Ausschreitungen in Goma

Während die M23, aus Rutshuru kommend, Goma immer näher zu rücken scheint – angeblich besetzten sie schon in der vergangenen Nacht die wichtige Militärbasis Rumangabo, auf halbem Weg zwicshen Rutshuru und Goma etwas abseits der Hauptstraße gelegen und größter Stützpunkt der Armee in dieser Region; die Basis soll zum Zeitpunkt des M23-Vorstoßes leer gewesen sein – wächst in Nord-Kivus Provinzhauptstadt die Unruhe und die Hetze.

Wie verschiedene lokale Quellen einhellig berichten, waren heute zahlreiche Gschäfte geschlossen, während an improvisierten Straßensperren Studenten und andere Jugendlichen, beispielsweise die Motorradtaxifahrer, nach „Ruandern“ suchten. „Es ist die Jagd auf die Tutsi“, berichtete am Nachmittag ein Tutsi-Mitarbeiter des Pole Institute. „Wir beraten gerade, wie wir sicher nach Hause kommen.“

Ein anderer Bewohner Gomas schrieb bereits mittags: „Die Lage wird immer schlechter. Die Motorradtaxifahrer und Straßenkinder blockieren die Straße und bedrohen Menschen ruandischer Identität“ (gemeint ist damit im Ostkongo jeder, der der ruandischsprachigen Ethnie angehört, nicht nur Bürger des Nachbarlands). „Sie suchen auch an der Universität nach ruandischen Studenten. An der Einfahrt nach Himbi sind bereits zwei Menschen misshandelt worden.“

Eine lokale Gruppe namens „Mouvement Intellectuel pour le Changement“ schreibt, die Proteste hätten direkt am Grenzübergang zwischen Goma und Gisenyi am See begonnen, der sogenannten Grande Barrière. Die Protestierenden hätten die kongolesische Migrationsbehörde aufgefordert, keine Ruander mehr hineinzulassen. „Dann wurden auf den Hauptstraßen der Stadt Goma Straßensperren errichtet, an denen systematische Kontrollen stattfanden: jede Person, die verdächtig war, ruandischsprachig oder Ruanderin zu sein, wurde methodisch von der wütenden Bevölkerung gelyncht“. Die „Bevölkerung“ habe sich damit für die kampflose Einnahme von Rutshuru durch die „ruandische“ M23-Rebellion am Vortag rächen wollen.

„Ein Motorradkorso fuhr durch die Stadt“, fährt die Mitteilung fort. „Er fuhr zum Gouvernorat der Provinz Nord-Kivu und zum Hauptquartier der 8. Milizärregion, um die Beteiligung der Bevölkerung an den Kämpfen für den Fall zu verlangen, dass die Regierung und das Militär entkräftet sind.“

Am Nachmittag seien Anti-Aufstands-Polizei und UN-Blauhelme ausgewchwärmt. Ob das den anti-ruandischen (oder auch den ruandischen) Teil der Bevölkerung besänftigt, ist zu beweifeln. Denn die M23 kündigt seit Sonntag an, die von ihr frisch besetzten Ortschaften wieder zu verlassen – und an Polizei und UNO zu übergeben. Selbstverständlich ist die Polizei, die Rutshuru und andere M23-Orte jetzt patrouilliert, jetzt aber M23-treu. Nicht umsonst ist der stellvertretende Polizeichef von Goma schließlich vorletzte Woche mitsamt seinen Männern zur M23 desertiert.

Ob M23 jetzt tatsächlich Goma besetzen will, ist unklar. Einerseits ist von Rückzug die Rede, andererseits wird das Gebiet gesichert und in einer am Nachmittag verbreiteten Erklärung warnt M23-Chef Sultani Makenga, man werde jedem Versuch der Regierung zur Rückeroberung der verlorenen Gebiete „sofort und energisch“ entgegentreten. Mit anderen Worten: Alle Optionen bleiben offen.

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