Der Rektor des Istanbuler Robert College hat zu den Nachrichten, daß behinderte türkische Schüler nicht zu der Aufnahmeprüfung ausländischer Gymnasien in der Türkei zugelassen würden, folgende Erklärung veröffentlicht und die Meldungen dementiert. Gleichwohl bleibt das Thema interessant, weil es (nur) einen Aspekt des gesamten riesigen Schulproblems in der Türkei ausmacht. Dazu gehören solche Themen wie: Was ist Mündigkeit und wie wird ein Mensch, laut Adorno, zur Mündigkeit erzogen? Inwiefern unterscheidet sich diese Art von “Erziehung” von der autoritär-patriarchalischen? Was ist der Auftrag der öffentlichen Schule? Wie lange kann sich die Türkei ein so verzetteltes Schulsystem leisten, aus verkommenden öffentlichen Schulen mit Kopftuchverbot, den sog. Imam-Hatips ohne dieses Verbot und ohne Koedukation, den türk. säkularen und religiösen Privatschulen, die keiner kontrolliert, und den ausländ. Privatschulen, die zwar türk. Schulgesetzen unterworfen sind aber bisher die kleine prowestl. Elite des Landes heranzogen, die nunmehr nicht mehr gebraucht wird. Ganz zu schweigen von dem Hochschulrat, der die Unis kontrolliert und deren… weiter lesen
Archive for März, 2009
Die EU fordert von der Türkei seit Ewigkeiten Demokratie. Bitte: Die “Behinderten” möchten Zugang zu allen Bereichen des Lebens. Dabei berufen sie sich auf die Türkische Verfassung.
Jeder Türke, der nach Deutschland kommt, wundert sich zuerst über die vielen behinderten Menschen auf den deutschen Straßen, die selbständig in ihren Rollstühlen durch die Fußgängerzonen rollern. Warum hat dieses Land so viele Behinderte? Nein, das stimmt natürlich nicht. Nur in der Türkei haben diese Menschen einfach keine Möglichkeit herauszugehen: Weil das Leben in den Großstädten sogar für Nichtbehinderte eine echte Herausforderung ist, und sie keinen Staat haben, der an sie denkt. Betriebe müssen zwar auch eine bestimmte Zahl von Behinderten einstellen, aber wer kontrolliert das wirklich? Jeder Istanbuler, der abends heil zu Hause angekommen ist, dankt Gott, daß er in diesem Autoparadies wieder einen Tag überlebte.
Die “ausländischen Gymnasien” (und ich bin Absolventin eines solchen) haben soeben erklärt, daß sie wegen fehlender Infrastruktur… weiter lesen
Die Zeitschrift der Türkischen Wissenschaftsinstitution, einer staatlichen Vereinigung mit dem Kürzel Tübitak, hat eine Chefredakteurin. Sie heisst Dr. Çigdem Atakuman. Diese entscheidet, zum Darwin-Jahr eine Titelgeschichte zu produzieren. 15 Seiten im März-Heft und der bärtige, gar nicht so unumstrittene Mann auf dem Cover. Der letzte Stand der Evolutionstheorie, verständlich nacherzählt.
Der Tübitak ist dem Ministerpräsidenten unterstellt und hat einen stellvertretenden Chef, der von der regierenden konservativ-islamischen Partei AKP ernannt wurde. Er sieht das gedruckte Heft und – läßt es nicht zu, daß der Darwin vom Cover monalisamäßig lächelt. Prompt wird die Ausgabe zurückgerufen, das Coverthema geändert – nunmehr die globale Erderwärmung – und die 15 Seiten Darwin im Heft fliegen ebenfalls heraus. Die Chefredakteurin wird entlassen bzw. versetzt.
Nachdem das vor zwei Tagen publik wird, kommt von Seiten der Leitung sofort ein Dementi: Nein, Darwin wurde nicht zensiert. Die Chefredakteurin hat nur ihre Befugnisse überschritten und obwohl vorher schon das Klimawandel-Thema festgelegt… weiter lesen