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vonDominic Johnson 16.02.2012

Kongo-Echo

Überraschendes und Unterschwelliges aus dem Herzen Afrikas – von taz-Afrikaredakteur Dominic Johnson.

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Der 16. Februar 1992 ist ein besonderer Tag im kongolesischen Kampf um Demokratie. An diesem Tag hatte die katholische Kirche, mächtigste regierungsunabhängige Institution des Landes, im damaligen Zaire zu einer Demonstration aufgerufen, um die Wiederaufnahme des von Diktator Mobutu Sese Seko blockierten Demokratisierungsprozesses einzufordern. Die Armee schoss auf die Demonstranten, Dutzende starben. So berichtete die taz darüber zwei Tage später:

„taz 18.2.1992
Chemie und Gewalt fordern 15 Tote bei Demonstration in Zaire

Nairobi/Brüssel (dpa) – Mindestens 15 Menschen sind am Sonntag in Kinshasa, der Hauptstadt des zentralafrikanischen Staates Zaire, bei einer friedlichen Demonstranten von Sicherheitskräften getötet worden. Rund hunderttausend Menschen hatten nach belgischen Angaben bei Protestmärschen in mehreren Stadtteilen die Einführung eines Mehrparteiensystems gefordert. Die Kirche hatte aufgerufen, für die sofortige Wiedereinsetzung der Nationalkonferenz zu demonstrieren, die im Januar auf Anordnung von Präsident Mobutu Sese Seko suspendiert wurde. Die Stadtverwaltung hatte die Kundgebung jedoch verboten. Die Regierungstruppen eröffneten auf den friedlichen Marsch das Feuer. Nach Augenzeugenberichten übergossen die eingreifenden Soldaten außerdem gezielt Priester mit Chemikalien, so daß einige mit schweren Verätzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden mußten. Die Sicherheitskräfte hätten willkürlich auf Frauen und Kinder eingeschlagen. Der Vorsitzende der zairischen Menschenrechtsliga sprach im belgischen Rundfunk von zahlreichen Verletzten. Über dreißig Priester sollen festgenommen worden sein.“

Heute, 20 Jahre später, ruft die Kirche erneut zu Massenprotesten in Kinshasa auf. Es geht, wie 1992, um die blockierte Demokratisierung. Unter Leitung des katholischen Kardinals Laurent Monsengwo, 1992 und 2012 an vorderster Front der Demokratiebewegung, soll für die Ablehnung des offiziellen Wahlergebnisses vom 28. November 2011 demonstriert werden und für den Rücktritt der umstrittenen Wahlkommission CENI. Hier der Aufruf, wie von der Zeitung Le Phare wiedergegeben:

„Aufruf an alle Kongolesen: Friedlicher Marsch am 16. Februar 2012.
– Die Souveräne Nationalkonferenz, ihre willkürliche Schließung und ihre Wiedereröffnung markierten einen entscheidenden Wendepunkt im Engagement unseres Volkes für den Aufbau einer neuen Gesellschaft, gegründet auf den demokratischen Werten der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens. Der Marsch der Christen vom 16. Februar 1992 ist nicht beendet. Er geht weiter, im Respekt des Gedächtnisses an unsere Märtyrer und in der aktiven evagelisierenden Gewaltlosigkeit, bis zur Einsetzung des Rechtsstaates in unserem Land, der Demokratischen Republik Kongo.
– Zwanzig Jahre nach dem Christenmassaker wollen wir den Idealen treu bleiben, für die diese Landsleute ihr Leben gelassen haben. Diese Demokratie, für die zahlreiche Söhne und Töchter ihr Blut vergossen haben, droht eine Totgeburt zu bleiben, wenn wir die schweren Unregelmäßigkeiten gelten lassen, die die Glaubwürdigkeit des Ergebnisses der Wahlen vom 28. November 2011 in Frage stelle. Wie unsere Väter, die Bischöfe, gesagt haben: Man baut keinen Rechtsstaat in einer Kultur des Betrugs, der Lüge und des Terrors, der Militarisierung und der Unterdrückung der Meinungsfreiheit.
– Da die von der Unabhängigen Wahlkommission CENI veröffentlichten Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahl und der Richterspruch des Obersten Gerichts weder der Wahrheit noch der Gerechtigkeit entsprechen, rufen wir das gesamte kongolesische Volk auf, an diesem Donnerstag 16. Februar 2012 ab 8 Uhr auf die Straße zu gehen, um unsere Ablehnung der Wahlergebnisse des 28. November 2011 auszudrücken und den Rücktritt des Vorstands der CENI zu fordern.“

Auf Pressekonferenzen haben Organisatoren der Demonstration darauf hingewiesen, dass die Märsche friedlich bleiben sollen und dass keine Waffen oder Parteiinsignien zu tragen sind. Das einzige, was die Demonstranten mit sich führen sollen, silnd religiöse Symbole – ein Kreuz, eine Bibel, auch ein Koran. Falls sich die Polizei den Demonstranten entgegenstellt, sollen Verhandlungen aufgenommen werden, und falls der Marsch nicht fortgesetzt werden kann, sollen die Leute an Ort und Stelle bleiben und beten.

Die Marschierer in Kinshasa sollen von ihren Kirchengemeinden aufbrechen und an der zentralen Kirche Saint-Joseph zusammenströmen, wo 1992 die Toten gesammelt wurden. Die Stadtverwaltung von Kinshasa hat die Demonstration von 2012, ebenso wie die von 1992, verboten.

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https://blogs.taz.de/kongo-echo/2012/02/16/16-februar-1992-16-februar-2012/

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kommentare

  • Demos zu verbieten, auf Demonstranten einzuprügeln oder zu schießen, ist eine typische Handlungsweise von Diktatoren nicht von Demokraten, darum darf sich auch heute der Kongo nicht demokratisch nennen. Man soll dem Kongo aus aller Welt alle finanzielle „Hilfe“ streichen, keine Kredite mehr, nichts mehr investieren, nichts mehr abkaufen, erst dann, wenn Menschenrechte, Menschenleben anhaltend geschützt werden, wenn man Demokratie sehen kann..

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