Sechs Leichen in der Ägäis
von Dilek ZaptciogluMit Wut und Trauer, heißt es in den Nachrufen. Mit Wut, Trauer und einem tiefen Schamgefühl liest man manchmal die Agenturmeldungen. Man schämt sich Mensch zu sein, wie ein Leser mir heute schrieb. Dieser Artikel ist nicht “mit Nebensächlichkeit” geschrieben. Wir werden alle sehen, ob diese Meldung morgen groß in den Zeitungen steht, und etwas verändern wird.
Die Leichen von sechs jungen Männern wurden gestern morgen aus der azurblauen Ägäis gezogen. Notdürftig mit Zeitungspapier verdeckt lagen sie am ägäischen Strand vor Izmir. Sie waren schwarz. Nicht durch Sonne, sondern von Natur aus.
Sie gehörten Flüchtlingen, die nach Europa wollten. Das ist nichts Neues. Das gehört in die Kategorie: “Ja, ein Jammer, aber was kann man dagegen schon tun?”
Es gibt eine Korrelation zwischen den sinkenden Asylbewerberzahlen in Deutschland und diesen sechs Leichen von heute morgen in der Ägäis. Und die griechische Küstenwache spielt dabei eine unrühmliche Rolle. Eine Rolle, für die sie sich eigentlich, nach EU-Kriterien, unbedingt vor dem Kadi verantworten müßte – wie die türkischen Zeitungen heute genüßlich ausbreiten, wird man doch ständig von Brüssel getadelt und gerügt.
Die griechische Küstenpolizei fängt nämlich Flüchtlinge auf, entweder im Meer oder auf einer der vielen Ägäis-Inseln vor der türkischen Küste. Sie nimmt sie, das behaupten zumindest die Betroffenen, wieder ein Stück mit zurück, bis zu den türkischen Hoheitsgewässern, und schmeißt die Menschen dort ins Meer, damit sie rüberschwimmen. Oder läßt sie zurück auf ihrem armseligen, überfüllten Boot, manchmal ohne Ruder. Viele ertrinken deshalb, weil sie diese 300 – 400 Meter bis zum Ufer nicht schaffen.
Das haben über zwei Dutzend Flüchtinge gestern im türkischen Karaburun zu Protokoll gegeben und den Reportern erzählt: In der Nacht zum Dienstag fing die griechische Polizei die Illegalen auf dem Boden der Insel Chios. Es waren 39 Leute. Sie nahm die aus dem Libanon, aus Tunesien oder Irak stammenden Männer aufs Boot und warf sie vor Karaburun raus ins Wasser. Bei dem Dorf Kücükbahce auf der türkischen Seite hörten die Bauern früh am Morgen verzweifelte Schreie. Sie kamen von unserer azurblauen Ägäis. 31 Menschen wurden lebend herausgezogen. Sechs waren bereits ertrunken. Zwei Flüchtlinge werden noch vermißt und sind wohl auch schon tot. Die Überlebenden sagen: Wir waren doch schon auf der Insel Chios aufs Land gegangen. Wieso wurden wir wieder ins Meer geworfen?

Hier waren die Flüchtlinge: Zwischen Chios und der türkischen Cesme-Halbinsel
Die EU hat der Türkei “strenge Auflagen” erteilt, damit sie sich als Fluchtroute ausschaltet. Geld, Schulung von Beamten, alles wurde gemacht, damit sie mit ihren drei langen Meeresküsten, benachbart zu den “Problemzonen” der Welt dicht an Europa, die Flüchtlinge einfängt. Nicht mehr durchläßt. Wieder zurückschickt, in den Libanon oder Irak.
Schauen wir uns ein paar Zahlen an. Sie betreffen die in der Türkei eingefangenen Flüchtlinge, die also nicht mehr in den Asylbewerberzahlen der EU auftauchen.
Im Jahre 1995 wurden hier 11. 362 Flüchtlinge gefaßt. 1996 waren es 18. 804, und 1997 28.439. Im Jahre 1999 stieg die Zahl auf 47. 529 und: 2000 wurden doppelt so viele Flüchtlinge wie im Vorjahr, nämlich 94. 514 Menschen gefaßt. Von 1995 bis 2000 war die Zahl der gefaßten Flüchtlinge um 900 Prozent gestiegen. Zwischen 1995 und 2005 wurden insgesamt 580.000 illegale Flüchtlinge auf dem Weg in die EU gefaßt. In derselben Zeitspanne wurde gegen 5.500 Schlepper ermittelt.
Die türkische Küstenwache berichtet, daß sie in den letzten Jahren zunehmend griechische Küstenwachenboote dabei beobachtet, wie sie Illegale in türkische Gewässer bringt und ins Meer wirft, oder auf überfüllten Ruderbooten ihrem Schicksal überläßt. Das erste Mal passierte es im Juli 2004 vor Kusadasi. Das griechische Polizeiboot “Aimeniko Soma” hatte ein kleines Flüchtlingsboot im Schlepptau. Mitten in der Ägäis wurden 40 Flüchtlinge, darunter viele Frauen und Kinder, buchstäblich “losgelöst” und treiben gelassen. Dieser Akt wurde dokumentiert, der Film wird von türkischen Nachrichtensendern ausgestrahlt.
Nach offizellen Angaben der türkischen Behörden beträgt die Zahl der so aufgefangenen Flüchtlingen seit Anfang 2004 genau 5.800. Wenn man bedenkt, daß das nur die Gefaßten sind, wird die wirkliche Zahl um ein vielfaches höher liegen.
Das griechische Außenministerium erklärte gestern dazu, Ankara halte sich nicht an ein bilaterales Abkommen, das eine “Rückführung illegal aus der Türkei nach Griechenland Eingewanderter” ermöglicht. In den vergangenen vier Jahren habe Griechenland 22.000 Rückführungsanträge gestellt, “und nur 1.400 wurden angenommen - 6,36 Prozent”, sagte Außenamtssprecher Giorgos Koumoutsakos. “Die Zahlen sprechen für sich.”
Die ertrunkenen Flüchtlinge sprechen auch für sich.
Jedes Land muß diese Menschen aufnehmen und sich um ihr Schicksal kümmern. Es ist nicht legal, bereits auf dem griechischen Boden oder im griechischen Hoheitsgewässer angekommene Flüchtlinge zurückzuschleppen und unter gefährlichen Bedingungen hinauszuwerfen, damit sie “wieder zurückschwimmen”. Es ist schlicht illegal.
Wenn die Aussagen der Flüchtlinge stimmen, und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dann ist das sogar fahrlässige Tötung, ein schweres Delikt, das geahndet werden muß. Fünf Anwälte aus Izmir haben sich der Überlebenden heute angenommen und angekündigt, damit bis zum Menschenrechtsgericht nach Straßburg zu gehen.

Kommentar schreiben
es ist die größte schweinerei.
ich scheme mich als mensch
Die Festung Europa umfaßt bereits die Türkei – bislang schaute jeder nur nach Nordafrika und die spanischen Exklaven. Es ist eine Schande, ein schlimmes Verbrechen gegen die Menschenwürde, gegen menschliches Leben – und gehört vor den Internationalen Gerichtshof. Diese Menschen sind tage-, ja wochenlang unterwegs unter schlimmsten Umständen, liefern sich kriminellen Schleppern aus und ertragen dies alles nur durch den winzigen Hoffnungsschimmer “Europa”, ein Leben in weniger Armut als in ihren Heimatländern. Sie wollen ARBEITEN, um leben zu können. Ist das ein Verbrechen?? Fragen wir unsere EU-VertreterInnen, was sie für diese Menschen tun! Neulich las ich, dass erste Abschiebungen von Spanien aus passierten. Menschen, die wochen- oder monatelang auf wrackigen Booten ausharrten, halbverdurstet durch sengendheiße Wüsten liefen – wurden in ca. 3 Flugstuden zurück in ihre Heimatländer geflogen, die sie nicht mehr wollen. Was ist das für eine perfide Welt!
Warum hält sich denn die Türkei nicht an das bilaterale Rücknahmeabkommen? Ist das nicht auch illegal?
Und die Flüchtlinge, die in Europa arbeiten wollen, warum halten sie sich nicht an europäische Gesetze? Ist ein Grenzübertritt ohne Visum nicht auch illegal?
Gibt es wirklich keinen Grund an diesen Aussagen von Flüchtlingen zu zweifeln? Haben diese nicht die stärkste Motivation, die griechische Küstenwache zu bezichtigen? Gibt es auch unabhängige Berichte darüber, daß die Flüchtlinge schon griechischen Boden betreten haben, und nicht an der Landung gehindert wurden? Wurden wirklich Menschen über Bord geworfen – oder nicht doch eher Flüchtlinge in genau den Booten, mit denen sie in griechische Hoheitsgewässser gekommen sind, wieder in türkische zurückgebracht? Wenn die Boote noch seetüchtig waren – ist das dann wirklich illegal?
Nur damit das klar ist: Es ist furchtbar, dass vor Europas Küsten Menschen ertrinken. Niemand will das.
Warum ertrinken diese Menschen?
Weil sie sich in völlig überfüllte Boote setzen, die ungeeignet und zum Teil seeuntüchtig sind, die bei Nacht und schlechten Bedingungen losfahren. Weil sie sich Schleppern anvertrauen, deren Ziel nicht so sehr Fluchthilfe ist als vielmehr Gewinnmaximierung und die alles tun (inlusive: Nichtschwimmer vor der Küstenwache ins Meer werfen) um nicht gefasst zu werden.
Warum setzen sich Flüchtlinge in diese Boote und bezahlen sogar viel Geld dafür?
Weil Ihnen gesagt wird, dass sie sobald sie eine griechische Insel betreten von dort per Fähre weiterreisen können, um in Europa Geld zu verdienen. (Genauso wie sie, wenn sie die kanaren betreten, vom spanischen Staat aufs europäische Festland ausgeflogen und freigelassen werden. Oder sie von den italienischen Inseln vor Nordafrika nach Italien gebracht wurden und dort frei weiterreisen konnten…)
Wenn diese Aussicht nicht bestände, wäre niemand so verrückt, in diese Boote zu steigen! Wenn sich die Türkei an das bilaterale Abkommen halten würde und die Flüchtlinge zurücknehmen würde, gäbe es bald keine Fluchtboote mehr dort und auch keine Toten.
Und es gäbe weniger libanesische und türkische Schlepper, die sich von diesem business ernähren.
Die illegale Einwanderung nach Europa würde sich allerdings vermutlich nur verlagern…
Wirtschaft:
Verzweiflung groß wie Hoffnung auf ein besseres Leben
37 der 53 Länder Afrikas sind Agrarstaaten. Industrienationen zahlten 2005 349Mrd. Dollar Produktions- und Exportsubventionen an ihre Bauern. Dadurch wird heute französisches, spa-nisches, italienisches und portugiesisches Gemüse in Afrika 50% billiger als einheimische Produkte verkauft.
- Der Verkauf von 2nd- Hand- Kleidung der Industrienationen zerstört die junge Textilindust-rie in Afrika.
Politische Hintergründe:
Kongokonferenz 1884/ ´85 in Berlin
Nach 1885 wandte sich Otto Bismarck wieder vom Kolonialgedanken ab und setzte seine politischen Prioritäten bei der Beziehungspflege mit den Großmächten England und Frank-reich fort. Die Kolonien dienten ihm in diesem Zusammenhang auch als Verhandlungsmasse. So wurde bei der Kongokonferenz 1884/85 in Berlin Afrika wie ein Stück Kuchen unter den Großmächten aufgeteilt. 1890 verzichtete das Deutsche Reich im von Bismarck maßgeblich vorbereiteten Helgoland-Sansibar-Vertrag auf Deutsch-Witu, um einen Ausgleich mit Eng-land zu erreichen. Was Kolonialpolitik und Sklavenhandel der Industrieländer aus Afrika ge-macht haben, sehen wir heute vor uns. Und auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen: Die Kolonialpolitik setzt sich bis heute fort, wenn auch nicht mehr offen und politisch, so doch verdeckt auf wirtschaftlicher Ebene. Dabei geht es u.a. um eine gnadenlose Jagd um Rohstof-fe