Let it go (39)

Jetzt fehlt mir die Tinte (s. 38). Ich hab noch keine neue Patrone. Ich vergesse es auch immer wieder, weil das Meiste sowieso im elektronischen Zustand bleibt. Pdf‘s verschicken und verschieben. Das Schwarze der Schrift, die ich hier schreibe und die du liest, ist das Nichtvorhandene, die Auslassung in der aktiven Weißfärbung des Bildschirms, eine Lochstanze also. Das Nichtvorhandene kann man in großen Mengen sammeln, die elektronischen Muster dafür lassen sich unvorstellbar komprimieren. Mit bedrucktem Papier ist das anders. Es lastet schwer.

Das Verabschieden der Gegenstände ist ins Stocken geraten. Eine andere Wohnung wurde entrümpelt; es gab nicht die Muße, die Dinge einzeln zu verabschieden. Reisen, Referate, Garten und Besuche – na egal.

Das große, weiter vor mir liegende Problem sind die Bücher. Nehmen wir zum Beispiel die Kochbücher. Ein Regal voll gibt es – Salate knackig frisch, Suppen im Großformat, vegan kochen leicht gemacht, die besten indischen Rezepte. Kochen im Römertopf, Kochen im Schnellkochtopf, kochen mit Barbara Rüttig undsoweiter und so fort. Man findet das alles im Internet, aber wie lange noch ungehindert, das ist die Frage. Könnte es sein, dass die Informationsquelle Internet irgendwann entzogen wird, per Bezahlzwang, per Dekret oder weil sowieso alles zusammenbricht? Und soll ich mich darauf einrichten? Für die nachfolgenden Generationen etwa vorsorgen?

Zwei dicke, blau eingebundene Bücher machen sich in der Reihe breit. Die hab ich ausgeguckt, denn sie haben eine besondere Geschichte (kill your darling!).

Eugenie Erleweins Doppelwerk zur Küchen- und Haushaltsführung begleitet mich ein Leben lang. Es stammt von 1956 und kam ungefähr 1962 in unseren Haushalt. Meine Mutter hatte einen schweren Streit mit meinem Vater, der Streit war vorbei, aber meine Mutter war noch nicht abgekühlt, empörte Tränen, Rachegedanken, Erschöpfung. Da klingelte es. Meine Mutter öffnete im Bademantel. Vor der Tür stand eine etwa gleichaltrige Frau und pries ein bahnbrechendes Werk zur idealen Haushaltsführung an. Meine Mutter, die sonst Hausierer freundlich, aber bestimmt an der Tür abwimmelte, hatte keine Widerstandskraft mehr und unterschrieb den Ratenzahlungskauf für das Werk zu einer horrenden Summe. Das Geld musste vom monatlichen Haushaltsgeld abgezweigt werden, das ihr von meinem Vater zugeteilt wurde. So war das damals.

Meine Mutter hat die beiden Bände kaum angesehen. Das Buch zur Haushaltsführung, also wie man einen Säugling wickelt, wir man welche Flecken rauskriegt und wie man bzw. frau Hausarbeiten wir gymnastische Übungen ausführt, das war auch wirklich für sie uninteressant. Aber auch die umfangreiche Rezeptesammlung plus Kniffs, wie man den versalzenen Braten rettet, hat sie nicht interessiert. Sie hat weiter das von ihrer Mutter geerbte, zerfledderte „Kochbuch für die bürgerlich-feine Küche“ benutzt.

Ich dagegen habe es geliebt, in den beiden Büchern die geheimnisvollen Verpflichtungen einer Hausfrau zu erkunden. Vor allem die Abbildungen, zum Beispiel wie ein schön gedeckter Tisch zur Kindtaufe aussehen sollte oder wie man Schnittchen für den Skatabend der Herren so gestaltet, dass sie wie Spielkarten aussehen.

Und die tollen Gerichte. Charlotte Russe, das sah großartig aus, das wollte ich auch mal machen. Man brauchte Löffelbisquit und eine Puddingfüllung aus so viel Eiern, wie die ganze Familie sonst in der Woche verzehrte. Sie haben es mich machen lassen, und die Familie hat nachsichtig die Pampe weggelöffelt und jahrelang darüber Witze gemacht.

Auch wie man Hasen aus dem Fell kriegt, stand in dem Buch, oder wie man einen frischen Fisch erkennt. Ein Wegweiser in eine Welt, wo sowas wichtig ist.

Meine Mutter hat mir das Werk mit auf den Weg gegeben, sobald ich einen ersten Freund hatte, mit dem ich zusammen gezogen bin und den meine Eltern dann aus Verlegenheit als eine Art Ehemann angesehen haben.

Irgendwie habe ich die Bilder und die immer absurder erscheinenden Tipps für die Hausfrau weiter geliebt und die beiden dicken Schwarten bei allen Umzügen immer wieder mit eingepackt.

Nun ist mal gut. M., ein Connaisseur und Sammler schöner Dinge, kam zu Besuch. Ich hab ihm das Werk aufgeschwatzt. Er meinte, er nimmt es mal zur Ansicht mit. Bis heute hat er es nicht zurück gebracht.

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