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19.08.2009

Istanbul im August 09: “Wo kommen all die Araber her?”

von Dilek Zaptcioglu

Istanbul ist in diesem Sommer voller Touristen aus dem Nahen Osten. Der krisengeplagte Europäer aalt sich an den Stränden des Südens, in den schrecklichen All-Inclusive-Anlagen. Einzelne, bewußt reisende Bildungstouristen verirren sich natürlich auch in die Stadt, individuell, diese Art des Reisens ist ja wirklich so teuer geworden, daß man meint, die Branche macht selbst Harakiri.

Der “Araber”, “Arap“, wie er im Türkischen heißt )in meiner Kindheit nannten alle Erwachsenen dunkelhäutige Menschen “Arap”) spaziert in jeder Tracht durch die Istanbuler Straßen: Von voll verschleiert, d.h. mit halber Gesichtsschleier und einer schwarzen Tüllschleier im Augenbereich, bis hin zu fast europäischer Kleidung. Für türkische Augen ist das erste Look wirklich erschreckend: Nichts sieht man, nur eine schwarze Gestalt.

Oft tragen nahöstliche Touristinnen schwarze Tschador mit offenem Gesicht. Die Frauen haben auffallend teure Handtaschen, Schuhe und vor allem Sonnenbrillen. Funkelnde Steinchen, große, protzige Markenabzeichen: Ineinander verkeilte C`s oder G`s, oder einfach: Dior. Hohe Absätze sind in.

Es gibt auch Iraner. Die Frauen legen ihre Kopftücher ohne Zwang am ehesten ab, nicht so die “Araberinnen”. Diese scheinen sich schon ewig daran gewöhnt zu haben und bewegen sich auch ziemlich lässig darin.

Türkische Soap-Operas sind an diesem Boom genauso beteiligt wie auch das Unbehagen vieler reicher Golfstaatenbewohner und Saudís im Westen. Ihre gehäufte Anwesenheit in der Türkei ist das deutliche Zeichen für die unsichtbare Mauer zwischen den “Muslimen” und dem “Westen” - beides in Anführungszeichen, denn beide brauchen einander umzu sein.  

Istanbuls Händler. Taxifahrer, Ladenbesitzer, Hoteliers - sie sind alle begeistert über die “Araber”: Sie kommen in großen Familien, geben viel Geld aus, essen gut, kaufen viel ein und sind selbst so begeistert von dem Land, daß sie ihren Urlaub gerne verlängern. Und die Europäer? “Alle sollen kommen”, sagt einer, “wir haben Platz für alle”. Und tatsächlich scheint Istanbul im Jahre 2009 die einzige Stadt der Welt zu sein, in der sich Menschen aus Dubai, Saudi Arabien, Oman, Katar, Belgien, Deutschland, USA, dem Iran und Israel gleichzeitig für einen Urlaub einfinden und friedlich nebeinander Sightseeing machen.

Gucci in UAE

06.07.2009

Kreta

von Dilek Zaptcioglu

Oder “Girit”, oder ”Kandiye”, wie die Insel einmal unter Osmanen hiess. Eigentlich keine Insel, sondern ein “Land” für sich, das Gegenstück zu Neverland, weil es soviel existiert, dass man selbst Teil wird dieser vollen Existenz. Es ist wahr: Die Mittelmeersonne stellt alles klar und reinigt die Seele.

Kreta in Sicht.

Einfach auf ein Boot steigen und von Marmaris nach Rhodos, Karpathos und Kreta fahren.  Das ist jedenfalls unsere Route (auf dem Hinweg) gewesen und ich beabsichtige noch ausführlicher in der Zeitung darüber zu schreiben. Deshalb hier erst einmal nur ein Paar grobe Einzelheiten.

 

Heraklion / Kandiye: Die Burg am Kai.

Von Marmaris mit einem mittelgrossen, bequemen Schiff nach Rhodos gefahren. Das kostet ca 50 Euro und dauert eineinhalb Stunden. Die Fahrten zwischen den griechischen Inseln und dem türkischen Festland sind die teuersten, weil hier nicht nur eine Grenze überschritten wird, sondern offenbar auch ein Monopol herrscht. In der Ägäis gibt es den Wettbewerb, was die Preise ziemlich reduzierte. So kostet die Fahrt von Rhodos nach Kreta - eine insgesamt fast 14stündige Reise - genauso viel.

Nach zwei Tagen auf Rhodos haben wir das Kreta-Schiff verpasst und sind mit dem nächsten nach Karpathos gefahren. Diese schmale und lange Insel hiess zu osmanischen Zeiten Kerpe und hat einen rauhen Charme. Es weht ein kräftiger Wind, man ist in Aufbruchsstimmung. Eine rege Bautätigkeit zeugt von erst ansetzendem Tourismus. Tui und andere Reiseveranstalter karren die Massen in Betonkästen, es gibt relativ gute Sandstrände und einen Flughafen für Charterflieger. In der Hafenstadt sieht man die Massen nicht, höchstens mal im Bus vorbeizischen, sonst ist es ruhig und sehr nett hier. Ein Zweizimmer-Appartment mit Balkon zum Meer, Kochnische, Kühlschrank, Klima - für 45 Euro, man kann nicht klagen.

Pigadia auf Karpathos. Vom Winde verweht.

Von Rhodos gibt es zwei Routen: Die eine führt über Karpathos und Santorin nach Piräus. Die andere wieder über Karpathos nach Kreta. Nach drei Tagen hier nahmen wir also die Kreta-Fähre. Ein prächtiges Schiff der ANEK Lines, grosses Aussendeck, guter Kaffee, herrliches Wetter. Und nach einer der schönsten Seereisen meines Lebens war die Insel in Sicht. Zorbas, nein, Kazandjakis’ Kreta. Ein eigenständiges Land mit 2500 Meter hohen Bergen, 30 Millionen Olivenbäumen, herrlichen Düften, unendlicher Landschaft, mit einem nach meinen Begriffen sehr angepassten, sanften Tourismus, riesigen Schluchten, über denen Adler kreisen und vor allem im Süden, in Khora Sfakion, hochgewachsenen, schwarz gekleideten Menschen, die mich sehr an unsere “Bergvölker” in Nordostanatolien erinnerten. Eine Griechin, die ich später auf der schicken Insel Paros traf, lächelte, als ich von Kreta sprach, und machte mit ihrer Hand eine Schießbewegung: Die Kreter, wollte sie sagen, lieben die Waffe. Und ein Kreter, den ich nach seinem Verhältnis zu Griechenland fragte, sagte: Griechenland ist weit weit weg von hier. “Where are you coming from?” - Istanbul. Strahlende Gesichter und ein wenig Staunen. “Konstantinopolis!” rufen die Menschen und sagen: Da will ich einmal hin. Und erzählen, dass ihre Großmutter aus Izmir ist, oder ihr Onkel aus Ayvalik oder ihr Opa aus Istanbul. Drei Dinge habe ich sofort festgestellt: Das Michael-Müller-Buch Kreta ist gut. Der Kreter sagt “Raki” aber meint eigentlich eine Art Grappa. Und das beste Begleitbuch auf der Insel ist “Der Koloß von Marnoussi” von Henry Miller.

Mehr über Kreta, bald.    

 

      

29.05.2009

Tee trinken und die Hoffnung nie aufgeben

von Dilek Zaptcioglu

Wie ist dieser Sommer in Istanbul?

Ich finde, eher ruhig und besonnen. Das hängt auf jeden Fall mit der Krise zusammen. Die Umsätze sind stark zurückgegangen, die Läden sind ziemlich leer, und man versucht Kundschaft zu ködern - womit? Mit allerlei faulen Tricks wie:”50 Prozent Ermäßigung!” steht dick auf dem Schaufenster. Nur sind die Preise vorher kräftig angehoben worden. Ein Paar Schuhe, die in normalen Zeiten 150 Lira gekostet hätten, kosten jetzt 129 Lira, wobei auf der Etikette der Preis von 239 Lira durchgestrichen ist. Genauso faul der Trick, daß “das zweite Stück 50 Prozent billiger” sei. Auch hier sind die Preise vorher kräftig hockgekurbelt worden. Dennoch: Es lebe die Kreditkarte? Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, die Leute haben wirklich kein Geld mehr. Nicht einmal für den Schuhputzer.

Aber ich glaube, sie haben immer noch die Hoffnung, daß sie Geld haben werden. Sie denken, daß das eine vorübergehende Erscheinung ist, diese Krise. Irgendwann, irgendwie werden sie Geld haben und sich all das Schöne leisten können.

Die Hoffnung ist das Entscheidende.

Was macht man, wenn man - vorübergehend, wie man glaubt - kein Geld hat und dennoch Istanbul genießen will?

Im Teegarten sitzen und lesen oder auf seinem Laptop herumspielen, schreiben, Musik hören wäre wohl die beste Alternative und hier seien zuletzt einige meiner Lieblingsteegärten aufgelistet:

- Moda: Mit Abstand die schönsten Teegärten, weil der Blick auf die hostorische Halbinsel mit Topkapi usw. fantastisch ist und der Platz groß, so daß man in Ruhe Stunden verbringen kann. Sehr schön auch Kemal”in Yeri etwas in Richtung Burun, Spitze.

- Fenerbahce Burnu: Auch auf der asiatischen Seite, aber blickt auf die Prinzeninseln. Hier hat man die Teegärten mit den großen Holzsesseln, die der Turing-Präsident Celik Gülersoy aufgestellt hatte, ausgedehnt. Sie sind sehr bequem und die Lage optimal. Nur ist es hier am Wochenende ziemlich voll.

Hisar: Die Teegärten am Rumeli Hisari sind nach wie vor nett, aber die Straße führt ja direkt dort vorbei. Ich finde es hier deshalb zu hektisch.

- Inseln: Unter der Woche, nur noch! Der Sommer spült halb Istanbul an. Aber: Unter der Woche ist es auf Burgaz und in Heybeli am Iskele sehr schön.

- Bebek: Auch eine Legende. Das Kaffeehaus am Meer, neben der Moschee. Eher für Anwohner und die Studenten der Uni. Ich gehe nicht mehr dahin, weil der Weg zu lang ist.

- Beylerbeyi: Ganz wunderbar. Hier am Meer, am kleinen Fischerhafen am Iskele haben gleich zwei Ketten aufgemacht, Thimothy”s und Richard”s (heißt es so?). Auf jeden Fall ist es ganz nett, sauber und ruhig hier.

Kanlica: Auch nur unter der Woche ist das große, alte Kaffeehaus direkt am Meer absolut wunderbar für stundenlangen Aufenthalt. Es gibt Tee im Semaver, und das ist wirklich gut. Das Beste: Weil hier eine kleine Landnase ist, taucht immer von links ein unerwartetes Schiff auf. Es gibt also viel zu gucken.

Übrigens:

Dieses Jahr träumt die Autorin von fernen Reisezielen, hat schöne Einladungen und berichtet, wenn sie  wirklich diese Reisen unternehmen kann, u.a. von Kreta. Klopfen wir aufs Holz und vertreiben den bösen Blick.  

                           

01.05.2009

Ein historischer Tag auf dem Taksim-Platz in Istanbul

von Dilek Zaptcioglu

Ein historischer Tag, denn seit 31 Jahren zum ersten Mal betraten die Arbeitergewerkschaften an einem Ersten Mai den verbotenen Platz. Nicht in Peking, sondern einen Steinwurf von den europäischen Metropolen entfernt. Im Schatten der ewigen “Beitrittsverhandlungen”. Fast drei Jahrzehnte nach dem Militärputsch vom 12. September 1980, der die Linke in der Türkei fast vernichtete und den Grund und Boden bereitete für den religiös-rechten politischen Diskurs.

Im letzten Jahr noch hatte die Regierung einen regelrechten Platz des Krieges daraus gemacht.  “Unverhältnismäßige Gewalt” war angewendet worden, mit Tränengas, Wasserwerfern, Knüppeln und Schußwaffen war die Polizei auf die Demonstranten losgegangen, die es nicht lassen konnten, auf den Taksim-Platz zu gehen. Die Polizei umziegelte die Zentrale des linken Gewerkschaftsbundes DISK. Die Funktionäre, Journalisten, Akademiker blieben stundenlang darin eingesperrt.

Warum der Platz gesperrt blieb? Weil dort am 1. Mai 1977 die größte linke Maidemonstration der Türkei stattgefunden hatte. Weil 1,5 Millionen Menschen dort waren. Weil plötzlich von den Dächern Kugeln auf die Menge fielen und 36 Menschen bei der Flucht oder unter Panzerrädern ihr Leben ließen. Eine Provokation machte aus der friedlichen Demo gezielt ein Blutbad. Das wurde zu einem der wichtigsten Wegmarker für den Militärputsch 1980. Der Taksim-Platz war seit 1978 für linke Demonstranten gesperrt.  

Heute mittag auf dem Taksim-Platz: Das Denkmal der Republik, Wahrzeichen des modernen Istanbul, wird gestürmt von linken Gewerkschaftern, die mit roten Disk-Fahnen darauf klettern. Der Erste-Mai-Marsch ertönt auf dem stillen Platz: Bir Mayis, bir Mayis, Iscinin Emekcinin Bayrami…

Ein so bewegender Moment, daß einem unwillkürlich die Tränen in die Augen schießen. Das Ende eines 30 Jahre währenden Traumas. Eines Traumas, dessen Macht ich mir erst heute bewußt geworden bin. 

Chaoten gab es auch: Molotowcocktails flogen auf die Polozei, es gab Dutzende von Verletzten.

Er ist mein persönlicher Held - Süleyman Celebi: Chef des Gewerkschaftsverbandes Disk. Geboren 1952 in Ordu am Schwarzen Meer. Mit 18 übernimmt er seinen ersten Posten in der Textilgewerkschaft. 1980 ist er Kopf der Organisationsabteilung des linken Verbandes Disk. Nach dem Putsch ist er verhaftet. In dem Mammutprozeß Disk wird er verurteilt. Er sitzt 4 Jahre im Gefängnis.

Nachdem die Disk wieder erlaubt wird, macht er dort weiter, wo er aufgehört hat. Folter, Haft, Attentate - der Disk-Chef war ermordet worden - schüchtern ihn nicht ein. 1991 wird er zum Generalsekretär gewählt. 1999 wird er Chef der Textilgewerkschaft. Und 2000 wird er zum Disk-Vorsitzenden gewählt.

Weil er sich der Bedeutung des Taksim-Platzes bewußt ist, ließ er nicht locker. Das Gefühl des Triumphes, der Befreiung ist ihm zu verdanken. Süleyman Abi, büyüksün sen!

Süleyman Celebi sagte heute auf dem Taksim-Platz: “Wessen Herz das noch mitmachte, ist heute hier angekommen. Menschen kamen weinend auf mich zu und berichteten mir, daß sie hier 1977 ihre Angehörigen verloren hatten. Ich bin tief bewegt. Im nächsten Jahr werden wir mit Hunderttausenden hier sein.” Ich glaube nicht, daß die islamisch-konservative Erdogan-Regierung das erlauben wird.  

 

07.04.2009

istanbulblog grüßt Barack Obama

von Dilek Zaptcioglu

Istanbul hat just an dem Tag, an dem Obama es erstmals besuchte, mit gutem Wetter gegeizt. Bewölkt sind wir, obwohl der Frühling schon längst eingezogen ist und alle Blumen und Obstbäume blühen läßt.

Natürlich Verkehrschaos: Die ganze Innenstadt seit gestern abend schon gesperrt, weil er im Conrad-Hotel in Besiktas residierte. An dem Abendessen des “Zivilisationstreffens”, das inzwischen eine UN-Einrichtung ist, nahm er nicht teil. Da saß also der olle Rasmussen mit seinem angebundenem Arm: Er war früh morgens in seinem Luxuszimmer des Ciragan Kempinski gestürzt! Oder: Belki de carpilmisti! Ein böser Blick für die Unterstützung der dummen Muhammed-Karikaturen?!

Die gute Nachricht: Ich glaube, Obama hält nichts mehr davon, weiter auf der Religionsschiene zu fahren. Ganz im Gegenteil, auch wenn er heute morgen die religiösen Gemeindevertreter und den griechisch-orthodoxen Patriarchen sogar in einem Vieraugengespräch traf - die Zeiten, in denen der Religionsdiskurs den öffentlichen beherrschte, in denen wir viel mehr als nötig über Christen, Muslime, Juden, diese und jede Religionsgruppen redeten, scheinen zumindest in Obamas Konzept, vorbei zu sein. Das hat natürlich mit der Krise zu tun, aber auch damit, daß Obama ein anderes Verständnis von der Zukunft der Welt hat. Und daß er wohl sieht, daß die Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen, gemeinsame Sorgen, Pläne, Wünsche, viel schwerer wiegen als künstlich herbeigeredete (religiöse oder ethnische) Unterschiede. Obama kennt viele Welten, auch wenn er sozusagen Präsident der Ersten Welt geworden ist. Er weiß bescheid. Er versteht.

Obamas Vision, und er hat offenbar wirklich eine, auch wenn er wird sie nie verwirklichen können - immerhin - ,scheint mir die von einer Welt zu sein, die in die Zukunft schaut und die in einer möglichst demokratischen, sozialen Weise vereint ist. Wo zwar jeder seinem Glauben und seiner spezifischen “Kultur” anhängen kann, aber wo die Unterschiede in den Hintergrund und die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund treten. Wo die Veränderung, das Bewußtsein um auch die Veränderung der “Kultur” oder “Religion” nicht negiert werden. In diesem Sinne: “Change” bedeutet auch die Verneinung aller vermeintlich statischen, unveränderlichen Eigenschaften. Wenn Bush einen Sumpf uns als Politik verkaufen wollte, kommt Obama mit einem zumindest vorerst sauberen Fluß.

Das verschafft im besten Fall einen Diskurswechsel, der auch der Linken zugute kommen wird. Denn der durch “Kultur” und “Religion” geprägte Diskurs der letzten 20 Jahre schaffte ein Klima, in dem die Linke kaum noch Luft bekommen hat.

Das unehrliche Spiel seines Vorgängers, der den “moderaten Islam” pries, weil dieser so US- und kapitalismuskonform daherkam, will Obama meiner Ansicht nach nicht weiterführen. Natürlich: Religiöse Freiheiten. Er nimmt aber seine Mitspieler ernster. Auch heute, im Gespräch mit jungen Studenten zeigte er sich ziemlich offen und hörte sich jede Frage respektvoll an und versuchte eine ehrliche Antwort zu geben. “Dialog” scheint für ihn wirklich dieselbe Augenhöhe vorauszusetzen - was es heißt, mehrere Stufen niedriger zu stehen und auf sich herabgeblickt zu werden, weiß Obama und gerade dies betonte er mehrmals: “Auch ich wurde nicht in Wohlstand und Ruhm geboren”, sagte er. Der Optimismus war verhalten und das hat seine Gründe. Dennoch, weckt Obama den Eindruck, als ob er menschlich versteht, was Andere plagen.

Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Respekt. Diese drei Eigenschaften machen Obamas Charme aus. Er verneigt sich beim Händeschütteln vor dem altehrwürdigen Ahmet Türk, dem Vorsitzenden der Kurdenpartei DTP und sagt ihm dann hinter verschlossenen Türen: Mit Waffen ist Euer Kampf nicht zu gewinnen. Er schreibt (übrigens linkshändig wie ich auch) in das Atatürk-Buch im Mausoleum, daß es ihn ehrt, hier zu sein. Wenn er in der Hagia Sophie vom Museumsführer erfährt, daß auf den später hinzugefügten Medaillons auch der Name Hussein, des Enkelsohnes des Propheten steht, lächelt er. Geduldig und interessiert läßt er sich in der Sultanahmet Moschee führen. Am Eingang zieht er unaufgefordert und völlig selbstverständlich seine Schuhe aus, ohne dabei dumme Witze zu machen. Er ist ernst und locker, intelligent und spielerisch zugleich.

Seine “interkulturelle Kompetenz” gibt Obama einen Riesenvorsprung vor vielen “monokulturellen” Politikern und Zeitgenossen, mit denen wir uns täglich herumschlagen müssen. Obama verkörpert schlechthin die Zukunft - egal, welche Politik er macht, ob er seine Friedensversprechen einlösen wird und wieviel am Ende seiner Regierungszeit von den schönen Träumen übrig bleibt. Obama ist jemand, der in die Zukunft weist, einfach, weil er so ist, wie er ist.

Nach den vielfach lavierenden, etwas verkrampft lächelnden, sich so oft wie Elefanten im Porzellanladen benehmenden europäischen Besuchen ist Obama zweifellos eine Wohltat. Old Europe: Lerne daraus. Zu deinem Vorteil. You too have to change. Finally.

Tja. Man wird es gemerkt haben: Istanbul hat Obama ins Herz geschlossen.   

04.04.2009

istanbulblog grüßt Chanel No 5

von Dilek Zaptcioglu

Der neue Werbefilm zu Chanel No 5 mit Audrey Tautou ist in Istanbul gedreht worden, was unweigerlich ein Lächeln in unser Gesicht setzt und die türkischen Newsportale zu so trefflichen Bemerkungen verleitet wie: Istanbul riecht jetzt nach Chanel.

Ach Du liebes Istanbul - wonach Du nicht alles riechst! Nach Abgasen, Mimosen, Zemzem-Wasser aus Mekka, nach Liebe und jetzt im Frühling, nach frischem Gras? Nach Rosen? Nach dem Meer, aber natürlich! Nach Fisch und alten Büchern, meine beiden Lieblingsgerüche nach dem Duft des Meeres. 

24.03.2009

Behinderte Schüler und ausländische Privatschulen

von Dilek Zaptcioglu

Der Rektor des Istanbuler Robert College hat zu den Nachrichten, daß behinderte türkische Schüler nicht zu der Aufnahmeprüfung ausländischer Gymnasien in der Türkei zugelassen würden, folgende Erklärung veröffentlicht und die Meldungen dementiert. Gleichwohl bleibt das Thema interessant, weil es (nur) einen Aspekt des gesamten riesigen Schulproblems in der Türkei ausmacht. Dazu gehören solche Themen wie: Was ist Mündigkeit und wie wird ein Mensch, laut Adorno, zur Mündigkeit erzogen? Inwiefern unterscheidet sich diese Art von “Erziehung” von der autoritär-patriarchalischen? Was ist der Auftrag der öffentlichen Schule? Wie lange kann sich die Türkei ein so verzetteltes Schulsystem leisten, aus verkommenden öffentlichen Schulen mit Kopftuchverbot, den sog. Imam-Hatips ohne dieses Verbot und ohne Koedukation, den türk. säkularen und religiösen Privatschulen, die keiner kontrolliert, und den ausländ. Privatschulen, die zwar türk. Schulgesetzen unterworfen sind aber bisher die kleine prowestl. Elite des Landes heranzogen, die nunmehr nicht mehr gebraucht wird. Ganz zu schweigen von dem Hochschulrat, der die Unis kontrolliert und deren Rektoren auswählt, was diese völlig unfrei und zur Fortsetzung der Mittelschulen macht. Ein Chaos? Evet, in der Türkei ist im Moment Chaos angesagt, weil keiner weiß, was er machen soll.  

Dear Parents, Graduates and Friends:

Many of you have doubtless read or heard about the recent news about
the Foreign Schools apparently banning handicapped students from
taking the new Foreign Schools Entrance Examination and, by extension,
that the foreign schools have a policy of not accepting handicapped
children. This appeared in Monday’s Hürriyet, as well as in Cumhuriyet
over the weekend. The language of the Hürriyet article, in particular,
was extremely embarassing to all of the foreign schools.

Let me begin simply by saying that no part of this news is true. The
new exam is open to all, and none of the schools has any policy that
discriminates against children with handicaps.

This situation has come about because an announcement was wrongly made
by the Chair of the Examination Committee. It was ill-advised at best,
and in direct violation of established laws at worst, and it was made
without the knowledge of any of the foreign schools or any members of
the Examination Committee. Robert College would never have supported
such a decision.

A statement has been prepared by the Examination Committee to correct
this serious mistake, and has been sent to both the Ministry and to
the media as a press release.

>From my point of view, RC has been embarassed, as have all the other
foreign schools. Please be sure that we would never be party to any
such a policy.

John R. Chandler
Headmaster

23.03.2009

Behinderte Kinder in Eliteschulen?

von Dilek Zaptcioglu

Die EU fordert von der Türkei seit Ewigkeiten Demokratie. Bitte: Die “Behinderten” möchten Zugang zu allen Bereichen des Lebens. Dabei berufen sie sich auf die Türkische Verfassung.

Jeder Türke, der nach Deutschland kommt, wundert sich zuerst über die vielen behinderten Menschen auf den deutschen Straßen, die selbständig in ihren Rollstühlen durch die Fußgängerzonen rollern. Warum hat dieses Land so viele Behinderte? Nein, das stimmt natürlich nicht. Nur in der Türkei haben diese Menschen einfach keine Möglichkeit herauszugehen: Weil das Leben in den Großstädten sogar für Nichtbehinderte eine echte Herausforderung ist, und sie keinen Staat haben, der an sie denkt. Betriebe müssen zwar auch eine bestimmte Zahl von Behinderten einstellen, aber wer kontrolliert das wirklich? Jeder Istanbuler, der abends heil zu Hause angekommen ist, dankt Gott, daß er in diesem Autoparadies wieder einen Tag überlebte.

Die “ausländischen Gymnasien” (und ich bin Absolventin eines solchen) haben soeben erklärt, daß sie wegen fehlender Infrastruktur leider keine behinderten Schüler zu ihren Aufnahmeprüfungen lassen können. Das ist bisher, seit über 100 Jahren, gängige Praxis. Aber wenn sie so verkündet wird, zuckt man irgendwie zusammen. Weil das ein demokratischer Reflex ist, ist das löblich und ei Zeichen für das wachsende demokratische Bewußtsein in der türkischen Öffentlichkeit.

So weit so gut. Was ändert sich aber wirklich?

Ich weiß nicht, ob zum Beispiel bestimmte Eliteschulen in Deutschland auch solche Sonderbestimmungen haben. Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, eher ist ein Kontingent vorstellbar. Hier aber werden behinderte Schüler die Deutsche Schule, die französischen Gymnasien, die italienischen Schulen nicht besuchen dürfen. Diese Schulen sind ein Relikt osmanischer Zeit und nehmen durch eigene Aufnahmeprüfungen “kluge Schüler” der Oberschichten auf, die dann natürlich mit diesen Sprachen und Ländern besonders verbunden bleiben…

Wenn Demokratie einkehrt, sollten aber auch diese Gymnasien ihre physische Infrastruktur so ausbauen, daß sie zumindest  eine bestimmte Quote von behinderten Schülern aufnehmen können. Es ist anzunehmen, daß ohnehin nicht viele behinderte Schüler an ihre Tür klopfen, denn sie sind sehr sehr teuer. Und die immense Qualitätskluft zwischen diesen und den öffentlichen Schulen in diesem Land ist im Grunde genommen so undemokratisch, wie man sich das gar nicht vorstellen kann. 

  

 

 

 

    

 

14.03.2009

Die Gedanken sind frei

von Dilek Zaptcioglu

Die Zeitschrift der Türkischen Wissenschaftsinstitution, einer staatlichen Vereinigung mit dem Kürzel Tübitak, hat eine Chefredakteurin. Sie heisst Dr. Çigdem Atakuman. Diese entscheidet, zum Darwin-Jahr eine Titelgeschichte zu produzieren. 15 Seiten im März-Heft und der bärtige, gar nicht so unumstrittene Mann auf dem Cover. Der letzte Stand der Evolutionstheorie, verständlich nacherzählt.

Der Tübitak ist dem Ministerpräsidenten unterstellt und hat einen stellvertretenden Chef, der von der regierenden konservativ-islamischen Partei AKP ernannt wurde. Er sieht das gedruckte Heft und - läßt es nicht zu, daß der Darwin vom Cover monalisamäßig lächelt. Prompt wird die Ausgabe zurückgerufen, das Coverthema geändert - nunmehr die globale Erderwärmung - und die 15 Seiten Darwin im Heft fliegen ebenfalls heraus. Die Chefredakteurin wird entlassen bzw. versetzt.

Nachdem das vor zwei Tagen publik wird, kommt von Seiten der Leitung sofort ein Dementi: Nein, Darwin wurde nicht zensiert. Die Chefredakteurin hat nur ihre Befugnisse überschritten und obwohl vorher schon das Klimawandel-Thema festgelegt worden war, hat sie in letzter Minute das Titelthema ausgetauscht und als man merkte, daß die Titelgeschichte von einem unbefugten minderwertigen Akademiker verfaßt und des Blattes nicht würdig ist, wurde das Heft eingestampft und ein neues frisches produziert. Man werde irgendwann unbedingt ein Darwin-Heft machen.

Die Chefredakteurin der Tübitak-Zeitschrift “Bilim ve Teknik”

Heute dementiert die entlassene Chefredakteurin diese Erklärung der Tübitak-Leitung. Sie sagt, daß sie explizit wegen ihres Titelthemas gerügt wurde: “Angesichts der sensiblen Athmosphäre im Land so eine Titelgeschichte…”. Außerdem wäre vorher kein anderes Thema festgelegt worden, weil der Redaktionsrat durch unbestätigte Ernennungen ohnehin nicht tagte. Das Titelthema wählte sie aus. Und hat ihre Befugnisse eingesetzt und nicht überschritten, sagt sie.

Die ganze Geschichte ist symptomtisch für eine Entwicklung, die falscher nicht sein kann: Eine Gesellschaft durch allerlei offene und verdeckte Maßnahmen so umzuformen zu versuchen, ist nicht nur falsch, sondern auch unmöglich. Wir leben im 21. Jahrhundert und mit dem Anspruch, der EU beizutreten. Dieser Beitritt hat nichts mit Religion oder Gefühlen zu tun, sondern zum Beispiel mit der wachsenden Zahl von Arbeitslosen oder mit politischer Zusammenarbeit - sofern sie noch möglich ist.

Jeder muß selbst entscheiden können und dürfen, woran er glaubt und wie er lebt. Möglicherweise irrte sich Darwin. Seine Theorien vom Survival of the Fittest und deren Niederschlag in der Sozialheorie sind mir auch nicht besonders sympathisch - dennoch. Was falsch ist, das Rad der Geschichte zurückzudrehen versuchen. Aus den Köpfen die Aufklärung und Moderne raus, den Glauben rein - das hat nie funktioniert und wird auch heute und hier, zumal vor der Nase Europas, niemals gehen. Außerdem entkräftet dieser Kampf das Land in einer Zeit, in der es seine Kräfte am meisten braucht. Und zeigt, daß man zu wenig Vertrauen in diese Gesellschaft hat - genauso wie die “Betonkemalisten”, die ihre Art der Social Engineering versucht hatten. Von einem Drill zum nächsten?

Ein naturwissenschaftlich-technischer Verein muß natürlich im Darwinjahr von der Evolution erzählen.

Und die Religion muß natürlich die Freiheit haben, für ihre Sicht der Dinge zu werben.

Ein Ungleichgewicht entsteht, wenn der Erste daran - staatlich! - gehindert wird und der Zweiten - ebenfalls staatlich! - freie Hand gelassen.

Was zwangsverordnet wird, schlägt zurück. Was man muß, haßt man irgendwann. Nur was/wen man freiwillig wählt, liebt man.

Das Leben läßt sich nicht in geometrische Formen und Schablonen einpassen.

12.12.2008

Sixtinische Kapelle

von Dilek Zaptcioglu

Nach wie vor sind hunderte von Webseiten, darunter You Tube, von der Türkei aus nicht zugaenglich.

Türkische Hacker haben aber rechtzeitig zu Weihnachten eine jahrhundertealte Zensur beendet und das Deckenfresko von Michelangelo wieder freigelegt.