vonheimweg 21.03.2017

Heimweg

Nahezu jede Frau hat schon einmal sexuelle Übergriffe erlebt. Wir wollen Ihnen eine Stimme geben. Schreiben Sie an heimweg@taz.de.

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Ich bin inzwischen 49 Jahre alt, Tochter jugoslawischer Eltern, im Schwabenländle aufgewachsen, seit 1988 in Berlin, alleinerziehend und noch immer viel „unterwegs“, auch nachts mit den Öffentlichen. Mir ist schon als Teenager aufgefallen, wie unterschiedlich die Körpersprachen von weiblichen und männlichen Menschen sind. Ich habe mich auch schon immer darüber aufgeregt, wenn diese Unterschiede noch betont wurden unter uns Teenagern damals, vor allem, wenn sich die Jungs breiter gemacht haben und die Mädels sich hilfloser als sie waren darstellten („Ach komm, mein Prinz, und rette mich“, so diese Erzählung…). Vielleicht sollte ich auch voranstellen, dass ich sehr groß bin mit meinen 1,86 Meter und dadurch vielleicht auch keine andere Wahl hatte als mich außerhalb der Standardklischees zu verorten. Hat so seine Vor-und Nachteile.

Das Ungleichgewicht ist da. Und es wird noch lange dauern, bis es grundlegend in alle Köpfen eingedrungen ist, was gegenseitiger Respekt bedeutet. Trotzdem ist es schon in den kleinen Gesten im Alltag wichtig, dass weibliche Wesen sich der ganzen vielen kleinen Einschränkungen ihres körperlichen und verbalen Territoriums bewusst werden. Ein niedrigschwelliges Beispiel: In der U-Bahn ist ein Platz zwischen 2 Männern frei, beide sitzen ganz selbstverständlich breitbeinig. Ich platziere mich zwischen beiden und weder links noch rechts wird die raumgreifende Beinhaltung geändert, kriegen die entweder einfach nicht mit, oder gehen davon aus, dass ich mich als weibliches Wesen schon schmal machen werde. Mach ich dann aber nicht: Meine Beine imitieren genau denselben Breitmach-Winkel wie von den beiden neben mir und ich drücke ganz bewusst dagegen. Und zwar nicht nur eine Sekunde. Wenn es sein muss, auch stur die ganze Fahrt. Genauso verhalte ich mich, wenn sich jemand neben mich setzt und in meinen Raum „eindringt“, ich mache mich nicht kleiner. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich, aber das Signal bleibt trotzdem: Ich bin da, es ist mein Raum und ich überlasse ihn dir nicht.

Ich weiß, dass das nur ein recht harmloser Schritt ist. Aber dieses Beispiel lässt sich auf viele andere Situationen übertragen. Und ich möchte alle Frauen und Mädchen ermuntern, schon diese kleinen Schritte jeden Tag im Alltag zu üben und sich selbst zu stärken, gerade wenn frau Übergriffe erlebt hat: selbstverständlich unseren eigenen Raum einfordern, gelassen dabei bleiben, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn uns das Wort abgeschnitten wird, sondern wieder das Wort in möglichst ruhiger Tonlage ergreifen, sich nicht kleiner machen (kein Rehblick, keine Piepsstimme, keine Ich-fall-gleich-um-Haltung) und sich auch lautstark zur Wehr setzen, wenn Grenzen überschritten werden. Lasst es nicht für uns peinlich, unangenehm, schockierend oder betäubend sein! Im Gedränge, beim Arzt, im Club, auf der Straße: Es ist der Angreifer (oder ganz selten die Angreiferin) der sich schämen soll, dem es peinlich, unangenehm und sonst noch was sein soll, muss!
Für einsame Situationen: Rücken gerade, Kopf hoch, Selbstbewusstsein ausstrahlen; im Notfall: sehr laut schreien, Selbstverteidigung mit allen fiesen Mitteln, und schnell weglaufen!

Ich hoffe sehr, dass sich alle, die schlimme Übergriffe erleben mussten, nicht durch meinen Text missverstanden fühlen, oder verletzt. Das ist nicht meine Absicht und ich würde am liebsten jeder/m einzelner/m helfen wollen und beistehen. Und ich weiß auch, dass es leider Situationen gibt, in denen all diese wohlmeinenden Ratschläge nicht helfen. Dass es leider, leider noch immer strukturell in unserer Gesellschaft drinsitzt.

Take care!

Ivana Milos ist Kostümbildnerin

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