Schettino, Auschwitz, Herrenmenschen
von Daniel ErkIch bin nun wirklich kein Experte für italienische Medien, aber wenn mich nicht alles trügt, dann ist die einst von Berlusconi persönlich verlegte Zeitung “Il Giornale” im groben das, was für Deutschland die “Bild-Zeitung” ist: ein rechtes, aufgeregtes Kampfblatt ohne Anstand und Stil.
Vielleicht hätte es mich daher also auch nicht so sehr überraschen oder fast schockieren sollen, dass so ein Blatt am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ein solches Titelblatt wagt:
Das heißt übersetzt: “Für uns Schettino, für sie Auschwitz” und zieht im zugehörigen Artikel (auf Italienisch, natürlich) sehr explizit einen direkten Vergleich zwischen dem Schiffsunglück und dem Vernichtungslager, hetzt gegen den “Spiegel” und seinen – übrigens deutsch-italienischen – Chefredakteur Georg Mascolo und ruft schließlich zur wütenden Beschwerde auf des Spiegels Facebook-Seite auf (mit irren, wirren, wütenden und oftmals rassistischen Auslassungen der Giornale-Leser).
Man muss bei all dem Bedenken, dass Jan Fleischhauer, der Vorzeigerechtskonservative des Spiegels, nicht weniger nationalistischen Unfug von sich gab:
“Hand aufs Herz: Hat es irgendjemanden überrascht, dass der Unglückskapitän der “Costa Concordia” Italiener ist? Kann man sich vorstellen, dass ein solches Manöver inklusive sich anschließender Fahrerflucht auch einem deutschen oder, sagen wir lieber, britischen Schiffsführer unterlaufen wäre?”
Ich bin des Italienischen nicht mächtig, aber mit kleinem Latinum, ein wenig Transferleistung und Google Translate übersetzt, ist der Beitrag von “Il Giornale” eine Geschmacklosigkeit sondersgleichen:
“Die Deutschen sind eine überlegene Rasse, wissen wir aus den Reden Hitlers. Denken Sie heute daran, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, es hat einen bitteren Beigeschmack. Es ist wahr, wir Italiener haben seit Schettino dreißig Schiffspassagiere auf dem Gewissen, aber die Rasse von Jan Fleischauer (der Autor der Artikels) hat sechs Millionen Passagiere getötet. Juden wurden mit dem Zug in die Vernichtungslager transportiert. Und keiner der deutschen Herrenmenschen hat versucht sie zu retten.”
Auch wenn man als Deutscher, für die in den letzten Monaten die “Bild-Zeitung” in ähnlich rassistischer Manier gegen Griechen Stimmung und Auflage zu machen versucht hat, im Glashaus sitzt (ich habe mich nur im Privaten über die “Bild”-Berichterstattung ereifert) – dieser Vermischung von Hetzkampagne und Holocaust, deutschem Nationalsozialismus und italienischem Post-Faschismus, von Boulevard und Lüge und Geschmacklosigkeit, das alles macht mich furchtbar wütend.
(Danke an Freund Christoph Koch, der den Hinweis gab!)
PS. Falls unter den LeserInnen jemand des Italienischen mächtig ist oder Experte für italienische Presse, ich freue mich über Hinweise & Korrekturen.
PPS: Die Auseinanderetzung beschäftigt selbst die Huffington Post…

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Ihre Wut sollte sich in erster Linie gegen den Spiegel richten, denn in dessen online Ausgabe werden 60 Milionen Italiener pauschal als feige bezeichnet.
Auch das ist im Artikel erwähnt, Herr Annecca. Aber das rechtfertigt in keiner Weise den üblen Rassismus und den Missbrauch des Gedenktages für die Polemik der italienischen Post-Faschisten. Diese Geschmacklosigkeit, dieses Fehlen an Anstand – das ist eine Schande. So wie ein guter Deutscher sich von “Bild” distanziert (und so wie ich mich gegen Fleischhauer verwehre), sollte ein Italiener mit Herz und Verstand auf Abstand zu diesem Schmutzblatt gehen.
Kleiner Link gefällig?
http://img.pr0gramm.com/2012/01/engnehmenmbk1z.jpg
Gruß
Uwe
Sehr bemerkenswert ist in dem Artikel der Satz, der auf den von Dir zitierten folgt: “Im Unterschied zu uns, die wir 4200 Passagiere gerettet haben und damals, zur Zeit der Rassengesetze, hunderttausende Juden. Und auch Giorgio Perlasca war Italiener, und überzeugter Faschist, der sein Leben riskiert hat, um ganz allein 5000 Juden zu retten. Ja, so ist es halt, wir Italiener sind eben so, tendieren dazu, Gesetze nicht zu beachten, weder Navigationsgesetze noch Rassengesetze.”
Der böse Nazi, der gute Faschist – ein in Italien gar nicht seltener Topos, hier in einem auf seine Weise neofaschistischen Blatt.
Alles an dieser Auseinandersetzung ist ekelerregend, der Spiegelartikel beinahe genauso (wenn auch etwas weniger geschmacklos).
So wie ein guter Deutscher sich von “Bild” und “Der Spiegel” distanziert (und so wie ich mich gegen Fleischhauer verwehre), sollte ein Italiener mit Herz und Verstand auf Abstand zu diesem Schmutzblatt gehen.
So it is better.
Ich frage mich wie kann ein so irrelevanter Artikel eines bedeutungslosen Bloggers auf Spiegel Online solche Folgen haben. Der Artikel von Fleischauer ist dumm und primitiv. Die Reaktion aber voellig ueberzogen , so als haette man nach einem Anlass gesucht. So wird Europa nicht funktionieren.
Gefallen hat mir trotzdem die Replik von Sallusti:
“Es ist wahr, wir Italiener tendieren dazu die Gesetze nicht zu respektieren, seien es die der Navigazion oder die Rassengesetze. Die Deutschen sind besser. Wir haben in unseren Staedten gesehen, wie sie Befehlen gehorchen und Frauen und Kinder erschiessen, oft von hinten.
…wer austeilt muss auch einstecken koennen.
Mich stören hier zwei Sachen:
Jan Fleischhauer scheint ein unglaubliches Bild der Briten, oder Deutschen zu haben. In Deutschland hätte so etwas auch passieren können. Ich erinnere mich an ein Vorfall vor mehr als einem Jahr bei dem es um einen deutschen Kapitän eines Segelschiffs und einer Rekrutin von Ihm. Ich erinnere mich auch an unsere rückratlosen Politiker oder die vielen Piraten auf der Straße, die immer wieder Unfälle provozieren und dann noch Fahrerflucht begehen…
Das zweite ist das scheinbar sehr lückenbehaftete Gedächtnis des Italienischen Schreibers. Ich an seiner Stelle würde die “H” Karte überhaupt nicht ziehen. Vor allem im Hinblick auf die Rolle der Italiener vor und während des zweiten Weltkrieges.
Hallo Daniel,
ich bin der Meinung das du dir den Artikel Fleischhauers genau durchlesen solltest, denn wenn hier schon Rassismus von dir in den Raum geworfen wird, dann geht dieser ganz klar von diesem Pseudo-Journalisten aus. Und da es von deutschen Medien, wie aber auch in etlichen Foren in Sachen Stimmungsmache gegen Italien, aber auch gegen andere Laender und Voelker (wie z.B Griechenland zuletzt) keinesfalls das erste mal ist, sollte man sich keineswegs darueber wundern, oder gar aufregen, wenn scharf zurueckgeschossen wird.
Uebrigends hatte schon vor Sallusti (der Chefredakteur von Il Giornale) bereits Tarquinio von der “linksliberalen” ‘LaRepubblica’ ebenfalls mit scharfer Kritik auf den Artikel des Spons reagiert. Hier hat Fleiscchhauer ganz eindeutig sowohl linke als auch rechte Journalisten in Italien gegen Deutschland aufgebracht.
Aber wie gesagt, das ist nur die Spitze des Eisberges der zunehmend, und nicht nur in Italien wahrgenommenen Ueberheblichkeit und Arroganz Deutschlands und vieler Deutscher.
Saluti
Hallo Roberto, ich habe mir den Fleischhauer-Text sehr genau durchgelesen und so wenig wie ich dem Text oder seiner Intention zustimmen, so weit reflektiert Fleischhauer immerhin seinen Rassismus (den Vorwurf teile ich: Fleischhauer argumentiert rassistisch). Ich teile auch Vieles dessen, was Merkel und der Bild mit Recht vorgeworfen wird.
Aber ich sehe nicht, was all das mit Auschwitz zu tun hat. Und warum gerade rechtskonservative Journalisten Italien, das seinen Faschismus nur bedingt aufgearbeitet hat, das als Argument zu nutzen versuchen. Ich finde das weiterhin geschmacklos, verharmlosen und geschmacklos. Wer mit Auschwitz versucht, Stimmung gegen Deutschland zu machen, hat nichts aus der Geschichte gelernt. Das eigentlich ist das Beunruhigendste an der Geschichte.
rehallo Daniel,
Natuerlich hast du Recht und allen Grund zu hinterfragen was dies alles mit Ausschwitz zu tun hat. Die Antwort ist natuerlich klar. NICHTS! Doch darum geht es im Kern ueberhaupt nicht. Der Kern ist naemlich nun mal der, das noerdlich der Alpen (von uns ausgesehen, logischerweise;-)) es keinesfalls das erste mal ist, das man sich derartig beleidigender Stereotypen bedient um eine, ganz offensichtlich immer noch intakte, weitverbreite und in den Kopefen tiefsitzende Ideologie zu verbreiten, zu propagieren, und damit ganze Voelker und Nationen zu dengrieren und zu verunglimpfen.
Es haette nicht mal den letzten Hinterwaeldler in Italien auf den Plan gerufen wenn derart, mental masturbierende Zeitgenossen, wie eben Jan Fleischhauer ihre geistige Leere in einem Naziforum externieren wuerden, doch die Tatsache das derartige, laengst totgeglaubte Gedankengaenge in einem der groessten deutschen Onlineportale ein Zuhause finden ist schlicht und einfach inakzeptabel. Ein schlichtes Schweigen, ein Ignorieren, oder eine weniger spektakulaere Reaktion, wenn auch der Bedeutungslosigkeit des Autoren angepasst und ein wenig tiefgruendiger, haette in den internationalen Medien, wie auch deren Leser keinen Platz gefunden und wuerde nicht mal erwaehnt werden. So aber, wird der Fokus international auf Deutschland, und besonders auf den ‘der Spiegel’ gerichtet und sich dementsprechend eine Meinung gebildet.
Ich z.B. haette an Stelle von Sallusti die Eschede-Katastrophe herangezogen, oder die, fuer Deutschland noch unruehmlichere und zugleich, in diesem Fall zum Boomerang mutierenden Schandtat eines Oberst Georg Kleins in Afghanisten, welches in der Feigheitsskala, um bei den Gedankengaengen eines Fleischhauers und aehnlichen Pedanten zu bleiben, einen Mr. Schettino um laengen vorraus ist.
Soviel zu dazu.
RiSaluti
Lo so’, vi brucia, che vi siete scottati, ci avete provocati e vi abbiamo risposto, dovete rassegnarvi voi tedeschi, anche se avete i soldi, il lavoro, vicino a Noi Italiani fate sempre il secondo posto, mettetevelo in testa, tutti ci amano, perché siamo belli, solari, simpatici, e sappiamo chiavare alla grande, chiedete alle vostre donne quando vengono in ferie da noi?
[Anm. der Blogautors:] Google Translate meint, das würde in etwa sowas bedeuten:
Ich weiß ‘, Verbrennungen, du verbrannt bist, wir verursacht haben, und wir haben geantwortet, Sie müssen zurücktreten, selbst ihr Deutschen, auch wenn Sie das Geld haben, die Arbeit, die uns nahe Italiener immer den zweiten Platz, mettetevelo im Hinterkopf, wir alle lieben, weil wir schöne, sonnige, angenehme, du und wir kennen die großen fuck, fragen Sie Ihren Ehefrauen, wenn sie auf Urlaub bei uns sind?
Das ist alles ganz scheußlich. Und @Karl Borg:
Obwohl ich Fleischhauer nicht für satisfaktionsfähig halte, ist doch spiegel online in Deutschland nicht bedeutungslos und somit leider auch Jan F. nicht.
Aber nehmen wir die Sache sportlich. Die Wahrheit is aufm Platz.:
http://www.youtube.com/watch?v=wt5cQcRSjsg
Das gleiche Spiel, wie wir es auch regelmäßig zwischen der Bild-Zeitung und The Sun auf Großbritannien, bestimmten griechischen Zeitungen usw. erleben: Ein nationalistischer Idiot auf der einen Seite schreiben nationalistischen Bullshit, nationalistische Idioten auf der anderen Seite nehmen das zum Anlass, über das andere Volk als nationalistische Idioten herzuziehen.
Und hier auch noch eine etwas idiomatischere Übersetzung:
“Ich weiß, es ärgert euch, dass ihr euch verbrannt habt, ihr habt uns provoziert und wir haben euch geantwortet, ihr müsst euch damit abfinden, Deutsche, auch wenn ihr Geld und Arbeit habt, im Vergleich zu uns Italienern landet ihr immer auf dem zweiten Platz, kriegt es in eure Köpfe rein, alle lieben uns, weil wir schön, sonnig (?), sympathisch sind und großartig ficken können, fragt eure Frauen, wenn sie aus den Ferien bei uns zurückkommen.”
Know the Culture …understand the behaviour.
Schettino, De Falco, Il Giornale…several faces of one counrty….we have cowards (yes we do), we have brave people (De Falco, and the people of the Giglio Island), we have people with no pride (our politicians) and people with too much Pride (The author of the fight back.
Italy is a very complex country. I guess the key message coming through is “If you stir a cage with Sheep and Tigers you may be lucky and get the sheep that runs away or you may be unlucky and get the tiger and its bite.
Our politicians are sheep and it’s easy to make them flee. (btw, Several Italian blogs after the Concordia disaster stated how much we should change our current schettino like politicians with ppl like DeFalco.
Using Auschwitz was probably a reference to the most coward ppl ever existed on earth. All these Nazis abusing and killing defenceless jews just to defend themself saying “I was just following orders” is still in everyone mind and is the worst example of Cowardy.
At the same time ppl in Italy were executed for protecting and hiding jews. One of them was Enrico Fermi. He was an Italian married to a jew woman. Concerned for his wife’s life he flew to America with the aids of Itlians that risked their life to help them. This is from http://www.nobelprize.org: “Upon the discovery of fission, by Hahn and Strassmann early in 1939, he immediately saw the possibility of emission of secondary neutrons and of a chain reaction. He proceeded to work with tremendous enthusiasm, and directed a classical series of experiments which ultimately led to the atomic pile and the first controlled nuclear chain reaction. This took place in Chicago on December 2, 1942”.
Apparently if Germans were a little more flexible and strategic around evaluating “rigid rules” Europe now could be speaking German.
I think the writer of “Il Giornale” highlighted how circumventing rules like Italians do some times is good and saves lives while inflexibly following rules without asking ourselves whether they are right or wrong it’s not bravery, it’s not discipline…it’s stupidity. God gave us a brain so that we can use it.
I’m not defending the writer but there are two types of people…Who answers offences with smiles and who answers them with bites….the writer is in the second group…and personally I’m also in that group. If you believe that Italians could have taken this offence by not replying then I think there is a lot of work to do to understand our different cultures in Europe.
With this being said Germany also had brave people like Mr. Shindler.
The end of the story is only one. All countries have their brave-hearts and their cowards.
Whoever claims cowardice is a genetic print of a race is firstly stupid, than he/she totally deserves the worst fight back. Because there is only one think that will bring Europe to the brink of the failure…STUPIDITY…and unfortunately, no race is spared by it.
Ich möchte vorausschicken, dass ich Ihren Blog sehr schätze, was die Kritik, die ich auch an Ihnen üben werde, mildern soll. Ebenfalls lobenswert, weil nicht häufig im deutschen Journalismus anzutreffen, finde ich die gesunde Einschätzung der Grenzen Ihrer Kompetenz und Ihre Bitte um kundige Assistenz an den Schwarm da draußen. Ich habe mich durch Ihre Links geklickt, um mich mit dem Thema vertraut zu machen und Ihrem Drang nach Erkenntnis vielleicht dienstbar sein zu können. Hier das Ergebnis:
Selbst für Fleischhauers Verhältnisse ist “Italienische Fahrerflucht” ein außerordentlich wirrer Beitrag. Fleischhauer hadert arg mit der deutschen Sprache. Das Ausmaß seiner Schwäche wird nur noch von der Unersättlichkeit seiner Lust zur Provokation übertrumpft.
Man kann ihm durchaus Willen zu Ironie unterstellen. An deren Ausdruck scheitert er, weil ihm die dafür erforderlichen sprachlichen Mittel nicht zu Gebote stehen. Wenig hilfreich für sein heißes Bemühen, für geistreich zu gelten, erweist sich auch seine Halbbildung. Diese Häufung ungünstiger Voraussetzungen lässt ihn durch Sätze taumeln, die kaum je in sinnvollem Zusammenhang aneinandergereiht werden.
Sein Spaghettibashing, dem ich mich gleich zuwenden werde, ist nur der Auftakt zu einem wilden Ritt Fleischhauers durch einen bunten Themenparcours, jedes seiner 668 Worte ein Hindernis: “Vorurteil und Klischee” (anklagend und zugleich bedienend), “Völkerpsychologie”, “Geschlechterdifferenzierung”, “böse Altlinke”, “Wilhelm Heitmeyer” (keine Ahnung, wer das ist), “Euro bäh!”, “Europa wider die Natur des Menschen” etc. etc. Dies alles sind natürlich “Gedanken”, die so zeitgemäß und als Gemeinplätze weitverbreitet sind, dass nur noch der jämmerlichste Populist unverfroren und charakterlos genug ist, sie frech etikettiert als “unzeitgemäß” (und damit auch noch Nietzsche durch den Kakao ziehend!) abermals in den Raum zu stellen.
“Okay, das war jetzt sehr unkorrekt. Wir haben uns seit langem abgewöhnt, im Urteil über unsere Nachbarn kulturelle Stereotypen zu bemühen. Das gilt als hinterwäldlerisch, oder, schlimmer noch, rassistisch (auch wenn, um im Bilde zu bleiben, nicht ganz klar ist, inwieweit das Italienische an sich schon eine eigene Rasse begründet).”
Eine Passage aus der Fleischhauerei, die Fragen aufwirft, die nicht zu beantworten sind. Was ist mit “das Italienische” gemeint? Wie das oft so ist bei sprachlichem Grobschnitt, man ahnt, was eventuell durch das Hirn des Autors rumpelte, aus Unvermögen aber nicht zu Papier gebracht wurde. Das Hinterwälderische des Fleischhauers offenbart sich in seiner unbeholfenen Rede, die jenseits der Alpen zu Missverständnissen einlädt. Alles in allem ist der Text Fleischhauers eine qualvolle Lektüre, weit entfernt von jedem Lesevergnügen. Ich beginne zu verstehen, dass Sallusti und seine halbwegs sprachkundigen Zuträger in der zu solcherart Presslauten verballhornten Sprache Goethens natürlich allerlei finsteren Unsinn hineingeheimnissen müssen. Sie sind in der Lage, nur ein einziges Wort von zugegeben hohem Provokationspotenzial – “Rasse” – mühsam zu entziffern. Man mag es drehen und wenden wie man will, weil der Unfug Fleischhauers keinen rechten Sinn ergibt, erscheint es fast als ein Akt der Notwehr, dass sich Sallusti mit einem frei erfundenen Zitat behilft:
“Loro, i tedeschi, sì che sono bravi, «con noi certe cose non accadono perché a differenza degli italiani siamo una razza».”
[“Sie, die Deutschen, sind natürlich tapfer, «uns passieren bestimmte Dinge nicht, weil wir im Unterschied zu den Italienern eine Rasse sind».”]
Erfindungsreichtum ist ein durchaus gängiges Stilmittel der italienischen Journaille, aber erst dank Michele Valensise, Botschafter der Republik Italien zu Berlin, wird die Albernheit des pubertären Pausenhofdisputs, den sich Fleischhauer und Sallusti als Knilche von der letzten Bank liefern, zum Skandalon erhoben. Es ist nicht ohne Witz, dass die Feststellung seiner Exzellenz: “Es erstaunt mich, dass eine angesehene Zeitung wie SPIEGEL ONLINE Raum für so vulgäre und banale Behauptungen bietet”, zwar durchaus ins Schwarze trifft, der gesamte Protest des Botschafters aber auf den ersten Blick die Anmutung von Gastarbeiterdeutsch hat. Bei genauerer Analyse entpuppt sich das Schriftstück als mangelhafte Übersetzung aus dem Italienischen, vermutlich von der überforderten Presseabteilung der Botschaft erstellt. Der Botschafter dürfte des Deutschen so unkundig sein wie Fleischhauer und Sallusti, auch wenn in des Beamten Lebenslauf behauptet wird, er spreche Deutsch.
Kommen wir zu Alessandro Sallusti, dem vollkommen zu Recht weithin Unbekannten: Ein Mann von bescheidener Bildung und daher ein typischer Protagonist des italienischen Journalismus und wohl auch des deutschen, der in den rund dreißig Jahren seines Berufslebens eine Reise durch Zeitungen regionaler und überregionaler Bedeutung unternommen hat. Ein Lohnschreiber ohne erkennbares Rückgrat (erinnern wir uns daran, dass Mussolini, der Wandelbare, nicht nur als Journalist, sondern sogar als Sozialist begann), der ab einem gewissen Punkt seiner Karriere auf die politische Karte gesetzt hat und nach der Zwischenstation bei einer wirtschaftlich und ideologisch planvoll gehegten Zeitung – “Libero” (kein Fußballmagazin und also nicht zu verwechseln mit dem Spielmacher im klassischen Teutonenfußball) – zum Chef des schon lange zum Medienreich des Berlusconi-Clans gehörenden “Giornale” wurde. Die Details seiner Redaktionsleitung und eine weitere Exkursion durch die italienische Medienlandschaft würden hier zu weit führen. Vermerkt sei nur, dass bestimmte Praktiken des italienischen Journalismus auch schon unter deutschen Journalisten beobachtet wurden: Zuträgerschaft und Gefälligkeiten für Geheimdienste zum Beispiel, die in Italien aber anders als in Deutschland nicht ohne zumindest zeitweilige rechtliche und berufsständische Konsequenzen für die Beteiligten geblieben sind.
An einer Stelle des zweiten Beitrags, in dem er sich im Ruhm des Lobes sonnt, das ihm seine mit falschen Informationen versorgten Leser spenden, lässt Sallusti die Katze aus dem Sack, die sich freilich als ähnlich banal erweist, wie die Reizwortschleuderei eines Fleischhauers:
Se tutto questo è successo è perché noi italiani glielo abbiamo permesso in nome dell’antiberlusconismo: denigrare l’Italia per colpire l’ex premier. Qualcuno ci ha provato anche ieri, prendendo le parti dello Spiegel. A questi signori, che ci hanno criticato e insultato per aver evocato Auschwitz, vorrei ricordare che la giornata della memoria dell’Olocausto, che cadeva proprio ieri, non è una questione di stile. A rimuovere le responsabilità tedesche nella caccia agli ebrei in nome del politicamente corretto si rischia il negazionismo. A parlare di razza, come ha fatto il giornalismo dello Spiegel, si rischia il nazismo. Non ci pentiamo di averlo scritto, perché, parafrasando la frase simbolo del caso Schettino: Italiani, torniamo a bordo, cazzo.
[„Das alles konnte nur geschehen, weil wir es im Namen der Antihaltung gegenüber Berlusconi zugelassen haben: auf Italien einprügeln, aber den Ex-Ministerpräsidenten meinen. Jemand hat es auch gestern versucht, indem er für den Spiegel Partei ergriff. Den Herrschaften, die uns kritisiert und mit Schmutz beworfen haben, weil wir an Auschwitz erinnerten, möchte ich ins Gedächtnis rufen, dass der gerade gestern begangene Holocaust-Gedenktag nicht eine Frage des Stils ist. Wenn man im Namen der politischen Korrektheit die deutsche Verantwortung für die Verfolgung der Juden aufhebt, setzt man sich dem Verdacht der Leugnung [des Holocaust] aus. Wenn man von Rasse spricht, wie es der Journalismus des Spiegel tut, setzt man sich dem Verdacht des Nazismus aus. Wir bereuen unsere Worte nicht, denn, um den berühmten Satz im Fall Schettino aufzugreifen: Italiener, kehren wir an Bord zurück, verflucht noch mal!“]
Ich habe die Diskussion der Havarie vor Giglio in der italienischen Online-Presse verfolgt. Für die “schreibende Zunft” (Helmut Kohl) ist so ein Unfall natürlich ein gefundenes Fressen. Eine Einladung zur Publikation eines Schwalls düsterer Symbolismen: “Titanic” scheiterte am Eisberg, der Weltkrieg stand vor der Tür, wabernde Symbole auch heute überall, Staatsschiff Europa, es fleischhauert in den Medien, Enzensberger und Joseph Conrad stehen als unerreichbar vorbildhafte Chronisten der Untergänge Spalier.
Geistlosigkeit und Mentekeln sind nicht das Vorrecht einer einzigen Nation, sondern leider global verbreitete Phänomene. Daher konnte ich ganz ähnliche Rückschlüsse zum “Volkscharakter” der Italiener wie sie der Tastatur des Fleischhauers entsprangen, auch in Presseprodukten südlich der Alpen lesen. Kommentatoren haben derartige Beiträge entweder mit ironischen Anmerkungen versehen oder zu rassistischen Invektiven gegen ihre ungeliebten Landsleute aus dem Süden erweitert. Sallusti verschiebt die Frontstellung nach Norden, um durch Ausmachen eines vorgeblich gemeinsamen Feindes jenseits der Alpen den traditionell äußerst bröseligen Kitt des nationalen Zusammenhalts zu festigen. Ein Sturm im Medienglas, weiter nichts, der in Italien letztlich zu Ungunsten Sallustis über den Rand getreten ist.
Also bitte ich Daniel Erk um größere Gelassenheit selbst angesichts der Profanierung heiliger deutscher Gedenktage durch einen Itaker! Fleischhauer und sein Sidekick Sallusti wissen nicht wirklich, was sie tun. Sie wollen halt Geld und Hits generieren und ihren Lesern als mächtig wichtige Wichtel erscheinen. Geschmack und Fingerspitzengefühl zahlen sich da nicht aus, so deren proletenhaftes Räsonieren.
Das Ganze ist also nichts als ein absichtsvolles Missverständnis, ordentlich aufgeblasen zu einem Skandal, und Sie spielen dabei leider mit, aus ehrenwerten Motiven, will ich unterstellen.
Was ich allerdings gar nicht schätze, und das muss ich Ihnen ernstlich vorhalten, sind diese ewigen Klischees von wegen “Anstand” und “Bildzeitung”, das nervt genauso wie die Phantasien vom unseriösen Spaghetti und impotent gegrilltem Teutonen: Deshalb erkläre ich Ihnen jetzt, dass die Bildzeitung ein tadelloses Bespaßungsmittel als Gesamtkunstwerk ist, so unschädlich wie ein russisches Zaubermärchen und sehr professionell gemacht, was sich in meinen Augen übrigens dadurch bestätigt, dass die Online-Version von “Bild” eine unlesbare journalistische Missgeburt ist. Es gehört zum Wesen der Bildzeitung, haptisch auf Papier eines bestimmten Formats unter genialer Verbindung von Wort, Bild und Graphik dem Leser zur Hand gereicht zu werden, um ihm unter Einatmen von Druckerschwärze die Sinne zu kitzeln. Fünf Euro für jeden Leser von „Bild“, der mir glaubhaft machen kann, er glaubte, was es darin zu lesen gibt.
In diesem Sinne: Herzliche Grüße und alles Gute! Bitte bloggen Sie munter weiter! Wir brauchen das.
P.S.: Kommentator Tino ist ja auch ein lustiger Vogel, der es versteht, mit Klischees zu spielen. Hier eine Übersetzung ohne Google:
“Ich weiß, es wurmt euch, dass ihr euch die Finger verbrannt habt. Ihr habt uns provoziert, und wir haben euch geantwortet, ihr Deutschen müsst euch geschlagen geben, auch wenn ihr die Kohle habt und die Arbeit. Im Vergleich mit uns Italienern zieht ihr immer den Kürzeren, geht das nicht in eure Köpfe hinein? Alle lieben uns, weil wir schön sind, sonnig, sympathisch und wir verstehen es, ausgezeichnet zu vögeln. Fragt eure Frauen, wenn sie zum Urlaub zu uns kommen.”
Auch wenn mir der Ton hier im Blog oftmals zu hysterisch erscheint, mit dem, was Du oben geschrieben hast, ist eigentlich alles bereits gesagt. Daher: Danke Daniel!
Darüber hinaus war jedoch absehbar, dass es hier in den Kommentaren zu einem “Kampf der Kulturen” kommen würde, welchen ich absurd und peinlich finde.
Ich glaube, Signore Sallusti hat einen Punkt bei Fleischhauer grundsätzlich missverstanden: wenn Fleischhauer schreibt, es sei fraglich, ob seine Statements als rassistisch eingestuft werden können, weil Italiener ja keine eigene Rasse sind, unterstellt Fleischhauer dabei, dass Nationen eben grundsätzlich keine Rasse sind – ergo sind auch Deutsche keine eigene Rasse.
Sallusti (miss-)versteht Fleischhauers Aussage, Italiener seien keine Rasse aber so, dass er daraus den Umkehrschluss zieht, Deutsche seien nach Fleischhauers Ansicht im Gegensatz zu Italienern sehr wohl eine Rasse. Und hieraus leitet er die Arroganz der Deutschen ab, die sich selbst als (“Herren-”)Rasse ansehen, anderen Nationen dagegen die Qualifikation als Rasse aber absprechen. Dies ist natürlich vollkommen absurd und schießt völlig übers Ziel hinaus.
Grundsätzlich teile ich allerdings die Kritik an Herr Fleischhauers Artikel. Die Verallgemeinerung, so etwas könne Deutschen oder Briten nie passieren, ist völlig fehl am Platze.