Hitlerine

von Daniel Erk

Wenn man, wie Anne Tismer, einem Theaterstück den Titel “Hitlerine” verpasst, dann geht es einem eher nicht um Differenziertes, Feinfühliges, Komplexes, zumindest nicht in der Wahl der Mittel. Man darf also davon ausgehen, dass es im Prater laut, wild, wirr und irritierend wird, wenn “Hitlerine” auf die Bühne kommt. Und das ist durchaus im Sinne der Erfinderin, auf der Seite der Volksbühne steht nämlich zu lesen:

Hitlerine ist eine radikalmilitante, eitle Egoistin, ausgestattet mit einem beinahe postmodernen Bewusstsein, verkörpert von Aktionskünstlerin Anne Tismer. Irgendwo in Afrika steckt sie fest in einer parallelen Geschichte, in der Adolf nicht vorkommt, aber anderes Schlimmes schon, etwa die Völkermorde zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf dem schwarzen Kontinent. Ihre Anhänger sind die kakka-produzierende Ameise Angelika, der sexy Schwarzafrikaner Marcel, das Bonobo Felix – verkörpert durch Puppen und Mitspieler. Ziel der Gruppe ist es, die Zeit anzuhalten, 1913, als Deutschland noch im Besitz seiner überseeischen Kolonien ist. Gemeinsam will man die Wüstenanholzung Farmville aufbauen und aus den gigantischen Kakka-Fäden der Ameise eine unerschöpfliche Düngerressource erschließen. Aber wie ist es zu schaffen auf derart karrierefeindlichem und entwicklungsunwilligem Terrain?

Ob man gleich einen impliziten Hitlervergleich – Kolonisalismus hier, Holocaust da – vermuten will oder muss, da sei dahingestellt. Fest steht jedenfalls: Der Stein des Anstosses fliegt gegen den Kopf, es darf, nein muss, soll! heftig gestritten, kritisiert und diskutiert werden (hier und hier, z.B.). Man ist ja immerhin an der Volksbühne.


2 Kommentare zu "Hitlerine"

  1. Ich glaube, David Welch erzählt in seinem Artikel “Working towards the Führer” davon, dass es nach Hitlers Wahlsieg 1933 einige Anfragen von deutschen Ehepaaren gab, die ihre Tochter allen ernstes “Hitlerine” nennen wollten: Beleg für die erfolgreiche Corporate Identity-Politik der Nazis. Bin mir jetzt nicht 100pro sicher, dass die Info aus dem Artikel kommt; wer nachschauen will, findet ihn in der Festschrift für Ian Kershaw von Anthony McElligott und Tim Kirk.

  2. Lieber Herr Hirt – herzlichen Dank für den sehr erhellenden Kommentar. Ich erwäge in der Tat, das nachzuschlagen.

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