Schlimmer als Hitlerkrebs

Bankenkrise und Obamawahl scheinen die niedersten Instinkte und Vergleiche im Menschen zu wecken, muss man denken, wenn man die Zusammenstellung der Entgleisung dieser Woche bei Lukas im Blog Coffee And TV liest:

Der niedersächsische Ministerpräsidenten Christian Wulff schwadroniert ausgerechnet wenige Tage vor der 70sten Jährung der Reichspogromnacht ausgerechnet in der Talkshow von Michel Friedman von einer “Pogromstimmung” gegen Manager (“Spiegel Online” berichtet), der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi lobt Barack Obama in seiner Glückwunschrede als “jung, hübsch und gebräunt” (Jörgl Haider, ick hör dir trapsen) und in Österreich will sich der pensionierte ORF-Journalist Klaus Emmerich “nicht von einem Schwarzen in der westlichen Welt dirigieren lassen” und fügt an: “Wenn sie sagen, des ist eine rassistische Bemerkung: richtig, ist gar keine Frage.”

Natürlich, der dumpf-dumme Hitlervergleich (auch der implizite, über die Porgombande gespielte) eine Traditionsgeschichte (Lukas hat sich die Mühe gemacht, einige der Vergleich aufzulisten). Aber lässt sich die nicht irgendwie durchbrechen? John Stewart, hilf!

Und dann war da in Belgien noch dieser Politiker, Michel Delacroix, der rechtsradikalen “Front National”. „Meine kleine Jüdin sitzt in Dachau … sie hat ihr Ghetto verlassen, um lebend verbrannt zu werdensingt Delacroix zur Melodie des Liedes „L’eau vive“ des französischen Chansonniers Guy Bèart. Dazu ist nun wirklich gar nichts mehr zu sagen. Aber wer sind diese Menschen, die einen solchen Politiker wählen? Haben sie Freunde? Ja?

Der Einzig, der angesichts der Obamawahl zu Höchstform aufzulaufen scheint, ist der ohnehin zu verehrende Ahoi Polloi. Die Kärtnerin der Herzen, großartig! Und das hier trifft den Kern von Rassismus wie kaum eine andere Beschreibung, kurz, knapp, komisch.

Update: Die Titanic hat dazu auch was zu sagen…

(Danke, David Sneek/via Coffee And TV/die Grafik ist wie immer toll und wie immer von Ahoi Polloi)

Kommentare (5)

  1. It’s Jon Steward …

  2. Der Nazibezug hinsichtlich des Pogroms ist der naheliegendste, gerade heute. Aber selbst wenn Wulff sich mit dem dritten Reich nicht so gut auskennen würde (was mich verwundern würde), dann wäre die Wendung “Pogrom” im Hinblick auf Manager trotzdem ahnungs- und geschmacklos. Wie kommt er auf die Idee, der Frust über die eigene Machtlosigkeit und die Inkompetenz und Gleichgültigkeit der Manager wäre einem Pogrom ähnlich? Vollkommen abwegig und latent wirr.

  3. Natürlich kann man beim Begriff Pogrom einen Nazi-Bezug herstellen, der ist auch durchaus naheliegend; allerdings kann man den Begriff auch davon unabhängig verwenden. Daraus eine Relativierung der ungeheuren Verbrechen des NS-Regimes abzuleiten ist ein bißchen billig.

  4. Also ja, total unverdächtig! Geradezu absurd, beim Wort “Pogrom” nicht an die Nazis, die Pogromnacht und an Hitler zu denken, statt, sagen wir, vollkommen willkürlich an Doris Schröder-Köpf, Sandra (die Sängerin!) oder den österreichischen Kaiser Franz! Den Wald vor lauter Bäumen!

    Ich allerdings sehe den Bezug durchaus. Und ich sehe es auch als eine der nobelsten Aufgaben jedes Menschen, jedes Deutschen im Speziellen, gegen Antisemitismus zu sein. Insofern ist auch dies schon immer ein Antisemitismusblog.

  5. Der Begriff “Pogrom” ist nun wirklich Hitler-unverdächtig. Der ist etwas östlicher anzusetzen. Wird das hier jetzt ein Antisemitismusblog?