Yes, we’re shooting
von Daniel ErkIch war bisher eigentlich ein Freund der Idee, die hinter dem Berliner “Denkmal für die ermordeten Juden Europas” von Peter Eisenman, steckte: Eben keine Kranzabladestelle, kein Ort der erzwungenen Trauer, kein Platz des billigen Pathos, kein Postkartenmotiv, das ohne Erklärung bleiben könnte. Oder wie Eisenman selbst sagte:
»Ausmaß und Maßstab des Holocaust machen jeden Versuch, ihn mit traditionellen Mitteln zu repräsentieren, unweigerlich zu einem aussichtslosen Unterfangen. [...] Unser Denkmal versucht, eine neue Idee der Erinnerung zu entwickeln, die sich deutlich von Nostalgie unterscheidet. [...] Heute können wir die Vergangenheit nur durch eine Manifestation in der Gegenwart verstehen.« (Peter Eisenman, 1998)
Wichtig war dabei, für mich, auch ein Erlebnis kurz nach der Eröffnung des Stelenfeldes, bei dem eine prekarisierte Schulklasse und ordentlich angezogene Studenten die Hauptrollen spielten. Die Jugendlichen tobten und sprangen damals in ihren teuren Turnschuhen und Armyhosen, bis einer der Studenten drei, vier Sätze mit ihnen wechselte. Dann war Ruhe, beeindruckende Ruhe. Ich fragte den Studenten – übrigens ein Politologe der Bundeswehr-Universität in Hamburg und im Rahmen eines Seminars zu politischer Erinnerungskultur vor Ort – was er gesagt habe. “Ich habe gefragt, ob sie wüssten, wo sie seien und was der Ort bedeute. Dann war Ruhe.”
Ich war beeindruckt. Der Ort war in diesem Moment ideal bespielt worden: Durch Zivilcourage und Nachdenklichkeit, durch Aussprache statt kollektivem Schweigen. Ich war angetan, wirklich, ich dachte: Das Mahnmal ist ein Mahnmal – und es ist schlau. Das muss man erst einmal schaffen.
Seit heute zweifele ich. Als ich am Mahnmal vorbeiging, sah ich eine junge Frau auf einer der Stelen ihren Rock raffen. Ein Mann mit großer Kamera rief ihr Dinge zu und photographierte mit einer sehr großen Kamera, die an einen silbrigglänzenden Angebercomputer angeschlossen war. Assistenten standen dabei, hielten Spiegel und Garderobe, die gesamte Belegschaft war asiatisch und als ich sie ansprach, ob sie an diesem Ort wirklich Modephotos machen würden, sagte die Assistentin, wie Modephotoassistentinnen eben gerne versucht “von oben herab” plappern: Yes, we’re shooting.
Ich sagte zwei Sätze, sagte es sei geschmacklos und fragte, ob sie denn wüssten, wo sie seien. Sie verstanden nicht, was ich wollte. Sagten nein, zuckten mit den Schultern, schauten entschuldigend und machten Photos. Drumherum: Schulklassen, ältere Paare, Touristen, Busfahrer. Es hat niemanden gestört. Alle haben geschwiegen und genau das war es, was mein Gerede der Lächerlichkeit preisgab: Die Gleichgültigkeit, das greifbare “Ach, ist doch nicht so schlimm, was soll’s spiel’ dich nicht so auf”. Ich ging.
Das Mahnmal, es ist nicht Schuld und weiterhin richtig und gut: Wenn es all diese Menschen so wenig interessiert, worum es geht und wie man sich verhalten könnte: Dann hat diese wegschauende Stadt, dann hat dieses feige Land auch kein Mahnmal, keinen Ort der Einsicht, verdient.
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Wie Sie schon im ersten Satz formulierten, ist das Mahnmal “ohne Erklärung geblieben”, ein Stelenfeld, das sich nicht von selbst erklärt. Tatsächlich suchte ich bei meinem Besuch vor kurzem eine Erklärung, eine Tafel etwa, die Auskunft gibt über die Intention und Hintergrund des Bauwerks. Eine Erläuterung, worauf ich mich bei meinem Besuch einlassen soll. Leider hatte ich keinen Erfolg. Somit bleibt das Mahnmal doch nicht nur mir eine Erklärung schuldig, und leider verstehen das viele Menschen offensichtlich als Einladung, es als bloße Ansammlung von quadratischen Steinen zu sehen – und entsprechend zu nutzen.
Ich finde, dass die Planer und Bauherren in der Bringschuld dieser Erklärung stehen, zumal in dieser “schnelllebigen” Gesellschaft auch solche wichtigen Instrumente der Erinnerung viel zu unbedacht konsumiert werden. Wenn ein bestimmter Eindruck bei den besuchenden Menschen erreicht werden soll, und das traue ich dem Stelenfeld zu, hätte nicht so viel der freien Interpretation überlassen sollen.
Wie Sie schon im ersten Satz formulierten, ist das Mahnmal “ohne Erklärung geblieben”, ein Stelenfeld, das sich nicht von selbst erklärt. Tatsächlich suchte ich bei meinem Besuch vor kurzem eine Erklärung, eine Tafel etwa, die Auskunft gibt über die Intention und Hintergrund des Bauwerks. Eine Erläuterung, worauf ich mich einlassen soll. Leider hatte ich keinen Erfolg. Somit bleibt das Mahnmal doch nicht nur mir eine Erklärung schuldig, und leider verstehen das viele Menschen offensichtlich als Einladung, es als bloße Ansammlung von quadratischen Steinen zu sehen – und entsprechend zu nutzen.
Ich finde, dass die Planer und Bauherren in der Bringschuld dieser Erklärung stehen, zumal in dieser “schnelllebigen” Gesellschaft auch solche wichtigen Instrumente der Erinnerung viel zu unbedacht konsumiert werden. Wenn ein bestimmter Eindruck bei den besuchenden Menschen erreicht werden soll, und das traue ich diesem Stelenfeld zu, hätte nicht so viel der freien Interpretation überlassen sollen.
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ich hab am stelenfeld mal einen beitrag für watch-berlin gedreht. nach 10 minuten kamen ein uniformierter ordner und einer der ziemlich offiziell aussah, mit namensschildchen und wichtigtuergesicht. wir wurden gefragt was wir machten, ob wir eine genehmigung hätten und ob wir andere leute filmten oder interviewten. andere leute zu interviewen sei „natürlich“ verboten, wenn wir nur mich drehten wäre das ok.
mit anderen worten: das shooting war mit ziemlicher sicherheit von der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ die das mahnmal betreibt genehmigt, sonst wären die nach 10 minuten rausgeflogen. die kritik sollte desahlb meiner meinung nach eher an die adresse der stiftung gehen, wobei ich ehrlichgesagt der meinung bin, dass diese offenheit, das denkmal so zu benutzen wie man mag, das eigentlich sensationelle am denkmal ist. eisenman geht ja sogar so weit zu sagen, wenn das denkmal beschmiert würde sei das ok, weil es die haltung der menschen reflektiere. gerade das fehlen eines pädagogischen aspekts, das sich auf die wahrnehmung der menschen, das subjektive empfinden verlassen, finde ich grandios und mutig.
die aufklärung, die erinnerung, die dokumenetaion der nazi-verbrechen muss weitergehen. aber nicht am mahnmal mit erklärbär-tafeln und zeigefinger-scheiss. abgesehen davon findet man massig gedenktafeln im untergeschoss des denkmals.
stimme “ix” vollinhaltlich zu!