Archive for Juli, 2006

29.07.2006 von Dilek Zaptcioglu
blogavatar

Kommt der Krieg zu uns?

von Dilek Zaptcioglu

middle east vorher.jpg middle east nachher.jpg  

Selten wurde in der Türkei so viel über Politik gesprochen wie in diesem Jahr. Das Ganze hatte eigentlich mit dem 11. September (2001) begonnen. Kaum jemand glaubte an einen rein muslimischen Terrorakt. Nach meinen inoffiziellen Umfragen denken heute noch mindestens 80 Prozent der Türken (und zwar nicht nur in der Türkei), dass 9/11 von „irgendwelchen fanatischen und verrückten“ Kräften innerhalb der USA (und Israel) inszeniert worden sei. Die folgenden US-Angriffe auf Afghanistan und Irak erscheinen als die schrittweise Umsetzung eines umfassenden und von langer Hand geplanten Projektes. Demnach gilt es, die amerikanische Welthegemonie zu sichern und Israel ein für alle mal eine sichere Existenz im Nahen Osten zu verschaffen.

Als die US-Außenministerin Condoleezza Rice vor einigen Tagen sagte, dass die „Zeit für einen neuen Nahen Osten gekommen“ ist, steigerte sich hier bei uns die Aufregung. Das „Greater Middle East Project“ Pentagons wird im Türkischen alsweiter lesen

27.07.2006 von Dilek Zaptcioglu
blogavatar

Istanbul, heute abend

von Dilek Zaptcioglu

Ausnahmsweise kein Kulturkrieg, nein, keine Politik, denn es ist heute in Istanbul ein wahnsinnig schöner Sommertag. Wir versinken nicht, wie allgemein vermutet, in einer heißen Wüste und weinen unseren dahinsiechenden Kamelen nach. In den vergangenen Wochen hatten wir es sogar kühler als bei euch. Unsere “Mitbürger”, die anatolischen Zuwanderer sind alle in ihre Heimatdörfer gefahren. Die Istanbuler High-Society liegt tagsüber in den Beach Clubs in Bodrum und füllt nächtens die Diskos der Süd- und Westküste. Unsere Eltern sind in ihren Sommerhäusern und erwarten keinen Besuch, unsere Politiker lassen uns weitgehend in Ruhe. Die Schlagzeilen werden von Auslandsnachrichten beherrscht. Die Touristen bleiben aus rätselhaften Gründen aus, oder machen sich unsichtbar. Istanbul hat von ihren 12 Millionen Einwohnern mindestens 8 Millionen verloren – was für eine Freude. Geschrumpft auf die Größe eines München (?) wird die Stadt richtig lebenswert. Eine leichte Brise frischt die Luft vom Meer her auf. Abends wurde esweiter lesen

24.07.2006 von Dilek Zaptcioglu
blogavatar

Inselgrüsse

von Dilek Zaptcioglu

Wo kann der Anfang eines „Istanbuler Tagebuches“ schöner gemacht werden als auf der Insel? Keine Stadt-Oase in Form eines schattigen Cafés unter den Platanen des Bosporus, keine imaginierte, sondern eine wirkliche, wunderschöne Insel .

Ich bin nämlich gerade auf Büyükada, der „Großen Insel“ oder Prinkipo, wie sie vor ihrer Eroberung durch die Türken von den Byzantinern genannt wurde. Klöster, Kirchen, Synagogen, Moscheen – sie sind hier alle üppig vorhanden. Denn die Insel wurde im 19. Jahrhundert zum Sommerdomizil der nichtmuslimischen Bourgeoisie Istanbuls – und ist es auch bis heute weitgehend geblieben. Hier dürfen keine Autos fahren, sondern nur Pferdekutschen. Hier herrscht ein mildes, nicht zu heißes Mittelmeerklima. Hier ist es absolut multikulturell. Hier gibt es tolle Waffeln. Hier dreht sich niemand um, wenn ältere jüdische Damen, Nachfahren der Sepharden aus Spanien, im Café am Meer zusammensitzen, Canasta spielen und dabei in einer Mischsprache aus Türkisch-Französisch-Ladino miteinander quatschen. Hierweiter lesen