23.09.2010 von Dilek Zaptcioglu
So wie der Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands uns in jenen Zeiten irgendwann mit dem Problem der absoluten Geschichtsmüdigkeit konfrontiert haben, fühlt man sich diese Tage in Istanbul auch ziemlich ermattet vor so viel “Geschichte”.
Das Referendum vom 12. September hat praktisch nur eine wichtige Konsequenz, die auch von den Verfassern der Verfassungsreform beabsichtigt war:
Den “Kemalisten” den institutionellen Boden unter den Füssen wegzuziehen. Die Reform erlaubt der Regierung, die Richter in den obersten Gerichten größtenteils selbst zu ernennen. Die Staatsanwälte sind sowieso Beamten des Justizministeriums. Die Polizei untersteht dem Innenministerium. Die Armee kann künftig keine Angehörige mehr entlassen, ohne daß sie vor Gericht auf Wiedereinstellung klagen.
Die türkische Gesellschaft hat den Militärputsch als ein “politisches instrument” zu verachten gelernt. Das ist jedoch nicht das Verdienst dieser Regierung allein. Die türkische Linke und die Liberalen, aber auch schier breite, unpolitische Kreise haben dazu beigetragen, daß der Normalbürger denkt: Okay, ein Putsch ist nichts,… weiter lesen
22.08.2010 von Dilek Zaptcioglu
Istanbul im August 2010:
Nach einer sehr langen Hitzewelle kehrt mit dem starken Poyraz-Wind aus Nord-Ost das Leben in die Stadt zurück. Es regnet. Die Tanker und Containerschiffe parken vor der Bosporuseinfahrt, bis der Sturm vorbeizieht. Der Himmel bietet die schönsten Wolkenkulissen, die Bäume biegen sich, die Wellen schlagen übers Ufer und bespritzen die Stühle der Kaffeehäuser am Kai von Büyükada, unserer Insel. Es riecht nach Meer. Wir können endlich wieder atmen.
Am 1. September endet wieder einmal das sommerliche Fischereiverbot, das verhängt wird, um die natürlichen Lebenszyklen zu schonen. Bald werden die ersten Thunfische des Mittelmeer, die Palamut, aus dem Bosporus geholt und auf den Grill gelegt. Dazu ein Glas Bier, Raki, Wein. Der Staatliche Rundfunkrat RTÜK “benebelt” nun nach den Glimmstengeln auf dem Bildschirm auch alle Alkoholgläser und -flaschen, das heißt, er schreibt vor, daß diese Bildstellen vom Produzenten milchig unsichtbar macht und zensiert werden.

Es sieht wirklich interessant aus, wenn eine Frau oder… weiter lesen
19.08.2009 von Dilek Zaptcioglu
Istanbul ist in diesem Sommer voller Touristen aus dem Nahen Osten. Der krisengeplagte Europäer aalt sich an den Stränden des Südens, in den schrecklichen All-Inclusive-Anlagen. Einzelne, bewußt reisende Bildungstouristen verirren sich natürlich auch in die Stadt, individuell, diese Art des Reisens ist ja wirklich so teuer geworden, daß man meint, die Branche macht selbst Harakiri.
Der “Araber”, “Arap“, wie er im Türkischen heißt )in meiner Kindheit nannten alle Erwachsenen dunkelhäutige Menschen “Arap”) spaziert in jeder Tracht durch die Istanbuler Straßen: Von voll verschleiert, d.h. mit halber Gesichtsschleier und einer schwarzen Tüllschleier im Augenbereich, bis hin zu fast europäischer Kleidung. Für türkische Augen ist das erste Look wirklich erschreckend: Nichts sieht man, nur eine schwarze Gestalt.
Oft tragen nahöstliche Touristinnen schwarze Tschador mit offenem Gesicht. Die Frauen haben auffallend teure Handtaschen, Schuhe und vor allem Sonnenbrillen. Funkelnde Steinchen, große, protzige Markenabzeichen: Ineinander verkeilte C`s oder G`s, oder einfach: Dior. Hohe Absätze sind… weiter lesen
06.07.2009 von Dilek Zaptcioglu
Oder “Girit”, oder ”Kandiye”, wie die Insel einmal unter Osmanen hiess. Eigentlich keine Insel, sondern ein “Land” für sich, das Gegenstück zu Neverland, weil es soviel existiert, dass man selbst Teil wird dieser vollen Existenz. Es ist wahr: Die Mittelmeersonne stellt alles klar und reinigt die Seele.

Kreta in Sicht.
Einfach auf ein Boot steigen und von Marmaris nach Rhodos, Karpathos und Kreta fahren. Das ist jedenfalls unsere Route (auf dem Hinweg) gewesen und ich beabsichtige noch ausführlicher in der Zeitung darüber zu schreiben. Deshalb hier erst einmal nur ein Paar grobe Einzelheiten.
Heraklion / Kandiye: Die Burg am Kai.
Von Marmaris mit einem mittelgrossen, bequemen Schiff nach Rhodos gefahren. Das kostet ca 50 Euro und dauert eineinhalb Stunden. Die Fahrten zwischen den griechischen Inseln und dem türkischen Festland sind die teuersten, weil hier nicht nur eine Grenze überschritten wird, sondern offenbar auch ein Monopol herrscht. In der Ägäis gibt es den Wettbewerb, was die… weiter lesen
29.05.2009 von Dilek Zaptcioglu
Wie ist dieser Sommer in Istanbul?
Ich finde, eher ruhig und besonnen. Das hängt auf jeden Fall mit der Krise zusammen. Die Umsätze sind stark zurückgegangen, die Läden sind ziemlich leer, und man versucht Kundschaft zu ködern – womit? Mit allerlei faulen Tricks wie:”50 Prozent Ermäßigung!” steht dick auf dem Schaufenster. Nur sind die Preise vorher kräftig angehoben worden. Ein Paar Schuhe, die in normalen Zeiten 150 Lira gekostet hätten, kosten jetzt 129 Lira, wobei auf der Etikette der Preis von 239 Lira durchgestrichen ist. Genauso faul der Trick, daß “das zweite Stück 50 Prozent billiger” sei. Auch hier sind die Preise vorher kräftig hockgekurbelt worden. Dennoch: Es lebe die Kreditkarte? Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, die Leute haben wirklich kein Geld mehr. Nicht einmal für den Schuhputzer.

Aber ich glaube, sie haben immer noch die Hoffnung, daß sie Geld haben werden. Sie denken, daß das eine vorübergehende Erscheinung… weiter lesen
01.05.2009 von Dilek Zaptcioglu
Ein historischer Tag, denn seit 31 Jahren zum ersten Mal betraten die Arbeitergewerkschaften an einem Ersten Mai den verbotenen Platz. Nicht in Peking, sondern einen Steinwurf von den europäischen Metropolen entfernt. Im Schatten der ewigen “Beitrittsverhandlungen”. Fast drei Jahrzehnte nach dem Militärputsch vom 12. September 1980, der die Linke in der Türkei fast vernichtete und den Grund und Boden bereitete für den religiös-rechten politischen Diskurs.
Im letzten Jahr noch hatte die Regierung einen regelrechten Platz des Krieges daraus gemacht. “Unverhältnismäßige Gewalt” war angewendet worden, mit Tränengas, Wasserwerfern, Knüppeln und Schußwaffen war die Polizei auf die Demonstranten losgegangen, die es nicht lassen konnten, auf den Taksim-Platz zu gehen. Die Polizei umziegelte die Zentrale des linken Gewerkschaftsbundes DISK. Die Funktionäre, Journalisten, Akademiker blieben stundenlang darin eingesperrt.
Warum der Platz gesperrt blieb? Weil dort am 1. Mai 1977 die größte linke Maidemonstration der Türkei stattgefunden hatte. Weil 1,5 Millionen Menschen dort waren. Weil plötzlich… weiter lesen
07.04.2009 von Dilek Zaptcioglu
Istanbul hat just an dem Tag, an dem Obama es erstmals besuchte, mit gutem Wetter gegeizt. Bewölkt sind wir, obwohl der Frühling schon längst eingezogen ist und alle Blumen und Obstbäume blühen läßt.
Natürlich Verkehrschaos: Die ganze Innenstadt seit gestern abend schon gesperrt, weil er im Conrad-Hotel in Besiktas residierte. An dem Abendessen des “Zivilisationstreffens”, das inzwischen eine UN-Einrichtung ist, nahm er nicht teil. Da saß also der olle Rasmussen mit seinem angebundenem Arm: Er war früh morgens in seinem Luxuszimmer des Ciragan Kempinski gestürzt! Oder: Belki de carpilmisti! Ein böser Blick für die Unterstützung der dummen Muhammed-Karikaturen?!

Die gute Nachricht: Ich glaube, Obama hält nichts mehr davon, weiter auf der Religionsschiene zu fahren. Ganz im Gegenteil, auch wenn er heute morgen die religiösen Gemeindevertreter und den griechisch-orthodoxen Patriarchen sogar in einem Vieraugengespräch traf - die Zeiten, in denen der Religionsdiskurs den öffentlichen beherrschte, in denen wir viel mehr als nötig… weiter lesen
04.04.2009 von Dilek Zaptcioglu

Der neue Werbefilm zu Chanel No 5 mit Audrey Tautou ist in Istanbul gedreht worden, was unweigerlich ein Lächeln in unser Gesicht setzt und die türkischen Newsportale zu so trefflichen Bemerkungen verleitet wie: Istanbul riecht jetzt nach Chanel.
Ach Du liebes Istanbul - wonach Du nicht alles riechst! Nach Abgasen, Mimosen, Zemzem-Wasser aus Mekka, nach Liebe und jetzt im Frühling, nach frischem Gras? Nach Rosen? Nach dem Meer, aber natürlich! Nach Fisch und alten Büchern, meine beiden Lieblingsgerüche nach dem Duft des Meeres.


24.03.2009 von Dilek Zaptcioglu
Der Rektor des Istanbuler Robert College hat zu den Nachrichten, daß behinderte türkische Schüler nicht zu der Aufnahmeprüfung ausländischer Gymnasien in der Türkei zugelassen würden, folgende Erklärung veröffentlicht und die Meldungen dementiert. Gleichwohl bleibt das Thema interessant, weil es (nur) einen Aspekt des gesamten riesigen Schulproblems in der Türkei ausmacht. Dazu gehören solche Themen wie: Was ist Mündigkeit und wie wird ein Mensch, laut Adorno, zur Mündigkeit erzogen? Inwiefern unterscheidet sich diese Art von “Erziehung” von der autoritär-patriarchalischen? Was ist der Auftrag der öffentlichen Schule? Wie lange kann sich die Türkei ein so verzetteltes Schulsystem leisten, aus verkommenden öffentlichen Schulen mit Kopftuchverbot, den sog. Imam-Hatips ohne dieses Verbot und ohne Koedukation, den türk. säkularen und religiösen Privatschulen, die keiner kontrolliert, und den ausländ. Privatschulen, die zwar türk. Schulgesetzen unterworfen sind aber bisher die kleine prowestl. Elite des Landes heranzogen, die nunmehr nicht mehr gebraucht wird. Ganz zu schweigen von dem Hochschulrat, der die Unis kontrolliert und deren… weiter lesen
23.03.2009 von Dilek Zaptcioglu
Die EU fordert von der Türkei seit Ewigkeiten Demokratie. Bitte: Die “Behinderten” möchten Zugang zu allen Bereichen des Lebens. Dabei berufen sie sich auf die Türkische Verfassung.
Jeder Türke, der nach Deutschland kommt, wundert sich zuerst über die vielen behinderten Menschen auf den deutschen Straßen, die selbständig in ihren Rollstühlen durch die Fußgängerzonen rollern. Warum hat dieses Land so viele Behinderte? Nein, das stimmt natürlich nicht. Nur in der Türkei haben diese Menschen einfach keine Möglichkeit herauszugehen: Weil das Leben in den Großstädten sogar für Nichtbehinderte eine echte Herausforderung ist, und sie keinen Staat haben, der an sie denkt. Betriebe müssen zwar auch eine bestimmte Zahl von Behinderten einstellen, aber wer kontrolliert das wirklich? Jeder Istanbuler, der abends heil zu Hause angekommen ist, dankt Gott, daß er in diesem Autoparadies wieder einen Tag überlebte.
Die “ausländischen Gymnasien” (und ich bin Absolventin eines solchen) haben soeben erklärt, daß sie wegen fehlender Infrastruktur… weiter lesen