Das Internet ist ein KZ

von Daniel Erk

Diese Meinung vertritt immerhin Jürgen “Bazon” Johannes Hermann Brock, ehemaliger Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal in einem Interview mit der FAZ:

Vor fünf Jahren wurden Sie für Ihren Vergleich von Internet und GULAG gescholten. Fühlen Sie sich von den Entwicklungen seitdem, etwa durch die sozialen Netzwerke, bestätigt?
Als wir das vor Jahren sagten, haben die Leute uns für verrückt erklärt. Wir waren vor Jahren viel weiter und haben gesagt, dass das, was die Lager der totalitär-faschistischen Regime, des stalinistischen oder des Hitler-Regimes waren, jetzt, als Weltlager, das Netz geworden ist.

Warum genau dürfen alte Männer aus dem Kulturestablishment nochmal sich zu jedem erdenklichen Thema zu Wort melden, gelten als Experten, auch wenn sie offenbar Wirres von sich geben? Liegt darin vielleicht das eigentliche Unbehagen Brocks: Dass im Internet die alten Hegemonien weniger gelten? Und warum befragt mich niemand zu  John Rawls, Hezbollah und Ästhetik? Weiß Brock, was Godwin’s Law ist? Und warum gerät man nicht automatisch ins Abseits, wenn man abseitige KZ-Vergleiche anstellt?

(via)

Update

In ähnlicher Sache, in vollkommen anderem Zusammenhang schreibt Stefan Niggemeier heute übrigens:

Angenommen, jemand schreibt, „der Niggemeier ist schlimmer als Hitler”. Bestimmt müsste ich das nicht hinnehmen. Aber warum sollte ich dagegen vorgehen? Spricht angesichts eines solchen Vergleichs nicht alles dafür, darauf zu vertrauen, dass auch andere Leute ihn für abwegig halten — und der Vergleich nicht mir schadet, sondern demjenigen, der ihn macht?

Ich wünsche mir sehr, Stefan Niggemeier behält da Recht. Ganz ohne Klagen.


13 Kommentare zu "Das Internet ist ein KZ"

  1. Das Schöne ist ja, das das Netz genau diese Form der “Ich-bin-gar-keine-Rhetorik”-Rhetorik schon seit langem kennt, und mit dem deskriptiven Anteil des Godwinschen Gesetzes ja nicht nur präzise beschrieben hat, sondern mit dem normativen Anteil auch noch die einzig angemessene Reaktion etabliert hat: Das Ende der Diskussion.

  2. Hut ab, Herr Brock! Ich musste ja erstmal nachlesen, was da überhaupt für Parallelen gezogen werden könnten zwischen Informations-Broadcasting und Menschen-Vernichtung, aber auch nach der Lektüre des Interviews entzieht sich mir diese Assoziationskette. Das eine schadet bei unsachgemäßer Nutzung der strukturierten Kommunikation, und das andere war ja auch irgendwie so richtig schlecht und böse? Na dann …

  3. Daniel, ich habe diesen Eintrag gerade ergoogelt, nachdem ich bei FAZ.net gewesen war und festgestellt hatte, dass sie still und heimlich jenes Interview von neulich abgeändert hatten. Du kennst nicht mal die halbe Wahrheit, wenn Du nur das Zitat da oben gesehen hast. Das Vorgehen dort ist unter aller Sau.

    Ich hatte mir mal die Mühe gemacht, einen Leserkommentar zu diesem Wirrkopf Bazon Brock zu schreiben, wurde aber nicht freigeschaltet. FAZ.net sollte bei sich die Kommentare schließen, anstatt immer nur diese verfälschten, weichgespülten Wellen an ihren schlimmeren Katastrophen ranzulassen. Immerhin hatte ich im Kommentar den URSPRÜNGLICHEN, damals noch aktuellen Wortlaut zitiert:

    [LESERKOMMENTAR:]

    “[TITELZEILE] Das Netz als GULAG/KZ? Findet Geistesgestörtheit bei der FAZ ein Zuhause?

    Habe schon vor ein, zwei Jahren Bazon Brock mal in einem Radio-Interview über Kunst wie einen Irren herumplärren hören und konnte damals nicht fassen, mit was für einem unflätigen Kerl sich die Moderatorin da abgeben musste. Dieser geistesgestörte Schwachsinn schlägt dem Fass aber den Boden aus:

    “Ja, das Netz ist der neue weltweite GULAG. [...] haben gesagt dass das, was die Lager der totalitär-faschistischen Regime, des stalinistischen oder des Hitler-Regimes waren, jetzt, als Weltlager, das Netz geworden ist. Es ist tatsächlich der GULAG der Gegenwart.”

    [ENDE LESERKOMMENTAR]

    Diese Kritik wird dort nicht veröffentlicht, aber im Interview, dort steht nun plötzlich bloß das, was Du bereits zitierst:

    “Als wir das vor Jahren sagten, haben die Leute uns für verrückt erklärt. Wir waren vor Jahren viel weiter und haben gesagt, dass das, was die Lager der totalitär-faschistischen Regime, jetzt, als Weltlager, das Netz geworden ist. Und es ist extrem gefährlich geworden, dort überhaupt in die Akten zu kommen, auffindbar zu sein.”

    Wie die FAZ auf ihrer Website vorgeht, ist unter aller Sau. Teilweise ungeheuerliche Dinger werden veröffentlicht (ich erinnere hier auch nur mal an ein groß aufgemachtes Akupunkturisten-PR-Interview vom Frühjahr), dem Anlass angemessene Kritik wird unterdrückt, dafür wird dann aber in Fällen wie diesen klammheimlich der kritisierte Text abgeändert. Nicht zum ersten Mal.

  4. Heißt es jetzt Studi- und Schüler-KZ?

    Das wäre konsequent ;-)

  5. Ah, genau, in Gulags drfte man jederzeit offen seine Meinung sagen, konnte sich von Dingen fern halten die einem gefielen und schlimmstenfalls ohne größere Folgen jederzeit gehen…

  6. Ich frage mich ernsthaft, wie man Bazon Brook überhaupt noch Ernst nehmen kann, der Mann mag Unterhaltungswert haben, aber wirklich fundiert sind seine Aussagen selten. Wer das Vergnügen hatte, ihn persönlich kennenzulernen, weiß was gemeint ist.

  7. Stimmt genau!

    Und klar; das ist peinlich … aber ist das sooo schlimm?
    Unterhaltungswert ist doch auch etwas – hat man was zum Lachen!
    Zumal in Zeiten von Finanzkrisen und Schuldenbergen, Sozialkürzun-gen und was die Zukunft sonst noch an Scheußlichkeiten für uns bereit hält, freut man sich doch über jeden Comic!

    Im Übrigen kann man doch auch ein wenig Nachsicht haben mit einem alten Mann!

    Der Dichter Matthias Claudius (glaub ich) sagt dazu:
    “Ein Kind weiß nichts von sich,/ ein Knabe denket nicht:/ ein Jüngling wünschet stets,/ ein Mann hat immer Pflicht./ Ein Alter hat Verdruß/ ein Greis wird wieder Kind/ – ach denke nur, oh Mensch/ was das für Herrlichkeiten sind!”

    Na jedenfalls, s o muß man das eben werten, was Herr Brock zeitweise von sich gibt. Aber wenn man ihn mag – warum auch immer (ja; warum?! – also wenn man an Hermann Jürgen “Bazon” Brock aus welchen Gründen auch immer einen Narren gefressen hat) – dann freut man sich, daß er überhaupt noch irgend etwas sagt, auch wenn es der größte Blödsinn ist. Wirklich!!! Denn das bedeutet immerhin, daß er überhaupt noch lebt. Oder anders ausgedrückt: Man möchte seine Leute behalten, auch wenn sie (er wohl noch nicht) Alzheimer haben … isso!

    P.S. Er sagt ja auch i m m e r n o c h immer einmal wieder etwas Richtiges/ etwas Vernünftiges/ etwas zum Nachdenken Anregendes, auch wenn selbst wir zu unserem Leidwesen feststellen müssen, daß unsere beste Zeit vorbei ist.

  8. Ich auch.

  9. “Gebmse dem Mann am Klavier/ noch´n Bier/ noch´n Bier -//Sange´ihm´s wär von mir/ wär von mir/ wär von mir …”

  10. Äh, hab mich verschrieben! Muß – wenn schon – “Gehmse” heißen und auf jeden Fall “Sangse´ihm”.

  11. Wie ich schon sagte – DER BRAUCHT DAS EBEN – sich in der Öffentlichkeit äußern.

  12. vaschriem.

  13. bazon brock hat auf einen ähnlichen artikel in der NZZ eine replik mit zehn punkten geschrieben: http://blog.rebell.tv/p15154.html zum beispiel:

    9. „Die schleichende Totalitarisierung des Alltags gab es auch in der deutschen Gesellschaft der dreissiger Jahre. Deshalb sind Vergleiche angebracht, deshalb sind Vergleiche wichtig.“

    10. „Mich kränkt, wenn ich von gegnerischen Argumenten nichts lernen kann, sondern zur Unterwerfung unter Dogmen gezwungen werden soll.“

    vilém flusser nannte zeitungen, fernsehen, radio & co umstandlos “faschistische” medien. vielleicht sind diese beispiele ganz gut geeignet, dies zu zeigen… für die einen medien erfüllt ein nackter busen abdrucken zu dürfen die gleiche funktion, wie für andere das wort “hitler”…

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