Unser Hitler soll schöner werden (oder: Kann man den Führer so stehen lassen?)

von Daniel Erk

Der Trubel um die Eröffnung von Madame Tussauds in Berlin zeigt: Auch als Wachsfigur wird Adolf Hitler noch allerhand zugetraut.

Wer mit einer öffentlichen Veranstaltung in die Presse will, der lädt sich einen Stargast ein. Und wer auf die Titelseiten will, der wählt jemanden zum Stargast, der zumindest umstritten, wenn nicht gar verhasst ist. Insofern muss man der neuen Berliner Dependance der traditionell Londoner Wachsfigurenschau von Madame Tussauds zumindest unter Gesichtspunkten der Öffentlichkeitsarbeit professionelle Arbeit zugute halten. Im Fokus der deutschen Medien war die Eröffnung in den letzten Tagen jedenfalls zur genüge und das allein wegen eines, zudem längst toten Mannes: Adolf Hitler.

Selbst wenn die allgemeine Ereiferung nicht von langer Hand kalkuliert war, sie war immens. Johannes Tuchel, immerhin Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, hält es „für überflüssig und geschmacklos, Hitler in einem Wachsfigurenkabinett zu zeigen.” Der CDU-Kulturpolitiker Michael Braun will eine „Geschmacklosigkeit sondergleichen“ ausgemacht haben während Lea Rosh, die Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas, meint: „Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte darf nicht zu Konsum und Unterhaltung werden.“ Und Madame Tussauds? Hat bereits zugesagt, jede Berührung oder Photographie des Führers aus Wachs zu unterbinden.

Das klingt zunächst sehr hehr und aufrichtig, beantwortet die Frage, worin die Geschmacklosigkeit denn nun bestehe, allerdings nicht. Dem Bohai liegen nämlich zunächst gleich zwei Missverständnisse zu Grunde: Zum einen, dass es sich bei Madame Tussauds Figurensammlung um eine Ahnengalerie, ein wächsernes Walhalla handele (was dann auch hinsichtlich Walter Ulbricht oder Otto von Bismarck Fragen aufwürfe, die aber stellt keiner). Vor allem aber, dass die Tabuisierung Hitlers einen positiven Effekt hätte.

Das aber darf bezweifelt werden und nicht allein, weil sowohl auf Provokation versessene Halbstarke als auch eingefleischte Hitlerfaschisten, durch die bloße Abwesenheit des Wachsführers bessere Menschen würden. Und auch dass zuvor grunddemokratische und antifaschistische Mitbürger beim zudem verzweifelt zusammengesunkenen Tussauds-Gröfaz zu glühenden Neonazis würden: reichlich unwahrscheinlich.

Wie dem Sujet stattdessen und wesentlich souveräner umgegangen werden kann, zeigt derweil eine Kunstschau in London. In der White Cube Galerie 13 präsentieren die durchaus auf Krawall gebürsteten Brüder Jake und Dinos Chapman – neben Damien Hirst aktuell die Stars der englischen Kunst – nazideutsche Massakerszenerien an deren Rand Adolf Hitler Aquarelle malt – alles en Miniatur. Noch spektakulärer: Für umgerechnet rund 147.000 Euro hatte die Galerie die Originalaquarelle aus dem künstlerischen Oeuvre Hitlers erworben und an denen machten sich die Brüder Chapman dann zu schaffen. Ein Bild der Wiener Karlskirche wurde mit einer psychedelisch leuchtende Sonne, eine Blumenstudien Hitlers mit Sternchen und die Landschaftsbilder Hitlers mit Regenbögen verziert. Die Schau heißt folgerichtig „If Hitler Had Been a Hippy How Happy Would We Be“, der Wert der Bilder ist bereits auf den sechsfachen Wert gestiegen.

Während in Berlin Ekel und Faszination vorherrschen (eine repräsentative Befragung im Auftrag von Madame Tussauds soll immerhin ergeben haben, dass die Besucher Hitler sehen wollen) und man den weiterhin bekanntesten Politiker Deutschlands lieber unter den Teppich kehren oder, wenn überhaupt, mit Pinzetten anfassen mag, geht man die Thematik in England frontal an. Die Zeichen Nazideutschlands werden, ganz im Sinne des französischen Zeichentheoretiker Roland Barthes, schlichtweg entstellt. Von soviel Respektlosigkeit aber ist Berlin, ist Deutschland weit entfernt. Zumindest dann, wenn die Mikrophone der Presse an sind.

Immerhin Julius H. Schoeps, Leiter des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums, attestiert, man müsse sich nicht über jeden Schwachsinn aufregen. Vor allem da Adolf Hitler im Hamburger „Panoptikum“ längst als Wachskamerad zu sehen ist. Seit 1948.

(Dank an Frederic/via)


3 Kommentare zu "Unser Hitler soll schöner werden (oder: Kann man den Führer so stehen lassen?)"

  1. Hitler steht übrigens schon lange in Madame Tussauds. War vor 4 Jahren da und zu diesem Zeitpunkt stand die Figur schon.

    Was ich allerdings kritisch fand: Das der ein oder andere Touri sich neben Hitler gestellt hat und sich mit Hitlergruß hat fotografieren lassen…

  2. Was ich mich bei dieser vorhersehbaren Operetten-Empörung immer frage: Auf welche Vokabeln greift man als Empörter zurück, wenn mal etwas wirklich empörenswertes und skandalöses geschieht? Und: Wer hört einem dann noch zu?

  3. Ich denke es geht hier gar nicht darum, wem die Ausstellung der Hitler-Wachsfigur schadet, nicht schadet, hilft oder nicht hilft.
    Es ist doch eine Frage des Kontextes.
    Ist es richtig, Hitler als Wachsfigur zu Unterhaltungszwecken auszustellen?
    Im Wachsfigurenkabinett gibt es keinen historisch-politischen Anspruch, sondern es geht um Show und Unterhaltung.
    Ich kann gut verstehen dass dies als Geschmacklosigkeit verstanden wird. Viele Argumente für die Hitlerfigur enthalten eine Kritik am Umgang der Deutschen mit der Vergangenheit. Man solle “sich nicht so anstellen”, sich “über so einen Schwachsinn nicht aufregen”.
    Aber merkt man nicht gerade an diesen Reaktionen, dass dieses Kapitel der deutschen Vergangenheit einfach nicht verarbeitet ist? Wie sollen solche Verbrechen an Menschen auch verarbeitet werden? Ich denke darauf muss in dieser Diskussion Rücksicht genommen werden.
    Deutschland hat nun mal die Verantwortung, den Nationalsozialismus nicht vergessen zu lassen und gleichzeitig die eigene Verarbeitung der Vergangenheit voranzutreiben. Kann dies in einem Wachsfigurenkabinett geschehen?
    Anstatt diejenigen zu kritisieren die moralisch Anstoß nehmen an der Ausstellung Hitlers zu Unterhaltungszwecken sollte man genau diese Meinungen respektieren und überlegen, welche anderen Mittel zur Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit zur Verfügung stehen oder neu entwickelt werden müssen.

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