Tischabräumen

Achherrjeh. Ich wollte ja eigentlich nur zuvorkommend sein, als ich da neulich eingeladen war zu einem Essen in einem Haushalt der – Achtung, Schimpfwort! – „Mittelschicht“. Ich also artig alles aufgegessen (lecker), Teller leer – und dann beginne ich abzuräumen. Ich trage, halb konversierend, den Teller zur Spüle und das Glas in die Richtung und schleppe einen Topf zurück auf den Herd wie ich es auch tue, wenn ich sonst unter meinesgleichen bin und will also ein guter Gast sein und da habe ich doch glatt vergessen, dass sich gute Gäste hier bedienen lassen. Denn was kann passieren, wenn die Mittelschicht in der Mittelschicht den Tisch abräumt?

Das Stubenmädchen wird diskreditiert.

Stubenmädchen gibt es in Brasilien viele und es geht ihnen so und so.

So schnell konnte ich gar nicht gucken, wie das Stubenmädchen (manchmal auch: Stubenfrau; immer: arm) vom Bügelbrett sprang und mir die Dinge abnahm und sich begann zu entschuldigen dafür, dass sie gerade am bügeln war. Und dann erklärte sie, dass ich nichts anfassen solle und wenn ich jetzt ein guter Gast sein wollte und ihr einen Gesichtsverlust ersparen wollte, dann musste ich mich nun also zurückziehen an meinen Bestimmungsort, die Mittelschicht, die sich bedienen lässt.

Martin Kaul, Jahrgang 1981, ist Deutschbrasilianer und taz-Redakteur für soziale Bewegungen. Von Mitte Januar bis Mitte März 2017 ist er als Robert-Bosch-Fellow Gastresident im Goethe-Institut in Salvador da Bahia. Die Großstadt gilt als kulturelles Zentrum der afrobrasilianischen Geschichte. Mit der „Vila Sul“-Residenz in Salvador da Bahia fördert das Goethe-Institut den Austausch und die Auseinandersetzung mit dem globalen Süden.

PS: Was bitte, Du kannst deutsch und portugiesisch verstehen? Na, dann vergleich doch mal die Wikipedia-Einträge zum Thema „Mittelschicht“. Zum Beispiel den hier und den hier.

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