Los geht’s wieder – Istanbulblog vom Feinsten
von Dilek ZaptciogluLiebe Blogleser,
spreche ich Euch diesmal ausnahmsweise mal wie in einem Brief an. Lange habe ich nichts schreiben können, aber das Leben…geht jetzt weiter. Denn: Das Leben geht immer weiter! Und wie soll man wissen, daß das Erlebnis echt ist, wenn es nicht schwarz auf weiß niedergeschrieben steht?
Dabei gehört doch unser Blog zu den wirksamsten 10 Webpräsenzen “mit Migrantenbackground” in Germany. Unsere Meinung ist nicht unwichtig, wenn ich das richtig verstehe. Ich habe Euch sehr vermißt.
Gleich mache ich auf mit weiterer Eigenwerbung und einer netten Predigt – nein, einer echten Predigt von Pfarrer Stefan Mai, den ich von hier aus herzlich grüßen möchte. Denn er hat, wie ich erst heute gesehen habe, schon vor drei Jahren in seiner Predigt zur Erstkommunion der Kinder in einer Kirche in Süddeutschland aus meinem Vorwort zu der “Geschichte des Islam” gelesen. So fanden meine Istanbuler Erinnerungen Zugang zu Menschen, die auf einer Kirchenbank saßen und über das weitere Leben ihrer Kinder nachdachten, darüber, ob sie wohl später ihren Kindern einen ähnlichen Weg zeichnen würden oder nicht.
Was mich besonders freut, ist, daß die spanische Ausgabe meiner “Geschichte des Islam” erschien. Das ist doch, sagen wir mal im Spaß, eine Art persönlicher Re-Reconquista, oder? Ein glücklicher Tag, um einen Neubeginn aus und in Istanbul zu machen. Denn es herbstet sehr hier, die Blätter sind vergilbt, das Wetter regnerisch und es wird fast um fünf Uhr bereits dunkel.

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Worte vergehen, lebendige Vorbilder ziehen an Predigt zur feierlichen Erstkommunion der Kinder am 1. Mai 2005 „Der erste Mensch“, so schreibt die türkische Journalistin Dilek Zaptcioglu, „der mich mit dem Geheimnis des Glaubens konfrontierte, war meine Großmutter. Sie war eine schlanke Frau mit einem hübschen Gesicht. Sie lebte mit uns zusammen, war aber so still und zurückhaltend, dass man ihre Anwesenheit kaum bemerkte. Oft hielt sie sich in ihrem Zimmer auf, wo sie fünfmal am Tag betete. Wenn sie ihren kleinen Gebetsteppich schräg zur Balkontür ausbreitete und zu beten begann, war das für mich als Kind ein unglaublich geheimnisvoller Akt – denn ich verstand ihn nicht. Man durfte auf keinen Fall vor ihr herumlaufen, man durfte nicht laut lachen oder schreien. Ich war leise. Ich liebte es, mich daneben zu stellen und jede ihrer Bewegungen nachzuahmen. Erst stand sie eine Weile, dann kniete sie sich hin, blieb eine Zeitlang so, stand dann plötzlich wieder auf, und nachdem sie das einige Male wiederholt hatte, drehte sie ihren Kopf nach rechts und links, wobei sie mir in die Augen schaute. Danach nahm sie ihre Gebetskette in die Hand und begann weiterzubeten. Ihre Gebetskette war das Tollste, was ich je gesehen hatte. Da, wo die kleinen Kügelchen zusammenkamen, war ein längliches Stück mit einem Loch in der Mitte. Wenn man es gegen das Licht hielt und sein Auge daran presste, sah man ein buntes Bild… Beeindruckend für mich, wie diese junge türkische Frau beschreibt, wie die ersten Saatkörner der Religion in sie hineingesät wurden und wie sie diese als Kind begierig in sich aufnahm. Das waren keine großen Vorträge über Religion, das war nicht der Religionsunterricht, nein, die erste und wichtigste Berührung mit Religion war ein lebendiges Vorbild, eine einfache Frau, ihre Oma. Sie verstand es, durch ihr religiöses Tun, an dem sie die kleine Dilek Anteil nehmen ließ, neugierig zu machen auf das Geheimnis des Glaubens. Dilek spürte die Kraft des Gebetes, wenn sie ihre Großmutter auf dem Gebetsteppich knien sah, sie spürte in der Gebetskette der Oma den Zauber von religiösen Zeichen, in ihren Gebetsformeln die Anziehungskraft und das Geheimnis einer anderen Welt und im Mitmachen des Ritus des Fastenmonats das Gefühl der Zugehörigkeit. Obwohl sie das meiste nicht verstand, obwohl sie die Vorschriften nicht erfüllte, dieses Gefühl: „Ich kam mir trotzdem großartig vor, wie eine Heldin.“ Liebe Eltern. Ich frage mich oft, warum bleibt heute bei vielen Kindern in Punkto Glaubensvermittlung so wenig hängen, warum haben heute die fast 400 Religionsstunden bis zur Erstkommunion so wenig Nachhaltigkeit, warum trägt die lange Vorbereitung auf die Kommunion in einer Gemeinde nicht mehr Früchte? Ich komme immer mehr zum Schluss: Weil religiöse Inhalte meist nicht mehr von Menschen weitergegeben werden, die die eigentlichen Bezugspersonen der Kinder sind. Eines lerne ich immer mehr: Bei uns Menschen geht Beziehung vor Inhalt. Worte vergehen, lebendige Vorbilder ziehen an. Nach wie vor nimmt ein Kind den Menschen Verhaltens- und Lebensmuster am ehesten ab, zu denen es am meisten Vertrauen hat. Wir fangen Religion mit dem zweiten Stock oft in einen luftleeren Raum hinein zu bauen an, mit einer theoretischen Glaubenswissensvermittlung, aber das Fundament ist nicht gelegt und deshalb kracht alles wieder so schnell ein. Weil viele Kinder nicht mehr das Geheimnis, den Zauber, die Anziehungskraft von Religion in ihrer frühen Kindheit erfahren dürfen, den Klang der Gebete, den Zauber von Riten, das ganz selbstverständliche Hineingebunden sein in den Kreis eines Kirchenjahres. Weil sie oft nicht mehr erleben dürfen, wie Gebete, Lieder, Riten und religiöse Feste ihren Papa, ihre Mama, Ihre Oma und ihren Opa im Alltag bereichern und sie wirklich auch im Leben tragen können, bleibt religiöse Praxis oft eine kurzzeitige Exotik. Das größte Geschenk für eine Glaubensentwicklung ist ein lebendiges Vorbild. Worte vergehen, nur lebendige Vorbilder ziehen an. Ich könnte mir nicht vorstellen, heute ein gläubiger Mensch zu sein, wenn ich nicht erlebt hätte, dass meine Eltern selbst die Hände gefaltet haben, ohne frömmlerisch zu werden, wenn ich nicht die ergriffene Stimme meines Vaters gehört hätte, wie er dankbar sein „Großer Gott, wir loben dich“ gesungen hat, wenn ich nicht gespürt hätte, dass der kleine Kreuzschlepper auf dem Nachtkästchen meiner Oma dieser kleinen Frau geholfen hat, dass sie nicht an den Schicksalsschlägen ihres Lebens zerbrach. Fürbitten am Tag der Erstkommunion Herr, unser Gott, unser Glaube wächst durch Hören. Er ist aber auch angewiesen auf das Erleben von glaubwürdigen Vorbildern. Wir bitten dich: 1. Mutter 2. Vater 3. Bruder 4. Schwester 5. Patin 6. Oma 7. Lektor Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn. |
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Pfarrer Stefan Mai |
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Feuerbergstraße 61 |
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Hallo Dilek,
schön, dass du wieder da bist. Ich hba ja schon fast nicht merh dran gegelaubt. Und danke für den schönen Anfang.
Jetzt bin ich aber gespannt auf weitere News aus der Türkei.
Selamlar
Hallo Dilek,
Schön, wieder von dir zu lesen! Ich hatte schon fast mit dem Einstellen dieses Blogs gerechnet, was ich sehr bedauert hätte!
“Dabei gehört doch unser Blog zu den wirksamsten 10 Webpräsenzen “mit Migrantenbackground” in Germany” – Schon alleine so ein Lob dürfte ein Grund sein, es fortzuführen, oder?
Ich weiß zwar nicht, wer das behauptet hat und wie sich das messen lässt, aber ich kann es mir gut vorstellen.
Dein Themenmix von Kultur, Leben und Politik, der sowohl Herz als auch Verstand anspricht und einen Einblick in moderne deutsch-türkische Lebenswelten in beiden Ländern ermöglicht, ist schon etwas besonderes.
Als ich zu polnisch-deutschen Befindlichkeiten (Kartoffel & Co.) nach Blogs suchte, die diese diskutieren (und uns oftmals unwissenden Deutschen Elefanten erklären, welche Porzellanvase wir gerade zerdeppert haben), wurde ich leider nicht fündig. Auch wenn es dazu in polnischen Medien viel Aufregung gab, fand ich leider kein deutschsprachiges Blog von/über Polen, dass darauf tiefer einging.
Auch zum deutsch-türkischen Verhältnis hatte ich nur ein weiteres Blog gefunden, in dem türkischstämmige deutsche Rechtsanwälte sporadisch dazu schrieben. Aber – sorry – das war mir auf Dauer zu sehr im Juristensprech geschrieben, um interessant zu bleiben.
Falls du mal wieder eine Phase mit weniger Schreiblust hast: Warum holst du dir nicht mal ein paar Gastautoren?
Ob unbekanntere oder bekanntere Deutschtürken von Irem Güney-Frahm bis Cem Özdemir. Oder auch mal Deutsche, die jetzt in Istanbul wohnen und ihr Lieblingsviertel beschreiben.
Oder Deutsche, die für ein Jahr in Izmir studieren und dabei Türken besuchen, die vor 40 Jahren an ihrer deutschen Uni studierten und die aus dieser Studienzeit gewonnen Freundschaften nie verloren haben. (Die Personen könnte ich dir liefern.)
Ich freue mich auf ein weiterhin lebensfreudiges Blog mit spannenden und emotionsgeladenen Diskussionen!
Viele Grüße,
Alex
Zufällig stoße ich auf Ihre Internetseite – und freue michg, dass Sie die Predigt aus der Hand eines kath. Pfarrers wahrgenommen haben. Ich bin gerade zu Gast in Münster bei meinem Freund, der an der Münsteraner Uni Theologieprofessor ist.
Viele Grüße
Stefan Mai