Buchmesse vor den Toren Istanbuls

von Dilek Zaptcioglu

…und nicht in Istanbul, denn: Sie findet 60 km westlich der Stadt mitten im Nowhere statt. In einem Ort, der sich Beylikdüzü nennt und vor gar nicht langer Zeit aus Weideland bestand.

Ich und Can fahren einen weiten Weg nach Taksim, um von dort aus den Messebus zu nehmen, ein Shuttle-Service, der uns zu der alljährlichen Buchmesse bringen soll. Die Schlange ist sehr sehr lang und vor allem, sie bewegt sich nicht. Denn der Bus kommt nur einmal in der halben Stunde. Wir zahlen umgerechnet 20 Euro, um in ein Sammeltaxi einzusteigen, der fast eine Stunde unterwegs ist. “Ich werde insgesamt 120 km gefahren sein, wenn ich zurückkomme”, sagt der junge Fahrer und erzählt dem Typen, der sich vorne plaziert hat und intellektuell tut, eine haarsträubende Geschichte über eine Frau, die neulich vor seinen Augen überfahren wurde. Mit allen Details. Genüßlich. Woher das Auto kam, wie alt die Frau war, bis wohin ihr Gehirn…Ich frage mich, wofür ich noch Bücher kaufe, lese, schreibe.

Die Messe ist voll. junge, Alte, Männer, Frauen schieben sich durch die breiten Gänge. Natürlich ist die Istanbuler Variante kleiner als die in Frankfurt, und der größte Unterschied besteht darin, daß hier Bücher verkauft werden – zu ermäßigten Preisen. Die Besucher sind entsprechend glücklich: Bis zu 50 Prozent Rabatt auf die Bücher bekommen, nach denen man/frau auch noch lange suchte, ist beglückend. Auch für mich. Ich vergesse die Leute im Taxi und treffe auch noch auf “Landsleute” aus Izmir. Ein Verlag bringt ein wirklich inhaltlich anspruchvolles Monatsheft über Izmirs Geschichte heraus. Der Mann am Stand fragt sofort, ob ich auch aus Izmir stamme. “Ja”, sage ich. Wir unterhalten uns darüber, warum die Izmirer einen Hang zum Mystischen haben. Er hat einen Roman geschrieben, der in diesem Verlag erschien und im 18. Jh in Izmir beginnt und in Kairo weitergeht. Ich kaufe ihn ihm zuliebe und gern. Er schreibt eine Widmung hinein: Und freut sich eine Zaptcioglu kennenzulernen, denn er hat schon immer Schuhe “bei uns”, d.h. bei meinem Großvater gekauft. Das Erlebnis wiederholt sich überraschenderweise auch am Stand des Can-Verlags, wo der preisgekrönte Romancier Mehmet Anil seine Bücher signiert. Denn auch er kommt aus Izmir.

Bald hatte ich beide Hände voller Tüten und auch die Rückfahrt dauerte ewig und wegen der Umstellung der Uhren war es schon dunkel. Can hat sich sehr gefreut, denn er erwarb einige Comichefte, Posters, einen Schlüsselanhänger und ein paar Romane. Ich bin froh, ihn mitgenommen und ihm die Buchmesse vorgestellt zu haben. Auch er soll sich einmal fragen, warum er liest.

Heute in Kuzguncuk: Die sonne scheint immer noch und ich werde von einer lärmenden und unhöflichen Großfamilie regelrecht von der Bank gejagt, auf der ich alleine saß. Die Frau mit dem übergroßen Hintern kam immer näher, um den übrigen anrückenden Familienmitgliedern Platz zu machen und saß fast auf meinem Schoß. Eigentlich tat sie das, damit ich ging, und indem ich ging, tat ich ihr diesen Gefallen. Aber erstmals im Leben habe ich die Leute wegen dieses groben Zivilisationsbruches getadelt: “Jetzt können Sie sich ausbreiten”, sagte ich, “ich gehe”. Worauf sie im Chor antworteten: “Ach nein, bleiben Sie doch sitzen!” Eine ungeheure Lüge. Die Heuchelei ist das, was ich am meisten hasse. Wofür kaufe, lese, schreibe ich nocheinmal Bücher? 

 

Jetzt stapeln sie sich neben meinem Schreibtisch auf dem Boden. Für Andere, die trotz allem noch Bücher lesen, will ich sie mal hier auflisten.

Moshe Lewin – Sovyet Yüzyili / Das sowjetische Jahrhundert. Kam meinem neuerlichen Interesse entgegen, mehr über die Geschichte der UdSSR zu lesen (Iletisim).

Murat Belge – Genesis. Büyük Ulusal Anlati ve Türklerin Kökeni / Die Große Nationale Erzählung und der Ursprung der Türken. Das ist ein Buch mit den Texten des Istanbuler Intellektuellen Murat Belge, der die Gründungsmythen und Romane über den nationalen Ursprung der Türken kritisch unter die Lupe nimmt (Iletisim).

Mehmet Anil – Pembe Otobüs / Der pinkfarbene Bus. Das ist der peisgekrönte Roman des besagten Autoren aus Izmir, eine Geschichte von Freunden, die mit einem Selbstmord endet. Schlichte Sprache, gutes Niveau, wie mir auf Anhieb schien (Can).

Bülent Senocak – Levant”in Yildizi Izmir / Der Stern der Levante, Izmir. Levantiner, Griehen, Armenier und Juden in Izmir. Mit Fußnoten, Quellenangaben, Index, Bildern sorgfältig aufgearbeitet. Über den wirklichen Inhalt kann ich noch nichts sagen (Senocak).

Tufan Erbaristiran – Cöl Cicegi Masali / Das Märchen von der Wüstenblume. Der historische Roman des ”Landsmannes” (Senocak). 

Turgut Cansever – Kubbeyi Yere Koyamamak / Die Kuppel nicht platzieren können. Ein Buch, auf das ich mich sehr freue, von einem Architekten, der zugleich als Kulturarchäologe fungiert (Timas). 

Firat Mollaer – Türkiye”de Liberal Muhafazakarlik ve Nurettin Topcu / Liberaler Konservatismus und Nurettin Topcu. Eine interessante Monografie über Nurettin Topcu, der in seinem Denken Einflüsse aus West und Ost vereinigte und mit seiner kapitalismus-, und vor allem technologiekritischen Haltung auffiel (Dergah).

Nurettin Topcu – Isyan Ahlaki / Die Ethik der Rebellion. Gesammelte Werke I.  (Dergah).

Ahmed Saib – Sark Meselesi / Die Orientalische Frage. Der um die Jahrhundertwende aktive Publizist erörtert seine Ansichten zu der “Orientalischen Frage” Europas und die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Osmanischen Reich (Akcag).

Ibni Arabi – Füsusu”l-Hikem (Hikmetlerin Özü) / Die Essenz der (göttlichen) Mächte. Islamische Philosophie vom Feinsten (Sufi Kitap).

Sadik Türker - Aristoteles, Gazzali ile Leibniz”de Yargi Mantigi / Urteilende Logik bei Aristo, Gasali und Leibniz (Dergah).

Inci Enginün – Cumhuriyet Dönemi Türk Edebiyati / Türkische Literatur der Republikära (Dergah) 

Lale Müldür – Haller Leyla und Anne Ben Barbar Miyim? / Mutter, bin ich eine Barbarin? Das sind Aufsätze und Interviews mit der Poetin, die ich sehr mag (L & M)

Dilek Yalcin-Celik - Yeni Tarihselcilik ve Türk Edebiyatinda Postmodern Tarih Romanlari – ein Buch über die postmodernen historischen Romane in der türkischen Literatur, ich habe es noch nicht gelesen und kann es nicht bewerten.

Wer in Istanbul lebt: Ab zur Buchmesse. Unter der Woche soll der Bus am AKM auf dem Taksimplatz frei sein. Jeder soll sich weiterhin fragen dürfen, warum er noch liest.    

http://www.istanbulkitapfuari.com/


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