vonImma Luise Harms 31.05.2018

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Berthe, die Enkeltochter (5), wollte erst nicht mit, aber die Eltern wollten nach einer Partynacht sehr gerne noch weiterschlafen. Also habe ich ihr den Verkaufserlös vom ersten Band versprochen, wenn sie mit mir zum taz-Flohmarkt fährt, um die dicken grünen Bände dort zu verkaufen.

In den ersten 10 Jahren ihres Bestehens hielt die taz die von ihr produzierten Zeitungen für historische Zeugnisse und ließ sie quartalsweise, später zweimonatlich, zu großen grüngoldenen Folianten zusammenbinden. Die Bände sahen eindrucksvoll aus und waren teuer. Zu teuer wohl für den Verkauf. Auch die Zeit arbeitete gegen ihre Bedeutung: die Anfangsjahre der taz gerieten immer mehr in Vergessenheit, die teils bahnbrechenden und eigenwilligen, aber journalistisch manchmal vielleicht fragwürdigen Artikel verloren ihre politische Aktualität. Schließlich wurden auch die Texte der frühen taz im digitalen Archiv zugänglich gemacht, wenn auch nur ab Mitte der 80er Jahre. Wenn man wirklich etwas suchte, ging man ins Internet. Was vor 1986 war, wurde einfach nicht mehr in Betracht gezogen. Die grünen Bände muffelten im taz-Archivkeller stapelweise vor sich hin. Bis zum Jahr 2001, als der im Nachbargebäude angemietete Keller geräumt werden sollte.

Ich habe eine Versteigerung organisiert, um die Erinnerung an die frühe taz, die ja auch meine taz-Zeit war, zu retten. 1,5 Tonnen taz, 300 Bände. Die Versteigerung war ein mäßiger Erfolg, der zwar 1700 Mark erbrachte, aber nur ein Bruchteil der Zeitungsberge war der Vernichtung entkommen. Von den Resten habe ich für mich und meine Nachkommen eine Kollektion zusammengestellt. Die letzte Tonne zermantschte die Altpapierpresse.

Die Kollektion von damals, bestehend aus etwa 50 Bänden, habe ich mal hier, mal da, mal dort untergebracht. Im Grunde war sie überall im Weg. Schließlich gab es einen Lagerraum, wo man sie einstapeln und dann vergessen konnte. Auch dieser Lagerraum musste bezahlt werden, andere nutzten ihn mit, gaben ihn wieder auf. Bis auf den grünen Bücherstapel war das Lager leer.

Auf dem taz-Flohmarkt

Dann kam die Ankündigung für einen taz-Flohmarkt, um die nicht mehr gebrauchten Durckerzeugnisse aus den Redaktionen und die Ladenhüter des taz-Shops vor dem Umzug ins neue Verlagsgebäude loszuwerden. Thomas meint: da kannst du doch die alten taz-Bände verkaufen!

Anruf bei der taz-Marketingabteilung. Ja, gerne! Wir können also einen Stand mit den taz-Jahrgangsbänden machen. Am Sonntagmorgen stehe ich nun mit dem Auto vorm taz-Café und lade die Bände auf eine Sackkarre. Berthe ist stark und stolz, sie trägt einzelne Bücher alleine und bringt sie geschultert ins Café. Wir bekommen einen Tisch zugewiesen, auf dem wir zwei besonders bemerkenswerte Exemplare aufgeschlagen ausstellen: das allererste halbe Jahre vom Sommer 1979 und den ersten Halbjahresband mit der sogenannten Ost-taz von 1990. Die anderen 45 Bände stapeln wir, nach Jahren sortiert, unter dem Tisch.

Wir beraten über den Preis. Berthe meint, 2 Euro wäre gut. Mit diesem Preis hat sie bei einem Flohmarkt vor ihrem Haus mal gute Erfahrungen gemacht. Seitdem hält sie 2 Euro für eine angemessene Summe, egal wofür. Ich bin eher für 10 Euro, damit die Bücher nicht von vorn herein zum Ramsch herabgestuft werden. Wir können ja erstmal mit 10 Euro anfangen, überlegen wir. Berthe malt ein Preisschild und freut sich auf den ersten Käufer – ihren ersten Käufer.

Der Laden ist leer, die Tische mit den Resten aus dem taz-Shop stehen da, die beiden taz-Angestellten langweilen sich. Es kommen ab und zu TouristInnen in den Raum, streifen an den Auslagen entlang, blättern wohl auch mal in den taz-Bänden. Berthes Augen beginnen zu glänzen. Aber sie schlendern weiter. Das sagt ihnen alles nichts.

Unerfüllte Sehnsucht

Ich kann Berthes Sehnsucht nach einem Kunden nicht mehr ertragen und versuche, sie wegzulocken. Wir gehen raus, bis zur nächsten Bäckerei. Sie nimmt eine Brezel und will zurück. Ich locke sie um eine weitere Straßenecke, vielleicht bis zu einem Spielplatz. Nein, sie will zurück.

Da stehen wir wieder neben dem Berg von taz-Jahrgängen. Ich schlage selbst das eine oder andere Ereignis nach, sehe meinen Namen. Berthe sucht nach Bildern oder Comics, entziffert mal ein Wort in einer Überschrift.

Wir finden verschiedene Spiele unter den Resten aus dem taz-Shop. Ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel mit Figuren von Tom, ein Spiel mit verschieden-farbigen Kugeln, ein hölzernes Memory. Alles zum halben Preis, aber immer noch recht teuer dafür, dass man es eigentlich nicht braucht.

Wir haben alle Spiel durch, holen nochmal was zu essen und zu trinken, hoffen, dass ein Band verkauft ist, wenn wir wiederkommen. Nichts. Berthe meint nachdenklich: Sollen wir jetzt weniger Geld nehmen? Wir einigen uns auf 5 Euro. Wer sie für 5 Euro nicht haben will, würde sie auch für 2 nicht nehmen, denke ich mir. Berthe malt ein neues Preisschild.

Mir fällt ein, wie ich versucht habe, die zweite Auflage meines Buches „Stand der Bewegung“ nach jahrelanger Einlagerung loszuwerden. Ich habe die Reste schließlich in einen Einkaufswagen geladen, bin während der langen Buchnacht durch die Oranienstraße gezogen und hab die Bücher den Leuten wie einen Werbezettel einfach in die Hand gedrückt.

Es ist Mittag. Kein Verkauf, nicht mal KundInnen, die halbwegs interessiert wären. Wir geben auf. Wir malen noch ein drittes Schild „Zu verschenken“ und verlassen den taz-Stapel; wir verpissen uns und lassen die drei Zentner taz-Geschichte einfach zurück. Das ist doch nicht unsere Schuld, wenn der groß angekündigte taz-Flohmarkt einfach niemanden interessiert!

Das sieht Thomas anders, der am Nachmittag nach Berlin nachkommt. Er ist für ordnungsgemäße Entsorgung, fährt nochmal in die Rudi-Dutschke-Straße und stapelt die drei Zentner wieder ins Auto. So fahren wir zurück aufs Land, und ich habe die ganze zentnerschwere taz-Geschichte wieder im Nacken!

Der Erlös: 9,60 Euro für ein Stück taz-Geschichte
Der Erlös: 9,60 Euro für ein Stück taz-Geschichte

Am nächsten Tag fahren wir nach Strausberg zur Papierbank. Dort ist die vorgesehene Endstation. Es gibt sogar noch ein bisschen Geld dafür. Aber nur, wenn es das reine, nackte Papier ist. Das heißt: die Umschläge aus Leinen-überzogener Pappe müssen ab! Die Buchseiten, alle die alten tazzen, keine Nachdrucke, sondern die echten alten Zeitungen, müssen aus dem grün-goldenen Einband rausgerissen oder rausgeschnitten werden. Das ist hart, da sträubt sich alles in mir. Aber was bleibt uns übrig?

Wir haben zwei Cutter mitgebracht. Hinter dem Buchdeckel kommt als erstes ein einfaches weißes Deckblatt. Hier schneiden. Und hinten genauso. Wenn wir aus Versehen eins weiter blättern, hängen wir sofort am taz-Titel der ersten Zeitung, an den historischen Themen, der Zeitgeschichte, die auch unsere war, und lesen uns fest. Nicht hingucken! Ratsch, ratsch – Buchdeckel hierhin, den Packen Papier aus dem Inneren in den Container. Wir arbeiten uns schwitzend in Rage.

Der Recyclinghof-Angestellte gibt uns einen Zettel, mit dem wir zur Kasse gehen sollen.  „160.-“ steht drauf. Hundertsechzig Euro?! Damit hätte ich nicht gerechnet, für soviel hätten wir die Bände ja nicht mal in der taz verkaufen können!

Die Frau, die uns das Geld auszahlt, sitzt in einem dunklen Bretterverschlag, sie hat eine kleine Rechenmaschine vor sich, auf der sie Zahlen eintippt und die daraufhin geräuschvoll eine Abrechnung hervorwürgt. „9,60“ steht darauf – für jedes der 160 Kilogramm gibt es 6 Cents. Damit bezahle ich Berthe am nächsten Tag für ihre Mithilfe bei dem letzten schweren Akt.

Fotos: privat

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https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2018/05/31/letzte-station-entleibung/

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