Der vor mir liegende Tag (Teil I)

Ob ich was seh’, ob ich wen treff’
Der Tag liegt vor mir. Um zehn bin ich beim Sohn zum Frühstück eingeladen. Mütterzusammenführung, vermute ich. Vorher trinke ich in der Küche einen schnellen Kaffee mit M.; kurzer Austausch, was los war und was anliegt. M. muss an den Schreibtisch.
Das Frühstück ist nebenan. L. und Mutter entschuldigen sich nach einer Stunde, sie wollen noch spazieren gehen. Der Sohn erzählt noch ein bisschen weiter, will dann aufs Klo und andere Sachen machen. „Ich würde dich dann mal rauskomplimentieren.“ Komplimentieren heißt, den Gast so rausschieben, dass er, in dem Fall sie, das Gefühl behalten darf, selber gegangen zu sein. Ist aber irgendwie ne nette Vorstellung: Verbeugung, die Hand an der Klinke, herzliches Lächeln auf dem Gesicht – „Habe die Ehre. Küss die Hand. Meine Empfehlung. Beehren Sie uns bald wieder.“ Das Verfahren offen zu legen, ist Ausdruck von Vertrauen. Ich geh dann mal.

Früher Mittag. Ich schreibe ein paar Mails. Bei einigen zögere ich, bevor ich sie abschicke. Zu schroff? Zu unklar? Zu eilfertig? Egal. Weg damit. Eine kommt zurück. Mit dem Absender stimmt was nicht. Gelegenheit, den Inhalt zu überdenken.
Anruf bei K. Sie kommt heute nach Berlin zurück. Sitzt im Zug. Vielleicht vom Bahnhof abholen? „Ich bin mit meinem Bruder“. Na, dann nicht. Auch kein Vorschlag, sich später zu treffen. „Ich bin noch ganz schön angeschlagen“, sagt sie, aber ich habe schon verstanden. „Dann ruf mich doch wieder an“, sage ich liberal. Und dann noch mal nachdrücklich: „Du rufst dann an, ja?“ „Ja, Ende der Woche. Mal sehen.“
Mail an A. Er wollte noch eine Rechnung von mir haben. Die muss aber eigentlich quittiert werden. Dazu muss ich ihn treffen. Das könnte ich heute Nachmittag machen. Ich rufe ihn an. „Bist du nachher zuhause? Ich könnte kommen und die Rechnung unterschreiben.“ „Ach, das eilt ja nicht. Können wir irgendwann mal machen.“ Na gut, machen wir irgendwann mal.
Runde um M.’s Schreibtisch. „Na, langweilst du dich?“ fragt sie freundlich. „Jo“, sage ich wahrheitsgemäß und relativiere sofort „langweilen eigentlich nicht, ich bin irgendwie unterbestimmt in dem, was ich machen will“. Das klingt souveräner und nicht so klebrig. M. will abends mit mir essen gehen, aber jetzt will sie sich konzentrieren.
Anruf bei I. Die sollte ich wegen eines Beratungstermins für unsere Gruppe kontaktieren. Gelegenheit für einen Kontakt wäre jetzt. I.’s Mailbox nimmt meine fröhlich gezwitscherte Bitte um Rückruf entgegen.
Will C. vielleicht mit mir spazieren gehen? Im Prinzip ja. Aber erst will er noch bei sich aufräumen. Das will er immer. Daraus wird nichts. Vergisses.
Mit dem Fahrrad mal durch den Kiez fahren? Vielleicht seh’ ich was, vielleicht treff’ ich wen. Ich guck mir den Fortschritt der Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück an. Die Mauern stehen, mehr aber auch nicht. Ein weißer Kasten mit schwarzen Fensterhöhlen, zwischen Hinterhäuser und Hofmauern gequetscht. Das Bauschild ist groß und bunt. „Exklusive Stadtvillen in ruhiger Lage. Zehn Wohnungen, großzügige Dachterrassen.“ Aha, soso. Na gut, weiter.
Die Wrangelstraße runter. Am Sonntagmittag ist es dort nicht so krabbelig wie sonst. Taborstraße, die gebogene Brücke rüber zur Lohmühleninsel. Das war auch Grenzland früher, tote Winkel zwischen Mauern und Geländern. Hier bin ich mal in einem Anflug von Hitzigkeit mit dem Kollegen P. hinter einen Busch gesprungen. Das ist lange her. Da waren die großen Gewerbeblöcke drüben auf der Treptower Seite noch leer, übrig geblieben aus der Vorvergangenheit.
In der Zeit hatte ich eine Untersuchung für die IBA, die internationale Bauausstellung gemacht. Sie hieß „Kreuzberger Mischung“ und mündete in eine Ausstellung. Ich habe alle die kleinen Gewerbebetriebe aufgesucht, die es noch in den Kreuzberger Hinterhöfen gab, die irgendwas mit Textil zu tun hatten und die irgendwie zwischen den Wohnblocks und den bewohnten Fabriketagen erhalten geblieben waren. Ich war selbst erstaunt, was es da für Gewerbe gab. Eine Plissierwerkstatt zum Beispiel, die Stoffen eine Art Dauerwelle verpasst. Eine Sattlerei, die früher die BVG-Schaffnertaschen hergestellt hat. Eine Werkstatt, die Operationsfäden gemacht hat, die nicht etwa gesponnen sondern geknüpft werden. Oder Putzmacherinnen, die Hüte machen. Wer weiß noch, was Posamenten sind? Das sind Zierbänder, Schnüre, Bordüren, alles, was eine reine Ornamentfunktion auf Stoffen hat. Dafür gab es vor hundert Jahren etliche Manufakturen in den Kreuzberger Höfen. Als ich die Untersuchung machte, war keine mehr da, weil die reine Verzierung anscheinend aus der Mode gekommen ist. Inzwischen gibt es auch die anderen Betriebe nicht mehr.
Der Gewerbekomplex hinter der Lohmühleninsel ist aufwändig wieder hergerichtet. Das alte Mauerwerk, in das moderne, lichtgrau gerahmte Fenster unauffällig eingepasst sind, ist makellos herausgeputzt. Jugendstil-Elemente verzieren und konturieren die Fassade in grüner Farbe. Auch eine Art Posamenten, die wahrscheinlich der Denkmalsschutz bezahlt hat. Vor der Eingangstür sind auf einer schimmernden Wand aus gelochtem Aluminium Hinweisschilder zu den Betrieben angebracht.
Die Gewerke haben sich verändert. Da werden nicht mehr Bänder, Stoffe oder Hüte hergestellt, sondern Hilfe, Coaching und Beratung. Es gibt sechs therapeutische Praxen aller Art, von Verhaltenstherapie bis Hypnose, fünf Firmen für berufliche Rehabilitation oder Weiterbildung, zwei Architekturbüros, ein Reisebüro und zwei spirituelle Einrichtungen. Eine arbeitet mit Pflanzenkraft, die andere bietet Räume für Wandlungen an. Oder sind das keine Spiritualisten sondern Architekten mit einem speziellen Programm? Andererseits hat das Architekturbüro „forms“ auch Kommunikationsdesign im Angebot. Alle scheinen mehr oder weniger Software-Betriebe zu sein, deren Produkte nicht in Anfassbarem sondern in der mentalen Repräsentation von Produkten bestehen. Sie stellen Sichtweisen, Auffassungen, Fertigkeiten her.
Am anderen Tag, als ich noch einmal zurück komme, um Fotos vom Gebäude und von den Schildern zu machen, steht eine Gruppe von rauchenden Pause-machenden vor der Tür. ExpertInnen aus einem Psycho-Kolloquium des Therapiezentrums, Weiterzubildende oder zu Rehabilitierende? Ich versuche zu taxieren, ohne sie anzustarren. Dabei bemerke ich, dass auch sie beiläufig herauszufinden versuchen, was ich da eigentlich fotografiere.
Am Sonntag hatte ich keinen Fotoapparat dabei. Da wusste auch noch nicht, dass ich einen brauche, und bin einfach so herum gefahren. Die Erinnerung unterscheidet und fügt zusammen, die Gegenwart ist Kontinuum und Zufälligkeit.
Wahlzeit. Es gibt eine innige Beziehung zwischen Wahlen und Straßenlaternen. Überall an den Laternenpfählen hängen Wahlplakate mit Köpfen, die alle ein bisschen rotstichig sind, als wären die Personen, die sich da zur Wahl stellen, ins Fotostudio gerannt. Oben hängt die NPD, damit man nicht rankommt, um zu übermalen oder abzureißen. Ganz unten, unter den Grünen und der SPD ist ein Bild von Marx und Lenin, als ob die sich für die MLPD zur Wahl stellen. Die haben anscheinend nicht mal mehr Feinde.
Jeder Laternenmast stellt eine Koalition dar. Ein Stück weiter hängt eine andere Mischung. Wer hier für die MLPD wirbt, kann ich nicht erkennen. Ein schwarz glänzender Kastenwagen ist davor geparkt. Auf der Seite steht ein in sich verschlungener Schriftzug „Flammenrausch“. Wie, Flammenrausch? Ich bin neugierig geworden und vergesse die Wahlplakate. Auf der anderen Seite steht dasselbe. Nur „Flammenrausch“, posamentenmäßig geschrieben, sonst nichts. Was für ein Gewerbe könnte das sein? Kaminbauer? Krematoriumsbetreiber? Feuerschlucker?
Die Straße heißt jetzt Kynaststraße. Mir fällt ein, dass ich übernommen habe, Verbindung mit dem Wagendorf Schwarzer Kanal aufzunehmen. Das liegt irgendwo an der Kynaststraße. P. war auf einem Treffen mit der PaG gewesen und hat sich dann nicht wieder gemeldet. Wir wollten den Kontakt nicht abreißen lassen. Und ich könnte den Platz suchen und dort mal nach ihr fragen. Oder nach ihm fragen. Der Schwarze Kanal ist queer und P.’s Geschlecht ist mir nicht klar.
Ich fahre auf dem Fahrradweg. Die Gegend wird vorort-mäßig. Eine Mischung aus Gewerbeflächen und Brachen. Man spürt das ehemalige Grenzgebiet. Nach einer Unterführung kommt mir eine Person auf dem Fußweg entgegen geradelt. Ich denke fast, dass es P. ist. Ich rufe seinen Namen. Er bremst und schaut sich nach mir um. Ja, es ist P. Er sieht mir jetzt doch wieder mehr wie eine Sie aus. „Hallo! Kannst du dich noch an mich erinnern? Wir haben mal am Stammtisch im Café V miteinander geredet.“ „Ach, hallo! Ja – ach, ich hab ein schlechtes Gewissen, hab’s immer noch nicht geschafft, meine Mails zu beantworten.“ Und so weiter. P. bleibt in Fluchthaltung, mit einem Fuß auf der Pedale; sie ist auf das Zusammentreffen nicht vorbereitet. Ich ja eigentlich auch nicht. Nein, sagt sie, die anderen fanden die Idee, mit der PaG zusammenzuarbeiten, doch nicht so toll. Sie wollen das Gelände jetzt sowieso nicht kaufen. Sie oder er muss weiter, zum Waschsalon, ist schon spät dran. Aber ich könnte mir gerne den Wagenplatz mal ansehen. Ich könnte ja sagen, dass ich ihn kenne. Weil, manchmal sind den Bewohner_innen die Touris zu viel.
Als P. weiter gefahren ist, bleibt mein Blick auf der Plakatwand hängen, vor der er gestanden hat. „Sicher grillen ohne Spiritus“ steht darauf. Dazu ein munteres Kind, das auf einem Dreirad sitzt, der Betrachterin zugewandt, und sich dabei halb über die Schulter schaut. Von einem Grill im Hintergrund hat sich ein riesiger Feuerarm, wie ein Hui-buh-Nachtgespenst, aber in bunt, ausgestreckt und langt von hinten nach dem Kind. Es sieht aus, als wenn er das Kind kitzelt und es dabei zum Kichern bringt. Es kann vor Vergnügen gar nicht weiterfahren. Ob das der Flammenrausch ist?
Die Wagen auf dem Schwarzen Kanal stehen unter Bäumen verstreut. Es ist kaum jemand zu sehen. Ich fühle mich unbehaglich, möchte nicht angesprochen werden und mich erklären müssen. Also laufe ich nur schnell eine Runde zwischen den durchlässigen Stellplätzen mit dieser spezifisch uneindeutigen Privatheit, überquere den Platz mit dem Veranstaltungszelt, auf dem noch Stapel mit Bierkästen vom Konzert am letzten Samstag stehen. Am Ausgang neben dem Maschenzaun ist eine weiße Wolljacke in den Schmutz getreten. Wo der schmale Weg zwischen den Bäumen auf die Straße mündet, steht eine Roma-Familie und diskutiert etwas. Ich warte mit dem Fahrrad, bis sie mich bemerken und mir Platz machen.
Die Heidelberger Straße führt zurück in den Neuköllner Kiez. Hier wohnt S., die ich neulich mal besucht habe. Wir haben auf einem dunklen eingemauerten Balkon im ersten Stock gesessen, zwischen lauter Kräutertöpfen und halb vertrockneten Balkonblumen. Ich lasse den Blick im Vorbeifahren über die Fassaden gleiten, könnte ja sein, dass ich sie zufällig sehe. Dann könnte ich Hallo sagen. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, welches Haus es war. Neben einem Toreingang, der mir bekannt vorkommt, sehe ich eine metallene Schrifttafel. Ich halte, um zu lesen, ein bisschen mit einem flauen Gefühl; vielleicht ist das doch das Haus von S. Sie kommt plötzlich raus, und ich stehe da vor den Klingeln. Aber das Klingelbrett ist auf der anderen Seite.
Die Mauer ist genau vor den Häusern der Heidelberger Straße gebaut worden. Jetzt fällt mir auch die doppelte Reihe von Pflastersteinen im Asphalt auf. Die Tafel erinnert an Heinz Jercha, der 1962 vom Keller dieses Hauses aus einen Fluchttunnel unter der Mauer durch bis zum Keller auf der anderen Straßenseite gegraben und 50 Menschen zur Flucht verholfen hat. Die zweite Gruppe, die durch den Tunnel flüchten wollte, ist verraten und entdeckt worden, und Heinz Jercha dabei angeschossen und später gestorben. Ich bin mir nicht sicher: Ist das moralisch so eindeutig, dass das ein Verbrechen ist, Menschen, die eine Staatsgrenze überschreiten wollen, daran zu hindern? Immerhin waren es, aus Kriegsschuld, zwei Staaten, die definitiv in andere Richtungen wollten. Andererseits war Berlin zwar in Zonen geteilt, aber eigentlich weiter eine Stadt. Man kann doch nicht plötzlich zwei Straßenhälften voneinander trennen. Ich neige dazu, das mit dem Tunnel doch richtig zu finden, schon wegen dem freien Fluten, Grenzschutz hin, kapitalistische Verlockung her. Also tue ich das, was mir nahe gelegt wird, denke an den tapferen und uneigennützigen Heinz Jercha und steige wieder aufs Rad.

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