vonImma Luise Harms 03.03.2018

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Immer diese Angst, den Bus zu verpassen. 16:23 soll er kommen. 500 Meter bis zur Haltestelle, höchstens. Um viertel nach vier werde ich unruhig. Thomas bringt mich auf seinem Weg zum Acker. Der Bus kommt pünktlich; ich steige ein, noch bevor er im Dorf die Wendeschleife fährt. Ich bin also schon drin, als er an der Haltestelle Richtung Strausberg vorbeifährt. 5,60 bis Berlin ABC. Außer mir erkenne ich zwei einsame Mützen über den Lehnen vor mir. Es ist kalt draußen, sehr kalt. Da möchte ich nicht gerne auf dem zugigen Bahnhof Strausberg Nord stehen. Ich frage den Busfahrer, ob ich die S-Bahn auch kriege, wenn ich bis Strausberg Bahnhof mitfahre. „Jeht ooch“, ist die nicht unfreundliche Antwort, „könnense machen wiese wolln“.

In Strausberg Nord ist es schon zwanzig vor fünf; ich hätte also noch fünf Minuten zu warten, bis die S-Bahn einfährt. Kommt mir doch besser vor; wer weiß, was dem Bus auf der Fahrt durchs lange Strausberg noch zustoßen kann. Wenn ich die S-Bahn verpasse, komme ich nicht rechtzeitig zu dem Treffen in der taz um sechs Uhr. Ein Jubiläumsband zu 40 Jahren taz wird vorbereitet. Darin soll ich irgendeine Rolle übernehmen; es ist wichtig für mich zu wissen, wie das Konzept gedacht ist. Also lieber die sichere Nummer: ich steige aus. Der Busfahrer ruft mir hinterher, jetzt schon weniger freundlich: „Wat, jetzt wollnse doch hier raus?“ Ich murmele eine Erklärung und biege um den ehemaligen Bahnhof, in dem jetzt ein Restaurant ist, zu den Gleisen. Dort stehen schon frierende Leute. Auf der Anzeigetafel steht: „Zugverkehr zwischen Warschauer Straße und Alexanderplatz unterbrochen“. Nein, nicht schon wieder! Das war doch letzte Woche schon, dass ich irgendwo festgehangen habe! Darauf hin habe ich mir gemerkt, ich kann von Lichtenberg auch mit der U-Bahn weiterfahren, oder von Ostkreuz mit der Ringbahn.
Aber dann teilt eine Stimme aus den Lausprechern mit, dass der S-Bahnverkehr sich auch hier verzögert, vielleicht eine halbe Stunde oder mehr. Die frierenden Menschen sehen sich hilfesuchend gegenseitig an, und nehmen sich wahrscheinlich dabei das erste Mal als Mitreisende wahr. Die Frauenstimme aus dem Lautsprecher hat auch empfohlen, alternative Verkehrsmittel zu benutzen. Hier in Strausberg Nord? Da gibt es doch gar keine Alternativen!  Die Menschen holen ihre Smartphones heraus, planen, jetzt wieder jeder für sich, irgendwelche Auswege. Ich renne um das Bahnhofsgebäude herum; zu spät, der Bus ist schon weitergefahren.

Ich bin ein bisschen verzweifelt; so erreiche ich das Treffen in der taz auf keinen Fall rechtzeitig. Ich rufe Thomas an, aber was soll der machen, außer mir Mut zuzusprechen? Er muss gleich woanders hin, könnte mich nicht mal abholen.
Wenn ich irgendwie anders nach Strausberg Bahnhof käme; dort hält der Regionalexpress von Kostzcyn nach Lichtenberg. Ich renne über die Straße und halte den Daumen raus. Während ich den frierenden Daumen tapfer den vorbeifahrenden Autos entgegenstrecke, kommt ein anderer Bus vom Bahnhofsparkplatz; er fährt in meine Richtung. Es gab also doch Alternativen, aber zu spät jetzt!

Das zwanzigste Auto nimmt mich mit. Eine Frau, die nach Eggersdorf will, sitzt am Steuer, neben ihr ein schweigsamer Mann, der sicher nicht gehalten hätte. Ich bin glücklich, erkläre, dass der S-Bahn-Verkehr unterbrochen ist, dass ich vielleicht die Chance habe, den Regionalexpress um kurz nach fünf zu erwischen. Die Frau macht sich das Problem sportlich zu eigen: „Das schaffen wir, ich bring Sie hin, ich fahr ne Abkürzung durch das Wohngebiet“. Und wirklich schlingert der Wagen kurze Zeit später zwischen Hochhäuser hindurch und über Supermarkt-Parkplätze.

Der Regio kommt pünktlich; ich fühle mich sicher, fast ein bisschen verwöhnt im Vergleich zu den ratlosen Menschen, die jetzt irgendwo auf die S-Bahn warten. Mein Plan ist: ich steige in Lichtenberg in die U5 zum Alexanderplatz um, damit ich die stillgelegte Strecke der S-Bahn umgehen kann. Von da komm ich dann irgendwie weiter. U8 bis Moritzplatz, dann mit dem M29 zur taz. Es ist kurz vor halb sechs. Das müsste ich noch bis sechs Uhr schaffen.

In Lichtenberg dann herbe Enttäuschung: Vier Monate Baustelle auf der Strecke, die U5 fährt nur bis Frankfurter Allee! Von da Pendelverkehr und Schienenersatzverkehr! Jetzt wird es eng. Aber an der Frankfurter Allee fährt auch die Ringbahn! Mit der könnte ich bis Tempelhof fahren, dann in die U6 bis Kochstraße.
Eine Menschenmenge wälzt mich durch die U-Bahnschächte und S-Bahnaufgänge bis auf den Bahnsteig. Auf dem Zuganzeiger steht, dass die nächste Bahn in 4 Minuten kommt. Dann geht’s ja. Ansage aus dem Lautsprecher: „Die Ringbahn verkehrt zur Zeit unregelmäßig; bitte weichen Sie auf alternative Verkehrsmittel aus!“ Was meinen die denn? Soll ich Taxi fahren oder was? Was soll ich machen, ich muss zurück zum Pendelverkehr. Wieder bin ich Teil einer Menschenwalze, diesmal in umgekehrter Richtung. Während ich auf dem Bahnsteig noch auf den nächsten Pendelzug warte, donnert die S-Bahn über den U-Bahnschacht hinweg. Unregelmäßig heißt eben nicht unbedingt verspätet oder gar nicht. Ich bin wieder abgehängt!

Es stellt sich raus, dass der Pendelverkehr in drei Abschnitte gegliedert ist: Frankfurter Allee bis Frankfurter Tor; Frankfurter Tor bis Strausberger Platz; Strausberger Platz bis Alexanderplatz dann mit dem Bus. Das kann ich vergessen, dann ist das Treffen vorbei. Ich fahre trotzdem zum Frankfurter Tor; von dort fährt die Straßenbahn M10 zur Warschauer Brücke, und anschließend die U1 zum Halleschen Tor, und noch eine Station mit der U6.  So ginge es.

Die Straßenbahn kommt; die U1 kommt, aber ist es schon fünf nach sechs. Ich denke hoffnungsvoll an das akademische Viertel und überlege, ob solche taz-Treffen inzwischen pünktlich anfangen. Früher sicher nicht, aber heute ist ja nicht früher, andererseits wird es doch eher ein Ehemaligentreffen werden. Außerdem, was soll ich jetzt machen, ich bin ja fast da.

Die letzte Menschenwalze um viertel nach sechs am Halleschen Tor drückt mich von der U1 oben zur unterirdischen U6. Jetzt habe ich alle Verkehrsmittel durch, fällt mir ein: Bus, getrampt, Zug, U-Bahn, Straßenbahn. Ach nein, die S-Bahn fehlt!

Um zwanzig nach sechs bin ich an der Kochstraße, drei Minuten später stehe ich im Konferenzraum der taz. Altbekannte, freundliche grinsende Gesichter wenden sich mir zu. Die Vorstellung des Buch-Projektes ist vorbei; Mathias stöpselt gerade seinen Laptop aus. Die meisten der Ehemaligen haben schon ihr Statement abgegeben. Es gibt noch ein paar Anekdoten aus alter Zeit, ein paar vage politische Einschätzungen, und dann möchte man eigentlich gern in die Kantine zu den belegten Broten und dem Glas Wein, wo alle beiläufig die Sprache auf ihr letztes Buchprojekt bringen.

Es ist zum Verzweifeln; man ist so abgehängt da draußen – hier draußen. Wegen einer Stunde die weite Reise, und dann schafft man es noch nicht mal rechtzeitig und muss sich mit einem Butterbrot abspeisen lassen. Vor Enttäuschung gehe ich ins Kino. „Die Verlegerin“ mit Meryl Streep. Noch eine Enttäuschung. Auf dem Heimweg habe ich ein Auto, das Thomas mir auf dem Weg zu einem eigenen Termin in der Stadt später übergeben konnte.  Ich schalte das Radio ein, höre ein Hörspiel und fahre in die dunkle Nacht.

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https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2018/03/03/irrwege-auf-vereisten-gleisen/

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