Der GröFAZ der Löwen

von Daniel Erk

Ein (hier längst behandeltes) Werbeplakat, das mit Hitler für einen Textmarker wirbt, hat nun einerseits einen “Löwen” in Cannes (einen Werbepreis) gewonnen und andererseits den Antifaschismusreflex der Kommentatoren auf Off-the-record (einem Werbeblog) geweckt. Auf eine Weise ist das unterhaltsam zu verfolgen: Im Beitrag selbst ist von “völliger Inkompetenz” die Rede, in den Kommentaren geht es recht fix kulturrealtivierende zur Sache und am Ende geht es vor allem um die Frage, ob das Motiv eine Anzeige oder ein Plakat sei – als ob das zur moralischen Bewertung etwas beitrage.

Interessant in all dieser reflexhaften Ablehnung Hitlers ist, wie sehr dieses “Hitler! Oh mein Gott: Hitler!” anscheinend jede reflektierte Auseinandersetzung verhindert. Zunächst einmal das abwegigste aller Mißverständnisse: In Cannes würde die richtige politische Gesinnung bewertet und die nicht der Einfallsreichtum. Hitler hin oder her, die Idee, in einem Text den zum Inhalt gehörenden Kopf – Caput, das Wichtige – hervorzuheben, das ist durchaus clever und auszeichnenswert. Es hat auch mit Hitler nichts zu tun, es wäre auch clever und auszeichnenswert, wenn Oliver Kahn gezeigt werden würde.

Dann die Frage, ob mit Hitler geworben werden dürfe: Schwierig, aber eher eine technische Frage, nämlich ob man mit Hitler werben kann. Wie eben die Debatte auf Off-the-record zeigt, ist die Aufmerksamkeit für Hitlerwerbung zwar irrsinnig hoch, aber ob unterm Strich ein unbedingt guter Ruf rüberkommt, das dürfte doch unklar bleiben. Zumindest in Deutschland, in Indien sieht das natürlich anders aus. Exilkubaner in Miami fänden Ché-Shirts sicher auch nicht so witzig und cool wie Dresdner Studenten, es ist eben – ob man es mag  oder nicht – eine Frage der Perspektive, Kultur, Nähe. Und

Die moralische Bewertung muss zwangsläufig jeder für sich vornehmen, dennoch zwei Anhaltspunkte: Hitler ist, egal ob man das nun begrüßt oder verdammt, eine vorerst bleibende Symbol, ein dunkler Politstar mit Wiedererkennungswert. Solche Semiotik ist der Baukasten jeder guten Werbung, Punktum. Daraus kann man, wie im gezeigten Beispiel, das Fehlen einer gewissen Sensibilität herauslesen (die allerdings in Deutschland auch sonderlich ausgeprägt ist), eine inhärente Wertung darin zu sehen wäre aber vermessen. Ich kann “Hitler” sagen, ohne zwingend “Hitler” gut zu finden. Und im Zweifelsfall ist eine frontale Herangehensweise ans Subjekt, respektlos aber bedacht, eindenk der Geschichte, aber klar in der Sache, viel hilfreicher als ein unüberlegter und schlecht zu begründender Pseudoantifaschismus.

(Danke, Mart!)


10 Kommentare zu "Der GröFAZ der Löwen"

  1. Danke für den klugen Artikel.

    PS: Ein Spießer würde jetzt kommentieren, dass ihr ja gar keine Ahnung habt, weil ihr in der ersten Zeile Hitler mit Hilter verwechselt.

  2. Pingback: triebkopf » Wie man sich bei Redakteuren unbeliebt macht.

  3. guter text, daniel!

  4. Viel trauriger ist, dass die prämierte Werbeidee ziemlich alt ist. Klassisches Schmuckstück so mancher Studenten WG der 80ger und 90ger Jahre war ein Plakat mit dem kommunistischen Manifest, bei dem durch fett gedruckte Buchstaben die Köpfe von Marx und Engels hervortraten.
    P.S.: Dies soll KEINE totalismustheoretische Relativierung des NS sein.

  5. Ach ja, die taz, die Trübeste Anzunehmende Zeitung – die BILD ist keine Zeitung. Seid Ihr in letzter Zeit von Horst Mahlers unterwandert? Erst mimt Ihr die Anhungslosen in der Frage, was es denn mit ‘Onkel Tom’ auf sich hätte, dann wiederholt Ihr den Mist auch noch. Und nun ist es schön, wenn man “subversiv” mit einem der menschenverachtendsten Massenmörder Geld scheffeln kann.

    Verstanden hätte ich Eure Verteidigung ja, wenn der Kopf Stalins aufgetaucht wäre …

    Selbstverständlich kann und darf man Hitler sagen, zeigen und veralbern. Aber eben nicht wertneutral (das ginge auch gar nicht) oder zustimmend oder, am Schlimmsten, irgendwie so wattig oder so. Es hilft dann auch nicht, eine Entschuldigung im Werbemittel zu verstecken – nach dem guten alten deutschen (Nachkriegs-)Motto: ‘Wieso, ich hatte doch ‘nen Juden im Keller.’

    Auch die Intention, so gern von Postmodernisten und Kulturrelativisten abgelehnt, spielt eine Rolle. Chaplin und Lubitsch wollten die Lächerlichkeit und Monstrosität des Zwerges mit Rotzbremse zeigen. Sogar diese beiden in dieser Angelgeneheit über jeden Zweifel erhabenen meinten später, sie hätten es gelassen, wäre ihnen klar gewesen, was dieser Mann tatsächlich angerichtet hat.

    Gleiches gilt auch für Stalin, Pol Pot, Mao.

    Werbung, meine Damen und Herren, ist keine Kunst, sie ist ein Geschäft, mit der Intention ein Produkt, eine Dienstleistung zu verkaufen. Das macht einen gewaltigen Unterschied in den Mglichkeiten der Darstellung aus. Hitler – Nein Danke! Außer es geht um Werbung für Massenmord …

  6. die Idee, in einem Text den zum Inhalt gehörenden Kopf – Caput, das Wichtige – hervorzuheben, das ist durchaus clever und auszeichnenswert

    Nur ist diese Idee nicht neu oder innovativ. Ein “Löwe” aus Cannes scheint für diese Grafik doch eher fragwürdig.

    Wer erinnert sich noch an die DINA1 Poster aus dem Karl-Marx-Haus (Trier) bestehend aus dem Text des Kommunistischen Manifestes und dem Portrait Marxens?

    Und nicht, dass mir hier jemand unterstellt Ich würde Karlchen in Adolfs Nähe rücken: Davon will Ich gar nix lesen. Auch nicht mit Portrait drüber.

  7. es hätte des Schreibers Intelligenz ausgezeichnet, wenn er noch darauf hingewiesen hätte, daß Guevara kein Massenmörder und Völkerrechtsbrecher war. Wurde leider versäumt, weswegen der Artikel lächerlich ist. Selbstverständlich kann man mit Hitler nicht werben, wenn damit, wie in dem Bild, der NS popkulturell verharmlost wird. Denn da steht nicht: »Millionen stehen hinter mir«. Sollte eigentlich jedem klar geworden sein, v.a. einem Journalisten. Nun ja, von der taz war man auch mal was besseres gewohnt, war wohl ein Fehler.

  8. Auch wenn Hitler ja gar kein Vegetarier war, trotzdem ein funny Cartoon:

    http://magazine.web.de/de/themen/unterhaltung/comic/perscheid/2701984,page=1.html

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