vonheimweg 28.04.2017

Heimweg

Nahezu jede Frau hat schon einmal sexuelle Übergriffe erlebt. Wir wollen Ihnen eine Stimme geben. Schreiben Sie an heimweg@taz.de.

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Die Geschichte, die ich erzählen will, ist schon eine Weile her. Ich ging noch zur Schule damals, kurz vor dem Abi. Aber sie geschah auf dem Heimweg. Und sie hat mich mein bisheriges Leben begleitet.

Es war nach eine Stadtfest in der nahen Kleinstadt. Es war schön gewesen, wir hatten gefeiert, auch getrunken. Nicht viel, aber alles schien leicht.

Deshalb entschied ich mich auch, fast schon in der Dämmerung am frühen Morgen, zu Fuß in das drei Kilometer entfernte Dorf zu gehen, wo ich wohnte, obwohl mir meine Füße vom Tanzen ziemlich weh taten.

Wegen der schmerzenden Füße zog ich die Schuhe aus, ging barfuß, fühlte mich frei. Auf halber Strecke hielt ein Auto neben mir, es war unser Nachbar vom Dorf, älter als ich, groß, stark, mit voller Kraft. Ich könne einsteigen, er fahre auch nach Hause. Immer wieder spiele ich den Augenblick durch. Ich hatte so ein Nichtverhältnis zu ihm, so eine fremdelnde Vertrautheit. Man kannte sich und doch hatte man nichts miteinander zu tun. Neinsagen war irgendwie nicht angesagt und Jasagen auch nicht. Am Ende entschieden meine Füße, ich stieg ein.

Er fuhr los, sagte dann aber, „komm, lass uns den Sonnenaufgang auf dem Kapellenberg angucken“. „Äh, ach lieber nicht“, meine Antwort. Sie war uneindeutig, das sehe ich heute auch so. Er fuhr den Berg hoch. Zur Kapelle. Die Vögel zwitscherten schon, der Horizont war leicht erhellt, eine halbe Stunde bis Sonnenaufgang würde es dauern. Plötzlich war mir unwohl, eine halbe Stunde, hier mit ihm. „Lass uns raus gehen“, sagte ich, es war wie so als bräuchte ich Luft, als würde mir alles zu eng. Da war es schon zu spät. Er warf sich auf mich. „Nein“, schrie ich. „Ach komm“, sagte er, krallte mich, riss mir die Bluse auf. Den Rest kann ich immer noch nicht aussprechen.

Alberta S., 47 Jahre alt

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https://blogs.taz.de/heimweg/2017/04/28/an-der-kapelle-er-warf-sich-auf-mich/

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