Nächtliche Morde in Goma

An der Kriegsfront in Nord-Kivu herrscht Ruhe – hinter der Front dagegen Gewalt. Die Provinzhauptstadt Goma ist seit einigen Tagen wieder wie zu finstersten Zeiten Schauplatz unaufgeklärter nächtlicher Morde, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen. In der Nacht zu heute wurden erneut drei Menschen erschossen; bereits in der Nacht zu Dienstag 25. September gab es drei bis vier Tote.

Dieser erste schwere blutige Zwischenfall ereignete sich, so berichten Einwohner von Goma, als eine Bar in der Nähe der Universität Goma (UNIGOM) von unbekannten Bewaffneten überfallen wurde. Da in der Bar auch Militärs saßen, entwickelte sich eine halbstündige Schießerei, als deren Ergebnis mindestens drei Leichen auf der Straße lagen und auch am nächsten Morgen noch zu sehen waren.

Einer der Toten war ein Soldat der Präsidialgarde (Garde Républicaine), heißt es in den Berichten, die Kongo-Echo erreichen; die Garde habe geschworen, aus Rache 10 Leute umzubringen. Es wird seitdem geraten, die entsprechende Hauptstraße, die aus Gomas Zentrum entlang des Sees Richtung Himbi und Gouverneursresidenz führt, abends zu meiden.

Die drei Toten der Nacht zu Donnerstag 27. September wurden abseits dieser Straße umgebracht. Die Zahl der Mordopfer dieser Woche liegt damit bei sieben, heißt es.

Die Stimmung ist entsprechend angespannt. Schon seit einiger Zeit mehren sich Berichte über Gewaltakte und Übergriffe gegen Menschen, die der Sympathie für die M23-Rebellen verdächtigt werden – oft allein aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihres Aussehens. Weil die internationale Kongo-Diplomatie auf verschlungenen Wegen dafür sorgt, dass es zu keinen offenen Kampfhandlungen kommt, wollen radikale Kräfte auf Regierungsseite Scharfmacher spielen und den “inneren Feind” ausräuchern – so wie bei allen vergangenen ähnlichen Bürgerkriegssituationen im Ostkongo. Die Folge eines solchen Vorgehens – großangelegte ethnisch definierte Gewalt – ist allen Bewohnern der Gegend zu gut bekannt, als dass sie sie nicht klar vor Augen hätten.

“Seit fünf Tagen gibt es Far-West-Operationen in Büros von Nichtregierungsorganisationen”, schreibt ein Kontakt: “Anschläge, wahllose Schüsse und Granaten hier und da”. Der Präsident der lokalen “Zivilgesellschaft” habe gesagt, dass wenn die Regierung sich nicht um “die Ruander” kümmere, die “Patrioten” das alleine übernehmen würden, angefangen mit der Stadt Goma. Als “Patrioten” bezeichnen sich mittlerweile so manche radikalen Gegner der Kabila-Regierung, die aber genausowenig mit den M23-Rebellen am Hut haben und der Wahnvorstellung folgen, Kongos Probleme seien einzig und allein auf den Rest der Welt zurückzuführen, insbesondere auf Ruanda, und man müsse das Land von ruandischem und überhaupt ausländischem Einfluss säubern, damit es genesen könne. Es gibt aber auch zahlreiche Berichte von Übergriffen, Verhaftungen und Entführungen mutmaßlicher Regierungsgegner durch Angehörige der Sicherheitskräfte.

Ebenfalls in der Nacht zu heute soll ein Granatenanschlag auf das Auto von Vizeprovonzgouverneur Feller Lutaichirwa verübt worden sein. Gomas Bürgermeister Kubuya Ndoole habe diesen Morgen im Radio die Bevölkerung aufgefordert, sich selbst zu kümmern (“se prendre en charge”) – im Kongo ein gebräuchlicher Euphemismus dafür, zu den Waffen zu greifen, auch wenn es nicht zwangsläudig diese Bedeutung hat.

Wohin das führen kann, zeigen Berichte aus anderen Ecken der Kivu-Provinzen. In Süd-Kivu, meldet der fanzösische RFI-Rundfunk, wurden vier Regierungssoldaten der Banyamulenge-Tutsi-Ethnie verhaftet und auf dem Weg in die Provinzhauptstadt Bukavu erschossen. Man verdächtigte sie der Zusammenarbeit mit der M23. Dazu kommt in den entlegenen ländlichen Gebieten der Kivu-Provinzen die finstere Rolle kongolesischer “Selbstverteidigungsgruppen” wie Raia Mutomboki, die Jagd auf alles mutmaßlich Ruandische machen, und die aufkommenden Berichte über ethnische Konfrontationen in Masisi und Walikale.

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