vonImma Luise Harms 24.03.2018

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Wenn jemand gut hören kann, ist sie deshalb nicht hörig. Hörig bedeutet, nichts anderes mehr zu hören als die Stimme des Herrn. Sie ist auch nicht guthörig, im Sinne von gutgläubig etwa. Guthörig im Sinne von gutgläubig ist man, wenn man die Stimme der inneren Vernunft nicht mehr wahrnimmt, und zwar aus Gutherzigkeit heraus, weil man einfach ein so überbordendes Vertrauen in die Mitmenschen hat. Sie ist auch nicht leichthörig, im Sinne von leichtgläubig, was bedeutet, aus Gedankenträgheit das Gehörte kurzerhand in Wahres umzumünzen und im Gehirn wegzusortieren.
Nein, hörig, guthörig oder leichthörig als Qualifizieren des Hörens gibt es nicht. Hören ist hören.
Aber schwerhören gibt es. Ich meine nicht die Gehörlosigkeit, die eine anerkannte Form der Behinderung ist und der mit Gebärdensprache und besonderer Aufmerksamkeit begegnet wird. Ich meine die Alters-Schwerhörigkeit, wenn die kleinen Härchen im Innern des Ohrs abgeschrabbelt und ausgeleiert sind wie die Borsten einer alten Zahnbürste. Das fängt damit an, dass man die Zischlaute wie durch Watte wahrnimmt. Leider sind das die für die Sprache charakteristischen Spitzen im Klangteppich. Es wird immer schwieriger, zu verstehen was geredet wird, besonders in Gesellschaft. Und in Gesellschaft möchte man gerne sein.

Schwerhörigkeit gleich alt sein. Alt sein gleich irrelevant sein. Investition in diese Beziehung lohnt sich nicht mehr, der Kontakt spielt keine Rolle mehr, wird höflich noch eine Weile mitgeschleppt.

Alt sein im Sinne von irrelevant sein will man nicht, daher will man auch nicht als schwerhörig erkannt werden. Schade eigentlich, denn sehe ich mal von der sozialen Konnotation ab, wäre das doch eine Chance, ähnlich wie das im Alter unscharfe Sehen. Mit der schwer an uns hängenden Lebenserfahrung sind wir dazu geeignet – und vielleicht bestimmt – den Zusammenhang zu betrachten und nicht mehr die Details, nicht die Schrift, sondern das Schriftbild, nicht die einzelne Botschaft, sondern den Sound als solchen. Die Unschärfe ist vielleicht die Voraussetzung, um die tiefere Wahrheit in dem Übermittelten zu erkennen – und eventuell zu benennen, denn die Sprache wird uns ja nicht genommen.

In meinen altersgemischten Zusammenhängen kommt es immer häufiger vor, dass wir, die Alt-68er, darum bitten, man möge lauter beziehungsweise deutlicher sprechen. Das wird von den Jungen kurz und ein bisschen erschrocken beherzigt, aber spätestens nach drei Minuten wieder vergessen. Die Schwerhörigkeit sieht man uns eben nicht an. Und irgendwie scheinen es die Jungen auch als Zumutung zu empfinden, dass sie laut und deutlich sprechen sollen, wo doch gerade das Flüstern, das Nuscheln und halbe Verschlucken der Sätze als Ausdruck von Sensibilität und Achtsamkeit zu gelten scheint. Ich habe auch schon eine gewisse Ungehaltenheit gegenüber den ständigen Bitten um deutlicheres Sprechen gespürt, als würden wir da eine Macke vor uns hertragen, mit der wir unseren Anspruch auf einen Opferstatus geltend machen wollen. So will man natürlich auch nicht gesehen werden. Also halten wir den Mund.

Aber wie begegnen wir dann der Ansprache zum Beispiel auf Partys oder anderen geräuschvollen Zusammenkünften? Es ist unhöflich, nicht zu antworten, wenn man gefragt wird, oder ein Gesprächsangebot zu ignorieren. Unhöflich und abweisend wollen wir nicht sein, im Gegenteil. Wir entwickeln also Strategien zur Bemäntelung unseres Handicaps.

Christiane W., eine bekannte Künstlerin aus dem Oderbruch, ist berüchtigt für die Tiraden, mit denen sie Ihre BesucherInnen überzieht. Kommt man auf ihren Hof oder in eine ihrer Ausstellungen, fasst sie die Besucherin ins Auge, wartet die erste Frage oder Bemerkung ab und setzt dann zu einer freundlich und langsam vorgetragenen Erklärung an, die nicht mehr abreißt. Diese Strategie habe ich inzwischen bei einigen Alters-Schwerhörigen festgestellt: reden und nicht aufhören. Selber reden verhindert Fragen, auf die man dann antworten oder vielmehr vorher erst mehrmals „wie bitte?“ fragen muss. Und es verhindert, dass man sich Geschichten anhört, die man nur fragmentarisch versteht und auf die man nicht angemessen reagieren kann.

Ich selber beherrsche das situative Weben eines Erklärteppichs leider nicht, mir fällt nicht so viel ein. Ich brauche die Zwischenfragen und bin eigentlich auch mehr an den Geschichten der anderen als an meinen eigenen interessiert; die kenn ich ja schon. Also stell ich schnell als erste eine Frage und lausche dann dem Erzählstrom meines Gegenübers, nehme die Morphologie des Gesprochenen wahr und schnappe einzelne Erzählelement darin auf, die ich recht frei zu einer eigenen Storyline zusammenfüge. Die Redebereitschaft meiner Gesprächspartnerin halte ich mit nachdenklichem „Hm-hm“ oder erstauntem „Ach?“ oder „Tatsächlich?“ am Laufen.  Das reicht meistens, um angenehme fünf oder auch mal zehn Minuten zu verbringen. Ich beende das Gespräch mit einem ermunterndem „Na, wolln mal sehen, wie das noch weitergeht!“ oder einem mitfühlenden „Ach, das kann ich mir gut vorstellen, wie dir da zumute ist!“ So habe ich eine akzeptable Rolle in den Zusammenkünften. Weder sage ich beleidigt: „Lauter bitte!“, noch drängele ich anderen meine Geschichten auf, die weder ich erzählen noch sie hören wollen. Ich kann gut zuhören, ich bin verständnisvoll. Fehlt es daran nicht überall?

Andererseits würden mich manchmal eben doch die Details interessieren und ich würde gerne was beitragen, was nicht völlig aus dem thematischen Rahmen fällt. Dann lege ich meine Hand hinters Ohr und lenke den Schall der Sprechenden genau in meine Ohrmuschel. Das funktioniert ziemlich gut, denn die sprach-charakteristischen Höhen des Schalls bleiben nur auf dem direkten Weg erhalten, während die Tiefen langlebig durch den Raum wandern. Damit habe ich mich natürlich verraten als eine, die zur irrelevanten Alterskohorte gehört. Man wird mich nicht mehr zu einem Symposion einladen, höchstens noch als Zeitzeugin. AltersgenossInnen, die Wert darauf legen, als jugendliche MeinungsträgerInnen durchzugehen, schaffen sich ein Hörgerät an, beziehungsweise zwei. Die Hörgeräte sind klein, fein und teuer. Je kleiner und weniger auffällig, desto teurer. Es gibt sogar schon Implantate; damit will ich mich aber noch nicht befassen. Eigentlich wäre es doch umgekehrt richtig: je auffälliger die Hörhilfen sind, desto besser können sie die GesprächsteilnehmerInnen daran erinnern, dass das Aufnahmevermögen unterschiedlich gut ist.

Am besten wäre ein Hörrohr. Damit kann ich mich zeichenhaft erklären und gleichzeitig aktiv selektieren, wem ich gerade zuhören will. Die Sprechende nimmt das wahr und fühlt sich beim Reden bestärkt und ermutigt: meine Aufmerksamkeit liegt ganz bei ihr. Alle nehmen meine Einschränkung wahr, aber eben nicht als Gebrechen, dem ich mich ergebe oder das ich gar durch eine teure eingebaute Hörhilfe zu verstecken versuche. Nein, ich wende die Einschränkung ins Offensive, nach der Maxime, dass jede Behinderung gleichzeitig die Chance zu einer Befähigung in sich birgt. Ich nehme mir für alle sichtbar das Recht heraus, selbst zu bestimmen, wem ich zuhören will.

Nun ja, ich werde es mir überlegen.

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https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2018/03/24/schwerhoerig/

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kommentare

  • Strategien zur Bemäntelung meines Handikaps… hmmm. da fällt mir eine Menge ein. Nicht nür wird ich älter und brauche jetzt Hörenhilfe, mein Mutter hat mich nicht Deutsche beigebracht, sondern Englisch (wie ihr jetzt schön mitgekriegt habe, von mein grausame Grammatik). Vor 30 Jahre, als ich meine erste Job in Berlin hat, musst ich auch Strategien entwickeln. Die Aufträge meine Chef, Jo Weckmann von Märkische Landbrot, ein sehr geduldig und freundliche Mann, habe ich beim dritte Wiederholung immer noch nicht begriffen, aber die Grenze war erreicht und ich wurde eifrig nicken, das ich jetzt alles verstanden habe. Er hat mich naturlich regelmässig erwischt, als ich was vollig falsch gemacht habe, aber meine Strategien habe ich immer verfeinert.
    Jetzt wird es wieder so, weil, wie Imma schreibt, ich höre die Zischtonen nicht mehr, und auch besonders im Gesellschaft mit irgendwelcher Geräuchkulisse, wird ich total geschafft von alle meine verlogene mitfühlende Grimassen, Grinsen, Nicken, Kopfschutteln u.s.w. Es scheint oft zu klappen, aber macht überhaupt kein Spass.
    So was tun? Ich fand als Kind Hörgeräte ekelig, diese graugrun durchsichtige plastik Dingen, Zeichen von Schwäche. In Englisch heisst es „Hearing Aid“. „Gerät“ ist etwas doll. Im S-Bahn sehe ich oft Leute mit ein koole weisse langgezogene Stecker im Ohr, ohne Draht. Sie hören Musik, und signalisieren „lass mich in Rühe“. Wäre es nicht wunderbar, so ein Ding zu haben die in beide Richtung arbeitet: einmal als Hörgerät (es könnte ein grune Licht blinken), und einmal als Musik empfänger (mit ein rote Licht).
    Unialter, sowie damals unisex. Vielleicht sogar mit Übersetzungsprogramm….

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