25.11.2006 von Dilek Zaptcioglu
Wer sich mit der türkischen Musik beschäftigt hat, wird von der “Arabesque” (Arabesk) gehört haben: Orhan Gencebay ist der Star dieser Strömung, in “Crossing the Bridge” hat Fatih Akin ihn als einen der größten Istanbuler Musikstars verewigt (Ich werde keine Lyrics von ihm übersetzen, weil sie absolut unübersetzbar sind).
Was dieses Lebensgefühl “Arabesque” kennzeichnet, ist die Liebe und das Leid. Wenn das beides nicht zusammentrifft, dann ist das Leben seicht. Ein Arabeskliebhaber hat ein Herz für die Schwachen und die Getretenen. Er ist immer auf der richtigen Seite und ist ein Einzelkämpfer. Er interessiert sich für die Schattenseiten der Stadt, für die Straßenkinder, die Pattex schnüffeln und sich an anatolische Gemüsehändler prostituieren; er rettet die Nutten aus dem Bordell, und gibt den Schuhputzern ein Taschengeld, damit sie sich Bücher kaufen können. Das ist Arabesk: Der Sound der Istanbuler Taxifahrer. Denn “hatasiz kul olmaz” – es gibt keinen Menschen ohne Fehler.

Heute abend habe ich… weiter lesen
22.11.2006 von Dilek Zaptcioglu
Es war einmal, als ich ein kleines Kind war und noch die Wiege meines Opas schaukelte, da kam ein Klarinettenspieler in die Stadt. Am Vorabend seines “ersten Konzertes im Leben” (denn er sagte, daß jedes Konzert für ihn das erste sei), wart er Gast im Nachtjournal des Nachrichtenkanals NTV. Und er nahm seine Klarinette in die Hand, senkte den Kopf, schloß die Augen, und spielte die “Yemen Türküsü” – “Das Lied von Jemen”.
“Der Himmel ist unbewölkt, woher kommt der Rauch?
Mutter, ich bin noch nicht gestorben, warum dieses Klagen?”….
Ein Lied, das Frauen in Ostanatolien nach der Verschickung der Soldaten der 4. Armee in die jemenitische Wüste gesungen haben, in der 1910ern, im Ersten Weltkrieg, als Kaiser Wilhelm II den Sultan überredete, Dschihad auszurufen, um die muslimischen Untertanen der Queen im Übersee zu “revoluzionieren”. Die (muslimischen) Jemeniten verbündeten sich jedoch lieber mit den Engländern, und kämpften gegen die osmanischen Herrscher. Diese führten an vier
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17.11.2006 von Dilek Zaptcioglu
Sie heißt Ayse Tütüncü (gelesen als Aische Tütündschü).
Ich kenne sie flüchtig von der Bosporus-Universität. Sie gehört zu den Menschen, die etwas gerne, gut und mit Ausdauer machen. Ayse ist eine hervorragende Jazzpianistin und gibt seit Jahren Konzerte, unter anderem auch während der alljährlichen Istanbuler Jazztage.

Ayse Tütüncü
Jetzt ist ihr und ihrem Trio etwas besonderes gelungen: EMIs “Blue Note” hat ihre CD herausgegeben: Carnivalesque. Damit ist Ayse der allererste türkische Jazzmusiker(in) bei Blue Note. Ihr Sound ist unverkennbar aus Istanbul, aber nicht “worldmusicmäßig”, sondern erstklassig jazzig. Inspiriert sind manche Songs aus Kreta (istanbulblog grüßt wieder Alexis Zorbas und seine Bubulina).
Oguz Büyükberber (Bass & Klarinette) und Yahya Dai (Saxophon) sind die anderen beiden Mitglieder des Trios.
Ayse Tütüncü Trio hatte jetzt am 15. und 16. November zwei Auftritte auf dem Londoner Jazzfestival. Ich glaube, es folgt Amsterdam.
Hier ist Ayses Biografie von ihrer Webseite (mit vielen Samples und einem Videoclip):
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15.11.2006 von Dilek Zaptcioglu
Für viele ist er der größte Dichter der modernen Türkei. Er wird bald (am 20. November) 105 Jahre alt. Es ist Nazim Hikmet. Sein Geburtsdatum wurde auf dem Papier fälschlicherweise als 15. Januar 1902 eingetragen. Geboren ist er in Saloniki, aber er liebte Istanbul. Am besten kannte er sich jedoch nach eigenen Worten in den Gefängnissen seines Landes aus.
Der größte Poet der modernen türkischen Zeiten ruht in Moskau. Die Überführung seiner sterblichen Überreste scheitert an der Unwilligkeit der konservativen türkischen Regierungen. Denn Nazim war ein Kommunist.
Nazim mit Piraye
Memet Fuat, der Sohn von Piraye, die Nazim 1935 heiratete, hat die beste Webseite über den Dichter ins Internet gestellt. Sie ist leider nur in Türkisch und Englisch. Trotzdem lohnt sich ein Blick darauf sehr.

Wer die Biografie Nazims in Deutsch lesen möchte, kann aber im Net mehr als fündig werden. (Ich widmete ihm auch… weiter lesen
10.11.2006 von Dilek Zaptcioglu
Die Zeiten, wo die Zukunft, die Zivilisation, die Bestätigung, “dazu zu gehören” von Europa abhing, sind vorbei. Es gibt ein Leben jenseits von Europa – und das ist gut so. Nur in Europa selbst scheint das noch niemand gemerkt zu haben.
Oder doch?
Ich besuchte heute abend zwei Vernissagen in Istanbul. Die erste Kunstgalerie, im Nobelviertel Nisantasi, stellt die Bilder meiner Freundin Alev Mavitan aus. Alev malt zur Zeit abstrakte Figuren in kräftigen Farben mit ausgeprägten Konturen. Die Frauen, es sind nämlich hauptsächlich Frauen, scheinen wie in einem venezianischen Maskenball. Alle Figuren sind “verkleidet”, dennoch sind sie auch ein Stück weit sich selbst. Sie sind, wie die meisten von uns, zu den Figuren geworden, deren Rollen sie seit Jahren spielen. Es gibt kein authentisches, ursprüngliches “Ich” mehr – “ich bin das, was die Welt aus mir macht”. Oder: “Ich versuche der Rolle gerecht zu werden, die ich spiele”. Ein maskeli balo.
Die zweite Ausstellung, im obersten Stockwerk eines… weiter lesen
05.11.2006 von Dilek Zaptcioglu
Heute regnet es leise und milde, der Himmel vereint sich in unsagbarer Zärtlichkeit mit der Erde.

“Woran denkst du, Bubulina?” fragte Sorbas…
“An Alexandrien….an Beirut, an Konstantinopel….an Türken, Araber, an Scherbet, goldene Sandalen und rote Feze…..”
Ich sah Sorbas rauchen. Ich beneidete ihn und nahm meine Pfeife zur Hand. Gerührt beobachtete ich sie: sie war dick, kostbar, englisches Fabrikat.
Alexis Sorbas (Hamburg, September 1955)
29.10.2006 von Dilek Zaptcioglu
Das Efes Pilsen Blues Festival zieht bald durch das Land, und geht auch: nach Rostow am Don. Und von St Petersburg bis Belgrad, von den Russen über die Serben bis hin zu den Kurden und Kasachen. So wird Istanbul zum Zentrum der Blues-Kultur in Eurasien!
Ich habe ein bißchen geguckt und festgestellt, daß das eine sehr interessante kaukasische Stadt ist. Sie hat über eine Million Einwohner, ist die Partnerstadt von Dortmund und Antalya, und, sieh mal an, “vergleicht sich gern mit Istanbul”. Also kopieren wir unten die Infos über unser echt cooles Blues-Festival hinein, und schicken danach ein bluesiges Selam an den Don!
Efes Pilsen begrüsst im Rahmen des Bluesfestivals die… weiter lesen
26.10.2006 von Dilek Zaptcioglu
Eine absolut schöne Nebensache in dieser Jahreszeit ist der berühmte Istanbuler Nebel.
Als ich klein war, und zur Schule auf die andere Seite, sprich zum europäischen Ufer
fahren mußte, war der Nebel nur willkommen. Denn bei Nebel fuhren die
Fähren nicht. Es gab noch keine Brücke über dem Bosporus. Wir gingen in Kadiköy
in die Konditorei Baylan im Marktviertel, die es immer noch gibt.

Den Nebel sieht man nicht nur, sondern man hört ihn auch – die Schiffe heulen.

22.10.2006 von Dilek Zaptcioglu
Der absolut schöne Lückenfüller zum Ramadanfest:
Eine Fotografie des armenischen Fotojournalisten Ara Güler, dem Istanbul-Fotografen schlechthin.
Wenn ich mich nicht irre, hat er das Foto in der Selimiye-Moschee in Edirne aufgenommen. Edirne ist die langjährige “Grenzstadt” der Osmanen gewesen, eine “serhat sehri”. Der Architekt der Selimiye ist Mimar Sinan.
Montag bis Mittwoch ist das Ramadan- oder Zuckerfest. Also küssen wir den Kleinen die Augen, den Älteren die Hände, und wünschen allen ein gutes Fest. Der liebe Gott hat jedenfalls sowohl in Istanbul als auch in Berlin das schöne Wetter bereitgestellt. Was die Autorin dazu nutzte, im Café zu sitzen, nachdem sie im Jüdischen Museum die momentane Wechselausstellung “Heimat und Exil” besichtigte – jedem Berliner und Berlinbesucher heiß zu empfehlen!

Ara Güler – 50 Jahre Fotojournalismus – eine Retrospektive. Portraits und Klassiker in Duoton, Reportagen in Farbe (Gebundene Ausgabe)
von
James A Fox (Vorwort),
Maga Ilker (Herausgeber),
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18.10.2006 von Dilek Zaptcioglu
Die Autorin ist aus “dienstlichen Gründen” in Deutschland und wird diese Tage
ein paar absolut schöne Lückenfüller reinstellen. Ab dem 25. Oktober geht´s (öfter)
weiter – zum Beispiel mit dem “kranken Mann am Bosporus”: Hat der türkische Ministerpräsident
Epilepsie oder nicht, warum ist das einerseits seine Privatsache, und andererseits
doch unschätzbar wichtig für die Zukunft des Landes – zum Beispiel für seine eventuelle
Wahl zum Staatspräsidenten im kommenden Frühjahr, was dazu führen wird, daß das
Land erstmals eine verhüllte First Lady hat?

Osman Hamdi Bey (1842 – 1910) war nicht nur ein bedeutender Maler, sondern auch der Begründer der Kunstakademie und des Archäologischen Museums in Istanbul. Er hat sehr viel Bleibendes hinterlassen…

…und wer sind diese Menschen, was wollen sie uns sagen? Irgendwie gar nichts, oder? Gibt es überhaupt noch bleibende Dinge, die man hinterlassen kann? Könnte das zusammenhängen mit der Möglichkeit einer verhüllten First Lady in Ankara? Haben Säkulare keinen Tiefgang… weiter lesen