It´s a rainy day in Istanbul…
von Dilek Zaptcioglu…und ich bitte alle istanbulblog-Leser beim heiligen Regen um Entschuldigung, daß ich so lange nicht geschrieben habe.
Erstens: Ich hatte sehr viel Arbeit mit dem drohenden “Einmarsch der türkischen Armee im Nordirak”. Zwar ist er (noch) nicht eingereten, Ihr wißt, Tayyip Erdogan war bei George W. Bush und - Bush ist ein amerikanischer Cowboy. Erdogan ist ein türkischer Cowboy. Beide verstehen sich blendend. Zumal Bush nicht mehr trinkt, weil er auch Gott entdeckt hat. Bush sagte: “You´re looking good (man).” He means it. Tayyip antwortete: “Sen de epey dinc görünüyorsun” (Und du siehst auch ziemlich vital aus (für dein Alter, Mann)). Klopften sich auf die Schulter – hätten sich beinah angeboxt, so in die Magengegend, ich verstehe den Sinn dieser Gestik nicht, aber das machen Männer ja gerne, sich zur Begrüßung anzuboxen. Muß aus der Zeit der Sammler und Jäger stammen.
Zweitens: Ich bin mit dem Kopf irgendwie woanders gewesen. Auf einem anderen Planeten. War privat auch sehr beschäftigt. Mußte dazu meine Mutter betreuen. Habe begonnen über islamische Philopsophie zu lesen und entdeckt, daß endlich die Bücher der “Goldenen Ära” der islamischen Philosophie (Andalusia…) in ein Neutürkisch übersetzt und nachgedruckt werden. Ich habe, was mich glücklich macht, überhaupt sehr viele neue Bücher, die ich jetzt in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten lesen werde (ich lese immer zwei oder drei parallel, und schreibe auch an mehreren Texten gleichzeitig, es ist sehr ermüdend).

Aus Istanbul gibt es neben dem Regen wie immer viel zu berichten. Ich beginne mit der Nachricht, daß heute am Todestag des Republikgründers Mustafa Kemal ein neuer Besucherrekord m Mausoleum in Ankara gebrochen wurde. Und beenden will ich das Thema gleich mit einer anderen Reflexion:
An Hunderttausenden Schulen der Türkei fanden heute Gedenkfeiern zu Atatürk statt. Kinder trugen Gedichte und kleine Bühnenstücke vor. Eltern waren mit eingeladen.
Alles ist auswendig gelernt. Die Kinder müssen sich auf eine besimmte Weise kleiden, schwarze Schuhe anziehen…
Mustafa Kemal dazu: “Mein Körper ist vergänglich. Mein ideelles Werk soll fortbestehen.”
Wer einen Personenkult um sich herum wollte, hätte nicht so gelebt wie er. Mustafa Kemal hat sehr menschlich gelebt und seine “Schwächen” niemals versteckt.
Sein “Vermächtnis”: die Ideen der Aufklärung – Vernunft, Selbstinitiative, Solidarität – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit…
(weiterdenken…selbstverständlich…Anstoß der türkischen Moderne, die sehr radikal war und dennoch richtig….und immer noch aktuell)
Einer darnieder liegenden Gesellschaft ein neues Selbstvertrauen zu schenken, das sich nicht im Militärischen oder Religiösen erschöpft…Die Tür zu öffnen für eine “neue Zukunft”, in der man seinen Platz gleichberechtigt und friedlich einnehmen soll…(Utopia grüßt….)
In den Schulen sollte statt der Rituale, an denen die Kinder automatisch teilnehmen, eine kurze aber aussagekräftige Feier stattfinden. Die Schüler müßten unabhängige, freie Aufsätze schreiben. Geschichte lernen und über sie diskutieren. Sie sollten lernen, ihre eigenen Gedanken zu entwickeln. Ihren eigenen Gedanken zu vertrauen. Selbst an diesen Gedanken zu zweifeln, und darüber zu sinnieren, was “uns eigen” noch sein kann….
In Istanbul regnet es wieder einmal. Um 17 Uhr wird es hier schon dunkel. Seit heute morgen tobt ein Lodos (Südwind) – Sturm in der Ägäis.
Es ist die Zeit von Kaffee, Tee, Schokolade, Büchern, schöner Musik und guten Filmen im gemütlichen Zuhause…und meinem Lieblingsgetränk im Winter: Sahlep.
Denn im Winter friert das Herz am leichtesten.
Ich wünsche keiner Leserin “ein Herz im Winter”.

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Auch hier an der Küste Lodos-Sturm für fast 24 Stunden. In den türkischen Zeitungen eine Frage: “Was würde Mustafa Kemal empfinden, wenn er die heutige Türkei saehe? Ein Journalist: er waere glücklich, denn von allen (etwa 52) islamischen Staaten ist die Türkei die einzige, die die Demokratie implementiert hat! Und die Wirtschaft blüht…
Der andere: er waere todunglücklich: Die Erziehung ist religiös (was er wohl aendern wollte) und bald wird Demokratie nicht mehr sein (wenn sie es denn je war). Jedes ungeborene Kind hat bereits 5 Dollar Schulden. Bush und Erdoğan klopfen sich auf die Schultern – und anderswohin, aber beide verraten und verkaufen sie ihr Land (an dieser Stelle auch von mir eine Musikempfehlung: Pink: Dear Mr.President)
Nun, wir hatten grade fast 24 Stunden Stromausfall, ganz aehnlich wie in New York. Waehrenddessen floss in Burkina Faso, in Eritrea und im hinteren Kongo die Elektrizitaet.
Grüsse von der Küste
Thomas
(ah: und apropos islamische Philosophie: studiert Hacı Bektaş!!!)
Lieber Thomas,
Danke.
Hallo Dilek,
Schön, wieder von Ihnen zu lesen!
> Habe begonnen über islamische Philopsophie zu lesen
> und entdeckt, daß endlich die Bücher der “Goldenen
> Ära” der islamischen Philosophie (Andalusia…) in
> ein Neutürkisch übersetzt und nachgedruckt werden.
Erzählen Sie doch mal in einer ruhigen Minute davon.
Hoffe auf interessante neue Anregungen
> Ich habe, was mich glücklich macht, überhaupt
> sehr viele neue Bücher, die ich jetzt in den
> kommenden Tagen, Wochen, Monaten lesen werde (ich
> lese immer zwei oder drei parallel, und schreibe
> auch an mehreren Texten gleichzeitig, es ist sehr
> ermüdend).
Falls Sie mal Lust und Zeit dazu haben, könnten Sie ja interessante türkische oder orientalische Bücher empfehlen. (Bevorzugt solche, die es auch auf Deutsch oder Englisch gibt;-))
> In Istanbul regnet es wieder einmal. Um 17 Uhr wird es hier
> schon dunkel. Seit heute morgen tobt ein Lodos (Südwind) -
> Sturm in der Ägäis.
Wollen Sie etwa lieber mit Deutschland tauschen?
Nasskaltes Regenwetter knapp über Null Grad Celsius.
Im Oberharz, wo ich studierte, heißt das “Springerwetter”. Clausthal, eine kleine Stadt in den Bergen, nur 15.000 Einwohnern, sehr wenige Frauen. Es kam vor, dass man im Oktober und November acht Wochen keine Sonne sah, weil alles nebelverhangen und nieselig war. 8 Wochen alles nasskalt grau in grau. Bei einem Besuch in Berlin war ich mal tatsächlich über das grelle Gelbe am Himmel verblüfft – ich hatte vergessen, wie es aussieht. Die Zahl derer, die in dieser Zeit zu den nächstes Talsperren fuhren und heruntersprangen, stiegen erheblich – Springerwetter eben .
> Es ist die Zeit von Kaffee, Tee, Schokolade, Büchern,
> schöner Musik und guten Filmen im gemütlichen Zuhause…und
> meinem Lieblingsgetränk im Winter: Sahlep.
Oh ja. Zeit für Gemütlichkeit, für Kerzen und Bücher, Besuche und gute Gespräche, auch die Zeit zum Denken und Grübeln.
Die Zeitin der man beginnt sich auf Weihnachten zu freuen.
Was glauben sie, warum hier die Adventszeit so wichtig ist???
Warum die Weihnachtsmärkte so bunt und farbenfroh sind?
Warum man sich einen grünen Weihnachtsbaum ins Haus holt und mit Kerzen besteckt?
Ein kalte Zeit – und eine schöne Zeit. Und ausgesprochen romantisch.
Aus Ankara kann ich berichten, dass es auch hier regnet, leider zu spaet für regelmaessiges fliessendes Wasser: Seit gestern ist der Wasserhahn in meinem Viertel zugedreht, was mir Deutschland als Paradies des fliessenden Wassers sehnsuchtsvoll in erinnerung ruft. Man kann sich streiten, ob Elektrik oder Wasser wichtiger ist, aber ich haette gerne beides gleichzeitig. Regentaenze und -gebete reichen halt nicht.
Eine Studentin wollte Atatürk von den Toten aufwecken, damit er wieder die Regierung übernehme. Trotz meiner tiefen Sympathie für ihn war das etwas viel für mich. Ich würde Erdogan nicht mit Bush vergleichen, sondern vielmehr mit schröder, der zwar nicht glaeubig war, aber einen aehnlich schnoddrigen Ton pflegte und alles andere was als eine erscheinung, die für das bundeskanzleramt geeignet war. Wie lob ich mir da doch Willy brandt oder Helmut Schmidt. Oder für die Türkei wohl der jüngst verstorbene Inönü.
Hakan, kannst du nicht ein wenig für fliessendes Wasser in Ankara beten?
gruss robert
Hallo Robert,
wenn der Kleine mal endlich schlaeft, kann ich Deinen Wunsch gerne erfüllen
Beten geht immer…
Gruss
i love my religion islam and tayyip erdogan!!!
AKP–>Allah ve Kuran Partisi!!!
thank you very much…