Ich möchte nicht erzählen, ich möchte vergessen

Ich vermute, dass meine Stimme nicht ins Blog passt. Oder vielleicht 
doch? Wer weiß. Frauen, die schon einmal sexuelle Übergriffe erlebt 
haben, sollen hier eine Stimme bekommen. Ok. Gut. Dann darf ich wohl 
auch schreiben.

Aber was darf ich schreiben? Wenn ich so durch die Beiträge scrolle, 
entsteht der Eindruck, als dürfe ich doch nur wieder beschreiben, was mir 
und meinem Körper widerfahren ist und wie schrecklich ich das und die 
daran beteiligten Männer gefunden haben soll. Vielleicht muss ich 
rückblickend Ekel, Schauder oder gar Terror empfinden.

Das Problem ist: Ich will über meine Erfahrungen nicht sprechen und 
schreiben und ich möchte nicht, dass die Öffentlichkeit meine 
Erfahrungen kennt. Nein, auch nicht anonym. Sie gehen niemanden etwas an, 
denn niemand kann daran etwas ändern oder mich besser (oder schlechter) 
verstehen. 

So ein Blog kann vielleicht helfen. Aber mich persönlich macht er 
wütend. Warum müssen wir nicht nur solche Scheiß-Erfahrungen über uns 
ergehen lassen, sondern auch noch darüber reden, sie erzählen, sie uns 
in Erinnerung rufen und dem Markt der Voyeuristen zur Verfügung stellen, 
damit sich alle der Tatsache versichert fühlen, dass Frauen immer noch 
belästigbar, antatschbar, vergewaltigbar sind?

So oft habe ich mich schon gefragt, ob wir hier nicht genau das tun, was 
die Begrabscher, Belästiger und Vergewaltiger wollen: Dass wir uns für 
immer und ewig an ihre Scheißhandlung erinnern und sie dann auch noch 
medial würdigen, sie verbreiten und damit letztendlich nur beweisen, wie 
viel Macht wir bereit sind, diesen Arschlöchern zu geben.

Nein, liebe taz, diese Macht gebe ich den Arschlöchern nicht. Ich 
weigere mich, mich an meine Erfahrungen zu erinnern. Ich weigere mich, 
Details aus meiner Erinnerung zu graben, die langsam darin versunken 
sind und die endlich durch andere Erinnerungen übertönt werden. Denn, 
Ihr glaubt es kaum, auch Gewalt vergisst man. Vorausgesetzt: Man lässt 
uns vergessen.

Vergessen. Das dürfte für viele unpolitisch, apolitisch oder vielleicht 
sogar unfeministisch daherkommen. Muss man als Feministin aber die 
eigenen Erfahrungen für das Wohl der Gesellschaft mobilisieren? Ist das 
Private hier nicht doch auf paradigmatische Art und Weise so politisch, 
dass es ein Verrat ist, sie zu vergessen?

Das Problem mit der Mobilisierung von Erfahrungen ist: 
Nur diejenigen, die auch bereit sind, sich zu erinnern, darüber zu 
schreiben, sie zu politisieren, erhalten eine Stimme. Doch meine Stimme 
sagt: Ich will nichts davon. Ich will meine Stimme für etwas Anderes 
einsetzen. Es war ein harter Kampf, an den Punkt zu kommen, an dem ich 
endlich über etwas Anderes nachdenken konnte, an dem meine Erfahrungen 
nicht regelmäßig den Tag versauten und mich daran hinderten, mein Leben 
zu leben.

Jetzt lebe ich mein Leben. Aber da draußen wird ständig über sexuelle 
Gewalt gesprochen und es wird darüber gesprochen, welche schlimmen 
Gefühle damit verbunden sind und wie grässlich das alles ist. Ja, mag 
sein. Aber Meine Erfahrung gehört nur mir und ich habe nicht vor, sie
aus der Hand zu geben. Heißt das, ich habe auch keine Stimme?

Irritierend finde ich auch den Begriff "Heimweg". Warum Heimweg? Warum 
wird der Weg nach Hause mit "sexuellen Übergriffen" in Verbindung 
gebracht? Soll ich jetzt anfangen, auf dem Heimweg Angst zu haben, obwohl 
mir auf dem Weg nach Hause noch nie etwas passiert ist? 
Und wie soll ich mit der Tatsache umgehen, dass der Begriff "Heim" für 
so viele von uns dagegen nun wirklich nicht Positives ist und daher nicht so 
sehr der Weg nach Hause sondern das "zu Hause" belastet ist? Und was 
ist, wenn die Gewalt mal nicht von Männern, sondern von 
Frauen ausgeht? Muss ich mir dann den Vorwurf gefallen lassen, dass ich 
den Maskus in die Hände spiele, nur weil meine Erfahrung so radikal 
anders ist? Muss ich mir den Vorwurf des Anti-Feminismus 
gefallen lassen, nur weil ich mich weigere, mein Herz öffentlich 
auszuschütten? Oder muss ich mir einfach nur gefallen lassen, dass ich 
nicht sprechen darf, weil ich nicht nach den Regeln spiele?

 

Silvia, Angestellte, Berlin

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