlichen heraus tun &#8211; als um etwas neues Altes zu denken.</p>
<p>Am Anfang des Manifests steht die fulminante Abrechnung mit dem Individuum, eine fast schon negativ anthropologisch Diagnose des Leidens des Ichs im Hier und Jetzt. Der Text argumentiert aber nicht klassisch kulturpessimistisch, sondern erinnert auch ein wenig an Alain Ehrenburgs Idee vom &#8220;erschöpften Selbst&#8221;.</p>
<p>Ja, wobei es im Fall Ehrenburgs Diagnosen sind, die er ganz sachlich vornimmt. Er macht das geradezu unpolitisch und manchmal erlaubt er sich einen Gedanken in Richtung Kulturpessimismus, aber das ist bei ihm kein zusammenhängendes Programm. Ich finde auch, dass das Manifest nicht klassisch kulturpessimistisch ist, sondern eben, dass es sozusagen die Untergangsvisionen sind, die eher Zappa 1966 hatte. Es kommt mir so vor wie die ersten beiden Alben der Mothers of Invention, was dort geredet wird, auch das in den Sarkasmus immer wieder hinein brechende Pathos. Das ist ein typisches Merkmal. Zappa lässt in der Anklage an die &#8220;Plastic People&#8221; die Eltern, die unter Schminke ihrem Alkoholismus frönen, ihr falsches Leben leben. Der Ton ist sarkastisch, alles ist Satire und schrille Kleider. Und dann kommen dazwischen so Zeilen, wie &#8220;Ever told your kids you&#8217;re glad that they can think?&#8221; Da gibt es dann plötzlich so ein unglaublich pathetisches Moment. Ich glaube, es handelt sich hier auch um diese Art der Verwünschung des Bestehenden. Das ist in der Tat kein klassischer Kulturpessimismus. Der klassische Kulturpessimismus sitzt ja eher in der Hotelbar und schaut sich das alles an, ist alleine und will keine Kommunen gründen.</p>
<p>Was meinst Du damit?</p>
<p>Ich finde, der klassische Kulturpessimist ist ein Hendrik de Man, ein Ernst Jünger nach &#8217;45. Das ist so das Modell, das Lutz Niethammer sehr gut in seinem Posthistoire-Buch beschreibt. Der klassische Kulturpessimist ist jemand, der eine Hoffnung hatte in irgendeine Umwälzung und erlebt hat, wie diese gescheitert ist. Das gibt es bekanntlich auch reichlich bei alten Linken und 68ern. Dieses Wissen um das Scheitern hat er als seine Legitimationsstrategie für sein weiteres Leben entwickelt.</p>
<p>Sicher stand aber Debords Kulturpessimismus auch Pate beim Manifest?</p>
<p>Ja, der späte Debord ist ja auch verdammt kulturpessimistisch. Diesen Kulturpessimismus finde ich auch ein Problem bei diesem Text, vor allem ein stilistisches, da Debords Kulturpessimismus sich ja so in der Sprache widerspiegelt. Dieser Sprache des Imperfektes, dieses zurückschauenden Imperfektes &#8211; die imitieren sie ja ziemlich genau.</p>
<p><strong>Man hört stark auch den mittleren Debord der Lukács-Phase.</strong></p>
<p>Aber noch mehr &#8211; ich kenne ja die klandestinen Verhältnisse hinter diesem Buch nicht, ich kenne nur verschiedene Gerüchte &#8211; noch viel mehr in Reinkultur findet man das im Film &#8220;Get rid of yourself&#8221; von der Bernadette Corporation. Da spricht ein Typ, von dem ich annehme, dass er dieses Buch geschrieben hat, weil er sehr, sehr ähnlich redet. Und der hat 2001 diesen Debord geradezu bauchrednerisch drauf. Das ist der reine Debord. In der Zwischenzeit &#8211; das ist meine These &#8211; hat er noch etwas erlebt und etwas gelesen und jetzt ist es nicht mehr ganz so nahe dran. Dieses 2001-Manifest ist totaler Debord und hat auch offen kulturpessimistische, über Debord hinaus gehende Passagen, wo von untergehender Zivilisation die Rede ist, wo es dann nicht mehr nur um den Kapitalismus geht, sondern um &#8220;das Abendland&#8221;, um &#8220;den Westen&#8221; .</p>
<p>Dort sehe ich dann wieder eine Verbindung zu Alain Badiou. Der geht dann auch wieder zurück bis ins frühe Griechenland. Der Film bringt das miteinander in Verbindung. Auch damals ist schon vom Kommunen-Gründen die Rede. Das ist wirklich schon ziemlich ähnlich. Und der Film bringt dieses Kommune-Gründen in Verbindung mit so Dingen wie der Factory in New York oder eben auch Brandschatzen in Genua.</p>
<p>Das Buch besteht ja aus zwei Teilen. Einem zeitdiagnostischen Teil und einen sehr konkreten praktischen Teil. Was hälts Du vom zweiten Teil, der Anleitung zur Praxis?  Anleitungen zur Praxis werden eh nie gelesen wie Anleitungen zur Praxis.</p>
<p>Das ist einfach eine Textform. &#8220;Do it! Scenarios of the Revolution&#8221; von Jerry Rubin hat auch niemand nachgebaut. Das ist halt nur so eine Textform.</p>
<p>Ich finde, dass dieser Aspekt von Texten nicht uninteressant ist und nicht völlig falsch. Ich finde nur, das mit Politik zu verwechseln, ist ein Problem. Und ich finde auch die Empfehlung, wie man zu leben hat, anmaßend und Käse.</p>
<p>Woran ich mich auch erinnert fühlte, das war Seth Prices Text &#8220;How To Disappear in America&#8221;, diese Anleitung zu verschwinden. Also wie kann man sich sozusagen aus Datennetzen komplett befreien, wie kann man wirklich unsichtbar werden. Das ist ein toller Text, der das auch als praktische Anleitung beschreibt, aber dem natürlich kein Mensch folgt. 99 von 100 Lesern sind davon fasziniert, aber nicht, um es nachzumachen. Die Textform der Anweisung, die Textform des praktischen Vorschlages ist einfach ein forciertes realistisches Schreiben. <strong>Das ist ein weiterer literarischer Trick.</strong></p>
<p>Während im bürgerlichen Feuilleton der glänzende Stil, die poetische Qualität und die konzise Gegenwarts-Beschreibung gerühmt wurde, attestierte die linksliberale (taz) und linke Presse (Jungle World) dem Buch teilweise reaktionäres Gedankengut und ordnete den Kommenden Aufstand als antimoderne Hetzschrift ein.</p>
<p>Es gibt elitäre und aktionistische Komponenten in dem Buch, die ich vielleicht für kompatibel mit rechten Ideen von direkter Aktion halten würde, aber nur wegen Schmitt-Dropping ist man natürlich nicht rechts, da stimme ich der Kritik in der taz nicht zu. Allerdings auch nicht dem Verriss dieser Kritik durch den ansonsten sehr geschätzten Cord Riechelmann in der Jungle World, dem die Bauchschmerzen gegenüber dem Manifest zu &#8220;sozialdemokratisch&#8221; waren. Aber es gibt natürlich Berge von Linken, auch sozialdemokratischen Linken wie Chantal Mouffe, die produktiv mit Schmitt arbeiten. Dann gibt es aber auch tatsächlich die, da denke ich dann an Autoren wie Agamben, die mit Schmitt arbeiten und mit anderen rechten Autoren und dabei auch nicht unbedingt rechts werden, aber so in einen radikalen Formalismus abdriften, dass es schon problematisch wird. Vor allem, wenn darauf dann eine Gesellschaftskritik aufgebaut wird, die nur bestehen kann, wenn sie sich als Zivilisationskritik geriert, die die Leute überall fundamental falsch leben sieht.</p>
<p>Diese Art der Zivilisationskritik ist ein rechter Topos?</p>
<p>Ich weiß nicht, ob es ein rechter Topos ist, aber ein fieser: wenn sogar Robert Kurz einmal zustimmend Ernst Jünger zitiert mit dem Beispiel, dass er das Rumgerase auf Motorrädern den Gipfel von Entfremdung findet &#8211; und wenn anhand von solchen Beobachtungen bildungsbürgerliche Gemütsmenschen den jungen Leuten ihr sinnloses Treiben als Zivilisationsschaden ausreden wollen oder, wie bei Agamben, mit Heidegger die Diagnosemaschine angeworfen wird, da hört&#8217;s bei mir auf. Mein Zivilisationsschaden gehört mir. Auch und gerade im Kommunismus, bitte!</p>
<p>Ich finde die Bezugnahme auf die Riots in den Banlieues interessant. Die Abgehängten der Banlieues wollen sich nicht eingliedern lassen, genausowenig wollen sie sich den etablierten Instrumenten der Repräsentation beugen. Die Linke ist bisher &#8211; was die Aufstände der Banlieues betrifft &#8211; ziemlich sprach- und ratlos geblieben.</p>
<p>Ich bin mir nicht so sicher, ob ich diesen Gedanken teile. Mir ist das ein Tick zu spontaneistisch. Ich denke, in der Politik jedweder Art gibt es immer ein Element einer Repräsentation. Natürlich gibt es auch immer eine berechtigte Kritik an Repräsentation und Abschaffung von Repräsentation. Aber das Verhältnis von Repräsentation und Intensität wird man nicht in eine Richtung auflösen können zur reinen Intensität hin. Das funktioniert nicht. Natürlich auch nicht in Richtung reiner Repräsentation. Darauf muss man irgendwie hin arbeiten, aber ich denke, dass die Bezugnahme auf die Banlieues-Aufstände auch ein bisschen parasitär ist.</p>
<p>Wobei ja in diesem Text jetzt nicht nur eine reine Unmittelbarkeit gepredigt wird. Der Mühseligkeit der Herausbildung einer realen Klassenbewegung sind sich die VerfasserInnen des Manifestes durchaus bewusst.</p>
<p>Die Londoner Vorgänge dürften noch eine größere Herausforderung darstellen. Man kann die an ihnen Beteiligten ja nicht als allein rassistisch Verfolgte beschreiben, denen man dann aber wiederum die Bündnisfähigkeit implizit abspricht, weil sie sich eher über ihren Islam als über Ihre politische Position beschreiben. London war anscheinend viel komplexer: obwohl Akteure dabei waren und Begriffe zur Verfügung standen und teilweise auch deren Anwendung versucht wurde, die das Ganze in die Geschichte ähnlicher Ereignisse in London einzuschreiben, haut das nicht hin. Ich finde gerade, das schreit nach Versuchen, die repräsentative Ebene der neuen Unruhen zu entwickeln, die Kämpfe zwischen Athen und Wisconsin auf ihren politischen und kulturellen Punkt zu bringen, der darf nicht ewig bei Wut und Uns reicht&#8217;s bleiben.</p>
<p>In einem Artikel zur Begriffsbestimmung von Wut in der Jungle World hast Du die linke Option des &#8220;metaphysischem Universalismus&#8221; kritisiert. An wen oder was hast Du da genau gedacht?</p>
<p>Ich hatte zu dieser Zeit gerade einen Text von Badiou gelesen, wo er davon spricht, inwieweit der Antikapitalismus etwas ganz anderes sein muss als der Kapitalismus, aus fundamental anderem Weltmaterial zusammengesetzt. Dass er ein ganz eigenes Projekt ist und dadurch auch viel stärker. Das war, glaube ich, in diesem Kunst-Manifest von ihm und da habe ich gedacht, Moment mal, das einzige, was es auf der Welt gibt, das alle diese Bedingungen erfüllt, was wirklich komplett aus etwas Anderem gemacht ist als die globale Gegenwart, ist der Jihad. Nicht einmal der wirkliche Jihad, der ja aus unserer Welt stammt und nur eine Variante des globalen Neo-Traditionalismus, sondern der Jihad, wie ihn sich deutsche Blogger und norwegische Massenmörder vorstellen. Und das fand ich interessant, weil Badiou, der auch darüber nachdenkt, ein paar Kriterien für diese fundamentale Alterität nennt: er sagt z.B., es darf nicht westlich sein. Was ist also das Maximale, was den westlichen Demokratien nicht gefällt? Er kommt natürlich auf etwas, was er nicht Jihad nennt, denn für den Jihad will er auch nicht sein, aber das entspricht genau dem Jihad. Das ist interessant, weil es eine reale Existenz des Jihad gibt und nun diese nicht so genannte negative Ableitung des Jihad von den realen Verhältnissen, die sozusagen derselben Logik folgt. Und auch ein guter Grund ist, warum man so eben nicht denken kann.</p>
<p>Wenn Du einen Konnex zwischen Badious antikapitalistischen Positionen und dem Jihad herstellen, muss man nicht auch beachten, dass es in Frankreich ein anti-antizionistische/anti-antisemitische Kritik nicht gegeben hat?</p>
<p>Wenn ich sage, dass Badiou an den Jihad denkt, dann meine ich damit natürlich nicht direkt den Jihad. Ich dachte an die Idee der radikalen Alterität der Gegenbewegung. Das hat nichts zu tun mit Kritik an Badiou als eventuellem Antisemiten, die es auch gibt. Das ist ein anderer Punkt. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass es diese Diskussionen außerhalb von Deutschland tatsächlich selten in dieser Intensität gibt. Es gibt nur einzelne Personen, die diese Positionen einnehmen.</p>
<p>In Frankreich sind das Nouveaux Philosophes wie Bernard-Henri Lévy, Alain Finkielkraut, oder André Glucksmann, die aber auch alle anti-totalitäre, liberale Positionen vertreten.</p>
<p>Finkielkraut ist in vieler Hinsicht ein Rechter, BHL ist komplizierter. Glucksmann steht für eine Position, die man aus Amerika kennt: Das ist ein Single-Issue-Typ, der sich über die größeren Konsequenzen seiner jeweiligen menschenrechtlichen Issues keine Gedanken macht. Manchmal hat so eine Position Vorteile, aber weit führt sie natürlich nicht. In der politisierten Kunstwelt, die ja viel, viel internationaler ist in ihren Diskussionen als die deutsche Linke, verlaufen die Debatten völlig anders als z.B. in der Jungle World. Positionen, die aus den Debatten über die Realität des Antisemitismus hervorgegangen sind, kann man Leuten, die eher von Judith Butler und anderen Israel-Boykotteuren beeinflusst sind, nur schwer klar machen.</p>
<p>Ein weiterer Kritikpunkt in Deinem Text in der Jungle World war die Option des &#8220;Exodus&#8221;. Kannst Du diese erläutern?</p>
<p>Die Sache mit dem Exodus habe ich auch gewählt, weil es ein ganz attraktiver Begriff bei Paolo Virno ist, für den ich normalerweise durchaus Sympathien habe. Ich finde, es ist ein Problem, wenn man sagt, es gibt auf der einen Seite eben diese nicht-zu-etwas-führenden und nicht-vereinheitlichten Aufstände und auf der anderen Seite gibt es gegenüber der Kreativität und dem das Leben selbstverwertenden neoliberalen Kreativ-Kapitalismus nichts anderes als den Exodus.</p>
<p>Das ist Dir zu fundamentalistisch?</p>
<p>Nicht nur, auch zu unpolitisch.  Zu wenig realpolitisch?</p>
<p>Ich finde die Unterscheidung zwischen Realpolitik und anderer Politik problematisch. Also von beiden Seiten aus. Ich finde die Realpolitik macht es sich zu einfach, indem sie sich selbst stark begrenzt und die revolutionäre oder Nicht-Realpolitik macht es sich zu einfach, indem sie die Realität ausblendet. Das ist für mich keine entscheidende Kategorie. Wie generell all diese antiken Kategorien: Revolution vs. Reform, Radikalität.</p>
<p>Zum Kreativ-Kapitalismus, zu dem der Exodus der einzige Ausweg ist, gehört ja, dass er auch eine historische Entwicklung ist, die die Kritik, die Negation und die Gegnerschaft zum fordistischen Fabrik-Kapitalismus eingegangen ist. Das heißt, sich einfach von ihm davon zu machen, würde sozusagen auch die Geschichte der Kritik sabotieren, würde sozusagen sagen: okay, einmal haben wir es mit Kritik versucht, das funktioniert aber auch nicht, also machen wir es jetzt anders und halten uns woanders auf. Und ich denke im Sinne einer historischen Dialektik ist es tatsächlich sinnvoll, genau so weiter zu machen: dieses halbvolle Glas als halbvoll zu verstehen und dafür zu sorgen, dass es wieder voll wird und nicht zu sagen, es ist nur halbvoll, lass es uns wegschütten.</p>
<p>Inzwischen ist ja fast schon ein neues Genre von &#8220;Empörungsliteratur&#8221; entstanden. Stéphane Hessels Buch&#8221; Empört euch&#8221; wurde gleich ein Interview-Band mit dem Titel &#8220;Engagiert euch&#8221; hinterhergeschickt. Jean Ziegler hat nun seine in Salzburg nicht gehaltene Rede in gleichem Format und ähnlich gelayoutet als &#8220;Aufstand des Gewissens&#8221; in Buchform herausgegeben.</p>
<p>Ja, es gibt eben einen globalen Konsens, dass es nirgendwo und auf keinem Terrain so weitergehen kann. Was fehlt, ist aber nicht noch mehr Emotionen und noch mehr Entschlossenheit zu irgendwas, denn emotional und entschlossen und von dem Gefühl beseelt, dass es so nicht weiter gehen kann, sind eh alle; auch natürlich die Anhänger der Tea Party oder österreichische Kronenzeitungs-Leser, die den Bürokraten in Brüssel ans Leder wollen. Ich glaube, es fehlt an geteilten Zeichen und Habitus-Elementen der gerade neu überall entstehenden potenziellen globalen Linken der Zukunft, aber auch an Begriffen und Zielen, also eigentlich an Internationalität und Mainstreamfähigkeit, nicht von der Substanz her, aber von der Sprache. Ich hätte nie gedacht, als alter Subkulturalist, so etwas einmal zu fordern. Aber so weit ist es gekommen.&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/konsumgenossenschaft.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6449" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/konsumgenossenschaft.jpeg" alt="" width="160" height="236" /></a></p>
<p><em>Konsumgenossenschaftswerbung</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Erinnert sei in diesem Zusammenhang an eine Bemerkung von Ossip Mandelstam aus dem Jahr 1935 (?): &#8220;Ich habe mein Schach von der Literatur auf die Biologie gesetzt, damit das Spiel ehrlicher werde&#8221;. Die englischsprachige Netzzeitung &#8220;marxists.org&#8221; druckte einen Text von Stephen Jay Gould ab,  der zuvor in der Zeitschrift &#8220;Natural History&#8221; erschienen war: &#8220;Kropotkin Was No Crackpot&#8221;. Beim &#8220;Crackpot&#8221; handelt es sich um eine Art gebildeten Sonderling, beim Autor Gould um einen 2002 verstorbenen Evolutionsforscher, der als Darwinist und Mitglied der &#8220;Sceptic Society&#8221; regelmäßig Biologie-Kolumnen veröffentlichte, die auf Deutsch in mehreren Sammelbänden erschienen. Sein von den Marxisten veröffentlichter Text über Kropotkin gehört in diese Reihe -  etwas liberal überheblicher Harvard-Besserwisserei, die man grad noch akzeptieren kann, zumal man nicht dümmer davon wird:</strong></p>
<p>&#8220;IN LATE 1909, two great men corresponded across oceans, religions, generations, and races. Leo Tolstoy, sage of Christian nonviolence in his later years, wrote to the young Mohandas Gandhi, struggling for the rights of Indian settlers in South Africa:</p>
<p>God helps our dear brothers and co-workers in the Transvaal. The same struggle of the tender against the harsh, of meekness and love against pride and violence, is every year making itself more and more felt here among us also.</p>
<p>A year later, wearied by domestic strife, and unable to endure the contradiction of life in Christian poverty on a prosperous estate run with unwelcome income from his great novels (written before his religious conversion and published by his wife), Tolstoy fled by train for parts unknown and a simpler end to his waning days. He wrote to his wife:</p>
<p>My departure will distress you. I&#8217;m sorry about this, but do understand and believe that I couldn&#8217;t do otherwise. My position in the house is becoming, or has become, unbearable. Apart from anything else, I can&#8217;t live any longer in these conditions of luxury in which I have been living, and I&#8217;m doing what old men of my age commonly do: leaving this worldly life in order to live the last days of my life in peace and solitude.</p>
<p>But Tolstoy&#8217;s final journey was both brief and unhappy. Less than a month later, cold and weary from numerous long rides on Russian trains in approaching winter, he contracted pneumonia and died at age eighty-two in the stationmaster&#8217;s home at the railroad stop of Astapovo. Too weak to write, he dictated his last letter on November 1, 1910. Addressed to a son and daughter who did not share his views on Christian nonviolence, Tolstoy offered a last word of advice:</p>
<p>The views you have acquired about Darwinism, evolution, and the struggle for existence won&#8217;t explain to you the meaning of your life and won&#8217;t give you guidance in your actions, and a life without an explanation of its meaning and importance, and without the unfailing guidance that stems from it is a pitiful existence. Think about it. I say it, probably on the eve of my death, because I love you.</p>
<p>Tolstoy&#8217;s complaint has been the most common of all indictments against Darwin, from the publication of the Origin of Species in 1859 to now. Darwinism, the charge contends, undermines morality by claiming that success in nature can only be measured by victory in bloody battle &#8211; the &#8220;struggle for existence&#8221; or &#8220;survival of the fittest&#8221; to cite Darwin&#8217;s own choice of mottoes. If we wish &#8220;meekness and love&#8221; to triumph over &#8220;pride and violence&#8221; (as Tolstoy wrote to Gandhi), then we must repudiate Darwin&#8217;s vision of nature&#8217;s way &#8211; as Tolstoy stated in a final plea to his errant children.  This charge against Darwin is unfair for two reasons. First, nature (no matter how cruel in human terms) provides no basis for our moral values. (Evolution might, at most, help to explain why we have moral feelings, but nature can never decide for us whether any particular action is right or wrong.) Second, Darwin&#8217;s &#8220;struggle for existence&#8221; is an abstract metaphor, not an explicit statement about bloody battle. Reproductive success, the criterion of natural selection, works in many modes: Victory in battle may be one pathway, but cooperation, symbiosis, and mutual aid may also secure success in other times and contexts. In a famous passage, Darwin explained his concept of evolutionary struggle (Origin of Species, 1859, pp. 62-63):</p>
<p>I use this term in a large and metaphorical sense including dependence of one being on another, and including (which is more important) not only the life of the individual, but success in leaving progeny. Two canine animals, in a time of dearth, may be truly said to struggle with each other which shall get food and live. But a plant on the edge of a desert is said to struggle for life against the drought&#8230;. As the mistletoe is disseminated by birds, its existence depends on birds; and it may metaphorically be said to struggle with other fruit-bearing plants, in order to tempt birds to devour and thus disseminate its seeds rather than those of other plants. In these several senses, which pass into each other, I use for convenience sake the general term of struggle for existence.</p>
<p>Yet, in another sense, Tolstoy&#8217;s complaint is not entirely unfounded. Darwin did present an encompassing, metaphorical definition of struggle, but his actual examples certainly favored bloody battle &#8211; &#8220;Nature, red in tooth and claw,&#8221; in a line from Tennyson so overquoted that it soon became a knee-jerk cliche for this view of life. Darwin based his theory of natural selection on the dismal view of Malthus that growth in population must outstrip food supply and lead to overt battle for dwindling resources. Moreover, Darwin maintained a limited but controlling view of ecology as a world stuffed full of competing species &#8211; so balanced and so crowded that a new form could only gain entry by literally pushing a former inhabitant out. Darwin expressed this view in a metaphor even more central to his general vision than the concept of struggle &#8211; the metaphor of the wedge. Nature, Darwin writes, is like a surface with 10,000 wedges hammered tightly in and filling all available space. A new species (represented as a wedge) can only gain entry into a community by driving itself into a tiny chink and forcing another wedge out. Success, in this vision, can only be achieved by direct takeover in overt competition.</p>
<p>Furthermore, Darwin&#8217;s own chief disciple, Thomas Henry Huxley, advanced this &#8220;gladiatorial&#8221; view of natural selection (his word) in a series of famous essays about ethics. Huxley maintained that the predominance of bloody battle defined nature&#8217;s way as nonmoral (not explicitly immoral, but surely unsuited as offering any guide to moral behavior).</p>
<p>From the point of view of the moralist the animal world is about on a level of a gladiator&#8217;s show. The creatures are fairly well treated, and set to fight &#8211; whereby the strongest, the swiftest, and the cunningest live to fight another day. The spectator has no need to turn his thumbs down, as no quarter is given.</p>
<p>But Huxley then goes further. Any human society set up along these lines of nature will devolve into anarchy and misery &#8211; Hobbes&#8217;s brutal world of bellum omnium contra omnes (where bellum means &#8220;war,&#8221; not beauty): the war of all against all. Therefore, the chief purpose of society must lie in mitigation of the struggle that defines nature&#8217;s pathway. Study natural selection and do the opposite in human society:</p>
<p>But, in civilized society, the inevitable result of such obedience [to the law of bloody battle] is the re-establishment, in all its intensity, of that struggle for existence &#8211; the war of each against all &#8211; the mitigation or abolition of which was the chief end of social organization.</p>
<p>This apparent discordance between nature&#8217;s way and any hope for human social decency has defined the major subject for debate about ethics and evolution ever since Darwin. Huxley&#8217;s solution has won many supporters &#8211; nature is nasty and no guide to morality except, perhaps, as an indicator of what to avoid in human society. My own preference lies with a different solution based on taking Darwin&#8217;s metaphorical view of struggle seriously (admittedly in the face of Darwin&#8217;s own preference for gladiatorial examples) &#8211; nature is sometimes nasty, sometimes nice (really neither, since the human terms are so inappropriate). By presenting examples of all behaviors (under the metaphorical rubric of struggle), nature favors none and offers no guidelines. The facts of nature cannot provide moral guidance in any case.</p>
<p>But a third solution has been advocated by some thinkers who do wish to find a basis for morality in nature and evolution. Since few can detect much moral comfort in the gladiatorial interpretation, this third position must reformulate the way of nature. Darwin&#8217;s words about the metaphorical character of struggle offer a promising starting point. One might argue that the gladiatorial examples have been over-sold and misrepresented as predominant. Perhaps cooperation and mutual aid are the more common results of struggle for existence. Perhaps communion rather than combat leads to greater reproductive success in most circumstances.</p>
<p>The most famous expression of this third solution may be found in Mutual Aid, published in 1902 by the Russian revolutionary anarchist Petr Kropotkin. (We must shed the old stereotype of anarchists as bearded bomb throwers furtively stalking about city streets at night. Kropotkin was a genial man, almost saintly according to some, who promoted a vision of small communities setting their own standards by consensus for the benefit of all, thereby eliminating the need for most functions of a central government.) Kropotkin, a Russian nobleman, lived in English exile for political reasons. He wrote Mutual Aid (in English) as a direct response to the essay of Huxley quoted above, &#8220;The Struggle for Existence in Human Society,&#8221; published in The Nineteenth Century, in February 1888. Kropotkin responded to Huxley with a series of articles, also printed in The Nineteenth Century and eventually collected together as the book Mutual Aid</p>
<p>As the title suggests, Kropotkin argues, in his cardinal premise, that the struggle for existence usually leads to mutual aid rather than combat as the chief criterion of evolutionary success. Human society must therefore build upon our natural inclinations (not reverse them, as Huxley held) in formulating a moral order that will bring both peace and prosperity to our species. in a series of chapters, Kropotkin tries to illustrate continuity between natural selection for mutual aid among animals and the basis for success in increasingly progressive human social organization. His five sequential chapters address mutual aid among animals, among savages, among barbarians, in the medieval city, and amongst ourselves.</p>
<p>I confess that I have always viewed Kropotkin as daftly idiosyncratic, if undeniably well meaning. He is always so presented in standard courses on evolutionary biology &#8211; as one of those soft and woolly thinkers who let hope and sentimentality get in the way of analytic toughness and a willingness to accept nature as she is, warts and all. After all, he was a man of strange politics and unworkable ideals, wrenched from the context of his youth, a stranger in a strange land. Moreover, his portrayal of Darwin so matched his social ideals (mutual aid naturally given as a product of evolution without need for central authority) that one could only see personal hope rather than scientific accuracy in his accounts. Kropotkin has long been on my list of potential topics for an essay (if only because I wanted to read his book, and not merely mouth the textbook interpretation), but I never proceeded because I could find no larger context than the man himself. Kooky intellects are interesting as gossip, perhaps as psychology, but true idiosyncrasy provides the worst possible basis for generality.</p>
<p>But this situation changed for me in a flash when I read a very fine article in the latest issue of Isis (our leading professional journal in the history of science) by Daniel P. Todes: &#8220;Darwin&#8217;s Malthusian Metaphor and Russian Evolutionary Thought, 1859-1917.&#8221; I learned that the parochiality had been mine in my ignorance of Russian evolutionary thought, not Kropotkin&#8217;s in his isolation in England. (I can read Russian, but only painfully, and with a dictionary &#8211; which means, for all practical purposes, that I can&#8217;t read the language.) I knew that Darwin had become a hero of the Russian intelligentsia and had influenced academic life in Russia perhaps more than in any other country. But virtually none of this Russian work has ever been translated or even discussed in English literature. The ideas of this school are unknown to us; we do not even recognize the names of the major protagonists. I knew Kropotkin because he had published in English and lived in England, but I never understood that he represented a standard, well-developed Russian critique of Darwin, based on interesting reasons and coherent national traditions. Todes&#8217;s article does not make Kropotkin more correct, but it does place his writing into a general context that demands our respect and produces substantial enlightenment. Kropotkin was part of a mainstream flowing in an unfamiliar direction, not an isolated little arroyo.</p>
<p>This Russian school of Darwinian critics, Todes argues, based its major premise upon a firm rejection of Malthus&#8217;s claim that competition, in the gladiatorial mode, must dominate in an ever more crowded world, where population, growing geometrically, inevitably outstrips a food supply that can only increase arithmetically. Tolstoy, speaking for a consensus of his compatriots, branded Malthus as a &#8220;malicious mediocrity&#8221;.&#8221;</p>
<p>Todes finds a diverse set of reasons behind Russian hostility to Malthus. Political objections to the dog-eat-dog character of Western industrial competition arose from both ends of the Russian spectrum. Todes writes:</p>
<p>Radicals, who hoped to build a socialist society, saw Malthusianism as a reactionary current in bourgeois political economy. Conservatives, who hoped to preserve the communal virtues of tsarist Russia, saw it as an expression of the &#8220;British national type.&#8221;</p>
<p>But Todes identifies a far more interesting reason in the immediate experience of Russia&#8217;s land and natural history. We all have a tendency to spin universal theories from a limited domain of surrounding circumstance. Many geneticists read the entire world of evolution in the confines of a laboratory bottle filled with fruit flies. My own increasing dubiousness about universal adaptation arises in large part, no doubt, because I study a peculiar snail that varies so widely and capriciously across an apparently unvarying environment, rather than a bird in flight or some other marvel of natural design.</p>
<p>Russia is an immense country, under-populated by any nineteenth-century measure of its agricultural potential. Russia is also, over most of its area, a harsh land, where competition is more likely to pit organism against environment (as in Darwin&#8217;s metaphorical struggle of a plant at the desert&#8217;s edge) than organism against organism in direct and bloody battle. How could any Russian, with a strong feel for his own countryside, see Malthus&#8217;s principle of overpopulation as a foundation for evolutionary theory? Todes writes:</p>
<p>It was foreign to their experience because, quite simply, Russia&#8217;s huge land mass dwarfed its sparse population. For a Russian to see an inexorably increasing population inevitably straining potential supplies of food and space required quite a leap of imagination.</p>
<p>If these Russian critics could honestly tie their personal skepticism to the view from their own backyard, they could also recognize that Darwin&#8217;s contrary enthusiasms might record the parochiality of his different surroundings, rather than a set of necessarily universal truths. Malthus makes a far better prophet in a crowded, industrial country professing an ideal of open competition in free markets. Moreover, the point has often been made that both Darwin and Alfred Russel Wallace independently developed the theory of natural selection after primary experience with natural history in the tropics. Both claimed inspiration from Malthus, again independently; but if fortune favors the prepared mind, then their tropical experience probably predisposed both men to read Malthus with resonance and approval. No other area on earth is so packed with species, and therefore so replete with competition of body against body. An Englishman who had learned the ways of nature in the tropics was almost bound to view evolution differently from a Russian nurtured on tales of the Siberian wasteland.</p>
<p>For example, N. I. Danilevsky, an expert on fisheries and population dynamics, published a large, two-volume critique of Darwinism in 1885. He identified struggle for personal gain as the credo of a distinctly British &#8220;national type,&#8221; as contrasted with old Slavic values of collectivism. An English child, he writes, &#8220;boxes one on one, not in a group as we Russians like to spar.&#8221; Danilevsky viewed Darwinian competition as &#8220;a purely English doctrine&#8221; founded upon a line of British thought stretching from Hobbes through Adam Smith to Malthus. Natural selection, he wrote, is rooted in &#8220;the war of all against all, now termed the struggle for existence &#8211; Hobbes&#8217; theory of politics; on competition &#8211; the economic theory of Adam Smith. &#8230; Malthus applied the very same principle to the problem of population. &#8230; Darwin extended both Malthus&#8217; partial theory and the general theory of the political economists to the organic world.&#8221; (Quotes are from Todes&#8217;s article.)  When we turn to Kropotkin&#8217;s Mutual Aid in the light of Todes&#8217;s discoveries about Russian evolutionary thought, we must reverse the traditional view and interpret this work as mainstream Russian criticism, not personal crankiness. The central logic of Kropotkin&#8217;s argument is simple, straightforward, and largely cogent.</p>
<p>Kropotkin begins by acknowledging that struggle plays a central role in the lives of organisms and also provides the chief impetus for their evolution. But Kropotkin holds that struggle must not be viewed as a unitary phenomenon. It must be divided into two fundamentally different forms with contrary evolutionary meanings. We must recognize, first of all, the struggle of organism against organism for limited resources &#8211; the theme that Malthus imparted to Darwin and that Huxley described as gladiatorial. This form of direct struggle does lead to competition for personal benefit.</p>
<p>But a second form of struggle &#8211; the style that Darwin called metaphorical &#8211; pits organism against the harshness of surrounding physical environments, not against other members of the same species. Organisms must struggle to keep warm, to survive the sudden and unpredictable dangers of fire and storm, to persevere through harsh periods of drought, snow, or pestilence. These forms of struggle between organism and environment are best waged by cooperation among members of the same species-by mutual aid. If the struggle for existence pits two lions against one zebra, then we shall witness a feline battle and an equine carnage. But if lions are struggling jointly against the harshness of an inanimate environment, then lighting will not remove the common enemy &#8211; while cooperation may overcome a peril beyond the power of any single individual to surmount.</p>
<p>Kropotkin therefore created a dichotomy within the general notion of struggle &#8211; two forms with opposite import: (1) organism against organism of the same species for limited resources, leading to competition; and (2) organism against environment, leading to cooperation.</p>
<p>No naturalist will doubt that the idea of a struggle for life carried on through organic nature is the greatest generalization of our century. Life is struggle; and in that struggle the fittest survive. But the answers to the questions &#8220;by which arms is the struggle chiefly carried on!&#8221; and &#8220;who are the fittest in the struggle!&#8221; will widely differ according to the importance given to the two different aspects of the struggle: the direct one, for food and safety among separate individuals, and the struggle which Darwin described as &#8220;metaphorical&#8221; &#8211; the struggle, very often collective, against adverse circumstances.  Darwin acknowledged that both forms existed, but his loyalty to Malthus and his vision of nature chock-full of species led him to emphasize the competitive aspect. Darwin&#8217;s less sophisticated votaries then exalted the competitive view to near exclusivity, and heaped a social and moral meaning upon it as well.</p>
<p>They came to conceive of the animal world as a world of perpetual struggle among half-starved individuals, thirsting for one another&#8217;s blood. They made modern literature resound with the war-cry of woe to the vanquished, as if it were the last word of modern biology. They raised the &#8220;pitiless&#8221; struggle for personal advantages to the height of a biological principle which man must submit to as well, under the menace of otherwise succumbing in a world based upon mutual extermination.</p>
<p>Kropotkin did not deny the competitive form of struggle, but he argued that the cooperative style had been underemphasized and must balance or even predominate over competition in considering nature as a whole.</p>
<p>There is an immense amount of warfare and extermination going on amidst various species; there is, at the same time, as much, or perhaps even more, of mutual support, mutual aid, and mutual defense&#8230;. Sociability is as much a law of nature as mutual struggle.</p>
<p>As Kropotkin cranked through his selected examples, and built up steam for his own preferences, he became more and more convinced that the cooperative style, leading to mutual aid, not only predominated in general but also characterized the most advanced creatures in any group-ants among insects, mammals among vertebrates. Mutual aid therefore becomes a more important principle than competition and slaughter:</p>
<p>If we &#8230; ask Nature: &#8220;who are the fittest: those who are continually at war with each other, or those who support one another?&#8221; we at once see that those animals which acquire habits of mutual aid are undoubtedly the fittest. They have more chances to survive, and they attain, in their respective classes, the highest development of intelligence and bodily organization.</p>
<p>If we ask why Kropotkin favored cooperation while most nineteenth-century Darwinians advocated competition as the predominant result of struggle in nature, two major reasons stand out. The first seems less interesting, as obvious under the slightly cynical but utterly realistic principle that true believers tend to read their social preferences into nature. Kropotkin, the anarchist who yearned to replace laws of central government with consensus of local communities, certainly hoped to locate a deep preference for mutual aid in the innermost evolutionary marrow of our being. Let mutual aid pervade nature and human cooperation becomes a simple instance of the law of life.</p>
<p>Neither the crushing powers of the centralized State nor the teachings of mutual hatred and pitiless struggle which came, adorned with the attributes of science, from obliging philosophers and sociologists, could weed out the feeling of human solidarity, deeply lodged in men&#8217;s understanding and heart, because it has been nurtured by all our preceding evolution.</p>
<p>But the second reason is more enlightening, as a welcome empirical input from Kropotkin&#8217;s own experience as a naturalist and an affirmation of Todes&#8217;s intriguing thesis that the usual flow from ideology to interpretation of nature may sometimes be reversed, and that landscape can color social preference. As a young man, long before his conversion to political radicalism, Kropotkin spent five years in Siberia (1862-1866) just after Darwin published the Origin of Species. He went as a military officer, but his commission served as a convenient cover for his yearning to study the geology, geography, and zoology of Russia&#8217;s vast interior. There, in the polar opposite to Darwin&#8217;s tropical experiences, he dwelled in the environment least conducive to Malthus&#8217;s vision. He observed a sparsely populated world, swept with frequent catastrophes that threatened the few species able to find a place in such bleakness. As a potential disciple of Darwin, he looked for competition, but rarely found any. Instead, he continually observed the benefits of mutual aid in coping with an exterior harshness that threatened all alike and could not be overcome by the analogues of warfare and boxing.</p>
<p>Kropotkin, in short, had a personal and empirical reason to look with favor upon cooperation as a natural force. He chose this theme as the opening paragraph for Mutual Aid:</p>
<p>Two aspects of animal life impressed me most during the journeys which I made in my youth in Eastern Siberia and Northern Manchuria. One of them was the extreme severity of the struggle for existence which most species of animals have to carry on against an inclement Nature; the enormous destruction of life which periodically results from natural agencies; and the consequent paucity of life over the vast territory which fell under my observation. And the other was, that even in those few spots where animal life teemed in abundance, I failed to find &#8211; although I was eagerly looking for it &#8211; that bitter struggle for the means of existence among animals belonging to the same species, which was considered by most Darwinists (though not always by Darwin himself) as the dominant characteristic of struggle for life, and the main factor of evolution.</p>
<p>What can we make of Kropotkin&#8217;s argument today, and that of the entire Russian school represented by him? Were they just victims of cultural hope and intellectual conservatism? I don&#8217;t think so. In fact, I would hold that Kropotkin&#8217;s basic argument is correct. Struggle does occur in many modes, and some lead to cooperation among members of a species as the best pathway to advantage for individuals. If Kropotkin overemphasized mutual aid, most Darwinians in Western Europe had exaggerated competition just as strongly. If Kropotkin drew inappropriate hope for social reform from his concept of nature, other Darwinians had erred just as firmly (and for motives that most of us would now decry) in justifying imperial conquest, racism, and oppression of industrial workers as the harsh outcome of natural selection in the competitive mode.</p>
<p>I would fault Kropotkin only in two ways &#8211; one technical, the other general. He did commit a common conceptual error in failing to recognize that natural selection is an argument about advantages to individual organisms, however they may struggle. The result of struggle for existence may be cooperation rather than competition, but mutual aid must benefit individual organisms in Darwin&#8217;s world of explanation. Kropotkin sometimes speaks of mutual aid as selected for the benefit of entire populations or species &#8211; a concept foreign to classic Darwinian logic (where organisms work, albeit unconsciously, for their own benefit in terms of genes passed to future generations). But Kropotkin also (and often) recognized that selection for mutual aid directly benefits each individual in its own struggle for personal success. Thus, if Kropotkin did not grasp the full implication of Darwin&#8217;s basic argument, he did include the orthodox solution as his primary justification for mutual aid.</p>
<p>More generally, I like to apply a somewhat cynical rule of thumb in judging arguments about nature that also have overt social implications: When such claims imbue nature with just those properties that make us feel good or fuel our prejudices, be doubly suspicious. I am especially wary of arguments that find kindness, mutuality, synergism, harmony &#8211; the very elements that we strive mightily, and so often unsuccessfully, to put into our own lives &#8211; intrinsically in nature. I see no evidence for Teilhard&#8217;s noosphere, for Capra&#8217;s California style of holism, for Sheldrake&#8217;s morphic resonance. Gaia strikes me as a metaphor, not a mechanism. (Metaphors can be liberating and enlightening, but new scientific theories must supply new statements about causality. Gaia, to me, only seems to reformulate, in different terms, the basic conclusions long achieved by classically reductionist arguments of biogeochemical cycling theory.)</p>
<p>There are no shortcuts to moral insight. Nature is not intrinsically anything that can offer comfort or solace in human terms &#8211; if only because our species is such an insignificant latecomer in a world not constructed for us. So much the better. The answers to moral dilemmas are not lying out there, waiting to be discovered. They reside, like the kingdom of God, within us &#8211; the most difficult and inaccessible spot for any discovery or consensus.&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/vertreterversammlung.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6450" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/vertreterversammlung.jpeg" alt="" width="275" height="183" /></a></p>
<p><em>Genossenschaftliche Vertreterversammlung</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Der ehemalige Aktivist im Hamburger KB und jetzige Russlandforscher, Kai Ehlers, hat demgegenüber Kropotkin schöpferisch aufgegriffen &#8211; indem er u.a. russische Agrarsoziologen befragte, was aus den russischen Selbstorganisationen, die von oben zu sowjetischen Kollektiven zusammengefaßt worden waren, nach der Privatisierung ab 1991 wurde und wird. Sein Buch darüber heißt &#8220;Erotik des Informellen&#8221;. Ich entnehme ihm:</strong></p>
<p><span style="font-size: small">Peter Kropotkin schrieb 1902, dass Russland die „vielleicht beste Möglichkeit gibt, die Genossenschaft von den verschiedensten Seiten kennen zu lernen. In Russland ist sie ein natürliches Gewächs, eine Erbschaft aus dem Mittelalter, und während eine formell errichtete Kooperativgesellschaft mit vielen gesetzlichen Schwierigkeiten und dem Argwohn der Behörden zu tun hätte, bildet die formlose Genossenschaft – der Artel – den eigentlichen Inhalt des russischen Bauernlebens.“ Es gab und gibt sie in allen Branchen und selbst in den Haftanstalten und Lager bildeten die Gefangenen sofort einen Artel, mit denen sie ihren Alltag gemeinsam organisierten. </span></p>
<p><span style="font-size: small">Im 14 Jahrhundert machten die Moskauer Fürsten die Dorfgemeinschaft zur Grundlage ihrer Herrschaft: Diese sogenannten Obschtschinas, auch MIR genannt (was Dorfplatz, Welt und Frieden heißt), regierten sich selbst, indem sie das der Gemeinschaft gehörende Land gemäß den Bedürfnissen der im Dorf lebenden Familien immer wieder neu verteilten. Gegenüber dem Staat hatten sie die Verpflichtung, eine bestimmte Anzahl Soldaten zu stellen und Steuern zu zahlen. Auf diese Weise wurde das riesige russische Territorium mit einem Minimum an Verwaltung beherrschbar, ohne dass die Obrigkeit sich mit den einzelnen „Seelen“, wie man die Untertanen nannte, befassen mußte. Es gab zwar immer wieder Versuche, den Einzelbauern größeren Bewegungsspielraum zu verschaffen, aber bisher hat noch jede Revolution und jeder Umbruch in Russland zu einer Vermehrung der Artel und Obschtschinas geführt. Das gilt für die bolschewistische Industrialisierung, bei der sich die dörflichen Obschtschinas zu betrieblichen Arbeitskollektiven wandelten ebenso wie für die Kollektivierung der Landwirtschaft, bei der sie zu Kolchosen und Sowchosen umgestaltet wurden. Desgleichen gilt dies für die Privatisierung des Staatssozialismus ab 1991, als die Betriebe ihre „grünen Bereiche“ an die bis dahin nur Nutzer gewesenen Mitarbeiter übertrugen: „Ab sofort waren die Betriebsangehörigen für ihre Versorgung mit Grundnahrungsmitteln selbst verantwortlich. Diese bildeten daraufhin Datschengemeinschaften. So verwandelt sich der individuelle Empfänger kollektiver Versorgung in den kollektiv organisierten selbstversorgenden Kleinbürger,“ wie der Moskauer Agrarökonom Gelij Schmeljow den erneut gescheiterten Versuch, die Obschtschina zu liquidieren, beschreibt. Diese heißt heute – wie in der DDR die mit der Wende umgewandelten LPGen: Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Aktiengesellschaft oder Genossenschaftsdorf.</span></p>
<p><span style="font-size: small">Die von oben über den Homo Sovjeticus gekommene kollektive Versorgung in der Sowchose, Kolchose oder dem Betriebskollektiv enthob ihn vom unmittelbaren Druck der Vorsorge – was ihm in seinem privaten Bereich Spielraum verschaffte. Nun geht es laut Schmeljow um neuen „persönlichen Bewegungsspielraum“ in einer „Symbiose“ von marktwirtschaftlich orientiertem Kollektiv und der garantierten Selbstversorgung der Familie auf eigenem Land. Sie wird von russischen Soziologen auch als „informelle Ökonomie“ bezeichnet. Die symbiotische Beziehung zwischen den großen kollektiven und den kleinen privaten Strukturen ist weder kapitalistisch noch sozialistisch – sie ist russisch.</span><br />
<em>(Aus der Einleitung eines Textes in einer Aufsatzsammlung über Genossenschaften, die von der taz-Genossenschaft im April im Westend-Verlag herausgegeben wird, Anlaß ist sowohl der taz-Kongreß 2012 &#8211; &#8220;Das gute Leben&#8221; betitelt &#8211; als auch das UNO- &#8220;Jahr der Genossenschaften&#8221; als auch die Pflege der taz-Genossen, die als Konsumgenossenschaft die taz finanzieren, welche eine Produktionsgenossenschaft ist. Witzigerweise denken erstere eher kollektiv und letztere mehr und mehr Richtung Ich-AG.)</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/miteinander.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6451" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/miteinander.jpeg" alt="" width="160" height="225" /></a></p>
<p><em>Konsumgenossenschaftswerbung</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/kooperative-woelfe.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6463" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/kooperative-woelfe.jpeg" alt="" width="275" height="184" /></a></p>
<p><em>Kooperative Wölfe</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Der Ehrlichkeit halber sei hier noch ein Interview aus der Nowa Europa Wschodnia wiedergegeben, das Ireneusz Danko mit Andrzej Stasiuk über Russland führte:</strong></p>
<p>Ireneusz Dako: In dem Verlag CZARNE, den du mit deiner Frau betreibst, ist kürzlich Daniel Kalders Buch Der verlorene Kosmonaut erschienen. Dieser &#8220;Anti-Reise-Führer&#8221;, wie der schottische Autor sein Werk bewirbt, dokumentiert eine Reise durch die russische Provinz. Die Lektüre ist für die Russen nicht erbaulich. Du selbst gehst in deinem Kommentar zu dem Buch noch weiter, wenn du Russland als &#8220;Symbol des menschlichen Versagertums&#8221; bezeichnest: &#8220;Kein Land wollte je so hoch hinaus und ist dabei so kläglich gescheitert. Russland, kann man sagen, ist die Allegorie der Menschheit, die mit ihren kurzen Ärmchen nach den Sternen greift&#8221;. Siehst du unseren östlichen Nachbarn wirklich so negativ</p>
<p>?  Andrzej Stasiuk: Jeder von uns hat irgendein Russlandbild. Für mich ist Russland ein Beispiel für das Scheitern der menschlichen Materie. Kalder hat zehn Jahre dort gewohnt und die russische Wirklichkeit sehr gut kennen gelernt. Er ist kein Idiot. Russland sieht einfach so aus, wie er es beschreibt. Du fährst fünftausend Kilometer und siehst immer dieselbe formlose, sinnlose Landschaft. Zero Sexappeal.</p>
<p>Dako: Übertreibst du damit nicht ein bisschen? Für viele Russen ist Kalders Buch nichts anderes als ein Zerrspiegel, eine Art literarischer Slum Tour, bei der wir die ärmsten, heruntergekommensten Winkel eines Landes besichtigen. Nicht alle in Russland leben in Armut, fahren mit der Plackarta (Schlafwagen ohne getrennte Abteile), betrinken sich bis zur Bewusstlosigkeit oder essen fette Tscheburaki auf den Bahnhöfen.</p>
<p>Stasiuk: Kalder gibt offen zu, dass er ein Apokalyptiker ist und ihn nur solche Länder anmachen. Deshalb ist er jetzt in Austin in Texas. Auch mich interessieren die ausgefahrenen Touristenrouten nicht. Aber Kalder hält Russland keinen Zerrspiegel vor. Die Welt, und dieses Land ganz besonders, besteht nicht nur aus reichen Metropolen und zufriedenen Menschen. Die Proportionen sind meist umgekehrt. Die tiefste russische Lektüre der letzten Jahre waren für mich die Bücher von Andrej Platonow. Sein Blick auf Russland ist grausam, aber gleichzeitig mitreißend ästhetisch. Diese Ästhetik berührt den Kern der Wirklichkeit. Natürlich meldeten sich bei Kalders Lesungen, die ich in Polen miterlebt habe, manchmal auch empörte Russinnen zu Wort: &#8220;Was ist das für ein Bild von Russland? Ich protestiere!&#8221;, sagten sie. Das wirkte wie ein verzweifelter Versuch, die riesigen nationalen Komplexe zu verbergen. Ich selbst würde, wenn ich ein kluger Russe wäre, Kalders Buch als eine der schönsten und empfindsamsten anerkennen, das je über mein Land geschrieben wurde.</p>
<p>Dako: Was macht Kalders Vorzug gegenüber den Büchern anderer Autoren über Russland aus?</p>
<p>Stasiuk: Dieser Schotte hat es wie wenige geschafft, die Schicht von Public Relations zu durchdringen, in der die Russen Meister sind. Er tut das mit großem Charme und viel Humor.</p>
<p>Dako: Kalders Beschreibungen von Russland und Serhij Zhadans, dessen Bücher ebenfalls im Verlag CZARNE erscheinen, Beschreibungen der Ukraine unterscheiden sich wenig im Klima. Beide nehmen vor allem die groteske Hoffnungslosigkeit des Lebens wahr.</p>
<p>Stasiuk: Ich kenne diese Länder nicht so gut wie Daniel und Serhij. Bestimmt unterscheiden sie sich nicht, wenn sie das so geschrieben haben. Die postsowjetische Materie ähnelt sich überall. Ganz gleich, ob ein Schotte oder ein Ukrainer sie beschreibt.</p>
<p>Dako: Im letzten Jahr bist du das erste Mal nach Russland gefahren. Hat es dich früher nicht gereizt, dir das mit eigenen Augen anzusehen?</p>
<p>Stasiuk: Ich hatte keine Lust. Russland hat mich nie fasziniert. Seit ich denken kann, war Russland in meinem Leben nur als große Peinlichkeit präsent, als etwas schrecklich Langweiliges. Aber dann ergab sich eine Gelegenheit, weil mein guter Bekannter Piotr Marciniak polnischer Konsul in Irkutsk geworden ist, und ich bin gefahren. Durch ihn hatten wir einen Ausgangspunkt für unsere Reise in die Tiefe Sibiriens.</p>
<p>Dako: Warst du lange in Russland?</p>
<p>Stasiuk: Drei Wochen. Es war Sommer, gnadenlose Hitze, und ich hatte in Erwartung des sibirischen Frostes einen warmen Pullover eingepackt. Wir flogen mit meiner Frau und unseren Freunden nach Moskau, und von dort gleich weiter nach Irkutsk.</p>
<p>Dako: Wolltest du dir Moskau nicht ansehen?</p>
<p>Stasiuk: Das menschliche Leben ist begrenzt. Wenn man dreißig, vierzig Jahre ist, muss man sich entscheiden lernen. Moskau ist nur eine Visitenkarte, absolut nicht repräsentativ für das wahre Gesicht des Landes. Wiktor Jerofejew, der Russland in und auswendig kennt, riet: &#8220;Fahr nicht dorthin, dort findest du nichts Interessantes. Fahr gleich weiter.&#8221; Und das habe ich gemacht. Es hat mich nie gereizt, so einen Städte-Moloch zu erleben. Ich besichtige nicht gern Visitenkarten. Städte wie Moskau oder Petersburg sind quasi für unsereins gebaut. Sie sollen die Russen so zeigen, wie sie sich gern selbst sehen. Aus der Perspektive von Ulan-Ude und Tschita in Sibirien sieht man viel mehr als vom Roten Platz. Ich sehe gern, wie dort das Russische allmählich zur Neige geht, wie die russische Butter nicht reicht, um sie über die ganze Fläche des Landes zu verstreichen.</p>
<p>Dako: Ich war mehrmals in Moskau und Petersburg und habe jedes Mal bereut, dass ich keine Zeit hatte, diese Städte näher kennen zu lernen&#8230;</p>
<p>Stasiuk: Daniel Kalder hat in Moskau auch viel Zeit verbraucht und findet auch, dass das eine faszinierende Stadt ist. Mir haben die zehn Stunden auf dem Flughafen Scheremetjewo gereicht, wo ich in die Maschine nach Irkutsk umgestiegen bin. Gleich nach der Ankunft in der Haupthalle von Scheremetjewo fiel mir ein Wachmann in schwarzer Uniform auf, der mit Weibern in Kopftüchern an der Bar saß und auf den Boden spuckte. Er sah genauso aus wie dieser schwachköpfige Russe aus den Witzen, die wir uns als Kinder erzählten. Ganz Scheremetjewo wirkte wie der Autobusbahnhof in Lublin in der Hauptverkehrszeit. Eng wie sau, überall Gedränge und diese Reisebündel. &#8220;Skorej, skorej!&#8221; wurde man von den Angestlelten herumgescheucht. Im Laufschritt mussten wir Stiefel und Taschen ablegen, um durch die elektronischen Schranken ins Flugzeug zu kommen. Ein Albtraum.</p>
<p>Dako: Irkutsk hat einen besseren Eindruck gemacht?</p>
<p>Stasiuk: Es hat mich überhaupt nicht überrascht. Es war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das Paradox war, dass ich mehrere tausend Kilometer flog und den Eindruck hatte, ich wäre in einer Art Sokoów Podlaskis hoch zehn gelandet, wo meine Eltern herkommen. Von Moskau aus machten wir noch ein Bratsk Zwischenstation. Keine Ahnung, warum. Der Flughafen dort wirkt wie eine verlassene Fabrikhalle irgendwo im Wald, wo die Arbeiter im Morgengrauen zur Schicht kommen. Grau, schmutzig, unwirtlich. Ich hatte Platonows &lt;Wykop&gt; bei mir. Alles passte wie angegossen zu diesem Buch.</p>
<p>Dako: Hast du nicht daran gedacht, mit der transsibirischen Bahn durch Russland zu fahren? Cedrars, Kapuscinski und viele andere Schriftsteller sind mit dem Zug durch Sibirien gereist. Vor ein paar Jahren erklärte sogar der Brasilianer Paulo Coelho, er wolle sich diesen Traum erfüllen.</p>
<p>Stasiuk: Diesen Traum hatte ich nicht. Als Teenager faszinierte mich Blaise Cendrars Poem über die Transsib, später verging mir diese Faszination. Mir reichte der Anblick der Züge, die aus Moskau im Warschauer Ostbahnhof ankamen, und das Volk, das darin unterwegs war. Als ich schließlich in Sibirien gelandet war, musste ich mich natürlich mit der Bahn zwischen den Städten bewegen, die hunderte Kilometer voneinander entfernt sind. Ein Auto zu mieten, war zu teuer, und ich wäre auch nicht überall hingekommen. Aber ich fuhr nie länger als zwölf Stunden mit dem Zug. Die längste Strecke war die mit der Transsib von Tschita nach Zabajkalsk an der chinesischen Grenze. Wir fuhren am Nachmittag los und waren am frühen Morgen dort. Länger hätte ich auch nicht im Zug ausgehalten. Natürlich, die Russen sind Meister der PR und verkaufen die Legende der Transsib in alle Welt. Alle reden ihnen nach, das sei eine mystische Erfahrung, man müsse unbedingt die ganze Strecke zurücklegen. Dabei ist es eine zum Kotzen monotone Sache, eine Woche lang immer die gleichen Hügel, Sümpfe und mickrigen Birken anzugucken. Null Attraktion.</p>
<p>Dako: Bist du mit Plackarta gefahren?</p>
<p>Stasiuk: Mach keine Witze. Das hätte noch gefehlt, dass ich mich in einem Schlafwagen ohne Abteile durch Sibirien schlage. In der Ukraine bin ich mit Plackarta gefahren, das reicht mir: Gestank, Lärm, da kann man sich nur möglichst schnell zudröhnen und einschlafen, um irgendwie ans Ziel zu gelangen. In Russland fuhren mit dem Kupejny (Liegewagen), in gesonderten Abteilen. Kein Luxus, aber wir konnten uns ausruhen, wenn wir erschöpft aus der Taiga kamen.</p>
<p>Dako: Hast du unterwegs Menschen kennen gelernt?</p>
<p>Stasiuk: Unterschiedlich. Es musste irgendeinen Funken geben, damit wir ins Gespräch kamen. Im Abteil ist man von den anderen Reisenden isoliert. Auf der Suche nach einer Unterkunft haben wir mehr Menschen kennen gelernt. Und gut so. Ich persönlich mag nicht ständig neue Kontakte knüpfen. Ich bin ein Einzelgänger, es reichte mir, dass ich sieben oder acht Russen und Russinnen kennen gelernt habe.</p>
<p>Dako: Russland aus dem Fenster der Transsib &#8211; das sind Sümpfe, Hügel, mickrige Birken und sonst nichts?</p>
<p>Stasiuk: In erster Linie. Das ist eine mit einem ganzen dünnen Firnis Zivilisation und Menschlichkeit überzogene Endlosigkeit. Anfangs weiß man nicht, was man davon halten soll. Erst nach einer Weile kommst du darauf, was dieses Land wirklich ist, das du da durchmisst, worauf dieses Phänomen beruht.</p>
<p>Dako: Und worauf beruht es?</p>
<p>Stasiuk: Ganz kurz gesagt, auf Formlosigkeit und Grenzenlosigkeit. In Sibirien herrscht die absolute Melancholie. Man muss viel psychische Widerstandskraft besitzen, um das Tag für Tag auszuhalten.</p>
<p>Dako: Hattet ihr einen Reiseplan? Wusstest du, was du sehen willst?</p>
<p>Stasiuk: Außer dem Flug nach Irkutsk gab es keinen Plan. Wir entschieden immer vor Ort, wohin wir fahren wollten. Manchmal genügte die Magie eines Namens, damit wir Fahrkarten kauften und in den Zug stiegen. Dieses Tschita zum Beispiel. Aus meiner Jugend war es mit Revolutionsfilmen assoziiert, so eine Art sowjetischer Western.</p>
<p>Dako: Krasnokamensk, der Verbannungsort von Michail Chodorkowskij, den ihr auch besucht habt, wird nicht mit der Oktoberrevolution assoziiert.</p>
<p>Stasiuk: Die Fahrt dorthin war eine Idee von Olaf, meinem deutschen Übersetzer, der ein großer Anhänger von Chodorkowskij ist.</p>
<p>Dako: Was habt ihr dort vorgefunden?</p>
<p>Stasiuk: Das Nichts. Dort gibt es ein Uranbergwerk und das Lager, in dem Chodorkowskij festgehalten wird. Ein Taxifahrer brachte uns bis zweihundert Meter an die Zone heran, damit wir Fotos machen konnten. Weiter neljzja. Wir waren vermutlich die ersten Touristen dort, denn die ganze Stadt hat uns angeguckt. Fremde fallen dort sofort auf.</p>
<p>Dako: Haben sie mit euch gesprochen?</p>
<p>Stasiuk: Klar. Der Taxifahrer, mit dem wir fast einen ganzen Tag unterwegs waren, erwies sich als sehr offener und umgänglicher Mensch. In Sibirien gibt es quasi zwei Ebenen der menschlichen Kontakte. Die erste ist die amtliche und zeichnet sich durch große Abneigung, sogar Angst vor Fremden aus. Dafür gibt es bei den normalen Kontakten, auf der Straße oder auf dem Basar, keine Barrieren. In Zabajkalsk an der russisch-chinesischen Grenze erklärte man sich unter großem Widerwillen bereit, uns für eine Nacht im Hotel anzumelden. Aber als uns unterwegs ein Rad am Auto abriss, lief das halbe Dorf zusammen, um uns zu helfen. Diese &#8220;Offenheit&#8221; ist manchmal geradezu deprimierend. Ich bin kein Mensch, der sich gern auf die Schulter klopfen lässt, ich freunde mich nicht mit jedem auf der Straße an. Aber dort ist das so. Man bekommt den Verdacht, dass dort beide Arten von Kontakt wahr sind, aber gleichzeitig, und die eine ebenso wenig bedeutet wie der andere, dass sie zerbrechlich sind, dass diese Überschwenglichkeit im persönlichen Kontakt jederzeit enden kann und jeder seiner Wege geht.</p>
<p>Dako: Ryszard Kapuscinski zitiert in seinem Imperium die Worte: &#8220;Wot, takaja Zizn&#8217;&#8221;, die er oft von Russen gehört habe, als er ihr Land Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre bereiste. Er verstand diesen Satz als resignatives Sichabfinden mit der Realität. Er sollte die Lebenseinstellung der Russen am treffendsten wiedergeben. Hat sich seit damals etwas geändert</p>
<p>Stasiuk: Keine Spur. Wir haben am Baikal bei so einer Frau gewohnt, deren einer Mann sich zu Tode getrunken hatte und der andere von Gangster erschossen worden war: &#8220;Takaja Zizn&#8217;&#8221; sagte sie, und alles war klar.</p>
<p>Dako: Fiel die Antwort auf die Frage nach der Regierung Putin auch so aus?</p>
<p>Stasiuk: Unterschiedlich. Wir kamen gerade zu der Zeit, als die russische Armee in Georgien einfiel. Wir versuchten das Thema anzusprechen, fragten Leute auf der Straße. Nichts, komplettes Desinteresse oder Ausflucht in Gemeinplätze wie den, dass auf der Welt Frieden herrschen sollte. &#8220;Nam eto neinteresno. Eto wojna Putina,&#8221; hieß es, und damit war das Gespräch zu Ende. Da wurde mir erst bewusst, das Georgien sechstausend Kilometer entfernt war. Aus so einer Perspektive wundert es nicht mehr, dass der Krieg im Kaukasus für den Taxifahrer in Zabajkalsk schon der Kosmos ist. Fünf Kilometer weit mit der Armee in die eine oder andere Richtung, was macht das für einen Unterschied für Menschen, die mit Maßstäben des Globus operieren?</p>
<p>Dako: Hast du Sympathien für Putin in der Bevölkerung bemerkt? Oder hat es sie gestört, dass er im KGB war, der für Massenverbannungen nach Sibirien zuständig war?</p>
<p>Stasiuk: Ich habe weder Sympathie noch Abneigung bemerkt. Der Typ, der sagte, dass der Krieg mit Georgien Putins Kriegs sei, hatte einen Sohn, der sich beim KGB beworben hatte. Für ihn war das so selbstverständlich wie die Bewerbung bei jeder anderen Firma oder irgend einem Amt.</p>
<p>Dako: Was beschäftigt die Menschen in Siberien denn überhaupt?</p>
<p>Stasiuk: Das Zizn&#8217;, das Leben, der alltägliche Kampf um das Benzin im Tank, um die tausend Kilometer zur Familie zurücklegen zu können. Hungern tut man in Sibirien nicht mehr, doch die Menschen haben immer noch keine Hoffnung auf ein besseres Leben. Hauptsache, es wird nicht schlimmer. Moskau und der Kreml funktionieren in den Köpfen wie ein mythisches Märchenland.</p>
<p>Dako: Hast du einen Unterschied in der Mentalität der Russen und der übrigen Völker Sibiriens bemerkt?</p>
<p>Stasiuk: Klar. Wenn in Irkutsk überhaupt jemand gearbeitet hat, dann waren es vor allem Chinesen. Die Russen saßen entweder in ihren Taxis oder schimpften, dass die Chinesen ihnen die Arbeit wegnehmen und die Miliz nichts dagegen tun. Ihnen fehlt das Gefühl der Verwurzelung, das die Burjaten zum Beispiel haben. Die zeigten mehr Eifer und Optimismus. Manchmal bewiesen sie sogar demonstrativ Geringschätzung oder gar Verachtung für die Russen, dass die nichts zustande kriegen und sich ins Koma saufen. In den Kontakten mit uns waren sie meist zurückhaltender. Es sei denn, sie hatten etwas getrunken, was auch vorkam. Dann hielt man sich besser zurück.</p>
<p>Dako: Darin unterscheiden sie sich vermutlich nicht von betrunken Russen oder Polen.</p>
<p>Stasiuk: Du irrst dich. Die Burjaten vertragen den Alkohol schlechter und reagieren extremer darauf. Doch wenn sie nüchtern sind, weißt du wenigstens, woran du bist. Gewöhnlich sind sie höflich, leicht distanziert, sie respektieren, dass du anders bist. Bei den Russen ist das nicht so. Sie wollen sofort Freundschaft schließen. Es reichte, dass wir ein paar Tage bei jemandem am Baikal wohnten, schon kam es beim Abschied zu herzzerreißenden Szenen. Tränen, Getatsche, wozu ich überhaupt keine Lust hatte. Wir hatten schließlich nur eine Unterkunft gemietet und dafür bezahlt. Klar, wir haben viel geredet und hatten eine angenehme Zeit, aber dass man beim Abschied gleich losschluchzt und sich der Freundschaft versichert? Dako: Diese überschwengliche Gastfreundschaft hast du vermutlich auch auf dem Balkan gefunden?</p>
<p>Stasiuk: Im Süden und Osten Europas herrscht tatsächlich eine ungewöhnliche Gastfreundschaft. Aber in Russland und auf dem Balkan wird das geradezu übergriffig. Du existierst nicht mehr als gesonderte Person. Du hast die Vorstellungen deines Gastgebers von Gastfreundschaft zu erfüllen und basta. Das macht keinen Spaß. Aber du weißt, dass ich ein asozialer Sonderling bin und es nicht mag, wenn man mich zum Trinken und Essen zwingt.</p>
<p>Dako: Vielleicht ist das ein Symptom der berühmten russischen Seele?</p>
<p>Stasiuk: Ich scheiß auf die russische Seele. In Ulan-Ude auf dem glavnaja plosad&#8217; steht ein großer Leninkopf. Angeblich der größte der Welt. Alle, die wir trafen, waren furchtbar stolz draauf. Jedesmal wurden wir gefragt, ob wir den Lenin gesehen hätten. Ja, antworteten wir, aber er hat keinen besonderen Eindruck auf uns gemacht. Ein andermal sprach uns ein angeheiterter Russe an und wollte sich anfreunden: &#8220;A takie gory u Was jest? Takoj les u was jest?&#8221; Wir wussten nicht, was wir sagen sollten. Normale Berge eben, und ein bißchen Gestrüpp. Dieser Nationalstolz verdeckt nur den totalen Saustall dort und riesige Komplexe. Meine Frau Monika hatte nach drei Wochen genug von Russland. Als wir im Auto von Warschau zurückfuhren, sagte sie: &#8220;Weißt du, ich wäre glücklich, wenn uns jetzt die polnische Polizei anhalten würde.</p>
<p>&#8220;  Dako: Habt ihr schlechte Erfahrungen mit der russischen Miliz gemacht?</p>
<p>Stasiuk: Nein, aber uns reichten diese prüfenden Blick unter den breiten Mützen. In Tschita oder Zabajkalsk wurden wir sofort als Fremde enttarnt. Sogar in Irkutsk, das ja viele Nationalität hat, reagierten die Menschen auf dem Basar sehr lebhaft auf uns. Besonders wenn sie Olaf sahen, der rotblond ist.</p>
<p>Dako: Kapuciski beschreibt im Imperium seine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn und erwähnt die Überlegungen des russischen Philosophen Nikolaj Berdjajew über den Einfluss der weiten russischen Räume auf die russische Seele. Er stellt im Einklang mit dem Russen fest, dass seine Landsleute die meiste Energie auf die Erhaltung des riesigen Landes verwenden müssen, statt eine dynamische, intensive Kultur zu schaffen. Stimmst du dem zu?</p>
<p>Stasiuk: Wenn du dort bist und diese Landschaften siehst, kannst du nur auf solche Gedanken kommen. Die menschliche Erfahrung zählt nicht viel, sie existiert nicht, ist sekundär gegenüber der Erfahrung des monotonen Raumes. Russland ist ein schrecklich depressives, langweiliges Land.</p>
<p>Dako: Die Landschaften oder die Menschen?</p>
<p>Stasiuk: Alles. Die Zivilisation, die Kultur und die Landschaften. Uns ist dort nichts Schlimmes zugestoßen, uns hat nur die furchtbare Melancholie und Traurigkeit erdrückt. Die meisten Orte ähnelten einander. Sogar die russische Natur ist &#8211; wie Viktor Jerofejew treffend schrieb &#8211; einfach jammervoll. Nehmen wir nur den Mythos der Taiga am Baikal. Es gibt dort keine üppige Pflanzenwelt, denn die Vegetationsperiode ist zu kurz, als dass die Pflanzen sich voll entwickeln könnten. Du gehst dort hinein, du gehst zwei, drei Stunden lang und weißt, dass dieser triste Wald sich noch weitere zweitausend Kilometer s hinziehen wird. Gelangweilt habe ich mich nur deshalb nicht, weil das für mich etwas Neues war, etwas, was etwas über mein Verhältnis zu Russland aussagte.</p>
<p>Dako: Ein &#8211; milde gesagt &#8211; ziemlich negatives Verhältnis.</p>
<p>Stasiuk: Weder negativ, noch positiv. Eigenschaftslos. Aus meiner Jugend erinnere ich mich, dass der Kontakt mit dem Russischen für mich wie der Kontakt mit der totalen Langeweile war. Die Erzählungen der Russisch-Lehrerinnen, ihre hölzerne Sprache, diese aufgeblasenen Illustrationen aus dem &#8220;Sputnik&#8221;, das Üben der Lesestücke. Das war die Langeweile, die ich jetzt auch auf dieser Reise wieder erlebt habe.</p>
<p>Dako: Dostojewski, Tolstoj, Bulhakow haben dich auch gelangweilt?</p>
<p>Stasiuk: Die russische Literatur habe ich mir, wie die meisten aus meiner Generation, ohne großes Nachdenken angeeignet. Bulhakow flog durch mich hindurch wie das Futter durch die Gans. Dostojewski hatte ich vorher gelesen und kam nie mehr auf ihn zurück. Einzig Platonow wirkt auf mich. Aber sein Schreiben ist mehr als russisch. Dako: Kapuciski hat neben der Rückständigkeit und dem monstrual aufgeblähten Raum die fortschreitende Modernisierung Russlands wahrgenommen. Er kritisierte das vereinfachte und eindimensionale Bild des mächtigen, wiewohl rückständigen Landes mit Massen von passiven Bürgern, das im Westen und in Polen noch immer funktioniert.</p>
<p>Stasiuk: Ich schätze Kapuciski, aber ich habe mir die Bilder aus Sibirien nicht ausgesucht. Ich habe das Leben dort so beobachtet, wie es ist.</p>
<p>Dako: Glaubst du nicht, dass eine dreiwöchige Reise zu wenig ist, um die Wahrheit über so ein riesiges Land wie Russland zu erfahren?</p>
<p>Stasiuk: Mich interessiert diese sogenannte &#8220;Wahrheit&#8221; überhaupt nicht. Wenn ich irgendwo hinfahre, will ich meine Phantasie in Gang bringen und keinen journalistischen Bericht liefern. Ich bin nicht Kapuscinski, der die gesamte Literatur über ein Land studierte, bevor er irgendwo hinfuhr. Er war Reporter aus Fleisch und Blut, ich bin ein Idiot, der beschreibt was er sieht, oft auch bestimmte Dinge nicht versteht oder sie sich einbildet. Ich mag seine Bücher, aber ich habe eine andere Auffassung von der Welt und der Literatur. Er schrieb Selbstverständlichkeiten über Russland, ich schreibe, was ich mir darunter vorstelle. Die Reisen sollen auf meine Sinne wirken, meine Phantasie, sollen mich zum Nachdenken anregen. In dem Buch, das ich zusammen mit Olaf schreibe, werden meine inneren Erfahrungen vorkommen, die für Russland weder gut noch schlecht, sondern gemischt sind. In mir ist nach der Reise nach Sibirien weder Enttäuschung noch Euphorie. Ich lese Platonow, das reicht mir. Es stimmt alles. Du fährst und fährst und fährst und siehst kein Ende. Der totale Verfall, Verpintscherung der Materie, der Kultur, von allem, und gleichzeitig der große Aufbruch zu etwas Kosmischem, Überweltlichem. Russland wollte immer nur entweder das Absolute oder gar nichts. Die Mitte blieb leer. Ich kann verstehen, dass Kalder dort gelandet ist, weil es ihn erregt hat, aber nicht unbedingt, weil es ihm dort gefiel. Ich glaube, dass Russland schon zu fesseln vermag.</p>
<p>Dako: Würdest du gerne noch einmal hin?</p>
<p>Stasiuk: Ich würde lieber Zentralasien sehen, die Steppe dort. Kirgisien, Usbekistan, Tadschikistan &#8211; das macht mich an.</p>
<p>Dako: Steppe gibt es auch in der Ukraine genug. Von allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion passt sie dir wohl am ehesten.</p>
<p>Stasiuk. Die Ukraine ist mir näher, vertrauter, dort habe ich ein paar Freunde.</p>
<p>Dako: Ist die Ukraine noch Mittel- oder schon Osteuropa?</p>
<p>Stasiuk: Ich weiß nicht, ich kenne die Ukraine nicht gut. Das weiteste war für mich Kiew, meist besuche ich Jurij Andruchowych in Stanislawów (Stanislau) oder gehe mit Taras Prochasko in die Berge. Er ist ein ausgezeichneter Führer. Er kennt Czarnohora und Gorgany wie seine Westentasche. Das sind die wahren, wilden Karpaten, nicht unsere unausgegorenen Bieszczaden hier.</p>
<p>Dako: Könntest du die Grenze zwischen Mittel- und Osteuropa ziehen?</p>
<p>Stasiuk: Diese Teilung hat keinen Sinn, ich finde sie völlig überflüssig.</p>
<p>Dako: Das klingt seltsam aus dem Mund eines Mannes, der als Schriftsteller Mitteleuropas gilt.</p>
<p>Stasiuk: Etiketten interessieren mich nicht. Ich fahre und schreibe, worüber ich will, es spielt für mich keine Rolle, ob das Ost- oder Mitteleuropa ist.</p>
<p>Dako: In dem Buch Mein Europa hast du mit Andruchowytsch über Mitteleuropa geschrieben. Du hast dir sogar sein Wappen &#8220;mit Halbdunkel im einen und Leere im anderen Feld&#8221; ausgedacht. Das erste Feld sollte deiner Meinung nach das &#8220;Ungewisse&#8221;, das andere &#8220;den noch immer unerschlossenen Raum&#8221; symbolisieren. Glaubst du nicht, dass dieses Wappen wie angegossen auch auf Russland oder Osteuropa im weiteren Sinne passt?</p>
<p>Stasiuk: Dieses Wappen war lediglich ein literarisches Verfahren. Es ging darum, die Wirklichkeit hübsch in eine Metapher zu fassen. Ich bereue es sehr, den Terminus &#8220;Mitteleuropa&#8221; einmal so unvorsichtig gebraucht zu haben. Den Begriff Mitteleuropa haben sich die Deutschen ausgedacht. So wie &#8220;Osteuropa&#8221; ist er ein rein geopolitischer Begriff, mich aber interessieren die Landschaft, die Natur, die Menschen. Niemand wird aus mir je einen politischen Autor oder Journalisten machen, dagegen verwahre ich mich</p>
<p>.  Dako: Ist es nicht so, dass Mitteleuropa dir einfach langweilig geworden ist und du deshalb nach Russland gefahren bist? Wie oft kann man Rumänien, Ungarn oder Albanien besichtigen?</p>
<p>Stasiuk: Gerade nach Albanien werde ich demnächst wieder mit Olaf fahren. Von Woowiec in den Niederen Beskiden, wo ich wohne, habe ich es ganz nah nach Südeuropa. In viereinhalb Stunden bin ich mit dem Auto in Rumänien. Dieser Teil unseres Kontinents ist viel interessanter als Russland, und die Ländern haben menschliche Ausmaße. Das war meine Antwort auf die Frage meiner russischen Übersetzerin, als sie mich fragte, wie wir in diesem engen, von Grenzen durchschnittenen Europa leben könnte.</p>
<p>Dako: Vielleicht magst du Russland und die Russen einfach nicht?</p>
<p>Stasiuk: Ob ich Russland mag oder nicht mag, spielt überhaupt keine Rolle. Natürlich habe ich in meiner Jugend, wie viele meiner Landsleute, die &#8220;Iwans&#8221; verachtet. Ich wollte nicht Russisch lernen. Aber heute bin ich ein großer Junge, und die Russen sind mir einfach egal. Wie übrigens alle anderen Völker auch.</p>
<p>Dako: Ist Russland deiner Meinung nach eher ein asiatisches oder ein europäisches Land?</p>
<p>Stasiuk: Weiß nicht, habe nicht darüber nachgedacht. Als ich in Moskau in Scheremetjewo landete, hatte ich das Gefühl, nur zwei Schritt von Asien entfernt zu sein. Dafür hatte ich in Irkutsk den Eindruck, dass dort noch eine Abart von Europäertum zu finden ist, wenn auch deformiert.</p>
<p>Dako: Die Russen werden es nicht mögen, wie sie in deinem neuen Buch dargestellt sind. Aber wie werden Stasiuks andere Bücher dort aufgenommen?</p>
<p>Stasiuk: Damit muss ich leben. Ich schreibe nicht, um jemandem zu gefallen. Bisher sind vier meiner Bücher ins Russische übersetzt. Mag sein, dass sie jemand gelesen hat, ich jedenfalls habe keine Kopeke vom Verkauf gesehen. In Irkutsk hatte ich eine Lesung, zu der mehrere Dutzend Leute kamen, obwohl niemand etwas von mir gelesen hatte. Dafür fragten mich alle, ob ich Russland schon lieb gewonnen hätte. Mir ist auch etwas von einem Theater in Orjol zu Ohren gekommen, das ein Stück von mir aufgeführt hat. Ich glaube, mit meiner Popularität in Russland ist es nicht weit her.</p>
<p>Dako: Das sieht in der Ukraine schon erheblich besser aus. Übersetzungen deiner Bücher und vieler anderer polnischer Autoren aus dem Verlag Czarne habe ich sogar im fernen Charkow in den Buchhandlungen gefunden. Findet die polnische Literatur den Weg leichter in die Ukraine?</p>
<p>Stasiuk: Ich glaube schon. Da besteht einfach eine größere Anziehungskraft. Sie sind für uns so etwas wie der mythische &#8220;Osten&#8221;, und wir für sie ein bißchen der magische &#8220;Westen&#8221;; aber gleichzeitig ähneln wir einander, sind ineinander verstrickt, miteinander verbunden. Jedem zweiten Ukrainer fällt irgendwann ein, dass er eine polnische Urgroßmutter hat, und wenn ein Pole etwas getrunken hat und seine Gefühle zum Ausdruck bringen will, dann versucht er sich wenigstens vokalistisch in einen Ukrainer zu verwandeln. Ja, mit der Ukraine ist das leichter, weil wir die Ukraine einfach in uns haben. Russland auch, aber doch weniger und eigentlich gegen unseren Willen.  © Deutsch von Olaf Kühl</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/spare-bei-deiner-genossenschaft1934.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6452" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/spare-bei-deiner-genossenschaft1934.jpeg" alt="" width="261" height="185" /></a></p>
<p><em>Kreditgenossenschaftswerbung</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/freinet-cooperative.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6464" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/freinet-cooperative.jpeg" alt="" width="259" height="194" /></a></p>
<p><em>Freinet-Genossenschaft (Werbung?)<br />
</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Andrej Platonow fegte</strong> <strong>zuletzt den Hof des Moskauer Literaturinstituts. Die meisten seiner Werke erschienen erst lange nach seinem Tod, auf Deutsch veröffentlichte sie in der Wende nahezu komplett der Verlag Volk und Welt. Bei Wikipedia heißt es über ihn:</strong></p>
<p>&#8220;Der Sohn eines Metallarbeiters und Ältester von 10 Kindern wurde 1899 in einem Dorf in der Nähe von Woronesch geboren. Nach seiner Jugendzeit in verschiedenen Berufen und dem Militärdienst in der Roten Armee, wurde er 1924 Ingenieur und schrieb kurze Stücke für Zeitungen. Er begann Anfang der 1920er Jahre mit der Veröffentlichung von Erzählungen und Gedichten, zugleich arbeitete er als Spezialist für Landgewinnung in Zentralrussland. Hier wurde er Augenzeuge der durch die Zwangskollektivierung verursachten Veränderungen und Schäden. 1927 wurde er hauptberuflicher Schriftsteller in Moskau. Er war ein Mitglied der landwirtschaftlichen Schriftstellervereinigung <em>Perewal</em> und schuf die Kurzgeschichtensammlung <em>Die Epiphaner Schleusen</em>. Seine beiden Hauptarbeiten, die Romane <em>Tschewengur</em> und <em>Die Baugrube</em>, entstanden zwischen 1926 und 1930 in etwa mit dem Beginn des ersten Fünfjahresplans 1928. Diese Arbeiten, mit ihrer impliziten Systemkritik brachten ihm heftige offizielle Kritik ein und obgleich ein Kapitel von ‘Tschewengur’ in einer Zeitschrift erschien, wurde keines seiner Werke vollständig veröffentlicht.</p>
<p>Während der stalinistischen Grossen Säuberung der 1930er Jahre, wurde Platonows fünfzehnjähriger Sohn verhaftet und in ein Arbeitslager deportiert, wo er an Tuberkulose erkrankte. Als er schließlich zurückgebracht wurde, steckte sich Platonow bei der Pflege an. Während des 2. Weltkrioeges wurde Platonow als Kriegsberichterstatter eingesetzt, aber sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Nach dem Krieg verlegte er sich vom individuellen literarischen Schaffen auf das Sammeln von Volkserzählungen und gab zwei Sammelbände heraus. Er starb 1951.</p>
<p>Heute gilt Platonow als einer der größten und vor allem sowjetischsten Schriftsteller – und sein posthumer Ruhm wächst.&#8221;</p>
<p><strong>Unbedingt Was Tun:</strong></p>
<p>In der Anfangszeit der Kollektivierung “vergesellschaftete” man hier und da sogar das Geflügel. Michail Alexandrowitsch Scholochow schilderte  einen erfolgreichen Aufstand der Bäuerinnen gegen diesen revolutionären Rigorismus, den Stalin dann selbst – Anfang 1930 – in seinem berühmten Artikel “Vor Erfolgen von Schwindel befallen” kritisierte.<strong></strong></p>
<p><strong></strong>Andrej Platonow begab sich nach Erscheinen dieses Artikels – im Auftrag der Zeitschrift “Krasnaja now” (Rote Neuigkeit) – sofort in sein Heimatgebiet Woronesh, wo er sich zuvor als Ingenieur an der Melioration und Elektrifizierung beteiligt hatte, um diese von Stalin proklamierte Wende in der Kollektivierungspolitik von unten mit zu bekommen. Seine währenddessen  entstandene “Armeleutechronik ‘Zu Nutz und Frommen’” wurde zwar 1931 gedruckt, aber nachdem Stalin eigenhändig “Ubljudok” (Schweinehund) auf die Ausgabe geschrieben hatte, mußte der Chefredakteur Alexander Fadejew sich von ihr distanzieren. Er bezeichnete sie als “Kulakenchronik” und den Autor als “Kulakenagent”, der “das wirkliche Bild des Kolchosaufbaus und -kampfes verfälscht” und “die kommunistischen Leiter und Kader der Kolchosbewegung verleumdet” habe.</p>
<p>Der Erzähler in Platonows “Chronik” ist eine “dämmernde Seele”, “zerquält von der Sorge um das Gemeinwohl”, der unruhig von einem Kollektiv zum anderen über Land wandert. In all seinen Büchern sind die Leute unterwegs, in der “Chronik” ist es Platonow selbst, ein “Pilger durchs Kolchosland” – der das Dorf verstand, wie Viktor Schklowski bereits 1926 feststellte, indem er aktiv an seiner Entwicklung teilnahm, denn “wertvolle Beobachtungen entspringen nur dem Gefühl emsiger Mitarbeit”. Diese Überzeugung teilte Platonow mit Sergej Tretjakow, der sich ebenfalls auf Viktor Schklowski berief, als er meinte, “der Schriftsteller muß in Arbeitskontakt mit der Wirklichkeit treten”. 1930 stellte Tretjakow sich dem nordkaukasischen Kombinat “Herausforderung”, einer Vereinigung von 16 Kolchosen, für Bildungsarbeit zur Verfügung. Anschließend veröffentlichte er das Buch “Feld-Herren” darüber, das bereits im Jahr darauf auf Deutsch herauskam und hier fast zu einem Bestseller wurde. Es ist jedoch mehr von bolschewistischem Enthusiasmus als von wirklicher Kenntnis des Dorfes und der Landwirtschaft getragen – dazu absolut staatstragend.</p>
<p>Der eher anarchistisch inspirierte Platonow ließ dagegen bereits 1928 in seinem Essay “Tsche-tsche-O” seinen Helden sagen: “Die Kollektive in den Dörfern brauchen wir jetzt mehr als den Dnjeprostroi…Und schon bereitet der Übereifer Sorgen…verschiedene Organe versuchen, beim Kolchosaufbau mitzumischen – alle wollen leiten, hinweisen, abstimmen…”, so zitiert ihn die Platonow-Expertin der DDR Lola Debüser, die darauf hinweist, dass der Autor die Tragik und letztlich das Scheitern der Kollektivierung vor allem im “staatlich-bürokratischen und repressiven Mechanismus” von oben sah, der den “Garten der Revolution” mit seinen “kaum erblühten Pflanzen” zerstampfte.</p>
<p>Das Ringen mit dieser  “mechanischen  Kraft des Sieges” thematisierte Platonow auch in seinen zwei Romanen aus dem “Jahr des großen Umschwungs” 1929: “Tschewengur” und “Die Baugrube”. In diesem läßt er z.B. einen Kulaken sagen: “…ihr macht also aus der ganzen Republik einen Kolchos, und die ganze Republik wird zu einer Einzelwirtschaft…Paßt bloß auf: Heute beseitigt ihr mich, und morgen werdet ihr selber beseitigt. Zu guter Letzt kommt bloß noch euer oberster Mensch im Sozialismus an.”  Daneben ging es Platonow auch um die durch die Mechanik der Macht  (wieder) forcierte Trennung von Kopf- und Handarbeit, mit der die ganzheitlichen Maßstäbe und die bewußte Teilnahme des Einzelnen am Aufbau des Sozialismus  zerstört werden.</p>
<p>“Der Mensch war [durch die siegreiche Revolution] – so empfand Platonow das zumindestens – aus dem System der sozialen Determiniertheit ‘herausgefallen’, alles schien möglich und leicht realisierbar,” schreibt der russische  Platonowforscher L. Schubin. Aber diese Möglichkeiten wurden nach und nach von der “Mechanik der Macht” zurückgedrängt. “Die Technik entscheidet alles,” verkündete Stalin 1934 und meinte damit nicht nur die Industrialisierung der Landwirtschaft – vom Traktor bis hin zu agronomischen Verfahren, sondern auch die administrativ umgesetzten neuen Erkenntnisse der  Wissenschaft – vor allem der “proletarischen  Biologie” (Mitschurin/Lyssenko). Der französische Marxist Charles Bettelheim merkte dazu 1971  an: “Wer hier handelt, das ist die Technik, und es ist der Bauer, auf dessen Rücken gehandelt wird”.</p>
<p>In seinen Samisdat-”Aufzeichnungen aus dem Untergrund” kam Boris Jampolski 1975 zu einer ähnlichen Einschätzung: “Wenn [E.T.A.] Hoffmann schreibt: ,Der Teufel betrat das Zimmer’, so ist das Realismus, wenn die [Sowjetschriftstellerin] Karajewa schreibt: ,Lipotschka ist dem Kolchos beigetreten’, so ist das reine Phantasie.” Für diese Autorin ist Literatur “staatliches Schönschreiben”, könnte man dazu mit Platonow auch sagen. In seinem Roman “Tschewengur” läßt er einen seiner Helden zu der Erkenntnis kommen: “Hier leben keine Mechanismen, hier leben Menschen, die kann man nicht in Gang setzen, solange sie nicht selbst ihr Leben einrichten. Früher habe ich gedacht, die Revolution ist wie eine Lokomotive. Jetzt aber sehe ich: Nein, jeder Mensch muß seine eigene Dampfmaschine des Lebens besitzen…damit mehr Kraft da ist. Sonst kommt man nicht vom Fleck.” Auf dem Plenum der KPdSU zur Agrarpolitik am 15. März 1989 formulierte es zuletzt Michail Gorbatschow rückblickend so: “…die Führung des Landes ging [Ende der Zwanzigerjahre] nicht den Weg der Suche nach ökonomischen Methoden, um die Probleme und Widersprüche zu lösen, sondern einen anderen, direkt entgegengesetzten Weg – den Weg des Abbaus der NEP,…der administrativen Kommandomethoden…Die natürliche Unzufriedenheit der Bauern wurde als eine Art Sabotage gedeutet. Und damit wurde die Notwendigkeit repressiver Maßnahmen gerechtfertigt…Im Agrarsektor lebten die Methoden außerökonomischen Zwangs aus den Zeiten des Kriegskommunismus wieder auf”.</p>
<p>Hierzulande kennen wir dagegen den “ökonomischen Zwang im Agrarsektor” nur allzu gut – wenn auch in umgekehrter Weise: “Wer nicht wachsen will muß weichen”, sagen  die Bauern dazu, d.h. von der EU wird  permanent eine Politik der Liquidierung der Dorfärmsten als Klasse betrieben – zugunsten der Kulaken. Dies entspricht der US-Entwicklungspolitik in Agrarländern. In Platonows “Armeleutechronik” sucht der unstete Wanderer demgegenüber einen humanistischen Weg. Im Kolchos “Kulakenfrei” trifft er auf den Vorsitzenden  Senka Kutschum, der eine interessante Kollektivierungspolitik betreibt.  Und im  Kolchos des Vorsitzenden Kondrow  geht die Kollektivierung so erfolgreich und ohne Überspitzungen voran, , “weil er selbständig denkt und andere zum Mitdenken auffordert, auch weil er sich gegen unqualifizierte Direktiven von oben wehrt. Kondrow ist glücklich, als Stalins Artikel seinen vernünftigen Weg bestätigt. Platonows Erzähler stellt fest: ‘…es gab Orte, die frei blieben von schwindelerregenden Fehlern…Doch leider waren solche Orte nicht allzu zahlreich’.”  Stattdessen gab es viele Aktivisten, die nur allzu bereit waren, jede Maßnahme der Administration zu exekutieren.</p>
<p>In “Die Baugrube” hat Platonow solch einen porträtiert: “Auch dem Aktivisten war der gelbliche Abendhimmel, diese Begräbnisbeleuchtung, aufgefallen, und er beschloß, gleich morgen früh das Kolchosvolk zu einem Sternmarsch zu formieren, der in die umliegenden Dörfer führen sollte, die sich noch immer ans Einzelbauerntum klammerten…Der Aktivist befand sich noch auf dem Orghof, die vorige Nacht hatte nichts erbracht, keine einzige Direktive war von oben herab auf den Kolchos geflattert, und so mußte er notgedrungen den Gedanken im eigenen Kopf freien Lauf lassen. Doch sie brachten Unterlassungsängste mit sich. Braute sich nicht doch Wohlstand auf den Einzelgehöften zusammen? War ihm in dieser Beziehung etwas entgangen? Andererseits war nichts gefährlicher als Übereifer – deshalb hatte er nur den Pferdebestand vergesellschaftet und grämte sich nun über die vereinsamten Kühe, Schafe und Hühner, denn in der Hand des spontanen Einzelbauern konnte schließlich auch der Ziegenbock zum Hebel des Kapitalismus werden.”</p>
<p>Platonow spielt hier sowohl auf die Parteirechten um Bucharin an, die für eine eher sanfte Kollektivierung plädiert hatten, gegenüber den Linken, die Stalin mit den Trotzkisten aus der Partei ausgeschlossen hatte. Diese befürworteten eine noch radikalere Lösung der Bauernfrage. Später wandte sich Stalin auch gegen die Bucharinisten. In der Kolchose von Gremjatschi Log, deren Entwicklung Scholochow beschreibt, wird der Aktivist Makar Nagulnow wegen seines Kampfes für die “hundertprozentige Kollektivierung” plötzlich des Trotzkismus verdächtigt. Er verteidigt sich: “Ich bin nicht Trotzki wegen mit den Hühnern nach links geraten. Er wollte nur so schnell wie möglich “den Eigentumsmenschen, den Kleinbürger matt setzen”. Er muß sich jedoch sagen lassen, dass solche linksradikalen “Verzerrungen” und “ungebührliche Drohungen gegen Bauern” bei der Kollektivierung laut Stalins Artikel “Vor Erfolgen vom Schwindel befallen”  nur dem Feind nützen – also dem “rechten Opportunismus”. Die Kollektivbauern bekamen daraufhin ihr Kleinvieh und sogar eine Kuh zurück – und Stalin legte genau fest, wieviel Morgen Land jeder in Zukunft privat bewirtschaften durfte. Damit gerieten viele Kolchosen erneut in Schwierigkeiten, denn die Bauern arbeiteten bald lieber auf  ihrem kleinen Privathof als in der großen Kollektivwirtschaft.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/geno-schweiz.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6453" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/geno-schweiz.jpeg" alt="" width="236" height="213" /></a></p>
<p><em>Schweizer Genossenschaftswerbung</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/zille-genobild.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6454" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/zille-genobild.jpeg" alt="" width="258" height="195" /></a></p>
<p><em>Berliner Konsumgenossenschaftswerbung von Zille</em></p>
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<p><strong>Kropotkin im Gespräch mit Lenin – über Genossenschaften<br />
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<p>Ich kann die Zusammenkunft von Wladimir Iljitsch und Peter Alexejewitsch Kropotkin mit annähernder Sicherheit zwischen den 8. und 10. Mai (1919) datieren. Wladimir Iljitsch bestimmte die Zeit nach den Arbeitsstunden des Sovnarkom (Rat der Volkskommissare) und benachrichtige mich, daß er gegen fünf Uhr in meiner Wohnung sein würde. Ich teilte Peter Alexejewitsch telefonisch Tag und Stunde des Treffens mit und schickte ihm um diese Zeit einen Wagen.</p>
<p>Wladimir Iljitsch erschien früher bei mir als Peter Alexejewitsch. Wir sprachen über die Werke der Revolutionäre früherer Zeiten; Wladimir Iljitsch gab während dieser Diskussion seiner Meinung Ausdruck, daß zweifellos bald die Zeit käme, in der wir vollständige Ausgaben unserer Emigrantenliteratur und ihrer führenden Autoren sehen würden, mit allen erforderlichen Anmerkungen, Vorworten, und allem anderen Untersuchungsmaterial.</p>
<p>“Dieses ist äußerst notwendig”, sagte Wladimir Iljitsch. “Nicht nur müssen wir selbst die Geschichte unserer revolutionären Bewegung studieren, sondern wir müssen auch jungen Forschern und Schülern die Möglichkeit geben, eine große Anzahl von Artikeln zu schreiben, die auf diesen Dokumenten und auf diesem Material fußen, um möglichst große Massen mit dem vertraut zu machen, was in Rußland während der vergangenen Generation existierte. Nichts wäre verderblicher, als zu glauben, die Geschichte unseres Landes begänne mit jenem Tag, an dem die Oktoberrevolution ausbrach. Trotzdem hören wir diese Meinung jetzt sehr häufig. Solch eine Dummheit ist es nicht wert, daß man sie diskutiert. Unsere Industrie ist wieder hergestellt, die Papier- und Druckkrise geht vorüber, und wir werden hunderttausend Exemplare solch eines Buches wie die “Geschichte der französischen Revolution” von Kropotkin drucken und andere seiner Werke; trotz der Tatsache, daß er Anarchist ist, werden wir seine gesammelten Werke in jeder nur denkbaren Weise herausgeben, mit allen notwendigen Anmerkungen für den Leser, damit er deutlich den Unterschied zwischen den kleinbürgerlichen Anarchisten und der wahren kommunistischen Weltanschauung des revolutionären Marxismus versteht”.</p>
<p>Wladimir Iljitsch nahm ein Buch von Kropotkin aus meiner Bibliothek und ein anderes von Bakunin, die ich seit 1905 besaß, und durchblätterte sie schnell, Seite für Seite. In diesem Augenblick erfuhr ich, daß Kropotkin angekommen war. Ich ging, um ihn zu begrüßen. Er stieg langsam unsere ziemlich steile Treppe hinauf. Ich begrüßte ihn, und wir gingen in mein Arbeitszimmer. Wladimir Iljitsch durchschritt schnell den Korridor und bewillkommte, warm lächelnd, Peter Alexejewitsch. Peter Alexejewitsch errötete und sagte gleich zu ihm: “Wie glücklich bin ich, Sie zu sehen, Wladimir Iljitsch! Wir haben Meinungsverschiedenheiten in einer ganzen Reihe von Fragen, den Mitteln der Aktion, und der Organisation. Aber unsere Ziele sind die gleichen, und was Sie und Ihre Genossen im Namen des Kommunismus tun, ist meinem alten Herzen sehr nahe und teuer”.</p>
<p>Wladimir Iljitsch nahm ihn beim Arm und führte ihn sehr aufmerksam und höflich in mein Arbeitszimmer, ließ ihn in einem Sessel Platz nehmen und setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch.</p>
<p>“Nun, da unsere Ziele dieselben sind, gibt es vieles, das uns in unserem Kampf verbindet”, sagte Wladimir Iljitsch. “Natürlich ist es möglich, sich einem und demselben Ziel auf verschiedenen Wegen zu nähern, aber ich glaube, daß unsere Wege in vielerlei Hinsicht zusammengehen müßten”.</p>
<p>“Ja, sicherlich”, unterbrach Peter Alexejewitsch, “aber ihr verfolgt die Genossenschaften und ich bin für sie”. “Und wir sind für sie” , rief Wladimir Iljitsch lebhaft aus, “aber wir sind gegen die Art von Genossenschaften, hinter denen sich Kulaken, Landbesitzer, Händler und privates Kapital im allgemeinen verbergen. Wir wollen einfach dieser falschen Genossenschaft die Maske abreißen und den breiten Massen der Bevölkerung die Möglichkeit geben, einer echten Genossenschaft beizutreten”.</p>
<p>“Das will ich nicht bestreiten”, antwortete Kropotkin, “und natürlich muß man, wo immer es dergleichen gibt, dieses mit aller Strenge bekämpfen, da man aller Unwahrheit und Täuschung entgegentritt. Wir brauchen keinen Deckmantel; wir müssen jede Lüge unbarmherzig bloßstellen, überall. Aber in Dmitrov sehe ich, daß man Genossenschaften verfolgt, die nichts mit denen, die Sie gerade erwähnten, gemein haben; und dieses, weil die lokalen Autoritäten, vielleicht gerade die Revolutionäre von gestern, wie jede andere Autorität verbürokratisiert sind, zu Beamten konvertiert, die ihren Untergebenen die Zügel anziehen – und sie glauben, daß ihnen die gesamte Bevölkerung untergeben ist”.</p>
<p>“Wir bekämpfen die Bürokraten überall und zu jeder Zeit”, sagte Wladimir Iljitsch. “Wir bekämpfen die Bürokraten und die Bürokratie, und wir müssen die Überbleibsel mit den Wurzeln ausreißen, wenn sie noch in unserem neuen System nisten; letztlich, Peter Alexejewitsch, verstehen Sie sehr gut, daß es sehr schwierig ist, die Menschen zu ändern, daß, wie Marx sagte, die furchtbarste und uneinnehmbarste Festung der menschliche Schädel ist! Wir ergreifen alle nur denkbaren Maßnahmen, um in diesem Kampf zu siegen; und in der Tat, das Leben selbst zwingt natürlich, viel zu lernen. Unser Mangel an Kultur, unsere fehlende Bildung, unsere Rückständigkeit, sind natürlich überall offenkundig, und niemand kann uns, als Partei, als Regierungsmacht, für das tadeln, was in der Maschinerie dieser Macht an Fehlern begangen wird; noch weniger für das, was in der Tiefe des Landes, weit entfernt von den Zentren, geschieht”.</p>
<p>“Es ist deswegen jedoch keineswegs leichter für die, die dem Einfluß dieser unaufgeklärten Autorität ausgesetzt sind”, rief Peter Alexejewitsch Kropotkin aus, “welche sich bereits als zersetzendes Gift für diejenigen erweist, die sich diese Autorität für sich selber aneignen”.</p>
<p>“Aber es gibt keinen anderen Weg”, fügte Wladimir Iljitsch hinzu. “Man kann keine Revolution machen, wenn man weiße Handschuhe trägt. Sie wissen sehr gut, daß wir eine große Zahl von Fehlern gemacht haben und machen werden, daß es viele Unregelmäßigkeiten gibt, und viele Menschen unnötig gelitten haben. Aber was korrigiert werden kann, werden wir korrigieren; wir werden unsere Irrtümer eingestehen, die häufig nur simpler Dummheit anzulasten sind. Es ist aber unmöglich, während einer Revolution keine Fehler zu begehen. Keine zu begehen hieße dem Leben gänzlich entsagen und überhaupt nicht zu handeln. Wir aber haben es vorgezogen, Irrtümer zu begehen und zu handeln. Wir wollen und werden handeln, trotz aller Fehler, und wir werden unsere sozialistische Revolution zum schließlichen und unvermeidlichen siegreichen Ende führen. Und Sie können uns dabei helfen, indem Sie uns all ihre Informationen über Unregelmäßigkeiten mitteilen. Sie können sicher sein, daß jeder von uns sich dieser Informationen mit größter Sorgfalt annehmen wird”.</p>
<p>“Ausgezeichnet”, sagte Kropotkin. “Weder ich noch sonst jemand wird sich weigern, Ihnen und all Ihren Genossen so weit wie möglich zu helfen, aber unsere Hilfe wird hauptsächlich darin bestehen, Ihnen all die Unregelmäßigkeiten zu berichten, die überall vorkommen und unter deren Auswirkungen die Menschen an vielen Orten stöhnen…”</p>
<p>“Nicht das Stöhnen, sondern das Geschrei der widerstehenden Konterrevolutionäre, demgegenüber wir ohne Gnade waren und sind…,”</p>
<p>“Aber Sie sagen, es sei unmöglich, ohne Autorität auszukommen”, begann Peter Alexejewitsch erneut zu theoretisieren, “und ich sage, es ist möglich. Wohin Sie auch blicken, entsteht eine Grundlage für die Autoritätslosigkeit. Ich habe gerade die Nachricht empfangen, daß in England die Dockarbeiter in einem der Häfen eine hervorragende, gänzlich freie Genossenschaft organisiert haben, die ständig von Arbeitern aller anderen Industriezweige besucht wird. Die Genossenschaftsbewegung ist enorm und ihre Bedeutsamkeit sehr groß…”</p>
<p>Ich beobachtete Wladimir Iljitsch. Seine Augen glitzerten ein wenig spöttisch, und er schien, indem er Peter Alexejewitsch aufmerksam zuhörte, verblüfft, daß jemand angesichts des ungeheuren Aufschwungs und der mitreißenden Bewegung der Oktoberrevolution nur von Genossenschaften und immer wieder von Genossenschaften sprechen konnte. Und Peter Alexejewitsch fuhr fort, unaufhörlich darüber zu sprechen, wie noch an einem anderen Ort in England desgleichen eine Genossenschaft organisiert worden sei, wie an irgendeinem dritten Ort, in Spanien irgendeine kleine Föderation errichtet werde, welchen Aufschwung die syndikalistische Bewegung in Frankreich genommen habe… “Es ist in der Tat schädlich”, konnte sich Wladimir Iljitsch nicht enthalten einzuwerfen, “der politischen Seite des Lebens keinerlei Aufmerksamkeit zu widmen und offensichtlich die arbeitenden Klassen zu demoralisieren, sie abzulenken vom unmittelbaren Kampf…”</p>
<p>“Aber die syndikalistische Bewegung vereinigt Millionen; dies allein ist ein bedeutender Faktor”, sagte Peter Alexejewitsch erregt. “Zusammen mit der Genossenschaftsbewegung ist dies ein ungeheurer Schritt vorwärts…”</p>
<p>“Das ist schön und gut”, unterbrach ihn Wladimir Iljitsch “Natürlich ist die Genossenschaftsbewegung wichtig, ebenso wie die syndikalistische Bewegung schädlich ist. Wie läßt sich das bestreiten? Das ist ganz offensichtlich, wenn sie erst einmal eine wirkliche Genossenschaftsbewegung wird, verbunden mit den großen Massen der Bevölkerung. Aber ist das wirklich der Punkt? Ist es möglich, gerade hierdurch zu etwas Neuem zu gelangen? Glauben Sie wirklich, die kapitalistische Welt wird sich dem Weg der Genossenschaftsbewegung fügen? Sie versucht durch jede Maßnahme und mit allen Mitteln, die Bewegung in ihre Hände zu bekommen. Und diese kleine Genossenschaft, eine Handvoll englischer Arbeiter ohne Macht, wird zermalmt und erbarmungslos zum Diener des Kapitals gemacht werden; diese neu entstehende Entwicklung in der Genossenschaftsbewegung, die Sie so sehr begrüßen, wird in direkter und absoluter Abhängigkeit durch tausende von Fäden sein, die sie wie ein Spinnennetz umgeben. Das alles ist engstirnig! Sie werden mir vergeben, aber das ist alles Unfug! Wir brauchen die direkte Aktion der Massen, die revolutionäre Aktion der Massen, diese Aktivität, die die kapitalistische Welt an der Gurgel packt und sie zu Fall bringt. Jetzt aber gibt es diese Aktivität nicht, gar nicht zu reden von Föderalismus oder Kommunismus oder sozialer Revolution. Das alles ist Kinderei, nutzloses Geschwätz, hat keinen realistischen Boden unter sich, keine Kraft, keine Bedeutung und fast nichts, sich unseren sozialistischen Zielen zu nähern. Ein direkter und offener Kampf, ein Kampf bis auf den letzten Blutstropfen – das ist es, was wir brauchen. Der Bürgerkrieg muß überall ausgerufen werden, unterstützt durch alle revolutionären und oppositionellen Kräfte, soweit sie nur irgend in solch einem Bürgerkrieg gehen können. Es wird viel Blut vergossen werden, und es wird viele Greuel in solch einem Kampf geben. Ich bin überzeugt, daß diese Greuel in Westeuropa noch größer als in unserem Land sein werden, wegen des schärferen Klassenkampfes dort und der größeren Spannung der entgegengesetzten Kräfte, die in diesem vielleicht letzten Gefecht mit der imperialistischen Welt bis zum letzten kämpfen werden”.</p>
<p>Wladimir Iljitsch erhob sich von seinem Stuhl, nachdem er dies alles klar und deutlich, mit Lebhaftigkeit, gesagt hatte. Peter Alexejewitsch saß zurückgelehnt in seinem Sessel und lauschte mit einer Aufmerksamkeit, die in Teilnahmslosigkeit überging, den feurigen Worten Wladimir Iljitschs. Danach sprach er nicht mehr von Genossenschaften.</p>
<p>”Natürlich sind Sie im Recht”, sagte er. “Ohne Kampf kann nichts in irgendeinem Land vollbracht werden, ohne den verzweifeltsten Kampf…”</p>
<p>“Aber nur ein massiver”, rief Wladimir Iljitsch. “Wir brauchen nicht den Kampf und gewaltsame Akte einzelner Personen. Es ist höchste Zeit, daß die Anarchisten dies verstehen und damit aufhören, ihre revolutionäre Energie an gänzlich nutzlose Dinge zu verschwenden. Nur in den Massen, nur durch die Massen und mit den Massen, von Untergrundarbeit zu massivem roten Terror, wenn es nötig ist, zum Bürgerkrieg, zu einem Krieg an allen Fronten, zu einem Krieg aller gegen alle – nur diese Art des Kampfes kann von Erfolg gekrönt sein. Alle anderen Wege – die der Anarchisten eingeschlossen – wurden der Geschichte überlassen, den Archiven, und sie sind von keinerlei Nutzen für irgendjemand, ungeeignet für jeden; niemand wird von ihnen angezogen, und sie demoralisieren nur diejenigen, die sich aus irgendeinem Grund zu diesem alten, unbrauchbar gewordenen Weg verleiten lassen…”</p>
<p>Wladimir Iljitsch unterbrach sich plötzlich, lächelte höflich und sagte: “Vergeben Sie mir. Es scheint, daß ich fortgerissen wurde und Sie ermüde. Aber so ist es nun einmal mit uns Bolschewisten. Dies ist unser Problem, unser Cognac, und es geht uns so nahe, daß wir nicht ruhig darüber reden können”. “Nein, nein”, antwortete Kropotkin. “Es ist äußerst erfreulich für mich, alles, was Sie sagen zu hören. Wenn Sie und all Ihre Genossen in dieser Art denken, wenn sie nicht von der Macht vergiftet sind und sich selbst sicher fühlen vor der Versklavung durch die staatliche Autorität, dann werden sie vieles vollbringen. Dann ist die Revolution wirklich in zuverlässigen Händen”.</p>
<p>“Wir werden es versuchen”, antwortete Lenin gutmütig, “und wir werden sehen (er gebrauchte seinen bevorzugten Satz), daß niemand von uns eingebildet wird und zu hoch von sich selber denkt. Das ist eine furchtbare Krankheit, aber wir haben ein exzellentes Heilmittel: wir werden diese Genossen zurück an die Arbeit schicken, zu den Massen”. “Das ist ganz ausgezeichnet”, rief Peter Alexejewitsch aus. “Meiner Meinung nach sollte dieses jeder viel häufiger tun. Dies ist sinnvoll für alle. Man darf niemals den Kontakt mit den arbeitenden Massen verlieren, und man muß wissen, daß es nur mit den Massen möglich ist, all das zu vollbringen, was in unseren progressivsten Programmen niedergelegt ist. Aber Sozialdemokraten und uninformierte Menschen in allen Ländern glauben, daß es in eurer Partei viele Nichtarbeiter gibt, und daß dieser Bestandteil an Nichtarbeitern die Arbeiter korrumpiert. Was nötig ist, ist das Gegenteil: der Bestandteil an Arbeitern sollte überwiegen, und die Nichtarbeiter sollten den arbeitenden Klassen nur durch Unterweisung helfen, ein Gebiet des Wissens oder ein anderes zu meistern; sie wären wie ein Hilfselement in der einen oder anderen sozialistischen Organisation”.</p>
<p>“Wir brauchen aufgeklärte Massen”, sagte Wladimir Iljitsch, “und es wäre wünschenswert, wenn z.B. Ihr Buch, “Geschichte der französischen Revolution”, sofort in einer sehr hohen Auflage herausgebracht würde. Schließlich ist es für jeden nützlich. Wir würden dies ausgezeichnete Buch sehr gerne publizieren und es in einer Anzahl herausbringen, die für alle Bibliotheken, Leseräume der Dörfer und Kompaniebüchereien der Regimenter ausreichte”.</p>
<p>“Aber wo kann es veröffentlicht werden? Ich werde kein staatliche Ausgabe dulden…” “Nein, nein”, unterbrach Wladimir Iljitsch Peter Alexejewitsch schlau lächelnd. “Natürlich, nicht im Staatsverlag, sondern in einem genossenschaftlichen Verlag…” Peter Alexejewitsch nickte zustimmen. “Nun dann”, sagte er sichtlich erfreut über diese Ermunterung und diesen Vorschlag, “wenn Sie das Buch für interessant und nützlich halten, stimme ich zu, es in einer billigen Ausgabe herauszubringen. Vielleicht läßt sich ein genossenschaftlicher Verlag finden, der es annimmt …”</p>
<p>“Wir finden einen, wir finden einen”, versicherte Wladimir Iljitsch. “Ich bin davon überzeugt”. Damit begann sich die Unterredung zwischen Peter Alexejewitsch und Wladimir Iljitsch zu erschöpfen. Wladimir Iljitsch sah auf seine Uhr, erhob sich und sagte, er müsse sich auf eine Sitzung des Rates der Volkskommissare vorbereiten. Er sagte Peter Alexejewitsch auf das herzlichste Lebewohl, und fügte hinzu, daß er immer froh sein würde, Briefe und Instruktionen von ihm zu bekommen, denen immer ernsthafte Aufmerksamkeit geschenkt werden würde. Peter Alexejewitsch sagte uns Lebewohl und ging zur Tür, durch die Wladimir Iljitsch und ich ihn hinaustreten sahen. Er fuhr im selben Automobil ab, um in seine Wohnung zurückzukehren.</p>
<p><em>(Aus: Peter Kropotkin – Unterredung mit Lenin sowie andere Schriften zur russischen Revolution, Verlag „Die Freie Gesellschaft“, Hannover 1980. Der Text wurde von Max Otto Lorenzen übersetzt, die Originalquelle ist in der Broschüre leider nicht angegeben. Es ist daher auch nicht ersichtlich, wer über diese Unterredung zwischen Kropotkin und Lenin berichtet.)</em></p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/china-mutter-mit-einem-kind.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6455" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/china-mutter-mit-einem-kind.jpeg" alt="" width="259" height="194" /></a></p>
<p><em>Chinesische Werbung für die kleinste genossenschaftliche Einheit</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/taz-geno.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6457" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/taz-geno.jpeg" alt="" width="247" height="204" /></a></p>
<p><em>taz-Genossenschaft</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/alle-liebhaber2.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6465" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/alle-liebhaber2.jpeg" alt="" width="225" height="225" /></a></p>
<p><em>Kissenbezug einer Pferdezuchtgenssenschaft</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/geno-gen.jpeg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6458" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/geno-gen.jpeg" alt="" width="189" height="266" /></a></p>
<p><em>Und das machen die Genetikanhänger aus der cooperacion: ein Gen eine Geno!</em></p>
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<p><strong>Kai Ehlers zitiert den Moskauer Agrarsoziologen Theodor Schanin u.a. mit dem Satz: &#8220;Ich glaube, dass Wissen einen eigenen Wert hat, der nicht durch Einkommen, Profit, Zustimmung des Staates oder Regierungsaufgaben aufgewertet werden muß.&#8221;</strong></p>
<p>Auf der Flucht vor den aggressiv gegen die bürgerlichen Genetiker vorgehenden Anhänger der &#8220;proletarischen Biologie&#8221; wich der Moskauer Biologe Dimitrij Beljajew nach Sibirien aus, wo er sich als Holzfäller verdingte &#8211; bis eine Kolchose bei Nowosibirsk, die Silberfüchse züchtete, ihn holte, damit er ihre Tiere zahmer mache. Beljajew sah darin die Chance, den Neodarwinismus aus der Peripherie gegen den voluntaristischen Lamarckismus des Zentrums empirisch zu erhärten:</p>
<p>Mit seinen Domestikationsversuchen bei den Silberfüchsen wollte er wollte nachweisen, dass man die “soziale Intelligenz” wie bei den Hunden, die als einzige Tiere selbst versteckte Hinweise des Menschen mit der Hand oder den Augen verstehen, herauszüchten kann: &#8220;Selektion auf Kommunikation&#8221;,</p>
<p>konkret: auf zahmes und zutrauliches Verhalten.  Kriterium der Auslese war die Fluchtdistanz. Nach 35 Generationen und 45.000 Füchsen war Berdjajew am Ziel, in einigen Berichten heißt es, bereits nach 18 Generationen: Die Tiere waren zahm. Es hatten sich jedoch einige ungewollte Eigenschaften eingestellt: Die Füchse verhielten sich wie domestizierte Hunde, sie sahen auch so aus (scheckig, Schlappohren, erhobene Schwanzspitzen), die Weibchen wurden jetzt zweimal im Jahr läufig, sie hörten sich sogar an wie Hunde. Keines dieser äußeren Merkmale war Zuchtziel gewesen und z. T. sogar völlig unerwünscht. Zur Pelzgewinnung konnte man gescheckte Tiere nicht brauchen. Die Art zerfiel regelrecht (Coppinger, R. u. L., 2001, S. 67) Außerdem hatten sie noch ein Merkmal, das bereits Konrad Lorenz bei domestizierten Tieren aufgefallen war, nämlich ‘niedliche’ Gesichter, runde – wie Teddybären. So sehen alle Säugetiere aus, wenn sie klein sind. In der freien Natur streckt sich später der Schädel, er wird lang und spitz. Die zahmen Füchse blieben Rundköpfe! Damit war klar, dass auch die Hunde vor 10.000 Jahren nicht auf äußerliche Merkmale gezüchtet worden waren. Diese stellten sich vielmehr von selbst ein, wenn man auf Verhalten zielte.</p>
<p>Beljajew erlebte seinen Erfolg nicht mehr; er starb in den 80er-Jahren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion mußte sein Institut Mitarbeiter entlassen und die Fuchszucht verkleinern. Dann entdeckte es der Harvard-Wissenschaftler Brian Hare: “Er hat sich mit den übrig gebliebenen Kollegen aus Nowosibirsk zusammengetan und getestet, ob die Füchse auch können, was die Hunde können: den Hinweisen des Menschen folgen. Sie können es, obwohl sie nie darauf trainiert wurden (näheres siehe  ‘Current Biology’, 15, S. 226).</p>
<p>Zuerst war in US-Zeitungen die Rede davon, dass all dies dem Harvard-Wissenschaftler Hare gelungen sei. Neuerdings verkaufen jedoch die deutschen Intelligenzblätter das neodarwinistische Berdjajew-Experiment &#8211; als deutsche Heldentat. Die USA reagierten darauf mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit einer Reihe von Eurostaaten, um ringsum Deutschland den Druck zu erhöhen, damit das Land sich nicht länger auch noch mit dieser Pionierleistung  schmücke.</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/tanzende-eisbaeren.jpg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6470" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/tanzende-eisbaeren.jpg" alt="" width="320" height="213" /></a></p>
<p><em>Tanzende Eisbären. Photo: via Annette Cornelia Eckert (FB)</em></p>
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<p><strong>Im Internet findet man nebenbeibemerkt jede Menge Anfragen: &#8220;Welche Wohnungsbau-Genossenschaft erlaubt Hunde?&#8221; In seinem Buch &#8220;Genossenschaften von Lebewesen auf Grund gegenseitiger Vorteile&#8221; bezeichnet der Wiener Amphibienforscher Paul Kammerer diese &#8220;Lebensgemeinschaften&#8221; von Haustieren und Menschen als eine ebensolche &#8220;Symbiose&#8221; wie etwa die von Pilzen und Algen, die sich zu &#8220;Flechten&#8221; zusammengeschlossen haben. Mit dieser &#8220;Kooperation&#8221; begann die Symbioseforschung &#8211; von einigen russischen Botanikern.  Sie begriffen diese als Ergänzung des darwinschen Prinzips der Konkurrenz (des Kampfes ums Dasein). So sah das etwa zur gleichen Zeit auch Kropotkin in seiner Studie über &#8220;Die Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt&#8221;, ebenso dann Paul Kammerer. 1908 schrieb er in seinem Buch &#8220;Symbiose &#8211; neue Weltanschauung&#8221;: &#8220;Ohne die Annahme einer &#8216;Vererbung erworbener Eigenschaften&#8217; lassen sich die Symbioseerscheinungen nicht verstehen, und umgekehrt.&#8221; Ungeachtet dieses lamarckistischen Credos veröffentlichte er im Jahr darauf in einer Wiener Biologenzeitschrift einen Text über &#8220;Symbiose und Kampf ums Dasein als gleichberechtigte Triebkräfte der Evolution&#8221;. Der o.e. Interviewband von Kai Ehlers bezeichnet  durchweg die Verzahnung zwischen kleinen Selbstorganisationen und großen Kollektiven in Russland als eine &#8220;Symbiose&#8221; &#8211; die das Besondere in der russischen, sowjetischen und postsowjetischen Ökonomie ausmache.</strong></p>
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<p><strong>Als &#8220;Hohepriesterin der Symbiose&#8221; wurde zuletzt die US-Mikrobiologin Lynn Margulis bezeichnet &#8211; von ihren darwinistischen Gegnern. Sie führte die Symbioseforschung der russischen Botaniker fort, bis dahin, dass für sie jede Zelle eine Genossenschaft war, eines ihrer letzten Bücher heißt &#8220;Symbiotic Planet&#8221;. Das Internetforum &#8220;realitysandwich.com&#8221; veröffentlichte zur Erinnerung an die vor einigen Wochen gestorbene Lynn Margulis einen Nachruf von Simon G. Powell:</strong></p>
<p>&#8220;Richard Dawkins, formidable commander of both the Queen&#8217;s English and a veritable worldwide army of devoted reductionists, once referred to the late Lynn Margulis as the &#8220;high priestess of symbiosis&#8221;. Was this a warm colourful accolade or a shrewd slight? Given that Dawkins has spent decades steadfastly clinging to his beloved selfish gene paradigm and has even spoken of selfish cooperation when dealing with the symbiotic side of life that Margulis championed, I suspect his sentiment was not entirely benign. Although Dawkins openly admired Margulis for persevering with the theory that various cell organelles evolved through a process of endosymbiosis, and while aware, like any biologist, that the web of life evinces all manner of symbiotic relationships, he always seemed distinctly rattled by the social connotations that symbiosis invariably evokes. After all, unlike the notion of selfish genes, mutually beneficial cooperation sounds <em>nice</em>. Two or more organisms working together in an integrated and coherent way? Why, symbiosis has an almost ‘lovey-dovey&#8217; and ‘new-agey&#8217; air to it! Goddess forbid that we should draw any social lessons from such intimate biological arrangements! Best, then, to employ a cunning linguistic trick and make this embarrassingly alluring aspect of life disappear. Or at least shove it out of the way. Hence Dawkins use of the clumsy term ‘selfish cooperation&#8217; (as opposed to speaking of, say, emergent higher order selves, or even unconscious cooperation).</p>
<p>According to Dawkins, we might be impressed by two living systems working in some sort of mutually beneficial accord but in reality it is nothing more than a convoluted extension of selfishness. Don&#8217;t be too moved by the astonishing sight of a pollen dusted humming bird feeding on a symbiotic nectar rich bloom! Don&#8217;t let exotic symbiotic corals (that are a union of an animal and an alga) blow your mind! Don&#8217;t gloat too long over a picture of a bobtail squid packed full of symbiotic bioluminescent bacteria! Move on people, this symbiosis business is all smoke and mirrors. Life is, at heart, no more than inert bits of digital DNA code that know nothing of cooperation and harmonious coexistence but only the competitive drive to replicate. If their phenotypic expression is involved in some exquisite symbiotic arrangement or another, then this is really beside the point.</p>
<p>Such was the kind of paradigmatic resistance that Margulis was up against. It is probably no coincidence that it was a woman who came to the fore promoting the significance of symbiosis in the evolution of life &#8212; and not just the symbiotic origins of mitochondria and chloroplasts or the symbiosis evinced by corals or flowering plants and their pollinators, but even the emergence of new species through the process of symbiogenesis (this is still a contentious issue &#8212; but examples continue to emerge). Is there something deeply feminine about cooperation? Is the drive for co-existence somehow more active in the female psyche than in the male psyche? In any case, legend tells us that Margulis had a really hard time convincing her academic male superiors that certain organelles within mammalian cells were once free living bacteria. It&#8217;s one thing to note the symbiotic alliance of, say, cleaner fish with their bigger fish customers (who could easily gobble up the diminutive cleaners if they wanted), but when you realise that mitochondria (the energy engines of animals) and chloroplasts (the energy engines of plants) were once separate living micro-organisms that are now symbiotically woven inside animals and plants, symbiosis emerges as a kind of advanced technique learned by life, so sophisticated and subtle in deployment that we may be blind to it. If, however, we acknowledge the important role symbiosis has played in life&#8217;s evolution, the way we perceive life begins to change. Life is no longer seen to be wholly red in tooth and claw &#8212; but rather symbiotic in embrace and interchange (at least where possible).</p>
<p>Ever since the publication of Darwin&#8217;s <em>The Origin of Species</em>, the general trend has been for biologists and evolutionists (traditionally men) to ‘big up&#8217; the role of competition, fighting and bloodshed within life&#8217;s web. Dog eat dog. Predator and prey. The biological arms race. Survival of the fittest. War and attrition. Head-banging ruts. Leonine infanticide. Parasitic wasps. Army ants. Strangler figs. The battle for resources. In the wake of Margulis&#8217;s work however, it is clear that relentless competition is not the sole theme of life. Far from it. Then again, we surely know this deep down. When we walk through a pristine ecosystem, we don&#8217;t emerge traumatized and tearful at all the violence and aggravated competitiveness on display. True, competition is evident if our senses are keen. Maybe we observed some birds fighting over a territorial branch. Or the skeletal remains of a mouse eaten by some predator. Or two different species of ant in combat. Or maybe we were bitten by some insectile critter oblivious to our protestations. But such competition was not the whole of the picture was it? If we were really astute we would be aware that about three quarters of all the plant species in the forest had symbiotic fungi attached to their roots &#8212; some so intimately entwined that the fungi actually penetrate the membrane of plant cells in order to swap precious living materials. Along with this invisible underground alliance, we would also be wise to the various bacteria that engage in recycling and thereby foster a kind of eco-systemic symbiosis that aids the forest&#8217;s sustainability. We would be aware of all the insect species that pollinate the plants. We would also know that the gene complexes inside insects that foster nectar seeking only make sense in the context of the gene complexes inside plants that make nectar (and pollen) bearing flowers. We would likewise realise that the patches of lichen on any rocks we chanced across were composed of tightly cooperative amalgams of fungi and algae. We would be aware of the symbiotic cellulose dining gut bacteria at work inside any ruminants we chanced across (like deer). We might also divine the symbiotic exchange of gases between the plant kingdom and the animal kingdom. Symbiosis is everywhere. Regardless of its alluringly warm connotations, cooperation and synergistic networking are a major feature of life on Earth, a real kind of naturally selected wisdom that makes multicellular life as we know it possible.</p>
<p>The emotional connotations conveyed by certain words and concepts probably also explains why Gaia theory &#8212; also avidly promoted by Margulis &#8212; found such an icy reception when it first went mainstream back in 1979 after the publication of James Lovelock&#8217;s first Gaia book. Gaia has obvious associations with mothers and mythical feminine beings. Gaia suggests nurturing and even maternal love. It is also captures an immense concept &#8212; all of life on Earth along with the atmosphere, oceans and soil interconnected into one totality. How at odds with reductionism is such a concept? Exemplified by Dawkins&#8217;s rhetoric, there has been an all out attempt by mainstream biology to reduce the artistry of life (and we can all admit that evolving life is <em>exceedingly </em>artistic in terms of organic creativity) to mindless bits and pieces. Like genes. Genes are small and readily quantifiable. Compare this to an entire cell whose contextual configuration will determine what happens within its bounded domain. Also consider large collections of cells and the extensive self-organizing structures that zillions of cells and zillions of genes are involved in making. Unlike immobile stretches of DNA, this vast flowing network of biological <em>relationships</em> is far harder to get one&#8217;s head around. Gaia is not simply symbiosis as seen from space as Margulis asserted, but emergent holism with a vengeance. Indeed, symbiosis itself is emergent holism in action. Not everything can be understood by parts alone &#8212; some phenomena require a broader vision to perceive. Life is a result of both bottom-up gene oriented processes <em>and</em> top-down contextual processes.</p>
<p>As it stands, if we describe the intricacies of life with terms like ‘dumb&#8217;, ‘blind&#8217; and ‘selfish&#8217;, then eyebrows tend not to raise. Yet these terms are pejorative. What, one wonders, is our obsession with pejorative terminology when describing the essence of life and its evolution? For the plain truth is that evolving life is the most astonishing process we know of. Organisms are such fabulous systems of self-generating bio-logic and organized complexity that hosts of biology students annually gain PhDs and increase their intelligence and insight by studying and documenting them. As for the genetic code (a code!), it is, as Watson and Crick rightly admitted, ingenious. Yet at the end of the day many influential scientists still insist on reducing the craftsmanship of life to selfish bits. We would never deconstruct an acclaimed classic painting or an acclaimed classic piece of music in this kind of way. Worse, if you try and describe life (or bio-logic) as a kind of natural technology or a natural intelligence (albeit unconscious), this is considered heresy of the highest order. And this is despite the fact that life has, over millions of years, learned the canny art of living and being-perhaps the most refined art of all (and despite also the fact that life has learned how to engineer the conscious human cortex with its ability, if it so wishes, to be stubbornly reductionistic!).</p>
<p>If Margulis&#8217;s work is to fruit, I strongly believe that we have to acknowledge symbiosis as a key <em>operating principle</em> of life on Earth and, moreover, attempt to install that operating principle within our culture. This would be in line with the burgeoning biomimicry movement whose guiding premise is that we can learn from Nature and mimic life&#8217;s long tested technology for our own ends. After all, our current way of life is beleaguering the health and integrity of the whole biosphere, so we would do well to maximize the lessons we learn from life. We hear talk of sustainability everywhere, from both government and industry. But we often forget that sustainability is not something we invented &#8212; life got there first. Think about the fact that a rainforest can sustain itself for millions of years. How come it does not drown in its own waste, or suffer death by relentless internal conflicts, or exhaust its resources? How come a rainforest just keeps going and keeps clean, vibrant and biodiverse without any help from ecosystem managers or ecosystem stewards? Indeed, how did the entire web of life sustain itself for over 3.5 billion years? Clearly life must be doing something right. There must be, as intimated, operating principles of some specific kind. Chief among these is assuredly symbiosis for, as Margulis attested, various forms of symbiosis permeate the web of life. Which means that if seven billion of us wish to sustain our existence then we have no choice but to become an extension of life&#8217;s already established modus operandi. Given that <em>we are life</em> &#8212; or at last a recently evolved expression of life &#8212; this means that we have to play by the same rules and the same symbiotic logic that much of life abides by. Yet human history abounds in overtly parasitic behaviour towards the biosphere (and even towards one another). We have pretty much run amok and done as we pleased, plundering every possible biospherical resource with no thought of a sustainable morrow, rather like belligerent children running amok in a sophisticated playground and clueless about the various smart life principles that underlie their daily existence.</p>
<p>As I have attempted to show in my book <em>Darwin&#8217;s Unfinished Business</em>, life is an interconnected, ever-evolving, ever-learning ‘onestuff&#8217;. Conscious human intelligence is part of this smart onestuff and can take life to new levels of networked coherency not yet dreamed of. But we don&#8217;t realize this yet &#8212; we know not what we are and the true nature of that of which we are embedded parts. Until we do, until we realize fully that we are a conscious expansion of life on Earth&#8217;s ancient acumen, we shall remain an immature species and fail to become symbiotically integrated with the rest of life&#8217;s great web. We are not stewards or caretakers of the biosphere, but rather <em>apprentices</em> &#8212; for we can learn from the wisdom already accumulated by the biosphere and embodied in its deeply interconnected ecosystems. The sooner we acknowledge symbiosis as a crucial operating principle of life and find ways of creating some kind of symbiotic culture, the sooner we can regenerate the bountiful organic paradise that we first encountered all those millennia ago and whose memory still lingers in the dim recesses of our minds. Like it or not, as individuals, as cultural citizens and as planetary beings, we have no choice but to become symbiotic every which way possible. Strength lies not simply in numbers but in their integration and cooperation. Gaia is both tough bitch and wise teacher as Margulis knew full well. Her legacy must continue to ramify.&#8221;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die Universität Berkeley schreibt in ihrem Forum zur Geschichte des Evolutiondenkens:</strong></p>
<p>&#8220;Symbiotic microbes = eukaryote cells?</p>
<p>In the late 1960s Margulis studied the structure of cells. Mitochondria, for example, are wriggly bodies that generate the energy required for metabolism. To Margulis, they looked remarkably like bacteria. She knew that scientists had been struck by the similarity ever since the discovery of mitochondria at the end of the 1800s. Some even suggested that mitochondria began from bacteria that lived in a permanent symbiosis within the cells of animals and plants. There were parallel examples in all plant cells. Algae and plant cells have a second set of bodies that they use to carry out photosynthesis. Known as chloroplasts, they capture incoming sunlight energy. The energy drives biochemical reactions including the combination of water and carbon dioxide to make organic matter. Chloroplasts, like mitochondria, bear a striking resemblance to bacteria. Scientists became convinced that chloroplasts (below right), like mitochondria, evolved from symbiotic bacteria — specifically, that they descended from cyanobacteria (above right), the light-harnessing small organisms that abound in oceans and fresh water. When one of her professors saw DNA inside chloroplasts, Margulis was not surprised. After all, that&#8217;s just what you&#8217;d expect from a symbiotic partner. Margulis spent much of the rest of the 1960s honing her argument that symbiosis was an unrecognized but major force in the evolution of cells. In 1970 she published her argument in <em>The Origin of Eukaryotic Cells</em>.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/117.jpg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6473" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/117-424x271.jpg" alt="" width="299" height="191" /></a></p>
<p><em>Piratengenossenschaft</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/lose-lippen.jpg" rel="lightbox[6442]"><img class="alignnone size-full wp-image-6474" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/lose-lippen.jpg" alt="" width="209" height="320" /></a></p>
<p><em>WKZwo-Propaganda-Plakat</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die Piratengenossenschaft Garowe-Nord meldete gestern<em>:</em></strong></p>
<p>&#8220;Überfälle sind unsere Landwirtschaft.  Erneut wurden zwei Ernteaktionen vorzeitig bekannt gemacht<em>.&#8221; (Muß wahrscheinlich Enteraktionen heißen &#8211; Anm.d.Red.)<br />
</em></p>
<p><strong>AP meldet heute aus Somalia:</strong></p>
<p>Die Lösegeldeinnahmen somalischer Piraten haben einer britischen Studie zufolge zur wirtschaftlichen Entwicklung einiger Landesteile beigetragen. Dabei profitierten vor allem regionale Zentren, hieß es in einer Untersuchung des Forschungsinstituts Chatham House. Die Küstendörfer, von denen die Schnellboote der Piraten starten, zeigten hingegen kaum Fortschritt. Für die Studie wertete die Autorin Anja Shortland Satellitenaufnahmen und Daten von UN und nichtstaatlichen Organisationen aus.</p>
<p>Besonders deutlich sei die Entwicklung von Garowe, der Hauptstadt der halbautonomen Region Puntland. Puntland ist eine Schwerpunktgegend der Piraterie. So zeige der Vergleich der Satellitenaufnahmen von 2002 und 2009 die Verdoppelung der Stadtgröße, schreibt Shortland. Investiert wurde demnach in Wohnbauten, Industrie und Handelsstrukturen.</p>
<p>Die Analyse von Nachtaufnahme zeige zudem einen deutlichen Anstieg des Elektrizitätsverbrauchs in den Städten Garowe und Bossaso, erläutert Shortland. Die Dörfer an der Küste bleiben hingegen ohne Zugang zum Stromnetz. Ähnlich wie bei der Stromversorgung zeige die Lohnentwicklung im Land ein Gefälle. Seit Untersuchungsbeginn im Jahr 2000 sind laut Shortland in den Piratenregionen die Löhne deutlich stärker gestiegen als in Vergleichsgebieten.</p>
<p>Shortland kommt zu dem Schluss, dass die Piraten das Lösegeld in den regionalen Zentren investiert haben. Die Gewinne seien dadurch weit mehr Menschen zugute gekommen als bisher angenommen. Die Chatham-Autorin geht davon aus, dass die lokalen Politiker deshalb auch künftig wenig gegen die Piraterie unternehmen werden.</p>
<p>Infolge der starken internationalen militärischen Präsenz in den somalischen Gewässern ist die Zahl der Piratenangriffe zuletzt leicht zurückgegangen. Die EU kämpft unter deutscher Beteiligung mit der Mission &#8220;Atalanta&#8221; gegen die ihrer Meinung nach Kriminellen. Nach Angaben des &#8220;Internationalen Maritimen Büros&#8221; sind derzeit zehn Schiffe und 172 Geiseln in der Hand somalischer Piraten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Neue Genossenschafts-Werbung:</em></p>
<pre><a href="http://www.stories.coop/stories/video/new-pioneers#.Tw6RTNFJvXc.facebook">http://www.stories.coop/stories/video/new-pioneers#.Tw6RTNFJvXc.facebook</a>

<a href="http://www.stories.coop/stories/video/cooperative-you#.TwwsaxyyEj0.facebook">http://www.stories.coop/stories/video/cooperative-you#.TwwsaxyyEj0.facebook</a></pre>
<pre></pre>
<p><em><br />
</em></p>
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 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=6442&amp;md5=bb7c27dfb6d55147bd00dd4f8901fe8f" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Kairo-Virus 135</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 18:37:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/images11.jpeg" rel="lightbox[6432]"><img class="alignnone size-full wp-image-6439" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/images11.jpeg" alt="" width="189" height="266" /></a></p>
<p><strong>Wo bleiben eigentlich die hier von den Okzidentregimen so gerühmten und dort von den Orientregimen so gefürchteten Nach-dem-Freitagsgebet-Demonstrationen im Morgenland? Das fragten wir uns schon seit einigen Wochen&#8230;</strong></p>
<p><strong>Hier eine aktuelle AFP-Meldung dazu aus Syrien:</strong></p>
<p>In Syrien sind am Freitag zehntausende Menschen zur Unterstützung der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) auf die Straße gegangen. Allein in der nordwestlichen Region Idleb demonstrierten nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 20.000 Menschen gegen Präsident Baschar al-Assad. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die internationale Gemeinschaft zu einem geschlossenen Vorgehen gegen Syrienauf.</p>
<p>Im Internet hatten Oppositionsgruppen wie gehabt zu ihren Freitagsdemonstrationen aufgerufen. Diesmal standen sie unter dem Motto, die FSA zu unterstützen. Diese vorwiegend aus Deserteuren der regulären Streitkräfte gebildete Rebellengruppe unter dem Kommando des Ex-Offiziers Riad al-Assaad umfasst nach eigenen Angaben 40.000 Soldaten.</p>
<p>Nach Angaben der in London ansässigen syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften mindestens zwei Menschen getötet. In der Region Idleb im Nordwesten des Landes starb demnach ein Demonstrant, in der Region Hama wurde ein Jugendlicher von Sicherheitskräften erschossen.</p>
<p>Auf dem Platz vor der großen Moschee von Duma nahe der Hauptstadt Damaskus demonstrierten den Angaben zufolge 15.000 Menschen. Dort kam es zu Zusammenstößen zwischen Deserteuren und Sicherheitskräften. Auch in der Wüstenstadt Palmyra gingen der Organisation zufolge nach dem Freitagsgebet tausende Menschen auf die Straße gegangen. Schüsse und Gefechte wurden aus Deir Essor und Daraa gemeldet.</p>
<p><em>&#8220;Freitagsgebet aktuell&#8221; meldet auch nur diese syrischen Demonstrationen. Alle Aufmerksamkeit des Westens ist auf dieses Land gerichtet, wo ein Bürgerkrieg immer wahrscheinlicher wird.  </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>AP meldet daneben aus dem Jemen:</strong></p>
<p>Bei einer Demonstration in der jemenitischen Stadt Aden sind Zeugen zufolge am Freitag zwei Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Sicherheitskräfte hätten auf die Demonstranten geschossen und Tränengas gegen sie eingesetzt, berichtete ein Mediziner. Die Protestierenden forderten, dass der scheidende Präsident Ali Abdullah Saleh vor Gericht gestellt wird. Einem Zeugen zufolge erwiderten bewaffnete Männer aus den Reihen der Demonstranten das Feuer. Drei Soldaten wurden verletzt, wie ein Sprecher der Sicherheitskräfte sagte. Landesweit kam es am Freitag zu Protesten, deren Teilnehmer unter anderem einen Regimewechsel forderten.</p>
<p>Von hier ist noch zu vermnelden, dass diese zum Glück nicht enden wollende blog-serie &#8220;Kairo-Virus&#8221; zwar laufend Anklicker verliert, dafür setzt sich aber das Wort &#8220;Kairo-Virus&#8221; im Internet immer mehr durch- in der Serie sind wir jetzt bei 135, beim Googeln findet man bereits 17.900 Eintragungen. Die Frage ist natürlich, welchen Sinn so ein Wort macht. Gemeint sind damit die vom Tahrirplatz ausgehenden Protestereignisse.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>In der taz von morgen, mit dem Schwerpunkt Frauen in der Arabellion, hat Hawa Djabali sich über den blog der Ägypterin Aliaa Magda Elmahady geäußert. Die junge Tahrirplatzbesetzerin hatte drei Nackphotos von sich darin veröffentlicht, die Aufsehen im Orient erregten.  Die algerische Journalistin und Schriftstellerin, die ein arabisches Kulturzentrum in Brüssel leitet, schreibt:</strong></p>
<p>Die arabische Welt: Was schmerzt in den Augen der Armseligen, deren Länder zu jämmerlichen Vorstädten von New York werden? Was schmerzt in den Augen derer, die in diesen Ländern, die einst zu den Großen in der Forschung und in den Ideen zählten, die physische und moralische Verstümmlung, die Korruption, die Vergewaltigung und die Prostitution von Mädchen und Knaben billigen? Es ist eine junge Frau im geliebten Ägypten, ein Mädchen, das frühere Traditionen Arabiens weiterführt: die junge Aliaa Magda Elmahdy. Sie ist gebildet, kämpferisch und voll des Mutes, der so manchem unserer Männer fehlt!</p>
<p>Aliaa Magda Elmahdy in ihrer Nacktheit! Warum nackt? Sie führt uns diesen Frauenkörper vor Augen, der ein Symbol der Unterdrückung wurde, weil das weibliche Geschlecht als &#8220;Privateigentum&#8221; gilt, das die Männer sich von Generation zu Generation weiterreichen oder an dem sie sich vergreifen, um ihre Feinde zu erschüttern. Sie kämpft für die Laizität und um Respekt als Bürgerin. Dieser Kampf beginnt mit der Befreiung des weiblichen Körpers und seiner Aneignung durch die Frauen selber. Aliaa steht in den Fußstapfen bekannter Vorgängerinnen, wie der Ärztin Nawal Saadawi. Sie kämpfte mit ihren Romanen und Artikeln auch gegen die Genitalverstümmelung, diesen aufgezwungenen Stempel bleierner Macht.</p>
<p>Warum nackt? Hat man denn schon vergessen, dass zu Beginn der Geschichtsschreibung in Oberägypten die Nacktheit ein Zeichen des Respekts und der Reinheit war? Und trägt nicht jede Frau in sich alle Episoden der Geschichte? Diese Frau tritt darum nackt, rein und respektvoll vor uns, um uns zu sagen, dass gekämpft werden muss.</p>
<p>Natürlich liegen da noch die Ansichtskarten mit den Huren aus der Kolonialzeit. Na und? Soll diese Kleine beschimpft werden, weil ganze Frachter von westlichen Touristen sich wie die Säue auf den Kindern Ägyptens wälzen? Jene, die geil aufs Bild schauen und darauf spucken, sollten den Blick betrachten. Niemals hat eine Prostituierte einen solchen Blick! Frauen ohne Blick, Männer, die Söhne der Frauen, ohne Blick: Militärs und Religionsvertreter sind sich einig, dass die menschliche Herde weder einen Blick noch einen Körper haben darf.</p>
<p>Auch haben diese Anwärter auf einen Platz im Paradies ein kurzes Gedächtnis: Wer hat die heute praktizierte Poesie erfunden? Die arabischen Frauen. Wer hielt literarische Treffen ab, beginnend mit der Familie des Propheten? Die arabischen Frauen. Wer entblößte die Brust vor dem Feind, um ihn zu besiegen? Die arabischen Frauen (auch in der Armee des Propheten). Wer fabrizierte ursprünglich die Waffen? Wer hat euch auf die Welt gebracht, dass ihr meint, stärker zu sein?</p>
<p>Wenn diese Männer, die da einen Skandal wittern, eine Ehre hätten, wäre das bekannt: Palästina wären nicht verkauft und wieder verkauft und verraten worden, der American Way of Life würde nicht unsere Kinder verblöden, die arabischen Fernsehsender wären nicht voll von diesem amerikanischen Schrott, und vor allem wäre unser revolutionärer Geist nicht von Betrügern aller Art beschlagnahmt worden. Wir arabischen Frauen wären bereit für die arabische Einheit.</p>
<p>Und das Schlimmste ist diese heilige, esoterische Union zwischen Diktaturen und religiösen Strömungen, um uns an Händen und Füßen gefesselt der westlichen Lüge auszuliefern. Denn die arabischen Frauen haben bis hin zur westlichen Invasion ihren Körper und ihre Sexualität &#8211; den jüdischen, christlichen und muslimischen Religionen zum Trotz &#8211; stets respektiert. Und trotz der Verklärung der Vererbung und trotz dieses männlichen Minderwertigkeitsgefühls, das stets der Rechtfertigung, der Durchsetzung und der Rache an der weiblichen Gattung bedarf, waren die arabischen Frauen psychologisch immer stärker. So war der Tanz nicht nur ein Vergnügen der Männer, er war auch ein Gesellschaftsspiel und eine Tradition der Bauern. Sex gehörte zu den Gesprächsthemen der Frauen und ihrer Poesie.</p>
<p>Wem aber verdanken wir die Verhüllung des Körpers, die geschlossene Kleidung? Den Engländern, den Franzosen und ihrem ganzen christlichen Arsenal aus dem Abendland. Und wem verdankten wir weit früher schon den Schleier? In Ägypten den Griechen der Antike, im Maghreb den Römern! Die Perser hatten ihn von den Indern. Lange bevor Europa seine ersten Verse stammelte, wetteiferten zur Zeit der arabischen Eroberung die Andalusierinnen in ihrer Dichtung über Liebe, Eifersucht und die Schönheit ihrer Männer. Was jene freiwillige Abhängigkeit angeht, die der Westen als &#8220;Freiheit&#8221; bezeichnet, so haben die arabischen Frauen seit jeher geraucht (unter sich und die Zigarette mitten zwischen den Lippen) und oft getrunken (wie bei Trancezuständen in Algerien).</p>
<p>Man höre also auf, uns etwas vorzumachen und so zu tun, als wären wir mit einem heiligen Schleier auf die Welt gekommen. Es ist das Elend, die Armut, das Ungleichgewicht in der Welt, das Joch der Kolonialisierung, die Ausbeutung unserer Erde und deren Energie. All dies hat unsere Bevölkerungen einer sträflichen Ignoranz ausgeliefert. Die engstirnige Religion, der Kreationismus, die Bewunderung der Konsumgesellschaft, der Triumph des Stärkeren, der Kult des Profits, das alles bildet ein Ganzes.</p>
<p>Da bleibt einigen von uns nicht viel anderes übrig, um sich Respekt zu verschaffen, als noch lauter zu heulen als die Schakale, indem sie sich und anderen gegenüber mit einer dummen und grausamen frömmlerischen Unnachgiebigkeit aufführen. Diese Frauen schreien nach Macht, weil es ihnen an Liebe, Lust und Freude fehlt. Und in der heutigen Gesellschaft hat man ihnen auch noch ihre psychologische Kraft genommen: Was sollen sie da anderes tun, als sich dem Gesetz der Männer unterzuordnen, um einen Platz zu finden?</p>
<p>In ihrer Tradition aber werden sich die arabischen Frauen weiterhin auflehnen. Und wie es diese altehrwürdige Tradition will, sind sie dabei provozierend und mutig bis zum Äußersten! Diese kleine Aliaa Magda ist ein Beispiel dafür. Anstatt ihre Geste zu verurteilen, täten die Leute besser daran, darüber nachzudenken. Andernfalls könnte die Generation der Sechzigjährigen und der Älteren der entschlossenen Aktion dieser Jungen Nachdruck verleihen. Stellt euch vor: Wenn in allen Ländern der arabischen Welt sich die Großmütter wie andere einst zur Zeit der Unabhängigkeit entblößen und euch auf ihren Blogs den nackten Hintern zeigen würden!</p>
<p>Nehmt euch bloß in Acht, wir sind durchaus fähig dazu! Ihr Brüder des Verbotenen und der Ängstlichkeit, eure prächtige Überheblichkeit, die ihr zwischen unseren Schenkeln verstecken wollt, würde vor den Augen der ganzen Welt einen schönen Dämpfer erhalten!</p>
<p>Oh ihr Männersöhne, seit wann kann das glückselige Werk eures Gottes euch denn beleidigen? Ihr seid die Gotteslästerer! In der Epoche der Entkolonialisierung sagte ein Imam in Algerien, wenn die Muslime wirklich Muslime wären, könnte ein nacktes 16-jähriges Mädchen mit einem Schatzkästchen auf dem Kopf unbehelligt und ohne Furcht das Land durchqueren. Sind diese Geilen also, die sich da hervortun, wirklich Muslime?</p>
<p>Und ihr, Verteidiger des Fortschritts und der Laizität im Westen, die ihr stets bereit seid, uns noch und noch Lehren zu erteilen, seit wann kann solche Schönheit euch stören? Oh, ihr allesamt! So viele erstarrte Leichen, so viel Horror lassen euch kalt, so viele Folterqualen lassen euch unberührt! Der heilig-schöne Körper aber, die warme Hülle des Tunnels, der ins Leben führt, bringt euch zum Schreien?</p>
<p>Und gewisse Europäer stimmen euch zu, weil das nicht schicklich sei und Öl ins Feuer gieße, weil das provoziere. An euch, liebe Freunde im Westen, die ihr euch derart Sorgen um uns macht, richte ich eine höfliche und freundschaftliche Bitte: Lasst uns unseren Kampf führen. Aus dem geistigen Widerstand wird die Zukunft des Menschen geboren.</p>
<p>Wir schockieren das erstaunte, verblüffte, hinterwäldlerische, ignorante misshandelte Volk? Schockieren wir es nur! Was wir von euch erwarten, sind nicht Kommentare und Werturteile, sondern eine Mobilisierung zum Kampf gegen die Ursachen dieser Situation und für die Verteidigung der universellen humanistischen Grundwerte gegen den Zynismus der Profitgier in jenen Gesellschaften, die in ihrer Heuchelei so tun, als bedeute ihnen unser Schicksal etwas.</p>
<p>Seit wann ist Respekt geboten für die Unanständigkeit der Macht und derjenigen, die sich ihr unterordnen? Tut nicht so, als wüsstet ihr nicht, wer die extremistischen Bewegungen aller Art schafft und ihre Fäden zieht. Erkennen wir nicht, wenn wir uns wirklich hinterfragen, dass es die reiche Welt ist, die nicht will, dass die Einfalt ihre Jungfräulichkeit verliert?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>In der heute erschienenen Le Monde Diplomatique schreibt James M. Dorsey über die ägyptischen Fußballfans auf Seiten der Revolution:</strong></p>
<p>Vom Persischen Golf bis zur nordafrikanischen Atlantikküste macht der Fußball dem Islam bei der Schaffung eines alternativen öffentlichen Raums seit knapp dreißig Jahren ernsthaft Konkurrenz. Als im Dezember 2010 die arabische Rebellion begann, war der Fußball bereits einer der wichtigsten zivilgesellschaftlichen Bereiche, der sich den repressiven Regimen und ihren Sicherheitsapparaten ebenso erfolgreich widersetzte wie den militanten Islamisten.</p>
<p>Seit etwa zwanzig Jahren läuft zwischen den Fans und den autokratischen Herrschern ein Katz-und-Maus-Spiel um die Hoheit über die Stadien. Zugleich wehren sich die Fans auch gegen die Versuche der Dschihadisten, die Jugendlichen bei ihrer Fußballbegeisterung zu packen und für ihre Sache zu rekrutieren. Offensichtlich gehen alle konkurrierenden Gruppen &#8211; die Fans, die Regime und die Islamisten &#8211; von der Prämisse aus, dass nur der Fußball ähnlich intensive Gefühle und eine ähnliche Opferbereitschaft bei der Mehrheit der Bevölkerung erzeugen kann wie die Religion.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund war es unvermeidlich, dass die staatliche Reaktion auf die Protestbewegung zuallererst den Profifußball traf. Wann immer im Nahen Osten oder im Maghreb die Massen gegen die Regierung auf die Straßen gingen, verfügte die politische Führung fast automatisch die Aussetzung des Ligabetriebs, weil sie in jedem Fußballstadion eine potenzielle Arena für oppositionelle Kundgebungen sieht.</p>
<p>In Syrien hat das Assad-Regime schon Anfang 2011, noch bevor es gewaltsam gegen die Bevölkerung vorging, den Fußballbetrieb auf unbestimmte Zeit suspendiert. Dadurch wurden die oppositionellen Kräfte in die Moscheen zurückgetrieben: Wenn die Stadien kein öffentlicher Raum mehr sind &#8211; auch weil sie den Sicherheitskräften als Sammelstellen und Internierungszentren dienen &#8211; verlagern sich die meisten Proteste in die Moscheen, weil sich dann nur hier größere Menschenmengen versammeln können.</p>
<p>In Tunesien, Ägypten und Algerien hatte die Aussetzung des Fußballbetriebs zur Folge, dass die oft militanten, hoch politisierten und gewaltbereiten Fußballfans statt im Stadion auf den öffentlichen Plätzen protestierten. Dort fiel ihnen häufig eine besondere Rolle zu: Sie halfen den Demonstranten, die von den neopatriarchalischen Autokraten errichtete Angstbarriere zu überwinden, die ein wichtiger Grund war, warum die Massen deren Herrschaft bis dahin schweigend und passiv hingenommen hatten.</p>
<p>Schon weil Fußball in der Region immer noch ein ausgesprochener Männersport ist, wird er von patriarchalischen Werten dominiert und bietet sich auf den ersten Blick als das perfekte Spiel für Diktatoren an. Mubaraks Identifikation mit der Nationalmannschaft ging so weit, dass er die Erfolge und Misserfolge der Fußballer zum Barometer für das Schicksal des eigenen Regimes machte. Die Spieler selbst &#8211; in Tunesien wie in Ägypten &#8211; beobachteten die epochalen Umbrüche meist von der Seitenlinie. Und die Fußballfunktionäre stellten sich demonstrativ hinter die umstrittenen Autokraten. Deshalb entfalteten Fans in Ägypten bei einem der ersten Spiele nach dem Sturz von Mubarak ein Banner, auf dem sie ihre Idole kritisierten: &#8220;Wir sind euch überall hin gefolgt, aber in den harten Zeiten konnten wir euch nicht finden!&#8221; Ein anderes Spruchband bezog sich auf die Weigerung der Klubs und ihrer Stars, eine Kappung der Transfersummen und Spielergehälter hinzunehmen: &#8220;Ihr fordert Millionen und schert euch nicht um die Armut der Ägypter.&#8221; In Internetforen finden sich mittlerweile zahlreiche Aufrufe von Fans, die ihre Wut über die provisorische Militärregierung artikulieren und soziale Gerechtigkeit fordern &#8211; ein Begriff, der im ägyptischen Fußball früher kaum zu hören war.</p>
<p>Das Motiv, den Fußball zu kontrollieren, steht auch hinter den Versuchen vieler Regierungen, die populärsten Vereine zu unterstützen und zu vereinnahmen. Im fußballverrückten Ägypten befindet sich die Hälfte der 16 Erstligaklubs im Besitz des Militärs, der Polizei, einzelner Ministerien oder Provinzregierungen. Und die 22 Fußballstadien des Landes wurden von Baufirmen errichtet, die dem Militär gehören.</p>
<p>In Ägypten wurde der Fußball durch die Tatsache, dass Armee und Geheimdienst seit 1952 praktisch das ganze Land kontrollieren, fast automatisch politisiert. Einer der Anführer der militanten Fanklubs des Kairoer Fußballklubs Al Ahly, erklärte das einmal so: &#8220;Fußball ist größer als Politik, er ermöglicht die Flucht aus der Realität.&#8221; Er beschrieb den durchschnittlichen Ahly-Fan als einen Mann, &#8220;der mit Frau, Schwiegermutter und fünf Kindern in einer Zweizimmerwohnung lebt, einen Minilohn verdient und auch sonst beschissen dran ist. Das einzig Gute in seinem Leben sind die zwei Stunden am Freitag, in denen er im Stadion sein Team anfeuert. Deshalb ist es so wichtig, dass Ahly jedes Spiel gewinnt. Es macht die Leute einfach glücklich.&#8221;(1) Der Klub hat seine Fans schon oft beglückt: Al Ahly war 34-mal ägyptischer Meister und sechsmal beste Vereinsmannschaft Afrikas (als Sieger beim African Cup der Landesmeister und seit 1997 der CAF Champions League). Der zweite große Kairoer Verein Zamalek hat den nationalen Titel 14-mal und die afrikanische Vereinsmeisterschaft fünfmal gewonnen.</p>
<p>&#8220;In der Politik gibt es keine Konkurrenz, deshalb hat sich die Konkurrenz auf den Fußballplatz verlagert&#8221;, meinte ein ägyptischer Fan 2010, nachdem seine Gruppe eine Polizeisperre vor dem Stadion durchbrochen hatte, an der den Fans Feuerwerkskörper und Stoffbanner abgenommen werden sollten. &#8220;Wir verstoßen gegen die Regeln und Regulierungen, wenn wir sie für falsch halten.&#8221; Aber dieser militante Fan betonte noch &#8211; kurz vor Beginn des &#8220;Arabischen Frühlings&#8221;, er und seine Freunde seien nicht politisch. Und doch haben die Kämpfe mit den Sicherheitskräften und rivalisierenden Fangruppen, die allwöchentlich in den ägyptischen Stadien entbrannten, Kairos militante Fußballanhänger auf die Ereignisse vom Februar 2011 vorbereitet, die am Ende Präsident Mubarak zum Rücktritt zwangen.</p>
<p>Auf dem Tahrirplatz in Kairo geschah sogar das Wunder, dass die Anhänger der ewigen Rivalen Al Ahly und Zamalek vorübergehend ihre tiefsitzende Feindschaft vergaßen. Beide Klubs haben eine interessante Geschichte: Al Ahly SC (Die Nationalen) wurde von Gegnern der britischen Kolonialherrschaft gegründet und hatte seit jeher Zulauf von nationalistischen Anhängern aus dem einfachen Volk. Die Mannschaft trägt bis heute das Rot der Flagge des vorkolonialen Ägypten. Der Zamalek SC dagegen spielt im weißen Trikot und war ursprünglich der Klub der britischen Kolonialbeamten und Offiziere, aber auch der Kairoer Oberschicht.</p>
<p>Auch nach der Unabhängigkeit Ägyptens behielt die erbitterte Rivalität eine politische Dimension. Wenn die beiden Klubs aufeinander treffen, ist das nicht einfach ein Fußballspiel, sondern eine Art gesellschaftlicher und politischer Krieg, bei dem es nicht nur um die sportliche Ehre geht. Dabei repräsentieren die Ahly-Fans vorwiegend religiöse, arme und nationalistische Schichten, während sich die konservativ-royalistischen Zamalek-Anhänger nach wie vor aus dem bürgerlichen Mittelstand rekrutieren.</p>
<p>&#8220;Zamalek ist die größte politische Partei in Ägypten&#8221;, meint Hassan Ibrahim, ein ehemaliges Vorstandsmitglied des Vereins. &#8220;Wir spüren ständig die Voreingenommenheit des Fußballverbands und der Regierung gegenüber allem, was einmal dem König gehört hat. Verband wie Regierung sehen in Zamalek den Feind. Der Verein repräsentiert die Leute, die ihre Wut über das System ausdrücken. Dagegen sind die Al-Ahly-Leute für uns die Repräsentanten der Korruption.&#8221;(2 )</p>
<p>Die Rivalität zwischen den beiden Vereinen sitzt so tief, dass die Mubarak-Regierung darauf bestand, die Derbys auf neutralem Platz auszutragen und von ausländischen Schiedsrichtern leiten zu lassen. Bei einem solchen Spiel sind Hunderte von Bereitschaftspolizisten, Soldaten und anderen Sicherheitskräften im Einsatz. Sie sorgen unter anderem dafür, dass die gegnerischen Fans vor und nach dem Spiel strikt getrennt bleiben.</p>
<p>&#8220;Ein Zamalek-Anhänger wird dir auf die Frage, ob er zu einer anderen Religion konvertierten könnte, keine Antwort geben&#8221;, erklärt der Fernsehkommentator und ehemalige Zamalek-Star Ayman Younis, &#8220;aber frag ihn, ob er seinen Verein wechseln könnte, und er wird definitiv nein sagen.&#8221; Die tiefe Feindschaft zwischen den Klubs wurde nur durch den Hass überboten, den beide Fangruppen auf das Mubarak-Regime hatten. Nur deshalb konnten sie ihre Differenzen zumindest zeitweise vergessen und sich gemeinsam den Mubarak-Anhängern entgegenstellen.</p>
<p>Die Erfahrungen der beiden Ultragruppen bewährten sich auch bei der Organisation von sozialen Diensten und bei der Arbeitsteilung, die den Dauerprotest auf dem Tahrirplatz ermöglicht hat. Dabei wurden die Ultras (von denen einige überzeugte Anarchisten sind, die jedes hierarchische Regierungssystem ablehnen) vor allem als Patrouillen eingesetzt, die den Platz nach außen schützen und den Zugang kontrollieren sollten.</p>
<p>Wenn es zu Zusammenstößen mit den staatlichen Sicherheitskräften und Regime-Anhängern kam, standen sie an vorderster Front, obwohl sie die Polizei zuvor telefonisch ermahnt hatte, dem Tahrirplatz fernzubleiben. Dabei waren sie in der Regel vermummt, sodass die Sicherheitskräfte sie nicht identifizieren konnte. Zu den Kampftechniken der Ultras gehörten der gezielte Einsatz von Steinewerfern, Spezialtrupps zum Umstürzen und Abfackeln von Autos, die zu Barrikaden umfunktioniert wurden, und eine uhrwerksmäßig arbeitende Logistikmannschaft, die für einen ständigen Nachschub von Wurfgeschossen sorgte.</p>
<p>&#8220;Wir waren an vorderster Front&#8221;, erzählt der zwanzigjährige Zamalek-Fan Mohammed Hassan. &#8220;Als die Polizei angriff, machten wir den Leuten Mut: Sie sollten nicht davonlaufen und keine Angst haben. Dann feuerten wir Leuchtraketen ab. Die Leute fühlten sich ermutigt und machten mit; sie wissen, dass wir was von Ungerechtigkeit verstehen, und fanden es gut, dass wir wie die Teufel kämpften.&#8221;</p>
<p>Der schmächtige junge Mann mit dem adrett getrimmten Dreitagebart ist Informatikstudent, will aber Fotograf werden. Er ist einer der Anführer der Ultra White Knights (UWK), einer Gruppe militanter Zamalek-Fans. Am 25. Januar 2011, am ersten Tag der Protestbewegung, marschierte Mohammed an der Spitze von 10 000 Demonstranten vom Kairoer Stadtviertel Shubra zum Tahrirplatz. Dabei passierten sie sieben Barrikaden der Sicherheitskräfte, berichtet Ahmad Fondu, ein anderer UWK-Aktivist: &#8220;Wir waren auf diesen Tag vorbereitet &#8211; vier Jahre lang haben wir für unsere Rechte im Stadion gekämpft. Wir sagten unseren Leuten: ,Das ist jetzt unser Lackmustest, jetzt dürfen wir nicht versagen.&#8217; &#8221; Und dann beschreibt Fondu stolz, wie er sich die auf Kamelen angreifenden Mubarak-Anhänger geschnappt hat. Irgendwann versuchte eine Gruppe von UWK-Ultras, die Polizeisperre zu durchbrechen und zum nahen Parlamentsgebäude zu gelangen. Mohammed war dabei. Die Ultras, sagt er, hätten ihm die Furcht genommen. Bei ihnen habe er erfahren, was Brüderlichkeit bedeutet, und sich den &#8220;Mut des Stadions&#8221; zugelegt.</p>
<p>Sie waren auch am 21. September 2011 beim Sturm auf die israelische Botschaft in Kairo dabei. Mit dieser Aktion wollten sie daran erinnern, dass die arabischen Regierungen in ihrer Politik gegenüber Israel auf die öffentliche Meinung Rücksicht nehmen müssen. Die Botschaft richtete sich gleichermaßen an die Militärs in der ägyptischen Übergangsregierung wie auch an Israel. Sie verweist auf wachsende Vorbehalte in Teilen der ägyptischen Bevölkerung gegenüber dem Militär und dessen Bemühungen, die hart erkämpften Freiheiten wieder einzuschränken und sicherzustellen, dass die privilegierte Stellung der Armee erhalten bleibt, egal welche Regierung aus den Wahlen hervorgeht.</p>
<p>Die militante Fanszene im fußballverrückten Ägypten hat bewiesen, dass die verhassten Sicherheitskräfte des Regimes nicht unbesiegbar sind. Diese Lehre hat ihre Spuren in allen Gesellschaften der Region hinterlassen. Der Fußball bleibt ein Kampfschauplatz und zugleich ein Prisma der sozialen und politischen Dynamik, und das nicht nur in den nach wie vor autokratisch regierten Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas, sondern auch dort, wo diese Autokraten bereits gestürzt wurden. Das gilt vor allem für Ägypten, wo militante Fußballfans sich weiterhin an vorderster Front für freie und faire Wahlen prügeln (und verprügeln lassen).</p>
<p>In den letzten Jahrzehnten war Fußball in der ganzen Region stets mehr als nur ein Spiel. Wir können davon ausgehen, dass es auch in Zukunft in den Stadien um sehr viel mehr gehen wird als nur um das Geschehen auf dem Rasen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div><strong>Fußnoten: </strong></div>
<div>(1) James Montague, &#8220;The World&#8217;s most violent derby&#8221;, <em>The Guardian,</em> 18. Juli 2008.<br />
(2) Zitiert nach einem BBC-Programm vom 14. Juni 2010, &#8220;The Power and the Passion&#8221;. <strong><br />
</strong></div>
<div>James M. Dorsey lehrt an der Nanyang Technological University in Singapur und ist Autor des Blogs &#8220;The Turbulent World of Middle East Soccer&#8221;. Der Text wurde von Niels Kadritzke aus dem Englischen übersetzt.</div>
<div>
<p><strong>Ebenfalls in der aktuellen Le Monde Diplomatique veröffentlichte Francois Pradal einen Text über die Arbeiterbewegung in Suez: &#8220;In der Industriestadt Suez geht die Revolution weiter. Aber wohin?&#8221;</strong></p>
<p>Wir sitzen in einem Café direkt neben der Einmündung des Suezkanals ins Rote Meer. Nicht weit entfernt, auf einer Landspitze, sieht man die Lichter der Raffinerien funkeln. &#8220;Ich bin zwar gegen einen islamischen Staat&#8221;, sagt Ghehareb Saqr. &#8220;Aber mir sind die demokratisch gewählten Muslimbrüder lieber als die Fortdauer des Militärregimes.&#8221; Saqr ist beim Textilunternehmen Misr Iran für die Klimatisierung der Fabrikationsanlagen zuständig. Und er ist Kommunist. Gerade haben die Arbeiter bei Misr Iran nach drei Wochen Streik eine zehnprozentige Lohnerhöhung erstritten.</p>
<p>Ahmed Mahmud wurde erst vor Kurzem nach drei Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Bei den Parlamentswahlen ist er der Spitzenkandidat der Muslimbrüder in Suez. Er trägt einen modischen italienischen Anzug, als er zu seinen jugendlichen Anhängern spricht. Was er sagt, klingt wie ein Echo des Kommunisten Saqr: &#8220;Ich ziehe demokratisch gewählte Kommunisten der Aufrechterhaltung des Militärregimes vor. Die Armee muss der Regierung unterstehen.&#8221;</p>
<p>Auf die Frage nach dem Wiederaufleben der Proteste seit dem 19. November bekräftigt der Sechzigjährige die Position, die seine Partei &#8220;Freiheit und Gerechtigkeit&#8221; vertritt: &#8220;Ich unterstütze die Forderungen der Demonstranten und verurteile die Menschenrechtsverletzungen, auch wenn ich nicht zur erneuten Besetzung des Platzes aufrufe. Man muss den Druck auf das Militärregime aufrechterhalten.&#8221; Zu den Streiks hat der &#8220;Bruder&#8221; eine eindeutigere Meinung: &#8220;Jetzt ist nicht der beste Moment, weil die Wirtschaft 6,6 Milliarden Dollar verloren hat. Aber die Forderungen der Arbeiter sind legitim.&#8221; Das wollen die umstehenden Aktivisten nicht gelten lassen: &#8220;Wer für einen Hungerlohn arbeitet, kann nicht warten.&#8221; Und was sagt Mahmud zur künftigen Verfassung? &#8220;Sie muss alle Ägypter einbeziehen. Wir wollen die breitestmögliche Koalition bilden, einschließlich der Christen.&#8221; Man fragt sich, ob es echter Wille zum Kompromiss oder reiner Opportunismus ist. In jedem Fall ist sich Mahmud in zwei Punkten mit den Kommunisten einig: Er befürwortet den Bruch mit dem Obersten Militärrat und die Anerkennung der demokratischen Spielregeln.</p>
<p>Die Hauptverkehrsstraße in Suez ist die &#8220;Straße der Armee&#8221;. Sie verbindet das alte Kolonialviertel in Port Taufiq(1) mit dem Arbain-Platz, der sozusagen der Tahrirplatz von Port Said ist. Der Wahlkampf ist in vollem Gang; zwischen den Laternen, Palmen und Strommasten hängen Spruchbänder. Unter den Vordächern halten die Kandidaten ihre Versammlungen ab. Die Salafisten und die felul(2) plakatieren Farbfotos ihrer Kandidaten: Mit einer Ausnahme: Das Porträt der einzigen Frau, die auf der Salafisten-Liste steht &#8211; das Gesetz schreibt mindestens eine Kandidatin vor &#8211; ist durch eine Blume ersetzt.</p>
<p>In Suez bemühten sich 109 Kandidaten um zwei Direktmandate, und 12 Parteien um vier weitere Sitze. Den Wahlkampf bestritten alle Parteien mit ihren Listensymbolen: die Muslimbrüder mit der Waage, die salafistische An-Nour-Partei (&#8220;das Licht&#8221;) mit der fanus (eine Art Ramadan-Laterne); andere mit einem Mobiltelefon, einem Haus oder einer Wasserflasche. Die drei islamistischen Parteien erhielten am Ende 78 Prozent der Stimmen, die vier liberalen Parteien 14 Prozent, die vier Felul-Kandidaten 7 Prozent und die Nasseristen weniger als 0,1 Prozent. Die Islamisten konnten in Suez insgesamt also mit vier oder fünf Sitzen rechnen. Von den aus der Revolution hervorgegangenen Parteien haben es damit nur die Islamisten geschafft, sich gesellschaftlich zu verankern. Und die älteren Organisationen sind in den Augen vieler Ägypter ohnehin diskreditiert. Die politische Linke hat es schwer, sich in der Konkurrenz mit den anderen politischen Lagern zu behaupten. Sie konnte sich gegen die Rechte kaum profilieren, weil sich die Programme zu sehr ähneln.</p>
<p>&#8220;Die Leute stimmen für Personen, nicht für Parteien&#8221;, erklärt Nahed Marzuq, eine von lediglich vier weiblichen Kandidaten, die in Suez antraten. Marzuq steht der Sozialistischen Volksallianz nahe, die im politischen Spektrum weit links angesiedelt ist, sie selbst sieht sich aber als Unabhängige. Der Schlüssel zum Wahlerfolg liegt in einem &#8220;ehrwürdigen&#8221; Namen: Um die Menschen zu überzeugen, die gleichzeitig revolutionär und konservativ sind, der Arbeitertradition wie dem Islam verhaftet sind, sollte man am besten aus einer geachteten Familie aus dem Viertel kommen. Von den Frauen und jungen Leuten, die sich in der Revolution profiliert haben, sind nur wenige zur Wahl angetreten. Ein alter Taxifahrer meint trotzdem: &#8220;Ich wähle die Jungen, weil nur sie uns vor der Rückkehr des alten Systems bewahren können!&#8221;</p>
<p>Es gibt zwei entscheidende Trennlinien. Die erste verläuft zwischen den Felul und den Anhängern der Revolution, zu denen auch die gehören, die nicht selbst auf die Straße gegangen sind. Ein junger Kandidat der Nasseristen meint: &#8220;Die Felul und die Muslimbrüder verfolgen dieselbe Politik. Sie sind konservativ und kapitalistisch.&#8221; Die zweite Linie trennt die Islamisten von allen anderen Gruppierungen. Zwar stellt niemand den 2. Verfassungsartikel infrage, der die Scharia zur Hauptquelle der Gesetzgebung bestimmt, aber die Salafisten gehen einen Schritt weiter. &#8220;Sie sind die Einzigen, die zwischen Islam und Staatsbürgerschaft und einem islamischen und zivilen Staat einen Gegensatz sehen&#8221;, erklärt Clément Steuer, Wissenschaftler am Centre d&#8217;études et de documentation économiques, juridiques et sociales (Cedej) in Kairo. &#8220;Es geht bei dieser Debatte also um die Frage, auf welchem Prinzip das Gesellschaftsleben basieren soll: auf dem Islam oder der Staatsbürgerschaft.&#8221;</p>
<p>Die größte Überraschung in Suez war der Wahlerfolg der Salafisten: Mit 51 Prozent der Stimmen &#8211; so viel wie nirgends sonst im Land &#8211; haben sie auch die Muslimbrüder weit hinter sich gelassen. In Suez sind die Salafisten seit Langem gut verankert, wobei sie vom Ansehen des berühmten Predigers Scheich Hafez Salama profitieren. Der Achtzigjährige war eine führende Kraft im Widerstand gegen die Israelis 1967 und predigte in den 1980er Jahren den Dschihad gegen den zionistischen Staat.(4) In Suez sind die jungen Salafisten auf den Zug der Revolution aufgesprungen, beteiligten sich zahlreich an den letzten Demonstrationen und übernahmen sogar Ordnerfunktionen.<br />
Der Lagerarbeiter Reda streikt und wählt die Salafisten</p>
<p>Reda ist Lagerarbeiter im Hafen von Sokhna, 45 Kilometer südlich von Suez. Trotz seines gepflegten Äußeren und des glatt rasierten Gesichts macht er einen stark mitgenommenen Eindruck. Vor einem Jahr war er an vorderster Front dabei, ein Geschosssplitter verfehlte nur knapp sein rechtes Auge. Der Streik der Hafenarbeiter hat sein Ziel nicht erreicht, meint Reda: &#8220;Man hat uns gerade mal zwei leere Container überlassen: einen für Sport und einen zum Beten.&#8221; Er selbst wurde von einem vorgesetzten Ingenieur gedemütigt, der ihm Knochenarbeiten zuteilte, die nicht zu seinem Aufgabenbereich gehören. Im Hafen gilt das alte hierarchische Herrschaftssystem &#8211; trotz Revolution.</p>
<p>Ein salafistischer Kollege hat Reda zu seinem Schwiegersohn gemacht, bietet ihm Unterkunft und knöpft ihm sein Gehalt ab. Trotz seiner revolutionären Ansichten hat Reda bei den Wahlen für Mohammed Abdel Khaled, einen anderen Scheich der Salafisten gestimmt. &#8220;Der gefällt allen in meinem Viertel&#8221;, rechtfertigt er sich. Es ist fast paradox: In Suez, der revolutionärsten Stadt des Landes, triumphieren die Salafisten, obwohl sie sich anfangs an der sozialen und antiautoritären Revolte gar nicht beteiligt haben. Mohammed Abdel Khaled, der Listenführer der An-Nour-Partei, ausgebildeter Chemiker und Manager einer Ölfirma, ist auch Prediger und trägt einen streng ausrasierten Bart. Abdel Khaled sitzt im Fonds einer teuren Limousine und klopft konservative Sprüche: &#8220;Ich will die Scharia uneingeschränkt anwenden und nach allen Regeln des Islam unterrichten. Politik und Religion sind ein und dieselbe Sache.&#8221; Und der Tourismus? &#8220;Wir befürworten eher religiösen, wissenschaftlichen oder Wellnesstourismus.&#8221;</p>
<p>Und wie soll die darniederliegende Wirtschaft wieder in Gang kommen, wie die massive Arbeitslosigkeit abgebaut werden? &#8220;Wir sollten die Arbeitsemigration und am besten kleine Investitionsprojekte im Dienstleistungs- statt im Konsumgüterbereich fördern, aber auch größere Infrastrukturprojekte sind wichtig: Zum Beispiel eine U-Bahn von Sokhna nach Arbain.&#8221; Der Frage nach der Finanzierung weicht Khaled aus. Und wie denkt er über die Streiks? &#8220;Die sind vor allem das Resultat eines mangelnden Dialogs zwischen den Beteiligten, da kann das Gebet weiterhelfen. Die Meinungsfreiheit muss respektiert werden, aber die Produktion darf nicht darunter leiden. Auch die Freiheit hat ihre Grenzen.&#8221; Was die christlichen Kopten betrifft, so sollen sie &#8220;gemäß ihrer Religion beurteilt werden&#8221;. Es soll also offenbar gesonderte koptische Gerichte geben.</p>
<p>Tatsächlich leben die etwa 6 000 Kopten von Suez sehr zurückgezogen, und sie fühlen sich auch im Stich gelassen. &#8220;Wir werden zwar täglich von Salafisten beleidigt&#8221;, erzählt Pater Serafin von der Kirche der Jungfrau Maria, &#8220;aber unsere Kirchen werden nicht angegriffen, es gibt keine Gewalt. Wir haben keine Angst, und wir werden bleiben.&#8221;</p>
<p>Der Wahlkampf der Salafisten ging von den Moscheen aus. Dort haben sie das Sagen, weil sie stärker präsent sind als die Muslimbrüder. Nach dem Freitagsgebet hört man Ansichten wie diese: &#8220;Seit Jahrzehnten wurden wir unterdrückt. Deshalb müssen wir für die Kandidaten stimmen, die unsere Religion, unsere Arbeit, unsere Familien und unseren Lebensstandard schützen.&#8221; Geld kommt aus Saudi-Arabien, und zwar nicht zu knapp. Am 14. Dezember 2011, dem ersten Wahltag, betrieben die Salafisten verbotenerweise noch weiter Werbung vor den Wahllokalen, indem sie allerlei versprachen, zum Beispiel Nahrungsmittel.</p>
<p>Dass die Salafisten insbesondere die arme Bevölkerung in den vernachlässigten Stadtvierteln und auf dem flachen Land begeistern können, liegt vor allem daran, dass sie sich häufiger als die Muslimbrüder auf die islamische Identität berufen. &#8220;Auch wenn sie politisch nicht auf die gleiche Weise agieren, gibt es zwischen beiden Gruppierungen dennoch gewisse Schnittmengen. Viele führende Muslimbrüder wurden in einer salafistischen Schule ausgebildet und haben in den 1980er Jahren dieselben Predigten in denselben Moscheen gehört. Die Folge war eine gewisse ,Salafisierung&#8217; &#8220;, erklärt Alaa al-Din Arafat, ein Forscherkollege von Clément Steuer am Cedej.</p>
<p>Das neue ägyptische Parlament wird &#8211; wenn der Militärrat es nicht verhindert &#8211; eine Kommission ernennen, die eine neue Verfassung ausarbeiten soll, über die dann in einem Referendum entschieden werden muss. Wie weit die legislativen Kompetenzen dieser Kommission reichen, ist genauso offen wie das Verfahren, nach dem die Regierung bestellt werden soll. All diese Fragen hängen stets vom Obersten Militärrat ab, den immer mehr Ägypter mit dem alten Regime gleichsetzen. Sie sehen die früheren Kräfte an der Macht, nur eben hinter einer anderen Maske. Bestätigt werden sie durch die Tatsache, dass viele Kandidaten erklären, die Revolution sei beendet. Sollte der lange Wahlprozess, deren letzter Akt die Senatswahl vom 11. März 2012 sein wird, am Ende nur dazu dienen, das revolutionäre Kapitel endgültig abzuschließen?</p>
<p>Mehr als die Hälfte der 600 000 Einwohner von Suez leben im ärmsten Viertel der Stadt: Arbain. Hier nahm die Revolution ihren Ausgang, hier liegen ihre Wurzeln, und hier hat sie ihr größtes Reservoir an Mitstreitern. In Arbain ist das Leben hart. Die Sandstraßen sind gesäumt von heruntergekommenen Marktständen und halb fertigen oder verfallenen Häusern. Überall türmt sich der Müll. Selten gibt es Wasser, das ohnehin kaum genießbar ist. Wegen der hohen Nachfrage sind die Mieten in Arbain teuer. Dabei gibt es praktisch keine öffentlichen Dienstleistungen. Fast ein Drittel der Bewohner dieses vernachlässigten Viertels ist arbeitslos. Bei den am Suezkanal tätigen Unternehmen gelten die Bewohner von Arbain als zu aufsässig. Sie stellen lieber Leute ein, die aus dem Süden, aus der Nildelta-Region oder dem Ausland stammen. Rund 40 Prozent der Bevölkerung von Suez sind zugezogene Arbeitskräfte.</p>
<p>Für Emad Ernest, der einige Dokumentarfilme über die Städte am Kanal gedreht hat(5), ist die Wasserfrage die Ursache allen Übels: &#8220;Die Freunde des Mubarak-Sohns Gamal haben die Menschen vertrieben, um neue Industrien aufzubauen: Die Randbezirke versinken in den Abwassern der riesigen Hotelanlage von Ain Sokhna, die Fischer leiden unter dem Hafenverkehr und der zunehmenden Verschmutzung des Roten Meers, die umliegenden Dörfer unter der Austrocknung ihrer Bewässerungskanäle.&#8221; Auf diese Weise bestrafte die einstige Einheitspartei das rebellische Suez.</p>
<p>Wie überall in Ägypten ist auch in Suez alles käuflich, vom Führerschein oder Diplom bis zum Job. Doch die Revolte richtete sich vor allem gegen die polizeiliche Willkür. Der Mechanikstudent Ali, heute 20 Jahre alt, war in sechs Jahren viermal im Gefängnis: &#8220;Nie habe ich gewusst, warum. Um mich politisch zu engagieren, hatte ich viel zu viel Angst. Ich wurde andauernd grundlos verhaftet, überall, am Strand, im Café, egal wo, dabei hatte ich immer meinen Ausweis dabei. Meiner Meinung nach haben die mehr Geld bekommen, wenn sie mehr Leute ins Kittchen gebracht haben.&#8221;</p>
<p>Der Golf von Suez ist eines der wichtigsten Industriezentren Ägyptens. 79 Prozent der Raffinerieproduktion, der Petrochemie und andere Schwerindustrien sind am Kanal angesiedelt, begünstigt durch die vielen Häfen und den Schiffsverkehr. Die Zement- und Textilfabriken konzentrieren sich in einem 15 Kilometer langen Küstenstreifen zwischen Rotem Meer und Wüste. Der Suezkanal ist Ägyptens drittgrößte Devisenquelle, nach dem Tourismus und den Auslandsüberweisungen der Migranten. Die Kanaleinnahmen steigen stetig an, 2011 auf einen Rekordwert von 4,5 Milliarden US-Dollar.</p>
<p>Das ganze letzte Jahr über erlebte Ägypten die größte Streikwelle seit 1946. Doch das Ganze hat bereits vor sieben Jahren in den Textilfabriken von Mahalla al-Kubra begonnen.(6) Neu angefacht wurde die Streikbewegung durch die Proteste vom 6. April 2008.(7) Das war keine Überraschung angesichts der Privatisierungen, der Liberalisierung des Arbeitsmarkts, der Prekarisierung, der steigenden Inflationsrate &#8211; alles Entwicklungen, die auf Kosten der Arbeiterschaft gingen.(8 )</p>
<p>Als der Stahlmagnat Ahmed Ezz Ende 2010 4 000 Leute entlassen und durch billigere Arbeitskräfte aus Asien ersetzen wollte, brach in Suez die Revolte aus. Ahmed Ezz, Abgeordneter der Partei von Expräsident Husni Mubarak und enger Freund der Präsidentenfamilie, gehörte zu den ersten Verhafteten nach dem Sturz Mubaraks. Der Streik im Hafen von Suez begann am 8. Februar und richtete sich vor allem gegen die Kanalgesellschaft. Am 19. Februar unterzeichneten die neuen unabhängigen Gewerkschaften eine gemeinsame Erklärung.(9 )</p>
<p>Saud Omar koordiniert diese beispiellose Bewegung mit der in Kairo entstandenen Gewerkschaftsorganisation. Der leitende Angestellte der Kanalgesellschaft hat auch als unabhängiger Kandidat bei den Wahlen kandidiert. &#8220;Die Löhne schwankten bisher zwischen 100 und 4 000 Euro im Monat&#8221;, erklärt Omar, &#8220;und die Prämien zwischen 0,13 und 10 000 Euro.&#8221; Das Durchschnittseinkommen in Suez liegt unter 100 Euro, aber die Forderungen der Gewerkschaften betreffen auch das Streikrecht, einen besseren Schutz vor Arbeitsunfällen, die Wiederverstaatlichung von Betrieben und die Einführung eines Mindest- und Maximallohns, erzählt Omar weiter: &#8220;Zuerst im Februar, dann im April und zuletzt im Juli hat die Verwaltung höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen versprochen. Aber passiert ist nie etwas. Und jetzt mobilisieren die Arbeiter wieder. Es ist wie damals bei der Rede von Mubarak: ,Ich habe euch verstanden, aber ich bleibe!&#8217; &#8221;</p>
<p>Die Protestbewegung agiert mit wechselnden Methoden: Arbeitsniederlegungen, Sit-ins, turnusmäßige Streikposten. Die Repression hingegen ist immer gleich. Die Übergangsregierung hat im März und Juni 2011 zwei wichtige Gesetze erlassen: Das erste drohte jedem streikenden Arbeiter Gefängnisstrafen an, das zweite erlaubt Streiks, allerdings nur &#8220;ohne eine Aussetzung der Arbeit&#8221;. In Suez ist die Streikbewegung jedoch stark genug, um Verhaftungen und Entlassungen zu verhindern. Ende Juli setzte sie mit Unterstützung der Revolutionäre eine Anhebung der Löhne um 40 Prozent und bessere Prämien durch.(10 )<br />
Der Student Mohammed will heiraten</p>
<p>Die Bewegung griff auch auf andere Sektoren über. Ihre Erfolge verdankt sie entweder der lokalen und nationalen Verankerung einer unabhängigen Gewerkschaftsorganisation oder aber der Tatsache, dass die bestreikten Unternehmen für die Sicherung der strategisch wichtigen Passage durch den Kanal unentbehrlich sind. Die Arbeiter haben jedoch nie versucht den Kanal selbst zu blockieren. Aus Angst vor der Armee, die den Kanal bewacht? Weil er &#8220;unser Augapfel&#8221; ist, sagt Wahid al-Sirgani, Lotse zwischen Port Said und Suez. Die Arbeiter bestehen zwar auf ihren Rechten, betrachten sich aber auch als Bürgen der Nation.</p>
<p>Andere Errungenschaften der Revolution sind naturgemäß schwerer zu quantifizieren. Das gilt etwa für die neu gewonnene Meinungs-, Organisations-, und Bewegungsfreiheit, aber auch für das Recht der Straßenhändler, ihre Tätigkeit ohne eine hinderliche &#8220;Gebühr&#8221; ausüben zu dürfen. Die Polizei wurde in Suez am 28. Januar von den Straßen vertrieben und ist seitdem verschwunden. Niemand scheint mehr Angst vor einer Verhaftung zu haben, auch wenn die Organe der Staatssicherheit wachsam bleiben.</p>
<p>Viele Probleme bleiben ungelöst: die hohen Preise, die steigende Arbeitslosigkeit und die mangelnden Jobaussichten für junge Leute, selbst wenn sie ein Diplom besitzen. Mohammed, ein zwanzigjähriger Student der Betriebswirtschaftslehre, hat es satt: &#8220;Die Revolution ist vorbei. Jetzt würde ich gern eine richtige Arbeit haben, eine eigene Wohnung und heiraten. Ich will, dass man mich anständig behandelt. Und ich will mir meinen Lebensunterhalt nicht mehr mit Putzen verdienen müssen.&#8221;<br />
Der Journalist Medhat ist wütend</p>
<p>Am 28. November 2011 legte der Fernsehmoderator Medhat Eissa unter großem Mediengetöse an der Landzunge von Suez auf einem Schiff an. Eissa kandidierte für die zentristische Partei &#8220;Gerechtigkeit&#8221; und ist ein enger Vertrauter von Mohammed al-Baradei, dem Exgeneraldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO). Eissa war wütend und empört, weil Mitarbeiter der Kanalgesellschaft gerade eine Ladung US-amerikanisches Tränengas abgefangen hatten &#8211; derselbe chemische Stoff, der im November auf dem Tahrirplatz den Tod mehrerer Demonstranten verursacht haben soll. Die Frachterbesatzung wurde festgenommen. Nachdem sich das Ereignis herumgesprochen hatte, kam es zu Demonstrationen am Hafen.</p>
<p>Das Ereignis wurde von Eissa sarkastisch kommentiert: &#8220;Im Februar hat uns die Armee gesagt: ,Erhebe dein Haupt, du bist Ägypter!&#8217; Heute heißt es: ,Erhebe dein Haupt, damit ich auf dich schießen kann!&#8217; Nur 10 Prozent unserer Forderungen sind erfüllt worden. Diese Revolution ist ein Prozess, für den wir noch fünf oder sogar zehn Jahre brauchen werden. Klein beigeben ist ausgeschlossen, solange dieses Regime noch an der Macht ist.&#8221;</p>
<p>Im Zentrum der Proteste steht die Forderung, diejenigen Offiziere zu verurteilen, die für den Tod so vieler junger Ägypter verantwortlich sind. &#8220;Kein einziger der wegen Mordes angeklagten Offiziere wurde verurteilt&#8221;, erzählt Amin Dashur, der die Angehörigen als Sprecher vertritt, &#8220;schlimmer noch: Viele sollen sogar auf ihre früheren Posten zurückgekehrt sein. Nach Ansicht der Gerichte hätten sie sich lediglich selbst verteidigt: Die Revolution erstrecke sich nicht auf das Gesetz, das auf keinen Fall rückwirkend gelten dürfe.&#8221; Die betroffenen Familien haben alle angebotenen Entschädigungszahlungen zurückgewiesen. Sie sind wütend, und wenn es bei der Entscheidung bleibt, ist nicht ausgeschlossen, dass manche zur Selbstjustiz greifen könnten.</p>
<p>&#8220;Die Revolution zieht ihre Kraft aus den Märtyrern, die das Volk wieder auf die Straße treiben&#8221;, sagt ein Anwalt, der den Muslimbrüdern nahesteht. Und wurde die zweite Revolutionswelle nicht dadurch ausgelöst, dass am 20. Juni 2011 die Polizisten wieder freigelassen wurden, denen vorgeworfen wurde, in Suez Demonstranten getötet zu haben? Die Wiederbesetzung des Tahrirplatzes im Juli und der Aufschwung des Gewerkschaftskampfs wurden auch begleitet von der Forderung nach der Anerkennung der Märtyrer.</p>
<p>Die revolutionären Kräfte von Kairo, Suez und Alexandria sind zwar offenbar immer besser organisiert und koordiniert, aber sie bilden in Ägypten keineswegs die Mehrheit. &#8220;Revolutionen wurden immer von Minderheiten gemacht&#8221;, meint der 33-jährige Mohammed Mahmud, ein Mitglied der Bewegung des 6. April und der Gerechtigkeitspartei. &#8220;20 Millionen Ägypter sind auf die Straße gegangen, aber 60 Millionen sind zu Hause geblieben.&#8221;(11) Und was wird aus dem Militärrat? &#8220;Wenn die Ruhe erst einmal wiederhergestellt ist, wird er in sich zusammenbrechen!&#8221;, meint Mahmud. &#8220;Wir sind gegen Mubarak aufgestanden und haben gesiegt. Wir sind gegen den Premierminister aufgestanden und haben gesiegt. Jedes Mal, wenn wir uns dem Militärrat entgegenstellen, weicht er zurück. Eines Tages werden wir ihn stürzen.&#8221;</p>
<p>Aber ist das Parlament mit seiner islamistischen Mehrheit nach der Wahl nicht eher legitimiert, im Namen des Volkes zu sprechen als die Straße? Die Antwort des Anwalts lautet: &#8220;Die ,Brüder&#8217; hätten ohne die Ereignisse auf dem Tahrirplatz niemals antreten können. Ihre Legitimation ziehen sie aus der Revolution, außerdem sind sie gespalten zwischen den jungen Aktivisten und dem alten Apparat, der Bruderschaft und der Partei. Wenn sich das Volk betrogen fühlt, wird es wieder auf den Platz zurückkehren.&#8221;</p>
<p>Hier in Suez haben die Aktivisten vor gar nichts Angst. Ihr Optimismus und ihr taktisches Gespür sind bemerkenswert. In Suez geht die Revolution weiter.<br />
<strong>Fußnoten:</strong><br />
(1) Claudine Piaton (Hg.), &#8220;Suez, histoire et architecture&#8221;, Institut français d&#8217;archéologie orientale (IFAO), Kairo, 2011.<br />
(2) Name für die Konterrevolutionäre, die für ein Militärregime eintreten und oft aus der Partei des Expräsidenten Husni Mubarak kommen.<br />
(3) In anderen Landesteilen kamen sie höchstens auf 25 Prozent.<br />
(4) Siehe Gilles Kepel, &#8220;Les groupes islamistes en Egypte. Flux et reflux, 1981-1986&#8243;, Politique étrangère, Nr. 2, 1986, S. 429-446.<br />
(5) Zum Beispiel &#8220;Karassi Dschalid&#8221; (&#8220;Ledersessel&#8221;), Regie: Emad Ernest, Ägypten 2011.<br />
(6) Siehe Marie Dubosc, &#8220;La contestation sociale en Egypte depuis 2004. Précarisation et mobilisation locale des ouvriers de l&#8217;industrie textile&#8221;, Revue Tiers-Monde, April 2011.<br />
(7) Siehe Raphaël Kempf, &#8220;Vor der großen Revolte&#8221;, und Alain Gresh, &#8220;Jenseits von Tahrir&#8221;, Le Monde diplomatique, März und August 2011.<br />
(8) Siehe Françoise Clément, &#8220;Le nouveau marché du travail, les conflits sociaux et la pauvreté&#8221;, in: Vincent Battesti und François Ireton (Hg.), &#8220;L&#8217;Egypte au présent&#8221;, Arles (Sindbad &#8211; Actes Sud) 2011.<br />
(9) Siehe &#8220;Egyptian independent trade unionists&#8217; declaration&#8221;: www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/.<br />
(10) Joël Beinin, &#8220;What have workers gained from Egypt&#8217;s revolution?&#8221;, Foreign Policy, Washington, 20. Juli 2011.<br />
(11 )Siehe dazu Adam Shatz, &#8220;Mubarak am Ende&#8221;, Le Monde diplomatique, Juli 2010.</p>
<p>François Pradal ist Journalist und leitete von 2001 bis 2005 das Centre Culturel Français in Heliopolis, Kairo. Seinb Text wurde von Jakob Horst aus dem Französischen übersetzt.</p>
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<p><em>Old Suez. Photo: treckearth.com</em></p>
</div>
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		<title>Kairo-Virus 134</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Jan 2012 15:19:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/zwei-schwimmer.jpg" rel="lightbox[6412]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6422" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/zwei-schwimmer-424x629.jpg" alt="" width="316" height="469" /></a></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/images1.jpeg" rel="lightbox[6412]"><img class="alignnone size-full wp-image-6423" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/images1.jpeg" alt="" width="315" height="216" /></a></p>
<p>Photo: einestages. spiegel.de</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>In dem Friedrichshainer Versammlungsraum &#8220;Zielona Gora&#8221; wurde kürzlich über die Revolution in Ägypten diskutiert,  im Moabiter Haus der Kulturen der Welt wird gerade drei Tage lang über die Revolution in Ägypten (mit Kulturprogramm drumherum) diskutiert. Aus Ägypten selbst kommt die dpa-meldung:</strong></p>
<p>Das neue Ägyptische Museum vor den Toren Kairos soll 2015 eröffnet werden. Bis dahin werde die dritte und letzte Phase der Bauarbeiten beendet sein, kündigte der Minister für Altertümer, Mohammed Ibrahim, am Dienstag an. Der umgerechnet fast 650 Millionen Euro teure Bau gilt als weltweit größtes Museum seiner Art. Es soll mehr als 100 000 Exponate aus der Zeit der Pharaonen beherbergen und für 20 000 neue Jobs sorgen.<strong><br />
</strong></p>
<p><strong>&#8220;Wo gehobelt wird, da fallen Menschen,&#8221; titelt die FAZ über eine Rezension des Theaterstücks &#8220;Marija&#8221; von Isaac Babel, inszeniert von Andrea Breth in Düsseldorf:</strong></p>
<p>&#8220;Das Stück spielt 1920 in Russland. Die junge Sowjetunion im Bürgerkrieg. Rote Armee gegen Weiße, Invasionstruppen und polnische Eroberereinheiten. Marija, die Titelheldin, tritt nicht auf. Sie schreibt nur einen Brief und kämpft als rote Politkommissarin an der Front. Ihre Familie, Großbürgertum, Vater einst zaristischer General, Schwester Ludmilla ein Adelsgroupie, lüstern-kokett, samt Hausdame und Kinderfrau, bewohnt in St. Petersburg, das noch nicht Lenin-, sondern Petrograd heißt, immer noch die Beletage. Die siegriechen Revolutionsproletarier kommen erst langsam aus den Kellern und auf den Geschmack. Dazwischen Schieber, Schwarzhändler (Lebensmittel gegen Sex), Schmuggler (Zwirn, Juwelen, Graupen, Schnaps, Wurst), Krüppel (Beine ab, Gesicht verbrannt), Zuhälter. Zwischenzeitstimmung. Das Alte ist nicht mehr, aber immer noch da. Das Neue ist zwar da, aber noch nicht wirklich&#8230;.</p>
<p>Ein wunderbares Stück, aber vergangen mit seiner Zeit. Wir brauchen andere Stücke. Im Schauspielhaus Düsseldorf sieht man jetzt solch ein anderes Stück. Es heißt auch &#8220;Marija&#8221;, stammt auch von Isaak Babel und wirkt in der Inszenierung von Andrea Breth wie ein Drama von heute&#8230;.</p>
<p>Bei Andrea Breth ist die Hausmeisterin in Gestalt von Elisabeth Orth ein ziemlich ungemütlicher Drachen, prügelt der dreckige Proletarier seine hochschwangere Frau. Und die das zukünftige Sowjetreich gebären soll mit ihrem kommenden kleinen Sowjetbürger, windet sich unter Krämpfen, Weinen und Angstträumen. Derweil wirbelt die junge, durchgeknallte Putzfrau zu einem irren Revolutionslied, das durch die Fenster von den Boulevards heraufdröhnt, sich in einen wahnsinnigen Tanz hinein. Damals nannte sich der Tanz noch &#8220;Revolution&#8221;. Die Namen ändern sich. Zurzeit heißt er &#8220;Krise&#8221;.</p>
<p>Die Umstände sind von gestern, das Gefühl dafür aber ist von heute: Was kommt, kommt mit Schrecken. Wer es aushält, ist groß. Und kann nichts weiter tun, als ins große Leere zu greifen. Aber wie er da greift, darauf kommt es an.&#8221;</p>
<p><strong>Aha! &#8220;Untergehen &#8211; aber mit Würde!&#8221; Das riet lange vor der Wende bereits Karl Markus Michel den bundesdeutschen Linken im Kursbuch.  Das mit dem &#8220;Untergehen&#8221; war dann kein Problem, aber mit der &#8220;Würde&#8221; haperte es nicht selten. Nachdem zuletzt 1993 auch noch &#8220;Bischofferode&#8221; (das Kalibergwerk im Eichsfeld) untergegangen war, schrieb ich:</strong></p>
<p>Unter Zugzwang</p>
<p>Der Intercity Max Liebermann verläßt den Hamburger Hauptbahnhof um 18 51 Uhr. Ziemlich genau drei Stunden später läuft er im Berliner Bahnhof Zoo ein. Ich betrat den Bahnsteig an einem der letzten Freitage überpünktlich &#8211; bereits um 21 30 Uhr und mit einem Blumenstrauß, weil ich eine Freundin abholen wollte, welche die Woche über beim NDR gearbeitet hatte. Was zum Teufel ist denn hier los?</p>
<p>Die Bahnsteigkante war gesäumt mit Männern, die alle genauso aussahen wie ich, und jeder zweite hatte auch mindestens eine Blume, zumeist eine Rose, in der Hand. Sie warteten ebenfalls alle auf den IC aus Hamburg. Oh, Gott, war mir das in meiner Individualität unangenehm &#8211; mich dort unter all die wartenden Männer mischen zu müssen, denen die Verlegenheit ebenfalls anzumerken war (nicht wenige hatten sich hinter einem RowohltBuch oder einer Hamburger Wochenzeitung verkrochen)!</p>
<p>Aber das Schlimmste kam erst noch: Als nämlich der Zug aus Hamburg zum Stehen kam, entstiegen ihm mehr als hundert junge Frauen &#8211; die alle so aussahen wie meine Freundin, und, wie ich dann herausbekam, auch wie sie alle in Hamburg bei irgendwelchen Zeitungen, Fernsehanstalten, Verlagen oder Werbeagenturen arbeiteten.</p>
<p>Übers Wochenende fuhren sie zurück „nach Hause&#8221;, zu ihren festen Beziehungen beziehungsweise Ehepartnern in Berlin „Nutten Expreß&#8221; wird dieser IC hier mittlerweile genannt, weil die Frauen bloß zum Anschaffen nach Hamburg fahren, ihren echten Liebesschwerpunkt aber weiterhin in Berlin aufrechterhalten.</p>
<p>Am Sonntag, am IC Hungaria, der um 20 Uhr Berlin verläßt und um 22 51 Uhr in Hamburg ankommt, passiert ähnliches andersherum: Dann stehen da über hundert Paare auf dem Bahnsteig und küssen sich zum Abschied. Meiner Freundin und mir fiel ebenfalls nichts Besseres ein. Allerdings drückte ich ihr beim Einstieg in den Zug keine Pralinenschachtel in die Hand, wie es die meisten Männer taten. Meine Freundin berichtete mir am Montag telephonisch, daß in jedem Abteil mindestens eine Frau saß, die, kaum daß der Zug Spandau hinter sich gelassen hatte, ebenso tapfer wie dumpf ergeben ihr Pralinengeschenk verschlang.</p>
<p>Während diese zumeist akademisch gebildeten Berlinerinnen am Sonntag en masse vom Westbahnhof Zoo aus die Stadt verlassen, kommen ungefähr zur gleichen Zeit auf dem Ostbahnhof Lichtenberg mindestens ebenso viele Polinnen an. Viele sind ebenfalls hochqualifiziert, arbeiten aber zumeist als Putzfrauen und Küchenhilfen in Berlin. Nicht wenige sind auch tatsächlich als Prostituierte tätig. 550 Bordelle gibt es mittlerweile in Berlin und vier Straßenstriche „Die Polinnen versauen uns noch das ganze Geschäft&#8221;, stöhnen viele deutschpässige Prostituierte bereits.</p>
<p>Ähnlich schimpfen auch viele Bauarbeiter über die männliche Billigkonkurrenz aus Polen. Mehrmals kam es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Einmal wurde dabei ein polnischer Bauarbeiter mit heißem Teer übergössen.</p>
<p>Auf der 22. Sitzung des Stadtforums &#8211; einer Expertenrunde unter der Leitung des Senators für Stadtentwicklung &#8211; kam schon die Frage auf: Was ist eigentlich, wenn sich in Berlin nur Klitschen und kleine Industrien auf niedrigstem Lohnniveau ansiedeln statt high tech philosophisch permanent unter Dampf stehendes Dienstleistungsgewerbe? Es deute sich doch bereits an, daß der Zustrom an West Gewinnern ausbleibe und dafür die Verlierer aus dem gesamten Ostblock nach Berlin strömten. Der Tagesspiegel sprach hernach von einer drohenden „Polonisierung der Stadt&#8221;.</p>
<p>Für viele unter Zugzwang stehende Männer &#8211; an der Max LiebermannBahnsteigkante beispielsweise &#8211; bedeutet eine solche Tendenz jedoch eher eine gewisse Entlastung „Wir haben jahrzehntelang vor allem Berlin gelernt, und das gibt es jetzt nicht mehr, es ist einfach verschwunden&#8221;, so sagte es neulich ein Schriftsteller aus dem Westteil der Stadt. Für den Osten gilt dies in noch größerem Maße. Auch der Schriftsteller brachte dann übrigens seine Freundin an den Zug nach Hamburg. Sie hatte ein Vorstellungsgespräch beim Bauer Verlag, wollte dann aber keine Anstellung dort: „Das war mir wirklich zu erniedrigend!&#8221; Später beschlossen die beiden, schon etwas angetrunken: „Untergehen, aber mit Würde!&#8221; Das waren exakt ihre Worte nicht wissend, daß Karl Markus Michel bereits zehn Jahre zuvor genau denselben Entschluß in einer seiner Kursbuch Veröffentlichungen gefaßt hatte.</p>
<p>Ich gehe davon aus, daß diese Verplanung ihres letzten Lebensdrittels für die beiden das gleiche bedeuten wird wie für Michel seinerzeit: einfach so weitermurkeln wie bisher &#8211; und dabei versuchen, immer wieder „Kraft durch Nörgeln&#8221; zu schöpfen.</p>
<p><strong>Auch die taz rezensierte kürzlich die Düsseldorfer Inszenierung des Isaak Babel Stücks &#8220;Marija&#8221;:</strong></p>
<p>&#8220;Wieder hat es die Regisseurin nach Russland gezogen, eine &#8220;Manie&#8221;, wie die sonst eher pressescheue Breth in einem der vielen Interviews vor der Premiere bekannte. Warum gerade jetzt &#8220;Marija&#8221;? &#8220;Weil ich glaube, dass wir uns in kürzester Zeit in ähnlichen Situationen befinden werden&#8221;, orakelte Breth, &#8220;es liegt Revolution in der Luft.&#8221;</p>
<p><strong>Bürgerkrieg in Düsseldorf? Eher schon in Syrien &#8211; AP meldet von dort:</strong></p>
<p>Die Gewalt in Syrien hält trotz der Anwesenheit internationaler Beobachter im Land nach Angaben von Aktivisten unvermindert an. Soldaten und mutmaßliche Deserteuren lieferten sich am Mittwoch in der Unruheprovinz Homs heftige Gefechte, wie das in Großbritannien ansässige Observatorium für Menschenrechte mitteilte. Berichte über Todesopfer lagen zunächst nicht vor. Unterdessen strahlte der Fernsehsender Al-Dschasira ein Interview mit einem Mann aus, der als früherer Beobachter der Arabischen Liga vorgestellt wurde. Anwer Malek erklärte darin, die Mission sei eine Farce, die Beobachter seien &#8220;zum Narren gehalten worden&#8221;.</p>
<p><strong>Die Tagesschau meldete aus Syrien:</strong></p>
<p>14 Tage war Anwar Malek mit der Arabischen Liga in Syrien unterwegs. Doch nicht das Ende der Gewalt beobachtete er, sondern die Machtlosigkeit gegenüber dem &#8220;bewaffneten Terror&#8221; des Assad-Regimes. Weil er nicht länger &#8220;Erfüllungsgehilfe&#8221; sein wollte, quittierte er den Dienst.</p>
<p>Nach zwei Wochen hat es Anwar Malek gereicht. Der Algerier ist einer der gut 150 Beobachter, die die Arabische Liga nach Syrien geschickt hat &#8211; besser: Er war es. Denn aus Frust über seine Erfahrungen hat Malek den Dienst quittiert. Alles Lüge, das Ganze eine Inszenierung des Assad-Regimes, zieht er persönlich Bilanz im arabischen Fernsehsender Al Dschasira.</p>
<p>&#8220;Mir ist klar geworden, dass ich zum Erfüllungsgehilfen des Regimes wurde und kein unabhängiger Beobachter war, der die Lage dokumentiert. Ich muss mir vorwerfen, dass ich dem Regime mehr Zeit zum Morden verschafft habe. Ich konnte das nicht verhindern. Die haben sogar ihre eigenen Leute umgebracht, um die Beobachter zu überzeugen, dass sie gegen bewaffneten Terror vorgehen müssen. Ich habe mich gefühlt wie ein Shabiha, wie einer dieser Schläger und Mörder des Regimes. Deshalb habe ich den Dienst als Beobachter quittiert.&#8221;</p>
<p><strong>Auf das syrische Regime trifft die Liedzeile &#8220;The harder they come the harder they fall&#8221; zu. AP meldet aus Syrien:</strong></p>
<p>Syrische Regierungstruppen haben nach Angaben von Aktivisten das Feuer auf Teilnehmer einer Sitzblockade eröffnet und dabei einen Demonstranten getötet. Mindestens 20 weitere wurden verwundet, wie das in Großbritannien ansässige Observatorium für Menschenrechte berichtete. Der Angriff fand nach Angaben des Örtlichen Koordinationskomitees am Freitagabend in der nördlichen Stadt Sarakeb statt, wo zahlreiche Demonstranten auf dem zentralen Platz acht Tage lang campiert hatten. Beiden Aktivistengruppen zufolge eröffneten Truppen zudem am Samstag das Feuer auf Teilnehmer einer Sitzblockade in Homs. Dabei wurde mindestens ein Mensch getötet.</p>
<p><strong>Die FAZ interviewte den Deutschland-Korrespondenten von Al Dschasira &#8211; Aktham Suliman:</strong></p>
<p>&#8220;Wir erleben eine gesellschaftliche Explosion</p>
<p>Die Aufstände in Tunesien und Ägypten wurden in westlichen Medien als &#8220;Facebook-Revolutionen&#8221; bezeichnet. Würden Sie diesen Begriff auch verwenden?</p>
<p>Ich habe diese Bezeichnung nie für richtig gehalten, denn Facebook und andere neue soziale Medien wie Youtube oder Twitter tragen dazu bei, Dinge zu verbreiten, Kommunikation herzustellen. Aber ob sie Revolution oder Aufstände überhaupt erst möglich machen, daran zweifle ich sehr stark. Die Französische Revolution hatte kein Facebook, die Oktoberrevolution hatte kein Al Dschazira. Ich denke, die inneren gesellschaftlichen Widersprüche in den unterschiedlichen arabischen Ländern sind das Thema. Und ich fürchte, dass wir die Analyse dieser Widersprüche hier im Westen unbewusst ausklammern, Widersprüche, die automatisch dazu führen, dass eine gesellschaftliche Explosion stattfindet, manchmal im negativen, manchmal im positiven Sinne.</p>
<p>Wenn nicht die jungen Internetaktivisten, wer hat die Aufstände gemacht?</p>
<p>In Tunesien waren und sind die Gewerkschaften sehr stark. Außerdem ist die Analphabetenrate dort sehr niedrig und das Selbstverständnis der Bürger sehr entwickelt, was die Entwicklung beschleunigt hat. In Ägypten spielten andere Faktoren eine Rolle, aber auch hier hat sich in den vergangenen zehn Jahren eine aktive zivile Gesellschaft herausgebildet &#8211; das führte zu mehr Individualisierung und einem anderen Verhältnis zum Staat als in anderen arabischen Ländern.</p>
<p>Welche Rolle spielte Al Dschazira?</p>
<p>Al Dschazira, aber auch Al Arabija hat vielen Menschen eine Stimme verliehen und das Gefühl gegeben, als Subjekte wahrgenommen zu werden. Das war vorher nicht so. Außerdem hat das Satellitenfernsehen Vergleichsmöglichkeiten angeboten &#8211; als es in Tunesien losging mit dem Aufstand, konnten das die Ägypter sehen, die Libyer, die Syrer. Das hat zu einem Ansteckungseffekt geführt.</p>
<p>So Partei ergriffen für die Aufständischen in Ägypten oder Tunesien wie Al Dschazira haben westliche Medien nicht.</p>
<p>Was übersehen wird bei der Kritik an Al Dschazira oder arabischen Politiker, ist Folgendes: Handelt es sich um eine spezifische Kritik, die Al Dschazira als arabisches Medium betrifft, oder eine breitere Kritik, die allgemeine Medienphänomene wie Agenda-Setting, einseitige Berichterstattung, die Abhängigkeit von Politik oder die Entstehung von Nachrichtenfaktoren und Feindbildern umfasst? Kommt es am Ende nicht darauf an, ob es sich ein Journalist leisten kann, seinen eigenen Chefredakteur zu kritisieren? Wenn wir über die Macht der neuen elektronischen Medien sprechen, die Überflutung durch Handyvideos, den sogenannten Bürgerjournalismus oder die mangelnde Zeit nachzudenken, trifft das in Marokko ebenso zu wie in Iran oder Frankreich. Das sind Gefahren für Journalismus weltweit. Zu sagen, nur Al Dschazira übertreibt, ist manchmal auch ein Rechtfertigungsversuch für die Zwänge, denen man selbst unterworfen ist. Ich behaupte, unsere punktuelle Berichterstattung erzeugt punktuell denkende Menschen und damit die Gefahr, dass Zusammenhänge verlorengehen.</p>
<p>Im Westen macht man sich Sorgen über das starke Abschneiden von Salafisten und Muslimbrüdern bei den Wahlen in Ägypten, Tunesien und Marokko.</p>
<p>Solange diese Kräfte wählbar und abwählbar sind, gibt es für mich kein Problem. Das fängt erst an, wenn sie nicht mehr abzuwählen wären &#8211; ganz gleich, ob es sich um Islamisten, Nationalisten oder Sozialisten handelt. Ob die gewählten Kräfte meinen persönlichen Geschmack oder den im Westen treffen, finde ich in diesem Zusammenhang unwesentlich. Schließlich geht es um Millionen von Menschen, die auf der Suche sind nach Zukunft, nach Perspektive. Sollen sie das doch ausprobieren können, Verteufeln hilft da sicherlich nicht weiter. Außerdem darf man nicht übersehen, dass dieser Trend hin zu islamistischen Kräften nicht von heute auf morgen begann, sondern ein Prozess der vergangenen zwanzig Jahre ist &#8211; mit zwei Kriegen im Irak, den Anschlägen vom 11. September und dem Einmarsch westlicher Truppen in Afghanistan. Ein Prozess übrigens, der nicht nur die arabische Welt berührt: Als ich Anfang der neunziger Jahre nach Deutschland kam, sprach man von uns noch als Arabern. Irgendwann waren wir nur noch Muslime.&#8221;</p>
<p><strong>In einer Rezension des neuen Aufsatzbandes  &#8220;Generation Facebook&#8221; heißt es in der taz:</strong></p>
<p>&#8220;&#8230;Die Soziologin Carolin Wiedemann entdeckt in dem sozialen Netzwerk ein System, das die Praktiken der &#8220;evaluativen Selbstbeobachtungen&#8221; verstärkt. Schon das Ausfüllen der allerersten Onlineformulare für den eigenen Profilkatalog erscheint ihr, als handle es sich dabei um einen Lebenslauf für eine Bewerbung. Man arbeitet an sich selbst, man managt das Selbst. Und man wird dabei ständig aufgefordert, weiterzumanagen, mehr auf diese Riesenleinwand zu malen, die keine Grenzen zu haben scheint. Was Wiedemann damit sehr deutlich macht: Der Ausdruck des Ich findet innerhalb eines Programms statt, das die Ausdrucksmöglichkeiten eng begrenzt. Und sei es, dass die Kategorie Geschlecht nur als etwas Binäres gedacht werden darf. Missmut ist in dem Programm auch nicht wirklich vorgesehen. Der Daumen kann nur nach oben zeigen. Und zwei Identitäten gelten dem Facebook-Chef Mark Zuckerberg schon als ein Mangel an Integrität. So hat er das zumindest irgendwann mal gesagt. Eine Welt, in der mancher online Carl Salztal heißen möchte, obwohl in seinem Pass etwas anderes steht, möchte er sich nicht vorstellen.</p>
<p>Mit den Auswirkungen des starren Gedankenkorsetts, das die Programmierung dieser vermeintlich freien Leinwandfläche ausmacht, befasst sich der Netztheoretiker Geert Lovink. Es stehen eben nur ganz bestimmte Stifte und Dosen für die Wandbemalung zur Verfügung. Die Farben sind bevorzugt grell, &#8220;gespielt fröhlich, vorgetäuscht freundschaftlich, voller Eigenlob, routiniert verlogen&#8221;, so hat es die britische Schriftstellerin Zadie Smith einmal ausgedrückt. Was ist nun der Ausweg aus diesem System des &#8220;Smile or Die&#8221;, fragt Lovink, dieser &#8220;Herstellung von Wahrheit durch endloses Klicken&#8221;.  Vielleicht, überlegt er, genüge als Ausweg das Bekenntnis: &#8220;Ich bin nicht, der ich bin.&#8221; Wer den Namenswechsel im Netz akzeptiert, akzeptiert auch die Neuerfindung. Wie traurig wäre das Gegenteil: &#8220;In einem System, das darauf abzielt, den Ausbruch von Nonkonformismus zu verhindern, werden offene Persönlichkeiten und fließende Identitäten nur mit dem Gesetz in Konflikt kommen&#8221;, schreibt Lovink. Pseudonyme billigen, heißt das Verlangen, ein anderer zu werden, anzuerkennen.  Lovink wird dann ein wenig sehr kulturpessimistisch und vergleicht dieses Vollfressen mit Facebook-Statusmeldungen mit dem Vollstopfen in einem FastFood-Restaurant, übles, leeres Fett. Alles sieht viel aus, ist aber am Ende erbärmlich wenig. Großes Kotzen des Autors angesichts des Konsumwahns.&#8221;</p>
<p><strong>AFP berichtete aus Tunesien:</strong></p>
<p>Ein arbeitsloser Tunesier hat sich am Donnerstag vor dem zentralen Regierungsgebäude in der verarmten Provinz Gafsa selbst angezündet. Er sei mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht worden und schwebe in Lebensgefahr, sagte ein lokaler Gewerkschafter. Der Vorfall ereignete sich während eines Besuchs von drei Ministern in der von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Region.  Der 48-jährige Vater von drei Kindern war Teil einer Gruppe arbeitsloser Männer, die vor dem Regierungsgebäude eine Sitzblockade abhielten, um damit für Arbeit zu demonstrieren. Er habe die Ministerdelegation treffen wollen, habe aber auf seine Anfrage keine Antwort erhalten, sagte eine lokale Quelle. Ein Augenzeuge erklärte, der Mann habe sich dann mit Benzin begossen und angezündet, &#8220;ohne ein Wort zu sagen&#8221;.  Ein Sprecher des tunesischen Innenministeriums bestätigte die Selbstanzündung. Nach seinen Angaben versammelten sich anschließend etwa 200 Jugendliche und warfen Steine auf Einsatzkräfte. Die Selbstanzündung eines jungen tunesischen Straßenverhändlers im Dezember 2010 hatte eine Protestwelle ausgelöst, die zum Sturz des langjährigen Machthabers Zine al-Abidine Ben Ali führte. In der Folge entwickelten sich auch in zahlreichen anderen arabischen Ländern beispiellose Volksaufstände.</p>
<p><strong>Aus dem Iran meldete dpa:</strong></p>
<p>1. Ein iranischer Ajatollah, Lotfollah Safi-Golpaygan, hat Facebook als &#8220;unislamisch&#8221; und die Mitgliedschaft in dem sozialen Netzwerk als &#8220;Sünde&#8221; bezeichnet.</p>
<p>2. Der Iran hat dem Westen vorgeworfen, ihm eine neue Sicht auf Homosexualität aufdrängen zu wollen. &#8220;Der Westen sagt, dass die Ehe von Homosexuellen laut Menschenrechtscharta frei und erlaubt sein soll, aber wir sehen darin Sittenlosigkeit und sexuelle Krankheit&#8221;, sagte Mohammad-Dschawad Laridschani, der Leiter der Menschenrechtskommission in der iranischen Judikative.</p>
<p>3. Im Iran ist erneut ein tödlicher Bombenanschlag auf einen Atomwissenschaftler verübt worden. Ein Motorradfahrer habe eine Bombe an dem Fahrzeug von Professor Mostafa Ahmadi Roshan befestigt, berichtete die Nachrichtenagentur Fars. &#8220;Auf dem vom mutigen Volk des Irans eingeschlagenen Weg gibt es kein Zurück und solche teuflischen Akte der USA und Israels gegen unsere Wissenschaftler werden nicht den geringsten Einfluss haben&#8221;, heißt es in dem Statement der Atomorganisation, das von der Nachrichtenagentur Isna verbreitet wurde.</p>
<p><strong>Die FAZ interviewte den israelischen Autor Yoram Kaniuk über den derzeit in seinem Land stattfindenden Kulturkampf:</strong></p>
<p>&#8220;Herr Kaniuk, was ist mit Israel los? Ultraorthodoxe Juden bespucken ein kleines Mädchen. Rechtsextreme Siedler zünden Moscheen an. Und die Regierung Netanjahu erlässt in Serie Gesetze, die die Linken als anti-demokratisch einstufen. Ist ein Kulturkampf ausgebrochen?</p>
<p>Neu ist das alles nicht. Israel befindet sich seit 1948 im Ausnahmezustand. Wir haben einen Fehler gemacht, als wir eine Verfassung, wie in der Staatsdeklaration vorgesehen, immer wieder aufgeschoben haben &#8211; bis heute. Allerdings hatte David Ben-Gurion damals den Ultrafrommen erlaubt &#8211; seinerzeit waren das rund 400 junge Männer -, sich vom Militärdienst zu befreien und stattdessen in die Jeschiwa zu gehen, in die Religionsschule. Heute haben wir bald eine Million Ultraorthodoxe, die mit dem Staat nichts am Hut haben, außer dass sie sich von ihm finanzieren lassen. Israel ist nach seinem Selbstverständnis ein jüdisch demokratischer Staat. Aber das funktioniert nicht. Man kann entweder demokratisch oder religiös sein.</p>
<p>Was bedeutet es für Sie, jüdisch zu sein?</p>
<p>Ich liebe den Judaismus. Die meisten meiner Bücher setzen sich mit dem Judentum auseinander. Viele Rabbiner gehen mir aus dem Weg, weil ich mehr darüber weiß als sie. Aber ich fühle mich jüdisch im Sinne des &#8220;Anti&#8221;: dagegen zu sein und für soziale Gerechtigkeit einzutreten. Das Christentum entstand aus dieser jüdischen Tradition. Ebenso die Ideen von Karl Marx oder Albert Einstein. Nicht zufällig waren es Juden, die in den USA als Erste gegen die Diskriminierung von Schwarzen kämpften. Gerade weil die Juden kein Land hatten, mussten sie ihren Kopf gebrauchen. Schauen Sie, die Deutschen haben wunderbare Maschinen gebaut. Aber wir sind hundert Mal besser auf dem High-Tech-Gebiet.</p>
<p>Israel ist eine junge Nation. Muss sie womöglich erst noch ihre Balance finden, bevor man zu einer Lösung des Nahost-Konflikts kommt?</p>
<p>Der Punkt ist: Schimon Peres hat 1968 die erste Siedlung im Westjordanland gegründet, statt zu warten, bis die Araber zu Verhandlungen bereit sind. Heute haben wir eine halbe Million Siedler in den besetzten Gebieten, die mehr mit Hooligans als mit Juden in meinem Sinne zu tun haben. Und sie geben den Ton an. Was kann man bei einer solchen Mehrheit, die das Falsche will, schon tun?&#8221;</p>
<p><strong> Nicht erst der Kairo-Virus hat uns alle in &#8220;Transition&#8221; gestürzt:</strong></p>
<p>&#8220;Noch fünf Jahre und überall wird Ausland sein», sagt melancholisch eine Figur in Andrzej Stasiuks  Roman «Neun». Es ist bald so weit: Nach der lethargisch brutalen Selbstvergessenheit der realsozialistischen Endzeit und den Wucherungen eines ungezügelten Frühkapitalismus nach 1989 werden die öffentlichen Räume der osteuropäischen Innenstädte nun mit den immergleichen Versatzstücken aus dem Fundus eines globalen Marktes möbliert. Sie decken die Widersprüche zu und taugen ausserdem wenig als Medien einer identitätsstiftenden Erinnerung.&#8221; (NZZ)</p>
<p>Es geht in &#8220;Neun&#8221; u.a. um Pawel, ein junger Geschäftsmann, der es zu einem bescheidenen Textilhandel gebracht hat. Er erwacht eines Tages in einer Trümmerlandschaft. Der Spiegel im Bad ist zerschlagen, Tuben, Bürsten und Fläschchen liegen auf dem Boden, Kleider sind aus dem Schrank gerissen. Er verlässt seine Wohnung und fährt durch Warschau, getrieben von Unruhe und Angst. Er hat Schulden, man ist ihm auf den Fersen, er braucht Geld. Ein Freund, Jacek, an den er sich um Hilfe wendet, entgeht knapp einem Überfall und ist ebenfalls auf der Flucht.</p>
<p>Stasiuk erzählt diese Geschichte aus dem kriminellen Milieu so unspektakulär wie beklemmend. Ohne Kommentare, präzise wie ein allgegenwärtiges Kameraauge, begleitet er seine Protagonisten von Schauplatz zu Schauplatz: über Bahnhöfe und Magistralen, durch Industriebrachen und Hotelruinen, wilde Gärten und aufgeweichte Lehmwege, heruntergekommene Innenhöfe und schließlich auf die Dächer hoch über der Marszalkowska, wo die Verfolgungsjagd endet.</p>
<p>Stasiuk hat in seinem neuen Buch die poetische Ausmessung der heutigen polnischen Wirklichkeit weitergetrieben. Hinter allem, was geschieht, wartet der Stillstand. Ein träumerisches Wissen um die Vergeblichkeit jeder Fluchtbewegung durchzieht die Atmosphäre des Romans.</p>
<p>&#8220;Meine Leidenschaft [galt] schon immer der Geographie und nicht der Geschichte&#8221;, schreibt Stasiuk im Essay über Europa, weil die – nach Osten – offenen Räume ein «Fluchtweg» sein könnten.&#8221;</p>
<p><strong>Dort ist nun auch Stasiuks allerneuester Roman &#8220;Hinter der Blechwand&#8221; angesiedelt &#8211; im Osten als Raum für einen Fluchtweg:</strong></p>
<p>Während z.B. das westdeutsche Millionärsdorf Kampen auf Sylt so arm ist, dass ihm der &#8220;EU-Fonds zur Förderung strukturschwacher Regionen&#8221; ein neues Rathaus bauen mußte, gibt es in Mitteleuropa riesige Gebiete, die keinen einzigen Cent für ihre Weiterentwicklung brauchen! Vor einigen Jahren drehten Zoran Solomun und Vladimir Blazevski einen Dokumentarfilm: &#8220;Der chinesische Markt&#8221; &#8211; in Budapest. Es geht darin um vier Intellektuelle aus Jugoslawien, Rumänien, Mazedonien und Ungarn, die mit dem Zerfall des Kommunismus ihre Existenz verloren haben und nun als Handlungsreisende noch einmal von vorne anfangen. Eine erzählt: &#8220;Alles brach um mich herum zusammen &#8211; es war ein Alptraum!&#8221; Ein anderer rasiert sich jedesmal, bevor er sich wieder nach Budapest aufmacht, damit er nicht &#8220;wie ein Schmuggler&#8221; aussieht. Auf dem Markt arbeiten 5000 chinesische Händler, aber auch z.B. ein ehemaliger Professor aus Kabul: Er verkauft dort chinesische Waren auf Kommission. Die Kleinhändler klagen: &#8220;Man muß jede Woche neu verhandeln&#8221;. Ihre großen schwarz-weißen Taschen, mit denen sie ihre Waren transportieren, nennen sie &#8220;Kühe&#8221;, weil sie so viele Menschen ernährt: die Großhändler, das Marktpersonal, Zöllner, Banken, Busfahrer&#8230;und am Ende dieser Kette auch noch sie selbst, d.h. &#8220;wenn noch etwas übrigbleibt&#8221;. Um das Risiko zu verringern, kaufen sie jedesmal alles Mögliche in Budapest ein: Lippenstifte, Mützen, Turnschuhe, Jacken, Uhren, Deosprays, Spielzeug etc.. Einem, der seinen Partisanenausweis immer bei sich hat, als Glücksbringer, gab die &#8220;Deutsche Bank&#8221; in Sarajewo einen Kredit von 100 Euro &#8211; als Startkapital.</p>
<p>Und so, wie die mit dem Zug nach Berlin reisenden polnischen Kleinhändler sich in Gruppen organisierten, wobei der Älteste den Schmuggeltarif mit den Zöllnern aushandeln mußte, scharren sich die mit dem Bus regelmäßig Budapest ansteuernden Händler um ihr Buspersonal. Diese listen auf der Rückfahrt &#8211; bis zur ersten Grenze &#8211; alle mitgeführten Waren auf und verhandeln dann mit dem Zoll. Wenn es gut geht, gibt es anschließend keine Beanstandungen bei der Einzelkontrolle der &#8220;Kühe&#8221;, die jeder Kleinhändler den Zöllnern draußen noch einmal vorführen muß. Und danach wird im ganzen Bus gefeiert und gesungen. Aus gutem Grund.</p>
<p>Nun hat der wunderbare Wahlbeskide Andrzej Stasiuk, der ständig im Osten unterwegs ist (inzwischen bis nach Irkutsk und angeblich sogar bis in die Mongolei), einen Langzeit-Roman über zwei solche mobilen Händler veröffentlicht: &#8220;Hinter der Blechwand&#8221;. Die beiden überqueren  ständig die Grenzen von Polen nach Ungarn, Rumänien, Tschechien, zur Ukraine, nach Wien und Instanbul, aber die meiste Zeit verbringen sie auf irgendwelchen Wochenmärkten in öden Grenzkäffern oder sie sitzen vor ihren Pechhütten mit Blick auf eine Tankstelle auf der anderen Flußseite und warten auf eine neue &#8220;Tour&#8221; mit alten Textilien, machen schon mal ihren alten Lieferwagen startklar, bringen Papiermüll weg &#8211; und kassieren dafür so viel Geld, dass sie fünf Liter Benzin tanken können. Sie sind hängen geblieben, die Dörfer und Kleinstädte um sie herum haben sich entleert. Das Leben in ihnen ist zum Stillstand  gekommen. Alle Hoffnung und Zukunft ist gewichen&#8230; &#8220;Das war der Refrain dieser Stadt&#8221;: &#8216;Es lohnt sich nicht&#8217;.&#8221;</p>
<p>An einigen Ecken stehen &#8220;Men in Sportswear&#8221; (MiS), die auf eine günstige Gelegenheit warten, dabei Bier trinken und ununterbrochen rauchen. An anderen Orten treffen sich  die &#8220;Kids mit den Glatzen und abstehenden Ohren&#8221; &#8211; auch sie warten. Einige Grenzkontrollstellen sind aufgegeben, in ihnen haben Zigeuner ihre Warenlager eingerichtet, sie tragen halbe Zolluniformen und mancher Autofahrer hält sogar an, um zu zahlen. Die Waren kommen alle aus China, bis auf die gebrauchten Textilien, Autos und Elektrogeräte, die sich aus ganz Europa hier in seinem geographischen Zentrum noch einmal versammelt haben. Und natürlich der Schnaps und die Zigaretten, die aus lokaler Produktion stammen, die Marlboros aus Moldawien.</p>
<p>Aber alles wirkt verblichen und verstaubt, die neue bunte Welt kommt hier einzig aus dem Fernseher. Die ganzen Billigklamotten, die gleich dazugeliefert wurden, sind nur dazu da, damit die Menschen in dieser Ostzone sich denen im Westfernsehen angleichen. Alle, die dageblieben sind, ähneln inzwischen entfernt irgendwelchen Fernsehstars, deren Gesten sie imitieren, z.B. solche, &#8220;die sie bei den Schwarzen in amerikanischen Filmen gesehen haben&#8221;. Andere geben sich laut und aggressiv, weil sie denken, &#8220;die Menschen müßten sich so verhalten, weil sich die Junkies in amerikanischen Filmen so verhielten.&#8221; Wieder andere haben bloß eine schwere Kindheit hinter sich &#8211; und sind quasi authentisch, aber auch sie trauern den alten Zeiten &#8211; Ende der Achtziger &#8211; nach, als noch alles in Fluß war. U.a. Wladek &#8211; der &#8220;Chef&#8221; des als Fahrer fungierenden Ich-Erzählers: &#8220;Er war der Meinung, die Vergangenheit müsse fortdauern, es gebe keinen Grund, warum sie hätte aufhören und ihn im Regen stehen lassen sollen.&#8221; Immerhin, die beiden sind noch &#8220;in Bewegung&#8221;, jedenfalls so lange wie ihr Kleinlaster nicht vollends den Geist aufgibt.</p>
<p><strong>“Die Wissenschaft ist grobschlächtig, das Leben subtil, deswegen brauchen wir die Literatur,” meinte Roland Barthes.</strong></p>
<p>Dummerweise waren die Literaten völlig überfordert, als die herrschenden Bürokraten im Ostblock die Privatisierung des “Volkseigentums” zu ihren Gunsten erzwangen: Sie (re)produzierten sich dem gegenüber erst einmal nur als “heilige Narren”. In Restaurationszeiten, und darum handelt es sich derzeit weltweit, produzieren aber auch die anderen Künste und erst recht die Wissenschaften nur Seichtes. Im Maße der “Durchmarsch” der Reaktion mittels  Religiosität, Nationalismus, Rassismus und Biologismus aufgrund wirtschaftlicher Krisen erlahmt, fassen jedoch langsam die Literaten wieder Mut – wenn auch immer noch in der Maske des Entertainers und Provo-Clowns. Derzeit liegen dafür mindestens drei gute Beispiele auf Deutsch vor – aus drei korrupten bzw. zerrupften  Ostblock-Staaten: Zum Einen die “Hymne der demokratischen Jugend” des ukrainischen  Dichters  Serhij Zhadan (geb. 1974), zum anderen “Die Hunde fliegen tief” des bulgarischen Schriftstellers Alek Popov (geb. 1966) und drittens “Die Teufels-Werkstatt” des tschechischen Schriftstellers Jachym Topol (geb. 1962).</p>
<p>In allen drei Büchern geht es um den Wahnsinn der neuen Ökonomie, dem nun alle Menschen in diesen Ländern ausgeliefert sind. Die Protagonisten von Zhadan,  Popov und Topol werden von der (west-)deutschen Kritik als “Helden der Transformationszeit” bezeichnet, als aktive “Mitspieler in einer Gesellschaft, die sie bald wieder ausspucken wird”: Schön wärs. Eher werden sie ihre “Sportswear” mit dunklen Anzügen austauschen, seriöse Geschäftsleute  werden  und ihre Kinder nach Harvard schicken – wie alle politischen Massenmörder, heimtückischen Gangster und sonstigen reichen Drecksäcke bisher – damit sie dort veredelt werden und als gebildete Arschlochkarrieristen keine Ahnung von den Schweinereien ihrer sie finanzierenden Eltern mehr aufkommen lassen. Marx hat diese metaphysische  Metamorphose als “ursprüngliche Akkumulation” bezeichnet. Auf die  Geldwäsche folgt die Kindswäsche!</p>
<p>In Zhadans Roman geht es um einige “Men in Sportswear”, die sich als Wachschutzbrigade verdingen, einen Schwulenclub bzw. ein Bestattungsunternehmen in Charkow eröffnen und sich dem Organschmuggel widmen. All diese Metamorphosen von Natural Born Losern bzw. Existenzgründern schildert der Autor ebenso “rasant” wie zynisch.</p>
<p>Auch in Popovs “Transition”-Roman überschlagen sich laut FAZ die Ereignisse: “Es ist das Wesen, die Logik des Geldes, die hier verhandelt wird, auch in Hinsicht auf ihre charakterlichen Deformationen in Gestalt von Gier, Leichtsinn, Rücksichtslosigkeit.” Die menschlichen Träger dieser Handlung sind zwei Brüder aus Sofia: der eine ging zu Hause mit einem Avantgarde-Verlag pleite und verdingt sich nun in New York als Hundeausführer, wobei er immer wieder zwischen die Fronten zweier Hundeausführer-Gewerkschaften gerät. Der andere arbeitet in einer New Yorker Unternehmensberatungsfirma, die ihn nach Bulgarien schickt, wo er die ins Stocken geratene Privatisierung eines heruntergekommenen  Schwermaschinen-Kombinats in Schwung bringen  soll. “Die mit ungeheuer wirkungsvollen, bisweilen regelrecht grellen erzählerischen Elementen zusammengefügte Konstruktion bricht auch unter der sich gegen Ende hin dramatisch verstärkenden Kolportage nicht zusammen,” schreibt der FAZ-Rezensent. Wohl aber bricht das Personal dieses Romans unter den Zumutungen des globalisierten Neoliberalismus reihenweise zusammen – fällt gleichsam aus dem ökonomischen und literarischen Rahmen – ins Nichts. Die zwei Brüder finden jedoch schließlich ihr kleines privates Glück. Dieses ist allerdings  nur noch eine Parodie  des amerikanischen Traums: “Ich fühlte mich geborgen wie in einer Rettungskapsel” – das sagen sie alle, die sich aus den wirtschaftlichen Unwägbarkeiten in eine Kleinfamilie mit 1,8 Kindern und einem Eigenheim in Kensington oder Karow-Nord gerettet haben. Dieses Floß hält aber nur bis zur dreizehnten Kreditrate, dann bricht wieder alles auseinander – und die Protagonisten beschließen, “ein neuer Mensch (zu) werden”.</p>
<p>“Jáchym Topol (der Sohn von Josef Topol) hat eine Gruselgroteske um ein touristifiziertes Theresienstadt geschrieben,” heißt es im “Falter”. Der Ich-Erzähler und seine Kommune-Freunde machen aus der sterbenden KuK-Garnison und Ghettostadt “eine Art Rummelplatz des Schreckens mitsamt Ghetto-Pizza-Buden und Kafka-Shirt-Verkauf”, die immer mehr “Pritschensucher” (Enkel, deren Großeltern dort von den Deutschen inhaftiert waren) anlockt. Ihr Ruhm spricht sich bis nach Weißrussland herum, wo der Ich-Erzähler dann als Gedenkstätten-Experte helfen soll, die dortigen Leichenfelder und Gedenkstätten, u.a. in Katyn, ebenfalls als touristische Destinations (Hotspots) zu entwickeln.</p>
<p>Im Gegensatz zur zynisch-naiven Tabuverletzung des tschechischen Autors Topols steht der rasende Monolog des polnischen Schriftstellers  Michal Witkowski: “Queen Barbara”, der jedoch in Polen ähnlich aufgenommen wurde. Es geht darin ebenfalls um die neue Ökonomie und einige  waghalsige “Businessmen”, die sich in Polen früher als in der CSSR zeigten, nämlich schon in den Achtzigerjahren. Die Drag-Queen “Barbara” von Witkowski ist tagsüber Betreiber einer unguten Pfandleihe. Zum Schuldeneintreiben beschäftigt er zwei Ukrainer.  Wir haben es hier mit einem “Kleinganoven” und einer “Working Mom” in einer Person zu tun. “Als der freie Markt noch jung war,” so bezeichnet Stefanie Peter in ihrer FAZ-Rezension des Buches das gesellschaftliche Umfeld der Protagonisten -  die oberschlesische Bergarbeiterregion.  “Wie in Witkowskis Debüt ‘Lubiewo’ (2007) stellen die im katholischen Polen besonders gebeutelten Homosexuellen auch hier das Personal. Am Existenzminimum und in Randzonen der Gesellschaft lebend, entfliehen sie der Tristesse durch einen improvisierten Glamour, der mit den minderwertigsten Requisiten der neuen Warenwelt auskommt und zugleich die altpolnische Plauderei adeliger Gutsbesitzer wiederbelebt,” schreibt Stefanie Peter.</p>
<p>Indem die polnischen Schwulen sich bei ihren “Geschäften” der Kunstsprache des altpolnischen Adels bedienen, haben sie eine jagellonische Variante des Camp kreiert. Die mit diesem Wort – Camp” zusammengefaßte Ästhetik der zunächst angloamerikanischen Homosexuellen, die in den Sechzigerjahren entstand und sich im Dandytum eines Oskar Wilde begründet sah, begeisterte sich bereits für die Adelsauftritte einer Rita Hayworth und eines Charles de Gaulle (“A great deal of Camp suggests Empson’s phrase, ‘urban pastoral’,” so Susan Sontag). Hierzulande ging diese “Camp”-Kunst (der Wahrnehmung) fast unter, denn als sie expandierte – vor allem durch Susan Sontags Essay über “Camp”, den sie in den USA bereits 1965 veröffentlicht hatte, interessierte man sich hier – d.h. 1987 (zwei Jahre später erschien hier Susan Sontags Buch “Aids und seine Metaphern”!) – gerade für den zerbröselnden Ostblock, wo dann einige Jahre später auch die “Minderheiten” (“Jeder ist eine Minderheit!” – G. Deleuze) eine nach der anderen “Herauskamen” – angefangen mit den Zigeunern. Allein in den Jahren 1990/93 wurden so viele Bücher von Zigeunern im “ostblog” publiziert wie in den 300 Jahren zuvor nicht.  Ihnen folgten die Lesben und Schwulen. Zu letzteren zählt sich Michal Witkowski. Sein in Polen als Skandal empfundener “Tuntenroman ‘Lubiewo’” machte ihn laut Klappentext des Suhrkamp-Verlags “international bekannt”. Die FAZ spricht sogar von einem “Hoffnungsträger der polnischen Literatur”. Vielleicht kommt damit nun der “Camp” quasi von hinten (aus dem Osten) über uns – in Form einer postproletarisch wiederbelebten toten slawischen Hochsprache. In der Ostberliner Moma-Korrespondenz “Kunstwerke” findet gerade eine Photo-Video-Ausstellung von u.a. schwul-lesbischer  Aktionskunst statt, diese wiederbelebte jedoch bloß die Siebzigerjahre Protest-Ästhetik der “Minderheiten” in Westeuropa. Auf mich wirkte sie wie ein Déja-vu. Witkowskis Roman ist dagegen paradoxerweise etwas Neues – ein Gutsbesitz, Beutekunst?</p>
<p><strong>Polishing Polish Parts</strong></p>
<p>&#8230;So hieß 1987 eine Performance im jetzt abgerissenen Nationalstadion von Warschau, an der sich auch zwei Westberliner taz-Redakteure (an Schuhputzmaschinen) beteiligten &#8211; zu den Klängen der Ostberliner Punkband &#8220;Feeling B&#8221;. Nun gibt es ein Rückspiel in Berlin &#8211; und wieder heißt es: Polishing Polish Parts. Da ist zuvörderst die große Ministerialien-Ausstellung im Gropiusbau: &#8220;Tür an Tür&#8221;, die vor allem Heimatvertriebene im Rentenalter anlockt:  In 19 Sälen werden dort mehr als &#8220;700 historische und zeitgenössische Exponate ausgestellt&#8221;. Der polnische Staat hat sich da nicht lumpen lassen! Und wegen der polnischen EU-Ratspräsidentenschaft 2011 hat sich auch Brüssel das erst 20 Jahre existierende &#8220;gute deutsch-polnische Verhältnis&#8221; anständig was kosten lassen, damit auch noch für weniger repräsentative Kulturaustausch-Events gehörig was abfiel.</p>
<p>So moderierte die mit einem polnischen Orden geehrte Kulturwissenschaftlerin Stefanie Peter im Auftrag der &#8220;Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit&#8221; eine Diskussion über die zwei Hauptstädte im &#8220;dynamischen Umbau&#8221;: Warschau &#8211; die reichste Stadt Polens und Berlin &#8211; die ärmste Stadt Deutschlands. Als es dabei um &#8220;Gentrifizierung&#8221; und den Widerstand dagegen ging, war Joanna Erbel von  &#8220;Krytyka Politiyczna&#8221; (KP) in ihrem (Basis-) Element. Die KP-Gruppe betreibt Politikberatung, hat eigene Zeitschriften in Warschau und Kiew und &#8220;Clubs&#8221; in mehreren Städten, demnächst auch einen in Berlin. Diesen stellte sie Ende Oktopber 2011  in den &#8220;Kunstwerken&#8221; (KW), Auguststraße, vor, wo  es danach thematisch vor allem um Rechtsextremismus und Sarrazinismus in Mitteleuropa ging. Das polnische Institut in der Burgstraße hatte derweil zwei Ausstellungen eröffnet &#8211; über die Dichter Jan Brzkowski und Stanisaw Dród, und in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt eine Diskussion ausgerichtet &#8211; über &#8220;Das neue Polen: Chancen und Grenzen einer Gestaltungsmacht&#8221;. Das Periodikum der Slawisten &#8220;Osteuropa&#8221; hatte dazu der &#8220;Denkfabrik Polen&#8221; 392 Seiten gewidmet. In der Akademie der Künste wurden Bilder und Filme der Medienpioniere Zbigniew Rybczyski und Gabor Body sowie Installationen von Miroslaw Balka gezeigt und am 27.10. spielte dort die &#8220;Polnisch-Deutsche Ensemblewerkstatt&#8221; Werke junger polnischer Komponisten.  Für die Akademie hatte ferner Stefanie Peter in der vierten Ausgabe  der &#8220;Positionen&#8221; Texte polnischer Autoren der Gegenwart versammelt. Die Ausstellungsräume &#8220;Bethanien&#8221; in der Kottbusser Straße zeigten parallel dazu  &#8220;Contemporary Art from Poland&#8221; &#8211; &#8220;Polish!&#8221; genannt. Ähnliches gilt auch für das Künstlerhaus Bethanien am Mariannenplatz, wo Magdalena Ziomek-Frackowiak vom Verein &#8220;agitpolska&#8221; in der dortigen Krypta die Ausstellung &#8220;Gute Nachbarschaft?&#8221; kuratierte.</p>
<p>Diese Schau junger Künstler ist das notwendige Gegenstück zur &#8220;Tür an Tür&#8221;, weil sie die bis heute fortwirkenden bösen Aspekte in den deutsch-polnischen Beziehungen nicht umschifft, sondern geradezu gesucht hat. Da sind z.B. die lasziven Posen auf den Photos junger polnischer Frauen, mit denen diese im Internet alte deutsche  Ehemänner suchen. Da ist ein Film über polnische Schlachtkaninchen, die vom polnischen &#8220;Wunderteam&#8221; in Münster ausgesetzt wurden, um mit ihrer Anpassungsfähigkeit und Vermehrungsfähigkeit eine lebende Analogie für die nach Deutschland ausgewanderten Polen zu bilden &#8211; sie wurden jedoch sogleich von der Stadtverwaltung eingefangen &#8211; und dem Münsteraner Fleischmarkt zugeführt. Umgekehrt verdingte sich der deutsche Künstler Dietmar Schmale in Polen als Putzmann:  Mit diesem &#8220;kulturellen Austausch&#8221; kam er sogleich in die Feuilletons diverser polnischer Zeitungen. Im Gegensatz zu der Arbeit von Rafal Jakubowicz: Ansichten vom Posener VW-Werk &#8211; &#8220;Arbeitsdisziplin&#8221; genannt, die er in der Posener Stadtgalerie ausstellen wollte. Auf Druck des  VW-Werks auf die Stadtverwaltung wurden die Photos jedoch wieder abgehängt: Sie sahen &#8211; auch ohne Computerbearbeitung &#8211; zu sehr nach Auschwitz aus. Abschließend sei noch erwähnt, 1. dass all dies ohne den  ebenso unermüdlichen wie unentgeldlichen &#8220;Kulturaustausch&#8221; des vor 10 Jahren aus dem &#8220;Polenmarkt e.V.&#8221;  hervorgegangenen &#8220;Clubs der polnischen Versager&#8221; in der Ackerstraße nicht möglich gewesen wäre, und 2. dass es zu fast all diesen gutbezahlten &#8220;Tür an Tür&#8221;-Events dicke Kataloge gibt. Wenn man die durch hat, kann man sich auf den nächsten Eventklopper &#8211; über die &#8220;komplizierte deutsch-französische Beziehung&#8221; freuen: Sie hat den Arbeitstitel &#8220;Arsch an Arsch&#8221;.</p>
<p><strong>Rechtsstaatliche Ausländerfeindlichkeit</strong></p>
<p>Pigasus, die &#8220;Polish Poster Gallery&#8221; in der Berliner Torstraße 62, ist eine Ausgliederung des Clubs der polnischen Versager. Der Laden in Berlin-Mitte gehört Joanna und Mariusz Bednarski, die dort seit 2003 polnische Plakate, Musik-CDs und DVDs von klassischen Filmen aus dem Ostblock verkaufen. 2010 schickte ihnen der Hauseigentümer eine Mieterhöhungsforderung: Statt sechs Euro sollten sie zukünftig 25 pro Quadratmeter zahlen.</p>
<p>Das war schon schlimm, aber kurze Zeit später, im November 2010, kam es noch dicker: Da bekamen sie eine Abmahnung vom holländischen Elektrokonzern Philips. Der hatte in ihrem Laden zehn russische Filme des Brüssler DVD-Verlags Russian Cinema Council (RussCiCo) gekauft &#8211; und dabei eine DVD erworben, die angeblich ohne Lizenzgebühr für ein Philips-Patent gepresst worden war. Dafür verlangte die vom Konzern beauftragte Anwaltskanzlei 1.700 Euro, außerdem sollte das Ehepaar Bednarski eine Unterlassungserklärung unterschreiben und alle im Laden und zu Hause liegenden DVDs &#8211; etwa 750 &#8211; herausgeben und zur Vernichtung freigeben. Diese Filme stammten von allen möglichen Vertrieben, Verlagen und Presswerken. Sie schrieben dem Philips-Anwalt in Hamburg, dass sie seit 2003 nur zwei DVDs (mit dem sowjetischen Film &#8220;Die kleine Vera&#8221;), bei denen angeblich keine Lizenzgebühr vom Presswerk bezahlt worden war, verkauft hätten: eine an privat und die andere eben an den Philips-Konzern. Außerdem hätten sie alle anderen Filmtitel von RussCiCo zurückgeschickt, damit sie überprüft werden können.</p>
<p>Einen Tag vor Weihnachten 2010 erschien des ungeachtet ein Gerichtsvollzieher mit einem Lastwagen und fünf Arbeitern. Er hatte eine einstweilige Verfügung vom Landgericht Hamburg dabei und nahm alle 703 DVDs im Laden mit.</p>
<p>Bei der Gerichtsverhandlung in Hamburg am 31. 3. 2011 machten die Philips-Anwälte dann einen Vergleichsvorschlag: Das Ehepaar Bednarski sollte 6.004 Euro zahlen, alle Rechnungen, Speditionsbriefe und Lieferscheine herausrücken, alle beschlagnahmten DVDs zur Vernichtung freigeben und keine weiteren Schritte gegen Philips unternehmen. Im Übrigen behauptete der Konzern vor Gericht, &#8220;dass er täglich große Verluste erleide wegen unserer illegalen Aktivitäten&#8221;, berichtet Joanna Bednarska.</p>
<p>&#8220;Wir waren mit dem Vergleich nicht einverstanden &#8211; und ich habe daraufhin recherchiert, wer bei der Herstellung unserer DVDs eventuell ein Philips-Patent verletzt hat.&#8221; Auf der Internetseite von Philips fand sie eine Liste von DVD-Presswerken, die von Philips lizensiert wurden. Diese Firmen erstellen für jede einzelne Pressung ein sogenanntes LSCD-Dokument. &#8220;Als wir die Presswerke um diese Dokumente baten, sagten sie, das müssten die Verlage bei ihnen anfordern, und sie würden das an Philips weiterleiten. Das haben wir auch in die Wege geleitet. Aber bis heute haben wir von Philips nichts bekommen &#8211; sie seien dazu nicht verpflichtet, teilten sie uns mit.&#8221;</p>
<p>Dafür bekamen die Bednarskis jedoch von drei Presswerken, die etwa 95 Prozent ihrer DVDs hergestellt hatten, eine Bestätigung, dass sie die Lizenzgebühr für die Pressung ihrer DVDs bezahlt hätten. Über die restlichen DVDs informierte sie der Verlag, von dem sie stammten, in jeweils welchem Presswerk sie hergestellt worden waren. Diese Werke gab es jedoch nicht mehr.</p>
<p>Die gesammelten Unterlagen schickten die Bednarskis an den Philips-Konzern, &#8220;damit sie nicht unsere ganzen DVDs vernichten, die legal hergestellt wurden&#8221;. Sich gegen Philips zur Wehr setzen konnten sie nicht, da der Streitwert auf 100.000 Euro festgelegt worden war, was für die Bednarskis mehrere Zehntausend Euro Anwalts- und Gerichtskosten hätte bedeuten können: &#8220;So viel Geld haben wir nicht. Unser Jahreseinkommen beläuft sich nur auf etwa 10.000 Euro.&#8221;</p>
<p>Im Juni 2011 kamen einige Philips-Leute nach Berlin und prüften die beschlagnahmten 707 DVDs. 46 behielten sie ein, &#8220;die anderen bekämen wir wieder zurück, sagten sie, wenn wir 5.000 Euro Strafe zahlen, die Unterlassungserklärung unterschreiben und unserer Auskunftspflicht nachkommen würden. Im Weigerungsfall drohten sie uns ein Strafverfahren und Zwangsvollstreckung an. Also haben wir den ,Vergleich&#8217; unterschrieben und sie um Ratenzahlung gebeten. Danach haben wir die restlichen 660 DVDs abgeholt &#8211; und dabei festgestellt, dass die Prüfer von Philips etwa 220 kaputt gemacht hatten, sie waren damit unverkäuflich geworden.&#8221;</p>
<p>Zu den einbehaltenen 46 DVDs teilte Philips dem Ehepaar Bednarski mit, dass sie zwar in einem von ihnen lizensierten Presswerk hergestellt wurden, diese Lizenz sei aber im September 2010 ausgelaufen. &#8220;Wir hatten die DVDS aber bereits 2009 gekauft. Dazu schrieb uns Philips: Da das Presswerk ihnen noch Lizenzgebühr schulde, seien auch die DVDs, die ,vor diesem Zeitpunkt ohne Lizenz&#8217; gepresst wurden, illegal.&#8221;</p>
<p>Zusammengefasst: Man hat bei Pigasus eine verdächtige DVD gefunden &#8211; und dafür mussten die Ladenbesitzer insgesamt 8.000 Euro an Anwalts- und Gerichtskosten zahlen, außerdem konnten sie sieben Monate keine DVD verkaufen. Wegen der bei der Prüfung zerstörten 220 DVDs reduzierte Philips zuletzt seine Anwaltskosten in Höhe von 5.000 Euro auf 1.000 Euro &#8211; diese Summe müssen die Bednarskis nun in Raten abbezahlen. Bei dem ganzen Verfahren handelt es sich um eine Verletzung des europäischen Patents EP 0745 254. Dieses sogenannte EFM-Patent betrifft die &#8220;Kanalmodulation des Datenstroms von optischen Datenträgern&#8221;, konkret geht es dabei um einen Algorithmus.</p>
<p>Ob der in der Software des Presswerks gegen Zahlung einer Lizenzgebühr zur Anwendung kam, darüber klärt bei jeder Pressung einer DVD das oben genannte LSCD-Dokument auf: &#8220;Diese Unterlage bräuchten wir, um zu wissen, womit wir überhaupt handeln, es ist aber weder von Philips noch von den Presswerken, noch von den DVD-Verlagen beziehungsweise -Vertriebsfirmen zu bekommen.&#8221; Das Hamburger Landgericht, bereits berühmt-berüchtigt für seine restriktive Einstellung zu &#8220;Diebstahl von geistigem Eigentum&#8221;, hatte sie gewarnt: Wenn sie noch einmal eine illegal gepresste DVD verkaufen würden, dann müssten sie bis zu 250.000 Euro Strafe zahlen oder bis zu zwei Jahre ins Gefängnis gehen.</p>
<p>Jetzt versteht man vielleicht, warum sich weltweit Millionen Menschen dafür einsetzen, dass solche oder ähnliche Algorithmen Allgemeinbesitz werden. Bei der Internetallmende Wikipedia heißt es dazu: &#8220;Algorithmen für Computer sind heute so vielfältig wie die Anwendungen, die sie ermöglichen sollen. Vom elektronischen Steuergerät für den Einsatz in Kraftfahrzeugen über die Rechtschreib- und Satzbaukontrolle in einer Textverarbeitung bis hin zur Analyse von Aktienmärkten finden sich Tausende von mehr oder minder tauglich arbeitenden Algorithmen. Als Ideen und Grundsätze, die einem Computerprogramm zugrunde liegen, wird Algorithmen in der Regel urheberrechtlicher Schutz versagt. Je nach nationaler Ausgestaltung der Immaterialgüterrechte sind Algorithmen der Informatik jedoch dem Patentschutz zugänglich, sodass urheberrechtlich freie individuelle Werke, als Ergebnis eigener geistiger Schöpfung, wirtschaftlich trotzdem nicht immer frei verwertet werden können.&#8221; Dies war beziehungsweise ist der Fall beim Philips-Algorithmus. Das letzte Wort dazu soll deswegen das dadurch schwer geschädigte und gedemütigte Ehepaar Bednarski haben: &#8220;Unser Anwalt riet uns, diese Geschichte nicht an die Presse zu geben. Philips könnte das als eine neuerliche Geschäftsschädigung begreifen &#8211; und dann würde das richtig teuer werden.&#8221;</p>
<p>Ein Sprecher der Piratenpartei Berlin, um eine Stellungnahme gebeten, meinte: Der springende Punkt an der Geschichte sei der, dass der Philips-Konzern nur die eine DVD hätte einkassieren dürfen, bei der sich nach seinem Testkauf von zehn DVDs der Verdacht erhärtet hatte, dass sie ohne Lizenzgebühr für ein Philips-Patent gepresst wurde. &#8220;Die Philips-Anwälte haben da mit gerichtlicher Hilfe eine Art DVD-Sippenhaft praktiziert. Das ist so, als würde man bei einem Buchladen, der ahnungslos einen Raubdruck verkauft, gleich alle Bücher konfiszieren.&#8221; Die Betreiber der Postergalerie Pigasus hätten auf der anderen Seite den Vergleich nicht unterschreiben dürfen.</p>
<p>Das Ehepaar Bednarski hat inzwischen eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht: Da sie nicht genug Geld haben, hätten sie keine Chance auf ein unabhängiges Gerichtsverfahren gehabt. Zudem fühlten sie sich als polnische Händler, die russische Filme verkaufen, diskriminiert &#8211; immer wieder bekamen sie zu hören: &#8220;Ja, wenn Sie mit der russischen Mafia zusammenarbeiten … Kein Wunder.&#8221;</p>
<p><em>Das Leben geht weiter &#8211; in der Galerie &#8220;Pigasus&#8221; wird am 14.1.2012 ab 19 Uhr eine Ausstellung eröffnet:  POSTERS THAT DISAPPEARED &#8211; von Łukasz Kliś, Magdalena Strączyńska, Sebastian Kubica, Tomasz Jędrzejko, Marcin Urbańczyk.</em></p>
<p><strong>Polenmärkte </strong></p>
<p>Die Polenmärkte an der 454 Kilometer langen Oder-Neiße-Grenze werden in Polen auch &#8220;Deutschenmärkte&#8221; genannt. Zur Zeit gibt es 17 Übergänge mit je einem &#8220;Bazar&#8221; für die &#8220;Grenzkäufer&#8221; &#8211; vornehmlich aus Deutschland, die teilweise mit Bussen von weither anreisen. Der deutsche Verband der Lebensmittelkontrolleure zählte dort allein 460 Zigarettenhändler, die 2004 zusammen 4,2 Milliarden Zigaretten verkauften. Rund um die Polenmärkte haben sich Tankstellen, Restaurants, Autowaschanlagen und Bordelle angesiedelt. Weil die Preise sich in Deutschland und Polen angleichen, werden statt Waren immer mehr Dienstleistungen angeboten: Haarschnitte, Zahnbehandlungen, Tätowierungen, Wellness.  Die Prostituierten kommen mehrheitlich aus Russland, der Ukraine und dem Baltikum. Als Verkäuferinnen auf den Bazaren und Tankstellen werden zunehmend Frauen aus Deutschland eingestellt. Die Polenmärkte entwickelten sich seit ihrer Entstehung unterschiedlich: Während in Krajnak Dolny (gegenüber von Schwedt) die neu  errichtete &#8220;Markthalle&#8221; samt Restaurants schon so gut wie pleite ist, hat sich der Bazar von Osinow Dolny (gegenüber von Hohenwutzen) inzwischen über den ganzen Ort ausgedehnt. Hierher strömten im ersten Jahr der Grenzöffnung bereits 3,6 Millionen Deutsche. Der Bürgermeister sprach von über 700 Händlern.</p>
<p>Den Anfang machte Adam Sablotzki, der noch vor der Eröffnung des Grenzübergangs (!) in den Hallen einer 1945 zerstörten deutschen Zellstoffabrik nahe am Fluß einen &#8220;Oder Center Berlin&#8221; genannten Bazar einrichtete, der seitdem ständig erweitert wird &#8211; und bereits auf das zwei Kilometer entfernte Dorf überschwappte, das er dadurch gänzlich umgestaltete. Die &#8220;Schnäppchenjäger&#8221; kommen hier zumeist aus dem 60 Kilometer entfernten Berlin: Osinow Dolny ist zu einem &#8220;Vergnügungsort der Armen&#8221; geworden, schrieb die Berliner Zeitung. Immer wieder berichten deutsche Zeitungen über die Polenmärkte, auch für Künstler und Wissenschaftler sind sie interessant. Die &#8220;Basarphase&#8221; sei dort schon fast wieder überwunden, schrieb z.B. der Slawist Karl Schlögel. Er ist Professor an der &#8220;Viadrina&#8221; in Frankfurt/Oder, deren neuerrichtetes &#8220;Collegium Pollonicum&#8221; im gegenüberliegenden Slubice nebenbeibemerkt den dortigen Bazar aus der Stadtmitte vor der &#8220;Friedensbrücke&#8221;  an den Rand  gedrängt hat.</p>
<p>In seinem Essay &#8220;Die Geburt des Basars aus dem Zerfall&#8221; sah Schlögel über alle wirtschaftlichen &#8220;Phasen&#8221; hinweg &#8211; mit geradezu dichterischen Augen &#8211; das große Ganze des Neoliberalismus:  Ein riesiges &#8220;Netzwerk der Warenströme, das die östlichen Städte mit der Welt draußen und das die Städte ihrerseits mit der Provinz tief im Landesinneren verbindet&#8221;. Die Menschen, die daran beteiligt sind, bezeichnete er mit dem russischen Wort &#8220;Tschelnok&#8221; &#8211; als Weberschiffchen: &#8220;Es rast hin und her und erzeugt mit dem Faden, den es abspult, jenes Gewebe, aus dem dann der feste Stoff entsteht&#8221;. In einer russischen Untersuchung, die Schlögel zitiert, wird dieser &#8220;neue Beruf&#8221; als &#8220;kleiner Händler &#8211; in der Regel mit Hochschulbildung&#8221; definiert, &#8220;der die Funktionen des Staatsmonopols zur Gewährleistung der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und alltäglichen Bedarfsartikeln auf sich genommen hat&#8221;. Und Hunderttausende lernen dabei im Westen, daß man &#8220;&#8216;normal&#8217; leben und die Früchte seiner Arbeit genießen kann&#8221;. Auf diese Weise werden die Marktbesuche ihnen zu &#8220;Schulen des Lebens&#8221;, d.h. wenn man ein Leben &#8220;im Sog und im Schatten des Basars&#8221; führt, werden &#8220;nicht Institutionen ausgewechselt, sondern eine ganze Lebensform&#8221;. Diese ist zwar nicht mehr geplant &#8211; wie im Kommunismus, sie hat dennoch eine, wenn auch schwer erkennbare &#8220;Ratio&#8221;: Sie wird nämlich (wieder) gelenkt von einer &#8220;unsichtbaren Hand&#8221; (der Marktwirtschaft selbst), die &#8220;nicht nur stärker als die Faust jedes noch so mächtigen Diktators ist, sondern auch effizienter&#8221;, denn sie setzt sich aus der &#8220;kollektiven Intelligenz Tausender von Menschen&#8221; zusammen &#8211; aus der Summe ihrer Handelstätigkeiten quasi.</p>
<p>Man merkt dem Marktbeobachter bzw. Basarbesucher Schlögel an, daß er sein Geld nicht im Kleinhandel oder gar mit Prostitution verdienen muß, ja nicht einmal als Konsument dort auftritt. Denn eine ständige und stabile Konzentration auf das, was sich lohnt, also auf die mögliche Gewinnspanne beim An- und Verkauf einer Ware, die einem an sich völlig gleichgültig ist, verblödet einen Menschen nicht nur, sondern macht ihn &#8211; besonders all jene osteuropäischen Kleinhändler &#8220;mit Hochschulbildung&#8221;, die gezwungen sind, sich für den Rest ihres Lebens am Rande der Illegalität und der Grenze  durchzuschlagen &#8211; schier verrückt, d.h. mindestens depressiv. Vom Westen aus ist es unverschämt, diese massenhafte Deklassierung einfach als Zugewinn abzubuchen, während es dort eher als Weltverlust empfunden wird, in der neuen Ordnung alle Dinge in Zahlen umrechen zu müssen.</p>
<p>Eher neugierig ging dagegen die Politologin Agata Wisniewska vor, als sie für den Kirchentag in Schwerin 2005 eine ganze  Ausstellung über &#8220;Polenmärkte&#8221; organisierte &#8211; mit deutschen und polnischen Künstlern. Einer, Andrzej Kotula, beobachtet schon seit 16 Jahren das Treiben auf den Polenmärkten. Er begann damit auf dem ersten Markt &#8211; der noch vor der Wende in Westberlin entstand. Dieser wurde im Juni 1989 von der Polizei geschlossen &#8211; &#8220;aus zollrechtlichen Gründen&#8221;. Der Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt/Main, Daniel Cohn-Bendit, kritisierte das Verbot des Berliner Polenmarktes als &#8220;Kurzschlußhandlung&#8221; der Politik:  &#8220;Was mich sauer macht, sind diese ordnungspolitischen Sauberkeitsargumente.&#8221; Der Berliner Senat habe die große Ausstrahlung dieses Marktes offenbar noch gar nicht zur Kenntnis genommen. Dieser Markt sei die erste realexistierende Überwindung der Mauer gewesen. Auch im Ausland habe er große Aufmerksamkeit gefunden und sei als &#8220;ein Stück neuer Ostpolitik&#8221; angesehen worden. &#8220;Wir können doch nicht gegen die autoritäre Bürokratie des Realsozialismus wettern und dann genauso vorgehen.&#8221; Bereits im September 1989 kehrte der Polenmarkt wieder an seine alte Stelle auf dem Potsdamer Platz zurück &#8211; mit so vielen &#8220;Handelswilligen&#8221;, dass die deutsche Presseagentur einen Monat später meldete: &#8221; Mehrere tausend Polen haben am Samstag den Transitverkehr von und nach Berlin erheblich behindert. Die meisten von ihnen kamen nach West-Berlin, um in der Stadt mit Schwarzmarktgeschäften ihr Einkommen durch westliche Devisen aufzubessern. Auf dem sogenannten Polenmarkt wurden bereits 10 000 Polen gezählt. Am Grenzübergang registrierte die Polizei bis zum Morgen 3 900 Personenwagen und 53 Reisebusse aus Polen.&#8221; Die Justiz reagierte darauf mit &#8220;Schnellgerichtsverfahren&#8221;.</p>
<p>Kurz vor der Währungsunion drehte sich jedoch die Situation um &#8211; wie der polnische Sozialrat in Berlin mitteilte: &#8220;Während hier der Polenmarkt fast leer ist, kaufen seit der Währungsunion massenhaft DDR-Bürger im billigen Polen ein.&#8221;  Das hat sich seitdem nicht groß geändert, nur dass nun mit der Angleichung der Lebensverhältnisse gleichzeitig auch immer mehr Polen in Deutschland einkaufen: in Frankfurt/Oder sorgen sie bereits für 1/3 des Umsatzes bei den Einzelhändlern, die darauf jedoch noch in keiner Weise eingestellt sind. Ihre ersten Schilder auf polnisch lauteten: &#8220;Jeder Diebstahl wird zur Anzeige gebracht&#8221;. Außerdem nehmen sie ungerne Zloty an.</p>
<p><strong>Wie sich die Ostler in der Krise halten&#8230;</strong></p>
<p>Angeblich kommen die Ostdeutschen besser als die Westdeutschen mit gesellschaftlichen Umbrüchen klar, weil sie bereits einen solchen durchgestanden haben. Dies trifft, wenn überhaupt, eher auf Frauen als auf Männer zu. Weil sie sich nicht so wie diese auf eine bestimmte qualifizierte Tätigkeit festgelegt haben, trauen sie sich eher zu, auch ganz andere Arbeiten zu übernehmen, wenn es nicht anders geht.</p>
<p>Nicht ohne Grund schickten die West-Exekutoren der Wiedervereinigung als erstes Millionen ältere Arbeitnehmer im Osten in den &#8220;Vorruhestand&#8221;. Ihnen traute man am wenigsten zu, sich der neuen Ökonomie anpassen zu können.</p>
<p>Die größere &#8220;Fähigkeit&#8221; zur Flexibilität ist jedoch nicht nur positiv, denn sie besteht vornehmlich darin, sich immer wieder neuen Sachzwängen zu unterwerfen. Und tatsächlich haben viele Ostler sich durch ihren Übereifer nicht gerade beliebt gemacht bei ihren neuen Westkollegen. So kontrollieren die aus dem Osten stammenden Etagendamen in einigen Berliner Nobelhotels selbst an ihren freien Tagen die Arbeit der Zimmermädchen, besonders wenn ein prominenter Gast erwartet wird. Und bei Osram musste der Betriebsrat einmal eine Meisterin aus dem Osten rügen, weil sie ihre Mitarbeiter zu sehr gescheucht hatte. Hier setzten auch zwei Arbeiterinnen aus Friedrichshain gegenüber dem Betriebsrat durch, dass sie trotz Frauennachtarbeitsverbot zu Nachtschichten eingeteilt wurden &#8211; weil sie unbedingt das Geld brauchten. Für einen Urlaub auf Teneriffa.</p>
<p>So mancher Ostler stöhnt zwar an seinem neuen Westarbeitsplatz: &#8220;Nie hört der Nachschub auf!&#8221; (Im Osten musste man dafür kämpfen, auch bei stockendem Nachschub weiter entlohnt zu werden.) Aber die meisten, so scheint es, lassen sich mehr gefallen als Westler. Etwa als es darum ging, ob man auch im Osten nach dem Vorbild Polens &#8220;Sonderwirtschaftszonen&#8221; (SWZ) einführen sollte, warnte der DGB-Vorsitzende von Frankfurt/Oder, dadurch würden die neuen Ländern zu &#8220;Indianerreservaten&#8221; gemacht &#8211; &#8220;ohne Rechte für die Beschäftigten&#8221;.</p>
<p>Dass solche oder ähnliche Stimmen Gewicht haben, ist für einige Minister in der polnischen Regierung ein Indiz dafür, dass Deutschland und speziell die ehemalige Ostzone im Gegensatz zu Polen immer noch viel zu &#8220;sozialistisch&#8221; sei. Dabei ist das Gegenteil der Fall, wenn man dem deutschen EU-Abgeordneten Ulrich Stockmann glauben darf, der sagt: &#8220;Die meisten Merkmale einer SWZ erfüllt der Osten ohnehin schon. Eine explizit ausgewiesene SWZ würde deshalb keine nennenswerten Veränderungen bedeuten&#8221;.</p>
<p>In anderen Worten: In Ostelbien sind die Beschäftigten bereits weitgehend ohne Rechte. Dieses &#8220;Reservat&#8221; hat sich jedoch zur Freude der Unternehmer längst nach Westen ausgedehnt.</p>
<p>Die Ersten, die ihre sozialstaatliche &#8220;Insel der Seligen&#8221; verloren haben, waren die Westberliner. Hüben wie drüben veraltete Technologie und unterqualifizierte, störrische Arbeitskräfte, meinte Bundesbanker Thilo Sarrazin in einem Interview. Er setzt deswegen seine Hoffnungen auf eine neue &#8220;Elite&#8221;, die er aus dem Osten nach Berlin strömend sieht. Aus weiter Ferne allerdings: Er denkt dabei vor allem an &#8220;Russen&#8221; und &#8220;Juden&#8221;.</p>
<p>In Russland wie in Ostdeutschland gibt es jedoch eine Gruppe, die sich auch im neuen Wirtschaftssystem als nur allzu erfolgreich erwies: die letzten Komsomol-Jahrgänge. &#8220;Wer früher karrieristisch war, der hat es auch im neuen System geschafft, schnell Karriere zu machen&#8221;, so urteilte ein Bundeswehrsoziologe über junge NVA-Offiziere.</p>
<p>Viele, die guten Willens waren, scheiterten aber am neuen Betriebsklima. Immer wieder hört man von Ostlern Geschichten wie diese: &#8220;Morgens haben wir im Steglitzer Betrieb erst mal in der Kantine Kaffee getrunken. Mein Kollege, auch aus dem Osten, und ich, wir waren die Einzigen, die sich unterhalten haben, alle anderen aßen stumm ihre Stullen und lasen dabei <em>BZ.</em> Das war schrecklich!&#8221;</p>
<p>Der soziale Zusammenhang war in den Ostbetrieben besser &#8211; er ließ sich jedoch nicht ohne weiteres bei der Verwestlichung erhalten. Selbst in Betrieben, in denen mehrheitlich Ostler arbeiteten, gelang es den Betriebsorganisatoren des Kapitals schnell, die gewünschte Atomisierung der Belegschaft zu erreichen. Im toyotistisch organisierten Eisenacher Opelwerk etwa wurde und wird nicht mehr in &#8220;Brigaden&#8221;, sondern in siebenköpfigen &#8220;Teams&#8221; mit von außen eingesetztem &#8220;Teamleiter&#8221; gearbeitet. Sie sollen durch die Selbstorganisation ihrer Arbeitspensen nebst ständigen Verbesserungsvorschlägen kontinuierlich ihr Arbeitstempo erhöhen. Zwar zieht das &#8220;Team&#8221; mal einen mit, der verkatert ist, zu Hause Probleme hat oder einfach mal einen schlechten Tag erwischt hat. Aber jemand, der dauernd zu spät kommt oder dessen Einsatzfreudigkeit kontinuierlich nachlässt &#8211; und der so die Teamleistung drückt, wird von seinen Kollegen rausgedrängt. &#8220;Da können wir dann auch nichts mehr machen,&#8221; meint der Betriebsrat. Eisenachs IG-Metall-Chefin beklagt sich dagegen über den Betriebsrat, weil der sich zu wenig für seine Leute einsetze.</p>
<p>Das &#8220;Betriebsklima&#8221; ist im Vergleich zu früher &#8220;kälter&#8221; geworden, kann man unterm Strich sagen. Die Ostler beklagen das immerhin noch. So etwa in den Gesprächen, die Hans-Joachim Neubauer im Berliner Gefängnis Tegel mit Inhaftierten führte. Einer, der schon in der DDR im Knast war, meinte: &#8220;Bei uns gab es früher mehr Zusammenhalt, so wie eine Verständigung über Klopfzeichen. So etwas gibt es hier auch nicht.&#8221;</p>
<p>Als die Bergarbeiter der Kaligrube &#8220;Thomas Müntzer&#8221; in Bischofferode gegen die Abwicklung ihres profitablen Werkes mit einem Hungerstreik und vor der Treuhandanstalt in Berlin protestierten, wurde mit allen politischen und polizeilichen Mitteln, unter anderem mit Agents Provocateurs, versucht, die damals schnell anwachsende Organisation des Widerstands gegen die Abwicklung von DDR-Betrieben zu zerschlagen.</p>
<p>Der für die Bergbaubetriebe zuständige Treuhandmanager Klaus Schucht erklärte im <em>Spiegel</em>: &#8220;Wenn man den Widerstand in Bischofferode nicht bricht, wie will man dann überhaupt noch Veränderungen in der Arbeitswelt durchsetzen?&#8221;</p>
<p>Vom dem DDR-Dramatiker Heiner Müller stammt die damalige Einschätzung: &#8220;Erst mit der Wiedervereinigung ist wieder Klassenkampf in Deutschland möglich.&#8221; Aber derartige Ansätze im Osten wurden schnell im Keim erstickt, obwohl oder weil sie durchaus von Arbeitern im Westen unterstützt wurden. Dafür wurde auf der anderen Seite der Klassenkampf von oben umso massiver forciert &#8211; bis hin zu rassistischen Argumentationen (zuletzt von Sarrazin) und der Charakterisierung von &#8220;Ostdeutschen&#8221; als kommunistisch debilisiert, tendenziell neonazistisch beziehungsweise ausländerfeindlich verbrettert und eigentlich sowieso unbrauchbar.</p>
<p>Auch dies erinnert an die in &#8220;Reservate&#8221; abgedrängten Indianer. Das begann schon gleich nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, der im Übrigen nicht an der &#8220;Unfreiheit&#8221;, sondern an der zu großen Freiheit &#8211; im Produktionsbereich nämlich &#8211; zugrunde ging. Da empfing ein Treuhandmanager eine Gruppe von Betriebsräten in seinem Büro &#8211; und hatte die Beine auf dem Schreibtisch. Auf ihr Erstaunen hin erklärte er: &#8220;Ja, das kennt ihr noch nicht. Das ist jetzt der neue amerikanische Stil.&#8221; Als er zurückgeduzt wurde, verbat er sich dies jedoch aufs Schärfste.</p>
<p>In Summa: Die Integration der Ostler, die inzwischen auch von weit hinter dem Ural kommen, hat in der hiesigen Wirtschaft zu immer demütigenderen Arbeitsverhältnissen geführt. Für die nicht in den Vorruhestand Entlassenen unter ihnen wurde ein gigantisches Umschulungswerk im Osten aufgebaut, das sich im Laufe der Zeit auch auf den Westen ausdehnte.</p>
<p>Der Regisseur Harun Farocki hat mehrere Jahre diese deutsch-deutsche Reeducation-Maßnahme begleitet &#8211; und daraus drei aufklärerische Filme gemacht: &#8220;Leben BRD&#8221; (1990), &#8220;Die Umschulung&#8221; (1995) und &#8220;Die Bewerbung&#8221; (1997). In den dort dargestellten Bildungszentren wird den Teilnehmern unter anderem beigebracht, wie man sich richtig bewirbt. &#8220;Sie müssen lernen, sich besser zu verkaufen!&#8221;, heißt es. Es sind videogestützte Auftritts-Schulungen, in denen das wirkliche Leben geübt werden soll &#8211; für eine neue Gesellschaft, die laut Harun Farocki vollständig auf ihr Abbild hin organisiert ist.</p>
<p>&#8220;Angst haben alle&#8221;, sagt einer der Ausbilder in dem Film &#8220;Umschulung&#8221;. Der vom Arbeitsamt bezahlte Kursus dient denn auch zur Bekämpfung dieser Existenzangst, die inzwischen einschließlich der Umschulungskurse ganz Westdeutschland erreicht hat. Forciert wird sie noch laufend durch Kündigungen aus den nichtigsten Anlässen: Einer Supermarktkassiererin, weil sie drei Pfandbons nicht abgerechnet hat, einer Arbeiterin, weil sie sechs übrig gebliebene Maultaschen mitgenommen hat, und einem Arbeiter, weil er einige Pappen aus dem Abfall als Umzugskartons für seine Tochter mitnahm. Diese von Arbeitsgerichten juristisch abgesegneten Entlassungen zeigen, auf welchem Niveau und von wem die Klassenkämpfe seit der Wiedervereinigung geführt werden.</p>
<p><strong>Die Verschweinung des Ostens</strong></p>
<p>Westberlin wird von Wildschweinen aus dem Osten heimgesucht: 5000 leben inzwischen in der Stadt, 1000 wurden zum Jahreswechsel erschossen, darüberhinaus von einem der Jäger auch der Schwiegersohn. In den Kinderbauernhöfen leben außerdem noch etwa 20 Hausschweine, wovon zwei hochqualifizierte Zirkussauen sind.</p>
<p>Das sich von Menschen entleerende Umland wird dagegen von West-Schweinen besetzt. Im nahen  Eberswalde gab es zu DDR-Zeiten den  größten Fleischverarbeitungsbetrieb Europas, er beschäftigte 3000 Leute. In der dazugehörigen Mast- und Zuchtanlage wurden 200.000 Schweine jährlich aufgezogen. Lange regte man sich im Westen über diese Gigantomanie auf, nach der Wende mußte der Betrieb aus ökologischen Gründen verkleinert werden. 2000 wurde die  abgespeckte Anlage mit 300 Mitarbeitern an den Megakulaken  Eckhard Krone verscherbelt. Heute ist sein  Schweinekonzern wieder der &#8220;größte Hersteller von Fleisch- und Wurstwaren in Brandenburg&#8221;.</p>
<p>Ständig wird nun aber in Ostelbien versucht, ihn zu übertrumpfen. 2006 fand dazu eine Ausstellung im Schloß Neuhardenberg statt. In der Schau &#8220;Arme Schweine&#8221;, kuratiert vom HUB-Kulturwissenschaftler Thomas Macho, ging es exemplarisch um die von einem  holländischen Investor im uckermärkischen Haßleben geplante &#8220;industrielle Schweinemastanlage&#8221;. Daneben aber auch um das gesunde Schwein als &#8220;Ersatzteillager&#8221; für marode Menschen. Dazu hieß es im Katalog: &#8220;Man rechnet im Jahr 2010 mit ersten klinischen Versuchen zur Transplantation von Schweineherzen auf den Menschen&#8221;, zuvor müssen die Tiere &#8220;genetisch manipuliert&#8221; werden. Für die Mastanlage in Haßleben mußten die Menschen ökonomisch manipuliert werden: Vor dem 20 Fußballfelder großen Objekt standen Schilder mit der Aufschrift: &#8220;Ja zur Schweinemastanlage! Für Arbeitsplätze und sozialen Ausgleich!&#8221; Flankiert von  zwei Pappschweinen, die den Autofahrern fröhlich zuwinken. Auch zu DDR-Zeiten wurden hier schon Schweine gemästet: 146.000 Tiere jährlich &#8211; mit 800 Mitarbeitern. Im Dorf selbst gründete sich um die neue Anlage &#8211; mit 850.000 Schweinen und 54 Mitarbeitern &#8211; eine Bürgerinitiative, die sich &#8220;Pro Schwein&#8221; nennt und eine, die &#8220;Kontra Industrieschwein&#8221; heißt, in ihr ist auch ein Veterinär aktiv, er sagte: Die frühere Anlage war &#8220;katastrophal, da wollte keiner gerne als Tierarzt arbeiten&#8221;.</p>
<p>Dies galt auch für unsere mit 8.000 Schweinen kleine Anlage in der LPG &#8220;Florian Geyer&#8221;, Saarmund, wo ich zuletzt arbeitete: Es war laut und stank, jeden Morgen musste man einige tote Tiere rauskarren und eigentlich waren alle froh, als eine winzige Dorfinitiative eine Demo mit 12 Leuten vor dem Tor organisierte &#8211; woraufhin die Ämter in Potsdam die sofortige Schließung der Schweinemast verfügten &#8211; und 15 Leute ihren Arbeitsplatz verloren. 1990 konnte sich noch niemand vorstellen, dass sie vielleicht nie wieder eine Anstellung finden würden. In Haßleben geht dagegen der &#8220;Schweinekrieg&#8221; (Bild) nun schon ins achte Jahr &#8211; und ein Ende ist nicht abzusehen. Sie wurde erst nicht genehmigt, dann im Plan abgeändert und nun sind wieder die Tischützer dran &#8211; mit Experten, Gutachten und Protesten.</p>
<p>Ähnlich sieht es zur Zeit in Tollenseetal aus, wo der &#8220;berüchtigte Herr Straathof&#8221;, ein holländischer Investor, der bereits eine Schweinemastanlage in Medow für 15.000 Schweine betreibt, nun &#8220;Europas größte Ferkelfabrik&#8221; errichten will &#8211; mit 10.000 Sauen und 40 Mitarbeitern, die 250.000 Ferkel jährlich produzieren. Die lokale Bürgerinitiative schreibt: &#8220;Die Riesenanlage vernichtet Arbeitsplätze im Tourismus und ruiniert die kleinen Schweinezüchter in der Umgebung, Wohnungen und Häuser verlieren an Wert, die Lebensqualität in der Region geht verloren&#8221;. Auf einem &#8220;Sternmarsch&#8221; war 2009 von einer &#8220;Verwurstung des ganzen Landes&#8221; die Rede, im Jahr darauf wurde die Riesensauerei dennoch genehmigt. Aber noch ist hier nichts entschieden. Der &#8220;Freitag&#8221; kam desungeachtet bereits zu dem Rechercheergebnis:</p>
<p>&#8220;Immer mehr Züchter aus Holland gründen große Schweinemastanlagen in Ostdeutschland. Hier ist erlaubt, was ihnen zuhause längst verwehrt ist &#8211; sie können viel Fleisch fabrizieren, ohne auf die Umwelt über Gebühr Rücksicht nehmen zu müssen. Gemeinden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg sind dankbar für die Investoren und Investitionen.&#8221; Einer hat sein &#8220;Schweine-Imperium&#8221; bereits bis nach Tschechien und in die Ukraine ausgedehnt, sein hiesiger Verwalter meint: &#8220;Zu Hause in Holland wirst du als Schweinezüchter ständig wie ein Krimineller behandelt. Das ist in Ostdeutschland anders. Hier kannst du noch Unternehmer sein. Umweltkosten spielen keine Rolle.&#8221; Dagegen mucken jedoch immer mehr Bürger auf. Ihnen ist inzwischen klar: &#8220;Wer Countrymusic spielen will, muss eine Menge Mist gerochen haben!&#8221; (Hank Williams)</p>
<p><strong>Aus einer Rundmail von eben:</strong></p>
<p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,</p>
<div>
<p>wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien eine der Sammelstellen für die Aktion &#8220;Deutschland schafft es ab&#8221; ist:</p>
</div>
<div>
<p>Der Künstler Martin Zet ruft im Rahmen der siebten berlin biennale dazu auf die Bücher von Thilo Sarrazin &#8220;Deutschland schafft sich ab&#8221; einzusammeln:</p>
<p>Infos und Poster zum herunterladen<strong>:</strong>  <a href="http://www.berlinbiennale.de/blog/news/%E2%80%9Edeutschland-schafft-es-ab%E2%80%9C-%E2%80%93-buchsammelaktion-17483">http://www.berlinbiennale.de/blog/news/„deutschland-schafft-es-ab“-–-buchsammelaktion-17483</a></p>
<p>Mit mehr als 1,3 Millionen verkauften Exemplaren ist „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin das erfolgreichste Sachbuch eines deutschen Autors der Nachkriegszeit. Im Rahmen der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst initiiert der tschechische Künstler Martin Zet die Kampagne „Deutschland schafft ab“. Er versucht, möglichst viele Exemplare des Buches zu sammeln und sich seiner so zu entledigen. „Ab einem bestimmten Moment ist es nicht mehr wichtig, was die Qualität oder wahre Intention eines Buches ist, sondern welchen Effekt es in der deutschen Gesellschaft hat. Das Buch weckte und förderte anti-migrantische und hauptsächlich anti-türkische Tendenzen in diesem Land. Ich schlage vor, das Buch als aktives Werkzeug zu benutzen, welches den Menschen ermöglicht, ihre eigene Position zu bekunden.” erklärt Martin Zet. Der Künstler ruft dazu auf mindestens 60.000 Exemplare zu sammeln, was weniger als 5 Prozent der kompletten Auflage entspricht. Die Bücher werden in einer künstlerischen Installation in der 7. Berlin Biennale gezeigt; nach Ende der Ausstellung werden sie recycelt.</p>
<p>Die Berlin Biennale bittet darum Exemplare des Buches in einer der teilnehmenden Sammelstellen abzugeben oder per Post in die KW zu schicken.</p>
<p>Die erste Sammelstelle in Berlin gibt es ab heute in den KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin-Mitte (zugänglich täglich von 10 bis 20 Uhr).</p>
<p>Weitere Sammelstellen in Berlin sind bisher:<br />
- Alte Möbelfabrik | Karlstraße 12 | Köpenick<br />
- Berlinische Galerie | Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur | Alte Jakobstraße 124–128 | Kreuzberg<br />
- Buchhandlung Pro qm | Almstadtstraße 48–50 | Mitte<br />
- C/O Berlin | Postfuhramt | Oranienburger Straße 35/36 | Mitte<br />
- Freie Volksbühne Berlin | Ruhrstraße 6 | Wilmersdorf<br />
- Haus der Kulturen der Welt | John-Foster-Dulles-Allee 10 | Mitte<br />
- ifa-Galerie Berlin | Linienstraße 139/140, Mitte<br />
- Kunstraum Kreuzberg / Bethanien | Mariannenplatz 2 | Kreuzberg<br />
- Kulturnetzwerk Neukölln e.V. | Karl-Marx-Straße 131 | Neukölln<br />
- Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.) | Chausseestraße 128/129 | Mitte<br />
- Schlossplatztheater | Alt-Köpenick 31 | Köpenick<br />
- Theater an der Parkaue | Parkaue 29 | Lichtenberg</p>
<p>Bisherige Sammelstellen deutschlandweit:<br />
- Der Kunstverein, seit 1817 | Klosterwall 23 | 20095 Hamburg<br />
- dieschönestadt | Am Steintor 19 | 06112 Halle an der Saale<br />
- Frankfurter Kunstverein | Steinernes Haus am Römerberg | Markt 44 | 60311 Frankfurt/Main<br />
- Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig | Karl-Tauchnitz-Straße 9–11 | 04107 Leipzig<br />
- Hartware MedienKunstVerein (HMKV) | Hoher Wall 15 | 44137 Dortmund<br />
- Kunstverein Hannover e.V | Sophienstraße 2 | 30159 Hannover<br />
- Kunstverein Harburger Bahnhof | im Bahnhof über Gleis 3/4| Hannoversche Straße 85 | 21079 Hamburg<br />
- Stiftung Bauhaus Dessau | Gropiusallee 38 | 06846 Dessau</p>
<p>Eine ständing aktualisierte Liste der Sammelstellen finden Sie auf unserer Webseite www.berlinbiennale.de.</p>
<p>Die Berlin Biennale fordert dazu auf, sich der Aktion anzuschließen und eigene Sammelstellen einzurichten. Der Transport der Bücher nach Berlin wird über die 7. Berlin Biennale organisiert.</p>
<p><em>Es geht hier alles durcheinander: Das von der CDU gegen die linken Kreuzberger Institutionen aufgebaute Zentrum &#8220;Kunstwerke&#8221; in der Auguststraße kämpft gegen das schweinöse  Buch von Sarrazin &#8211; und Sarrazin selbst geht nun argumentativ gegen seine eigene Klasse vor &#8211; die taz meldet heute:</em></p>
<p>&#8220;Sarrazin schreibt Buch über Euro-Krise&#8221;, meldete AFP gestern. Und gleich wird wieder auf den beliebten Fantasy-Autor eingeprügelt, der für sein umstrittenes Werk &#8220;Deutschland schafft sich ab&#8221; im Jahr 2010 herbe Kritik einstecken musste. In Thilo Sarrazins neuem Buch sind diesmal nicht Ausländer, Migranten und Unterschichtler schuld an allem Elend dieser Welt, sondern die Banker, deren &#8220;Erbfaktoren&#8221; für ihr &#8220;Versagen&#8221; im Weltwirtschaftssystem verantwortlich sind: &#8220;Ganze Clans haben eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen. Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den englischen und amerikanischen Bankern weit überdurchschnittlich ist. Aber das Thema wird gern totgeschwiegen. Man könnte ja auf die Idee kommen, dass auch Erbfaktoren für das Versagen von Teilen der internationalen Bankiersfamilien in der Euro-Krise verantwortlich sind&#8221;, heißt es in einem Vorabzitat. Ob Thilo Sarrazin sich damit Freunde unter der diesmal zum Abschaum erklärten Bevölkerungsgruppe macht, ist allerdings fraglich.</p>
<p><strong>AFP meldet aus dem Jemen:</strong></p>
<p>Bei Kämpfen zwischen verfeindeten islamischen Konfessionsgruppen im Jemensind am Donnerstag 20 Menschen getötet worden. Die Gefechte zwischen sunnitischen Salafisten und schiitischen Saiditen ereigneten sich in der nordwestlichen Provinz Hadscha, wie ein örtlicher Behördenvertreter mitteilte. Eine als Huthis bekannte saiditische Rebellengruppe kämpft seit 2004 gegen die Zentralregierung in Sanaa, der sie Diskriminierung vorwirft.</p>
<p>Nach Angaben des Behördenvertreters war die Stadt Mustaba nahe der Hafenstadt Midi am Roten Meer Schauplatz der Kämpfe. Auch in der Provinz Saada, in der die Rebellen besonders stark vertreten sind, habe es Kämpfe mit dem sunnitischen Waela-Stamm gegeben.</p>
<p>Die Salafisten treten für eine besonders strenge Auslegung des Korans ein und streben eine Rückkehr zur Lebensweise der Gefährten des Propheten Mohammed an. Die Saiditen sind eine im Jemenverbreitete Untergruppe der Schiiten. Sie schlossen sich im vergangenen Frühjahr dem Aufstand gegen Jemens langjährigen Präsidenten Ali Abdallah Saleh an, auch wenn dieser selbst ihrer Glaubensrichtung angehört.</p>
<p><strong> Aus Tunesien und Algerien meldet dpa heute:</strong></p>
<p>Kurz vor dem ersten Jahrestag der Revolution wird Tunesien von einer neuen Welle von Selbstverbrennung erschüttert. In der Stadt Gafsa starb nach Krankenhausangaben vom Dienstag ein 43 Jahre alter Familienvater an seinen schweren Brandverletzungen. Er hatte sich Ende vergangener Woche vor dem Sitz der Bezirksregierung angezündet, um gegen die Arbeitslosigkeit zu protestieren. Fünf weitere Selbstverbrennungsfälle wurden aus anderen Orten des Landes, gemeldet. Sie endeten allerdings ebenso wie die Verzweiflungstat eines 27-jährigen Arbeitslosen aus der südalgerischen Stadt Saida nicht tödlich. Er hatte sich nach Angaben des Online-Journals &#8220;Tout sur l&#8217;Algérie&#8221; selbst in Brand gesteckt, weil er keinen Job fand.</p>
<p>Fälle wie des 43-Jährigen aus Gafsa erregen in Tunesien besondere Aufmerksamkeit, seitdem ein junger Straßenhändler im vergangenen Dezember mit seiner Selbstverbrennung landesweite Massenproteste und Unruhen auslöste. Die Verzweiflungstat in Sidi Bouzid rund 250 Kilometer südlich von Tunis rüttelte Hunderttausende Tunesier auf und führte am 14. Januar zum Sturz von Diktator Zine el Abidine Ben Ali.</p>
<p>Am ersten Jahrestag der Revolution soll an diesem Samstag der Opfer des Aufstands gedacht werden. Die geplanten Feierlichkeiten werden allerdings von einer äußerst angespannten sozialen Situation überschattet. Etlichen Menschen geht es seit der Revolution wirtschaftlich eher schlechter als besser. Nach den Unruhen sind im vergangenen Jahr die ausländischen Investitionen eingebrochen. Auch viele Touristen mieden das nordafrikanische Mittelmeerland aus Angst vor neuen Ausschreitungen.</p>
<p><strong>Aus Jordanien meldet AFP:</strong></p>
<p>In Jordanien hat sich ein Mann durch Selbstverbrennung das Leben genommen. Der 52-jährige Familienvater erlag am Dienstag seinen Verletzungen, wie die Sicherheitsbehörden in Amman mitteilten. Der Mann hatte sich demnach am Vortag im Stadtzentrum selbst angezündet und am ganzen Körper Verbrennungen erlitten. Es habe sich um den ersten Selbstmord dieser Art in Jordanien gehandelt. Seiner Familie zufolge war der Mann hoch verschuldet und hatte bereits zwei Mal zuvor aus Verzweiflung versucht, sich das Leben zu nehmen. Er musste eine 15-köpfige Familie versorgen.</p>
<p>Der Mann war 22 Jahre lang Angestellter im Rathaus von Amman. Im Juni wurde er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Die Stadtverwaltung gab an, ihm eine Entschädigung in Höhe von umgerechnet knapp 9000 Euro gezahlt zu haben. Außerdem habe er ein Mietdarlehen in Höhe von umgerechnet rund 33.000 Euro bekommen.</p>
<p><strong>Aus Saudi-Arabien meldet dpa:</strong></p>
<p>Ein Foto, das den konservativen Kronprinzen Naif mit einer Frau zeigt, sorgt im islamischen Königreich Saudi-Arabienfür Aufregung. Das Foto, das am Montag von saudischen Medien veröffentlicht wurde, zeigt den Prinzen bei einem Empfang für Beamte der Gesundheitsbehörden. Die Aufnahme wurde am Montag von Saudis in sozialen Netzwerken heftig diskutiert.</p>
<p>Der mögliche Thronfolger schüttelt auf dem Bild einer Frau die Hand, deren Gesicht unverschleiert ist. Dies lehnen viele strenggläubige Muslime in Saudi-Arabienab.</p>
<p><strong>Aus Stuttgart meldet dpa die Sicht der Kommunikations-Polizei auf die nächste Protestaktion</strong></p>
<p>Die Bundespolizeidirektion Stuttgart bereitet sich auf einen weiteren Einsatz rund um das Bahnprojekt Stuttgart 21 vor. Seit Anfang 2010 bewältigt die Behörde von Peter Holzem, Präsident der Bundespolizeidirektion Stuttgart, die Dauerlage am Hauptbahnhof. Die anstehenden Abrissarbeiten erfordern einen hohen Planungs- und Koordinierungsaufwand. Die Bundespolizei geht von einem weitgehend friedlichen Verlauf der Protestaktionen aus. &#8220;Wir sind gut vorbereitet.&#8221; so Präsident Holzem. &#8220;In den letzten Monaten erlebten wir zwar weiterhin Proteste gegen das Projekt Stuttgart 21, diese gestalteten sich aber ruhig und besonnen.&#8221;. Mehrere Hundertschaften aus der gesamten Bundesrepublik werden am kommenden Wochenende die Bundespolizeidirektion Stuttgart bei ihrem Einsatz am Hauptbahnhof unterstützen. Im Gegensatz zum benachbarten Schlosspark, ist der Südflügel eine Anlage der Deutschen Bahn AG. Für die Bundespolizei bedeutet dies, dass ihr alle Gefahren abwehrende Maßnahmen in diesem Bereich obliegen. Wichtigstes Ziel für die Bundespolizei ist die Aufrechterhaltung des Bahnbetriebes.<br />
Letztlich wird dieses auch den an- und abreisenden Demonstrationsteilnehmern zugute kommen. Dabei wird verstärkt auf<br />
Kommunikation gesetzt. &#8220;Bisher haben wir durch offene Kommunikation mit den Bürgern sehr gute Erfahrung gemacht. Darauf setzen wir auch in diesem Einsatz&#8221; so Peter Holzem. Gemeint sind Kommunikationsmanager der Bundespolizei. Die mit blauen Westen gekennzeichneten Bundespolizistinnen und -polizisten sollen durch den Kontakt mit Demonstranten das polizeiliche Handeln transparent machen und so die Entstehung von Konflikten frühzeitig vermeiden. Peter Holzem ist überzeugt: &#8220;In Stuttgart sind unsere Kommunikationsmanager bereits ein fester Bestandteil unserer Arbeit geworden.&#8221;</p>
<p><strong>Am Samstag gibt es in der taz eine Schwerpunktausgabe zu den arabischen Aufständen &#8211; unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Frau darin:</strong></p>
<p>Aufbruch im Männerland</p>
<p>Vor einem Jahr verjagten die Tunesier ihren Diktator Ben Ali. Ihre Revolution erfasste die ganze arabische Welt. In der ersten Reihe demonstrierten, stritten und kämpften Frauen für eine gerechtere Gesellschaft und für ihre Würde. Aber was hat der Arabische Frühling ihnen gebracht?</p>
<p>- Sind Frauen die Siegerinnen dieses Umsturzes? SEITE 14<br />
- Wovon träumen Frauen aus Libyen oder Saudi-Arabien? SEITE 16, 17<br />
- Was bedeutet der nackte Protest einer Bloggerin? SEITE 19<br />
- Welche Rolle spielt jetzt der Islam? SEITE 20<br />
- Warum sollte man unbedingt nach Tunesien reisen? SEITE 32, 33</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/f-w-halle.jpg" rel="lightbox[6412]"><img class="alignnone size-full wp-image-6426" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2012/01/f-w-halle.jpg" alt="" width="176" height="256" /></a></p>
<p><strong>Die Frage &#8220;Was hat sie für die Frauen gebracht?&#8221; stellte sich nach der russischen Revolution bereits die russische Kunsthistorikerin Fannina B. Halle &#8211; in ihren zweibändigen Werk &#8220;Die Frau in Sowjetrussland&#8221; &#8211; das 1973 im Westberliner &#8220;Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung&#8221; neu herausgegeben wurde.</strong></p>
<p><em>Fannina Borisovna Halle (geb. Rubinštejn) wurde am 26. Oktober 1881 in der litauischen Stadt Panevežys (bis zum 1. Weltkrieg russ. Ponewež im zaristischen Gouvernement Kowno) geboren. Nach dem Lehrerdiplom reiste sie nach Berlin um dort Philosophie und Germanistik zu studieren. 1907 heiratete sie einen Österreicher und erhielt die österreichisch-ungarische Staatsangehörigkeit. Nach einigen Semestern des Studiums der Kunstgeschichte in Zürich und Berlin fing F. Halle 1914 an der Wiener Universität ihre Doktordissertation zur Bauplastik von Vladimir-Suzdal zu schreiben, die 1929 veröffentlicht wurde. Diese Arbeit zählt zu den grundlegenden Beiträgen zur russischen Architektur und steht in einer Reihe mit den Forschungen von I. I. Tolstoj und N. P. Kondakov.</em></p>
<p><em>Neben der altrussischen Kunst gehörte auch das moderne Avantgarde-Theater zu den Interessen von F. Halle. In Wien war sie Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur Förderung moderner Kunst, die Anfang der 20-er Jahre gegründet war. In den Zwanzigern veröffentlichte sie Abhandlungen zu Marc Chagall, Lasar Segall, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Ihre Artikel wurden in der deutschen Zeitschrift „Der Querschnitt“ (1925) gedruckt, für welches u.a. so bekannte Persönlichkeiten wie Leonid Leonow, Lidia Sejfulina, Alexander Tairov, Larissa Reissner und Wladimir Majakowski schrieben. 1929 war sie Mitarbeiterin in der berühmten Bauhaus-Schule in Dessau.</em><em> Ihr Buch „Alt-Russische Kunst“, 1922 in Berlin publiziert, war das erste Werk zu Ikonen in deutscher Sprache und wurde auch ins Französische und Italienische übersetzt.</em></p>
<p><em></em><em>Eine freundschaftliche Beziehung verband F. Halle mit mehreren Intellektuellen und Künstlern, so z.B. mit Wassily Kandinsky und Oskar Kokoschka, der ein Portrait von ihr zeichnete (heute in der Tate Gallery, London).</em></p>
<p><em>Vor und nach der Revolution besuchte F. Halle mehrmals Russland. Dort lernte sie 1911 A. I. Anisimov kennen, der ihr – nach eigenem Zeugnis – eine Ikone schenkte. Womöglich war das die großformatige Ikone der Muttergottes von Vladimir, die heute in Recklinghausen ist. Im Ikonen-Museum Recklinghausen wird ein Aufsatz A. I. Anisimovs aufbewahrt mit der Widmung auf Russisch: „Für Fanni Borisovna Halle mit aufrichtigen Grüßen des Autors. Moskau. Mai 1921). Dort wird auch A. I. Anisimovs Buch „Die vormongolische Periode der altrussischen Malerei“ (Moskau 1928) mit der Widmung „Der teuren Fanni Borisovna Halle mit herzlichen Grüßen von einem alten Freund, der diese Abhandlung verfasste. Die Buchstaben b.m. stehen für Bogomater’ [Muttergottes]. A. I. Anisimov.“</em></p>
<p><em>Mit der Doktorarbeit waren für F. Halle Anfang der 1920-er Jahre neue lange Reisen in das sowjetische Russland verbunden. So reiste sie zu wissenschaftlichen Zwecken 1924 dorthin mit der Unterstützung von VOKS &#8211; Allunions-Gesellschaft für kulturelle Verbindung zum Ausland. Im selben Jahr veröffentlichte F. Halle einen kleinen exklusiven Ikonenkatalog der Sammlung des ehemaligen Museums Kaiser Alexander III. in St. Petersburg. Die gesamte Auflage war für den Kreis der Freunde des berühmten Leipziger Verlags für Kunstliteratur E.-A. SEEMANN vorgesehen.</em></p>
<p><em>In den 1930-er Jahren begeisterte sich F. Halle für Soziologie und Publizistik, veröffentlichte neue Arbeiten zu altrussischer Kunst und zu der Rolle der Frau in der Sowjetunion. 1940 emigrierte sie in die USA und war dort Stipendiatin der Yale University. Halle hielt als erste Frau eine Vorlesung in dem Oriental Club an dieser Universität. 1946 arbeitete die Forscherin an einem Buch über den Berg-Juden im Kaukasus. F. Halle starb am 14. Dezember 1963 in New York. Ihr Archiv befindet sich im Bakhmeteff-Archiv an der Columbia University, ihre zehn russischen Ikonen ab 1957 im Ikonen-Museum Recklinghausen. (Dieser Text stammt aus: dertag.forenworld.com/viewtopic.php?f=27&amp;t=152) </em></p>
<p>&nbsp;</p>
</div>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=6412&amp;md5=bd36306779ebb473e3cd576f26ebfdd5" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Eis &amp; Schnee</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Dec 2011 15:59:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/132.jpg" rel="lightbox[6397]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6407" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/132-424x269.jpg" alt="" width="319" height="201" /></a></p>
<p><em>Araber im Schnee. Das war einmal: 2010. Photo: Dia-Archiv</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/396605_284824841565685_241361522578684_804106_1213910026_n.jpg" rel="lightbox[6397]"><img class="alignnone size-full wp-image-6398" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/396605_284824841565685_241361522578684_804106_1213910026_n.jpg" alt="" width="320" height="222" /></a></p>
<p><em>Assemblea in der Antarktis. Photo: Friederike Sünderhauf<br />
</em></p>
<p><strong>Wohl um den heißer werdenden Widerstand weltweit (*) abzukühlen sendet bzw. verkauft die deutsche Film- und Fernsehbranche  zum Jahresende durchweg Eiskaltes.</strong></p>
<p>Es gibt zwei Theorien über Filme, die in Eis &amp; Schnee spielen. Eine alte: Sie erhöhen die Gemütlichkeit, wenn man sie sich im warmen Kino oder im gut geheizten Wohnzimmer ankuckt &#8211; besonders zum Jahresende hin. Diese Filmtheorie verliert jedoch langsam an Überzeugungskraft, da wegen der um sich greifenden Verarmung und des sich ausbreitenden Umweltbewußtseins im Verein mit den steigenden Heizkosten die Wohnzimmer und Kinos immer weniger gut beheizt werden, so dass einem bei Filmen, die in Eis &amp; Schnee spielen, nur noch kälter wird.</p>
<p>Die neue Theorie kommt in Gänze aus der Ökoecke und besagt, dass wir gar keine richtigen Winter &#8211; mit Eis &amp; Schnee &#8211; mehr kriegen: Die Kraniche bleiben ganzjährig hier und die Mädchen laufen auch im Winter in Miniröcken rum, die Pelz- und Glühweinhändler klagen ohne Ende, die Angoraunterwäscheläden machen reihenweise dicht und Europa vergreist zusehens, weil die Alten nicht mehr wie früher in der kalten Jahreszeit wegsterben. In dieser verfahrenen Situation gaukeln Kino und Fernsehen uns einfach Eis &amp; Schnee vor.</p>
<p>Das ging heuer schon am 13. Dezember los, da sendete das ZDF erst den &#8220;Wettlauf zum Südpol&#8221;, in dem Amundsen und Scott sich ein eiskaltes Rennen liefern, bei dem letzterer samt seinen Begleitern erfriert; um danach mit einer fünfteiligen &#8220;Terra X&#8221;-Reihe namens  &#8220;Eisige Welten&#8221; nachzulegen, in der schon die erste Folge &#8211; &#8220;Von Pol zu Pol&#8221; &#8211; in puncto Eis &amp; Schnee kaum noch getoppt werden konnte.</p>
<p>Einen etwas anderen Kälteschauer dachten sich die Macher des Werkes &#8220;Game of Thrones &#8211; Das Lied von Eis und Feuer&#8221; aus: Deren erste Video-Episode &#8220;Der Winter naht&#8221; beginnt in einer vulvaähnlichen Eishöhle und steigert sich dann auf Bärenfellen mit immer mehr eiskalten nackten Blondinen. Die Kritik spricht von einem &#8220;Fantasy-Meisterwerk&#8221;. Liebhaber von Eis &amp; Schnee waren dennoch gut beraten, heuer Arte einzuschalten: Der Semiintelligenzsender begann ab dem 22. bereits um 14 Uhr mit der Ausstrahlung einer täglich fortgesetzten Kälte-Serie: &#8220;Europas Hoher Norden&#8221;, in der auch nicht eine einzige frostige Ecke ungefilmt blieb. Am 23. kam dazu noch um 22 Uhr, wenn man gerade wieder etwas aufgetaut war: &#8220;Gesichter der Arktis&#8221; &#8211; von einem etwas tumben aber dick eingemummelten Isländer (sic).</p>
<p>Heiligabend bebibberte uns der RBB zur besten Weihnachtsbaumbrennzeit mit dem Spielfilm &#8220;Das kalte Herz&#8221;. Am 25. und 26. zeigt der MDR dann eiskalt den russischen Märchenfilm &#8220;Die Schneekönigin&#8221;. Wer schon bei dem Wort Rußland eine Gänsehaut bekommt, der konnte sich preisgünstig eine Ami-Version der &#8220;Schneekönigin&#8221; &#8211; als Video &#8211; reinziehen. Oder in den Friedrichstadt-Palast bzw. in die Komische Oper gehen, wo ebenfalls &#8220;Die Schneekönigin&#8221; gegeben wurde.</p>
<p>Wem es am 2. Weihnachtstag nach dem &#8220;Hohen Norden&#8221; auf Arte immer noch zu warm war, der konnte sich anschließend  auf RTL 2 &#8220;Mein Partner mit der kalten Schnauze&#8221; ankucken. Der darauffolgende 3.Weihnachtstag gehörte dann ganz dem MDR: Erst um 20 Uhr 15 mit den klammsten Szenen aus dem &#8220;Katastrophenwinter 1978/79 &#8211; als der Osten im Schnee versank&#8221; und dann gleich anschließend mit der sturmheulenden &#8220;Winterschlacht in der DDR&#8221;.</p>
<p>Am 27. legte Arte allen Eis &amp; Schnee-Wehmütigen, die sich mangels Geld und Piste keinen Skiurlaub mehr gönnen können, die Sendung &#8220;Extreme Landschaften &#8211; Leben am Limit&#8221; ans eventuell immer noch allzu heiße Herz. Dies fand gestern und heute seine Fortsetzung mit dem &#8220;Wintersport&#8221; auf nahezu allen Kanälen, was widerum am 1.1. 2012 in der ARD-Abenteuerreportage &#8220;8000 Meilen bis Alaska&#8221; kulminiert. Danach soll es dann draußen &#8211; d.h. in Wirklichkeit &#8211; langsam kälter werden, so sagt man jedenfalls &#8211; aber so recht glauben kann das keiner mehr.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images42.jpeg" rel="lightbox[6397]"><img class="alignnone size-full wp-image-6403" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images42.jpeg" alt="" width="248" height="203" /></a></p>
<p><em>&#8220;Jeder Wetterbericht ist inzwischen Regimepropaganda &#8211; mittels eiskalt lächelnder Blondinen&#8221; (Marshall McLuhmann). Photo: wetterpate.de (**)</em></p>
<p><em><br />
</em></p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong></p>
<p>(*)  <em>Aus Syrien meldet AFP um 15 Uhr 16:</em></p>
<p>Ungeachtet der Präsenz von Beobachtern der Arabischen Liga gehen die syrischen Sicherheitskräfte nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten weiter mit Gewalt gegen die Protestbewegung vor. Demnach wurden am Donnestag mindestens elf Menschen getötet, sechs von ihnen in Städten, in denen sich Beobachter befanden. Deutschland und die USA forderten vollkommene Bewegungsfreiheit für die Beobachter in dem Land.</p>
<p>Drei Menschen seien in Duma nahe der Hauptstadt Damaskus getötet und mehr als 20 weitere verletzt worden, als Sicherheitskräfte auf eine Demonstration mit zehntausenden Teilnehmern geschossen hätten, erklärte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Zu dem Zeitpunkt seien Mitglieder der Beobachtermission im Rathaus von Duma eingetroffen.</p>
<p>Im rund 210 Kilometer nördlich von Damaskus gelegenen Hama, wo ebenfalls Beobachter eingetroffen seien, hätten Sicherheitskräfte mindestens drei Menschen getötet, erklärte die Beobachtungsstelle. Zudem seien in einem Privatkrankenhaus Verletzte festgenommen worden. Drei weitere Menschen seien in zwei Ortschaften in der Provinz Damaskus getötet worden, in der nordwestlichen Provinz Idlib seien zwei auf einem Motorrad fahrende Zivilisten nahe einer Straßensperre erschossen worden.</p>
<p><em>Aus dem Jemen meldete AP:</em></p>
<p>Mehrere Hundert jemenitische Regierungsangestellte haben am Mittwoch in der Hauptstadt Sanaa gegen Korruption demonstriert. Die Teilnehmer der Kundgebung versammelten sich vor einem für das Verteidigungsministerium tätigen Wirtschaftsinstitut und forderten die Entlassung von dessen Manager Hafes Majad. Dieser steht in enger Verbindung zum scheidenden jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh und gilt als einer der mächtigsten und zugleich korruptesten Vertreter des Regimes. Außerhalb Sanaas demonstrierten um die 150 Polizeibeamte für den Rücktritt des Chefs vom Sicherheitsdienst. Dabei kam es zu einem kurzen Zusammenstoß mit dessen Wachschutz.</p>
<p><em>Aus Libyen meldete AP:</em></p>
<p>Rund 200 Demonstranten haben am Montag stundenlang eine Autobahn in Tripolis blockiert und damit den Stadtteil Suk al Dschimaa abgeriegelt. Zuvor hatten sie bereits den Gemeinderat ihres Viertels gestürmt und das Gebäude verwüstet. Sie protestierten dagegen, dass der Tod von 15 Soldaten aus ihrem Stadtteil noch nicht gesühnt ist.</p>
<p>Die soldaten waren vorigen Monat bei Bani Walid von Anhängern des gestürzten Staatschefs Muammar al Gaddafi überfallen und getötet worden. Die Übergangsregierung habe ihr Versprechen nicht gehalten und die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen, sagte der Vater eines der toten Soldaten. &#8220;Wenn sie es nicht können, tun wir es selbst.&#8221;</p>
<p><em>Aus Marokko meldete AFP zuletzt:</em></p>
<p>In Marokkohaben am Sonntag tausende Menschen für tiefgreifende demokratische Reformen demonstriert. Zum ersten Mal fanden die Proteste ohne die Teilnahme von Vertretern der gemäßigt islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) statt. In der Wirtschaftsmetropole Casablanca versammelten sich nach Schätzungen eines AFP-Reporters zwischen 4000 und 5000 Menschen, in der Hauptstadt Rabat waren es etwa 300 bis 500 Menschen. Zu den Demonstrationen hatte die Jugend der Protestbewegung des 20. Februar aufgerufen.</p>
<p><em>Aus Tunesien meldete AFP gestern:</em></p>
<p>Die britische Zeitung &#8220;Times&#8221; hat den tunesischen Straßenhändler Mohamed Bouazizi zur Person des Jahres 2011 gekürt. Bouazizi habe mit seinem &#8220;Kampf für Gerechtigkeit Geschichte geschrieben&#8221;, schrieb die &#8220;Times&#8221;. Der 26-Jährige hatte sich am 17. Dezember 2010 aus Protest gegen Behördenwillkür selbst angezündet und war wenig später an seinen Verletzungen gestorben. Seine Selbstverbrennung gab den Anstoß für die Proteste des Arabischen Frühlings.</p>
<p>&#8220;Der Mut eines Mannes hat die unterdrückten Massen in der arabischen Welt inspiriert&#8221;, sodass sie &#8220;Polizisten, Sicherheitskräfte, Regierungsbeamte und sogar lebenslängliche Präsidenten&#8221; herausforderten, heißt es in dem &#8220;Times&#8221;-Bericht. Der Obsthändler habe eine &#8220;Revolte&#8221; in der arabischen Welt hervorgerufen.</p>
<p>Bouazizis Mutter sagte der Zeitung, ihr Sohn habe sich nicht umbringen wollen. Er habe lediglich gegen die Beschlagnahmung seiner Waage bei einer Inspektion protestiert. Eine weibliche Behördenmitarbeiterin habe zudem sein Obst konfisziert und ihn geohrfeigt, wodurch sein Stolz verletzt gewesen sei. Was auch immer seine Motive gewesen seien, mit seiner Tat habe Bouazizi den Anstoß zu den Massenprotesten gegeben, schrieb die &#8220;Times&#8221;.</p>
<p><em>Aus der Türkei meldete AFP heute:</em></p>
<p>Bei einem Luftangriff der türkischen Armee im Grenzgebiet zum Iraksind mindestens 35 Menschen getötet worden. Ein weiterer sei verletzt worden, teilte die Verwaltung der türkischen Provinz Sirnak am Donnerstag mit. Kurden-Vertreter warfen der Armee einen Angriff auf auf Dorfbewohner aus der Türkei vor, das Militär sprach indes von einem Einsatz gegen kurdische Rebellen im Nordirak.</p>
<p>Der Gouverneur der Provinz Sirnak im Südosten der Türkei, Vahdettin Özkan, sagte, Ermittlungen seien eingeleitet worden. Die türkische Armee gab an, Rebellen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Norden des Irakbeschossen zu haben. In dem Gebiet gebe es keine Zivilbevölkerung, sondern nur &#8220;Basen der Terrororganisation&#8221; PKK, hieß es auf der Internetseite des Militärs. Drohnen hätten in der Nacht eine Bewegung in Richtung der türkischen Grenze gemeldet, worauf der Einsatz der Luftwaffe angeordnet worden sei.</p>
<p>Kurdische Politiker bezweifelten die türkischen Angaben und warfen der Armee Fehlverhalten vor. Der Lokalpolitiker Ertan Eris von der Kurdenpartei BDP sprach zunächst von einem Vorfall auf der türkischen Seite der Grenze im Dorf Ortasu. Der Chef der türkischen Kurdenpartei BDP, Selahattin Demirtas, warf der Armee ein &#8220;Massaker&#8221; vor, alle Getöteten seien Zivilisten. Der BDP-Abgeordnete von Sirnak, Hasip Kaplan, sagte, die Behörden wüssten, dass die Bewohner aus der Grenzregion ihren Lebensunterhalt durch Schmuggel verdienten und regelmäßig die Grenze überquerten, um im Irakgünstig Treibstoff und Zucker zu besorgen.</p>
<p><em>Aus dem Irak meldet Reuters:</em></p>
<p>Der Chef des sunnitischen Irakija-Blocks sieht den Irakam Rande des Abgrunds. Dem Land drohe eine konfessionelle Alleinherrschaft der Schiiten und damit ein Bürgerkrieg, schrieb Ijad Allawi in einem Beitrag für die &#8220;New York Times&#8221; am Mittwoch. Darüber hinaus stellte er eine Reihe von Bedingungen, bevor sich Sunniten und Schiiten wieder an einen Tisch setzen könnten. Allawi forderte die Freilassung von &#8220;zu unrecht beschuldigten Gefangenen&#8221;. In den vergangenen Tagen wurden Hunderte ehemalige Mitglieder der sunnitischen Baath-Partei des gestürzten Machthaber Saddam Husseins verhaftet. Auch solle ein Komitee von Spitzenpolitikern über die Unabhängigkeit der Justiz wachen.</p>
<p>Die Regierung in Bagdad steckt in der schwersten Krise ihres rund einjährigen Bestehens. Der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki wirft dem sunnitischen Vizepräsidenten Tarek al-Haschemi vor, an Anschlägen und Tötungen beteiligt gewesen zu sein und will ihn festnehmen lassen. Zudem bat er das Parlament um die Entlassung seines sunnitischen Stellvertreters Saleh al-Mutlak, nachdem dieser Maliki in die Nähe des früheren Diktators Saddam Hussein gestellt hatte.</p>
<p>Das Vorgehen gegen sunnitische Politiker hat Anhänger der Gruppe aufhorchen lassen. Sie fürchten einen Machtverlust der Sunniten innerhalb der Regierung. Saddam, der selbst Sunnit war, hatte die schiitische Bevölkerungsmehrheit über Jahre unterdrückt. Seit dem Umsturz wiederum fühlen sich die Sunniten an den Rand gedrängt.</p>
<p><em>Aus Algerien meldete AP:</em></p>
<p>Medienberichten zufolge sollen rund 5.000 Sicherheitskräfte während Silvester und Neujahr die etwa 1.000 erwarteten europäischen Touristen im Süden des Landes schützen. Soldaten und Polizisten würden vor Hotels, touristischen Attraktionen und entlang der Hauptstraßen postiert, meldete die Tageszeitung &#8220;El Khabar&#8221; am Samstag. Zum Ende des Jahres werden rund 1.000 Touristen aus Deutschland, Frankreich und Italien in der algerischen Sahara erwartet. Seit 2003 haben Kämpfer der Al-Kaida im Maghreb in der Region rund 50 ausländische Touristen entführt.</p>
<p><em>Aus Bahrain meldete AP zuletzt:</em></p>
<p>1. Mit Gummigeschossen und Tränengas bewaffnete Sicherheitskräfte haben in der Hauptstadt von Bahraindie Zentrale der wichtigsten schiitischen Oppositionspartei angegriffen. Zuvor hatte sich die Partei Al Wefak über ein Verbot der Regierung hinweggesetzt, das die wöchentlichen Proteste der Gruppe untersagt. Die Sicherheitskräfte gingen am Freitag auch mit Tränengas gegen hunderte Anhänger der Opposition vor, die sich zu einer Protestaktion in Manama versammelt hatten. Das Innenministerium teilte über Twitter mit, eine Gruppe von Randalierern habe die Polizeikräfte hinter dem Büro der Al Wefak mit Steinen beworfen.</p>
<p>Die Konflikte zwischen der sunnitischen Monarchie und der schiitischen Oppositionsbewegung in Bahraindauern bereits seit zehn Monaten an.</p>
<p>2. Mit Tränengas ist die Polizei am Sonntag in Bahrain gegen Tausende Demonstranten vorgegangen. Diese riefen regierungskritische Parolen, nachdem sie zuvor an der Beerdigung eines älteren Mannes teilgenommen haben, der Zeugen zufolge Tränengas eingeatmet hatte und anschließend gestorben war. Am Sonntag kam es den vierten Tag in Folge in der Hauptstadt Manama zu Zusammenstößen zwischen Unterstützern der Opposition und Sicherheitskräften der Regierung. Mindestens 40 Menschen wurden seit Februar bei Zusammenstößen getötet. Damals begannen die Demonstrationen der schiitischen Bevölkerungsmehrheit gegen das sunnitische Königshaus, von dem sie sich diskriminiert fühlt. Hunderte Oppositionelle wurden festgenommen und vor Sondergerichten angeklagt.</p>
<p><em>Die Le Monde Diplomatique  schrieb:</em></p>
<p>Mitte März übernahm Riad dann auch noch die Führung bei der militärischen Intervention des GCC in Bahrain, wo es galt, einen demokratischen Aufstand niederzuschlagen, der sich die ketzerische Forderung nach einer konstitutionellen Monarchie auf die Fahnen geschrieben hatte. Den Vorwand für die Militäraktion, die gegen den Willen der USA stattfand und mit der die Saudis eine Verschärfung der schiitisch-sunnitischen Spannungen in der gesamten Region in Kauf nahmen, lieferte &#8220;die Bedrohung durch den Iran&#8221; &#8211; ein Thema, das die Herrscher am Golf noch mehr beschäftigt als die israelische Führung.</p>
<p>Die Rivalität zwischen dem Iran und Saudi-Arabien gab es bereits vor der islamischen Revolution im Iran 1979, als beide Länder noch Verbündete der USA waren. Dass Ajatollah Chomeini dann zum Sturz des saudischen Herrscherhauses aufrief und Saudi-Arabien den Irak bei seinem Angriffskrieg gegen den Iran (1980-1988) unterstützte, verschlechterte die Beziehungen der beiden Länder weiter. Erst in den 1990er Jahren kam es zu einer Wiederannäherung. Doch der US-Einmarsch im Irak 2003 schuf neue Probleme: Eine schiitisch dominierte und folglich Teheran nahestehende Regierung in Bagdad, der Aufstieg des Iran zur Regionalmacht und die Proteste in Bahrain haben den Konflikt zwischen den beiden Mächten am Golf wiederaufleben lassen.</p>
<p>Der jüngste Schauplatz dieser Rivalität ist Syrien. Als die Arabische Liga im November beschloss, die Mitgliedschaft Syriens zu suspendieren, gab es viel Applaus aus Washington und den europäischen Hauptstädten. Endlich schien sich die Organisation zum Handeln entschlossen zu haben und für die Menschenrechte einzutreten. Zu den Unterzeichnern der Entschließung gegen Syrien gehörten auch Saudi-Arabien, Bahrain und der Sudan.</p>
<p>Dass Riads neuer Kronprinz Naif Bin Abdulasis, seit 1975 Saudi-Arabiens mächtiger Innenminister, die Aktivitäten der Religionspolizei wieder forciert hat, scheint die westlichen Claqueure nicht weiter zu stören. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Herrscherdynastie in Bahrain Oppositionelle verhaftet und foltert oder dass der Internationale Strafgerichtshof gegen den sudanesische Präsidenten Omar al-Bashir wegen Völkermord ermittelt. Den westlichen Beobachtern war es egal: Endlich verbündete sich die Arabische Liga mit dem &#8220;Arabischen Frühling&#8221;.</p>
<p>&#8220;Der Liga geht es gar nicht um die schwierige Lage der arabischen Aufstandsbewegungen&#8221;, erklärt der libanesische Intellektuelle As&#8217;ad AbuKhalil, &#8220;sie hält sich bloß an die Vorgaben der USA. Außerdem spielt der wachsende politische Ehrgeiz des Emirats Katar eine Rolle, das sich als ebenso loyal gegenüber den imperialistischen Interessen der USA erweisen will wie Jordanien oder Saudi-Arabien. Katar möchte zeigen, wie nützlich es für die USA (und für Israel) sein kann. Die Arabische Liga hat uns vorgeführt, dass sie nur dann eine Rolle spielen darf, wenn sie sich strikt an die Weisungen aus Washington hält.&#8221; &#8220;Unter solchen Bedingungen&#8221;, meint AbuKhalil abschließend, &#8220;wäre es besser, die Liga hielte sich ganz raus.&#8221;</p>
<p><em>Aus Afghanistan meldete dpa:</em></p>
<p>Ein Selbstmordattentäter hat bei einem Anschlag im nordafghanischen Einsatzgebiet der Bundeswehr mindestens 20 Menschen mit in den Tod gerissen. Etwa 50 weitere wurden verletzt, als sich der Täter während einer Trauerfeier in der Stadt Talokan in die Luft sprengte, wie die Polizei am Sonntag mitteilte. Unter den Todesopfern seien auch der Parlamentsabgeordnete Abdul Mutalib Beg sowie mehrere Angehörige des Provinzrates.</p>
<p>Talokan ist Hauptstadt der Provinz Tachar, die an die Unruheprovinzen Kundus und Baghlan grenzt. Zunächst bekannte sich niemand zu der Tat. Präsident Hamid Karsai verurteilte den Anschlag als &#8220;rücksichtslosen Akt des Terrors&#8221;. Auch der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf, US-General John Allen, und Bundesaußenminister Guide Westerwelle zeigten sich bestürzt.</p>
<p>Zu der Trauerfeier am Stadtrand von Talokan hätten sich mehr als hundert Menschen versammelt, berichtete ein Augenzeuge. Der Täter habe seinen Sprengsatz in der Menge gezündet, als sich die Trauergäste gerade auf den Heimweg machen wollten. &#8220;Nun begraben die Menschen ihre getöteten Angehörigen auf demselben Friedhof.&#8221;</p>
<p>Der Abgeordnete Beg gehörte dem Unterhaus in der Hauptstadt Kabul an und amtierte auch als stellvertretender Minister in der Karsai-Regierung. In den 80er Jahren kommandierte er Aufständische im Kampf gegen die Rote Armee. Am Montag kamen in Talokan zahlreiche Menschen zu einem Trauermarsch für den Getöteten zusammen.</p>
<p>In der Stadt waren im Mai bei einem Anschlag auf den Gouverneurssitz zwei Bundeswehrsoldaten getötet worden. Der Regionalkommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf, der deutsche Generalmajor Markus Kneip, wurde verletzt. Der Anschlag forderte sieben Todesopfer.</p>
<p>Bereits am Heiligabend wurden bei einem Selbstmordanschlag im Nachbarland Pakistanmindestens acht Angehörige der paramilitärischen Grenztruppen getötet. Wie die Polizei mitteilte, gab es zudem mehr als ein Dutzend Verletzte, als ein Attentäter sein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug vor einem Stützpunkt in Bannu rund 190 Kilometer südlich von Peshawar in die Luft sprengte. Die Region Bannu grenzt an die halbautonome Stammesregion, die als Extremisten-Hochburg gilt.</p>
<p><em>(Die taz liebt es wie die widerlichsten Truppenkommandeure aus dem Westen, von &#8220;feigen terroristischen Anschlägen&#8221; zu sprechen, wenn den bewaffneten Kräften der Afghanen mal wieder das Kriegsglück hold war. Und wie gehabt wird in der hiesigen Presse aus jedem getöteten Araber in Afghanistan, im Irak, im Jemen und in Pakistan sogleich ein unschädlich gemachter &#8220;Al Quaida-&#8221; oder &#8220;Taliban-Terrorist&#8221;. Das hat sich seit dem Algerienkrieg hier so eingebürgert.)<br />
</em><br />
<em>Aus Jordanien meldete AP:</em></p>
<p>Ein Militärgericht in Jordanien hat 22 weitere mutmaßliche militante Islamisten gegen Kaution freigelassen. Das teilte ein Staatsanwalt mit. Die Entlassungen seien eine &#8220;Geste des Wohlwollens&#8221; und Teil der Bemühungen der Regierung, die Beziehungen zur Opposition, auch zu den Islamisten, zu verbessern. Bei den Freigelassenen handelt es sich um Anhänger der ultrakonservativen Salafisten. Insgesamt wurden nun 80 Salafisten freigelassen. Weiter 25 sind noch in Haft. Die Beschuldigten waren während der Proteste im April mit Schwertern auf Polizisten losgegangen.</p>
<p><em>Aus dem Libanon meldete dpa:</em></p>
<p>Im Libanon haben Unbekannte einen Anschlag auf ein Restaurant verübt, in dem Alkohol ausgeschenkt wird. Nach Polizeiangaben explodierte eine Bombe in der Nähe des Gebäudes am Meer in der Hafenstadt Tyrus im Süden des Landes. Verletzt wurde niemand. Mitte November hatte es einen ähnlichen Anschlag auf ein Hotel gegeben, zu dem sich aber niemand bekannte.</p>
<p>Der Verkauf von Alkohol ist im Libanonprinzipiell erlaubt. In Regionen, die von Islamisten wie der schiitischen Hisbollah oder extremistischen sunnitischen Gruppen kontrolliert werden, wird das aber unterbunden. Das ist insbesondere im Süden des Landes der Fall. (1)</p>
<p><em>Aus Israel meldete AFP:</em></p>
<p>Mit verschiedenen Projekten will Israelseine umstrittenen Bauvorhaben im Westjordanland und in Ost-Jerusalem weiter vorantreiben. Die Stadtverwaltung von Jerusalem gab am Mittwoch grünes Licht für den Bau von 130 neuen Wohnungen sowie für den Bau eines Tourismuskomplexes in mehrheitlich arabischen Stadtteilen, wie ein Stadtrat mitteilte. Zudem beschloss die Regierung, einen Vorposten im Westjordanland zu legalisieren.</p>
<p>Für den Ausbau der Siedlung Gilo im Ostteil Jerusalems mit 130 neuen Wohnungen sei die Errichtung von drei Wohntürmen mit je zwölf Stockwerken geplant, sagte Pépé Alalu von den linksgerichteten Oppositionspartei Merez. Der palästinensische Chefunterhändler Sajeb Erakat erklärte nach der Ankündigung, dies sei &#8220;vermutlich die israelische Neujahrsbotschaft für 2012&#8243;, derzufolge Israelplane, &#8220;den Friedensprozess und die Zweistaatenlösung weiterhin zu zerstören&#8221;.</p>
<p>Wie Alalu weiter sagte, genehmigte die Stadtverwaltung zudem den Bau eines Tourismuskomplexes im palästinensischen Stadtteil Silwan, wo es immer wieder Spannungen mit jüdischen Siedlern gibt. Für den Tourismuskomplex sollen unter anderem 250 Parkplätze, ein Archäologiepark, Empfangsgebäude, Restaurants und eine Bibliothek entstehen. Die Ausgrabungsstätten aus der Zeit von König David würden jedes Jahr von hunderttausenden Touristen aus aller Welt besucht, sagte Rathaussprecher Stephan Miller. Die Entwicklung des Gebiets sei für die Stadtverwaltung daher von großer Bedeutung. In demselben Gebiet ist zudem der Bau eines rituellen Bads für jüdische Besucher geplant.</p>
<p>Beide Projekte gehen auf eine Initiative der nationalistischen Organisation Elad zurück, die die jüdische Präsenz in den arabischen Stadtteilen Ost-Jerusalems stärken will. Ein Vertreter des palästinensischen Verteidigungskomitees von Silwan, Fakhri Abu Diab, erklärte, es handele sich um ein politisches Projekt, mit dem die Idee von Jerusalem als Hauptstadt der Juden vorangetrieben werden solle.</p>
<p>Die Regierung von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beschloss am Mittwoch zudem, den Vorposten Ramat Gilad von jüdischen Siedlern im Westjordanland zu legalisieren. Wie die Siedlerorganisation Jescha erklärte, werde der südlich von Nablus gelegene Vorposten eine &#8220;dauerhafte Gemeinschaft im Staat Israel&#8221;.</p>
<p>Die Siedlungsfrage ist seit Jahren einer der Hauptstreitpunkte in den derzeit wieder auf Eis liegenden Verhandlungen zwischen Israelund den Palästinensern. Mehr als eine halbe Million Israelis leben in jüdischen Siedlungen in den von Israelbesetzten Gebieten. International stößt Israels Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten auf scharfe Kritik.</p>
<p><em> Aus dem Iran meldet AFP:</em></p>
<p>Die USA habe den Iranvor einer angedrohten Blockade der für Öltransporte strategisch wichtigen Straße von Hormus gewarnt. &#8220;Wir werden keine Störungen des Schiffverkehrs in der Straße von Hormus hinnehmen&#8221;, sagte der Sprecher des Pentagon, George Little, am Mittwoch. Der iranische Vizepräsident Mohammed Resa Rahimi hatte zuvor mit einer Blockade der Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Arabischen Meer gedroht, sollten die USA und ihre Verbündeten neue Sanktionen gegen Teheran beschließen. Der Chef der iranischen Marine, Habibollah Sajari, sagte zu Rahimis Drohung in einem Interview jedoch, ein solcher Schritt sei noch nicht notwendig.</p>
<p>Die iranische Marine hatte am Samstag mit einem zehntägigen Manöver an der Meerenge begonnen. Little sagte, dies komme häufig in der Region vor. Fälle von Feindseligkeiten der Iraner gegenüber US-Schiffen seien ihm indes nicht bekannt. Derweil passierten der US-Flugzeugträger &#8220;USS John Stennis&#8221; und der Lenkwaffenkreuzer &#8220;USS Mobile Bay&#8221; die Straße von Hormus in Richtung des Arabischen Meeres. Little zufolge handelte es sich dabei um ein im Vorfeld geplantes Manöver, um die Soldaten in Afghanistan zu unterstützen.</p>
<p>Die USA und einige europäische Länder denken derzeit über neue Sanktionen gegen den Irannach, insbesondere gegen den Öl- und Finanzsektor des Landes. Damit wollen sie die Regierung in Teheran zur Kooperation mit der internationalen Gemeinschaft beim umstrittenen iranischen Atomprogramm bewegen.</p>
<p><em>(Das wäre den Schweineregimen im Orient und im Okzident am Liebsten: Wenn es gelänge, aus den ausufernden Bürgerkriegen &#8211; dort wie möglicherweise bald auch hier &#8211; wieder anständige Nationalkriege zu machen, in denen man die zu großen Teilen völlig überflüssige &#8220;Facebook-Generation&#8221; elegant (d.h. mit modernsten Waffen) und in allen Ehren verheizen könnte.</em></p>
<p><em>Über diese Generation und sein &#8220;soziales Netzwerk&#8221; heißt es in der taz von morgen:</em></p>
<p><em> Das Wort &#8220;Facebook&#8221; kam 2011 in der taz 840 Mal vor. Die Kapitalmedien führten sogar die &#8220;Arabellion&#8221; (FAZ) auf dieses &#8220;soziale Netzwerk&#8221; zurück &#8211; und sprachen von einer ganzen &#8220;Facebook-Generation&#8221;. Inzwischen hat der Wille zum Aufstand auch die russische und amerikanische Jugend erfasst. Hierzulande schämen sich jedoch besonders ältere Intellektuelle, &#8220;Facebook-Friends&#8221; zu werden. Die Polemiken, etwa von Wiglaf Droste, gegen die dabei benutzten Simplizitäten &#8211; wie &#8220;Gefällt mir&#8221; und &#8220;Anstupsen&#8221; &#8211; hören nicht auf. Heuer kamen dazu noch Kritiken der Datenschützer. Viele &#8220;User&#8221; meldeten sich deswegen ab, was nicht so einfach ist wie das Anmelden: &#8220;Es gibt da einen Link, mit dem das funktioniert. Man darf aber nicht kontrollieren, ob es geklappt hat, denn die Bedingung ist, dass man 14 Tage nicht auf Facebook geht, weil sonst die Einstellungen alle automatisch wieder aktiviert werden&#8221;, so eine Aussteigerin in der taz. Ich bin seit Beginn der arabischen Aufstände passives &#8220;Facebook-Member&#8221;, kriege seitdem in Kneipen Sätze wie &#8220;Ich muss unbedingt meinen Facebook-Auftritt verbessern&#8221; mit und füge meinem &#8220;Facebook-Konto&#8221; täglich neue &#8220;Friends&#8221; hinzu. Mitunter wird das von alten kritisiert: &#8220;Warum gerade dieses Arschloch?&#8221; Darauf kann ich keine Antwort geben, weil ich kaum eines kenne.</em></p>
<p><em>Wenn ich mir die täglich etwa 80 eingehenden &#8220;Posts&#8221; und &#8220;Statusmeldungen&#8221; sowie ihre &#8220;Kommentierungen&#8221; und &#8220;Teilungen&#8221; angucke, fällt sofort ein Unterschied zur arabischen Facebook-Kommunikation auf: Dort wird Tacheles geredet, weil die Leute in den brunzdummen und korrupten Medien ihrer Schweineregimes in keiner Weise Berücksichtigung finden und sich ihre Aufstände auch und gerade gegen diese richten. Hier postet man dagegen ausschließlich Waren des täglichen Bedarfs in der neosexuellen Vergnügungsgesellschaft: Filme, Clips, Photos, Bücher, Platten etc. Selbst da, wo man über das soziale Netzwerk zusammenkommt und Scheiße baut, das heißt aktiv und vielleicht sogar revolutionär wird, nimmt das die Form eines Warenspektakels an: nämlich auf &#8220;Facebook-Partys&#8221;, die jedesmal einen irren Schaden anrichten, weswegen irgendwelche Politikerärsche sie auch prompt unter Strafe stellen wollen.)</em></p>
<p><em> Aus Ägypten meldeten die Nachrichtenagenturen:</em></p>
<p>1. Die in Ägypten und weit darüberhinaus als &#8220;Nackt-Bloggerin&#8221; bekannt gewordene Alia al-Mahdi sorgt mit einer neuen Aktion gegen Kopftücher für Aufsehen. In ihrem Blog &#8220;Tagebuch einer Rebellin&#8221; rief sie am Montag Frauen auf, ihr Fotos mit und ohne Kopftuch zu schicken. Dann sollten sie dazu erklären, warum sie sich für die Verschleierung entschieden haben und warum sie das Tuch nun wieder ablegen wollen. Sie werde dann alles zusammen in ihrem Blog veröffentlichen.</p>
<p>2. Den ägyptischen Streitkräften sind sogenannte Jungfräulichkeitstests an weiblichen Gefangenen künftig untersagt. Am Dienstag entschied ein ziviles Verwaltungsgericht, dass derartige Tests unzulässig seien und forderte den regierenden Militärrat auf, sie in Zukunft zu verhindern. Eine Frau hatte gegen die Tests geklagt, über die nach der blutig verlaufenden Demonstration auf dem Kairoer Tahrir-Platz am 9. März berichtet worden war. Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge wurden sieben Frauen auf ihre Jungfräulichkeit untersucht. Vertreter der Streitkräfte bestritten die Vorwürfe zunächst, sicherten jedoch später zu, der Sache nachzugehen.</p>
<p>3. In der ägyptischen Hauptstadt Kairo haben sich am vergangenen Freitag erneut tausende Menschen auf dem Tahrir-Platz versammelt. Unter dem Motto &#8220;Freitag für die Wiederherstellung der Ehre&#8221; hatten pro-demokratische Aktivisten zu der Demonstration aufgerufen. Ein Imam, der das Gebet auf dem Platz abhielt, forderte die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission und die Strafverfolgung der Verantwortlichen für die Gewalt gegen die Demonstranten. &#8220;Falls sie glauben, dass das Schlagen von Frauen die Demonstranten zum Schweigen bringt, haben sie sich geirrt&#8221;, sagte eine Frau. &#8220;Der Militärrat ist die Verlängerung des alten Regimes, er hat die selbe Mentalität und wendet die gleichen Mittel an&#8221;, sagte ein Demonstrant.</p>
<p>Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz fordern die Ablösung des vom Obersten Militärrat eingesetzten Ministerpräsidenten Kamal el Gansuri und die Machtübergabe an eine demokratisch legitimierte Zivilregierung. Seit Freitag wurden bei den Protesten nach jüngsten Angaben mindestens 17 Menschen getötet und hunderte weitere verletzt. Für Empörung hatte zuletzt ein Video im Internetportal YouTube gesorgt, in dem zu sehen ist, wie Soldaten eine verschleierte Frau schlagen und treten, über den Boden schleifen und sie dabei bis auf den BH entblößen.</p>
<p>4. Eine islamistische Gruppe in Ägyptenhat das Verschicken von Weihnachtsgrüßen an Christen scharf verurteilt. Dies sei &#8220;gegen unseren Glauben&#8221;, erklärte ein Sprecher der ultrakonservative Nur-Partei am Mittwoch. Muslime sollten Grüße nur aus &#8220;persönlichem Anlass&#8221; und nicht aus religiösen Gründen an Christen senden, sagte Nadar Bakar. Die renommierte Universität Al Ashar veröffentlichte daraufhin ein religiöses Edikt, in dem Weihnachtsgrüße an Christen gebilligt werden. Die gemäßigt islamistische Muslimbruderschaft erklärte, sie sende ihre &#8220;besten Weihnachtswünsche an unsere brüderlichen Christen und Muslims gleichermaßen&#8221;.</p>
<p><em>Aus Russland meldet dpa:</em></p>
<p>Der russische Regierungschef Wladimir Putin hat sich nach den Massenprotesten in Moskau zurückhaltend zu Gesprächen mit der Opposition geäußert. &#8220;Es sollte einen Dialog geben, aber in welcher Form &#8211; darüber denke ich noch nach&#8221;, sagte Putin am Mittwoch nach Angaben der Agentur Interfax. Das Problem sei, dass es &#8220;keine einheitliche Plattform&#8221; gebe. &#8220;Es gibt keinen, mit dem man reden kann.&#8221; Putin will sich bei der Präsidentenwahl am 4. März erneut zum Kremlchef wählen lassen. Er hatte das höchste Staatsamt bereits von 2000 bis 2008 inne.</p>
<p>Am Wochenende hatten Regierungskritiker allein in Moskau 120 000 Menschen auf die Straße gebracht, die gegen Manipulationen bei der Parlamentswahl von Anfang Dezember demonstrierten. Putin lehnt Forderungen ab, die Parlamentswahl neu anzusetzen. Auf die Frage, was er den Russen zum Neuen Jahr schenken würde, sagte er: &#8220;Ehrliche Präsidentenwahlen&#8221;.</p>
<p><em>Aus Griechenland meldet AP:</em></p>
<p>Mit einem zweitägigen Streik protestieren die Mitarbeiter der griechischen Steuerbehörden seit Donnerstag gegen die Sparmaßnahmen der Regierung in Athen. Die Maßnahmen sehen unter anderem Lohnkürzungen im Öffentlichen Dienst vor. Ein Ergebnis der Einsparungen sei, dass es 5.500 weniger Arbeitsplätze für Angestellte in den Steuerbehörden gebe, sagte der Vorsitzende der zuständigen Gewerkschaft, Charalambos Nikolakopoulos, am Donnerstag.</p>
<p>Da zu erwarten war, dass viele Anlaufstellen der Steuerbehörden die letzten beiden Werktage des Jahres geschlossen bleiben würden, hatten Hunderte Griechen am Mittwoch versucht, in letzter Minute mit ihren Anliegen durchzukommen. Wegen einer Erhöhung der Kfz-Steuer etwa ziehen es viele Einwohner des von der Schuldenkrise hart getroffenen Landes vor, im kommenden Jahr auf ihre Autos zu verzichten.</p>
<p><em>Aus Lateinamerika meldet epd:</em></p>
<p>Wegen der Krebserkrankung mehrerer südamerikanischer Staatschefs spekuliert Venezuelas Präsident Hugo Chávez über ein Komplott der USA. Es sei doch merkwürdig und verdächtig, dass mehrere linke Staatsoberhäupter innerhalb kurzer Zeit an Krebs erkrankt seien, sagte Chávez in einer am Mittwoch (Ortszeit) ausgestrahlten TV-Ansprache.</p>
<p>&#8220;Es ist sehr schwer, die Zahl der Erkrankungen mit dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit zu erklären&#8221;, sagte der sozialistische Staatschef, der für polemische Angriffe gegen die USAbekannt ist. Am Mittwoch war bekanntgeworden, dass die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner (58) an Schilddrüsenkrebs leidet und sich einer Operation unterziehen wird.</p>
<p>Chávez erinnerte an die medizinischen Experimente der USAmit Syphilis- und anderen Krankheitserregern in den 40er Jahren in Guatemala. &#8220;Wäre es absurd, wenn sie eine Technologie entwickelt hätten, um Krebs auszulösen, und niemand wüsste es?&#8221; fragte Chávez, dem im Juni selbst ein bösartiger Tumor aus der Beckengegend entfernt worden war. &#8220;Ich will niemanden beschuldigen, sondern nutze nur meine Meinungsfreiheit&#8221;, sagte der 57-Jährige.</p>
<p>Neben Chávez und Kirchner sind auch die Staatsoberhäupter von Brasilien und Paraguay an Krebs erkrankt. Bei Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff (64), die seit einem Jahr im Amt ist, war 2009 Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert worden. Ihr Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva (66) leidet an Kehlkopfkrebs. Im August 2010 wurde ein Tumor im Lymphsystem bei Paraguays Präsident Fernando Lugo (60) entdeckt.</p>
<p>Chávez betonte, dass auch der kranke kubanische Ex-Staatschef Fidel Castro ihn mehrfach zur Vorsicht ermahnt habe. Der heute 85-Jährige Revolutionsführer habe ihm gesagt: &#8220;Pass auf, was dir ins Essen getan wird. Vorsicht mit kleinen Nadeln, mit der sie dir alles Mögliche injizieren können.&#8221; Castro hatte 2006 die Regierungsgeschäfte abgegeben, als er sich einer Notoperation am Unterleib unterziehen musste. Einzelheiten über seine Krankheit werden geheimgehalten.</p>
<p><em>(In der taz sterben ebenfalls laufend Mitarbeiter an Krebs, aber dort will man von den USA als Verursacher nichts wissen, nicht mal den Einsturz der Twin-Towers in Manhattan will man der amerikanischen Regierung und ihren Geheimdiensten anlasten, obwohl der taz-blogwart Mathias Bröckers dies schon seit dem Einsturztag in Wort und Schrift quasi ununterbrochen nahelegt.)</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(**) In Berlin begann das genau am 13.9. 1995. Da gab sich die Regimepropaganda aber noch individualistisch-zufällig (als human factor):</p>
<p>Ein Sonntagsdienstler auf der meteorologischen Station der FU in Dahlem verriet mir gestern seine &#8220;Zwischenhoch&#8221;-Findung: &#8220;Das ist wahrscheinlich vom Typ des Meteorologen abhängig. Ich zum Beispiel bin optimistischer als meine Kollegen und verwende deswegen öfter diesen Begriff, wenn zwischen einem und dem anderen Tief eine gewisse Lücke klafft.&#8221; Ähnlich sieht es bei den Wirtschaftsforschern aus. Ein inzwischen ausgeschiedener Ostler aus dem Wirtschaftsforschungsinstitut in Halle meinte: &#8220;Die Denkverbote funktionieren dort wie früher. Bestimmte negative Tendenzen dürfen wir nicht prioritär verwenden, ganze Begriffe sind regelrecht tabu.&#8221;</p>
<p>Der Wille zum &#8220;Geschehen beeinflussen&#8221; durch strategische Informationssteuerung geht bis zur Ausblendung kompletter Ereignisse. Zum Ausgleich für die deutsch-gründliche Behandlung polnischer Arbeitsuchender in Frankfurt (Oder) durch die dortige Polizei, berichtete der SFB aufwendig über das anschließend stattfindende &#8220;deutsch-polnische Sommerfest&#8221;: &#8220;Es herrscht da eine erfreuliche Normalität&#8221;, fanden die Reporter heraus und daß &#8220;die Musik des Polizeiorchesters besonders gut ankam&#8221;.</p>
<p>Was sich in diesem Fall vielleicht noch wie die am Zensor vorbeigemogelte Sprache des Vormärz anhört, kann im andern schon mit dumpfem Schwung im Faschismus landen: So wenn der im Wittenauer Schiesser-Backkonzern für Finanzen zuständige Vorständler seine im Osten überaus aktive Geschäftsleitung ständig als &#8220;oberste Heeresleitung&#8221; bezeichnet, oder wenn die westdeutsche Eismann-Konzernzentrale ihre &#8220;Family-Frost&#8221;-Franchise-Nehmer im Osten erst mit Wahnsinnsversprechungen in die völlige Überschuldung treibt und ihnen dann, Ende 94, eine &#8220;Winterhilfe&#8221; zur &#8220;einmaligen Unterstützung&#8221; zukommen läßt. Geradezu groteske Züge nahm das Rommel-Remake von Verteiodigungsminister Rühe (bei seiner Landung in Somalia) an, als er den versammelten Journalisten mit großer Geste die ebenso gewaltige wie ökologische Gestaltungsleistung der Bundeswehr-Männer vor Ort zeigen wollte und dabei in die Landschaft ringsum wies: alles Wüste. &#8220;Das hätten Sie mal vorher hier sehen sollen. Die reinste Russenpiste!&#8221; Dagegen klingen die Debatten um die &#8220;Buschzulagen&#8221;- Steuer eher an die Zeiten der Finanzierung des Ersten Weltkriegs an.</p>
<p>Aber wird die Postmoderne nicht sowieso als Fusionierung sämtlicher Stilarten und Epochen gefeatured? Alles Zitat! Um mehr als Perlen-in-die-Augen- Streuen ging es bei dem Berliner CDU-Versuch, die Interhotel- Pleite von Guttmann und Groenke (Trigon) im letzten Moment politisch abzuwehren. Nachdem der Finanzsenator über die jüdischen Restitutionsansprüche und insbesondere gegen deren Bearbeiter und noch konkreter gegen die Tabfin AG und die Revitam GmbH geschimpft hatte, die durch ebenso klienten- wie gewissenlose Anträge alles bloß verzögern und dadurch zum Beispiel die Interhotels gefährden, begann stracks die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) zu ermitteln. Jedenfalls ließ ihr Leiter das sofort laut werden, und dafür fand sich dann sogar ein TV-Sender und ein linker Journalist, der diese vermeintliche Sauerei flugs verfilmte. Da aus den &#8220;Ermittlungen&#8221; nichts folgte und die Pleite ebensowenig abgewendet wurde, kann man hierbei von reinem Marketing sprechen, genauer noch: von &#8220;Nischen-Strategien&#8221; der Public-Private-Partnership.</p>
<p>Jüngst stellte der SFB dazu in einer Fernsehsendung drei Berliner Betriebe mit ihren Marktanstrengungen vor, wozu unter anderem die Batteriefabrik Belfa gehörte. Der Beitrag war in diesem Fall durch eine &#8220;Anregung&#8221; des professionell mit dem puschen von Ostbetrieben befaßten SPD-Managers Klaus von Dohnanyi zustandegekommen. Einer der für Marketing verantwortlichen Geschäftsführer aus den drei vom SFB porträtierten Firmen meinte dazu später: &#8220;Wir puschen also wie blöd, was fehlt, ist bislang noch der Pull-Effekt!&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images12.jpeg" rel="lightbox[6397]"><img class="alignnone size-full wp-image-6399" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images12.jpeg" alt="" width="248" height="184" /></a></p>
<p><em>Photo: jakoblorber.de</em></p>
<p><strong>Fußnote zur Anmerkung:</strong></p>
<p>(1) Drogen, die das Glücksgefühl steigern durch Bewußtseinsverengung oder die, wie man so sagt, das Bewußtsein erweitern, gibt es zuhauf und jeder Kulturkreis kennt noch einige unverkäufliche mehr. In unserer Kultur gibt es sone und solche: &#8220;Es ist ein Unterschied, ob ein kreativer Mensch, der ein künstlerisches oder wissenschaftliches Ziel verfolgt, Drogen zu Hilfe nimmt, um sein Ziel zu erreichen, oder ob ein Mensch über den Umweg der ärztlichen Verschreibung eine Substanz nimmt, die von Sozialingenieuren der Pharmaindustrie entwickelt wurde, um ihn in eine Stimmung zu versetzen, die ihm hilft, die Realität zu verleugnen beziehungsweise zu verdrängen,&#8221; erklärte dazu der Drogenexperte Günter Amendt einmal einem Interviewer.</p>
<p>Bei vielen Drogen hierzulande fällt eine solche Unterscheidung freilich schwer: schon beim Alkohol weiß man nicht, ob diese Droge von unten oder von oben kommt, d.h. ob sie sedieren soll oder zum Aufruhr anstachelt. Der &#8220;New York Times&#8221;-Herausgeber Arthur Sulzberger bat 1968 den Beat-Dichter Allen Ginsberg um einen freimütigen Text für die Seite 1. Ginsberg berichtete dann, dass in den Hippie-Quartieren plötzlich die Haschisch- und LSD-Verkäufer durch Heroin-Dealer ersetzt wurden. Und dies sei auf Anweisung des Staates und seiner bewaffneten Organe geschehen, nachdem das Militär und die Harvard-Universität diese Drogen<br />
als für den US-Imperialismus kontraproduktiv eingestuft hätten (siehe dazu auch den Youtube-Clip &#8220;British army LSD Test&#8221;). Die<br />
Verantwortlichen wollen auf diesem Wege nun die Bewegung der &#8220;Aussteiger&#8221;- (Drop-Outs &#8211; ) zerschlagen. Sulzberger war über Ginsbergs Artikel so entsetzt, dass er entgegen aller Gepflogenheiten, dazu auf der selben Seite in einem Kommentar Stellung nahm. In diesem meinte er, die Regierung gegen Ginsbergs infame Unterstellung in Schutz nehmen zu müssen. Zehn Jahre später gestand er jedoch &#8211; auf der selben Seite ein, dass Ginsburg wohl doch Recht gehabt hatte.</p>
<p>Wieder etwa zehn Jahre später änderte der US-Präsident Clinton den Umgang mit Kokain und Crack: Die armen Konsumenten von Crack (ein übler Kokainverschnitt) bekamen jetzt für die selbe Menge eine drei mal so hohe Gefängnisstrafe wie die reichen Konsumenten von Kokain &#8211; wenn sie damit erwischt wurden. Dazu erlaubte Clinton jede Menge Privatknäste, in denen die wegen Crack und anderen Drogen massenhaft Inhaftierten fortan zu fast unbezahlter Arbeit gezwungen wurden. Inzwischen leistet<br />
die Drogenbekämpfungs-Agenten der USA schon beinahe offiziell Kurier- und Geldtransportdienste für die Kokain-Mafia. Ebenfalls mafiös ist die Situation bei der Droge &#8220;Sex&#8221;, die von Frauenhändlern und Zuhältern über die Pornoindustrie und die Schönheitschirurgie bis zur Kosmetik- und Textilbranche reicht.</p>
<p>In Deutschland macht sich gerade &#8211; das Haschisch betreffend &#8211; eine föderale Lockerung der staatlichen Repression bemerkbar: in Berlin geht der Besitz von neun Gramm bereits straflos aus. Die Repression begann in den Dreißigerjahren in den USA mit dem &#8220;Drogenkrieg&#8221;, in dem das Cannabis als &#8220;Mörderkraut&#8221; figurierte. Jetzt gilt es nur noch als eine &#8220;Einstiegsdroge&#8221;, die bestenfalls &#8220;motivationshemmend&#8221; wirkt. Im &#8220;Merkur&#8221; nannte das der Psychiater Carl Nedelmann eine groteske &#8220;Verkehrung von Ursache und Wirkung (&#8230;). Dem Stoff wurde zugeschrieben, was der Gesetzgeber angerichtet hatte.&#8221; Dazu zitierte der Autor den Strafrechtsforscher Hans-Ullrich Paeffgen, der die absurde Konstruktion &#8211; den Konsum, nicht aber den Besitz von Drogen, unter<br />
Straffreiheit zu stellen &#8211; &#8220;einen Mühlstein am Hals&#8221; der scheinbaren Achtung des Gesetzgebers &#8220;vor der Individualautonomie&#8221; nennt, welcher &#8220;allenfalls durch geflissentliche Nichtbeachtung des Gesetzes normativ erträglich wird&#8221;. Man geht inzwischen davon aus, dass genau das auch bezweckt war &#8211; nämlich die Betroffenen damit &#8220;unter der Fuchtel&#8221; zu halten. Und weil das staats- und verfassungsrechtlich bedenklich, wenn nicht gar verwerflich ist, deswegen sind Paeffgen und Nedelmann eher für die bedingungslose Freigabe von Haschisch. Wenn das man gut geht. Da wären ja fast libanesische Zustände.</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images3.jpeg" rel="lightbox[6397]"><img class="alignnone size-full wp-image-6400" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images3.jpeg" alt="" width="299" height="168" /></a></p>
<p><em>Tahrirplatz Kairo. Photo: augsburger-allgemeine.de</em></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=6397&amp;md5=6f45e593785021191c19272af4a87c69" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Neosexuelles Material für eine  Medienkulturkommunikationsdiskurskritik</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Dec 2011 13:21:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Alles muß raus! Traders of the universe</strong></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/Marijuhanagirl.jpg" rel="lightbox[6380]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6384" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/Marijuhanagirl-424x588.jpg" alt="" width="324" height="448" /></a></p>
<p><em>“Dein Körper gehört dir, nicht wie ein geistiges oder historisches Eigentum, sondern wie ein Auto oder ein Bankkonto. Er gehört dir wie Waren im Kreislauf, du kannst ihn verkaufen, vermieten, drauf sitzenbleiben, ihm Mehrwert abtrotzen oder ihn verspekulieren. Je neosexueller du bist, desto weniger kannst du Heimat in ihm haben, aber desto mehr Profit kannst du ihm entnehmen.”</em> <em>(Georg Seeßlen)</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Anläßlich des Todes von Käthe B., er starb kürzlich an einem Gehirntumor,  stellte Ernst Volland anstatt eines Nachrufs ein Dutzend Selbstkunstwerke des Westberliner Performators Käthe B. in seinen taz-blog (siehe dort).</em></p>
<p><em>In &#8220;Die Zeit&#8221; hatte ich am 18.8.1995 eine Art Vorruf auf Käthe B. veröffentlicht:</em></p>
<p>Von Beruf: Medienhengst</p>
<p>Käthe B. aus Eckernförde, etwa 33 Jahre alt, gibt an, Melker gelernt zu haben. 1981 kam er nach Berlin. Käthe B., der richtige Name ist den Redaktionen unbekannt, hatte zwar zuvor seinen Wehrdienst absolviert, gehörte aber noch zu jenen jungen Pazifisten, die in der Schule im Rechnen eine Fünf, aber im Malen immer eine Eins hatten und in West-Berlin deswegen irgendwie kreativ tätig werden wollten. Anders als die meisten, die erst mal ein Atelier anmieteten, das sie mit Ölfarbengeruch und einer Staffelei füllten, interessierte sich Käthe B. nicht für die Kunst an sich, sondern mehr für das, was sie an öffentlicher Aufmerksamkeit auf sich zieht.  Ein Erkenntnisinteresse, wie es schon beim frühen Donald Duck ausgeprägt war, geht es doch in vielen von Donalds Geschichten ausschließlich darum, wie er ohne den Umweg über Arbeit, Leistung und so weiter berühmt werden will. Käthe B. ist das gelungen. Er ist, sagt er von sich, ein &#8220;Medienhengst&#8221;, Medienhengst von Beruf. Auch als er sich 1990 an den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus beteiligte (&#8220;Die gute Wahl &#8211; Käthe B.&#8221;), war der Einstieg in eine politische Karriere für ihn nur ein &#8220;Sprungbrett, um in die Talk-Shows zu kommen&#8221;.  Das Anfertigen und Kleben des Wahlplakats hat ihn viel Geld und Zeit gekostet. Überhaupt hat er es sich nie leichtgemacht. So flog er zum Beispiel regelmäßig nach New York. &#8220;Das Tolle ist ja, wenn man sagt, daß man da gewesen ist, da reden die Leute gleich ganz anders mit einem&#8221;, hat Käthe B. Ende 1990 in einem Seminar anläßlich der Ausstellung &#8220;Käthe B. und die Photographie&#8221; in der Galerie von Ernst Volland &#8220;Voller Ernst&#8221; festgestellt.</p>
<p>In New York bekam er auch seine erste Hauptrolle &#8211; in einem Film von Miron Zownir. &#8220;Das war Zufall&#8221;, sagt Käthe B. Ein anderer Schauspieler sei krank geworden. &#8220;Ich war in dem Film ein Drogendealer, hinter dem zwei Mafiosi her sind. In der Schlüsselszene schlug mir Zownir ein Telephonbuch über den Kopf, und ich mußte daraufhin gegen eine Heizung fallen, und so dann daliegend hat er mich von hinten gevögelt. In dem Moment wußte ich, worum es ging in dem Film und warum der andere Darsteller krank geworden war. Meine Mutter hatte mich immer schon davor gewarnt, nach New York zu gehen und solche Filme zu machen. Aber ich habe mir gedacht: Alle haben so angefangen. Rambo hat früher auch immer solche Sexfilme gedreht. Und was ist das heute für ein Star.&#8221;  In der erwähnten Ausstellung bekannter Berliner Photographen ging es ausschließlich um Käthe B., der gern mit aufgeklebten Gegenständen wie Kerzen, Glühbirnensockel, Tannenbaum oder Plastikaraber auf dem Glatzkopf posiert. Viele seiner Portraits werden mittlerweile in den hauptstädtischen Touristentreffs als Ansichtskarten verkauft. Einige wurden auch zu Werbeanzeigen weiterentwickelt: Berühmt wurde seine Spargel-Werbung für die Lebensmittelkette Bolle, auf der er das Spargelbund wie Dynamitstangen in der Hand hielt.</p>
<p>Käthe B. geht davon aus, daß es auf eine gewisse Balance zwischen Verausgabung und Einnahmen ankommt: &#8220;Wenn ich finanziell am Ende wäre, würde ich Schluß machen. Nie könnte ich so leben wie Anita Ekberg&#8221;, gestand er einmal dem Satiremagazin Kowalski.  Einkünfte brachte ihm zum Beispiel eine Ausstellung von Röntgenbildern im Oranienstraßen-Studio &#8220;Endart&#8221; ein: &#8220;Gleich am Anfang kam da so &#8216;n Galerist an und hat gefragt, ob ich schon was verkauft hätte. Drei bis vier Teile, habe ich einfach so dahingesagt, und &#8211; zack &#8211; hat er sich sofort auch eins gekauft.&#8221;  Neben Kain Karawahn, in dessen Volksbühnenstück &#8220;Videoprozeß&#8221; Käthe B. 1993 einen Richter spielte, der eine Kamera wegen Betruges zu verurteilen hatte, gehört der Kneipen- und Diskothekenbesitzer Dimitri zu seinen engsten Freunden und Förderern. In dessen Kreuzberger &#8220;Fischbüro&#8221;, wo es um die Vermischung von Alltagsforschung und forschem Alltag ging, stellte sich Käthe B. Ende der Achtziger immer wieder gerne an das der Kneipe zentrale Rednerpult, um den Gästen aus seinem Adreßbuch vorzulesen. Dabei erklärte er, welcher Name darin aus welchem Grund eingetragen war. Später wurde daraus ein regelrechter Discjockey-Job in Dimitris Schöneberger &#8220;Fischlabor&#8221;, wo Käthe B. allnächtens Filmmusiken auflegte.</p>
<p>Rückblickend sieht Käthe B. dieses Bargeschäft jedoch kritisch: &#8220;Die Grundidee dabei war, viele Superstars, wie Robert de Niro oder Jörg Immendorf etwa, haben am Ende ihrer Karriere eine Kneipe eröffnet, also dachte ich mir: Das machst du gleich am Anfang, dann hast du es hinter dir. Aber drei Jahre war zu lang, nur wegen des Geldes bin ich dabeigeblieben.&#8221;  Danach ein kurzes Selbstinterview als Videofilm: &#8220;To B. or not to B.&#8221; sowie eine Einladung zu einer zehntägigen Albanienreise, wo er dann unter dem Schutz bewaffneter Bodyguards badete: &#8220;Das war mal was ganz anderes!&#8221; Talk-Show-Auftritte und öffentliche Meinungsäußerungen (über den Golfkrieg etwa) waren ihm da schon zur Routine geworden, sogar als Sänger trat er einmal auf, und von global players wie Genscher und Daimler-Benz inspiriert, gründete er spontan die &#8220;Käthe B. Production&#8221;: &#8220;Irgendwie bin ich in so &#8216;n Mediensog reingekommen. Da hab&#8217; ich echt gemerkt, daß ich dadurch &#8216;n bißchen arrogant geworden bin. Aber nur ganz kurz &#8211; paar Minuten, schätz&#8217; ich.&#8221; Später präzisierte er: &#8220;In zwei Wochen sechzig Interviews, und du bist anders als alle anderen.&#8221;</p>
<p>Seit 1986 gibt es den Käthe B. Fan-Club (KBFC), aus dem man nicht austreten kann (&#8220;In Käthe We Trust&#8221;). Dafür werden alle paar Jahre die Ausweise neu ausgegeben. Highlights des Clublebens waren bisher die öffentlichkeitswirksam feininszenierten Auftritte von Käthe B. in verschiedenen europäischen und New Yorker Großfußgängerzonen, wo er jedesmal seinen Kahlkopf in eine frischzementierte Gehwegplatte drückte.  Zu den berühmtesten KBFC-Mitgliedern zählen Paul Simon und Madonna, die sich mit Käthe B. auch photographieren ließen: &#8220;Eigentlich wollte die Photographin in New York nur Madonna knipsen. Aber ich habe inzwischen schon so ein Gehör, daß ich in dem Moment, wo die Photographen auslösen, und ich bin ganz woanders, da höre ich das, und dann &#8211; sssst &#8211; bin ich ganz schnell im Bild, zeichentrickmäßig. Das sieht man ja auf dem Bild: Ich stand eigentlich nur im Weg.&#8221;</p>
<p>Mittlerweile ist es eher umgekehrt &#8211; seine Fans langweilen ihn: &#8220;Die Ironie geht verloren, wenn da Leute ernsthaft eintreten. Ich überlege mir schon, ob ich den ganzen Club inklusive aller Mitglieder nicht an einen abgehalfterten Schlagersänger oder Discjockey verkaufen soll.&#8221; In einer seiner Ausstellungen bot er bereits ein &#8220;Personality-Set&#8221; (für 49,95 Mark) an, bestehend aus einer Filmglatze, Visitenkarten, Ausweis et cetera: &#8220;Die perfekte Ausstattung für Doppelgänger.&#8221; Hinzu kommen müßten noch seine schwerfällig-schleswigsche Art sowie der merkwürdige Widerspruch zwischen seinem jugendlichen Gesichtsausdruck und seinem eher massigen, gedrungenen Körper, der sich noch in seinen Gedanken wiederfindet, bei denen man nie weiß, ob und wie ernst er sie meint.  Obwohl er gerne &#8220;rumlungert&#8221;, bemühte Käthe B. sich unlängst erstmalig selbst um eine Rolle: Er rief beim Regisseur Detlev Buck an und bat darum, in dessen neuestem Berlin-Film mitspielen zu dürfen. &#8220;Du bist bereits vorgesehen&#8221;, wurde ihm geantwortet.</p>
<p>Kürzlich hat sich Käthe B., weil nebenan gerade seine Wohnung renoviert wird, in einem Laden am neuen Kreativcenter Haakesche Höfe in Berlin-Mitte einquartiert, wo er alle vier Räume mit Videokameras bestückte. Deren Bilder werden auf einen Monitor übertragen, der im Schaufenster steht: &#8220;Käthe B. at Home&#8221;. Das &#8220;Überwachtes-Wohnen-Experiment&#8221; soll bis Oktober dauern. Tag und Nacht klumpen sich nun die Zuschauer draußen vor dem Monitor, und die Journalisten platzten gleich im Dutzend bei ihm rein.  Hernach war wieder von &#8220;Exhibitionismus&#8221; (SZ), &#8220;Voyeurismus&#8221; (Zitty) und von einem &#8220;Meister der Selbstdarstellung&#8221; (Morgenpost) die Rede. Der Mann von dpa notierte sich penibel die &#8220;Titel der Platten&#8221;, die Käthe B. auflegte, und die Frau aus der taz merkte sich all seine &#8220;Statements&#8221; dazu. Käthe B. freut sich nicht nur über diese geballte &#8220;Medienpräsenz&#8221;, sondern insbesondere darüber, &#8220;wie gut die das untereinander, als Fernsehsender und Printmedien, abgestimmt haben: Wenn man einen Beitrag gerade vergessen hatte &#8211; boff, kam der nächste&#8221;. Mir verriet er: &#8220;Bevor du kamst, war gerade der Spiegel da, und für übermorgen hat sich die Woche angesagt.&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/likoer.jpg" rel="lightbox[6380]"><img class="alignnone size-full wp-image-6395" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/likoer.jpg" alt="" width="301" height="320" /></a></p>
<p><em>Jetzt &#8211; nach Käthe B.s Tod &#8211; finde ich im  taz-blog von Joachim Lottmann, der sich &#8220;Anti-Goetz&#8221; nennen läßt &#8211; am 5.10.2011 in einer Eintragung, die mit  &#8220;Erregung in der Mariahilfstraße&#8221; betitelt ist, eine &#8220;Message&#8221;, die nahelegt, dass Lottmann die Medienpräsenzpflicht noch einen Zacken weiter verschärft hat &#8211; und insofern ein würdiger Nachfolger von Käthe B. ist:</em></p>
<p>&#8220;Ja, man spürt sie durchaus, die zunehmende Aufgeregtheit der Menschen, die heute nachmittag die Mariahilferstraße bevölkern (Foto). Von der Mariahilferstraße geht die Schottenfeldgasse ab, und gleich an der Ecke, nämlich in der Nr. 3, wird heute das LOTTMANN&#8217;s mit einer Doppel-Buchpräsentation eröffnet, mit den neuen Romanen UNTER ÄRZTEN von Kiepenheuer &amp; Witsch und HUNDERT TAGE ALKOHOL vom Czernin Verlag. Star des Abends wird sicherlich Christa Zöchling werden, mit mir verlobt seit dem 14. September und nun erstmals öffentlich zu sehen (hallo Fans, Handycamera bereithalten!); aber auch Thomas Draschan, der den Verleger Helge Malchow spielt, und Philipp Hochmair, der HUNDERT TAGE ALKOHOL liest, werden viel bewegen. Wie natürlich auch Czernin-Verleger Dr. Benedikt Maria Föger (Redner), Kiepenheuer &amp; Witsch Cheflektor Marco Verhuelsdonk (Laudator, Moderator, Lebensmensch, dunkelhaariger Belgier und Frauenschwarm) und zahllose liebe und wichtige Freunde, vor allem jene, die mich nach Wien holten und vor Berlin Mitte retteten&#8230;.&#8221;</p>
<p><em>P.S.: In dem Roman &#8220;Hundert Tage Alkohol&#8221; geht es Lottmann, so weit ich das verstanden habe, darum, dass Sex ohne Liebe keinen Zweck hat. </em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/eis-zeigen.jpg" rel="lightbox[6380]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6385" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/eis-zeigen-424x629.jpg" alt="" width="323" height="479" /></a></p>
<p><em>Der Schriftsteller Rainald Goetz bearbeitet ebenfalls die Prominenz, Publicity, public affairs, Events, Medienpräsenz etc. &#8211; aber anders als Lottmann: sezierend, sich distanzierend, er bleibt jedoch dran&#8230; Im Wikipedia-Eintrag über Goetz heißt es:  </em></p>
<p>&#8220;Zu den Themen, die er literarisch verarbeitet hat, zählen der Deutsche Herbst (Kontrolliert), seine eigenen Erfahrungen bei der Arbeit in der Psychiatrie (Irre) und die Techno-Bewegung in Deutschland (unter anderem veröffentlichte er einen Text über Sven Väth, den Roman Rave und zusammen mit Westbam das Buch Mix, Cuts &amp; Scratches).</p>
<p>Durch nahezu alle Schriften zieht sich eine typische Tendenz: Die Wahrnehmung des Erzählers ist meist die eines Solitärs und Einzelgängers, dessen Alltag von geistiger Arbeit geprägt ist und dessen Eintreten in die jeweiligen Musikszenen (Punk in Irre, Techno in Rave) als wichtige Ergänzung zur sonstigen Lebensorganisation wahrgenommen wird.&#8221;</p>
<p><em>Ähnliches könnte man auch über den taz-blogger Detlef Kuhlbrodt sagen, der mit seinem letzten Suhrkampbuch &#8220;Morgens leicht, später laut&#8221; in den Worten des  taz-Literaturredakteurs einen &#8220;kleinen Hype&#8221; landete. Umgekehrt schrieb Detlef Kuhlbrodt über Rainald Goetz, als dieser eine Party in der Oranienstraße gab, um das Ende seines blogs zu feiern:</em></p>
<p>&#8230;Alles war supervoll und schwül in dem Raum, so dass man gleich anfing zu schwitzen. Alles sei völlig chaotisch und großartig gewesen, berichtete C.  Rainald Goetz hätte nach einleitenden Sätzen, in denen er das Internet gefeiert habe, Positionen klargemacht. Er hätte sich gegen Benjamin von Stuckrad-Barre, den ehemaligen taz-Autor und jetzigen <em>BZ</em>-Schreiber, gewandt, der neulich in <em>Cicero</em> über die taz hergezogen war und den Goetz früher sehr mochte.</p>
<p>Dann sei es um einen Satz von Frank Schirrmacher gegangen, in dem der Dichter all das versammelt gefunden hatte, wogegen sich sein ganzes Schreiben und Sein richte. Eine furchtbare Feistheit des Denkens.</p>
<p>Die Musik war sehr schön und aus unterschiedlichen Zeiten. Die Stimmung war superangenehm. Die einen kamen wohl vom Schreiben, die anderen vom Lesen. Julia Schulz und Georg Nolte legten die Musik auf und warfen manchmal ihre Arme in die Luft. Wir tanzten zu David Bowies &#8220;Let&#8217;s Dance&#8221;, und Rainald Goetz sagte, er hätte Bowie erst durch diese, von Puristen gehassten Platte, toll gefunden, und ich erzählte, wie ich damals auf drei Konzerten der &#8220;Let&#8217;s Dance&#8221;-Tournee gewesen war.</p>
<p>Wir dachten zurück an Klage. Klage war ja immer auch der Einspruch gewesen; die Klage der Wirklichkeit gegen die Literatur, also Maxim Biller, dessen Fall eines der großen Themen des Blogs gewesen war, die Klage, die Rainald Goetz gegen seine Telefongesellschaft geführt hatte; die Klage der Trauer über die Welt und den Tod. Als Klage begonnen hatte, hatte es zunächst richtige Anfeindungen gegeben, weil der Blog auf den Seiten von <em>Vanity Fair</em> erschien und alle die Zeitschrift doof fanden. Später hatte Rainald Goetz sich warmgeschrieben und alle waren plötzlich zu Klage-Fans geworden. Es hatte die großen Wutausbrüche &#8211; gegen die Familienministerin &#8211; gegeben, viel Fragmentarisches, Gedichte immer wieder, kleine und große Rezensionen von Büchern und Ausstellungen, immer wieder war es um das Schreiben, um Text und Wirklichkeit gegangen.</p>
<p><em>Über Rainald Goetz&#8217; Buch &#8220;loslabern&#8221; schrieb die FR-Rezensentin Ina Hartwig laut &#8220;perlentaucher.de&#8221;:</em></p>
<p>Einen ambivalenten Eindruck hat Rainald Goetz&#8217; neues Buch &#8220;loslabern&#8221; bei Rezensentin Ina Hartwig hinterlassen. Die Lektüre hat ihr meistens, wenn auch nicht immer, Spaß gemacht. Sie empfindet Goetz als einen &#8220;Medienmönch&#8221; und überlegt, ob der mönchische Aspekt die &#8220;merkwürdige Sexuallosigkeit&#8221; seines Beobachterposten hinreichend erklärt. Den Spott, den Goetz für Frauen Ende 30 übrig hat, die sich wie 24-Jährige aufführen, schluckt sie hinunter. Besser gefallen ihr die Berichte über drei große Partys der Kulturschickeria aus dem Jahr 2008, unter anderem den Herbstempfang der FAZ in Berlin, in denen Goetz wunderbar sich &#8220;mächtige Männer&#8221; vornimmt. Ein wenig unbehaglich fühlt sich Hartwig allerdings, wenn sich der Autor an Heidi Paris erinnert, die 2002 Selbstmord begangen hat. Zwar ist sie berührt von Goetz&#8217; &#8220;Herzensbekenntnis&#8221; für Paris, die den Autor in ihre Suizid-Pläne eingeweiht hat. Aber für sie stellt sich doch auch die Frage, &#8220;ob diese katholische Glut sich gut macht im Textmeer all der Hass(liebes)tiraden&#8221;.</p>
<p><em>Nach diesem Buch veröffentlichte Rainald Goetz ein weiteres Buch: &#8220;elfter September 2010&#8243;, in &#8220;Die Zeit&#8221; erklärte er selbst dazu:</em></p>
<p>&#8220;Der springende Punkt bei der Konzeption des Buches war: totale Konzentration auf die Bilder, schwarz-weiß, ein Layout, das durch seine Ruhe starke Effekte ermöglicht, darunter knappe, öffnende Bildunterschriften. Das führte jetzt zu diesem Buch: Man nimmt es in die Hand, blättert ein bisschen darin und hat es sofort intuitiv erfasst, hat es drin. Andererseits kann man auch richtig einsteigen und sich sehr darin vertiefen. Eine weiterer Punkt war: Suhrkamp, mein Verlag, ist in diesem Frühjahr von Frankfurt nach Berlin gezogen, da wollte ich darauf reagieren.  ZEITmagazin: Wie fanden Sie den Umzug?  Rainald Goetz: Erst war ich entsetzt, ich lebe ja in Berlin. Ich hatte das Gefühl, die Eltern ziehen in die Stadt, in der man wohnt. Als ich das der Verlegerin mal gesagt habe, war sie gleich ganz beleidigt.  ZEITmagazin: Sie ist nur wenige Jahre älter als Sie.  Rainald Goetz: (lacht) Genau. Aber dann sagten meine Lektoren, sie freuten sich auf den Umzug, und von dem Moment an habe ich mich auch gefreut. Dann gab es diese Einweihungsfeier in Berlin, an diesem strahlenden Wintersonnentag, im neuen Verlagshaus in der Pappelallee, wo ich so glücklich war und dachte: Hier kann jetzt wirklich etwas losgehen. Das spiegelt das Buch auch ab, dieses Gefühl.&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/startling_stories.jpg" rel="lightbox[6380]"><img class="alignnone size-full wp-image-6386" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/startling_stories.jpg" alt="" width="316" height="434" /></a></p>
<p><em>Kuttner?</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Der taz-blogger Joachim Lottmann begegnete Rainald Goetz auf seinen nächtlichen Celebrity-Suchstreifzügen durch Berlin und schrieb dann  über ihn &#8211; in einem Eintrag vom 22.6. 2008 &#8211; unter der Überschrift &#8220;Das Ende von Rainald Goetz&#8221;:</em></p>
<p>&#8220;Abschiedsparty ist noch immer nicht in Sicht. Sie begann ja auch erst um 22 Uhr, zu einer Zeit also, als Holland gerade den Ausgleichstreffer gegen Rußland erzielte. Ich sah das Spiel mit hochrangigen Funktionären der Z.I.A. in einem Kreuzberger Lokal, in Sichtweite zur Goetz-Party. Um 23 Uhr marschierten wir geschlossen rüber und waren die ersten Gäste. Der Hausherr und Blog-Beender begrüßte uns mit Handschlag. Er freute sich über diese ersten Gäste riesig, wie immer bei ersten Gästen, denn vorher denkt man als Gastgeber ja schnell, es käme NIEMAND. Und dann doch diese Gesichter. Ich dankte Goetz förmlich für die Einladung (die es gar nicht gegeben hatte), und stellte ihm meine Begleiter vor, nachdem ich vorher höflich gefragt hatte, ob sie ihm bereits bekannt seien. Goetz meinte, das Gesicht des einen zu kennen &#8211; es war Philipp Rühmann &#8211; den anderen Herrn aber leider noch gar nicht. Ich sagte: &#8220;Die beiden sind hochrangige Funktionäre der Z.I.A.! Rainalds Gesicht riß auf. Ja, davon hatte er gehört!</p>
<p>Er wandte sich erst Philipp zu, dann aber viel intensiver Dr. Cornelius Reiber, als dieser nämlich ihm erzählte, in Princeton zu lehren. Die beiden fanden schnell zueinander, und ich wollte mich schon separieren, als der große Schriftsteller sich noch einmal an mich wandte: &#8220;Es ehrt mich, daß Du heute gekommen bist, Lojo. Ich erwiderte ohne zu zögern, es sei außerordentlich schade, daß der Blog &#8216;Klage&#8217; zusammengebrochen sei. Es würde nun etwas fehlen, daß für manche existentiell wichtig und unersetzbar gewesen sei. Goetz antwortete leise, es sei jetzt umso dringlicher, daß ich nicht auch aufgebe. Ich straffte mich. Eigentlich hatte ich genau das vorgehabt. Aber er hatte recht, mein Blog durfte nun nicht verstummen. Irgendwann, aber nicht jetzt. Ich drückte ihm noch einmal ergriffen die Hand, als Zeichen des Einverständnisses. Ich sah, daß nun andere Gäste kamen, und ging mit Rühmann und Dr. Reiber in den Küchentrakt.</p>
<p>Kaum waren wir aber dort, drängten etwa zwanzigtausend Gäste nach, von der Treppe her, die alle vom Länderspiel kamen, das nun zuende war, nach der dritten Verlängerung. Jetzt ärgerte sich Rainald Goetz vielleicht, daß er uns so leichtfertig die Hand gegeben hatte. Viel wichtigere und bedeutendere Personen kamen, etwa Ulf Poschardt und Rainer Schmidt. Schon nach wenigen Minuten ging der Sauerstoff in den niedrigen Räumen zur Neige. Doch Rainald mußte die angekündigte &#8216;Textaktion&#8217; abhalten. Er machte das aber sehr charmant, muß man sagen, wirklich EXTREM charmant. Er sprang auf einen wackeligen Tisch und hielt spontan die eine und andere kleine Rede, unterbrochen von Schweigen, Wortesuchen, Ratlosigkeit. Hier sah man doch deutlich die Tradition Karl Valentins, in der Goetz steht, ohne daß es ihm oder den vielen Germanisten je aufgefallen ist. Aber es war wie gesagt wahnsinnig heiß, und der Vortragende mußte noch mehr schwitzen als die nach Luft ringenden Zuhörer. Inzwischen war das gesamte Treppenhaus mit Leuten verstopft. Niemand kam mehr heraus. Goetz sah, daß ich über eine Feuerleiter floh (in Kreuzberger Industriegebäuden des 19. Jahrhunderts gibt es das), und machte es mir später nach. Da es seine Party war, mußte er später wieder rein und weitermachen, während ich nach Hause ging. Gewiß ist es die Party des Jahres.<br />
(Partyphoto &#8211; u.a. von Holm Friebe, Intelligenzagentur)</p>
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<p><em>Am 23.6.2008 kam Lottmann noch einmal auf Rainald Goetz zu sprechen:  </em></p>
<p>&#8220;Nils Minkmar schrieb dann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sehr prominent über diese &#8216;Klage&#8217; Abschiedsparty, wie ich ja auch, und so ergibt sich für mich die Notwendigkeit eines Nachtrags, eines ganz kleinen. Minkmar sieht nicht, daß es Goetz um das Denken geht und nicht ums Erzählen. Vielleicht muß ich das mit einem Détail aus der Partynacht, das ich sorgsam verschwieg, untermauern. Als ich nämlich über die Feuerleiter die brüllend heiße Party vorzeitig verließ und Goetz mir in gebührendem Abstand heimlich gefolgt war, traf ich ihn unten auf der Straße etwa 500 Meter weiter. Soweit war er gegangen, um einen Platz zu finden, an dem er sich abkühlen konnte, ohne von einem der Partygäste aufgestöbert zu werden. Er wollte sich natürlich auch sozial abkühlen. Die nahezu völlig distanzlosen Begegnungen mit den vielen viel zu bekannten Mitmenschen hatten ihn noch mehr zermürbt als die Sauerstofflosigkeit in dem zellenartigen, fensterlosen Partyraum. Er hatte nun eine Bank in einem Rasenstück entdeckt, dreißig Meter abseits der Straße gelegen, der Oranienstraße übrigens. Diese Oranienstraße und überhaupt ganz Kreuzberg war in einen mir bis dahin ganz und gar unbekannten Rausch des Sommers, der nächtlichen Hitze, des Massenhaften, des Vergnügens geraten. Ich hatte so eine Stimmung erst einmal zuvor in meinem Leben gesehen, nämlich am Quatorze Juillet in Paris.</p>
<p>Damals, ich war noch ein halbes Kind, entsetzten mich Feuerschlucker, Betrunkene, Straßenmusikanten, und eben viel zu viele unsinnig lachende Menschen, bestimmt mehrere Millionen. Sie feierten wie jedes Jahr an diesem Tag den Sieg über die Deutschen, und auch das irritierte mich. Diesmal nun ging es um den Sieg der türkischen Nationalmannschaft, glaube ich, und wieder waren bengalische Feuer, lachende Jugendliche, ja die Jugend der ganzen Welt am Werk, und wieder waren es Millionen. Das war die Lage, als Rainald Goetz eine kleine Pause machte, sich auf die Bank fallen lassen wollte, neben der türkischen Imbißbude. Er wollte ja nicht viel, er forderte nichts, er wollte nur eine Minute lang oder zehn die Augen schließen, allein unter Wildfremden, unbehelligt, sprachlos, und auf keine Anregung reagieren, auf kein unschuldiges Hallo, von keinem Türken und auch von sonst keinem. Er wollte einfach nur, daß der verdammte Schweiß ein wenig abtrocknete, oder wenigstens abkühlte, der seinen ganzen Körper und all seine Kleidungsstücke erfaßt hatte. Es war ihm völlig gleich, wer neben ihm auf der Bank saß, ob Türke, Albaner, Brite oder Würzburger. In dem Moment erkannte er MICH. Das war lustig zu sehen, also in Makrozeitlupe war es lustig: er erkannte mich nämlich in verschiedenen Stufen. In der ersten Zehntelsekunde meldete ihm sein Gehirn &#8216;netter Bekannter&#8217;, vielleicht sogar &#8216;Freund&#8217;, oder so eine Art Falschmeldung wie &#8216;der Albert&#8217;. Sein Körper machte eine freudige Bewegung auf mich zu, der rechte Arm, der schlaff nach unten gehangen hatte, schwang affenartig nach oben, der andere machte eine Gegenbewegung im umgekehrten Kreissinne, wie Podolkski bei seinem zweiten Tor.</p>
<p>In der nächsten Zehntelsekunde meldete sein Rainald-Goetz-Gehirn &#8216;Joachim Lottmann&#8217;. Er schlug entsetzt die Hände vors Gesicht. Er rief &#8220;Nein, nein! und drehte sich in die andere Richtung, ziemlich unkoordiniert, und wollte sich von mir, der Bank, der Imbißbude wegbewegen. Er schaffte ein, zwei Schritte, rief dabei &#8220;BITTE jetzt nicht!, und ich sprang ängstlich auf, um ihm zu Hilfe zu kommen. Er taumelte ja fast. Ich klopfte ihm auf die durchnäßte Schulter und sagte ganz automatisch Beruhigendes: &#8220;Dir gehts wie mir, ich wollte auch ein bißchen Abkühlen! Er wimmerte &#8220;nein, nein, und nun erinnerte ich mich, daß er ja Rainald Goetz war, also so problematisch, und daß er, wie Nils Minkmar geschrieben hatte (ich hatte das vorab gelesen und ein bißchen geschönt), eben dieses Problem mit der Distanz hatte. Also so hat das im Manuskript gestanden, ich hatte das auch nicht mehr wegredigieren können, deswegen nehme ich ja jetzt die Gelegenheit wahr, das zu diversifizieren. Also: Ich trug Rainald zurück zur Bank, setzte ihn darauf, schwor ihm, ihn nie wieder anzusprechen, und lief dann nicht zur Party zurück, sondern zur S-Bahn (wie gestern berichtet). Es ist nämlich so, also die Moral von der Geschichte ist: Rainald denkt. Er schreibt seine Gedanken. Immer inspiriert, immer poetisch &#8211; aber es sind Gedanken. Es ist die Literatur der Gedanken, nicht die der Situationen (die Minkmar bei Goetz nicht findet).</p>
<p>Ich dagegen erzähle. Ich denke nicht. Ich schreibe erzählend. Das hat Vorteile und Nachteile in jedem Fall. Ich will nichts gegen mich selbst sagen (will mir ja nicht schaden), deshalb erwähne ich nur den Vorteil meiner Art. Meine Sätze altern nicht, denn sie haben ja keine Zeitkomponente. Gedanken sind immer zeitabhängig, deshalb altern Rainalds Sätze. Mir ist kein einziger Satz seit meinem fünften Lebensjahr peinlich. Jeder klingt, als hätte ich ihn heute morgen geschrieben. Dafür ist auch keiner klug. Beide Methoden, seine und meine, reichen nicht aus. Es muß, also darin hat Minkmar nun recht, ein Thema dazukommen. Ein Thema ist ein Gottesgeschenk. Ich habe gerade eines gefunden, daher weiß ich das. In meinem Leben waren Themen leider extrem selten, die Ausbeute ist nahe Null, aber es ist möglich. Rainald hatte mit &#8216;Rave&#8217;, &#8216;Irre&#8217; und jetzt &#8216;Klage&#8217; auch schon diese Erfahrung, also diese plötzliche, unerwartete, beglückende Erfahrung, daß es ein Thema für ihn GIBT. Möge er sie noch oft haben. &#8216;Klage&#8217;, wie gesagt, halte ich für ein solches echtes Thema, ohne das jetzt ausführlich/multimedial/philosophisch ausführen zu wollen, also hier (könnte schon), und widerspreche nur dem Kollegen Minkmar, sozusagen in aller Form&#8221;.&#8221;</p>
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<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images5.jpeg" rel="lightbox[6380]"><img class="alignnone size-full wp-image-6387" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images5.jpeg" alt="" width="298" height="218" /></a></p>
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<p><em>Den von taz-blogger Lottmann mit Fotos promoteten Holm Friebe von der Intelligenzagentur kennen auch die taz-blogger Schröder/Kalender oder jedenfalls besuchten sie dessen Event.  &#8220;9to5 &#8211; Wir nennen es Arbeit&#8221; hieß die dreitägige Veranstaltung:</em></p>
<p>&#8220;Um Mitternacht tranken wir Rotwein auf der Spree-Terrasse, Juergen Broemmer, Klaus Bittermann, Sonja Vogel und Jörg Sundermeier gesellten sich zu uns. Und Gerd Conradt lud uns zur Premiere seines Films &#8216;Die Spree &#8211; Sinfonie eines Flusses&#8217; am 28. August ein, die auch im Radialsystem stattfindet. Helmut Höge stand wie immer in der Nähe der Theke, so hatte er den Überblick und konnte jeden abfangen.</p>
<p>Dann erschienen Reimo Herfort, Franz Schütte, Henning Watkinson und der Tonmischer Tilo Schierztrusius vom Jeans Team. Sie setzten sich an unseren Tisch. Wir kennen Reimo und Franz seit Oktober 2003 als die Künstlerin Simone Gilges, Reimos Frau, uns zur Lesung in der Galerie &#8216;Neue Dokumente&#8217; einlud. Ich (BK) beglückte Milena, die Freundin von Frank, mit garantiert schadstofffreiem Gel gegen die Spree-Mücken. Und Frank erzählte mir (BK) dann von den Dreharbeiten zum Video &#8216;Das Zelt&#8217;. Sie drehten auf einer Dorfstraße, da kam ein alter Mann vorbei und fragte: »Na Kinder, Langeweile?« Und der Regisseur antwortete: »Nein, wir nicht, aber du vielleicht?«&#8221;   Nun gut, ich laß es genug sein&#8230;es sind eigentlich nur Materialien für eine Medienkultur-Kritik. Käthe B. war übrigens alles andere als erfreut über diesen Zeit-Artikel, er war richtiggehend entsetzt. Und bis heute weiß ich nicht, warum.</p>
<p><em>Kürzlich, am 1.12., blogten Schröder/Kalender in eigener Sache:</em></p>
<p>&#8220;Es adventet sehr &#8211; bei strahlendem Sonnenschein. &#8216;Schröder erzählt&#8217;-Subskribenten aus Franken schickten uns eine Kiste mit Lebkuchen, Freunde aus Köln einen Stollen nach schwäbischem Rezept der Großmutter und gerade ging eine ZEIT-Rezension über &#8216;Immer radikal, niemals konsequent&#8217; von Frank Schäfer ein. Alles in allem ein guter Text mit ein paar Einschlüssen. Denn an die hip-urbane Post-Pop-Intelligenzia, wie sie Kiepenheuer und Witsch repräsentiert, haben wir nie Anschluss gesucht. Jedoch, wir wollen nicht meckern! Morgen wird das Buch nun auch in fluter &#8211; der Bundesprüfstelle für jugendtaugliche Schriften &#8211; besprochen. Also: Gaudeamus igitur &#8211; pereat tristitia.&#8221;</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/no-children.png" rel="lightbox[6380]"><img class="alignnone size-full wp-image-6388" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/no-children.png" alt="" width="227" height="407" /></a></p>
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<p><em>Einige Männermacken &#8211; zugegeben:</em></p>
<p><em> 1. Kniewippen  </em></p>
<p>Wer kennt sie nicht, die jungen Männer, die in der U-Bahn, im Kino, in der Kneipe, kurz: überall, wo sie sitzen, mit dem Knie wippen. Zwar macht jeder Mann in seiner Jugend eine Kniewipp-Phase durch, aber nur jeder dritte bleibt dabei. Von diesen wippen 64% mit dem rechten und 36% mit dem linken Knie. Bei den Männern mit chronisch gewordenem Kniewippen kommt ein großer Teil aus der Unterschicht bzw. ist sozial abgestiegen, überall tätowiert und/oder hat sich dem Bodybuilding verschrieben.  Immerhin ist das Kniewippen heilbar &#8211; und als solches eine &#8220;Krankheit&#8221;, die natürlich ein riesiger Markt für die Pharmaindustrie ist. Deswegen gibt es in den USA gleich drei Konzerne, die in den letzten Jahren Mittel gegen das Kniewippen entwickelt haben. Deren Marktdurchdringung wird nicht zuletzt über eine wachsende Zahl von Selbsthilfegruppen forciert. 2010 gründeten diese &#8220;knee-nodder&#8221;, wie sie sich nennen, sogar einen nationalen Verband: Es geht darum, das Kniewippen offiziell als Leiden anerkannt zu bekommen. Rückendeckung liefert dem Verband dabei die Pharmaindustrie. Aber auch mehr und mehr Ärzte behandeln das früher von ihnen als &#8220;entwicklungsbedingte Macke&#8221; abgetane &#8220;knee-nodding&#8221; inzwischen mit mehr Respekt. So kam es kürzlich auf einem Ärztekongreß in Florida bereits zu einem ernsthaften wissenschaftlichen Disput über die tieferen Ursachen des Kniewippens: Während die einen psychologisch argumentierten &#8211; und von einem nervösen Zucken aufgrund sich stauender Sexualhormone sprachen, gingen andere von einem Gendefekt und wieder andere von einem Epigeneffekt aus.</p>
<p>Von den letzteren waren mehrere zuvor an der Herstellung eines Anti-Kniewipp-Medikaments namens &#8220;Kneeease&#8221; beteiligt gewesen. Einig waren sich die Kontrahenten darin, dass dieses zunehmende &#8220;Fear of Falling&#8221;-Leiden, wie die US-Soziologin Barbara Ehrenreich es nennt, dank der aufklärerischen Tätigkeit der Selfhelp-Groups kein &#8220;tic&#8221; mehr ist, den man schamhaft unter dem Tisch versteckt oder schmerzhaft unterdrückt. Auf Youtube gibt es einen 45minütigen Film &#8211; unter dem Stammtisch einer 10köpfigen Männerrunde aufgenommen, der zeigt, das und wie alle ununterbrochen mit den Knien wippen. Er heißt &#8220;The suburb knee-nodder&#8221; &#8211; Die Kniewipper aus der Vorstadt.  Hierzulande gründete sich die erste Selbsthilfsgruppe im Ruhrgebiet. In dieser von schweren sozialen Umbrüchen gekennzeichneten Region gibt es die meisten Kniewipper. Einige der alteingesessenen Ärzte dort behaupten, dass dies eine Spätfolge der sogenannten &#8220;Staublunge&#8221; im Kohlenpott sei. Während lokale Sozialkulturforscher &#8211; unabhängig von dieser möglichen Ursache &#8211; davon ausgehen, dass das Kniewippen schon sehr lange im Ruhrgebiet verbreitet ist, nur sei es bis zum Niedergang der Montanindustrie niemandem aufgefallen, weil die jungen Männer ihr Bier meist im Stehen &#8211; an den &#8220;Trinkhallen&#8221; &#8211; zu sich nahmen. Seitdem es diese Kioske, die oft vor den Fabrik- und Zechentoren standen, nicht mehr gibt, müssen sie in regulären Kneipen sitzen, wo das Kniewippen natürlich auffällt.</p>
<p>Eine anderer deutscher Kniewippschwerpunkt ist Bremerhaven. Dort löste sich die Selbsthilfsgruppe jedoch gerade wieder auf. Ihr ehemaliger Leiter, Hans Schmollnick, führt das auf die &#8220;Unverträglichkeit der Charaktere&#8221; zurück, die dort allwöchentlich in der Kneipe &#8220;Blauer Peter&#8221; zusammen kamen: &#8220;Kniewippen allein genügt nicht!&#8221; So sein Fazit. Obgleich er zugibt, dass ein fähiger &#8220;Therapeut&#8221; vielleicht einiges hätte retten können. In Deutschland fehlt es zur Zeit noch daran. Etwas schneller waren da die Sozialarbeiter, die sich schon vor zwei Jahren dafür einsetzten, dass man die Kniewipper nicht einfach ihrem Schicksal überläßt, sondern ihnen eine &#8220;qualifizierte Betreuung&#8221; angedeihen läßt. Der Berliner Freie Träger &#8220;Pegasus&#8221; hat dazu im Frühjahr 2011 bereits ein &#8220;Pilotprojekt&#8221; gestartet. Der Geschäftsführer der Spandauer Einrichtung, Martin Rausche, sieht das Problem der Kniewipper, von denen seine Sozialarbeiter inzwischen 21 Fälle betreuen (&#8220;Nur die Spitze des Eisbergs&#8221;), quasi existentialistisch: &#8220;Es geht dabei ums Weggehenwollen, während man irgendwo sitzt. Es ist eine simulierte Flucht, ein bedingter Abhau-Reflex, der in dem Moment chronisch wird, da das nicht gelingt &#8211; und man festsitzt. Seit der Globalisierung schafft so etwas ein &#8216;unglückliches Bewußtsein&#8217; &#8211; das allerdings nicht länger therapieresistent ist, also der Bearbeitung zugänglich.&#8221;</p>
<p><em>2. Schlüsselbundklimpern</em></p>
<p>&#8230;Auch eine echte Männermacke, die immer mehr um sich greift &#8211; dachte man, als diese Klimperer dann auch noch anfingen, ihr Schlüsselbund mit überdimensionierter Karabinerhaken am Gürtel zu tragen, oft auch noch zusammen mit einem Flaschenöffner. Man mochte gar nicht hinkucken, es sah zu Scheiße aus, aber weghören kann man ja nicht.  Dabei hatte man in den Siebzigerjahren noch gedacht, dass mindestens in Berlin mit dem ersten Nachkriegs-Modernisierungsschub &#8211; bestehend aus Türsummer und Gegensprechanlagen, die den berühmten zigarrengroßen &#8220;Berliner Schlüssel&#8221; für die Haustür quasi aus der bewohnbaren Welt schaffte, eine Ära der sukzessiven Verkleinerung aller elenden Schlüsselbunde begonnen habe. Erst recht, als dann auch noch die zigarillogroßen Wohnungstürschlüssel durch die sehr viel kleineren Schlüssel sogenannter &#8220;Sicherheitsschlössern&#8221; ersetzt wurden. Mit den Hausbesetzungen unter ökologischem Vorzeigen kamen dafür jedoch neue Schlüssel &#8211; fürs Fahrradschloß und den Fahrradkeller &#8211; hinzu, d.h. ans Schlüsselbund. Wieviele Hosentaschen haben die Männer sich damit zerrissen?!</p>
<p>Der Pariser Wissenssoziologe Bruno Latour, dessen &#8220;Akteur-Netzwerk-Theorie&#8221; (ANT) gerade en vague ist, setzte in den Neunzigerjahren dem in den ganzen &#8220;Aufbau Ost&#8221;-Wirren fast vergessenen &#8220;Berliner Schlüssel&#8221; mit einem gleichnamigen Buch ein Denkmal. Für Latour begann mit diesem unsäglichen Doppelbart-Relikt, der es ab 20 Uhr, wenn der Hauswart abschloß, trickreich verhindert hatte, dass ein Mieter die Haustür offen ließ, ein Prozeß der Zivilisation, in dem die Moral durch die Technik ersetzt wird. Weswegen Latour dringend dazu riet, der modernen Dichotomie von Subjekt und Objekt zu entsagen, sie mindestens neu zu bestimmen. Aber bis dahin den Artefakten schon mal Sitz und Stimme an unseren Runden Tischen einzuräumen. Das man, um den Berliner Schlüssel am Schlüsselbund zu befestigen, noch eine Extrakonstruktion benötigte, hatte Latour sogar noch vergessen zu erwähnen. Die Schlüsselrolle, die beim Übergang von der Moral zur Technik der &#8220;Berliner Schlüssel&#8221; spielte, arbeitete er dafür dann noch einmal am Beispiel der Hotelzimmerschlüssel heraus, die mit immer unhandlicheren Gegenständen beschwert wurden, damit der Gast sie nicht an seinem Schlüsselbund mit nach Hause nahm.</p>
<p>Diese und weitere Schlüssel werden jedoch nun zunehmend durch Magnetkarten ersetzt, die den &#8220;Creditcards&#8221; nicht nur ähneln, aber man kann damit nicht mehr klimpern, jedenfalls nicht akustisch.  Etwa zur selben Zeit, als die o.e. Schlüsseltexte entstanden, kam die Mode der bunten Schlüsselbänder auf, die man sich um den Hals hängte. Da es sich dabei durchweg um Werbemaßnahmen handelte, die kostenlos unters Volk verteilt wurden &#8211; von der Deutschen Bank bis zum &#8220;Späti&#8221; am Neuköllner Reuterplatz, besaß bald jeder eine ganze Kollektion zu Hause.  Dort, in Neukölln, war es einmal zu einem interessanten Schlüsselbund-Ersatz gekommen: In der Trabantensiedlung &#8220;Gropiusstadt&#8221;. Dort hatten die Architekten die Klingeln an den Hochhäusern zu hoch angebracht, so dass die kleinen Kinder nicht an die oberen Klingelknöpfe rankamen. Die Mütter in den höheren Stockwerken gaben ihnen deswegen Kochlöffel mit auf den Weg. Damit konnten sie dann klingeln, wenn sie wieder reinwollten. Die schon größeren Kinder machten sich jedoch einen Spaß daraus, ihnen die Kochlöffel abzunehmen. Einer befindet sich heute im Neuköllner Heimatmuseum, es ist der von &#8220;Christiane F.&#8221;, die einst in der &#8220;Gropiusstadt&#8221; aufwuchs, wo man ihresgleichen nicht Schlüssel-, sondern Kochlöffelkinder nannte.</p>
<p>Von einem anderen berühmten Neuköllner, den Ex-Terroristen und Enthüllungsjournalisten Till Meyer, stammt der Hinweis, dass sie in seiner Jugendzeit als Rockerclique in cowboymanier immer am Hermannplatz rumlungerten &#8211; und dabei angelegentlich mit ihren Schlüsselbunden klimperten, sich ihrer mindestens in der Jeanstasche immer wieder vergewisserten. Damals lief gerade ein Hollywoodfilm, in dem die verruchte Mae West einen Mann mit den Worten begrüßt: &#8220;Ist das dein Schlüsselbund oder freust du dich, mich zu sehen?&#8221; Das Meyersche Schlüsselbundklimpern, das damals noch als &#8220;lässig&#8221; galt, wurde mit der Zeit bei den Jungmännern, vor allem bei denen, die dann nicht wie Meyer zur Knarre griffen, um das &#8220;Schweinesystem&#8221; aktiv zu bekämpfen, lästig &#8211; d.h. zu einer regelrechten Manie.</p>
<p>In dem kurz nach der Wende veröffentlichten 1. Band seiner &#8220;Hagen&#8221;-Trilogie hat der südelbische Autor Frank Schulz einen seiner durch Kneipen streunenden Hauptfiguren als astreinen Schlüsselbungklimperer dargestellt. Seitdem haben sie sich unter den Jungmännern geradezu epidemisch ausgebreitet, vor allem im Osten, wo der Karabinerhaken lange Zeit proletarisch überkonnotiert war. In der Neuzeit kamen dazu dann noch Handy-Etuis am Gürtel. Beides zusammen soll wie schwer bewaffnet aussehen und Sicherheit signalisieren. Ein dickes Schlüsselbund läßt sich zur Not aber auch wirklich als Handwaffe nutzen. Die Greifswalder Schriftstellerin Judith Schalansky erwähnt in ihrem Bildungsroman &#8220;Der Hals der Giraffe&#8221;, dass die DDR-Lehrer ihr Schlüsselbund auch gerne als Wurfwaffe &#8211; gegen schwatzende Schüler &#8211; einsetzten.</p>
<p>Das zwanghafte Schlüsselbundklimpern hat mich einmal fast selbst befallen: Immer wenn ich um 2000 meine Freundin wiedertraf, von der ich mich unrechtmäßig getrennt hatte &#8211; aber auch sonst. Bis sie mich einmal genervt fragte: &#8220;Mensch, kannst du nicht mal mit dem Schlüsselbungsklimpern aufhören?!&#8221; Ich gab die Gewohnheit jedoch so richtig erst auf, nachdem ich mein Schlüsselbund, an dem u.a. ein USB-Stick hing, verloren hatte. &#8220;Kalten Entzug&#8221; nennen die im Umgang mit Schlüsselbundklimperern gewohnten Sozialarbeiter das.</p>
<p>Es verwundert nicht, dass neben den Lehrern vor allem die Justizvollzugsbeamten, die man im Knast &#8220;Schließer&#8221; nennt, den höchsten Prozentsatz an Schlüsselbundklimperern aufweisen: 71%. Davon klimpern 2/3 gedankenverloren bzw. ängstlich mit ihren Schlüsseln und das restliche Drittel, um zu provozieren bzw. zu demütigen. Über die Hälfte der Gefangenen empfindet bereits den Entzug des Schlüsselbunds bei der Einknastung als &#8220;extrem demütigend&#8221;. In einigen norddeutschen JVAs prüft man derzeit, ob man den Gefangenen nicht ihr Schlüsselbund bei der Einlieferung einfach lassen soll: &#8220;Die können in ihrer Zelle ja doch nichts damit anfangen,&#8221; so der Leiter eines neuen Bremer Reformgefängnisses für geringfügig Bestrafte &#8211; aus vorwiegend Akademikerkreisen, bei denen jedoch in Freiheit das Schlüsselbungsklimpern weit weniger verbreitet ist als in den &#8220;nicht so verkopften Bevölkerungsschichten&#8221;, wie die Zeitschrift der Schweizer Schlüsseldienste &#8220;Keynotes&#8221; dazu kritisch anmerkte. Dort gibt es im übrigen einen &#8220;Keymail&#8221;-Service &#8211; für verlorene Schlüsselbunde. Auf ihrer Internetseite behauptet das Unternehmen, täglich 30 Schlüsselbunde allein in der Schweiz an die Besitzer zurück zu schicken. Wenn ansonsten heute im Internet von &#8220;Schlüsselbund-Problemen&#8221; die Rede ist, sind damit fast immer Datei-Zugangsschwierigkeiten (Keychain-Problems) bei Apple gemeint &#8211; fast so, als hätte sich die männigliche Klimpermacke da hinein verlagert.</p>
<p><em>3. Hochstapeln  </em></p>
<p>Der Bremer Postbote Gert Postel ist derzeit neben dem süddeutschen Adligen Guttenberg wohl der bekannteste deutsche Hochstapler: Seine Freundin nahm ihn einmal mit auf eine Ärzteparty, anschließend sagte er sich: &#8220;Das kann ich auch&#8221;. Als &#8220;Dr.Dr. Clemens von Bartholdy&#8221; arbeitete er daraufhin als Amtsarzt in Flensburg sowie als Stationsarzt in einer psychiatrischen Klinik bei Leipzig. Nachdem er aufgeflogen war, veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel &#8220;Doktorspiele&#8221;.</p>
<p>In einem Doppelband über &#8220;Hochstapler&#8221; der Zeitschrift &#8220;Kultur &amp; Gespenster&#8221; bezeichnete ich ihn 2009 als &#8220;Charakterschwein&#8221;, weil er die ihm anvertrauten Patientinnen (Prostituierte und Suizidgefährdete) allzu rüde behandelt hatte &#8211; und nur nach oben hin als Psychiater glänzen wollte. Er rief mich daraufhin an und beschimpfte mich. Danach versuchte er, mit der Kollegin Barbara Bollwahn ins Geschäft zu kommen, aber sie war auch nicht sonderlich begeistert von ihm (siehe taz v. 23.11.).  Im Gegensatz zur Berliner &#8220;Irrenoffensive&#8221;: Die Initiatoren des antipsychiatrischen &#8220;Weglaufhauses&#8221; sowie von autonomen FU-Seminaren über den Wahnsinn sind &#8220;große Fans&#8221; von Postel. Sie haben den &#8220;falschen Psychiater&#8221; sogar für den Medizin-Nobelpreis vorgeschlagen.</p>
<p>Zum 25jährigen Jubiläum der Irrenoffensive hielt er die Festrede. Es galt einen &#8220;Sieg der Irren&#8221; zu feiern: Der Gruppe war es gelungen, die &#8220;Patientenverfügung&#8221; gesetzlich durchzusetzen &#8211; die Verbindlichkeit schriftlich geäußerter Patienten-Willen. Als &#8220;Kern&#8221; ihrer Arbeit erkannte Postel in seiner Rede, dass die &#8220;Irren-Offensive durch das Agieren als politische Gruppe Hand an die Wurzel der psychiatrischen Gewalt gelegt&#8221; habe. Das macht Postel auch für sich geltend: &#8220;Deutlicher als ich kann man es ja nicht machen &#8211; das System entlarven.&#8221; Für die Irrenoffensive ist das &#8220;Postel-Experiment&#8221; eine noch gelungenere Entlarvung der faschistischen Psychiatrie, die ihre Patienten mit Chemikalien seelisch verkrüppelt, als das &#8220;Rosenhan-Experiment&#8221; &#8211; über die Zuverlässigkeit psychiatrischer Diagnosen: David Rosenhan hatte 1968 acht &#8220;geistig gesunde Menschen&#8221; in die Psychiatrie einweisen lassen, denen man dort prompt Schizophrenie bzw. manisch-depressive Psychosen attestierte. Postel bescheinigten die psychiatrischen Gutachter, nachdem er aufgeflogen war, eine &#8220;narzistische Persönlichkeitsstörung&#8221;.  Er selbst will sich zu Beginn seiner Psychiater-Karriere gesagt haben: &#8220;Du machst dich damit lustig über die Psychiatrie&#8221;. Zu seinem &#8220;Spiel gehörte aber immer auch die Erhellung. Ich habe mich als Hochstapler unter Hochstaplern begeben.&#8221; Und natürlich wurde das nicht offiziell gewürdigt, sondern als Betrug aufgefaßt: &#8220;Da kommt ein Postbote von der Straße und macht den Job besser als die Psychiater.&#8221;</p>
<p>Der Spiegel, der ihn als &#8220;Artist&#8221; bezeichnete, berichtete, dass er als Amtsarzt in Flensburg die Zwangseinweisungsrate um 86% senkte. Er selbst erzählte, dass er als Weiterbildungsbeauftragter der sächsischen Psychiatrie bereits so sicher war, dass er neue Krankheitsbilder entwarf &#8211; u.a. die &#8220;bipolare Depression 3.Grades nach Postel&#8221;. Schon gleich zu Anfang in Flensburg, wo sein Vorgesetzter ihm eine Professorenstelle an der Kieler Universität verschaffen wollte, bewies er große fachliche Kompetenz: Als der ihn fragte, worin er eigentlich seinen Doktor gemacht habe, antwortete Postel, er habe zwei Doktortitel, einen in Psychologie, wo er über &#8220;Kognitive Wahrnehmungsverzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung&#8221; promoviert habe. Sein Vorgesetzter war mit dieser Antwort sehr zufrieden, dabei war es bloß eine verquaste Definition von Hochstapelei.</p>
<p>Eine Künstlerin, die sich im Gegensatz zu der taz-Autorin Bollwahn mit ihm verabredete, meinte hernach: &#8220;Das ist kein Hochstapler, der ist wirklich Arzt &#8211; groß, gutaussehend, redegewandt und einem ständig auf den Arsch kuckend. Und sowieso werden die dümmsten Mediziner immer Psychiater. Schon ihre Ausbildung ist lächerlich, eigentlich müßte der Studiengang &#8216;Chemikalienkunde&#8217; heißen.&#8221; Der Fraktionsvorsitzende der Partei &#8220;Die Linke&#8221; im sächsischen Landtag Dr. André Hahn ist sich dagegen mit der &#8220;Irrenoffensive&#8221; einig, dass Gert Postel &#8220;Patron der Psychiatrie-Betroffenen&#8221; ist. Und ein echter Oberarzt gestand ihm, nachdem man ihn als Hochstapler entlarvt hatte, ihn mehr zu bewundern als zu verurteilen, denn immerhin habe er keinem Patienten geschadet. Postel entgegnete: &#8220;Ich bin ja auch kein Psychiater.&#8221; Ich bin ebenfalls keiner &#8211; und nehme hiermit das &#8220;Charakterschwein&#8221; mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>4. Salonlöwenieren</em></p>
<p>In Berlin hat schon wieder eine &#8220;Denkerei&#8221; (Musing-Hall) eröffnet, am Oranienplatz in Kreuzberg.  Die bisherigen nannten sich gerne &#8220;Club&#8221; &#8211; z.B. der &#8220;Republikanische Club&#8221; in der Wielandstraße, der &#8220;China-Club&#8221; in der Cranachstraße&#8230; Oder auch &#8220;Salon&#8221;: Nach der Wende entstanden allein in Mitte drei &#8220;Literatur-Salons&#8221;, in Neukölln eröffnete der &#8220;Salon Petra&#8221;, die &#8220;Musenstube&#8221; von Annette Köhn und der  Arbeitslosen-Salon &#8220;Lunte&#8221;. In Friedrichshain gibt es mindestens zwei solcher Treffpunkte &#8211; für junge Kommunisten. In den Räumen des Privatsalons von Nicolaus Sombart in der Ludwigkirchstraße betreibt die Zahnärztin Beate Slominski einen &#8220;Salon T-Kult&#8221; und gleich daneben am Fasanenplatz  eröffnete der &#8220;Salon Berlin-Geflüster&#8221; von Sybille Senff, die daneben noch den &#8220;Berliner Business Salon&#8221; organisiert. Auch die Springerstiefeljournalisten haben einen eigenen Salon &#8211; für leitende Angestellte und rechte Promis: im obersten Stockwerk ihres Hochhauses. Es gibt sogar einen  &#8220;virtuellen Salon&#8221;: das &#8220;Berliner Zimmer&#8221;, mit einem nicht-jugendfreien &#8220;Erotikportal&#8221;. Die Hausbesetzer betreiben gleich eine ganze Reihe von &#8220;Salons&#8221;, die sie nur nicht so nennen, eher schon &#8220;Wohnzimmer&#8221;, weil Salon ihnen zu bürgerlich klingt. Und auch die Anarchos nennen ihre Etablissements lieber &#8220;Spelunken&#8221; &#8211; das &#8220;Baiz&#8221; und die &#8220;Rumbalotte&#8221; im Prenzlauer Berg z.B..</p>
<p>Ähnliches gilt für die Kunstscene, deren Galerien immer öfter den Charakter von Bohème-Salons annehmen: Angefangen mit der Kreuzberger Galerie &#8220;Zinke&#8221; von Günter Bruno Fuchs in den Fünfzigerjahren, der Galerie von Jes Petersen in der Goethestraße, dem offenen Atelier von Johannes Schenk in der Dresdnerstraße, dem &#8220;S.O.36&#8243; von Martin Kippenberger, dem Schöneberger &#8220;Ex &amp; Pop&#8221; von Fascho-Kurt, dem &#8220;Fischbüro&#8221; in der Köpenickerstraße und dem &#8220;Kumpelnest 3000&#8243; von Mark Ernestus in der Lützowstraße. Auch der legendäre, sich einst Diskothek nennende Sceneclub &#8220;Dschungel&#8221; in der Nürnberger Straße gehörte dazu. Daneben gab es noch jede Menge türkische Arbeiterclubs, und neuerdings ein alevitisches Kulturzentrum in der Waldemarstraße sowie das kleine &#8220;Ichorya&#8221; in der Oranienstraße. Einige Kulturwissenschaftler eröffneten nach der Wende im Scheunenviertel das &#8220;Aroma&#8221; und eine  finnische Künstlerin die Galerie &#8220;Morgenvogel Real Estate&#8221; in der Brunnenstraße, aus der ein Salon für Vogelfreunde wurde. Die ehemaligen DDR-Diplomaten trifft man im Club &#8220;Spittelkolonnaden&#8221; und die 78er-Lesben immer noch in der &#8220;Begine&#8221;; auch die ganzen Literatur- und Lyrikhäuser der Stadt kann man gut und gerne als &#8220;Salons&#8221; bezeichnen, angefangen mit dem &#8220;Buchhändlerkeller&#8221; in der Carmerstraße. All diese Einrichtungen haben quasi eine Zielgruppe, sie versuchen diese jedoch zu erweitern, zudem gibt es immer wieder Überschneidungen.</p>
<p>Berlin hat infolge von Nationalsozialismus, Weltkrieg, Mauerbau und Sozialismus sein Bürgertum gründlich liquidiert. Was sich spätestens seit 89 an seiner Stelle etabilierte, sind special interest Aufsteiger. Und da diese meist von woanders her kommen, aus Westdeutschland oder Sachsen etwa, gab und gibt es einen großen Bedarf an solchen salonähnlichen Läden, Wohnungen, Kneipen und Sälen. Der Siegener Germanist Georg Stanitzek hat sich mit den Salons im 18. Jahrhundert beschäftigt: In ihnen  war &#8220;Gesellschaft&#8221; noch identisch mit &#8220;Geselligkeit, bei der die Menschen einander &#8216;freudig&#8217;, &#8216;gleich&#8217;, &#8216;offen&#8217; begegnen&#8221; &#8211; in einer &#8220;konversierenden  Interaktion, in der die Teilnehmer sich sympathisierend, symmetrisch, aufrichtig miteinander ins Verhältnis setzen.&#8221; Itzo verschärft sich jedoch die Fragmentierung und Atomisierung der Gesellschaft, so dass gleichzeitig der Wunsch nach Gleichgesinnten oder Anzuhimmelnden enorm zugenommen hat.</p>
<p>Die &#8220;Denkerei&#8221; am Oranienplatz will demgegenüber den hiesigen Bürger-Ersatz bilden und belehren &#8211; mit Mikro, Podium und Stuhlreihen. Sie bezeichnet sich zum Einen als Dépendance der Uni Lüneburg und bietet zum Anderen gleich eine ganze Altherrenriege aus Karlsruhe auf, die mit Schwerpunktwissen  aufwartet: &#8220;Psychopolitik&#8221; (Peter Sloterdijk), &#8220;Müllkulte&#8221; (Bazon Brock), &#8220;Technotheologie&#8221; (Peter Weibel), &#8220;Stoische Diätetik&#8221; (Ulrich Heinen), &#8220;Molekularbiologie&#8221; (Roland Brock) und &#8220;Abendländische Epistemologie&#8221; (Arno Bammé). Sie haben sich &#8211; ausgehend von der immer dringenderen Überwindung repräsentativer Demokratien &#8211; die Herausarbeitung der Idee des  Patienten-Experten bzw. &#8220;Profi-Bürgers&#8221;  vorgenommen. Dazu hatte Peter Weibel bereits 2005 zusammen mit Bruno Latour eine große Ausstellung organisiert: &#8220;Making Things Public. Atmosphären der Demokratie&#8221;. Zuvor hatte dieses Feld bereits landauf landab der Beuys-Schüler Johannes Stüttgen mit seinem &#8220;Omnibus für direkte  Demokratie&#8221; vorbereitet. Bei der Eröffnung der &#8220;Denkerei&#8221; am Oranienplatz sprach Bazon Brock von einem &#8220;Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der Hohen Hand&#8221;. Letzteres nennt man gemeinhin staatliche &#8220;Verfügungen&#8221;, die Hoffnung, dass es diesem &#8220;Denker&#8221; dabei um &#8220;Gegenmaßnahmen&#8221; geht, blieb leider erst mal unerfüllt, dafür ließ die Verköstigung &#8211; das Catering: von der Imbißbude vis à vis, nichts zu wünschen übrig. Aber so ist es ja eigentlich immer &#8211; in all den weit über 1000 &#8220;Denkereien&#8221; in Berlin: Dass man von dort  zwar gut abgefüllt und etwas breit, aber mit leerem Hirn, wieder nach Hause wankt, wo man sich reumütig vornimmt, nächstes Mal etwas weniger &#8220;gesellig&#8221; zu sein.</p>
<p>5. Kommunizieren</p>
<p>Berlin gilt als &#8220;Hauptstadt der Kommunikation&#8221; (Jürgen Habermas). Aber wer dieses Berlin begreifen will, muß Bielefeld studieren. Die  westfälische Kleinstmetropole, die ebenso wie Berlin zerbombt wurde, war bis zur Wende die westdeutsche &#8220;Durchschnittsstadt&#8221; &#8211; und zwar derart statistisch genau real gemittelt &#8211; was Klima, Schicht-, Alters- und Geschlechterverteilung, Religion, Schulbildung und Parteienzugehörigkeit betraf, dass alle Warentester und Meinungsumfrager sich guten Gewissens bei ihren Erhebungen auf Bielefeld beschränken konnten, wenn sie zu wahren Aussagen über die ganze BRD kommen wollten. Sogar US-Wissenschaftler suchten mitunter Bielefeld auf, um diverse deutsche &#8220;Befindlichkeiten&#8221; vor Ort zu eruieren &#8211; u.a. die berühmte &#8220;German Angst&#8221; und das &#8220;Waldsterben&#8221; (im Original deutsch, gemeint war damit der Teutoburger Wald bei Bielefeld). Zwei mal kam auch die US-Topkulturkritikerin Susan Sontag nach Bielefeld, um &#8220;German Impressions&#8221; zu sammeln, allerdings begnügte sie sich dort mit den Aussagen einiger Bielefelder Taxifahrer.</p>
<p>Als die SPD beschloss, der langsam ausufernden Studentenbewegung das Wasser abzugraben, gründete sie ein Dutzend &#8220;Reformunis&#8221;, in der nahezu sämtliche Rädelsführer des SDS Festanstellungen fanden, die besten im Planungsstab der Bielefelder Uni, die man Anfang der Siebzigerjahre im Schnellbauverfahren auf der Grünen Wiese hochzog &#8211; um einen riesigen überglasten Indoor-Campus herum, der schon bald zum Vorbild aller deutschen Einkaufs-Passagen wurde, namentlich und zuletzt der &#8220;Potsdamer Platz Arkaden&#8221;. Besonder hier wurde dann deutlich, wie das Privatkapital zwar alles kopieren und verbessern kann, jedoch ohne das Soziale, das in diesem Fall im Bielefelder Indoor-Campus zurückblieb und bleibt.</p>
<p>Nicht zufällig siedelte sich dort dann auch der berühmteste deutsche Soziologe, der Lüneburger Niklas Luhmann, an, dessen zentrale Begriffe &#8220;System&#8221; (Bielefeld), &#8220;Medium&#8221; und &#8220;Kommunikation&#8221; heißen. Und in der Tat: In Bielefeld wird kommuniziert wie verrückt. Besonders um diese Jahreszeit, da das gesamte System der innerstädtischen Fußgänger-Einkaufszonen aus einem einzigen Weihnachtsmarkt besteht, den zu besuchen allen Bielefeldern anscheinend süße Pflicht ist &#8211; am Liebsten in Kleingruppen, von denen viele sich mit rotweißen Santaclaus-Mützen ausgestattet haben, damit sie sich im Gedränge leichter wiederfinden. Da das jedoch immer mehr Kleingruppen tun, ist es immer weniger hilfreich, wie man sich leicht denken kann. Nicht so die Bielefelder, die dieses &#8220;Kuddelmuddel&#8221; bloß zu noch mehr &#8220;Kommunikation&#8221; aufreizt. Für den Bielefelder Soziologen Luhmann ist sogar die (systemische) Liebe nur ein &#8220;Medium&#8221; der Kommunikation. Tatsächlich scheint der durchschnittliche Bielefelder (eine Tautologie) dieses &#8220;Medium&#8221; sogar eher gering zu schätzen.</p>
<p>Wenn man am Bahnhof ankommt, stößt man bereits in der Haupthalle auf die zwei neben der Uni größten Beschäftigungsbetriebe der Region: auf das Logo von &#8220;Dr.Oetker&#8221; und &#8220;Bethel&#8221;. Beide werben mit &#8220;Kommunikation&#8221;: der Behindertenkonzern, der eigenes Geld im Umlauf hat, mit dem Zusammenbringen von Menschen mit den unterschiedlichsten Handicaps und der Backpulverkonzern mit dem  Zusammenhalten von Kernfamilien über Süßes &#8211; vornehmlich Pudding und Kuchen.</p>
<p>Während man es anderswo, in Paris z.B. bedauert, dass wir seit Luhmann schier gezwungen sind zu kommunizieren: &#8220;Wir dürfen nicht einfach mehr miteinander reden!&#8221; so der Kulturkritiker Jean Baudrillard bitter, ist es in Bielefeld genau andersherum. Und dies hat damit etwas zu tun, das hier die &#8220;Kommunikation&#8221; quasi erfunden wurde und allgemein verbreitet ist, während sie z.B. in Berlin komplett arbeitsteilig erledigt wird: von Kommunikationsagenturen, Werbefuzzis, PR-Beratern, Webdesignern, und ähnlichem Kreativgesindel.</p>
<p>In den Bielefelder Buchläden stapelt  sich deswegen das neue Buch &#8220;I hate Berlin&#8221;, in dem u.a. der Bielefelder Brotdichter Wiglaf Droste über die Hauptstadt vom Leder zieht, dass er nur so seine Bewandtnis hat. Berlin, das ist auch äußerlich nichts anderes als Bielefeld ins Maßlose und Professionelle verstiegen &#8211; bis zur völlige Verblödung. Wenn du in Rom bist verhalte dich wie die Römer, sagt man, aber wenn du in Berlin bist, mußt du dich wie ein Ami ausdrücken (&#8220;upgedateten Modus generieren&#8221;). Kommt noch hinzu, dass Bielefeld die Wiege aller Juvenilmoden ist, die der Berliner in seiner Verblendung für New York Fashion hielt und hält: &#8220;Sue Ellen- und Mecky-Frisuren, Schlag- und Röhrenhosen, Punk, Piercing, Tatoos, Baumscheiben, kurze knappe Jeans, die den Vaginaspalt betonen, bauchfreie T-Shirts, Röcke über Hosen, zerfetzte Jeans, Kapuzenpullis, die albernsten  Kopfbedeckungen, hochgegeelte Kurzhaarfrisuren&#8230; Selbst die Berliner Juvenilmacke, nächtens mit Becksbier-Flaschen in der Hand von einer Location zur nächsten zu wandern und dabei womöglich noch laut über Foucault, Derrida, Slavoj Sloterdijk und die neuesten Hollywoodfilme und natürlich über Luhmann zu reden, stammt ursprünglich aus Bielefeld &#8211; nur dass man dort Herforder Pils Flaschen umklammert.</p>
<p>Eine bis heute erhaltene Besonderheit der Bielefelder besteht darin, dass sie auf den Photos ihrer Lokalzeitung &#8220;Westfalen-Blatt&#8221; stets ein beschriebenes Blatt, ein Poster, einen Geschenkgutschein, ein Diplom oder eine Protestparole in die Kamera halten, wovon im dazugehörigen Artikel dann ausführlich die Rede ist. Allein in der Ausgabe vom 25.November 2011 finden sich nicht weniger als 25 solcher Photos. Diese &#8220;Bielefelder Redundanz&#8221;, wie sie auch genannt wird, hat bewirkt, dass dort  das stets und überall dräuende Primat des Bedeutenden über das Bedeutete mit einem &#8220;Kunstgriff&#8221; quasi kurzgeschlossen wurde. Alle Achtung!</p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/geschenke-zeigen.jpg" rel="lightbox[6380]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6389" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/geschenke-zeigen-424x629.jpg" alt="" width="302" height="447" /></a></p>
<p><em>Geschenke auspacken nicht vergessen!<br />
</em></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=6380&amp;md5=124efea10b7bd02cb992b73a2805245f" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Kairo-Virus 133</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Dec 2011 16:50:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Höge</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images41.jpeg" rel="lightbox[6368]"><img class="alignnone size-full wp-image-6371" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images41.jpeg" alt="" width="275" height="184" /></a></p>
<p><em>Photo: blog.zakel.at</em></p>
<p><strong>Warum widmest du dich nicht Russland? fragte Wladimir Kaminer mich vorwurfsvoll,  da würde doch jetzt so viel passieren. Am 24.12. wollen z.B. alle Oppositionsgruppen, alle: linke wie rechte, gemeinsam vor dem Kreml gegen die Regierung protestieren. </strong></p>
<p><strong>&#8220;Jede neue Technologie erfordert einen neuen Krieg&#8221; &#8211; so lautet das Motto von Marshal McLuhans Buch aus dem Jahr 1968 &#8220;Krieg und Frieden im globalen Dorf&#8221;, das jetzt von Karlheinz Barck und Martin Treml im Kadmos-Verlag neu herausgegeben wurde. </strong></p>
<p><strong>1968 war es das Fernsehen, deswegen hat man den Vietnam-Krieg auch als den ersten &#8220;Fernsehkrieg&#8221; bezeichnet, er wurde nicht zuletzt in den Wohnzimmern entschieden. </strong></p>
<p><strong>Nun &#8211; mit dem Internet und den da dranhängenden &#8220;sozialen Netzwerken&#8221; &#8211; wird wieder ein neuer Krieg ausgefochten: Kapitalismus und Demokratie haben sich getrennt. Jetzt geht die Mobilisierung, der Kampf auch gegen die Repräsentation!  </strong></p>
<p><strong><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/image3.jpeg" rel="lightbox[6368]"><img class="alignnone size-full wp-image-6372" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/image3.jpeg" alt="" width="288" height="175" /></a> </strong></p>
<p><em>Proteste in Moskau. Photo: epochtimes.de</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Alain Badiou in einer Rezension von Reinhard Heil:</strong></p>
<p>In einer Demokratie gibt es nur Opponenten, Positionen, die über den gemeinsamen demokratischen Rahmen vermittelt sind. Für Badiou bedeutet das:</p>
<p>»Das ist keine Wahl in ihrer ganzen Weite: die Nähe ist an die Stelle der Distanz getreten. Die Wahl führt<br />
nicht zum Abstand, sondern zur Norm, sie verwirklicht die Norm.«  Genau das ist ja schließlich auch<br />
die Aufgabe der parlamentarischen Demokratie.</p>
<p>Der Irakkrieg dagegen sei eine politische Situation gewesen, da er alle drei von Badiou aufgeführten Bedingungen erfülle: Die USA und der Irak haben keinen gemeinsamen Maßstab; aus diesem Grund seien die vermeintlichen Massenvernichtungswaffen so wichtig gewesen. Diese wären ein gemeinsamer Maßstab gewesen, der eine Intervention zumindest teilweise hätte legitimieren können. Zweitens waren wir gezwungen zu wählen; es gab nur die Alternative für oder gegen den Krieg, und drittens: »die Distanz zur Macht. Die Großdemonstrationen gegen den Krieg schaffen einen wichtigen subjektiven Abstand zur USamerikanischen Hegemonialmacht«. Falls es diese Inkommensurabilität gibt, dann gibt es auch eine Wahl, eine Distanz und eine Ausnahme. Sind diese Bedingungen erfüllt, ist der Schritt von der bloßen<br />
Meinungsumfrage zur philosophischen Situation vollzogen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Slavoj Zizek in einem &#8220;Zeit&#8221;-Porträt:</strong></p>
<p>»Ach, Gewalt. Echte Gewalt – das Killen von Menschen – wird heutzutage legitimiert als Verteidigung sozialer Stabilität. Die Gewalt, die ich meine, ist eine andere. Nehmen Sie Ägypten: Was kann gewaltsamer sein als eine Million Menschen, die auf die Straße gehen und das ganze soziale Leben zum Erliegen bringen? Für diese Gewalt bin ich.« Gibt es einen Begriff der Wahrheit, den er für sich akzeptiert? Ein erstaunter Žižek: »Natürlich, ich bin alles andere als ein Postmodernist.« Er glaube an die objektive und an die subjektive Wahrheit. Lächelnder Philosoph: »Um es noch schlimmer zu machen: Ich glaube an die universelle Wahrheit. Beispiel: Man soll nicht sagen: ›Der Kapitalist hat seine Wahrheit, der Kommunist hat seine Wahrheit, lass uns den Kompromiss suchen.‹ Nein! Die Wahrheit liegt niemals in der Mitte, sondern immer klar auf einer Seite.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Aus Moskau berichtet heute Alissa Starodu in der taz: </strong></p>
<p><em>Eine Studentin, ein einst Apolitischer und ein Umweltaktivist erzählten ihr, warum sie gegen das russische Regime protestieren&#8230;</em></p>
<p>Aleksej Katin sitzt angespannt vor seinem Laptop. Er ruft die Seite <a href="http://dirty.ru/" target="_new">dirty.ru</a> auf, Russlands beliebtesten Gemeinschaftsblog. Mehr als drei neue Beiträge zum Fälschungsvorwurf der Parlamentswahlen kann er nicht lesen. Die Wut kocht in ihm hoch, er springt auf, vergisst sogar sein Handy und fährt auf den Bolotnaja-Platz im Herzen Moskaus. Es ist der 10. Dezember, sechs Tage nach den Parlamentswahlen, nach Schätzungen der Veranstalter versammelten sich auf dem Platz mit Aleksej über 100.000 Menschen, um gegen das Wahlergebnis zu demonstrieren.</p>
<p>Bis zu diesem Tag war Aleksej weder politisch aktiv noch interessiert. Er ist 30 Jahre alt, Abteilungsleiter bei einem Rüstungs- und Straßenbauunternehmen. Doch seit dem Skandal um die Wahlfälschung hat er aufgehört, den etablierten Massenmedien zu vertrauen. So wie Aleksej geht es vielen Russen: Auf das Internet, das bis vor Kurzem noch als Spielzeug der Stadtjugend galt, und die dort veröffentlichten Informationen verlassen sich inzwischen auch immer mehr Offliner.</p>
<p>&#8220;Als Putin 1999 an die Macht kam, war das wie eine frische Brise für uns&#8221;, sagt Aleksej. &#8220;Er brachte die Wirtschaft auf Trab und rechnete ab mit der gewohnten Ineffizienz in unserem Land. Als Chodorkovsky 2003 verhaftet und verurteilt wurde, begann sich plötzlich alles zu ändern.&#8221; Aleksej sieht das alles als Pakt: Das System Putin tauscht demokratische Freiheiten gegen materielles Wohlergehen. &#8220;Dieser Pakt hätte noch weiter halten können, hätte die Partei Putins sich nicht diesen Wahlbetrug geleistet&#8221;, sagt Alexej. Und für die Betrugsvorwürfe hat er auch Belege aus seinem persönlichen Umfeld: &#8220;Einer meiner Mitarbeiter hat mit eigenen Augen gesehen, wie bereits ausgefüllte Stimmzettel in die Wahlurne geschoben wurden.&#8221;</p>
<p>Auf der ersten Demonstration seines Lebens hielt Aleksej sich fern von jenen, die er verächtlich &#8220;Berufsoppositionelle&#8221; nennt. Er demonstriere nicht gegen Putin, sondern gegen die Gesetzlosigkeit. &#8220;Im russischen Internet herrscht Meinungsfreiheit&#8221;, sagt er. Trotzdem möchte er seinen echten Namen in Verbindung mit den Demonstrationen nicht in der Zeitung lesen. &#8220;In einer Fernsehübertragung hat Putin kürzlich alle Demonstranten ziemlich heftig beschimpft&#8221;, sagt er. &#8220;Man weiß nicht, was man nun zu erwarten hat.&#8221;</p>
<p>Tatsächlich wird das Internet in Russland weder überwacht noch zensiert &#8211; anders als die klassischen Massenmedien. Schnell formierte sich über Facebook und vKontakte, dem erfolgreichsten Sozialen Netzwerk Russlands, eine digitale Bewegung gegen das Wahlergebnis. Doch diese gerät nun unter Druck: Gemeinschaftliche Blogs, der Nachrichtendienst Twitter und die populäre russische Internetplattform Livejournal sehen sich immer häufiger mit sogenanntem &#8220;Trolling&#8221; konfrontiert. Kremltreue Onlinenutzer beschimpfen jene wüst, die sich kritisch über das Vorgehen der Partei &#8220;Einiges Russland&#8221; äußern, überziehen oppositionelle Internetplattformen und Blogs mit Spam.</p>
<p>Auf einigen Webseiten, die sich kritischen Äußerungen zur Parlamentswahl verweigerten, wollen Aktivisten Arbeitsangebote gefunden haben, die Willige dafür bezahlen wollen, in sozialen Netzwerken und Internetplattformen Stimmung gegen die Protestbewegung zu machen.</p>
<p>Doch die Protestbewegung schlägt im Krieg um die öffentliche Meinung zurück: Die Provokateure, von der Bewegung &#8220;Kremlbots&#8221; genannt, werden aus Internetgemeinschaften ausgeschlossen, mehrere Amateurvideos, die Fälle von Wahlfälschung dokumentieren, wurden auf Youtube über 2 Millionen Mal aufgerufen, auf Facebook und vKontakte wurden Protestseiten mit Titeln wie &#8220;Wir waren auf dem Bolotnaja-Platz und kommen wieder&#8221; gepostet. Allein bei Facebook, dem in Russland weniger populären Netzwerk, haben sich bereits über 29.000 Teilnehmer für die nächste Demonstration am 24. Dezember angekündigt. Über Twitter werden Protestaufrufe und während der Demonstrationen Informationen über Polizeigewalt verbreitet. All das erinnert an die Proteste in Syrien, Ägypten und Tunesien, wo sich Demonstranten ganz ähnlich über Twitter und soziale Netzwerke mobilisierten. Aber anders als im Arabischen Frühling müssen sich in Russland alle, die sich im Netz gegen die Regierung aussprechen, nicht vor Festnahmen fürchten.</p>
<p>&#8220;Ich habe im Internet keine Angst, meine Meinung zu sagen, weil es inzwischen unglaublich viele Menschen tun. Um das zu sanktionieren, müsste man wahrscheinlich die Hälfte der Bewohner Moskaus verhaften&#8221;, sagt Julja Archipova. Nachdem sie bei Twitter zur Beteiligung an einer Demonstration aufgerufen hatte, wurde auf ihrem Profil gepostet, dass sie dafür von den Amerikanern bezahlt worden sei. &#8220;Das ist natürlich Quatsch&#8221;, sagt die 18-Jährige.</p>
<p>Die Wirtschaftsstudentin war schon bei der ersten Großdemonstration am 5. Dezember auf dem Platz vor dem Moskauer Stadtpark Tschistyje Prudy dabei. Hunderte Menschen wurden vor ihren Augen festgenommen. Sie entkam &#8211; und hatte so nur die Auseinandersetzung mit ihrer Mutter zu fürchten.</p>
<p>&#8220;Inzwischen hat meine Mutter verstanden, dass ich das nicht tue, um mich zu amüsieren, sondern für meine Zukunft, für sie, für mich und für alle&#8221;, sagt Julja. Wie ihrer Mutter geht es in Russland vielen: In den fünf Tagen zwischen den zwei größten Moskauer Demonstrationen ist die öffentliche Unterstützung für das Anliegen der Protestler immens gewachsen. Vor der jüngsten Großdemo am 10. Dezember schickte Juljas Mutter ihr eine SMS: &#8220;Kind, eure Bewegung hat ein neues Symbol! Steck dir schnell ein weißes Band an.&#8221;</p>
<p>An diesem Tag auf der Straße hatte Julja weniger Angst, sagt sie. Was sie im Netz gelesen hatte, deutete darauf hin, dass gewaltsame Übergriffe der Polizei unwahrscheinlich wären &#8211; zu groß die Menge der Protestierenden. Sie hatte sich nicht getäuscht.</p>
<p>Als Kind des Wirtschaftsaufschwungs der Neunziger möchte Julja mehr als materiellen Wohlstand. &#8220;Ich werde nicht aufhören zu protestieren, bis ich das Recht auf faire Wahlen bekomme. Die jungen Menschen in meinem Alter wollen entweder Russland verlassen oder für die Demokratie kämpfen. Ich habe Letzteres gewählt.&#8221;</p>
<p>Genau wie Andrej Jvirblis. Der 26-jährige Umweltaktivist hatte über Facebook von den nichtgenehmigten Demonstrationen am 5. und 6. Dezember gehört. Er war gespannt, wen er dort antreffen würde, sagt Andrej, denn er ahnte, dass diesmal nicht die &#8220;üblichen Verdächtigen&#8221; kommen würden. &#8220;Ich war positiv überrascht. Die Menschen, die gekommen waren, würden sonst nie auf die Straße gehen. Es sind die Jungen, die Gebildeten, die Erwerbstätigen.&#8221; Als die Menge so weit angeschwollen war, dass Andrej aufgab die Demonstranten zu zählen, begannen die plötzlich unterschiedliche Parolen zu skandieren. Manche riefen: &#8220;Revolution!&#8221;, andere riefen ebenso laut: &#8220;Konstitution!&#8221;.</p>
<p>&#8220;Ich selbst habe ,Konstitution!&#8217; gerufen. Aber vielleicht ist eine echte konstitutionelle Demokratie nur durch Revolution zu erreichen&#8221;, sagt Andrej. Die Leute, die dort gemeinsam protestieren würden, hätten keine gemeinsame Forderung, fügt er hinzu. &#8220;Dennoch habe ich den Eindruck, dass sich die Zivilgesellschaft zum ersten Mal, seit ich denken kann, selbst organisiert.&#8221;</p>
<p>In Sozialen Netzwerken wird für die nächste Großdemo am 24. Dezember die Versorgung der Protestierenden mit Lebensmitteln geplant. Selbsternannte Organisationskomitees drucken Flyer und verteilen weiße Bänder. Andrej vermutet, dass der Aufruhr zwischen den Jahren etwas abflauen wird. &#8220;Trotzdem sage ich der Bewegung eine Lebensdauer bis März voraus. Bis dahin hat sie sicher schon etwas erreicht.&#8221;</p>
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<p><strong>Während Karin Leukefeld Assad die Treue hält und in der Jungen Welt unverdrossen die Verbrechen der Protestierer gegen das Assad-Regime anprangert, trennen sich mehr und mehr Palästinenser, denen Assad bisher ein treuer Verbündeter war, von seiner ebenso brunzdummen wie brutalen Politik gegen die &#8220;Demokratiebewegung&#8221; in seinem Land. AFP meldet heute aus Syrien:</strong></p>
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<p>Mit Entsetzen haben mehrere Staaten auf Berichte über Massaker an Zivilisten in Syrienreagiert. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, verurteilte die &#8220;exzessive Gewaltanwendung durch das syrische Regime&#8221; am Mittwoch &#8220;aufs Schärfste&#8221;. Die französische Regierung warf den syrischen Sicherheitskräften ein &#8220;beispielloses Blutbad&#8221; vor, und auch die Türkei protestierte.</p>
<p>Damaskus müsse die Gewalt gegen Deserteure und Demonstranten &#8220;umgehend einstellen&#8221;, forderte Löning. &#8220;Berichte über Massenexekutionen von syrischen Deserteuren&#8221; durch die reguläre Armee seien &#8220;erschütternd&#8221;. Der Sprecher des französischen Außenministeriums, Bernard Valero, sagte, fast 120 Menschen seien am Dienstag getötet worden. Es müsse alles getan werden, um die &#8220;Todesspirale&#8221; zu stoppen, in die Staatschef Baschar el Assad die Bevölkerung gestürzt habe.</p>
<p>Frankreich rief zugleich Russland auf, die Verhandlungen im UN-Sicherheitsrat zu Syrienzu &#8220;beschleunigen&#8221;. Der Sicherheitsrat müsse dringend eine Resolution verabschieden, in der &#8220;das Ende der Repression&#8221; gefordert werde. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu nannte die anhaltenden Tötungen in Syrien&#8221;unannehmbar&#8221;.</p>
<p>Der als Dachverband der syrischen Oppositionsgruppen geltende Syrische Nationalrat forderte angesichts der &#8220;furchtbaren Massaker&#8221; an &#8220;unbewaffneten Zivilisten&#8221; Dringlichkeitssitzungen des UN-Sicherheitsrats sowie der Arabischen Liga. Außerdem müsse die UNO &#8220;Sicherheitszonen&#8221; zum Schutz der Bevölkerung einrichten. Die Opposition sprach in ihrer Erklärung von &#8220;Völkermord im großen Umfang&#8221;, der in der nördlichen Provinz Idleb, in der zentralen Region Homs und in den Sawija-Bergen begangen werde.</p>
<p>Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte töteten Sicherheitskräfte am Dienstag in Idleb mindestens 111 Zivilisten. Sie seien getötet worden, als sie versucht hätten, aus dem Dorf Kafruwed zu fliehen, erklärte die in London ansässige Beobachtungsstelle. In Homs wurden demnach zwölf Zivilisten getötet.</p>
<p>Allein am Dienstag wurden damit mindestens 123 Zivilisten getötet. Ebenfalls am Dienstag kamen nach Angaben der Beobachtungsstelle in der Provinz Idleb rund 100 Soldaten ums Leben oder wurden verletzt. Auf sie sei geschossen worden, weil sie sich der Protestbewegung anschließen wollten, hieß es. Idleb liegt an der Grenze zur Türkei.</p>
<p>Die syrische Regierung warf der Opposition vor, die Beobachtermission der Arabischen Liga sabotieren zu wollen, deren Voraustrupp am Donnerstag in Damaskus erwartet wird. Statt dem &#8220;Aufruf zum Dialog&#8221; zu folgen versuche die Opposition, eine &#8220;ausländische Intervention&#8221; herbeizuführen, sagte Außenamtssprecher Dschihad Makdissi.</p>
<p>Der Berichterstatter der SPD-Bundestagsfraktion für den Nahen Osten, Günter Gloser, verurteilte die &#8220;perfide Gewaltanwendung in Syrienkurz vor der Ankunft internationaler Beobachter&#8221;. Diese müssten nun &#8220;ungefährdete Bewegungsfreiheit und die Chance zu einer unabhängigen Berichterstattung&#8221; bekommen. Außerdem sollte auch Moskau und Peking klar sein, dass die Zeit für eine Syrien-Resolution des UN-Sicherheitsrats &#8220;überfällig&#8221; sei.</p>
<p>In Homs verschleppten unbekannte Täter unterdessen nach Angaben der iranischen Botschaft in Damaskus fünf iranische Ingenieure. Die Botschaft forderte die syrische Führung auf, Maßnahmen zu ihrer Befreiung zu ergreifen.</p>
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<p><strong>Karin Leukefeld berichtet heute in der Jungen Welt:</strong></p>
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<div>Bewaffnete Aufständische in Syrien werden offenbar von ausländischen Söldnern bei Angriffen auf die syrische Armee und bei Sabotageaktionen unterstützt. Finanzielle Hilfe erhalten sie von Regierungen und Geschäftsleuten aus den Golfstaaten, Waffen sollen nach Angaben türkischer Medien (Milliyet) auch über den türkischen NATO-Stützpunkt Incirlik geliefert werden.</div>
<div><strong>Aus Paris meldet die Nachrichtenagentur AFP:</strong></div>
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<p>Die französische Regierung hat den syrischen Sicherheitskräften ein &#8220;beispielloses Blutbad&#8221; an Zivilisten vorgeworfen. Fast 120 Menschen seien am Dienstag getötet worden, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Bernard Valero, am Mittwoch in Paris. Es müsse alles getan werden, um die &#8220;Todesspirale&#8221; zu stoppen, in die Staatschef Baschar el Assad die Bevölkerung gestürzt habe. Frankreich rief zugleich Russland auf, die Verhandlungen im UN-Sicherheitsrat zu Syrienzu &#8220;beschleunigen&#8221;. Der Sicherheitsrat müsse dringend eine Resolution verabschieden, in der &#8220;das Ende der Repression&#8221; gefordert werde.</p>
<p>Menschenrechtsaktivisten hatten der syrischen Führung vorgeworfen, im Norden des Landes ein Massaker an der Bevölkerung verübt zu haben. In der Provinz Idleb sollen demnach am Dienstag mindestens 111 Zivilisten von Sicherheitskräften getötet worden sein, als sie versucht hätten, aus dem Dorf Kafruwed zu fliehen. Seit Beginn der Revolte gegen Assad März kamen laut UNO mehr als 5000 Menschen in Syrienums Leben.</p>
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<div><strong>Aus Kairo meldet dpa:</strong></div>
<div>Ägpten wählt weiter. Das Interesse sinkt. Krawalle bleiben aus. Der Militärrat entschuldigt sich für Gewalt von Soldaten gegen Frauen.</div>
<div>Nach tagelangen Unruhen sind die Ägypter am Mittwoch in ruhiger Atmosphäre zur Wahl gegangen. Erstmals seit vergangenem Freitag gab es keine Ausschreitungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Die Beteiligung an der Stichwahl in der zweiten Etappe der Parlamentswahlen war Medienberichten zufolge deutlich geringer als zuvor.</div>
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<p>Die Wahllokale bleiben bis zu diesem Donnerstagabend geöffnet. Die erste Parlamentswahl in Ägyptenseit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak im Februar findet in mehreren Phasen in jeweils einem Teil des Landes statt. Zur Stichwahl aufgerufen sind diesmal 18,7 Millionen Ägypter in neun Provinzen. Sie können ihre Stimme den Kandidaten von Parteilisten sowie Direktkandidaten geben. Die Stichwahl ist notwendig, weil im ersten Wahlgang nahezu kein Kandidat mehr als die Hälfte der Stimmen erhalten hatte.</p>
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<div><strong>Aus dem Jemen berichtet AP:</strong></div>
<div>Nach Angaben des russischen Außenministeriums sind im Jemen60 verfeindete radikale Islamisten bei Kämpfen getötet worden, darunter vier russische Staatsangehörige. Laut Ministerium starben sie bei Auseinandersetzungen zwischen ultrakonservativen Salafisten und Hauthi-Schiiten, die seit Mitte November in der nordjemenitischen Provinz Saada andauern. Die russische Botschaft im Jemengab an, dass sich in der Region 36 Russen aufhalten und an der salafistischen Dar al Hadith-Schule für islamische Studien eingeschrieben sind. Die Schule im Ort Dammaj zieht seit langer Zeit Studenten aus dem Ausland an.</div>
<div><strong>Aus Pakistan kommt die folgende AFP-Nachricht:</strong></div>
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<p>Fast 700 pakistanische Frauen und Mädchen sind in den ersten neun Monaten dieses Jahres Opfer sogenannter Ehrenmorde geworden. Insgesamt 675 Frauen und Mädchen seien von Januar bis September &#8220;im Namen der Ehre&#8221; in Pakistangetötet worden, sagte ein ranghoher Beamter der pakistanischen Menschenrechtskommission am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP. Bis Februar soll ein Bericht für das gesamte Jahr 2011 vorgelegt werden. Im Jahr zuvor waren 791 Frauen &#8220;Ehrenmorden&#8221; zum Opfer gefallen.</p>
<p>Mehr als der Hälfte der Opfer wurde vorgeworfen, eine &#8220;verbotene Beziehung&#8221; geführt zu haben. 129 wurden getötet, weil sie ohne Erlaubnis heirateten. Einige Frauen seien vor ihrem Tod zudem Opfer von Vergewaltigungen oder Massenvergewaltigungen geworden. In einigen Fällen wurden die Frauen von ihren Söhnen oder Vätern getötet, vielfach auch von den Ehemännern. Mehr als 70 Opfer waren noch minderjährig.</p>
<p>Die Zahlen zeigen das Ausmaß der Gewalt, das viele Frauen im konservativ-muslimischen Pakistanerleiden. Ein Gesetz gegen häusliche Gewalt gibt es nicht. Aktivisten fordern von der Regierung eine gezieltere Strafverfolgung von Mördern in Fällen, die von der Polizei häufig als private Familienangelegenheiten abgetan werden. Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge ist die Unfähigkeit des Staates, ein entsprechendes Gesetz durchzusetzen, eines der Hauptprobleme. Stattdessen würden die Fälle Stammesältesten überlassen.</p>
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<p><strong>Karin Leukefeld schreibt in der JW über die Situation in Syrien:</strong></p>
<div>Die von der Arabischen Liga und der EU mehrfach verschärften Sanktionen gegen Syrien machen derweil der Bevölkerung des Entwicklungslandes das Leben zusätzlich schwer. Weil Syrien nicht genügend Raffinerien hat, wurde Heizöl und Diesel u.a. aus Rumänien importiert. Die Lieferungen wurden mit den Sanktionen eingestellt. Inzwischen wurde auch die Versorgung mit Strom landesweit reduziert. Die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) bezeichnete am Wochenende Sanktionen gegen Syrien als »falschen Weg«. IPPNW forderte die Bundesregierung auf, sich im UN-Sicherheitsrat für »deeskalierende Maßnahmen« und für einen »Dialog zwischen der Regierung Assad und syrischen Oppositionellen« einzusetzen.</div>
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<p><strong>Die Irak-Meldungen der Nachrichtenagenturen finden sich unter dem Stichwort &#8220;USA&#8221;</strong>. <strong>Marshall McLuhan schrieb 1968:</strong></p>
<p>Die alten Männer vom &#8216;Iron Mountain&#8217; sind dem ehernen Gesetz von Arbeit und Lohn und all den anderen in Eisen gekleideten Gesetzen herkömmlicher Volkswirtschaftslehren treu, die im Zeitalter der Metallwaren entwickelt wurden.&#8221;</p>
<p><em>Aber langsam geht nun das Zeitalter des &#8220;Stahlinismus&#8221; zu Ende.</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images22.jpeg" rel="lightbox[6368]"><img class="alignnone size-full wp-image-6373" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images22.jpeg" alt="" width="262" height="174" /></a></p>
<p><em>Proteste in Syrien mit der 68er-Hymne. Photo: muslimvillage.com</em></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images11.jpeg" rel="lightbox[6368]"><img class="alignnone size-full wp-image-6374" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/images11.jpeg" alt="" width="260" height="194" /></a></p>
<p><em>Syrien nach der Schlacht. Photo: fewo.haarhausen.de</em></p>
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<p><strong>taz-intern kursierte heute folgende Meldung im Internet:</strong></p>
<p>Liebes tazcafé,</p>
<p>heute gab es bei euch Sauerkraut mit Ananas. Das klingt wie ein Amoklauf  für die Sinne. Wie ein Verrat schwäbischer Werte. Dann biss ich hinein und war begeistert. Ich entdeckte eine andere Welt. Eine Welt, in der  Gegensätze zusammenpassen. Sich ergänzen, zu einer neuen Einheit  verschmelzen, eine Synthese aus Antithese und Antithese. Es gibt Hoffnung für uns alle. Das habe ich erkannt. Vielleicht wird es bald  keine Armut mehr auf Erden geben. Zumindest weniger. Das wäre schön im neuen Jahr.</p>
<p>Hochachtungsvoll</p>
<p><strong>Zur eigentlich fortlaufenden Bebilderung dieses blogs, und vor allem der darin gepflegten Pollerforschung, bekam ich zwei Photos in die Hände, das erste ist von Johannes Beck, der andere Absender möge sich bitte noch mal melden:</strong></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/beck-poller.jpg" rel="lightbox[6368]"><img class="alignnone size-full wp-image-6376" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/beck-poller.jpg" alt="" width="321" height="257" /></a></p>
<p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/poller-norderstedt.jpg" rel="lightbox[6368]"><img class="alignnone size-medium wp-image-6377" src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/files/2011/12/poller-norderstedt-424x282.jpg" alt="" width="319" height="212" /></a></p>
<pre></pre>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?flattrss_redirect&amp;id=6368&amp;md5=c2c16bb655c3bad70df70a32cd0d5480" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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