Let her go

Nun ist Ottilie Harms, meine Mutter, gestorben.

Am Montag hat sie das letzte Mal geatmet, am Dienstag bin ich hingefahren, am Mittwoch haben wir ihr Zimmer im Pflegeheim ausgeräumt und am Dienstag darauf haben wir sie zu Grabe getragen.

Sie hat uns eine Geschichte hinterlassen, die ich zwischen ihren Briefen gefunden habe. Hier ist sie.

„Lichtblicke

Es gibt Zeiten im Leben, da ist man allein. Allein mit seinen Ängsten, dem Nicht-Verstandensein, dem Ärger und Groll, einer Krankheit oder Behinderung, dem Verlust eines geliebten Menschen, dem Altern, der Einsamkeit und der Schwäche, das Tief der Empfindungen zu überwinden. Gäbe es doch einen Lichtblick!

Ich war in einer solchen Situation. Um der häuslichen Enge zu entfliehen, machte ich an einem Sommerabend einen Spaziergang durch die ländliche Umgebung – gedankenverloren.

Aus einiger Entfernung sah ich einen Mann forschen Schrittes mir entgegen kommen. Als wir auf gleicher Höhe waren, sah ich auf. Er sah mich an und lächelte – und ich lächelte zurück.

Jeder ging seines Weges weiter. Aber dieses Lächeln machte mit einem Male die Welt freundlich und hell. Ich nahm den Abendfrieden in mich auf, bei einem sanften Wind, der mir Blütenduft und den würzigen Geruch von reifendem Korn zutrug. Wie von einer Last befreit konnte ich tief durchatmen.

Seit diesem Erlebnis sah ich Entgegenkommende aufmerksamer an. Nachbarn mit ihrer großen Retriever -Hündin standen vor der Tür, um mit ihr noch einen Gang zu machen. Wir sprachen ein paar Worte miteinander. Da spürte ich, wie die weiche Hundeschnauze ganz leicht an meinen Fuß stupste, wie um zu sagen: „Du, wir kennen uns doch.“ Niemand hatte das bemerkt. Sie sah mich an. Ich nahm ihren Kopf in meine Hände, streichelte ihn und war fast zu Tränen gerührt. Der zweite Lichtblick an diesem Abend. Es war nicht zu fassen!

Zu Hause schaltete ich den Fernseher an, um nicht wieder auf trübe Gedanken zu kommen, und hatte Glück. Eine interessante Diskussion über ein aktuelles Thema war bei „Hart aber fair“ im Gange. Ich konnte mitdenken und sogar eigene Gedanken zu dem Thema entwickeln, die mich noch an den nächsten Tagen beschäftigten und mir Gesprächsstoff lieferten für meinen nächsten Besucher.

Ein netter Gast oder ein Besuch bei netten Leuten können wichtige Lichtblicke sein. Man ist nicht mehr allein, kann sprechen und erfährt oft, dass auch andere ihre Probleme haben und wie sie damit fertig werden.

Dabei erkannte ich plötzlich – und auch das war ein Lichtblick – dass kleine Aufmerksamkeiten von mir oder die Bereitschaft zuzuhören von anderen gern angenommen werden. Ich war also noch zu etwas nütze. Das gab mir Auftrieb und Mut, aktiver zu werden. Und gelungene Aktivität auf ganz persönlicher Ebene richtet das verloren gegangene Selbstbewusstsein wieder auf. Aber es tut gut, wenn ein anderer es erkennt und es einem auch sagt.

An den Abenden gehe ich weiterhin meine Runde und wünsche mir insgeheim, dass ich Nachbarn treffe, die auch ihren Rundgang machen oder ihren Hund ausführen und wir ein paar Worte miteinander reden. Wer begegnet mir im Hohlweg? Bringe ich es fertig, jetzt als Erste zu lächeln? Das ist gar nicht so leicht, wenn man das als Frau sonst nicht getan hat. Aber es war für mich ein so positives Erlebnis, dass ich es versuchen möchte.

Es ist der Mann von neulich, der mir begegnet, und ich lächele. Und er lächelt auch. Wir grüßen uns, bleiben stehen, wechseln ein paar Worte über woher und wohin und stellen fest, dass wir auch ein Stück gemeinsam gehen könnten. Es wurde noch ein schöner Abendspaziergang mit dem Kennenlernen eines interessanten, liebenswerten Menschen.

Ottilie Harms, 17. Juli 2006“

 

Heute morgen bin ich meine übliche Strecke über die Felder gelaufen. Aus dem Frühnebel taucht ein Treckerzug auf und kommt mir entgegen. Ich weiche auf die Grasnarbe aus und schaue zum Fahrer des Treckers auf. Es ist Matthias S., der junge Landwirt aus Reichenow, der vor kurzem den Hof seiner Eltern übernommen hat. Er will die Dinge anders machen, hat aber zu kämpfen, um den Betrieb überhaupt erhalten zu können. Die großen Agrarbetriebe kaufen ihm die Flächen weg. Wir würden ihn gern unterstützen und er weiß das.

Matthias erkennt mich und er lächelt – ein strahlendes Lächeln, das sich über das ganze Gesicht ausbreitet, hell und freudig, selbstvergessen und vorbehaltlos. Ich lächle auch und winke, er winkt zurück, und dann sind wir aneinander vorbei. Ich laufe weiter und sehe, wie sich der helle Rand der Sonne im milchigen Morgennebel abzeichnet. Und da endlich kann ich um meine Mutter weinen.

 

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