14.03.2009 von Dilek Zaptcioglu
Die Zeitschrift der Türkischen Wissenschaftsinstitution, einer staatlichen Vereinigung mit dem Kürzel Tübitak, hat eine Chefredakteurin. Sie heisst Dr. Çigdem Atakuman. Diese entscheidet, zum Darwin-Jahr eine Titelgeschichte zu produzieren. 15 Seiten im März-Heft und der bärtige, gar nicht so unumstrittene Mann auf dem Cover. Der letzte Stand der Evolutionstheorie, verständlich nacherzählt.
Der Tübitak ist dem Ministerpräsidenten unterstellt und hat einen stellvertretenden Chef, der von der regierenden konservativ-islamischen Partei AKP ernannt wurde. Er sieht das gedruckte Heft und – läßt es nicht zu, daß der Darwin vom Cover monalisamäßig lächelt. Prompt wird die Ausgabe zurückgerufen, das Coverthema geändert – nunmehr die globale Erderwärmung – und die 15 Seiten Darwin im Heft fliegen ebenfalls heraus. Die Chefredakteurin wird entlassen bzw. versetzt.
Nachdem das vor zwei Tagen publik wird, kommt von Seiten der Leitung sofort ein Dementi: Nein, Darwin wurde nicht zensiert. Die Chefredakteurin hat nur ihre Befugnisse überschritten und obwohl vorher schon das Klimawandel-Thema festgelegt… weiter lesen
12.12.2008 von Dilek Zaptcioglu

Nach wie vor sind hunderte von Webseiten, darunter You Tube, von der Türkei aus nicht zugaenglich.
Türkische Hacker haben aber rechtzeitig zu Weihnachten eine jahrhundertealte Zensur beendet und das Deckenfresko von Michelangelo wieder freigelegt.
08.11.2008 von Dilek Zaptcioglu
…doch morgen schon ists herbstlich kalt,
Und nebelgrau die Flur, der Wald.
Die Blumen, sie entlauben sich,
Die Winde stürmen fürchterlich,
Und endlich flockt herab der Schnee,
Zu Eis erstarren Fluss und See.
Jetzt aber gibt es Winterspiele,
Vermummt erscheinen die Gefühle,
Ergeben sich dem Mummenschanz
Und dem berauschten Maskentanz.
(aus “An die Engel” von Heinrich Heine, Neue Melodien spiel ich, Insel Verlag 1997, S. 108)
03.11.2008 von Dilek Zaptcioglu
…und nicht in Istanbul, denn: Sie findet 60 km westlich der Stadt mitten im Nowhere statt. In einem Ort, der sich Beylikdüzü nennt und vor gar nicht langer Zeit aus Weideland bestand.
Ich und Can fahren einen weiten Weg nach Taksim, um von dort aus den Messebus zu nehmen, ein Shuttle-Service, der uns zu der alljährlichen Buchmesse bringen soll. Die Schlange ist sehr sehr lang und vor allem, sie bewegt sich nicht. Denn der Bus kommt nur einmal in der halben Stunde. Wir zahlen umgerechnet 20 Euro, um in ein Sammeltaxi einzusteigen, der fast eine Stunde unterwegs ist. “Ich werde insgesamt 120 km gefahren sein, wenn ich zurückkomme”, sagt der junge Fahrer und erzählt dem Typen, der sich vorne plaziert hat und intellektuell tut, eine haarsträubende Geschichte über eine Frau, die neulich vor seinen Augen überfahren wurde. Mit allen Details. Genüßlich. Woher das Auto kam, wie alt die Frau war, bis… weiter lesen
28.10.2008 von Dilek Zaptcioglu
Liebe Blogleser,
spreche ich Euch diesmal ausnahmsweise mal wie in einem Brief an. Lange habe ich nichts schreiben können, aber das Leben…geht jetzt weiter. Denn: Das Leben geht immer weiter! Und wie soll man wissen, daß das Erlebnis echt ist, wenn es nicht schwarz auf weiß niedergeschrieben steht?
Dabei gehört doch unser Blog zu den wirksamsten 10 Webpräsenzen “mit Migrantenbackground” in Germany. Unsere Meinung ist nicht unwichtig, wenn ich das richtig verstehe. Ich habe Euch sehr vermißt.
Gleich mache ich auf mit weiterer Eigenwerbung und einer netten Predigt – nein, einer echten Predigt von Pfarrer Stefan Mai, den ich von hier aus herzlich grüßen möchte. Denn er hat, wie ich erst heute gesehen habe, schon vor drei Jahren in seiner Predigt zur Erstkommunion der Kinder in einer Kirche in Süddeutschland aus meinem Vorwort zu der “Geschichte des Islam” gelesen. So fanden meine Istanbuler Erinnerungen Zugang zu Menschen, die auf einer Kirchenbank… weiter lesen
08.08.2008 von Dilek Zaptcioglu

Bozcaada oder Tenedos, wie sie früher hiess: Wunderschön! Ich möchte dort leben!
Endlich geht es ein wenig optimistischer weiter mit dem Leben: Trotz der heutigen Meldungen vom “Krieg im Kaukasus” herrscht Ruhe in der Türkei. Oder hängt das beides irgendwie miteinander zusammen? Bekanntlich schützt Paranoia nicht vor Verfolgung. “Kaukasus” und “Weltpolitik” hängen historisch und
öl- und grossmachtbedingt miteinander zusammen. Und paradoxerweise sind die Menschen des Kaukasus unter den Ärmsten der Welt.
Ich denke ja auf solche Meldungen sofort: Hängt das etwa mit dem drohenden Iran-Angriff der USA zusammen? Ob das überraschende Nichtverbotsurteil des türkischen Verfassungsgerichts auch auf irgendeine nicht geahnte Weise mit dem wenn-sie-ihn-lassen-möglichen Sieg Barack Obamas im November, und dem letzten geplanten evangelistischen Coup des George Bush gegen Iran (Hand in Hand mit Tel Aviv) zusammenhängen könnte? Das Öl fliesst in meinem Gehirn prompt zusammen.
Und da hocken sie gleichzeitig alle in Peking und schauen der Eröffnung der Olympiade zu. Wer das besser durchblickt, soll uns aufklären. Aber bitte ein… weiter lesen
14.07.2008 von Dilek Zaptcioglu

Liebe Blogleser, Freunde,
hiermit geht der istanbulblog in eine kurze Sommerpause.
Nur kurz, denn Anfang August wird das Urteil im Verbotsverfahren
gegen die regierende AKP erwartet.
Bis dahin gehe ich auf eine andere Insel, auf einen anderen Baum.
Und bleibe nur für meine Arbeitgeber erreichbar (der übliche Journalistenurlaub).
P.S.Leider ist der Blog im Moment unter einer heftigen Spam-Attacke.
Taeglich kommen Dutzende von Spams. Ich werde in den naechsten
also zwei Wochen nicht in der Lage sein, Kommentare zu sortieren
und warne Euch vor möglichen Problemen, um die Kommentarfunktion
nicht gaenzlich ausschalten zu müssen.
Grüsse
Dilek Zaptcioglu
29.06.2008 von Dilek Zaptcioglu
Istanbulblog schliesst hiermit sein zweites Jahr ab und schreitet in ein drittes. Dabei findet eine richtig radikale Umwälzung auf www.taz.de statt. Sogar ich habe Probleme, meinen Blog wiederzufinden.
Deshalb bin ich gespannt: Habt Ihr Probleme, zum Istanbublog zu gelangen? (komische Frage: wenn Ihr das liest, dann seid Ihr ja da, aber vielleicht doch über sieben Brücken gehend?)
Neues Lesezeichen: http://blogs.taz.de/istanbulblog/
Wie findet Ihr es, daß die Kommentare nicht automatisch unten angehängt sind?
Zu den Kommentaren gelangt Ihr, indem Ihr auf der obigen Seite blogs.taz.de/istanbulblog die Überschrift meines jeweiligen Blogartikels anklickt und dieser sich auf einer neuen Seite öffnet: Darunter ist die Kommentarschlange. Mit türkischen Buchstaben hat das System offenbar Probleme…
Dann geht es bald weiter mit dem neuen Eintrag, natürlich über den heißen summer on the floating island Büyükada, dieses Jahr mit einem wunderschönen kleinen Boot, über die Möwen und die Wellen, darüber, warum Männer kommen müssen, wenn eine Frau sie… weiter lesen
20.06.2008 von Dilek Zaptcioglu
Ein unglaubliches Spiel! Dramatischer geht es ja gar nicht.
Und: Die beste Schlagzeile, die man seit langem gelesen hat – in der taz:
Schon wieder ein türkisches Wunder
Ausgerechnet das drögeste Spiel geht in die erste EM-Verlängerung: In der 119. Minute schießt Klasnic die Führung. Doch Semih gleicht in der Nachspielzeit aus. Im Elfschießen zeigen die Kroaten Nerven.
Und:
Am Mittwoch Türkiye gegen Almanya – der Ernstfall! Die “Für-wen-bist-du-dann”-Frage!
Ich bin für Semih.
Davor hatte ich das geschrieben:
Was soll ich noch sagen? Die Insel, auf der ich bin, schwimmt immer noch vor sich hin, vor der asiatischen Küste Istanbuls, wenn sie heute abend nicht untergeht, falls die türkische Nationalmannschaft ins Halbfinale kommt. Wenn (fast) alle Bewohner der Türkei aufspringen, könnte sogar die Erde aus ihrer Umlaufbahn kommen. Ich traue das den Zuschauern heute nacht zu. Das macht mich zugegebenermassen etwas bedächtig. Dennoch will ich… weiter lesen
02.06.2008 von Dilek Zaptcioglu
Der türkische Außenminister Ali Babacan sagte vor ein paar Tagen in Brüssel, daß “nicht nur nichtmuslimische, sondern auch muslimische Bürger Probleme in der Türkei hätten. ihre Religion auszuüben”. Das sorgte natürlich für eine große Debatte im Land selbst.
Wie falsch verstandene “religiöse Praxis” aussehen könnte, demonstrierten kurz darauf ein paar Dutzend junge Bewohner der Kleinstandt Sapanca – immerhin weit westlich in der Türkei, im Süden Istanbuls. Hier gibt es einen schönen See, weshalb die Rudermannschaft der Universität Ankara kam umzu trainieren und sich hier auszuruhen, darunter drei Ruderer der türkischen Nationalmannschaft.

Der Streit brach wegen einer Kleinigkeit aus, die Parkgebühr des Mannschaftsbusses. Viel wichtiger sind jedoch die Schlachtrufe der erbosten Jugend gewesen, die mit Schlagstöcken und Steinen auf die Sportler losging: “Hier wird nicht in kurzen Shorts und engen Gummianzügen herumgelaufen, Ihr Gottlosen!” (Allahsizlar!)
Das Resultat: Mehrere Verletzte, drei von ihnen krankenhausreif geschlagen, die Ruderer kehren unter Schock nach Hause zurück… weiter lesen