Mehr Krieg? Weniger UNO!
von Dominic JohnsonDie Gewalt im Osten des Kongo ist heute schlimmer als zu den Zeiten des offiziell 2003 beendeten Krieges, und eine Besserung ist nicht abzusehen: Dies war vor wenigen Tagen der Tenor eines Expertenbriefings in Brüssel für EU-Diplomaten, die demnächst in den Kongo aufbrechen sollen. Und eine besonders alarmierende Nachricht gab es in diesem Zusammenhang, mittlerweile von der UN-Mission im Kongo (Monusco) selbst bestätigt: In kurzer Zeit wird die Blauhelmmission im Kongo, die größte der Welt, faktisch kampfunfähig sein – denn sie wird keine Kampfhubschrauber mehr haben.
Indien, einer der größten Truppensteller der Monusco, reduziert seine Präsenz, und der UN-Sicherheitsrat hat auf Drängen der kongolesischen Regierung das Budget der Mission gekürzt. Von den einst 16 indischen Kampfhubschraubern der Monusco sind daher die Hälfte schon abgezogen worden, die andere Hälfte soll bis Monatsende folgen. Der UN-Mission verbleiben dann nur noch Transporthubschrauber und -flugzeuge.
Südafrika könnte zwar Ersatzhubschrauber schicken, aber diese sind noch gar nicht im Einsatz. Und die Südafrikaner sind ziemlich verschnupft, nachdem vor wenigen Wochen eine Gruppe südafrikanischer Soldaten von einem offensichtlich falsch gebrieften UN-Piloten mitten im FDLR-Gebiet abgeworfen wurde, obwohl sie ganz woanders hingebracht werden sollte. Die Südafrikaner mußten den ruandischen Hutu-Milizen ihre Waffen übergeben, als Zeichen guten Willens. Eigentlich soll ja die UNO im Kongo die FDLR freiwillig entwaffnen, nicht umgekehrt. Aber es gibt nichts, was derzeit nicht schiefgeht im Osten des Kongo.
UN-Blauhelme im unwegsamen Ostkongo ohne Kampfhubschrauber: Das heißt, man wird endgültig nur Beobachter. Man kann zwar zugucken, aber nichts tun, beispielsweise wenn Einheiten der kongolesischen Regierungsarmee FARDC im Distrikt Walikale Dörfer niederbrennen, wie dies von UN-Seite bestätigt wird. Oder auch wenn FDLR und andere Milizen Massenvergewaltigungen an kongolesischen Frauen begehen, wie dies Anfang August bei Mpofi und Luvungi geschah – der Vorfall machte weltweit Schlagzeilen.
Vielleicht guckt man dann lieber nicht zu. Wozu auch? Die UNO kann ohne Kampfhubschrauber auch nicht mehr die Regierungsarmee FARDC militärisch im Busch unterstützen, so wie früher im Kampf gegen die CNDP-Rebellen Laurent Nkundas oder auch regelmäßig im Distrikt Ituri im Kampf gegen Milizen. Noch ist zwar keine geordnete neue Rebellion in den Kivu-Provinzen aufgetaucht, die ähnlich wie früher die CNDP die Regierung frontal herausfordern will. Aber der Weg dahin wäre angesichts des zunehmenden Chaos nur ein kleiner Schritt.
Im UN-Jargon heißen die laufenden FARDC-Armeeoffensiven gegen Milizen und Rebellen in Nord-Kivu “unilaterale Operationen”. Man kann sie weder unterstützen noch sie verhindern, und am besten ist es, man weiß darüber so wenig wie möglich. Und dann kann man sich, wie neulich in Goma ein indischer UN-Offizier beim Briefing, hinstellen und mit dem schönsten Lächeln auf den Lippen sagen: “This is a very lively place! There are many things happening here!”
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Jeden Tag schaue ich in die Taz-online, und zwar hauptsächlich um nach zu lesen, was es Neues aus Afrika gibt, andere Medien in Deutschland scheinen fast komplett vergessen zu haben, daß es südlich der Sahara noch diese größere Landmasse gibt….
Ich verstehe dieses Desinteresse nicht. Afrika ist unser Nachbarkontinent, es kann uns also nicht so ganz gleichgültig sein, was sich dort abspielt.
Also an dieser Stelle ein dickes Danke für die ausführliche und vor allem kontinuierliche Berichterstattung aus Afrika.
Was – nicht erst seit neulich – aus dem Kongo zu hören ist, erinnert mich fatal an die UNO-Mission in Ruanda. Schlechte Ausrüstung, unklares bzw. falsches Mandat, Desinteresse der meisten Entsendeländer, bzw. die Kontingente werden von Entwicklungs- oder Schwellenländern gestellt, Herumwursteln der UNO (man scheint dort ja geradezu froh zu sein, daß die Regierung in Kinshasa erpicht auf den Abzug der Truppen, dann kann man noch bequemer wegsehen).
Und vor allem: Völliges Desinteresse in den deutschen Medien, was angesichts der Zustände dort einigermaßen unfaßbar ist.
Ich stimme Dir voll zu. Die Taz ist für Zentralafrika sehr gut besetzt, es fehlt nur in Westafrika und auch der Norden könnte besser abgedeckt werden. Trotz fataler Situation und auch Unwillen von Seiten der UN sehe ich aber noch keine Situation wie in Ruanda heraufziehen. Das hast Du wahrscheinlich auch nicht gemeint. Aber in Ruanda hat Frankreich davor die Hutu-Regierung und die Interharamwe trainiert und bewaffnet, dies ist im Kongo nicht der Fall, oder irre ich mich?