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vonDominic Johnson 01.10.2010

Kongo-Echo

Überraschendes und Unterschwelliges aus dem Herzen Afrikas – von taz-Afrikaredakteur Dominic Johnson.

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Was sind die ökonomischen Hintergründe und Konsequenzen des Bergbauverbots?

Nach Angaben der Bergbauabteilung der Provinz sind (bzw waren) in Nord-Kivu 66 Bergwerke aktiv.

– Distrikt Walikale, der größte und menschenleersteim westlichen Urwaldgebiet: 27 (15 Kassiterit, 8 Gold, 2 Coltan, 2 Wolfram)

– Distrikt Masisi, in den Bergen westlich von Goma: 14 (7 Coltan, 5 Kassiterit, jeweils 1 Gold und Wolfram)

– Distrikt Lubero, im dichtbesidelten Zentrum der Provinz am Eduard-See: 18 (6 Gold, 6 Gold plus Coltan, Kassiterit oder Wolfram, 1 Diamanten, 1 Wolfram

– Distrikt Beni, im Norden Richtung Ituri: 7 (alles Gold).

Von diesen 66 Bergwerken sind 57 unter Regierungskontrolle, sieben werden von „negativen Kräften“ beherrscht – die kongolesische Mai-Mai-Miliz von Tcheka, die Mai-Mai-Simba-Miliz, die kongolesische Hutu-Miliz Pareco (Kongolesische Widerstandspatrioten), die ruandische Hutu-Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas), die ugandische Rebellengruppe ADF-NALU (Alliierte Demokratische Kräfte). Zwei gelten als „neutral“, das heißt „ohne eindeutige Kontrolle“.

Auf den ersten Blick ist also der Bergbau Nord-Kivus weitgehend unter staatlicher Kontrolle. Doch Regierungskontrolle kann auch heißen: von irgendwelchen Armeeeinheiten besetzt, die dort illegal schürfen lassen und auf eigene Rechnung wirtschaften. Nicht erfasst ist außerdem das Ausmaß, in dem Soldaten und/oder Milizen an Straßensperren und Kontrollpunkten tief im Busch die Mineralienträger erpressen und bestehlen und sich ihre Prozente in Naturalien abholen, oder in dem staatliche Dienste illegale Gebühren und Steuern erheben, auch wenn nach solchen Abschöpfungen das verbleibende Erz korrekt registriert und ausgeführt wird.

Die Schließung der Minen über Nacht setzt nun dem legalen Handel ein Ende, nicht aber dem illegalen Treiben. In zahlreichen Bergwerken ist die Armee eingerückt und hat die Schürfer verjagt. Viele mussten dabei die Erze dalassen, die sie gerade gefördert hatten. Sie gehen wie Kriegsvertriebene, die mittellos aus ihren Dörfern verjagt werden und Haus und Hof zurücklassen, ohne zu wissen, ob sie es je wiederfinden. Manche Bergleute haben es geschafft, zu bleiben – sie müssen dann allerdings fürs Militär arbeiten. Die staatlichen Behörden, die den Bergbau überwachen und verwalten, sind hingegen allesamt abgezogen worden. Ab jetzt heißt Regierungskontrolle nur noch: Armeekontrolle.

Das Militär betreibt seinen Handel ohne jede Kontrolle und ohne Transparenz, während die legale, kontrollierbare Handelskette – in deren Stärkung internationale Initiativen zB aus Deutschland zuletzt viel Energie und Geld investiert hatten – brachliegt. Die Schürfer, die Zwischenhändler sowie die Handelskontore, die bislang den Export betreiben, können allesamt nicht mehr arbeiten. Die Händler haben meist bereits Geld an ihre Lieferanten in den Bergwerken vorgestreckt und bekommen nun das dafür verlangte Erz nicht mehr, die Exporteure haben Lieferverträge im Ausland zu erfüllen und haben zum Teil ebenfalls schon Erzlieferungen präfinanziert.

Nach offiziellen Angaben sind durch die Suspendierung über 1000 Tonnen Kassiterit (Zinnerz) an unterschiedlichen Orten blockiert, 68 Tonnen Coltan und knapp 13 Tonnen Wolfram. Bei einem gegenwärtigen Weltmarktpreis von rund 24.000 US-Dollar für eine Tonne Zinn ist das sehr viel Geld, das jetzt in Form unbezahlter Rechnungen oder Kredite verschwunden ist. Sollte das auf Dauer verlorengehen, droht der Wirtschaft Nord-Kivus ein beispielloser Aderlaß.

Unterschiedliche Schätzungen kursieren, wieviel Geld durch den brachialen Stopp des Exports von einem Tag auf den anderen der Wirtschaft Nord-Kivus entzogen wurde, aber sie alle bewegen sich in zweistelliger Millionenhöhe und damit mindestens auf dem Niveau des gesamten Jahreshaushalts der Provinzregierung.

Dieses Geld würde normalerweise dazu dienen, im Handelsknotenpunkt Goma mit seinen günstigen Verkehrsverbindungen über Ruanda nach Ostafrika und an den Indischen Ozean Konsumgüter zu importieren umzuschlagen. Halb Ostkongo wird von Goma aus versorgt. Jetzt fehlt die Kaufkraft, und in anderen Handelszentren wie Butembo dürfte das ähnlich sein.

Schon jetzt ist der Luftfrachtverkehr zwischen Goma und dem Bergbauzentrum Walikale, das auf der Straße nur unter großen Schwierigkeiten zu erreichen ist, praktisch zum Erliegen gekommen: 90% der Flugbewegungen, die Dinge wie Mais, Medikamente, Bohnen, Ersatzteile, Benzin, Bier etc in die Minenregion brachten, sind eingestellt, weil vor Ort niemand mehr Geld hat; und weil die Flieger auf dem Rückweg aus Walikale leer sind (sonst nahmen sie Erze aus Walikale nach Goma mit) hat sich der Frachtpreis für die verbleibenden Lieferungen verdoppelt.

Das bedeutet auch: weniger Umsatz und weniger Arbeit in Goma selbst und eine schwere Rezession, die viele Menschen in Armut stürzt.

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