Suum Cuique

von Daniel Erk

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Moral ist bekanntlich ein hohes Ross und das geht einem dann und wann möglicherweise auch einmal durch, selbst den Gerechtesten, Genauesten, Aufrichtigsten. Wann das aber tatsächlich der Fall ist, wo die berechtigte Anklage beginnt und wo das feige Maulaffenfeilhalten, darüber kann man sich diverse Köpfe zerbrechen, mindestens so viele, wie darüber bereits zerbrochen wurden.

Ein interessantes Beispiel findet sich in dieser Woche in der mit Recht viel geliebten und gelobten Riesenmaschine. In einer Mischung aus Werbe- und Moralkritik schreibt dort Sascha Lobo über den aktuellen Ikea-Katalog:

Aber dass mitten im bunten Reigen der Überschriften der bekannte KZ-Spruch “Jedem das Seine” zu finden ist, das ist niemandem aufgefallen. Wir warten auf die Tischdecke “Maidanek” und die Dekortapete “Buchenwald”.

Wenig überraschend ist zustimmende Empörung garantiert. Doch mit welchem Recht? Wie unter dem Beitrag mehr und mehr Kommentatoren vermerken, ist die Formel “Jedem das Seine” viel älter als der Nazismus und in seiner Entstehung jedes Antisemitismus und sonstiger Feindlichkeit unverdächtig:

Der römische Rechtsgelehrte Domitius Ulpianus nutzte die Formel, um den Sinn von Rechtssprechung an sich zu beschreiben: Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi. – Die Gerechtigkeit ist der beständige und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zukommen zu lassen.

Darum ging es den Nazis im eigentlichen Sinne nun nicht, auf eine nur pervers zu nennende Weise jedoch schon: Während es Ulpian und den diese ähnliche Verstehenden – unter anderem Platon, Aristoteles, Cato, Seneca, Cicero, Paulus, Hobbes, Spinoza, Kant und Nietzsche – darum ging, Recht individuell zu denken und jedem im vollkommen unironischen Sinne das zukommen zu lassen, was ihm zustehe, verstanden die Nazis “Jedem das Seine” in ihrem Rassen- und Kollektivdenken als Rechtfertigung ihres Treibens: Juden, Kommunisten, Schwule, Lesben, Sozialdemokraten, Sinti und Roma hatten es nicht anders verdient, waren “selbst schuld”.
Darüber, ob das Suum Cuique von den Nazis missbraucht wurde oder ob die Nutzung in Nazideutschland quasi logisch an das Machtverständnis des Mittelalters anschließt, lassen sich nicht alleine ganze Abhandlungen schreiben – es ist schon längst passiert.

Vielschichtigkeit von Geschichte nun hin- oder her: Zu alleroberst in unserem Geschichtsbewusstsein liegt nun – und vorerst auch weiterhin – die Lehre um, über und gegen Nazideutschland. Man kann noch so oft – guten oder schlechten Zieles – darauf verweisen, dass das Hakenkreuz ja eigentlich, eigentlich ein sehr altes, total positives Symbol ist – das macht die Skinheads mit den Swastikatätowierungen im Stiernacken nicht zu indischen Sonnengottesanbetern. Und im Grunde ist eine anstrengenden, schwierige und für immer bleibende Frage der Schlüssel zur Problematik, nämlich: Wie ist’s gemeint?

Allen Mutmaßungen über die strukturellen Verknüpfungen von Kapitalismus und Nationalsozialismus zum Trotz, wird man dem schwedischen Möbelhersteller Nazismus nicht vorwerfen können. Da aber der Bezug auf das ulpianische Rechtsdenken ebenso wenig auszumachen ist, muss man Gedankenlosigkeit attestieren. Und das ist ja, und da hat Sascha Lobo nun Recht, bei einem derart aufwendig und kostenintensiven Werk wie dem Ikea-Katalog schon ärgerlich genug.


2 Kommentare zu "Suum Cuique"

  1. Werte Leser und Verfasser,
    der Ausspruch “suum quique” oder Neudeutsch “jedem das seine” mag im 3. Reich auch Konzentrationslager geschmückt haben, jedoch rührt dieser Ausspruch nicht aus dieser Zeit. Bereits weit vor Hitler´s erschreckender Machtphase mit zerstörerischem Ende wurde zu deutschen Kaiserzeiten dieser Wahlspruch in Verbindung mit einem kaiserlichen Orden verwandt. Dieser Orden übrigens schmückt heute in abgewandelter Form jeden Polizeigewerkschaftsaufkleber auf Bundesdeutschen PKW sowie jede Polizeiuniform. Insbesondere die Militärpolizisten der Bundeswehr in Ihrer aktuellsten Fassung tragen diesen Orden als Barrettabzeichen in Verbindung mit dem Spruch “Suum Quique”.

    Was bedeutet also “jedem das seine”? Ganz einfach:
    Der Ordnungshüter ist gehalten darauf zu achten, das jedem Bürger und auch jedem Missetäter das zu teil wird, was er verdient hat. Straftäter werden Ihrer, nach BGB, StGB und anderen Gesetzestexten lautenden gerechten Strafe zugeführt und Geschädigte Bürger sollen entschädigt bzw. von vorne herein vor Ungerechtigkeit geschützt werden.

    Wer also versucht hinter den Werbetexten IKEA´s Nazi-Propaganda zu erkennen wissen, hat meiner Meinung nach nicht´s anderes als linke Propaganda im Sinne und sollte eher gewaltlos ein Haus besetzen, idealerweise eines und Denkmalschutz stehend, welches durch Bestechlichkeit auf kommunaler Ebene abgerissen werden soll.

    Also, bevor man schreibt, empfehle ich, sich nicht dieses gefährliche Wikipedia-Halbwissen anzueignen sondern einmal mehr ordentlich zu recherchieren und seriöse Quellen zu Rate zu ziehen, zu subsumieren und dann ein faires Urteil zu fällen.

    Also: in diesem Sinne:
    sehen…..hören….denken…..kontrollieren….handeln…..

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