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Beiträge von November 2007

25.11.2007

Mit der Subway, somewhere…

von Dilek Zaptcioglu

Wohin, wer weiß. Aber eines weiß ich: Woher der Leser kommt, wenn er meine Blogseite anklickt. Denn es gibt eine Referenz-Liste für jeden Tag. Der häufigste Umweg ist natürlich Google. Es erstaunt mich aber sehr, welche Suche zu diesem Blog führen kann! Hier ist eine kleine Liste der Umwege zu istanbulblog vom 12. November 2007:

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Die merkwürdigste Suche in Google, von wo aus an diesem Tag jemand zu meinem Blog stieß, ist:

wieviele U-Bahnen fahren in london täglich

Für diesen Leser habe ich nachgeschaut, aber nicht herausgefunden, wieviele Züge täglich in London unterirdisch unterwegs sind. Eine Zahl kann ich nennen: 3 Millionen Menschen fahren jeden Tag mit der Subway somewhere…

                                                            tünel kitabi.jpg

Das Buch heißt: “Beyoglu: Eine Zeitreise”, und erzählt die Geschichte des Viertels sehr anschaulich. Auch die unterirdische Seilbahn Tünel, die “dritte Metro der Welt” nach London und Paris, und wohl die kürzeste, kommt hier vor. Istanbul hat jetzt zwei solcher Kurz-Subways. Die zweite führt von Taksim nach Kabatas herunter und ist für meinen Beyoglu-Besuch unentbehrlich, denn von der asiaischen Seite des Bosporus bin ich mit dem Motorboot schnell in Kabatas, und mit der Funiculère (zweite Seilbahn!) im Nu auf dem Taksim-Platz. Das Ganze dauert manchmal nur eine halbe Stunde – eine sensationell kurze Fahrtzeit in Istanbul.

           tünel.jpg

           Unser “Tunnel”, die kürzeste Metrostrecke der Welt.

13.11.2007

Regen in Istanbul, Regen auf Kreta…

von Dilek Zaptcioglu

             regen-op-kreta.jpg

…Ganz langsam, durch den Regen und das feuchte Erdreich hindurch, stiegen die

Erinnerungen an meinen Freund wieder auf, der in die Fremde, fern in den Kaukasus

gezogen war. Ich nahm die Feder zur Hand, beugte mich über das Papier und begann,

mich mich ihm zu unterhalten, um das Regennetz zu zerreißen und aufzuatmen:

“Lieber Freund, ich schreibe dir von einer verlassenen Küste der Insel Kreta. Ich bin mit

dem Schicksal übereingekommen, mich für einige Monate hier aufzuhalten, um zu

spielen, und zwar den Kapitalisten…Du hast mich, wie du dich erinnerst, bei deiner Abreise

´papierverschlingende Maus´ genannt. Das ärgerte mich und ich beschloß für einige Zeit

- oder für immer? – den papierenen Wust zum Teufel zu schicken und

ein Tatmensch zu werden.”

aus: “Alexis Zorbas” von Nikos Kazantzakis, S. 78

Rowohlt, 1977

                                        

10.11.2007

It´s a rainy day in Istanbul…

von Dilek Zaptcioglu

…und ich bitte alle istanbulblog-Leser beim heiligen Regen um Entschuldigung, daß ich so lange nicht geschrieben habe.

Erstens: Ich hatte sehr viel Arbeit mit dem drohenden “Einmarsch der türkischen Armee im Nordirak”. Zwar ist er (noch) nicht eingereten, Ihr wißt, Tayyip Erdogan war bei George W. Bush und - Bush ist ein amerikanischer Cowboy. Erdogan ist ein türkischer Cowboy. Beide verstehen sich blendend. Zumal Bush nicht mehr trinkt, weil er auch Gott entdeckt hat. Bush sagte: “You´re looking good (man).” He means it. Tayyip antwortete: “Sen de epey dinc görünüyorsun” (Und du siehst auch ziemlich vital aus (für dein Alter, Mann)). Klopften sich auf die Schulter – hätten sich beinah angeboxt, so in die Magengegend, ich verstehe den Sinn dieser Gestik nicht, aber das machen Männer ja gerne, sich zur Begrüßung anzuboxen. Muß aus der Zeit der Sammler und Jäger stammen.

Zweitens: Ich bin mit dem Kopf irgendwie woanders gewesen. Auf einem anderen Planeten. War privat auch sehr beschäftigt. Mußte dazu meine Mutter betreuen. Habe begonnen über islamische Philopsophie zu lesen und entdeckt, daß endlich die Bücher der “Goldenen Ära” der islamischen Philosophie (Andalusia…) in ein Neutürkisch übersetzt und nachgedruckt werden. Ich habe, was mich glücklich macht, überhaupt sehr viele neue Bücher, die ich jetzt in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten lesen werde (ich lese immer zwei oder drei parallel, und schreibe auch an mehreren Texten gleichzeitig, es ist sehr ermüdend).

kaffee_400q.jpg  kaffee_400q.jpg  kaffee_400q.jpg

Aus Istanbul gibt es neben dem Regen wie immer viel zu berichten. Ich beginne mit der Nachricht, daß heute am Todestag des Republikgründers Mustafa Kemal ein neuer Besucherrekord m Mausoleum in Ankara gebrochen wurde. Und beenden will ich das Thema gleich mit einer anderen Reflexion:

An Hunderttausenden Schulen der Türkei fanden heute Gedenkfeiern zu Atatürk statt. Kinder trugen Gedichte und kleine Bühnenstücke vor. Eltern waren mit eingeladen.

Alles ist auswendig gelernt. Die Kinder müssen sich auf eine besimmte Weise kleiden, schwarze Schuhe anziehen…

Mustafa Kemal dazu: “Mein Körper ist vergänglich. Mein ideelles Werk soll fortbestehen.”

Wer einen Personenkult um sich herum wollte, hätte nicht so gelebt wie er. Mustafa Kemal hat sehr menschlich gelebt und seine “Schwächen” niemals versteckt.

Sein “Vermächtnis”: die Ideen der Aufklärung – Vernunft, Selbstinitiative, Solidarität – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit…

(weiterdenken…selbstverständlich…Anstoß der türkischen Moderne, die sehr radikal war und dennoch richtig….und immer noch aktuell)

Einer darnieder liegenden Gesellschaft ein neues Selbstvertrauen zu schenken, das sich nicht im Militärischen oder Religiösen erschöpft…Die Tür zu öffnen für eine “neue Zukunft”, in der man seinen Platz gleichberechtigt und friedlich einnehmen soll…(Utopia grüßt….)   

In den Schulen sollte statt der Rituale, an denen die Kinder automatisch teilnehmen, eine kurze aber aussagekräftige Feier stattfinden. Die Schüler müßten unabhängige, freie Aufsätze schreiben. Geschichte lernen und über sie diskutieren. Sie sollten lernen, ihre eigenen Gedanken zu entwickeln. Ihren eigenen Gedanken zu vertrauen. Selbst an diesen Gedanken zu zweifeln, und darüber zu sinnieren, was “uns eigen” noch sein kann….

In Istanbul regnet es wieder einmal. Um 17 Uhr wird es hier schon dunkel. Seit heute morgen tobt ein Lodos (Südwind) – Sturm in der Ägäis.

Es ist die Zeit von Kaffee, Tee, Schokolade, Büchern, schöner Musik und guten Filmen im gemütlichen Zuhause…und meinem Lieblingsgetränk im Winter: Sahlep.

Denn im Winter friert das Herz am leichtesten.

Ich wünsche keiner Leserin “ein Herz im Winter”.

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