Das Problem mit Schindlers Liste

Was meinen Sie: Ist Schindlers Liste ein guter Film? Ja – weil er die Grausamkeiten der Holocausts personalisiert, verständlich macht und so erzählt, dass man die Schrecken auch dann spürt, wenn man sich nicht besonders für Geschichte interessiert? Oder eher nicht, weil er banal und zu schlicht ist, weil er ausgerechnet einen gerechten, guten Deutschen zeigt statt die Mörder, weil es auf die Tränendrüsen drückt, wo Klarheit und Wissen von Nöten wäre? Und außerdem im Grunde gar nicht die Geschichte des Holocausts erzählt, sondern eine Geschichte von geretteten Juden? Sie sehen: in der Frage steckt im Grunde alles, was das Thema Aufarbeitung durch die Populärkultur so schwierig, aber auch interessant macht.

Das amerikanisch-jüdische Magazin Tablet, nach eigener Aussage “A New Read on Jewish Life”, ist insgesamt nicht ganz entschieden, was Schindlers Liste angeht: Einerseits wählte das Magazin Spielbergs Film unter die “100 besten jüdischen Filme” (was auch schon nach einer seltsamen Liste klingt – als wäre “jüdisch” ein spezifisches Filmkriterium). Andererseits veröffentlichte es einen Artikel mit der sehr eindeutigen Überschrift “‘Schindler’s List’ Is Everything That’s Wrong With American-Jewish Life” (der blöderweise gerade nicht aufrufbar zu sein scheint; hier ist die Cache-Version). Der Autor der Liste (also, der Filmliste), Liel Leibovitz, schreibt dazu:

“In a brief blurb, I called it an “astoundingly stupid” movie, which, in turn, inspired some of our readers to call me a “piece of shit” and a “neo-Nazi”—all for casting an aspersion on what, if they are to be believed, is everyone’s favorite Holocaust movie.”

So geht es fröhlich austeilend weiter. Schindler, schreibt Leibovitz, sei “a philandering and greedy German who sees a little girl in a red coat and has a nearly instantaneous epiphany, realizing that life is precious and that Jews should be saved. The other is a monster; it’s no coincidence that the American Film Institute ranked Goeth at number 15 in its list of the 100 greatest villains of all time, just one spot below the slimy creature who terrorized Sigourney Weaver in Ridley Scott’s Alien.”

Dabei zitiert Leibovitz auch Stanley Kubrick, der einmal einen interessanten und einleuchtend Gedanken zu Holocaust-Filmen im Allgemeinen und Schinders Liste im Besonderen geäußert hatte: “The Holocaust is about six million people who get killed. Schindler’s List is about 600 who don’t.”

Spätestens damit ist die Frage, ob Schindlers Liste in guter, hilfreicher Film sei, geklärt. Man muss sich nicht einmal vor Augen führen, dass es in Krakau heutzutage “Schindlers-Liste-Stadtrundfahrten” angeboten werden und der Holocaust somit zu einem zwar furchtbaren, aber zweitrangigen Kontext wird, in dem das Märchen einer wundersamen Rettung spielt.

Kurz gesagt: All das macht Schindlers Liste zu furchtbarem Kitsch. Und zu einem geeigneten Gegenstand der Satire – wie etwa in jener,  legendären Folge der Serie “Seindfeld” (Facebook-Video), in der Jerry Seinfeld sich vor Freunden rechtfertigen muss, weil er im Kino bei Schindlers Liste mit seiner Freund geknutscht hat.

Dazu Leibovitz: “It’s of little wonder that one of Seinfeld’s funniest plots involved Jerry making out with a woman in a screening of Schindler’s List; a similar joke involving Shoah would have come off as intolerably insensitive (…).”

UPDATE: Auch Terry Gilliam hat sich sehr klar und clever zu Spielberg und Schindlers Liste geäußert (via Frank in den Kommentaren):

YouTube Preview Image

Kommentare (15)

  1. Ich bitte den Inhaber dieses Blogs dringend sich mit Jitka Gruntova “Die Wahrheit über Oskar Schindler” vertraut zu machen. Eine Zusammenfassung des Inhaltes findet er hier: http://www.quadrant.org.au/magazine/issue/2010/6/myth-reality-and-oskar-schindler

    Quintessenz: Schindlers Geschichte unterscheidet sich nur geringfügig von den Nachkriegsapologien anderer “KZ-Unternehmer”. Schindler hat einer zweistelligen Anzahl von Menschen geholfen, die für das Funktionieren seiner Fabrik wichtig waren und die ihrerseits ein Interesse daran hatten, nach dem Krieg nicht als zufällige Nutznießer oder gar Kollaborateure (Stichwort Kriegswichtige Produktion) dazustehen.
    (Rethorische Fragen: Hat irgendjemand den Ring zu Gesicht bekommen, den Schindlers Arbeiter ihm zum Abschied geschmiedet haben sollen? Hat irgendeiner von Schindlers Angestellten im Prozeß gegen Amon Göth den Namen Schindler positiv erwähnt?)

    Das ist das Problem an Schindlers Liste: es hat eine Legende zementiert, gegen die selbst Historiker kaum noch anschreiben können.

  2. Das Problem mit Schindlers Liste ist die Wirkung von Autoritätsbeweisen made in Hollywood. Der bekehrte Nazi, der Menschen rettet, die er gar nicht kennt, der geläuterte Geizhals, der dafür sein komplettes Vermögen opfert und der brave Soldat Schwejk, der der SS einredet, ein geheimes Flüchtlingslager sei in Wirklichkeit eine kriegswichtige Produktionsstätte. Diese 3 in einer Person – das ergibt einen tollen Filmstoff, ist aber buchstäblich zu schön, um wahr zu sein.
    Aber nach Buch und Film ist das Publikum – selbst das Skeptikermagazin Spiegel – immun gegen diesen naheliegenden Gedanken. David Crowe hat schon anno 2004 festgestellt: “Ein Held war er nicht”, “Es gibt keine Liste” und dokumentiert, wie ehemalige Häftlinge staunten, als sie nach Jahrzehnten erfahren dürften, welch ein Wohltäter der “Herr Direktor Schindler” gewesen sein soll.
    Das Ganze hat nur bewirkt, dass dem geneigten Publikum die wundersame Wandlung vom Schurken zum Helden um so großartiger erscheint.
    Kürzlich erschien Jitka Gruntovas “Die Wahrheit über Oskar Schindler” auf Deutsch (Auszüge http://www.gruntova.cz/oskar-schindler/deutsch). Sie stellt klar, dass es nie eine Wandlung gegeben hat. Schindler hat in ähnlicher Weise “geholfen” wie der Menschenhändler Hans Wieck aus “Gloomy Sunday” – der sich später ebenfalls als “Retter tausender Juden” feiern ließ.
    Ganz bestimmt wird der Spiegel sich irgendwann an die Spitze der Schindler-Debunker stellen und die “neuen Erkenntnisse” publizieren, die er eigentlich vor anderthalb Jahrzehnten selbst hätte recherchieren können.

  3. Mit der Kamera wurde vor wenigen Jahren (in 2009 oder 2010?) eine Begegnung begleitet, in der die Tochter von Amon Goeth mit der jüdischen Frau zusammentrifft, die als junges Mädchen im Haus von Goeth hat arbeiten müssen und auf deren Erinnerungen einige Szenen im Film “Schindlers Liste” basierte. Die Begegung geschah auf Wunsch der Goeth-Tochter, die ihre eigene Familiengeschichte zu verarbeiten versuchte. Man traf sich in dem jetzt leerstehenden Haus, und für die jüdische Frau war es fast unerträglich. Sie stand in den Räumen und beschrieb einige Erinnerungen, die auch so im Film nahezu identisch nacherzählt wurden.

    Ich hatte den Kino-Film schon gesehen, als ich diese Dokumentation sah. Natürlich hatte ich nun die Schauspielergesichter und Filmszenen vor Augen, als die überlebende Zeugin von sich persönlich sprach. Ich sah die junge Schaupielerin aus Spielbergs schwarzweißem Film vor Augen, denn die echte Zeugin war eine alte Frau in von Sonne erhellten sommerlichen Räumen. Absurd.

    Ich weiß nicht, was es ausmacht, wenn man alles in die sichere Kiste “Film” packen kann. Holocaust? Ach, das ist doch der Film von dem Dingens …

    Deshalb gibt es keinen “guten” Film, kein Richtigmachen. Geht gar nicht. Es gibt kein Nachempfinden* durch vorbereitete Kinobilder und es gibt keine vermeintlich leeren Zuschauer, die man mit Filmbildern füllen muss, damit sie erfahren, was überhaupt geschehen ist. Nachempfinden* kommt sowieso zu spät und ist deshalb nicht so wichtig wie Mitempfinden. Mitempfinden aber ist in einem kitschigen Film möglich.

    * siehe Kommentar von Frederik Weitz vom 4.1.2012: “Zu Psychoanalytiker Leon Wurmser … die Deutschen würden Auschwitz nur intellektualisieren, nicht nachfühlen.”

  4. Alle Kommentare hier sind sehr klug gedacht und interessant. Sowohl zur Befürwortung als auch zur Ablehnung des Filmes kann ich teilweise heftig nicken. Fazit ist ja, dass es kein “richtig” gibt in der “Behandlung des Themas Holocaust” (ist bewusst so spitzfingrig formuliert), denn auch eine Diskussion über die Filmmachart ist ja schon furchtbar oberflächlich und lenkt weg von den tatsächlichen Geschehnissen. Was mich aber immer wieder irritiert, ist die Zahlenjonglage, das Gegenrechnen. Als wäre die Folterung und Ermordung von 100.000 Menschen weniger schlimm als bei Millionen. Als ob die Freisetzung von Brutalität nicht schon bei einem einzigen Menschen absolut schockierend ist.

    Man erzählte mir mal in meiner Jugend, dass in unserem Ort ein Nazi ein jüdisches Baby mit einem Stiefeltritt getötet hatte. Das hat mich als Jugendliche extrem schockiert, dazu brauchte ich nicht erst eine Millionenzahl, um zu begreifen. Sogar ein Film über nur einen einzigen Menschen schließt alle anderen ein, genauso wie jeder einzelne Zeuge wichtig ist. (Wurde hier ja auch schon geschrieben.)

    Wie man auf extreme Grausamkeit und Hass der Nazis im Nachhinein reagiert und darauf antwortet, dafür gibt es kein “richtig” oder “angemessen”. Wer will denn wissen und beurteilen, wie realistisch etwas war? Schon allein die Forderung, ein Film müsse ein KZ oder die Ermordung absolut realistisch darstellen (was der Film ja anhand der Zeugenaussagen macht), während die Zuschauer gut gekleidet im gepolsterten Kinosessel sitzen – absurd. Wir sollten uns im Klaren sein, dass alle jüngeren Generationen immer Zuschauer bleiben, egal ob bei einem Kinofilm oder bei Zeugenberichten. Alle Beschreibungen und Zeugenberichte von Überlebenden werden bei uns zur Phantasie im Kopf, zu Kopfkino. Geht gar nicht anders. Mit diesem Kopfkino wollen wir einen Spielbergfilm auf Realitätsnähe beurteilen? Absurd. Nur soviel: Den Oskar Schindler gab es tatsächlich, keine erfundene Filmfigur, und er hat Juden vor dem Tod gerettet, obwohl er wusste, dass das riskant für ihn war. Das reicht für mich, um dem Film eine Berechtigung zu geben, so wie er ist. Denn ich WEISS ja, dass ich nur eine Zuschauerin bin und was Filme sind.

  5. Naja, ich sehe denn Film nicht so kritisch. Man könnte das Zitat: ““The Holocaust is about six million people who get killed. Schindler’s List is about 600 who don’t.” auch umformulieren: “Beim Holocaust gehts um 60 Millionen Leute die behaupten Sie hätten nichts gewusst, hätten nichts wissen können und hätten auch nichts tun können. Schindlers Liste handelt von einem der diese Behauptung widerlegt.

  6. Was ich mich bei all der Kritik frage ist: Wie soll ein “Holocaust-Film” (so ätzend dieser Begriff auch ist) denn aussehen? Und was möchte ich damit erreichen?
    Aufklären?
    Politisch / historisch korrekt sein?
    Cineastischen Ansprüchen genügen?
    Eine Botschaft senden?
    Die Massen erreichen?
    Geld verdienen?
    Die Massen >erreichen<?

  7. Ich erinnere mich an das Buch “Kaiserhofgasse 12″ von einem Valentin Senger. Dieser Autor beschreibt das Überleben seiner Familie mitten im Frankfurt des 3. Reiches, weil alle Menschen um ihn herum “dicht” gehalten haben, dass die Familie jüdisch ist. Auch hier stellten wir uns die Frage, ob man das so erzählen darf. In diesem Fall habe ich für mich entschieden, dass es legitim ist, weil der Roman eine Autobiografie ist. Der, und da stimme ich zu, den Holocaust nur ansatzweise erwähnt und damit “verdrängt”.
    Ich glaube, es war der kanadische Psychoanalytiker Leon Wurmser (ich meine, in “Flucht vor dem Gewissen”), der gesagt hat, die Deutsche würden Auschwitz nur intellektualisieren, nicht nachfühlen. Ich habe auch meine Bedenken bei Schindlers Liste, aber wenn er einen Gegenpol zur bisherigen Diskussion setzt, ist er im System der Auschwitzdebatte eventuell doch hilfreich. Es kommt eben darauf an, in Bezug auf welche Bedeutungsschicht man den Film einordnet, als Ausdruck einer Filmindustrie, als Abbildung einer “Realität” (auch wenn missglückt) oder als Differenz zu anderen Filmen gleichen Themas.

  8. Lieber Jörg L., exakt in dem letzten Punkt liegt meiner Meinung nach das eigentliche Problem: dass SL längst als DER Holocaust-Film verstanden wird. Eben weil er, wie Jakob Hein zurecht festellt, unglaublich bewegend ist (ob das nun gut oder schlecht ist, sei dahingestellt). Ich habe den in der Schule gesehen, als Vorbereitung zur Fahrt nach Dachau. In Krakau ist SL, wie gesagt, beinahe schon Synonym zum Holocaust – bloß eben mit der positiven Wendung. Und um da an Frau Schweitzers Beitrag anzuknüpfen: Ist damit nicht einfach nur wieder der Punkt erreicht, an dem man feststellt, dass ein solches Thema in den Händen Hollywoods nicht sonderlich gut aufgehoben ist?

    Ps. Ganz herzlichen Dank übrigens für Ihre tollen, tollen Kommentare!

  9. Das große Problem ist hier doch wie so oft, dass die Frage »ist es ein guter Film« viel zu ungenau ist. Das fängt schon mit der Erwartungshaltung an den Film an. Einige Kritiker scheinen zu erwarten, dass dieser Film den Holocaust beschreiben soll, als hätte Spielberg den Auftrag bekommen, DEN Film über den Holocaust zu machen. Das ist der Film natürlich nicht. Es ist – wie schon gesagt – ein Film über einen Menschen, der sein Gewissen entdeckt und dadurch zum Helden wird. Der Holocaust ist hier »nur« der Auslöser, die äußere Bedrohung. Spielberg hat sich offenbar entschieden, jemandem als Stellvertreter für Menschen mit Zivilcourage (mag das Wort leider nicht mehr, seit Cruise dafür gelobt wurde) ein Denkmal zu setzen. Es ging ihm darum, ein konstruktives Beispiel zu zeigen, nicht nur eine zynische Abfolge von Grausamkeiten. Ich kann das nachvollziehen. Es wäre ungleich unerträglicher, einen »realistischen« Film zu sehen. Es wäre vom Standpunkt des Geschichtenerzählers auch unergiebiger, unpersönlicher. Man bekäme ein unappetitliches Gemetzel wie Mel Gibsons Jesus-torture-porn.

    Man muss auch berücksichtigen, dass man den Zuschauer einen Anreiz geben muss, der Geschichte zu folgen, ja überhaupt erst ins Kino zu gehen, obwohl es hier um die schlimmsten Massenmorde geht. Morde, die – im Gegensatz zu Horrorunterhaltung – wirklich geschehen sind. Die Grausamkeiten in SL und der dargestellte Zynismus gehen schon arg an die Substanz, das ist schon mehr, als Hollywood zu dem Zeitpunkt normalerweise zeigte. Ich würde sagen, dass Schindlers Liste soviel zeigen kann, gerade WEIL die elegante Geschichte der smarten Person Schindlers dies in gewissem Maße wieder aufwiegt. Man muss sich vor Augen halten: Es geht hier um Kino, für Amerikaner, mehr ist da nicht drin, wenn man sein Publikum erreichen will. (Es gibt natürlich auch andere, durchaus anspruchsvolle Regisseure, die vor noch drastischeren Bildern nicht zurückschrecken, aber Resultat der Mühe: wenn ich schon lese, dass es dort eine unglaublich realistische 10-minütige Vergewaltungszenen gibt (Irreversible) oder Genitalverstümmelungen in Großaufnahme (Antichrist), dann habe ich keine große Lust, mir das anzusehen, obwohl ich normalerweise nicht zimperlich bin).

    Natürlich ist es deutlich besser, wie Terry Gilliam es anmerkt, keine zu simplen Antworten zu geben, keine zu einfach gestrickte Geschichte daraus zu machen. Aber selbst Kubrick hat zugegeben, vor dem Holocaust-Thema letztlich kapituliert zu haben.

    Ist SL der bestmögliche Holocaust/Shoah-Film, der der Tragweite des Themas gerecht wird? Nein. Aber er schaffte, eine gute Geschichte zu erzählen und nebenbei das Thema mehr Leuten bekannt zu machen. Das Problem liegt eher darin, dass alle in ihm DEN Holocaust-Film sehen wollen.

  10. »The other is a monster; it’s no coincidence that the American Film Institute ranked Goeth at number 15 in its list of the 100 greatest villains of all time«

    Die Liste (http://www.afi.com/100Years/handv.aspx) besteht aus Helden und Schurken, Oskar Schindler belegt Platz 13 auf der Liste der Helden, wird aber deutlich überragt von Indiana Jones (Platz 2), der die Nazis noch viel triumphaler besiegt. Ebenfalls auf der Liste der der Schurken: Der weiße Hai (Platz 18).

    Warum ist das alles kein Zufall?

    Im typischen Spielberg-Film wird der Protagonist mit einer außerordentlichen, oft traumatischen Erfahrung konfrontiert, die vom Umfeld nicht rechtzeitig als große Gefahr oder Chance erkannt wird: der mörderische Truck-Fahrer aus Duell, der weiße Hai, die Außerirdischen aus Unheimliche Begegnung, die Regierungsbeamten aus E.T., die Bundeslade, die von Nazis gesucht wird… erst spät hat Spielberg selbst eine Verbindung zwischen seinen bisherigen Filmen, seiner jüdischen Herkunft und dem Holocaust hergestellt und versucht, sich dem Thema ernsthafter zu nähern.

    Mr. Spielberg recalled that “when we were making ‘Schindler,’ Liam came up to me one day and asked me if I could ever make another Indiana Jones movie where the Nazis are cartoon villains. I said, ‘Never, never.’ Right now I can’t conceive of anything that’s simply entertainment.” (http://www.nytimes.com/packages/html/movies/bestpictures/schindler-ar1.html)

    In Michael Chabons Roman »Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay« geht es um jüdische Comiczeichner der 40er Jahre, die, aus ihrer Erfahrung der Schwäche und Ohnmacht heraus, sich einen unbesiegbaren Superhelden imaginieren, den »Eskapisten«, der allen Bedrohungen entfliehen kann, und die mit dieser Comicfigur sehr erfolgreich werden. Eigentlich eine Anspielung auf die Erfindung der Figur »Superman« durch den jüdischen Autoren Jerry Siegel und den jüdischen Zeichner Joe Shuster könnte damit auch Steven Spielberg ganz gut beschrieben sein.

  11. Ganz abgesehen davon, dass Spielberg diesen unglaublich bewegenden Film gedreht hat und nach Drehschluss allabendlich “Jurassic Park” geschnitten hat und von den vielen intelligenten Einwänden der anderen, haben mich immer zwei Punkte gestört:
    1. Der Punkt ist, dass Schindler selbst zu einem Superhelden stilisiert wird, schön, gut, sensibel. Das eigentlich Spannende an dem historischen Schindler ist es jedoch, dass er ein Tunichtgut, ein kleiner Ganove war und dass es so einem Typen, der sich nie an geltende Gesetze gehalten hat, gelingt, wenn nicht leichter fällt, die Perversion des organisierten Massenmordes als solche zu erkennen.
    2. Nachdem ich mir diesen Kübel Kitsch einmal angesehen hatte, war mir ordentlich übel. Aber als in dem Abspann die Zuchterfolge der von Schindler geretteten Juden lobend erwähnt wurden, da musste ich kotzen. An der Stelle ist die papierdünne Maske der Humanität total zerrissen, denn diese Betrachtungsweise von Menschen fand ich inhuman und Übel erregend. Dass ein Mensch gestorben ist und keiner “Halt” gesagt hat, dass das Millionen Mal geschehen ist, ist das Problem. Das soundso viele Überlebende soundso viele Kinder bekommen oder nicht, ändert daran nichts.

  12. Du liebes bisschen, so sind amerikanische Filme eben, insbesondere kommerzielles Hollywood-Kino. Die konzentrieren sich auf ein Einzelschicksal, und da muss ein positiver Spin her, sonst läuft das nicht an der Box Office. Das ist mit “The Pianist” nicht anders oder “Saving Privat Ryan” oder “Pearl Harbor”, oder auch mit all diesen amerikanischen Vietnamkriegsfilmen. Da geht es auch immer nur um eine Handvoll GIs, von denen es mindestens einer irgendwie packt, und nicht um drei Millionen tote Vietnamesen. Wenn bei “Im Winde Verweht” Scarlett O‘Hara am Anfang den Löffel abgegeben hätte, und der Rest des Filmes hätte sich um das Gemetzel des Bürgerkriegs gedreht, wär’s auch kein Erfolg.

    Und das gilt generell für Spielfilme, nicht nur in den USA; in Winnetou geht es auch um den einen Apachenhäuptling, der siegreich bliebt, und nicht um die Millionen anderer Indianer. Deswegen gucken das ja Millionen von Menschen. Die Gesetze des Kapitalismus funktionieren halt auch im Kino (oder in der Literatur).

    Wer etwas anders will, darf kein kommerzielles Kino im Hollywood-Stil gucken (oder drehen), dafür gibt es Dokumentarfilme, für die man dann eben Föderung beantragen muss und versuchen muss, in die Schulen zu kommen oder ins öffentlich-rechtliche Fernsehen, Förderung dafür gibt es ebenfalls ohne Ende, sehe ich also nicht als großes Problem.

  13. Gutes Argument! Aber das von Gilliam erwähnte Problem mit den einfachen Antworten bleibt bestehen.

    Zur Ergänzung noch ein Zitat aus dem erwähnten Essay von Imre Kertész »Who owns Auschwitz?«:

    »I regard as kitsch any representation of the Holocaust that is incapable of understanding or unwilling to understand the organic connection between our own deformed mode of life (whether in the private sphere or on the level of “civilization”as such) and the very possibility of the Holocaust. Here I have in mind those representations that seek to establish the Holocaust once and for all as something foreign to human nature; that seek to drive the Holocaust out of the realm of human experience.I would also use the term kitsch to describe those works where Auschwitz is regarded as simply a matter concerning Germans and Jews, and thereby reduced to something like the fatal incompatibility of two groups;when the political and psychological anatomy of modern totalitarianism more generally is disregarded; when Auschwitz is not seen as a universal experience,but reduced to whatever immediately “hits the eye.”Apart from this, of course, I regard anything that is kitsch,as kitsch. «

  14. Ich konnte Schindlers Liste nie so schlecht finden, wie viele andere. Das erzählerische Mittel, die Regel zu erläutern, indem man von der Ausnahme erzählt, halte ich auch bei der Shoah für legitim.
    Letztlich ist sowieso der Rezipient gefragt: Ob man das Ende von “Schindlers Liste” als “Happy End” empfindet oder aber am Boden zerstört ist, weil 6 Millionen NICHT gerettet wurden, liegt an einem selbst.
    Also Veto! Kein Kitsch!

  15. Auch Terry Gilliam hat sich mal zu Spielberg, Schindlers Liste und Kubrick geäußert: http://www.youtube.com/watch?v=CAKS3rdYTpI