27.09.2006 von Dilek Zaptcioglu
Mit Wut und Trauer, heißt es in den Nachrufen. Mit Wut, Trauer und einem tiefen Schamgefühl liest man manchmal die Agenturmeldungen. Man schämt sich Mensch zu sein, wie ein Leser mir heute schrieb. Dieser Artikel ist nicht “mit Nebensächlichkeit” geschrieben. Wir werden alle sehen, ob diese Meldung morgen groß in den Zeitungen steht, und etwas verändern wird.
Die Leichen von sechs jungen Männern wurden gestern morgen aus der azurblauen Ägäis gezogen. Notdürftig mit Zeitungspapier verdeckt lagen sie am ägäischen Strand vor Izmir. Sie waren schwarz. Nicht durch Sonne, sondern von Natur aus.
Sie gehörten Flüchtlingen, die nach Europa wollten. Das ist nichts Neues. Das gehört in die Kategorie: “Ja, ein Jammer, aber was kann man dagegen schon tun?”
Es gibt eine Korrelation zwischen den sinkenden Asylbewerberzahlen in Deutschland und diesen sechs Leichen von heute morgen in der Ägäis. Und die griechische Küstenwache spielt dabei eine unrühmliche Rolle. Eine Rolle, für die sie sich eigentlich, nach… weiter lesen
25.09.2006 von Dilek Zaptcioglu
Frau Alanyali, ist dies Realsatire oder Satire?! Mein erster Chefredakteur hat mir einmal gesagt: Werde lieber nie ironisch in deinen Stücken – der Zeitungleser kann schwerlich zwischen Ironie und Ernst unterscheiden.
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Deutsche Sehnsucht nach dem Blonden und Blauäugigen
Bei Ankunft: Ausländerfreundlichkeit – Von Iris Alanyali
Ich bin erst vor ein paar Tagen aus New York zurückgekommen. Während mein amerikanischer Ehemann auf dem Weg zum Flughafen meine zwei schweren Koffer zum Auto schleppte, machte er sich Sorgen um meine Heimfahrt in Berlin. Er hat lange genug dort gelebt, um fest davon überzeugt zu sein, daß ich niemals einen Taxifahrer finden würde, der mir diese Koffer in den dritten Stock hoch trägt. Ich konnte ihn beruhigen, schließlich sind die Berliner Taxifahrer meist Ausländer. Und tatsächlich stellte ich in Tegel entzückt fest, daß ganz vorne in der Reihe ein freundlicher kleiner Mann schwarzer Hautfarbe stand, der über mein Gepäckproblem nur grinste: “kein… weiter lesen
25.09.2006 von Dilek Zaptcioglu
Jakob Arjouni hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt “Chez Max” und ist eine konsequente Fortführung seiner Gedanken, die er zuerst in den “Kayankaya”-Romanen zu formulieren begann. Das Buch zeugt von seiner bleibenden Systemkritik, von seiner intelligenten Ironie, die manchmal herrlich naiv erscheint und manchmal tiefschwarz daher kommt, und von seinem guten Stil. “Chez Nous” ist eine Novelle über ”uns” und unsere Unfähigkeit, eine wirklich lebenswerte Welt zu schaffen, was das auch sein mag. Es ist aber auch ein Buch speziell über Europa und seine tragenden Mittelschichten, ihre, wie man früher gesagt hätte, “kleinbürgerliche Moral”, über die Enge ihrer Welt und darüber, zu welchen Taten “unbescholtene Bürger” fähig sind.
“Chez Max” ist eigentlich chez nous – ein gutes, intelligentes, unterhaltsames Buch.
Die “großen Zusammenhänge” sind: Wir schreiben zwar das Jahr 2064 aber die Zustände sind nur eine Verlängerung unserer heutigen Zeit. Die USA haben sich in sinnlosen Kriegen verausgabt und wurden zum Schluß von der… weiter lesen
19.09.2006 von Dilek Zaptcioglu
Eine Nachricht kursiert heute im Internet: der Chef der kurdischen PKK, Abdullah Öcalan, sei gestern nacht in seiner Gefägniszelle gestorben. An einem Herzinfarkt.
Aber der Staatsanwalt der Stadt Bursa, dem das Gefägnis Öcalans untersteht, gab eine Erklärung ab: “Öcalan ist gesund. Es gibt keine Probleme.” Erst heute morgen seien die neuesten Untersuchungsergebnisse angekommen.
Auch die eigenen, kurdischen Anwälte Öcalans dementieren die Nachricht.
Fragt sich dann: Wer streut solche Gerüchte?
Eine merkwürdige Atmosphäre der Provokation macht sich in der Türkei breit. Da ist zum Beispiel die Bombe, die vergangene Woche in Diyarbakir explodierte. Es starben dabei 10 Menschen, sieben davon waren Kinder. Die Polizei sagt: Es war die PKK. Die Bombe sei ferngezündet worden, und zwar durch ein Babyphon-System. Der Terrorist kann maximal 100 m vom Tatort entfernt gewesen sein. Die niedrige Frequenz wird nicht von außen gestört.
Der Grund: Alle fordern Frieden! Alle sind die Gewalt leid. Die Kurdenpartei DTP forderte die bewaffnete PKK… weiter lesen
10.09.2006 von Dilek Zaptcioglu
9/11 verfolgten wir in Istanbul genauso wie alle Anderen außerhalb New Yorks: Im Fernsehen. Zwei Jahre später waren aber Explosionen live zu hören: Im November 2003 starben hier in Istanbul bei gewaltigen Anschlägen innerhalb einer Woche insgesamt 67 Menschen, es gab über 600 Verletzte.Am 15. November 2003 explodierten Autobomben vor den Synagogen Neve Schalom und Beth Israel. Es waren Selbstmordattentate, zu denen sich erst die türkische Islamistengruppe Ibda-C bekannte. Aber die Experten sagten, daß die Organisation nicht dazu fähig war. Nach fünf Tagen wurden wieder zwei mächtige Anschläge verübt: Am 20. November 2003 gingen die Bomben vor dem Britischen Konsulat in Beyoglu und vor der HSBC-Bank in Levent hoch. Der englische Konsul Roger Short war unter den Toten. Zu allen Anschlägen bekannte sich letztendlich die Gruppe der Abu Hafs Al Misri Brigaden.Als ich über den Terror berichten, zu den Tatorten, vor die Synagogen fahren musste, die Spuren der gewaltigen Explosionen sah,… weiter lesen
06.09.2006 von Dilek Zaptcioglu
Meine Lieblingskirche in Istanbul heißt “Santa Maria Draperis” und ist eine der ältesten der Stadt. Zugleich ist sie das einzige Gotteshaus der Franziskaner hier. Wenn man im Stadtteil Beyoglu die überfüllte Istiklal Caddesi Richtung Taksim heraufläuft, kommt sie gleich nach dem russischen Konsulat rechts.
Zuert sieht man ein großes eisernes Tor. Dahinter sind breite Treppen verborgen, und unten die schöne Fassade dieser versteckten und neben der prominenten Saint Antoine eher unbekannt gebliebenen Kirche. Sie ist oft leer. Am Tor sind die monatlichen Termine aufgelistet. Im Vorraum rechts sind wunderschöne Kerzen.
Die Bettelmönche kamen im 13. Jahrhundert nach Istanbul und gründeten den ersten christlichen Orden außerhalb der Orthodoxen Kirche. Die Kirche wurde 1678 erbaut, brannte aber im Laufe der Jahrhunderte mehrmals ab. Ihren heutigen Endzustand soll sie 1789 erreicht haben. Hinter dem Altar ist eine wertvolle Ikone, die von Clara Bertola Draperis gestiftet worden ist. Der Architekt heißt Semprini.
Geöffnet… weiter lesen
05.09.2006 von Dilek Zaptcioglu
Die Abstimmung im türkischen Parlament war kurz & schmerzvoll:
340 Ja, 192 Nein-Stimmen – ein Einziger enthielt sich!
Die Türkei schickt also Truppen in den Libanon…
In das Gebiet, das sie zu Zeiten des Osmanischen Reiches, 1516 “eroberte” und
jahrhundertelang ziemlich seinem Schicksal überließ. Damals gab es kaum Schiiten
im Libanon. Angesichts bürgerkriegsähnlicher Zustände mußte der Sultan später, schon
zum “Kranken Mann am Bosporus” mutiert, der Entsendung “europäischer Friedenstruppen”
in die Region zustimmen. Am 5. September 1860, also fast auf den Tag genau vor 146 Jahren
unterzeichnete der Sultan das diesbezügliche Protokoll! Einige Wochen später, schreibt der Populärhistoriker
Murat Bardakci, tauchten je 5 britische und französische, zwei russiche und ein österreichisches
Kriegsschiff vor der libanesischen Küste auf. Obwohl sie überhaupt nicht gefragt waren, kamen
bald auch die Spanier und Griechen nach, um nichts zu verpassen.
Frankreich ließ sofort 6000 Soldaten an Land gehen. Nach einigen Monaten verlangten die
europäischen Mächte die Einsetzung eines Politischen… weiter lesen
05.09.2006 von Dilek Zaptcioglu
Zur Stunde findet eine historische Debatte im türkischen Parlament in Ankara statt: Soll die Türkei Soldaten in den Libanon entsenden, oder nicht. Seit 5 Stunden reden die Abgeordneten. Alle Fernsehsender übertragen die Sitzung live. Die Straßen sind leergefegt. Man hört am Bosporus nur die Stimme des Außenministers.
In den Istanbuler Fenstern sah ich heute etwas, was hier sonst völlig unüblich ist: “Schick´deinen eigenen Sohn in den Libanon!” stand auf handgeschriebenen Plakaten, die Leute an ihre Scheiben geklebt haben. Der Sohn des Ministerpräsidenten heißt Bilal und lebt in den USA. Täglich sterben junge Wehrdienstleistende im Südosten, weil die Regierung unfähig ist, die Kurdenfrage zu lösen. Auf den zornigen Zwischenruf eines Vaters (“Wir wollen keine gefallenen Soldaten mehr sehen!”) sagte Erdogan gestern ganz lapidar: “Militär ist eben keine Spielweise”.
Dieser ungeheure Satz wird auf ihm bis zum bitteren Ende lasten!
Vor der Invasion der USA und Großbritanniens im Irak hatte das türkische Parlament in… weiter lesen
02.09.2006 von Dilek Zaptcioglu
…und die Fischer sind heute nacht schon zum zweiten Mal schlaflos auf hoher See. Lange haben sie darauf gewartet, volle Netze aus dem Scharzen Meer herauszuziehen. Das wird ein fischreicher Winter – der allererste Fang gestern, am 1. September, war gut. Man hofft auf guten Palamut – der Thunfisch zieht jetzt vom Schwarzen Meer wieder herunter in die Ägäis.

Auf der historischen Galata-Brücke und am Marmara-Meer findet heute zum dritten Mal das Istanbuler Fischfestival statt, mit Tanz, Theater, Musik und Angelwettbewerb. Die Fischer werden heute eine Tonne ihres Fangs umsonst verteilen, und zwar lecker gebraten im frischen Brot, mit oder ohne Zwiebeln. Das Wetter ist sonnig und etwas frisch.
Der wirtschaftlich bedeutendste Fisch des Mittel- und Schwarzen Meeres war schon immer der thynnus oder thynnis (Thunfisch). “Junge Thunfische wurden pelamys bzw. pelamus genannt. Gewöhnlich wurde der Thunfisch nicht vom kleineren Germon unterschieden. Trotz seiner überragenden Bedeutung findet sich in… weiter lesen