Zeki Müren in Beirut oder Was wäre das Leben ohne die Poesie?
von Dilek ZaptciogluIch las heute abend ein Gedicht von Kücük Iskender (Alexander der Kleine - nennt sich einer der größten zeitgenössischen Poeten der Türkei). Es fing so an:
“Du operierst der Rose das Gehirn heraus. Bitte tue es nicht.”
Im selben Heft der Literaturzeitschrift “Kitap-lik”, die vom Yapi Kredi Verlag herausgegeben wird (erhältlich im Buchladen an der Ecke in Galatasaray - ein wunderbarer Ort), stieß ich auf ein Reisetagebuch. Hier die Übersetzung einer schönen Passage daraus, die ich mit Euch teilen will. Geschrieben hat den Text eine Frau namens Sevgi Ünal - bemerkenswert!
Zeki Müren in den Bergen des Libanon
Er streckte seine Hände ohne jedes Staunen in Richtung Golf aus und sagte: “Beirut!” Dort, wo er hinzeigte, breitete sich ein nur aus Ruinen bestehender Ort entlang der Küste über eine weite Strecke. In seinem Lächeln entdeckte ich einen gar nicht so bekümmerten Aspekt: So ist Beirut nunmal. Eine zerstörte und blasse Stadt. Wir haben uns an sie gewöhnt. Das solltest du auch lieber tun!
Ein zerstörtes Viertel ist - egal ob im Krieg bombardiert oder durch ein Erdbeben niedergemacht - nichts anderes als ein zerstörtes Viertel. Der Reisende, der sich auf den Weg macht, weiß es. Gölcük (südlich von Istanbul) kämpft gegen das Erdbeben. Beiruts Erdbeben ist der Krieg. Beirut kann blass und zerstört sein. Aber das Öl ist hier billig. Der Istanbuler Verkehr würde hier vor Neid erblassen. Das Verkehrschaos Beiruts ist ein Paradeplatz für Luxuskarren, die sich gegenseitig die Show stehlen. Ein Reisender in Beirut stößt nur auf dem Gemüsemarkt auf wahrhafte Lebendigkeit. Die Gebäude sind durch unzählige Einschußlöcher ziemlich gut durchlüftet, ihre Fassaden bedecken riesige politische Plakate. Die Wahlen gehen hier niemals zu Ende. Der Ausnahmezustand ist ausgerufen. Aber die Kandidaten, die sich mit Hilfe von mehrgeschössigen Plakaten wählen lassen wollen, sind nur als Kulisse der Bananenverkäufer auf dem Beiruter Markt gut. Ein Standbild des an seinem Bart kratzenden Kandidaten spendet gerade dem Kartoffelverkäufer Schatten. Die Burg von Beirut ist just gegenüber. Sie schaut dem Treiben der wandelnden Fotografien desinteressiert zu.

Bsharri im Libanon
Der Reisende, der auf sein Herz hört und seines Weges geht, beginnt seinen Tag genauso wie die gesamte arabische Welt mit Feiruz. Morgens Feiruz zu hören ist für die Araber wie Kaffee zu trinken, um zu sich zu kommen. Das Schönste ist, sich mit den Anderen trotz einer fehlenden gemeinsamen Sprache verständigen zu können. Wenn du davon träumst, daß es keine Grenzen mehr gibt und alle in einer freien Welt leben, in der jeder jeden verstehen kann, dann wird dir die Stille unterwegs zur gemeinsamen Sprache. Die Grenzen können irgendwie überwunden werden. Die Wege? Der Weg ist für den Reisenden ohnehin immer schön. Sogar dann, wenn man mit einer Nahost-Karte von 1949 verreist, die man auf dem Bücherbasar in Istanbul gekauft hat.

Wenn er auf den Bergen Richtung Bsharri unterwegs ist, auf einmal lachend “Takdir! Takdir!” ruft, findet das der Reisende gar nicht ironisch. Sein Lachen entspringt dem Respekt. Dem Staunen. Der Libanese redet ununterbrochen, so gutgelaunt, daß eine - auch noch alleine reisende - Frau darüber noch mehr staunt als über die Landschaft. Dabei ist nicht die Reisende so außergewöhnlich. Das Wunder bewirkt der Weg selbst.
Die Reisende hat zehn Jahre lang eine Passage aus Khalil Gibrans “Propheten” in ihrem Portemonnaie getragen. Endlich ist sie in dem Land Gibrans und murmelt auf dem ganzen Weg ein paar Zeilen vor sich hin. “Die Liebe gibt dem Anderen nichts als sich selbst. Und bekommt auch nichts anderes als sich selbst zurück. Weder besitzt sie Dinge außer sich selbst. Noch kann man sie besitzen. Denn Liebe vervollständigt sich selbst und ist sich selbst genug.”
Sagt sie und schreit auf! Denn der Weg hat wieder einmal Wunder bewirkt. Die Reisende nahm Libanon wie ein Geschenk an, und es bschenkte sie mit Zeki Müren. Das Morgenentrée mit Feiruz im arabischen Radio ist zuende, da kommt ein Lied Zeki Mürens im Hidjaz-Takt aus dem Lautsprecher. Dann ein Rast, ein Hüzzam. Die Berge von Bsharri sind verschneit; nichts anderes als Vogelgezwitscher, Glockengeläut. Dafür läßt man zwei Länder hinter sich und kommt in dem Land an, wo Gibran geboren war und wohin sein Leichnam laut seinem Testament aus New York gebracht wurde. Hier diese Stille vorzufinden ist paradiesisch. Hier die Müdigkeit von sieben Jahren über Bord zu werfen angesichts des Anblicks von Bsharri, am Fuße eines Felsens, darauf zu blicken als wäre es ein von Gibran gemaltes Bild.
Nach Beirut zu fahren ist für die Reisende wie den Nachbarn gegenüber zu besuchen. “Ich gehe kurz raus”, sagt sie, und geht. Ihre Schwester wird später erfahren, daß sie bis nach Beirut gekommen ist, und als sie das ihrer Freundin erzählt, erstarrt sie vor Schreck: “Wie kann das sein? Sie war doch nur kurz herausgegangen, nachdem sie mir eine Lutschtablette gegen Halsweh gab.” Das geht. Daß das geht, muß man einfach nur erleben und darüber staunen, wie schön es ist, wenn es geht.





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Es gibt noch ein sprachliches Bild im Zusammenhang mit “Beirut”.
Neben der von dir erwähnten “Rose” halte ich das “Wasser” für ein dramatisches sprachliches Bild. “Wasser” als sprachliches Bild für “Völker” und wenn man sich die halbinselartige Stadt anschaut, dann ist “Beirut” sozusagen von allen Völkern umgeben; Aber sie streckt auch ihr Hände den Völkern entgegen. Der Kontrast zu “Beirut” in der bildsprachlichen Darstellung ist z.B. “New York”. “Manhattan” ist zwar eine Insel, aber sie liegt geschützt in einer Bucht. Wenn da die Völker im übertragenen Sinne drumherum fließen, dann sind da immernoch die anderen Ufer… Welche Erfahrungen “Beiruts” sind gegenüber den großen Städten dieser Erde unvergleichlich und welche sind die Erfahrungen auf die unsere Welt nicht verzichten kann?
Anthias
Das war wunderschön und macht Lust auf eine Reise.
Einer, der Khalil Gibran ebenfalls hoch schätzt..