Archive for the ‘Allgemein’ Category

28.02.2013 von Imma Luise Harms
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Herzliche Grüße

von Imma Luise Harms

Mit dem Hochzeitsschloss in Reichenow ist es aus. Die beiden Pächterinnen müssen den Bau räumen. Ich glaube, heute ist ihr letzter Tag. In den letzten Wochen haben sie ihre Möbel verkauft, auf ihrer Homepage und bei Ebay, ihren ganzen pseudo-aristokratischen Plunder: Königsstuhl usw.
Seit zehn Jahren ärgere ich mich über die Disneyland-Fahne, auf die am Morgen immer als erstes mein Blick gefallen ist. Ich hab ja öfter drüber geschrieben. Jetzt weht die neutral-orangene. Und angestrahlt wird sie auch nicht mehr. Das Geld sparen sie sich, kommt ja doch keiner mehr.
Sie haben noch einen letzten Polterabend im Schloss gefeiert. Ende Januar war das. Und dann stilvoll das zerdepperte Geschirr in die ausrangierte Herzchenfahne eingewickelt und neben die Mülltonnen gelegt. Jemand vom Gutshof hat die Trophäe später geborgen.
Ob das Geschäft mit der Hochzeit nicht gut genug ging, wissen wir nicht. Die Pächterinnen sagen… weiter lesen

29.01.2013 von Imma Luise Harms
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Gelegenheiten und Begegnungen

von Imma Luise Harms

Fenster mit Gardine

Wieso stehtn Frau Wächter anner Bushaltestelle? Machts der Opel nich mehr oda jibs den garnich mehr?

Ich gloob, gleich kommt der 927er, auf den wird’se warten. Aber der fährt do nach Wriezen. Was willsn da? Die fährt do sonst immer nach Strausberg, da macht se so Kurse. Oder zum Arzt. Ob se einkaufn geht? Dis kann doch ihr Heinz-Ehrlich machen, wenna vonna Arbeit kommt.
Vielleicht is ja doch det Auto kaputt. Gestern, als se Eier jeholt hat, hat se nüscht jesacht.

 

Bushaltestelle. Reichenow-Schule

Naja, die Leute werden denken, dass mein Auto kaputt ist. Das könnte ja auch wirklich sein. Jedenfalls kann es mal passieren. Dann ist das jetzt eben ne Art Probe, für den Fall, dass ichs wirklich mal brauche. Ich mein, das ist doch auch leicht zu erklären. Wenn ich schon die Buchführung für den Laden mache, dass ich das auch mal benutzen muss.… weiter lesen

30.12.2012 von Imma Luise Harms
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Lohn und Brot

von Imma Luise Harms

Die Straße ist dunkel. Vom Scheinwerferlicht gestreift leuchten die Pfosten zwischen den Bäumen auf. Die roten und weißen Katzenaugen bilden ein Band, das sich mal nach rechts mal nach links biegt. Der Abzweig von Strausberg nach Altlandsberg liegt hinter uns. Nach ein paar Kilometern wird es heller – Eggersdorf. Die gelben Lichtkegel der Straßenlaternen streifen rhythmisch über das Lenkrad. Dann ist auch Eggersdorf vorbei. Wir fahren durch die Nacht. Die punktförmigen roten und grünen Diodenlämpchen auf dem Armaturenbrett und das diffuse orange-farbene Hintergrundleuchten der Anzeigen betonen die Dunkelheit im Wageninneren.

Thomas schaltet in den nächsten Gang. Wie ein behäbiges Ackerpferd den Zuruf registriert, kurz innehält, um dann wieder in die alte Gangart zu fallen, durchzieht das Auto ein kleiner Ruck. Der Motor brummt eine Tonart tiefer, der Drehzahlmesser fällt nach unten. Bei 50 Stundenkilometern in den fünften Gang schalten? „Doch“, sagt Thomas, „A. will das so“. A. hat es im… weiter lesen

30.11.2012 von Imma Luise Harms
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Hand-Kuss-Kodierungen in kühlen Zeiten

von Imma Luise Harms

Bei Gemeindeangelegenheiten ist es höflich, sich die Hand zu schütteln. Das gilt für alle Zusammenkünfte, ob man nun herumsteht oder um Tische sitzt. Da werden komplexe Kreise gedreht und vielarmige Kontakte hergestellt. Die Handflächen scheinen geheime Botschaften zu enthalten, die gleichmäßig weiter verteilt werden.
Die Höflichkeit erfordert es nicht, sich vorzustellen. Deswegen werden bei öffentlichen Anlässen auch immer wieder sich zufällig in Reichweite befindende Arme ergriffen. Die Aufforderung dazu kommt wie aus der Pistole geschossen: auf Taillenhöhe wartet der gestreckte, aufrecht gestellte Handteller, der Daumen weist wie ein gespannter Hahn nach oben. Im nächsten Moment hat er, der Daumen, sich um den Handrücken des genötigten Gegenübers geschlossen, drückt ihn beliebig lange und schleudert die Hand – und in ihrer Verlängerung den Unterarm – nach oben und dann wieder nach unten, bevor er ihn freigibt. Besser, man schappt zuerst zu, dann hat man den Prozess in der Hand.
Manchmal… weiter lesen

31.10.2012 von Imma Luise Harms
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Ein weites Feld

von Imma Luise Harms

Der falsche Zug fährt vorbei

Ich sitze auf einer Bank und lese in einem Buch. Die Bank ist aus Metallgeflecht und steht auf dem S-Bahnsteig am Ostkreuz. Das Buch ist mir eigentlich egal. Wichtig ist, dass die schräg gestellte Oktobersonne auf die Bank scheint. Der Zug nach Strausberg Nord wird in ungefähr einer Viertelstunde vom Gleis hinter mir, auf der Nordseite des Bahnsteiges, abfahren. Noch eine Viertelstunde gleißende, güldene Sonne.

Könnte es sein, dass ich vergesse, wie lang eine Viertelstunde ist? Die S5 nach Strausberg Nord fährt nur alle 40 Minuten. Und nur diese eine S-Bahn hat Anschluss an den Bus  927, der weiter nach Reichenow fährt.

Die Busse auf dem Land  fahren die Hauptverbindungsstrecken entlang und zweigen von dort in die Dörfer ab. Nicht alle Busse fahren in alle Dörfer. Meine Freundin K. hat für mich diesen ausgesucht, der mich nach Hause bringen wird. Aber ich darf die S-Bahn… weiter lesen

26.09.2012 von Imma Luise Harms
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Weitreichende Verbindungen (Schluss)

von Imma Luise Harms

- Die Brennessel. Mein Bier ist leer. Ich betrachte die Grenze zwischen Gebüsch und Damm. Im Grunde ist das eine Schengen-Grenze! Um das Kernland, die Klärbecken, wirksam schützen zu können, muss man die Randgebiete kontrollieren. Wenn hier kein Immigrant durchkommt, braucht man im Becken gar nicht mehr zu suchen. Also muss der Randstreifen vor allem unterm Zaun von Pflanzen freigehalten werden. Dann braucht man nur noch zu kontrollieren, dass aus dem Gebüsch keine neuen nachwachsen.
Eigentlich wäre es kein Problem, wenn auf dem kleinen Damm Brennesseln wachsen, aber im Interesse der Sicherheit des Kernbereichs… Und die Brennesseln sind ja auch nicht blöd. Die zeigen sich auf dem offenen Streifen gar nicht, sondern versuchen unter der Tarnung der Grasnarbe vom Paschtunen-Hinterland gleich zu den Ressourcen der Metropole vorzustoßen. Damit ist jetzt aber Schluss. Ich wühle nach und nach alle vier Seiten durch. Eine befriedigende Arbeit: keine Schilfschösslinge, die zertreten werden… weiter lesen

13.09.2012 von Imma Luise Harms
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Weitreichende Verbindungen (Teil II)

von Imma Luise Harms

Die Stimmen kommen von der Straße. Motorengeräusche. Das Klappen von Autotüren. Durch die Zweige sehe ich, wie aus einer kleinen Gruppe von Menschen auf den gelben Pflock gezeigt wird. „Das ist die Grenze vom Straßenland. Bis dahin gehört das eigentlich alles zu uns.“ Oha. Mitten in meinem Brennessel-Kampfgebiet-Hinterland! Was geht da vor? In der kleinen Ansammlung, die offenbar zu einer Besprechung zusammengekommen sind, erkenne ich S. vom Gutshof. Ich stelle mein Bier an die Seite und streife die Gummihandschuhe ab. Vom Fahrweg aus trete ich zu der Gruppe. Tatsächlich ein Lokaltermin der Kreisstraßenmeisterei. Es geht um die Straßenbäume.
Vor zehn Jahren, als die Becken hier angelegt wurden, sah man vom Gutshofgelände Richtung Westen auf mächtige Lindenbaumkronen. Die Linden hatten den Pilz, waren unten nur noch schlecht verankert, innen morsch und außen brüchig. Eine nach der anderen fielen sie der jährlichen Baumschau zum Opfer. Die Experten entnehmen Gewebeproben und fällen… weiter lesen

31.08.2012 von Imma Luise Harms
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Weit reichende Verbindungen (Teil I)

von Imma Luise Harms

„Brennesselbusch, du kleine, was stehst du da alleine?“ sagt Jungfer Marleen, die vertauschte Märchenbraut, auf dem Weg zur Kirche. Alleine? Da irrt sie sich!
Brennesselverbände sind straff organisierte Geheimbünde. Sie graben ihre Tunnel knapp unter der Grasnarbe, verzweigen sich auf der Suche nach gutem Nährboden in alle Richtungen und verwurzeln sich da. Und erst wenn der Standort gesichert ist, wächst das niedliche kleine Pflänzchen zur gefährlichen Kampfnessel heran.
Ich habe mir aus einem Grabezinken eine scharfe kleine Handklaue gebaut – Thomas sagt: Sauzahn. Der Zinken ist mit der Schleifmaschine angespitzt, auf einen massiven Handgriff aufgebaut und doppelt verschraubt. Diesen Sauzahn trage ich zusammen mit Gummihandschuhen und einer Flasche Bier in einem Stoffbeutel zur Schilfkläranlage.
Der Stoffbeutel mit dem Bier hängt am Lattenzaun. Der Sauzahn liegt in meiner Hand. Er ist mein Spürhund. Die Spitze dringt unter die Erdoberfläche und durchkämmt den weichen Boden auf der Suche nach… weiter lesen

29.07.2012 von Imma Luise Harms
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Welke Blätter – schwarze Vögel

von Imma Luise Harms

Der Mond hängt als blasses gelbes D zwischen den Solarpanelen auf dem Dach. Die Sterne sind da, aber sie funkeln nicht im dunklen Himmel. Vielleicht, weil eine Staubschicht in der Luft liegt, meint Thomas, von der Ernte. Kann sein, auch auf dem See hat heute Nachmittag ein feiner heller Film von Staub gelegen.
Ringsum hört man leise das Dröhnen der Erntemaschinen. Sie sind den ganzen Tag und die ganze Nacht unterwegs. Jetzt schon die zweite Nacht. Morgen soll es regnen. Alles muss rein. Die Zeit von Wachstum und Reife ist zu Ende. Der Halm wird gebrochen, das Korn heraus gekämmt. Die Pflanze aus Wurzel, Stängel, Blättern und Frucht wird zu Biomasse, Stärke und Proteinen. Wahrscheinlich wird sogar alles zu Biomasse. Denn hier in der Gegend wird kaum noch Lebensmittel- oder Futtergetreide angebaut. Das kommt alles in die Biogasanlage und wird zu Strom und Wärme.
„Wenn die Zeit eine… weiter lesen

19.06.2012 von Imma Luise Harms
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Lebentransplantation

von Imma Luise Harms

Mein Freund Robert ist tot. Gestern Nachmittag ist er in Heidelberg an den Folgen einer Lebentransplantation gestorben. – Ich wollte schreiben „Lebertransplantation“. Wenn das Korrekturprogramm das Wort nicht irritiert unterkringelt hätte, hätte ich wohl gar nicht gemerkt, dass ich von einem transplantierten Leben geschrieben habe.
Robert war 68 Jahre. Er war der Mensch, den ich nach meinen Eltern und Geschwistern am längsten in meinem Leben gekannt habe.
Im Herbst 1968 brachte ihn ein junger Mann, mit dem ich zu tun hatte, in meine Hinterhof-Studentinnenbude in der Kölner Innenstadt. Robert war in diesen jungen Mann verliebt. Er war in den Jahrzehnten, die folgten, noch oft in meine Freunde verliebt. Ich habe das mal schwesterlich-mitfühlend, mal misstrauisch-eifersüchtig mit ihm geteilt.
Robert hatte nie das, was man eine Beziehung nennt, einen Menschen, der sich ihm ganz zuwendet, der ihm seinen Körper und seinen Alltag öffnet. Ich weiß nicht, ob Robert… weiter lesen