03.11.2008 von Dilek Zaptcioglu
…und nicht in Istanbul, denn: Sie findet 60 km westlich der Stadt mitten im Nowhere statt. In einem Ort, der sich Beylikdüzü nennt und vor gar nicht langer Zeit aus Weideland bestand.
Ich und Can fahren einen weiten Weg nach Taksim, um von dort aus den Messebus zu nehmen, ein Shuttle-Service, der uns zu der alljährlichen Buchmesse bringen soll. Die Schlange ist sehr sehr lang und vor allem, sie bewegt sich nicht. Denn der Bus kommt nur einmal in der halben Stunde. Wir zahlen umgerechnet 20 Euro, um in ein Sammeltaxi einzusteigen, der fast eine Stunde unterwegs ist. “Ich werde insgesamt 120 km gefahren sein, wenn ich zurückkomme”, sagt der junge Fahrer und erzählt dem Typen, der sich vorne plaziert hat und intellektuell tut, eine haarsträubende Geschichte über eine Frau, die neulich vor seinen Augen überfahren wurde. Mit allen Details. Genüßlich. Woher das Auto kam, wie alt die Frau war, bis… weiter lesen
28.10.2008 von Dilek Zaptcioglu
Liebe Blogleser,
spreche ich Euch diesmal ausnahmsweise mal wie in einem Brief an. Lange habe ich nichts schreiben können, aber das Leben…geht jetzt weiter. Denn: Das Leben geht immer weiter! Und wie soll man wissen, daß das Erlebnis echt ist, wenn es nicht schwarz auf weiß niedergeschrieben steht?
Dabei gehört doch unser Blog zu den wirksamsten 10 Webpräsenzen “mit Migrantenbackground” in Germany. Unsere Meinung ist nicht unwichtig, wenn ich das richtig verstehe. Ich habe Euch sehr vermißt.
Gleich mache ich auf mit weiterer Eigenwerbung und einer netten Predigt – nein, einer echten Predigt von Pfarrer Stefan Mai, den ich von hier aus herzlich grüßen möchte. Denn er hat, wie ich erst heute gesehen habe, schon vor drei Jahren in seiner Predigt zur Erstkommunion der Kinder in einer Kirche in Süddeutschland aus meinem Vorwort zu der “Geschichte des Islam” gelesen. So fanden meine Istanbuler Erinnerungen Zugang zu Menschen, die auf einer Kirchenbank… weiter lesen
23.09.2007 von Dilek Zaptcioglu
Die Welt verändert sich täglich schneller und konfrontiert uns viel rapider als wir glauben mit neuen “Tatsachen”. Nicht nur der Klimawandel – auch der “Mensch”, wie wir ihn bisher kannten, verändert sich.
Die Nachahmung und Veränderung der Materie ist relativ einfach. China, schreibt die Milliyet, überschreitet die Grenzen. Eine Baufirma namens Zhejiang Guangsha hat in der Stadt Hangz eine kleine Kopie der französischen Hauptstadt errichtet. Luxusappartments in Häusern im Pariser Stil, eine nur um ein Drittel kleinere Kopie des Eiffelturms und eine kleinere Ausgabe der Arc de Triomphe sollen den chinesisch-französischen Stadtteil zieren. Eine Oberschicht hat sich dort niedergelassen. In den Vororten von Istanbul baut ein Unternehmen neuerdings richtige kleine Schösser im pseudo-klassischen, amerikanischen Stil. Eklektische, große Steinvillen mit Säulenportal und großen Gärten. In China machen aufhellende Hautcremes 60 Prozent des gesamten Kosmetikumsatzes aus. Die Chinesin möchte am liebsten wie eine weiße Europäerin aussehen. Japanerinnen lassen sich übrigens auch gerne ihre Augen operieren. In der Türkei, schrieb mal… weiter lesen
29.03.2007 von Dilek Zaptcioglu
Es folgt eine Passage aus dem Vorwort des Buches „Über die Türkische Revolution“ von Peyami Safa aus dem Jahre 1938. Leser werden sich an Safa erinnern – der konservative Schriftsteller und Denker hat u.a. den Roman „Fatih-Harbiye“ geschrieben, den ich vor einigen Wochen hier vorstellte. Er tat sich immer schwer, was die Ost-West-Synthese anging, aber er gab nicht auf. Auch wenn er für die “Beibehaltung der östlichen (muslimischen) Seele” eintrat, wollte er auf den Okzident und seine inspirierende Kraft nicht verzichten.

In diesem Buch versucht Peyami Safa die Antwort auf die Frage zu finden, was das Wesen der „Türkischen Revolution“, d.h. der Reformen Mustafa Kemals und seiner Freunde ausmacht, die 1923 die Türkische Republik gründeten. Und damit die Synthese wagten – ihre Probleme heute schmälern nicht den damaligen Erfolg. Safa beschwert sich darüber, daß vor 70 Jahren noch kein einziges Werk über die Reformen geschrieben worden… weiter lesen
28.02.2007 von Dilek Zaptcioglu
Ich habe, wie viele Istanbuler, einen Freund: Den Kater “Maviş”, gesprochen “Mawisch”, was so viel wie “mein liebes Blaues” bedeutet (wirklich). Wir fanden ihn vor sieben Jahren auf der Prinzeninsel Büyükada unter einem Gebüsch, durchnäßt und verwaist. Als Baby hatte er blaue Augen – jetzt sind sie grün.
Er ist im Grunde genommen ein Haus- und Straßenkater, auch wenn er in letzter Zeit lieber drin bleibt. Und er ist ein Genie. Wenn er nachts draußen war und keine Lust mehr auf seine Artsgenossen und die Hundemeute des Viertels hat, dann klingelt er. Es ist kein Witz. Es klingelt zum Beispiel um zwei Uhr nachts, und wer kommt wie ein Blitz hereingeschossen: Mavis.
Die Istanbuler lieben Katzen, ohne Frage. Die Nachbarn kaufen Katzenfutter und streuen es auf den Bürgersteig, für die Katzen unserer Straße. An Hauseingängen sind Joghurtschalen mit frischem Wasser, Katzen werden behandelt, kastriert, geimpft, Hunde übrigens auch, neuerdings kümmern sich… weiter lesen
23.02.2007 von Dilek Zaptcioglu
SPIEGEL ONLINE – 23. Februar 2007, 16:56
URL:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,468108,00.html
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Moschee-Baumeister waren westlichen Mathematikern 500 Jahre voraus
Von Holger Dambeck
An orientalischen Gebäuden aus dem 15. Jahrhundert haben Physiker raffinierte Muster entdeckt, die Mathematiker eigentlich erst seit 30 Jahren kennen. Was steckt hinter den komplexen Ornamenten: Genialität morgenländischer Künstler oder schlichter Zufall?
Wissenschaftler fristen ein mühsames Dasein: Den ganzen Tag zerbrechen sie sich den Kopf, gehen Irrwege, scheitern, müssen von vorne anfangen. Und wenn sie schließlich doch mal einen großen Schritt vorangekommen sind, dann hat womöglich der Kollege aus Übersee genau dieselbe Idee gehabt – nur eben ein paar Monate früher.
Quasi-Kristalle: Die faszinierende Geometrie des Orient
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Besonders bitter ist jedoch, wenn man eine Erkenntnis als neu präsentiert, die schon Jahrhunderte alt ist. Dies könnte unfreiwilligerweise auch dem britischen Mathematiker Roger Penrose passiert sein,
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17.02.2007 von Dilek Zaptcioglu
Die größte Skulptur der Türkei entsteht an der Grenze zu Armenien, in Kars, dem Schauplatz des letzten Romans des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk.
Kars ist über 1400 km von Istanbul entfernt. In der umkämpften, fernen Stadt soll eine große Skulptur errichtet werden, auf einem Hügel, so daß sie u.a. auch von Armenien gesichtet werden kann. Sie soll den Namen tragen: “Das Denkmal der Humanität”. Aufraggeber ist der Bürgermeister von Kars. “In unserer Region, die sehr viel unter Haß, Krieg und Inhumanität gelittet hat, soll ein Licht der Versöhnung aufgehen”, sagt er. Er gehört der Regierungspartei AKP an.
Der 58jährige Bildhauer Mehmet Aksoy plant eine 30 m. hohe, stilisierte menschliche Figur, die in zwei Hälften gespalten ist. Auf beiden Seiten ruht eine Hand auf der nächsten Schulter. Im unteren Bereich weint ein Auge blutige Tränen, die sich in einem Wasserbecken sammeln.
Der türkische Künstler drückt in seiner Sprache etwas aus, was er nicht in Worte… weiter lesen
13.02.2007 von Dilek Zaptcioglu
…zum Tag der Liebenden und des Konsums, der uns auch in Istanbul nicht erspart bleibt – und davor ein paar Worte zum Stand der Dinge: Seit dem Attentat, das Istanbul erschütterte/ sind über drei Wochen vergangen/ Es ist angespannt und dennoch fast Frühling in Istanbul / Heute 15 Grad gewesen / auch sonnig / kein Wind / kein Sturm mehr/ die Narcissen blühen / der Bosporus in tiefem Blau/ Die Tanker sind immer noch unterwegs von Baku nach Rotterdam/ und ganz nebenbei und unaufgeregt/ im istanbulblog werden ab jetzt narzistische/rassistische/nichtalsdiskussionsbeitragkonzipierte/ und nicht kritisch sondern nur feindselige/ Kommentare/ von mir/ diktatorisch gelöscht / und als Spam markiert/ ich habe keine Lust mehr/ auf Dummheit/ unbegründeten Ärger/ Mißverständnisse & Verfehlungen jeder Art/ denn das Wetter ist einfach zu schön/ und der Krieg (Iran?) steht uns noch bevor/ man muß Kräfte sammeln/ und zusammenrücken
In diesem Sinne: Gruß aus dem Paradies, um das man nicht müde wird zu… weiter lesen
13.12.2006 von Dilek Zaptcioglu
…des Orhan Pamuk gestaltet sich als schwierig. Während der immer etwas schräge Nachrichtenkanal Habertürk die Zuschauer mit einem Orhan-Logo links unten am Bildschirm den ganzen Tag über zum Empfang am Flughafen aufruft, weiß niemand, wann der “verlorene Sohn” heimkommt. Es heißt, er hielte seinen Rückflug geheim, weil er “Provokationen vermeiden” will.
Es gebe viel zu dem Thema zu sagen, aber diese Karikatur (von Tan Oral) spricht Bände:
“Ich habe gehört, du hast den Nobelpreis gekriegt. Das soll bloss nicht noch mal vorkommen!”
Was sich Istanbuler in diesen Tagen noch sagen: Der Nobelpreis ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Wenn sie den schon einem Türken verleihen…
Lachen? Ja. Über sich lachen? Am allerbesten.
Istanbul ist stolz, auch wenn sie es sich nicht anmerken läßt.
25.11.2006 von Dilek Zaptcioglu
Wer sich mit der türkischen Musik beschäftigt hat, wird von der “Arabesque” (Arabesk) gehört haben: Orhan Gencebay ist der Star dieser Strömung, in “Crossing the Bridge” hat Fatih Akin ihn als einen der größten Istanbuler Musikstars verewigt (Ich werde keine Lyrics von ihm übersetzen, weil sie absolut unübersetzbar sind).
Was dieses Lebensgefühl “Arabesque” kennzeichnet, ist die Liebe und das Leid. Wenn das beides nicht zusammentrifft, dann ist das Leben seicht. Ein Arabeskliebhaber hat ein Herz für die Schwachen und die Getretenen. Er ist immer auf der richtigen Seite und ist ein Einzelkämpfer. Er interessiert sich für die Schattenseiten der Stadt, für die Straßenkinder, die Pattex schnüffeln und sich an anatolische Gemüsehändler prostituieren; er rettet die Nutten aus dem Bordell, und gibt den Schuhputzern ein Taschengeld, damit sie sich Bücher kaufen können. Das ist Arabesk: Der Sound der Istanbuler Taxifahrer. Denn “hatasiz kul olmaz” – es gibt keinen Menschen ohne Fehler.

Heute abend habe ich… weiter lesen