Unduchsichtiger Krieg in Nord-Kivu

Die militärische Konfrontation zwischen Regierung und M23-Rebellion in Nord-Kivu wird unübersichtlicher. Die M23 verzichtete nach ihrem Blitzkrieg, der vor zweieinhalb Wochen zur Einnahme der Distrikthauptstadt Rutshuru führte, auf einen größeren Vorstoß in Richtung der Provinzhauptstadt Goma, wo die Regierung fast ihre gesamte kampffähige Armee zusammenzog und die UN-Mission Monusco ebenfalls Verstärkung erhielt. Die M23 zog sich sogar wieder aus Rutshuru zurück, behielt aber ihr Faustpfand Rumangabo, Nord-Kivus wichtigste Militärbasis (eine ehemalige koloniale Militärakademie) etwas östlich der Straße Goma-Rutshuru auf halbem Wege zwischen den beiden Städten. Wiederholte UN-Luftangriffe auf M23-Positionen in den Dörfern dieser Gegend trafen vor allem Zivilisten.

Während dieses Stalemates spann die M23 in der vergangenen Woche ihre Netze. Als Walikale, Hauptstadt des mineralienreichen westlichsten Distrikts von Nord-Kivu tief im Wald und auf dem Landweg von Goma praktisch unerreichbar, vergangene Woche an eine Koalition diverser Milizen fiel, vermuteten zahlreiche Beobachter die Hand der M23 im Spiel. Der Nord-Kivu-Flügel der in Süd-Kivu sehr starken Mai-Mai-Miliz „Raia Mutomboki“ hatte sich offenbar mit Mai-Mai-Kommandeur Cheka aus Walikale zusammengetan, neuerdings ein Verbündeter der M23. Mehrere Tage lang hielten die Milizionäre Walikale, während die angeblich unter Kommando der Präsidialgarde stehenden Regierungstruppen aus Walikale flohen, noch tiefer in den Regenwald hinein Richtung Kisangani.

Wie es dazu kam, dass Ende letzter Woche Walikale wieder unter Regierungskontrolle fiel, bleibt unklar. Ebenso, ob es wirklich eine belastbare Allianz zwischen der M23 und den dortigen Mai-Mai gibt. Ähnliche Berichte über Allianzen gibt es ja über die lokalen Milizen der Hutu und Nande weiter nördlich in Nord-Kivu, Richtung Lubero, und bis hin zur ugandischen ADF in den Rwenzori-Bergen und der FRPI im Süden von Ituri. Wirklich klar ist da sehr wenig.

Es kursiert ein Szenario, das radikale Ruanda-Gegner als Horrorszenario präsentieren und radikale M23-Anhänger als Siegesszenario: Dass alle diese Milizen, von der der FRPI bis zu Raia Mutomboki, sich zusammentun mit der M23, um die Kontrolle über Ostkongo zu erringen, assistiert von Schläfern in der Regierungsarmee, die ganz bewußt noch nicht desertiert sind wie ihre zur M23 gestoßenen Kollegen, um im richtigen Moment dem Staat die Gefolgschaft zu verweigern. Dann wäre Ostkongo im Handumdrehen unter Rebellenkontrolle. So ungefähr begann 1998 der zweite Kongokrieg.

Es gibt zwei gewichtige Gründe, warum dieses Szenario derzeit unwahrscheinlich ist. Die Regierung des Kongo wird heute, anders als 1998, nach wie vor von der internationalen Gemeinschaft unterstützt und kann auf die UN-Truppen zählen, um sie rauszuhauen. Und die verschiedenen Warlords im Ostkongo sind viel zu borniert und eitel, als dass sie sich auf eine gemeinsame Strategie einigen könnten, in der sie ihre lokalen Rivalitäten zugunsten des höheren Zieles eines Regimewechsels im Kongo zurückstellen würden.

Dies zeigt sich in diesen Tagen, wo wieder einmal zwischen Goma und Rutshuru heftig gekämpft wird. Nachdem am 24. Juli M23-Einheiten bis auf die Hügel von Kibumba vorstießen, letzte natürliche Barriere vor Goma aus dem Norden kommend, halfen heute UN-Luftangriffe der Regierungsarmee FARDC, einen Gegenschlag zu führen und Rumangabo zurückzuerobern. Zugleich aber marschierte die M23 weiter nördlich offenbar erneut in Rutshuru und der Nachbarstadt Kiwanja ein. Das hilft beim Ziel, über Rutshuru hinaus nach Westen Richtung Masisi vorzudringen, wo ohnehin zahlreiche 23-Sympathisanten leben. Allmählich wächst die M23 in das alte Territorium der CNDP 2007-08 hinein.

Aber keine andere Gruppe schlug aus Sympathie mit der M23 zu, als die Rebellen von der UN angegriffen wurden, und die UN-Unterstützung erwies sich bislang als ausreichend. Nach jetzigem Stand gibt es keinen Grund zur Annahme, dass eine entscheidende Verschiebung der Kräfteverhältnisse bevorsteht, dass also der Staat die Kontrolle über Goma verlieren könnte oder sich im Ostkongo eine Rebellenkoalition bemerkbar macht, die an so vielen Orten gleichzeitig agiert, dass FARDC und UNO nicht hinterherkommen.

Es könnte natürlich passieren, dass die internationale Hilfe für Kabila eines Tages doch fehlt, wenn es wirklich darauf ankommt, und dass seine Gegner sich doch als klüger erweisen. Erst einmal wird vom 5. bis 8. August in Ugandas Hauptstadt Kampala die politische Elite der gesamten Region zusammenkommen, um über die Umsetzung der Beschlüsse von Addis Abeba Anfang Juli zu beraten. Alle Seiten werden diese Konferenz abwarten, um sich danach neu zu positionieren.

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*