In der Wohnung: Er will in mich eindringen

Vielen Dank, dass ihr den Menschen die Möglichkeit gebt, hier zu erzählen, was ihnen passiert ist. Meine Gedanken zu ordnen und aufzuschreiben, hat mir geholfen, klarer zu denken. Es ist drei Monate und ein paar Tage her. Bei meiner Suche nach anderen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen wie meiner und nach Solidarität, damit ich nicht weiter in meinen (Selbst)zweifeln und wirren Gedanken versinke, bin ich auf diese Seite gestoßen. Hier habe ich von Erlebnissen gelesen, die meinem sehr ähneln, die mich traurig aber gleichzeitig auch mutig gemacht und den Wunsch geweckt haben, aufzuschreiben was mir an jenem Sonntagmorgen passiert ist.

Ich studiere erst seit kurzem an dieser Universität in einem anderen Land, mehr als 10.000 Kilometer entfernt von zu Hause. Meine neuen MitbewohnerInnen und ich waren sofort auf einer Wellenlänge und haben die ersten Nächte bei Wein und Bier geredet und geredet, über alles und die Welt.

An diesem einen Samstag vor etwa drei Monaten fahren mein Mitbewohner, ich nenne ihn mal Sebastian, und ich mit einer Gruppe seiner Freunde zu einem guten Freund, der hier Felipe heißt, in die Wohnung. Wir wollen tanzen, etwas trinken und dann gemeinsam weggehen. Es gibt Bier und Felipe schenkt eine Runde Schnaps nach der anderen aus. Nach kurzer Zeit bemerke ich die ersten Anzeichen für einen beginnenden Rausch. Gegen Mitternacht gehen wir in eine nahe gelegene Bar. Die Musik ist mitreißend, die Atmosphäre und die Stimmung ausgelassen. Ich fühle mich angekommen und befreit von dem Druck neue Kontakte knüpfen zu müssen, den ich zu Beginn empfunden hatte.

Als die Bar um drei Uhr morgens schließt, hakt sich Sebastian bei mir unter und wir gehen gemeinsam zurück in die Wohnung von Felipe, um noch etwas Musik zu hören, zu tanzen und den Sonnenaufgang auf dem Dach zu beobachten. Sebastian schläft irgendwann auf dem Sofa ein, die meisten Gäste gehen, wir sind noch zu viert: Ich, ein Freund der Gruppe namens Cisco, Felipe und Anna. Anna ist auch Deutsche und wie ich später erfahre, so etwas wie Felipes Freundin.

Felipe fordert mich wieder und wieder auf, mit ihm zu tanzen, wir flirten. Ich bin müde und immer noch benebelt vom Alkohol. Während wir tanzen, lässt er seine Hände über meine Hüfte und meinen Po wandern, das war okay so. Als er mir an den Busen fasst und mir schmerzhaft in die Brust kneift, merke ich sofort, dass er eine Grenze übertritt. Meine Grenze. Aber ich weigere mich nicht, ich wehre mich nicht, ich weiß nicht warum. Als er mich küssen will, drehe ich meinen Kopf zur Seite. Statt meinen Mund, küsst er meinen Hals. Sebastian schläft tief und fest. Es wird bereits hell, als ich mir eine Decke nehme, mich auf das andere Sofa lege, das direkt neben dem von Sebastian steht, und noch im selben Moment einschlafe. Ich weiß nicht, wann die anderen schlafen gegangen sind.

Als ich aufwache, läuft die Musik immer noch. Die Sonne prallt gegen die Fenster und mir ist wahnsinnig heiß und schlecht. Im ersten Moment weiß ich nicht, wo ich bin. Meine Augen sind verklebt, ich habe tief geschlafen. Mit meinem Gesicht zur Rückenlehne gewandt, höre ich ihn hinter mir atmen. Ich bin aufgewacht, weil Felipe vor dem Sofa kniet, meine Hose herunter gezogen hat und mich schnell, grob und brutal mit seinen Fingern penetriert. Es tut weh. Ich erstarre in meiner Position, ich habe das Gefühl mein Gehirn verkrampft, ich kann nicht denken.

Er küsst wieder meinen Hals. Mein Herz beginnt zu rasen und meine Haut zu schwitzen, als er seine Hose öffnet. Es ist eine blaue Surfshorts mit einem Klettverschluss vorne. Er will in mich eindringen. Ich kriege Panik, drücke mit beiden Händen gegen seine Brust und sage zum ersten Mal klar Nein. In seiner Sprache. Ich will ihn nicht wütend machen. Was, wenn er wütend wird? Ich sage Nein, nicht so, nicht ohne Kondom. Im Nachhinein habe ich mich für diesen Satz geschämt, denn er klingt so, als ob ich an sich einverstanden gewesen wäre. Ich wollte ihn nicht wütend machen.

Meine Psychologin meinte später, dass dieser Satz mich vielleicht vor Schlimmerem bewahrt hat und ein Zeichen für meinen Selbstschutzmechanismus ist.
Als ich anfange zu sprechen schaut Felipe zu Sebastian, um zu sehen, ob er aufwacht. Er schläft immer noch auf dem anderen Sofa neben mir. Warum ich nicht geschrien habe? Ich weiß es selbst nicht. Diese Person da auf dem Sofa, das war nicht ich. Felipe grinst. Er hat seine Hand immer noch zwischen meinen Beinen, als er sich schließlich über mich beugt, mich zwischen sich und dem Sofa einengt und mir seinen Penis in den Mund drückt. Ich weiß nicht wie mir geschieht. Mich überkommt ein unglaublicher Ekel, alles dreht sich und mir wird immer schlechter. Der Klettverschluss kratzt auf meiner Wange, meine Vagina schmerzt und brennt unter seiner Hand, ich liege wie erstarrt da und kann kaum atmen. Vielleicht vergehen so 10 Sekunden, vielleicht 5 Minuten. Die Sonne brennt auf meinen Beinen. Er versucht noch ein zweites Mal mit seinem Penis in mich einzudringen und ich wiederhole, dass ich das nicht will. Er lehnt sich vor und sagt leise in mein Ohr: Dann halt ein anderes mal.

Als er endlich geht, ziehe ich meine Hose hoch und bleibe regungslos, mit geschlossenen Augen und flach atmend liegen. Als ich nach einiger Zeit die Augen wieder öffne, steht er am anderen Ende des Raumes und beobachtet mich. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Als ich endlich eine Tür zugehen höre, stehe ich auf und gehe ins Bad, um mir das Gesicht zu waschen. Ich ziehe meine Jacke an, wecke Sebastian und wir gehen nach Hause. Noch auf dem Heimweg, sage ich ihm, dass etwas passiert ist. Zwei Tage später liege ich spät abends im Bett, als mein Handy klingelt. Eine Benachrichtigung von Facebook: Felipe hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt. Mich überkommt erneut Panik. Ich fange am ganzen Körper zu zittern. Er hat mich gesucht. Es fühlt sich an, als wäre er ganz nahe. Was bezweckt er damit? Was will er von mir? Was denkt er, was passiert ist? Sebastian löscht die Anfrage, blockiert ihn und bleibt bei mir, bis ich mich wieder beruhigt habe. Am nächsten Tag bin ich das erste Mal wütend.

Seitdem war ich mehrmals bei einer Psychologin in einem Frauenhaus. Vor ein paar Wochen habe ich Anzeige erstattet. Ich glaube, das Geräusch des Klettverschlusses wird für immer in meinem Kopf bleiben. Ich habe Angst, ihm auf der Straße zu begegnen, er wohnt nicht weit von meiner Wohnung.

Studentin, 24 Jahre alt

Kommentare sind geschlossen.