http://blogs.taz.de/jottwehdeh/files/2018/01/20171116_Sammlerstücke_cc0.png

vonImma Luise Harms 19.12.2017

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

Mehr über diesen Blog

Wir haben Weihnachtslieder gesungen, Ich sing lieber nicht mit, vom Jesulein und den Engelein (vom Himmel hoch, da komm ich her) und von der Erlösung aus der Krippe (ich steh an deiner Krippen hier). Der mystische Schmus, der mir mit meiner zurückgelassenen protestantischen Sozialisation wie ein erzwungenes Bekenntnis erscheint, kommt mir immer noch schwer über die Lippen. Aber die Melodien sind verführerisch, und ich mach gerne Musik (nun singet und seid froh). Zum Glück gibt es Instrumente (bringt Flöten, Harfen, Geigen mit). Harfe oder Gitarre sind Begleitinstrumente, es muss jemand dazu singen, womöglich man selbst.
Die Flöte hat den großen Vorteil, dass sie den Mund verschließt. Ich hab ein Programm im Internet gefunden, mit dem ich aus Akkorden schöne Tongirlanden basteln kann, die sich als Zweitstimmen gefällig um die bekannten Melodien winden. Ich tippe Noten und spiele sie auf der Querflöte nach. Unausgesprochen berauschende Weihnachtssüße, aber die Wörter klingen wie ein Echo im Kopf mit (tönt es laut von fern und nah).

Man entkommt Weihnachten nicht, das wissen wir alle (es ist für uns eine Zeit angekommen). Das leer Gelassene dröhnt umso lauter. Aber das wollte ich gar nicht schreiben, sondern was ganz anderes zur Musik. Zu Tonträgern, die die Musik bewahren oder bewahrt haben, bevor das Internet der alles sammelnde und alles verdrängende Bewahrer wurde.

Bis zum letzten Jahr hatte ich Musik in acht verschiedenen Speicherformen: Auf Schallplatten, auf Tonbändern, auf DAT-Bändern, auf Kassetten, auf CDs, auf der Festplatte, in Notenform und – etwas unsortiert – in meinem Kopf. Die Tonbänder, ein ganzes Regal voll, habe ich abgeschafft, beim Verkauf der alten Bandmaschine mit dreingegeben. Zwei Kisten mit 500 DAT-Cassetten hat jetzt ein Kleinanzeigen-Kontakt mit dem Kürzel minoer 334. Eine weitere Kiste mit DAT-Bändern und dem DAT-Recorder ist irgendwo hinten auf dem Hängeboden, bis eine kommende Aufräumwelle ihn wieder erfassen wird. Anderthalb Meter Schallplatten stehen noch im Regal. Darüber nochmal die gleiche Menge CDs. Aber die Kassetten aus drei Schubfächern habe ich nach Zögern und Zaudern in eine große Tüte geschichtet und zum Müll gebracht.

Die so genannten Kompaktkassetten waren Gegenstand von Tauschen und Schenken. Man gestaltete die Hüllen, die die liebevoll oder beziehungsreich zusammen gestellte Musikfolgen enthielten. Man nahm vom Radio oder von Schallplatten auf, man überspielte von Überspieltem, bis nur noch ein Krächzen übrig war. C. gab mir eine Kassette auf eine lange Reise mit: Sie enthielt eine extra für mich kompilierte Liedfolge, und das Cover trug den Titel „forever young“. Ich selbst habe mal Songs zusammengestellt, die mich trösten sollten, und habe zwei Herzen mit einer Kalaschnikow darüber auf die Hülle gemalt, so ein bisschen RAF-mäßig. Ach ja. Und solche Kassetten stecken in dieser Tüte.

Aber was soll das Aufbewahren? Ich höre es doch nicht mehr. Und alle Songs, an die ich mich in romantischen Stimmungen erinnere, kriege ich bei Youtube. Schneller und besser. Jedenfalls wenn mir der Titel einfällt. Und wenn mir der Titel nicht einfällt, dann gibt es wahrscheinlich ein Programm, dem ich die Melodie vorsinge, und es sucht mir das Stück Erinnerung raus.

 

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2017/12/19/let-it-got-45/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.