Gerade habe ich mein Buch aus der Tasche gezogen, da mischen sich sanft langgezogene Töne in das Rattern der S-Bahnräder. Die Töne steigen zu einem zarten Zirpen auf und sinken herunter in eine samtige Getragenheit. Dann sind sie kaum noch zu vernehmen. Ich wende mich um. Am Ende des Abteils hat jemand eine Geige ausgepackt. Der Mann mit dunklem Brillengestell und langem, dunklem Haar, das unter einer Wollmütze hervorquillt, hat sich an das Geländer gelehnt, das den letzten Sitz von der Tür trennt. Er streicht seine Fidel. Sie kommt mir groß vor; es ist wohl eher eine Bratsche. Die Finger eilen über die Saiten und verhalten zitternd an einer Stelle, um den Bogenstrich abzuwarten. Manchmal klingt ein zweiter Ton mit. Es ist wie das „Oh“ oder „Ach“ einer teilnehmenden Zuhörerin.
Die Musik hat etwas angenehm Unaufdringliches. Ich hole mein Portemonnaie heraus. Einen Euro ist mir das wert. Ich nehme… weiter lesen
Archive for the ‘Allgemein’ Category
Ein Appell an die wohlmeinenden SachbearbeiterInnen der Integrationsbürokratie in Märkisch-Oderland
von Imma-Luise Harmsgehalten als Referat Ende September in Seelow.
Abstract:
Das Lebendige bewegt sich, verändert sich, organisiert sich immer wieder neu – und ist nie fertig!
Die unveräußerlichen Menschenrechte sollten ergänzt werden. 1: Solange das Geld sich frei über Grenzen hinweg bewegen darf, muss es auch für die Menschen ein Grundrecht sein. 2: Jedem Menschen steht die Nutzung eines Stücks Erde zu, das groß genug ist, um ihn zu ernähren.
Und hier der Text: Kommt rein – es gibt genug zu tun
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Die Nummer 1 ist natürlich das Schloss. Über das Schloss mit seinem Hochzeitsrummel gäbe es ohne Ende zu tratschen, aber nicht hier. Nachdem die letzten Geadelten, die Eckardsteins, sich vor der vorrückenden russischen Front nach Westen in Sicherheit gebracht hatten, fiel der Bau der russischen Ortskommandantur in die Hände. Sie übergab es nach ihrem Abrücken in Gemeindebesitz. Die Flüchtlinge aus dem Osten wurden hier fürs Erste untergebracht. Später bekamen sie Bauplätze und wie gesagt Land weiter hinten in der Neuen Dorfstraße. Einzelne Wohnungen gab es aber weiterhin in irgend welchen Seitentrakten des Schlosses. Im zentralen Teil war eine Kneipe oder jedenfalls eine Dorf-eigene Feiereinrichtung. Es gibt Bilder, auf denen an langen Tischen Sitzenden Kaffee und Kuchen vorgesetzt wird.
Bis zum Zusammenbruch der DDR war der Kindergarten im Schloss. Nach der Wende ersteigerte die Brandenburgische Schlösser GmbH mit Sitz in Potsdam den denkmalsgeschützten Bau im Tudor-Stil, ließ ihn aufwändig… weiter lesen
Im herrschaftlichen Schlosspark lag der See. Alte Reichenowerinnen erzählen, dass sie ihn nach dem Krieg das erste Mal zu Gesicht bekommen haben. Im Privatvergnügen der Familie von E. hatten die Dorfbewohner unsichtbar zu bleiben. Das war mit dem Ende der Junker-Ära vorbei. Das Schloss, der Park und der See gehörten plötzlich allen. Es sprach also nichts mehr dagegen, die Verbindung von den Gutshof-Gebäuden, dem ersten Teil der „Neuen Dorfstraße“ zu ihrem dahinter gelegenen zweiten Teil einfach durch den dazwischen liegenden Schlosspark laufen zu lassen. Die Neue Dorfstraße zweigte also von der Hauptstraße des Dorfes ab, führte auf das riesige, mit Kopfsteinen gepflasterte Gutshofareal, machte von dort einen Schlenker durch den Schlosspark und mündete in den von beiden Seiten bebauten, etwa 50 Meter breiten Streifen Grasland.
Mag sein, dass der traditionelle Dorfaufbau dieser Region die Planung beeinflusste. Der Platz in der Mitte der Dörfer war wie erwähnt traditionell für Kirche,… weiter lesen
Über die Hälfte der Einwohner Reichenows sind ehemalige Flüchtlinge. Die meisten sind aus Pommern herüber gekommen, das auf der anderen Seite der Oder begann. Sie wurden zuerst in dem verlassenen Schloss und in den zu Wohneinheiten aufgeteilten Gutshof-Gebäuden untergebracht. Dann kam die Bodenreform. Die Flüchtlinge bekamen ein Stück Land und wurden Siedler. So entstand die Neue Dorfstraße. Sie wurde als Ausleger vom Schloß-Gutshof-Komplex aus in das nördliche Ackerland hineingetrieben.
Wie bei vielen Siedlungsdörfern in Brandenburg umschließen die Grundstücke einen lang gezogenen Dorfanger, auf dem anderswo traditionell die für die Gemeinde wichtigen Einrichtungen stehen – die Kirche, die oft auch Versammlungsraum ist, die Schule, die Schmiede, ein Stück Freifläche für Dorffeste, eine Obstwiese, ein bisschen Gartenland zum Anbauen. Hier ist der Dorfanger fiktiv: die freie Grasfläche, die der Straße ihre Weite gibt. Gemeinde-Entwicklungsland – aber davon später.
Durch die Reichenower „Stalinallee“ fahren weder Panzer noch die riesigen Erntemaschinen, mit denen… weiter lesen
Die Neue Dorfstraße heißt bei den Leuten im alten Dorf noch immer Stalinallee. Aber nur der hintere Teil, die Nummern 8 bis 26. Der vordere Teil war früher einfach das Schloss mit allen seinen riesigen Landwirtschaftsgebäuden.
Die Reichenower Stalinallee ist vielleicht noch breiter als die Berliner ehemalige Stalinallee. Sie ist voller köstlicher Leere, eine weite Graspiste, in der ein Schotterweg mal rechts, mal links verläuft. Niedrige Häuser mit Dächern in unterschiedlichen Rottönen sind von zu groß gewordenen Büschen halb verdeckt. Darüber sind Wolken, die in niedriger Höhe in die Ferne treiben. Morgens ist der Himmel rosa, abends sieht der Mond, der hinter den Scheuen aufsteigt, groß und gelb aus.
Neben dem Weg aus Schottersteinen, mit denen die Schlaglöcher immer wieder aufgefüllt werden, stehen Holzmasten, an denen Straßenlaternen befestigt sind und zwischen denen die sanft durchhängenden Leitungen den dafür notwendigen Strom weitertransportieren. Die Masten sind aus Robinienholz, der hier… weiter lesen
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Ada geht mit dem Hund. Und der Hund geht mit Ada. Es bleibt ihm nichts anderes übrig. Er ist mit einer Leine an sie gebunden.
Es ist Vormittag, als sie vor die Tür treten. Der Hund hat geduldig gewartet, bis die ihm fremde Person herausgefunden hat, wie das Halsband über die Ohren zu streifen ist. Die Straße ist leer. Der Gehweg dehnt sich rechts und links an den Fassaden aus blanken Klinkern entlang. Vor diesen Häuserfronten wird kein Geschäft erledigt. Das weiß der Hund. Er zieht nach rechts. Ada wollte nach links, aber der Hund ist groß und schwer und entschieden; so geht Ada mit dem Hund.
Er schnüffelt und geht weiter.
Ada sieht auf das helle, dichte Fell, das bei jedem der tänzelnden Schritte rhythmisch hin und her fällt. Adas Herz ist schwer. Die Mutter. Ihr schwerer Abschied vom Leben. Die Mutter sieht und hört kaum noch… weiter lesen
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Das Möbiusband ist eine geheimnisvolle Metapher – eine in sich verkehrte, eine seltsame Schleife. Eine jedenfalls in einer Richtung unendlich ausgedehnte Fläche, die zugleich ihre eigene Rückseite ist. Ada stellt sich einen ganz kurzen 35mm-Film vor, der als Schlaufe durch einen Projektor läuft. Wenn man den Film an einer Stelle auftrennt und einmal gedreht wieder zusammenklebt und so laufen lässt, ist es ein Möbiusfilm, der spiegelbildlich immer wieder auf sich selbst antwortet. Welche Seite wird dann eigentlich gezeigt? Abwechselnd einmal richtig rum und einmal falsch rum?
Pius hat eine Einladung zu einer ziemlich geheimen, jedenfalls illegalen Filmvorführung. Ada will erst mit. Dann erinnert sie sich, dass sie den Film schon mal gesehen hat: Moebius. Sie hatte doch sogar mal was darüber geschrieben. Da ist sie ganz sicher. Aber sie findet den Text nicht wieder.
Ada hat keine Lust, in einen Film zu gehen, den sie schon kennt, auch… weiter lesen
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Jottwehdeh in Frankreich, im regennassen Monat März: Wassersuite.
Und die ist Krimo gewidmet!
(Vielleicht mit Kopfhörer am besten)
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Ada weiß, dass sie wach ist. Sie spürt ihren Körper. Seine Wärme ist wie von einer Muschel umschlossen. Im Rücken fühlt sie die bekannte Ritze zwischen den zwei Matratzenteilen, die sie manchmal am Einschlafen hindert. Um die Füße ist während des Schlafs ein kleiner Hohlraum entstanden. Ada knickt die Zehen und richtet sie wieder auf. Vielleicht acht Uhr, denkt sie, höchsten halb neun.
Adas Kopf liegt schwer im Kissen. Hinter ihren fest geschlossenen Augen ist die Welt der Bilder in Bewegung. Es sind die letzten dunklen Traumbilder, die unter dem Zugriff der Erinnerung langsam erstarren. Ein Hund im Schwimmbad. Welcher Hund? Jockel ist wieder klein. Er soll nicht ins tiefe Wasser gehen. Und doch ist er weg. Sie kann ihn nicht finden. Aber der Hund ist da. Welcher Hund denn bloß? Und warum ist das Wasser so dunkel? Jemand spricht sie von hinten an.
Die Bilder vom letzten Tag… weiter lesen