Archive for the ‘Stadtausflüge’ Category

02.11.2010 von Imma Luise Harms
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Denk dich schlank

von Imma Luise Harms

Das Oberdeck des 129ers ist hell erleuchtet. Das nächtliche Kreuzberg gleitet draußen schemenhaft vorbei. Zwei Frauenrücken vor mir. Kräftiges, kurz geschnittenes Haar, runde Schultern, die vom wetterfester Mikrofaser bedeckt sind. Das Idiom ist bayrisch. Die beiden Frauen auf der ersten Bank sehen, wenn sie durch die Frontscheibe gucken, vor allem ihr eigenes Spiegelbild. Fröhlich reden sie über Körperfülle im allgemeinen und im besonderen. “Steht ne Frau vor dem Spiegel und fragt: Bin ich schön? Oder bin ich dick? Sagt ihr Mann: Schön dick!”
Auf der Nachbarbank lässt eine junge Frau ihr Buch sinken. Eine dicke Schwarte, so ein nachhaltiger Roman. “Sie müssen sich mal das Buch ‘Denk dich schlank!’ kaufen”, sagt sie. Die Frau ist schwarz angezogen, das blond gefärbte Haar steht strohig vom Kopf. Ein funkelndes Piercing in der Oberlippe. Schwarz umrandete Augen. “Ja, glooben Se mir, das hilft wirklich!”
Die beiden Touristinnen schauen irritiert zu… weiter lesen

25.02.2010 von Imma Luise Harms
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Wenn die Sache erst einen Namen hat

von Imma Luise Harms

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Einer der Umstände, die das Leben auf dem Land so angenehm machen, ist die Fülle an Bedeutungslosigkeit. Die Wolken ziehen dahin, wie von ungefähr. Auf den Feldern liegt eine weiße Schneedecke, die das Auge zum Horizont gleiten lässt. Die Häuser stehen auf ihrem Platz; da verändert sich wenig.
Der große Reichtum an Bedeutungslosigkeit – informationstheoretisch Rauschen genannt – lädt zur inneren Einkehr ein. Man kann spazieren gehen oder einfach dasitzen und in die Landschaft schauen, ohne dass einen etwas behelligt. Deshalb kommen die Städter zur Erholung so gern aufs Land.
Nun muss ich präziser werden. Nur für die Stadt-gegerbten BesucherInnen ist das Land bedeutungslos. Die Wolkenformen deuten auf einen Wetterwechsel, der Wind steht auf süd-südwest. Durch die Schneedecke schaut der Winterweizen; es wird Zeit, dass der Schnee schmilzt. Schulzes haben anscheinend doch eine Baugenehmigung für ihren Dachausbau bekommen.
Das Rauschen ist eine subjektive Kategorie. Wer die… weiter lesen

18.06.2008 von Imma Luise Harms
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„Danke Ihnen“ – „Gerne“ – „Ist klar?“

von Imma Luise Harms

Es gibt berufliche Redereflexe, die sich so einschleifen, dass sie wie ein Tennisarm als Merkmal in die Physis eingehen.
In der Lausitzer Straße ist ein quasi-indischer Restaurant-Imbiß, in dem es lange Zeit besonders leckere Sauer-scharf-Suppen spezial gab. Der kleine Pächter, ein freundlicher Mann aus dem vorderasiatischen Raum, teilte seinen Gästen dicke Speisekarten in klebrigem Pastikeinband zu, in denen man unter vielen, vielen asiatischen Speisen wählen konnte. Nachdem man sich wie immer dann doch für die Sauer-scharf-Suppe spezial entschieden und die schweren Kladden zugeklappt hatte, zum Zeichen, dass die Entscheidung gefallen ist, trat er wieder an den Tisch, nahm die Folianten entgegen und notierte sich: 2 x Sauer-scharf sp., 2 Bhatura, 2 Hefeweizen. Man lächelte ihn an und hauchte „danke“, was er mit einem dezenten Absenken seines schräg gelegten Kopfes und der galanten Formulierung: „danke Ihnen“ quittierte. Das war immer so. Und das „danke Ihnen“ entschlüpfte ihm auch manchmal, wenn… weiter lesen

09.06.2008 von Imma Luise Harms
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nackte Füße – unterwegs im ICE

von Imma Luise Harms

im ICE.jpg

Die Zugebegleiterin, die die Abteiltür aufschiebt, sieht elegant aus. Auf hohen Schuhen, unnatürlich braun, mit strohblondem, nach hinten gebündeltem Haar und goldenen Ohrringen an den Seiten. Sie macht einen langen Arm, um den Fahrschein entgegen zu nehmen, ohne das Innere des Abteils zu betreten. Warum will sie nicht reinkommen?

Mutter-Kind-Abteil. Eine zweistöckige Kletterburg mit runder Ausbuchtung des Oberdecks, mit der man Ausguck spielen kann. EinTurm, von dem das Kleinkind auf seine Mutter herabsehen kann. Ein Kind habe ich nicht dabei. Ich habe die Schuhe ausgezogen, um sie auf die gepolsterte Tobefläche vor meinem Sitz zu legen. Als ich die Zugebegleiterin durch die mit kleinen Wölkchen verzierte Scheibe kommen sehe, nehme ich die nackten Füße vom Polster und stelle sie ordentlich auf den Teppichboden vor mir. Ganz sicher bin ich nicht, ob ich in diesem Abteil sein kann. Kleinkinder sind ja gerade keine da. Aber vielleicht soll man’s freihalten,… weiter lesen

21.04.2008 von Imma Luise Harms
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Mein Zahnarzt hat mich aufgegeben

von Imma Luise Harms

I. Als Thomas vor einigen Jahren seine Paradontose-geschwächten Zähne dem Zahnarzt seines Vertrauens vorstellte, fragte der ihn nach seiner Lebensperspektive. Thomas verstand erst nicht, dann war er entrüstet. Was soll man denn sagen: Ich will noch dreißig Jahre leben, davon noch zwanzig Jahre kauen können?! Aber genau so ist die Frage gemeint: Wie lange sollen die Zähne noch halten? Danach bestimmt sich, wie viel in sie investiert werden muss.

Thomas wird nichts investieren, weil er nichts zum Investieren hat. Wir haben uns entschieden, ein Leben in selbstbestimmter Armut zu führen; und die ärztliche Kunst ist kostspielig. Wir sind beide in einer Zeit groß geworden, in der das Zähneputzen vor allem dem schlechten Atem vorbeugen sollte. Es wurde daher auch nur morgens kontrolliert. Bis die verheerenden Folgen dieses Aufklärungsmangels wirklich durchschaut und schlechte Gewohnheiten dauerhaft korrigiert sind, ist das Zahnfleisch bereits auf irreversiblem Rückzug.

Meine Zähne sind noch viel schlimmer dran… weiter lesen

15.12.2007 von Imma Luise Harms
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Neuköllner Versuchung

von Imma Luise Harms

Das Fahrrad ist grau-rot gestrichen. Schicke Farbkombination. Aber doch eine ziemliche Micke. Das Vorderrad hat eine Acht; die Schaltung klemmt; eine Klingel gibt’s nicht, und am Halter unterm Lenker, wo die Fahrradleuchte sein sollte, hängt nur ein winziger Schlüssel. Er gehört zu dem kleinen Vorhängeschloss, mit dem ein weißer Drahtkorb am Gepäckträger festgeschlossen ist.

In der Gräfestraße springt die Gangschaltung raus und ich trete plötzlich ins Leere. Ich klettere über die Stange und fummle am Hinterrad, bis der Kettenzug wieder in der Narbe einrastet. Unser Reichenower Nachbar S. hat das Rad aus seinen Beständen aussortiert und es Thomas zum Geschenk gemacht. Wir haben unsere guten Räder inzwischen in Reichenow und dieses ausgemusterte Exemplar für gelegentliche Stadtfahrten nach Berlin gebracht.

Ich fahre zu Modulor in die Gneisenaustraße. In dem Fachgeschäft für Expertenbedarf sehe ich mich gerne um, um spezielle Dinge zur weiteren Verbesserung meines Alltags zu besorgen. In einer Mischung aus… weiter lesen