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	<description>Janz weit draußen,  im Dorf Reichenow in Märkisch Oderland ist das Leben so bedeutungsvoll wie in der Stadt, bloß alles kleiner, langsamer, persönlicher und konkreter.</description>
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		<title>Der Musiskant und die Musikerin</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 08:27:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gerade habe ich mein Buch aus der Tasche gezogen, da mischen sich sanft langgezogene Töne in das Rattern der S-Bahnräder. Die Töne steigen zu einem zarten Zirpen auf und sinken herunter in eine samtige Getragenheit. Dann sind sie kaum noch zu vernehmen. Ich wende mich um. Am Ende des Abteils hat jemand eine Geige ausgepackt. Der Mann mit dunklem Brillengestell und langem, dunklem Haar, das unter einer Wollmütze hervorquillt, hat sich an das Geländer gelehnt, das den letzten Sitz von der Tür trennt. Er streicht seine Fidel. Sie kommt mir groß vor; es ist wohl eher eine Bratsche. Die Finger eilen über die Saiten und verhalten zitternd an einer Stelle, um den Bogenstrich abzuwarten. Manchmal klingt ein zweiter Ton mit. Es ist wie das „Oh“ oder „Ach“ einer teilnehmenden Zuhörerin.<br />
Die Musik hat etwas angenehm Unaufdringliches. Ich  hole mein Portemonnaie heraus. Einen Euro ist mir das wert. Ich nehme die Münze in die Hand und versuche weiter zu lesen. Auch die junge Frau, die mir gegenüber sitzt, hat schon eine Spende in der Hand.<br />
Aber der Musikant spielt weiter. Die Melodien gehen abstandslos ineinander über. Es sind seelenvolle oder reich verzierte Wunschmusikstücke, die jede schon einmal gehört hat. Der Mann spielt lange für so einen S-Bahn-Auftritt. Station um Station geht vorbei, Stück folgt auf Stück. Meine Nachbarin greift noch mal in die Geldbörse. Sie hat jetzt zwei Münzen in der Hand. Kurz vor der nächsten Station steckt ein Mann, der auf der anderen Seite vom Gang gesessen hat, sein Geldstück wieder ein, weil er aussteigen muss.<br />
Ein wirklich langes S-Bahn-Konzert. Ich kann mich nicht auf meinen Text konzentrieren. Ich will nicht verpassen, wenn der Musikant seine Spenden einsammelt. Jetzt ist die letzte Melodie vom rhythmischen Fahrgeräusch verschluckt. Jetzt wird der Mann gleich mit seiner Mütze kommen. Ich schaue ins Buch, um davon aufschauen zu können. Aber er kommt nicht.<br />
Die S-Bahn ist in einen Bahnhof eingefahren. Als ich mich umwende, sehe ich niemanden mehr an dem Geländer. Es kommt auch niemand durch den Gang. Auf dem Bahnsteig geht eine junge Frau mit einem großen Geigenkasten, dessen Schlösser sie zudrückt, neben dem Zug entlang. Sie hat dunkles Haar, das unter einer Wollmütze hervorquillt. Ich halte mein Geldstück in der Hand. Ich suche den Blick der jungen Frau gegenüber, die auch mit ihrem Geld dasitzt. Aber sie will meinem Blick nicht begegnen, sie schaut an mir vorbei in den leeren Gang.</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=306&amp;md5=6a2d4297ce6f73d0cacaaf99a94343bc" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Ein Appell an die wohlmeinenden SachbearbeiterInnen der Integrationsbürokratie in Märkisch-Oderland</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/11/09/grundrecht_auf_freie_bewegung_grundrecht_auf_selbstversorgung/</link>
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		<pubDate>Wed, 09 Nov 2011 09:06:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>gehalten als Referat Ende September in Seelow.</p>
<p>Abstract:</p>
<p>Das Lebendige bewegt sich, verändert sich, organisiert sich immer wieder neu &#8211; und ist nie fertig!<br />
Die unveräußerlichen Menschenrechte sollten ergänzt werden.  1: Solange das Geld sich frei über Grenzen hinweg bewegen darf, muss es auch für die Menschen ein Grundrecht sein. 2: Jedem Menschen steht die Nutzung eines Stücks Erde zu, das groß genug ist, um ihn zu ernähren.</p>
<p>Und hier der Text: <a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/files/2011/11/Kommt-rein-es-gibt-genug-zu-tun.pdf">Kommt rein &#8211; es gibt genug zu tun</a></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=299&amp;md5=f03965f4f7ec776c03fcbd641b97d07e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Reichenower Stalinallee (4)</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/10/31/reichenower_stalinallee_4/</link>
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		<pubDate>Mon, 31 Oct 2011 19:42:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8230;</p>
<p>Die Nummer 1 ist natürlich das Schloss. Über das Schloss mit seinem Hochzeitsrummel gäbe es ohne Ende zu tratschen, aber nicht hier. Nachdem die letzten Geadelten, die Eckardsteins, sich vor der vorrückenden russischen Front nach Westen in Sicherheit gebracht hatten, fiel der Bau der russischen Ortskommandantur in die Hände. Sie übergab es nach ihrem Abrücken in Gemeindebesitz. Die Flüchtlinge aus dem Osten wurden hier fürs Erste untergebracht. Später bekamen sie Bauplätze und wie gesagt Land weiter hinten in der Neuen Dorfstraße. Einzelne Wohnungen gab es aber weiterhin in irgend welchen Seitentrakten des Schlosses. Im zentralen Teil war eine Kneipe oder jedenfalls eine Dorf-eigene Feiereinrichtung. Es gibt Bilder, auf denen an langen Tischen Sitzenden Kaffee und Kuchen vorgesetzt wird.<br />
Bis zum Zusammenbruch der DDR war der Kindergarten im Schloss. Nach der Wende ersteigerte die Brandenburgische Schlösser GmbH mit Sitz in Potsdam den denkmalsgeschützten Bau im Tudor-Stil, ließ ihn aufwändig wiederherstellen, inklusive jeder Dachzinne und dem Wiederaufbau des gestürzten Schlossturms, und verpachtete das aufgemöbelte Gebäude an zwei Frauen aus dem Westen, die hier ursprünglich ein Wellness-Hotel betreiben wollten, was sich aber in Anpassung an die Erfordernisse des Marktes zu einem Hochzeitsparadies entwickelt hat. Mit den Schlossdamen, wie sie im Dorf genannt werden, ist nicht gut Kirschen essen. Soviel dazu.</p>
<p>Die Nummer 2 ist das ehemalige Torwächter-Häuschen am Eingang zum Park. Zu DDR- und LPG-Zeiten waren hier Infra-Struktur-Einrichtungen:  hinten rechts der Sitz der Gemeindeverwaltung, heute Film+Videoclub, hinten rechts die Eier-Annahmestelle, wo Eier gegen Futter getauscht werden konnten, vorne links die Poststelle, von Frau M. betrieben, heute Heimwerkerin-Werkstatt, vorne links die Raiffeisen-Sparkasse, zu Wendezeiten der Jugendclub des Dorfes, jetzt Gästezimmer. In den 60er oder 70er Jahren wurde nach Norden ein Haus angebaut, das die Gesundheitsbetreuung der Gemeinde enthielt, geführt unter der Nummer 2a. Ärztin K. lebt und praktiziert inzwischen in der Neuen Dorfstr. Nr. 16. Das ist ganz weit draußen, das letzte Haus, schon weit im Feld, in einer früheren Stasi-Datsche. Sprechstundenhilfe in der  2a war E.W., inzwischen Gastwirtin in der Neuen Dorfstr. Nr. 5. Aber wir sind noch bei Nr. 2 bzw. 2a.</p>
<p>Das Häuschen, von manchen immer noch &#8220;Baracke&#8221; genannt, wurde Mitte der 90er von der Gemeinde auf den Markt geworfen und vom Gutshof erworben. Das Schloss hätte es auch gern gekauft – um es abzureißen, weil es das historisierende Ensemble stört. Das wurde zum Glück verhindert, denn jetzt ist es meine Wohnung und mein Wirkungsraum.</p>
<p>Die Nummer 3 wird von T. und H. bewohnt, den Eierlieferanten der Nachbarschaft. Sie sehen alles, wissen alles und kommentieren alles. Sie teilen auch gerne ihr Wissen um das, was so vor sich geht. Vom alten Gutshof-Komplex ist der mächtige steinerne Einfahrtspfosten neben ihrem Haus erhalten geblieben.</p>
<p>Im Nachbarhaus, der Nummer 4, wohnen K. und M., auch ihr Haus ist im Kern ein altes Gutshofgebäude, natürlich aufgestockt, erweitert und entsetzlich nachwende-mäßig verbaut.  K. ist Landwirt, aber M. ist die Chefin. Früher hatten sie Milchkühe, aber das lohnt sich nicht mehr. Jetzt wird nur noch Energie angebaut: Mais für die Biogas-Anlage und Getreide für die Verästerung zu Biodiesel. K., bzw. eigentlich M. hat große Traktoren und eine große, wirklich sehr große Erntemaschine. Wenn die großen Ungetüme zu Felde ziehen, erbebt die Neue Dorfstraße. Sie waren natürlich teuer und das heißt, sie müssen immer unterwegs sein, damit sie ihre Kredite wieder reinfahren. K. ist im Radius von -zig Kilometern auf fremden Äckern als Lohnbauer unterwegs und pflügt und scheibt und drillt dort Furche um Furche und Stunde um Stunde. Er ist also im Grunde Fernfahrer.</p>
<p>Die Nummer 5 trägt die Dorfkneipe „Kellerstübchen“. Tatsächlich sind die Gasträume im Keller. Die weitläufigen Kellergewölbe stammen aus einer Zeit, als alle diese Häuser noch Teil des großen Wirtschaftskarrées war. Wenn man in W.’s Wirtschaft die Tapete mit den aufgedruckten Klinkern ablösen würde, wenn man die realen Mauern dahinter aufbrechen würde, käme man in die Kellergewölbe der benachbarten ehemaligen Brennerei. Hier hängt unterirdisch alles zusammen. Das Getreide wurde durch die Kellerschluchten direkt in den Brennereikeller gepumpt und dort zu Schnaps verarbeitet.</p>
<p>Das Brennereigebäude mit der Hausnummer 6 ist das älteste Gebäude des Ensembles und stammt aus dem Jahr 1837. Es steht leer und bröselt vor sich hin. Die neuen Besitzer, ein fröhliches Berliner Betriebs- und Familiengeflecht, haben sich auf der Freifläche zwischen den Schuppen eingerichtet und beschränken sich zurzeit auf die Bestandssicherung des alten Gemäuers und aufs Pläne schmieden.</p>
<p>Das nächste Gebäude ist die Vereinskneipe des heutigen Gutshofes.  Es trägt die Hausnummer 6a. Und hierher käme auch die Post für E., die in dem Haus wohnt und arbeitet. Tatsächlich wird aber der dicke Packen an Briefen für die Gutshofbewohner+innen in der Nummer 7 abgeliefert, im Büro des Vereins, in dem langen Hausriegel, knapp neben der künstlichen Hauslücke, die mal der Durchstich für die Neue Dorfstrasse hatte werden sollen. Hier kommt auch meine Post an, denn postalisch gehöre ich zur Nummer 7.</p>
<p>(wird fortgesetzt)</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=295&amp;md5=6bcace4448f792c5e3d9edc3844a5cf4" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Reichenower Stalinallee (3)</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/09/22/neue_dorfstrasse_3/</link>
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		<pubDate>Thu, 22 Sep 2011 16:05:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/09/12/rekichenower_stalinallee_2/" target="_self">(&#8230;)</a></p>
<p>Im herrschaftlichen Schlosspark lag der See. Alte Reichenowerinnen erzählen, dass sie ihn nach dem Krieg das erste Mal zu Gesicht bekommen haben. Im Privatvergnügen der Familie von E. hatten die Dorfbewohner unsichtbar zu bleiben.  Das war mit dem Ende der Junker-Ära vorbei. Das Schloss, der Park und der See gehörten plötzlich allen. Es sprach also nichts mehr dagegen, die Verbindung von den Gutshof-Gebäuden, dem ersten Teil der „Neuen Dorfstraße“ zu ihrem dahinter gelegenen zweiten Teil einfach durch den dazwischen liegenden Schlosspark laufen zu lassen. Die Neue Dorfstraße zweigte also von der Hauptstraße des Dorfes ab, führte auf das riesige, mit Kopfsteinen gepflasterte Gutshofareal, machte von dort einen Schlenker durch den Schlosspark und mündete in den von beiden Seiten bebauten, etwa 50 Meter breiten Streifen Grasland.</p>
<p>Mag sein, dass der traditionelle Dorfaufbau dieser Region die Planung beeinflusste. Der Platz in der Mitte der Dörfer war wie erwähnt traditionell für Kirche, Schule, Schmiede und Kneipe. Auf den Dorfangern entstanden nach dem ersten Weltkrieg die Kriegerdenkmäler und nach dem zweiten Weltkrieg die Gedenkstätten für die Opfer des Faschismus und nach der Wende die Parkplätze.</p>
<p>In der Neuen Dorfstraße, erster Teil, zwackte sich die LPG Morgenroth, die in den 60er Jahren das Gebäude übernahm, einen erheblichen Teil des Kopfstein-Platzes ab und betonierte ihn kurzerhand zu. In der Neuen Dorfstraße, zweiter Teil,  blieb alles Gras, das nur von einer Schotterpiste wie von einem dünnen Rinnsaal durchzogen ist.<br />
Inzwischen sind neue Optionen und Begehrlichkeiten für die Neu-Reichenower Puszta-Landschaft entstanden. Der Gemeinderat möchte sich die Möglichkeit offen halten, hier noch weiteres Baugelände abzuzweigen und zu verkaufen und damit eine richtige Asphaltstraße zu finanzieren. Ambitionierte Neu-Reichenower dagegen planen eine ausschweifende Parklandschaft, um damit die Bebauungspläne zu unterbinden. Die Anwohner machen solche Überlegungen misstrauisch, weil sie ihre Gewohnheitsrechte bedrohen. Denn längst sind Zäune gezogen und Teile des öffentlichen Graslandes eingedeicht worden.</p>
<p>Nach der Wende begann die Zeit der lange zurück gestauten Privatheit, eine Blütezeit für Vorgärten, die nun mit Blautannen und Kirschlorbeer begrünt und befestigt wurden. Es begann auch die Zeit der Aufsitzrasenmäher. Dort wo der Zaun nicht nach vorne gewandert war, wurde das Gemeindegras mit geschoren und so ein gewisser privatrechtlicher Erstzugriff markiert.<br />
Noch immer wird der Zwischenraum auch als klassische Allmende, nämlich als Futterfläche für Tiere benutzt. Selbst geschweißte Roll-Käfige mit laut schnatternden Gänsen werden Stück für Stück über das Grün bewegt. Gelegentlich grast dort auch ein angepflocktes Pony.</p>
<p>Die Privatisierung der Nach-Wende-Zeit machte auch vor dem Schloss und dem Gutshof nicht Halt. Das große Stallgebäude kam in die Hand einer verdächtig bayrisch sprechenden Clique von Berliner Polit- und Kunstbohèmiens und wurde von da an „Künstlerstall“ genannt. Schloss und Schlosspark riss sich die Bandenburgische Schlösser GmbH für eine Mark unter den Nagel und verpachtete es nach aufwändiger Sanierung als Wellness- und Hochzeits-Hotel an zwei Damen aus dem Hannover’schen.<br />
Das war dann auch das Ende der neuen Verbindung, denn die Gemeinde behielt nur ein Wegerecht durch den Park.</p>
<p>Ein Weg ist zum Laufen, allenfalls zum Radfahren, nichts mit Motor jedenfalls. Den neuen Golfs und alten Trabbis sollte die Durchfahrt durch den Schlosspark verwehrt werden, sie sollten in weitem Bogen vom hinteren Ende in die Straße kommen. Die Anwohner nahmen die Planungen und Entscheidungen mit Gleichmut hin &#8211; und fuhren weiter durch den Park. Aber die neuen Schlosspächterinnen hatten die Absicht, gerade das Exklusive, quasi-Feudale der Schlossanlage zu vermarkten, und ließen Barrikaden auf den Weg bauen. Es gab kleine Akte von Sabotage und Vandalismus; Anpflanzungen wurden geköpft und ein Holzzaun in der Nacht einfach umgefahren. Die Zäune wurden verstärkt, umfangreiche, mit Steinen befestigte Beete angelegt. Jetzt wächst auf dem ehemaligen Sstaßendurchbruch eine dichte Brombeerhecke; die Neue-Dorfstraßenbewohner haben aufgegeben. Nur das Mopedfahren durch den Schosspark lassen sie sich nicht nehmen, besonders, wenn sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft auf dem Rasen vor der malerischen Schlosskulisse zum Erinnerungsfoto gruppiert.</p>
<p>So kommt es, dass es eine alte Neue Dorfstraße und eine neue Neue Dorfstraße gibt. Nummer 1 bis 7 ist alt-neu und umfasst den ehemaligen Gutshof, Nummer 8 bis 27 ist neu-neu und ist das Siedlungsgebiet.</p>
<p>(wird fortgesetzt)</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=291&amp;md5=662fdfbb756f782c30ccaa249978a14b" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Reichenower Stalinallee (2)</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/09/12/rekichenower_stalinallee_2/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 Sep 2011 09:28:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/08/30/reichenower_stalinallee/">(&#8230;)</a></p>
<p>Über die Hälfte der Einwohner Reichenows sind ehemalige Flüchtlinge. Die meisten sind aus Pommern herüber gekommen, das auf der anderen Seite der Oder begann. Sie wurden zuerst in dem verlassenen Schloss und in den zu Wohneinheiten aufgeteilten Gutshof-Gebäuden untergebracht. Dann kam die Bodenreform. Die Flüchtlinge bekamen ein Stück Land und wurden Siedler. So entstand die Neue Dorfstraße. Sie wurde als Ausleger vom Schloß-Gutshof-Komplex aus in das nördliche Ackerland hineingetrieben.</p>
<p>Wie bei vielen Siedlungsdörfern in Brandenburg umschließen die Grundstücke einen lang gezogenen Dorfanger, auf dem anderswo traditionell die für die Gemeinde wichtigen Einrichtungen stehen – die Kirche, die oft auch Versammlungsraum ist, die Schule, die Schmiede, ein Stück Freifläche für Dorffeste, eine Obstwiese, ein bisschen Gartenland zum Anbauen.  Hier ist der Dorfanger fiktiv: die freie Grasfläche, die der Straße ihre Weite gibt. Gemeinde-Entwicklungsland – aber davon später.</p>
<p>Durch die Reichenower „Stalinallee“ fahren weder Panzer noch die riesigen Erntemaschinen, mit denen hier der Krieg gegen den Acker geführt wird. Sie kämen gar nicht durch, denn die Neue Dorfstraße ist eine Sackgasse, genauer: zwei Sackgassen &#8211; ein in der Mitte abgeschnürtes Gebilde. Diese Abschnürung ist ein Tribut an die Geschichte.</p>
<p>Schloss und Gutshof, die zusammen einen umfangreichen Baukörper bilden, waren nach Abzug der Baronen-Familie der Gemeinde zugefallen. Die Verantwortlichen standen vor dem Problem, wie man das für normale Menschen bewohnbar machen und die neue Häuserreihe anschließen sollte. Ein Plan bestand darin, den 170 Meter langen Bauriegel aus Stall- und Speichergebäuden in handliche Wohnhäuser zu zerteilen und die Straße zum Anschluss an die Hauptstraße des Dorfes zwischen ihnen hindurchzuführen. Tatsächlich wurde eine 10 Meter breite Lücke in das lange Gebäude geschlagen. Dummerweise lag gerade an dieser Stelle der Eiskeller des Gutshofes. Das ist ein tief in der Erde liegendes Gewölbe, in dem im Winter Eisblöcke eingelagert wurden. Das Kellergewölbe war stabil genug, um das Erdreich darüber zu tragen. Aber ländlicher Straßenverkehr wäre wohl doch zu viel gewesen. So musste das Straßenprojekt aufgegeben werden. Die LPG baute später eine Kälberküche in die Baulücke; auch die ist inzwischen wieder abgerissen. Um die Baulücke ranken sich Legenden.</p>
<p>(wird fortgesetzt)</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=283&amp;md5=2b5fc536cbcfdd198c62cbab15f84142" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Reichenower Stalinallee (1)</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/08/30/reichenower_stalinallee/</link>
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		<pubDate>Tue, 30 Aug 2011 06:05:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Neue Dorfstraße heißt bei den Leuten im alten Dorf noch immer Stalinallee. Aber nur der hintere Teil, die Nummern 8 bis 26. Der vordere Teil war früher einfach das Schloss mit allen seinen riesigen Landwirtschaftsgebäuden.<br />
Die Reichenower Stalinallee ist vielleicht noch breiter als die Berliner ehemalige Stalinallee. Sie ist voller köstlicher Leere, eine weite Graspiste, in der ein Schotterweg mal rechts, mal links verläuft. Niedrige Häuser mit Dächern in unterschiedlichen Rottönen sind von zu groß gewordenen Büschen halb verdeckt. Darüber sind Wolken, die in niedriger Höhe in die Ferne treiben. Morgens ist der Himmel rosa, abends sieht der Mond, der hinter den Scheuen aufsteigt, groß und gelb aus.<br />
Neben dem Weg aus Schottersteinen, mit denen die Schlaglöcher immer wieder aufgefüllt werden, stehen Holzmasten, an denen Straßenlaternen befestigt sind und zwischen denen die sanft durchhängenden Leitungen den dafür notwendigen Strom weitertransportieren. Die Masten sind aus Robinienholz, der hier ungeliebten falschen Akazie, die ungezügelt weiter wächst, wo sie einmal Fuß gefasst hat, und deren Holz der Verrottung widersteht. Das Holz ist deshalb sehr begehrt. Wer einen abgebauten Stromleitungsmast kriegen kann, schleppt ihn hinter seine Garage, um ihn für irgendein Bauprojekt aufzuheben, und gibt ihn auch, nachdem das Bauprojekt aufgegeben und vergessen ist, nicht wieder her. Und so liegt der Mast mit seinen dicken Porzellan-Isolatoren und den wulstigen Elektroleitungen noch viele Jahre hinten im Garten.<br />
Die großen alten Natronlampen werden in der Dämmerung gezündet. Sie bilden ein orange-farbenes Band, das den in der Dunkelheit verborgenen Dorfausläufer weit sichtbar markiert. Pünktlich um halb zwölf erlöschen sie wieder, und es wird Nacht in der Neuen Dorfstraße. Am Morgen verliert sich die Reihe der Holzmasten im Nebel.<br />
Diese Landschaft aus einem staubigen Weg, der sich zwischen auseinander stehenden Häusern in der Weite des Grases verliert,  scheint nicht von hier, aus diesem Land der Verbundpflaster. Sie könnte in einem südost-europäischen Dorf liegen, in der Pusta, auf dem Balkan.<br />
<a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/09/12/rekichenower_stalinallee_2/">(Fortsetzung)</a></p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=281&amp;md5=5d21165a605f938f2575e92cb4b8146d" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Leine</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/07/31/die_leine/</link>
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		<pubDate>Sun, 31 Jul 2011 09:52:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>_________</p>
<p>Ada geht mit dem Hund. Und der Hund geht mit Ada. Es bleibt ihm nichts anderes übrig. Er ist mit einer Leine an sie gebunden.</p>
<p>Es ist Vormittag, als sie vor die Tür treten. Der Hund hat geduldig gewartet, bis die ihm fremde Person herausgefunden hat, wie das Halsband über die Ohren zu streifen ist. Die Straße ist leer. Der Gehweg dehnt sich rechts und links an den Fassaden aus blanken Klinkern entlang. Vor diesen Häuserfronten wird kein Geschäft erledigt. Das weiß der Hund. Er zieht nach rechts. Ada wollte nach links, aber der Hund ist groß und schwer und entschieden; so geht Ada mit dem Hund.<br />
Er schnüffelt und geht weiter.</p>
<p>Ada sieht auf das helle, dichte Fell, das bei jedem der tänzelnden Schritte rhythmisch hin und her fällt. Adas Herz ist schwer. Die Mutter. Ihr schwerer Abschied vom Leben. Die Mutter sieht und hört kaum noch etwas. Sie kann sich nur unter Schmerzen auf den Beinen halten. Sie kann sich nichts mehr merken. Jeder Gesprächsfetzen zerfällt, bevor sie ihn in Verwahrung nehmen kann. Sie verzweifelt beim Versuch, die Kontrolle über ihre Situation zu behalten, und versucht es doch immer wieder mit der gleichen Energie. Denn auch ihr Scheitern hat sie im nächsten Moment vergessen.</p>
<p>Der Hund bleibt vor dem Gebäude einer Naturheilpraxis stehen. Eckige Blumenkübel trennen den winzigen, mit zähen Sträuchern bepflanzten Vorgarten vom Gehweg. Der Hund schnüffelt und entscheidet sich. Hier kann er. Die Ecke des Kübels und das Pflaster davor sind dunkel vom vielen Markieren. Jetzt werden sie noch etwas dunkler.</p>
<p>Die Straße des Wohngebietes mündet in einen Park. Der Hund will auf der Straße bleiben, aber er soll in den Park. Ada zieht an der Leine. Der Hund ist stark. Er ist von einer Rasse, die als gutmütig gilt. Er gibt keine Widerworte, setzt nur stumm sein Körpergewicht im Tauziehen mit der Hundehalterin ein. Der Park ist der Ort für die Notdurft der Hunde. Ada muss sich durchsetzen, und sie tut es.<br />
Der Park besteht aus einem Weg, der in einer Schleife ein feuchtes, mit Dickicht bestandenes Biotop umrundet. Am Wegrand stehen Parkbänke. Auf beiden Seiten des Weges und um die Bäume herum ist ein zwei Meter breiter Streifen der Wiese kurz gemäht. Auf dem Weg begegnen sich die Anwohner und Anwohnerinnen, die joggen, den Hund oder das Kind ausführen.</p>
<p>Gestern hat Ada ihre Mutter angeschrieen. Das tut ihr heute noch weh. Die Mutter hat gleich wieder vergessen, worum es ging, aber das Gefühl, misshandelt worden zu sein, ist in ihr zurück geblieben. Und wieder hat sie angefangen: Ich brauch doch meine Augentropfen! Was mach ich bloß, dass ich das nicht vergesse? – Mama, du brauchst dich nicht darum zu kümmern. Die Pflegerin denkt schon daran. – Woher weißt du das? Wenn sie es aber doch vergisst? Ich muss sie doch erinnern. Wer steht mir denn da bei? – Wir können es ihr ja gleich noch einmal sagen. – Kann ich mich darauf verlassen? Denkst du auch daran? – Ja, Mama, wir machen das gleich. – Was machen wir gleich? – Ach, ist nicht so wichtig. – Doch. Ich wollte mir was merken. Warum sagst du mir das nicht? – Mama, mach dir nicht so viele Sorgen. – Das sagst du so. Ich wollte mir was merken, und jetzt habe ich es vergessen. Ich werd noch verrückt!</p>
<p>Ada hat die Leine entriegelt. Der Hund kann sich jetzt sieben oder acht Meter von ihr wegbewegen. Die Leine läuft ganz leicht aus dem Griff heraus, wenn der Hund im Gebüsch schnüffeln geht, und wenn er zurückkommt, zieht sie sich sanft wieder zusammen. Er könnte sich frei fühlen, denkt Ada.</p>
<p>Hinter einem Rosenbeet sind drei Parkbänke. Hier war die Mutter, als sie noch alleine laufen konnte, einmal mit einem Bier trinkenden Mann ins Gespräch gekommen. Das hat sie nicht vergessen. Immer, wenn Ada den Rollstuhl an dem Rosenbeet vorbei schiebt, sagt die Mutter: Hier haben wir doch immer gesessen! Merkwürdig, dass sie den Ort erkennen kann. Sehen und Wahrnehmen ist doch wohl zweierlei.</p>
<p>Ein großer, dicker, glatzköpfiger Mann steht auf dem Weg. Er schaut mit unbewegtem Gesicht geradeaus. In seinem Gesicht ist ein schmaler senkrechter Streifen Barthaar zwischen Unterlippe und Kinn. Die Aufteilung zwischen Bartbestand und rasierter Haut ist wie eine Spiegelung der Parkwiese, in der Flächen mit langem Gras von kurz gemähten Streifen umgeben sind. Der Mann hält einen Hund in der gleichen Größe und Farbe wie der von Ada ausgeführte, allerdings mit kurzem Fell und geringeltem Schwanz. Ada lässt zu, dass die Tiere sich beriechen, vermeidet dabei, den Mann anzusehen oder gar ihm ein Zeichen zu geben, das er als Gesprächsbereitschaft verstehen könnte. Es ist gar nicht nötig; der Mann hat sich hinter der gleichen Feindseligkeit verschanzt.</p>
<p>Früher ist die Mutter mit jedem ganz leicht ins Gespräch gekommen. Sie hat sofort die Kontrolle über den Gesprächsverlauf übernommen. So konnte sie herzlich und interessiert sein und sich mit einem Gefühl der Genugtuung aus der Begegnung lösen. Gesprächspartnern mit einer ähnlich offensiven Strategie ist sie aus dem Weg gegangen. Am letzten Nachmittag haben die alten Frauen im Heim ein Ratespiel gespielt. Falsche Titel alter Schlager sollten korrigiert werden. Wenn die Mutter die Frage endlich verstanden hatte, hat sie sie mit einer Stimme, die vor Verachtung über so viel Unwissenheit dröhnte, richtig gestellt.</p>
<p>Der Hund hat seine Fährte wieder aufgenommen. Er riecht an der Parkbank, er riecht am Brückenpfeiler. Er riecht noch einmal und hebt dann das Bein. Man sagt, die Hunde markieren ihr Revier. Vielleicht ist das zu männlich-dominant gedacht, geht es Ada durch den Kopf, vielleicht kommunizieren sie über die Körperausscheidung miteinander, hinterlassen Botschaften, die sich aufeinander beziehen. Jede Urinspur ein Argument, das eine Erwiderung herausfordert. Im begegnenden Hund wird der Urheber erkannt und zugeordnet. So hat jeder Laternenpfahl eine lange Diskursgeschichte. Und den Hund interessiert nicht sein Revier sondern der Verlauf der Diskussion.<br />
Manchmal macht der Hund, wenn er ins Gras gepinkelt hat, Kratzbewegungen mit den Beinen. Will er seine Spuren verwischen, statt sie zu hinterlassen? Spricht dies gegen die Theorie vom Kreuzen der Argumente? Es ist dies vielleicht eine relativierende Geste, um dem eigenen Beitrag eine transiente Leichtigkeit zu geben und so das letzte Wort zu behalten.</p>
<p>Auf der Bank nahe dem kleinen Teich hat Ada mit der Mutter gesessen. Sie haben Lieder gesungen, Kinderlieder, Abendlieder, Weihnachtslieder. Die Mutter hat dabei mit einem konzentrierten Gesicht nach innen geschaut. Später hat Ada ihr Strickzeug herausgeholt, einen roten Wollstrumpf, den sie nur angefangen hat, um die Geduld für die Mutter aufzubringen. Das hat die Mutter gleich gemerkt, sie hat den Strumpf als ihren Rivalen betrachtet und von sich gewiesen, ihn etwa geschenkt zu bekommen. Ada hat weitergestrickt und die in kurzen Abständen wiederholten, immer gleichen Fragen beantwortet. &#8211; Was arbeitest du denn jetzt? Und kommst du mit deinem Geld denn aus? Wo ist denn dein Partner? Kenn ich den? Wann fährst du denn zurück? Und wie viel Uhr ist es jetzt? Für wen sind denn die Strümpfe? Für mich?! Ach. Aber ich brauche keine roten Strümpfe. – Ada hat Maschen gezählt, sie hat laut gezählt, damit die Mutter es hören kann.</p>
<p>Der Hund streicht durch das tiefe, feuchte, Gras. Ada steht auf der geschorenen Rasenfläche und gibt ihm von dort aus so viel Raum, wie möglich ist. Die leicht durchhängende Leine ist jetzt nicht mehr das Instrument von Herrschaft, Kontrolle und straffer Führung, sondern das Band der Beziehung zwischen zwei Wesen. Die leichten Bewegungen, Zug und Entspannung des Seils, sind Signale, die Mitteilungen über auseinanderdriftende Interessen enthalten und bereitwillig ausgeglichen werden.<br />
Der Hund ist ganz bei sich. Er beißt in die Halme, kaut ein bisschen auf ihnen herum, wendet sich hier hin und dort hin. Dann beugt er den Rücken, bis das Hinterteil im Gras verschwindet, hält still, schaut versonnen den Weg entlang. Das wäre also auch erledigt. Ada zieht den Hund zu sich heran.</p>
<p>Immer, wenn die Mutter in den dämmrigen Flur des Heims zurück geschoben wird, scheint sich der Schleier vor ihren Augen zu verdichten. Die Angst, vollständig zu erblinden, überfällt sie wieder. Sie braucht die Augentropfen. Sie sind die einzige Hoffnung. Ada weiß, dass sie nichts anderes als eine Salzlösung zum Befeuchten der Augen sind, und alle anderen wissen es auch. Doch der Mutter bedeuten sie alles. Warum kann man ihr nicht Augentropfen geben, immer, wenn sie es will? Die Pflegekräfte dürfen nur nach Anweisung handeln. Und darin heißt es: Tropfen morgens und abends. Aber die Mutter hat Angst, bis zum Abend endgültig erblindet zu sein. Warum kann man ihr nicht eine Flasche hinstellen, wenn es doch nur Salzwasser ist? Dann hat sie die Flasche nach ein paar Tagen verbraucht und gerät in Panik, weil sie nicht sicher ist, dass eine neue bestellt wurde. Die Angst, in irgendeiner Frage nicht richtig Vorsorge getroffen zu haben, pulsiert im Körper der Mutter. Ada versucht, abzulenken.<br />
Wenn die Mutter für einen Augenblick die Dunkelheit vor ihren Augen, den drückenden Darm, das schmerzende Bein vergessen hat, fängt sie an, die Tochter zu mustern: Hast du heute einen Rock an? Das ist ja schön. Und welche Schuhe trägst du dazu? Ist es dir nicht zu kalt mit den kurzen Ärmeln?</p>
<p>Der Hund bleibt an der Ecke des Parkausgangs stehen. Links geht es nach Hause. Ada will Brötchen holen. Das kann man ja wohl mit so einem Hund machen, denkt sie, kurz mal was einkaufen gehen. Die Bäckerei liegt auf der anderen Seite der Hauptstraße zwei Querstraßen weiter. Aber den Hund will auf gar keinen Fall über die große Straße. Er sträubt sich und macht sich schwer, er stemmt die Vorderfüße in das Pflaster und spannt alle Muskeln an. Ada zerrt an der Leine und schimpft mit dem Hund. Eine Passantin wirft ihr einen schnellen Blick zu. Ada senkt die Stimme, sie beschwört den Hund und versucht, ihn und sich zu beruhigen. Sie geht bis zur Fußgängerampel vor. Vielleicht ist er gewohnt, die Straße hier zu überqueren. Als es grün wird, reißt sie den Hund auf die andere Seite hinüber.<br />
Er muss mit, er geht neben ihr, versucht aber, nach rechts oder links auszubrechen. Auf der linken Seite ist ein anderer Park. Ada lässt ihn nicht entkommen. Der elastische Teil der Leine, der Spielraum zwischen Hund und Halterin, ist ganz eingefahren und verriegelt. Ada hat den ledernen Teil zusätzlich um ihr Handgelenkt geschlungen.<br />
An der Bäckerei bindet sie den Hund am Pfosten eines Verkehrsschildes fest. Er ist noch da, als Ada mit der Brötchentüte wiederkommt. Sie hat ihm eine Kuchenkostprobe von der Theke der Bäckerei mitgebracht. Der Hund will sie nicht. Er dreht den Kopf und hechelt. Ada schleift ihn auf die andere Straßenseite zurück. Komm, jetzt gehen wir nach Hause! sagt sie. Der Hund weiß nicht mehr, in welche Richtung er ziehen, wogegen er sich stemmen soll. Die Lastwagen donnern an ihm vorbei. Der Hund wirft seinen Kopf hin und her; er versucht, mal zum Radweg, mal in die Vorgärten zu entkommen. Er weiß nicht, woher die Gefahr kommt, wie er sich schützen kann. Er hat kein Vertrauen mehr zu Ada. Er ist in der Irre. Ada fühlt sich schuldig, und sie ist verzweifelt; der Hund ist ihren Erklärungen nicht zugänglich. Wenn sie sagt: Noch zwei Straßen! dann sagt sie es zu sich selbst.<br />
Als der Hund schließlich auf die Spur nach Hause zurückgefunden hat, hofft Ada, dass damit auch die Erinnerung an das Ausgeliefertsein verblasst.</p>
<p>Vielleicht ist ein vergessenes Gefühl nicht real, denkt Ada. Ein Ereignis hat stattgefunden, ob man sich nun daran erinnert oder nicht; dafür gibt es Indizien. Aber ein Gefühl, das dem Gedächtnis entfällt, ist getilgt. Das zu denken, ist eine Erleichterung und gleichzeitig eine Bedrohung. Denn die Spur der Angst im Körper bedeutet auch die Möglichkeit, ihr Wiederauftauchen zu erkennen und ihr gewappnet begegnen zu können. In die erinnerungslose Landschaft fährt der Blitz der Angst aus heiterem Himmel mit ungebremster Gewalt. Es muss die Hölle sein.</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=273&amp;md5=741c7c61755da1dbd149ac79db661378" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Rückseite des Films</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jun 2011 20:45:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-________</p>
<p>Das Möbiusband ist eine geheimnisvolle Metapher &#8211; eine in sich verkehrte, eine seltsame Schleife. Eine jedenfalls in einer Richtung unendlich ausgedehnte Fläche, die zugleich ihre eigene Rückseite ist.  Ada stellt sich einen ganz kurzen 35mm-Film vor, der als Schlaufe durch einen Projektor läuft. Wenn man den Film an einer Stelle auftrennt und einmal gedreht wieder zusammenklebt und so laufen lässt, ist es ein Möbiusfilm, der spiegelbildlich immer wieder auf sich selbst antwortet. Welche Seite wird dann eigentlich gezeigt? Abwechselnd einmal richtig rum und einmal falsch rum?</p>
<p>Pius hat eine Einladung zu einer ziemlich geheimen, jedenfalls illegalen Filmvorführung. Ada will erst mit. Dann erinnert sie sich, dass sie den Film schon mal gesehen hat: Moebius. Sie hatte doch sogar mal was darüber geschrieben. Da ist sie ganz sicher. Aber sie findet den Text nicht wieder.<br />
Ada hat keine Lust, in einen Film zu gehen, den sie schon kennt, auch wenn sie sich jetzt gerade nicht erinnern kann. Also geht Pius alleine los. Ada fährt in der Zeit mit dem Fahrrad durch Berlin, das sein Fete de la Musique feiert. Sie versucht, sich zu verlieren. Es gelingt ihr nicht.</p>
<p>Zuhause findet sie den Text wieder, sie hatte den Film tatsächlich schon mal gesehen, aber eben nicht ganz. Und darum ging es.</p>
<p><em>„Kino 7, Montag 18.30 Uhr. Der Film „Möbius“ handelt von einem verschwundenen U-Bahn-Zug. Eigentlich ist es eine Übung der Filmklasse von Gustavo Mosquera aus Buenos Aires im Schärfeziehen. Aber die Übung gruppiert sich um eine Geschichte, eben den verschwundenen U-Bahn-Zug. Das heißt, eigentlich ist er nicht richtig verschwunden, man hört ihn &#8211; überall &#8211; aber man sieht ihn eben nicht.<br />
Dem Akustischen wird hier die höhere materielle Gewalt zugetraut. Die Verantwortlichen sind alarmiert; wo der Zug durch die Röhren röhrt, könnte es doch zu einem Zusammenstoß kommen &#8211; aber wo? Gerade, als der Held in Betrachtung einer Achterbahn des Rätsels Lösung fast gefunden hat &#8211; das Möbiusband &#8211; frisst der Projektor im Kino 7 des Ateliers am Zoo den Film und stoppt die Geschichte. Das Licht geht an. Der aufgeregte, aber zur Beherrschung der Situation fest entschlossene Moderator, Peter Schumann, eilt nach vorn. „Meine Damen und Herren, es tut mir sehr leid&#8230;“ Also, der Filmapparat ist jetzt vollständig kaputt. Es wird nicht mehr weitergehen. Leiderleider. Man sei auf eine solche Situation nicht vorbereitet. Verärgerung, Laute der Enttäuschung, „Geld zurück!“-Rufe. Der Regisseur und zwei seiner Studentinnen werden zur Diskussion nach vorne gebeten. Das Publikum murrt; es will nicht diskutieren. Es hat 12 Mark bezahlt und will den Film.  Der Moderator beschwichtigt: „Wir werden das Ende der Geschichte erzählen“ Das Murren verstärkt sich. Jetzt kommt die Entschlossenheit des Moderators und die Überlegenheit der Verstärkeranlage zum Einsatz „Bitte begreifen Sie doch&#8230; nein, das müssen Sie bitte einsehen&#8230;“<br />
Der Regisseur, ein bärtiger junger Mann, ergreift das Mikrophon: Es sei schade, betont er&#8230; gerade jetzt, wo der philosophische Teil kommt&#8230; Er fängt an, die Handlung weiterzuerzählen: Also, der Held trifft jetzt den alten Professor, der den U-Bahn-Wagen entführt und in eine andere Dimension bugsiert hat. Der macht ihm klar, dass das ganze Problem darin besteht, dass die Menschen eben nur glauben wollen, was sie sehen. Da hat er wohl Recht; auch das Kinopublikum will die Geschichte nicht hören, sondern sehen. Wann läuft der Film noch mal? Und wo? Ach Gott, man weiß es nicht! Mitarbeiterinnen laufen hin und her.<br />
Der Moderator setzt sich durch, der Regisseur erzählt weiter. Die Studentinnen stehen mit durchgedrückten Knien daneben. Mittlerweile kommt die Botschaft, dass man den Film wahrscheinlich zwei Tage später noch einmal zeigen wird. Aber nachdem diese gute Nachricht durchgegeben wurde, wird das Chaos komplett. Das Publikum teilt sich in drei Lager: Die einen, die nicht noch mal von vorn anfangen, sondern hier und jetzt das Ende der Geschichte haben wollen, die anderen, die ihr Geld zurückhaben wollen, und eine dritte Gruppe, die nur auf den neuen Termin wartet und sich verbittet, dass man ihr jetzt schon die Pointe verrät.<br />
Konfusion und Aufbruch. Die Organisatoren können die Unmutigen zwar zum Schweigen bringen, aber festhalten können sie sie nicht. Wer ins Kino geht, will eine Geschichte eben sehen, und nicht hören, selbst wenn sie das Gegenteil zur Botschaft hat.“</em></p>
<p>Ada fragt sich, ob sie einen solchen Text heute auch noch verfassen könnte, jetzt, nachdem sie sich vom Journalismus abgewandt hat. Sie mag die humorige Geschlossenheit nicht mehr. Die Storys finden mit einem kleinen eleganten Schlenker, den man Pointe nennt, in ihr eigenes Flussbett zurück. Sie benicken sich selbst &#8211; anders als das Möbiusband, das zwischen sich und seiner Negation endlos irrlichtert. Trotzdem gefällt Ada die alte Geschichte. Wie es wohl weiter gegangen wäre? Sie hätte doch mitgehen sollen.</p>
<p>Pius erzählt später, man habe sich an einem verabredeten S-Bahnhof getroffen. Es wären über 100 Menschen da gewesen. Man wäre durch wildes Gestrüpp gegangen, den Organisatoren hinterher. Man habe auch Zäune überwunden und schließlich einen verlassenen S-Bahnhof erreicht. Die Organisatoren hätten nun von allen Nachrückenden einen Kostenbeitrag, der auch ein Getränk mit einschloss, kassiert. Ada hat das Bild eines Menschen vor Augen, der plötzlich unter seiner Jacke eine Geld-Tasche entblößt, so eine mit einzelnen Münzschächten, wie sie die BVG-Schaffner früher hatten. Nun bedauert sie noch mehr, nicht dabei gewesen zu sein.<br />
Eine Leinwand war schon aufgebaut. Die Zuschauenden setzten sich auf umgedrehte Papierkörbe. Und dann sahen sie den argentinischen Film „Möbius“. Ganz. Und dann löste sich das temporäre Kino auf.</p>
<p>Ada vergisst zu fragen, wie der Film denn nun zu ende geht. Das schaut sie später bei Wikipedia nach: Der Held wird bei seinen Recherchen fast von einer U-Bahn überfahren, gibt auf, steigt in eine beliebige andere Bahn, um nach Hause zu kommen – und ist genau in diesen verschwundenen Zug geraten, was er an verschiedenen Seltsamkeiten feststellt. Er ist also sozusagen auf die andere Seite des Bandes geraten, hinter den Spiegel, und kommt nicht mehr zurück in die wirkliche Welt.</p>
<p>Ada merkt, dass ihr der nachgelesene Ausgang des Films gleich wieder entgleitet. Ohne Ende war er doch vollständiger. Er erfüllt sich durch seine Aufführung. Sie ist in der Vorstellung von Projektionen in wilden Stadtraum-Nischen gefangen. Sie träumt von konsequent illegalen Filmvorführungen, die nicht vorher aufgebaut werden müssen, sondern vollkommen spontan laufen können. Also z.B. so: Fahrrad-Anhänger mit ausziehbarer Leinwand. Zweiter Anhänger mit PA und Vorführtechnik drauf. Dritter Anhänger mit Generator. Man trifft sich, fährt oder geht los, findet einen Platz, rollt aus, und ab geht der Film. Eine Gruppe von Menschen schiebt sich mit Kisten durch das hohe Gras. Sie tauchen zwischen fast zugewachsenen Gleisen wieder auf. Der Blick folgt ihnen über einen zerfallenen Bahnsteig. Im nächsten Bild sieht man hinter alten Lokschuppen den Widerschein der Projektion; man hört, verschliffen und verweht, den Ton des Films. Die Kamera umfährt die Gebäude-Ecken und nähert sich dem Platz des temporären Kinos. Eine Leinwand ist da, mit einem von Nacht umgebenen Bild darauf. Es zeigt Menschen, die Kisten durch hohes Gras ziehen. Der Zwischenraum wird immer schmaler. Die Kamera saugt sich an der Projektion fest. Das Bild füllt das Bild, der Film ist im Film aufgegangen, die Zuschauenden sind von ihm verschluckt.<br />
Man hört das Knattern des Projektors. Der Film muss hier irgendwo sein.</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=267&amp;md5=963729f0d3894a3175fd3ed728d9256b" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Wassersuite</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/05/21/wassersuite_fuer_kristin/</link>
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		<pubDate>Sat, 21 May 2011 06:26:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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<p>Jottwehdeh in Frankreich, im regennassen Monat März: <a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/files/2011/05/Wassersuite.mp3">Wassersuite</a>.</p>
<p>Und die ist Krimo gewidmet!<br />
(Vielleicht mit Kopfhörer am besten)</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=261&amp;md5=6e61f923f172b39b84ce20c13836154e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Aufwachen</title>
		<link>http://blogs.taz.de/jottwehdeh/2011/04/15/aufwachen/</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Apr 2011 12:14:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Imma-Luise Harms</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;</p>
<p>Ada weiß, dass sie wach ist. Sie spürt ihren Körper. Seine Wärme ist wie von einer Muschel umschlossen. Im Rücken fühlt sie die bekannte Ritze zwischen den zwei Matratzenteilen, die sie manchmal am Einschlafen hindert. Um die Füße ist während des Schlafs ein kleiner Hohlraum entstanden. Ada knickt die Zehen und richtet sie wieder auf. Vielleicht acht Uhr, denkt sie, höchsten halb neun.</p>
<p>Adas Kopf liegt schwer im Kissen. Hinter ihren fest geschlossenen Augen ist die Welt der Bilder in Bewegung. Es sind die letzten dunklen Traumbilder, die unter dem Zugriff der Erinnerung langsam erstarren. Ein Hund im Schwimmbad. Welcher Hund? Jockel ist wieder klein. Er soll nicht ins tiefe Wasser gehen. Und doch ist er weg. Sie kann ihn nicht finden. Aber der Hund ist da. Welcher Hund denn bloß? Und warum ist das Wasser so dunkel? Jemand spricht sie von hinten an.</p>
<p>Die Bilder vom letzten Tag steigen wie lichte Frühnebel über den Traumszenen auf. Der Sonnenschein in der Stadt, das Café. Wie sie den Zucker aus der Verpackung geschält hat, erst ein Stück, dann das andere auch noch, weil es doch schön ist, wenn es süß ist. Dann war kein Löffel da, sie hat ihn unter den Karten und Plänen gesucht, die auf dem Tisch ausgebreitet waren. Es gab keinen Löffel. Weiß das die Kellnerin? Wird die Kellnerin denken, sie hätte ihn eingesteckt? Adas Körper erinnert sich an die Empfindung der Verlegenheit, und auch an die Scham, sich mit solchen lächerlichen Kleinigkeiten überhaupt zu beschäftigen. Der Zorn darüber hat ihr geholfen, sich zu befreien. Sie hat den Espresso in der kleinen Tasse geschwenkt und genossen, dass er Schluck für Schluck immer zuckriger wurde. Ada spürt den cremig-süßen Kaffeerest noch jetzt im Mund.</p>
<p>Die Szenen, die aufscheinen und verblassen, werden von Gedanken in Besitz genommen, die dem Schauen ein Ende machen. Der Raum hinter Adas geschlossenen Augen wird zum Aufmarschplatz, auf dem Meldungen und Befehle hin und her gehen und mit Fußgetrappel Aufstellungen verändert werden. Ada sieht sich eine Weile zu, wie sie bewertet, neue Vorsätze fasst und Pläne macht. Dann lächelt sie sich mit der Innenseite ihres Gesichts zu. Ist ja gut. Wird schon. Nicht so streng heute! Das Wort „Kontingenz“ kommt ihr in den Sinn  und wird zum Bild. Ein prunkvolles Brokatkissen, dessen ausgeblichenes Muster eine luxuriöse, schwer zugängliche Beschreibungsformel darstellt. Wie schön ist der Überfluss!</p>
<p>Ada ist wach, doch noch nicht in der Welt. Gestern ist vorbei. Heute ist noch nicht da. Alles ist noch möglich. Wenn es regnet, schreibe ich den Brief. Wenn es bewölkt ist, aber nicht regnet, fahre ich in die Stadt. Wenn die Sonne scheint, mache ich die Wanderung.<br />
Die Wanderung. Ada sieht die Schlucht, die auf der Karte aus dichter werdenden roten Linien besteht. Sie sieht die Dunkelheit in den enger werdenden Zwischenräumen. Sie muss ja nicht dahin gehen. Sie kann zuhause bleiben, auch wenn es nicht regnet. Aber: aufgestellte Pläne sollst du nicht verändern! Oder anders gesagt: Zu viel Freiheit macht doch nur verzweifelt!</p>
<p>Regnet es denn nun eigentlich oder nicht? Ada öffnet die Augen. Die Entscheidung ist nicht rückgängig zu machen.  Aber sie sieht nicht aus dem Fenster. Sie weiß, dass hinter dem kahlen Baum der Himmel ist – entweder grau oder blau. Ihr Blick gleitet die Wand entlang. Er sucht das Bild der Nacht, das verschwimmende Aquarell an der Wand hinter ihr, wenn das orangefarbene Licht der Straßenlaterne, gebrochen durch die Zweige der Platane und aufgeteilt durch das Fensterkreuz, ins Zimmer fällt. Das nächtliche Schattenspiel ist im Weiß der Wand verschwunden. Draußen ist es hell, hinter den Zweigen ist es blau. Irgendwo muss die Sonne scheinen.</p>
 <p><a href="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/?flattrss_redirect&amp;id=258&amp;md5=7e13fef597e7a18c41b8dd47d9d6dc9a" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://blogs.taz.de/jottwehdeh/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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