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	<description>Janz weit draußen,  im Dorf Reichenow in Märkisch Oderland ist das Leben so bedeutungsvoll wie in der Stadt, bloß alles kleiner, langsamer, persönlicher und konkreter.</description>
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		<title>Herzliche Grüße</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Feb 2013 08:19:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/files/2013/02/Herzchenfahne-kaputt-2.jpg" rel="lightbox[394]"><img class="aligncenter size-medium wp-image-397" src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/files/2013/02/Herzchenfahne-kaputt-2-424x318.jpg" alt="" width="424" height="318" /></a></p>
<p>Mit dem Hochzeitsschloss in Reichenow ist es aus. Die beiden Pächterinnen müssen den Bau räumen. Ich glaube, heute ist ihr letzter Tag. In den letzten Wochen haben sie ihre Möbel verkauft, auf ihrer Homepage und bei Ebay, ihren ganzen pseudo-aristokratischen Plunder: Königsstuhl usw.<br />
Seit zehn Jahren ärgere ich mich über die Disneyland-Fahne, auf die am Morgen immer als erstes mein Blick gefallen ist. Ich hab ja öfter <a title="drüber geschrieben" href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2009/09/10/guten_morgen_bloede_fahne/">drüber geschrieben</a>. Jetzt weht die neutral-orangene. Und angestrahlt wird sie auch nicht mehr. Das Geld sparen sie sich, kommt ja doch keiner mehr.<br />
Sie haben noch einen letzten Polterabend im Schloss gefeiert. Ende Januar war das. Und dann stilvoll das zerdepperte Geschirr in die ausrangierte Herzchenfahne eingewickelt und neben die Mülltonnen gelegt. Jemand vom Gutshof hat die Trophäe später geborgen.<br />
Ob das Geschäft mit der Hochzeit nicht gut genug ging, wissen wir nicht. Die Pächterinnen sagen in der Ortspresse: doch. Aber die brandenburgische Schlösser GmbH, die Eigentümerin, wollte mehr Pacht und einen langfristigen Pachtvertrag. Und die Pächterinnen wollten nur noch ein paar Jahre weitermachen und dann mit dem Arbeiten aufhören. Von der Schlösser GmbH hat ein Nachbar etwas anderes erfahren: Man wollte auch diese hochnäsige Distanz zum Dort und zur Umgebung nicht mehr. Die Schlossdamen haben sich ja bei allen unbeliebt gemacht. Sicher fragt man sich jetzt, wo sie unter Spießrutenlaufen ausziehen müssen, ob sich da nicht auch ein Bild verselbstständigt haben könnte. Fakt ist, dass das Ausräumen des Schlosses mit einem Aufatmen begleitet wird, besonders von mir, die ich mit einem Bein immer auf den Schlossgelände stehe. Bei allen Arbeiten im (eigentlich Schloss-eigenen Vorgarten) musste ich immer rüberschielen, ob die Pächterin, Frau H., kommt, um sich über  Bretter und anderes Gedöne zu beschweren, das die Aussicht aus den Hochzeitszimmern wertmindert. Ich kann jetzt sogar erwägen, eine Wäscheleine zu spannen, die ich schon lange entbehre. Oder gar ein Feuer machen, um die Äste und das Laub nicht so weit wegschleppen zu müssen.<br />
Durch die kahlen Zweige der mittlerweile hochgepäppelten Hecke sehe ich ab und zu eine nachtblaue oder silbergraue Limousine die Schlossauffahrt hochfahren. Männer in weichen Wintermänteln treten ins Haus und wieder heraus. Wenn die Wagen wieder abfahren, an mir und meiner schütteren Hecke vorbei, sehe ich ein Potsdamer oder ein Bonner Kennzeichen darauf. Wie man liest, gibt es bereits neue Interessenten. Eine InteressentInnen-Gruppe formiert sich auch bei uns; der Traum, das Schloss wieder zu öffnen, zum volkseigenen oder wenigsten zum Dorf-eigenen Zentralgebäude zu machen, ist zu verlockend. &#8220;So soll das sein, für alle offen: vorne rein und hinten wieder raus&#8221;, hieß es auf einem Treffen.<br />
Die Limousinen sagen mir, es könnte auch alles noch viel schlimmer kommen. Führungsakademie, Konzern-eigenes Schulungszentrum, diskretes Hotel für durchreisende russische Magnaten&#8230;<br />
Wer weiß, was da noch für Fahnen gehisst werden.</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=394&amp;md5=b0ec3cd76f1ada44fcada7236c24d5a0" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Gelegenheiten und Begegnungen</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2013/01/29/gelegenheiten-und-begegnungen/</link>
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		<pubDate>Tue, 29 Jan 2013 07:17:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="text-decoration: underline">Fenster mit Gardine</span></p>
<p>Wieso stehtn Frau Wächter anner Bushaltestelle? Machts der Opel nich mehr oda jibs den garnich mehr?</p>
<p>Ich gloob, gleich kommt der 927er, auf den wird’se warten. Aber der fährt do nach Wriezen. Was willsn da? Die fährt do sonst immer nach Strausberg, da macht se so Kurse. Oder zum Arzt. Ob se einkaufn geht? Dis kann doch ihr Heinz-Ehrlich machen, wenna vonna Arbeit kommt.<br />
Vielleicht is ja doch det Auto kaputt. Gestern, als se Eier jeholt hat, hat se nüscht jesacht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="text-decoration: underline">Bushaltestelle. Reichenow-Schule</span></p>
<p>Naja, die Leute werden denken, dass mein Auto kaputt ist. Das könnte ja auch wirklich sein. Jedenfalls kann es mal passieren. Dann ist das jetzt eben ne Art Probe, für den Fall, dass ichs wirklich mal brauche. Ich mein, das ist doch auch leicht zu erklären. Wenn ich schon die Buchführung für den Laden mache, dass ich das auch mal benutzen muss. Da muss man doch wissen, wie das geht, wie sich das anfühlt.<br />
Ach, da kommt die Kleine von Borichs. Ach so, der Bus kommt auch gleich, fährt nach Wriezen. Wird sie wohl denken, dass ich auch auf den Bus will. Da warte ich dann lieber, bis der durch ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="text-decoration: underline">Straße.</span></p>
<p>Ach Scheiße, die Frau Wächter, ich hab das Buch aus der Bücherstube noch gar nicht zurück gebracht. Ob sie was sagt? Ich weiß gar nicht, wo das ist. Warum fährt die denn überhaupt mit dem Bus? Die hat doch n Auto. Ich setz mich aber woanders hin. Sonst quatscht se mich noch an. &#8211; „Tach, Frau Wächter“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="text-decoration: underline">Bushaltestelle.</span></p>
<p>Die Kinder können aber auch nicht einen Moment ohne was rumstehen, immer SMS, oder Musik in die Ohren oder Bilder aufm Handy angucken. Hat die Kleine von Borichs jetzt auch schon so ein Internet-Handy? Denen muss es ja gut gehen. Ich dachte, er ist arbeitslos. Ich würd’s verbieten im Unterricht, mit den SMS dauernd. Beim Projekt wollen sie das mit dem Handy ja auch nicht, „low level“ ist es gedacht. Kein Posten für elektronische Vernetzung in der Kalkulation. Nur diese Karten, die sind aber nur zum Gucken und zum Zeigen.<br />
Ne pfiffige Idee eigentlich. Ich meine, nichts Neues, wir sind ja früher auch getrampt, gab sogar auch schon mal so einen Versicherungsausweis, war wohl mehr für die Eltern. Aber dass diese Stiftung dafür Geld ausgibt, schon merkwürdig. So ne simple Sache, eigentlich ne Selbstverständlichkeit, dass die Leute sich gegenseitig mitnehmen.<br />
Nur, dass das Projekt so einen bescheuerten Namen hat: MOPS. Das mag man doch keinem sagen, dass man da mitarbeitet. MObiL hätten sie doch sagen können, oder so was. Aber nein, der Tobias ist ja auch so ein Künstler, so ein verkannter, da muss es immer schräg sein. MO für den Landkreis und PS erklärt sich selbst, meint er. Ich weiß nicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="text-decoration: underline">Bushaltestelle.</span></p>
<p>Was hat die Frau Wächter denn da für ein komisches Handy?  Grün. Aber das ist gar nicht viereckig, das sieht aus &#8211; wie ein Hund. Das eine Ohr so hoch gestreckt. Nee, das ist kein Handy. Aber ne Buskarte ist das auch nicht. Wo ist überhaupt meine Karte?</p>
<p><span style="text-decoration: underline"> </span></p>
<p><span style="text-decoration: underline">Bus-Innenraum.</span></p>
<p>Reichenow-Schule mal wieder bloß zwei Leute. Ich weiß nicht, wie lange ich noch mit so ’nem großen leeren Bus rumfahren soll. Für den Sprit könnten die sich alle n Taxi nehmen. Die Kleine von Borichs ist aber ganz schön spät für die Schule. Die Frau daneben ist hier noch nie eingestiegen.<br />
„Nu kommse mal rin! Na, du ma wieder zuerst, wa? Wolln’Se nicht einsteigen? Wenn ick diese Karte akzeptiere? Wat isn det? Ne neue Buslinie? Wauwau-Linie, wa? MOPS – nie jehört. Mitfahrgelegenheiten &#8211; na denn könn wa ja uffhören, hier mitn leeren Bus durch de Gegend zu schaukeln. Ick wer denn ooch Mitglied. Wenn Se um viertel zwölf noch hier stehen, könn’ Se sich den Fall ja noch mal überlegen und mit nach Strausberg fahren.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="text-decoration: underline">Fenster mit Gardine</span></p>
<p>Die Wächter  is gar nich mitjefahren. Kommt denn noch’n Bus? Wat hältsn da inne Luft? Ist det ne Karte? Sieht aus wie n Daumen aus Pappe. Will die Wächter per Anhalter fahren? In ihrem Alter? I würd mi ja schämen!</p>
<p>Guck, det erste Auto fährt ooch vorbei, guckt sich ooch janz komisch um, der Fahrer; den kenn ick jar nich. Ob det was mit den komischen neuen Verein zu tun hat, wat der Tobias macht? Heeßt det nich „Dackel“ oder so? Die Frau Wächter macht da doch die Buchführung. Aber dat se selber da mitmacht, also dat se ooch richtig trampt, det is stark. Eijentlich richtig stark! Mut hat se.<br />
Kuck ma, da hält n Auto. Das ist doch dem Kurt sein Lada. Jetzt redense. Aber jetzt fährta doch weiter. Ob er se nicht mitnehmen will? Oder will sie nich, weil er nich im Verein iss? Kanna do jez mitmachn.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="text-decoration: underline">Bushaltestelle.</span></p>
<p>Jetzt versteh ich das selber erst, mit dem Mops-Ohr, dass das so nach oben steht, das sieht aus wie ein Daumen. Ich hätt auch wirklich gleich den Daumen rausstrecken können. Und dann dem Kurt das unterwegs erklären mit dem Verein. Da kann er dann am nächsten Wochenende gleich Mitglied werden, in Tobias seinem neuen mobilen Büro, wenn in Harnekop das Drachenboot-Rennen ist.<br />
Ach guck ma, der silbergraue da, ist das nicht Marlenes Toyota? Dass die nu ausgerechnet kommen muss. Die findet das bestimmt total überdreht von mir, dass ich jetzt auch schon trampe. Obwohl die ja auch im Verein ist. Und MOPS Mitglied ist sie dann bestimmt auch. Schnell die Karte wieder einstecken? Nee, jetzt bleib ich dran. „Morgen Marlene, fährste nach Strausberg?“ „Na, da hättste aber nicht deine Karte rauszuholen brauchen, dass ich dich mitnehme. Komm rin.“ „Fährste denn überhaupt nach Strausberg rein?“ „Nee, ich wollte eigentlich nach Gielsdorf. Da wohnt doch meine Kusine, die hat morgen ihren 60ten, der wollt ich ein bisschen helfen. Aber ich kann dich auch kurz rumfahren.“ „Nee, mußte nicht, ich kann denn die paar Schritte laufen. Oder ich tramp noch mal weiter. Kannst mich am Kreisel an der Bushaltestelle rauslassen.“ „Na, wenn de willst. Aber ich tät’s gerne.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="text-decoration: underline">Wageninnenraum.</span></p>
<p>Das hat sie ja ganz entspannt genommen. Aber jetzt muss ich das auch mit der Benzinkostenbeteiligung ansprechen. Das ist ja gerade der Unterschied. „Wo hast du denn die MOPS-Kasse? Damit ich da was reintun kann?“ „Spinnst du? Ich nehm doch kein Geld von dir für die paar Kilometer!“ „Sollst du aber. Das gehört dazu.“ „Nee, also jetzt hör ma uff. &#8211; Bist du eigentlich früher auch schon mal manchmal getrampt?“ „Ja ganz früher, als junge Pioniere, obwohl meine Eltern das nicht wollten.“<br />
Was war das für ein Gefühl von Abenteuer damals, gerade die Ungewissheit, wenn man in so einem fremden Auto saß und nicht wusste, wie es weiter geht, und ob man abends noch bei den Freunden ankommt, rechtzeitig. Und dann irgendwann: die Ostsee, die Wellen, der Horizont. Die Weite. Aber nicht die weite Welt. Die weite Welt, die liegt uns jetzt offen. …und wenn ich jetzt einfach weitertrampen würde? In Strausberg nicht zum Arzt, sondern an der Bushaltestelle am Kreisel einfach den Daumen oder meinetwegen das grüne Mops-Ohr wieder rausstrecken und weiterfahren, bis zur Autobahn, und dann nach Dresden runter, nach Prag, weiter nach Wien, über die Alpen rüber, bis ans Mittelmeer. Die Weite am Mittelmeer sehen, mich rüberträumen nach Afrika, immer weiter…</p>
<p>„Weißt du was, Marlene, ich bring dir heute Nachmittag ne Mops-Kasse rüber. Die kannst du dann hier vor dem Beifahrersitz festmachen.“ „Na gut, mach ma. Wenn’s dazugehört, dann nehm ich auch so ne Kasse.“ „Die kostet dann eins fuffzig“. „Ja, ist in Ordnung“.<br />
Das weiß sie wohl nicht, dass die Kasse eigentlich zwei fuffzig kostet. Das ist gut so. Den Euro zahl ich dazu; das ist dann die Benzinkostenbeteiligung. Und dann ist das richtig verbucht.</p>
<p>&nbsp;</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=387&amp;md5=833c87c384a8ef52a52a8b21b629447e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Lohn und Brot</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2012/12/30/lohn-und-brot/</link>
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		<pubDate>Sun, 30 Dec 2012 09:17:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Straße ist dunkel. Vom Scheinwerferlicht gestreift leuchten die Pfosten zwischen den Bäumen auf. Die roten und weißen Katzenaugen bilden ein Band, das sich mal nach rechts mal nach links biegt. Der Abzweig von Strausberg nach Altlandsberg liegt hinter uns. Nach ein paar Kilometern wird es heller &#8211; Eggersdorf. Die gelben Lichtkegel der Straßenlaternen streifen rhythmisch über das Lenkrad. Dann ist auch Eggersdorf vorbei. Wir fahren durch die Nacht. Die punktförmigen roten und grünen Diodenlämpchen auf dem Armaturenbrett und das diffuse orange-farbene Hintergrundleuchten der Anzeigen betonen die Dunkelheit im Wageninneren.</p>
<p>Thomas schaltet in den nächsten Gang. Wie ein behäbiges Ackerpferd den Zuruf registriert, kurz innehält, um dann wieder in die alte Gangart zu fallen, durchzieht das Auto ein kleiner Ruck. Der Motor brummt eine Tonart tiefer, der Drehzahlmesser fällt nach unten. Bei 50 Stundenkilometern in den fünften Gang schalten? „Doch“, sagt Thomas, „A. will das so“. A. hat es im AFC-Heft gelesen, den Artikel ausgeschnitten und auf das Lenkrad geklebt, als Erinnerung an alle Fahrer, die mit dem Auto unterwegs sind. Denn es ist ihm aufgefallen, dass der Spritverbrauch hoch ist, jedenfalls könnte er niedriger sein.</p>
<p>Der Transporter fährt mit Erdgas, wenn alles richtig geht. Einen Benzintank gibt es auch, aber das Super-Benzin ist doppelt so teuer wie das Gas. Die grünen Dioden zeigen an, dass Gas verfahren wird. Die roten Dioden warnen. Man kann auch manuell auf Benzin umstellen. Diesen Schalter hat A. überklebt; man soll rechtzeitig Gas nachtanken. Aber Gastankstellen gibt es nicht so viele. Am billigsten ist die in Strausberg. Also nicht in Berlin tanken, sondern vor oder nach der Fahrt in Strausberg.</p>
<p>Ich drehe das Radio lauter. Klassik für Einsteiger. Heute: „Die Pauke – das wichtigste Schlaginstrument im Orchester“. Die Musik und die Stimme des Moderators im dunklen, auf zwei Lichtstrahlen durch die dunkle Landschaft geleiteten Auto, das ist wie der Sternenschein überm Lagerfeuer. Geborgen in der Verbundenheit mit dem Entfernten.</p>
<p>Im Auto riecht es nicht nach Lagerfeuer sondern nach frischem Brot. Der säuerlich-süße Geruch des feuchten, von Hefe und Sauerteig durchdrungenen Getreides. Dunkles Brot, Brot mit schweren Körnern, Weizenbrot, süßes Brot mit Rosinen. Vielleicht riecht es sogar doch ein bisschen nach Rauch, denn das Brot ist im Holzofen gebacken. Das macht es so besonders, Kenner schmecken das. Das Brot wird an die Läden geliefert, in denen Feinschmecker einkaufen und solche, die ein gutes Gefühl haben wollen, wenn sie ihr Brot essen, weil sie sich vorstellen können, wo es herkommt. Er nahm das Brot, dankte, brach es und gab es ihnen. Nimm hin, das ist mein Leib, den ich für euch gegeben habe. Das stellt man sich lieber nicht so genau vor.</p>
<p>In Strausberg haben wir eine Kiste mit Weißbrot für die Freie Schule abgeladen. Die Schule ist abends natürlich zu, die Brotkisten werden in der benachbarten Kneipe abgestellt. Überall gibt es Übergabeorte, damit das Brot am Morgen dort ist, wo es sein soll. Die nächste Station ist in Wesendahl.</p>
<p>Ein nächtliches Dorf in Brandenburg ist wie von allen guten Geistern verlassen. Das ehemalige LPG-Gelände liegt abseits, da sind dann auch keine von den trüben orangenen Straßenlaternen mehr. In der LPG ist jetzt eine große Obstverarbeitungsfabrik mit einem Hofladen. Der Hofladen nimmt auch ein paar Brote ab. A. sagt, der Umweg dafür lohnt sich eigentlich nicht, aber es ist gut, die Kontakte zu pflegen. Das große eiserne Tor vor dem Gelände ist natürlich verschlossen. Am Tor ist eine Plastikkiste angekettet, die eigentlich zur Aufnahme von Sitzkissen für Gartenmöbel gedacht ist. Der Inhalt ist mit einem weiteren Vorhängeschloss gesichert. Der Schlüssel für das Schloss und eine Taschenlampe, um es zu finden, liegen im Handschuhfach bereit. Wir hinterlassen vier Roggenbrote und drei Weizenmischbrote in der Brandenburgischen Landschaft und fahren weiter nach Neuenhagen.</p>
<p>Unser täglich Brot gib uns heute. Der Vater erzählt von der Kriegsgefangenschaft. Sechs Mann in der Stube. Für alle ein Kommissbrot am Tag. Ich fand das gar nicht so wenig. Aber es gab ja nichts anderes. Manchmal eine Wassersuppe mit ein paar trockenen Erbsen drin. Der Kamerad, der seine Brotscheibe nahm und sich vorstellte, jetzt in ein Stück Kuchen zu beißen. Ist Kuchen denn besser als Brot? Kommt drauf an, was man gerade hat, soll die französische Königin gesagt haben. Alle sechs sind mager aber heil aus der Gefangenschaft zurückgekehrt.</p>
<p>Und vergib uns unsere Schuld. Nach Kriegsende gab es Kartoffelbrot, kleisterig, schmeckte nicht und roch auch nicht gut. Die Mutter ist mit dem Fahrrad unterwegs. Es gibt ein Foto, so eines mit gezacktem weißen Rand. Sie hält den geschwungenen Lenker fest, ein Fuß ist abfahrbereit auf der Pedale abgestellt. Das Haar ist unter einem Kopftuch. Das Kopftuch ist über der Stirn geknotet. Mama guckt erwartungsvoll und selbstbewusst in die Kamera. Hungrig auf das neue Leben. Ein Brotlaster fährt durch die Straße, er zieht eine Schleppe von süßem Brotgeruch hinter sich her. Sie kann nicht anders, sie radelt ihm nach, immer weiter, durch die halbe Stadt. Die eckigen Brotlaibe stecken nebeneinander auf der offenen Ladefläche, wie früher die Soldaten. Sie erreicht den Wagen, reißt eines der Brote heraus, schiebt es hastig unter ihre Jacke und fährt nach Hause. So hat sie es erzählt.</p>
<p>Wie wir vergeben unseren Schuldigern. Opa ging zu den Tommies, den englischen Besatzern, und bat um Brot für seine Familie. „Er hat sich von denen verprügeln lassen, für einen Laib Brot“, erzählt Mama. Empörend ist das. Es gibt ein Foto von Opa in Offiziersuniform, das stand lange auf der Kommode. Auf dem Foto kniet er auf einem Bein und stützt sich mit beiden Händen auf seinen Degen. Er sieht aus wie einer, der gerade den Ritterschlag erwartet. Ob er vor den Tommies für das Brot so gekniet hat, stolz und demütig zugleich? Aber doch sicher nicht in Uniform! Und dann haben sie ihn gehauen? Ich habe die Bilder nie zusammen gekriegt.</p>
<p>Im Eine-Welt-Laden in Neuenhagen wird für den Feierabend aufgeräumt. Zwei volle Kisten werden gegen zwei leere ausgetauscht. Man muss darauf achten, dass der gleiche Aufdruck darauf ist. A. ist das wichtig, denn es gab schon mal Ärger, weil manche von den kursierenden Plastikkisten Eigentum anderer Bäckereien sind. Die dürfen nicht vermischt werden. Der Betreiber, ein Mann in mittlerem Alter mit schütterem Pferdeschwänzchen, lächelt uns entgegen und sagt etwas über das Wetter. Er möchte uns nicht das Gefühl geben, Lieferanten zu sein. Aber wir haben nicht so richtig Zeit für ein Schwätzchen. Wir wollen ins Kino, wenn wir fertig sind. Ob wir das schaffen, hängt davon ab, ob bei den nächsten vier Stationen alles glatt läuft.</p>
<p>A. findet das nicht nur gut, dass seine Lieferanten sich nach der Arbeit einen schönen Abend machen. Einerseits ist er ein ökologisch denkender Mensch, der es richtig findet, Fahrten zu vermeiden und Anlässe zu verbinden, wo es geht. Andererseits ist er Geschäftsmann, und ein Geschäftsmann ist misstrauisch. Werden wir unsere Arbeit ordentlich machen, wenn wir eigentlich ins Kino wollen? Es macht ihm schon ein ungutes Gefühl, wenn wir fragen, ob das Brot heute pünktlich fertig ist, damit wir wissen, ob unsere Pläne aufgehen.</p>
<p>Von Neuenhagen geht es nach Süden, hinter der Galopprennbahn entlang. Die Straße ist gepflastert und hat sich, vielleicht durch unterirdisch querende Wurzeln, aufgeworfen. In der ersten Kurve nach der Bahnunterführung muss man aufpassen. Wenn man nicht langsam über die Bodenwelle fährt, kann es sein, dass eine von den vierzig Kisten aus ihrer Stapelverankerung springt und der ganze Turm umstürzt. Das wäre der Brot-GAU. Man müsste die Brote zusammensuchen, mit den Lieferscheinen wieder richtig zuordnen und das ganze dann auch noch vertuschen. Thomas hat immer Angst, dass ich zu schnell fahre. Aber weder ihm noch mir ist je ein Brotkistenstapel umgefallen. Ich weiß nicht, woher die schlechte Meinung kommt.</p>
<p>Nicht alle Brote sind in Plastikkästen, manche sind auch in großen Papiertüten, in denen das Mehl angeliefert wurde. Das ist natürlich alles von biologisch wertvollem, besonderem Korn. Das dunkle Brot ist zum Beispiel aus Champagnerroggen gebacken. Die Brote für den Lilaladen in Neukölln sind im Papiersack, weil die nicht zuverlässig die Plastikkisten zurückgeben. A. hat sich eine Weile damit herumgeärgert, den Kisten hinterher zu telefonieren; jetzt kriegen die ihre Lieferung nur noch im Sack.</p>
<p>Auch unser eigenes Brot ist im Papiersack. Das ist unser Lohn; wir werden nämlich in Broten bezahlt. A.’s Bäckerei ist in Wirklichkeit ein Kollektivbetrieb, ein kleines ländliches Unternehmen, das Mühe hat, genug Umsatz zu machen, um die Kredite für den Ausbau abzutragen. Geld für Lohn zu zahlen, können sie sich nicht leisten. Aber Brot haben sie genug. Es gibt drei Brote für eine Stunde Arbeit. Natürlich nur für einen von uns. Die Tour braucht keine zwei Lieferanten, einer ist immer nur MitfahrerIn, offiziell jedenfalls. Aber wir machen das zusammen. Thomas kümmert sich ums Auto, ich kümmere mich um den Vertrieb unseres Brotlohns. Denn natürlich können wir keine 13 bis 15 Brote in der Woche essen.</p>
<p>Der Vertrieb ist schwierig, das Brot ist wegen Bio, Handarbeit und Holzofen nicht ganz billig. In Reichenow in unserer direkten Umgebung sind wir nur gelegentlich ein Brot losgeworden. In einer Kreuzberger Groß-WG haben wir einen Testkorb abgegeben, eine Investition. Hat ihnen gut geschmeckt, war ihnen aber doch das Geld nicht wert. Außerdem fanden sie das bedenklich, dass der Betrieb seine Leute mit Brot bezahlt; das finden sie Abzocke, mit der sicher nur Extraprofit gemacht werden soll, und das können sie aus politischen Gründen nicht unterstützen. Andere einzelne Freunde und Freundinnen in der Stadt haben sich bereit erklärt, uns wöchentlich ein Brot abzukaufen. Das muss nun auch geliefert werden. Der beste Deal ist der Tausch. Das Kreuzberger FSK-Kino ist auch ein Kollektiv. Sie haben auf ihrem Plenum beraten und beschlossen: Sie geben uns für zwei Brote eine Eintrittskarte.</p>
<p>Nach Hoppegarten fahren wir ein Stück auf der Frankfurter Allee stadteinwärts, dann nach links über Karlshorst und Oberschöneweide über die Spree durch Treptow nach Neukölln, dorthin, wo es nach Kaffee, Schokolade und Bierhefe riecht. Hier sind die alten und die neue Industriegelände. Hier werden Zigaretten hergestellt und Autoteile zur Abholung bereit gehalten. In einem Gewerbehof wird das Märkische Landbrot gebacken. Wir fahren mit der Rückseite unseres Wagens an das automatische Tor heran. Man muss an einer Strippe ziehen, dann geht die Plastikfolie hoch. Vorschrift ist, sich ein Häubchen aus dünnem weißem Vlies aufzusetzen. Am Eingang gibt es eine Kiste mit diesen Häubchen. Sie erinnern ein bisschen an die Probierstrümpfe in Schuhgeschäften.</p>
<p>Die Fabrikationshalle ist riesig. In ihrer dämmrigen Tiefe mahlen langsam große runde Teigknetmaschinen. An den Wänden über den Maschinen und Lagerregalen sind große Gemälde angebracht. Sie zeigen Tätigkeiten und Ansichten in leisen und melancholischen Pastelltönen. Und melancholisch und leise bewegen sich auch die paar Menschen durch den weiten Raum; sie nehmen kaum Notiz von uns. Jeder weiß, was er zu tun hat, und nimmt das gleiche von allen anderen an, die hier herum laufen. Mit den bereit stehenden Rollbrettern machen wir unseren Weg durch lange Staffeln von fahrbaren Brotregalen. Die vollen Kisten müssen gegen leere ausgetauscht werden. Die leeren sind in einem Nebenraum bis zur Decke gestapelt. Warum bringen wir Brot in eine Bäckerei? Das Holzofenbrot ist bei den Kunden gefragt, die Märkische-Landbrot-Firma bietet es lieber innerhalb ihres eigenen Sortimentes an, als dagegen konkurrieren zu müssen.</p>
<p>Ich hole die leeren Kisten heran, Thomas stapelt die vollen neben dem Eingang auf den Boden, zählt die Brote, hakt die Lieferzettel ab. In einer der leeren Kisten, die ich geholt habe, ist ein Brot vergessen worden. Ein viereckiges dunkles Brot mit Mohn. Es will mit, es will zu uns. Bin ich eine Diebin, wenn ich es nicht zurücktrage? Nein, ich will es nicht hier lassen, ich will’s haben, das kleine Brot, und ich freue mich diebisch. Thomas sage ich erst was davon, als wir wieder im Auto sitzen. Er ist so katholisch.</p>
<p>Meine Kindheit habe ich in der Mansardenwohnung eines alten Mietshauses in Bochum verbracht. Das Haus gehörte einer Bäckerfamilie, die selbst im ersten Stock wohnte und ihre Bäckerei im Erdgeschoss hatte. Im Hof wurde gebacken, im Laden zur Straße verkauft. Wir kauften „Brot von gestern“, das war ein bisschen billiger, und meine Mutter sagte, dass mein Vater sagte, es sei auch bekömmlicher.<br />
Durch die Hoffenster konnte man in die Backstube sehen. Es gab immer auch ein paar Lehrlinge. Einer war schon Geselle, er hieß Adolf. Adolf machte gerne Spaß mit uns Kindern. Manchmal warf er uns kleine, in Zeitungspapier eingewickelte Geschenke durchs Fenster. Er freute sich, wenn wir uns auf die Bündelchen stürzten und das Papier auseinanderzerrten. Einmal war nur eine Kohle drin.</p>
<p>Das Brot wurde nicht mit Holzfeuer gebacken, das war damals noch nicht modern, sondern eine große Koksheizung machte die Wärme; wir lebten ja im Kohlenpott. Hinter dem ehemaligen Schweinestall und der Waschküche war ein Anbau, wo der Koks gelagert wurde. Es gab nur eine fenstergroße eiserne Klappe darin, und es war ein bisschen gruselig, da hineinzuklettern. Wenn man die Klappe aufmachte, fiel ein schwacher Lichtschein über den dunklen Kohleberg. Da saß der Geselle Adolf und hatte sein Gesicht auf die Arme gelegt und weinte! Als das Licht ihn traf, sprang er hoch, die Kohlen knirschten unter seinen Füßen zur Seite, er sprang fluchend auf uns zu. Erschrocken haben wir die Klappe wieder zugemacht. Adolf haben wir nicht wieder gesehen.</p>
<p>Wir sind gut in der Zeit. Über Neukölln (Lilaladen, Papiertüten statt Brotkisten!) geht es nach Kreuzberg, der letzten Station. Die Bäckerei Bäumer und Lutum hat sich im speziellen Sozialklima des Wrangelkiezes entwickelt und gut gehalten: ein bisschen öko, ein bisschen alternativ, ein bisschen kollektiv. Die Preise ein bisschen höher, aber Genuss ohne Reue. Laden und Bäckerei in der Cuvrystraße bilden einen Stollen, der tief in die Architektur des Altbaublocks hineingetrieben ist. Man kommt schwer rein. Vorne ist abends natürlich alles verrammelt. Man muss von einer Hofeinfahrt aus so lange an einem Fenster der Backstube klopfen, bis einer der Bäcker oder Bäckerinnen – hier gibt es auch Bäckerinnen – aufmerksam wird. Die sind dann genervt, weil sie ihre Arbeit unterbrechen, ganz nach vorne gehen und uns einlassen müssen. Wir versuchen, uns beim Verladen der Brotkisten so dünne wie möglich zu machen. Das geht aber nicht. Dauernd eckt man beim Einschieben der Kistenstapel im langen gewundenen Bäckereigang irgendwo an.</p>
<p>Wir müssen mit den Broten ganz nach hinten. Manchmal mache ich heimlich den hinteren Seiteneingang auf, damit der Weg nicht so weit ist. Das ist aber verboten, man könnte ja sonst was rausschieben und womöglich die Tür nicht wieder richtig zu machen. Die Belegschaft schwitzt und ist genervt. Wir stören den Ablauf, stehen dauernd im Weg, haben auch noch Fragen, zum Beispiel, wo wir den Lieferzettel hinlegen sollen. Wir machen, dass wir raus kommen.</p>
<p>Im fsk-Kino werden wir von LieferantInnen zu HändlerInnen in eigenem Auftrag. Wir übergeben die bestellten zwei Roggen-Vollkorn, das Mischbrot und das Saatenbrot und empfangen zwei Karten für den französischen Film „Alles bestens, wir verschwinden“. Zwei unserer Lohnbrote haben wir übrig behalten, zwei kleine, saftige, duftende Olivenciabatta. Dazu kaufen wir uns jetzt mit dem Geld, das wir für die Freundesbrote eingenommen haben, zwei kleine Flaschen Rotwein.</p>
<p>Zwischen der Leinwand und der ersten Sitzreihe plätschert der bunt beleuchtete Pausenspringbrunnen. Als seine letzten Fontänen sich auf den Boden senken und der schwarze Vorhang zur Seite gleitet, drehen wir die Schraubverschlüsse unserer Flaschen auf, prosten uns zu und beißen in unser Brot.</p>
<p><strong>Nachtrag</strong><br />
Das war vor fünf Jahren. Ich wurde ein paar Wochen später entlassen. A. konnte sein Misstrauen, dass ich zu viel Gas verfahre, nicht überwinden. Nachdem er mir sein schlechtes Gefühl anvertraut und es damit in mich reingedrückt hatte, bin ich vor Angst, wieder etwas falsch zu machen, beim Zurücksetzen vom Bäckereigelände gegen ein parkendes Auto gefahren. Da war es dann zu Ende. Vielleicht war es richtig so. Glückliche Episoden sind nur glücklich, weil sie Episoden sind.</p>
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		<title>Hand-Kuss-Kodierungen in kühlen Zeiten</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2012/11/30/hand-kuss-kodierungen-in-kuhlen-zeiten/</link>
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		<pubDate>Fri, 30 Nov 2012 10:08:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei Gemeindeangelegenheiten ist es höflich, sich die Hand zu schütteln. Das gilt für alle Zusammenkünfte, ob man nun herumsteht oder um Tische sitzt. Da werden komplexe Kreise gedreht und vielarmige Kontakte hergestellt. Die Handflächen scheinen geheime Botschaften zu enthalten, die gleichmäßig weiter verteilt werden.<br />
Die Höflichkeit erfordert es nicht, sich vorzustellen. Deswegen werden bei öffentlichen Anlässen auch immer wieder sich zufällig in Reichweite befindende Arme ergriffen. Die Aufforderung dazu kommt wie aus der Pistole geschossen: auf Taillenhöhe wartet der gestreckte, aufrecht gestellte Handteller, der Daumen weist wie ein gespannter Hahn nach oben. Im nächsten Moment hat er, der Daumen, sich um den Handrücken des genötigten Gegenübers geschlossen, drückt ihn beliebig lange und schleudert die Hand – und in ihrer Verlängerung den Unterarm &#8211; nach oben und dann wieder nach unten, bevor er ihn freigibt. Besser, man schappt zuerst zu, dann hat man den Prozess in der Hand.<br />
Manchmal nehme ich dabei die Pose der leutseligen reifen Dame ein und lege meine linke Hand gewinnend auf den Rücken der ergriffenen Hand, behüte gewissermaßen den gerade geschlossenen Bund.</p>
<p>Die Jugendkultur hat andere Varianten entwickelt, Fäuste gegeneinander oder mit den erhobenen Handtellern aneinander klatschen oder komplizierte Kombinationen davon. Das heißt „Check“ und ist städtisch, davon will ich hier nicht reden. Auch nicht von Handküssen, bei denen &#8211; anders als beim Essbesteck &#8211; die Etikette gilt, dass der Mund sich zur Hand zu beugen hat. Das macht zum Beispiel J. ganz falsch, wenn er zeigen will, dass er charmant sein kann. Dann zieht er die nach dem oben beschriebenen Schüttelmodus ergriffene Hand der Dame in die Nähe seines Mundes, sichert sie zusätzlich mit der linken Hand, damit sie nicht entschlüpfen kann, hält inne, schaut über den Rand seiner Brille, als wolle er den Moment des Handkusses lustvoll dehnen, sagt etwas Bedeutungsvolles – und lässt dann ab. Ja, nun habe ich doch drüber geredet. Aber nun bin ich dann auch beim Kuss.</p>
<p>Denn Stadt und Land mischen sich ja. Während die ländlichen Angewohnheiten im großen Mahlstrom der urbanen Kultur allmählich verschwinden, zieht das Französelnde im Verhaltensgepäck der Stadtflüchtlinge aufs Land. Küßchen, Küßchen. Gesäß nach hinten rausgeschoben wie beim argentinischen Tango, nicht berühren, höchstens flüchtiger Hautkontakt der Mundwinkel und ein zartes „p“ am Ohr der Betroffenen vorbei gehaucht. Ich bekämpfe das. Bin ich Französin? Wenn ich kann, umgreife ich mein Gegenüber und ziehe es regelwidrig an mich heran, bis die Körperfronten in Kontakt gehen, zwinge auch die Wangen aufeinander und lasse dann locker. Schwierig, wenn das Gegenüber auch die andere Wange hinhalten will und ich mich im Rückzug umentscheide und als Konzession das zweite Küßchen gewähren will. Dann stoßen die Nasen zusammen. Das tun sie auch mal, wenn nicht eindeutig ist, ob erst rechts oder erst links geküsst wird. Dann hat die Etikette versagt; sie soll ja gerade dafür sorgen, dass Kontaktaufnahmen ohne Bloßstellungen ablaufen.</p>
<p>Dieses Verständigungsproblem gibt es auch bei der handfesten traditionellen Umarmung. Zwei seitlich ausgestrecke Arme kommen sich leicht ins Gehege. Da gibt es dann die Männer-Frauen-Kodierung: die Frau hängt sich um den Hals, der Mann umfasst die Taille. Das kann bei eindeutigen Größenunterschieden auch geschlechtsübergreifend so gemacht werden. Männer klopfen sich dabei gerne noch auf den Rücken. Warum eigentlich? Es wirkt wie ein verlegenes wieder Abklopfen der Berührungsintimität durch Konnotation als väterliche Anerkennung oder Aufmunterung.</p>
<p>Es gibt in der Umarmungtechnik auch noch die Variante des Kreuzgriffs. Die Arme legen sich wie eine Schärpe diagonal um den Leib des Gegenübers. Auch dabei können Körperteile unschön aneinanderstoßen, wenn nicht klar ist, ob der linke Arm unten oder oben ist. Vorausschauende Diagonal-UmarmerInnen segeln deshalb in eindeutiger Schräglage aufeinander zu, damit Kollisionen durch Fehlstellungen schon vor dem Auftreffen der Körper korrigiert werden können.</p>
<p>Und es gibt den Übergriff: S. und P. zum Beispiel knutschen beim Umarmen. Das heißt, sie greifen das Gegenüber, legen es sich in ihrem Arm zurecht und beschmatzen seine Wange ausgiebig und geräuschvoll. Da gibt es kein Entkommen.</p>
<p>In kritisch-solidarischen Kreisen hat sich die Umarmung als absolutes Muss durchgesetzt. Alle umarmen sich, wie sich auf Dorffesten alle schütteln. Wie umarmt man sich, wenn man sich nicht umarmen will? Flüchtig und mit minimaler Berührung. Und einarmig. Der rechte Arm legt sich kurz auf den Rücken des Gegenübers, Wange oder auch Schläfe gehen flüchtig in Kontakt, und schon ist es vorbei. Auch da nehmen manche schon in der Annäherung eine eindeutige Haltung ein: die Schulter ist vorgeschoben, der Arm in halbrunder Stellung aufnahmebereit, der Kopf seitlich gestellt, dass die Berührungswange in Front geht.</p>
<p>Ich wünsche mir mehr Variationsmöglichkeiten. Manchmal greife ich doch entgegen den Gepflogenheiten mit beiden Armen zu und halte ein bisschen länger fest, um zu spüren, wann es dem Gegenüber ungemütlich wird. Ich versende mutwillig Signale, um zu erkunden, wo die zugelassene Etikette endet und die umarmte Person anfängt, sich Gedanken über die Art der Berührung zu machen.</p>
<p>Umgekehrt ist es schwieriger. Wie entkommen? Ich dachte schon an ein T-Shirt mit einer freimütigen Aufschrift: „Bitte nicht umarmen. Mir ist grad nicht danach.“ Das ist zu deutlich. Der Sinn der Etikette ist, Verhalten ohne Stellungnahme zu ermöglichen. Ich komme auch nicht ohne dieses Versteck aus. So habe ich nun eine schon seit Wochen anhaltende ansteckende Bronchitis, der man besser nicht zu nahe kommt. Ich meine es nur gut mit meinen kritisch-solidarischen Freunden und Freundinnen. K. hält das nicht zurück. Als ich sage: „Vorsicht, ich hab ne Erkältung“, lächelt sie und antwortet: „Das macht nichts, ich hab dieselbe,“ und zieht mich an ihr Herz.</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=361&amp;md5=b2ffa6dfcd456965c5bc4b6d468962eb" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Ein weites Feld</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2012/10/31/ein-weites-feld-teil-i/</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Oct 2012 12:56:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der falsche Zug fährt vorbei</em></p>
<p>Ich sitze auf einer Bank und lese in einem Buch. Die Bank ist aus Metallgeflecht und steht auf dem S-Bahnsteig am Ostkreuz. Das Buch ist mir eigentlich egal. Wichtig ist, dass die schräg gestellte Oktobersonne auf die Bank scheint. Der Zug nach Strausberg Nord wird in ungefähr einer Viertelstunde vom Gleis hinter mir, auf der Nordseite des Bahnsteiges, abfahren. Noch eine Viertelstunde gleißende, güldene Sonne.</p>
<p>Könnte es sein, dass ich vergesse, wie lang eine Viertelstunde ist? Die S5 nach Strausberg Nord fährt nur alle 40 Minuten. Und nur diese eine S-Bahn hat Anschluss an den Bus  927, der weiter nach Reichenow fährt.</p>
<p>Die Busse auf dem Land  fahren die Hauptverbindungsstrecken entlang und zweigen von dort in die Dörfer ab. Nicht alle Busse fahren in alle Dörfer. Meine Freundin K. hat für mich diesen ausgesucht, der mich nach Hause bringen wird. Aber ich darf die S-Bahn nicht verpassen.</p>
<p>Ich setze mich um, auf das kalte Gitter der Bank auf der anderen Seite. Der Blick kann jetzt ganz einfach über den Buchrand auf die Gleise gleiten. Aber dann kommt auch das mir nicht mehr sicher genug vor. Ich stelle mich an den Bahnsteigrand und schaue den ankommenden Zügen entgegen, damit ich gleich das Ziel an der Zugfront erkennen kann. Es gibt zwar auch eine Anzeigetafel auf dem Bahnsteig, aber ich habe mich schon entschlossen, dass, wenn es da Abweichungen geben sollte, ich der Auskunft des Zuges selber vertrauen würde.</p>
<p>Es kommt eine S-Bahn nach Wartenberg. Nach meiner Rechnung müsste die S5 folgen. Ich steige normalerweise am Ostbahnhof oder an der Warschauer Straße ein, deshalb weiß ich die Abfahrtszeiten von hier nicht genau. Es ist zwischen Bahnhof und Bahnhof aber fast immer ein Zeitintervall von 2 Minuten.</p>
<p>Auf dem nächsten Zug steht „Hoppegarten“. Das liegt zwar auf dem Weg, ist aber weit vor Strausberg. Könnte das ein Einstellungsfehler sein? Ich schaue zur Anzeigetafel hoch. Auch dort steht „Hoppegarten“. Ein Entlastungszug vielleicht. Bei den ICs fährt auch manchmal ein außerplanmäßiger Zug voraus, um schon mal einen Teil der Leute mitzunehmen.</p>
<p>Der Zug nach Hoppegarten verlässt den Bahnhof. Ich warte drei, vier Minuten und werde unruhig. Die S7 nach Ahrensfelde fährt ein. Eine andere Richtung, aber bis Lichtenberg dieselbe Strecke. Ein hastiger Blick auf den ausgehängten Fahrplan bestätigt mir, dass die S7 eindeutig nach der S5 kommt. Als ich das Abfahrtssignal höre, springe ich noch schnell durch die Tür.</p>
<p>Zwei Stationen weiter kommt der Bahnhof Lichtenberg. Von hier fährt der Regionalzug nach Osten bis an die polnische Grenze. Seine Abfahrtzeiten kenne ich auswendig. Wenn man die S-Bahn verpasst hat, kann man mit diesem Zug bis Strausberg Bahnhof fahren, dabei die verpasste S-Bahn überholen und in Strausberg Bahnhof umsteigen, um dann zehn Minuten später in Strausberg Nord anzukommen.</p>
<p>Bei der Einfahrt in Lichtenberg sehe ich den Regionalexpress mit der großen Aufschrift „Heidekrautbahn“ schon auf dem Nachbarbahnsteig. Lichtenberg ist sein Endbahnhof. Er bleibt zehn Minuten stehen, bevor er zurück nach Küstrin fährt. Im Tunnel überkommt mich aber doch Angst, dass die Bahn plötzlich losfährt, ohne mich, und ich in Lichtenberg hängen bleibe. Ich haste nach oben. Die beiden Waggons stehen ungerührt da. Die Tür öffnet sich auf Knopfdruck und schließt sich hinter mir wieder. Auch die Fahrgäste sitzen ungerührt, als sei gar nicht beabsichtigt, dass der Zug sich jemals wegbewegt. Er tut es zum vorbestimmten Zeitpunkt.</p>
<p>Wir rollen durch die Vororte. Ich habe wieder angefangen, in dem Roman zu lesen. Ohne nachzudenken habe ich mich auf die Sonnenseite gesetzt. Wenn – falls – wir die S-Bahn überholen, müsste sie auf der anderen, der nördlichen Seite zu sehen sein. Nach einigen Minuten klappe ich das Buch zu, um an den lesenden oder schlafenden Menschen vorbei durch das Fenster auf der anderen Seite zu schauen. Ich zwinge mich zur Aufmerksamkeit und schiebe ein Telefongespräch auf, in dem ich zu fragen vorhatte, ob mich vielleicht jemand mit dem Auto in Strausberg Bahnhof abholen kann.</p>
<p>In Fredersdorf ziehen wir dann tatsächlich an der S-Bahn vorbei. Fredersdorf liegt hinter Hoppegarten. Als ich zurückschaue, sehe ich den Schriftzug „Strausberg Nord“. Wie das? Wie kann das sein? Es ist die einzige S-Bahn, die wir überholt haben, und die fuhr laut Aufschrift nur bis Hoppegarten.</p>
<p>Jedenfalls ist es richtig, in Strausberg Bahnhof den Zug zu verlassen, es gibt gar keine andere Möglichkeit für mich. Die Ausgestiegenen strömen an mir vorbei; sie wissen, wohin sie wollen. Ich wandere nachdenklich ein Stück zurück bis zum S-Bahnsteig, um auf die S5 zu warten.</p>
<p><em>Den Bus erreichen</em></p>
<p>Wenn sie aber nicht kommt? Wenn sie ihr Fahrtziel ändert? Vielleicht habe ich doch falsch gelesen? Ich brauche ja nicht die S-Bahn, sondern ich brauche den Bus, den 927er von Strausberg Nord nach Wriezen, der mich nach Reichenow bringt. Mir fällt ein, dass der Bus möglicherweise schon von hier abfährt.</p>
<p>Auf der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes stehen Busse. Ich könnte gucken, ob der 927er dabei ist. Reicht die Zeit, notfalls zurück zu gehen? Ich rechne die Fahrtzeiten nach, schätze die Entfernungen, vergleiche errechnete Zeitspannen und gehe los.</p>
<p>Es ist der 927er. Der Busfahrer steht mit zwei Fahrgästen, die ihm bekannt sind, vor der Tür und raucht. Er lässt noch keinen rein. Noch könnte ich zurück und die S-Bahn nehmen, wenn sie denn kommt. Aber warum sollte der Bus nicht fahren? Warum noch einmal umsteigen? Eine plötzliche Abschweifung erfasst mich. Gegenüber ist eine Bäckerei; ich will zwei Brötchen kaufen und mit Thomas ein schönes Mittagessen haben, wenn ich angekommen bin. Während ich hinübergehe, wähle und zahle, fährt im Bahnhof die S-Bahn ein &#8211; und davon.</p>
<p>Aber alles geht gut. Ich sitze mit der Brötchentüte im Bus, der gleichmäßig brummend Richtung Norden fährt. Die wenigen Fahrgäste haben sich in der Tiefe des Busses verteilt. Ich sitze hinter dem Fahrer, der einen Ohrring trägt. Die Sitze sind teppichartig bezogen. Sie schwanken und schweben über der durchfahrenen Straßenlandschaft. Ich fühle mich in Sicherheit, fast schon zuhause angekommen.</p>
<p>Strausberg ist eine lange, sehr lange Stadt. Villenvororte, Wohnblock-Gegenden, Beamten-Siedlungen, dann die Innenstadt. Der 927er fährt an der Stadtmauer entlang. Am Gymnasium steigen geschminkte Mädchen und gelangweilte Jungen ein. Alle haben Stöpsel in den Ohren, gegen die sie anreden. Noch mal Beamtensiedlungen, das Krankenhaus, die Einkaufszentren, dann kommt der S-Bahnhof Strausberg Nord. Die S-Bahn war da und ist schon wieder weg, alles fahrplanmäßig. Hier stünde ich jetzt, wenn ich mich anders entschieden hätte. Erleichtert würde ich den Bus ankommen sehen, denn ich hätte bis zum letzten Moment gezweifelt, ob K. den Fahrplan richtig gelesen hat. Aber nun ist er da, der Bus, und noch besser: ich sitze schon drin.</p>
<p>Einsteigen vorne, aussteigen hinten. Während der Fahrt werden die kommenden Stationen auf einem Schriftband über dem Mittelgang angezeigt. Die Haltestellen sind nach Einrichtungen benannt, die es gar nicht mehr gibt: Gesundheitszentrum, Sägewerk, Forsthaus. In Prötzel fährt der Bus eine Schleife, um Kinder aus der Grundschule aufzunehmen. Sie werden von einem Betreuer bis zur Bustür begleitet und einzeln an den Schultern hinein geschoben.</p>
<p>Nach Prötzel folgt der Bus der Straße bis nach Prädikow, wendet dort an der Haltestelle, lässt zwei Frauen aussteigen und fährt zurück zur Hauptstraße Richtung Wriezen. Herzhorn liegt am Weg und wird angefahren.  Danach kommt eine Haltestelle auf freier Strecke, die „Reichenow Kreuzung“ heißt. Sie ist aber noch zwei Kilometer vom Reichenower Ortseingang entfernt. Hier aussteigen ist zu früh. Der Bus fährt rechts herum bis ins Dorf hinein.</p>
<p>Aber der 927er, in dem ich sitze, tut das nicht. Er fährt an der Abzweigung vorbei. Der falsche Bus, die falsche Verbindung. K. hat doch nicht richtig gelesen, oder sie kennt den Unterschied zwischen Reichenow Kreuzung und Reichenow Dorf nicht. Dann hätte ich doch hier aussteigen müssen. Aber dazu ist es nun zu spät. Ich muss an der nächsten Haltestelle raus. Das ist die Station „Frankenfelde Abzweig“.</p>
<p><em>Weg ins Offene</em></p>
<p>Ein paar verstreute Häuser und eine Querstraße, die nach Westen in ein anderes Dorf führt. Nach Osten, Richtung Reichenow führt gar nichts. Um auf die nächste Verbindungsstraße zu kommen, hätte ich jetzt noch eine Station weiter fahren müssen. Nun stehe ich da, der Bus fährt davon. Ich bin allein mit einem leeren Bushäuschen. Es ist eine Art Blockhütte aus Baumstämmen. Das massive Schutzangebot verweist darauf, dass man es wohl brauchen wird. Aber ich will hier nicht bleiben. Ich will nach Hause.</p>
<p>Ein weites Feld dehnt sich östlich der Straße, ein sehr weites Feld. Es ist gar nicht absehbar. In der Ferne, in winzigster Stecknadelkopfgröße die Alleebäume der Straße, die nach Reichenow Dorf geführt hätte. An der Hauptstraße werde ich nicht bis zum Abzweig zurücklaufen. Die Autos schießen auf Tuchfühlung vorbei. Einen Seitenstreifen gibt es nicht.</p>
<p>Es bleibt das Feld. Ich gehe querfeldein. Ich betrete die braune Erde, aus der kleine grüne Halme herausschauen. Es macht nichts, wenn ich darauf trete. Das ist alles nur Gründüngung oder bestenfalls Biomasse für die Energieproduktion. Pflanzenschutz wird nicht gewährt sondern gesprüht. Alles andere ist Sentimentalität. Das hier ist Winterroggen. Er wird eingesät, damit sich keine anderen Pflanzen auf dem leer geputzten Acker ausbreiten können, bevor die Wachstumspause anfängt. Vor zwei Wochen waren hier die großen Erntemaschinen unterwegs, um die Zuckerrüben einzubringen. Noch ist nicht alles weg, Halden von Rüben liegen an den Feldrändern.</p>
<p>Man sagt hier nicht „Feld“, auch nicht „Acker“, sondern „Schlag“. Dieser Schlag, dieses zusammenhängende Stück Agrarfläche hat gigantische Maße. Kolonnen von Erntefahrzeugen verlieren sich spielend darin. Mit Janne, dem Patenenkel, habe ich am Rand gestanden und zugesehen, wie die Rüben aufgeladen und Lastwagen für Lastwagen davon gefahren wurden. Schon ist alles wieder geglättet, gescheibt, neu eingedrillt. Zwischen den grünen Halmen liegen hier und da halb in der Erde steckende, verlorene Rüben und abgeschnittene Wurzelstränge. Sie sehen aus wie kleine Schädel und bleiche Knöchelchen.</p>
<p>Ich halte auf den fernen roten Fleck zu, der die Reichenower Schlossfahne sein könnte. Es ist wie an einem weiten Strand, der sich nach allen Seiten dehnt. Man verliert das Gefühl für die Dimensionen. Die Schritte werden geschluckt. Der Blick gleitet von den Details unter den eigenen Füßen zu den Punkten in weiter Ferne; zwischen ihnen besteht ein groteskes Missverhältnis. Die Zeit verliert alle Konturen. Man könnte immer so weiter gehen.</p>
<p>An einem dunklen Wintertag hatte ich eine Wanderung nach Batzlow machen wollen. Es lag hoher Schnee. Das hatte mich gelockt, aber es wurde dann schwerer, als ich gedacht hatte. Der Hohlweg war so voll geweht, dass ich, nachdem ich mich schon weit vor gearbeitet hatte, einfach nicht mehr weiter konnte. Ich wollte auch den mühsamen Weg nicht zurück und hatte mir überlegt, dass auf dem freien Feld vielleicht besser voran zu kommen ist, weil es weniger Widerstände gibt, an denen sich Schneewehen bilden könnten. So schlug ich den Rückweg über das Feld ein.</p>
<p>Ich wusste nicht, was sich unter so einem weiten, verschneiten Feld alles verbergen kann. Es gab Hügel und Mulden, Gräben und Gestrüpp und immer wieder tiefe Schneewehen, die ich vom Weg aus nicht gesehen hatte. Ich stolperte voran, mit jedem Schritt erst bis zu den Knien, dann bis zu den Oberschenkeln einsinkend. Das Feld dehnte sich endlos. Ich hatte das Gefühl, überhaupt nicht weiter zu kommen. Ich hatte keine Kraft mehr, ich konnte die Beine kaum noch hochziehen. Es wurde dämmrig. In der Ferne war die Straße zu sehen. Manchmal fuhren Autos vorbei. Mein Rufen wurde vom Schnee geschluckt. Mein Armwedeln hat niemand gesehen. Wie auch? Wer schaut dahin, wo er nichts zu sehen erwartet? Ich dachte an mich selbst zurück als eine, die an einem Winterabend auf dem Feld liegen geblieben und erfroren ist. Aber ich wälzte mich doch weiter aus jeder Schneewehe heraus. Als ich den Weg erreichte, funkelten die Sterne über mir.</p>
<p><em>Verborgen im Nirgendwo</em></p>
<p>Auf dem Reichenower Feld liegt kein Schnee, nur die bleichen Rübenreste zwischen den winzigen, zarten neu aufgegangenen Halmen. Alle sechs oder sieben Meter eine Traktorspur. Sonst nichts. Ich schaue zurück. Meine Fußspuren sind kaum zu erkennen. Hier ist der Ort Nirgendwo. Wenn ich eine Leiche zu vergraben hätte, wäre das wahrscheinlich ein guter Platz. Hier sucht niemand. Hier kommt niemand zufällig vorbei. Die Traktorfahrer, die zwei- oder dreimal im Jahr durchfahren, sehen wahrscheinlich bei der Arbeit fern.</p>
<p>Links vor mir gibt es vielleicht zweihundert Meter entfernt ein paar Flecken, deren Braun sich vom Boden abhebt. Findlinge können es nicht sein; die wären längst an die Seite geräumt. Die Flecken bewegen sich. Als ich näher komme, stehen sie auf. Auch sie haben mich wahrgenommen. Rehe verstecken sich tagsüber im Unterholz – oder in der Weite. Da sind sie sicher. Wenn sich Gefahr nähert, sind sie schnell genug, um rechtzeitig zu entkommen. Die Gruppe setzt mit anmutigen Sprüngen über das Feld. Das letzte Reh bleibt noch eine Weile stehen und sieht zu mir herüber, bevor es den anderen folgt.</p>
<p>Ich kreuze eine diagonal verlaufende Fahrzeugspur, die schmaler und tiefer ist als die von den Traktoren. Ich folge ihr mit den Augen bis zu einer entfernt liegenden Niederung, in der Schilf und ein paar Bäume wachsen. An ihrem Rand erkenne ich einen Hochsitz. Die Gewehrkugel ist schneller als das fliehende Reh, aber so weit reicht sie wohl doch nicht. Wenn die Schläge noch größer werden, werden die Jäger irgendwann mit intelligenter Munition schießen, die klein, kompakt und gefährlich den Rehen hinterher fliegt.</p>
<p>Auch im Land Nirgendwo gibt es Leben und Geschehen. Ein Farbwechsel im Boden wird sichtbar. Ich überschreite eine Vegetationsgrenze. Hier hat bis vor kurzem Mais gestanden. Die grauen Strünke stecken noch im Boden. Gehäckselte Blätter und einzelne Maiskolben liegen verstreut. Ich suche den Horizont mit den Augen ab. Der rote Punkt, den ich für die Schlossfahne halte, ist deutlich zu erkennen. Ob sie näher gekommen ist, kann ich nicht beurteilen; ich habe keinen anderen Vergleich als die Erinnerung, und in der gibt es keine Größenmaßstäbe.</p>
<p>Ich durchwandere das Maisfeld. Die Farbe der einzelnen, liegen gebliebenen Maiskolben ändert sich von ausgeblichenem Gelb zu Kieselgrau. Es fehlen die Maiskörner. Die Kolben sind nur noch Gerippe. Auch die Erde verändert sich, sie ist wie gekräuselt. Es gibt Fußspuren. Große, dreizackig gegabelte, vielfach übereinander liegende Fußspuren. Das müssen große Vögel gewesen sein. Ich finde fein geformte, leicht gebogene, flaumweiche Federn und schwarzweißen Vogelkot. Die großen Vögel haben gegessen, sie haben sich geputzt, haben sich hin und her bewegt, haben verdaut und sind dann weiter geflogen. Hier in der schützenden Weite stört sie niemand.</p>
<p>Auch ich bin in der Weite verborgen, das wird mir bewusst. Eingehüllt im Alleinsein. Wenn ich hier pinkele, sieht es niemand. Ich lege mein Gepäck ab, knöpfe die Hose auf und hocke mich hin. Das Wasser rinnt zwischen den Strünken durch, es wird vom Boden aufgesogen und es bleibt nichts als eine leichte Verfärbung zurück. In der Ferne höre ich sirrende Geräusche.</p>
<p>Zwei Vogelschwärme kommen vom nördlichen Horizont in meine Richtung geflogen. Sie kreisen umeinander, vermischen und teilen sich und geben dabei lang gezogene, krächzende Laute von sich. Ich sitze ganz still und beobachte sie. Ob sie wirklich hierher fliegen? Immer wieder sieht es so aus, als ob sie ihre Richtung ändern wollen, aber sie scheinen nur systematisch den Grund unter sich abzusuchen. In Kreisen kommen sie näher. Ich kann die langen Hälse, die gestreckten Beine und die langsam schwingenden Flügel sehen. Sie suchen und sie verständigen sich. Jetzt kreisen sie über mir. Ich bin ein Teil des Bodens, eine kleine Erhebung. Ich habe den Kopf nach hinten gelegt und sehe ihnen entgegen.</p>
<p>Dann stehe ich auf, immer noch den Kopf in den Nacken gelegt, und breite langsam die Arme aus, als wollte ich mich zu meiner eigenen Größe bekennen. Sie sehen die Bewegung auf dem Feld, eine Bewegung, mit der sie gerechnet haben, die sie aber nicht wünschen, fliegen krächzend noch ein paar Runden und ziehen dann, langsam kreisend über mich hinweg. Ich schaue ihnen nach, bis sie am Horizont verschwinden. Mit der Brötchentüte in der Hand gehe ich weiter.</p>
<p>&nbsp;</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=344&amp;md5=f411916241672b192da4951697bd5dd8" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Weitreichende Verbindungen (Schluss)</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Sep 2012 06:34:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>- Die Brennessel. Mein Bier ist leer. Ich betrachte die Grenze zwischen Gebüsch und Damm. Im Grunde ist das eine Schengen-Grenze! Um das Kernland, die Klärbecken, wirksam schützen zu können, muss man die Randgebiete kontrollieren. Wenn hier kein Immigrant durchkommt, braucht man im Becken gar nicht mehr zu suchen. Also muss der Randstreifen vor allem unterm Zaun von Pflanzen freigehalten werden. Dann braucht man nur noch zu kontrollieren, dass aus dem Gebüsch keine neuen nachwachsen.<br />
Eigentlich wäre es kein Problem, wenn auf dem kleinen Damm Brennesseln wachsen, aber im Interesse der Sicherheit des Kernbereichs… Und die Brennesseln sind ja auch nicht blöd. Die zeigen sich auf dem offenen Streifen gar nicht, sondern versuchen unter der Tarnung der Grasnarbe vom Paschtunen-Hinterland gleich zu den Ressourcen der Metropole vorzustoßen. Damit ist jetzt aber Schluss. Ich wühle nach und nach alle vier Seiten durch. Eine befriedigende Arbeit: keine Schilfschösslinge, die zertreten werden können, lockere Erde, reiche Beute. Ich sammle die fingerdicken, meterlangen Verbindungsstränge mit allem, was dranhängt, und werfe sie zum späteren Abtransport auf die Einfahrt. Dann kehrt die KFOR-Truppe von ihrer Mission ins Quartier zurück. Aber die Erinnerung an die achtlos auf den Weg geworfenen bleichen Brennesselgebeine bleibt haften.<br />
Abends erforsche ich die so vertraute und so vielseitige Pflanze noch einmal genauer. Sie ist gut gegen Arthritis und gegen Rheuma, aber auch gegen Hexenzauber und Donnerschlag. Besonders die Wurzeln haben es in sich – sie können gehackt und getrocknet aufgehoben werden und sollen als Tee oder als Auszug bei allen möglichen Gelegenheiten helfen.<br />
Jetzt geht es mir wie S. mit den Straßenbäumen: nachdem die Brennesseln nun mal raus sind, sollte man sie auch nutzen. Am nächsten Tag hole ich einen Arm voll Wurzelstränge, säubere sie und schneide sie in kleine Stücke. Sie liegen auf der Heizung und trocknen. Könnte sein, dass sie weitere Projekte nach sich ziehen. </p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=340&amp;md5=5c7e2c63279d6b69eb2c798eaf1ae477" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Weitreichende Verbindungen (Teil II)</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Sep 2012 06:33:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Stimmen kommen von der Straße. Motorengeräusche. Das Klappen von Autotüren. Durch die Zweige sehe ich, wie aus einer kleinen Gruppe von Menschen auf den gelben Pflock gezeigt wird. „Das ist die Grenze vom Straßenland. Bis dahin gehört das eigentlich alles zu uns.“ Oha. Mitten in meinem Brennessel-Kampfgebiet-Hinterland! Was geht da vor? In der kleinen Ansammlung, die offenbar zu einer Besprechung zusammengekommen sind, erkenne ich S. vom Gutshof. Ich stelle mein Bier an die Seite und streife die Gummihandschuhe ab. Vom Fahrweg aus trete ich zu der Gruppe. Tatsächlich ein Lokaltermin der Kreisstraßenmeisterei. Es geht um die Straßenbäume.<br />
Vor zehn Jahren, als die Becken hier angelegt wurden, sah man vom Gutshofgelände Richtung Westen auf mächtige Lindenbaumkronen. Die Linden hatten den Pilz, waren unten nur noch schlecht verankert, innen morsch und außen brüchig. Eine nach der anderen fielen sie der jährlichen Baumschau zum Opfer. Die Experten entnehmen Gewebeproben und fällen Urteile. Die Beprobung ist streng, die Richtlinien sind genau, die Sachverständigen sind unbestechlich. Die Kettensägen rücken an, dann die großen Häckselmaschinen, dann die Stubbenfräse. Und wo ein Baum war, ist jetzt ausgedehnte Landschaft.<br />
S. leidet mit jedem Baum, der fällt. Auch wenn er das anfallende Brennholz nicht verachtet, denkt S. doch über seinen Zeithorizont hinaus. Die Alleen müssen jetzt nachgepflanzt werden, damit die nächste Generation nicht nur Holz sondern auch Blattwerk hat. Die Kreisstraßenmeisterei fällt, aber pflanzt nicht nach. Kein Etat dafür, keine Anweisungen. Der Mangel an Geldbereitstellungsbereitschaft wird fadenscheinig in ein Konzept verwandelt: Erst müssen alle Bäume gefallen sein, dann pflanzt sich’s besser!<br />
S. will nicht darauf warten. Nach vielen Sondierungsgesprächen hat er erreicht, dass er als Anwohner Bäume nachpflanzen darf. Sein beharrliches Vorsprechen hat ein weit verzweigtes Netzwerk von zuständigen Behörden und Instanzen zum Vorschein gebracht, die sich jetzt mit diesem nicht vorgesehenen, aber von der Sache her doch schwer zurückzuweisenden Fall von Bürgerbeteiligung befassen müssen.<br />
Es wurden ihm gleichzeitig Auflagen und Versprechungen gemacht. Die Bäume müssen von der Sorte her stimmen – Winterlinden – und müssen zweimal geschult sein. Das heißt, zweimal umgepflanzt, damit sich ein ansehnlicher kompakter Wurzelballen und ein kräftig nach oben strebendes Stämmchen bilden. S. hat Protektion von der unteren Naturschutzbehörde und vom Gemeinderat. Die Schlosspächterinnen haben ihm eine brachliegende Pferdekoppel als Baumschule zur Verfügung gestellt. Auch Bäumchen wurden ihm in Aussicht gestellt, zum Teil sogar schon geschult, also pflanzbereit. Die Kreisstraßenmeisterei konnte nicht länger zögern, wollte aber die Kontrolle nicht aus der Hand geben.<br />
Jetzt geht es darum, wo genau gepflanzt werden kann. Frau A. vom Vermessungsamt hat einen Plan in der Hand. Da sind die von der „Bürgerinitiative S.“ zu pflanzenden Bäume als grüne Kreise eingezeichnet. Zwei kommen in den Gebüschstreifen vor der Kläranlage. Aber da steht doch schon ein Baum! Eine Linde, die S. früher schon in die Bepflanzung integriert hat und die inzwischen ein paar Meter über die Strächer hinausragt. Frau A. deutet mit ihrem Kugelschreiber auf den Baum. „Die muss dann aber auch wieder weg!“ Wieso das denn? „Die steht dann nicht in der Flucht. Die sollen doch dann alle in einer Reihe stehen, oder?“ S. nickt ergeben.<br />
Die Reihe der Markierungspflöcke setzt sich in der Straßenflucht fort &#8211; am Hackschnitzelbunker, an der eingezäunten Weide nebenan, an K.’s kleinem Maisschlag, seinen Kuhställen, an der auslappenden Ackerfläche von Bauer Sch. bis zum einsam liegenden Haus der Ärztin, wo früher die örtliche Stasi-Niederlassung war.<br />
Noch ein Wagen. Noch ein Sachverständiger. Wenn Behörden einen Lokaltermin veranstalten, brauchen sie viel Parkfläche. Es kommt praktisch jeder mit eigenem bzw. diensteigenem Wagen. Frau W., die Chefin, und ihre Mitarbeiterin sind aus Seelow gekommen. Die Mitarbeiterin hält das Maßband. Frau P. aus Reichenberg ist das ausführende Organ. Frau A. vom Planungsamt hat jetzt die Pläne mit den unterirdischen Versorgungsleitungen hervorgeholt. Stromkabel liegt hier, Wasserleitung wahrscheinlich auch. Gas nicht. Herr W. mit bürstenartigem Kopf- und Schnurrbarthaar gebärdet sich wie ein Gutachter, von dessen Urteil hier viel abhängt. Verschiedene Mess- und Dokumentations-Geräte baumeln über seiner Trekkingjacke. Er prüft die noch stehenden Bäume. Er fotografiert den Grabenverlauf, bohrt mit den Spitzen seiner Trekkingstiefel in der Erde und redet dabei auf alle ein. Es stellt sich heraus, dass er freiberuflicher Landschaftsplaner mit eigenem Büro ist, also kein Behörden-Angehöriger, als Subunternehmer mit diesen aber eng verbandelt. Er hält S.’s Initiative für zukunftsweisend und will ein Pilotprojekt daraus machen, das er wissenschaftlich zu begleiten vorhat. Herr B. ist von der unteren Naturschutzbehörde und ganz in grün gekleidet. Er freut sich, hält dieses Treffen für einen “Durchbruch“, zu dem er die Anwesenden beglückwünscht. Ich selbst gebe mich als Gemeinderats-Vertreterin zu erkennen. Der Gemeinderat hat der Kreisstraßenmeisterei gegenüber sein Missfallen über die exzessiven Baumfällungen zum Ausdruck gebracht und unterstützt S. nachdrücklich.<br />
S. hat sich in die zweite Reihe des Kreises gestellt. Er betrachtet das Gras vor seinen Füßen. Während die Anderen Pläne prüfen und Messungen vornehmen, tastet sein Blick die Stellen ab, wo die Bäumchen hin sollen. In diesem Frühling wird es nun doch nichts mehr werden. Der Naturpark kriegt die versprochenen Bäumchen nicht mehr rechtzeitig aus der Erde. Die vier Damen von der Behörde finden das nicht so tragisch. Umso mehr Zeit ist, die Sachlage zu prüfen und Akten zu bearbeiten. „Dann müssen wir die VAO noch mal beantragen“, sagt Frau P., die für den Kontakt mit der Verkehrsbehörde zuständig ist. Was bitte ist die VAO? Eine Verkehrswege-Anordnung. Die braucht man, wenn man sich am Fahrbahn-Seitenstreifen zu schaffen macht. Und die kostet. Die Straßenmeisterei hat sie schon beantragt. Bis zum Herbst ist die aber verfallen. Muss zum gegebenen Zeitpunkt also noch mal neu beantragt werden. „Besser erst später“, meint Frau W., „wer weiß, was noch dazwischen kommt.“ Genau das hat Herr B. von der Unteren Naturschutzbehörde befürchtet. Er ist unzufrieden. Schon wieder eine Verschiebung, und noch immer ist die Pflanzung nicht sicher. „In der Zwischenzeit können Sie sich ja in Ruhe den Vertrag durschlesen“, tröstet Frau B. den Anwohner S., so als wenn der zum Durchlesen ein halbes Jahr brauchen würde! Der Vertrag verpflichtet ihn, der sich ja freiwillig und unendgeltlich für Jahre Arbeit aufgehalst hat, in strengem Ton zu allem möglichen. Na ja, das kann er sich ja in Ruhe durchlesen. Ich mache den Fehler, den Gemeinderat ins Spiel zu bringen. Der sei sicher auch interessiert, den Vertrag genau durchzulesen. Das finden die Behörden-Mitarbeiterinnen eine unnötige Einmischung. Was hat der Gemeinderat damit zu tun? Frau W. bemerkt spitz: „Die Gemeinde kann gerne selbst eine Pflegemaßnahme übernehmen. Aber das wollen sie ja nicht, wegen der Kosten!“ Frau P. betont, dass man den Vertrag ruhig angucken kann, daran sei nichts auszusetzen. Sie wedelt mit dem Papier vor S.’s Gesicht und sagt zum zehnten Mal, dass er sich den in Ruhe durchlesen kann. Dann fällt ihr ein, dass der Vertrag ja nun geändert werden muss, weil die Massnahme doch jetzt später anfängt. Sie will den Entwurf wieder wegpacken, dann fällt ihr ein, dass S. ihn eigentlich trotzdem ruhig schon durchlesen kann. Sie hat ja den Entwurf in ihrem Rechner. Umständlich wird ein Abgleich der Fassungen verabredet.<br />
Möglichst weit nach außen sollen die Bäume, wegen der Leitungen. Aber ich glaube, die Straßenmeisterei möchte auch ihren Wirkungsraum ausschöpfen. Das sehe ich an dem Blick, mit dem die vier Frauen den Asphalt bestreichen. Sie haben so viele Maschinen, mit denen Fahrbahn, Seitenstreifen, Bankette, Graben und Baumscheiben in Ordnung gehalten werden, im Sommer und im Winter. Das braucht Platz. Und wer weiß, vielleicht wird die Straße ja doch irgendwann mal neu gemacht. Dann sollen die neu gepflanzten Bäume nicht im Weg stehen.<br />
Wenn die neuen Bäume weiter außen stehen, sieht man auch gleich, dass die alten eigentlich viel zu eng stehen. Das gibt weniger Widerstand bei den nächsten Fällungen. Die letzten Bäume in diesem Allee-Abschnitt haben noch eine Lebensfrist von ein, zwei, höchstens drei Jahren. „Was passiert eigentlich mit dem Holz?“ frage ich lauernd. „Das wird verkauft“, antwortet Frau P.; alles hat seine Richtigkeit; „für 12 Euro der Festmeter“. „Was denn für ein Holz?“ fragt jetzt S., der seinen Küchenherd gerne mit Robinienholz heizt. „Gemischt“, erklärt Frau P., „von allem was, Linde, Eiche, Robinie, auch dünnere und dicke Stämme. Damit es gerecht ist“. „Und wohin geht das Geld?“ frage ich weiter. „Na ja, in die Landeskasse.“ „Aber wenn man so viel Bäume fällt, sollte man dann nicht wenigstens das Geld vom Holzverkauf für die Wiederaufforstung zweckbinden?“ mischt sich B. von der unteren Naturschutzbehörde ein. Frau P. wirft einen schnellen Blick zu Frau W. und lächelt zögernd. „Das ist sicher schwer, die Kämmerei hat doch sowieso ein Defizit. Da müssten Sie mal eine Eingabe machen“ (wird fortgestzt)</p>
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		<title>Weit reichende Verbindungen (Teil I)</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2012 16:28:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>„Brennesselbusch, du kleine, was stehst du da alleine?“ sagt Jungfer Marleen, die vertauschte Märchenbraut, auf dem Weg zur Kirche. Alleine? Da irrt sie sich!<br />
Brennesselverbände sind straff organisierte Geheimbünde. Sie graben ihre Tunnel knapp unter der Grasnarbe, verzweigen sich auf der Suche nach gutem Nährboden in alle Richtungen und verwurzeln sich da. Und erst wenn der Standort gesichert ist, wächst das niedliche kleine Pflänzchen zur gefährlichen Kampfnessel heran.<br />
Ich habe mir aus einem Grabezinken eine scharfe kleine Handklaue gebaut &#8211; Thomas sagt: Sauzahn. Der Zinken ist mit der Schleifmaschine angespitzt, auf einen massiven Handgriff aufgebaut und doppelt verschraubt. Diesen Sauzahn trage ich zusammen mit Gummihandschuhen und einer Flasche Bier in einem Stoffbeutel zur Schilfkläranlage.<br />
Der Stoffbeutel mit dem Bier hängt am Lattenzaun. Der Sauzahn liegt in meiner Hand. Er ist mein Spürhund. Die Spitze dringt unter die Erdoberfläche und durchkämmt den weichen Boden auf der Suche nach Widerstand. Ein sehnig-zähes Zurückhalten zeigt an, dass hier was wächst, was nicht wachsen soll. Eine Brennesselwurzel. Nochmal reinhacken, nach oben ziehen, nicht zu heftig – die Wurzel soll nicht reißen, sondern mich zu ihrem Anhang führen. Der Sauzahn schnüffelt nach rechts und nach links, erspürt festere Stellen, wo die Rhizomwurzel ihre Haltepunkte hat. Mit der linken Hand – im Gummihandschuh – fasse ich nach, lockere den Wurzelstock, an dem eine weitere zähe Verbindungsader sichtbar wird.<br />
Jetzt kann ich es wagen. Ich lege den Sauzahn an die Seite und fasse den Wurzelstrang mit beiden Händen. Vorsichtig, aber entschieden und dann immer kräftiger zerre ich an der Wurzel. Sie spannt sich; ich spanne sie wie die Sehne eines großen unterirdischen Bogens. Ich stämme mich gegen den Strang, ich reiße, stoße brutale Laute aus. Ich will sie jetzt besiegen, die Brennessel-Wurzel. Und sie gibt nach &#8211; und entblößt dabei noch mehrere Seitenstränge des Clans. Der Erdboden bricht in langen Rissen auf. Die Wege gehen durch ein Kiesbett bis in den morastigen Grund des Schilfbeckens.<br />
Hab ich euch! Ich hebe die zwei Meter lange Wurzel hoch, ein Schlangengebilde, das ich mit sadistischer Genugtuung betrachte. &#8211; Was tue ich hier? Was sind das für Gefühle? Wieso empfinde ich solche Befriedigung beim Ausreißen der Brennessel?<br />
&#8220;Brennettelbusch, Brennettelbusch so klene,<br />
Wat steist du hier allene?<br />
Ik hef de Tyt geweten,<br />
Da hef ik dy ungesaden, ungebraden eten.&#8221;<br />
So geht er nämlich weiter, der Spruch von Jungfer Marleen. Zehn Jahre war sie eingemauert, bis sie sich durch die Wand ihres Verließes kratzte. Im Schutt der verfallenen Welt draußen fand sie nur Brennesseln. Und von denen lebte sie, bis sie in die Menschenwelt zurückfand.<br />
Warum bekämpfe ich dieses genügsame, nahrhafte und heilkräftige Kraut mit solcher Wut?<br />
Der Gutshof hat eine eigene Kläranlage. Das schmutzige Wasser fließt in zwei Becken, die mit Folie ausgeschlagen, mit Sand gefüllt und mit Schilf bepflanzt sind. Das Schilf bringt Sauerstoff in den Boden. Den brauchen die Bakterien, die im Boden leben, um die Restbestände von Seife, Urin, Waschpulver und was da sonst noch ankommt, verdauen zu können. Das gereinigte Wasser fließt durch einen Tunnel ab, unterm Gebüsch, unter der Straße hindurch bis auf K.’s Acker, wo es schließlich im Untergrund versickern darf.<br />
Schilf und Bakterien schaffen sich im Laufe der Jahre ihren eigenen Humus. Es geht ihnen gut. Das Schilf wächst und verbreitet sich. Dicke Wurzeln gehen in alle Richtungen. Im Frühjahr kommen neue Triebe ans Licht, die am Tag mehrere Zentimeter wachsen. Im Untergrund nagen die Bakterien und bereiten dem Schilf neue Nahrung. Aber jede Idylle schafft ein Feld von Begehren an seinen Rändern und schon ist der Friede vorbei. Es gibt immer andere, die was abhaben wollen.<br />
Die Brennessel ist auf unterirdischer Wanderschaft. Der Sauerstoff, den die Bakterien brauchen, und der Stickstoff, von dem die Schilfpflanzen leben, ist genau das, was die Brennessel sucht. Also bewegt sie sich unauffällig durch Erde, Kies und Sand bis in die Siedlungsgebiete des Schilfs. Die nachwachsenden Würzelchen winden sich um die fetten Schilftriebe und verbrauchen deren Nahrungsgrundlage.<br />
Die Brennessel ist ein Heilkraut. Mit vielen Vitaminen (doppelt so viele wie die Zitrone), mit Salzen und Säuren, Serotonin, Histamin, usw. ist sie gesund für Haut, Haar und Harn. Sie reinigt das Blut und erleichtert das Urinieren. Die Brennessel ist auch die Lieblingsnahrung von Schmetterlingslarven, die sich geschickt um die Brennhaare herumfuttern. Einige Schmetterlinge wie der Admiral und das Tagpfauenauge fressen gar nichts anderes. Die Brennessel schmeckt auch dem Menschen gut, in der Not auch „ungesaden und ungebraden“, in besseren Zeiten als Suppe oder als Spinat. Man kann aus ihren Schäften Fasern gewinnen und Stoffe weben, das „Leinen der armen Leute“.<br />
Die Brennessel ist eine gute Pflanze. Sie wird gebraucht und soll wachsen. Aber nicht hier. Hier wird gearbeitet. Schilf und Bakterien sind nicht zum Vergnügen hier, sondern haben die Aufgabe, das Wasser zu reinigen. Einmal im Jahr kommt der Sachverständige von der Wasserbehörde. Dann wird der Betondeckel geöffnet, der sich im Gebüschstreifen zwischen Schilfbecken und Straße verbirgt. Der Sachverständige steigt hinab und entnimmt eine Wasserprobe. Die Beprobung ist streng, die Grenzwerte sind genau, der Sachverständige ist unbestechlich.<br />
Die Fremdeinträge im Klärbecken müssen weg! Und zwar so früh wie möglich. Wenn zwischen dem alten abgetrockneten Schilf die ersten Brennesseln zu wachsen beginnen, ist es eigentlich schon zu spät. Denn beim Versuch, sie auszureißen, muss man in den Morast waten und zertritt dabei die frischen Schilftriebe.<br />
Unkraut jäten ist unbeliebte Arbeit, und unbeliebte Arbeit wird bezahlt; sonst macht sie keiner. Mein Portemonnaie ist leer. Thomas ist der Kläranlagenwart. Was soll ich machen, ich übernehme den Auftrag. Er zeigt, wie man die alten Brennesselstrünke von den abgebrochenen Schilfhalmen unterscheiden kann und wie die frischen Würzelchen aussehen, dunkelrot nämlich. Man soll vorsichtig zwischen die Stoppeln des abgemähten Schilfs treten, wegen der neuen Triebe. Wie soll man das denn machen? Mein Gummistiefel hat nun mal eine Grundfläche von 150 Quadratzentimetern. Ich stehe also wie auf Eiern und wage nicht, einen Fuß zu versetzen, denn da müsste ich vorher den Boden untersuchen, ob vielleicht schon Schilfkeime hochkommen. Also balanciere ich, stütze mich zur Not auf den Sauzahn, der dann natürlich nicht mehr hacken kann. Dann habe ich einen frischen kleinen Brennesseltrieb rausgezupft, möchte ihn weiter verfolgen und rauswinden, verliere dabei aber das Gleichgewicht und stapfe doch unkontrolliert ins Schilfbeet. Natürlich ist dabei mindestens ein Schilftrieb abgebrochen. Ich entschuldige mich gedanklich bei allen Geschädigten und suche fluchend, meinen Standort neu zu sichern. Das macht keine Freude.<br />
Ich soll hier zwar Brennesseln jäten, aber ich bin keine Erfüllungsgehilfin, die nur tut, was man ihr sagt. Einen übernommenen Auftrag analysiere ich und strukturiere ihn neu, so dass ich ihn einfacher, effektiver und für mich angenehmer erfüllen kann. Meiner inneren Struktur nach bin ich nicht Söldnerin sondern Strategin. Das ist ja das Erschreckende.<br />
Woher also kommen die Brennesseln eigentlich? Die zarten Triebe verzweigen sich im Morast des Beckens, die kräftigen Wurzeln laufen quer unter dem schmalen Damm entlang, der die beiden Becken umgibt, und führen ins Gebüsch. Die Sträucher haben in den zehn Jahren, die sie hier stehen, ein dicht verfilztes Dickicht gebildet. Was darunter ist, interessiert keinen. Sollte es aber, denn darunter ist das Hinterland der Brennesselstämme. „Klein-Pakistan“, denke ich böse, „hier haben wir sie, die Brennessel-Paschtunen. Und von hier werden sie losgeschickt, Taliban-mäßig.“ Da komm ich nicht ran. Das wäre auch aussichtslos.<br />
Zwischen Gebüsch und Damm ist ein Lattenzaun, der, an dem meine Stofftasche mit dem Pausenbier hängt. Das mache ich jetzt auf, setze mich an einen Zaunpfahl und denke nach. Der März ist die Zeit des ersten Austriebs. Man sieht, was wächst, aber es ist noch nicht so weit gewachsen, dass die Blätter den Blick verhüllen. Unter den blattlosen Büschen steht eine kräftige junge Generation von Brennesseln bereit. In ihrer Mitte ist ein kleiner viereckiger, in gelber Signalfarbe angesprühter Holzpflock. Es sieht aus, als sammelten sich die jungen Krieger um ihr leuchtendes Heiligtum. Und es ist, als hielten sie murmelnd Kriegsrat.<br />
Aber nein, die Stimmen kommen von der Straße. (wird fortgesetzt)</p>
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		</item>
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		<title>Welke Blätter &#8211; schwarze Vögel</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2012/07/29/welke-blatter-schwarze-vogel/</link>
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		<pubDate>Sun, 29 Jul 2012 08:27:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Mond hängt als blasses gelbes D zwischen den Solarpanelen auf dem Dach. Die Sterne sind da, aber sie funkeln nicht im dunklen Himmel. Vielleicht, weil eine Staubschicht in der Luft liegt, meint Thomas, von der Ernte. Kann sein, auch auf dem See hat heute Nachmittag ein feiner heller Film von Staub gelegen.<br />
Ringsum hört man leise das Dröhnen der Erntemaschinen. Sie sind den ganzen Tag und die ganze Nacht unterwegs. Jetzt schon die zweite Nacht. Morgen soll es regnen. Alles muss rein. Die Zeit von Wachstum und Reife ist zu Ende. Der Halm wird gebrochen, das Korn heraus gekämmt. Die Pflanze aus Wurzel, Stängel, Blättern und Frucht wird zu Biomasse, Stärke und Proteinen. Wahrscheinlich wird sogar alles zu Biomasse. Denn hier in der Gegend wird kaum noch Lebensmittel- oder Futtergetreide angebaut. Das kommt alles in die Biogasanlage und wird zu Strom und Wärme.<br />
„Wenn die Zeit eine Kugeloberfläche ist, dann ist das vielleicht derselbe Abend wie vor 15 Jahren. Da haben wir auch immer vor dem Bauwagen Feuer gemacht“, sagt Thomas. Ich sage: „Der Baum war noch nicht so groß, man hat mehr Sterne gesehen“. Das Bild von der Zeit als einer Kugel stammt von Bernd Alois Zimmermann. Wir haben vorhin das „Requiem für einen jungen Dichter“ von ihm gehört. Ein Lingual nannte er das. Ein überwältigendes Welten- und Zeiten-Gemälde, ein Inferno aus Sprache und Tönen, erzeugt von fünf Chören, drei Orchestern, Sprechern, historischen Ton-Dokumenten. Ein Teil davon soll auf Roberts Beisetzung gespielt werden. Im Begleitheft der CD ist ein Bild vom Dirigenten Gielen, mit niedergeschlagenen Augen, zugekniffenem Mund und einem stricknadel-feinen Taktstock. Da kann man sich so gar nicht vorstellen, dass der Mann eine solche Aufführung steuern kann. „Aber hast du das Bild von dem Zimmermann gesehen?“ fragt Thomas, „der sieht doch auch mehr wie ein Sachbearbeiter aus“. Oder wie ein SPD-Kreistagsabgeordneter, mit Bürstenhaarschnitt, Brille, ausrasiertem Bart, mit stumpfer Nase und teilnahmslosen Augen. Und der Mann macht aus letzten Worten von Dichtern und letzten Werken von Musikern so eine orgiastische Totenmesse. Es war seine eigene. Ein Jahr später hat er sich umgebracht.<br />
Der Mond ist jetzt weg, aber die Sterne bleiben blass. Im lang vor uns ausgestreckten Gutshof-Gebäude gehen hier und da Lichter an. Man sieht, wie die Leute von Raum zu Raum gehen. Licht an im Waschraum. Licht an im Schlafzimmer. Zurück, Licht aus im Waschraum und im Wohnzimmer. Woanders blendet ein Flurlicht, das seinen Schein direkt auf unsere im Dunklen züngelnde Feuerstelle wirft. Dann wird es doch irgendwann ausgeschaltet. In den Gästeräumen unterm Dach bewegen sich Körpersilhouetten durch die hellen Rechtecke hin und her, bücken sich, verweilen, schauen vielleicht auf uns, schließen die Gardine. „Das hast du auch schon oft gesagt“, antwortet Thomas, als ich bemerke, das ist doch wie ein Theaterstück, das müsste man als Theaterstück inszenieren. In zwanzig Jahren sagt man wohl öfter mal was öfter. Das liegt vielleicht an der Kugeloberfläche.<br />
Einzelne Flammen kriegen eine grünlich-bläuliche Färbung, wie ein Feuer im Feuer. Ein Metall verdampft. Vielleicht die Messingriegel aus den Ringbüchern. Wir haben angefangen, Roberts Vorlesungsmitschriften zu verbrennen. Eine Kiste voll mit Din-A5-Ringheftern, jeder so dick wie ein epischer Roman. Als erstes hatte ich zufällig auch das erste in der Hand: Philosophie I, Vorlesung von Prof. Volkmann-Schluck. Die Anfänge der Metaphysik. 1963. Ich habe die mit blauer Tinte geschriebenen Zeilen überflogen, ob sich vielleicht in den mitgeschriebenen Zeilen eigene Wertungen, eigene dazwischen gestreute Gedanken finden, etwas, das begründen könnte, warum diese vielleicht 5000 Seiten Mitschrift noch aufgehoben werden sollten, habe aber nichts außer braver Wiederholung des Dozierten gefunden, erleichtert angefangen, büschelweise die Blätter herauszunehmen und gefächert aufs Feuer zu legen. Eine Hand voll, eine Vorlesung.<br />
Dann kommt Germanistik, Romanistik, Althochdeutsch – seitenlange Deklinationen der alten Wörter. Im schwachen Feuerschein erkennt man sich nicht, sieht nur die Wortkolonnen, die Hand in Hand über die Seiten marschieren, im Marschieren für fast fünfzig Jahre erstarrt sind, von Robert aus sammelwütiger Treue über alle Stationen seines disparaten Lebens mitgenommen.<br />
Die Blätter liegen auf dem Feuer, die Kanten kräuseln sich, wellen auf. Das Feuer fasst die oberen Blätter zuerst, frisst sie mit ingrimmiger Hitze, ohne dass eine befreiende Flamme auflodert. Das oberste Blatt zieht sich zu einer schwarzen Welle zusammen, die Schrift verschwindet in der Textur der Seite. Es wird leicht, es hebt sich, es fliegt über uns, es taumelt als schwarzer Vogel im Nachthimmel &#8211; das Gedicht von Rimbaud und die sorgfältige Mitschrift seiner Interpretation. Das nächste Blatt fliegt auf und noch eins und noch eins. Die von ihrer Mitschrifthaftigkeit befreiten Gedanken umfliegen das Feuer, bevor sie sich irgendwohin niederlassen.<br />
Das Haus vor uns ist jetzt fast dunkel. Der Große Wagen, blass und fern, steht genau da, wo er immer steht. Ein blinkender Punkt kreuzt durch die Sternbilder. Wir trinken den Wein aus.<br />
Das letzte Ringbuch. Nochmal Philosophie. Den Namen der Vorlesung kann ich nicht lesen, nur den Dozenten: Theunissen. Theunissen war einer der prominenten Philosophen an der FU der achtziger und neunziger Jahre. Hat Theunissen damals in Köln gelehrt? Später war er jedenfalls in Heidelberg. In Heidelberg hat Robert sein Studium beendet. Hat er da noch Vorlesungsmitschriften gemacht? Ist das wichtig? Für wen? Schon ist das Ringbuch entklammert, schon liegen die Seiten auf dem glimmenden Haufen. Die hellen Flammen sind längst unter der Last der Papierstapel erstickt.<br />
Am nächsten Morgen liegen die verbrannten Seiten wie tote Vögel im Gras. Nein, wie vom Baum der Erkenntnis abgestorbene Blätter. Von Paul Verlaine, dem Liebhaber von Rimbaud, stammt das Herbstgedicht, das mit den Zeilen endet: „Et je m&#8217;en vais / Au vent mauvais / Qui m&#8217;emporte / Deçà, delà, / Pareil à la / Feuille morte.“ (Und ich geh weg, in den schlechten Wind, der mich hier hin und da hin trägt, so wie das tote Blatt)<br />
-</p>
<p>Diese meine Sätze sind auf kein Papier geschrieben. Sie sind nichts als eine temporäre Konfiguration von elektronischen Impulsen, die in die Tiefen des Informationsäthers davon treiben. Ohne Adresse sind sie vergessen.</p>
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		<item>
		<title>Lebentransplantation</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2012/06/19/lebentransplantation/</link>
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		<pubDate>Tue, 19 Jun 2012 11:38:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein Freund Robert ist tot. Gestern Nachmittag ist er in Heidelberg an den Folgen einer Lebentransplantation gestorben. &#8211; Ich wollte schreiben „Lebertransplantation“. Wenn das Korrekturprogramm das Wort nicht irritiert unterkringelt hätte, hätte ich wohl gar nicht gemerkt, dass ich von einem transplantierten Leben geschrieben habe.<br />
Robert war 68 Jahre. Er war der Mensch, den ich nach meinen Eltern und Geschwistern am längsten in meinem Leben gekannt habe.<br />
Im Herbst 1968 brachte ihn ein junger Mann, mit dem ich zu tun hatte, in meine Hinterhof-Studentinnenbude in der Kölner Innenstadt. Robert war in diesen jungen Mann verliebt. Er war in den Jahrzehnten, die folgten, noch oft in meine Freunde verliebt. Ich habe das mal schwesterlich-mitfühlend, mal misstrauisch-eifersüchtig mit ihm geteilt.<br />
Robert hatte nie das, was man eine Beziehung nennt, einen Menschen, der sich ihm ganz zuwendet, der ihm seinen Körper und seinen Alltag öffnet. Ich weiß nicht, ob Robert das wirklich gesucht hat. Er hat den jungen Männern mit einer rasenden, sehnsuchtsvollen Aufopferung hinterher geliebt. Bodenlos bis zur Selbstzerstörung. Und so hat er auch seine radikalen Lebensvorstellungen geliebt, die sich in der Kölner SDS-Zeit, in all den folgenden Lebensphasen bis in die letzten Jahre in der Stuttgart 21-Bewegung zur Utopie von Nähe und Freiheit verbunden haben.<br />
Ich kenne keinen Menschen, der sein ganzes Leben in so beharrlicher Weise radikal war.<br />
In der ersten Polit-Kommune, in der wir in Köln zusammen gelebt haben, gab es für ihn kein Zimmer. Er hat seine Matratze auf einen ausgezogenen Esstisch in einer Ecke des Gemeinschaftszimmers gelegt. Als Aufstieg diente ihm eine Kiste, in der er außer vielen, vielen Tonbändern mit klassischer Musik 5.000 Seiten Vorlesungsmitschriften aus der Philosophie und 12.000 Seiten Tagebuchnotizen aufbewahrte. Das eigenwillige Ensemble nannten wir „Roberts kleine heile Welt“.<br />
Als die Kölner Politszene sich 1970 in ihre Bestandteile auflöste, zog Robert mit den Fixern in eine Kommune. Er hat selbst nie gefixt, aber er hat die alten, inzwischen gut situierten Polit-Kontakte abgeklappert, um Stoff für seine Jungs zu besorgen.<br />
In dem Jahr waren wir noch zusammen in Jugoslawien und haben später in Berlin einen Trip geworfen. Er wurde zum Horrortrip, der langfristig fatale Folgen für Robert hatte. Danach habe ich eine Weile nichts von ihm gehört. Freunde erzählten mir, dass Robert in der Psychiatrie sei. Drei Jahre später habe ich von ihm die ganze Geschichte gehört. Irgendwann hat er vor irgendwelchen Doktoren gesessen und von ihnen gefordert: „Ich will angepasst werden!“. Er wurde interniert, zwei Jahre mit Medikamenten vollgepumpt, er wurde lahmgelegt, später in eine Wohngruppe in Heidelberg integriert. Er wurde nicht angepasst.<br />
Robert nahm sein Leben als einer, der die Menschen liebt und der die Spuren seines eigenen Leidens daran beharrlich sammelt, wieder auf. Er arbeitete als Estrichgießer auf dem Bau, schleppte heißen Teer. Das Existenzielle dieser Tätigkeit erfüllte ihn mit Stolz und Glück. Ende der 70er Jahre entschied er sich, sein endloses Studenten-Dasein zum Abschluss zu bringen. Er arbeitete an seiner Germanistik-Magisterarbeit: Katalogisierung und Auswertung aller Relativ-Sätze im Nibelungenlied. Die Kisten mit den Karteikarten sehe ich noch heute vor mir. Ich war stolz auf ihn, dass er in einer Zeit, in der die politischen Flügel sich gegenseitig exkommunizierten, Relativsätze zählte. Die Arbeit wurde abgeschlossen. Robert erwog, mit einer Promotion weiter zu machen und das Thema darin auszuweiten: Sämtliche Nebensätze im Nibelungenlied.<br />
Es ist nicht dazu gekommen. Ich weiß nicht mehr, warum. Robert hat in den 80er Jahren eine Weiterbildung begonnen. Es hätte keine passendere für jemand geben können, der so sammelwütig ist: die des wissenschaftlichen Dokumentars. Während der Ausbildungszeit und danach war er viel in Berlin, dann auch in Düsseldorf und Frankfurt. Er hat im Bundesfilmarchiv gearbeitet und später dann für den Süddeutschen Rundfunk. In den letzten Jahren vor seiner Verabschiedung in den Rentnerstand hat er alte Wochenschauen verschlagwortet, wie es heißt. Immer wieder war er empört und entsetzt, welche Schätze an alten Filmen die Rundfunkanstalten einfach wegwarfen, und hat so manches schnell vorher noch kopiert und rausgetragen.<br />
Zu der Zeit hatte er schon angefangen, Filme zu sammeln. Die ältesten VHS-Kassetten wurden Anfang der 90er Jahre aufgenommen. Robert wohnte damals in einem winzigen Häuschen in einem Hinterstraßen-Gässchen in Wiesloch. Das einzige Zimmer war mit Büchern vollgestopft, der Dachboden darüber mit vielen Kisten voller Videokassetten. Robert nahm alles an Filmen im Fernsehen auf, was klassisch war oder ihm cineastisch interessant erschien. Zusätzlich alle Konzerte mit Günter Wand und wichtige Tennisspiele. Kassette um Kassette wurde bespielt. 24 Stück passten in eine Kiste, spezielle Kartons „kernige Würz-Erdnüsse“, die er immer aus den Aldi-Filialen holte, weil die eben genau passten. Irgendwann um die Jahrtausendwende war ich bei ihm und habe ihm angesichts des wachsenden Berges zugeredet, die hoffnungslose Sammlung doch wenigstens zugänglich zu machen.<br />
Er hat sie mir nach Reichenow gebracht. So entstand der film+videoclub Reichenow mit seiner Sammlung von etwa 7.000 Filmen. Während wir noch in jahrelang sich hinziehender Arbeit die Filme katalogisierten, hat Robert, der es nicht lassen konnte, immer weiter Filme aufgenommen. „Das sind jetzt aber wirklich die letzten. Jetzt höre ich auf“, hieß es immer wieder. Und dann kam wieder eine Kiste „kernige Würzerdnüsse“.<br />
Etwa 2005 starb Roberts alter Deutschlehrer. Er war ein klassischer Philologe und Bücherfetischist und er hinterließ eine gut sortierte Sammlung klassischer Bücher – Literatur und geisteswissenschaftliche Fachbücher. Ich wollte in Reichenow auch Bücher um mich versammeln, die Gegenwart von Nachdenklichkeit um mich spüren. Robert wusste das. Die Familie des Deutschlehrers verkaufte den intellektuellen Nachlass für 2000 Euro. Robert verhalf mir zu der Sammlung, indem er die Hälfte des Preises bezahlte. Er wollte für sich nur das große Grimm’sche Wörterbuch. Eine legendäre Wörtersammlung, die sich jetzt also in seinem Nachlass befindet.<br />
In den letzten Jahren vor seiner Krankheit und auch noch im letzten Jahr engagierte Robert sich beim Widerstand gegen den Stuttgarter Bahnhofsbau. Davon wissen andere mehr zu erzählen als ich. Er hat auch einen blog dazu verfasst. Im vorigen Jahr haben wir uns das letzte Mal gesehen. Er war während eines Berlin-Besuchs für ein paar Tage in Reichenow. Da hatte er schon eine Weile Leberkrebs. Aber es ging ihm sehr gut, wie er sagte. Er nahm Medikamente und trank Tees und wollte sich der Schwere des Krankheitsbildes nicht beugen. Wir hatten einen heftigen Streit über Aufmerksamkeitserwartungen. Ich hatte ihm die Geschichte meines Beinah-Todes vor zweieinhalb Jahren zum Lesen gegeben, unaufgefordert, aus Mitteilungsbedürfnis. Er hatte den Text gelesen und sich wortlos abgewandt. Das ist das Schlimmste, was einer Autorin passieren kann. Ich habe revoltiert. Er hat meine Vorwürfe zurückgekämpft: er wüsste eben nicht, was er hätte sagen können. Schließlich haben wir lange über Sterben geredet. Ob wir das überhaupt ermessen können, so was wie Todesnähe, Todesferne. Wir haben beide festgestellt, dass wir keine Angst vorm Sterben verspüren. Aber was heißt das schon.<br />
In den Tagen im Spätsommer des letzten Jahres war Robert schon auf Abruf für das Lebertransplantationsprogramm. Und tatsächlich schrieb er ein paar Wochen später, dass es eine Spenderleber für ihn gäbe, und dann wurde er von dem Programm erfasst. Das Programm, das klinischerseits heißt: der Versuch, mit einer transplantierten Leber die tödliche Leberkrebsdiagnose zu bannen, das von Robert aus bedeutete: leben wollen, an die Möglichkeit eines neuen Anfangs glauben können. Er war so dicht daran, so schien es jedenfalls nach den Berichten, die ein Kolja, den ich nicht kenne, alle paar Tage durchmailte. Er war schon in Bad Berka in der Reha-Klinik in Thüringen und musste dann doch wieder zurück nach Heidelberg in die Klinik. Eine dritte Lebertransplantation wurde ins Auge gefasst. Und dann ist mein Freund Robert aus dem Leben getreten.<br />
Ob du dies hier wohl lesen würdest, Robert? Ich glaube, ja. Denn wie viele Romantiker und Existenzialisten hattest du eine Tendenz zum Narzissmus. Nicht im Sinne von Eitelkeit &#8211; ich glaube nicht, dass dir das viel bedeutet hat, wie das gesellschaftliche Umfeld über dich gedacht hat. Nein, im Sinne eines sehnsuchtsvollen Betrachtens des eigenen Seins. In der liebenden Treue zu deinem eigenen Leben, im Sammeln und Anschauen all der Relikte, der Erzählungen und Bilder hast du die Spuren der Welt in dir bewahrt.<br />
Du bist gestorben, dein Körper liegt jetzt irgendwo in der Pathologie, denn sicher ist Teil der großen Leber-Transplantationsstudie, dass jetzt genau erforscht wird, was nicht funktioniert hat. Aber du bist nicht tot. Deine Liebe zu bedingungsloser Wahrhaftigkeit, dein radikaler Anspruch auf Teilnahme am Lebendigen, deine Hochachtung vor der Schönheit haben sich in mir verwurzelt. Sie leben in mir weiter, wie sie sicher in vielen weiterleben, die dir nahe gekommen sind oder denen du nahe gekommen bist.<br />
Robert, ich danke dir.</p>
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