Let it go – don’t let it come!

Neulich fragte mich ein entfernter Verwandter, ob vielleicht mein Mann gestorben wäre oder ob ich umziehen müsste. Er war auf meinen blog gestoßen, let it go, durchnumeriert. Warum ich sonst so viele Sachen aussortiere und wegwerfe. Wenn man die Einträge durchblättert, kann man wirklich den Eindruck bekommen, dass es in meiner Wohnung immer leerer wird. Das sieht für mich bisher nicht so aus. Und dafür gibt es zwei Gründe.

Es ist alles sehr dicht gepackt; ich habe mich immer wieder damit beschäftigt, die ausgeklügelten Ordnungssysteme noch weiter auszuklügeln, Sorten zu bilden, die Verpackungssysteme maßzuschneidern. Der andere Grund ist, dass trotz oder entgegen den feierlichen Verabschiedungen immer wieder Dinge den Weg in meine Wohnung finden. Ich habe also mit dem blog großmäulig eine Einbahnstraße beschildert, die ich unerwähnt auch in der anderen Richtung benutze. Die Dinge kommen aus Verschenkeregalen (free boxes), über den Gebrauchtwarenmarkt (ebay-kleinanzeigen) oder ganz klassisch vom Straßenrand.

Das Thema des glücklichen Findens habe ich ausgiebig behandelt, in einem Film und bei anderen Gelegenheiten, autotherapeutisch sozusagen. Leider ohne bleibenden Erfolg. Noch immer kann ich die Augen nicht vom Sperrmüll wenden. Noch immer probiere ich die Hosen an, die andere abgelegt haben. Ich kann so schwer dem Impuls zum Zugreifen und Aneignen des Verworfenen widerstehen. Zweierlei treibt mich darin an. Der Kitzel des kleinen Vorteils; ich kriege etwas umsonst, für das andere bezahlen müssen – Geld gespart! Und ein alberner Stolz; ich habe etwas gerettet, das schon der finalen Entropie überantwortet war. Meine Aufmerksamkeit, meine Entscheidung und mein Eingreifen bringen das Stück Müll in das Sein zurück!

Letzte Woche habe ich diese schöne Bank am Straßenrand gesehen. Sie war Teil eines Sperrmüllhaufens. Eine reizende, zweisitzige, korb-geflochtene Bank, die ich mir sofort in einem hübschen, lichtdurchfluteten Wintergarten vorgestellt habe. Jane-Austin-Damen sitzen auf ihr, anmutig und doch selbstbewusst, und halten ihre Teegläser. Wahrscheinlich ist etwas daran kaputt, aber das kann doch nicht sein, dass man das nicht reparieren kann! Angehalten, kurzes Checken, ins Auto gestopft und zuhause in die Werkstatt geschoben. Das Flechtwerk ist in Ordnung, wenn auch etwas spröde und grau geworden. Drei der sechs Bambusstangen auf der Unterseite, die die Sitzfläche stützen, sind ausgebrochen. Aha, darum! Die waren tatsächlich nur mit einem Nagel befestigt. Das kann man doch verschrauben.

Es ist dann doch nicht so einfach. Ich muss das Gestänge erstmal wieder zusammen zwingen, bevor ich da schrauben kann. Die langen Schraubzwingen rutschen ab. Es müssen Hilfskonstruktionen gebaut werden. Die alten Nägel wollen auch nicht raus. Schließlich finde ich einen Dreh; Thomas muss mit festhalten, drücken und schieben.

Wohin nun mit der Bank? Einen hübschen, lichtdurchfluteten Wintergarten habe ich nicht. Innen und außen ist alles durchmöbliert. Ich biete die Bank dem Sohn für seine Küche an; ich stelle mir schon vor, wie ich sie schön herrichte, mit dunkelgrüner Beize vielleicht. Und ein Sitzkissen nähen; wo habe ich noch so dünnen Schaumstoff in der Größe der Sitzfläche?

Der Sohn sagt: Ja, vielleicht, schick mal ein Foto! Ich schicke ein Foto. Er meldet sich einen Tag später; sie haben das diskutiert und wollen sie doch nicht. Aber danke trotzdem für das Angebot.

Als nächstes versuche ich, O. zu beglücken. Sie hat ein Haus mit großem Garten, das von vielen gemeinsam genutzt wird. Möbel sind willkommen. Ich habe schon einen anderen Korbstuhl dort untergebracht, die Bank würde dazu passen. Als O. das nächste Mal kommt, kündige ich ihr strahlend ein Geschenk an. Ich führe sie in die Werkstatt, zeige ihr die reizende Bank. Sie reagiert mit etwas forciert wirkender Begeisterung. Ja, könnte man in den Garten stellen. Sie setzt sich probeweise. Ja, bequem! Nicht schlecht! Ich setze mich dazu. Und sacke ein. Das Bambusrohr-Gestänge unter der Sitzfläche ist wieder ausgebrochen. Na klar, wie soll so ein Schräubchen das auch halten, wie hat der bloße Nagel das vorher gehalten? Wir sind halt keine Jane-Austin-Damen mit Teetässchen, wir sind zwei kompakte, gewichtige Frauen. Wir wissen, was wir können, aber wir erkennen auch unsere Grenzen. Diese Bank ist nicht mehr zu gebrauchen, jedenfalls nicht für uns, jedenfalls nicht von uns. Wir lassen sie in der Werkstatt stehen und gehen in die Küche, einen soliden Milchkaffee trinken.

Wohin nun mit der reizenden Bank?

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