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08.11.2008

Heut ist das Wetter warm und licht…

von Dilek Zaptcioglu

…doch morgen schon ists herbstlich kalt,

Und nebelgrau die Flur, der Wald.

Die Blumen, sie entlauben sich,

Die Winde stürmen fürchterlich,

Und endlich flockt herab der Schnee,

Zu Eis erstarren Fluss und See.

Jetzt aber gibt es Winterspiele,

Vermummt erscheinen die Gefühle,

Ergeben sich dem Mummenschanz

Und dem berauschten Maskentanz.

(aus  “An die Engel” von Heinrich Heine, Neue Melodien spiel ich, Insel Verlag 1997, S. 108)

 

 

 

 

03.11.2008

Buchmesse vor den Toren Istanbuls

von Dilek Zaptcioglu

…und nicht in Istanbul, denn: Sie findet 60 km westlich der Stadt mitten im Nowhere statt. In einem Ort, der sich Beylikdüzü nennt und vor gar nicht langer Zeit aus Weideland bestand.

Ich und Can fahren einen weiten Weg nach Taksim, um von dort aus den Messebus zu nehmen, ein Shuttle-Service, der uns zu der alljährlichen Buchmesse bringen soll. Die Schlange ist sehr sehr lang und vor allem, sie bewegt sich nicht. Denn der Bus kommt nur einmal in der halben Stunde. Wir zahlen umgerechnet 20 Euro, um in ein Sammeltaxi einzusteigen, der fast eine Stunde unterwegs ist. “Ich werde insgesamt 120 km gefahren sein, wenn ich zurückkomme”, sagt der junge Fahrer und erzählt dem Typen, der sich vorne plaziert hat und intellektuell tut, eine haarsträubende Geschichte über eine Frau, die neulich vor seinen Augen überfahren wurde. Mit allen Details. Genüßlich. Woher das Auto kam, wie alt die Frau war, bis wohin ihr Gehirn…Ich frage mich, wofür ich noch Bücher kaufe, lese, schreibe.

Die Messe ist voll. junge, Alte, Männer, Frauen schieben sich durch die breiten Gänge. Natürlich ist die Istanbuler Variante kleiner als die in Frankfurt, und der größte Unterschied besteht darin, daß hier Bücher verkauft werden – zu ermäßigten Preisen. Die Besucher sind entsprechend glücklich: Bis zu 50 Prozent Rabatt auf die Bücher bekommen, nach denen man/frau auch noch lange suchte, ist beglückend. Auch für mich. Ich vergesse die Leute im Taxi und treffe auch noch auf “Landsleute” aus Izmir. Ein Verlag bringt ein wirklich inhaltlich anspruchvolles Monatsheft über Izmirs Geschichte heraus. Der Mann am Stand fragt sofort, ob ich auch aus Izmir stamme. “Ja”, sage ich. Wir unterhalten uns darüber, warum die Izmirer einen Hang zum Mystischen haben. Er hat einen Roman geschrieben, der in diesem Verlag erschien und im 18. Jh in Izmir beginnt und in Kairo weitergeht. Ich kaufe ihn ihm zuliebe und gern. Er schreibt eine Widmung hinein: Und freut sich eine Zaptcioglu kennenzulernen, denn er hat schon immer Schuhe “bei uns”, d.h. bei meinem Großvater gekauft. Das Erlebnis wiederholt sich überraschenderweise auch am Stand des Can-Verlags, wo der preisgekrönte Romancier Mehmet Anil seine Bücher signiert. Denn auch er kommt aus Izmir.

Bald hatte ich beide Hände voller Tüten und auch die Rückfahrt dauerte ewig und wegen der Umstellung der Uhren war es schon dunkel. Can hat sich sehr gefreut, denn er erwarb einige Comichefte, Posters, einen Schlüsselanhänger und ein paar Romane. Ich bin froh, ihn mitgenommen und ihm die Buchmesse vorgestellt zu haben. Auch er soll sich einmal fragen, warum er liest.

Heute in Kuzguncuk: Die sonne scheint immer noch und ich werde von einer lärmenden und unhöflichen Großfamilie regelrecht von der Bank gejagt, auf der ich alleine saß. Die Frau mit dem übergroßen Hintern kam immer näher, um den übrigen anrückenden Familienmitgliedern Platz zu machen und saß fast auf meinem Schoß. Eigentlich tat sie das, damit ich ging, und indem ich ging, tat ich ihr diesen Gefallen. Aber erstmals im Leben habe ich die Leute wegen dieses groben Zivilisationsbruches getadelt: “Jetzt können Sie sich ausbreiten”, sagte ich, “ich gehe”. Worauf sie im Chor antworteten: “Ach nein, bleiben Sie doch sitzen!” Eine ungeheure Lüge. Die Heuchelei ist das, was ich am meisten hasse. Wofür kaufe, lese, schreibe ich nocheinmal Bücher? 

 

Jetzt stapeln sie sich neben meinem Schreibtisch auf dem Boden. Für Andere, die trotz allem noch Bücher lesen, will ich sie mal hier auflisten.

Moshe Lewin – Sovyet Yüzyili / Das sowjetische Jahrhundert. Kam meinem neuerlichen Interesse entgegen, mehr über die Geschichte der UdSSR zu lesen (Iletisim).

Murat Belge – Genesis. Büyük Ulusal Anlati ve Türklerin Kökeni / Die Große Nationale Erzählung und der Ursprung der Türken. Das ist ein Buch mit den Texten des Istanbuler Intellektuellen Murat Belge, der die Gründungsmythen und Romane über den nationalen Ursprung der Türken kritisch unter die Lupe nimmt (Iletisim).

Mehmet Anil – Pembe Otobüs / Der pinkfarbene Bus. Das ist der peisgekrönte Roman des besagten Autoren aus Izmir, eine Geschichte von Freunden, die mit einem Selbstmord endet. Schlichte Sprache, gutes Niveau, wie mir auf Anhieb schien (Can).

Bülent Senocak – Levant”in Yildizi Izmir / Der Stern der Levante, Izmir. Levantiner, Griehen, Armenier und Juden in Izmir. Mit Fußnoten, Quellenangaben, Index, Bildern sorgfältig aufgearbeitet. Über den wirklichen Inhalt kann ich noch nichts sagen (Senocak).

Tufan Erbaristiran – Cöl Cicegi Masali / Das Märchen von der Wüstenblume. Der historische Roman des ”Landsmannes” (Senocak). 

Turgut Cansever – Kubbeyi Yere Koyamamak / Die Kuppel nicht platzieren können. Ein Buch, auf das ich mich sehr freue, von einem Architekten, der zugleich als Kulturarchäologe fungiert (Timas). 

Firat Mollaer – Türkiye”de Liberal Muhafazakarlik ve Nurettin Topcu / Liberaler Konservatismus und Nurettin Topcu. Eine interessante Monografie über Nurettin Topcu, der in seinem Denken Einflüsse aus West und Ost vereinigte und mit seiner kapitalismus-, und vor allem technologiekritischen Haltung auffiel (Dergah).

Nurettin Topcu – Isyan Ahlaki / Die Ethik der Rebellion. Gesammelte Werke I.  (Dergah).

Ahmed Saib – Sark Meselesi / Die Orientalische Frage. Der um die Jahrhundertwende aktive Publizist erörtert seine Ansichten zu der “Orientalischen Frage” Europas und die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Osmanischen Reich (Akcag).

Ibni Arabi – Füsusu”l-Hikem (Hikmetlerin Özü) / Die Essenz der (göttlichen) Mächte. Islamische Philosophie vom Feinsten (Sufi Kitap).

Sadik Türker - Aristoteles, Gazzali ile Leibniz”de Yargi Mantigi / Urteilende Logik bei Aristo, Gasali und Leibniz (Dergah).

Inci Enginün – Cumhuriyet Dönemi Türk Edebiyati / Türkische Literatur der Republikära (Dergah) 

Lale Müldür – Haller Leyla und Anne Ben Barbar Miyim? / Mutter, bin ich eine Barbarin? Das sind Aufsätze und Interviews mit der Poetin, die ich sehr mag (L & M)

Dilek Yalcin-Celik - Yeni Tarihselcilik ve Türk Edebiyatinda Postmodern Tarih Romanlari – ein Buch über die postmodernen historischen Romane in der türkischen Literatur, ich habe es noch nicht gelesen und kann es nicht bewerten.

Wer in Istanbul lebt: Ab zur Buchmesse. Unter der Woche soll der Bus am AKM auf dem Taksimplatz frei sein. Jeder soll sich weiterhin fragen dürfen, warum er noch liest.    

http://www.istanbulkitapfuari.com/

28.10.2008

Los geht’s wieder – Istanbulblog vom Feinsten

von Dilek Zaptcioglu

Liebe Blogleser,

spreche ich Euch diesmal ausnahmsweise mal wie in einem Brief an.  Lange habe ich nichts schreiben können, aber das Leben…geht jetzt weiter. Denn: Das Leben geht immer weiter! Und wie soll man wissen, daß das Erlebnis echt ist, wenn es nicht schwarz auf weiß niedergeschrieben steht?

Dabei gehört doch unser Blog zu den wirksamsten 10 Webpräsenzen “mit Migrantenbackground” in Germany. Unsere Meinung ist nicht unwichtig, wenn ich das richtig verstehe. Ich habe Euch sehr vermißt.

Gleich mache ich auf mit weiterer Eigenwerbung und einer netten Predigt – nein, einer echten Predigt von Pfarrer Stefan Mai, den ich von hier aus herzlich grüßen möchte. Denn er hat, wie ich erst heute gesehen habe, schon vor drei Jahren in seiner Predigt zur Erstkommunion der Kinder in einer Kirche in Süddeutschland aus meinem Vorwort zu der “Geschichte des Islam” gelesen. So fanden meine Istanbuler Erinnerungen Zugang zu Menschen, die auf einer Kirchenbank saßen und über das weitere Leben ihrer Kinder nachdachten, darüber, ob sie wohl später ihren Kindern einen ähnlichen Weg zeichnen würden oder nicht.

Was mich besonders freut, ist, daß die spanische Ausgabe meiner “Geschichte des Islam” erschien. Das ist doch, sagen wir mal im Spaß, eine Art persönlicher Re-Reconquista, oder? Ein glücklicher Tag, um einen Neubeginn aus und in Istanbul zu machen. Denn es herbstet sehr hier, die Blätter sind vergilbt, das Wetter regnerisch und es wird fast um fünf Uhr bereits dunkel. 

 

Worte vergehen, lebendige Vorbilder ziehen an

Predigt zur feierlichen Erstkommunion der Kinder am 1. Mai 2005

„Der erste Mensch“, so schreibt die türkische Journalistin Dilek Zaptcioglu, „der mich mit dem Geheimnis des Glaubens konfrontierte, war meine Großmutter. Sie war eine schlanke Frau mit einem hübschen Gesicht. Sie lebte mit uns zusammen, war aber so still und zurückhaltend, dass man ihre Anwesenheit kaum bemerkte. Oft hielt sie sich in ihrem Zimmer auf, wo sie fünfmal am Tag betete. Wenn sie ihren kleinen Gebetsteppich schräg zur Balkontür ausbreitete und zu beten begann, war das für mich als Kind ein unglaublich geheimnisvoller Akt – denn ich verstand ihn nicht. Man durfte auf keinen Fall vor ihr herumlaufen, man durfte nicht laut lachen oder schreien. Ich war leise. Ich liebte es, mich daneben zu stellen und jede ihrer Bewegungen nachzuahmen. Erst stand sie eine Weile, dann kniete sie sich hin, blieb eine Zeitlang so, stand dann plötzlich wieder auf, und nachdem sie das einige Male wiederholt hatte, drehte sie ihren Kopf nach rechts und links, wobei sie mir in die Augen schaute. Danach nahm sie ihre Gebetskette in die Hand und begann weiterzubeten. Ihre Gebetskette war das Tollste, was ich je gesehen hatte. Da, wo die kleinen Kügelchen zusammenkamen, war ein längliches Stück mit einem Loch in der Mitte. Wenn man es gegen das Licht hielt und sein Auge daran presste, sah man ein buntes Bild…
Bestimmte Begriffe, vor allem die Arabischen, hörten sich wie Zauberformeln an. Ich verstand sie nicht, deshalb erschienen sie mir um so heiliger…
Aber nichts war geheimnisvoller als der Ramadan. Es herrschte schon vorher einige Aufregung darüber, dass der Fastenmonat bald anfangen würde…Obwohl meine Mutter nicht fünfmal am Tag betete und religiöse Praxis, außer bei meiner Großmutter, kaum eine Rolle spielte, fastete sie zu Ramadan. Das Aufregendste war natürlich das nächtliche Aufstehen der Erwachsenen vor dem Fastenbeginn. Oft war das 4 Uhr morgens, wo sonst alle Welt schlief. Ich wollte unbedingt dabei sein, wenn sie dann aufstanden, den Tisch deckten und mitten in der Nacht warme Speisen wie Suppe, Huhn und Reis aßen. Ich kam mir regelrecht verraten vor, wenn sie mich nicht dazu weckten, und das taten sie nie. Und die wenigen Male, die ich dabei sein durfte, konnte ich nichts essen, weil ich nicht – aus dem Schlaf gerissen – plötzlich Bohnensuppen herunterschlürfen konnte. “Kinder fasten nicht“, sagte meine Mutter mit der üblichen ernsten Miene und etwas tieferen Stimme, wenn sie über Heiligkeiten sprach. „Na gut“, meinte sie dann, weil ich weinte, „meinetwegen darfst du am ersten Tag auch fasten, aber Kinder können ruhig einmal am Tag essen und so viel Wasser trinken wie sie wollen.“ Also trank ich den ganzen Tag Wasser, aß üppig zu Mittag und kam mir trotzdem großartig vor, wie eine Heldin.“
(aus: Dilek Zaptcioglu, Die Geschichte des Islam)

Beeindruckend für mich, wie diese junge türkische Frau beschreibt, wie die ersten Saatkörner der Religion in sie hineingesät wurden und wie sie diese als Kind begierig in sich aufnahm. Das waren keine großen Vorträge über Religion, das war nicht der Religionsunterricht, nein, die erste und wichtigste Berührung mit Religion war ein lebendiges Vorbild, eine einfache Frau, ihre Oma. Sie verstand es, durch ihr religiöses Tun, an dem sie die kleine Dilek Anteil nehmen ließ, neugierig zu machen auf das Geheimnis des Glaubens. Dilek spürte die Kraft des Gebetes, wenn sie ihre Großmutter auf dem Gebetsteppich knien sah, sie spürte in der Gebetskette der Oma den Zauber von religiösen Zeichen, in ihren Gebetsformeln die Anziehungskraft und das Geheimnis einer anderen Welt und im Mitmachen des Ritus des Fastenmonats das Gefühl der Zugehörigkeit. Obwohl sie das meiste nicht verstand, obwohl sie die Vorschriften nicht erfüllte, dieses Gefühl: „Ich kam mir trotzdem großartig vor, wie eine Heldin.“

Liebe Eltern. Ich frage mich oft, warum bleibt heute bei vielen Kindern in Punkto Glaubensvermittlung so wenig hängen, warum haben heute die fast 400 Religionsstunden bis zur Erstkommunion so wenig Nachhaltigkeit, warum trägt die lange Vorbereitung auf die Kommunion in einer Gemeinde nicht mehr Früchte? Ich komme immer mehr zum Schluss: Weil religiöse Inhalte meist nicht mehr von Menschen weitergegeben werden, die die eigentlichen Bezugspersonen der Kinder sind. Eines lerne ich immer mehr: Bei uns Menschen geht Beziehung vor Inhalt. Worte vergehen, lebendige Vorbilder ziehen an. Nach wie vor nimmt ein Kind den Menschen Verhaltens- und Lebensmuster am ehesten ab, zu denen es am meisten Vertrauen hat. Wir fangen Religion mit dem zweiten Stock oft in einen luftleeren Raum hinein zu bauen an, mit einer theoretischen Glaubenswissensvermittlung, aber das Fundament ist nicht gelegt und deshalb kracht alles wieder so schnell ein. Weil viele Kinder nicht mehr das Geheimnis, den Zauber, die Anziehungskraft von Religion in ihrer frühen Kindheit erfahren dürfen, den Klang der Gebete, den Zauber von Riten, das ganz selbstverständliche Hineingebunden sein in den Kreis eines Kirchenjahres. Weil sie oft nicht mehr erleben dürfen, wie Gebete, Lieder, Riten und religiöse Feste ihren Papa, ihre Mama, Ihre Oma und ihren Opa im Alltag bereichern und sie wirklich auch im Leben tragen können, bleibt religiöse Praxis oft eine kurzzeitige Exotik.

Das größte Geschenk für eine Glaubensentwicklung ist ein lebendiges Vorbild. Worte vergehen, nur lebendige Vorbilder ziehen an. Ich könnte mir nicht vorstellen, heute ein gläubiger Mensch zu sein, wenn ich nicht erlebt hätte, dass meine Eltern selbst die Hände gefaltet haben, ohne frömmlerisch zu werden, wenn ich nicht die ergriffene Stimme meines Vaters gehört hätte, wie er dankbar sein „Großer Gott, wir loben dich“ gesungen hat, wenn ich nicht gespürt hätte, dass der kleine Kreuzschlepper auf dem Nachtkästchen meiner Oma dieser kleinen Frau geholfen hat, dass sie nicht an den Schicksalsschlägen ihres Lebens zerbrach.
Liebe Kinder, die größten Geschenke am heutigen Tag sind nicht Fahrrad, Computerspiele und Euros. Die größten Geschenke sind Menschen, die – wie Dilek Zaptcioglu schreibt – mich mit dem Geheimnis des Glaubens in Berührung gebracht haben.

Fürbitten am Tag der Erstkommunion

Herr, unser Gott, unser Glaube wächst durch Hören. Er ist aber auch angewiesen auf das Erleben von glaubwürdigen Vorbildern. Wir bitten dich:

1. Mutter
Lass uns Eltern fähig sein, unsere Kinder so zu fördern, dass sie ihre Anlagen und Begabungen entwickeln können und zu reifen Persönlichkeiten heranwachsen.

2. Vater
Gib uns Eltern die Kraft, unseren Kindern glaubwürdige Vorbilder sein zu können und schenke ihnen das Glück, in ihrem Leben vielen Menschen zu begegnen, die ihnen Beispiel und Vorbild sind.

3. Bruder
Lass uns dankbar sein, mit Geschwistern aufwachsen zu dürfen, weil wir im täglichen Umgang mit ihnen wichtiges im Leben lernen.

4. Schwester
Lass die jungen Menschen, die das Leben noch vor sich haben, offen ihrer Zukunft entgegengehen, mit Unsicherheiten zu leben wagen und den Enttäuschungen gewachsen sein.

5. Patin
Schenke allen, die mitten im Leben stehen und in ihrem Beruf sehr gefordert sind auch noch einen Blick für die Menschen um sie herum.

6. Oma
Schenke allen Großeltern das richtige Gespür dafür, wenn Kinder und Enkel ihre Lebenserfahrung und ihre Hilfe brauchen, aber auch Verständnis dafür, wenn sie manchmal andere Wege gehen müssen, mit denen sie sich schwer tun

7. Lektor
Vergilt unseren Verstorbenen alles Gute, was sie uns im Leben getan haben und lass sie bei dir erleben, woran sie in ihrem Leben geglaubt haben

Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn.

Pfarrer Stefan Mai

© Stefan Mai 2001 – 2008
Alle Rechte vorbehalten.
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Tel: 09721-3924

 

08.08.2008

Sommerpause vorbei: Glas halb voll

von Dilek Zaptcioglu

Bozcaada oder Tenedos, wie sie früher hiess: Wunderschön! Ich möchte dort leben!  

Endlich geht es ein wenig optimistischer weiter mit dem Leben: Trotz der heutigen Meldungen vom “Krieg im Kaukasus” herrscht Ruhe in der Türkei. Oder hängt das beides irgendwie miteinander zusammen? Bekanntlich schützt Paranoia nicht vor Verfolgung. “Kaukasus” und “Weltpolitik” hängen historisch und 

öl- und grossmachtbedingt miteinander zusammen. Und paradoxerweise sind die Menschen des Kaukasus unter den Ärmsten der Welt.

Ich denke ja auf solche Meldungen sofort: Hängt das etwa mit dem drohenden Iran-Angriff der USA zusammen? Ob das überraschende Nichtverbotsurteil des türkischen Verfassungsgerichts auch auf irgendeine nicht geahnte Weise mit dem wenn-sie-ihn-lassen-möglichen Sieg Barack Obamas im November, und dem letzten geplanten evangelistischen Coup des George Bush gegen Iran (Hand in Hand mit Tel Aviv) zusammenhängen könnte? Das Öl fliesst in meinem Gehirn prompt zusammen.

Und da hocken sie gleichzeitig alle in Peking und schauen der Eröffnung der Olympiade zu. Wer das besser durchblickt, soll uns aufklären. Aber bitte ein bißchen konspirativ. Sonst macht es keinen Spaß. Wir sind hier schon viel zu konspirationsabhängig.

Hier mein letzter Kommentar in www.qantara.de über den Freispruch für Tayyip Erdogan. Geschrieben vor einigen Tagen, in der halb reduzierten Glas-halb-voll-Seelenverfassung, was sich natürlich wieder bald ändern wird (leider ziehen bereits schwarze Wolken auf: Dunkle Vorahnungen darüber, daß “niemand eine Lehre aus dem Geschehen zieht und alle so weitermachen wie bisher”).

So hat Präsident Abdullah Gül 21 neue Uni-Rektoren ernannt und dabei das gemacht, was auch seine Vorgänger gemacht haben: Die Wahlergebnisse der Unis ignoriert. Was war das mit ”Demokratie”? Zuerst müssen offenbar alle Posten “von Kemalisten und den Feinden der offenen Gesellschaft gesäubert” werden. Und danach schreiten wir alle in eine wunderbare Demokratie? Wann eigentlich? Und warum eigentlich, erst dann? Was ist, wenn die bösen Kemalisten und Volksfeinde auf der Lauer sind und wieder aus ihren Löchern gekrochen kommen, um eine zweite Front gegen die AKP zu eröffnen? Müssen nicht alle wichtigen Verantwortlichen in unserem Land gute Muslime sein? Wer soll das kontrollieren? Und müssen denn nicht erst einmal die Kriterien eines guten, muslimischen Türken festgelegt werden….?  

                                                    ***

Demnächst ein paar Worte über eine noch schönere Insel, Bozcaada. Ich bin so wenig eifersüchtig im Leben. Aber da war ich absolut eifersüchtig. Jemand hat nämlich meinen Traum verwirklicht: Ein Häuschen im Weinberg, Olivenbäume und ein Antiquariat im Städtchen. Dort roch es nach Wein. Erdogan war vor zwei Jahren vorbeigekommen und hatte gesagt: “Alles Wein abreissen. Oliven anpflanzen!” Die beste Weinmarke heißt “Corvus”. Denn die Insel ist eine “Rabeninsel”. Ich habe mein Herz dort hinterlassen, wie Sezen Aksu sagt. Ich will dorthin zurück. So schnell wie möglich: Mit meinen Büchern und meinen CDs.

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 Kein AKP-Verbot
Die Türkei atmet auf
Die Überraschung ist perfekt: Das türkische Verfassungsgericht lehnt den AKP-Verbotsantrag ab. Ministerpräsident Erdogan hat damit eine zweite Chance bekommen, den Machtkampf zwischen Säkularisten und der islamisch-konservativen AKP beizulegen. Dilek ZaptçÄoÄlu kommentiert.

Das Land hielt den Atem an und wartete auf dieses Urteil. Das türkische Verfassungsgericht, das höchste richterliche Gremium der Türkei, sollte über das Verbot der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) entscheiden. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogans Name stand ganz oben auf der Liste der 71 Personen, denen mit dem Parteiverbot für die nächsten fünf Jahre die politische Betätigung untersagt werden sollte.

Noch vor zwei Monaten hatten dieselben Richter fast geschlossen für ein Kopftuchverbot an den türkischen Universitäten gestimmt und damit das wichtigste Vorhaben der AKP wegen Verfassungswidrigkeit gestoppt. Dass sie auch die AKP selbst verbieten würden, schien fast sicher. Schließlich waren neun von elf Richter noch von dem Ex-Präsidenten Ahmet Necdet Sezer ernannt worden, seinerzeit der schärfste Gegner der AKP.

Die Überraschung war perfekt, als der Präsident des höchsten Gerichtes Hasim Kilic das Urteil bekannt gab: Die Regierungspartei AKP wurde nicht verboten. Niemand erhielt Politikverbot.

“Die Türkei atmet auf”

Diesmal war die Mehrheit auf der Richterbank nämlich geschrumpft: Nur sechs Richter gaben einem Verbot ihre Stimme. Immerhin die Mehrheit, doch reichte das nicht aus – sieben von elf hätten zustimmen müssen. Doch wurden der AKP die staatlichen Zuwendungen bei der Parteienfinanzierung für das nächste Wahljahr zur Hälfte gestrichen. “Eine Rüge”, sagte Kilic. Das Urteil sei “eine ernsthafte Rüge”. Doch die Geldstrafe tut der Partei, die mächtige Geldgeber hinter sich hat, nicht weh.

Das bedeutet nichts weniger als dass die türkische Staatskrise vorerst beigelegt ist. Die Verfassungsrichter und in ihrer Person die säkularen Mächte im türkischen Staatssystem haben der AKP und Erdogan bewusst eine zweite Chance gegeben.

Der Generalstabschef Yasar Büyükanit hielt sich zurück und wollte das Urteil nicht kommentieren. Der säkulare Arbeitgeberverband TÜSÄAD erklärte sich zufrieden. Die säkularen städtischen Mittelschichten sind froh, dass das Verfassungsgericht aus der AKP und aus Erdogan keine Märtyrer gemacht hat. Die Istanbuler Zeitungen titelten nach dem Urteil fast einstimmig mit der Schlagzeile: “Die Türkei atmet auf.”

Erdogans zweite Chance

Die Gesellschaft ist des Kampfes überdrüssig und will endlich, nach zermürbenden Jahren innerer Querelen “Gerechtigkeit und Fortschritt” erleben. Die Partei, die diese Parolen zu ihrem Namen gemacht hat, wird nun stärker in die Pflicht genommen werden. Die religiösen Themen werden in den Hintergrund, die weltlichen Fragen nach vorne rücken: Die hohe Arbeitslosigkeit, die steigende Inflationsrate, die sinkenden Produktionszahlen, der Niedergang der Landwirtschaft und die ungelösten Probleme des Bildungssystems stehen ganz obenan.

Dass die AKP und damit ihr 54-jähriger, charismatischer Chef Erdogan die Türkei weiterregieren werden, beruht sicherlich auf einem großen Kompromiss. Dieser fand zwischen der AKP-Führung um Erdogan und der kemalistischen Elite statt, die das Land bislang regierte. Dazu gehört vor allem der mächtige Generalstab. Zwei Vieraugengespräche führte Erdogan: im letzten Jahr mit dem noch amtierenden Armeechef Yasar Büyükanit und vor wenigen Wochen mit dessen designierten Nachfolger Ilker Basbug.

Der Inhalt dieser Gespräche wurde strengstens geheim gehalten und sickerte bis heute nicht durch. Man ging davon aus, dass vor allem die Frage des PKK-Terrors und des Separatismus auf dem Tisch lag. Erst am Wochenende starben bei einem Bombenanschlag – möglicherweise von der PKK – in Istanbul achtzehn Menschen.

“Gefahrenquelle Nummer Eins”

Aber was hat zu diesem unerwarteten Kompromiss geführt, nachdem man sogar von der Möglichkeit eines Militärputsches gegen die Erdogan-Regierung gemunkelt hatte?

Eine große Rolle spielt dabei die Kurdenfrage, nicht nur für den gemeinen türkischen Staatsbürger, sondern auch für den türkischen Generalstab die “Gefahrenquelle Nummer Eins”. Hier unterscheiden sich die Meinungen der AKP-Wähler nicht von der ihrer Gegner.

Aber ihre Gegner haben, inklusive der militärischen Lösung, alles ausprobiert. Der kurdische Separatismus erscheint angesichts der Etablierung eines quasi unabhängigen Kurdenstaates in Nordirak so gefährlich wie noch nie. Hier denkt Erdogan genauso wie seine Widersacher. Und seine AKP ist die einzige Kraft, die sowohl landesweit als auch in Ost-Anatolien die separatistische Kurdenbewegung bei den nächsten Wahlen ablösen kann. Das macht die AKP unersetzbar.

Je mehr sie sich dem Zentrum nähert, desto mehr wird sie zu einer regulären, nationalen, konservativen Partei rechts von der Mitte werden. Erdogans AKP wird damit etwas nationalistischer, und ihre säkularen Gegner werden etwas toleranter gegenüber den sichtbaren Zeichen der Religion, die sie bisher im öffentlichen Raum ablehnten.

Erdogan gewinnt dadurch mehr Stimmen, und die Türkei könnte tatsächlich aufatmen. Jetzt kann “wirklich Politik gemacht” werden, wie ein Istanbuler Taxifahrer sagt. “Jetzt kann die Türkei wieder Kräfte sammeln.”

Die “Rüge” des Verfassungsgerichts ist die letzte Chance für Erdogan, die er verstanden hat und wahrnehmen wird.

Die AKP kann zur Stimme der Kurden werden

Der Verlierer dieser “großen Versöhnung” sind die radikalen Vertreter der Kurden, allen voran die kurdische Partei für eine Demokratische Gesellschaft DTP. Gegen sie läuft ein Verbotsverfahren vor dem Verfassungsgericht. Dieselben Richter werden diesmal vielleicht anders entscheiden und wie bisher bei den Vorgängern auch diese Kurdenpartei verbieten. Bisher nutzte das nichts und sofort wurde eine neue Partei gegründet. Aber auch ohne ein Verbot ist die DTP auf dem absteigenden Ast.

Bei den letzten Parlamentswahlen 2007 wurde sie von der AKP in der Kurdenregion beinahe abgehängt. Nur knapp haben sich die radikalen kurdischen Politiker gegen die AKP-Kandidaten behaupten können. Bei den nächsten Kommunalwahlen gehen die Experten davon aus, dass Erdogans Partei sogar in Diyarbakir, der “heimlichen Hauptstadt” der Kurden, das Amt des Bürgermeisters besetzen wird.

Das heißt nichts anderes, als dass die AKP zur Stimme auch der Kurden wird und damit zu der Partei, die das Land nach einem fast 30-jährigen Krieg zwischen dem Staat und den kurdischen Separatisten erstmals klar unter der “einen Fahne” einen könnte.

Die türkische Gesellschaft will endlich Frieden

Das Urteil ist richtig und stärkt die türkische Demokratie. Die islamischen Kräfte brauchen sich nicht mehr als Opfer oder Märtyrer zu begreifen und können nun aus der Position der Stärke handeln und Reife zeigen. Man kann davon ausgehen, dass Erdogan ab jetzt besonnener agieren wird. Auch in der Kopftuchfrage wird ein Kompromiss gesucht werden.

Liberale Kräfte, die gegen die Hardliner-Kemalisten bisher die AKP unterstützt hatten, werden sich stärker gegen schleichende Alkoholverbote oder eine flächendeckende Verbreitung der Frauenverhüllung einsetzen. Gesellschaftliche Themen werden nicht mehr in Gerichtssälen oder Kasernen diskutiert. Ermüdende Spannungen werden abgebaut.

Statt Krieg verlangte die türkische Gesellschaft nach Frieden. Dieses Signal haben die höchsten Richter des Landes erhört.

Dilek ZaptçÄoÄlu

© Qantara 2008

 

14.07.2008

Sommerpause mit Standbild

von Dilek Zaptcioglu

Sunshine, sunshine reggae

Liebe Blogleser, Freunde,

hiermit geht der istanbulblog in eine kurze Sommerpause.

Nur kurz, denn Anfang August wird das Urteil im Verbotsverfahren

gegen die regierende AKP erwartet.

Bis dahin gehe ich auf eine andere Insel, auf einen anderen Baum.

Und bleibe nur für meine Arbeitgeber erreichbar (der übliche Journalistenurlaub).

P.S.Leider ist der Blog im Moment unter einer heftigen Spam-Attacke.

Taeglich kommen Dutzende von Spams. Ich werde in den naechsten

also zwei Wochen nicht in der Lage sein, Kommentare zu sortieren

und warne Euch vor möglichen Problemen, um die Kommentarfunktion

nicht gaenzlich ausschalten zu müssen.

Grüsse

Dilek Zaptcioglu

 

 

29.06.2008

In eigener Sache: Wie findet Ihr die Umstellung?

von Dilek Zaptcioglu

Istanbulblog schliesst hiermit sein zweites Jahr ab und schreitet in ein drittes. Dabei findet eine richtig radikale Umwälzung auf www.taz.de statt. Sogar ich habe Probleme, meinen Blog wiederzufinden.

Deshalb bin ich gespannt: Habt Ihr Probleme, zum Istanbublog zu gelangen? (komische Frage: wenn Ihr das liest, dann seid Ihr ja da, aber vielleicht doch über sieben Brücken gehend?)

Neues Lesezeichen: http://blogs.taz.de/istanbulblog/

Wie findet Ihr es, daß die Kommentare nicht automatisch unten angehängt sind?

Zu den Kommentaren gelangt Ihr, indem Ihr auf der obigen Seite blogs.taz.de/istanbulblog die Überschrift meines jeweiligen Blogartikels anklickt und dieser sich auf einer neuen Seite öffnet: Darunter ist die Kommentarschlange. Mit türkischen Buchstaben hat das System offenbar Probleme…  

Dann geht es bald weiter mit dem neuen Eintrag, natürlich über den heißen summer on the floating island Büyükada, dieses Jahr mit einem wunderschönen kleinen Boot, über die Möwen und die Wellen, darüber, warum Männer kommen müssen, wenn eine Frau sie zu sich ruft, und sie es dennoch nicht tun, und das übliche rege Politgeschehen in der türkischen Hauptstadt Istanbul. Alles never ending stories… 

 

 

20.06.2008

Kurz vor dem Viertelfinale, auf Büyükada: Und danach!

von Dilek Zaptcioglu

Ein unglaubliches Spiel! Dramatischer geht es ja gar nicht.

Und: Die beste Schlagzeile, die man seit langem gelesen hat – in der taz:

Schon wieder ein türkisches Wunder

Ausgerechnet das drögeste Spiel geht in die erste EM-Verlängerung: In der 119. Minute schießt Klasnic die Führung. Doch Semih gleicht in der Nachspielzeit aus. Im Elfschießen zeigen die Kroaten Nerven.

Und:

Am Mittwoch Türkiye gegen Almanya – der Ernstfall! Die “Für-wen-bist-du-dann”-Frage!

Ich bin für Semih.

Davor hatte ich das geschrieben: 

Was soll ich noch sagen? Die Insel, auf der ich bin, schwimmt immer noch vor sich hin, vor der asiatischen Küste Istanbuls, wenn sie heute abend nicht untergeht, falls die türkische Nationalmannschaft ins Halbfinale kommt. Wenn (fast) alle Bewohner der Türkei aufspringen, könnte sogar die Erde aus ihrer Umlaufbahn kommen. Ich traue das den Zuschauern heute nacht zu. Das macht mich zugegebenermassen etwas bedächtig. Dennoch will ich als zweites zugeben, dass ich es den Jungs gönne, wenn sie tatsächlich die flinken Kroaten schlagen. Denn kein Deutschländer, der bis zu dem Bürgerkrieg in Jugoslawien je durch den Balkan ”nach Hause” fuhr, hat (leider) gute Erinnerungen an diese Mitbewerber.  

21.45 Uhr, abnehmender Vollmond, ich gehe in das Kaffeehaus im Hafen von Horoz Reis, da hängt ein altes Nordmende-Gerät gefährlich über den Köpfen der Canasta spielenden alten Hausfrauen und den Fischern, die jede Nacht das Lokal bevölkern.

Der Bildschirm sieht klein aus. Aber im Halbdunkel der Nacht, wenn alle gebannt darauf spannen, wächst er. Um mindestens dreissig Prozent, würde ich sagen. Plötzlich ist man fast im Stadion. Langsam beginnt das Spiel, und wenn nicht schon in den ersten fünf oder zehn Minuten ein Tor fällt, dann sitzt man da, wie eine grosse Familie, die sich nur mal so getroffen hat und nicht lange miteinander reden will, vor diesem Bildschirm. Geduldig. Gespannt. Abwartend.

Der Teemann kommt: Leise. Auch er schaut immer mal auf den Bildschirm, egal aus welchem Winkel man auch guckt, man sieht besser als im Stadion. Er verteilt die Gläser. Einer macht eine Zigarette an, der Andere streckt seine dazu, jemand ruft: Hadi ya! Wenn die Stille durchbrochen ist, gesellen sich andere Kurzkommentare dazu, man atmet aus, nimmt einen Schluck Tee, lächelt sich an, streckt seinen Arm zu einer schimpfenden oder lobenden Geste aus, sagt etwas zu Arda, Semih oder Nihat, mit jedem Vorstoss wird man ein Stück gespannter, nervöser, wartet endlich, nihayet, nihayet auf das erlösende Tor.

Ich freue mich auf dieses Spiel, “oyun”, egal wie es ausgeht. Es wird ein Erlebnis sein.  

 

 

29.05.2008

Istanbul ist ein Fest

von Dilek Zaptcioglu

Und endlich beginnen jetzt die Istanbuler Feste: Das große Internationale Musikfestival findet in diesem Jahr an außergewöhnlichen Plätzen mit ganz besonderen Musikern statt, das Jazz-Festival bringt u.a. Herbie Hancock und Al Jarreau nach Istanbul, das Theater-Festival läuft bereits (bis zum 4. Juni) und bietet sehr interessante Spiele.

Natürlich gehen wir hier in Istanbul nur zu wenigen Konzerten oder Spielen, aber daß es sie gibt – das ist Großstadt und ich freue mich, daß Istanbul jedes Jahr sein Programm noch ein bißchen mehr verbessert und echte Größen “an den Bosporus” holt – als eine bekennende Istanbulerin kann ich nur sagen: Der Sommer in Istanbul ist ein Fest auch ohne jedes Festival.

mekan_bulgarkilisesi.jpg

Die Bulgarische Kirche

Vom 6. bis zum 30. Juni ist das Musikfestival – hauptsächlich westliche Klassik: Eröffnet wird es mit der Wiener Kammerphilarmonie (Tchaikovski und Prokofiev) in der Hagia Irene. Das ist eine der ältesten byzantinischen Kirchen Istanbuls im Vorhof des Topkapi-Palastes. Sie ist nicht durchgängig geöffnet und wird nur den Festivals und der Biennale sowie privaten Veranstaltungen zur Verfügung gestellt.

Schön das Konzert des Ensembles Poetica Musica (“Zwei Amerikas”) in der restaurierten Bulgarischen Kirche am Goldenen Horn. Der Hof des Archäologischen Museums, der Topkapi-Palast selbst und das nach einer langen Restaurierung neu wiedereröffnete Süreyya-Kino – jetzt Oper – in Kadiköy sind weitere Schauplätze.

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Ich habe in Süreyya Sinemasi von 1927 viele Filme gesehen – jetzt eine Oper

Diese Konzerte, viele unter freiem Himmel, sind so phantastisch, daß man hofft, sie mögen nie enden! Es ist wirklich etwas ganz besonderes im Palast oder vor dem Portal des Archäologischen Museums ein Konzert zu besuchen. Entsprechend teuer sind die Karten – die Preise beginnen bei 20 bis 30 Euro. Vor den Konzerten gibt es meistens Umtrunk – Säfte, Wasser, Wein. Schick muß man nicht aber kann man sich machen.

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Das Portal des Archäologischen Museums in Sultanahmet

Das Jazzfestival bietet dieses Jahr echte internationale und einheimische Größen wie Herbie Hancock, Al Jarreau, Lenny Kravitz oder Carla Bley; Sibel Köse, Önder Focan, Sarp Maden Quartett oder Baki Duyarlar. Die Venues: Das Openair-Theater unterhalb von Taksim, die Hagia Irene, das Archäologische Museum, der CRR-Konzertsaal und das Openair, aber auch die wunderbare Esma Sultan Yalisi in Ortaköy direkt am Bosporus sowie die Kurucesme Arena, ebenfalls am Meer. Seperciler Kiosk in Eminönü und der Istinye Park als Festival-Areal zählen dazu.   

Das Jazzfestival dauert vom 2. bis zum 16. Juli.

Etwas ganz Besonderes ist die Caz Vapuru – Jazz-Fähre. Sie legt morgens um 11 in Kabatas ab, und fährt im Bosporus und zu den Prinzeninseln (wo ich hoffentlich ab Mitte Juni auch wieder bin!) Karten habe ich bis jetzt nur für ein Konzert von Al Jarreau mit Dianne Reeves (“Love Songs”) an meinem Geburtstag, den 16. Juli.

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Hier das Programm des Jazz-Festivals. 

  • HERBIE HANCOCK – THE RIVER OF POSSIBILITIES
  • HERBIE HANCOCK TRIO
  • AL JARREAU “LOVE SONGS”
    DIANNE REEVES
  • “SING THE TRUTH”
    THE NINA SIMONE TRIBUTE CONCERT WITH DEE DEE BRIDGEWATER, STACEY KENT, RAUL MIDÓN,
    SÄBEL KÖSE AND AL SCHACKMAN BAND
  • LENNY KRAVITZ “LOVE REVOLUTION TOUR”
  • CAETANO VELOSO “SOLO”
  • CARLA BLEY “THE LOST CHORDS FIND PAOLO FRESU”
    WITH ANDY SHEPPARD, STEVE SWALLOW,
    BILLY DRUMMOND FEAT. PAOLO FRESU
    MARE NOSTRUM: RICHARD GALLIANO, JAN LUNDGREN, PAOLO FRESU
  • YASMIN LEVY
  • FUNK ATEŞÄ
    MARCUS MILLER
    TOWER OF POWER
  • OMARA PORTUONDO “GRACIAS”
  • MAMBO MAMBO MAMBO!
    THE BIG 3 PALLADIUM ORCHESTRA WITH TITO RODRIGUEZ JR. AND MACHITO JR.
  • TAKSÄM TRIO FEAT. ZAKIR HUSSAIN
  • YENÄ OZANLAR
    RUFUS WAINWRIGHT
  • IVAN LINS SPECIAL PROJECT FEAT. NNENNA FREELON
  • MAFFY FALAY QUINTET
    “TÜRKÄYE-ÄSKANDÄNAVYA BULUŞMASI”
  • SABRÄ TULUÄ TIRPAN & WOLFGANG PUSCHNIG RHYTHM SECTION
  • OLIVER GRÖNEWALD & ÖNDER FOCAN GROUP
  • ALP ERSÖNMEZ TRIO FEAT. ALEXANDRE TASSEL
  • SÄBEL KÖSE & JEAN-LOUP LONGNON
  • BURAK BEDÄKYAN & KESTUTIS VAIGINIS
  • SARP MADEN QUARTET FEAT. STÉPHANE BELMONDO
  • ATAMAN-VLOEIMANS EXPERIENCE
  • BAKÄ DUYARLAR & STANISLAV MITROVIC
  • RAUL MIDÓN
  • CAZ KENTÄ
    COOLBONE
  • CAZ VAPURU
    COOLBONE
    ÄSTANBUL SAXOPHONE QUARTET
  • GENÇ CAZ
  •  

    11.05.2008

    Summertime – and the livin´ is easy…

    von Dilek Zaptcioglu

    …birds are singing and the weather is high!

    Genauso ist es heute in Istanbul: Vögel zwitschern vor meinem Fenster, es scheint eine helle aber unaufdringliche Sonne, die Straße ist ruhig, das andere Bosporusufer wegen der Windverhältnisse absolut nah. Wie zu Bayramtagen sieht man ab und zu Menschen in ihren Festtagskleidern mit Blumensträußen vorbeiziehen: Muttertag.

    Ich habe einmal gelesen, daß Griechen ihre Mutter jeden Abend anrufen, und gedacht: Das sagt doch alles über die türkisch-griechischen Beziehungen. Ähnlicher kann mann nicht sein. Gut für die Mutter, schlecht für uns.

    Der Muttertag sollte am Mittelmeer zum Mutter-Sohn-Tag umgetauft werden.  

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    Apropos das andere Bosporusufer. Wer wie ich gegenüber dem Amusierviertel Ortaköy wohnt, merkt den Sommeranfang vor allem an dem allabendlichen Feuerwerk. Im Mai wird hier in Istanbul geheiratet, und es gibt viele, viele kharunmäßig Reiche, die ihre Hochzeit in einem der gegenüber liegenden Hotels oder Schlösser feiern. Das bedeutet Feuerwerk, Feuerwerk jeden Abend. 

    Bis vor einigen Jahren rannten wir eifrig hoch auf die Terrasse, um zuzuschauen, wie die Sternchen überm Bosporus funkeln und aufblitzen. Jetzt hören wir die ersten Knallgeräusche und sagen gelangweilt: Da heiratet ja schon wieder jemand. Macht die Tür zu!

    Der Lärm hallt an den Hügeln der asiatischen Seite, in den geschlossenen Fenstern leuchtet es in verschiedenen Farben auf, Menschen hocken in dem kleinen Park am Meer auf den Bänken, essen Sonnenblumenkerne und sagen sich. Ja, da heiraten mal wieder viele diese Woche…sollen sie doch auf einem Kissen alt werden (Istanbul hat eine der höchsten Scheidungsraten Europas).

    Aber was zählt ist der Augenblick, in dem man das wünscht. Hier zählen immer die Wünsche, die Träume, die Deutungen, die Voraussagen, die vagen Zusammenhänge. Das konkrete Leben ist viel zu nackt, viel zu langweilig.

    Ob das, wie Camus sich an Algerien herantastete, mit der grellen Sonne zu tun hat? Es ist alles dermaßen grell beleuchtet und klar zu erkennen, daß die Menschen unbedingt nach “Schleier” und Schatten suchen, nach Grautönen, nach Verdunkelung. Das Zweideutige zählt, das Vage triumphiert. Wir wollen uns viel vorstellen können unter dem, was wir sehen. Nichts soll uns klar daherkommen wie die Mittagssonne, die uns ohnehin quält.

    Unter dem dunklen, alles in Grautöne tauchenden Himmel des Nordens muß der Mensch zwangsläufig immer auf der Suche nach Klarheit und allgemeingültigen Definitionen sein.

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    Noch ein Wort zum Muttertag – nein, ich kann das Thema nicht beenden, ohne es gesagt zu haben:

    Beendet den Krieg im Südosten und sorgt dafür, daß keine Söhne mehr sterben.

    Your daddy’s rich
    And your mamma’s good lookin’
    So hush little baby
    Don’t you cry

    08.05.2008

    Etwas Eigenwerbung

    von Dilek Zaptcioglu

    Ein Werk ist zumindest vollendet – mein MERIAN-Reiseführer “Istanbul” ist erschienen.

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    Natürlich ist das der beste und sachkundigste Reiseführer auf dem Markt!

    Leider gelingt es mir im Moment nicht, weitere Bilder (Merian Istanbul mit Autorin in Istanbul) zu uploaden, denn mein Notebook ist kaputt. Der Mauszeiger bleibt stehen, nichts geht mehr.  

    Zumindest geht es mit dem Blog weiter – jetzt kommt ja auch der Sommer.