Auf dem Bahnsteig: Zu zweit sind wir stark

Das war nicht okay, was er gemacht hat. Ich saß auf dem Bahnsteig in einer Kleinstadt, hatte gerade einen Zug verpasst, musste eineinhalb Stunden warten, nur am anderen Ende des Bahnsteigs war noch jemand. Ich saß auf einem dieser Metallsitze, las ein Buch. „Sternstunde“ hieß es. Es war nicht sonderlich spannend, also nicht so spannend, dass man alles um sich rum vergisst, es war mehr so das Buch, das man liest und das einem jetzt helfen soll, neunzig Minuten nicht endlos erscheinen zu lassen, aber langweilig genug, dass man sich auch gerne ablenken lässt. Deshalb hab ich den Mann, der sich auf dem Bahnsteig näherte, auch schon von Weitem gesehen. Und zack, wusste ich, Vorsicht. Das ist so komisch, dass ich meistens sofort weiß, wenn ich einen Mann im Auge behalten muss.

Er setzte sich ans andere Ende der Bank und ich tat so, als lese ich weiter, aber in Wirklichkeit beobachtete ich ihn. Hätte ich das nicht getan, es wäre vielleicht nicht gut ausgegangen. Denn plötzlich sprang er auf, stürzte sich auf mich, seine Hände so krallig, als wolle er jetzt in meine Brüste fassen. Ich bin gut in Sport, ich sprang auch auf und schleuderte ihm das Buch ins Gesicht, rannte den Bahnsteig entlang auf die andere Person zu, es war eine Frau, dick mit einer Einkaufstasche. Ich sagte, helfen Sie mir, der Typ wollte mich anfassen. Die Frau guckte mich an, zu lange, um mir Vertrauen zu geben, ich dachte, vergiss es, die ist so blöd, lässt alles mit sich machen, wollte schon die Treppe runter, da sagte sie, „beruhige dich, zu zweit sind wir stark.“

Jetzt war ich wieder geschockt, weil ich sie für blöd gehalten hatte.

Anne S., 17. Schülerin

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