31.08.2007 von Dilek Zaptcioglu
Also hat jetzt ein Schwede den Propheten des Islam als einen “Hund in der Mitte eines Kreisverkehrs” karikiert.
Wie bahnbrechend!

Wie langweilig!
Wie langweilig auch die “Reaktion”: Wütende dickbäuchige schwarz verschleierte Frauen zerreißen auf Fotos irgendwelche Druckerzeugnisse; bärtige, ungewaschen und unsympathisch wirkende Männer blicken wie immer finste drein; irgendwelche Regierungen, in Pakistan und sonstwo überreichen Protestnoten….wie langweilig, wie einfallslos, wie alt!
Harald Schmidt hat gesagt, in unserer Zeit hat eine Nachricht höchstens drei Tage Zeit zu leben.
Wie spannend dagegen unsere Diskussionen hier in der Türkei, in Istanbul, wo es nicht nur um Religion und Aufklärung, Laizismus und Demokratie, Schleier und Nacktheit…..geht, obwohl der eigentliche Kampf ja gerade hier unter uns stattfindet, ein Kampf, der uns unmittelbar angeht und von dessem guten Ausgang wir mal überzeugt sind und mal nicht – es geht hier um unglaubliche, unglaublich lebendige Synthesen zwischen Ost & West, schlicht und einfach um das LEBEN an… weiter lesen
23.08.2007 von Dilek Zaptcioglu
Ich glaube, es war Ernst Bloch, der sagte: Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein. Vielleicht läßt sich das so umschreiben: Nur ein Agnostiker kann ein guter Gläubige sein. Und jeder Gläubige ist auch ein Agnostiker, denn es gibt immer Momente des Zweifels. Das Leben selbst ist ein Grund zum (Ver)Zweifeln: Lohnt es sich, oder lohnt es sich nicht? Und wie wir diese Frage mal bejahen, und mal verneinen, so ist unser ganzes Leben ein Schwanken zwischen Ja und Nein, zwischen ”Gott” und “Teufel”. Wir sind selbst beides.
Die aristotelische Logik schließt das Sowohl-als-auch aus. So können Deutsche keine Türken, Türken keine Deutsche sein. Gläubige können nicht modern, d.h. nicht praktizierend leben, (Post)Moderne können nicht an Gott als eine höhere Macht glauben; man kann nicht zärtlich und gewalttätig sein, wer mordet, kann nicht gebären, wer ”A” sagt, kann nicht auf ”B” verzichten, undsoweiter. Trotz aller theoretischen Debatten denken die allermeisten Menschen in diesen einfachen Kategorien.
Im Krieg… weiter lesen
19.08.2007 von Dilek Zaptcioglu
Im Krieg gerät man schnell zwischen die Fronten.
Ich stehe zwar der Regierung Erdogan in der Türkei sehr skeptisch gegenüber, lehne jedoch die Anti-Islam-Hysterie in Deutschland mit größerer Vehemenz ab.
Der antimuslimische Rassismus im Westen und der Islamismus als politische Bewegung im Osten sind perfekte Spiegelbilder.
Beide gehen von einer besonderen Gattung Mensch, dem Homo Islamicus aus.
Die einen verteufeln, die anderen preisen ihn.
Das Leben lehrt uns jedoch, daß weder das eine noch das andere richtig sind.
Der Mensch ist wandelbar! Jeder Mensch ist anders. Und was er ist, bestimmt nicht nur er selbst.
Die Muslime dürfen nicht vor die Wahl gestellt werden, entweder den politischen Islam oder die Leugnung und Verteufelung ihres Glaubens zu wählen! Denn das werden sie, wir, niemals tun.

Die Kocatepe-Moschee in Ankara, entworfen von Vedat Dalokay
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04.08.2007 von Dilek Zaptcioglu
“Wir” und “ihr” – so hatte ich vor Jahren einmal eine meiner Kolumnen betitelt. Es ging darin um unsinnige Lagerbildungen in der Gesellschaft.
Seit ein paar Tagen gibt es eine neue “Hürriyet”-Werbung im Fernsehen. Der türkische Filmregisseur Ferzan Özpetek, der in Italien großen Erfolg hat, hat sie gedreht.
In einer Wohnung ist der Tisch gedeckt. Ein junger Typ, offenbar der jüngere Sohn der Familie, schaut fern, trägt ein Nationaltrikot und schreit “Türkiye, Türkiye” wie in einem Fußballspiel. Das Mädchen, seine ältere Schwester, findet das nicht komisch und sagt, der wäre wohl auf dem Primaten-Level der Evolution stehengeblieben. Sie streiten sich, da klingelt es an der Tür, ein leicht Älterer im grauen Anzug kommt herein, die Eltern begrüßen ihn, er umarmt seine Mutter, der Jüngste sagt: “Na, da kommt ja der weiße Türke unserer Familie, na, hast du heute gut an der Börse verdient?” Seine Schwester sagt: “Was ist denn eigentlich aus deinen Idealen geworden,… weiter lesen